Klaus Hnilica
Donnerstag, der 17. August 2017

„Don Carl“ – oder der heroische Kampf um die Unterhose

Carl und Gerlinde (Folge 52)

Mit größerem Vergnügen war Carl in jüngster Zeit selten in seine Unterhose gestiegen! Es war dieses herrliche Gefühl des ‚Umhüllt seins’, des ‚Geschützt seins’, das er genoss.

Ein Genuss, den er sich neuerdings sogar mehrfach am Tag ins Bewusstsein rief – und der sich seltsamer Weise noch verstärkte, wenn er tagsüber durch unauffälliges Herumzupfen an seinen Hosen das darin eingeengte Gemächt neu positionieren durfte!

Ja – „durfte“ – nicht „musste“ – wie er es früher empfunden hatte!

Denn seit offensichtlich vom Süden Deutschlands her sich eine Bewegung breit zu machen drohte, in der sich die üblichen Verdächtigen /1/ mit Bayrischer Wollust über die Herrenunterhose hermachten, die in der christlich–abendländischen Kultur seit bald 300 Jahren bestens verankert war, läuteten bei Carl in mehrfacher Hinsicht die Alarmglocken!

Ja – es war geradezu ein ‚Schock mit Aura’, der sich in Carl breit machte, als er am 13. August 2017 in den sozialen Netzwerken auf diesen besagten if-blog–Eintrag /1/ stieß, in dem in nicht allzu ferner Zukunft einer Welt ohne Herrenunterhosen das Wort geredet wurde: einer Welt, in der von einem Tag auf den anderen jegliches berechtigte Tragen einer Unterhose bei Männern in Abrede gestellt wurde, da offensichtlich sämtliches Wundreiben, lästiges Jucken, ekelhaftes Kitzeln und männlichkeits-bedrohendes Einzwicken in messerscharfe Reißverschlüsse ganz offensichtlich ignoriert, geleugnet oder unter einen ‚Kaftan’ gesteckt wurde.

Einem ‚Kaftan’, der angeblich nur der Freiheit diente – nämlich der Freiheit des ‚hemmungslosen Baumeln lassen des Gemächts’ und des damit verbundenen ‚angeblichen Wohlgefühls’!

Dies natürlich mit unabsehbaren Folgen für Leib – Leben – Gesundheit – Moral – Gesellschaft und Wirtschaft! Nicht nur für Deutschland und der Europäischen Union, sondern letztlich für das gesamte christliche Abendland und Tausende von Unterhosen produzierende Arbeiterinnen und Arbeiter.

Und war der Zeitpunkt wirklich zufällig?

Hatte nicht erst vor wenigen Monaten Putin in der gesamten Eurasischen Wirtschaftszone sämtliche Aktivitäten im Bereich der Damendessous verboten mit ähnlich verheerenden Folgen für TRIGA?

War das etwa nun der ausgleichende gender-erforderliche Gegenschlag gegen die Herren der Schöpfung, nach dem vorher gegen die Damenwelt gewütet worden war?

Und war es wirklich Zufall, dass diese Kampagne ausgerechnet von Bayern ausging? Oder war das vielleicht doch ein abgekartetes Spielchen zwischen Putin und Seehofer?

Aber als Carl all diese Aspekte in der wenige Tage zurückliegenden Besprechung zur ‚Entwicklung neuer Marketingstrategien’ bei TRIGA vorbrachte, war er nicht nur entsetzt über die Gleichgültigkeit seiner Kolleginnen und Kollegen, sondern vor allem über die Reaktion von Bernie – d.h. von Dr. Osterkorn – dem Leiter des Bereichs Trikotagen bei TRIGA: denn der schien die Tragweite dieses Vorgangs in keiner Weise zu begreifen – wie so oft fehlten ihm auch dieses Mal wieder die Antennen für neue Trends in Mode und Gesellschaft!

Übrigens ähnlich wie Gerlinde beim morgendlichen Frühstück!

Die auch nur lachte und ihn, Carl, fast mitleidig als Spinner abtat, der wieder einmal Gespenstern hinterherlief. Und als Carl daraufhin beleidigt aufstand, ohne seinen Frühstückskaffee mehr »

Klaus Hnilica
Samstag, der 8. Juli 2017

Ehe für alle? Nicht für Carl…

Carl und Gerlinde (Folge 51)

Nein – bitte nicht! Alles nur nicht heiraten…“ hörte Carl seine Gerlinde stöhnen, als er auf wunden Knien vor ihr lag und mit treuem Hundeblick zum x-ten mal um ihr schlankes Händchen anhielt.

   Aufrecht, aber leichenblass, murmelte Gerlinde in einem hässlichen pinkfarbenen Kleid aus Brüssler Spitze immer den gleichen Satz: „Nein bitte nicht! Alles nur nicht heiraten! Nein bitte nicht! Alles nur nicht heiraten…!“, während sie nervös mit spitzen Fingern an einem Margaritenkranz in ihren Haaren nestelte. Doch Carl starrte sie mit glasigen Augen an, führte hastig einen weiteren goldenen Ring über ihren rechten Ringfinger, obwohl alle viel zu weit waren und immer wieder von ihrer herabhängenden  verschwitzten Hand herunter glitten –  als er es aber fast geschafft hatte und ihre rechte Hand quasi mit einem herrlich glänzenden, güldenen Finger ausgestattet war, schnellte sie mit einem animalischen Schrei hoch und stürzte durch Carl hindurch ins Freie

Schweißgebadet wachte Carl auf!

Sein Inneres bebte; er benötigte eine gute halbe Stunde bis er sich einigermaßen beruhigt hatte.

Gerlinde, die gerade noch wie eine nordkoreanische Rakete durch ihn hindurch gerast war, schnarchte gemütlich neben ihm. Gelegentlich war es eher ein Bellen, was sich aus ihrer Kehle zwängte! Vereinbarungsgemäß piekste er sie dann so lange in ihren rechten Oberarm, bis sie sich in eine Seitenlage bequemte und nur mehr ein frühlingshaftes Säuseln von sich gab…

Leider verfolgte Carl dieser ‚Hochzeitsalptraum’ in jüngster Zeit immer häufiger!

Das  heißt genau genommen seit dem 30. Juni 2017, als der Bundestag nach Angela Merkels hurtiger ‚Ehewende’ mit deutlicher Mehrheit für die Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts stimmte. Ja –  seither überfiel ihn dieser Alptraum in wechselnden periodischen Zeitintervallen!

Da half auch keine Diskussion mit Gerlinde – oder mit Hannelore und Kurt! Im Gegenteil – die ‚Alptraumfrequenz’ steigerte sich dann sogar, denn Carl sah sich immer deutlicher in ein ‚deprimierendes Abseits geschoben: Tatsache war nämlich, dass ab sofort – außer Verwandte –  alle heiraten konnten und in die überlegene Kategorie der ‚Ehepaare’ aufstiegen, mit all den untrüglichen Merkmalen, wie Eigenheim, Garten, Auto, Kind, Hund – und eben auch einer Ehepartnerin, die man in Gesprächen mit anderen oder bei Geschäftsessen und beim Vorstellen einfach ‚meine Frau nennen konnte!

Angehörige dieser Kategorie wussten, dass sie es geschafft hatten: Sie waren im Leben angekommen, hatten eine der wichtigsten Normen unserer Gesellschaft erfüllt! Ganz egal wie lang diese Norm hielt?

Während Paare wie er, Carl, und seine widerborstige Gerlinde in dieser ‚normierten Gesellschaft’ gerne mit einer Mischung aus Mitleid, Ablehnung und heimlichen Neid konfrontiert waren. Ja  sie  wurden sogar –  für seinen Geschmack viel zu oft – in einen Zustand des ‚Noch – Nicht’ bugsiert! Nämlich, dass sie trotz ihres fortgeschrittenen Alters immer noch nicht die Partnerin, bzw. den Partner fürs Leben gefunden hatten, und ihr Leben wegen ihrer Ungebundenheit letztlich nur ein Leben im Aufschub war: im echten, seriösen Leben waren diese Paare noch lange nicht  angekommen.

