Roland Dürre
Montag, der 18. Februar 2019

Love it, change it or leave it!

Vom Projekt Magazin wurde ich eingeladen, mich an seiner diesjährigen Blogparade zu beteiligen.

Da ich die Macher des Projekt Magazins, Petra Berleb und Regina Wolf-Berleb, sehr schätze und ihr Produkt mag, nehme ich gerne teil und lege meine Gedanken hier ab.

Das Thema der Blogparade ist:

Wir arbeiten jetzt agil / digital / selbstorganisiert!
Mehr Erfolg durch neue Freiheiten im Projekt oder viel Wirbel um nichts?

Ich mache ich es mir einfach und kopiere einfach mal die Fragen und Gedanken aus der Einladung in die Blöcke zwischen den Strichen und nehme zu den Fragen ganz persönlich Stellung.

 

Hier die Fragen und meine Antworten:


Welche Spielräume haben Sie in Ihren Projekten, um auch mal andere Ansätze auszuprobieren und bewusst neue, einfache Wege zu gehen?


In meinen Jahren als angestellter Mitarbeiter bei Siemens und Softlab hatte ich das Glück, dass es in den Bereichen, in denen ich tätig war, eine kooperative Vertrauenskultur gab, so dass ich große Spielräume hatte. Und da ich in der Regel erfolgreich war, sind die Freiheiten gewachsen.

;-). Weil wer Erfolg hat, der hat meistens Recht. Das war in den 70iger bis Anfang der 80iger Jahre.

Nur – die Situation in den Unternehmen begann sich zu verschlechtern. Die Ursache war in meinem Verständnis die breite systemische Zunahme von verschiedenen aber sich ergänzenden Trends wie die Priorisierung von shareholder value, den „Glauben an und die Einführung von Prozessen“, Nutzen von Key Performance Indicator-Systemen (KPIs) zur Unternehmenssteuerung, Bürokratisierung und Zertifizierung von allem möglichen. Ein stark forcierter Taylorismus führte zu Silos, die sich gegenseitig lähmten.

Das Ziel waren rational gesteuerte, perfekte und mächtige Unternehmen, die so fähig gemacht werden sollten, im harten Wettbewerb nicht nur zu bestehen, sondern die Nummer 1 zu werden. Die Mitarbeiter wurden mit „Zielvereinbarungen“ versorgt, dies basierend auf der Annahme, dass man Menschen über materielle Ziele motivieren kann. Was für ein Menschenbild?

Die Unternehmen wollten sich in die Lage versetzen, den Markt und letzten Endes die Verbraucher zu steuern (manipulieren). Heute erscheinen diese wie überregulierte und dressierte mächtige Elefanten. Kreativität, Mut und Freude sind verschwunden wie die Artenvielfalt in der Natur. Und diese Unternehmen wundern sich, dass sie von neuen Unternehmen total übergeholt und abgehängt wurden.

Meine Elefanten konnte ich als kleiner Programmierer nicht verändern. Um zu beweisen, dass gemeinsames Arbeiten auch anders geht, musste ich selber ein Unternehmen gründen.

Mein erster Schritt zur Unternehmensgründung war die Suche nach einem Partner, der ähnlich dachte. Das war nicht einfach. Nachdem ich ihn gefunden hatte, gründeten Wolf Geldmacher und ich im Jahre 1984 gemeinsam die InterFace Connection GmbH (die heutige InterFace AG). Im Bereich der IT war das Gründen einfach, auch weil wir so etwas wie „Herrschaftswissen“ hatten, das sehr gut bezahlt wurde.

Der Name Connection stand für eine verschworene Gemeinschaft von Menschen, die gemeinsam agil und auf Augenhöhe Großes bewegen wollten. Und ich bin heute genauso wie damals davon überzeugt, dass man als Unternehmer deutlich mehr Spielraum hat – sofern man mehr Geld einnimmt als ausgibt. Und das war damals in der Branche „Digitalisierung“ durchaus möglich, auch und gerade wenn man etwas anders gemacht hat.

 


Inwieweit lassen Unternehmen den Projektleitern, Scrum Mastern und Product Ownern sowie Beratern freie Hand bei der Wahl des Vorgehens, in der Projektplanung, bei der Kommunikation oder bei der Art der Zusammenarbeit im Team (Stichwort Selbstorganisation)?


Das hängt natürlich von den Unternehmen ab. Gerade sehr große Konzerne haben da Probleme. Im erfolgreichem Mittelstand ist das alles oft selbstverständlich. Manche große Unternehmen haben sich zum Beispiel der Agilität verschrieben und möchten sich mit Change Management verändern. Sie investieren da oft viel. Oft (fast immer) klappt es nicht. Bestenfalls entstehen „Biotope“, die dann aber wieder eingehen und verschwinden.

Mein Eindruck ist, dass es sehr schwer bis unmöglich ist, grosse soziale, oft entpersonalisierte System gezielt zu verändern. Besonders gelingt das nicht „von oben“. Ich persönlich bin mir so nicht sicher, ob man den Elefanten tanzen lernen kann (Zitat von Dr. Marcus Raitner).

 


Und mit welchen Ansätzen haben Sie Erfolg?


Ganz einfach: Den Menschen im Unternehmen vertrauen, dass sie es schaffen. Auf Spezialistentum verzichten. Alle müssen ihr Handwerk (bei uns war es das Programmieren) beherrschen. Aber alle sollen sich auch um die „Spezialthemen“ wie Termintreue, Qualität, Kundenwissen, Integration, den „build“, Sicherheit … kümmern und kümmern dürfen. Und alle bitten, dass sie an Allem partizipieren wollen, ob es das Manual, die Schulung der Kunden oder die Planung des Produktes ist. Auch an den ehrgeizigen Zielen.
Und die Menschen am Ergebnis partizipieren. Öfters Feiern, Erfolge sowieso aber auch Niederschläge sozusagen zum Trost.

 


Dahinter steht auch die Frage, ob der Hype um agile Unternehmen und der Ruf nach einer Kultur, die den Menschen verstärkt ins Zentrum stellt, von den Organisationen ernsthaft aufgegriffen und langfristig verfolgt wird. Gerade Projektteams haben die Chance, Veränderung im Unternehmen zu initiieren. Können und dürfen Sie etwas einfach anders machen? Wird es wertgeschätzt, wenn Sie ausgediente Prozesse, starre Hierarchien und Silodenken aufzubrechen versuchen – oder gelten Sie dann als Querulant, der Unruhe ins Unternehmen bringt?


