Roland Dürre
Sonntag, der 28. Februar 2016

Von der Digitalisierung zum Thermomix

img_1872ThermomixHeute heißt das Zauberwort schlechthin „DIGITALISIERUNG“. Und wahrscheinlich ist das wirklich der wichtigste Begriff der Jetzt-Zeit. Denn die Digitalisierung verändert unser Leben mit hohem Tempo und großer Intensität. Sie ist mindestens mit der  Industrialisierung zu vergleichen, die vor Jahrhunderten einen Sturm der Veränderung über die Kontinente dieser Welt gebracht hat.

So ist der digitale Wandel das zentrale Thema in einer globalen Welt. Sogar im satten und reichen Bayern hat man ein „Zentrum Digitalisierung.Bayern“ erschaffen, auf dessen Website es sich zu schauen lohnt. Dieses Zentrum wurde von Ministerpräsidentens Gnaden ins Leben gerufen und im Haushalt des Freistaates mit einem 10-stelligen Betrag ausgestattet. Damit will man im Freistaat den Anschluss an die weltweite Entwicklung halten oder präziser gesagt, den in wichtigen Bereichen verlorenen Anschluss wenn möglich wieder herstellen.

Ich mag den Begriff der „Digitalen Transformation“ am meisten, fühle ich mich doch als „IT-Pionier der 3. Generation“ und habe als Programmierer wie später als Software- und IKT-Unternehmer mein Leben lang ursächlich an der „digitalen Transformation“ mitgewirkt.

Um diese zu verstehen, empfiehlt es sich wie immer wenn es um Sprache geht, den Begriff als „Gattungsbegriff“ zu sehen und sauber in Unterbereiche zu zerlegen. Von der Transformation betroffen ist sicher die Produktion. Hier wurde die Veränderung ja schon mit dem (ein wenig lächerlichen) Begriff „Industrie 4.0“ gelabelt. Die Digitale Transformation betrifft aber alle Bereiche des organisierten Lebens, ob es um Wirtschaft, Administration und Verwaltung, unsere Mobilität und Kommunikation, den Handel oder die Medien geht. Und natürlich berührt sie auch unser soziales Zusammenleben und verändert unserer kognitiven Fähigkeiten. Wer kann noch rechnen (ohne Taschenrechner) und welcher junge Menschen findet sich noch in der Stadt zurecht (ohne GPS)? So verändert sie unser Leben – individuell wie kollektiv.

Der digitale Wandel wird über das Wohl und Wehe der Welt entscheiden und so auch nicht vor unserer Haustür halt machen.

Jetzt kommt er auch in die Küche. Natürlich nicht mit dem selbstbestellenden Kühlschrank, wie ihn die Märchenerzähler vom Internet der Dinge seit Jahren beschwören. Die haben aber keine Ahnung, denn Innovation funktioniert eben genau so nicht.

Nein, die Digitalisierung kommt auch in der Küche auf ganz leisen Pfoten daher. Zuerst Mal zum Beispiel als Kochbox. Und nicht als Roboter, der die Kartoffeln schält und nach dem Essen den Tisch abräumt.

Vor kurzem habe ich ein Gerät gefunden, dass ein wenig in die „Richtig digital“ geht. Es ist die neue Version des Thermomix, der sein Rezept aus dem Internet bekommt (in der aktuellen Version zwar noch über einen UBS-Stick) und dann den Menschen durchs Kochprogramm führt und anleitet.

RMD

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 25. Februar 2016

Das Dvorak Requiem

ZZZimagesSie war froh.
Und er war froh.
Die Dvorak ging mit ihm – und er mit ihr – zu Margots Geburtstagsfeier.
Erst vor zwei Tagen war er mit der Dvorak auf ‚ihrem Requiem’ gewesen.
Er fand das lustig.
Sie nicht.
Das Dvorak Requiem war unbeschreiblich gewesen! Der Chor gewaltig und die Musik erschütternd wie das Ende der Tage.
Aber soweit war es noch nicht.
Margot war Siebzig geworden und wollte feiern. Ihr Mann war längst tot, und die alten Freunde wurden immer weniger.
Mit dem Golfhotel hatte sie eine feine Adresse gewählt. Leckeres Essen war garantiert. Alles andere wär eine Enttäuschung gewesen. Die Dvorak freute sich darauf. Sie aß für ihr Leben gern. Natürlich mit Folgen! Ein lebenslanger Kampf! Aussichtslos!

Dienstag siebzehn Uhr fünfundvierzig bei ihm, hatten sie gesagt.
Um achtzehn Uhr begann das Fest.
Zwei Stunden vorher rief er die Dvorak an.
Keine Reaktion.
Wahrscheinlich noch unterwegs. Oder sie duschte.
Viel zu schnell griff er gleich wieder zum Hörer.
Nichts!
Wo blieb denn ihr Anruf? Das tat sie doch sonst immer.
Er versuchte es noch etliche Male auf ihrem Handy.
Dumme Pute wollte er sagen. Konnte er aber nicht. Hatte ja keine Verbindung.
Schließlich gab er auf.
Unruhig und enttäuscht fuhr er alleine los…
Aber vielleicht musste sie ja überraschend zu ihrer krebskranken Tochter. Oder ihr uralter Vater wollte plötzlich doch sterben.
Oder sie musste sich erlösen von all’ dem Übel und war neben dem Glas Rotwein eingeschlafen.
Da hätte er nicht stören mögen.

