Jörg Rothermel
Montag, der 2. Februar 2015

Ist da was faul – in Australien?

 Vor ein paar Wochen hat Klaus Rabba an dieser Stelle einen Beitrag gepostet
Es ist was faul … in jedem Staate!

Ich lebe seit fast 3 Jahren in Australien – ist doch klar, dass bei einer ähnlichen Betrachtung über Australien etwas völlig anderes herauskommen muss – oder?

Australien.

Australien beteiligt sich mit 10 Kampfjets und 600 Soldaten am Kampf gegen den islamischen Staat (IS).

Terrorakte sind in Australien bisher extrem selten: http://en.wikipedia.org/wiki/Terrorism_in_Australia

In 2014 hat es in Australien zwei Terroranschläge gegeben, die von den Behörden mit islamistischen Hintergrund in Verbindung gebracht wurden (in beiden Fällen hat es sich allerdings um die Taten von Einzelgängern ohne Verbindung zu einer Terrorgruppe gehandelt):

·         Am 23 September 2014 hat ein 18-jähriger 2 Polizeibeamte in einer Polizeiwache südlich von Melbourne angegriffen und wurde bei dem Vorfall erschossen.

·         Am 15 Dezember 2014 nahm ein selbsternannter „Sheikh“ 17 Menschen in einem  Café in Sydney als Geiseln. Am Morgen des nächsten Tages stürmte die Polizei das Café mit dem Resultat, dass der Geiselnehmer und zwei Geiseln erschossen wurden und vier weiter Menschen verletzt wurden.

Insbesondere die Geiselnahme in Sydney hat Politiker und die Öffentlichkeit alarmiert. Aber bereits vor dem Anschlag wurden strikte Anti-Terror-Maßnahmen eingeführt:

·         Die Australian Security Intelligence Organisation (ASIO), bekommt die Autorität, in Zukunft praktisch unbegrenzt auf Kommunikationsnetze zuzugreifen.

·         Die Strafen für Journalisten und Whistleblower, die „sicherheitsrelevante“ Informationen veröffentlichen, wurden drakonisch erhöht.

·         Vorratsdatenspeicherung: alle Metadaten zu Kommunikationsvorgängen müssen durch die Provider 2 Jahre vorgehalten werden.

·         Es wurde eine neue Straftat der „Verteidigung des Terrorismus“ im Strafgesetzbuch eingeführt. Bei Verdacht auf diese Straftat können Verdächtige ohne Anklage festgenommen werden.

·         Jeder Australier der ohne „legitimen Grund“ in bestimmte Weltregionen reisen möchte, die das Außenministerium formal als “declared area” bezeichnet, kann daran gehindert werden.

Gesellschaft.

Australien ist eines der reichsten Länder der Welt; das mittlere Einkommen vor Steuern aller 9,3 Millionen Haushalte ist 145.000 AUS$. http://www.businessinsider.com.au/chart-the-average-australian-households-income-is-145400-heres-what-they-spend-it-on-2014-9

Zwar ist der Mittelwert durch die hohe Anzahl sehr wohlhabender Haushalte verzerrt, aber das Median-Einkommen[1] aller Haushalte ist immer noch 72.000 AUS$.

Dies ist ein Anzeichen dafür, dass es in Australien eine starke Mittelschicht gibt.

Diverse Regierungen haben, unterstützt durch diese Mittelschicht, ein hochwertiges Soziales Sicherungssystem geschaffen in dem sich alle Beteiligten bemühen, keine Menschen zurückzulassen.

Das Australische Bildungssystem bietet nach der Schule (primary + secondary education) eine zweigeteilte höhere Ausbildung an:

·         Berufsvorbereitend in öffentlichen Institutionen die als “Technical And Further Education” oder TAFE bezeichnet werden.

·         Akademische Ausbildung an Universitäten.

TAFE-Institute bieten eine Vielfalt von Abschlüssen an, einschließlich Bachelor. Studenten können ihre Ausbildung, die sie an einem TAFE – Institut angefangen haben, auf der Universität vervollständigen. Die Universitäten können mit europäischen Universitäten mithalten.

In Australien gibt es nach Ansicht von Experten eine der besten öffentlichen Krankenversicherungen der Welt (Medicare);  ergänzt wird diese durch private Krankenversicherungen. Der Krankenversicherungsbeitrag ist zurzeit 2% des Brutto-Einkommens – dazu gibt es Förderung für einkommensschwache Familien.

Der Spitzensteuersatz der Einkommenssteuer beträgt 30 %.

Einwohner mit permanenter Aufenthaltserlaubnis bekommen ab dem 67 Lebensjahr eine steuerfinanzierte Grundrente von AU$ 383/Woche für Alleinstehende und AU$ 577,40 für Paare.

