Roland Dürre
Samstag, der 29. August 2015

„Warum hast Du eigentlich keine Euro-Flat-Rate?“

Diese Frage wurde mir vor kurzem von einem Freund hier im Urlaub gestellt. Weil er weiß, dass ich doch ganz schön in Deutschland und Europa unterwegs bin. Sie hat mich selbst verblüfft – und ich dachte mir: Ja, warum habe ich eigentlich keine? Und muss immer um WLAN-Passworte betteln? Wäre doch praktisch, immer und von überall im Netz sein zu können, unabhängig vom WLAN-Drama in Deutschland und manch anderen Ländern.

Wie immer habe ich dann ein paar Tage zum Nachdenken gebraucht. Und jeden Tag wurde mir immer mehr klar, warum ich keine Flate-Rate dieser Art haben will. Und dass ich das auch für den falschen Weg halte. Und deswegen mich weiter auf meinen Reisen immer auf die Suche nach dem nächsten Hotspot begeben werde.

Zum ersten finde ich es einfach zu kompliziert. Nutze ich doch auch auf meinen Reisen mehrere Geräte, um ins Internet zu gehen. Neben meinem Android-Smart-Phone noch zwei Tablets, ein großes wenn ich mit viel Gepäck verreise und ein kleines zum Beispiel für die Radtouren. Mal bin ich mit dem MacBook Air unterwegs – um auch lokal effizient arbeiten zu können und mal mit dem Chromebook. Oder wie zurzeit beim Zelten mit beiden.

Und ich habe keine Lust, alle meine Geräte mobilfunk-fähig auszustatten. Und „tethering“ ist für mich als Lösung auch eher unteroptimal. Der Akku vom Mobilen Telefon geht dann so schnell leer. Auch irgendwie zu kompliziert. Haben doch alle meine Geräte eh die WLAN-Funktion.

Und letzten Endes ist die Abdeckung der Welt mit den Sendemasten der Telekoms auch nicht ausreichend. So viel würde das also gar nicht bringen. Aber tiefer gedacht bin ich aus „philosophischen Gründen“ gegen private Flat-Rates. Ich will ja gar nicht immer und überall ins Netz. Mir reicht es völlig, wenn ich auf meinen Reisen eine Chance habe, regelmäßig ins Netz zu kommen. Zum Beispiel Abend im Hotel oder auf dem Zeltplatz.

Und WLAN-Netze gibt es ja überall wo ich bin mehr als genug. Leider sind diese nur zu oft aus völlig irrationalen Gründen mit Passwörter zugenagelt. An Hochleistungs-Netzwerke angebundenen WLAN-Hotspots sich zu teilen, das finde ich den fairen und kostengünstigen Weg.

Vielleicht passt für das Nutzen von privaten weltweiten Flat-Rates die Metapher der individuellen und privaten Mobilität. Da hat man auch gedacht, man kann auf den Transport von Gütern und Menschen als gesellschaftliche Aufgabe verzichten, wenn denn nur jeder sein privates Transportmittel hat. Und haben dann die vielen kleinen und großen Fahrzeugen mit den erst unabhängig machenden Verbrennungsmotoren bekommen. Das hat dann zum Verkehrs-Irrsinn der privaten Mobilität mit den bekannten Folgen geführt.

So finde ich feste Netze mit offenen WLAN-Subsystemen „auf der letzten Meile“ zu meiner Vision einer „Allmende-Welt“ besser passend als privatisierte und konkurrierende Telekoms.

Mir wird immer mehr bewusst, wie viele Ressourcen uns allen, sprich der menschlichen Gemeinschaft, gehören. Und dass man die einfach nicht so nach Gutdünken und ganz privat für Unwichtiges verbrauchen und vernichten sollte und darf. Weil Boden, Luft, Natur und Wasser zu wertvoll für unser Überleben und das der nachfolgenden Generationen ist.

Zu den Allmende-Gütern zählt für mich auch zum Beispiel die Ruhe. Zweifelsfrei vernichtet das leichtfertige, fahrlässige oder auch mutwillige Generieren von Lärm Lebensqualität. Und deshalb erzeuge ich Lärm nur wenn möglich und vermeide ihn nach Möglichkeit.

Freie Kommunikation ist ein Grundbedürfnis der neuen Welt. Wir brauchen sie für die Zukunft. Wäre es nicht schön, wenn der Zugang zu den Informationen dieser Welt und die Vernetzung von uns untereinander auch so eine Art Allmende-Gut wären? Ein Grundrecht, das für alle Menschen da ist. Wie die Luft, die WLAN transportiert. Ohne private Extrawürste?

