Roland Dürre
Samstag, der 28. November 2015

PM Camp Dornbirn – zwischen Anspruch und Realität?

pmcamp-logo-dornbirnDas PM-Camp in Dornbirn 2015 war auch im Rückblick recht gelungen. Die meisten (eigentlich alle) Teilnehmer haben sich sehr wohl gefühlt und sind hoch zufrieden nach Hause gefahren. Das finde ich toll.

Viele Teilnehmer haben auch unseren Rückmeldebogen genutzt. So haben uns (das Orga-Team) viele konstruktive Rückmeldungen erreicht. Die arbeite ich gerade durch, so wie auch die Twitter-„Timeline“ zu unserer Unkonferenz. Die „Timeline“ kann man unter dem Hashtag #PMCampDOR nachlesen. Was übrigens viel Spaß macht, es ist eine Retrospektive mit vielen nützlichen Links entstanden.

Das Feedback war statistisch wie in den Einzeläußerungen sehr positiv. Das hat dem Orga-Team gut getan. Barcamps sind etwas Besonderes. Sie basieren auf Freiheit, Augenhöhe, Partizipation, Gleichberechtigung. Das kann man auch als „Schwächen“ sehen. Allerdings Schwächen, die mir persönlich sehr gut gefallen. Ein Barcamp lebt aus dem Augenblick. Man kann es nicht steuern, die „Sitzungen“ (Sessions) entstehen im Kontext zum gerade Erlebten. So soll es sein. Und das ist gut so!

Anders gesagt:
Freiheit und Verschiedenheit können auch polarisieren. Es entstehen Schwerpunkte und Annahmen, die nicht immer jedem gefallen. Das muss man aushalten können, so wie auch Freiheit nicht immer leicht zu ertragen ist. Die Toleranz braucht.

Auch die Demokratie hat ihre problematische Seite. Die äußert sich schon in der Frage, wie man Demokratie am besten organisiert? Ich denke an die leidenschaftliche Diskussion  von „direkter Demokratie versus parlamentarischer“ – die eine gilt als die Lösung (wie in der Schweiz) und wird auch als hochgefährlich eingestuft wird (wie bei uns, weil wir glauben, dass das Volk so dumm ist). Und auf der anderen Seite sind viele mit unserer „parlamentarischen Demokratie“ gar nicht mehr glücklich.

Unkonferenzen sind demokratisch. Sie leben ganz besonders von den Menschen, die teil nehmen. Man trifft sich – im Unterschied zu Konferenzen – in einem relativ freien und nur wenig formatierten Raum. So können sich gruppendynamische Entwicklungen ergeben, die nicht jedermann gefallen. Aber jeder hat auch die Möglichkeit, dagegen zu steuern.

PM-Camps sind sehr pluralistische Treffen. Es trifft sich männlich und weiblich, alt und jung, Berufseinsteiger und -aussteiger, erfolgreiche und weniger erfolgreiche, Studierte und welche dies gelernt haben, ernste und lustige Menschen, „nicht so wohlhabende“ und „reiche“ usw. Vielleicht können solche Barcamps ein wenig den Spagat zwischen ICH und WIR schaffen und die Spannung zwischen „individuellen“ und „kollektiven“ Bedürfnissen lösen.

Und wie für Projekte gilt, dass Technologie und Werkzeuge nicht mehr das Problem sind. Auch die vorhandenen Methoden taugen in der Regel mehr oder weniger. Die meisten Projekte scheitern jedoch, weil es „menschelt“. Das ist auch die Gefahr bei barcamps. Man kann nicht allen alles recht machen. So wurden in Tweets wie in den Feedback-Bögen manche Details gleichzeitig sehr gelobt und kritisiert.

Neben den positiven Rückmeldungen gab es auch Kritik und Vorschläge für Verbesserungen. Die Verbesserungsvorschläge werden wir – soweit sie nicht den Prinzipien der Freiheit des Barcamps widersprechen – sehr ernst nehmen. Genauso wie wir uns die Kritik zu Herzen nehmen werden. Allerdings könnte man auch sagen:
Bei einem Barcamp ist manche Kritik des Teilnehmers auch Kritik an sich selber.

Ich liste mal ein paar der Rückmeldungen auf und kommentiere sie:

Positives Feedback:

Die positiven Rückmeldungen sind die große Mehrheit. Obwohl es Spaß machen würde, hier alle zu zitieren, erwähne ich nur ein paar:

Wenn es das PMCamp noch nicht gäbe, müsste man es erfinden!!

Ich komme wieder!

Ich konnte sehr viele Erkenntnisse mitnehmen, Erfahrungen und sehr interessante Bekanntschaften machen!

Weiter so, nicht regulieren!

Die Atmosphäre war sehr vertraut und angenehm, die Gespräche haben auf Augenhöhe stattgefunden!

Da könnte ich so weiter machen – und ganz oft gab es ein

Großes Dankeschön!

und 100 % haben die Frage:

„Würdest Du das PM Camp einem Kollegen / einer Kollegin weiter empfehlen?“

mit JA beantwortet.

Darüber haben wir uns natürlich sehr gefreut. Alle positiven Rückmeldungen werten wir im Orga-Team gewissenhaft aus. Gilt doch für Gemeinschaften, wie für Menschen bei der „Persönlichkeits-Entwicklung“ (oft auch Management oder Führungs-Training genannt), dass man zu erst mal seine Stärken fördern soll und nicht immer versuchen soll, die Schwächen abzubauen. Weil das Zweite meistens eh nicht gelingt und das Erste so viel mehr bringt. So wollen wir auch gerade das, was schon gut ist, noch besser machen.

Ich habe aber auch Beispiele von

negativem Feedback:

das WLAN auf dem Camp war eine Katastrophe …

Ja, das war so. Ich weiß aber, wie sehr sich gerade Stefan im Vorfeld und während der Veranstaltung bemüht hat, an der Uni für eine Verbesserung der Situation zu sorgen. Ich hatte am Vorabend auch noch einen Dialog mit einem der Spezialisten, der mir die Problematik klar machte. An der Uni wurden auch Anstrengungen unternommen, aber sie haben es halt wieder nicht geschafft. Aufgrund hoch komplizierter Sicherheitsaspekte sind die Systeme so aufgesetzt, dass die Techniker es nicht hinkriegen. Natürlich werden wir im nächsten Jahr versuchen, das Thema besser hinzukriegen. Wir sollten aber auch wertschätzen, wie viel die Fachhochschule Dornbirn als Sponsor für uns tut und da ein wenig gnädig sein.

Info zu Parkmöglichkeiten fehlte!
Ja – die lieben Autofahrer 🙂 .

Präzisere Ankündigung der Veranstaltung (Beginn, Ende) auf der Website.
Das kann man natürlich verbessern.

Fotos der Sessiongeber helfen bei der Orientierung.
Leider war „Aebby“ (Eberhard Huber) kurzfristig verhindert, so blieb auch seine Polaroid-Kamera in Baden-Württemberg.

Zu
Ice-Breaking, Moderation und Vorstellungsrunde
waren die Kritiken/Vorschläge sehr gegensätzlich. Die einen wollten eine Vorstellungsrunde, die andern keine. Die einen mehr, die anderen weniger Moderation und/oder „ice-breaking. Ich würde sagen, das war so fifty/fifty.

Viele Gedanken und Verbesserungsvorschläge in den Feedback-Bögen drehen sich um
„Newbees“ und „Klassentreffen von alten PM-Camp’lern) und wie man die Qualitätsverbesserungen von Sessions zum Beispiel durch Coaching-, Mentoring- oder Moderationsangebote erreichen kann.
Eine leichte Mehrheit hat hier eine explizite Unterstützung für Newbees gewünscht, der Rest meinte, dass dies ganz gut „automatisch“ gelungen wäre. Ich meinte auch herauszulesen, dass bei kleineren PM-Camps wie in Barcelona besser gelingt als bei so großen wie in Dornbirn. Also fast indirekt eine Kritik, dass Dornbirn zu groß wird.

Kritik wurde auch an einzelnen Sessions und dem Angebot von Sessions geübt.

Die Sessions waren zu IT-lastig.

Vermisst habe ich die Spiele.

Die Sessions des zweiten Tages sollten mehr auf denen vom Vortag aufbauen.

Prinzip und die Varianten von Sessions sollte im Vorfeld gerade für die „newbees“ besser erklärt werden.

Alles, das den Rahmen für die Sessions verbessert, unterstütze ich. Ich meine aber, dass die Organisatoren sich nicht in den Inhalt der Sessions einmischen sollten. Die gehören den „Teil-Gebern“. Die Organisatoren haben die Chance, durch formulieren des Mottos und Auswahl der Impulsgeber im Vorfeld die Menschen, die an diesen Botschaften interessiert sind oder sich daran reiben wollen zum Kommen zu motivieren. Und das sollte genügen.

Auch Herausforderungen für die Zukunft wurden genannt, hier hat mir eine besonders gut gefallen:

Das hohe Niveau zu halten wird DIE Herausforderung der Zukunft sein.

Das sehe ich auch so!

Nebenbei: Auch im offiziellen Blog der GPM gab es neben (zu) viel Lob einiges an Kritik fürs PM-Camp Dornbirn. Dort hat Reinhard Wagner in einem post vom PM-Camp in Dornbirn berichtet und sich im letzten Absatz doch recht negativ geäußert (… Anspruch konnte das PM Camp nur bedingt gerecht werden. …).
Weil ich hier eine Reihe von Missverständnissen sehe und ich auch persönlich erwähnt wurde, habe ich mich im folgenden mit den Aussagen von Reinhard „dialektisch“ auseinandergesetzt und versuche hier ein paar Dinge richtig stellen.


Hier geht es los mit dem Text des letzten Absatzes von Reinhard im GPM-Blog. Die kursiven Teile sind zusammen der komplette letzte Absatz, den ich 1:1 aus dem Post von Reinhard (RW) kopiert habe. Dahinter mit „normalem“ Font stehen immer meine Kommentare (RMD), so also immer abwechselnd.

