Alexander Große
Freitag, der 20. Februar 2009

Sportclubs in Deutschland – weitaus mehr als nur Zeitvertreib

Wir begrüßen ganz herzlich unseren neuen Mitautor Alexander Große!

Auf Grund meiner persönlichen Entwicklung, die ich während meiner Zugehörigkeit in der Volleyball-Abteilung in Unterhaching genommen habe, möchte ich zu Beginn meiner Autorentätigkeit gern über dies viel Freizeit in Anspruch nehmende Hobby berichten. Auf Grund von Rolands Engagement als Hauptsponsors unseres Turniers in der 2. Herrenmannschaft vor zwei Jahren kam ein erster Kontakt zu Stande.

Als ich 2005 nach Haching kam, wollte ich eigentlich nur Volleyball spielen, wie so viele der Deutschen (40% sind in Organisationen in der Freizeit gebunden). Nach einiger Zeit ergriff mich die Faszination Volleyball in der Bundesliga. Da damals wie auch heute in Unterhaching vieles ausschließlich über ehrenamtliches Engagement abgewickelt werden kann, weil für hauptamtliche Mitarbeiter die notwendigen Ressourcen fehlen, wollte ich dem Club, der mir so hervorragende Trainingsbedingungen bietet mehr zurück geben als nur den Jahresbeitrag, der noch zum Teil beim Gesamtverein verbleibt.

Dabei dachte ich wohl eher an eine Unterstützung beim Scouting der Spiele per Data-Volley. Als dann allerdings ein Pressesprecher gesucht wurde, konnte ich nicht nein sagen. Zwar absolut unerfahren im Münchner Mediendschungel und was halbwegs professionelle Medienarbeit betrifft noch grün hinter den Ohren, ging ich Anfang 2006 hoch motiviert an die Arbeit. So wurde der Volleyball deutlich mehr als ein Hobby, der Club mehr als nur Zeitvertreib. Mittlerweile nehmen die Aufgaben für den Verein rund 70 Stunden im Monat in Anspruch. Deswegen sind Vereine weitaus mehr als nur Zeitvertreib. Sie sind wichtige Institutionen zur Aneignung wichtiger Kompetenzen, wie man an meinem Beispiel sieht. Plötzlich waren Aktualität, grammatikalisch und orthographisch korrekte Artikel mit interessantem und abwechslungsreichem Inhalt im Tages-Rhythmus gefordert. Ebenso wurden Eigeninitiative und Kreativität gefordert.

Als Club in einer Randsportart befindet man sich stets in der Lieferanten-Stellung gegenüber den Medien. Gerade die großen Münchner Zeitungen sind nicht mit einem 4. Platz in der Liga und 800 Zuschauern zu ködern. Also war ich gefordert mehr über die Spieler zu erfahren, auf Redakteure zuzugehen und „Stories“ zu schreiben. Kreativität und Eigenengagement waren dann auch beim Umbau der Homepage gefordert. Stundenlange Recherche über Features auf anderen Seiten und deren Umsetzbarkeit auf unserer Seite waren gefordert. Außerdem wurden klassische Softskills weiterentwickelt und gefördert. Dies fing beim Interview mit neuen Spielern in einer fremden Sprache an, setzte sich im Bereich sozialer Kompetenzen im Umgang mit vielen anderen ehrenamtlichen Helfern fort und endet bei kommunikativen Fähigkeiten in Wort und Schrift.

Zum anderen stärken Vereine bestehende Normen und Werte. Beklagt doch die deutsche Gesellschaft einen zunehmenden Werteverlust in Deutschland, so helfen Vereine dabei, erlernte Normen und Werte zu festigen. Bei mir waren das Verhaltensweisen wie Zuverlässigkeit, Selbständigkeit, Opferbereitschaft auch zu ungünstigen Tages- und vor allem Nachtzeiten sowie Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. All das macht den Verein zu deutlich mehr als nur zu einem Mittel des Zeitvertreibes. Damit wird er als Institution für ehrenamtliche Helfer zur Vorbereitung auf das Berufsleben – ein Punkt, der oftmals leider unterschätzt wird und als „Freizeitspaß“ mit einer Handbewegung abgetan wird. Aber es werden Fähigkeiten und Verhaltensmuster, die im folgenden Lebensabschnitt als notwendig oder wertvoll gesehen werden können, auf diesem Wege ganz unbewusst und quasi „im Vorbeigehen“ bereits trainiert.

Zuletzt dienen Vereine als Mittel der Sozialisation in Deutschland. Da die meisten anderen Sozialisationsinstanzen wie Schule oder Familie meist überfordert scheinen, rücken immer mehr Vereine und Trainingsgruppen in den Mittelpunkt. Ich möchte gezielt Familien ausblenden, die als „durchschnittlich“ im positiven Sinne und funktionierend angesehen werden. Vielmehr geht es um Familien aus sozialen Randmilieus. Häufig versagt dort die Sozialisation. Adaption von Normen und Werten erfolgt meist nur sehr mangelhaft.
Und auch deutsche Schulen sind häufig nicht mehr in der Lage Kinder zu „erziehen“. Warum das meist kaum möglich ist, zeigen mangelhaft ausgebildete, oftmals gestresste Lehrer, die mit Klassengrößen von 30+ Schülern überfordert sind. In Zeiten, in denen bereits auf dem Schulhof gemobbt, bedroht, verprügelt und erpresst wird, kann Schule kaum zu einer gesunden Sozialisation beitragen. Da müsste ebenso reformiert und schleunigst verbessert werden. Diese Aufgabe, die früher ganz breit von der Schule abgedeckt wurde, übernimmt mehr und mehr der Sportverein. Dort lernen Jugendliche unter meist couragierten Trainern, wie man Konfliktsituationen lösen kann, wie man sich in eine soziale Gruppe einordnet und seine klassische Rolle in dieser erfüllt. Zudem werden klassische Normen und Werte wie Pünktlichkeit, Teamgeist o.ä. vermittelt.

So lässt sich einwandfrei festhalten, dass die Institution des Sportvereins zwar in aller erster Linie ein Mittel zum Zeitvertreib und zum Erhalt der körperlichen Fitness ist, aber unbewusst durch das „Menscheln“ deutlich höhere Aufgaben quasi im Vorbeigehen mit erfüllt.

AG

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