Als er der Erste auf dem Fest war – hatte er Gewissensbisse.
Er hätte doch länger auf die Dvorak warten sollen. Sie wär bestimmt noch gekommen.
Margot war überrascht, dass er sie nicht mitbrachte.
Und seine Frau auch nicht. Aber das wusste sie ja.
Ach, die Dvorak kam bestimmt noch. Die hätte sich sonst auf jeden Fall abgemeldet. War viel zu gewissenhaft.
Niemand hatte da die geringsten Zweifel.
Auch nicht als es schon hoch herging und die Gäste mit der Animateurin allerlei Gymnastik zwischen den köstlichen Speisefolgen machen mussten.
Das hätte die Dvorak nicht mögen.
Als hätte sie es geahnt.
Hat sie ja vielleicht. Sie hasste Gymnastik wie die Pest.
Warum musste man im Alter unbedingt gelenkig sein?

Komisch, ihr Stuhl blieb leer. Obwohl die Lücke am Tisch störend war.
Ihr Gedeck hatte man auch noch nicht weggetan.
Ein eigenartiger Scherz war das schon von ihr.
Einfach nicht erscheinen.
Ohne ein Wort .
Ohne Entschuldigung. Aber bei aller Zuverlässigkeit konnte sie eben auch störrisch sein, dass wussten alle, die sie kannten, die Dvorak.

Das Fest war gediegen!
Alles perfekt organisiert.
Margot gab ihr Bestes und ihre charmante Tochter auch.
Beide waren Profis. Wussten wie man Stimmung macht.
Den schalen Geschmack im Mund hatte wahrscheinlich nur er, als bei der Oldie– Einlage zum Schluss, die gleichen Sänger auftraten wie im Dvorak Requiem.
Die Dvorak hätte gelacht, bei dieser unfreiwilligen Komik.
Lachen konnte sie. Und wie!

Ja und dann war der Abend auch schon vorbei.
Und die Dvorak nicht gekommen.
Schade!
Er zockelte alleine heim und rauchte noch ein Zigarillo.
Ein Glas Rotwein gönnte er sich auch.
Endlich der Anruf:
Arg spät, liebe Frau Dvorak!
Aber sie war es nicht.
Sie war schon tot.
Während der zweiten Vorspeise auf dem Fest, hatte ihr Sohn sie gefunden.
Er war über den Balkon ins Haus gestiegen, da der Haustürschlüssel innen steckte.
Die Dvorak saß auf der Stiege.
Einen Schuh hatte sie schon an.
Dann lehnte sie sich an die Wand und blieb so sitzen.
Eine ganze Nacht – und einen Tag.
Herzstillstand. Sekundentod.
Ihr alter Hund bewachte sie.
Er war taub.
‚Ihr Requiem’ – hätte er nicht hören können…

KH

 

Roland Dürre
Mittwoch, der 24. Februar 2016

Jubiläum – 100 Videos in Youtube!

Seit ein paar Jahren habe ich einen Youtube-Channel. Wie bei fast allen meinen Aktivitäten im Internet „firmiere“ ich auch bei Youtube unter rolandduerre oder Roland Dürre. Gerade habe ich entdeckt, dass ich am 13. Januar 2016 dort mein hundertstes Video veröffentlicht habe. Über dieses Jubiläum freue ich mich und schreibe zu diesem Anlass hier einen kurzen Post.

Auf meinem Youtube-Channel veröffentliche ich unter anderem Vorträge von den IF-Foren. Dort finden sich aber auch wesentliche Teile des Werkes von Rupert Lay, den ich bei vielen Reden besonders auf der Ronneburg mit Bernd Sielaff an der Kamera begleitet habe. Auch einige meiner eigenen Vorträge, zeitgenössische Themen rund im InterFace und der IT habe ich da abgelegt. Und sehr oft stand da mein Freund Friedrich Lehn (fhlcinema) hinter der Kamera und am Mischpult.

Das Jubiläumsvideo ist ein kurzer Bericht vom Barcamp für Aktive Mobilität im Alltag #AktMobCmp von Anfang dieses Jahres:

Der ungekrönte Spitzenreiter ist Klaus-Jürgen Grün. Mit seiner Rede zur „Kunst des negativen Denkens“ sprengt er alle Rekorde.

Zeitgenössisch für sehr wichtig halte ich die Vorträge von Rupert Lay. So hat er sein philosophisches Vermächtnis in zwei Vorträgen festgehalten, hier der Teil 1, in dem er eine neue Aufklärung fordert.

Brandaktuell – obwohl schon ein paar Jahre her – auch Wilfried Bommert:

Meine Lieblingsvideos sind zum Beispiel von Eberhard Huber oder Roger Dannenhauer …

Es gibt aber noch viel mehr tolle Redner und Rednerinnen im Chanel, die ich hier gar nicht alle erwähnen mag. Also – einfach mal rein gehen in meinen Youtube-Channel und da ein wenig rumstöbern!

Von meinen eigenen Vorträgen finde ich übrigens diesen ganz witzig:

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 20. Februar 2016

Grundgesetz, Artikel 14, Absatz 2

Angenommen am 23. Mai 1949 - vorher hatte man andere Sorgen.

Angenommen am 23. Mai 1949 – vorher hatte man andere Sorgen.

In meinem Artikel „Texte zur Weltfinanzkrise“ und weiteren Artikeln hier im Blog habe ich schon ein paar mal von der mutigen und fast lustvollen Bayerischen Verfassung geschwärmt.

Die Bayerische Verfassung wird aber vom Grundgesetz überlagert. Zwar ist Bayern der Bundesrepublik nie beigetreten – aber sicher hat der Freistaat die letzten Jahrzehnte durch konkludentes Handeln sein Einverständnis bekundet, ein Teil der BRD zu sein.
Ja, die bayerische Verfassung ist meine Lieblingsverfassung – ich mag sie. Das Grundgesetz habe ich jetzt auch noch mal gelesen und empfehle das jedem zu lesen.