Darüber hinaus gibt es ein kapitalgedecktes Rentensystem über strikt regulierte Fonds (Super Annuation Funds) – der Arbeitgeberbeitrag ist zurzeit 9,5 % des Bruttogehalts – jeder Arbeitnehmer kann freiwillig steuermindernd bis zu einer gesamten Obergrenze von AU$ 30.000 p.a. aufstocken. Die Erträge der besten Fonds in 2014 betrugen 9,3 – 12,7 %.

Migration.

Australien ist DAS Einwanderungsland. Die Bevölkerung in 2014 betrug ca. 23 Mio Einwohner – nach dem 2. Weltkrieg waren es nur ca. 7 Mio. Die australische Gesellschaft ist offen und liberal – Einwanderer können sich in der Regel sehr gut integrieren.

Einwanderungswillige  unter 45 Jahren und mit guter Ausbildung (das kann ein Handwerk sein) bekommen ohne Probleme in Australien ein „Limited Work Visa“ für 4 Jahre. Nach 2 Jahren Arbeit in Australien kann eine permanente Aufenthaltserlaubnis beantragt werden.

Herkunft von Migranten der ersten Generation und Anteil an der Gesamtbevölkerung aus dem Jahr 2010:

Top 10 Länder aus denen Einwanderer kommen

Absolute Anzahl  Einwohner die in diesen Ländern geboren sind (2010)

Relativer Anteil an der Gesamt-bevölkerung

United Kingdom

1.192.878

5,16%

Neuseeland

544.171

2,35%

China

379.776

1,64%

Indien

340.604

1,47%

Italien

216.303

0,94%

Vietnam

210.803

0,91%

Philippinen

177.389

0,77%

Südafrika

155.692

0,67%

Malaysia

135.607

0,59%

Deutschland

128.558

0,56%

Im Vergleich zur Einwanderung aus UK oder Asien ist der Anteil von Einwanderern aus muslimischen Ländern verschwindend gering. Ich habe bisher keine Vorbehalte gegen Muslime wahrgenommen.

Für muslimische Frauen gibt es keinerlei Einschränkungen Hijab oder Burka zu tragen.

Ein Vorstoß der Regierung in 2014, das Tragen von Burkas im Parlamentsgebäude von Canberra zu untersagen, wurde nach wenigen Wochen kritischer Behandlung in den Medien (Die Regierung konnte nicht beantworten, ob überhaupt mal eine verschleierte Muslima das Parlament besucht hat) vom Premierminister persönlich zurückgezogen.

Asylsuchende und Flüchtlinge.

https://www.humanrights.gov.au/asylum-seekers-and-refugees-guide

1.       Asylsuchende, die ein gültiges Visum haben und in Australien Asyl im Rahmen des Flüchtlings-Schutzprogramms beantragen, werden durch die zuständige Behörde („Department of Immigration and Border Protection“) nach den Statuten der Genfer Flüchtlingskonvention bezüglich der Anerkennung des Flüchtlingsstatus beurteilt.

2.       Asylsuchende ohne gültiges Visum:

Seit August 2012 wurde eine Politik des „Offshore-Processing“ für Flüchtlinge eingeführt, die ohne gültiges Visa per Boot anlanden („Irregular Maritime Arrivals – IMA“):

Die Australische Regierung hat mit den Regierungen von Papua Neuguinea (PNG) und Nauru Umsiedlungsvereinbarungen abgeschlossen. Asylbewerber ohne gültiges Visum werden dorthin in  Internierungslager deportiert während ihre Ansprüche beurteilt werden.  Aber auch in dem Fall, dass ihre Ansprüche auf einen Flüchtlingsstatus positiv beschieden werden, können diese Menschen sich nicht in Australien niederlassen, sondern müssen in PNG bzw. Nauru bleiben (Nebenbemerkung PNG ist eines der gewalttätigsten Länder der Welt).

Insgesamt sind die Zahlen der Irregular Maritime Arrivals überschaubar.

Herkunft

illegale Landungen 01.09.2013 – 31.08.2014

Ägypten

281

Iran

256

Pakistan

246

Libyen

158

Irak

83

Afghanistan

78

China

56

Papua Neuguinea

50

Syrien

49

Sri Lanka

32

andere

258

Befürchtungen über eine Flüchtlingswelle aus islamischen Ländern relativieren sich durch diese Zahlen stark.