RMD

Am 18.08.2015 gab es in der SZ – Landkreis München – zum Thema Straßenbau einen Artikel von Christian Sebald zu lesen:

B 15 neu wird mehr als doppelt so teuer

Dort wurde berichtet:
„dass der Weiterbau der umstrittenen B 15 neu mehr als doppelt so teuer wie erwartet wird. Das ginge aus einer Antwort von Bundesverkehrsstaatssekretärin Dorothee Bär (CSU) auf eine Anfrage des Landshuter Bundestagsabgeordneten Thomas Gambke (Grüne) hervor. Danach würde der neun Kilometer lange Abschnitt zwischen dem niederbayerischen Ergoldsbach und der Autobahn A 92 etwa 182 Millionen Euro kosten. 
Bisher wären dafür 88 Millionen Euro veranschlagt gewesen.“

Also eine Steigerung mehr als 100 Prozent.

Laut SZ zählt
„die B 15 neu zwischen Regensburg und Rosenheim zu den umstrittensten Straßenprojekten Bayerns. Die ersten Pläne datieren aus den Sechzigerjahren. Damals sollte eine 130 Kilometer lange Autobahn Regensburg, Landshut und Rosenheim verbinden. Später wurde das Projekt zur Bundesstrasse herabgestuft.

Allerdings zu einer, die sich mit vier Fahrspuren und zwei Standstreifen wie eine Autobahn durchs Land zieht, wie man an dem fertigen, 30 Kilometer langen Abschnitt nördlich von Landshut sieht. 

Ich verstehe nicht, warum man solche Projekte immer noch durchführt. Wenn wir schon in Straßen investieren, dann sollte man doch vor allem Wert darauf legen, dass die schon vorhandene Infrastruktur erhalten bleibt.

Unsere Zukunft wird nicht durch noch mehr Straßen besser werden. Das Auto als Basisverkehrsmittel hat sich doch überholt, die Strukturen unsere Zusammenlebens ändern sich. Und das Geld, um weiter Rennstrecken für ewig gestrige zu bauen haben wir doch angesichts der Herausforderungen in der Bildungs- und Sozialpolitik gar nicht mehr.  Auch nicht angesichts der demographischen Situation – auch wenn heute es vor allem die Senioren sind, die mit ihren Status-Sympbolen die Straßen bevölkern. Denn diese Generation stirbt aus – und die Neue wird manches doch ganz anders machen (Zumindest hoffe ich das). Von der Klimakatastrophe, die auch einiges an Wandel für uns bringen wird, will ich hier gar nicht reden.

Und dass Anwohner unter dem Verkehr leiden, ist auch kein Argument für neue Straßen. Für was müsste man dann alles Umgehungsstrassen bauen!? Die Kommunen sollten zuerst mal den „hausgemachten Verkehr“ – der immer einen wesentlichen Anteil – hat reduzieren und dann die Voraussetzungen schaffen, die eine Reduktion des Durchgangsverkehr zu ermöglichen.

Aber lesen wir in der SZ weiter.

Die Kostenexplosion hat mehrere Gründe. Zum einen ist die bisherige Schätzung annähernd zehn Jahre alt und deshalb überholt. „Pro Jahr muss man mit zwei bis drei Prozent Steigerung rechnen“, sagt ein Sprecher der Autobahndirektion Süd, die die Planung verantwortet. „Das liegt an der allgemeinen Teuerung.“

Das ärgert mich auch immer. Angeblich haben wir kaum eine Inflation, aber Kostenexplosionen werden dann genau mit dieser gerechtfertigt.

Insgesamt ist der Artikel wirklich sehr lesenswert, wie ich auch ein Fan der digitalen Süddeutschen Zeitung bin. Mit einem Zugang kann man sich von überall einloggen (Android, iPhone, iPad, Windows 8). Man hat kein Altpapier mehr und muss auch nicht vor der Lektüre der SZ die Unmengen Werbebeilagen heraus schütteln.

So mache ich gerne ein wenig Reklame für die SZ:

Also – wer Lust hat, das mal auszuprobieren:

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RMD

„Mein Leben nach InterFace ?“

🙂 Gerne erzähle ich aus meiner beruflichen Zeiten. Wass mich da begeistert und was mich da bedrückt hat. Deshalb auch wieder aus dem Urlaub in Griechenland ein kleiner Beitrag zum Unternehmertagebuch:

Im negativen Bereich waren das zum Beispiel die vielen sinnlosen Besprechungen, an denen ich teil nehmen durfte / musste. Die in manchen Fällen einen ganzen Tag dauerten und bei denen die Teilnehmer dann am Abend gar nicht aufhören wollten. Obwohl oder vielleicht weil das Meeting sich schon den ganzen Tag im Kreis drehte. Und ich – wie jeder der Teilnehmer – nicht in der Lage war, sinnvoll auf die Runde einzuwirken.

Dann erzähle ich meinen Zuhörern, dass es in solchen Besprechungen mein einziger Trost war, dass die „Kontierungsuhr“ mitgelaufen ist. Ich also tatsächlich in solchen Fällen für meine Arbeit mit einem Schmerzensgeld entlohnt wurde.

Das ist nur teilweise wahr und eine zynische Ausrede. Aber dann fällt mir ein, dass es auch im eigenen Unternehmen so viele sinnlose Besprechungen gab. Und es stellt sich mir die spannende Frage, warum ich dies zugelassen habe und da überhaupt mitgemacht habe.