Und finde es so richtig schwach. Hier nur drei willkürliche Beispiele, die mich gar nicht so begeistern und beginne mit dem Artikel 8.

Art 8

(1) Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.

(2) Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden.

Kommentar: Da ist etwas unverletzlich. Aber natürlich darf man es beschränken. Man muss nur ein Gesetz machen.

Art 10

(1) Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.

(2) Beschränkungen dürfen nur auf Grund eines Gesetzes angeordnet werden. Dient die Beschränkung dem Schutze der freiheitlichen demokratischen Grundordnung oder des Bestandes oder der Sicherung des Bundes oder eines Landes, so kann das Gesetz bestimmen, daß sie dem Betroffenen nicht mitgeteilt wird und daß an die Stelle des Rechtsweges die Nachprüfung durch von der Volksvertretung bestellte Organe und Hilfsorgane tritt.

Kommentar: Da ist etwas unverletzlich. Aber natürlich darf man es beschränken. Man muss nur ein Gesetz machen.

Art. 14

(1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.

(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.

Kommentar: Da wird etwas gewährleistet. Aber – man muss nur Gesetz machen, dann darf man alles einschränken. Oder auch enteignen.
Aber noch schlimmer ist (2). Kann man es noch unverbindlicher formulieren, dass ein Eigentümer nicht nur Rechte sondern auch Pflichten hat? Und lascher forden, dass etwas zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll.

So geht es im Text in einem fort. Ob Art 13 (Die Wohnung ist unverletzlich), Art 16 (Politisch Verfolgte genießen Asylrecht) oder Art 17a (Gesetze über Wehrdienst und Ersatzdienst), immer ist alles erlaubt und wird dann auch gleich wieder eingeschränkt.

Besonders weh hat mir dieser Artikel getan:

Art 20

(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.

(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.

(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.

(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

Kommentar: Sind das nicht nur schöne Worte, die ihren Wert verloren haben? Von wem geht denn heute die Macht aus? Von den Menschen (dem Volke) bestimmt nicht. Sondern von einer Oligarchie der Parteien und Institutionen, die eine unheilvolle Allianz mit den wirklich mächtigen Interessensverbänden und Lobbyisten des Kapitals und der Spekulanten bilden. Mit ihrem Bündnis stärken sie gegenseitig ihre Macht. Und weil es ohne die Menschen nicht geht, sondern diese eher zu stören drohen, werden sie für ihre Zwecke manipuliert und indoktriniert.
Witzig auch, dass wir in (4) das Recht zum Widerstand haben, sogar der bewaffnete quasi als ultima ration wird den Worten folgend nicht ausgeschlossen …

Nach meinem Wissen ist die Rechtslage eindeutig. Deutschland hätte sich schon vor Jahren eine neue Verfassung hätte geben müssen. Ums Recht scheinen sich aber die Mächtigen auch nicht zu scheren. So ist keine deutsche Verfassung in Sicht.

Und ich weiß nicht, ob ich darüber traurig sein oder mich freuen soll. Zwar ist unser Grundgesetz unteroptimal. Und natürlich bräuchten wir in der heutigen Zeit eine ganz starke, mutige und freudvolle Verfassung – mit einem großen gesellschaftlichen Konsens für Zukunft, Frieden, Menschlichkeit und Bildung.

Nur – mit Sicherheit würde auch die neue Verfassung nur von den Lobbyisten geschrieben werden. TTIP lässt grüßen. Demokraten hätten keine Chance.

So lasst uns lieber die Reste unseres Grundgesetz gegen weitere Angriffe verteidigen. Ganz gleich, wo diese herkommen. Eine turbo-kapitalistische und neoliberale Verfassung, geschrieben von Parteienfilz & Deutschland AG und verkauft über Populismus, wäre sicher ein großer Unglück.

RMD

P.S.
Das Abbild der Fahne ist gemeinfrei, zum Link nach Wikipedia.

Da erreicht mich eine Mail von Roland, welcher den „Süddeutschen Beobachter“ zitiert, mit einem Elaborat von „Christian Endt, Daniela Kuhr und Christian Sebald“:

„Mehr Sicherheit ist möglich“.

Nun tut sich die noch vor zwanzig Jahren zurecht sehr angesehene Zeitung sehr schwer, ihre Leserschaft zu halten. Das muß keinen mehr wundern, die peinlich-oberlehrerhaften Leidartikel des Herrn Prantl könnte man ja noch als unfreiwillige, komische Realsatire durchgehen lassen. Die Spucke bleibt mir unterdessen weg, wenn ich lesen muß, daß sich die „SZ“ darüber empört, daß ihre Ärzte doch tatsächlich keine Auskünfte über aktuelle Bluttests von Frau Pechstein geben wollten — dabei gehört man beim „Süddeutschen Beobachter“ doch zur selbsternannten „Allianz der Anständigen“! Kleinliche Elementarrechte einzelner Patienten haben da doch wohl zurückzustehen. Mir beginnt bei einer solchen Perfidie einfach das Herz zu stottern.

Aber vielleicht bleiben die Leser aus anderen Gründen weg:

Die neuen „Jungjournalisten“ kommentieren nur noch, ohne überhaupt recherchiert zu haben, ohne die Zusammenhänge zu verstehen und somit ohne sich ein Urteil erlauben zu können. In der Folge waren auch schon die Erklärungsversuche für den Unfall ausgesprochen schlecht und falsch.

Aber was soll’s, wir holen irgendeinen „Professor Thomas Strang“ mit einem „Eisenbahnexperten Heino Seeger“, die werden es schon richten: Denn mit einem „Railway Collision Avoidance System“ wäre das ganz sicher nicht passiert.