(RW) … Das Motto des diesjährigen PM Camp Dornbirn war „Musterbrechen“ (Welche Muster sollten wir im PM brechen und wie kann der Musterbruch gelingen?). Diesem Anspruch konnte das PM Camp nur bedingt gerecht werden. Dies ist aus meiner Sicht auch das Dilemma der gesamten „PM Camp“-Bewegung.
(RMD) Nicht nur das PM-Camp sondern die ganze menschliche Gemeinschaft hat dieses Dilemma, dass Veränderung nicht in dem Masse  gelingt wie dies notwendig oder zumindest wünschenswert wäre. Das belegt die aktuelle Geschichte (Kriege, Terrorismus, Zerstörung des Planeten …).
Mein Problem mit den Sätzen von Reinhard ist, dass ich als Anspruch eines PM-Camps eigentlich nur sehe, a) ein guter Gastgeber zu sein und b) die „richtigen Teilgeber“ zu finden. Das ist auch das Ziel des Orga-Team Dornbirn für „unser“ PM-Camp. Und wie ich meine auch der der gesamten „PM-Camp-Bewegung“.
Jedes Jahr besprechen wir im PM-Forum (unser strategisches Organ aller PM-Camps), wie wir das am besten hinkriegen. Da treffen sich die Vertreter der regionalen Orga-Teams (die operativen Veranstalter, die die Camps machen) und des Kern-Teams (die normative Ebene der Gründer). In dieser Klausur tauschen wir aus, wie wir es besser machen können, dass Ihr – unsere Gäste und Besucher – noch besser Wissen austauschen, Konsens finden und Erkenntnis gewinnen könnt.
Das Orga-Team eines PM-Camps hat vor allem die Rolle des Gastgebers. Es sucht Sponsoren und finanziert so gemeinsam mit den Beiträgen der Teilnehmer/Teilgeber die Veranstaltung. Ergänzend versuchen wir durch gedankliche Anregungen (im Vorfeld ein Motto wie zum Beispiel die Metapher des „Musterbrechen“) und auf dem Camp durch Impulsvorträge (das Was) und Vorschläge zur Methodik (das Wie) das Gelingen zu fördern, ohne aber den Kern eines barcamps zu gefährden. Wir sind achtsam bemüht, dass nicht klammheimlich aus der „Unkonferenz“ eine Konferenz oder Kongress wird.
Zur Erinnerung:
Ein PM-Camp ist nichts anderes als ein Barcamp, dass sich besonders an Projekt Manager, Manager, Unternehmer, Führungskräfte richtet, eigentlich an alle Menschen, die bereit sind Verantwortung für Zukunft zu übernehmen. Es gibt diesen eine Plattform zum Austausch und unterstützt so die Vernetzung.

(RW) Die „jungen Wilden“ (sorry Roland Dürre) wollen sich „krampfhaft“ von den etablierten Größen der Branchen, allen voran die GPM, das PMI oder die PRINCE2-Community abgrenzen.
(RMD) Zu den jungen Wilden: Da sehe ich mich ja nicht mehr ganz so. Mit dieser Metapher habe ich manch jungen start-up gemeint. Die legen schon ganz anders los, als ich es von „etablierten Unternehmen“ gewohnt bin. Und wenn ein Start up mal so richtig Erfolg hat, dann ganz gewiss nicht, weil er in Projekten denkt.
Aber zurück zum Text: Allein schon die Wortwahl „etablierte Größen der Branche“ zeigt die problematische Positionierung von Reinhard. Ich sehe die „PM-Camp-Bewegung“ in keiner Rivalität mit „etablierten Größen der Branche“. Denn wir sind eben kein Verband. Wenn, dann sind wir eine Alternative für die, die sich in einem freien Rahmen treffen wollen, um Wissen und Erfahrung auszutauschen. Auf einem PM-Camp regt man sich gegenseitig zum Nachdenken an. Da treffen sich die ICHs „als Teil vom“ WIR. Das hat nichts mit einem Verband oder ähnlichen Strukturen zu tun. Auch deshalb darf und wird das Orga-Team keine proaktive Empfehlungen geben.
Die „PM-Camp-Bewegung steht übrigens in enger Abstimmung mit openPM, dem offenen Portal mit Plattform zum freien Austausch für alle Projekt Manager. openPM ist ein gemeinnütziger Verein, den ich auch nicht in Rivalität zu den „etablierten Größen“ sehe. So hat auch openPM nichts mit den genannten Vereinen/Verbänden zu tun.
Ich persönlich hüte mich deshalb vor Vereinen und Verbänden, weil in meiner Wahrnehmung diese sich oft im Besitz der „Wahrheit“ wähnen, diese in „Gesetz- und Regelbücher“ fest schreiben und und dann Lehren und so ihr (vieles) Geld verdienen. Da grenze ich mich ab, aber nicht krampfhaft sondern einfach eindeutig im Sinne von klar.

(RW) Das Muster „agil“ versus „traditionell“ wird allzu oft bemüht. In fast allen Diskussionen wird immer wieder der Vergleich „Industriezeitalter ist alt und schlecht“ versus „Informationszeitalter ist jung und gut“ bemüht, das gleiche wird auf „Wasserfall“ versus „Scrum“ usw. übertragen.
(RMD) Hier hat Reinhard wohl etwas falsch verstanden. Mag sein, dass es da vor Jahren Fronten gab. Um diesen Unsinn zu beenden, starteten wir in 2011 in Dornbirn ein PM-Camp mit dem Motto „Brücken bauen“.
So habe ich auf dem PM-Camp in Dornbirn kaum Konflikte „agil“ versus „traditionell“ oder ähnlich wahrgenommen. Im Gegenteil, alle die ich gehört habe – auch die Impulsgeber – haben betont, dass alles seine Rechtfertigung hat, man sich nur gut überlegen muss, was man wann und für welchen Zweck einsetzt.
Ich meine eh, dass zu „agil“ alles was wichtig ist im „agile manifesto“ geschrieben wurde. Das, was dort steht, ist eine Empfehlung, den „gesunden Menschenverstand“ in „Redlichkeit“ zu nutzen. Und das ist doch keine Methode? Sondern eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Genauso wie, dass man in Projekten viel falsch machen kann.

(RW) Ein Vortrag sprach sich gegen alle Regeln und „Muster“ aus und propagiert ein paar Folien weiter, dass man ja keine Projekte machen solle (#noprojects).
(RMD) Wenn hier der Impuls von Robert Weisgräber gemeint war, so war das einer der besten Vorträge, die ich seit langem gehört habe. Auch die Rückmelde-Statistik belegt dies. Aber vielleicht ist die Metapher von #noprojects nicht ganz so einfach zu verstehen. Dass man keine Projekte machen soll, habe ich so aber nicht raus gehört. Viel mehr, dass man sich gut überlegen soll, was man tut.

(RW) In einem Workshop zur „Lebendigkeit von Organisationen“ wird versucht, die Wirkmechanismen einer solchen Organisation aufzuzeigen. Auf meine Frage, ob wir das mal am Beispiel der – leider sehr erfolgreichen – Organisation des Islamischen Staates aufzeigen können wird dies brüsk abgelehnt mit dem (Totschlags-)Argument, das passe jetzt gar nicht hier rein.
(RMD) 
Natürlich können Aussagen in Sitzungen nicht immer allen Teilnehmern gefallen. Das hat etwas mit Demokratie zu tun. Ich halte es aber auch für nicht zielführend, die IS als sinnvolles Fallbeispiel zu diskutieren. Nicht nur, weil das mir die IS eine kriminelle faschistische Organisation zu sein scheint (Auch das dritte Reich war faschistisch. Und trotzdem hat der „GröFaZ“ mit agiler Kriegsführung der etablierten Generalissima das Fürchten beigebracht).
Aber natürlich hätte Reinhard Wagner eine eigene Session zu IS machen können oder vielleicht präziser formuliert zum Thema „Moderner Guerillakrieg von faschistoiden Organisationen als erfolgreiche Methode im Kampf gegen militär-technisch überlegene Armeen“. Die hätte ich allerdings nicht besucht (oder wenn, dann nur um mein Unverständnis auszusprechen).

(RW) Schließlich versuchte ein Teilnehmer, das Cynefin-Framework zu diskutieren. Diese endete dann mit der Einteilung, dass alle Ingenieure und Betriebswirtschaftler auf der rechten Seite zu verorten seien (simple oder komplizierte Systeme), wohingegen die Software-Entwickler die kreativen Wilden, also auf der linken Seite des Frameworks zu finden sind. Das bringt natürlich keinen wirklich weiter.
(RMD) 
Auch hier geht es um den Inhalt einer Session. Das hat nichts mit dem PM-Camp Dornbirn zu tun. Ich sehe es persönlich aber ähnlich wie Reinhard Wagner und halte die ganze Diskussionen zu kompliziert/komplex, links/rechts, blau/rot mehr oder wenig für esoterischen Humbug. Wobei man aus falschen Annahmen und falschen Schlüssen durchaus richtiges ableiten kann …

(RW) Statt Muster zu brechen, werden alte Klischees in ein neues Gewand gepackt.
(RMD) 
Den Satz verstehe ich nicht. Aber das pauschal vom PM-Camp Dornbirn zu behaupten empfinde ich schon als starken Tobak. Mir klingt diese irgendwie nach Kulturpessimismus. Ich gestehe aber zu, dass unsere Gesellschaft daran leidet, dass wir immer wieder die alten Muster bemühen. Und Phantasie und Kreativität eher verdrängen. Vielleicht führen hier Reinhard und ich dieselbe Klage.

(RW) Schließlich stellt sich mir die Frage, was die PM Camps mit ihrem Anspruch in der Praxis erreichen wollen.
(RMD) 
Nochmal: PM-Camps bieten einen Rahmen, der es den Menschen ermöglichen soll, sich zu treffen, im Vertrauen zu kommunizieren, Wissen zu teilen, Erkenntnis im redlichen Diskurs zu gewinnen. Es gibt keinen Zweck-Anspruch von Seite der Organisatoren des Camps. Wenn dann geht es darum, dass die Menschen, die kommen, sich gegenseitig größer machen – und eben nicht kleiner wie in vielen Lehrsystemen. Ich gehe aber davon aus, dass „Wissen teilen“ und vom „Gegenüber“ zu lernen für die Praxis meistens wertvoller sind als der Erwerb von Zertifikaten oder schlimmer die „Zertifizierung der Welt“.