Vielleicht war es mangelnde Zivilcourage? War ich zu feige, gerade mich ausserhalb des Systems zu stellen und traditionierte Regeln und Muster zu brechen? Ist die Pflicht zur Besprechung nicht ein Teil der Unternehmensmoral und festgelegt in den Geschäftsordnungen? Und wer verstößt schon gerne gegen Recht und Ordnung? Ich hatte den Mut nicht. Denn dann gab es auch immer mal wieder den Wunsch:

„Wir müssen mehr miteinander reden!“

Und dem stimme ich zu. Auch aus heutiger Sicht. Allerdings bitte nicht in langen und formalen Besprechungen, die dann noch protokolliert werden – natürlich um auf der sicheren Seite zu sein!

Wenn Besprchungen dann im kurzen „SCRUM“-ähnlichen Meeting möglichst stehend oder außerhalb des Unternehmens im freien Raum.

Aber das miteinander reden macht spätestens dann keinen Sinn, wenn man sich nur noch wiederholt und im Kreise dreht. Dann hilft wahrscheinlich nur die einsame Entscheidung und dann die schnelleTrennung.

Zusammenfassend meine ich, dass man alle Regeln und Rituale im Unternehmen permanent hinterfragen sollte. Besonders auch die vielen Meetings, die ja oft auch nur die Folge von festgelegten Ritualen und Prozessen sind. Und dies stetig und fortwährend, immer auf einer objektiven und von Eigeninteressen losgelöster Ebene.

Und wenn man erkannt hat, dass es nichts mehr bringt, dann muss man auch den Mut haben, zu handeln. So wie dies übrigens auch KANBAN in seiner letzten und für mich wichtigsten Regel fordert.

Und das gilt nicht nur für das Unternehmen und seine Projekte sondern auch für die Politik, für unsere sozialen Systeme wie auch für unser Privatleben.

Nicht zuletzt habe ich übrigens einen ganz zynischen Verdacht:
Wenn wir in den Unternehmen nicht so viele Besprechungen hätte, dann wären wir immer schon mittags mit der Arbeit fertig und wüssten nicht, wohin mit der freien Zeit.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!

Werner Lorbeer
Samstag, der 22. August 2015

Mythen über Unterricht

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Schule als variable Sozialform

Aktueller Streit in BW! Es geht politisch bewährt um die Schulform. Und natürlich auch immer um den Quotienten Lehrer/Schüler und die Inklusion.

Erschütternd aus meiner Sicht ist die mangelnde Kenntnis der Streitenden über die empirische Forschungsliteratur.

Es bleibt festzuhalten, dass Einzelunterricht oder das Unterrichten weniger eine Kunstform ist, die literarisch studierbar im 18. und 19. Jahrhundert völlig gescheitert ist.

Dass der gut untersuchte autonome Lerner zu starker Differenzierung im sachstrukturellen Entwicklungsstand führt ist ebenfalls bekannt. Dass die Gruppengröße im wesentlichen durch die Disziplin in der Lernergruppe beschränkt ist, dies aber den Erfolg keineswegs beschränkt, zeigen uns die PISA Studien aus.

Jauchs Shows sind kein Abbild der aktuellen Sozialformen in der Schule. Diese ist gekennzeichnet durch sehr variable Sozialformen, auch wenn das in den Bildungsredaktionen kaum bekannt ist. Das Bild zeigt eine Routinesituation aus dem Holbein-Gymnasium Augsburg, das Ende einer Projektunterrichtsphase.

Was aber nicht heißt, dass es immer so weiter gehen konnte. Vielmehr hatte diese Klasse auch das Recht auf eine systematische Darstellung der Physik; denn Wissen hat eine Struktur um die im Laufe von vielen Jahrzehnten hart gerungen worden ist. Je begabter das Kind, um so erfolgreicher wird es die Wissensstruktur auf weitere Probleme anwenden.

Wir wissen aus der empirischen Forschung übrigens auch, dass die spezifischen Lehrerbegabungen den Unterichtserfolg ganz entscheidend beeinflussen. „Erfolg“ ist in der pädagogischen Forschung immer multidimensional zu verstehen – soziale Wirkungen, akademische Wirkungen, Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes etc.

Nicht jeder Lehrer hat von seiner Persönlichkeitsstruktur her gleiche Chancen. Und seine Wirkungen werden auch nicht auf jeden Schüler gleich sein. Es gibt zahlreich „trait-treatment interaction“-Forschungen, die das belegen. So gesehen, ist der Baden-Württemberg-Streit überflüssig, weil in keiner Weise dem Erfahrungsschatz der pädagogischen Praxis oder gar der pädagogischen Forschung verpflichtet.