Insbesondere Carl nicht ,mit seiner ‚Mätresse’, wie einige seiner Freunde Gerlinde ihm gegenüber immer wieder titulierten, wenn ihr Alkoholpegel jenes Maß erreicht hatte, bei dem Wahrheit nicht nur auf der Zunge lag, sondern sich auch nur allzu leicht aus ihren schmierigen Mäulern schlängelte.

Andererseits, wer war sie denn wirklich, seine Gerlinde?

War sie seine Freundin? Oder seine Lebensgefährtin? Oder seine Partnerin? Seine Putzfrau oder sein Lustobjekt? Oder was eigentlich…

Doch seiner Gerlinde ging das leider alles an ihrem süßen Arsch vorbei! Für sie war Carls Herumgezänke weder nachvollziehbar noch stichhaltig. Vielmehr schrieb sie all seine Schwierigkeiten mit diesem fehlenden gesellschaftlich akzeptierten Begriff für Paare, wie er und sie es waren, immer nur seiner Verklemmtheit zu! Und seinem Alter! Beides hing natürlich eng zusammen, wie sie nachsichtig lächelnd, häufig betonte.

Und wenn sie gar nicht mehr weiter wusste, zitierte sie flugs die eine oder andere amerikanische Studie, in der wissenschaftlich nachgewiesen wurde, dass Männer, sobald sie den Bund der Ehe eingehen, unweigerlich und zwangsläufig an Pfunden zulegen – und dies nicht zu knapp! Und das wollte sie unter allen Umständen vermeiden: denn einen verheirateten Fettsack brauchte sie wirklich nicht. Da war ihr der fast schlanke Carl, im ‚Noch – Nicht’ – Zustand, bei weitem lieber!

Doch obwohl Carl in diesem Punkt in keiner Weise mit Gerlinde konform ging und nach wie vor seine nicht erklärbare singuläre Ehelosigkeit beklagte, musste er zugeben, dass Gerlindes abstruser ‚Fettleibigkeitsvorbehalt’ schon bald seine Alpträume noch grauenvoller gestalteten: denn auf sein Flehen, ihn endlich zu heiraten – antwortete sie plötzlich lachend „ja ich will!“

Doch in dem Moment, als er spürt, wie dieses hin gelächelte „Ja“ seine Seele erwärmte, übermannte ihn auch eine nicht zu bändigende Blähung, die ihn wie einen Heißluftballon immer runder und dicker werden ließ – bis es ihn mit einem lauten Knall  zerriss, und er spürte, wie seine Scham über diese Erlösung selbst die Wut über Gerlindes Lachen übertraf…

KH

 

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 20. April 2017

Lanzarote oder die gestörte Urlaubswelt des Carl S.

Carl und Gerlinde (Folge 50)

Carl wusste schon immer, dass er nie und nimmer auch nur einen einzigen Tag, ja selbst nur wenige Stunden oder Minuten und Sekunden Urlaub auf den Kanarischen Inseln verbringen würde – und auf Lanzarote schon gar nicht!

Was sollte er auch in dieser pechschwarzen Lavakacke, in der absolut nichts Vernünftiges wuchs, in der aber trotzdem unentwegt neue überfütterte Touristenhorden aus Deutschland und England sich vor Entzücken krümmten, weil sich schon wieder ein zartes grünes Hälmchen nach läppischen zweihundertfünfzig Jahren aus einem erkalteten Magmahaufen vor ihren Augen gen Himmel reckte und bestimmt innerhalb der nächsten Jahrhunderte mit einer Wachstumsgeschwindigkeit von mindestens Neunzehntelmillimeter pro Jahrzehnt der Sonne entgegenraste…

Was sollte dieses Hälmchen auch anderes tun, wo es doch keinerlei Grundwasser in diesem Urlaubsparadies gab und auch der ach so Leben spendende Regen höchstens an achtzehn Tagen bestenfalls ein klitzekleines Bisschen zu tröpfeln gedachte, so dass es selbst die fünfundzwanzig Millionen Jahre alten Vulkankegel neben den Magmawüsten nur zu einem quasi hingehauchten Grünschleier auf ihren kargen Flanken gebracht hatten, da in keiner Vulkanregion der Welt jemals auf derartige Touristenmassen so wenig Regen gefallen war und weiterhin fallen wird – wie auf Lanzarote!

Nee – da wollte Carl nicht hin – nicht ums Verrecken!

Dass er dann trotzdem mit Gerlinde in einer Condor Maschine Richtung Lanzarote saß, war eher ein Versehen und wohl ausschließlich der Tatsache geschuldet, dass er nach den letzten quälenden dreiundvierzig Arbeitswochen dringend ein paar Tage Erholung von seiner Firma und von Gerlindes kanarischem Urlaubsgebrabbel benötigte, mehr war dazu nicht zu sagen! Außer, dass das von Gerlinde gebuchte Iberostar Hotel mit Meerblick auf den ersten Blick und mit einigen Abstrichen gar nicht so übel zu sein schien!

Wenngleich diese Fülle an Meer vor der Nase spätestens nach fünf Tagen schon etwas langweilig wurde, trotz dieses wirklich herrlichen Blau, das es gelegentlich zeigte – das Wasser – und dann Grau und Graublau und mit weißen Schaumkronen bestückt und natürlich in der Nacht eine pechschwarze Schwärze, wenn sich nicht gerade die komisch verdrehte Mondsichel drin spiegelte. Aber zu einer grundlegenden Aufhellung von Carls gestresster Gemütssituation trug dieses barocke Farbenspiel dennoch nicht bei, denn in letzter Konsequenz war dies alles ja doch nur Wasser, Wasser und wieder Wasser – und keine Gebirgslandschaft mit Gletschern, Schluchten und Adlerhorsten, selbst wenn Gerlinde das nicht wahr haben wollte und jedem Genörgel in Sachen Meer sofort einen  Flunsch wie eine Riesenwelle entgegenrollen ließ.

Und  was dieses besagte Meer betraf, gab es auf Lanzarote auch kein Entrinnen entlang der endlosen Promenade!

Nein das war nicht möglich!

Denn wenn sich Carl in Gerlindes Gefolge von Südwesten nach Nordosten bewegte, hatte er es auf der rechten Seite, und andersrum,  von Nordosten nach Südwesten, logischer Weise auf der linken Seite, das Meer! Und wenn er in einem der Millionen Lokale entlang dieser Promenade seinen aufwendig servierten herrlich angewärmten Brandy ‚Carlos I’ schlürfte, hatte er es nicht links oder rechts, sondern natürlich vor der Nase, und bei ‚Garnelen mit Knoblauch’ auch. Und bei Pizza mit anschließendem Cortado auch – außer – er huschte schnell einmal auf die Toilette – anders war diesem aufdringlichen Meer nicht zu entkommen…

Und natürlich umwehte dieses penetrante Meer ein immer noch penetranterer Wind, der oft ein Sturm war und vormittags eisigkalt Carls Haare nach Südosten stellte, wenn er sein Käppi vergessen hatte, und nachmittags getarnt als warmer ‚Calima’ aus dem hundertsechsundvierzig Kilometer entfernten Afrika seinen schütteren Haarschopf gen Westen föhnte und quasi als kostenlose Draufgabe noch beide Nasenlöcher mit feinstem Saharasand auffüllte. Und Gerlindes goldige Nasenlöchelchen auch.

Klar, dass das Meer auch beim mittäglichen Essen ein paar kräftig planschende Wörtchen mitzureden hatte: hatten Carl und Gerlinde nämlich nach neunzig Minuten endlich einen Tisch in Meeresnähe erkämpft, der gerade von einem gewissenhaften Kellner gesäubert und von einem anderen eingedeckt und mit Speisekarten bestückt wurde, so dass wieder ein anderer die Bestellung des ‚Cervezas’ übernehmen konnte und der nächste Kellner nach zwanzig Minuten die der Speisen, so war die Schlacht noch lange nicht geschlagen, da nämlich der plötzliche mittägliche Kellnerwechsel selbstverständlich eine vollkommene Neubestellung der gewünschten Knoblauch-Garnelen und Sardinen erforderte.

