Alexander Große
Donnerstag, der 2. April 2009

Erfahrungen eines Zeitsoldaten #2 – Wehrpflicht überall

Fast sieben Jahre bin ich nun bei der Bundeswehr, immer umgeben von Wehrpflichtigen. 2002 durchlief ich meine allgemeine Grundausbildung zusammen mit circa 160 Wehrpflichtigen. 2003 führte ich eine Gruppe, wieder in der allgemeinen Grundausbildung, wieder ausschließlich aus Wehrpflichtigen bestehend. 2004, stellvertretender Zugführer im Dienstgrad Fähnrich. Und wieder hatte ich es ausschließlich mit Wehrpflichtigen zu tun.

Ich führte einen Wachzug, der ausschließlich zum Ableisten der Wache aufgestellt war und in dem es ausschließlich Langzeitkranke, Außendienstbefreite, anstehende Ausscheider oder diejenigen vereinigt waren, die während ihrer Vordienstzeit nicht gerade durch Leistung überzeugt hatten. 2005 führte ich einen eigenen Zug mit 46 Soldaten – man könnte es ahnen: Wieder nahezu ausschließlich bestehend aus Wehrpflichtigen.

Während dieser Zeit lernte ich das erste Mal das Gesicht der Wehrpflicht in der Truppe kennen. Nach außen und von ministerieller Seite wird immer herausgehoben, welchen integralen Bestandteil die Wehrpflicht einnimmt. Da ist die Rede vom Staatsbürger in Uniform. Da wird heraus gearbeitet, dass durch die Wehrpflicht die Verbindung zwischen Armee und Bürgern geformt und unterstrichen wird.

Die Minister werden nie müde zu wiederholen, dass Wehrpflichtige die herausragenden Multiplikatoren in der Öffentlichkeit sind. Da wird sich damit gebrüstet, dass doch regelmäßig 60000 junge Menschen in die Streitkräfte strömen, die dann zur Säule und Stütze der Streitkräfte ausgebildet werden.

In Wahrheit sieht das dann ganz anders aus. Während meiner Zugführerzeit lernte ich die ersten Zeitsoldaten kennen, die bereits das achte, zehnte oder auch fünfzehnte Quartal in Folge als Ausbilder eingesetzt waren. Und das in einer Einheit, die durchschnittlich die höchste Dienstzeitbelastung in sich trägt. Da können in den 3 Monaten einer allgemeinen Grundausbildung locker 800-1000 Arbeitsstunden anfallen. Verständlicherweise waren diese Dienstgrade nur äußerst schwer zu motivieren, jeden Tag das Beste zu geben.

Es wird vom Staatsbürger in Uniform erzählt, von politisch gebildeten und interessierten Soldaten. Für eine von vier Grundausbildungen (AGA) pro Kalenderjahr, trifft das auch zu. Nur im dritten Quartal stoßen frisch gebackene Abiturienten zur Bundeswehr. Die restlichen drei Quartale werden durch Real- und Hauptschüler oder durch Abbrecher von Berufsausbildungen besetzt, oftmals mit einem hohen Anteil an Jugendlichen aus sozialen Randmilieus oder mit Migrationshintergrund. Der Großteil der Wehrpflichtigen hat nicht einmal mehr Lust darauf, sich ausbilden zu lassen.

Viele kommen, um 9 Monate beschäftigt zu sein. Nicht mehr und nicht weniger. In den drei Nichtabitur-AGAs geht es nicht um politische Bildung oder ein Dasein als Staatsbürger in Uniform. Da geht es vielmehr darum, die Wehrpflichtigen zu beschäftigen, Blödsinn und Dummheiten sowie kleinere Delikte zu vermeiden. In diesen Abschnitten steigt die Vergabe von disziplinarischen Maßnahmen, von der schriftlichen Ausarbeitung über Geldstrafe bis hin zum Arrest, durchschnittlich deutlich an.

Und diese dreiviertel der Wehrpflichtigen werden dann zur Stütze einer Einsatzarmee, die jeden Tag die Leben ihrer Soldaten aufs Spiel setzt? Dieser Anteil wird dann zum erhofften positiven Mulitplikator? – Die Armee kämpft mit vielen Vorurteilen in der Bevölkerung. Schaut man sich dann diese Multiplikatoren an, hat man die Ursachen dafür schon gefunden.

AG

1 Kommentar zu “Erfahrungen eines Zeitsoldaten #2 – Wehrpflicht überall”

  1. Exwehrpflichtiger (Donnerstag, der 2. April 2009)

    Dann hat sich ja seit meiner Wehrpflichtzeit nichts verändert :-).

    Aber mal ehrlich, Wehrpflichtige sind Zwangsverpflichtete, warum sollte man da so etwas wie Motivation erwarten? Die Wehrpflichtzeit war die einzige Zeit in meinem Leben, wo ich jeden einzelnen Tag genau wußte, wieviel Tage ich diesen Schwachsinn noch erdulden musste. Aber auch jeder andere ließ seine Umwelt diesbezüglich nie im umklaren. „xyz (Tage) nach Dienst, Du Kiste“, war die übliche Begrüßung (auch unter Abiturienten).

    Dass es seit damals nicht besser geworden ist, muss eigentlich auch keinen verwundern. Wer heute etwas auf den Kasten hat, muss ohnehin nichts mehr machen. Der Rest macht Zivi und der doofe Rest geht zum Bund.

    Eigentlich kann der Bundeswehr nichts besseres passieren, als die Umstellung auf eine Freiwilligen- und Berufsarmee. Vielleicht erzwingen es ja jetzt die Gerichte. Unsere (ungedienten) Politiker leben halt lieber in ihren Traumwelten.

Kommentar verfassen

*