Ich probiere es aus. Im privaten Leben wie in allen Projekten des beruflichen Lebens. Denn ich möchte ja glücklich sein. Dazu braucht es Freude, bei dem was man tut. Also auch in der Arbeit. Für Freude braucht es Mut. Wenn ich die Situation, in der ich stecke, nicht „liebe“, dann muss ich sie ändern. Und wenn ich absehe, dass dies nicht möglich ist, dann muss ich sie verlassen.

Ich weiß aber, dass das Prinzip „Love it, change it or leave ist!“ leicht gesagt und oft nicht möglich ist. Wenn Du in Abhängigkeit lebst, dann ist es oft leichter gesagt als getan. Das Problem ist die Abhängigkeit.

 


Zudem interessiert uns Ihre Motivation dafür, Neues in Ihren Projekten ausprobieren: Tun Sie es, weil Sie das Gefühl haben, mit dem althergebrachten Vorgehen nicht mehr zukunftsfähig zu sein? Oder um Ihr Profil als Projektmanager im Unternehmen zu schärfen? Oder kommen Sie damit vornehmlich den Wünschen von Vorgesetzten oder Ihrer Teammitglieder nach?


Ich brauche da keine Motiviation. Wir müssen doch nur offen sein. Und wenn ich bei einem Barcamp wie dem PM-Camp von anderen Menschen Neues berichtet bekomme, das mir gefällt, dann kommt die Lust, dies mal zu versuchen doch von selber.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 13. Februar 2019

Meetings & Tagungen!? (Unternehmertagebuch #130)

Ich bin nicht mehr so viel wie früher auf Tagungen und in Meetings. So leide ich auch nicht mehr so viel wie früher unter sinnlosem Zeitverlust. Die Frage sei gestattet: Was ist schlimmer? Tagungen oder Meetings?

Innovate Session beim PM-Camp (in Zürich?)

Ich weiß es nicht. Beide sind meistens langweilig. Aber man ist verpflichtet, dabei zu sein.

Auf den Tagungen treffen wir  Referenten, die begeistern sich an für sie Neuem, das aber schon einen aber auch so langen Bart hat.

Andere demonstrieren, wie toll sie sind und verteilen ihr Wissen schöpferweise. Oder langweilen mit dummen Witzen und bleiben belanglos.

Die Vorträge sind oft starr, die Folien werden routiniert heruntergegebetet. Man merkt dass der meist männliche Redner sie schon oft öfters vorgetragen hat. Und am Morgen dann noch schnell das Datum und die Veranstaltung geändert hat.

Traditionelle Konferenzen sind für mich Überbleibsel des Feudalismus. Auf einer Klassischen Tagung treffen sich zwei Kasten – die der Referenten und die der Besucher. Die Vortragenden bekommen Geld und weitere Vorteile und dürfen etwas sagen. Die Teilnehmer müssen zahlen und schweigen.

Da findet dann oft eine schreckliche Beschallung statt – immer nur in eine Richtung. In der Pause tauscht man sich aus und wird dann von den „Ordnungskräften“ wieder in die Hörsäle geschickt wird.

Ich bevorzuge „Unkonferenzen“ mit Formaten wie OpenSpace und Barcamp.

Konferenzen und Tagungen sind sind seltener als Meetings. Auf eine Tagung geht man mit Hintergedanken, weil man sich irgendeinen Vorteil erhofft oder Zielpersonen treffen will. Man kann sie auch schwänzen. Die Teilnahme an oft schrecklichen Meetings ist dagegen verpflichtend. Ihnen entkommt man nur, wenn man in der Hierachie sehr mächtig ist.

Und wenn man drin ist, dann kommen die „wichtigen Leute“ oft zu spät oder versenken sich zu erst mal in ihre „Smartphones“. Wenn alle Teilnehmer da sind, wird begonnen. Beendet werden sie, weil die Zeit vorbei ist und einer der wichtigen Leute ins nächste Meeting muss. Viel mehr als schlechte Kompromisse kommen selten heraus.

Zu Meetings hier eine Empfehlung für Euch.

Bei großen Konzernen wie bei kleinen Unternehmen viel zu viel „gemeetet“ wird. Diesen Missstand versucht ein kluger Freund zu begegnen. Dazu führt er bei seinen Kunden folgende Regel ein:


Immer, wenn ein Meeting stattfindet, stellt sich die Runde vor dem Beginn die Frage, ob das Meeting sinnvoll ist. Wenn zwei der Teilnehmer dies verneinen, wird das Meeting sofort beendet und alle gehen wieder an die Arbeit.


Damit ist er sogar bei großen Konzernen sehr erfolgreich. Soll dieses Vorgehen erfolgreich sein, dann verlangt es ein wenig Zivilcourage. Aber es funktioniert in einer halbwegs zivilisierten Welt tatsächlich.

Wenn alle Teilnehmer der Meinung sind, dass das Meeting gehalten werden muss, dann braucht es ein Format. Denn ohne Struktur wird meistens nur Small Talk entstehen. Und so nur mit viel Glück (und Zeit) ein Ergebnis erreicht werden. Das Format hängt davon ab, welches Ziel das Zusammenkommen hat.

Dient das Meeting der Lösungs- oder Sinnsuche (kreativ) ode dem Team-building (mental)? Soll es Mut machen? Oder steht eine schwere Entscheidung an, die wegen einer mehrdimensionalen Problematin rational nicht getroffen werden kann (Bitte daran denken dass Entscheidungen per Definition unter Unsicherheit stattfinden!)?

Es kann eine Fahnenbildung, ein Spiel, eine Debatte etc. angesagt sein. Dies unterstützt von dialektischen Regeln und geeigneten Werkzeugen (Visualisierung, haspisches Erleben …).

Und wenn das Meeting wichtig ist, aber keiner weiß warum, dann kann man die wichtige Frage „Was plagt uns eigentlich?“ stellen. Die im übrigen viel zu selten gestellt wird.

Und  wählt dann das das einfachste aller Formate und macht ein lean coffee. Ich empfehle dazu noch ein gemeinsames „time-boxing“ für jedes Thema und laufenden Review der Beschlüsse. Mit „time-boxing meine ich, dass man – bevor man sich einem Thema widmet – gemeinsam festlegt, wie viele Minuten (!)man dafür aufwenden will. Und mit „Review der Beschlüsse“ meine ich die laufende Überprüfung, ob die gemeinsam beschlossene Wichtigkeit der Themen noch relevant ist oder sich da schon etwas geändert hat.

