Hans-Peter KühnSamstag, der 20. März 2010
„Der Name der Rose“ – Umberto Eco oder „Spätmittelalterlicher whosdunnit mit höchsten Ansprüchen“
Wir schreiben das Jahr 1327. In den winterlich eisigen, spärlich beleuchteten Wandelgängen einer italienischen Benediktinerabtei spukt das schwarze Gespenst der Häresie. Die Inquisition entsendet den englischen Franziskanerbruder William of Baskerville und den Novizen Adson von Melk zu Nachforschungen. Ihre hochgradig delikate Mission wird erschwert und überschattet durch eine Serie von bizarren Morden. Wir erleben 7 Tage und Nächte apokalyptischen Terrors.
Die Detektive in Mönchskutte recherchieren mit Hilfe der Logik des Aristoteles, der Theologie eines Thomas von Aquin und dem Empirismus von Roger Bacon, steigen immer tiefer hinab in das obskure Labyrinth des mittelalterlichen Klosterlebens, in das Reich von geflüsterten Anspielungen, Intrigen und Verschwörungen.
Hans-Peter KühnSamstag, der 13. März 2010
„Blue Belle“ – Andrew Vachss oder „Bodensatz der Gesellschaft“
Burke ist ein harter Brocken. Seine Telefonanrufe erhält er im obskuren Lokal einer chinesischen Mama, sein enger Freundeskreis besteht aus einem Transsexuellen, einem stummen, mongolischen Karatekämpfer und einem heruntergekommenen Spezialisten für Elektronik und dessen Lehrling, einen Jugendlichen der definitiv die schiefe Bahn hinunterrutscht. Ein neapolitanischer Riesenköter wacht über seine Wohnung.
Burke hat viel Verständnis für menschliche Schwächen, er hat ja selbst einige Jahre gesessen und im Knast viel gelernt bei seinem Knacki Mentor. Sobald ihm jedoch Kinderschänder und Prostitution von Minderjährigen über den Weg laufen rastet er aus.
Hans-Peter KühnSamstag, der 6. März 2010
„A Hell of a Woman“ – Jim Thompson oder “Mala Vita”
Seine Romane sind wie die Gemälde von Hieronimus Bosch und Pieter Brueghel, Welten der Sünde und des Lasters. In ihrem moralischen Gravitationszentrum stehen Eifersucht, Gier, Neid, Gemeinheit, Habsucht, Skrupellosigkeit, Lüge und List. Seine Protagonisten sind hinterhältige Halunken, miese Betrüger, korrupte Polizisten, erbärmliche Versager, versauerte Nieten, psychopathische Killer und schmuddelige Doktoren. Seine Heldinnen lauern als lasterhafte Miezen in lauschigen Ecken dunkler Spelunken oder spähen nach leichter Beute als hässlich zerfressenen Fratzen von Habgier und Hass, blicken als üppige Puppen mit trügerischer Sanftheit nach Opfern lüsterner Geilheit und lauernder Lust.
Willkommen bei Jim Thompson, im Dschungel von Niedertracht, Lug und Trug!
Hans-Peter KühnSamstag, der 27. Februar 2010
„Inviting Desaster“ – James R. Chiles oder „Murphy’s Law“
James R. Chiles führt uns in Katastrophengebiete, zu rauchenden Trümmern, verstrahlten Ruinen, krachenden Explosionen, stürzenden Airlinern, lodernden Flammen, sinkenden Schiffen… Die Reiter der Apokalypse sind weder Stürme noch Sintfluten oder Erdbeben, es handelt sich um hausgemachte Unglücke, verursacht von unseren Geschöpfen, Technik Maschinen und unserem Versagen im Umgang mit ihnen
Der Autor ist weder Sensationsreporter noch Technologiegegner. Sein Buch richtet sich nicht an Voyeure, Desastertouristen und militante Kreuzritter gegen technischen Fortschritt. Sein Stil ist betont sachlich, nüchtern, seine Haltung objektiv. Chiles beschreibt Wirkungen detailgenau, forscht nach Auslösern, zeigt Auswege. Hier spricht kein Besserwisser mit erhobenem Zeigefinger sondern ein unermüdlicher, akribischer Ursachenforscher.
Hans-Peter KühnSamstag, der 20. Februar 2010
„Kaiser, König, Edelmann“ – Herbert Schmidt-Kaspar oder „Das heilige römische Reich deutscher Nation“
Das Ende des heiligen römischen Reiches deutscher Nation kann auf den Tag genau festgelegt werden. Am 6.8.1806 verzichtete Franz II auf den Thron und erklärte damit das Ende eines „uralten Imperiums“, wie Talleyrand zu sagen pflegte. Über seinen Anfang sind sich die Historiker nicht einig. War es der Weihnachtstag 800 als Leo III Karl den Grossen in Rom zum Kaiser krönte? Oder das Jahr 911 als die Ostfranken Konrad I zum König wählten?
Schmidt-Kaspar folgt der Historikertradition des 19. Jahrhunderts und beginnt seine Geschichte im Jahre 919 mit der Inthronisierung des Sachsen Heinrich I, auch Heinrich der Vogler genannt.