Eine letzte Bemerkung zum Lehrer:
Wer sich durch Kinder „gestresst“ fühlt und sich „dem burn out“ nähert, der muss prüfen, ob seine Persönlichkeit geeignet ist, „Erzieher“ zu sein. Kinder haben das tägliche Recht auf einen „freundlichen, entspannten Lehrer“ (Hefendehl-Hebecker) und sie bieten dem Lehrer an, jeden Tag neu zu starten.

Wo bitte, gibt es in der Erwachsenen-Welt solche Chancen?

wl

Roland Dürre
Freitag, der 21. August 2015

Urlaubsgedanken

Abendessen in GythioAm vierten Tag in Porto Ageranos südlich von Gythio bin ich so richtig im Urlaub angekommen.

In einem paradiesischem Teil unserer Welt: Eine schöne große Bucht mit warmen Wasser, immer Sonne und Wind, kühles Wasser und bestes Essen.

In einer Gegend, in der die Tomaten noch nach Tomaten schmecken und das Fleisch so ist, wie ich es aus meiner Kindheit kenne.

In den warmen Nächten höre ich das natürliche Rauschen des Meeres und das Rascheln des Windes in den Bäumen. Der Sternenhimmel leuchtet in großer Intensität am Himmel. Der Mond ist zunehmend und kündigt an, dass er bald die sanfte Nacht beherrschen wird.

Ein paar Kinder mit ihren Partnern und unsere erste Enkelin sind dabei. Der zweite Enkel ist in Peking schade, dass er nicht dabei sein kann. Es ist schön zu sehen, wie sich die – aus meiner Sicht – dritte Generation entwickelt. Ich werde an die Zeit erinnert, wie meine eigenen Kinder klein waren. Was habe ich doch in meinem Leben alles an Schönem erlebt.

ZeltplatzBlickMeerAuch die „aktive Mobilität“ klappt nach den „Anlauf-Schwierigkeiten“ der ersten Tage. Am frühen Morgen durchschwimme ich die milde Bucht, es geht ganz wie von selber. Die Radtouren in die Berge des Peloponnes sind im Tag integriert wie die Bootsfahrten in die Nachbar-Buchten. Bewegung und unterwegs sein ist wieder normaler Teil des Tagesablaufs, so wie der Spaziergang entlang am Strand zurück vom Schwimmen.

Ich denke an die Heimat, an meine Start-ups und Menteés und an die Kollegen der InterFace. An die PM-Camps und an AktMobCmp. An IF Blog. Habe ich doch genau auf diesem Zeltplatz vor Jahren mein Unternehmertagebuch gestartet. Auf das bin ich schon ein wenig stolz. Bis jetzt sind es mehr als 100 Einträge geworden und ich führe es immer noch ein wenig weiter.

Gerne würde ich wieder mehr für IF-Blog schreiben. Doch die Zeit ist knapp. Bisher habe ich meine Gedanken oft auf Vorrat notiert, die Artikel vorbereitet und dann – wenn die Zeit gepasst hat wie zum Beispiel bei einer Zugfahrt – sie vervollständigt und veröffentlicht.

Ein paar Artikel habe ich noch auf Vorrat und werde sie zeitnah fertigmachen und veröffentlichen. Aber es gibt andere Themen, über die ich gerne schreiben möchte. Weil ich auch die letzten Jahre so viel dazu gelernt habe, nicht zu letzt mit Freunden wie auch im „philosophischen Kolleg“ mit Klaus-Jürgen Grün.

Zum Beispiel meine ich langsam zu verstehen, was Geld denn eigentlich sein könnte. Oder – was mit Geld sicher irgend wie zusammen gehört – was denn Eigentum für eine Bedeutung hat. Oder wie man ein „gutes“ Leben führen könnte. Gut im mehrdimensionalen Sinne. Auch das hat mit Eigentum und Geld zu tun. Vielleicht? Oder auch nicht?

Das Problem ist nur, dass solche Artikel zu schreiben für mich sehr aufwändig ist
.
Zuviel Gedanken und Ideen habe ich im Kopf, zuviel Information und Wissen ist zusammen zu bringen. Schwer sind die Formulierungen, und Recherchieren gehört auch dazu. Ich schätze meinen Aufwand für einen Artikel wie „Was ist das eigentlich, Eigentum“ auf locker eine Woche. Wenn es reicht. Und Zeit ist mein wertvollstes Gut.

Und mir scheint, dass ich sogar hier im Urlaub die Zeit dazu nicht finden werde. Aber probieren werde ich es trotzdem.

RMD

Der Stammbaum des menschlichen Wissens zu Beginn von Band 1 der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, 28 Bände, vollendet im Jahr 1772

Der Stammbaum des menschlichen Wissens zu Beginn von Band 1 der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, 28 Bände, vollendet im Jahr 1772

Vor kurzem habe ich diesen Sommer auf einer Gartenparty einen Kollegen nach vielen Jahren wieder getroffen, der zur selben Zeit wie ich an der TUM Mathematik und Informatik studiert hat. Ich glaube mit dem Schwerpunkt Informatik. Nach dem Studium ging er dann zu einem großen Elektrokonzern – so wie ich auch. Er ist dort aber sein Leben lang geblieben – im Gegensatz zu mir, der ich nach gut vier Jahren das Weite suchte (glücklicher Weise).