Welches der bekannten Kommunikations-Formate man nutzen will, das sollte man gemeinsam in den ersten drei Minuten des Meetings festlegen. Und dann geht es los. Und ist nach 60 Minuten fertig. Spätestens wenn man mehr als 90 Minuten braucht, dann sollte man aufhören und sich überlegen, was falsch gelaufen ist.

Ich garantiere, dass so die Meetings deutlich weniger dafür aber fruchtbarer werden. Und die Meetings sogar Spaß machen. Und man so früher oder später in den gemeinsamen „Flow“ kommt, den man dringend für ein erfolgreiches Zusammenwirken braucht.

Also: Mut haben und das einfach mal Ausprobieren. Und wenn Ihr ein wenig hilflos seit, dann nehmt Euch einfachen einen agilen und bescheidenen Moderator. Davon gibt es auch genug.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet Ihr in der Drehscheibe!

Ein positiver Fall: Hype-Zyklus nach Gartner Inc.

Seit 50 Jahren mach ich offiziell in Digitalisierung. Unter anderem habe ich da viele Hypes erlebt.

In diesem Beitrag schreibe ich über die Hypes, an die ich mich erinnere. Aber nicht als wissenschaftliche Arbeit sondern mehr zum Schmunzeln.

Lasst mich berichten. Zuerst, was ist ein Hype?

Ganz einfach:
Es gibt einen Auslöser. Der kann völlig unterschiedlich sein wie ein technischer Durchbruch, ein singuläres Ereignis, eine Massenhysterie …

Dann geht der Goldrausch los. Und gar nicht selten gibt es ein bitteres Ende.
Oft gilt:
Nichts gewesen ausser Spesen.

Als KPI’s für Hypes kann man nehmen:

  • die Anzahl von Neugründungen von Unternehmen zum Hype-Thema,
  • die Höhe des im Umfeld des Hypes investierten Investment-Kapitals
  • die Anzahl der Vorträgen,  die Politiker, Analysten und andere Klugschwätzer über das Thema halten (meistens ohne davon etwas zu verstehen)
  • und weitere (man muss nur ein wenig nachdenken, dann fällt einem vieles ein).

Zurzeit reden alle über Digitalisierung. Die ist so ein Mega-Hype, die viele Unter-Hypes enthält.

Hypes in der Digitalisierung

In den den 70iger Jahren habe ich beim Siemens in „industrieller Informatik“ (so wie ich das nenne) gemacht. Das war eher so richtiges Ingenieurs-Schwarzbrot. Wir haben klassich programmiert. Zum Beispiel Betriebssysteme, Module für Datenfernverarbeitung und Rechnernetze, Datenbanken und Transaktionsmonitore.

Alles nicht so aufregend. Und auch ziemlich „hype-frei“. Parallel kamen Hypes wie kleine bunte Computer, die Spiele konnten. Das war schon aufregender.

KI

Den ersten Hype, den ich zu Beginn sehr bewußt erlebt habe, war der KI-Hype. Jeder, der sich für modern hielt, machte ein wenig auf Künstliche Intelligenz (KI). Und wer ganz modern sein wollte, sprach von „Artificiel Intelligenz“ (AI). Für mich in der Industrie-Informatik war das Thema unerreichbar.

Ein Zauberwort war damals „Expertensystem“. Besonders beliebt war das in Bereichen wie der Medizin. Die Tagungen zu KI/AI waren voll mit digitalen Träumern.

Neben den Expertensystemen gab auch schöne Exoten – so haben Freunde von mir an einem System gebastelt, dass aus dem Geräusch eines Hubschraubers heraushören sollte, ob alles noch stimmen würde. Korrekt müsste ich schreiben, sie haben das versucht – das Projekt ist nie Realität geworden. Auch so ein Hype-Schicksal.

Damals spalteten zwei Programmiersprachen die KI/AI-Community. Für die einen war Lisp die einzig wahre Sprache für KI/AI, für die anderen Prolog.

Bei Prolog war mir schnell klar, dass die Hardware für das aufwändige Back-Tracking noch nicht leistungsfähig genug war. Trotzdem wurde gerade in Japan viel mit Prolog gemacht. Meistens waren das akademische Projekte – und meines Wissens ist da nie viel rausgekommen. Eine Hobby-Variante gab es auch. Die hieß Turbo-Prolog (so wie Turbo-Pascal). Ein Unternehmen der InterFace war damals die „InterFace Computer GmbH“. Die hatten das wahrscheinlich beste Prolog der Welt. Und die Entwicklung von IF-Prolog hat das Unternehmen ruiniert. Von Lisp habe ich bis heute keine Ahnung.

Eine Definition, was künstliche Intelligenz von normaler, auch als algorithmisch bezeichneter Software unterscheidet, gab es nicht. Heute haben wir ja wieder einen KI/AI-Hype. Und wenn ich dann einen der „Speaker“ frage, wie der künstlich Intelligenz definieren würde, kommt selten eine vernünftige Antwort. Weiter unten werde ich meine Definition zu besten geben – aber ob die viel mehr taugt weiss ich auch nicht.

Ich habe in meinem Leben viele Hypes erlebt. Größere wie Kleinere. Soviele, dass ich sie mir gar nicht merken konnte. Ich nenne mal ein paar Hypes, die ich so erlebt hatte (und an die ich mich noch erinnere).

Ganz früh waren es mal die Hybrid-Rechner. Die Synergie von Analog und Digital sollte neue Dimensionen eröffnen. Dieser Hype war vorbei, bevor er los ging. Dann erinnere ich  mich an Ontologie, die gefördert wurden wie kein Informatik-Thema zuvor. Risc-Prozessoren sollten Server schneller machen. Die objektorientierte Programmierung war ein Hype und hatte ein paar kleine Kinder wie „objekt-orientierte“ Datenbanken. Manches davon ist verschwunden, anderes zum Standard geworden.

Irgendwann mal ging alles um die Farbe im Büro. Natürlich ist das heute alles selbstverständlich, aber meine HIT/CLOU-Kunden aus der Finanzindustrie haben sich schon sehr stark endlich mal die Farbe „ROT“ gewünscht (für die roten Zahlen in den Bilanzen …)

Der Wunsch nach Farbe hat auch den Client-Server-Hype befördert, der auf bunten Windows-PCs beruhte und der nach meiner Meinung kräftig vom Wunsch der Menschen profitierte, Solitär zu spielen zu können. Die „Organizer“ waren hype, bis sie das Smart Phone als Kombination von Organizer und Mobil-Telefon ablöste. Und auf all diesen Geräten kann man ja auch Solitär spielen.