Aber was machte das schon, Carl war doch mit Gerlindchen im Urlaub und sie hatten doch diesen absolut himmlischen Blick auf ein tief blaues Meer das selbst noch am Horizont mit dem Blausein nicht aufzuhören gedachte…

Doch wenn dann endlich die bestellten Sardinen nach weiteren dreißig Minuten ankamen, deutlich später als Gerlindes brutzelnde ‚Knoblauch-Garnelen im Pfännchen’, sahen sie selbst für Gerlindes kritisches Carlchen überraschend verlockend aus. Leider auch für die gar nicht scheue Möwe auf der gefährlich nahen Promenadenbrüstung, denn schneller noch als Carl mit der Gabel an seiner ersten Sardine war, war die Möwe mit ihrem Schnabel an seiner zweiten.

Verdutzt schaute ihr Carl nach, als sie mit ihrer Beute flink auf dieses verdammte Meer hinausflog. Da Gerlinde lachend dasselbe tat, konnte er allerdings sein Missgeschick wenigstens dadurch lindern, dass er unbemerkt ihr schnell ein paar Knoblauch-Garnelen entwendete und mit ihrem Cerveza runterspülte.

Dieser Kampf ums Essen setzte sich natürlich am Abend im Speisesaal fort: hier waren es aber nicht die Möwen, die Carl und Gerlinde die noch halbvollen Teller leerten, sondern ein übereifriges Heer von fleißigen Bediensteten, die offensichtlich im Akkord entlohnt wurden, denn was sonst hätte sie veranlassen sollen, derart gewandt ihren Gästen die Teller weg zu ziehen, dass diese nicht selten ihre Gabeln versehentlich in den Tisch rammten, wenn sie nach dem letzten Fitzelchen Geschnetzeltes oder geschmorten Paprika stachen, und nicht selten wurde während eines einzigen Frühstücks dreimal der Tisch abgeräumt und neu eingedeckt und dies alles während Carl und Gerlinde unermüdlich immer neue Frühstückseier, Schälchen mit Marmelade, Butterpäckchen, Croissants, Mohnbrötchen, gebratenen Speck, Teekännchen, Kaffee und Orangensaft anschleppten!

Schlimm war das –  fast genau so schlimm, wie das verdammte Fernsehprogramm, bei dem Carl durch die elende Zeitverschiebung sämtliche Nachrichten über Donald Trump und Recep Erdogan versäumte und oft auch die Bundesliga und den ‚Tatort’, der ja schon seit Jahren praktisch für alle vernünftigen Deutschen – außer Gerlinde – statt durch Kirchgang den Sonntag markierte – was natürlich noch schlimmer war…

Aber am Schlimmsten war dieses fürchterliche Getue um diesen komischen ‚César Manrique’ auf Lanzarote! Der wohl nur in Lavablasen gehaust hatte und sich dazu sogar einen ganzen Konzertsaal für sechshundert Hörer in seine Blase implementieren ließ und eine Disco in sein unterirdisches Verließ einbaute, in der neben der Tanzfläche in einem glasklarem Wassertümpel, weiße fingernagelgroße fast blinde Albinokrebse herumkrabbelten, die sonst nur in tausenden Metern tiefen Meeren existierten, aber  hier und  jetzt in dieser Pfütze ein ganzes Leben lang auf diesen wenigen Quadratmetern Lava die dort wachsenden Algen abgrasten und das Tag um Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr in andauernder Finsternis – was für ein fürchterliches Leben, dachte Carl, wobei ihm bei diesem Gedanken jedes Mal ein kalter Schauer über den Rücken raste. Im Vergleich dazu war doch sein Leben mit Gerlinde – selbst hier auf Lanzarote – das reinste Geschenk des Himmels, oder nicht?

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 30. Mai 2013

Schlafen oder Wachen – Carls mühsamer Weg zu Friedrich Schiller

Carl und Gerlinde (XXXI)

Ausgerechnet am Freitagabend wurde Carl von Gerlinde und Hannelore zu Schillers ‚Maria Stuart’ – ins Schauspielhaus – geschleppt!

ZBimg071Schlimmer konnte es der bedauernswerten Maria Stuart auch nicht gegangen sein: denn Carl wurde nicht nur exakt zwischen die beiden bildungshungrigen Theaterenthusiastinnen in einen engen Folterstuhl mit beklemmend geringer Beinfreiheit gepresst, sondern zusätzlich noch wie auf einem mittelalterlichen Pranger einer feixender Schülerhorde als abschreckendes Entzugsobjekt vorgeführt, da deren schnelle Gehirne längst mitbekommen hatten, was Gerlinde und Hannelore nur in homöopathischen Dosen Carl mitzuteilen wagten, nämlich, dass die infernalische Aufgipfelung seiner Qualen ein zweieinhalbstündiger ‚Pilsentzug’ sein würde!

Die unfähige Theaterregie hatte nämlich nicht nur Maria Stuart entgegen allen gewerkschaftlichen Bestimmungen jede Art von Pause auf ihrem Leidensweg zum Schafott untersagt, sondern auch dem zahlenden Publikum! Und damit in einem Aufwasch Carls Entzugsschicksal besiegelt…

Und das am Freitagabend! Nach einer aufreibenden Woche gnadenloser Preisverhandlungen seiner Firma TRIGA mit vietnamesischen Unterlieferanten auf dem Sektor Herrenunterwäsche und Damenslips, an deren Ende sich Carl nichts anderes mehr wünschte, als drei Flaschen Bier, sein Sofa und eine stumpfsinnige Fernsehserie, die das vorabendliche Kurzschläfchen sicher stellte…

Kein Wunder, dass Carl, als er die ‚pausenlose’ Unverschämtheit der Theaterregie endlich auch von Gerlinde links und Hannelore rechts zugeflüstert bekam, aus Protest sofort in eine Art ‚Schlafstarre’ fiel, die darin gipfelte, dass er den gesamten ersten Akt des Schiller-Dramas durchschlief, ohne sich auch nur im Geringsten um die verheerende psychologische Wirkung auf die jungen Menschen um ihn zu kümmern…

Ja – er ließ sich nicht einmal durch die grauenhafte musikalische Untermalung zwischen den einzelnen Szenen beeindrucken, die aus einem ins Wahnsinnige gesteigerte, quietschenden Schabegeräusch von ‚Kreide auf trockener Tafel’ bestand, das nicht nur allen Zuschauern vom Rücken abwärts alles zusammenzog, sondern auch sämtliche Hörgerätträger in den Tinitus trieb… Leider zeigte diese geisterbahnartige Geräuschkulisse mit fortschreitender Dauer dann doch auch bei Carl Wirkung: sein Schlaf gestaltete sich zunehmend unruhiger als daheim vorm Fernseher, mit der Folge, dass er einige Male recht rüde vom Bühnengeschehen gestört wurde! Insbesondere von dieser riesigen, knarrenden, hin und her schwenkenden schwarzen Wand! Ein grotesker Regieeinfall!

Vermutlich um das Bühnenpersonal vorausschauend ausdünnen zu können, wie Carl im Halbschlaf murmelte, indem gezielt alterschwache Schauspieler zwischen Bühnenrand und ‚Schwenk–Wand’ zu Tode gequetscht wurden – oder zumindest verstümmelt, wie dieser Mortimer, der aber trotz seiner korkenzieherartigen Leibesverkrümmung weiterhin zäh am Leben zu hängen schien und der tödlichen ‚Schwenk–Wand’ unermüdlich auswich…

Die bedauernswerte Maria Stuart hatte wohl nicht soviel Glück gehabt: ihr Oberkörper war bereits bei ihrem ersten Erscheinen arg nach vorne gequetscht! Was schmerzhaft gewesen sein musste…Nur Königin Elisabeth war verschont geblieben, sie stolzierte aufrecht und gelassen über die Bühne; ihrem panzerartigen Reifrock konnte die tödliche ‚Schwenk–Wand’ offensichtlich nichts anhaben!

