Detlev Six
Samstag, der 31. Januar 2015

Wir Käse-Glocken-Helden der Freiheit.

In den Nachrichten kam die Meldung, dass der Kölner Satire-Wagen zum Hebdo-Attentat aus sicherheitstechnischen Gründen nicht zum Karnevalsumzug zugelassen werde.

Gleich danach lief die neue Sitcom „Dritter Stock links“. Sitcom ist die Abkürzung von Situation Comedy und sollte (wie von den Machern in der Vorschau verkündet), aktuelle Ereignisse spontan umsetzen.

So weit, so blöd.

Denn nicht die von mir freudig erwartete „Cologne Angst“ (eine Unterabteilung der „German Angst“) war das Thema der ersten 20 Minuten, sondern, ja, es stimmt wirklich, Frau Merkel. Der Käse stänkerte in den Grenzen, die ihm von den Islamisten gesetzt wurde.

Dabei tat er so, als hätte er sich selbst die Käseglocke aufgesetzt, denn innerhalb dieser Sicherheitszone ging es ordentlich zur Sache. Frau Merkel als harmloses Ersatz-Opfer für die gefährlichen Mörder von Paris, da hatte der Kabarett-Käse ein starkes Aroma.

Rebellierten die Zuschauer der Sitcom wegen dieses durchsichtigen Manövers? Keineswegs, sie lachten pflichtschuldigst. Sie wussten, mehr Mumm hat der westliche Freiheitswille nicht.

Und ich auch nicht, darum steht oben in der Schlagzeile „wir“. Ich bin heute noch froh, dass ich nicht im 3. Reich meine Courage nachweisen musste. Der Gedanke, dass ich ein geschmeidiger Mitläufer gewesen wäre, ist mir einfach zu nah.

Nach 20 Minuten habe ich die Sitcom ausgeschaltet und mir geschworen, im Zusammenhang mit Freiheit und freier Meinungsäußerung jederzeit die Lippen schmal und nicht dick zu halten.

SIX

Klaus Hnilica
Dienstag, der 27. Januar 2015

Vorhofflimmern…

Carl und Gerlinde (XXXIX)

Eine Nacht ohne Schlaf, brennende Schmerzen in der Brust, ein herumtorkelndes Herz und Dr. Riffelmanns Diagnose reichten, dass Carl eineinhalb Wochen später doch mit Hannelore und Gerlinde zu diesem blöden ‚Weiberkurs’ trabte…

ZZYVoimg162Aber Gerlinde hatte Recht! Er musste kürzer treten bevor der Zug – nein sein Zug – endgültig ab oder sonst wohin gefahren war!

„Diese Vorhofflimmer-Episode sei ein Alarmsignal gewesen, das sehr ernst genommen werden müsse“, sagte Dr. Riffelmann und verkniff sich sein sonst übliches Lächeln. Ein Glück, dass Carl erst Mitte Fünfzig war und nur leicht erhöhte Blutdruckwerte hatte: da reichte ein schlichter Betablocker, um das ‚herzliche Gezappel’ wieder in geregelte Bahnen zu bringen und von Blutverdünnern konnte abgesehen werden…

„Doch Vorsicht, das ändere sich schneller, als Carl es wahrhaben wolle“, sagte Dr. Riffelmann mit einem eher angedeuteten Lächeln. Damit das nicht passiere, müsse Carl ab sofort sich zu regelmäßiger Bewegung durchringen, wenig Alkohol trinken und deutlich seinen täglichen Stress reduzieren!

Bei den Worten ‚Stress reduzieren’ lächelte Carl mit Dr. Riffelmann plötzlich um die Wette! Wie sollte das denn gehen, bei dieser Lawine an Schwierigkeiten im internationalen Trikotagengeschäft?

Aber gut, vielleicht konnte er ja in der Firma dem rotgesichtigen Fritz Kuhlmann den Arbeitsplatz an der Pforte abspenstig machen und als Gegenleistung ihm seinen Unterwäschevertrieb samt Vorhofflimmern andrehen? Und vielleicht half ja sein Chef, ‚Osterkörnchen’, ausnahmsweise einmal konstruktiv mit, statt nur zu labern? Und der Betriebsrat auch?

„Nun, man müsse ja nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten“, meinte Dr. Dauerlächler, „wichtig wäre doch vor allem zu lernen, wie mit Stress besser umgegangen werden konnte? Und wie er sich abbauen ließ? Eben nicht nur durch noch mehr abendliche Bierchen und Whiskys, sondern gezielt durch täglichen Sport oder spezielle Entspannungsübungen!“

„Entspannungsübungen?“

„Ja – es gibt ganz hervorragende Kurse auf diesem Gebiet in denen man das lernen kann“, stellte Dr. Riffelmann begeistert fest.

„Sie denken aber bei diesen Entspannungsaktivitäten jetzt hoffentlich nicht an das wunderbare Reich der Chakren und Klangschalen in dem energiegeladene Gummidrachen für 125.- € alle Spannungen in mir auflösen, Herr Doktor?“ stöhnte Carl laut auf, grad so als wär ein Nerv angebohrt worden.

„Nein – ich rate Ihnen natürlich nicht zu Yoga Vidja, so gut kenn ich Sie schon. Aber wie wär’s denn zum Beispiel mit einem stink normalen Autogenen Training?“

Carl verdrehte die Augen und brummelte unverständliches Zeug vor sich hin.

„Ja! Warum wollen Sie nicht einmal versuchen ganz unvoreingenommen mit ‚AT’ ihren aufgestauten Stress abzubauen?“

„Deswegen nicht, Herr Doktor Riffelmann, weil ich dann nicht mehr mit einem simplen Vorhofflimmern bei Ihnen ankomme, sondern mit tödlicher Sicherheit als Amokläufer: denn wenn mir der rechte Arm schwer werden muss! und das linke Bein warm! dann brennen bei mir alle Sicherungen durch!“ grunzte Carl mit hochrotem Kopf und einer neuerlichen Flimmerepisode…

„Und wär’ das so schlimm? Ich mein’ jetzt nicht den Amoklauf, sondern den schweren rechten Arm und das warme linke Bein! Sie glauben ja gar nicht wie entspannend das sein kann und wie stabilisierend sich das auch auf ihren Herzrhythmus auswirkt…“

„Tut mir leid, Herr Dr. Riffelmann, bei mir gibt es bei diesem ‚AT’, wie Sie es nennen, nur zwei sich gegenseitig ausschließende Reaktionen: entweder werde ich aggressiv wie ein ausgehungerter Varan! Oder ich falle auf der Stelle in einen komatösen Schlaf…“

„Na ja – letzteres wäre ja gar nicht so schlecht? Abgesehen von dem etwas beschwerlichen Transport nach Hause, aber vielleicht haben Sie ja eine gute Seele die das bewerkstelligt“, meinte Dr. Riffelmann mit einem genussvollen Grinsen.

Da war das sonnenbraune Lächeln vorhin angenehmer gewesen, dachte Carl, als er missmutig das Rezept für seinen Betablocker bei der Arzthelferin entgegennahm.

Umso erstaunlicher war dann die Kehrtwende!

Oder war es gar keine? Sondern vielmehr wieder nur eine dieser üblichen Gerlindeschen Manipulationen, die natürlich wusste, wie stark sie bei dem abgetakelten Sprungstier Carl am Nasenring ziehen musste, damit er genau auf dem von ihr gewünschten Trampelpfad landete…

Nun – es dauerte genau zwei – mehr schlecht als recht durchschlafene Nächte – bis Carl beim Frühstück nach einem zweiminütigen Hustenanfall, ausgelöst durch ein Stück Französisches Baguette, auf das er wie üblich Finger dick die Aprikosenmarmelade aufgetürmt hatte, Gerlinde darüber informierte, dass diesem komischen Dr. Riffelmann, den sie ihm doch seinerzeit empfohlen hatte, sozusagen als begleitende präventive Maßnahme zu den Betablockern gegen sein Vorhofflimmern nichts Besseres einfiel, als ausgerechnet ihm – obwohl er doch wissen musste, wie sehr er jede Art von esoterischen Kram hasste – einen AT–Kurs zur Stressbewältigung vorzuschlagen.

„Na ja dann komm’ doch mit Hannelore und mir mit“, sagte Gerlinde grad so als hätte Carl nach einem zweiten Frühstücksei gefragt.

„Was? – Wie? – Wo? Ich soll bei euerem Weiberkram mitmachen“?

„Warum nicht?“

„Ja ist denn da überhaupt irgendein Mann dabei?“

„Schon.“

„Ich mein der nicht schwul ist?“

„Gottchen das weiß ich nicht genau“!

„Hm!“

„Ja…“

„Und wer leitet den Kurs?“

„Na ja der Severin?“

„Was, ein Mann?“

„Ein Sportstudent!“

„Und ist der schwul?“

„Mit Sicherheit nicht“, flüsterte Gerlinde mit einem schmutzigen Lächeln.

„Wieso weißt du denn das so genau?“

„Weil ich’s halt weiß – und Hannelore hat’s auch bestätigt…“

„Was soll das denn nun heißen?“

„Na ja, dass sie es auch sicher weiß…“

„Puh – ich glaub ich bin im falschen Film!“

„Wieso das denn?“

„Na ja wenn ich deine glänzenden Augen sehe beim Sportstudent Severin…“

„Kannst ja mitkommen und dir den Severin anschauen…“

„Ja geht das denn?“

„Wenn ich mit ihm red’ geht alles…“

„Das wird ja immer schöner“, stöhnte Carl und verdrückte sich ohne ein weiteres Wort ins Büro, da er irgendwie das Gefühl hatte, gleich wieder ins Vorhofflimmern zu fallen, wenn er nicht schnellsten für ausreichenden Abstand zwischen sich und seiner Gerlinde sorgte.

