Hans Bonfigt
Dienstag, der 31. Januar 2017

Heuchler, Lügner und Claqueure:

Die bittere Wahrheit über die Einreiseverbote der Bundesrepublik Deutschland

Die letzte Bahnfahrt meines Lebens führte mich ins schöne Bayern, wo ich mich gestern mit meinem „Spezl“ Peter Kindiger getroffen habe. Der Peter, das ist ein typischer Bayer. Er hat eine beachtliche Karriere hingelegt, ist aber stets mit beiden Füßen auf dem Boden geblieben. Der Peter ist ein sehr sozialer Mensch und hat vielen Menschen uneigennützig und mit großem Engagement geholfen.

Und wenn ihm dabei einer Steine in den Weg gelegt hat, dann waren es stets die Bundesrepublik Deutschland oder der Freistaat Bayern. Die Schwester von Peters Frau, welche in Kiew lebt, hat ein schwerbehindertes Kind. Die Ärzte in Kiew rieten zu einer Operation in Deutschland und Peter hat ein großes Herz: Er will seiner angeheirateten Familie helfen. Er beantragt ein Visum für Eltern und Kind.
Keine Chance. Der Hinweis auf die Verwandtschaft 1. Grades zwischen seiner Frau und der Kindsmutter: Unerheblich …

Selbstverständlich hat sich Peter vorbereitet und bereits eine Reisekrankenversicherung für die Familie abgeschlossen. Selbstverständlich hat er eine persönliche Bürgschaft geleistet, in der Höhe von über 10.000 Euro. Er hat auch Einkommensnachweise der Familie in Kiew mitgebracht, der Vater ist Leibwächter von Julija Tymoschenko und verdient nicht schlecht.

Und dennoch:
Für die Verwandten mit dem behinderten Kind gibt es kein Visum.

Ein enger Freund ist seit zwanzig Jahren mit einer Thailänderin verheiratet, seit zwanzig Jahren leben die beiden in Berlin. Nun wollten die Mutter und die Schwester einmal Urlaub in Deutschland und bei dieser Gelegenheit bei Tochter respektive Schwester in Berlin vorbeischauen.

Das geht nur gegen Vorabeinzahlung von 17.000 (siebzehntausend, kein Tippfehler) Euro als Kaution in bar. Die hatte er gerade nicht in der Tasche und so fiel die Einreise ins Wasser. Halboffizielle Begründung: „Thailänderinnen werden in Deutschland zu Prostituierten und fallen so der Allgemeinheit zur Last“.

Und gestern, bei der Anreise nach Bayern, muß ich lesen, daß der unsäglich peinliche Dampfplauderer „Martin Schulz“, über den Silvio Berlusconi vor zehn Jahren alles gesagt hatte, was zu sagen war, sich im „Süddeutschen Beobachter“ wieder entleert hatte:
„Das Einreiseverbot ist ein Generalangriff auf unsere elementaren Grundwerte“.

Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.

Erstmal:
Die Unterstellung, die das „unsere“ impliziert: Mit diesem Abziehbild eines Mannes, und mit Bedauern in Richtung SPD muß man ja sagen, mit diesem authentischen „Sozialdemokraten“ TEILE ICH KEINE GEMEINSAMEN GRUNDWERTE!

Zweitens:
„Wer hat uns verraten — Sozialdemokraten!“ — Natürlich ist es für einen „Sozialdemokraten“ ein Unding, daß ein Spitzenpolitiker ein Wahlversprechen einlöst — das ist der SPD seit einem halben Jahrhundert nicht mehr passiert.

Drittens:
In den USA gab es keine Machtergreifung. Trump wurde, auch wegen seiner Wahlversprechen, von der Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung gewählt. Was soll das peinliche Gejaule ?

Viertens:
Wie peinlich, wie bigott und wie ekelhaft und widerlich ist es, andere Staaten für ein Verhalten anzupöbeln, wie es im eigenen Lande seit Jahren praktiziert wird?

Schlimmer noch: Während es in den USA für ein Einreiseverbot profunde Gründe gibt, von denen das demokratische Votum nur einer ist, führt Deutschland „Menschen zweiter Klasse“ ein, da bestehen ja genügend Erfahrungen. Der Italiener und der Amerikaner ist o.K., aber die Russen sind Verbrecher und die Thailänderinnen Nutten. Willkommen im 21. Jahrhundert !

Gegenüber Helmut Schmidt habe ich immer hohen Respekt empfunden und nehme mit Erleichterung wahr, daß ihm der peinliche „Willy Brandt“ – Verschnitt zu Lebzeiten erspart blieb.

Und ich erinnere mich an das Lied von Franz Josef Degenhardt „Entschuldigung eines alten Sozialdemokraten“ (1968), dass er „zur Verteidigung eines alten Sozialdemokraten vor dem Fabriktor“ geschrieben hat.

„…
sagt der EWIGE alte Sozialdemokrat

und spricht,
und spricht,
und spricht
bloß ändern, DAS WILL ER NICHT !“

Hier der komplette Text des Liedes.

-hb

(Anmerkung : Nur zu gerne hätte ich das Video oder ein Audio des Liedes in den Artikel eingebunden. Zu solchen Liedern gibt es leider keine Youtube-Videos . Und ein freies Audio zum ein wenig reinhören habe ich auch nicht gefunden. Das finde ich so richtig schade – denn Franz-Josef Degenhardt war ein wichtiger Mensch in unserer Jugend – RMD).

Roland Dürre
Sonntag, der 29. Januar 2017

Demokratische Schmerzen.

Mein Über-Ich drängt, ja zwingt mich, mich an allen Wahlen zu beteiligen, ob Gemeinde, Land, Bund oder Europa. Es sagt mir, dass ich sonst die Demokratie gefährde, die mir ein wichtiges Gut ist. Ich entdecke aber immer mehr, dass „etwas faul im Staate ist“. Es ist aber nicht die Demokratie, die stinkt, sondern das System dahinter.

Eine der Gründe dafür dürfte die „Oligarchie der Parteien“ (nach Karl Jaspers) sein, die (fast) ganz Europa in Geißelhaft genommen hat. Immer mehr kommen wir in den „Genuss“ der Früchte dieser Entwicklung, die in den letzten Jahrzehnten immer stärker wird.

Weiter stört mich, dass es einen übermächtigen Einfluss von Kräften auf Gesellschaft und Politik gibt, die man gemeinhin Lobbyisten nennt. Der Lobbyismus ist zum Teil des Systems geworden und beherrscht und beschädigt das Gemeinwesen – oft scheinbar nach belieben. Immer wieder erlebe ich, dass die so geschaffenen realen (und oft nicht transparenten) Machtstrukturen brachial die Bemühungen und Erfolge von engagierten Gruppen und Menschen hinwegfegen. Der dadurch entstehende Schaden an Mensch und Zukunft wird vorsätzlich ignoriert, weil es den Mächtigen oft nur um Geld und Macht geht.

Zusätzlich gibt es einen historischen (Geburts-)Fehler. In den meisten mir bekannten demokratischen Systemen wählt man (fast) immer – direkt oder indirekt – einen Chef. Die Wahl bestimmt, wer „an die Macht kommt“. Das kann eine Kaste oder eine Einzelperson sein. Ich mag die Macht aber nicht an Systeme und auch nicht an Einzelwesen abgeben. Weil das nicht mehr zeitgemäß ist.

Niels Pflaeging hat vor kurzem eine Frage getwittert:

„Jede #Führung muss geteilt werden!“
Oder
„Ist #Führung ein kollektives, ein soziales Phänomen, das immer präsent ist in sozialen Gruppen?“

Ich hätte vielleicht in diesen Sätzen #Führung durch den Begriff #Macht ausgetauscht. Aber gleich ob Führung oder Macht, ich mag den ersten Satz und halte die zweite Aussage für überholt.

Das mag früher so gewesen sein, aber ein solches Bild passt nicht mehr in eine Welt, die von Anteilnahme, Achtsamkeit, Demokratie, Freiheit, Gleichheit,  Respekt, Teilhabe, Wertschätzung …geprägt sein und vor allem von (Menschen-)Freundlichkeit an Stelle von Feindseligkeit leben sollte.

Unternehmen und alle anderen sozialen Systemen brauchen keine starken Führer. Das meine ich nicht erst seit Trump. Ich mag keine Mächtigen, gleich ob man sie Präsidenten oder Bundeskanzler nennt. Machtzentren und Machtkämpfe halte ich für unter optimal. Persönlich stoßen sie mich ab, ich habe keinen Bock mehr zu so etwas. Aber auch das Handlungs-Muster der „Mutter Theresa“ (totale Hingabe für andere) ist mir suspekt wie auch Menschen, die sich als Märtyrer für gesellschaftliche, politische oder andere Ziele aufopfern.

Nicht nur in politischen Systemen wünsche ich mir an der Spitze Koordinatoren, die organisieren und vernetzen. Der gesellschaftliche Konsens zu den zentralen Themen muss gemeinsam erarbeitet werden und wir (als der Souverän) müssen die Möglichkeit haben, über die gut vorbereiteten Alternativen und Entscheidungen dann letzten Endes abzustimmen.