Besonders ärgerlich empfand Carl, dass bei dieser unseligen Freitagabendinszenierung alle Schauspieler plötzlich vom Publikum gehört und verstanden werden wollten! Denn entgegen der bisherigen Gepflogenheiten sprachen sie nicht mehr mit dem Rücken zum Publikum in den hinteren Bühnenraum hinein, wo kein Mensch war, sondern ratterten ihre Schillertexte wie Maschinengewehrsalven derart laut ins Publikum, dass sie Carl bis in den Schlaf hinein verfolgten…

Nur die böse Königin Elisabeth, hatte Mitleid: sie flüsterte hartnäckig in Richtung Beleuchtung. Natürlich tat sie das nicht aus Respekt vor Carls Schlaf, sondern bestimmt aus Scham wegen ihres giftgrün geschminkten Gesichtes. Vermutlich hoffte sie unentdeckt zu bleiben? Eine folgenschwere Fehleinschätzung: denn Mortimer erspähte sie in ihrem pinkfarbenen Reifrock blitzschnell zwischen der hin und her schwenkenden Wand und machte sich nach ein paar hübsch gereimten Frechheiten auch sofort über sie her. Rücksichtslos griff er ihr trotz Geflüster und Reifrock ohne lang zu Fackeln dreist in den Schritt!

Das war unerhört, wie Carl in einem der wenigen wachen Momente, im Gegensatz zu Gerlinde und Hannelore, fand; eine skandalöse Schweinerei! Schließlich saß viel junges Volk vor ihm, das bei dieser Szene recht irritiert kicherte! Der Bursche schräg vorne grinste sein Nachbarmädchen besonders dreckig an!

Und als sich Elisabeth – immer noch flüsternd – zu allem Überdruss auch selbst zwischen die Beine langte, wurde die Sache echt oberpeinlich! Die zwei blutjungen Mädels links vor ihm schauten verlegen auf den Boden! Carl war richtig froh, dass sich in dieser peinlichen Situation die rechtwinklig hingequetschte Maria Stuart mühsam für einen Augenblick aufrichten konnte und Königin Elisabeth strafend zuschwallte…

Einige Schüler wurden unruhig! Sie brauchten eine Zigarette! Genau wie Carl sein Pils! Aber nein, die geile Elisabeth wich nicht! Selbst die schwarze Wand war plötzlich bedeutungslos: Elisabeth stand unerschrocken in ihrem Reifrock da, total grün im Gesicht, von allen verlassen und hätte in diesem Moment ihr Gesicht bestimmt auch tief rot einfärben lassen, wenn ihr das irgendwie weiter geholfen hätte, oder auch gelb, oder blau, oder pink getupft…

Nur nicht schwarz! Diese Farbe schien ihr abhanden gekommen zu sein; vielleicht auch wegen der bedrohlichen Wand, die eh ausreichend schwarz war, dachte Carl hellwach, da das kühle Pils quasi schon gegen sein Gaumenzäpfchen schwappte… Beim Pils würde ihm bestimmt auch einfallen an welche aktuelle Politikerin ihn diese vereinsamte Elisabeth erinnerte, sagte er halblaut zu Hannelore, als endlich das Licht anging…

Natürlich bedeutete das Pils im ‚Fundus’ nach dieser Kulturtortur nicht nur für Carl eine Erlösung! Das Lokal war brechend voll und alle labten sich bei Wein und Wasser wie nach einer langen Hungerperiode an den teuersten kulinarischen Leckereien des Restaurants. Schiller und seine Verse waren vollkommen vergessen! Auch die tote Maria Stuart und die böse Königin Elisabeth! Selbst Hannelore und Gerlinde kicherten nur noch über die verschrobenen Paare an den Nebentischen – und Carl genoss unbehelligt bereits sein drittes Bierchen, ja er überlegte sogar, ob nicht wenigstens er Friedrich Schiller seine Referenz erweisen – und eine tüchtige Portion dieser köstlichen ‚Schillerlocken’ bestellen sollte?

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 6. September 2012

Das ‚Ewig-Weibliche‘ zieht Carl ‚hinan’…

Carl und Gerlinde (XXVI)