Und Samstagvormittag klinkte Carl sich dann tatsächlich ein, als Gerlinde zu diesem komischen AT – Kurs aufbrach!

„Na ja schaden wird’s schon nicht – aber helfen sicher auch nicht“, zischelte er mit einem verlegenen Smiley und drückte sich spontan mit ins Auto.

Tja – und Gerlinde überlegte, ob sie ihm noch auf dem Weg zum Kurs oder erst später sagen soll, dass der Severin momentan und eigentlich schon immer von der Uschi Müller vertreten wird…

KH

Vor fünf Jahren habe ich gemeinsam mit Freunden ein „barcamp für Projekt Management“, abgekürzt PM-Camp gegründet. Weil ich gelernt habe, dass klassische Konferenzen im Sinne eines effizienten Erfahrungs- und Wissenstausch nicht mehr funktionieren. Auf diese Art und Weise können wir die Herausforderungen unserer Zeit nicht mehr beantworten und sinnvolle Veränderung erreichen.

Viele Menschen wollen nicht mehr von einzelnen Experten in einem großen Hörsaal mit vorbereitetem Material beschallt werden. Vielmehr wollen sie aktiv ihr eigenes Wissen einbringen und teilen.

Wer den Begriff des Barcamps nicht kennt der schlage am besten bei Wikipedia nach.

Logo des Barcamp Little Rock

Logo des Barcamp Little Rock, Arkansas

Auch hier (Barcamp Little Rock, Arkansas) findet man sehr gute Informationen über das Format „BarCamp“ und ein wunderschönes Beispiel, wie man so etwas macht.

Ich zitiere von barcamplr:

BarCamp is an ad-hoc unconference born from the desire for people to share and learn in an open environment. It is an intense event with discussions, demos and interaction from attendees.

Die PM-Camps haben mir gezeigt, wie Erkenntnisgewinn gelingen kann. Wie viel Spaß der offene Austausch und das Teilen von Erfahrung und Wissen machen kann. Und wie viel er allen bringen kann. Auch wie sich Menschen ganz von allein vernetzen und aus den „sessions“ heraus ganz spontan gesellschaftlich relevante Projekte gestartet werden.

Unsere PM-Camps haben sich wie die viele andere barcamp-Gründungen zu einer richtig erfolgreichen Bewegung entwickelt. In 2015 werden PM-Camps in Barcelona, Berlin, Dornbirn (da hat es angefangen), Frankfurt, Hamburg, München, Stuttgart, Wien und Zürich stattfinden. Vielleicht noch ein paar mehr.

Dieser wunderschöne Erfolg hat mich ermuntert, für Anfang 2016 ein Barcamp für „Aktive Mobilität“ zu planen. Auch weil die aktive Mobilität mir ein persönliches Anliegen ist. Deshalb bin ich bei kurzen Entfernungen bis 20 km (und mehr) fast ausschließlich mit dem Fahrrad unterwegs. Und habe diese Veränderung in meinem Leben schätzen und lieben gelernt.

🙂 Und mein neues Mobilitätsprogramm heißt:
„Runter vom Fahrrad – wieder auf die Füße“.
Übrigens schwer genug!

Also beginnen wir!

Es gibt drei Säulen der Mobilität.

  • individuell motor-basiert mobil
    (Kraftfahrzeuge, Motorräder, Scooter und Mopeds …)
  • öffentlich mobil
    (Flugzeug, Eisenbahn, Bus …)
  • aktiv mobil
    (Alles was durch Körperkraft geschieht …)

Auf unserem Barcamp für „Aktive Mobilität“ #AktMobCmp wollen wir über alles nachdenken und diskutieren, was mit „Aktiver Mobilität“ #AktMob zusammenhängt.

„Aktive Mobilität“ ist Fortbewegung, die auf Körperkraft beruht: Das sind nicht nur alle Formen des Radfahrens und des zu Fußgehens sondern auch Kajak-Fahren, Nutzung von Rollern, Skatern oder Skateboards, vielleicht auch mobile Infrastruktur wie Rutschen oder ähnliches …

Ob durch Elektro-Antriebe unterstützte Fortbewegung wie die Nutzung von eBikes dazu gehört, möchte ich nicht entscheiden. Das dürfen gerne die Besucher unseres Barcamps diskutieren. Fortbewegung, bei der die Körperkraft einen wesentlichen Anteil am Vortrieb hat, würde ich persönlich als „Aktive Mobilität“ verstehen.

Teilnehmer

Bei einem Barcamp gilt die Regel, dass die Menschen, die kommen, genau die Richtigen sind. So ist jeder willkommen. „Normale“ Verkehrsteilnehmer genauso wie Experten, Vertreter von Vereinen und Verbänden …

Erwartungen, Ergebnisse und Aktionen

Für mich ist das Barcamp gelungen, wenn alle Teilnehmer begeistert nach Hause fahren und gerne wieder kommen. Das gelingt auf Barcamps sehr häufig. Viele Themen entstehen auf der Veranstaltung, Ideen und Aktionen entwickeln sich wie von selbst.

🙂 Eine Regel gibt es:

Ein barcamp ist immer so gut, wie seine Teilnehmer.

Hier noch ein paar Gedanken und Informationen zum #AktMobCmp.

Motivation

  • Wir lieben AktMob!
  • Wir machen AktMob!
  • Wir wollen AktMob!
  • Wir tun etwas für AktMob!

Nutzen

  • Wie verändert AktMob unser Leben?
  • Was bringt AktMob unserer Gemeinde, unserem Land, unserer Gesellschaft?
  • Welche Nutzen hat AktMob für unseren Planeten?

Fragen

  • Was schaffen wir es, über AktMob nicht nur zur reden sondern es zu tun?
  • Wie können wir uns für AktMob einsetzen?
  • Welche Verbündete müssen wir für AktMob gewinnen?

Meta-Ziele

  • Verstehen wie Verkehrspolitik funktioniert und funktionieren sollte.
  • Ideen, Aktivitäten entwickeln und Projekte ins Leben rufen
  • Brücken bauen zwischen Verbänden, Vereinen, Organisationen und freien Communities

… und vieles mehr!

Termin
2./3./4 Januar 2016
(Der Termin steht noch nicht ganz fest, eine Alternative ist die Woche vom 2. bis 6. November).

Programm
2. Januar – Anreise
18:00 Wer Lust hat trifft sich am Vorabend zum Kennenlernen und Ratsch&Tratsch.

3. Januar – Erster Tag Barcamp
08:00 Registration und Kaffee, kleines Frühstück
09:00 Welcome und „Ice breaking“
09:15 Impuls-Vortrag (30 Min)
09:45 Barcamp-Regeln
10:00 bis 10:45 Gestaltung des Tagesablaufs & Festlegen der Sessions
11:00 bis 17:00 Sessions (5 x N – 1 Stunde Mittagspause)
17:30 bis 19:00 Gemeinsames Abendessen in nahe liegendem Restaurant
19:00 Große Barcamp-Party

4. Januar – Zweiter Tag
08:00 Kleines Frühstück
08:30 Impuls-Vortrag
09:15 bis 9:45 Gestaltung des Tagesablaufs & Festlegen der Sessions
10:00 bis 15:00 Sessions (3 x N)
15:00 bis 15:30 Abschluss

(N steht für Anzahl der parallelen Sessions, je nach Teilnehmerzahl sind das 3 – 5)

Teilnehmer
Für die erste Veranstaltung streben wir um die 80 Teilnehmer an.

Kosten:
Preis 125 € Teilnahmegebühr pro Teilnehmer jeweils plus Anmeldegebühr für Xing zirka 8,50 €.

Ermäßigung für Mitglieder von Offiziellen Partnern.
Rabatte für Partner und Studenten.
Anmeldung ausschließlich über das Internet.

Sponsoren
Es soll drei Sponsoren-Pakete (1Rad, 2Rad, 3Rad) mit verschiedenen Leistungen, unter anderem mit einer unterschiedlichen Zahl von Freicodes geben.

Veranstalter:
IF-AGORA GmbH (Marktplatz für Wissen&Erfahrung, Agentur für Veränderung).

Offizielle Partner:
Neben der Gemeinde Unterhaching führe ich Gespräche mit dem ADFC, dem Bayerischen Rundfunk (BR) und manchen mehr.

Ich bedanke mich schon jetzt für die Unterstützung der Gemeinde Unterhaching.

RMD

P.S.
Die Interessenten für die Veranstaltung bitte ich daran denken, dass es sich hier um eine frühe Grobplanung halten. Änderungen sind also nicht nur möglich sondern sogar wahrscheinlich.

Mitstreiter sind immer erwünscht – auch ein Retweet oder Verlinken in Facebook, Google+ oder einem Teil der großen Social Media-Welt ist explizit erwünscht. Ein Hinweis auf eventuelle Sponsoren freut mich auch sehr!

Vielen Dank!

Roland Dürre
Samstag, der 17. Januar 2015

Legal ist nicht legal.

Dreidimensionale Darstellung der eulerschen Formel

Dreidimensionale Darstellung der eulerschen Formel

Vor kurzem bin ich so richtig geschimpft worden. Nur weil ich hier im Blog (Frustsplitter) geschrieben habe, dass ich mich freue, dass der Uli Hoeneß zum Jahresanfang Freigänger wurde. Auch deshalb, weil ich ihn vor vielen Jahrzehnten in Riemerling ab und zu beim „Hund Gassi gehen“ getroffen und als feinen Kerl in Erinnerung habe.