Das mag Zukunft sein. Heute bleibe ich aber in der in diesem Punkt noch unerfreulichen Gegenwart und beschreibe meine „demokratischen Schmerzen“, die in den letzten Wochen nochmal zugenommen haben. Eigentlich wollte ich ein paar Persiflagen in der „Ich-Form“ schreiben, in der sich Politiker vorstellen. Anfangen wollte ich mit dem SPD-Spitzen-Politiker Sigmar Gabriel. In etwa so:

„Mein Name ist Sigmar Gabriel. Ich bin 57 Jahre alt. Bis vor kurzem war ich Wirtschaftsminister. Wie ich das geschafft habe ist mir bis heute ein Rätsel geblieben. War ich mein Leben lang doch nur in der Erwachsenen-Bildung bei der Gewerkschaft nahen Unternehmen und vor allem als politischer Funktionär tätig. Und mit diesem CV bin ich Wirtschaftsminster der mächtigen BRD geworden! Und Vize-Kanzler! Erstaunlich, aber der Erfolg spricht doch wirklich für mich. Jetzt wird behauptet, ich könnte als Spitzenkandidat die SPD nicht in den Wahlkampf führen. Ja, meine Partei, diese Undankbare, haben mich geschasst, weil mich angeblich die Menschen in Deutschland nicht so positiv wahr nehmen. Obwohl ich doch so erfolgreich war und die deutsche Wirtschaft boomt wie nie. Und es Arbeitslose eigentlich ja gar nicht mehr gibt. Aber ich kenne mich aus mit Intrigieren und Machtspielen. Und immer kannst Du halt nicht gewinnen. Das macht mir aber nichts – Deutschland ist eh zu klein für mich geworden. Und in Europa kannst Du eh mehr werden, schau da mal den Genossen Schulz an, den Hundling. Dann rette ich mal die Welt und werde jetzt mal schnell Außenminister der BRD. Das ist doch ein toller Job für einen Vollblut-Politiker wie mich. Wollte ich doch auch schon länger ein wenig weniger arbeiten, immerhin werde ich noch mal Vater (dass muss man in meinen Alter auch erst mal schaffen). Den Außenminister mache ich doch mit links und ein bisschen durch die Welt reisen wollte ich auch schon immer. Tut doch gut, wenn das Baby dann schreit und ich unterwegs sein kann …“

Ich breche meine Persiflage hier ab, weil ich es nicht richtig und ein wenig gemein finde, solche Sachen im Namen einer fremden Personzu schreiben, auch wenn das ja eine verbreitete Form von „Satire“ und Kabarett ist. Meine Schmerzen gehen davon auch nicht weg, denn diese haben viele Quellen. Heute berichte ausschließlich von meinen SPD-Schmerzen, die nur ein kleiner Teil meines demokratischen Schmerzes sind. Ich verstehe einfach immer weniger, was bei der SPD passiert.

Es beginnt mit dem Amt des Bundespräsidenten. Im Gymnasium habe ich gelernt, dass es ein Ziel der Väter des Grundgesetzes war, dass der Bundespräsident aus der Mitte des Volkes kommen und deshalb besser kein Politiker sein sollte. Da habe ich wohl in der Schule – wie so oft – etwas falsch verstanden. Denn im Grundgesetz lese ich den Artikel 55 (Unvereinbarkeiten) nach. Dort steht:


(1) Der Bundespräsident darf weder der Regierung noch einer gesetzgebenden Körperschaft des Bundes oder eines Landes angehören.

(2) Der Bundespräsident darf kein anderes besoldetes Amt, kein Gewerbe und keinen Beruf ausüben und weder der Leitung noch dem Aufsichtsrate eines auf Erwerb gerichteten Unternehmens angehören.


Die Sätze im Grundgesetz sind ja eindeutig in der Gegenwart geschrieben. Mein Lehrer hat also unrecht gehabt und der Herr Frank-Walter Steinmeier darf tatsächlich direkt aus dem Ministeramt ins Schloss Bellevue und Villa Hammerschmidt ziehen.

Walter Steinmeier kenne ich persönlich nicht. Trotzdem ist er ein Mensch, vor dem ich aufgrund seines Auftretens und Handelns viel Respekt habe. Aber auch er hat sein Arbeitsleben im Elfenbeinturm der Politik verbracht und dort seine Karriere geschnitzt. Er war dabei sehr erfolgreich und wurde mit dem Ministerposten als hohes politisches Amt belohnt.vWahrscheinlich war er für viele Menschen der letzte prominente Sympathie-Träger der SPD.

Jetzt wird er einfach so mir nichts dir nichts durch (geheime?) Parteiabsprachen Bundespräsident. Die Strippenzieherei geht weiter. Den durch dieses Manöver frei werdende Posten des Außenministers übernimmt einfach der nicht so beliebte Wirtschaftsminister. Seine Nachfolgerin – Brigitte Zypries – ist eine Übergangskandidatin und bezeichnet sich selber als Übergangs-Ministerin. Das alles passiert in politisch nicht ganz so einfachen Zeiten. Zum besten des deutschen Volkes?

Der neue Außenminister Sigmar Gabriel wurde von seiner Partei als Vorsitzender nicht mehr geduldet und wegen seiner Unbeliebtheit auch nicht als Kanzlerkandidat aufgestellt. Er musste also weg. Vor dem Mikrophon erzählt er, dass er als werdender Vater ein wenig kürzer treten will. Und fliegt am Tage nach seiner Amtsübernahme dann sofort nach Paris, um sich mit den dortigen Auslaufmodellen zu treffen. Aber ob beliebt oder unbeliebt, das politische Rampenlicht ist halt im Ausland noch schöner.

Es geht aber noch weiter. Die neue Hoffnung der SPD ist ein Mann, der mir vor allem wegen seiner politischen Unauffälligkeit aber auch als umtriebiger „Meister der Seilschaftspflege“ aufgefallen ist. Seit 1994 lässt er es sich im Europa-Parlament gut gehen. Davor und überlappend (1987 bis 1998) war Schulz Bürgermeister von Würselen (Nordrhein-Westfalen). In 2012 hat er es geschafft; dank Proporz und geheimer Absprache wird er der Präsident des Europäischen Parlaments.

Weil er mir so unauffällig erschien, habe ich mal in Wikipedia nachgeschaut. Jetzt bitte ich jeden, der sich immer noch überlegt die SPD zu wählen, bei Gelegenheit den Lebenslauf von Martin Schulz in Wikipedia nachzulesen. Da kann man erahnen, wie man durch Partei-Zugehörigkeit und -politik mit einfachen Tricks Karriere machen kann. Ein Beispiel, dass in der SPD interne Politik für die Karriere wichtiger ist als der Einsatz für die Sozialdemokratie.

Für mich ist Herr Schulz ein „Gabriel im Quadrat“. Da kommt wieder der Schmerz: Für mich ist Europa soviel mehr als EURO und EU. Der neue SPD-Spitzenmann erscheint mir als Symbol und Metapher des schlechten Zustand einer EU, die von Nationalstaaten und wirtschaftlichen Interessen dominiert und von kleinen Ländern boykottiert wird. In den Werten ist sie uneins, politisch zerrissen, mega-bürokratisiert und über-reguliert. Eigentlich wollen alle raus, nur trauen sie es nicht. Die von vielen als unverzichtbar beschworene EU gefährdet die Vision eines menschenfreundlichen und demokratischen Europas der Regionen. Aber vielleicht haben da EU und SPD etwas gemeinsam, die SPD scheint ja die Sozialdemokratie genauso vergessen zu haben wie die Politiker in EU die Menschen in Europa.

Martin Schulz soll jetzt der Retter der SPD werden, einer Partei die wir als Hoffnungsträger für eine Erneuerung der Demokratie gut gebrauchen könnten. Ob er mit seinen Methoden die SPD retten kann, bezweifle ich. Dass er die Sozialdemokratie aber nicht neu beleben wird, da bin ich mir ziemlich sicher.

Auch dass die USA auf den Trump gekommen sind und ganz andere Sorgen haben, das hilft mir nicht weiter. So werden meine Schmerzen nicht weniger.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 23. Januar 2017

Inflation im Nahverkehr

Der letzten Preis-Erhöhung der deutschen Bahn zum Fahrplan-Wechsel Sommer/Winter habe ich keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Als Notiz hatte ich in den Ohren, dass „die Deutsche Bahn die Preise im Fernverkehr um durchschnittlich 1,3 Prozent“ erhöht. So stand es ja auch in der SZ.

Der Shuttle nach München heute bei der Einfahrt in Nürnberg.

Aber denkste!

Am Samstag wollte ich mit drei Mitreisenden nach Augsburg fahren. Also flugs im Netz ein Bayern-Ticket geordert. Und schon reibe ich mir die Augen: Das kostet jetzt 25 €. Das waren doch vor gar nicht langer Zeit noch 23 €. Das sind satte 2 € mehr, also eine Preissteigerung so um die 9 %.

Da kann ich mit leben – denke ich mir, jedoch kommt dann sofort die zweite dicke Überraschung. Die Mitfahrer (bis zu vier sind möglich) haben 5 € je Person gekostet. Jetzt kostet jeder Mitfahrer 6 €. Das sind dann schon satte 20 % mehr.

So kostet der Fahrpreis mit dem Bayern-Ticket für unsere kleine Reisegesellschaft jetzt 25 € Basispreis plus 3 Personen à 6 €, das sind dann 25 € plus 18 € also  zusammen 43 €. Das ist dann so ein Preis, mit dem fahre ich schon mal zu zweit mit dem DB-Fernverkehr nach Sylt (wie das nächste Mal im Februar). Und da ist dann die lange Fahrt nach Hamburg und die zeitlich gar nicht so viel kürzere Weiterfahrt mit dem Regionalzug (vor kurzem noch mit der Nord-Ost-Bahn) nach Westerland im Preis mit drin!

Früher hätte ich 23 € plus 3 Personen mal 5 €, also nur 38 € bezahlt. Der Fahrpreis für uns vier ist so von 38 € auf 43 € gestiegen, das sind dann doch fette 5 € mehr, was um die 13 % Steigerung ausmacht.

Das heißt:
Eine Fahrt nach Augsburg Barbara und mich und in dem Fall zwei Töchter kostet einfach so mal 5 € mehr. Wenn ich dann an das Geschiss um die Autobahn-Maut denke – dass die den Autofahrer auf keinen Fall zusätzlich belasten dürfe – dann wundere ich mich schon.

Ich bewundere auch die „runden Preise“, die da so einfach gemacht werden. Dass Cents nur noch lästige Münzen sind und so immer mehr Geschäfte die Summe beim Einkauf dann einfach eine Stelle hinter dem Komma abrunden, das verstehe ich. Aber dass man bei Preiserhöhungen auch die erste Kommastelle – immer hin 10 Cents, das waren mal 20 Pfennige – ausblendet, das finde ich schon sehr eigenartig.