Hans-Peter KühnSamstag, der 13. Februar 2010
„Die griechisch-römische Antike Band 1 + 2 – Werner Dahlheim“ oder „Für Kulturhungrige und Bildungsbedürftige“
Ist Ihnen bei Ihrem letzten Urlaub in Griechenland, Italien oder Südfrankreich, bei einem Ihrer Museums- oder Ausstellungsbesuche oder als Sie die Ilias für eine Opernsängerin hielten und Ihrer Tochter erklärten, dass Kleopatra eigentlich Elisabeth Taylor hiess, schon aufgefallen, dass Sie von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, dass brandeiliger Handlungsbedarf besteht?!?
Sind Sie leidenschaftlicher Trivial Pursuit Spieler, begeisterter Mitrater beim Millionenquiz, bildungsbeflissener IT-Manager, fanatischer Antike-Freak?!?
Alle, die ja sagen sind Sie bei Werner Dahlheim genau an der richtigen Adresse!
Das Verlagslabel „UTB für Wissenschaft“ verspricht universitäres Bildungskauderwelsch, das blassrote Cover gediegene Langweile. Der Schein trügt!
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Hans-Peter KühnSamstag, der 6. Februar 2010
„Die Chemie des Todes“ – Simon Beckett oder „Im Windschatten von Kay Scarpetta“
Seit Mitte der Achtziger sind die Irrungen und Wirrungen von Gerichtsmedizinern und forensischen Experten durch Patricia Cornwell und ihrer nunmehr mit Kultstatus versehenen Heldin Kay Scarpetta zu einem eigenständigen Genre der Krimiliteratur herangewachsen. Simon Beckett präsentiert David Hunter.
Der forensische Experte hat sich vor drei Jahren, nach einer persönlichen Tragödie, die tiefe Wunden hinterlassen hat, in ein neues Leben als Landarzt im tiefsten Norfolk zurückgezogen. Er meint, dass die Vergangenheit hinter ihm liegt, bis er mit den grausigen Überresten von Sally Palmer konfrontiert wird. Eine weitere Frau verschwindet spurlos und ein friedliches Dorf taucht ab in Furcht und Paranoia, der Nebel des Verdachts legt sich über die Mitglieder der friedlichen Gemeinde.
Hans-Peter KühnSamstag, der 30. Januar 2010
„Tauschen und Täuschen“ – Manfred Drennig oder „Warum die Gesellschaft so ist wie sie ist“
Tauschen und Täuschen liegen so nah beieinander, wie die beiden Punkte auf dem a. Es sind siamesische Zwillinge, sich gegenseitig bedingend, auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden.
Gesellschaften sind Überlebensgemeinschaften, ihr konstituierendes Element ist der Tausch, bei dem der Stärkere handfeste Leistungen einbringt, der Schwächere immerhin Lob, Anerkennung und Unterordnung. Im Kielwasser des Tausches kommen dann Kalkül und Täuschungsmanöver…
Soziale Gebilde funktionieren unter personellen Aspekten (Schutz und Hilfe werden getauscht gegen Unterwerfung und Abhängigkeit z.B. Klientelbindung im antiken Rom), unter normativen Aspekten (Erfüllung von Normen, Anerkennung von Werten werden getauscht gegen Geborgenheit im diesseits und jenseits z.B. Theokratie) und schliesslich nutzenorientierten Aspekten (der Nutzen der Gesamtheit ist die Addition der individuellen Nutzenmaximierungen z.B. Kapitalismus).
Hans-Peter KühnSamstag, der 23. Januar 2010
„A quiet Belief in Angels“ – R. J. Ellory oder “Eine amerikanische Tragödie“
In Augusta Falls, im tiefsten Georgia, beginnt 1939 die Geschichte von Joseph Vaughan. Noch als Kind verliert er früh seinen Vater, wenig später wird die Leiche eines kleinen Mädchens aus der Nachbarschaft aufgefunden, im Laufe der Jahre häufen sich die Morde…
„A quiet Belief…“ ist weit mehr als nur noch ein Serienmörderkrimi. Es ist die Saga des Lebensweges eines Jean Valjean des 20. Jahrhunderts. Josephs Wegweiser sind Schicksalsschläge, die ihn in eine immer finsterere Verlassenheit entgleisen lassen. Der tragische Held kann nicht ausbrechen, die erdrückende Fatalität ist wie ein Bestandteil seines Selbst. Unwiderstehlich gleitet der Leser in das Zwielicht von Schuld, Sühne, Leiden, Gerechtigkeit und Vergebung. Das Schicksal dieses Wanderers durch das Leben bewegt sich weit jenseits von Traurigkeit und Melancholie, verfolgt ihn unbarmherzig, lässt ihm keine Zeit für die Suche nach Erlösung.
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Hans-Peter KühnSamstag, der 16. Januar 2010
„Blink“ – Malcolm Gladwell oder „Don’t think…Blink“
Menschen sind mühevolle Wesen. Sie glauben an hart erarbeitete, tagelang durchdachte, sorgfältig überprüfte Erkenntnisse und runzeln zweifelnd die Stirn über das, was sie anspringt, ihnen spontan aufgeht, sie in sekundenschnelle überkommt, im Bauch kitzelt. Unsere Programmierung ist weder neuro-linguistisch noch postmodern sondern eher gutbürgerlich, jüdisch-christlich. „Ohne Fleiss keinen Preis“ bringt höhere Effizienz als Vertrauen in die mühelos-brillante Intuition des ersten Augenblicks. Der Geruch von Bratkartoffeln bringt mehr wellness als das Prickeln des Champagners.