Meine kurze Begründung war folgende: Man lässt Konzernen etwas durchgehen, für das man den „gemeinen größeren Steuersünder“ wie Uli Hoeneß einsperrt. Getreu dem Motto „Die wirklich großen lässt man laufen und die mittleren werden gehängt“. Denn im Verhältnis zu dem, was die Konzerne treiben, waren es beim Uli „peanuts“. Auch wenn es sicherlich „Steuersünder“ gibt, die für einen Schaden büßen mussten, der dann im Vergleich zur Operation des Uli Hoeneß „peanuts“ war. Man bedenke, dass alles relativ ist.

Und wie ich damals geschimpft wurde. Die Entrüstung mancher Leser war groß. Das könne man doch gar nicht vergleichen! Denn die großen Konzerne hätten zwar „moralisch“ verwerflich aber ansonsten eben ganz „legal“ gehandelt. Das wäre genau der Unterschied zwischen den Konzernen und dem Uli.

Das mit „legal“ ist doch genau eines der Probleme unserer Gesellschaft. Man darf eben nicht alles machen, was „legal“ ist. Das gilt für so vieles, nicht nur für die Steuer. Man denke nur an unsere Umwelt, was wir da alles machen dürfen, was wir aber wirklich überhaupt nicht dürfen sollten.

Zurück zur Steuer: Kein Regelwerk wird so perfekt sein, das es nicht mit „legalem“ Vorgehen etwas ermöglicht, dass das Ziel des Regelwerks komplett torpediert. Besonders nicht, wenn es mal so komplex geworden ist wie unser Steuerrecht. Die Folge dieser permanenten Filigranisierung und Vermehrung unserer Gesetze sind eine unheimliche Erhöhung der Transaktionskosten (nicht nur Rechts- und Überwachungskosten) und eine vermehrte Aushöhlung unseres Recht- und Unrecht-Bewusstseins.

Die Anzahl der Gesetzeserweiterungen und neuen Gesetze steigt exponentiell, immer mehr wird so „Legal Service“ und Blindleistung befördert. Nur die ganz großen können sich dies leisten. Schon jetzt sind wir so weit, dass sich manche Gesetze widersprechen und vernünftige Auslegungen und Entscheidungen gar nicht mehr möglich sind (Man denke an das „Datenschutz-Gesetz“).

Das ist wie bei den Sicherheitsfehlern nicht nur in der Microsoft-Software. Die Widersprüche werden immer größer und das eine funktionale Ziel schließt das andere aus. Man stopft mit großen Aufwand ein Loch in der „Firewall“ und schon entstehen zwei neue. Das erinnert an den mutigen Töter der mehrköpfigen Drachen. In grauer Vorzeit ist denen im Kampf mit dem Ungeheuer widerfahren, dass wenn sie mit dem Schwert einen Kopf abgeschlagen haben sofort zwei nachgewachsen sind. Die Lösung in der Sage war das Abbrennen der Köpfe mit der Pechfackel.

Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist auch die steigende Komplexität unserer technischen und gesellschaftlichen Systeme. Vor der sich viele fürchten als einen der Angst einflößenden Drachen unserer Welt. Dabei ist auch diese Entwicklung ganz einfach zu erklären. Die Systeme werden immer komplexer, weil die Behebung der entdeckten Fehler immer schwieriger wird und so die Korrekturen die Komplexität des Systems weiter erhöhen. Die nächste Generation von Fehlern ist dann noch schwieriger zu „handlen“ und führt zu einer weiteren Erhöhung. Ein sich selbst verstärkender Weg hinein in die Katastrophe.

Die Geschichte mit der Steuervermeidung ist für die Gewinner-Konzerne ein gigantischer Wettbewerbsvorteil. Sie akkumulieren Netto-Gewinne ohne Ende und können gigantische Investitionen tätigen, die ihnen weitere Vorteile verschaffen. Sie kommen in die Lage, unliebsame (gerade auch kleinere) Konkurrenten durch Aufkäufe zu beseitigen – koste es, was es wolle – und deren Know-How zu rauben. Sie können sich aufwendigste Marketingkampagnen leisten und greifen unterstützt von teuren Lobbyisten nach der Weltherrschaft.

So geht die wundersame Spirale der Machtmehrung!

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 16. Januar 2015

Goldener Stacheldraht

Zurzeit scheinen Institutionen und Unternehmen erstarren. Und die Menschen immer zu leiden. Zumindest sind das die Ergebnisse von diversen Umfragen, die man so liest. Und ich höre viele Klagen in direkten Gesprächen. Der Frust am Arbeitsplatz nimmt zu, immer mehr Menschen gehen in die „innere Kündigung“.

Ich kann das nachvollziehen. Das kollektive Leben in Unternehmen wird immer mehr in Prozesse gegossen. Diese Entwicklung findet schon seit Jahren statt, scheibchenweise und deshalb kaum merklich. Aber sich immer verstärkend, so dass keiner entkommt. Immer mehr wird geregelt und beschrieben. Für jede Frage gibt es eine einfache Antwort.

Wer es noch merkt, fühlt sich abhängig und entmündigt. Das Gefühl der Machtlosigkeit macht sich breit, die Unzufriedenheit wächst, man ist frustriert und weiß oft gar nicht warum. Gleichzeitig beschützen die Systeme einen wie nie zuvor. Sicherheit ist alles, Risiko ist unerwünscht. Die totale Fürsorge des Systems ist angesagt.

Und tatsächlich, die Fürsorge wird von den Umsorgten ganz gerne entgegen genommen. Weil sie eine Komfortzone bereit stellt und Sicherheit verspricht. Weil man sich in einem geschützten Bereich befindet und eigentlich um nichts mehr sorgen muss. Weil man bei einer großen „community“ ist, einer von vielen.

So entsteht das Wohlgefühl des Konzernangestellten. Das allerdings oft sehr trügerisch ist. Aber wie kommt es dazu? Ich war bei als Student wie als Festangestellter fast 10 bei Siemens und habe es dort persönlich erlebt, wie man in die Welt der Sicherheit rein rutscht.

Das „Einlullen“ begann bei mir mit der Fütterung in der Kantine. Dort bekam ich in der Regel gutes Essen zu festen Zeiten und zu einem vernünftigen Preis. Und fand – wie die meisten Menschen – „meine“ Betriebskantine eigentlich gut. Auch weil sie mein Leben einfach machte.

Die Kantine als der zentrale Punkt des Arbeitstages. Sie bestimmte, was gegessen wird. Es gab zwei Standardessen. Bei Siemens gab es ein „einfaches“ Essen (die grüne Marke für 1,20 DM) und das „bessere“ Essen (die rote Marke zu 1,50 DM). Die Marken sahen aus wie die Scheiben, die man beim Einkaufswagen im Supermarkt heute an Stelle einer EURO-Münze benutzen kann.

Die Marken gab es an einem ganz schlichtem Automaten. Für 6 DM gab es entweder fünf grüne oder vier rote. Es gab die selben Marken auch in gelb – für den Nachtisch. Die kosteten 30 Pfennige, für 1,50 Mark spuckte der Automat fünf davon aus. Damals gab des sogar Abendessen in der Kantine- sehr bequem.

Die tägliche Auswahl an der Theke zwischen grüner (einfacher) und roter (bessere) Mahlzeit wurde zum wichtigsten Teil des täglichen Lebens. Die Frage „Was gibt es heute“ bringt Abwechslung in den Tag. Es Entscheidung und letzter Rest gefühlter Freiheit. Und der mitt-tägliche Gang zur Kantine als die Zäsur im Arbeitstag.

So ist das bei großen Firmen und Insitutionen – es ist für alles gesorgt. Man bekommt Essen und Wärme. Die Kantine ist die Spitze des Eisberges einer kompletten Rundumversorgung von „Mama Siemens“ und ähnlichen. „Mama Siemens“ (als Metapher für die großen Konzerne) gibt ihren Menschen den Arbeitsplatz, ein gutes Gehalt, die Wärme und das Licht, ein schönes Büros. Am Tor wacht der Werkschutz. Der Chef überlegt sich, welche Kurse für seine sinnvoll sind. Und wenn ein Mitarbeiter ein gesundheitliches Problem hatte, konnte er zum Betriebsarzt gehen. Was will man mehr?

So ging es mir als arbeitender Mensch in den ersten Berufsjahren. Ich saß in einem goldenen Käfig. Wir wurden gezähmt und verwöhnt, wie verwöhnte Haustiere. Bis ich vor lauter Fürsorge – und ehrlicherweise nicht nur aus diesem Grunde – ausgebrochen bin.

Viele meiner Freunde und Kollegen konnten nicht ausbrechen. Sie wurden zu Gefangenen im „goldenen Stacheldraht“. Zuerst war es die Betriebsrente, die sie fesselte. Dann der erworbene Kündigungsschutz. Unmerklich wurden sie zu Zombies des Systems, einem System, das für alles gesorgt hat. Alles war vor gedacht, alles geregelt. Keine Probleme, keine Herausforderungen.

Auch heute sind für alles Prozesse festgelegt: Ob es der Urlaub ist, das Mitarbeitergespräch, die Arbeitszeiten, die Dienstreisen, Meetings, Einstellungen oder Kündigungen, Personalthemen, social Media, alles ist konfektioniert und wird „convenient“ serviert.