(RW) Auf meinen Workshop-Impuls zu „Projektmanagement für soziale Zwecke“ gab es zwar viel Diskussion und begeisterte Redebeiträge, …
(RMD) Frage: „Was ist ein begeisterter Redebeitrag?“! 🙂

(RW) … auf meine Frage, wer nun was konkret machen will, waren alle ziemlich schnell (zum Mittagessen) verschwunden.
(RMD) 
Ist doch sinnvoll. Dazu hätte man ja den zweiten Tag für konkrete Sessions dazu nutzen können._

(RW) Zugegeben, es ist auch bei der GPM ziemlich schwer, die Mitglieder zur Umsetzung des Besprochenen zu bewegen.
(RMD) 
Ich wüsste nicht, warum es bei der GPM einfacher sein sollte als im täglichen Leben.

(RW) Hier erweist sich allerdings, ob es bei „Sonntagsreden“ bleibt, oder den „schönen Worten“ auch konkrete Taten folgen.
(RMD) Schon Seneca hat gesagt „Philosophie heißt nicht Reden sondern handeln“. Und das wir alle viel reden und nichts tuen sehen wir ja nicht nur bei der Veränderung des Klimas durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen. Aber auch hier entdecke ich eine Gemeinsamkeit mit Reinhard.

(RW) Das würde ich mir wünschen, aber vielleicht bleibt das auch nur ein frommer Wunsch zu Weihnachten 🙂
(RMD) Mein (weiß nicht ob frommer) Wunsch nicht nur zu Weihnachten ist, dass die Menschheit ein wenig weiser werden würde.


Auch wenn ich viel Gegenrede halte, möchte ich mich bei Reinhard explizit für seinen Artikel bedanken. Vielleicht ist das ein Beginn für eine leidenschaftliche und wunderbare Diskussion zur Frage:
Wie viel Verbände und Vereine brauchen wir wirklich?
Weil mir da eine ganze Reihe für überflüssig erscheinen und ich mir mehr von Graswurzelbewegungen erwarte.

RMD

P.S.
Die Überschrift dieses Posts ist nicht von mir, sondern vom post vom Reinhard übernommen.

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. November 2015

Die Lawine oder die unschickliche Abkehr von der Hydraulik

Carl und Gerlinde (Folge 46)

Typisch! Immer wenn Carl Zuspruch benötigte, war niemand daheim. Nach einem erwartungsvollen Hallo drückte er daher missmutig die Haustür zu.

ZZZZZimg213Auf der Ablage in der Diele klebte immerhin eine Notiz:
‚Sortiere Winterklamotten in der Bürgerhalle. Komm doch nach! Wird spät. Küsschen Gerlinde’.

Hm-Mist! Statt einem freundlich aufgehellten Gesicht drängte nur die übliche Novemberschwärze vom Garten ins Wohnzimmer. Das letzte Stück Himmel verkrümelte sich schamrot hinter der gelben Tamariske. Mehr Himmel war auch nicht nötig, den brauchte Carl jetzt wirklich nicht. Eher schon das Fegefeuer oder die Hölle…

Noch in der Diele fiel ihm die Tasche aus der Hand. Den Trenchcoat und die Schuhe pfefferte er verdrießlich in Richtung Kleiderablage.

Scheißtag, stöhnte er zum dritten Mal und langte automatisch nach der Brandy-Flasche! ‚Carlos I’! Angewidert fischte er sich ein Glas über der Hausbar und warf sich ächzend auf die Wohnzimmercouch. Teilnahmslos starrte er auf sein Spiegelbild in der nachtschwarzen Scheibe der Terrassentür. Beim ersten ‚Carlos’ prostete er sich noch zu.

Beim zweiten ärgerte er sich bereits wieder, dass sein verdammtes Kleinhirn immer noch um das Gesabber der Konzernleitung in der heutigen Besprechung kreiste und auch nicht von dem Beruhigungsgelaber der ‚regierenden Märchentante’ los kam, die durch ihr beharrliches ‚Wir schaffen das – Wir schaffen das – Wir schaffen das’, unbeirrt den schon seit zehn Jahren andauernden Tiefschlaf in ihrem Reich weiter aufrecht zu erhalten versuchte.

Ja – vermutlich war sie sogar selbst das ‚Dornröschen‘!

Was aber nicht einmal der ehrgeizige Prinz Seehofer im flüchtlingsüberfluteten Bayern wusste: denn sonst wäre der niemals so enttäuscht gewesen, dass sie überhaupt nicht aufwachen wollte und nichts mitbekam, was ringsum in ihrem Reich geschah.

Dabei hatte er sich so bemüht und sie ganze zwanzig Minuten vor dem gesamten bayrischen Hofstaat neben sich stehen lassen, um allen zu zeigen, dass sie sehr gut durchhielt, wenn er das Kommando übernahm und regierte und sie stehend neben ihm  weiterschlafen konnte – wie bisher…

Und wahrscheinlich wäre Carl nach dem vierten ‚Carlos’ auch entschlummert, wenn er nicht versehentlich mit der rechten Hand auf die Fernbedienung seines Fernsehers getappt wäre und mit einem Mal einen aufgeregten Fernsehmoderater vor sich gehabt hätte, der ziemlich böse auf einen abwesenden Schäuble eindrosch, weil dieser völlig unschicklich aus der ‚hydraulischen Kollektivsymbolik’ der Bundespolitik bei der Beschreibung des Flüchtlingsthemas ausgebrochen war.

Und der – ach wie schlimm, auf einer vom Moderator kurz eingeblendeten Veranstaltung, den überbordenden Flüchtlingszuzug nach Deutschland mit einer ‚Lawine’ verglich, die ein unvorsichtiger Schifahrer an einem Steilhang ausgelöst haben könnte, indem er unbedacht etwas Schnee bewegt hatte: eine Lawine, von der im Moment niemand wusste, ob sie bereits im Tal war oder erst im oberen Drittel des Hanges.

Schlimm sei das! Menschenunwürdig und katastrophisch sei dieses missratene Bild, so der auf Mainstream gebürstete Moderator! Und total schief sei dieser Vergleich! Schließlich sei die Kanzlerin – ganz im Gegensatz zu dem ehemaligen Alpinisten Schäuble – noch nie alpin in Erscheinung getreten, sondern ausschließlich als Langläuferin und da nur in Niederungen!

Übel, so der Moderator, sei dieser vollkommen unerwartete lawinöse Ausbruch des Finanzministers, aus der von allen Parteien und Medien akzeptierten ‚hydraulischen Kollektivsymbolik’!

Und was das zu bedeuten habe, fragte er, dass Schäuble dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt inszeniere, wo die Kanzlerin spürbar in der Bevölkerung und Partei an Zustimmung verliere? Rüttle da jemand nachhaltig an ihrer Richtlinienkompetenz? Zeigten sich da nicht nur zwischen CSU und CDU tiefe Risse, sondern selbst schon innerhalb der CDU? Ja sogar in der großen Koalition?

Was sei da los? fragt der Moderator offensichtlich nicht nur sich selbst, sondern auch in Richtung Carl, der aber statt einer Antwort mit einer Gegenfrage konterte: Nämlich mit der Frage, ob er, der superkluge Herr Moderator wisse, wie viel Gläschen Brandy er, Carl, schon intus habe: waren das nun vier, fünf, sechs oder sieben? Denn er selbst wisse das nicht mehr.

Dabei sei die Beantwortung dieser Frage für ihn viel wichtiger, so Carl zum Moderator auf dem Bildschirm, als der ganze Lawinenzauber! Denn diese Antwort entscheide letztlich, ob er, Carl, es wagen konnte, jetzt noch in die Bürgerhalle zu gehen und vor die strengen Augen seiner ‚Winterklamotten sortierenden Gerlinde’ zu treten, um vielleicht endlich auch etwas Konkretes für die Flüchtlinge zutun.

Oder aber, ob er Gesichts wahrend lieber daheim bleiben und nichts Praktisches tun sollte? Dafür aber morgen, wenn er wieder nüchtern war, wie bisher eine Lösung nach der anderen klugscheißerisch in die Welt posaunen sollte – zu diesem schwierigen hydraulischen Flüchtlinsthema, das plötzlich von der Politik auch lawinös angegangen wurde…

Hm – wahrlich eine schwierige Entscheidung, sagte sich Carl, die auf keinen Fall vor dem nächsten ‚Carlos’ entschieden werden sollte. Oder?

KH

Roland Dürre
Dienstag, der 24. November 2015

Weltkrieg III

Flag the Islamic State of Iraq and the Levant

Flag of the Islamic State of Iraq and the Levant

Zum Terrorismus gäbe es viel zu sagen. Aber aus meiner Sicht wird da häufig das Falsche geschrieben. So ist mir Vieles unverständlich, was ich anlässlich der Attentate von Paris gehört und gelesen habe. Manches wurmt mich, weil es mir so flach und unreflektiert erscheint.

Mich stört auch die Reaktion auf und der Umgang unserer „Eliten“ mit den Ereignissen und der aktuellen Situation.

Ich finde es schlimm, dass die Ursachen für die Entwicklung vergessen und auch nicht nachgefragt werden. Haben wir doch seit Jahrhunderten eine ausgeprägte koloniale Situation in dieser Welt. Die reichen Länder beherrschen die armen, beuten sie aus und vergewaltigen sie förmlich.

Dies hat sich beginnend noch vor dem „langen 19. Jahrhundert“ über die Neuzeit hinweg bis in die Jetztzeit nicht geändert. Auch die „Unabhängigkeit“ der Unterdrückten hat da nicht nichts verbessert. Mag sein, dass im 21. Jahrhundert die Methoden vielleicht ein wenig sublimer erscheinen als im 19. und 20. Jahrhundert. Das bedeutet aber nur, dass sie nicht mehr so augenfällig sind wie früher. An Effizienz betreffend des Maß an Ausbeutung haben sie aber nicht verloren, im Gegenteil.