Ja – wo denn sonst hin? Es konnte ihn doch nur ‚hinan’ ziehen bei dem Vergnügen das er neuerdings wieder mit dem ‚Ewig-Weiblichen’ hatte, das da nachtnächtlich wie früher neben ihm zappelte und tagsüber tagtäglich seinen Haushalt bestens versorgte, und ihn, dieses ‚Ungestüm-Männliche’ zusätzlich noch mit den verwegensten Köstlichkeiten traktierte, wenn er abends ausgepowert, aber nie mehr übellaunig aus der Firma heimkam und sich genüsslich ins aufbereitete ‚Nestchen’ verkroch… Und diese prima Laune, die er sehr zur Freude seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und insbesondere seiner Sekretärin Bettina jetzt jeden Morgen mit in die Firma brachte, hielt auch erstaunlich stabil den ganzen Tag über an. Selbst dann noch, als der liebe ‚Bernie’, alias Dr. Osterkorn, wie ein übermotivierter Seilzieh-Athlet täglich an seinen Nerven eine Art Konditionstraining zu absolvieren schien, und Miriam Braun, die neue ‚Unterwäschevertriebsverantwortliche’ hochschwanger die Welt nur mehr über ihren Mutterbauch wahrnahm und alle Kreativität offensichtlich für die zu erwartenden Zwillinge bunkerte! Ja – seine robuste Laune war auch abends nicht tot zu kriegen und nächtens schon gar nicht, wenn er Gerlindes anheimelnde Wärme auskosten durfte, ihren Duft einsog und sich an ihrem köstlichen, abgedeckten Körper im Halbdunkel des Schlafzimmerns immer wieder aufs Neue an den elend langen Beindingern delektierte, die permanent tentakelartig zu ihm herüberpendelten, ebenso wie ihre seidenweiche Arme, unter denen er sich jeden Morgen mit größter Vorsicht herausschlängelte, weil er aufstehen und Frühstück machen musste und wollte, während Gerlinde noch in ihrer Traumwelt weiter schmatzend herumsäuselte, was er früher völlig unpassend als ‚Schnarchen’ abgetan hatte. Und für Carl war auch klar, dass er nach Gerlindes überraschender Heimkehr, an die er nie mehr zu glauben gewagt hatte, nicht klein kariert in den zurück liegenden Monaten herumstochern und sie mit engstirnigen Vorhaltungen nerven wollte. Nein, das wollte er nicht! Mit welchem Recht auch? Sie waren doch gar nicht verheiratet und dachten auch in Zukunft nicht daran; jeder von ihnen hatte doch diesen wunderbaren Zustand der Ehe schon einmal desaströs hinter sich gebracht. Natürlich hätte er trotzdem gerne gewusst, was sie so getrieben hatte auf Teneriffa – wo sie ja gewesen war, wie er kürzlich endlich erfahren hatte! Und wen sie da kennen gelernt hatte, auf Teneriffa? Und warum ihr ‚Ehemaliger’ ihr plötzlich so großzügig sein Apartment in Puerto Santiago überlassen hatte? Und wie oft er sie da womöglich besucht hatte? Und wie es überhaupt so mit den Männern in diesem angeblichen traumhaften Puerto Santiago gewesen war? Aber nein, er fragte nicht! Das war ihre ureigenste Angelegenheit! Eher hätte er sich die Zunge abgebissen, was natürlich auch blöd ausgesehen und weder ihn noch Gerlinde wirklich weiter gebracht hätte… Letztlich zählte für ihn einzig und allein die Tatsache, dass Gerlinde wieder bei ihm war und das offensichtlich sehr genoss; alles andere war wirklich sch…..egal! Jedenfalls für den Moment! Und Gott, was für ein Segen war diese ‚zurückgekehrte Sauberkeit’! Alles blitzte, strahlte und duftete wie im Himmel… Das war unbeschreiblich! Und wenn diese fundamentale Freude an Ordnung und Sauberkeit spießig war, dann war er wirklich mit Genuss der größte Spießer auf Erden und im angrenzenden Sonnensystem! Er staunte ja selbst auch über seine neue Vergnügtheit, wenn er  Gerlinde verwöhnen durfte? Zum Beispiel mit seinen überaus geschätzten leckeren Frühstücksvarianten, bei denen er nebst köstlichem Kaffee und frischen Brötchen, stets auch auf ausgefallene Marmeladen und Käse aus den edelsten Feinkostgeschäften setzte und  sonntags sogar noch norwegischen Lachs und Sekt beifügte! Das war doch was! Und es machte richtig Spaß, zu sehen wie Gerlinde strahlte und sich genussvoll all diesen Leckereien hingab, die er ihr kredenzte. Ja das tat ihm wirklich gut! Und natürlich verschanzte er sich morgens nicht mehr schweigend hinter den riesigen Seiten einer bekannten Tageszeitung, sondern erzählte munter von unzähligen großen und kleinen kuriosen Vorkommnissen in der Firma, oder von Sachen die er gelesen hatte. Auch von seiner neuen Position berichtete er häufig. Wieder und wieder wollte er auch von ihr hören, was sie von dieser oder jener Wäschekollektion hielt, vor allem der letzten, für die Herren der Schöpfung; und wie sie Frau Brauns Schwangerschaftsprobleme beurteilte, und ob sie ihn nicht doch endlich einmal in der Firma besuchen und Bettina, seine Sekretärin, kennen lernen wollte ? Und wenn ihn nicht alles täuschte, war seine kleine ‚Spottdrossel’ Gerlinde manchmal sogar ein klitzekleines Bisschen stolz auf ihren Carl und was er so erreicht hatte, während  sie auf den Kanaren herumgeturnt war und sich mehr schlecht als recht durchgeschlagen hatte – mit hoffentlich nicht allzu vielen fremdartigen Körperkontakten? Als Gerlinde ihn dann an einem der darauf folgenden Freitage auch noch bat sie und Hannelore um siebzehn Uhr zu einer Vernissage in B. zu begleiten, wo es um ‚Die Darstellung des Weiblichen durch das Weibliche’ ging und nur Künstlerinnen ihre Werke zeigten, zerfloss Carl förmlich und wirkte richtig glücklich; er versprach gerne früher aus dem Büro zu kommen, obwohl er schon ahnte, dass er  wieder das einzige männliche Wesen unter den Kunstenthusiasten sein würde, genau wie bei diesen typischen ‚Frauenfilmen’, die er sich neuerdings auch wegen Gerlinde antat. Auch sonst waren bei dieser Vernissage nur Frauen zugange: ein junge Sängerin sorgte für beachtliche Stimmung und eine bekannte Schriftstellerin las sehr ordentlich eine selbst verfasste Kurzgeschichte zu einem Gemälde. Die Vorstellung der Künstlerinnen besorgte selbstredend auch ein weibliches Mitglied der Stadtverordneten-Versammlung; nur der Bürgermeister durfte kurz, als Mann, zwei Sätze zur Begrüßung sagen, um sich alsdann schneller als der Blitz in Luft aufzulösen, so dass er, Carl S., wirklich als einziges nennenswertes männliches Wesen die volle Breitseite der künstlerischen  Weiblichkeit an diesem Nachmittag abbekam und genießen durfte, abgesehen von zwei unscheinbaren, verschrumpelten Männeken, die teilnahmslos vor sich hindösten… Doch kühles Bier gab es schon, wie Gerlinde tröstend feststellte! Und auch Berge von  köstlichen Häppchen! Was Carl aber nur mehr als läppische Nebensächlichkeit abtat, schließlich wollte er sich voll ganz auf die recht beachtlichen Kunstwerke der diversen Künstlerinnen konzentrieren… Und trotzdem hing dann am Ende dieser sehr geglückten und von allen Anwesenden bejubelten Vernissage der Haussegen bei Carl und Gerlinde schief, als sie ziemlich betüddelt, von Hannelore heimgefahren wurden. Dabei hatte Carl es wirklich als Kompliment gemeint, als er im  Kreis einer glücklich strahlenden Künstlerinnengruppe um Gerlinde und Hannelore, die beide Bilder gekauft hatten, viel zu laut darauf hinwies, dass er echt überrascht wäre, wie gut heutzutage auch Frauen malten. Selbst beim besten Willen könnte er keinerlei qualitativen Unterschied mehr zu malenden Männern erkennen! Wirklich, das wäre echt phänomenal sagte er anerkennend mehrfach hintereinander, mit betont ausdrucksstarker Stimme, zwischen etlichen weiteren Gläschen Sekt – und war dann vollkommen platt, als er sich plötzlich nur mehr zwei schweigenden, aber nicht unbekannten Damen mit versteinerten Mienen gegenüber sah… Spätestens da ahnte er, dass wieder etwas schief gelaufen war! KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. April 2012

Gerlinde reicht’s! Oder doch nicht?

Carl und Gerlinde (XXIII)

Natürlich hatte der Carl sie oft genervt! Und in den letzten Wochen, bevor sie zugegebener Maßen etwas feige und stillos das Weite gesucht hatte sogar ununterbrochen fand Gerlinde, die ausgerechnet an ihrem Ruhetag auf ihrer Terrasse in Porto Santiago wieder einmal nach Entschuldigungen für ihr reichlich verpfuschtes Leben suchte! Aber so katastrophal war der Carl dann letztlich auch wieder nicht gewesen, wenn sie ehrlich war!

Na ja, diese ewige Biersauferei war schon ekelhaft und sein Schwabbelbauch, den er wie eine Trophäe vor sich hertrug, widerte sie auch an, das schon! Aber insgesamt schaute er gar nicht so schlecht aus! Zumindest von hinten! Und charmant konnte der Carl  sein, das musste ihm der Neid lassen! Leider! Einige seiner ‚speziellen Unterwäschepflanzen’ erlagen ja seinem Vorstadtcharme fast wöchentlich, oder? Und das waren nicht nur die Hannelore und die, na wie hieß sie doch gleich? Sondern auch Kolleginnen und Kundinnen, denen es rein ‚wäschemäßig’ in keiner Weise ums  ‚Ver- triebliche’ ging, sondern ausschließlich ums ‚Triebliche’!

Dabei war der Carl im Bett wirklich nicht der Knaller!

Aber – und das war für einen Mann schon eine Menge – wenn er wollte, konnte er  einfühlsam und phantasievoll sein! Den meisten reichte das offensichtlich! Ihr ja auch lange Zeit…

Und – großzügig war der Carl schon! Geldsorgen hatte sie bei ihm nie gehabt! Nicht so wie jetzt, wo es trotz kostenfreier Logis hinten und vorne nicht reichte! Irgendwie hatte sie das damals bei ihrem überstürzten Aufbruch ganz falsch eingeschätzt, wie so etliches andere auch! Wenn ihr Anna nicht die Möglichkeit geboten hätte, in der Cafeteria ‚Salzburg’ mitzukellnern, wäre sie ganz schön blöd dagestanden. Aber so, war das eine prima Sache: sie hatte zu tun, ihr fiel die Decke nicht auf den Kopf und sie entwickelte sich zu einem beispiellosen Trinkgeldmagnet: so schnell konnten die armen Männeken gar nicht gucken, wie ihre Cents auf den Rechnungsteller flutschten…

Na ja, ihre Arbeitskleidung war aber auch echt verboten knapp! Atmen konnte sie in den engen Blüschen wirklich kaum! Bequem war anders! Und der arme Dottore Satori rang auch ständig nach Luft, wenn sie sich zu ihm hinunter beugte… Wenn das nur mal gut ging?

Kein Wunder, dass der anatomisch so interessierte Dottore bald der Meinung war, sich allein schon ‚trinkgeldmäßig’ soviel Anrechte an ihr erworben zu haben,  dass er sie nach Belieben zulabern und zum Essen einladen konnte. Ein-oder zweimal, oder auch dreimal, war sie auch mit ihm ausgegangen. Ohne es Anna gebeichtet zu haben!

Lecker war das schon immer gewesen…

Wenn er aber mit seinem gelifteten Begleitschatten auf einen Aperolspritzer vorbeikam kam, oder auf einen großen Braunen mit  Apfelkuchen, war er steif wie frisch geschlagener Eierschnee; peinlichst vermied er jede freundliche Geste, um seiner eifersüchtigen ‚Botoxmumie’ ja keinen Anlass für dumme Gedanken zu geben.