Wir hatten uns viele Jahre nicht mehr getroffen und so haben wir uns bei dem einen oder anderen guten Bier gegenseitig so einiges berichten können. Besonders er hat mir viel aus seinem Leben erzählt. Was er heute so machen würde und wie es damals gewesen sei.

So hat er auch berichtet, dass er nach seinem Wechsel in den „Ruhestand“ eine Lebens-Bilanz gezogen habe. Und er dabei in der Retrospektive seines beruflichen Lebens alle seine direkten Vorgesetzten noch mal an seinem geistigen Auge vorbei ziehen hat lassen. Und wie er diese ganz ordentlich in zeitlicher Reihenfolge aufgeschrieben hätte.

Und siehe da, er hätte sich an alle noch sehr gut erinnern können. In der Summe seines Berufslebens wären es 26 (sechsundzwanzig) direkte Vorgesetzte gewesen, die ihn umsorgt und geführt hätten.

Und weil er gerade dabei gewesen wäre, hätte er eine Matrix gemalt. Da hätte er links die Namen seiner ehemaligen Chefs eingetragen und als Überschrift der Spalten daneben die nach seiner Meinung wichtigen persönlichen Qualitäten als Voraussetzung für gute Führungsarbeit aufgeschrieben.

Und dann habe er die Zeile eines jeden seiner Chefs mit Noten von 1- 6 (sehr gut bis ungenügend) ausgefüllt, so wie es auch in der Schule üblich ist. Und anschließend habe er den Notendurchschnitt pro Zeile (seiner Chefs) ermittelt.

Und siehe da, nur zwei (!) seiner sechsundzwanzig ehemaligen Chefs hätten von ihm eine Durchschnittsnote von besser als mangelhaft bekommen. Er hat mir dann auch die Namen seiner einzigen beiden fähigen Chefs gesagt. Ich kannte beide gut und konnte ihm nur zustimmen, weil ich diese beiden auch sehr wertgeschätzt habe.

Das Verhältnis hat mich aber bestürzt. So schlecht habe ich es persönlich nie empfunden. Wenn von 26 Chefs eines Berufsleben nur 2 (zwei) Chefs die nötigen Qualitäten für einen Vorgesetzten haben, was ist das für ein Zeugnis für das Unternehmen? Muss es mit einem Unternehmen, bei dem von den Chefs keine 10 % eigentlich normale Anforderungen an Führungskräfte erfüllen, nicht tatsächlich abwärts gehen?

Das könnte vieles erklären. Kann so ein Unternehmen denn überhaupt erfolgreich sein?

Mein Freund ist übrigens in meiner Wahrnehmung ein sehr objektiver und fairer Denker, vielseitig engagiert und alles anderer als ein Nörgler oder ähnliches – eigentlich ein richtig guter Typ. Insofern ist das was er mir da erzählt hat, Ernst zu nehmen.

Ich kannte auch den Unternehmensbereich, in dem er den weitaus größten Teils seines Lebens verbracht hat. Und muss gestehen, dass dieser in meinem Ansehen nicht unbedingt der Beste war. Auch das könnte eine Erklärung für das so schlechte Ergebnis gewesen sein.

Ich habe dann mal versucht, das Modell meines Freundes an meinem eigenen Erfahrungskreis anzuwenden. Und kam darauf, dass bei dem was ich so erlebt habe, zumindest so in etwa jeder dritte Chef unter dem Strich in Ordnung war. Das wären dann immerhin zum Vergleich 9 von 27. Aber eigentlich ist das auch kein gutes Ergebnis.

Im Abstand von ein paar Tagen hat mich diese Geschichte immer noch beschäftigt. Und ich habe mir die Frage gestellt: „Warum ist er solange bei diesem Unternehmen geblieben?“. Ich hatte ihn doch als einen fachlich und auch sonst sehr kompetenten Kollegen in Erinnerung.

Ich glaube die Antwort ist, dass diese großen Unternehmen so eine Art goldener Käfig waren (siehe auch meinen Artikel „Goldener Stacheldraht„). Die ersten zehn Jahre konnte man als „verantwortlicher Mensch“ wegen der sonst verloren gehenden Betriebsrente nicht kündigen. Und dann war man ein wenig freier, aber der Kündigungsschutz wurde die nächste „goldene Fessel“. Sie machte einen Wechsel zu einem neuen Unternehmen oder gar in die Selbstständigkeit zu einem Abenteuer, bei dem man doch ganz schön viel Sicherheit aufgeben musste und dann sehr mutig sein musste. um so einen folgenschweren Schritt zu machen.

RMD

P.S.
Die Illustration des Artikels stammt aus Wikipedia, Begriff „Hierarchie„.

Roland Dürre
Montag, der 10. August 2015

Komplexität & Katzenfutter.