Spätestens ab dem fünzigsten Geburtstag haben sie dann bange aufs Ende geschaut. Und viele durften zum Teil weit vor dem sechzigsten gehen, gut versorgt aber eigentlich zu jung, um nichts mehr zu schaffen.

Und wie das bei Systemen so ist:
Wenn die Regulation mal begonnen hat, dann geht sie immer weiter. Ob Kommunikation, Kreativität, Produktion, Entwicklung, Marketing, Vertrieb, alles wird normiert. „Best practice“ erstarrt in Prozessen, die Bürocracy treibt ihre Triebe und Blüten, nebenläufiges Denken ist unerwünscht.

Vom „gesunden Menschenverstand“ geht es hin zum „so wird das gemacht“. Kreativität wird durch Planung ersetzt, Transparenz wird zur unerwünschten Bedrohung. Alles muss messbar sein, auch die Verbesserungsvorschläge. Kundenwünsche und Lieferantenbedürfnisse werden dem eigenen Shareholder Value untergeordnet.

Das System steht über allem. Gut ist nur noch, was dem System nutzt – auch wenn dies nur vermeintlich ist.

So tragen die Unternehmen eine immer stärker werdende Maske vor sich her. Es ist ein Tannenbaum, der früher Aufbauorganisation genannt wurde, behängt mit dem Lametta der Ablauf-Organisation.

Innen ticken diese Unternehmen zwar anders, weil die tüchtigen Kollegen wenn nötig (und das ist häufig) den Tannenbaum und sein Lametta ignorieren und direkt miteinander sprechen. Und so dafür sorgen, gegen die Regeln, dass das Unternehmen doch noch Erfolg hat.

Viele Unternehmen erinnern mich an das Bild einer City, die beginnt ihr pulsierendes Leben durch den Aufbau von Wegweisungen mit Zäunen aus goldenem Stacheldraht zu ordnen. Aber mit genug eigentlich unzulässlichen Lücken, damit das ganze noch funktioniert.

Bürocrazy lässt grüßen!

RMD

Klaus Rabba
Dienstag, der 13. Januar 2015

Es ist was faul … in jedem Staate!

Vorwort von Roland Dürre:

In Facebook haben ein paar Freunde mit mir eine spannende Diskussion geführt. Der Ausgangspunkt war mein Artikel #JesuisCharlie. Natürlich konnten wir die Diskussion in Facebook nicht befriedigend abschließen (wenn das überhaupt möglich ist).

Denn die Ursachen für das Dilemma, in dem sich die Welt rund um den Globus befindet, scheinen vielfältig zu sein. Dazu könnte Vieles gehören:

Wir haben eine radikale Globalisierung, die die Grenzen für den Handel total fallen lässt, die Grenzen aber für die normalen Menschen belässt. Die Arbeiterin im Billiglohnland produziert zwar für die reiche Welt, sie muss aber in der armen bleiben.

Wallstreet-Mentalität und das „Shareholder Value Prinzip“, ein durchgepeitschtes Freihandelsabkommen, Unfreiheit, Korruption, Irreführung, Frustration von Menschen, Emotionen aus zweiter Hand, Manipulation durch verschiedene Systeme, totales Marketing und mächtiger Lobbyismus, massiv unterschiedliche Religionen die in unterschiedlichen Epochen zu leben scheinen, das auseinander driften von arm und reich, nicht artengerechte Haltung von Menschen, ein verbreitetes Gefühl der Ohnmächtigkeit, eine Radikalisierung von Gesellschaften, das beliebige Verletzen von Gefühlen, die klare Priorät für Profit, der Hang zu Esoterik, der Verlust von Aufklärung, die Entwicklung von Dogmatik, Unfreiheit, Folter und vieles mehr scheint immer mehr im Kommen zu sein.

Wäre es nicht schön, da ein wenig Ordnung und Klarheit rein zu bringen. Was sind die Ursachen, was kann man dagegen tun? Es gibt dazu so viele spannende Fragen.

Diese Diskussion brachte uns auf den Gedanken, „das Thema in IF-Blog anzuschieben“. Vielleicht schaffen wir sogar eine Blog-Parade. Ich werde auf jeden Fall, wenn wir eine Basis geschaffen haben, zu einer Blog-Parade zum Thema einladen.

Zum Start dieses Projektes berichtet Klaus Rabba aus Frankreich über seine Wahlheimat.

Frankreich.

Die furchtbaren Ereignisse in Paris haben uns die Gewalt und die Schrecken aus dem Orient und aus Afrika in unsere Mitte gebracht.

Die zivile Reaktion ist gewaltig. Bis zu einer Million Menschen gingen auf die Straßen, um für unsere schwer erkämpften Rechte auf Meinungsfreiheit und Unversehrtheit zu demonstrieren.

Frankreich verteidigt seine Ideale der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Wie ist es um diese Gesellschaft bestellt und was hätte die Gemeinschaft tun sollen, um diese Taten zu verhindern?

Schnell sind die Argumente bei der Hand, die von Politik und Medien gebetsmühlenhaft verbreitet werden und an die viele der aufgeklärten, aber weniger politisch bewussten Bürger nicht mehr so recht glauben mögen:

  • Toleranz gegenüber anders denkenden und anders gläubigen
  • Wir sind eine Gemeinschaft
  • Chancengleichheit
  • Wer will, der kann
  • Bildung ist der Schlüssel zur Integration
  • Kampf dem Faschismus

Niemand kann gegen diese Argumente ernsthaft opponieren, will er nicht ins Abseits oder die braune Ecke gedrängt werden. Aber das ist nicht gut so, denn bohrende Fragen werden nicht weiterverfolgt.

Gesellschaft.

Die französische Gesellschaft leistet im Verhältnis zu anderen europäischen Gesellschaften außerordentliches in der Erziehung. Ab dem dritten Lebensjahr gibt es für jedes Kind in unmittelbarer Nähe zum Wohnort einen Ganztagskindergarten, die „École Maternelle“, die die Kinder berufstätiger Eltern mit Mittagessen versorgt, den Kleinen einen Platz zum Mittagsschlaf stellt und die Kinder nie vor 17.00 aus dem Schulgelände entlässt, wenn die Eltern nicht pünktlich zur Abholung erscheinen. Ab 19.00 können die Kinder auf der Gendarmerie abgeholt werden. Alle Kinder gehen in die Maternelle, weil sie sonst den Anschluss an den Schulbeginn nicht schaffen.

Die Schulzeit verläuft nach dem gleichen Muster und eigentlich wäre dies der Schlüssel für die Gleichheit in der Erziehung – vorausgesetzt, die Eltern spielen mit. Über neunzig Prozent der Eltern erfüllen ihre Rolle. Was macht der Rest?
In staatlichen Schulen und Universitäten herrscht strikte Religionsfreiheit. Es dürfen weder Kreuze sichtbar getragen werden, noch Kopftücher oder Kipas. Religion ist Privatsache, es gibt keine Staatsreligion.

Gleichheit.

Trotz staatlicher Fürsorge existieren Löcher im sozialen Netz. In jeder Gesellschaft gibt es Schulverweigerer oder andere Kinder, die nicht durch das Bildungsmodell motiviert werden. Hier greift der Staat ein und hält eine Fülle von Erziehungsmaßnahmen und Betreuungseinrichtungen für diese Kinder bereit. Alles in Ordnung? Nein!

Die staatliche Fürsorge in Heimen hört mit dem sechszehnten Lebensjahr auf. Die Heranwachsenden sind dann auf sich gestellt. Wenn das Elternhaus nicht intakt ist oder das Umfeld nicht stimmt, kommt es zum Abbruch von Schule und Ausbildung. Das ist in einer homogenen Umgebung schon tragisch, doch wie wirkt sich das in einem von Migration bestimmten Umfeld aus!

Die Wohlhabenden schicken ihre Kinder auf katholische Privatschulen oder ziehen in Gebiete, in denen es unverhältnismäßig viele Gutbegüterte gibt, so dass diese Schulen zu den besten der Republik gehören.

Migrationshintergrund.

Frankreich hat eine lange Migrationsgeschichte. Verlorene Kolonialkriege in Indochina und Algerien haben eine erste Welle von Einwanderung ausgelöst, da die Kollaborateure um ihr Leben fürchten mussten, so dass Frankreich ihnen den Zuzug gewährte. Bürgerkriege in den ehemaligen französischen Kolonien brachten weitere Einwanderer ins Land. Eine offene Asylpolitik ließ auch Verfolgte aus China zu.

Das Straßenbild in Paris und anderen Städten wurde schon Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bunt. Die Zeiten der Vollbeschäftigung kaschierte die grundsätzlichen Unterschiede der Einwanderer – zunächst.

Steigende Arbeitslosigkeit, Zuzug von Familienangehörigen und die starke Vermehrung der arabischen und afrikanischen Migranten führte zur Zuspitzung der Unterschiede.

Während die asiatischen Zuwanderer sehr diskret und geschlossen leben und dem französischen Bildungsideal zugetan sind, haben die arabischen und afrikanischen Neufranzosen mehr Schwierigkeiten damit. Religionsunterschiede waren bei Asiaten kaum ein Thema. Das hinderte die Kinder aber nicht an guten schulischen Leistungen und sie sicherten sich gut bezahlte Arbeitsplätze. Auch Afrikaner und Araber boxen sich durch den Bildungsweg zur Hochschulreife, aber im Verhältnis zur Masse zu wenige.