Dann hatten wir den Hype der „rich clients“ (eigentlich ist heute ein jedes Smartphone ein „rich client“).

Parallel dazu kam das Internet. Und später dass WWW2. Das waren dann gleich 2 Hypes auf einmal. Der Unterschied war, dass irgendwelche Menschen bemerkt hatten, dass es im Internet nicht nur Konsumenten gibt. Das war aber von Anfang an so, denn ohne Anbieter gibt es nichts zu lesen.

Seit zwanzig Jahren bin ich regelmäßig in der Jury von BayStartUp (das Unternehmen, das in Bayern die Business-Plan-Wettbewerbe organisiert) und mittlerweile weitere Angebote für Menschen hat, die ein Unternehmen gründen wollen. Da sehe ich, welche Hypes gerade „IN“ sind. Hier ein paar Stichproben.

Es gab Zeiten, da wollten die meisten Jung-Unternehmer Geschäftsmodelle rund um APPs und später PORTALE entwickeln.

Zwei Jahre lang ging es vor allem um 3D-Drucker. Zwischendurch waren es dann auch 3D-Brillen und die zugehörige Infrastruktur …
(Wobei der 3D-Drucker ein gutes Beispiel ist, wie Patente Entwicklung behindern und die Technologie sich erst durchsetzt, wenn das Patent abgelaufen ist).
Betreffend 3D-Brille, da bei uns lag schon vor Jahren so eine unter dem Weihnachtsbaum. Ich fand den möglichen Content damals ziemlich schwach – und viel besser ist es wohl nicht geworden.

Irgendwann mal war die Blockchain der Renner. Die dürfte eine Spitzenstellung als Hype einnehmen – besonders wenn man die Höhe des spekulativ verbrannten Geldes mit in die KPI aufnimmt.

Ein gar nicht so sehr wahrgenommener Hype dürfte aktuell der Einsatz von Sensoren sein. Immerhin tragen diese dazu bei, dass wir bald nicht mehr von einer Mensch-Maschine-Schnittstelle sondern von einer Welt-Maschine-Kommunikation reden werden. Der Mensch ist dann nur noch ein Teil der Welt ist (hoffentlich kein störender).

Viele Mit-Hyper warnen schon vor der Diktatur der Maschinen. Die aber auch nicht schädlicher sein dürfte als die aus Menschen bestehenden Regierungen.

Heute ist es klar:
Der Hype heißt wieder KI/AI. Kombiniert mit „big data“. So werden wir vor einer schrecklichen Welt gewarnt – und lähmen die „Digitalisierung“ mit Datenschutz. So rauben wir uns viele gesellschaftliche Chancen. Und vergessen, dass KI/AI und Bigdata  nur technischer Fortschritt sind. Und dieser hat schon immer die Gesellschaft verändert. Meistens zu unserer Erleichterung.

Natürlich war es immer wichtig, mit dem technischen Fortschritt verantwortungsvoll um zugehen. Das ist der Menschheit nicht immer gelungen.

Deshalb zitiere ich auch gerne Bertrand Russell:
» Jeder Zuwachs an Technik bedingt, wenn damit ein Zuwachs und nicht eine Schmälerung des menschlichen Glücks verbunden sein soll, einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit. «

Ich nenne hier gerne den „Motorisierten individuellen Verkehr“ (MIV). Der den Planeten zerstört und pro Jahr 1,3 Millionen Todesopfer und die mehrfache Anzahl an verletzten bewirkt. Hier hat die Weisheit wohl gefehlt.

Aber wer hätte das vor 100 Jahren wissen sollen? Ich meine, dass technologischer Fortschritt immer verändert. Und jede Veränderung trägt Risiko in sich. Über das Risiko darf man aber die Chancen nicht vergessen. Besonders weil man in der Regel die wahren Nachteile erst a posterio erkennt. Insofern sollte man bei Hypes zwar (weise) vorsichtig aber nicht (dumm) ängstlich sein.

Der ganze Hype um Datenschutz und -sicherheit scheint mir ein gutes Beispiel für eine ganz besondere Form von Schwarmdummheit zu sein – ein Begriff den ich von Gunter Dueck übernehme.

Von der Philosophie zur Technik.

Die für Digitalisierung genutzte Hardware selber funktioniert immer noch nach denselben Prinzipien wie in den 70iger Jahre. Der von uns wahrgenommene Riesenfortschritt bei Rechner, Leitung und Speicher (die Dreifaltigkeit der IT) ist eine Folge des Moore’schen Gesetzes (formuliert im Jahre 1965). Diese Leistungsexplosion hat die Mustererkennung als Basis für viele Anwendungen fantastisch ermöglicht.

Das Prinzip dieser Art von KI ist ziemlich alt. Turing hat es schon vor vielen Jahrzehnten beschrieben – ich meine in den 40igern des letzten Jahrhunderts.

Damit erfolgten große Fortschritte bei Spracherkennung und -Ausgabe, die ja auch nur ein Auswerten und Umsetzen von Mustern sind. Das ist die zentrale Voraussetzung für die neue Art von Software, die selber lernt, wie man Sprachen übersetzt oder ein Auto steuert. Und die war halt früher einfach nicht von der Hardware zu bewältigen.

So hat Deepminds Alphazero-KI den besten asiatischen GO-Spieler und nach kurzem Lernen auch Goldfish (das beste Schachprogramm) vernichtend geschlagen. Aber halt, beim Go-Spiel sind die Chinesen aufgewacht und investieren jetzt in ungeahnten Dimensionen Geld und Menschen ins Thema KI. Und werden dann bald auch die Amis mit ihrem ollen Watson und vielleicht auch Googles Deepmind überholen.

🙂 Und wie die Chinesen aufgewacht sind, sind es auch die Bayern … Und die wollen es jetzt den Chinesen zeigen – was den Insider in Digitalisierung doch ein wenig schmunzeln lässt. Im Video wird zwar viel vom Weltraum gesprochen. Am Schluß dann von Robotern. Für beides ist IT und KI die Voraussetzung. Und die kriegt man nicht für ein paar Hundert Millionen. Da braucht es Milliarden.

Die Bayern haben dann natürlich nicht nur eine tolle Schau gemacht, sondern Taten folgen lassen. Und ein Ministerium für Digitalisierung gegründet und am 12. November 2018 eine junge Frau namens Judith Gerlach zur Staatsministerin für Digitales in Bayern gemacht.

Staatsministerin Judith Gerlach ist geboren am 3. November 1985 in Würzburg, verheiratet, zwei Kinder und römisch-katholisch.