Es gibt übrigens bei DB und den Privatbahnen auch eine Inflation von Spezial-Tickets für alles Mögliche: Für besondere Regionen, mit und ohne den Nahverkehr in Verkehrsverbünden, spezielle Stadtverbindungen oder eine maximale Entfernung (z.B. max 50 km). So wird das Preissystem komplizierter. Und wenn man die Basis-Mondpreise und die gleichzeitigen Niedrigpreise bei den Sonderangeboten im Fernverkehr in die Betrachtung mit einbezieht, dann wird die Preisgestaltung der Bahn immer unverständlicher.

So schön leer ist’s im Shuttle nachmittags um vier. Das Chromebook ist dabei.

Ich ärgere mich aber nur mal kurz ab und fahre weiter Zug, denn für mich ist die Bahn alternativlos. Und deswegen bin ich auch heute nach Nürnberg und zurück mit dem Bayern-Ticket unterwegs und löhne halt brav meine 25 €. Weil ich im Zug meine E-Mails abarbeiten und meine Artikel schreiben kann. Beim Autofahren kann ich das nicht.

Autofahren kommt für mich eh nicht mehr in Frage. Die Mehrheit unserer Volkes soll laut soziologischer Forschung verbittert sein. Ich wäre es auch, wenn ich jeden Tag eine oder mehrere Stunden am Steuer eines Autos verbringen müsste. Da fahre ich lieber Zug und freue mich, wenn Google vor den Staus auf der A9 wartet. Es ist die morbide Freude über das Scheitern eines unsinnigen Systems.

Die Alternative zur Bahn wäre ja Bus-Fahren. Das ist aber nicht meines. Ich bin von den meistens ziemlich leeren DB-Regio-Zügen ein wenig verwöhnt und mag mich nicht in die engen Busse klemmen, die oft von ihren Fahrern auf selbstmörderische Art und Weise über die Strassen der Republik gejagt werden. Außerdem mussten meinBus und flixBus ihr Netz gewaltig ausmisten und viele Verbindungen streichen, weil deren Venture-Kapitalisten keine Lust mehr hatten, die permanent wachsenden Verluste zu tragen.

Also, weiter Zugfahren und hoffen, dass der dichte Zugtakt mit den meistens so schön leeren Zügen uns möglichst lange erhalten bleibt …

Solche Preissprünge stelle ich übrigens nicht nur bei der Bahn fest. Auch bei öffentlichen Einrichtungen und qualitativen Lebensmitteln wie bei manchen Alltagsartikeln. Oder Immobilien.

Jetzt höre ich aber, dass die Inflation immer noch unter 2 % liegen soll. Ich glaube ja gar nicht, dass man uns absichtlich belügt. Aber die 1,X % glaube ich nicht und vermute mal, dass man uns nicht unbedingt darauf hinweisen will, dass unser Erspartes so immer weniger wird. Was ja auch bedeutet, dass die Schere zwischen arm und reich immer mehr auseinander geht. Mit Folgen, die wir ja schon ein wenig erleben dürfen und uns ja auch schon mal ein wenig ausmalen können.

RMD

Der Shuttle nach München am 23. 01. 17 im Hbf Nürnberg auf Gleis 12.

Zwei Magazine, die mir gefallen – oder – Papier, dass sich zu lesen lohnt.

brand eins & enorm!

2008 habe ich mit dem „Bloggen begonnen“ und meine Erlebnisse und Gedanken in IF-Blog.de öffentlich formuliert. Es hat mir Spaß gemacht, das zu erst mal für mich selber zu tun. Dann hab ich mich über die vielen Leser erfreut wie auch an viele Ereignisse und Kontakte, die daraus entstanden sind. Dann habe ich noch ein paar Mitautoren gesucht und gefunden, von denen freilich nicht viele geblieben sind.

Auch an meinem Kennenlernen von brand eins war IF-Blog.de schuld. Das aber weiter unten.

Ausgabe Januar 2017

Die Geschichte von brand eins beginnt offiziell im August 1999.
 2008 gab es brand eins schon im neunten Jahr. Die Vorgeschichte begann sogar drei Jahre früher – in 1996. Trotzdem kannte ich wie viele meiner Freunde brand eins in damals nicht.

Die brand eins-Geschichte selber begann wohl mit einem Interview von Jost Stollmann (1996). Jost war damals noch Chef von Compunet, die InterFace Connection GmbH gab es damals auch schon seit zwölf Jahren. Mit Jost Stollmann verbindet mich nicht nur, dass er IT-Unternehmer ist. Nein, er war wie ich Schüler von Rupert Lay.

Rupert fuhr seinerzeit privat einen roten Dreier-BMW (mit 2.0-Liter-Maschine), für einen Jesuitenpater etwas besonderes. Sein Auto sah meinen roten Dreier-BMW (mit 2.3-Liter-Maschine) zum verwechseln ähnlich. Das hat uns viel Spaß gemacht. Allerdings war Ruperts BMW kein Geschäftsauto sondern ein Geschenk (oder Leihgabe) von Jost. Und Rupert hat sich an seinem schnellen roten BMW und vor allem über dessen Herkunft sehr erfreut.

Jost Stollmann ist übrigens brand eins treu geblieben und hat dort weitere Interviews gegeben (in 2009 und 2012).
(Das frühe Interview von 1996 habe ich leider nicht gefunden. Ich würde es gerne mal lesen. Wenn jemand also einen link darauf hat oder ein PDF oder so etwas, dann würde ich mich freuen, wenn er mir die Info zusenden würde.)

Florian Prange, Unternehmer und Schatzmeister von FÖS.

brand eins jedoch habe ich durch Florian entdeckt. Dr. Florian Prange hatte damals gerade bei InterFace als Senior Consultant angefangen. Er war ein sehr feiner, junger und sozial engagierter Typ. Heute ist er sein eigener Unternehmer und Schatzmeister im Vorstand von FÖS (Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft), auch einer sehr interessanten Adresse.

Der Florian mochte meine Artikel und hat mich deshalb auf brand eins aufmerksam gemacht. Er meinte, dass meine Artikel ein wenig mehr Leser verdient hätten – und dies vielleicht über brand eins möglich wäre.

Ich kannte brand eins damals tatsächlich noch nicht, obwohl es ja schon neun Jahre auf dem Markt war. Die „Pflichtlektüre“ für Manager waren das Manager Magazin oder die Wirtschaftswoche. Beide Illustrierte waren (und sind) mir ein Graus – und brand eins war so ganz anders und viel besser.

So war ich von brand eins begeistert und habe dann so manche Ausgabe an Freunde und Geschäftspartner verschenkt. Das war immer ein großer Erfolg – viele kannten das Magazin auch nicht, waren überrascht und haben sich gefreut, ganz neue Impulse zu bekommen.

Das hat sogar geschäftlich gut getan. Einer meiner Freunde (der IF-Blog-Autor Edwin Ederle) schaffte es mit seinem Unternehmen data2impact (Feine Klitsche) sogar in eine Ausgabe. Und meine für viele Jahre regelmäßige Rezensionen zu brand eins in IF-Blog.de wurden gerne und viel gelesen.

Frau Gabriele Fischer im Vortrag für InterFace (2009)

So entstand auch der Kontakt zu Gabriele Fischer, der Gründerin von brand eins. Dieser führte zu einem großartigen Vortrag von Frau Fischer im IF-Forum.

Leider wollte Frau Fischer damals nicht als „Youtube-Toussie“ enden ( 🙂 so hat sie das selber formuliert), so dass wir auf die Video-Dokumentation ihres tollen Vortrages verzichteten.
🙂 Und so der Nachwelt etwas sehr Wichtiges verloren ging.

brand eins gibt es heute noch – und ist mittlerweile das etablierte Wirtschafts-Magazin nicht nur für Manager! Und es ist immer noch das einzige Papier, das ich in die Hand nehme …

Falsch!

Korrekt muss es heißen: War. Denn ich habe jetzt enorm gefunden. Da geht es nicht so sehr um Wirtschaft sondern mehr um Leben.

Das ging so. Am letzten Freitag vor einer Woche habe ich Peter Felixberger (übrigens gut befreundet mit Gabriele Fischer) kennen gelernt. Peter war unter anderem der Gründer von changeX.

Heute ist er Programmgeschäftsführer von Murmann Publishers. Er ist Herausgeber und verantwortlich für die Redaktion der kursbuch.edition und des Magazins enorm sowie Herausgeber von »Kursbuch auf Weltreise« (Goethe-Institut). Und macht noch manches mehr. Auch mein Freund Andreas Zeuch hat sein letztes Buch bei Murmann veröffentlicht.

Mit Peter Felixberger hatte ich an diesem Freitag ein wunderbares Gespräch. Ich habe viele Gemeinsamkeiten betreffend Werte, Erfahrungen, Interessen und Bedürfnisse zwischen uns festgestellt. So war es für mich sehr schön, ihm zu zuhören; er konnte mich für seinen Verlag und seine Produkte so richtig begeistern.

Er hat mir auch enorm vorgestellt, ein Magazin, dass als Zielmarkt die 20- bis 40-jährigen hat, nach meiner Bewertung aber auch schnell viele Anhänger bei jüngeren und älteren Lesern gefunden hat und finden wird.

Ich kann mir gut vorstellen, dass enorm schon in weniger als  zehn Jahren genauso erfolgreich wie brand eins heute ist. So wage ich  so eine kurze mini-Rezension der aktuellen Ausgabe 06 (Dezember/Januar 2016/2017).

Was begeistert mich an elan?

Es sind zwei Elemente – die Grundstimmung im Heft und die Themen.

Die Grundstimmung würde ich mit fair und achtsam bezeichnen.