Vom 10. bis zum 12. September bin ich in Berlin. Warum? Weil dort wieder mal PM-Camp ist! Schon das dritte Mal. Beim PM Camp Berlin geht es um Komplexität. Genauer gesagt geht es dieses Jahr um die Frage: „Komplexität – reduzieren oder erhöhen?“

Hier ist mein Beitrag für die Blogparade des PM Camp Berlin 2015 und ganz persönlich für Heiko!

20150810_150437_resizedKatzen geht es gut.

Sie müssen nicht arbeiten und können den ganzen Tag machen, was sie wollen. So streunen sie durch die Gegend oder beobachten die Gegend von ihrem Lieblingsplatz beim sich Sonnen. Ab und zu spielen sie mit einer Maus oder einem Vogel „Böse Katze“. Wenn sie aber schnurren findet sich sofort jemand, der sie streichelt. Morgens und abends bekommen sie ihr Futter. Einfach so. Ohne etwas dafür tun zu müssen.

Die „Katzenmutter“ hat es auch besser als früher. Denn das Katzenfutter kommt heute aus Säcken oder Dosen. Man kauft einmal im Monat einen Sack oder eine Kiste mit Dosen. Das war’s dann. Oder ganz modern kauft man Tütchen, wie links im Bild zu sehen. Das ist das typische Katzen-Futter der Neuzeit. Auch wenn keiner weiß, was drin ist. Dafür sind sie ein wenig teurer. Aber das ist uns unsere Katze wert.

Wir analysieren mal, was „Mensch“ da alles für die Katze getan hat, damit die Katzenmutti morgens zum Tütchen greifen und so ihren Liebling glücklich machen kann.

Wir beginnen mit der Verpackung.

Sie besteht aus einer extrem dünnen Folie, wie sie zum Beispiel mit der Technologie von Brückner in Siegsdorf produziert wird. Es ist sehr beeindruckend, wie solche Folien in Riesenmaschinen hauchdünn gestreckt werden und auf dem Produktions-Weg die Maschine und das Produkt immer breiter werden. Und wie viel Aufwand und vor allem Grips allein die Qualitätskontrolle und Steuerung erfordert.

Damit diese Folie das Futter aufnehmen kann, muss sie in mehreren Prozessen metallisch bedampft und weiter beschichtet und behandelt werden. Enormes und sehr spezielles Ingenieurswissen ermöglicht das. Dann wird sie vielfarbig bedruckt. Auch das ist eine Technologie für sich. Dass die Gestaltung der Bilder mit Graphiksoftware erfolgt, erwähne ich hier nur am Rande. Aber das Verkleben bzw. Verschweißen der Folie zum wasser- und luftdichten Tütchen ist die nächste Sensation, die wie vieles in Abfüllprozessen oft unglaublich anmutet.

Betrachten wir nun den Inhalt.

Die Welt der Chemie macht es möglich und gaukelt Mensch und Tier vor, da wäre etwas Wertvolles drin. Das Geschlabbere hat eine erstaunliche Konsistenz, einen charakteristischen Geruch und behält sogar eine Zeitlang seine Form. Alles Wissenschaft. Es hat auch eine erstaunliche Haltbarkeit und ein Setup vieler Zusatzstoffe sorgen dafür, dass die Katze trotz all dem nicht sofort krank wird und nach außen zumindest gesund erscheint. Es ist ein Wunderwerk – auch nur möglich dank geballter Wissenschaft.

So wird in automatisierten Tierfutter-Fabriken gepanscht, gebraut und abgefüllt. Dies aber gesteuert von Computern, immer mit gleich bleibender Qualität und ohne Varianzen. Als Input kommen die Kontainer mit den Rohstoffen hinein in die Fabrik, heraus kommen die konfektionierten Kartons. Und immer noch ist meistens der deutsche Mittelstand dabei, denn unsere „hidden champions“ haben genau das Know-How. Sie bauen die weltbesten Maschinen genau für solche Prozesse.

Marketing und Logistik

Das ganze verkauft sich nur, weil eine Marketingmaschine rund um die Welt läuft. Vom Internet übers Fernsehen bis in die bunten Illustrierten sieht man die glücklichen Kätzchen, die dieses Futter so gerne essen. Eine geile Manipulation als Mischung von emotionalen Bildern und digitalem Marketing. Wir kapieren die Botschaft – die richtige Marke macht die Katze und damit den Menschen glücklich.

Auch die Logistik ist nicht ohne. Denn die moderne Katzenmutter kauft die schweren Säcke mit dem Trockenfutter und die Pakete mit den vielen bunten Tütchen natürlich im Internet. Mit einem Click. Denn nur noch altmodische und meinstens alte Menschen, die noch Autofahren, schleppen die schweren Säcke vom Fressnapf mit ihrem SUV nach Hause, bei dem dann aber der Kofferraumdeckel mit einer Fuss-Geste gesteuert wie von selbst auf und zu geht.