Nun weiß jeder „vom Fach“, daß allein schon aufgrund des albernen, in ‚modern Esperanto‘ vergebenem Systemnamens schwer davon auszugehen ist, daß es sich um teuren Sondermüll handeln muß. Weil das Thema aber weithin unbekannt ist, nehme ich einmal Rolands Stöckchen auf und erzähle einmal etwas dazu. Ohne Recherche, ohne „Google“ und garantiert ohne „Daniela Kuhr“.

Worauf kommt es denn an beim Eisenbahntransport? Zum einen muß natürlich eine sogenannte „Fahrstraße“ vom Start zum (Zwischen-) Ziel eingestellt sein, zum anderen muß sichergestellt sein, daß diese Fahrstraße, wenn sie denn für eine Zugfahrt freigegeben ist, von niemand anderem benutzt werden kann. Lassen wir einmal Streckenblock und andere Dinge außen vor.

Die erste Bedingung ergibt sich aus der Aufgabenstellung, die zweite hat es in sich. Denn in der Tat ist es bei der Eisenbahn wurschtegal, ob eine eingleisige oder eine zweigleisige Strecke vorliegt: Entscheidend ist, daß kein Meter Gleis durch irgend etwas behindert sein darf.

Damit die Weichen richtig gelegt (und nicht „gestellt“, wie Journaille und Politiker immer faseln) und die Signale gestellt werden, gibt es den anspruchsvollen, verantwortungsvollen Beruf des Fahrdienstleiters.

Der Fahrdiestleiter nimmt Zugfahrten immer nach einem festen Schema vor:

  • Erstmal guckt er nach, ob der „Startpunkt“ überhaupt frei ist.
  • Dann legt er die Weichen passend bis zum Zielsignal.
  • Danach legt er alle Weichen, welche in die Fahrstraße hineinführen, in abweisende Richtung („Flankenschutz“).  Es gibt sogar spezielle Weichen, deren einziger Zweck es ist, einen Zug entgleisen zu lassen, wenn er andernfalls durch Überfahren eines Haltsignals in falscher Richtung auf einer eingleisigen Strecke landen würde.
  • Und ja: Schon vor 150 Jahren gab es den genialen Trick mit dem Fahrstraßenverschluß: Jetzt betätigt der Fahrdienstleiter den Fahrstraßenhebel, und der läßt sich nur umlegen, wenn alle Weichen richtig gelegt und alle Bahnübergänge geschlossen sind. Das wurde mechanisch erledigt, anhand eines sogenannten „Verschlußplans“, welcher auch bei kleinen Stellwerken schon komplexer sein kann als die Gehirne von Heribert Prantl und Daniela Kuhr zusammen.
  • Das Geniale am Verschluß der Fahrstraße: Ist der Hebel einmal umgelegt, sind Weichen, Bahnübergänge etc. „verschlossen“, d.h., es ist nicht mehr möglich, sie zu verstellen.
  • Gleichzeitig ermöglicht erst der umgelegte Fahrstraßenhebel das Aufziehen des Ausfahrsignals. Ich sehe den Kollegen Holger Kötting buchstäblich vor mir, wie er tausenderlei Ausnahmen anbringen will, aber hier geht es um ein grundsätzliches Verständnis.

Also: Das richtige und vollständige Legen der Weichen ist Voraussetzung für das Festlegen einer Fahrstraße, diese wiederum ist Voraussetzung dafür, daß man ein Ausfahrsignal aufziehen kann.

Und wenn ein Lokführer „bei Rot“ fährt? Dann kassiert er eine Zwangsbremsung.

Also kann doch eigentlich gar nichts passieren, oder?

Die Geschichte der Leit- und Sicherungstechnik der Eisenbahnen ist freilich mit Blut geschrieben worden. So gut wie alle Eisenbahner kennen den tragischen Unfall zwischen Warngau und Schaftlach, ganz in der Nähe von Bad Aibling.

Hier waren zwei Fahrdienstleiter beteiligt, die beide jeweils einen Zug in Richtung des anderen schicken wollten. Ihre Fahrstraßen hatten sie bereits festgelegt, es fehlten nur noch die Ausfahrtsignale jeweils auf die eingleisige Strecke. Nun waren die damaligen mechanischen Stellwerke nicht in der Lage, ihre Status an die benachbarten Stellwerke zu übergeben (spätestens bei 1.500 Metern war mit der Drahtseilmechanik „Schluß“), daher erfand man ein sogenanntes „Zugmeldeverfahren“, während dessen die Fahrdienstleiter sich gegenseitig Züge „anboten“ respektive diese „annahmen“. Im sogenannten „Bildfahrplan“ war die Kollision zweier Züge auf der eingleisigen Strecke fein säuberlich eingetragen, im Fachjargon „Luftkreuzung“ genannt. Den Fahrdienstleitern oblag es nun, die Züge an einem der Bahnhöfe einander passieren zu lassen. Eines Tages in der Mitte der siebziger Jahre waren sowohl der Fahrdienstleiter von Warngau als auch der von Schaftlach im guten Glauben, der jeweilige Kollege hätte seinen Zug „angenommen“ und schickten ihre Züge auf eine Reise in den Tod. Makabrerweise kollidierten die Züge an exakt der „vorausgeplanten“ Stelle (damals gab es noch seriöse Zeitungen, in denen der Bildfahrplan abgedruckt war, an den ich mich gut erinnern kann). 40 Tote und 120 teils Schwerverletzte waren die Folge. Der Fahrdienstleiter Warngau, dem Sekunden später aufgefallen war, was für ein schrecklicher Fehler unterlaufen war, konnte so noch vor dem Unfall die Rettungswagen alarmieren.

Natürlich gab es Konsequenzen aus diesem Unfall.