Dies hat einen großen Haufen von Zunder in die Welt gebracht. Die Politik der letzten Jahrzehnte – im übrigen nicht nur des Westens und auch nicht nur der USA – hat dann den vorhandenen Zunder auch noch mit Brandbeschleunigern angereichert. Und spätestens die Reaktion des „Westens“ auf 9/11 war das Zündholz, dass alles in Brand gesetzt hat.

Aber was machen die Franzosen jetzt? Die selben Fehler wie der Westen sie seit längerem macht. Sie bomben ganz schnell mal richtig kräftig zurück. Und treffen dabei natürlich auch (und wahrscheinlich vor allem) zivile Gebäude und Krankenhäuser. Und so eben auch Kinder, Frauen und unschuldige Zivilisten. Wie das halt bei solchen Angriffen ist. So wird in das Feuer gleich noch mal kräftig hinein geblasen und für Terroristennachschub gesorgt.

Mich stört auch, wie mit unterschiedlicher Elle gemessen wird. Nicht lange vor den Attentaten in Paris wurde von der IS ein russischer Flieger in die Luft gesprengt. Mit über 200 Toten. Die Menschenopfer im russischen Flieger wurden aber sehr gelassen hingenommen. Wo blieb da die Betroffenheit und die Trauerminuten – und die russischen Fahnen in Europa? Ich muss gestehen, ich kannte die russischen Farben bis dahin gar nicht. Bin ich ja westlich des eisernen Vorhangs aufgewachsen.

Andere Anschläge wie z.B. der in Beirut werden gar nicht zur Kenntnis genommen. Weil wir an diesen bestenfalls mit unserer Lüsternheit nach Sensationen und Katastrophen interessiert sind.

Bei den Anschlägen in Frankreich war aber alles anders. Warum eigentlich? Da kamen die Solidaritätsadressen zu Hauf. Überall gab es Schweigeminuten, die Avatare im Internet leuchteten in den französischen Farben. Weil wir Angst haben, dass dies in Berlin oder München auch passieren könnte?

In den Zeitungen ist das schon am Morgen nach den Attentaten gesteigert worden. Die haben gleich vom dritten Weltkrieg gesprochen, der jetzt da wäre. Beim Bäcker am Samstag nach dem Attentat habe ich in den Zeitungen eine Reihe solcher Schlagzeilen gesehen. Und vorgestern las ich, dass die „Welt sich im Kampf gegen den Terrorismus formiert“ (SZ vom 22. November).

In meinem Leben habe ich viele Menschen gut gekannt und gemocht, die verstorben sind. Manche durch Alter und Krankheit. Andere sind in den Alpen geblieben, einer kam von einer Flugreise nicht zurück.

Seit meiner Kindheit erreichen mich aber immer wieder vor allem die Toten, die auf den Straßen sterben. Das war die größte Anzahl und bei mancher Verlust traf mich sehr tief. So erinnere ich mich an eine junge und so lebensfrohe Frau, die ganz kurz bei InterFace Computer war. Schon nach einer Woche blieb am Montag morgen ihr Arbeitsplatz leer. Sie war am Wochenende in ihrer Heimat im Saarland und hatte auf dem Rückweg nach München eine Autopanne. Wie sie ausgestiegen ist wurde sie auf einer Autobahn-Einfahrt einfach tot gefahren. Einfach so. Wie ein Wild.

Sind Verkehrsopfer weniger schmerzlich als Kriegstote? Ist das nicht seltsam, dass wir die Verkehrsopfer vergessen. Warum trauern wir nicht jeden Abend für die Toten des Verkehrstages?

Man kann den Schmerz über den Verlust eines Menschen nicht be – oder aufrechnen. Aber ich glaube nicht, dass der Unterschied so groß ist, wenn ein lieber Angehöriger auf der Heimfahrt überfahren wird oder in einem Café bei einem terroristischem Anfall stirbt.

So haben wir tatsächlich einen „World War III“. Und zwar seit vielen Jahrzehnten. Die Verkehrsflächen sind die aktuellen Schlachtfelder. Denn auf den Straßen des Planeten sterben jährlich 1,3 bis 1,4 Millionen Menschen – aller Klassen und Nationen. Dazu kommt ein mehrfaches an Schwerverletzten und Verletzten. Wenn das kein Krieg ist?

In Deutschland sind es immer noch weit über 3.000 Verkehrstote pro Jahr. In meiner Jugend gab es Jahre, da waren es über 20.000 – und das allein in der BRD. Wir haben also tatsächlich in Deutschland auch in diesem Krieg einen Fortschritt erzielt, aber noch lange keinen Frieden erreicht. Auch 3.000 sind zu viel und die genannte Zahl ist im Steigen.

Um die große Zahl zu verstehen gehe man mal einfach zu einem Fußballspiel mit 3.000 Besuchern und stelle sich vor, dass die alle tot in Autos oder auf den Straßen liegen würden!

Wahrscheinlich sterben auch in Europa an jedem Fussball-Wochenende Fans oder Spieler auf dem Wege zum Spiel ihres Vereines. Wen interessiert es? Vor ein paar Wochen gab es in der WWK-Arena in Augsburg immerhin eine Schweigeminute für bei der Anfahrt verunglückte Fans des FCA.

Aber warum gibt es keine keine Trauerminute für unsere Verkehrstoten und die der Welt? Weil niemand das Gemetzel auf den Straßen interessiert. Und weil das Geschäft Priorität hat.  Wie übrigens auch beim Terrorismus.

So gibt es keinen internationalen Aufschrei und keine Brandreden von Politikern für einen humanen Verkehr. „Keine Welt formiert sich“ gegen die Toten im Straßenverkehr so wie im Kampf gegen den Terror. Und den Nationalregierungen ist es für mich unverständlicher Weise auch völlig egal.

Mit einer Ausnahme: Das kleine Land Schweden bemüht sich ernsthaft um eine Vision Zero und will seine Straßenverkehrstoten definitiv auf Null bringen – Respekt!

Der IS dagegen besteht aus Verrückten, die erst mal den nahen Osten und dann die Welt erobern wollen. Die ein Terror-Regime aufgebaut haben, dass mich an das der Nazis erinnert. Obwohl sie wohl derzeit die stärkste Formation des Terrors sind, sind sie aber schwach. Man könnte sie recht einfach austrocknen.

Aber was machen wir?

Wir kaufen ihnen Öl ab. Weil es billiger ist. So befindet sich in jedem Tank unserer Autos metaphorisch ein Anteil IS-Sprit. Ihre Waffen und Ausrüstung bekommen sie auch von uns. So holen wir unser „Ölgeld“ wieder zurück. Und wir bescheren diesen Verbrechern  auch noch den Zulauf von weiteren Menschen aus aller Welt. Ist das nicht ein Skandal?

Aber wir verdrängen den real existierenden dritten Weltkrieg und bagetellisieren auch noch die Klimaveränderung. Die den vierten Weltkrieg verursachen könnte!

Ich meine, es gibt gute Gründe, der Wissenschaft zu glauben. Gerade wenn unterschiedliche Disziplinen und Schulen zu den selben Ergebnissen kommen. Wie es ausschaut werden die Schäden durch die Klimaveränderung noch viel wesentlicher sein als die vielleicht 75 Millionen Verkehrstoten seit des Endes des zweiten Weltkrieges.

Der dann auf uns zu kommende Umweltkrieg wäre dann wohl der vierte Weltkrieg. Der wird dann wohl auf zwei Ebenen Verluste bringen: Die Opfer, die die sich die Natur mit immer mehr werdenden Katastrophen auf verschiedenen Ebenen holt. Und die anderen, die im Kampf der „frühen Verlierer“ gegen die scheinbar „noch nicht Verlierer“ fallen werden.

Und natürlich hoffen wir auch hier wieder, dass wir nicht die „early looser“ sind. Leben wir doch glücklicherweise in einer „klimatisch so begünstigten Zone“. Ist das nicht schändlich? Und irren wir uns da vielleicht nicht?

Aber auch hier gibt es keine Aussicht auf Programme und gemeinsames Handeln. Nirgendwo, weder national oder weltweit. Dabei ist die ja in wenigen Wochen startende Umwelt-Konferenz in Paris wohl wirklich die allerletzte Chance, das Schlimmste abzuwehren.

Aber wir ignorieren den real existierenden dritten Weltkrieg auf unseren Straßen genauso wie den drohenden vierten bedingt durch klimatische Veränderungen. Dafür machen wir uns mit unserer Angst vor Terrorismus vor der doch eher lächerlichen IS in die Hose. Anstelle diese einfach ganz souverän aus zu trocknen und uns um die wichtigen Dinge zu kümmern.

RMD

P.S.
Die Fahne ist aus Wikipedia. Sie ist schwarz, die Farbe des Todes. Erstellt wurde das bild am 15. Oktober 2006 und hochgeladen von Russavia.

Ich meine, wir sollten uns vor schwarzen Fahnen hüten. Ich mag im übrigen gar keine Fahnen. Wenn es aber unbedingt sein muss, dann sind mir persönlich die lebensfrohen Fahnen in bunten Farben lieber!

 

Roland Dürre
Montag, der 23. November 2015

Die Arcis-Vocalisten – 22. 12. 2015 !!!

Und wieder mal mache ich Reklame in IF-Blog – für die einzigartigen Arcis-Vocalisten!

Warum?

Weil sie so eine einzigartige Musik machen und weil ich die Evelyn mag, die da mit vollem Herzen dabei ist!

22.12. evelyn arciss

Also Hingehen!

RMD

P.S.
Für IF-Blog-Leser, die das Konzert besuchen wollen, gibt es ein kleines Zuckerl …
Einfach bei mir melden mit Stichwort Bach-Oratorium.

Jetzt bin ich wieder zu Hause aus Dornbirn und im Wochenende angekommen. Es war eine starke Woche. Zuerst zwei Nächte in Nürnberg mit einem langen Tag auf der #DOAG2015 und dann Donnerstag bis Samstag ein ganz starkes PM-Camp in Dornbirn #PMCampDOR. Die beiden Hashtags verlinken übrigens auf die Tweets zu den beiden Veranstaltungen, es lohnt sich das anzusehen.