Die Themen gefallen mir, weil alles was ich im Heft finde, für mich von hoher Relevanz ist. Die Struktur besteht aus AUFBRECHEN, MACHEN und LEBEN. Unter der Klammer „Jetzt erst recht“ finde ich eine gelungene Sammlung von Themen, die heute wichtig sind. enorm gibt es auch schon seit Januar 2010. Im Archiv auf der Website findet man alle Ausgaben seit 2010, auch immer mit wichtigen Themen. Allerdings sind viele Artikel – abhängig von der Ausgabe – „noch nicht freigeschaltet“. Ich finde das in Ordnung, denn gerade mit wertvollem Inhalt sollte man auch Geld verdienen. Und so gibt es trotzdem genug zu lesen.

Jetzt überlege ich mir, enorm wie damals brand eins an meine Freunde und Geschäftspartner zu verschenken. Gerade in den Abteilungen mit dem unmöglichen Namen für „Human Resource“ (HR) bei den kleinen und großen deutschen Unternehmen könnte enorm vielleicht enorm helfen, die Werte, Erwartungen, Interessen und Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter besser zu verstehen. Und das dürfte jedem Unternehmen gut tun.

Bei brand eins konnte man alle Artikel im Archiv auf der Webseite für umsonst nachlesen. Diese Zeit scheint vorbei zu sein. Allerdings finde ich viele Artikel in brand eins übers Internet – siehe auch die beiden Interviews mit Jost Stollmann. Und auch die Idee Inspiration auf der Website von brand eins gefällt mir gut.

Es lohnt übrigens, beiden Magazinen bei Twitter zu folgen:
🙂 Hier die „accounts“ @brandeins und @enorm_magazin.
Also #FF!

Kaufen und Bezahlen!

Ich meine, dass es die Fairness gebietet, ab und zu auch Papier zu kaufen. Wenn man es selber nicht lesen will, kann man es gut her schenken. Um andere Menschen zu inspirieren.

Also: Am 24. Februar geht es auf zum Kiosk, da wird die nächste Ausgabe von enorm erscheinen.

RMD

Computer Vintage
oder:
Wenn Produktions- und Entwicklungsketten zu komplex werden, dann könnten sie ja auch mal (zer-)reißen

Die Gedanken zu diesem Artikel entstanden im Rahmen einer kurzen Diskussion, inwieweit unsere entwickelte Gesellschaft technologisch wieder in das prä-elektrische Zeitalter zurückfallen könnte. Mein Gesprächspartner meinte, das wäre unmöglich. Dieser feste Glaube hat mich zum Nachdenken gebracht.

Ein kleiner Bruder und ein ganz kleines Brüderchen der von mir beschriebenen Flach-Baugruppe. Das Telefon soll die Größe der kleinen Teile klar machen 🙂

Anfang der 70iger Jahre studierte ich an der TUM Mathematik mit Nebenfach Informatik und war schon bald bei Siemens als Werkstudent tätig. Weil es da tolle Rechner (Computer) gab und man als Student für damalige Verhältnisse gut verdient hat.

Ich war damals in den Baracken der „Koppstrasse“ tätig. Getestet haben wir im „Feurich-Bau“ – im Zentralgelände der Siemens AG an der Hofmann-Straße. Das Leben in den Baracken war toll, es war eine richtige F&E-Atmosphäre, so wie man es sich heute bei einem guten Start-up vorstellt.

Mein erstes Projekt habe ich hier in IF-Blog beschrieben. Es ging damals um das Berechnen von möglichst großen Mersenne-Primzahlen. Das war eine Aufgabe eher für einen Einzelkämpfer.

Dann wurde ich immer mehr Teil der Teams und fast berauscht von denn Herausforderungen unserer Aufgabe. Wir arbeiteten gemeinsam mit weiteren Kollegen an der Entwicklung der PALOG-A- und PALOG-B-Systeme.

PALOG stand für „PrüfAutomat für LOGik. Die Aufgabe eines PALOG-A-Gerätes war der Funktionstest von in kleinen Serien gebauten „Maxi-Flachbaugruppen“, die in Groß-Rechnern unterschiedliche Funktionen realisierten. Die Funktionalität und die Richtigkeit der zu realisierenden Logik waren schon getestet.

Es ging „nur noch“ um das Prüfen, ob die Serien-Produktion fehlerfrei erfolgt war und die gefertigten Komponenten zuverlässig die gewünschten Ergebnisse lieferten. Die erweiterte Funktion des PALOG-B erläutere ich im weiteren Teil des Textes.

So eine Maxi-Flachbaugruppe war ein großes Brett (Board), ziemlich breit und tief aber von geringer Höhe. Die auf den Bildern abgebildeten Boards stammen aus späterer Zeit und waren viel kleiner.

Eine Maxi-Flachbaugruppe hatte auf einer Seite eine Steckleiste mit 128 Stiften, die in die Rückwand des Großrechners eingesteckt wurden. Dieser speiste das Board mit digitalen Mustern entsprechend der Anzahl der Stifte, bekam vom Board ein Ergebnis zurück und verarbeitete dieses weiter. (Vielleicht täusche ich mich und es waren nur 64 Stifte, aber ich erinnere mich deutlich an 128.)

Das Board war auf der Oberfläche voll mit Elektronik-Bauteilen, die ein paar Füße oder mehrere Füßchen hatten. Diese wurden in die vorbereiteten Löcher des Brettes gesteckt. Das ganze wurde dann von unten entsprechend verlötet, bei Serienproduktion in einem Lötbad.

Die Bauelemente auf dem Board waren zum Teil von Siemens selber entwickelt und produziert. Einiges musste zugekauft werden. Ich habe da besondere Chips von Motorola in Erinnerung, die im Einkauf auch mal um die 1.000 DM kosteten.

Wenn ich mich hier nicht korrekt ausdrücke habe, dann bitte ich dies zu entschuldigen. Ich habe nie Hardware gemacht, sondern mich schon damals ausschließlich auf die Entwicklung der Software beschränkt.

Der Prozess der Bestückung und Verlötung war alles andere als trivial.  So war es durchaus möglich – und kam auch häufig vor – dass diese Maxi-Flachbaugruppen nach der Fertigung keine oder falsche Ergebnisse lieferten. Manchmal kam es auch vor, dass die zu gelieferten Einzelteile defekt waren.

Aber wie findet man das raus? Wie testet man so eine Maxi-Flachbaugruppe?

Unsere Methode war einfach. In das zu prüfende Objekt wurden Bitmuster gesendet und dann geprüft, ob die Antwort die richtige (erwartete) ist. Einen solchen Test kann man aus Effizienzgründen natürlich nicht mit allen möglichen Eingabe-Mustern durchführen. Die Aufgabe unserer Software war es, relevante Muster zu generieren, mit denen man in möglichst wenigen Testschritten beweisen konnte, dass die Logik der Maxi-Flachbaugruppe richtig funktioniert.

Noch mal die kleineren und jüngeren Brüder der Maxi-Flachbaugruppe.

Dazu wurde diese in den PALOG-A Automaten eingespannt und dort mit den ihrer Funktionalität entsprechenden Binär-Mustern über die 128 Stifte beschickt. Die Antworten wurden mit den Soll-Ergebnissen verglichen. Wenn IST und SOLL bei allen Testmustern übereingestimmt hatte, war validiert, dass die Maxi-Flachbaugruppe einwandfrei funktioniert.

Die Suchen und Finden der relevanten Testmuster war alles andere als einfach und wurde ziemlich „mathematisch“ aus der jeweiligen Funktionalität heraus entwickelt. Die Programmierung erfolgte „cross“ auf BS1000 und dann bald auch auf BS2000.

Die Muster selber und die richtigen Antworten wurden auf Prozessrechnern der Serie 300 generiert. Die hatten übrigens einen 6-Bit-Assembler mit zwei Akkumulatoren und dem schönen Namen PROSA. Die „Dreihunderter“ galten als ungeheuer schnelle Rechner.

Das Spitzenmodell war die 306. Aber auch diese in der damaligen Zeit absolut schnellste Maschine von Siemens brauchte gut und gerne auch mal eine Woche oder mehr für die Berechnung der benötigten Muster.

Ein Rechner lief damals selten eine Woche ohne Ausfall. Meistens stürzte er in so einem langen Zeitraum schon ein paar mal ab. Deswegen hatte die Software neben der algorithmischen Herausforderung noch weitere wie die Wiederaufsetzbarkeit des Programms bei einem Systemabsturz. Dies war damals alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Soweit so gut. Immerhin konnten wir mit PALOG-A zuverlässig validieren, ob eine Maxi-Flachbaugruppe fehlerfrei war oder nicht. Allerdings gab es ziemlich häufig mangelhafte Produkte. Was macht man mit diesen? Allein aufgrund der teuren eingesetzten Bauelemente wollte man die natürlich nicht vernichten oder zurück bauen, denn damit wäre auch nicht viel gewonnen worden. Man wollte also möglichst alle wenn irgendwie möglich reparieren.

Wenn ich einen Fehler in einer komplizierten Logik einer Flachbaugruppe beheben will, muss ich aber zuerst einmal herausfinden, wo er sich auf dem Board befindet. In unserem Fall geht das natürlich nicht durch logisches Überlegen oder „Code Reading“ wie bei einem Programm. Auch einen eingebauten Debugger hatter wir nicht. Die Frage ist ja, welches Bauteil falsch sein könnte, welche Lötstelle nicht funktioniert oder ähnliches …

Da kam unser System PALOG-B ins Spiel. Wenn eine Maxiflachbaugruppe von PALOG-A als fehlerhaft erkannt wurde kam sie ins PALOG-B-System. Dort wurde sie einer (von uns so genannten) PFAD-Methode unterworfen und mit ganz anderen Testmustern bearbeitet. Diese ermöglichten an Hand der zurück kommenden Daten den Fehler auf dem Board einzukreisen. So war es möglich durch mehrfaches Einkreisen die möglichen Fehler zu beheben. Dann wurde das Board wieder mit PALOG-A getestet, und wenn es dann funktioniert hat wurde gejubelt.