Parallelgesellschaften entstanden in hastig hochgezogenen Wohnvierteln, die langsam zu Gettos verkamen. In diesen Parallelgesellschaften kommt auch heute ein Großteil der vielfältigen Migranten unter. Und plötzlich spielt auch Religion eine Rolle, die es vorher in seiner Deutlichkeit nicht gab.

Heute leben in diesen Vierteln unterschiedliche Menschen zusammen, bestehend aus Migranten mit Arbeit, Familien mit und ohne Einkommen und vor allem Menschen mit unterschiedlichen Religionen.

In diesem Gemenge greifen die vorbildlichen staatlichen Bildungsmodelle nicht. Zu viele Schulabbrecher ohne Grundkenntnisse von Sprache und Rechtschreibung und ohne Perspektiven leben dort. Die ersten Konflikte finden in diesen zusammengewürfelten Gemeinschaften statt, wo die Herumlungerer die Arbeitenden belästigen. Die ersten Opfer sind die Frauen und Mädchen.

Gettokultur.

In den de-favorisierten Stadtteilen entwickelte sich bei der Jugend eine eigene Sprache, das Verlaine. Es ist ein rudimentäres Französisch, in dem Begriffe phonetisch umgedreht werden; aus „Femme“ wird „Meuf“, aus „Flique“ wird „Keuf“, nur um ein Beispiel zu nennen. In diesen Kreisen spielt der „Rap“ eine große Rolle, sowie ein kruder Islam, der die Abgrenzung noch verstärken soll.

Der nächste Schritt für die jungen Männer dieser Gesellschaft führt in die Kleinkriminalität. Ablehnung des französischen Gesellschaftsmodells drückt sich durch starke Aggression aus, die den Beamten der Polizei und Feuerwehr, aber auch Notärzten entgegen schlägt. Autos werden angezündet und die heranrückenden Feuerwehrleute verprügelt. Notärzten ergeht es oft nicht anders – sogenannte ‚no-go-areas’ bildeten sich.

Wird ein Mitglied aus der Gemeinde der entschiedenen Gesellschaftsgegnern bei der Verfolgung seiner Straftat verletzt oder gar getötet, kommt es zu den berüchtigten Aufständen.

Antisemitismus.

In Frankreich und vor allem in Paris gibt es jüdische Gemeinden. Nicht alle Juden sind vermögend und wohnen in den schicken Arrondissements der Stadt Paris. Viele leben in Vorstädten und gehören zur Mittelschicht. Auf diese Gruppe der Israeliten konzentriert sich die Wut der islamischen Vorstadtjugend. Der Konflikt zwischen Palästinensern und dem Judenstaat wurde in die französischen Städte getragen und es kommt täglich zu Aggressionen.

Der Druck ist stark, so dass jedes Jahr tausende Juden Frankreich in Richtung Israel verlassen. Der israelische Ministerpräsident Nethanjahu brüskierte Frankreich, als er bei einem Staatsbesuch die Juden Frankreichs aufforderte nach Israel zu kommen, da der französische Staat nicht in der Lage wäre, diese zu schützen.

Extremismus.

Der Extremismus findet in den benachteiligten Gebieten und bei den Menschen dort leichter seinen Nährboden, als in funktionierenden Gemeinschaften oder Familien. Ausnahmen bilden hier wie anderswo die Konvertiten.

Unkontrollierte Prediger, die aus Nordafrika kommen, spielen eine düstere Rolle. Die französische Rechtsordnung erschwert Ausweisungen sogenannter Hassprediger außerordentlich. Hinzu kommt, dass die Muslime keine Organisation wie Christen oder Juden besitzen, die für die Gläubigen sprechen. Präsident Sarkozy gründete einen Islam Rat, damit der französische Staat einen Ansprechpartner für religiöse Belange bei den Muselmanen findet.

Der Islamische Rat kam unter unsäglichen Querelen zustande, da die Muslime aus verschiedenen Ländern stammen, wie z.B. aus Algerien und Marokko und sich unversöhnlich gegenüberstehen. Auf das große Schisma im Islam hier einzugehen, würde den Rahmen der Betrachtung sprengen. Fakt ist, dass der Islam Rat nur einen Teil der Gläubigen erreicht und schon gar nicht die inneren Kreise der Gettos. Es ist ein Trugschluss anzunehmen, dass die moslemische Welt geeint ist.

Wirtschaft.

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat sich die Welt verändert, da ein Konkurrenzmodell zum Kapitalismus ausfiel. Gleichzeitig setzte eine innereuropäische Arbeitsmigration ein. Die wirtschaftlich starken Länder zogen Arbeitskräfte auf jeden Niveaus an. Gleichzeitig enthemmten sich die Arbeitsbedingungen und führten zu einem gnadenlosen Lohndumping. Arbeitnehmer aus osteuropäischen Firmen arbeiten für einen lächerlich niedrigen Lohn in Westeuropa. Federführend bei dieser Entwicklung ist die deutsche Wirtschaftspolitik.

In der Folge schließen immer mehr französische Betriebe, z.B. im Lebensmittelbereich, da sie den staatlichen Mindestlohn zahlen müssen, während deutsche Schlachthöfe mit Billigkräften aus osteuropäischen Firmen ohne soziale Absicherung die großen Supermarktketten Europas beliefern. Diese Entwicklung verringert die Arbeitsplätze der Kleinverdiener, zu denen viele Migranten gehören. Zum Glück ist Frankreich eines der größten Tourismusländer der Welt und kann viele Arbeitsplätze bieten. Ohne Migranten würde die französische Gastronomie und Hotellerie zusammenbrechen.

Außenpolitik.

Frankreich pflegt den französischen Sprachraum auf allen Kontinenten und es findet jedes Jahr ein Weltkongress der ‚Francophonie’ statt. Traditionell wurden die Beziehungen zu den ehemaligen Kolonien wirtschaftlich und politisch aufrecht gehalten. Ausnahmen sind Algerien und Indochina, bzw. Vietnam.

Die Besonderheit ist, dass die französische Sprache zunächst die Amtssprache in den neu entstandenen Ländern war und großenteils noch ist. Natürlich wurden auch wirtschaftliche Interessen gepflegt und die Regime militärisch gestützt. Sogar eine Währung wurde in den frankophonen Ländern Afrikas eingeführt und von Paris gestützt. Gleichzeitig gab und gibt einen stetigen Zustrom aus diesen Ländern ins Mutterland

Frankreich hat über 10.000 Soldaten ständig weltweit im Einsatz. Der größte Teil davon tut Dienst in Afrika, wo es laufend zu Kampfhandlungen kommt. Französische Soldaten versuchen den entsetzlichen Völkermord in der kongolesischen Provinz Kivu zu entschärfen, die Elfenbeinküste vor einem Bürgerkrieg zu bewahren, Mali vor der Teilung zu schützen und in Togo, Kongo und Kamerun die Regierung zu halten. Gleichzeitig werden gewaltige Wirtschaftszonen auf See überwacht. Französische Luftstreitkräfte waren zusammen mit den Briten maßgeblich am Sturz Gaddafis beteiligt und hätten wohl auch in Syrien gegen Assad eingegriffen, wäre die Lage nicht völlig aus dem Ruder gelaufen.

In Folge dieser Politik geriet Frankreich in das Visier von Al Kaida, dem Islamic State oder Deash, wie es in Frankreich heißt.

Systemkritik.

Die Globalisierung nach Wallstreet Bedingungen schreitet unaufhörlich voran. Gesellschaften, wie die französische, müssen dem Wandel folgen, wollen sie nicht zum Defizitstaat verkommen, der durch ‚Rankings’ heruntergestuft und abgestraft wird. Das ist bitter für alle, da bei der Umverteilung von unten nach oben, die das neue Wirtschaftsmodell mit sich bringt, die Mittelschicht und die unteren Klassen an Kaufkraft verlieren, ganz zu schweigen von der schwächeren sozialen Absicherung.

Die französische Politik wehrt sich gegen diese Entwicklung und bisher hat es noch keine Maggi Thatcher oder einen Sozialisten wie Gerhard Schröder gegeben, der mit seiner Agenda den Sozialstaat stutzte und für den globalen Markt vorbereitete. Es gibt viel zu verlieren: Für das Schulmodell, für die Beamtenschaft, für eine Arbeiterschaft, die für einen garantierten staatlichen Mindestlohn schafft.

Einem rigorosen Sparkurs fallen zuerst die sozial schwachen Schichten zum Opfer. Da der Staat und die Wirtschaft von Eliten geführt werden, sind die Quereinstiegschancen für Migranten quasi null. Wer aus dem Bildungssystem ausscheidet und über sechzehn Jahre alt ist, steht allein da. Bildungsferne Migrantenkreise bleiben auf Dauer von Aufstiegschancen ausgeschlossen, was die Abschottung nur weiter vorantreibt. Der zweite Bildungsweg ist möglich, ist aber noch härter als der normale Schulweg.

Politik, Medien und intellektuelle Kreise hängen unbeirrt dem multikulturellen Idealbild nach und negieren die Selbstisolation der Gruppen in sozial schwachen Gebieten. Mittlerweile wird die Schuld an der Isolation mehr der französischen Gesellschaft zugeschrieben, als den Migrantengruppen, die sich isoliert fühlen, aber alles tun, um in dieser Situation zu verharren.

Die Religiosität der Randgruppen steht stark im Vordergrund und sorgt für Konfliktstoff während des Fastenmonats und der Gebetszeiten. Die Religion trägt zur Ausgrenzung in einem laizistischem Umfeld bei und behindert Religion übergreifende Verbindungen. Migranten beharren über Generationen auf Vornamen der Heimat und wählen kaum neutrale oder französische Vornamen.