Auf der DOAG 2015 durfte ich ja letzten Mitwoch wieder einen Vortrag halten:

„Kreativer Raum – gesunder Raum!“

Hier das Bild vom Christian und meine Kurz-Skizze zum Vortrag.

"created by Christian Botta"

„created by Christian Botta“

Heute: Arbeitssituation in Unternehmen scheint oft unerfreulich, es gibt (viele) Mitarbeiter, die innerlich gekündigt haben, Gehalt wird nur noch als Schmerzensgeld empfunden. Aber zum „Love it, change it or leave ist“ reichen Mut und Kraft halt nicht mehr.

Sinnlose Besprechungen, Gefühl der Machtlosigkeit, Burnout sind das Ergebnis. Dagegen will man etwas tun, siehe auch BGM (Betriebsgesundheitsmanagement).

So ist Wandel ist allerorten, Konferenzen werden von Unkonferenzen abgelöst, ich gehe lieber auf Barcamps…

Und ich präsentiere hier die Geschichte meines Vortrages. Eine Kurzfassung musste eingereicht werden. Dann die Präsentationsunterlagen. Auch Folien sollte ich einreichen. Hatte aber kein. Weil ich immer frei spreche.

Der Christian Botta von VisualBraindump hat von meinem Vortrag ein Bildprotokoll gemacht. Danke!

Heute hätte ich den Vortrag vielleicht „Komplexität, Innovation und Burnout in Unternehmen“ benannt. Wäre ein schönerer Titel gewesen als der in den Unterlagen. Oder auch „Über das artgerechte Halten von Menschen“. Weil es im Prinzip um das selbe ging wie beim „key speaker“ Gunter Dueck.

Los ging es mit den Eindrücken für den Vortrag zu Anfang des Jahres. Da hat Dietmar Neugebauer (Präsident der DOAG) hat mich angefragt, ob ich im November wieder einen Vortrag halten auf seiner Konferenz halten würden. Das habe ich gerne gemacht. Dann kamen die Denkanstöße. Das eine war OpenInnovation bei der InterFace AG gemeinsam mit FAU Nürnberg, Lehrstuhl Prof. Möslein. Bei der Abschlussveranstaltung des Projektes ein Vortrag von Dora zu „kreativen Räumen. Anschließend konnte ich mir ein gutes Bild machen, wie Räume (und Organisationen) „aussehen“ müssen, die Innovation möglich machen – physisch wie virtuell. Sie haben wohl etwas mit Partizipation, Respekt, Augenhöhe, Kultur, Muster brechen, Freude und Glück zu tun.

Ein paar Wochen hatte ich ein Interview mit Dr. Marius Poersch. Marius ist als Psychologe leitender Arzt in einer Klinik, die auch  viele Burnout-Fälle versorgt. Er möchte nicht nur „Reparaturbetrieb“ sein, sondern erforscht auch, was Menschen und Organisationen machen können, damit burn-outs minimiert werden können. Nach seinem Vortrag konnte ich mir gut vorstellen, wie so ein „burnout-freier“ Raum aussehen müsste.

Verblüffend, aber eigentlich logisch ist das Ergebnis: Die Räume sind genau die selben. Der von Dora beschriebene „Raum“, der Innovation ermöglicht, ist genau derselbe wie der von Marius, der uns gesund erhält.

Was sind jetzt aber die Ursachen für den Frust, den wir erleben? Wir vermuten, es ist die Komplexität, die uns Angst macht und die in der Folge entstehende Bürocracy unserer Gesellschaft, die versucht eine fragwürdige Sicherheit zu geben?

Einschub:
Als Beispiel für eigenen Frust als Unternehmer (Weil bei Oracle und in Nürnberg) die Geschichte von DocuMaker und der Bundesagentur für Arbeit, Misserfolg durch unsinnige Regeln, der Oracle-Middleware-Produkt-Manager kennt das Produkt nicht, Vorhersage zu Oracles Zukunft nach Larry Ellision … Viel Frust, viel Verlust für alle. Gott sei dank für uns nicht Distress, weil der Gewinn Oystress gewesen wäre.

Annahme: Eine komplexe Welt im schnellen Wandel macht uns Schwierigkeiten. Dazu kommen die Prozesse, Regeln, Protokolle, Prozesse, die die Komplexität bewältigen sollen aber vor allem uns das Leben schwer machen.

Einschub:
Bericht vom PM-Camp Berlin (Komplex versus Kompliziert)

Da wurde auch viel abstrakt diskutiert über den Unterschied zwischen komplex und kompliziert. Nach Niels Pflaeging ist es ganz einfach: Solange es nur kompliziert ist, können uns die klassischen Methoden des Projekt Management und Lösens von Problemen helfen. Aber nicht mehr, wenn es komplex wird.

Ich meine, dass es so einfach nicht ist. Habe eine Session mit Maik Pfingsten (Blogger, PoD-Cast) gehalten und mich an der Definition von Maik für Komplexität erfreut (aus Sicht des Systemingenieurs)

x – Achse: Grad an Kompliziertheit
y – Achse: Tempo der Veränderung

Je mehr von beidem, desto „komplexer“.

Ich habe das erweitert um die
z-Achse: Maß in dem es im Projekt menschelt.

Also: Je komplizierter, dynamischer und je mehr es menschelt, desto komplexer …

Aber:
Seneca: Philosophie heißt nicht reden sondern handeln.

Also:
Was können wir tun? Wenn es sehr kompliziert wird, wenn die Dinge sich immer schneller ändern und es immer stärker menschelt?

Hier gibt es keine Kochrezepte oder Best Practice, auch keine Methoden und Techniken, nur ein paar Dinge zum Nachdenken.

Ingenieure, Software-Männer, Techniker
Euch verweise ich auf das: Agile Manifesto (2001)

Unternehmer, Manager, Führungskraft
Hans Ulrich – 8 Thesen zum Wandel im Management (1982)

Einschub:
Hans Ulrich

Hier stichwortartig die „8 Thesen zum Wandel im Management“ von Hans Ulrich mit ebensolchen Anmerkungen:

  1. Ungewissheit und Unvorsehbarkeit der Zukunft als Normalzustand akzeptieren!
    Zukunft ist halt nicht vorsehbar …
  2. Die Grenzen des Denkens weiter stecken!
    Gegen „Das geht doch nicht“ oder “Das haben wir immer schon so gemacht” sein. Die Freiheit der Gedanken nicht unterdrücken. Wissen teilen.
  3. Sich in den Kategorien “Sowohl-Als-auch” an Stelle von “Entweder-Oder” bewegen!
    Schwarz-weiß ist out, Bunt ist in.
  4. Mehrdimensional denken!
    Sittlich verantwortete Güterabwägung, Menschen können eigentlich immer nur drei Gedanken parallel behandeln.
  5. Selbstorganisation und Selbstlenkung als Gestaltungsmodell für die Unternehmung verwenden!
    Verantwortung, Subsidiarität
  6. Managen als Sinn gebende und Sinn vermittelnde Funktion auffassen!
    Neues Managementbild.
  7. Sich auf das Wesentliche konzentrieren!
    Arbeitsökonomie.
  8. Gruppendynamik ausnutzen!
    Kulturen, Symbole, Riten, Rituale …

Als Mensch:
John Izzo – 5 Dinge, die Sie vor Ihrem Tode berücksichtigen sollten

Hier empfehle ich die Lektüre der Rezension des gleichnamigen Buches.

Oder auch die Erfahrungen der Bonnie Ware:

Hier ihre 5 gelernten Dinge aus der Betreuung von Sterbenden:

  1. „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben“
  2. „Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet“

  3. „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken“

  4. „Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten“

  5. „Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein“

Das sind die 5 Einsichten, die Bonnie Ware bei der Begleitung von Sterbenden gesammelt hat. Ich meine, da kann man doch auch einiges Lernen fürs Leben lernen …

Das hilft alles aber nichts, wenn Sie nicht bereit sind, zu leben. Da fehlt noch etwas.

Einschub:
Ein Mentée von mir arbeitet bei Osram: Da kriselt es eh. Ein ziemlich unsinnig anmutender Umzug vom 60igerStadion nach Garching kommt dazu. Mein Mentée lebt in Unterhaching, sein Arbeitsweg vervierfacht sich. Er spürt seine schlechte Laune.
Er kommt schlecht gelaunt zu Arbeit und schlecht gelaunt nach Hause. Dialog: Wie geht es Deinem Chef? – Der ist gut gelaunt! – Was macht er anders als Du? – Der radelt jeden Morgen von Trudering nach Garching! – Radel doch auch! – Geht nicht! – Geht nicht gibts nicht!
Dann hat er sich ein e-Bike gekauft und ist auch jeden Tag geradelt. Und seitdem kommt er gut gelaunt im Büro und wieder zu Hause an. Und fühlt sich wieder soviel besser …

Vereinfacht:

Unser Körper braucht Bewegung und frische Luft. Und Zeit in der Natur. Und das kann man ganz einfach haben – nämlich mit aktiver Mobilität im Alltag. Siehe auch AktMobCmp.

Auch Seneca hat gelehrt:
Lebe im Einklang mit der Natur.
(Seneca war ein Lehrer, der seine Schüler erfolgreich und glücklich machen wollte. Leider war das nie das priore Ziel meiner Lehrer).

Wer will sein Leben in den Griff kriegen, wenn er es nicht mal schafft, seine eigene Mobilität in den Griff zu kriegen? Und Autofahren bringt eben nicht Freiheit noch ist es eine Erfüllung unseres Lebens …. (Auch wenn es uns in einem gigantischen Brainwash von einer scheinbar übermächtigen Industrie so eingeredet wird).

Also: Wir brauchen wir eine regelmäßige und schöne Bewegung!