Die sogenannte „Papiersicherheit“, also das beschriebene „Zugmeldeverfahren“, wurde forciert abgeschafft zugunsten des sogenannten Streckenblocks. Hier kommunizieren die Stellwerke untereinander und sorgen dafür, daß nur dann eine Ausfahrt in einen Gleisabschnitt gestellt werden kann, welcher auch frei ist.

Damit das funktionieren kann, muß der Fahrdienstleiter nach dem mechanischen „Verschließen“ der Fahrstraße, in Fortführung der obigen Aufzählung, dieselbe auch noch

  • „elektrisch verschließen“.

Damit passieren zwei Dinge:

a) Das Stellwerk reklamiert das Ausfahrgleis für sich und die „Gegenseite“ kann keine Ausfahrt stellen

b) Der Fahrdienstleiter kann die Fahrstraße nicht mehr auflösen, bis sie von einem Zug passiert wurde.  Warum nicht?  Er könnte ja jetzt einen Zug auf die Strecke schicken und dann den elektrischen Block wieder aufheben, sodaß der Schutz aufgehoben wäre.

Und so waren und sind die Verhältnisse in Bad Aibling und Kolbermoor.

Lassen wir einmal die beiden sogenannten Sbk weg, halten wir uns nicht bei der „PZB90“ auf, die von allen Medien diskutiert wurde, aber rein gar nichts mit dem Unglück zu tun hatte.

Verspätungsbedingt sollten sich zwei Züge nicht in Kolbermoor, sondern in Bad Aibling begegnen. Nun hatte der erfahrene, gut ausgebildete Fahrdienstleiter schon alles in die Wege geleitet – sprich, die Fahrstraße für den entgegenkommenden Zug gelegt und zwangsweise den Zug in die andere Richtung gesperrt. Diesen ganzen Klapperatismus wieder umzustellen ist ein schönes Stück Arbeit, das ist der Grund, warum ich es hier, nur im Ansatz wohlgemerkt, beschrieben habe. Das betrifft vor allen Dingen die Rücknahme der Fahrstraße für den Gegenzug.

Nun stellt der Fahrdienstleister aber fest, „Mist, so groß ist die Verspätung überraschenderweise ja doch nicht“ und entscheidet, die fachlich „Kreuzung“ genannte Begegnung doch in Kolbermoor stattfinden zu lassen.

Und macht jetzt den fatalen Fehler, nicht mit dem Lokführer zu reden, welcher aber bereits im Gleis ist. Er stellt das Ausfahrsignal in Kolbermoor auf „Halt“, doch der Zug hat es bereits passiert.

Allein: Der Gegenzug kann unmöglich fahren, es ist ja alles blockiert.

Doch der Fahrdienstleiter setzt jetzt zusätzlich ein „ZS1“ am „Halt“ zeigenden Ausfahrsignal in Bad Aibling, das heißt nichts anderes als „Wir haben hier eine technische Störung, Du, Lokführer, darfst trotzdem passieren und insbesondere darfst Du dich per Befehlstaste aus der Zwangsbremsung befreien“.

Das hat Lokführer dann auch getan, mit den bekannten Konsequenzen.

Die beiden Züge prallten mit einer Begegnungsgeschwindigkeit von beinahe 200 Km/h zusammen, in den jeweils ersten Wagen gab es keine Chance zum Überleben. Zum ersten Mal kann ich im Fasching etwas Positives erkennen, denn aufgrund der damit einhergehenden Ferien befanden sich keine Schüler im Zug.

Es ist rational nicht erklärbar, weshalb der Fahrdienstleiter so nachlässig gehandelt hat — aber menschlich völlig verständlich! Wer hat noch nicht beim Autofahren eine kapitalen Bockmist gebaut, bei dem er sich hinterher über das eigene Verhalten nur wundern kann?Erfahrene Frontsoldaten sollen Sicherungssplinte weggeworfen und die Handgranate in der Hand behalten haben.

Es mag jetzt merkwürdig anmuten, aber mein Mitgefühl (das ich ja rational nicht steuern kann) gilt jetzt dem Fahrdienstleiter, der sein restliches Leben mit einer furchtbaren Schuld leben muß. Daß er wirtschaftlich ruiniert ist bis ans Ende seiner Tage, wirkt dabei fast nebensächlich.

Und nun kommen sie wieder aus ihren Löchern gekrochen, die verdammten Technokraten …

… und fordern nun, von jeder Fachkenntnis ungetrübt, eine durch unfehlbare Automaten „gesicherte“ Abwicklung mit dem Argument, daß es ja wohl nicht sein könne, daß ein fehlbarer Mensch Herr über Leben und Tod sei.

Dummerweise ist es ausgerechnet die Technik, die weitaus öfter versagt als der Mensch. Entweder geht wieder ein wildgewordener DDR-Bürger auf Kupferjagd und reißt Kabel heraus oder aber die teilweise 100 Jahre alten mechanischen Komponenten gehen defekt. Der Zugverkehr in Frankfurt wird mit einem Spurplanstellwerk von 1951 abgewickelt …

Im Gegensatz zu „Microsoft Windows“, welches dafür konzipiert ist, bei Ausfall maximalen Schaden anzurichten, ist Eisenbahntechnologie darauf ausgelegt,

  • zur „sicheren Seite hin“ auszufallen („failsafe“) und
  • dissimilar redundant zu sein („Security in depth“).

Das führt natürlich ausgesprochen schnell zu einem völligen Stillstand.

Und da braucht man dann Menschen mit starken Nerven, hoher Belastbarkeit, umfassender Detailkenntnis, jahrelanger Praxis und gutem bis sehr gutem Abstraktionsvermögen, die mit Hilfsmitteln wie dem ZS1 den Bahnbetrieb aufrechterhalten. Menschen, die genau wissen, was passieren kann, wenn sie einen auch nur kleinen Fehler machen.