In Frankreich herrscht Politikverdrossenheit, was sich in schwacher Wahlbeteiligung ausdrückt. Viele Skandale in den Regierungsparteien und im Präsidentenpalast haben einen Vertrauensverlust ausgelöst. Zu viele Franzosen sind der Meinung, dass ihre Regierung nicht in der Lage ist, die dringendsten Probleme zu lösen.

Was tun, um eine bessere Integration zu erreichen oder eine Gemeinschaft zu bilden? Zu allererst gehört Ehrlichkeit und Offenheit auf die Tagesordnung. Die Gesellschaft muss verstehen, dass die Migranten gebraucht werden und auf der anderen Seite müssen die Neubürger erfahren, dass sie ihr bisheriges Leben nicht ohne Veränderungen fortführen können, sondern Anpassungen nötig sind. Schließlich kommen die Menschen nach Europa aus solchen Gesellschaften, die es bisher nicht schafften, Wohlstand zu erzeugen. Gesellschaftskritik ist deshalb nötig.

Um die Verlierer von der Straße zu holen, verlangt es Änderungen im Schulprogramm. Selbstverständlich kann nicht das Niveau gesenkt werden, um den Nachzüglern den Anschluss zu erleichtern. Das ginge auf Kosten der gesamten Gesellschaft. Es braucht Klassenverbände, die mehr auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler eingehen. Außerdem brauchen sozial instabile Jugendliche eine Betreuung über das sechzehnte Lebensjahr hinaus.

Für Kinder aus zerbrochenen Familienbanden mit Migrationshintergrund ist die Zukunft besonders schwer. Mannigfach sind die Versuchungen, sich mit Kriminalität Geld zu beschaffen, statt auf einen Erfolg im Beruf zu warten. Wie überall auf der Welt, spielen hierbei Drogen eine große Rolle. Wichtig ist, Jugendliche nicht in den normalen Strafvollzug zu schicken, sondern offenere und selbstverantwortliche Vollzugsformen zu erarbeiten.

Schluss-Bemerkung zum Attentat auf Charly Hebdo.

Die Attentäter mit Migrationshintergrund waren früh Waisen, lebten in Heimen und bekamen eine Berufsausbildung, ehe sie dann in die Kriminalität abglitten. Die Radikalisierung fand wohl im Gefängnis statt, wobei ein Prediger einen starken Einfluss auf die Attentäter nahm. Hier kann nicht der Gesellschaft die Schuld gegeben werden, denn sie hatte ja ihre Pflicht gegenüber den Waisen erfüllt. Die Entscheidung, einen Mord zu planen, trifft letztendlich jedes Individuum allein.

KR

Bauer-GoosEin wenig fühle ich mich als Informatik-Pionier der dritten Generation. Und denke gerne an meine ersten großen Projekte in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zurück, die START, ITS, Dispol oder SNATCH hießen.

Für die zweite Generation der IT-Pioniere steht in meiner privaten Ordnung mein verehrter Professor F.-L. Bauer, bei dem ich 1969 im Herbstsemester an der TUM (damals noch TH für technische Hochschule) als Student der Mathematik meine erste Vorlesung in meinem Nebenfach Informatik hören durfte. Das abgebildete Buch ist übrigens mein erkennbar viel gelesenes persönliches Exemplar aus dieser Zeit.

Damals war das Thema Informatik etwas ganz Neues für mich. Und wahrscheinlich habe ich das Fach gewählt, weil ich nicht wusste, was es ist. Einfach, weil es irgendwie in die Zukunft gewiesen hat.

In der schönen Vorlesung von Professor Bauer habe ich so fast folgerichtig nicht alles von dem verstanden, was er uns mitgeben wollte. Sehr zu meinem Leidwesen.

BauerIn den letzten Jahren durfte ich Professor Bauer dann bei mehreren Führungen im Deutschen Museum in der Abteilung Informatik begleiten, die er für uns (InterFace AG) und unsere Kunden, Freunde und Partner gehalten hat. Da ist mir vieles klar geworden, was ich als junger Student noch nicht verstehen konnte.

Zur ersten Generation der Informatik zähle ich übrigens Menschen wie Konrad Zuse, den ich am Ende der InterFace-Konrad-Zuse-Radtour 1986 kennen gelernt habe. Er hat uns dort toll empfangen, eine wunderbare Rede gehalten und uns das abgebildete Bild beim großen Empfang in Hünfeld geschenkt, das heute bei der InterFace AG in Unterhaching hängt.

K_ZuseHeute ist die Informatik um „Lichtjahre“ weiter. Ich war und bin mit Herzblut Informatiker. Die Sinnkopplung zwischen meiner Arbeit, meinem Leben und der Gesellschaft war mir immer wichtig. Deshalb ist für mich die Entwicklung der Informatik wie ihre Zukunft wichtig. Beiträge von Dritten zu diesem Thema von herausragenden Vertretern der Informatik interessieren mich natürlich ganz besonders.

So habe ich in der 14. Ausgabe des TUM Magazins „Faszination Forschung“, einem hochwertigen Hochglanz-Magazin der TU München, in der Ausgabe vom Juni 2014 zum Thema „informatics“ den Artikel „Connecting the World“ gefunden.

Der Trailer zum Artikel liest sich so:

In future, everyday objects will be linked via the Internet, enabling them to interact autonomously. To realize this vision, computer scientists are developing virtual models they can use to test practical implementation and monitor the security, safety and reliability of connected systems

Der Artikel beschreibt die Zukunft der Informatik auf der technischen Ebene. Es geht hier vor allem um das Zusammenwirken von Systemen in einer zukünftigen „cyber-physikalischen Welt“. Da ich den Artikel lesenswert und als eine gute Diskussionsbasis empfinde, biete ich ihn hier zum „Download“ an: Cyber-Physical (406).

Mein Freund und Partner im Aufsichtsrat der InterFace AG, Professor Dr. Manfred Broy, wird dort zitiert und abgebildet. Es ist davon auszugehen, dass die Aussagen im Artikel zum Teil Ergebnisse der von ihm geleiteten Forschungsarbeit sind.

Ich bin mit dem Inhalt des Artikels nicht ganz einverstanden. Sicher wird es noch erstaunliche Entwicklungen in unserer Technologie geben, vielleicht noch verblüffender als die im Artikel beschriebenen. Nur an die Vorhersage der Anwendungsfelder glaube ich nicht, da ich annehme, dass die Gesellschaft der Zukunft ganz andere Herausforderungen haben wird, als wir sie uns heute vorstellen. Und wir dann sicher sehr aufregende Lösungen finden werden, die sich aber nicht in diese „schönen neuen Welt“ bewegen werden.

Spannend (und für mich bedenklich) wird es aber, wenn man die Entgegnung von Dr. Werner Meixner liest. Dr. Meixner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TUM und hat wohl in in einem Vortrag niedergelegt, wie dieser Artikel „auf jemanden (ihn) wirkt, der den Sinn seines Berufslebens wesentlich aus einer Faszination für Naturwissenschaften als einem humanistischen Wert versteht“.

Dieser Vortrag ist auch der Inhalt eines offenen Briefes an Professor Dr. Manfred Broy und hat zum Thema:
Wohin geht die Informatik?
Auch hier der Link zum Download des offenen Briefes von Dr. Meixner:
Wohin geht die Informatik? (466)

Um den IF-Blog-Leser auch hier zum Lesen anzuregen zitiere ich einen kurzen aber vielleicht zentralen Auszug aus diesem Artikel:

Jede menschliche Entscheidung, und das wissen Konzerne ganz genau, beinhaltet einen Wertschöpfungsakt und ist also wertvoll an sich. Das Wichtigste dabei ist, dass der Eigentümer dieses produzierten Wertes derjenige ist, der die Entscheidung getroffen hat und verantwortet. Dies genau ist die Bedeutung des Privaten, aus der auch die unbedingte Schutzwürdigkeit des Privaten folgt. Jegliche wirtschaftliche Tätigkeit ergibt sich daraus.

Ich verstehe die zitierte Aussage nicht so ganz. Wenn ich versuche, sie dialektisch zu analysieren, so meine ich einen willkürlichen Wahrheitsanspruch zu entdecken, der mir leicht widerlegbar scheint.

🙂 Ich schreibe aber an niemanden offene Briefe, da ich ein Blogger bin. Und BLogger schreiben keine öffentlichen Briefe sondern bloggen. So veröffentliche ich meine Meinung in meinen Blog.

Also:
Den Artikel im TUM-Magazin finde ich zu eindimensional technologisch, der „offene Brief“ hat mich bestürzt.

In beiden Artikeln nehme ich ein Welt- und Menschenbild wahr, das der von mir als real wahr genommenen Wirklichkeit nicht gerecht wird. Der erste erinnert mich ein wenig an die (damals ja von wirtschaftlichen Interessen gesteuerte) Euphorie zur Kernkraft vor mehr als 50 Jahren, der andere überhöht die Bedeutung des Privaten und lamentiert über dessen Schutzwürdigkeit, die nach meiner Lebenserfahrung und meinem Wissen aus Anthropologie, Gehirnforschung, Psychologie, Philosophie aber auch Soziologie überhaupt nicht zu rechtfertigen ist. Sogar mit theologischen Begründungen dürfte dies misslingen.

Die Herausforderungen für uns alle werden zeitnah andere sein als die beschriebenen. Nicht das Traumbild einer total vernetzten Welt wird uns helfen, diesen Herausforderungen zu begegnen noch der krampfhafte Schutz unserer privaten Daten, die letztendlich eh nicht geschützt werden können.