Die Australische Asylpolitik und die Zustände in den Internierungslagern, haben der Australischen Regierung einen handfesten Konflikt mit der UN-Menschenrechtskommission eingebracht. Außerdem haben sich die Beziehungen zu Indonesien deutlich verschlechtert, nachdem es in den letzten 2 Jahren mehrfach vorgekommen ist, dass Boote mit Flüchtlingen von der Australischen Marine abgefangen und unter Verletzung der indonesischen Hoheitsrechte nach Indonesien geschleppt wurden.

Multikulturelle Gesellschaft und Drogen.

In Australischen Großstädten gibt es durchaus Problemviertel wie etwa München/Hasenbergl oder Hamburg/Schanzenviertel aber definitiv keine „No-Go areas“.

In Melbourne und Sydney gibt es multikulturelle Gesellschaften, die im Vergleich zu europäischen Großstädten gut funktionieren (ein Nachbar von mir ist auf eine Schule gegangen, in der „weisse“ Schüler mit ca. 30% deutlich in der Minderheit waren und hat sehr positive Erinnerungen an die Schulzeit).

Die Geiselnahme in Sydney war zwar ein tiefgreifendes Ereignis für die australische Gesellschaft, dennoch verblasst sie hinter einem 8-fachen Mord den vier Tage später eine junge Mutter von den Torres Strait Islands an ihren Kindern und einer Nichte im Drogenrausch begangen hat.

Drogen- und  Alkoholmissbrauch ist eines der größten Probleme der australischen Gesellschaft – anfällig für Drogen sind „Young Professionels“ aber auch die marginalisierten dieser Gesellschaft – die Aborigines.

Aborigines.

Die Aborigines und die Bewohner der Torres Strait Islands sind die indigenen Völker Australiens. Sie setzen sich aus ca. 250 Sprachgruppen und Nationen zusammen und bilden die älteste kontinuierlich existierenden Kultur der Welt[2]. Ihr Lebensstil und ihre Identität sind jedoch bedroht durch Versuche, sie in eine “westliche” Lebensweise zu integrieren.

Die Aborigines sind in allen negativen Kennziffern überrepräsentiert:

·         Aborigines stellen knapp 3% der Australischen Gesamtbevölkerung. Aus diesen 3% rekrutieren sich 28% der Insassen in australischen Gefängnissen.

·         Häusliche Gewalt, Alkoholkrankheit und Drogenkonsum sind signifikant höher als bei nicht-indigenen Australiern.

·         Der Unterschied zur Lebenserwartung weißer Australier beträgt 14 Jahre.

·         Die Kindersterblichkeitsrate liegt bis zu viermal höher als bei nicht-indigenen Australiern.

·         Gemeinden der Aborigines haben deutlich schlechteren Zugang zu medizinischer Versorgung, angemessenen Wohnungen, sauberem Wasser, Elektrizität und Schulen. Je abgelegener die Gemeinschaft, desto kritischer die Situation.

Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Der Löwenanteil der Aborigines sitzt wegen Verkehrsdelikten und Drogendelikten ein (meist in Verbindung miteinander).
  • „Stolen Generation“: bis in die Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden Aborigine-Kinder und Jugendliche durch Zwangsadoption ihren Familien weggenommen. Diejenigen, die noch von dieser Praxis betroffen sind, werden doppelt so häufig wie ihre Altersgenossen auffällig.
  • Fötales Alkoholsyndrom. Viele Kinder und Jugendliche sind durch erhöhten Alkoholkonsum ihrer Mutter während der Schwangerschaft in ihren Alltagsfähigkeiten behindert und gesundheitlich beeinträchtigt.
  • Für Aborigines spielt das Land der Eltern und Vorväter eine wesentliche Rolle. Aborigines, die weit entfernt vom Land ihrer Vorväter leben, sind statistisch signifikant anfälliger für Drogen- und Alkoholkonsum.
  • Funktionierende Stammesverbände und Familien sind oft in Auflösung begriffen.
  • Rassistische Diskriminierung im Alltag.

Das UN Committee On The Elimination Of Racial Discrimination (CERD)  forderte die australische Regierung mehrfach dazu auf, dafür zu sorgen, dass ihre Politik bezüglich der Aborigines und der Bewohner der Torres-Strait-Inseln die internationalen Konventionen erfüllt, ganz besonders die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker und die ILO-Konvention Nr. 169.

Momentan spielt sich ein Wandel in der Position der Frau in den Aborigine-Gemeinden ab: Frauen verlassen häufiger gewalttätige Ehemänner (dies widerspricht eigentlich dem Verhaltenskodex der Frau in der Aborigine-Gesellschaft) und mehr Frauen werden Stammesführer (Elderwomen).

Rassismus.

Die Australische Gesellschaft ist liberal, offen und lebt von der Vielfalt der Einwanderer – da war es für mich unmöglich, mir vorzustellen, dass es Rassismus geben kann.