So widersinnig es klingen mag: Gerade die Tatsache, daß ein Fahrdienstleiter die „Lizenz zum Töten“ besitzt, hilft ihm, Katastrophen zu vermeiden.

Und solange, wie Maschinen noch nicht abwägen können, solange müssen das Menschen tun.

Denn was dabei herauskommt, wenn junge JAVA – Schnuller herumdilettieren, das muß ich mir beruflich jeden Tag angucken – und es wird immer gruseliger.  Wenn ich da manche schon sehe, mit einer „Apple-Watch“ und Ohrringen, dann kriege ich das kalte Kotzen.

Wir brauchen auch keine weiteren „Avoidance Systems“, denn irgendwann verlassen sich die Lokführer auf das Daddelspielzeug und werden träge und fehleranfällig.

150 Flugpassagiere der „Germanwings“ könnten noch leben, wenn nicht ein paar Jungtechnokraten die „absolut sichere Cockpittür“ programmiert hätten – mit den bekannten Konsequenzen. Bitte, Leute: Spielt weiter mit Euren IPhones und twittert auf Facebook, aber verschont uns mit Eurem Schwachsinn.

Pro Tag finden knapp 40.000 Zugfahrten statt, an jeder Zugfahrt sind typischerweise 50 Stellwerke beteiligt, das macht überschlagsmäßig 2.000.000 Fahrstraßen, die tagtäglich sicher gelegt werden.

Jeder verdammte Fußballsamstag kostet hundert Menschenleben.  Da haben wir uns aber dran gewöhnt. Die Bahn haben wir über Jahrzehnte verkommen und verfallen lassen, sehen auf ihre Mitarbeiter herab, welche schlecht bezahlt werden, und wundern uns, wenn einmal etwas passiert.

Anstatt sinnlos Geld in EU, Sozialprojekte, schwule Ampelmännchen und Erschließung neuer Biotope für marokkanische Kleinkriminelle zu stecken, sollten wir einmal dazu übergehen, unsere Infrastruktur besser in Schuß zu halten.

Das nämlich würde irgendwann einmal dazu führen, daß ein Ausnahmesignal wie das „ZS1“ auch wirklich eine Ausnahme bleibt.

hb

Dr. Martin Held und mein Freund Jörg Schindler halten am Dienstag, den 16. Februar 2016 in der orange bar einen spannenden Vortrag zum Thema:

Billiges Öl – Motor der Wirtschaft oder Bremsklotz der Transformation?

18:30 Uhr Einlass | 19:00 Uhr Beginn | 20:30 Uhr Ausklang | orange bar, Green City Energy, Zirkus-Krone-Straße 10, (6. OG), München

Der Eintritt ist frei.

Jörg Schindler im IF-Forum der InterFace AG

Jörg Schindler im IF-Forum der InterFace AG

Ob Autofahrer, Hausbesitzer oder Unternehmer: Alle freuen sich über die billigen Ölpreise und dass sie weniger für Energie ausgeben müssen.

Das spart Geld und wirkt kurzfristig wie ein großes globales Konjunkturprogramm. Auch für die Wirtschaft werden stimulierende Impulse erwartet.

Nur – der zentrale Verkehrsbereich bleibt weiterhin extrem vom Öl abhängig. Das ist ein Problem, das sich nicht durch ein einfaches Umschalten nach dem Motto „Öl raus, Elektrizität rein“ (und ansonsten weiter wie bisher) lösen lassen wird.

Statt hier einen Übergang in postfossile Mobilitätsformen einzuleiten, wird die Ölförderung mit hohen ökologischen Risiken in arktische Gewässer und immer größere Meerestiefen weiter ausgeweitet. Die niedrigen Preise werden als willkommene Konjunkturstützen missinterpretiert, als Anreiz, nochmals so richtig mobil „aufzurüsten“.

Was sind die Gründe für den dramatischen Fall der Ölpreise? Welchen Preis wird unsere Gesellschaft für diese Verlängerung des fossilen Ressourcenverbrauchs zahlen? Wird nicht der halbwegs verträgliche Übergang in Richtung einer postfossilen nachhaltigen Entwicklung (Große Transformation) erschwert?

Die Referenten Dr. Martin Held und Jörg Schindler sehen das Wichtigste für eine gelungene Große Transformation in Gefahr: die Anpassungszeit. Was wären die Alternativen? Wer könnte sie ergreifen? Welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft bei dem anstehenden Transformationsprozess?

Um eine Anmeldung per E-Mail an andreas.schuster@greencity.de oder telefonisch unter 089/890668319 wird gebeten.

Die Referenten sind
Dr. Martin Held (Gesprächskreis Die Transformateure – Akteure der Großen Transformation, Vorstandsmitglied ASPO Deutschland e.V. und langjähriger Studienleiter der Evangelischen Akademie Tutzing, Tutzing)
und
Jörg Schindler (Gesprächskreis Die Transformateure – Akteure der Großen Transformation, Vorstandsmitglied ASPO Deutschland e.V. und langjähriger Geschäftsführer der Ludwig-Bölkow-Stiftung, Neubiberg)

RMD

P.S.
Falls Sie diesen Vortrag verpassen müssen, aber die Referenten gerne zu einem anderen Termin einladen wollen, vernetze ich Sie gerne. Einfach per E-Mail an mich schreiben.

Roland Dürre
Freitag, der 12. Februar 2016

Drei Floskeln, die Freude und Mut kaputt machen können.

Und zwar bei einem selber wie auch bei seinen Mitmenschen.

So klein ist der Mensch. Am linken Rand Muhamed, Führer und Freund.

Wieder zurück! So klein ist der Mensch. Am linken Rand Muhamed, Führer und Freund.