Die aktuellen Nachrichten, sei es von den Fronten der IS, von den sonstigen Kriegen mit ihren Folgen, von den Flüchtlingen die in die EU drängen, von dem Attentat aus Frankreich oder zu #Pegida und #Anti-Pegida in Deutschland sind deutliche Anzeichen einer sich beschleunigt verändernden Realität, die wir akzeptieren müssen. Und mit der wir vernünftig umgehen müssen.

Die Vorherrschaft der globalen Wirtschaft, die total freie Märkte für Waren schafft aber die Arbeit unfrei lässt (eine Näherin aus Bangladesch kann ihren Arbeitsplatz nicht nach Europa verlagern, obwohl die von ihr genähten Kleider nur dort verkauft werden), wird zu Ende gehen. Die Reichen in dieser Welt (wir) beuten die Armen mehr in enormen Masse aus und die Anzahl der Sklaven ist höher als je zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Die durch diese Gegensätze generierten Spannungen dürften sich wie Erdbeben entladen. Das beginnt schon jetzt. Die Verschlechterung der Rahmenbedingungen in vielen Regionen (Klima, Wasser, Ernährung und Böden) entwickelt sich geometrisch wachsend und wird uns früher oder später in kritische Bereiche bringen. Die Spannungen werden immer spürbarer.

So könnte es ganz schnell gehen, dass wir sehr unsanft aus unseren aktuellen Träumen geweckt werden. Meine Hoffnung ist, dass uns auch hier die Informatik helfen wird. Natürlich weiß ich aber noch nicht wie und kann mir dies nur so ungefähr vorstellen.

Ich glaube, dass die IKT einen positiven Beitrag für die menschliche Zukunft nur dann leisten kann, wenn es ihr gelingt, vor allem einen hochkomplexen, weltweiten, redlichen Diskurs zu unterstützen, der eindringliche Ergebnisse bringt. Nur so kann eine Konsensbildung gelingen, die nicht auf Feindseligkeit und Ausbeutung beruht sondern die Menschen (uns) auf und für die notwendige Veränderung von Denken und Leben vorbereitet.

Nur so kann die globale Gesellschaft mit möglichst wenig Gewalt verändert werden. Nur so kann die heutige Art des Wirtschaftens in eine „Gemeinwohl-Ökonomie“ transformiert werden. Und nur so können wir Lösungen für ein besseres Copyright- und Patentwesen finden. Durch die Weisheit der Vielen und gegen die Einfalt des Einzelnen.

[Hinweis: Unsere Kollegen von Youmigo.de haben das vielleicht verstanden und eine wunderbare APP zur „Weltverständigung“ geschrieben.]

Dem Artikel im TUM Magazin würde ich entgegen halten, dass wir keine Luxuswelt von vernetzter Technologie brauchen, die uns letztendlich noch mehr versklavt. Zu Werner Meixners Aussagen meine ich, dass er das Thema „pretty good privacy“ in Form eines Glaubensbekenntnis überhöht, dieses aber nicht glaubhaft begründet sondern im dogmatischen verbleibt.

Und ich meine, dass in Zukunft uns Menschen unsere Privatsphäre ziemlich egal sein wird. Weil wir ganz andere Probleme haben werden. Und wir Menschen uns immer im Spannungsfeld Individualität und Kollektivität bewegen werden. So oder so. Mit Datenschutz und ohne. Und das schaffen wir nur auf eine dem Menschen würdige Art, wenn wir auf Werte basiert denken und handeln. Dogmen und deren gebetsmühlenartige Verkündung hilft uns nicht.

Noch ein Satz zu den persönlichen Daten. Informationen über Menschen zu sammeln ist doch ein ganz normaler Teil der menschlichen Zivilisation, die sich ja aus guten Gründen Administrationen geschaffen hat und so z.B. die Geburt eines Kindes protokolliert. Natürlich hat der technologische Fortschritt seit der Erfindung von Karteikästen und -karten unglaubliches ermöglicht.

Sicher lässt sich mit „neuen“ Technologien viel mehr Daten sammeln als früher. Das ist aber nur die Fortsetzung einer Entwicklung, die begonnen hat mit der Erfindung von der Schrift und Papier als Möglichkeit, Informationen aufzuzeichnen und weiterzugeben. Mag sein, dass die Erfindung von Dateikasten und -Karten (sicher eine Erfindung von IT), einen Schub gebracht hat. Und die IKT dann nochmal.

Aber: Hat die IKT hier wirklich so viel verändert? Und wie groß ist der Schaden? Und ist es nicht wunderschön, dass Informationen generell durch Whistle-Blower veröffentlicht werden können und die IT dies noch viel leichter gemacht hat?

Ich sehe eine Bedrohung nur dann, wenn sich „unmoralische Systeme“ (wie z.B. ein Unrechtssystem) der Daten bemächtigen. Aber dann hilft uns auch kein Datenschutz. Vielmehr müssen wir vermeiden, dass wir unter die Kontrolle „unmoralischer Systeme“ geraten. Und das ist eine permanente gesellschaftliche Herausforderung für jeden Bürger. Der „Kommerziellen Nutzung“ von Daten zu widerstehen geht sowieso nur durch persönliche Autonomie, aber das war und ist mit der andauernden Manipulationsbedrohung durch Marketing genauso. Und wenn man unsinnig konsuminert, kostet das doch nur Geld und selten das Leben.

Persönlich empfinde ich den vermeidbaren Schaden, den uns die „alten“ Technologien der letzten 100 Jahre zugefügt haben und heute permanent zufügen, deutlich höher als den Schaden, den die neue Technologie IKT in den letzten 25 Jahren generiert hat.

Die Technologien des letzten Jahrhunderts haben uns zum Beispiel die Ruhe geraubt. Wer kennt noch einen Ort in München, der frei von „technischem Rauschen“ ist? Die Lärmverschmutzung ist jedoch ein wirklich harmloses Beispiel im Verhältnis zu anderen Folgen wie den 1,2 Millionen Verkehrstoten pro Jahr – weltweit verursacht durch den motorisierten Individual-Verkehr. Und die wir auch sonst nur zu gut kennen aber gerne ignorieren wie den Kohlendioxid-Gehalt in der Atmosphäre.

So wie wir uns an die grenzenlose Lärm-Emissionen gewöhnt haben, so haben wir uns doch schon lange unsere (ja trotz allem immer nur sehr eingeschränkte) Transparenz akzeptiert. Eingeschränkt, weil auch die vernetzen Systeme der Industrie und Welt 4.0 kaum unsere Gedanken lesen werden können. Und weil wir uns eh zu autonomen Menschen in einem selbstbestimmten kollektiven Rahmen entwickeln müssen, wenn wir überleben wollen.

Sind so gesehen die permanenten Forderungen nach Geheimhaltung von Daten nicht nur ein Protestschrei, weil man ja gegen irgendwas sein will und muss, sich aber nicht traut, gegen die wahren Bedrohungen aufzustehen?

Aber vergessen wir nicht:

Nur die neuen Technologien bieten uns die Chance, uns zu vernetzen und unsere Gedanken zu veröffentlichen. Und so gegen Ignoranz, Intoleranz, Dogmen, Unvernunft und Dummheit und manches mehr dieser Art zu wehren.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 8. Januar 2015

#JeSuisCharlie

Ich nehme eigentlich nur ungern zu so schlimmen Ereignissen Stellung. Aber ein paar Gedanken möchte ich diesmal los werden. Einfach weil mir die öffentliche Diskussion doch sehr vereinfacht und vorverurteilend zu sein scheint.

Ich vermisse die Forderung an die ermittelnden Behörden (und noch besser die Absichtserklärung derselbigen) die Aufklärung des Attentats in großer Transparenz und Öffentlichkeit zu führen. Zumindest unter strenger parlamentarischer Kontrolle. Die Ausrede, dass man das nicht machen könne, weil man dann die Ermittlungen gefährden würde, halte ich nicht für stichhaltig.

Diese Forderung würde ich stellen, weil die Vergangenheit immer wieder gelehrt hat, wie vorsichtig man mit Vorverurteilung sein muss. Zu oft haben wir erlebt, dass die Behörden bei solchen Ereignissen von Interessen getrieben einseitig oder „auf einem Auge“ blind ermitteln. Auch in der aufgeklärten Bundesrepublik Deutschland gibt es da unrühmliche Beispiele vom Oktoberfestattentat 1980 bis zur NSU. So darf man gerade in so einem Fall nicht und erst recht nicht pauschal vorverurteilen.

Was mir auch erwähnenswert erscheint ist, dass in den USA, in dem Land wo Waffenbegeisterung und Waffenlobby dominieren, wo die Todesstrafe normal ist und in dem Individuen wie der Staat regelmäßig mit Gegengewalt und Vergeltung reagieren, dass in diesen USA jetzt der Bleistift als neue Super-Waffe beschworen wird. Das empfinde ich als zynisch und auch einer Karikatur wert. Gerade die USA hat öfters die Chance vergeben, eine solche Größe zu zeigen und so mit ihrer unbedachten Politik weltweiten Schaden generiert.

Noch wird nach „mutmaßlichen Tätern“ gefahndet und von „Hauptverdächtigen“ gesprochen. Auch wenn es sich bestätigt, dass die Täter Muslime gewesen sind, müssen die Motive noch lange nicht religiösen Ursprunges sein. So wie es „verrückte Amerikaner“ als Amokläufer gibt so gibt es doch auch verrückte Muslime geben. Statistisch eigentlich mehr, gibt es doch mehr Muslime als Amerikaner.