Aber nicht so, wie ich es nach einem Kinobesuch im Eldorada in der Sonnenstraße erlebt habe. Mit Tränen in den Augen kam ich aus dem wunderschönen Film „Die Kinder der Mme Ann“. Und stellt Euch mal vor, gegenüber im 1. Stock ist ein Fitness-Studio. Mit großen Scheiben … Und man sieht dort hell erleuchtet wie im Schaufenster Menschen, die da ihr „work out“. Nach dem Motto Work Hard, Play Hard, WORK OUT …

Für mich ist das eine grauenhafte Vorstellung. Fitness geplant wie das ganze Leben. Also, auf zum Leben ändern! Und es geht. Denn wie Seneca sagt:

Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen ist es schwer.

RMD

P.S.:
Im Vortrag habe ich noch zwei Einschübe gebracht – über den Terrorismus und über die Flüchtlingssituation. Und kurz mögliche Ursachen für beides erwähnt, aber vor allem beschrieben, warum ich mit unserer Reaktion auf und unserem Umgang mit beiden Problemen so gar nicht zufrieden bin. Meine Gedanken diesbezüglich werde ich aber in zwei eigenen Artikeln in der nächsten Zeit ablegen.

Unser Bäcker in Putzbrunn

Unser Bäcker in Putzbrunn

Am Wochenende genießen wir den Tag und beginnen mit einem besonderen Frühstück. Dazu radele ich zum Bäcker, der noch echte Brezen backt.

Im Südosten Münchens kenne ich da nur noch zwei. Die sind in Taufkirchen und in Putzbrunn. Von meinem Heim in Neubiberg zur Bäckerei Schlank in Putzbrunn sind es knapp 3 km, zur Bäckerei Götz nach Taufkirchen sind es um die 7 km.

Beides sind schöne Radwege. Gerade bei gutem Wetter ist die Radfahrt zum Bäcker ein guter Start in den Tag. Da radel ich an Backstuben vorbei. Die Brezn und anderes Zeug aufwärmen. Das aber nicht schmeckt. So sind diese auch meistens leer. Bei meinen beiden Bäckern dagegen muss (gerade am Wochenende!) eine lange Warteschlange durchstehen. Meistens sind so um die 30 Menschen vor mir dran. Und bis die ihre Wünsche so artikulieren, das dauert dann doch ziemlich.

Auf der Straße vor diesen beiden Bäckereien ist immer ein ziemliches Verkehrschaos, verursacht durch um Parkplätze konkurrierende Autos. Wobei da besonders die alten Herren und jungen Damen in den SUVs keine Gnade für Mensch und Natur kennen und alles überrollen. Man muss immer aufpassen, wo man sein Fahrrad abstellt …

Der gestrige Samstag (14. November 2014) war der Tag nach den Anschlägen und Angriffen in Paris. Da bin ich auch wieder zum Bäcker geradelt. Und kam so gegen 9:00 an, zu der Zeit an der es normalerweise am schlimmsten ist. Und hatte mich schon auf die übliche Wartezeit in der Schlange eingestellt.

Aber denkste! Keine SUVs! Keine Autos auf den Parkplätzen! Im Geschäft totale Ruhe. Alles wie ausgestorben. Und ich kam sofort dran.

Die ganze Rückfahrt musste ich darüber nach denken, was der Grund dafür gewesen sein könnte. Es ist mir aber nicht eingefallen. Irgendwie komme ich immer nicht auf das Naheliegendste!

Später habe ich mit meinem Freund Christian von VisualBrainDump telefoniert. Und ihm von dem von mir erlebten Phänomen berichtet. Der hat die Antwort sofort gewusst:

Klar, die sind doch heute alle vor dem Fernseher.

Das ist doch absolut plausibel. Nur, darauf wäre ich nicht gekommen. Ist das nicht krass. Da passiert was in der Welt. Und was machen meine deutschen Mitbürger. Sie lassen Ihre SUVs stehen und schauen sich die Sensationen lüstern am nächsten im Fernsehen an.

Heute morgen am Sonntag war dann alles wieder normal und ich stand wieder in der Warteschlange.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 12. November 2015

Das größte Projekt der Welt?

Heute (12.11.2015) in der SZ finden wir im Bereich „Wissen“ einen Artikel zu einem Megaprojekt mit der Überschrift „Indien verknüpft seine Flüsse“ von Robert Gast. Ich zitiere ihn mal hier:

Indien verknüpft seine Flüsse

Um die Wasserreserven des Landes gleichmäßiger zu verteilen, sollen in Indien 30 Kanäle und 3000 Wasserspeicher entstehen. Dazu müssten einen halbe Million Menschen umziehen.

Noch im Dezember will die indische Regierung die Umsetzung eines gigantischen Infrastruktur-Projekts vorantreiben. In den kommenden Jahren ist der Bau von 3000 Wasserspeichern und 30 Kanälen auf einer Länge von insgesamt 15 000 Kilometern geplant. So sollen 37 Flüsse auf dem Subkontinent miteinander verbunden werden. Das gut 150 Milliarden Euro teure Vorhaben ist eine Reaktion darauf, dass es in einigen Regionen Indiens extrem viel regnet, während es in anderen oft extrem trocken ist. Der Westen und Norden des Landes kämpfen regelmäßig mit Überflutungen. Bundesstaaten im Osten und Süden des Subkontinents leiden hingegen immer wieder unter Dürre.

KrishnaRiverSeit mehr als zehn Jahren verfolgt Indien daher den Plan, die großen Flussbecken des Landes miteinander zu verbinden. Auch sollen vor allem im Himalaja Flüsse gestaut werden. So wollen Ingenieure überschüssiges Wasser speichern und bei Bedarf in trockene Landesteile leiten. 174 Billionen Liter sollen pro Jahr umgeleitet werden. Bauern könnten dann ihre Äcker auch in trockenen Zeiten bearbeiten, argumentiert die indische Behörde für Wasserentwicklung, die den Kanalbau vorantreibt. Daneben ist geplant, Wasserkraftanlagen mit einer Gesamtkapazität von 34 Gigawatt zu installieren.

Das Projekt stößt allerdings auf Widerstand in der Bevölkerung. Mehr als eine halbe Million Menschen müsste vermutlich umgesiedelt werden, schätzte Upali Amarasinghe vom International Water Management Institute 2008 in einer Studie. Umweltschützer finden, das Projekt greife zu stark in die Natur ein. Zum Beispiel im Tigerreservat Panna. Im Rahmen des Kanal-Projekts ist nämlich geplant, den Fluss Ken zu stauen, und ihn über einen 230 Kilometer langen Kanal in den Betwa-Fluss zu leiten. Dadurch aber würden Teile des Nationalparks geflutet und 1600 Familien müssten weichen. Zudem würden die 32 Tiger des Reservats von anderen Schutzgebieten abgeschnitten. Die indische Regierung ist dennoch entschlossen, das Projekt zu verwirklichen. Im September wurde bereits eine neue Wasserstraße zwischen den Flüssen Krishna und Godavari im Südwesten Indiens eingeweiht.

Dieser Artikel hat mich aus vielen Gründen interessiert. Zum einen könnte dieses Vorhaben das größte Projekt der Welt sein. Zum anderen gibt es weltweit viele solche Projekte, die Wasser besser nutzbar machen wollen und gewaltige geographische Veränderungen. Denn Wasser wird immer wertvoller. Und vielleicht hat Indien gar keine andere Wahl, denn dieses Projekt bietet ja auch eine Chance, besser mit den zu erwartenden klimatischen Veränderungen wie langen Dürre-Perioden und Extrem-Niederschlägen fertig zu werden.

Nur klingt das für mich den Planeten betreffend alles nicht so nachhaltig. Vielleicht können Indien und die vielen anderen Staaten, die ähnliche Projekte planen, dadurch ihr Kollabieren um ein paar Jahrzehnte aufschieben. Aber letzten Endes erinnert mich das so ein wenig an die „Quartalsdenke“ der Konzerne. Nur dass die Quartale in der Politik ein wenig länger sind als drei Monate und vielleicht dort einem 5-Jahres-Zeitraum entsprechen.

Zumindest sollten wir parallel zu solchen Projekten, die vielleicht sein müssen, wieder versuchen, die schlimmsten Zerstörungen, die wir unserem Planeten in den letzten 100 Jahren zugefügt haben, wieder zu heilen.

RMD

P.S.
Zum Autor:
Robert Gast, Jahrgang 1984, ist Redakteur im Wissensressort der Süddeutschen Zeitung. Er hat Physik studiert und eine Diplomarbeit über Gammastrahlung aus dem Weltall geschrieben. Anschließend hat er ein neunmonatiges Stipendium der „Initiative Wissenschaftsjournalismus“ durchlaufen, die Naturwissenschaftler zu Journalisten ausgebildet hat. Ehe er zur SZ kam, hat er in der Redaktion der Zeit Station gemacht, sowie bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Stuttgarter Zeitung, der Deutschen Presse-Agentur dpa und bei Spektrum der Wissenschaft. 2013 erhielt er den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (Kategorie Nachwuchs).

Das Bild: Krishna River Gorge by Srisailam, Andhra Pradesh, India, 13 January 2008, own work of Zeman, the file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Roland Dürre
Dienstag, der 10. November 2015

„Unrechtmäßiger Wohlstand“ und „Besitzstandwahrung“ …

… die beiden unglückseligen Geschwister!

sinaSina Trinkwalder hat am 8. November in Facebook folgendes geschrieben.

Man muss sich einfach mal hinsetzen und realisieren: Dass, was derzeit in Deutschland geschieht, ist nicht „wie 1933“.

Damals gingen die Menschen einem Rattenfänger hinterher, weil Massenarbeitslosigkeit herrschte. Sie gingen auf die Straße, in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Heute gehen die Menschen Rattenfängern hinterher, obwohl offiziell bei 2,6 Mio gemeldeten Erwerbslosen Vollbeschäftigung herrscht. Sie gehen auf die Straße, aus Angst, sie müssten einen Krümel ihres unrechtmäßigen Wohlstands abgeben.

Das ist der Unterschied. Beides ist nachvollziehbar. Beides zu verurteilen. Und gegen beides muss sich eine soziale Gemeinschaft stellen.