Sie ist jung und wurde Ende 2018 erst 33 Jahre alt. Und dass sie zwei Kinder hat, qualifiziert sie auch. Immerhin habe ich vieles in Sachen Digitalisierung von meinen Kindern gelernt.

Ihr Lebenslauf zeigt, dass sie eine hochqualifizierte Juristin ist. Das macht mich nachdenklich, weil das mehr nach Datenschutz klingt als nach Hochtechnologie. Ich frage mich, ob sie sich vorstellen kann, was ein Betriebssystem denn so ist. Aber vielleicht wissen das ja ihre Berater?

Die Frau Staatsministerin hat dann auch auf der oben verlinkten Seite geschrieben:


„Ich sehe sehr große Chancen für den Standort Bayern: Wir haben uns bereits in vielen Bereichen an die Spitze digitaler Entwicklungen gesetzt und werden weiterhin alle Kräfte bündeln, um neue Technologien zu entwickeln und gesellschaftlich verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen. Hierfür ist das neue Digitalministerium Motor, Koordinator und Denkfabrik.“

Judith Gerlach, MdL
Staatsministerin


Hätte sie eine Ahnung von Digitalisierung, dann hätte sie diesen Satz nie so geschrieben. Oder ihn vorher mal Leuten zu lesen gegeben, wie sie in Bayern im ZD.B sitzen. Die ziemlich viel Ahnung haben und auch eine Gründung des Freistaates sind.

Aber als Juristin hat sie ja eine gute Entschuldigung. Woher soll sie wissen, wo Bayern (oder Deutschland und Europa) digital im Weltvergleich technologisch stehen?

Vielleicht ist das ein neuer (alter) Hype, dass wir für die gesellschaftliche Gestaltung unseres technischen Fortschritts (nichts anderes ist die Digitalisierung) Jurist*innen einsetzen? Damit zumindest die AGBs (und der Datenschutz) stimmen?

Eine Antwort auf die internationale Positionierung der Wertschöpfung Europas gibt übrigens das vor kurzem ausgehandelte und in Kraft getretene Freihandelsabkommen EU-Japan (kurz EPA von englisch Economic Partnership Agreement, umgangssprachlich JEFTA genannt).

In einem Satz beschrieben wurde da ausgehandelt, dass Japan die Zölle für Agrar-Produkte aus Europa senkt, dafür senkt Deutschland die Einfuhrzölle für HighTec-Produkte aus Japan.

Der Trend scheint und ist klar: Bayern und Europa sind auf dem Weg zum Agrar-Land. Vielleicht noch zum Reiseland. Als HighTech-Exporteur sind wir abgehängt. Nicht nur in den internationalen Handelsabkommen, auch in der technischen Realistät.

Siehe unsere 5G-Probleme mit Huawei. Da erinnere ich mich an meinen ersten Job bei Siemens. Da war Kommunikation ein Hype. Und bei der damaligen Kommunikationstechnologie kam an Siemens weltweit keiner vorbei. Heute allerdings geht ohne (rot-)chinesische Technik da nichts mehr. Für die Freude von gestern zahlt heute keiner mehr.

Da klingt der obige Satz unserer Frau Staatsministerin wie Hohn:
Wir (Bayern) haben uns bereits in vielen Bereichen an die Spitze digitaler Entwicklungen gesetzt.
Das Gegenteil ist der Fall.

Was mich wundert, dass der mächtige VDA (Verband der Automobilindustrie e.V., Behrenstraße 35, 10117 Berlin) das Abkommen EPA/JEFTA nicht sabotiert hat. Denn immerhin könnten die Toyotas bei uns jetzt 10 % billiger werden. Wobei die Japaner kaum so dumm sein werden, die Ersparnisse beim Zoll an die deutschen Idiota-Fahrer in Deutschland weiter zu geben (ich bitte um Verzeihung für meinen primitiven Scherz).

Könnte es sein, dass der VDA andere Sorgen hat, weil mittlerweile auch bei unserer heiligen Kuh MIV (Motorisierter Individual Verkehr) andere uns technologisch weit voraus sind?

Deutschland profitiert beim Handels-Abkommen als drittgrößter Fleischexporteur der Welt. Besonders beim Schweine-Fleisch liegen wir weit vorne – und dies bald mit einem Tier-Wohl-Zertifikat vom Bundesministeriums für Ernährung- und Landwirtschaft (BMEL). Wenn das mal nicht zu einem neuen Schweine-Hype führt.

Ist das alles nicht ein Wahnsinn?

RMD

P.S.
Jetzt bin ich noch meine Definition zu KI/AI schuldig:
Ich meine, eine Alg-SW wird dann zur KI-Software,
wenn sie ihre funktionellen Mehrwert durch Lernen und Üben realisiert. Das heißt, viele Muster sammelt und analysiert, die mit Ergebnissen korreliert und bewertet werden können und so ein großes Erfahrungs-Wissen aufzubauen.
Das ist dann wahrscheinlich ein klein wenig ähnlich, wie das menschliche Gehirn funktioniert.

P.S.1
Hier geht es zu meinem ersten Jubiläumsartikel 50 Jahre in der IT.

Roland Dürre
Dienstag, der 5. Februar 2019

Zukunft und Wetten.

Wer wettet nicht gerne? Besonders, wenn er sich sehr gut auskennt? Wie die meisten deutschen Männer beim Fußball?

Mich hat die Zukunft schon immer gefesselt. Einer meiner frühen Berufswünsche neben Filmemacher war Zukunftsforscher. Geworden bin ich dann Programmierer und später IT-Unternehmer. Mein Thema war Digitalisierung – so habe ich mich dazu mit Vorhersagen versucht. Meistens lag ich falsch, weil die technologische Entwicklung schneller ging, als ich dachte. Nur bei den Flachbildschirmen war es anders. Da lag ich auch falsch, die Verdrängung der „Röhren-Geräte“ durch die „Flach-Bildschirme“ dauerte deutlich länger als ich es erwartet und vorhergesagt hatte.

Ab und zu habe ich mich auch außerhalb der IT als Vorhersager betätigt. Dazu gibt es  eine lustige Geschichte. Es war eine Wette, bei der ich eine Kiste Champagner gewonnen und bis heute nicht erhalten habe. Obwohl Wettschulden ja Ehrensache sein sollen.

Die Geschichte geht so.

Wir sind im Jahre 1993. Gerade ist der Focus das erste Mal erschienen. Er wird als Alternative zum Spiegel konzipiert, dem deutschen Nachrichtenmagazin, von dem Verlag Hubert Burda Media kreiert und auf den Markt gebracht.