Warum das Vorgehen „PFAD-Methode“ hieß, kann man sich gut vorstellen. Man sich nur überlegen, dass verschiedene Eingabemuster verschiedene „Pfade“ auf der Flachbaugruppe durchlaufen. Und wenn man fest stellen kann, welche der vielen möglichen verschiedenen Pfade nicht funktioniert, ist man dem Fehler schon deutlich näher.

Ich habe versucht, das alles möglichst einfach und gut verständlich zu beschreiben. In Wirklichkeit war das Ganze aber sehr kompliziert und wurde von einem über sehr viele Jahre erarbeiteten und weitergegebenen Know-How getragen.

Unsere Software war nur ein kleiner Teil der für die effiziente Entwicklung und Produktion von IT-Systemen notwendigen Design- und Konstruktionssoftware. Da ging es bei Siemens damals mit großen Fortschritten weiter. Ein paar Jahre später hatte die Siemens AG eine umfassende Workbench aus vielen SW-Systemen für die Entwicklung ihrer Chips, die wahrscheinlich allen Konkurrenz-Systemen deutlich überlegen war.

Leider habe ich Abkürzung dafür vergessen, weiß aber noch, dass diese Anwendung als die komplizierteste SW-Lösung der Welt galt und die meisten „Lines of Code“ aller bekannten Programmsysteme gehabt haben soll.

Und dann ging es abwärts mit dem Bereich Datenverarbeitung und all das Know-How verschwand.

😉 Aber was interessiert den Juden und auch uns „die Freud von gestern“?
Vorbei ist vorbei!

Ich kann mir vorstellen, dass das Know-How und die Werkzeugkette, die gebraucht werden um einen Intel-Prozessor oder einen IBM Power zu entwickeln und zu produzieren mittlerweile eine ungleich höhere Herausforderung darstellt als damals die doch noch überschaubaren Flachbaugruppen.

Und es könnte sein, dass nicht nur so ein High-Tech-Prozessor sondern auch der „einfache“ elektrische Motor oder Stromgenerator heute ohne einer ähnlich komplexen „Maschinerie“ so ganz einfach nicht mehr hergestellt werden können. Und wenn die zerbricht – warum auch immer – was dann?

Damit habe ich den Kreis geschlossen und komme zur Eröffnung meines Artikels. Genau wegen der Durchdringung solcher Werkzeug- und Produktionsketten in allen Technologien und Sparten – ob Chemie, Energie, Landwirtschaft, Mechanik, Pharmazie, Physik … könnte ich mir gut vorstellen, dass unser System kippen kann und wir dann wieder bei NULL anfangen müssen. Und das das dann sehr schwierig sein könnte.

RMD

P.S.
Ich schreibe die technischen Erinnerungen aus dem Kopf heraus und völlig ohne Unterlagen auf. Leider ist Wikipedia bei solchen spannenden Themen der Informatik gar nicht so recht hilfreich. Ich finde es schade, dass in Wikipedia ausgerechnet die Technik, die Wikipedia erst ermöglicht hat, kaum und meistens sehr ungenügend  beschrieben ist.

Insofern bitte ich zu entschuldigen, wenn ich die eine oder andere Abkürzung falsch in Erinnerung habe oder ähnliche Fehler mache. Ich konnte nirgends nachschauen und so meinen Erinnerungen auf die Sprünge helfen. Umso mehr bin ich für Korrekturen und Hinweise zur von mir berichteten Technik dankbar.

Roland Dürre
Dienstag, der 17. Januar 2017

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.

Complexity made by Visual-Braindump.de.

Dieser Satz, der ja nicht nur Karl Valentin sondern auch Mark Twain, Winston Churchill, Niels Bohr, Kurt Tucholsky (also lauter intelligenten Menschen) zugeschrieben wird, macht vieles klar. Prognosen sind alles anders als einfach – und so ist es auch mit der Planung. Denn die Planung ist die kleine Schwester der Prognose.

So halte ich am Freitag (10. Februar) in Stuttgart genau mittags um 12:00 beim FORUM AGILE VERWALTUNG 2017 einen (hoffentlich agilen) Vortrag mit dem amüsanten Titel:

„Die unumgehbare Unvorhersehbarkeit der Zukunft“

So ein Titel ist natürlich nicht von mir. Ich finde ihn aber treffend, klingt er doch wie die intellektuelle Formulierung der einfachen Tatsache, dass Zukunft eben nicht vorhersehbar ist. So wie man halt in den akademischen Kreisen der Soziologie und/oder Politologie geschraubt lehrt und schreibt.

Wie will ich in die Zukunft hinein planen, wenn ich nicht mal mehr in die Zukunft hinein sehen kann? Das dies nur selten funktioniert werde ich mit ein paar Beispielen belegen.

Auch habe ich vor zu berichten, dass sich private Unternehmen immer dann, wenn es schwierig wird, einfach mal schnell aus dem Staub machen. Besonders gerne lösen sie sich auf, wenn sie über Jahre gute Gewinne privatisieren konnten und zum Ende ihres „life cycle“ dann größere Verluste drohen, die dann mal ganz schnell sozialisiert werden.

Bei Behörden ist dies nicht ganz so einfach. Diese müssen disruptive Situationen überleben, auch dann, wenn private Unternehmen einfach verschwinden. Ganz einfach, weil das Leben weitergeht. Deshalb müssen sie ihre „Resilienz“ bewahren oder noch besser alles tun, „Antifragilität“ zu entwickeln.

Sicher sind Resilienz und Antifragilität auch nur zwei der vielen modernen „Buzzwords“. Sie machen aber etwas wichtiges klar, nämlich dass agile und flexible Strukturen in Zeiten von Veränderung und Wandel doch von wesentlichem Vorteil sind. Und starre Prozesse dann schnell zum Tode eines Systems führen können.

Die Ideen-Tüte des Vortrages ist schon gut gefüllt, jetzt bin ich beim Strukturieren und Verfeinern. Ich freue mich auf den Vortrag und den Dialog mit meinen Zuhörern und würde mich noch mehr freuen, wenn ich in Stuttgart ein paar bekannte Gesichter wiedersehen würde.

Deshalb hier alle Informationen zur Veranstaltung. Die Vorderseite enthält das Programm:

 

Und auf der Rückseite stehen die Details zur Buchung.

Also – dann auf ein Wiedersehen in Stuttgart.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 15. Januar 2017

PM Camp Klausur 2017 – #pmcamp – 20. 01. 2017

Es ist sicher keine Breaking-News – aber am Freitag kommender Woche ist die PM Camp Klausur 2017.

Zur PM Camp Klausur treffen sich einmal im Jahr Vertreter*Innen aller Orga-Teams. Gastgeber des Prozesses ist in diesem Jahr das Orga-Team Dornbirn (Eberhard, Marcus, Stefan, Roland), die logistische Unterstützung erfolgt durch die InterFace AG.

So werden sich am Freitag, den 20. Januar 2017 von 8:00 bis 16:00 die Vertreter der Orga-Teams der PM-Camps Barcelona, Berlin, Dornbirn, Hamburg, Karlsruhe, München, Rhein-Main, Stuttgart und Zürich bei der InterFace AG in Unterhaching treffen.

Die PM-Camp-Klausur ist die Instanz, die an der strategischen Weiterentwicklung der PM-Camp-Bewegung arbeitet. So sind die Ziele der Teilnehmer:

  • Rückblick
    Wie haben sich die PM Camps entwickelt?
    Berichte von Format-Experimenten in 2016
  • Status Quo
    Wo stehen wir aktuell? Was ist uns JETZT wichtig?
  • Ausblick
    Was müssen wir beachten bzw. aktiv angehen, damit die PM Camp Bewegung weiter relevante Impulse in die PM Szene setzen kann?

Ich veröffentliche den Termin, um allen Freunden der PM-Camp-Bewegung oder/und Besuchern von PM-Camps die Gelegenheit zu geben, ihre Gedanken und Ideen der PM-Camp-Klausur zur Verfügung zu stellen.

Wenn Ihr also Anregungen habt, die die Zukunft von PM-Camp betreffen, so sendet diese als E-Mail an mich – ich werde diese sammeln und dann in die Runde einbringen.

Ich freue mich schon auf viele Impulse von und Inspiration durch Euch!

RMD

P.S.
Am Vorabend (Donnerstag, 19. Januar 2017) treffen sich die Frühankommer ab 19:00 im Althaching in Unterhaching. Wer Lust hat, alte Freunde wieder zu sehen, kann gerne dazu kommen.

Roland Dürre
Dienstag, der 10. Januar 2017

FAHRRADkultur – Interview mit Roland Dürre

Franziska Köppe ist mir vor allem bekannt vom EnjoyWorkCamp. Das ist ein sehr schönes Barcamp für ein neues Verständnis von Arbeit, das einmal im Jahr in Stuttgart stattfindet. Franziska hat mich zu meiner Begeisterung fürs Fahrrad interviewt. Da kam ein Ergebnis heraus, dass mir sehr wichtig ist – deshalb habe ich es sprachlich jetzt noch mal leicht überarbeitet und auch bei mir in IF-Blog.de abgespeichert. Ich habe aber versucht, alles was von Franziska kommt, möglichst so original wie möglich zu lassen.


 

Aktive Mobilität – Fördern und Fordern

 

03.01.2017 – Sind Autofahrer die Kutscher der Neuzeit? Mobilität ist im Umbruch. Seit den 1950ern wurde die Automobil-Industrie stark – vor allem politisch – gefördert. Die Branche gilt als „system-relevant“. Eng verkettet ist sie mit vielen Zulieferern, Verkehrsplanung und Lobbyarbeit. Doch ist sie das „system-relevant“? An den konventionellen Geschäftsmodellen rütteln Start-ups und die Crowd-Economy wie kulturelle Änderungen im Verhalten nicht nur der jungen Generation. Ich sprach mit Unternehmer und Mobilitäts-Aktivist Roland Dürre über Fahrrad-Kultur und den eigenen Beitrag zu Mobilität mit Zukunft.
(Vorwort zum Interview von Franziska)


 

Das Interview

Franziska: Hallo Roland, bitte stelle Dich unseren Lesern kurz vor. Wer bist Du? Was machst Du?