Letzte Woche habe ich das erste Mal die Gräber und Tempel der Pharaonen gesehen. Da habe ich viel Neues erfahren und hatte Zeit zum Nachdenken.

Drei Floskeln wurden mir bewusst, die das Leben schwer machen können. Die erste ist das
„JA ABER …“

Früh habe ich gelernt, dass man nicht so oft „Ja aber“ sagen soll. Das war beim Management-Training.

Im unternehmerischen Alltag habe ich unter dem „Ja aber“ meiner Mitmenschen ab und zu gelitten. Gebracht hat es wohl nie etwas.

Wie wir beschlossen hatten

Hurra, wir machen unsere erste Kulturreise an den Nil!

kam sie wieder, diese Floskel.

Ich habe sie oft – auch ein paar mal von mir selber – gehört.

 

Ja, aber der Kohlendioxid-Fussabdruck …
(ein Problem, dass ich sehr ernst nehme)
Ja, aber Kulturreisen sind doch immer so anstrengend …
(Fast jeden Tag einen Tempel und manchmal auch zwei …)
Ja, aber die lange Anreise  …
(es waren fast 13 Stunden, mit dem Zug nach Nürnberg, dann mit dem Flieger nach Hurghada am roten Meer und von dort mit dem Bus nach Luxor – nochmal 380 km).
Ja, aber das geht doch nicht, wegen dem Terror …
(und in München stoßen zwei Züge zusammen)
und so weiter …

Und wie dumm wäre es gewesen, wenn wir diese Reise nicht gemacht hätten!

Die zweite Floskel die ich meine ist das
Dagegen Sein!

Wie oft ertappe ich mich selber, dass ich gegen etwas bin:

Ich bin gegen die gigantischen Subventionen von Geschäftswagen. Ich bin gegen Faschismus. Ich bin gegen Dummheit in der Politik. Ich bin gegen den Kohlehafen im Barrier Reef in Australien. Ich bin gegen die Verschwendung von Nahrungsmitteln. Ich bin gegen Bürokratie. Und so weiter …

Erst vor ein paar Jahren hat mir mein Freund Jolly Kunjappu erklärt, dass „das Dagegen Sein“ etwas Negatives ist, das einen selber runter zieht. Überlegen wir uns doch lieber, was schön ist, was wir mögen und wo wir dafür sind. Das gibt uns Mut und Freude.

Die dritte Floskel hat mir Moslam letzte Woche auf unserer Reise ins Bewusstsein gerufen. Moslam war unser Führer bei unserer Reise auf dem Nil, wir haben uns angefreundet. Er ist regelmäßig in Deutschland. So haben wir auch über seine Erlebnisse in meiner Heimat gesprochen und er hat berichtet, wie es ihn berührt, dass seine deutschen Freunde immer sagen:
„Wir müssen …“

Ich kenne das gut von mir. Ich muss nachher gleich Milch einkaufen gehen. Dann muss ich einen Artikel für IF-Blog schreiben und Business-Pläne bewerten. Und dann muss ich mich mit Barbara beim Artemis (dem Griechen gleich neben an) zum Mittagessen treffen. Und heute Nachmittag muss ich dann mit Freunden von der Uni in der Forschungsbrauerei zum Starkbier-Anstoß treffe. Und morgen muss ich dann zur F.re.e gehen …

Aber ist es nicht wunderschön, dass ich Milch einkaufen kann. Als ob es selbstverständlich wäre, dass man gleich um die Ecke so gute Milch in der braunen Flasche mit 3,8 % Fett bekommt. Die noch wie Milch schmeckt! Und ins Artemis gehe ich immer sehr gerne, weil das Essen dort so gut schmeckt und die griechischen Wirtsleute so freundlich sind. Die Forschungsbrauerei ist immer einen Besuch wert und auf der F.re.e warten so viele Impulse auf mich, was ich alles so machen kann, dank der Vielfalt von Kulturen und Landschaften unseres so schönen Planeten.

All das mache ich doch gerne, es ist doch wunderschön – warum muss ich dann das machen?

Zusammenfassend würde ich sagen:
Es lohnt sich „positiv“ zu reden und zu schreiben, dann wird man auch immer mehr so fühlen und denken!

Luxus pur von Luxor nach Assuan. Das Leben ist schön!

Luxus pur von Luxor nach Assuan. Das Leben ist schön!

RMD

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 11. Februar 2016

Haarige Kopflosigkeit…

Carl und Gerlinde (Folge 47)
ZZZZZM214Ja – in einigen Dingen war Carl wirklich von eherner Beständigkeit! Und das nicht nur was sein Lieblingsbier betraf, dieses trübe Glaabsbräu, oder sein Haarwasser, oder die heiß geliebte Nivea Creme, die er sich täglich in die Haut rieb – nein, auch seinem Zahnarzt hielt er die Treue und dem französischen Baguette vom Bäcker Briegel – ähnlich wie der TRIGA Unterwäsche, den Davidoff Zigarillos und den Falke Socken – und natürlich seinem Friseur Florian Breitschuh!

Letzteres war am ehesten zu verstehen, da Carl recht zuverlässig alle zwölf Wochen seine üppig sprießende Haarpracht im Frisierstudio ‚Haargenau’ von Herrn Breitschuh zurechtstutzen ließ: und das seit siebenunddreißig Jahren!

Neuerdings verkürzte sogar ein immer dreister werdender Wildwuchs an grauen Haaren in Nasenlöchern und Ohren diese über Jahrzehnte eingeübte ‚Zwölf-Wochen-Periode’, was Carl aber gelassen hinnahm, da er einen Haarschnitt bei Florian Breitschuh nie als Last, sondern immer nur als eine willkommene ‚Entspannungszäsur’ in seinem stressgeplagten Arbeitsalltag empfunden hatte.