Ein geschätzter Mitarbeiter – nennen wir ihn A. – hat eine der frühen Ausgaben des „Nachrichten-Magazins“ Focus gekauft und auf der Rückfahrt von seinem Kunden gelesen. Er zeigt ihn mir, weil er entsetzt ist. Die Oberflächlichkeit und Tendenziösität des Magazins haben ihm zugesetzt.

April 1961 – Als das Nachrichtenmagazin noch eines war.

A. meint, dass das Projekt Focus scheitern müsse und und dieses Magazin rasch wieder vom Markt verschwinden würde.

Spontan bin ich geneigt, A. zu zustimmen. Auch mich erschreckt das Machwerk. Ich stimme A. zu – Focus ist bunt, grell und simpel.

Auf mich wirkt Focus schon damals oberflächlich und primitiv.

Aber – ist das nicht der Trend unserer Gesellschaft? Und die Zukunft?

So widerspreche ich A. Es entwickelt sich ein kleiner Disput und am Ende kommt es zur Wette.

Der Einsatz ist eine Kiste Champagner.

Die Wette wird formuliert:

 


A. und Roland wetten. Roland geht davon aus, dass es der Focus erfolgreich sein wird und es das Magazin in 10 Jahren noch geben wird. Andreas wettet, dass der Focus vor Ablauf der 10 Jahren wieder verschwinden wird.
Der Verlierer dieser Wette schuldet dem Gewinner eine Kiste guten Champagners.


Ich trage den Text in mein Notizbuch ein und warte. Nach 10 Jahren (2003) habe ich die Wette gewonnen. Bekomme aber keinen Champagner. A. ignoriert meine Forderung.

Heute (2019), nach mehr als 25 Jahren gibt es beide immer noch, den Spiegel und den Focus. Hier die Zahlen der aktuellen Papierauflage (da führt immer noch der Spiegel).


Spiegel:
Die verkaufte Auflage beträgt 712.268 Exemplare, ein Minus von 32,6 Prozent seit 1998.
Focus:
Die verkaufte Auflage beträgt 413.276 Exemplare, ein Minus von 47,2 Prozent seit 1998.


Wer im Online-Bereich führt, weiß ich nicht. Dass die Papierauflagen zurückgehen, wundert nicht. Das scheint mit Ausnahme von ganz wenigen Zeitungen und Magazinen (zum Beispiel brand eins) bei allen gedruckten Medien so zu sein. Die Auflage (in verkaufte Stück) und die inserierte Werbung (in T€) gehen zurück.

Meine Wahrnehmung ist, dass der Spiegel von der Anmutung eher zum Focus geworden ist. Das spricht nicht für die Qualität des Journalismus im ehemaligen Nachrichtenmagazin. Auch nicht, dass die besten Stories die erfundenen sind.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 4. Februar 2019

Wert, Moral, Prinzip – was bedeutet was?

 Freiheit? Moral? Wert? Prinzip? Wahrheit? Gewissheit?

Mit schön klingenden Begriffen und durch die Nutzung von „buzzwords“ versuchen Politiker und das Marketing der großen Konzerne die Menschen zu beeindrucken (und zum Kaufen zu bringen). Die einen, weil sie unsere Stimme wollen, die anderen, weil sie unser Bestes – unser Geld – wollen.

Der vorsätzlich schlampige Umgang mit Sprache ist Teil der „neuen Unredlichkeit“.

Sprache soll manipulieren. Es gibt soviele Begriffe, die gut geeignet sind, Menschen zu verführen. Die werden in den großen Aussagen benutzt. Dies besonders gern von Leuten, die sich selbst im Besitz einer wie auch immer gearteten Wahrheit meinen (korrekt wäre das als Gewissheit zu bezeichnen). Sie nutzen Begriffe, die sie zwar selber nicht verstehen, von denen sie jedoch erhoffen, dass sie helfen ihre Gewissheiten zu verkaufen.

Sie beschäftigen sich nicht damit, was diese Worte eigentlich bedeuten, sondern plappern sie einfach nach. Wir sollten wir die Aussagen, die auf uns prallen, genauso wie die verwendeten Worte gründlich auf den Prüfstand stellen. Den wir leben im Zeitalter des unverantworteten Geschwätzes.

1983 hatte ich das Glück an einem sehr hochwertigen Management Seminar zum Thema Dialektik in Frankfurt bei Rupert Lay Teil haben zu dürfen. Rupert Lay galt damals als der Nestor in Deutschland für das Themas „Ethik im Management“, das damals sehr modern, ja fast „hype“ war. Da habe ich viel gelernt und mein Leben lang versucht weiter zu lernen.

Als ich Sprache lernte, was Sprechen heißt, da war ich 33 Jahre alt. Ziemlich spät, hätte auch früher sein dürfen. Meine sechs Seminar-Kollegen waren Spitzen-Manager aus der Industrie, Präsidenten mächtiger Verbände und Politiker in herausragenden Ämtern. Sie  alle waren um die 30 Jahre älter als ich. Die waren mit dem Lernen also noch später dran.

Nach einem kurzen Diskurs zum Aufwärmen waren alle sechs der inbrünstigen Meinung, dass die Freiheit ihr wichtigste Gut wäre und sie sofort bereit wären, für dieses Gut zu sterben. Als ich mich von beiden Aussagen distanzierte, wurde ich wie ein Aussätziger behandelt. Gut, ich war der Jüngste, hatte die längsten Haare auf dem Kopf und keine Krawatte an. So konnten mich die älteren Silberschläfen ja gar nicht ernst nehmen.

Dummerweise war das ganze symmetrisch. Denn mir kamen die Sechs ziemlich fremdgesteuert vor, also als genau das Gegenteil von frei. Wenn ich ehrlich bin, empfand ich meine sechs Seminar-Kollegen als Prototypen von unfreien Menschen. Typische Systemagenten, die in ihrem faschistischem Gefängnis gefangen waren.

Das war keine gute Voraussetzung für das Gelingen des Seminars. Trotzdem habe ich in diesem Seminar begonnen, Philosophie und Rethorik als für mich wichtig zu sehen und Wert zu schätzen. So habe ich gelernt, genau hinzuhören, Sprache zu analysieren und mit schwierigen Begriffen nicht unachtsam sondern kritisch umzugehen. Und versuche das seit dem aktiv zu leben.