Ich konnte es nicht lassen und habe kommentiert:

Mir gefällt der Begriff des „unrechtmäßigen Wohlstands“ sehr gut. Und es wäre gut, wenn wir diesen durch schrittweises Reduzieren unserer „Wohlstandsreserve“ endlich korrigieren würden. Für mich ist das „Autofahren“ übrigens eine gute Metapher für unsinniges Wohlstandsverhalten. Da könnte man mit dem Verzicht gut anfangen … siehe auch #aktmobcmp.org

Darauf bekam ich folgende Antwort:

Verstehe ich das richtig: wer als Autobauer arbeitet, ist dann ein „unrechtmäßiger Wohlstandsprofiteur“?

Wieder konnte ich es nicht lassen und habe ein wenig polemisch geantwortet:

Der Schluss „wer als Autobauer …“ ist natürlich so gesehen logisch/dialektisch mehrfach falsch. Für mich ist jeder der sich mehr von der Welt nimmt als ihm zusteht, ein „unrechtsmäßiger Wohlstandsprofiteur“. Und ich fürchte, da gehören wir alle dazu, die hier so klug schreiben. Betreff Auto: Ich meine schon, dass man sein Können, seine Kreativität wie auch seine Intelligenz heute für wichtigere Themen als für das Bauen von Autos einsetzen sollte. Immerhin töten Autos weltweit mehr als 1,3 Millionen Menschen und zum Beispiel in Bayern generiert der motorisierte individuelle Verkehr (die Autos) mehr Kohlendioxid pro Kopf der Bevölkerung als nur zur Bewahrung des aktuellen Zustandes zulässig wäre.

Aber in der Tat meine ich, dass der von Sina in die Diskussion eingebrachte Begriff vom „unrechtmäßigen Wohlstand“ eine Schlüsselbedeutung hat. Den habe ich bisher noch nie so verwendet, er hat mir einen „Stich“ gegeben.

Ich meine, dass man ihn erweitern sollte zu einem „unrechtmäßigen Kollektiv-Wohlstand“. Und sich immer wieder in Erinnerung rufen muss, dass letzten Endes unserem Handeln wesentlich das Ziel die „Wahrung unseres Besitzstands“ und die „Beibehaltung oft unsinniger (und manchmal schädlicher) Gewohnheiten“ zu Grunde liegt.

Wenn wir aber so weiter machen, werden wir aber wahrscheinlich in ganz wenigen Generationen eine mir lebenswerte Welt verlieren. Und das gefällt mir nicht, weil ich mich irgendwie als Teil eines ganzen – auch in der zeitlichen Dimension – sehe.  Könnte übrigens gut sein, dass wir unsere schöne Welt schon verloren haben …

RMD

Dr. Andreas Zeuch war bei uns. Im IF-Forum am 29. Oktober. Mit

ALLE MACHT FÜR NIEMAND

Wir durften ihn

LIVE ERLEBEN!

Für die, die nicht dabei sein konnten, gibt es hier seinen Vortrag übers „DEMOKRATISCHE UNTERNEHMEN“ als Video:

Viel Spaß beim Anschauen!

ZeuchAlleMachtRMD

P.S.
Andreas Zeuch ist auch Autor verschiedener Buches so auch von
Alle Macht für Niemand – Aufbruch der Unternehmensdemokraten

 

CLOU/HIT in der InterFace Connection

Oder:

Wie Wolf und ich es dann selber machten.

Beim PM-Camp Berlin habe ich von vier Projekten aus der Vintage Zeit berichtet, die für mich sehr wichtig waren. Und hier angekündigt, dass ich alle vier auch in IF-Blog beschreiben werde.

if-logoProjekt 4

Jetzt kommt die Geschichte zum vierten Projekt:

Schon vor 1983 hatte ich keine Lust mehr, für andere zu arbeiten. Ich war damals noch bei Softlab. Dort konnte ich mein einseitiges Wissen – es bestand bis auf ein wenig SNA (IBM) überwiegend aus Siemens-Technologie – erweitern und lernte weitere IBM-Technologien aber vor allem auch die Technik von verschiedenen Systemen der „Mittleren Datentechnik“ kennen.

Das waren Maschinen, die je nach Speicherausbau aus zwei bis drei Teilen groß wie Bosch-Kühlschränke bestanden. Also viel kleiner und auch einfacher als Mainframe. Die waren damals groß in Mode und so gab es zuhauf europäische und nicht-europäische Wettbewerber mit mit unterschiedlicher und oft sehr proprietärer Technik. Kienzle und Nixdorf waren bei diesen aufstrebenden MDT-Unternehmen auch dabei und damals wurde allein in einer Stadt wie München ein und dieselbe Branchen-Software von verschiedenen Unternehmen parallel für verschiedene Technologien entwickelt.

Softlab war mit Sicherheit damals eines der innovativsten deutschen „Software-Häuser“. Sie hatten auch ein proprietäres System, das berühmte PET-Maestro. Für mich war das das erste System ohne den Frust des permanenten Datenverlusts, den das Pet-Maestro arbeitete auch schon zeichenweise – und jedes Zeichen wurde sofort auf die Platte geschrieben. Bei Reset erfolgte so immer ein aktueller Warmstart – und nichts war futsch! Es war eine Erlösung, das Zittern vor Datenverlust beim Arbeiten zum Beispiel mit EDT oder EDOR war vorbei.

Auch sonst lernte ich bei Softlab viel Neues. Aber auch im kaufmännischen Bereich: Wie man Angebote möglichst risikofrei formuliert, wie man mit den VB’s der großen Unternehmen (Bull, ICL, IBM, Nixdorf, Siemens) klüngelt (ohne die großen ging es damals schon nicht) oder – und wie man Studien schreibt. So wurde ich zum Papiertiger (das hat nichts mit paper tiger, der namhaften freien chinesischen Theaterbewegung zu tun). Und damals war es schon so, dass man als Papiertiger (noch) bessere Stundensätze bekam denn als Programmierer. So weiter gestärkt, wollte ich es selber machen. Alleine traute ich mich nicht. Also ging ich auf Partnersuche. In meinen Kreisen suchte und identifizierte ich Menschen, die mir sympathisch und fähig vorkamen. Und die vielleicht auch gründen wollten. Da gab es einige. Aber immer wieder klappte es nicht.

Bis der Wolf (Geldmacher) kam. Wolf war deutlich jünger als ich. Er war fachlich Spitze. Und wir sahen die Dinge ähnlich. Das soll heißen, dass sich unsere Werte, Erwartung, Interessen und Bedürfnisse gegenseitig sehr gut ergänzt haben. Ich war so mehr der Old-Style-Programmierer – und der Wolf hatte die Ahnung, von allem was in der IT modern und neu war. Und Wolf war absolut der Qualität verpflichtet. Und wenn einer Menschenverstand hatte, dann war es der Wolf. Und das sind wohl die wichtigsten Dinge: Fachliche Ahnung, Menschenverstand und Qualitätsbewusstsein. Dann muss man nur noch ein netter Kerl sein …

So gründeten wir in Kurzform die InterFace Connection. Die InterFace hat Peter Schnupp auf uns vererbt, die „Connection“ war unser Begriff. Das wollten wir gemeinsam mit unseren zukünftigen Mitarbeitern sein, eine „Connection“, die zusammen hält und gemeinsam erfolgreich wird. So gründeten wir 1983 das Unternehmen und starteten am 1. April 1984 das Geschäft.

Das Projekt von dem ich berichte, ist aber nicht das Unternehmen, sondern die Entwicklung unseres Produkts. Und ein Produkt wollten Wolf und ich aus zwei Gründen haben: Zum einen waren wir überzeugt, dass ein Produkt etwas ist, auf das man stolz sein kann. Dass ein Produkt eine Identität schafft. Und dass ein Produkt besser skalierbar ist, als Dienstleistung.

Außerdem gaben wir dem damals sehr gut funktionierenden „Body Leasing“ keine Zukunft. Wir glaubten nämlich noch an die Gesetze, und uns war als Gründer ziemlich klar, dass die übliche Form von Body Leasing genau das schon damals war, das dem AÜG folgend ganz einfach ungesetzlich war.

Schnell war uns klar, dass damals Unix die richtige Basis für zukünftige Produkte wäre. Wir waren uns auch rasch einig, dass ein auf Unix so ziemlich alles fehlte, was man für die Nutzung von Rechnern bei Unternehmen bräuchte. Und dass da ganz besonders ein Textsystem fehlen würde. Und dass man auf Unix mit seinen neuen Datensichtgeräten (im raw oder cooked mode) und gerade mit der Sprache c zuerst mal eine komfortable Schreibmaschine relativ zügig entwickeln können müsse.

Weil wir vor der Herstellung und dem erfolgreichen Vermarkten eines Produktes großen Respekt hatten, begannen wir die Entwicklung des Produktes in Kooporation mit InterFace Computer. Wir hatten sehr schnell einen kleinen Erfolg im Umfeld von SINIX (dem Unix von Siemens) und so verlagerte sich die Entwicklung zu uns und InterFace Computer übernahm die Portierungen wie auch den Vertrieb im „Restmarkt“.

Und wir hatten ganz schnell ein zweistelliges Team von ganz jungen Leuten. Das waren in der Regel Studenten. Sie mussten programmieren können und sympathisch sein. Und trotz der Doppelbelastung Arbeit und Studium zweiteres durchziehen. Alles andere war uns egal.

Da Wolf und ich (gemeinsam mit ein paar jungen fest angestellten Informatikern mit akademischen Abschluss durch besagtes Bodyleasing (mit Stundensätzen zwischen 150 – 120 DM) die Entwicklung finanzierten, waren die jungen Menschen ziemlich frei. Gesteuert wurden sie von unserer „Assistentin“ Heidi (Kaindl). Die Heidi hatte die Jungs gut im Griff und passte gut auf, dass die auch arbeiteten. Wolf und ich waren nur in kurzen Meetings mit den Jungens zusammen (bald nach der Gründung kamen dann auch Frauen dazu).