Roland: Wer ich bin, weiß ich nicht. Ich fühle mich als Mensch, Aktivist, Blogger, Coach, Macher, Unternehmer. Ich liebe das Leben und meine Familie. Ich versuche, mutig zu sein und viel Freude bei meinem Tun zu haben. Meine Aufgabe ist nach meiner Zeit bei der InterFace AG noch mehr als früher, Erfahrungen weiter zu geben und wenn möglich anderen – besonders jüngeren – zu helfen, glücklich und erfolgreich zu werden. Für das Schöne, das ich erlebt habe, bin ich dankbar und freue mich, wenn sich diese Dankbarkeit in den verbleibenden Lebensjahren noch mehrt. 🙂

Franziska: Eine Deiner Leidenschaften ist das Radfahren. Was bedeutet für Dich FAHRRADkultur? Was verbindest Du mit diesem Wort?

FAHRRADkultur versus Auto-Kultur – Die Folgen konventioneller Verkehrspolitik

Roland: Kultur und FAHRRAD-Fahren sind beides etwas schönes. Das passt gut zusammen!

Aber sehen wir uns mal an, was uns die Auto-Kultur gebracht hat. Als Autofahrer bin ich im Fahrzeug sozial isoliert. Meine Mitmenschen werden zu anonymen Objekten in anderen Autos. So kenne ich viele Menschen, die sich am Steuer ihres Autos ihrer zwischenmenschlichen Einsamkeit bewusst Schimpfworte benutzen, die sie im normalen Umfeld nie nutzen würden. Und kann das gut nachvollziehen.

Als Radler habe ich mir angewöhnt, mir entgegen kommende Fahrradfahrer zu grüßen. An der Ampel nehme ich häufig Kontakt mit dem Menschen auf dem Nachbar-Rad auf. Ich versuche, Rücksicht zu üben. Und meine, dass die Fußgänger immer Vorfahrt vor Radfahrern haben sollten. Aber auch die Radler vor Autos.

Als Radler sehe und nehme ich mehr wahr. Das gilt auf Radreisen in fremden Ländern genauso wie in Deutschland. Es entwickeln sich schnell soziale Kontakte. Als Fahrradfahrer sehe ich aber auch, wie viel Tiere wie Kröten, Katzen und Hunde von Autos getötet werden. Dann gibt es mir einen Stich ins Herz.

So korreliert Autofahren für mich mit Rücksichtslosigkeit und Unachtsamkeit. Was sich dem Auto in den Weg stellt, wird niedergewalzt. Kohlendioxid wird ausgestoßen, Feinstaub produziert und das nur für die eigene Bequemlichkeit. 1,400.000 Millionen Verkehrstote weltweit im Jahr sind normal, weil es ohne das Auto nicht geht. Es geht aber ohne Autos. Das habe ich im Selbstversuch erlebt. Und es geht einem besser ohne Autos.

Vielleicht noch eine kulturelle Provokation: Autofahrer sind die Kutscher der Neuzeit. Kutscher waren keine beliebte Berufsgruppe, weil sie in den engen Gassen der Städte mit der Peitsche das gemeine Volk aus dem Wege prügelten. Kutscher galten damals als „Abschaum und Gesindel“?!

FAHRRADkultur – Eine leise und saubere Welt mit glücklicheren und gesünderen Menschen

Franziska: Es ist wohl wahr, dass für die meisten – vor allem die Großstädter von uns – Mobilität hauptsächlich mit dem Automobil verbunden ist. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Fahrradfahren das selbstverständlichste und alltäglichste Verkehrsmittel war, mit dem Menschen Entfernungen von mehr als 5 km zurücklegten. Lass uns also noch einmal zurückkommen auf das Fahrrad. Was wäre das für eine Welt, wenn Du FAHRRADkultur träumen dürftest?

Roland: Eine leise und saubere Welt mit glücklicheren und gesünderen Menschen. In der sich aus veränderter Mobilität heraus viele weitere Fortschritte an Lebensqualität entwickeln. Ich sage immer gerne: Wer seine Mobilität nicht in den Griff bekommt, wie will der sein Leben steuern können? Denn ohne den „Willen und die Fähigkeit sein Leben verantwortlich zu führen“ geht es halt nicht.

Roland Dürre auf dem Weg von Salerno nach Pisciotta

Franziska: So weit so vernünftig. Nun sieht die Realität eines Alltagsradlers nicht ganz so himmelblau und rosig aus. Du sprachst es ja bereits an. Einer der Gründe, weswegen Du Dich für „Aktive Mobilität“ – AktMob, wie Ihr es nennt – einsetzt.

Roland: Stimmt. Ich kenne viele Straßen in München, da macht es keine Freude zu fahren. Und auch auf großen Touren muss man immer wieder auch mal eine Strecke durchleiden, auf der man wirklich um sein Leben fürchtet.

Wobei es bei AktMob nicht nur ums Radeln geht, sondern um jede Form von Fortbewegung jenseits von Pferdekutschen, Benzin- oder Elektroautos – durch eigene Bewegung, aus eigener Kraft. Sei es mit Rollern, Skatebords, zu Fuß, dem Rollator – oder was auch immer. Und ein wenig elektrische Unterstützung darf auch dabei sein.

Franziska: Im Bereich Verkehr wird seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts das Automobil als individuelles Fortbewegungsmittel gefördert. Dahinter stand die politische Vision eines Wirtschaftswunders. Leider hat diese kurze Zeit bereits ausgereicht, unsere Städte zu entmenschlichen. Fußgänger wie Radfahrer gehören seltsamerweise kulturell nicht mehr zum Verkehr. Wie absurd das teilweise ist, zeigt sich ganz besonders allmorgendlich an Kindergärten und Schulen: Da werden Kinder mit dem Auto gebracht, weil es aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens durch PKWs zu gefährlich für sie wäre, zu laufen. Wie schräg ist das denn?

Das Auto als Statussymbol in der Wirtschaftswunderwelt

Roland: Ein gutes Beispiel! In der Tat war das Auto – gerade für die Männerwelt – nicht nur ein Objekt, um von A nach B zu kommen. Wenn man Führerschein und ein Auto hatte, war man endlich erwachsen. Der Spruch vom Auto als „Phallus-Symbol“ ist sicher nicht ganz falsch. Und am Steuer eines starken Kraftwagen überkommt gerade das männliche Geschlecht ein Gefühl der Omnipotenz. Wer mag das nicht?

Noch mehr aber war das Auto das Statussymbol in der Wirtschaftswunderwelt der sich wirtschaftlich erholenden BRD und Welt. Das Auto ist wohl die beste Metapher für gekauftes Glück als Ersatzbefriedigung für unerfüllte Bedürfnisse.

Wie wir noch junge Männer waren und kein Auto hatten, da hatten wir den Eindruck, dass die hübschen jungen Frauen die Männer mit Autos doch klar bevorzugten – und auf uns autolose Wesen eher herab sahen.

Das Auto war aber auch – ähnlich wie die Zigarette – ein Symbol für Freiheit. Und es war auch ein neuer privater Lebensraum – in USA z.B. muss es ein paar Jahre gegeben haben, in denen mehr als die Hälfte aller Kinder auf dem Rücksitz von Autos gezeugt wurden. Das stand wohl schon im Kinsey-Report drin. Und unserer Faulheit ist so ein Kraftfahrzeug doch auch sehr entgegen gekommen. Ja, und dass solch ein götzenhaftes Vehikel – auch noch optimal und emotional vermarktet – alles andere untergebuttert hat, ist doch klar.

Die kritische Masse – Radfahren im Verband

Franziska: Mit Aktionen „Wir sind Verkehr“ finden in Deutschland und auf der ganzen Welt monatlich sogenannte Critical Mass statt. Dabei nutzen Radfahrer §27 der StVO aus, der es ihnen ermöglicht, ab 15 Velofahrern (= kritische Masse) im Verband zu fahren. Ich freue mich sehr, dass diese Bewegung in D-A-CH immer mehr Anhänger findet. Ein friedlich-fröhliches Treiben im vergangenen November in Deutschland beispielsweise mit 3.290 Mitradlern. Im Juli dieses Jahres waren es sogar 13.371 FahrradfahrerInnen [Quelle: Daniel via itstartedwithafight]. Jeder kann sich anschließen – und sei es auch nur für ein kurzes Stück des Weges.

© Radlhauptstadt München – Radlnacht 2016 [Foto Andreas Schebesta]

Roland: Critical Mass ist gut! Ich schätze sie vor allem, weil es mir eine echte Graswurzel-Bewegung zu sein scheint. Und ich überzeugt bin, dass Veränderung nur noch von „unten“ angestoßen werden kann. Politik und Administration gelähmt von Lobbyisten und eigenen Regeln hat gar keine Chance und auch keinen Willen mehr, mal etwas auszuprobieren. Nur – ohne Ausprobieren geht nichts!

Franziska: Und doch gibt es da die Fahrrad-Enthusiasten auch unter Politikern. Nehmen wir beispielsweise Deine Heimatstadt. Die Stadt München erhebt den Anspruch, Radlhauptstadt sein zu wollen. Dahinter steht auch das persönliche Engagement von Wigand von Sassen, der seit März 2009 Projektverantwortlicher für diese städtische Fahrrad-Kampagne ist. Seit Beginn der intensiven Fahrrad-Förderung hat sich der Radverkehrsanteil am gesamten Modal-Split deutlich erhöht. So gibt es beispielsweise regelmäßig RadlChecks, bei denen kostenfrei kleinere Reparaturen vorgenommen werden. Erst im Oktober fand die Radl-Nacht statt. Im September die RadCouture… Dahinter steckt viel Engagement in Sachen FAHRRADkultur. Das braucht eine gehörige Portion Mut und Ausdauer.