Wahrscheinlich hockte die Mumie auch auf dem Geld! Und das nicht zu knapp, denn beide wohnten, wie Anna wusste, schon seit Jahren jeden Winter, über mehrere Wochen in dem luxuriösen 5-Sterne Terrassen- Hotel, unweit von Gerlindes Bungalow-Anlage!

Nur – welches Ziel der gute Dottore verfolgte, wenn er sie jede Woche aufs Neue anbaggerte, war Gerlinde nicht ganz klar, denn bei seiner misstrauischen ‚Aristokratenomma‘ konnte er sich eh keine ausschweifenden Seitensprünge leisten, ganz abgesehen davon, dass sie überhaupt keinen Nerv dafür hatte: ihr Leben war eh kompliziert genug.

Aber vielleicht war ja auch nur das Testosteron schuld, das genau wie bei Carl, alle vernunftgesteuerten Hirnregionen schlagartig lahm legte, wenn ein beutetaugliches weibliches Objekt im Sichtbereich auftauchte und das verbleibende Resthirn automatisch auf Notbetrieb stellte: Kalbsaugen, anzügliches Grinsen, verstärkter Speichelfluss und so weiter und so weiter…

Anna sagte, dass es bei ihr auch über ein Jahr gedauert hätte, bis der Dottore die Anbaggerei aufgegeben hätte; allerdings hatte sie, wie sie Gerlinde gestand, sich einmal spät abends in der Küche zu einem kleinen ,Nahkampf’ hinreißen lassen, was ein dummer Fehler gewesen war, da der gute Dottore daraus Rechte ableitete, die ihm wirklich nicht zustanden. Irgendwann hatte er das aber begriffen und bekam deshalb immer ein etwas größeres Apfelkuchenstück als die anderen…

Tja – und Gerlinde musste sich unter ihrem Sonnenschirm eingestehen, dass sie sich vermutlich auch morgen im ‚Salzburg’, genau wie in den vergangenen Tagen, wieder dabei ertappen würde, sich zu wünschen, dass nun endlich einmal auch ihr  ‚Unmögling’ an irgend einem der Tische säße und nicht nur der Dauergrinser Satori.

Doch – ehrlich gesagt –  hatte sie keine Ahnung, wie sie reagieren würde, wenn da wirklich plötzlich ihr unmöglicher Carl lächelnd oder schmallippig ein Bier bestellen würde? Würde sie ihn ignorieren? So tun als sei er ihr fremd? Oder ihn gar fortschicken…? Oder würde sie sich vielleicht – sogar freuen? Und zwar so freuen, dass sie ihm gleich um den Hals fallen und ihn abknutschen würde?

Und das obwohl er wirklich ein ekelhafter, selbstgerechter ‚Chauvi’ war, der Frauen nur ausnützte! Selbst aber daheim nicht das Geringste auf die Reihe brachte! Und der sie ganz bewusst durch gelegentliche Unkultiviertheit und Flegelhaftigkeit provozierte und ärgerte, und dessen Dickwanstigkeit nur noch durch seine Schweißausbrüche, sein Walross-Geschnarche und sein brüllendes Lachen überboten wurde – den man aber trotzdem, und das war das Komische – aus irgendeinem nicht erklärbaren Grund mögen konnte…?

So dass Gerlinde, bei den angenehmen 26 Grad unter ihrem Sonnenschirm, von Aperolspritzer zu Aperolspritzer sich immer intensiver und lauter fragte, warum diese dumme Kuh von einer Hannelore diesen Unmögling Carl nicht schon längst so deutlich Bescheid gestoßen hatte, dass diesem Knallkopf endlich aufging, wo, wann und wie er seine geschundene Gerlinde wieder finden konnte und dass diese vielleicht eventuell, gnadenhalber, unter gewissen Umständen bereit sein konnte, wenn es denn sein musste und er hoch und heilig Besserung gelobte und sie richtig schön darum bitten würde, mit ihm noch einmal einen Versuch zu wagen, und wenn auch sonst alles passte, sie ausnahmsweise dieses eine Mal doch noch mit ihm heim fliegen könnte…?

Oder spielte diese Schlange Hannelore ein falsches Spiel? Zuzutrauen wär’s ihr…

KH

PS: Übrigens, die ‚komischen Hühner‘ zeichnet der Autor selbst…

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 8. März 2012

Carl for President

Carl und Gerlinde (XX)

Als Carl um drei Uhr früh schweißgebadet aufwachte, wusste er, dass er der Richtige war! Dies umso mehr, als ihm wenige Sekunden bevor er die Augen aufschlug, sogar die Kanzlerin aufmunternd zugenickt und, was er als besondere Wertschätzung empfand, ihre Mundwinkeln leicht angehoben hatte…

Na ja  – Wunder war das letztlich keines! Schließlich war er, Carl S., nicht nur ein stattlicher Mann fortgeschrittenen Alters, sondern auch ein höchst ehrenwerter Bürger dieses schönen Landes. Und – was der Kanzlerin besonders zu gefallen schien: Er hatte sein Haus seit Jahren schon abbezahlt, war vollkommen schuldenfrei und stand beruflich mit beiden Beinen stramm im wirklichen Leben!

Gut – Pastor war er nicht! Ministerpräsident auch nicht und auch kein  Bundesrichter! Dafür wusste er aber im Gegensatz zu diesen Herrschaften ganz genau, von wo das Geld herkam, insbesondere die Steuergelder und wie man damit sparsam umging. Bestimmt keine schlechte Voraussetzung für das Amt eines Bundespräsidenten!

Und seine eminente berufliche Professionalität war ihm auch schon früher oftmals von den verschiedensten Seiten bestätigt worden: denn –  Vertriebsleiter für hochwertige Herren- und Damenunterwäsche bei der Firma ‚Triga’ zu sein – das war keine Kleinigkeit! Und war vor allem gut dotiert!

Die Kanzlerin fand das bestimmt auch großartig, dass er bei seinem Einkommen auf diesen ‚lebenslänglichen Ehrensold’ gar nicht richtig angewiesen war, ja ihn gar nicht benötigt hätte. Aber gut, wenn man ihm diese 199 000 Euro pro Jahr andiente, dann nahm er sie schon, denn das  ‚Lebenslänglich’ war ja in diesem Fall keine Schande und das eigene Büro samt Personal und Dienstwagen auch nicht!

Selbstverständlich würde er genau wie seine Vorgänger von diesem ‚Ehrensold’ ein Gutteil für Spenden und Förderungen aufbringen, denn als Bundespräsident hatte er eh keine Zeit, Geld auszugeben: im Winter war er dann sowieso im warmen  Afrika oder  Australien und im Sommer in einer der prächtigen Villen am Starnberger See. Bei Freunden, denn die hatte ein Bundespräsident, wie man wusste, ja reichlich. Nicht nur die Hannelore und den Kurt, wie jetzt!

Und dieses umsichtige Spenden und Fördern – kam ja auch beim Volk gut an! Überhaupt wenn man damit beispielsweise die Stellung der Frauen in der Gesellschaft stärkte; die taten sich ohnehin so schwer, mit den Männern mitzuhalten! Wenn er nur an den Frauenfußball dachte, konnte er sich ja kringeln vor lachen, oder ans Frauenboxen oder Frauenschispringen….

Ja genau da wollte er großzügig fördern mit ein, zwei Tausendern im Jahr! Das war ihm wirklich ein Anliegen und wurde bestimmt positiv angerechnet!