Insgeheim war Carl natürlich glücklich, dass dieser haarige Wildwuchs nur in den Nasenlöchern und Ohren tobte und nicht etwa auf seiner Brust oder gar den Schulterblättern: denn Gerlinde schüttelte sich stets mit unnachahmlicher Abscheu, wenn ihr im Schwimmbad oder in der Sauna ein männliches Wesen mit tierisch behaarten Schultern über den Weg lief. Ja, sie hatte in diesen Fällen sogar immer die allergrößte Mühe die unmittelbar einsetzende zwanghafte ‚fäkal sprachliche Eruption’ angemessen zu bändigen und in gesellschaftsfähige Bahnen zu lenken; für Carl natürlich ein überlebensnotwendiger Hinweis, wie er seine Körperbehaarung zu steuern hatte!

Am meisten aber schätzte Carl an Florian Breitschuh dessen Schweigsamkeit!

Außer einer kurzen Begrüßung gab es kein unnötiges Wort zwischen ihm und Carl. Und schon gar nicht dieses zermürbende Gelaber über Urlaub, die heraufziehende Klimakatastrophe, oder die immer bedrohlicher werdende Flüchtlingssituation…

Nein – Carl und Florian Breitschuh schwiegen bei ihrem ‚Haar schneidenden Tun’!

Doch eine Anmerkung ließ sich Carl nie nehmen: sobald er saß und den Frisierumhang um den Hals hatte, grinste er Florian Breitschuh in sein gespiegeltes Antlitz und sagte in sonorem Tonfall:

„2 Zentimeter“!

Nach diesem verbalen Tsunami pflegte Carl seine Augen zu schließen und diese erst wieder zu öffnen, sobald die zärtlich weichen Borsten der Breitschuh’schen Haarbürste das ‚haargenaue’ Ende des Haarschnitts signalisierten und alles wegfächelten, was an Carls Ohren, Nase, Nacken, Hals und Kragen zu kitzeln drohte.

Genau dann, wenn die Breitschuh’sche Haarbürste ihre letzte Fächelbewegung machte, öffnete Carl seine Augen und registrierte im Spiegel, mit von Jahr zu Jahr abnehmender Begeisterung, sein frisch gestyltes, graues ‚2 Zentimeter Haupthaar Gesicht’!

Eine kurze Kopfdrehung nach links und rechts genügte anschließend, um durch ein kaum wahrnehmbares Nicken zum hundertachtundvierzigsten Mal Florian Breitschuh die vollste Zufriedenheit anzuzeigen! Was dieser seinerseits mit einem feinem Lächeln und einer nur für Eingeweihte erkennbaren Verbeugung quittierte.

Doch warum dann dieses unfassbare und jeder Sachlichkeit entbehrende Ereignis?

Welches Ungeheuer starrte denn Carl da plötzlich entgegen, als er wie üblich nach vollendetem Haarschnitt vertrauensvoll die Augen öffnete

War dieser Kahlkopf wirklich E.T, der Außerirdische? Oder einer dieser Millionen erbarmenswürdigen Krebskranken, die heutzutage in keiner Fernserie fehlten? Oder war es der Satan persönlich, der ihm da aus diesem Friseurspiegel verlegen zugrinste?

Hm – brummte Carl und schaute verunsichert nach allen Seiten – dann wieder auf das Gesicht vor ihm, das ebenso verunsichert um sich spähte – grad so als befände es sich auf der Flucht…

„Hey“, rief Carl nun etwas lauter, „wer ist das?“

Denn dass er selbst beim Friseur saß, das war Fakt und fiel ihm auch spontan wieder ein; doch nirgends sonst war ein bekanntes Gesicht in Sicht. Nur dieser komische Typ hinter ihm im Spiegel, der selbst völlig entgeistert vor sich hin starrte…

Und als Carl ihn fragte, wer er sei, sagte er, jetzt lachend, „der Friseur Ihrer werten Frau, junger Mann! Sie hat Sie nämlich zu mir geschickt, da sich Ihr Friseur den Arm gebrochen hat!“

„Und?“.

„Ja – nichts und! Ich hatte doch extra noch einmal nachgefragt, als Sie ihm Stuhl saßen und ‚2 Millimeter’, sagten. Auf meine Frage meinten Sie nur unwirsch, dass Sie sich nicht gern wiederholten und schlossen die Augen. Nun da tat ich eben meine Arbeit – mit der Maschine!“

„ Hm“ sagte Carl ein weiteres Mal, und dann, dass er Gott sei Dank nicht eitel sei!

Doch noch auf dem Heimweg verfestigte sich in ihm der Entschluss, dass er sich umgehend für zwei Wochen krankschreiben lassen musste: seine Sekretärin Bettina und auch Miriam Braun würden in Schreikrämpfe ausbrechen, wenn sie seiner ansichtig wurden.

Selbst sein Chef Dr. Osterkorn, würde ihm bestimmt raten, in den nächsten sechs Wochen Kundengespräche zu meiden, und seiner Gerlinde würde er gleich jetzt noch am Telefon einen vierwöchigen Urlaub in Island vorschlagen, den sie sich schon seit Ewigkeiten wünschte und er immer abzuwenden verstanden hatte, da er den ständigen Regen und die Bärenkälte dort, wie nichts auf der Welt hasste.

Aber mit geeigneter Mütze, waren doch solche Wetterkapriolen überhaupt kein Problem mehr! Warum war ihm das nicht schon früher eingefallen? Komisch eigentlich?

Ja – vielleicht sollte er sich gleich noch das passende Käppi kaufen und Gerlinde überraschen? Warum eigentlich nicht? Nicki Lauda trug doch auch eines…

KH