Doch lass uns gern eine Nummer kleiner denken. Was kann jeder tun? Es braucht ja gar nicht immer die großen Gesten.

Autofahren – nichts anders als eine schlechte Gewohnheit?

Roland: Es wird auch Zeit, dass etwas passiert. Ich glaube aber nicht, dass die Erhöhung des Radverkehrsanteils auf eine „intensive Fahrrad“-Förderung zurückzuführen ist. Ich meine viel mehr, dass immer mehr Menschen entdecken, dass es bessere Möglichkeiten gibt und ein Auto doch sehr viel Geld frisst. Ich sehe die vielen Autos sozusagen als Wohlstandsreserve für die Zukunft, in der es zweifelsfrei für viele von uns „enger“ werden wird.

Autofahren ist nichts anders als eine schlechte Gewohnheit. Wir müssen halt auch bereit und fähig sein, unsere Gewohnheiten zu verändern. Rauchen, ist eine schöne Metapher. Es ist nicht einfach und für viele Raucher unvorstellbar, zum Nichtraucher werden will. Und dann klappt es doch – und man fühlt sich schnell viel besser.

Wie schwer es ist, liebe Gewohnheiten zu ändern, erlebe ich zurzeit an mir selber. Auf den regionalen Wegen bis um die 30 km fahre ich nur noch Fahrrad. Aber leider auch auf den ganz kurzen Strecken. Mein neues persönliches Mobilitäts-Programm heißt jetzt aber „runter vom Fahrrad und wieder auf die eigenen Füß“. Ich will wieder mehr zu Fuß gehen. Und es ist für mich wahnsinnig schwer, diese Gewohnheit aufzugeben, auch bei kurzen Strecken quasi automatisch aufs Fahrrad zu steigen.

Franziska: Verhaltensweisen umzulernen ist in der Tat nicht einfach. Als Angestellte fiel es mir leicht, mich morgens aufs Rad zu schwingen und in die Firma zu radeln. Auch heute noch ist es für mich kein Thema, Geschäftstermine mit dem Rad zu erledigen (es sei denn, es ist zu weit, dann nehme ich öffentliche Verkehrsmittel).

Das Leichte daran war für mich, dass ich den Weg in jedem Fall zurück legen musste. Seit ich jedoch im Home-Office arbeite, fällt es mir unsäglich schwer, täglich aufs Rad zu steigen – nur des Radelns und der körperlichen Aktivität wegen. Mir fehlt dafür das A nach B als Bedingung. Da ist es für mich wiederum naturgemäßer, abends (m)eine Runde durch die Weinberge zu drehen und zu Fuß zu gehen. Das entschleunigt und sortiert die Gedanken.

Inzwischen integrierte ich diese Form der Bewegung in meinen Berufsalltag. Zum einen biete ich öffentliche Netzwerktreffen an. Wir nennen es Walk to Talk. Dabei treffen wir uns an einem grünen Ort, schauen, welche Themen die Einzelnen mitgebracht haben. Und laufen dann für zirka 90 bis 120 Minuten zusammen durch urbanes Grün.

Besonders freut mich, dass meine Coachees, Mentees und Supervisions-Partner die Form des „Gehsprächs“ genauso schätzen wie ich. So dass ich doch zumindest 4-6 Mal pro Monat in den Genuss eines spannenden Gehsprächs im Grünen komme. Das darf jedoch sehr gern noch mehr werden. 😉

Ich empfehle diese Formate im übrigen allen – vor allem als willkommene Abwechslung zu Besprechungen, die viel zu häufig in geschlossenen Räumen und noch dazu im Sitzen stattfinden. Wobei wir beim Thema Arbeitswelten = Lebenswelten sind.

Du warst lange Jahre Unternehmer. Was können Chefs tun, um FAHRRADkultur zu fördern? Worauf kommt es dabei an?

FAHRRADkultur im betrieblichen Mobilitäts- und Gesundheitsmanagement – keine einfache Aufgabe für Chefs

Roland (lacht): Das ist gar nicht so einfach. Das Wichtigste ist sicher, keine Geschäftsautos als vermeintlich lohnenden Gehaltsanteil anzubieten. Leider habe ich das ab 1984 gemacht. Die InterFace AG hat viel zu viele sogenannte „Geschäfts-Autos“. Und Besitzstand zu ändern ist alles andere als einfach.

Positiv wirken sich Angebote aus wie überdachte und sichere Fahrrad-Stellplätze und/oder eine Dusche im Keller. Und man muss es vormachen, die Menschen mit der eigenen Begeisterung für Fahrräder und Fahrradfahren anstecken.

Franziska: Fahrrad-Fahren ist in der Tat ansteckend. Das konnte ich daran sehen, als wir in der Firma für die ich zuletzt tätig war eine Alltagsradler-Gruppe bildeten. Das funktionierte wie eine “Bus-Linie”: Die eingefleischten Radler boten Mitfahrgelegenheiten für die Einsteiger. Schnell ergaben sich ad-hoc Radlwerkstatt und Verabredungen zu gemeinsamen (After-Work-)Touren. Durch Mitfahren erfuhr ich Abkürzungen oder sicherere Anfahrtswege und erhaschte allerlei Radel-Tricks.

Nicht ganz ohne Stolz merkte ich dann auch, wie viel ich selbst schon weiß und anderen mitgeben konnte. Das war ein großer Motivationsschub, auch die nass-kalten Nieselregen-Tage um den Gefrierpunkt zu überstehen. Was viele nicht wissen: Es gibt deutlich mehr trockene als verregnete Tage. Und wenn man einmal unterwegs ist und gute Regenkleidung hat – ist das mit dem Regen ohnehin egal. Auch das entdeckte ich erst durch das tägliche Fahrradfahren. Die zahlreichen Naturschauspiele und das intensive Erleben der Jahreszeiten gar nicht mit eingerechnet.

Was erschwert oder verhindert aus Deiner Erfahrung aktive Mobilität im Alltag? Welche – unter Umständen auch kleinen – Hilfestellungen kennst Du, die dafür Abhilfe schaffen?

Roland: Da gibt es vieles. Zum Beispiel der Irrglaube, dass man Kinder und Lasten mit dem Auto transportieren muss. Das stimmt nicht. Kinder sind auf dem Fahrrad glücklicher als im Auto. Einkaufen geht viel besser mit Fahrrad-Anhänger oder Lastenfahrrad als mit dem Auto. Schon mit zwei Fahrrad-Taschen kommt man sehr weit.

Der regelmäßige Blick in den Spiegel und auf die Waage, vielleicht auch auf’s Blutdruck-Messgerät, überzeugt schnell, dass es Sinn macht, sich mehr zu bewegen.

Franziska (lacht): Stimmt! 😉

Noch einmal zurück zum unternehmerischen Denken. Da viele Arbeitgeber durch Zahlen, Daten, Fakten getriggert sind, werde ich immer wieder gebeten, danach zu fragen: Welchen Nutzen siehst Du für Chefs, sich mit dem Thema “aktive Mobilität” zu beschäftigen?

Roland: Na ja – es ist ja belegt, dass Menschen, die regelmäßig Bewegung haben und an der frischen Luft sind, deutlich weniger krank sind. Das ist doch schon etwas. Sie kommen auch besser gelaunt und ausgeglichener zur Arbeit. Und bringen eine ungeheure Kreativität von ihrer Radfahrt mit.

Gemeinsam stark – AktMob fördert aktive Mobilität im Alltag

Franziska: Um Akteure rund um „Aktive Mobilität im Alltag“ miteinander zu vernetzen, führtet Ihr in Unterhaching Anfang 2016 das AktMobCmp durch. 2017 werdet Ihr Abendveranstaltungen organisieren und auch das nächste AktMobCmp bereitet Ihr aktuell vor. Mit welchen Fragestellungen beschäftigt(et) Ihr Euch dort? Wer war – wer wird dabei sein?

Roland: Eingeladen sind alle, die an ihre Verantwortung für die Zukunft denken. So wie wir mit unserer Mobilität umgehen – so leben wir. AktMobCmp ist ein BarCamp – das heißt, wir kennen die Themen und Sessions nicht vorher. Diese Offenheit ermöglicht jedoch auf der persönlichen Ebene viele schöne und konkrete Ergebnisse.

AktMobCmp 2016 — BarCamp für aktive Mobilität im Alltag

Franziska: Das heißt, um den Menschen den Raum für Ihre Themen zu öffnen, organisiert und moderiert Ihr das ActMobCmp als BarCamp. Was ist das Besondere an diesem Veranstaltungsformat?

Roland: Beim Barcamp-Format organisieren die Menschen, die kommen, ihr Treffen und ihre Sessions ihren Bedürfnissen folgend. Es gibt keine eingereichten Vorträge, die von einem Gremium ausgewählt worden sind. Jeder darf und soll einen Beitrag leisten. Die Organisatoren konzentrieren sich auf die Rolle des Gastgebers, der so das Zusammenkommen ermöglicht. Die soziale Kontrolle liegt bei den Teilnehmern. Ich habe schon ein paar Mal erlebt, wie sich eine Session, die für „Marketing“ missbraucht wurde, sehr schnell geleert hat.

Franziska: Und dann gibt es Sessions, die Menschen in eine intensive, produktive Arbeit an einem gemeinsamen Anliegen verwickeln. Das mag ich an BarCamps. Vor allem, wenn die Veranstalter an die Selbstorganisation und Selbststeuerung der Teilgeber ihrer Unkonferenz glauben.

Diese Sicherheit hast Du in den vergangenen Jahren durch eigenes Erleben gewonnen. Denn das AktMobCamp ist nicht das erste BarCamp, das Du organisierst. Du gehörst zu den Gründervätern der PM Camp-Bewegung, bei der in ganz Europa Menschen zusammen kommen, die sich zu Projektarbeit austauschen. Was macht für Dich die Faszination eines BarCamps aus?