Seine familiären Verhältnisse passten übrigens auch perfekt für dieses politische Amt, denn er war geschieden, wenn auch nur einmal, aber immerhin  – und er hatte mit der Inge zwei Kinder, den René und die Kora, um die er sich auch nie gekümmert hatte! Das passte schon alles, musste aber natürlich nicht tumb an die große Glocke gehängt werden: schließlich sollte ein Bundespräsident clever sein, sagte er sich, machte endlich das  Licht beim Bett an und schlich sich, obwohl er ohnehin niemand aufwecken konnte, ins Badezimmer…

Und was nun diese immer wieder angesprochene ‚Vorteilsannahme’ betraf, da musste er sich wirklich keinen Kopf machen, sagte sich Carl und drückte wie zur Bestätigung energisch die Spartaste am Toilettenspülkasten…

Denn für ihn in der freien Wirtschaft, war das absolut kein Thema! Aber die Hände sollte er sich vielleicht trotzdem waschen! Und eines war auch klar, so wie die Diskussion momentan im Lande lief, musste er sich schon Gedanken über das Eine oder Andere in seinem Berufsleben machen: denn Büroklammern, sagte er laut, während er an seinen Fingern roch und ins Schlafzimmer zurückging, hatte er, wenn er ehrlich war, schon des Öfteren aus der Firma mitgenommen und auch diese komischen Klarsichthüllen, oder wie die hießen und zwei Radiergummi vor einem Jahr – und diesen Bleistiftspitzer für dickere Stifte auch. Korrekt war das nicht, das musste sich Carl eingestehen. Und der Leitz–Ordner vor zwei Monaten und die vielen unerlaubten Kopien auf Firmenkosten waren auch nicht korrekt gewesen! Von den privaten Telefonaten und der Internetsurferei einmal ganz abgesehen! Gott – wo er da teilweise herumgesurft war! Das  wär’ echt peinlich für einen Bundespräsident gewesen, wenn man das herausgefunden hätte, sagte er halblaut zu Gerlindes gähnend leerer Betthälfte hin und schlüpfte Schutz suchend rasch unter seine warme Bettdecke.

Ja – vielleicht musste er, wenn er die Dinge heute so im Lichte der Energiesparlampe betrachtete, wirklich reinen Tisch machen! Tabula rasa, quasi!

Doch – musste er in diesem Fall dann nicht auch über die köstlichen Kuchenstückchen reden, mit denen Frau Wolf ihn im Büro immer überraschte? Und die er tagtäglich ohne jede Scham genussvoll in sich hineinmampfte? Sehr zur Freude von Frau Wolf, aber natürlich ebenso sehr zum  Missfallen einiger  strenger Fernsehkommentatorinnen, in deren Augen, bzw. Nasen, das arg nach Bestechung roch; es sei denn er hätte jedes Mal unaufgefordert der lohnabhängigen Sekretärin taktvoll drei Euro auf das leere Tellerchen gelegt und sie so nicht zu Bestechungsversuche verführt? Ja –  wenn die Journalistin Schausten, bei ihm nachgehakt hätte, wäre er unter diesen besagten Umständen schon sehr schnell dumm dagestanden…

Aber Urlaubsaufenthalte, in leer stehenden Freundesvillen, hätte sie bei ihm und Gerlinde nicht ausgraben können, egal wie tief sie gebuddelt hätte! Moment mal – war das  richtig? Hatten nicht er und Gerlinde vor vier Jahren einmal zusammen drei Tage – was übrigens ganz pikant gewesen war – in der Eigentumswohnung von Hannelore und Kurt zugebracht, weil die überraschend weg mussten und sie die Tapezierer in der Wohnung hatten. Und hätten sie nicht damals schon die von Frau Schausten in Ansatz gebrachten hundertfünfzig Euro pro Kopf und Nacht freiwillig an ihre Freunde aushändigen müssen und diese wiederum, wenn sie denn im Schaustensen Sinne korrekt gewesen wären, für die von ihm und Gerlinde erbrachten Putzdienste und Sachleistungen, wie Klebeband etc. etc.  mit ortsüblichen Preisen eine Gegenrechnung aufmachen und den eventuellen geldwerten Vorteil  steuerlich sauber in Ansatz bringen müssen? Ja das war im Schein der 25 Watt Nachtischlampe möglicherweise ein dunkler Punkt auf seiner sonst wirklich weißen Weste, musste Carl sich eingestehen und hätte am liebsten gleich noch im Bett einen aufmunternden Schnaps zu sich genommen.

Aber dann beruhigte er sich auch ohne Schnaps, denn auf alles kamen ja die Journalisten schließlich auch nicht drauf – und die Hannelore und der Kurt waren in diesem Punkt natürlich total  zuverlässig und hielten dicht; außerdem waren beide ja auch nicht mit Peter Hintze befreundet, bei dessen Hilfe er natürlich nichts zu lachen gehabt hätte!

Und von Gerlinde – ging schon gar keine Gefahr aus! D.h. wär keine Gefahr ausgegangen, wenn sie nicht verschollen gewesen wäre… Aber aufgepasst, sagte er, mit einem Male kerzengerade vor seinem Bett stehend, in Richtung Schlafraummitte: Hatte er da nicht ein ganz anderes Problem? Und zwar ein viel, viel Gravierenderes als diesen popeligen Steuerkram? Er hatte doch – und da half kein Drumherumreden und Kopf unters Kissen stecken  – überhaupt keine ‚First Lady’! Denn die zukünftige ‚First Lady’ hatte es doch vorgezogen vor zwölf Wochen wortlos das Weite zu suchen!  So dass er, Carl, sich somit anschickte, der erste deutsche Bundespräsident zu werden – ohne eine ‚First Lady’? Wie sollte er das denn der Kanzlerin verklickern – und dem Rössler und dem Seehofer…

Neben diesem fundamentalen Problem marginalisierten sich doch alle seine anderen Kompetenzen? Und zwar nicht nur seine wirtschaftliche Kompetenz, sondern auch seine horrende internationale Erfahrung, die er über viele Jahre durch den europaweiten Vertrieb von Damenunterwäsche gesammelt hatte – und die für einen Bundespräsidenten unentbehrlich war!

Aber – es gab auch Positives, wenn man differenzierter hinschaute! Denn in Griechenland zum Beispiel, war er nie gewesen! Irgendwie mochten die Griechen die ‚Triga Unterwäsche’ nicht – wahrscheinlich weil sie früher diese weißen Umhänge gewohnt waren – so dass er von sich mit Fug und Recht behaupten konnte, Griechenland nicht zu kennen und daher rettungsschirmmäßig absolut neutral und unbefangen zu sein – da konnte ihm wirklich niemand ans Bein pinkeln. Und die Kanzlerin wusste das sicher auch zu schätzen, denn eine weitere Pleite konnte die sich nicht mehr leisten: wahrscheinlich hatte sie auch deswegen die Mundwinkeln so freundlich angehoben…

Und zugegeben – als ihn morgens sein iPhone weckte und weder die Kanzlerin noch Gerlinde zur Stelle waren, war er nach all dem, was er  in der Nacht erlebt hatte, schon arg enttäuscht. Unter diesen Umständen hatte er echt keine Lust mehr, für die anderen einen auf Bundespräsident zumachen. Nee –  wirklich nicht!

KH

PS: Und in zwei Wochen am 22.März 2012 erfahren wir endlich etwas über Gerlinde, also dran bleiben

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 2. Juni 2011

Vergoldete Gipfel…

Carl und Gerlinde (X)

„Manchmal findet ein blindes Huhn ja auch ein Korn“, brummelte Carl, denn das von Gerlinde ausgesuchte Hotel machte auf den ersten Blick gar keinen schlechten Eindruck!

Ärgerlich war nur, dass nach der Anzahl der Autos vor diesem Hotel sich wohl erstaunlich viele Leute so einen Aufenthalt in der teuren Südtiroler Bergwelt leisten konnten: dabei sollten doch diese Urlaubstage etwas ganz Besonderes für ihn und Gerlinde werden!

 

Schade…

Carl hätte sich nach der strapaziösen zwölfstündigen Anfahrt wirklich gut entspannen können, wenn ihm dieser Touristenauflauf nicht gleich seine prinzipielle Bereitwilligkeit zu guter Laune vermasselt hätte. Und diese ungeplante Übellaunigkeit hielt selbst noch an, als Gerlinde schon alles ausgepackt und nach seinen Anweisungen so verstaut hatte, dass er auch eine gewisse Chance hatte, eine frische Unterhose zu finden, ohne aus den viel zu tiefen Fächern vorher alles herausschmeißen zu müssen. Oder Socken, wenn er in seine bequemen Sandalen schlüpfen wollte…

Im Gegenteil, seine trübe Stimmung verstärkte sich sogar noch, als er und Gerlinde gereizt den Bach entlang ins Zentrum von Ortisei zockelten und da auf ganze Horden sonnengerösteter  ‚Touris’ stießen, die so etwas von gut erholt ausschauten, dass Carl vermutlich auch Pestbeulen ertragen hätte, nur um sich von diesem Frischluftpöbel abzusetzen. Diese ekelhafte Selbstzufriedenheit vor überhängenden Eisbechern voll bunter Fähnchen und riesigen Weißbiergläsern in der abendlichen Sonne trieb Carl nicht nur den Blutdruck in luftige Höhen, sondern ließ auch immer wieder die Frage in ihm hochsteigen, ob bei diesen Südtiroler Schluchtenscheißern die Finanzkrise wirklich so spurlos vorüber gerauscht ist, wie sie taten oder ob sie alle nur blufften?