Wegen dem Bild unten:

Keine Angst, ich mache in diesem Blog keine CDU-Reklame. Eine Partei, deren Vertreter kurz nach dem 2. Weltkrieg konspirativ und in Geheimverhandlungen die Wiederbewaffnung vorbereitet und dann gegen die Proteste der Menschen durchgesetzt hat (und damit auch die Wiederauferstehung der deutschen Rüstungsindustrie ermöglicht hat), wähle und unterstütze ich nicht. Weil ich glaube, dass damals in Deutschland eine historisch einmalige Chance für uns Menschen aus Angst für immer kaputt gemacht wurde.

Nein, es geht mir um dem Text im Plakat, bzw. den Text im dazu gehörigen Tweet.

Das Bild illustriert einen Tweet, den der  verifizierte Account der CDU Deutschlands‏ (bitte ohne Bayern) geteilt hat.

Frau Annegret Kramp-Karrenbauer hat diesen Tweet unter Ihrem Account @akk  weitergeleitet. So kam er zu mir.

Hier der Text des von @akk  weitergeleiteten – Tweets mit diesem Bild:


Im Interview mit mahnte : „Ich erwarte von Menschen, die zu uns kommen, dass sie unsere Werte akzeptieren – und vor allem erwarte ich von uns selbst, dass wir dafür eintreten!“


Der Satz scheint mir vom Marketing zu kommen. Irgendwie ist er in seiner Bipolarität genial. Enthält der Satz doch eine scheinbar einfache Forderung an die Menschen.

Die „zu uns kommen“ sollen „unsere Werte“ akzeptieren. Wir, die wir „uns selbst“ sind, weil wir schon hier sind sollen für diese „unsere Werte“ eintreten!.

Die Schwachstelle in diesem Satz ist natürlich der Begriff „Werte“. Was sind denn überhaupt“Werte“? Und noch schwieriger: Was sind den „unsere Werte“.

Wie sollen die, die zu uns kommen, unsere Werte kennen, wenn wir selber sie nicht wissen?

Ich meine, dass es eine sehr große gesellschaftliche Aufgabe wäre, einen Konsens zu erarbeiten, was denn unsere Werte sind? Auch wenn diese Aufgabe nicht lösbar zu sein scheint.

Hierzu ein paar Gedanken.

Wenn ich den Begriff „Wert“ verstehen will, dann suche ich zuerst Mal nach verwandten Begriffen, wie Moral oder Prinzip. Ich suche einen Oberbegriff (weil ich mich beim Verstehen und auch Beschreiben eines Begriffes leichter tue, wenn es einen Oberbegriff gibt, den ich nutzen kann und die Unterbegriffe voneinander abgrenze. Das ist erstes Semester in Philosophie).

In Wikipedia gibt es eine Übersichtsseite zu den vier Buchstaben „WERT“. Der erste Block dort enthält eine Aufzählung allgemeiner Begriffsnutzungen des Wortes „WERT“, die für unser Thema nicht hilfreich sind. Auch dieser Block ist übrigens nicht vollständig, z.B. fehlt der Begriff, der den „Wert“ (Inhalt) einer Variablen im Sprachspiel des Programmierens beschreibt.

In unserem Kontext ist der zweite Block des Artikels wichtig, den ich hier kopiert habe.


(Wikipedia – Wert – Stand 3. Februar 2019, zweiter Textblock)

Werte steht für:


Jetzt weiss ich nicht, wass die christlichen Werte in dieser Aufzählung sollen. Richtiger wäre hier „religiöse“ Werte. Man könnte die „christlichen“ als Beispiel nehmen. Und müsste die „Werte“ anderer Religionen aufnehmen. Vielleicht kann man die Werte auch irgendwie mit Mentalität (neudeutsch mindset) beschreiben. Unsere Werte wären dann unser gemeinsamer „mind set“. Aber haben wir den?

Wenn die geschichtliche Tradition unser christlich-abenländische Werte beschworen wird, muss ich immer daran denken, dass bei uns bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Tradition der auch vom Christentum unterstützten und genutzten Leibeigenschaft gepflegt wurde, die man auch als Sklaverei bezeichnen kann. Das macht zumindest für mich die Tradition nicht besser. Nur zur Erinnerung: Meist waren Leibeigene auch Grundhörige, oft war der Grundherr zugleich der Leibherr des Bauern. Und wem gehörte der Grund?

Der erste Eintrag im oberen Block Wertvorstellungen trifft es schon besser. Wir lernen, dass es um Vorstellungen von Werten geht. Was sind eigentlich Vorstellungen? Visionen oder Halluzinationen? Der Eintrag zeigt uns auch, wie schnell wir mit Werten in die Nähe von wertender Moral kommen. Die meint, wir verfügen über die Wahrheit, was gut und was schlecht ist. Aber was ist schon gut oder schlecht?

Wenn wir bei Wikipedia weiterlesen, dann finden wir zu Moral:


Moral bezeichnet zumeist die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen. Der Verstoß gegen Moralvorstellungen wird als Unmoral bezeichnet, Amoral benennt das Fehlen bzw. die bewusste Zurückweisung von Moralvorstellungen, bis hin zur Abwesenheit von moralischer Empfindung.


Wow, schon sind wir bei Mustern, Konventionen, Regeln und Prinzipien! Also treiben wir das Spiel weiter und lesen den Artikel zum Prinzip. Jetzt wird es wirklich kompliziert. Deshalb beschränken wir uns auf einen Satz:


Allgemeinsprachlich handelt es sich bei einem Prinzip um einen Grundsatz, eine feste Regel, an die man sich hält.


Jetzt stellt sich die Frage:
Hat der Autor (AKK hat diesen Satz ja bestimmt nicht selber geschrieben) von dem schönen Werbesatz wirklich Werte gemeint? Oder Moral? Oder Prinzipien?

Oder soll das heißen, dass die, die zu uns kommen, gefälligst an die bei uns gültigen Regeln und Grundsätze halten müssen und wir die Aufgabe haben, dafür zu sorgen, dass sie eingehalten werden?
Und schon klingt das alles ganz anders.

Ich vermute mal, dass die Person, die diesen Satz formuliert hat, selbst nicht weiß, was sie da sagen wollte.

Weil sie an so etwas gar nicht gedacht hat (und wahrscheinlich überhaupt nicht in der Lage dazu war). Es sollte halt nur ein schöner Marketing-Satz werden, der gut klingt und ankommt. Treu der „neuen Unredlichkeit“ unserer Kommunikation verhaftet.