Roland: Das tolle bei BarCamps ist, dass man viel Neues entdeckt. Denn alle Teilnehmer sind bereit, sich zu öffnen und ihr Wissen zu teilen. In der Regel kommen alle Teilnehmer glücklich und reicher nach Hause. Das Erlebte wirkt weiter. Man hat neue Freunde gewonnen, mit denen man in Verbindung bleibt. So vernetzen sich auf BarCamps Menschen und Bewegungen und gewinnen immer mehr an Kraft.

Franziska: Ich weiß, was Du meinst. Für die BarCamp-Newbies unter meinen Lesern nenne uns dennoch bitte ein paar Beispiele.

Roland: Ganz einfach. Bewegungen wie Augenhöhe, intrinsify.me, EnjoyWork mit EnjoyWorkCamp, Unternehmensdemokraten, Gemeinwohlökonomie und viele mehr habe ich auf Barcamps kennengelernt. Wie auch die Menschen, die diese unterstützen und voranbringen. So habe ich auf BarCamps neue Freunde gewonnen wie Nadja Petranovskaja, Dr. Andreas Zeuch, Dr. Eberhard Huber, Gebhard Borck, Dr. Jens Hoffmann, Maik Pfingsten, Dr. Marcus Rainer, Dr. Niels Pflaeging, Roger Dannenhauer, Dr. Stefan Hagen und viele, viele mehr.

Wir beide haben uns ja auch bei einem BarCamp (EnjoyWorkCamp?) kennengelernt! Von allen den genannten Persönlichkeiten findest Du Posts, Podcasts und Videos im Netz, die ganz von selber erklären, warum man sich vernetzen und die Dinge gemeinsam machen muss.

Franziska: Ich glaube, Dir begegnete ich erstmals beim PM Camp in Dornbirn. Intensiv miteinander sprachen wir dann tatsächlich erst im Rahmen meiner Initiative “EnjoyWork”. Um so schöner, mit diesem Austausch ein paar uns verbindender Themen vertieft zu haben. Vielen Dank, Roland, für den Erfahrungsaustausch.

Ich wünsche Dir Alles Gute und Euch mit AktMob viel Erfolg und allzeit gut Kette.

Roland: Vielen Dank – es hat richtig Spaß gemacht!


Links zum Weiterlesen:

 

Roland Dürre
Montag, der 9. Januar 2017

FRIEDEN

FRIEDEN darf nicht zur Religion werden, weil dann wird es schnell unfriedlich werden.

Aus dem selben Grund darf es auch kein Projekt FRIEDEN geben.

Scheint ein mächtiges Symbol für Frieden zu sein. Vielleicht zu mächtig?

Ich wollte ja ein Projekt FRIEDEN starten. Für FRIEDEN bin ich mehr denn je. Aber nicht mehr als Projekt.

Ich hatte die letzten Monate zahlreiche Dialoge mit klugen und friedvollen Menschen. Die wie ich davon überzeugt sind, dass Frieden das wichtigste Gut der Menschheit ist. Und habe viel von diesen gelernt und darüber nachgedacht, was ich für FRIEDEN tun kann.

Die Zusammenfassung des aktuellen Standes meiner Gedanken könnte so sein:

Ich glaube nicht mehr, dass Frieden mit Organisationen und durch Projekte erreicht werden kann.

Vor kurzem kam eine starke Frau zu mir und sagte:
„Roland, ich bin jetzt in Rente, habe unendlich viel Zeit und möchte Dich beim Projekt FRIEDEN unterstützen!“

Ich musste ihr sagen, dass nach meinem Verständnis von FRIEDEN es kein erfolgreiches Projekt FRIEDEN geben kann:

Das Projekt kann nur sein, selbst für FRIEDEN zu leben.

Zuerst mal ganz allein und nur bei sich selber. So habe ich sie gebeten, ihr ganz eigenes „Projekt“ zu starten und so für ihren eigenen und unser allen FRIEDEN einfach nur zu leben (und arbeiten). So meine ich, dass es viele kleine Projekte Frieden geben muss, die jeder für sich und zuerst mal für sich selbst macht.

Und dass man ganz bewusst auf Koordination und Abstimmung verzichten muss. Dies ist gefährlich, führt schnell zu Manipulation und Ideologie. Und schadet wahrscheinlich mehr als es nützt.

Mein Gedanke ist also, sich eben nicht organisieren, jedoch die Sensoren weit zu öffnen und achtsam und frei – vielleicht im Schwarm mit anderen FRIEDEN-Wollenden – zu handeln. Das klingt religiös. Ich mag keine religiösen Muster.

Aber vielleicht kann FRIEDEN gelingen, wenn friedvolle Menschen ihre Überzeugungen ausschließlich für sich leben und ihre Überzeugung in eigener sittlich verantworteter Prüfung im Einklang steht mit den Werten der Menschheit (wie die Goldene Regel, Biophilie-Prinzip, Würde des Menschen ist untastbar …).

Ich meine, dass auch „friedvolle“ Menschen andere Menschen NICHT aktiv für FRIEDEN überzeugen oder missionieren dürfen. Dass FRIEDEN die Voraussetzung für alles, zu dieser Überzeugung muss jeder ganz allein kommen. Sonst wird es nicht funktionieren.

Und vor allem dürfen sie auch NICHT willens und fähig sein, sich für ihre Überzeugungen auf zu opfern und so zum Märtyrer zu werden! Weil so FRIEDEN NICHT gelingen kann. Deshalb wird keine Organisation und kein Projekt für FRIEDEN Erfolg haben und FRIEDEN bringen. Und so ist vielleicht sogar das von mir gewählte Symbol für FRIEDEN links oben kritisch zu hinterfragen.

Es ist für mich nicht einfach, meine komplexen Gedanken zu formulieren. Wenn ich ein wenig verständlich machen konnte, was mich bewegt, dann freue ich mich!

🙂 Und ich mache weiter mit der Suche nach dem eigenen FRIEDEN.

RMD

P.S.
Vielleicht ist das so ein Prozess, den wir Evolution nennen.

Oder gilt das auch schon in der Gegenwart?

Franziska Köppe hat mich am 3. Januar für Ihren Blog FAHRRADkultur interviewt. Hier ist das Ergebnis.

Die Botschaft von Franziska ist ja „Fahrradfahrer leben länger“. So kann ich nur hoffen, dass die Franzeska recht hat und unserer Leben nicht vorzeitig durch ein Kraftfahrzeug beendet wird. Und dafür ein weißes Fahrrad mehr an einer der Straßen und Kreuzungen steht.

Die Franziska respektiere ich sehr, deshalb war ich im Interview ein wenig vorsichtig. Meine schlimmste Provokation war vielleicht die folgende Aussage (Zitat aus dem Interview):

„Autofahrer sind die Kutscher der Neuzeit. Kutscher waren keine beliebte Berufsgruppe, weil sie in den engen Gassen der Städte mit der Peitsche das gemeine Volk aus dem Wege prügelten. Kutscher galten damals als „Abschaum und Gesindel“?!

Ich stehe zu allem, was ich im Interview gesagt habe. Ich möchte hier nur ergänzen, dass ich, je mehr ich ohne Auto lebe („lebe“ im wahrsten Sinne des Wortes) um so mehr mir die Dummheit und Sinnlosigkeit des Autofahrens bewusst wird. Und das gilt für so viele Dimensionen:

  • Für die Falschheit von Image und der Reputation, die man sich durch den Besitz eines Autos sicher unbewusst verschaffen will.
  • Für die belastende Arbeit des Steuerns eines PKW’s, an die man sich gewöhnt und so die Anstrengung ignoriert. Im Gegenteil, man betrügt sich selbst und hat „Freude am Fahren“ oder „erholt sich am Steuer“. Das Auto wird als „bester Freund“ wahrgenommen, es ist der Ort an dem man sich „zu Hause fühlt“.
  • Für den gewaltigen Raub an Bewegung und frischer Luft, den man sich als Autofahrer selber zu fügt, inklusive des Schadens durch die ewige Sitzerei und deren negativen Folgen inklusive von Rückenbeschwerden.
  • Für die sinnlose Vernichtung der Zeit gerade am Steuer eines PKW, die in öffentlichen Verkehrsmitteln viel besser genutzt werden kann.
  • Für das physische (wesentlich mehr als 1 Million Verkehrstote und ein mehrfaches an Schwer- und Leichtverletzten) pro Jahr weltweit wie psychische Leid und Risiko (Doppelbelastung z.B. durch Telefonieren am Steuer).
  • Für die Unfreiheit durchs Auto – es ist der Klotz am Bein – ich muss immer dorthin zurück, wo es steht.
  • Für die Abhängigkeit vom Auto, wenn es nicht mehr fährt geht die persönliche Welt so ein wenig unter.
  • Für die Belastung durchs Auto: Wie oft höre ich – ich habe da keine Zeit, weil ich mein Auto vom / zum Kundendienst holen / bringen muss.
    🙂 Und am Wochenende wird es auf Hochglanz poliert.
  • Für die Rücksichtlosigkeit des Autofahrers gegenüber Umwelt und Gesellschaft. Schadstoffe und Energie-Verschwendung spielen keine Rolle mehr, die externen Zusatzkosten der Mobilität sind beim Auto ein Vielfaches höher sind als bei allen anderen Verkehrsmitteln und die tragen wir alle.
  • Für das billigend in Kauf genommene Risiko andere Menschen zu töten oder verletzten und so auch sich selber enormen Schaden hinzuzufügen …
  • und für manches mehr …

Für mich wird Autofahren so immer mehr zur Metapher für ein falsches Leben. Nur:

 🙂 Das Leben ist zu kurz für ein falsches Leben!

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Menschen, bei denen das Auto wie ein Rollstuhl zum erweiterten Körper, also quasi zum Körperteil geworden ist, viele der gelisteten Punkte keines Falls nachvollziehen können. Auch aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es bei mir mit dem Rauchen ähnlich war … Erst wenn man es nicht mehr tut, versteht man wirklich, wie schlimm es wahr. Aber ich weiß, wie schwer es ist und war mit der Gewohnheit zu brechen.

RMD