Jedenfalls so wie die hier in Ortisei an ihren Tischen hockten und dazwischen herum stolzierten schien Geld keine Rolle zu spielen! Die brauchten offensichtlich nur mit den Fingern zu schnippen – und es war da…

Oder wie ging das?

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Klaus Hnilica
Sonntag, der 30. Januar 2011

Das unverfrorene Huhn…

Carl und Gerlinde (II)

Als Carl vor die Haustür trat, schrumpfte er auf die halbe Länge!
So kalt war es! Kälter als im Winter. Und das im September, wo man üblicherweise immer noch mit einem spätsommerlichen Nachschlag rechnen konnte. Vermutlich war diese Erwartung auch der Grund gewesen, dass Carl seinen Bademantel gar nicht erst zugemacht hatte und er auch barfuss in seinen Birkenstockschlappen stand.

Drohte jetzt die Kältestarre?

Carl hatte von diesem Zustand gehört und wollte deshalb, einem spontanen Impuls folgend, gleich wieder umkehren und die Zeitung lieber zwei Stunden später holen, wenn sich die Sonne doch noch durch die Wolkendecke gebohrt hatte.

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Klaus Hnilica
Montag, der 13. August 2018

Der Klimawandel und die vertrackte Eiszeit

Carl und Gerlinde (Folge 59)

Übrigens, Gerlinde, unser Freund Kurt hat mir letzten Dienstag, als ich ihn zufällig im REWE traf, unter dem Siegel der Verschwiegenheit zugeflüstert, dass er sich trotz seines fortgeschrittenen Alters von Hannelore zu trennen beabsichtige, falls sie dieses Jahr mit der gleichen Sturheit wie in den vergangenen Jahren darauf bestünde, den nächsten Sommerurlaub wieder gemeinsam zu buchen, sagte Carl bei 28 Grad um Zweiundzwanzig Uhr abends – unmittelbar vor der Eisdiele – und wischte sich wohl zum achtzehnten Mal mit dem selben Papiertaschentuch über die Stirn.

Wobei, ergänzte er, während er Gelinde ins Innere des Salons dirigierte, der Alptraum vor allem von dem Wort ‚gemeinsam‘ ausginge, hätte der Kurt gesagt und dabei gleichzeitig mit seinem üblichen sorgenvollen Kopfgewackel 10 Packungen ‚Philadelphia‘ Quark in seinen Einkaufswagen geschichtet.

Was er nämlich letztes Jahr von Oktober bis zum Jahresende für den diesjährigen Sommerurlaub mitgemacht hätte, gehe auf keine Kuhhaut, selbst wenn diese Haut von einer voll ausgewachsenen trächtigen Milchkuh stammte, so der Kurt im gut gekühlten Lebensmittelbereich bei REWE!

Da sich aber weder Gerlinde noch Carl spontan für einen der zahlreichen leeren Tische im neongelben Licht der subtropisch aufgewärmten Eisdiele – mit weit geöffneter Front zur Straße hin – entscheiden konnten, unterbrach Carl kurz seinen Bericht über Kurts vertrauliche Trennungsoffenbarung und irrte so lange von einem Tisch zum anderen, bis sich Gerlinde im hintersten Winkel des Lokals erschöpft auf einen Stuhl fallen ließ und stöhnend kund tat: entweder hier! Oder ich breche auf der Stelle zusammen!

Carl zog zwar enttäuscht die Augenbrauen hoch, sagte dann aber, als er auch schweißtriefend Platz genommen hatte und dabei fast noch den Nachbartisch gekillt hätte, dass Kurt von 34 Reiseprospekten aus 5 verschiedenen Reisebüros gesprochen hätte, die er mit seiner Hannelore akribisch durcharbeiten hätte müssen, sowie von 18 Vorträgen in unterschiedlichen Volkshochschulen und Bibliotheken über Reisen durch Patagonien und diverse Polregionen, durch Australien und Neuseeland, über die Teilnahme an einer Wüstensafari und 3 verschiedenen Weltreisemöglichkeiten sowie über 4 Meditationsurlaube in österreichischen und griechischen Klöstern – und dies alles nur weil sich Hannelore nicht entscheiden konnte, welche Art von Urlaub sie in welcher Region der Welt wolle…

Gerlinde sagte – vor aufgeschlagener Eiskarte mit ihrem rechten, fast schon steifen Zeigefinger, auf einem Fruchtbecher mit Vanilleeis und reichlich Sahne – dass sie diese Klage von Kurt gar nicht so sehr überrasche und dass sich diese Unentschlossenheit von Hannelore mit zunehmendem Alter wohl immer markanter auspräge; irgendwie sei ihr das auch schon aufgefallen!

Da der Kellner bereits zum dritten Mal nach der Bestellung fragte, orderte Gerlinde schließlich mit drohendem Blick in Richtung Carl ihren Fruchtbecher, während Carl vor der aufgeschlagenen mehrseitigen Eiskarte wenigstens ein Mineralwasser mit Sprudel nannte, ansonsten aber noch um etwas Geduld für seine Eisbestellung bat und zu Gerlinde sagte, dass sich der Kurt im REWE ja bei diesem ‚monströsen gemeinsamen Urlaub-Auswahlverfahren‘ vor allem auch deswegen so über Hannelore ärgere, da sie als Ergebnis all dieser Quälerei nun kommenden Samstag eine 2-wöchige Urlaubsreise nach Portugal anträten, und zwar in ein Wellnesshotel an der Algarve, wo es derzeit 42 Grad im Schatten hätte und in 20 Kilometer bereits nicht enden wollende Buschbrände wüteten…

Super – stellte Gerlinde lakonisch fest und orderte bei dem verzweifelnden Kellner wenigstens einen CARLOS I, während Carl sich nunmehr wirklich ernsthaft mit der ‚eisigen Vielfalt‘ auf seiner Karte zu beschäftigten begann und, ohne einen Blick auf den wartenden Kellner zu richten, zu Gerlinde sagte, dass seine Bestellung im Grunde sehr einfach sei, da er nur drei Bällchen Eis ohne alles möchte und sich daher bloß zwischen Dunkler oder Heller Schokolade entscheiden müsse, oder zwischen Vanille, Haselnuss, Stracciatella, Erdbeere, Jogurt, Latte Macchiatto, Sahne–Kirsch, Mango, Maracuja, Zitrone, Banane, Granatapfel, Himbeere, Drachenfrucht, Bounty, Sahnegriess, Zimt, Raffaello und Sanddorn- Hollunder! Nichts leichter als das, grinste er vergnügt.

Doch da der Kellner immer noch wie eine rächende Gottheit vor ihm stand, sagte er, für alle unerwartet, dass er einen Espresso wünsche!

Doppel – oder einfach? fragte der Kellner.

Nein – oder doch eher zwei Kugeln Vanilleeis, sagte Carl.

Also Vanilleeis! tippte der Kellner in sein Gerät.

Nein – bringen Sie mir einfach genau so einen CARLOS I wie ihn Gerlinde hat.

Und als der unfähige Kellner endlich weg war, stellte Carl mit säuerlicher Miene fest, dass er Kurt erstmals wirklich bedauere: denn mit einer so unentschlossenen Partnerin wie Hannelore, würde er vermutlich jeden Tag mehrfach ausrasten, sagte er und schob zufrieden seine Eiskarte zu Gerlinde, die wortlos aufstand und ging.

Hoffentlich nur, um sich die Hände zu waschen?

KH