Also macht Amazon seinen Job. Und verteilt mit schweren LKWs, die brav ihre Maut in einem der besten Mautsysteme der Welt bezahlen, die Waren in ihre Auslieferungscenter. Und bestellt der Kunde am Abend, bringt DHL oder Konsorten die ware und die Katze hat am nächsten Vormittag etwas zu fressen. Ach, wie ist die Welt doch einfach geworden …

Und eigentlich ist alles für die Katz.

Denn die Katze würde viel lieber ein wenig gekochtes Herz oder Lunge vom Metzger speisen. Aber so ein Katzenleben ist halt auch nicht perfekt. Und wir alle müssen uns halt alle der modernen Welt unterwerfen – Mensch wie Tier.

RMD

P.S.
Jetzt sage mir einer, dass das Tütchen mit feuchtem Katzenfutter kein komplexes Produkt wäre …

Letzte Woche war ich mal wieder im

Torturmtheater in Sommerhausen.

Endlich hat es mal terminlich gepasst und ich durfte bei einer Premiere mit dazugehöriger Feier im schönen Ambiente des Theaters dabei sein.

Torturmtheater-Sommerhausen_Auquarell_Spielplan

Das Torturmtheater ist das Theater von Veit Relin in Sommerhausen. Seit dem Tod des großen Künstlers wird es von Angelika Relin geleitet.

Für mich ist es ein ganz besonderes Kleinod in der deutschen Theaterlandschaft, ich würde es als ein Theater mit Herz und Können beschreiben. Es bietet ein ganz besonderes und sehr abwechslungsreiches Programm.

Hässlich1Infos zum Stück:

Gegeben wurde das Stück von Marius von Mayenburg

„Der Hässliche“.

Der Häßliche ist eine bitterböse Komödie über einen absurden Gesichtsverlust. Sie wird im Torturmtheater vom 6. August bis zum 3. Oktober 2015 aufgeführt.

Der Held des Stückes, Herr Lette, ist ein Mensch mit einem abgrundtief hässlichem Gesicht, das seinen Erfolg doch gewaltig einschränkt.

Er unterzieht sich einer totalen Rundumerneuerung unterm Skalpell, toll und temporeich inszeniert. Heraus aus dem OP beginnt für ihn ein komplett neues Leben.

Bald muss er aber feststellen, dass „schön, reich und unwiderstehlich“ zu sein auch kein glückliches Leben ausmacht. Der Verlust der Individualität stürzt ihn ins Bodenlose. Wie sollte es auch anders sein? Und er erkennt, dass die Hässlichkeit auch ihre Vorteile hatte …

Es ist ein starkes und sehr bewegendes Stück – schillernd, faszinierend und urkomisch – und trotzdem voller Leidenschaft und Schmerz! Und erinnert immer wieder an den Wahn, der sich in unser Leben geschlichen hat.

internet_VIch habe mir das Stück wie immer gemeinsam mit der Barbara angeschaut. Wir sind vor Lachen fast von den neuen Stühlen gefallen. Es war wieder mal Theater genau nach meinem Gusto, mit tief-ernstem und sehr zeitgenössischen Hintergrund. Der wird aber mit soviel Leichtigkeit und Humor präsentiert, dass der Spaß an der Sache nicht verloren geht und man so richtig im Stück aufgeht.

Ohne eine einzige Länge wird dies mit hohem Tempo durchgespielt. Wie bei einem rasanten Staffellauf werden die Rollen weitergegeben. Alles mit großer Klasse.

Und ich habe richtig bedauert, dass dieses Stück diesmal nicht in den Räumen der InterFace AG eingeübt wurde wie eine Reihe andere. Umso mehr freue mich auf den nächsten Besuch eines Teams des Torturmtheaters bei uns.

Hier noch ein Bild zum Stück, in dem man die herausragende „Vierbande“ in Aktion sieht.

Mit der weißen Maske. das ist Herr Lette mit dem häßlichen Gesicht.

Mit der weißen Maske. das ist Herr Lette mit dem häßlichen Gesicht.

RMD

P.S.

Gespielt wird im Torturmtheater Dienstag bis Freitag um 20.00 Uhr, Samstag 16.30 Uhr und 19.00 Uhr. Das Theater ist klimatisiert.

Das Torturmtheater gibt es natürlich auch auf Facebook  und in Google+

Roland Dürre
Freitag, der 7. August 2015

Rache & Hass

Gedanken zu den beiden Artikel hier im IF-Blog von Klaus Hnilica „Nur Verzeihen befreit“ und „Rache gibt Kraft“.

Schwarz Hass RacheDer Hass ist der hässliche Bruder der Rache. Denn Hass und Rache sind ein düsteres Geschwisterpaar, die sich gegenseitig an ihrem negativen Wirken erfreuen und hoch schaukeln.

Sie gehören zusammen – Rache verursacht Hass und Hass verlangt nach Rache.

Leicht heißt es dann: „Solange … ist Haß mein Amt und meine Tugend Rache!“ – so wie es in Kleists Hermannsschlacht klingt.