Assoziativ muss ich an Amok-Läufe in anderen Ländern denken. So befremdet es mich, wie gering die Entrüstung ist, wenn in den USA ein Waffennarr in einer Schule ein Blutbad anrichtet. Und wie schnell das in den Medien vergessen wird und die NRA (The National Rifle Association) die öffentliche Diskussion wie die Regierung wieder unter Kontrolle hat.

Last not least muss ich bei diesem Ereignis – warum auch immer – an den Terror denken, den die israelische Armee auf Befehl ihrer Regierung vor gar nicht langer Zeit in Palästina ausgeübt hat und eine ganze Stadt in eine Ruine verwandelt hat.

Deshalb würde ich sogar bei diesem entsetzlichen Ereignis in Paris für ein wenig Gelassenheit in der Diskussion plädieren und erst mal abwarten, wer denn wirklich dahinter steckt.

Stellen wir uns mal vor, was los wäre, wenn die Mörder „abendländische Kämpfer“ einer französischen „Pegida“ wären und den Anschlag so fingiert hätten, dass der Verdacht auf „islamische Kämpfer“ fällt. Das wäre der abendländische GAU. Und vielleicht darf der gar nicht sein? Auch weil das Madame Le Pen und Konsorten gar nicht gefallen würde.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 7. Januar 2015

Unternehmertagebuch #106 – Umorganisation & Teamgröße.

"Mein Leben nach InterFace ?"

„Beyond Leading“

Ein junger Informatiker, der für einen großen amerikanischen IT-Konzern in dessen deutscher Tochtergesellschaft arbeitet, hat mir vor kurzem berichtet:

„Ich werde in meiner Arbeit unterfordert. Das Problem ist, dass ich jetzt in gut einem Jahr schon den dritten Chef habe. Und der kennt mich gar nicht. So weiß keiner was ich wirklich kann. Das ärgert mich und ich werde mir einen neuen Job suchen, der meinem Können gerecht wird.“

Große Unternehmen und Konzerne organisieren sich in immer kürzeren Abständen neu. Sie wollen zeigen, dass sie fähig und willens sind auf Veränderung zu reagieren. Die Effizienz soll gesteigert und Kosten gesenkt werden. Man will klar machen, dass man die Bedürfnisse des Marktes versteht und sich neu formiert. Oft erfolgt die Umorganisation ohne Not, aber irgend einen Grund gibt es immer.

Ab und zu reicht auch schon ein Vorstandswechsel, denn der Neue muss ja irgendwie zeigen, dass er etwas verändert. Bei solch einer Umorganisation passiert es dann schon mal, dass in der Folge zwei Drittel und mehr der Mitarbeiter plötzlich einen neuen Chef haben, den sie vorher gar nicht oder nur aus der Ferne kannten.

Ich bin sehr skeptisch, ob diese Tendenz zur Umorganisation in immer kürzeren Zeitabständen den Unternehmen gut tut. Eine gelingende „Führungs-Arbeit“ setzt voraus, dass man sich vertraut. Und die erste Voraussetzung für Vertrauen ist, dass man sich kennt. Und so man zumindest ein wenig über die Werte, Erwartungen, Interessen und Bedürfnisse der Menschen wie auch ihre Fähigkeiten und besonderen Talente Bescheid weiß.

Führungskräfte sind heute für viel mehr Menschen „disziplinarisch“ zuständig. Früher hatte ein „Chef“ vielleicht um die 7 Mitarbeiter, für die er direkt verantwortlich war. Heute sind es oft ein mehrfaches davon. Das macht Führen nicht einfacher, fehlt doch einfach die Zeit für den Einzelnen. Nicht umsonst geben die meisten Mitarbeiter in Umfragen an, dass sie sich mehr Zeit von ihrem Vorgesetzten wünschten.

Das HR-Department („Human Resource“) soll den Verlust des direkten Vorgesetzten mit genug Zeit für Führung kompensieren und setzt dabei auf ausgeklügelte HR-Software. Diese enthält auch filigrane Bewertungen der Mitarbeiter. Die Führungsarbeit wird in gekünstelte Personalprozesse gegossen. Externe Führungs-Unterstützung wird eingesetzt, bei der unternehmensfremde Personalberater die internen Mitarbeiter einem „Profiling“ unterwerfen und „professionelle“ Feedback-Gespäche mit diesen führen.

Dass das funktioniert, daran zweifele ich sehr. Im Gegenteil, wenn ein Fremder z.B. einen langjährigen Mitarbeiter professionell „verprobt“ und ihm dann erklärt, was für ein Typ von Mensch er ist, so führt das oft zu skurrilen bis gespenstischen Gesprächs-Situationen, die häufig zu Frust und mindestens „innerer Kündigung“ führen.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass bei jeder Umorganisation in großen Konzernen wie in kleinen Unternehmen sehr behutsam vorgegangen werden muss. Auch die Bildung (zu) großer Teams mit nur einem Personalverantwortlichen muss wohl überlegt sein. Leichtfertige und radikale Maßnahmen schaden hier in der Regel mehr als sie bringen. Der Wandel braucht sicher eine permanente Veränderung auch der eigenen Organisation (im Aufbau wie im Ablauf), die sollte aber kontinuierlich und gut durchdacht stattfinden.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!

Roland Dürre
Montag, der 5. Januar 2015

Wie die Zeit vergeht …

KettenkarusselWenn ich nur die 31 Jahre meines Lebens bei der InterFace AG reflektiere – was hat sich da doch alles verändert! Auf allen Ebenen und in allen Dimensionen. Betrachte ich die Gesellschaft und die Technologie, oder die Art und Weise wie heute mit Wissen umgegangen wird, dann ist das schon mehr als erstaunlich.

Ganz neue Fächer sind wichtig geworden und haben enorme Fortschritte gemacht – und wie ich meine, die Welt verändert. Dazu gehören neben der Technologie auch Wissenschaften wie die Psychologie, die Gehirnforschung, Behavior Science aber auch die Spieltheorie wie die gute alte Philosophie. Ganz zu schweigen wie sich Werte und Moral, ja die Einstellung im Leben der Einzelnen wie auch in der Gesellschaft und im Kollektiv gewandelt haben.

Diese Entwicklungen haben sich gegenseitig verstärkt und in einem Tempo beschleunigt, das ich nicht mehr als linear sondern eher als „geometrisch bis exponentiell“ wahrgenommen habe und wahrnehme.

Insofern gefällt mir folgendes Modell recht gut, das ich vor kurzem entdeckt habe. Es geht um die Begriffe wissend und unwissend sowie fähig und unfähig.

Diese vier Eigenschaften kann man einer Matrix bestehend aus vier Quadranten zuordnen. Die obere Zeile der Matrix ist die der „Unfähigkeit“, die untere Zeile die der „Fähigkeit“. Die rechte Spalte ist die des „wissend“, die linke Spalte des „unwissend“.

Der Quadrant oben rechts steht so für „wissend unfähig“.

Im Beispiel des Lebens eines Autofahrer heißt das, dass ein Jugendlicher weiß, dass er unfähig ist, ein Auto zu fahren. Der Jugendliche ist also „wissend unfähig“.

Der Quadrant rechts unten steht für „wissend fähig“.

In unserem Beispiel wird der Jugendliche zum jungen Mann macht seinen Führerschein. Jetzt weiß er, dass er fähig ist, ein Auto zu fahren. Und fährt Auto. Der junge Mann ist also „wissend fähig“.

Der Quadrant links unten steht für „unwissend fähig“.

Der älter werdende Mensch fährt viel Auto. Er wird sehr geübt und ist so fähig ein Auto zu fahren, er weiß es aber nicht mehr bewusst. Er ist also des Auto fahrend „unwissend fähig“.

Der Quadrant oben links steht für „unwissend unfähig“.

Wie die Geschichte im letzten Quadrant oben links weiter geht, erahnen wir schon. Der Mann ist zum Greis geworden. Er sollte nicht mehr Autofahren, weil er es nicht mehr kann. Er weiß dies aber nicht. Er fährt also „unwissend unfähig“ weiter.

Das ist doch ein nettes Beispiel. Es hat aber einen Nachteil: Es suggeriert, dass es der Mensch ist, der sich aufgrund seiner altersbedingten Veränderung vom Zustand des „wissend unfähig“ über „wissend fähig“ und „unwissend fähig“ in den Zustand „unwissend unfähig“ wechselt.

Oft ist es die Welt oder Umwelt, dies sich schnell verändert. Beim Eintritt in ein neues soziales System bemerkt man sofort, dass man sich die Fähigkeit des „Teilnehmen können“ erst erarbeiten muss. Das neue System wird erlernt und dann ist man dabei. Nur kann man aufgrund der hohen Veränderungsgeschwindigkeit plötzlich sogar nach einer Phase des „unwissend fähig“ schnell in den rätselhaften Zustand des „unwissend unfähig“ kommen. Weil die Regeln und das Funktionieren des Systems sich so schnell wesentlich verändert haben, dass man es gar nicht bemerkt hat. Und steht dann dumm da und versteht die Welt nicht mehr – in der man vor kurzem noch so gut mithalten konnte.

Ja, ab und zu geht es auch mir wie in einem Kettenkarussell, das immer schneller läuft und mich schwindelig macht.

RMD

P.S.
Das Bild heißt „Wellenflug auf dem Roonkarker Mart“. Ich habe es in Wikipedia beim Karussell-Artikel gefunden, es ist ein eigenes Werk von Wilfried Wittkowsky.