Wenn Ihr Euch interessiert, wie Frau Annegret Kramp-Karrenbauer den Satz auf diesem Plakat interpretiert, könnt Ihr sie ja unter @akk dazu mal befragen.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 2. Februar 2019

Von To-Do-Listen und Not-To-Do-Listen …

Hier mit meinem Freund Dr. Marcus Raitner auf dem legendären PM-Camp Dornbirn (2013).

Es gibt Blogs, die ich sehr gerne und ziemlich regelmäßig lese und von denen ich weiss, dass ich jeden Eintrag weiter empfehlen kann. Einer davon heißt Führung erfahren, es ist der Blog von Dr. Marcus Raitner.

Heute morgen habe ich den aktuellen Artikel von Marcus gelesen:
Von den Stoikern Gelassenheit lernen.

In diesem Artikel macht sich Marcus unter anderem Gedanken über seine Silvester-Vorsätze, die Makulatur geworden sind. Ich zitiere ihn:
„Ich wollte achtsamer mit meiner Zeit umgehen, mich stärker fokussieren und besser priorisieren.“

Und natürlich (das „natürlich“ aus meiner Sicht) ist dies ihm nicht gelungen. Das liegt nicht daran, dass er zu schwach war. Im Gegenteil, es ist ganz normal, weil solche Regeln im Leben nicht funktionieren, wie Marcus bestätigt:
„Wie bei so vielen anderen ist mein Kalender voll und unerreichbar scheint die 5-Stunden-Regel, also nach dem Vorbild von Bill Gates oder Warren Buffet fünf Stunden pro Woche in Reflektieren und Lernen zu investieren.“

Abgesehen dass (auch wieder aus meiner Sicht) diese 5 Stunden-Regel falsch ist. Wenn dann meine ich eher, dass man sich vornehmen sollte, am Werktag (!) maximal 5 Stunden fremdgesteuert zu leben und die restliche Zeit der Woche sich selber zu schenken. Maximal schreibe ich, weil diese 5 Stunden Fremdsteuerung für mich auch schon zu hoch ist.

Noch ein Zitat von Marcus:
„… ist irgendwie alles interessant oder wichtig (oder könnte es mal sein) und entsprechend übervoll der Kalender und die To-Do-Liste. Fokussierung ist zuallererst also eine Frage der Selbsterkenntnis.“

An To-Do-Listen wie auch an Not-To-Do-Listen glaube ich nicht. Diese bewirken das Gegenteil von dem was sie sollen. Selbsterkenntnis ist freilich eine wichtige Voraussetzung für den Wunsch nach Veränderung. Da geht es nicht nur darum, im vorhandenen Lebensrahmen Prioritäten zu setzen oder Dinge anders zu machen und das eine oder andere Muster zu brechen. Vielmehr muss die Veränderung radikal sein. Man muss quasi in ein „Neues Leben“ starten.

Dazu habe ich einen Vorschlag: Eine guter Einstieg in die Veränderung des eigenen Leben ist, wenn man einfach zwei Dinge komplett aus seinem Leben streicht. Für wesentlich halte ich:

  • Auto fahren
  • Vom Wecker wecken lassen.

Das ist nicht humoristisch gemeint. Wenn man das schafft, ist man ein gutes Stück weiter auf dem Weg zum Glück. Mir ist beides gelungen. Und seitdem ich nicht mehr regelmäßig ins Auto muss, geht es mir viel besser.

Nicht mehr Autofahren bedeutet z.B. mehr Radfahren. So hat man wieder Bewegung an Stelle der unsäglichen Stillstellung unter Anspannung am Lenkrad. Man gewinnt Zeit. Und wenn man kein Auto mehr hat, bedeutet dass für die meisten Menschen, dass sie ein ganz schönes Stück weniger arbeiten müssen. Sie müssen ja das Geld fürs Auto nicht mehr verdienen.

Auch der Verzicht auf den Wecker verändert das Leben radikal. Man geht früher ins Bett, isst abends weniger und vermeidet sinnlose Besprechungen am frühen Morgen. Und der Körper bekommt immer die Menge an Schlaf, die er halt braucht. Das führt zu mehr Gesundheit und einer besseren Performance.

Gerade einem Unternehmer oder Manager (Manager ist ein Unwort, früher hat man diese Rolle  als „Führungskraft“ oder „Leitung/Leiter von irgend etwas bezeichnet“) ist es eher möglich sein Leben selbst zu bestimmen als z.B. einem Lokomotivführer oder Arzt! Das ist ein großes Glück für uns Unternehmer und Führungskräfte, die wir über weit mehr Freiräume und Möglichkeiten verfügen als die meisten Menschen auf dieser Welt. Wir müssen sie uns nur nehmen – und als Spitze von new work vorleben. Es liegt nur bei uns.

Der Haken an des Sache ist, dass wir von lieben Gewohnheiten Abschied nehmen. Und das will keiner. Aber es wirkt! Das garantiere ich Euch. So wie Euch zu 100 % versichern kann, dass wenn Ihr in den Spiegel lächelt, Ihr jemand sehen werdet, der Euch anlächelt. Und das ist schön. Also: In den Spiegel lächeln, das Auto verkaufen und den Wecker wegsperren!

Übrigens:
Marcus formuliert in seiner Vorstellung eine schöne Metapher:
Ich bin der festen Überzeugung, dass Elefanten tanzen können.

Hier mit Dr. Stefan Hagen auch auf dem PM-Camp Dornbirn im Oktober 2013.

Das ist vielleicht der einzige wesentliche Punkt, wo Marcus und ich verschiedener Meinung sind.

Die Elephanten-Metapher von Marcus meint, dass Grosskonzerne „agil“ werden können. Ich glaube nicht, dass diese Transformation in möglich ist. Und kann mir da auch die berühmte Ausnahme von der Regel nicht vorstellen. Ich habe den Versuch von Transformation in Konzernen immer scheiter gesehen. Bestenfalls sind kleine „Biotope“ entstanden, die dann aber schnell wieder von der Realität eingeholt wurden.

Also weg mit dem Business-Zirkus, in dem komische aber irrsinnig gut bezahlte Schauspieler des Fachs Business-Theater den von ihnen verwalteten (und ausgebeuteten) „Elephanten zum Tanzen“ bringen wollen. Und hin zu einem schönen Leben in der Arbeit. In dem wir uns als faule Führungskräfte darauf beschränken, für die Menschen (z.B. unsere Mitarbeiter und Kunden) zu wirken und für sie da zu sein!

Auch wenn wir dann keine Millionen-Gehälter und -Abfindungen bekommen werden, wie die Stars des Business-Theaters. Die es im übrigen gar nicht braucht.
🙂 Weder die Millionen noch das Business-Theater.

RMD