Gemeinsam generiert das schwarze Paar so einen ewigen und sich oft selbst verstärkenden Kreislauf des Unglücks – dies dann oft noch unter dem Deckmantel einer entarteten Moral.

Der Wunsch nach Rache mag verständlich erscheinen. Erhofft man sich doch, den eigenen Schmerz dadurch zu kompensieren, dass man dem Gehassten den gleichen oder einen noch schlimmeren Schmerz zufügt.

Der Hass an sich ist aber ein echtes Paradoxon. Wenn ich jemand hasse, dann möchte ich diesem schaden. Nur ist der Effekt meines Hasses ein ganz anderer. Denn dem, den ich hasse, geht es genauso gut mit wie ohne meinen Hass. Der gegen einen dritten gerichtete Hass zerstört nur mich, er wendet sich gegen mich und bewirkt, dass es mir noch schlechter geht. Die gehasste Person dagegen könnte sich sogar noch an meinem Hass erfreuen, weil ich mich dadurch selber ruiniere.

Besonders absurd wird Hass, wenn er sich in die Vergangenheit richtet. Wenn also der Hass sich gegen eine Person richtet, die für mich in Raum und Zeit unerreichbar ist und die vielleicht von meiner Existenz gar nicht weiß. Wenn die Person zum Beispiel schon tot ist. Dann wird der Hass zur ausschließlichen Selbstvernichtung. Und im letzteren Fall sollten wir über das Stadium der Blutrache doch auch schon hinaus sein.

Der Schluss ist ganz einfach:
Am besten lasse ich den Hass gar nicht in mein Herz und Leben eindringen – dann gebraucht es auch keiner Rache. Und auch die Kraft zum Verzeihen kann ich mir dann sparen. Denn ich brauche die Verzeihung nicht mehr, um meinen Hass zu besiegen.

Die andere Seite des Verzeihen, die heißt dem „Feind“ zu helfen, dass er sich von seinen Schuldgefühlen entlasten kann, wenn die denn vorhanden sind, kann ich dann ganz bewußt einsetzen.

Und werde ab und zu und dann mit innerem Schmunzeln aufs externe Verzeihen verzichten. Warum soll ich jemanden verzeihen, den ich nicht mag – wenn ich mit mir selber im reinen bin und über den Verletzungen stehe, die ich erlitten habe? Die zum Teil doch auch nur in meinem Kopf stattgefunden haben? Innerlich habe ich ja schon verziehen, denn ich hasse ja nicht mehr.

So gesehen ist Nicht-Hassen ein erstrebenswertes Ziel, das gelernt und geübt sein will und wohl und das wohl nur „die Weisen“ und „die Besten“ erreichen. Das viel mit Souveranität zu tun hat. Und die zu gewinnen ist eben nicht so einfach.

Lieben Dank an Klaus für seine beiden schönen Artikel.

RMD

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 6. August 2015

Rache gibt Kraft!

img201 (2)-adjust-contrast-cut-swirlAls ich unlängst in dem Kurzessay ‚Nur Verzeihen befreit’ dargestellt habe, warum wir nach Möglichkeit immer verzeihen sollten, wenn wir innerlich oder äußerlich verletzt wurden – ja es um unser selbst Willen sogar erlernen und üben sollten – war mir schon klar, dass von dem Gegenpol des ‚Verzeihens’, nämlich der ‚Rache’ eine ungeheure Anziehung ausgehen muss, wenn er eine derartige Wirkkraft in der menschlichen Gesellschaft entfalten kann.

Die griffige Formulierung für diese Faszination fehlte mir allerdings!

Umso erstaunter war ich, als ich vor wenigen Tagen genau die gesuchte Formulierung fand. Und zwar in Siri Hustvedts jüngstem Roman „Die gleißende Welt“.

Siri Hustvedt legt sie ihrer Protagonistin Harry in den Mund; sie lässt sie sagen:

Rachegedanken entstehen immer aus quälender Hilflosigkeit. Aus „ich leide“ wird „du sollst leiden“! Und machen wir uns nichts vor: Rache gibt Kraft! Sie fokussiert uns und feuert uns an, und sie unterdrückt das Leid, weil sie die Emotion nach außen kehrt. Im Leid geraten wir aus den Fugen. In der Rache verdichten wir uns zu einer einzigen, auf ein Ziel gerichteten spitzen Waffe. Wie destruktiv sie letzten Endes auch sein mag, eine Zeit lang dient sie einem nützlichen Zweck!

Ich meine, dass Siri Hustvedt mit dieser Aussage genau das Verlockende an der Rache trifft, das uns wie ein Sog zu ihr hinzieht. Aber natürlich erkennt sie auch, wie zerstörerisch Rache letztendlich immer ist. Und leider bestätigen die aktuellen Ereignisse in der arabischen Welt ja jeden Tag aufs Neue, dass Kulturen, die auf Rache und Vergeltung basieren, niemals zur Ruhe kommen werden…

KH