Der Wolf hatte damals die Rolle eines SCRUM-Masters und mehr (obwohl es damals SCRUN noch lange nicht gab. Er erklärte dem Team, was Qualität wäre. Und dass sie die Qualität eben nicht für unsere Endkunden, nicht für unsere Vertriebspartner für Siemens und auch nicht für die InterFace Connection machen würden, sondern zuerst mal als ehrliche Programmierer für sich. Und Wolf hatte hohe Ansprüche und war streng. Wenn jemand nicht fähig oder willens war, die Qualität zu bringen, gab es keine Zukunft bei der „Connection“. Wolf beschützte aber auch das Team, wenn z.B. ich auf Ressourcen spechtete. Und setzte auch die notwendigen Investitionen durch.

Meine Aufgabe war vielleicht die des Product Owners. Zumindest am Anfang. Ich musste als Jugendlicher Stenographie und Schreibmaschine schreiben lernen. Stenographie habe ich geliebt, es ist eine wunderschöne Art zu schreiben. Weil es nicht gegen die Hand geht, wie die normale Schreibschrift. Aber die Schreibmaschine haßte ich. Und ich wusste genau, wie eine gute Editier-Maschine aussehen musste. Das hatte ich dann auch in Gründerzeiten aufgeschrieben.

Wie es komplizierter wurde und z.B. CLOU mit seiner „embedded sql“ dazu kam, gab ich die Rolle des Product-Owners an unsere Kunden ab. Und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Denn die Kunden konnten uns tatsächlich sagen, wie sic sich eine automatisierte Bausteinverarbeitung vorstellten. Und haben uns den weiteren Weg gewiesen.

Eine Regel war, dass alle Mitarbeiter – bis auf Heidi – programmieren konnten. Die Heidi war unsere erste und wichtigste Kundin. Sobald die erste Version von HIT verfügbar waren, haben wir ihr den „vi“ und die für Bürobetrieb geschriebenen „nroff-makros“ weggenommen, und sie musste mit HIT arbeiten – sehr übrigens zu ihrem Unwillen. Den so schlecht war die vi-Lösung nicht. Später hat sie dann aber trotzdem ihren HIT lieben gelernt. Wen wundert es, sie hat ihn ja auch mit gebaut!

Alle anderen Kollegen im HIT-Team mussten „hands-on“ legen können. D.h. jeder musste programmieren, Fehler suchen und vor allem „co-working“ (Team-Arbeit) können.

Wir benutzen ganz früh Werkzeuge, lange bevor diese in den breiten Einsatz kamen. Aber nur sinnvolle wie „lint“ zur Kontrolle der Qualtitiät unseres Codes oder „sccs“ für die Source-Code-Verwaltung. Ich bin mir sicher, das wir immer wieder die ersten in München waren. Auch einen „tracker“ und automatischen „built“ hatten wir früher als fast alle anderen. Aber nie gab es eine Planungssoftware. Wie wir auch „bürocrazy“ nach Kräften mieden.

So waren alle im Projekt Programmierer. Die tatsächlich unter sich absprachen, wer was entwickelte. Es waren sehr verschiedene Typen dabei. Es gab auch den Wunderprogrammierer, nicht nur scherzhaft „Gott“ genannt. Die erste Regel war aber, dass es ein Team ist. Dass jeder für jeden da ist. Es galt immer, „einer für alle, alle für einen“. Nie wurde jemand im Stich gelassen. Und wenn man nicht mehr weiter wusste, hat man sich an seinen Kollegen gewendet. Es gab so kein explizites pair-programming, weil dies selbstverständlich war und quasi automatisch funktionierte. So gab es immer mehrere, die sich auch in den Sourcen der Kollegen aus kannten. Das war wie ein überlappendes System, das irgendwie ganz von selbst ohne viel Worte funktionierte.

Natürlich hatten wir ein komplizierte System in Entwicklung mit unheimlich vielen Modulen, Schnittstellen, Werkzeugen, APIs …. In der Summe entstand eine riesige Anzahl von lines of code. Es gab Module wie für die Virtualisierung von Keyboards, Teminals oder Drucker. Wir hatten den ersten National Language Support entwickelt, der dann in die UNIX-Implementierung von X-Open einging. Wir hatten komplizierte und gefürchtete Module und langweilige. Ab und zu mussten wir Fehler den von uns genutzten Compilern finden.

Das Team hat immer unter sich ausgemacht, wer welche Aufgabe anpackt. Unsere Werkbank – meistens aufgebaut auf OpenSource-Komponenten zur Source-Code-Verwaltung, für den Built und den teilweise automatisierten Test, für die Portierung auf die vielen Zielsysteme, die die Unix-Welt damals anbot, alles war Teil des Projekts. Das ging hin zur Produktion der im Quartals-Rhytmus erscheinenden Kundenzeitung, HITNews, von Fachliteratur, der Konzeption der Kurse. Alles wurde im Team gemacht, jeder brachte sein bestes ein.

Natürlich gab es auch gelegentlich mal Situationen, wo vielleicht der eine oder andere überfordert war. Weil er noch nicht die Erfahrung hatte oder er die Aufgabe einfach unterschätzt hatte. Aber dann hat ihm ein Kollege ihm geholfen. Immer gab es den richtigen. Und wenn es notwendig war, dann kam eben „Gott“.

Natürlich hatten wir verschiedene Rollen in den Teams. Jeder war ein Projekt Manager und für die zugesagten Termine verantwortlich. Der eine mehr, der andere weniger. Jeder war Quality Manager, der eine mehr, der andere weniger. Natürlich gab es so etwas, wie einen ersten Ansprechpartner für unsere Kunden und unsere Partner. Der wurde gemeinsam bestimmt („wer kann es am besten machen“), er ist aber als Programmierer im Team geblieben. Aber im Prinzip hat jeder Entwickler die Fragen der Kunden beantwortet. Da die einfach bei uns ins Büro rein kamen. Die zentrale Klingel erklang, Und wer zuerst ans Telefon ging, hatte den Kunden in der Leitung.

Natürlich gab es Kollegen, die sich mehr um die Integration, die Planung, die Konfiguration und Built-Thematik, das Manual … gekümmert haben. Aber alle waren immer voll fachlich im Team drin.

Aber alle haben immer weiter programmiert. Und immer für Qualität gesorgt. Zum Beispiel weil sie automatische Testumgebungen einfach als Teil des Projektes gebaut haben. Es war eine total geteilte Verantwortung.

Mit dem Erfolg haben wir Lehrer für unser Produkt HIT/CLOU gebraucht. Die ersten Jahre haben alle Entwickler unsere sämtlichen Schulungen gehalten. Sie haben genauso die Kurse für Endnutzer wie Fachanwender, Systemleute und Programmierer. Selbst die zentralen Leute wie Friedrich Lehn, der „Vater“ des CLOU, hat Kurse gehalten und Anfängern das Programmieren mit CLOU beigebracht.

Gelegentlich hat das den Entwicklern nicht gefallen. Das Entwickeln wäre doch viel wichtiger. Aber die Kurse liefen gut (weil die Kollegen eben wussten, von was sie redeten und das manche „didaktische“ Schwäche mehr als ausgeglichen hat). Das tolle war aber, dass unsere Kollegen so immer erlebt haben, was der Kunde eigentlich will und braucht! So wurde der Kunde im Gesamt zum „Product Owner“.

Die Kollegen sind aufgrund dieser interdisziplinären Aufgaben fachlich und menschlich in einem enormen Tempo gewachsen – menschlich wie fachlich aber auch vertrieblich. Es war oft unglaublich, wie junge Studenten schon innerhalb wenigen Monaten zu selbstbewussten Experten wurden.

Ohne es zu formulieren, hatten wir schon damals im Team verstanden, dass es darum geht, alle Menschen im Team und im Unternehmen größer und nicht kleiner zu machen. Und an allen Dingen zu beteiligen und partizipieren. Wir haben gewusst, dass wir uns sehr hohe Ziele, oft kühne Ziele setzen mussten, sonst hätten wir das Produkt nie gestemmt. Aber uns war auch klar, wie wichtig es gerade dann ist, eine starke Fehlertoleranz zu leben. Dass nie der Kollege im Team oder der Kunde der Feind oder Gegner sein darf, sondern nur die zu lösende Herausforderung oder die Widrigkeit der Umstände.

Wolf und ich waren das „Management“. Wir waren aber mehr wie Besucher in unserem Unternehmen. Nach 8 – 10 Stunden am Tag Beratungszeit beim Kunden haben wir uns bei unseren „Mitarbeitern“ zu Hause im Büro ausgeruht. Die waren alle unsere Freunde, da haben wir uns wohl gefühlt. Und die Kollegen haben uns gezeigt, was sie wieder alles tolles geschaffen hatten. Wir haben unsere Rückmeldungen gegeben und sind dann wieder in den nächsten Beratungstag verschwunden.

Und immer wenn wieder ein schönes Ergebnis erreicht wurde, haben wir alle gemeinsam gefeiert. Es war die schönste Zeit meines Lebens. Wir haben damals soviel gelernt. Auch wie oft das normale und konservative Denken Blödsinn ist. Zum Beispiel wollte ich unseren Kunden immer Termintreue bieten. Und musste Lernen, dass das Unsinn war.

Denn wenn Du wirklich Innovatives schaffen willst, lernst Du immer wieder, dass Termine keinen Sinn machen. Es funktioniert einfach nicht. Wenn der Termin einfach nicht gehalten werden kann, dann geht es nur darum, dass die Kommunikation klappt und man Lösungen findet, wie man den Bedürfnissen der Kunden gerecht wird. Denn wenn alle an einem Strick ziehen und gemeinsam erfolgreich sein wollen, gibt es immer eine Lösung – und siehe da, es geht immer.

Ich höre schon die Einrede:
Na ja das mag ja bei einem kleinen Projekt gehen? Aber bei einem großen?

Klar waren wir eher weniger als 50 Menschen. Aber genau die gleichen Projekt sind nicht nur bei einem Großkonzern gescheitert. Dort wurden dann oft fünf mal so viele oder noch mehr Menschen eingesetzt. Teure, erfahrene, hochqualifizierte. Und es hat nicht funktioniert.

Ich meine, es geht so auch in großen und sehr großen Projekten, wenn viele solche tollen Teams vernetzt und im good will vereint zusammenarbeiten.

RMD