Die Isolation von Bevölkerungsgruppen in sozial schwachen Gebieten betrifft praktisch ausschließlich die Aborigines – nicht Muslime, Asiaten, Inder und schon gar nicht Immigranten aus Europa.

Es existiert jedoch eine bestimmte Schicht „weißer“ Australier, die wenig Verständnis sowohl für Aborigines als auch für Einwanderer hat und auch kein Interesse aufbringt, sich mit deren Kulturen auseinanderzusetzen – dies ist eine beständige Quelle rassistischer Konflikte.

Im persönlichen Gespräch mit Bekannten oder Nachbarn über die Situation der Aborigines hören wir wir oft die Antwort „… die sind ja nie nüchtern …“.

Allerdings ist es in 2013 und 2014 mehrfach vorgekommen, dass Touristen in der S-Bahn belästigt wurden, weil sie sich in Ihrer Muttersprache unterhalten haben (dummerweise gibt es jetzt Facebook und Twitter – und solche Zwischenfälle gehen in Stunden rund um die Welt).

Auch die Beurteilung von Menschen aus Asien und Afrika ist oft von Rassismus geprägt.

So hat mich in 2012 eine Bekannte davor gewarnt, einen bestimmten Markt zu besuchen  „ … da sind so viele Schwarze und man weiß ja, dass die alle Waffen tragen …“. Das mag ein besonders böses Negativbeispiel sein, aber Bemerkungen dieser Art habe ich inzwischen mehrfach gehört.

Wirtschaft.

Der Wohlstand Australiens ist im Wesentlichen ein Ergebnis des Rohstoffreichtums Australiens.

http://www.ga.gov.au/scientific-topics/minerals/mineral-resources/aimr/table1#g

Auszug daraus:

Resource

Australiens Anteil  an den weltweiten Reserven

Tantal

65,0%

Zirkon Sand

58,4%

Rutile Sand

57,1%

Blei

39,8%

Uran

33,6%

Diamanten

33,4%

Eisenerz

28,1%

Nickel

25,4%

Zink

25,1%

Bauxite

23,1%

Die Herausforderung besteht darin, dass Australien die Abhängigkeit von den Rohstoffen schrittweise reduzieren muss. Schon 2013 und 2014 hat sich die geringfügig reduzierte Nachfrage nach Rohstoffen aus China deutlich im australischen Haushalt bemerkbar gemacht.

Die Australische Industrie befindet sich im Umbruch: Im Bundesstaat Victoria, in dem wir leben, werden bis 2017 die Werke von Ford, Toyota und Holden geschlossen. Ein großer Schiffsausrüster (600 Mitarbeiter) in Williamstown hat nur noch Aufträge für 6 Monate …

Allerdings zeigen sich bisher wenig Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt, die Arbeitslosenrate ist mit 6,1% (Januar 2015) moderat.

Die Australische Politik muss dringend eine Vision entwickeln, wie es mit Australien in einem härter werdenden Wirtschaftsklima weiter geht.

IT und High-Tech-Industrie entwickeln sich, haben aber noch nicht die Innovationskraft wie z.B. in Deutschland. Medizin und Pharmazie haben wegen hochwertiger Forschungen auf dem Gebiet in Australien ein großes Potenzial.

Schlussfolgerung.

Wenn man von der Situation der Aborigines absieht, gibt es in Australien keine „Parallelgesellschaften“. Im Gegensatz zu den meisten Europäischen Staaten sind die Aufstiegschancen für Migranten hoch (bei jeder Auszeichnung „Australier des Jahres“ ist mindesten ein Migrant dabei).

Bemerkenswerterweise ist Australien eines der wenigen demokratischen Ländern mit Wahlpflicht (ich habe aber noch nicht gehört, das die Australier sich darüber beschweren) – deswegen verbieten sich Vergleiche bezüglich der Wahlbeteiligung mit fast allen Europäischen Ländern.

Ich sehe nur geringe Gefahr, dass sich die Welle des islamistischen Terrors auch in Australien fortsetzt (dies wird natürlich auch davon abhängig sein, wie sich die Regierung in der Zukunft mit der Unterstützung der Luftschläge gegen den IS verhält).

Australien hat sehr gute Bedingungen, um einer globalisierten Welt weiter zu bestehen:

·         Ressourcenreichtum

·         Gutes Bildungsniveau mit guten Universitäten

·         Eine hervorragende soziale Infrastruktur

·         Eine offene und integrative Gesellschaft

Australien muss dringend erheblich mehr für die indigene Bevölkerung tun – erste positive Aktivitäten gibt es zwar, allerdings sind das vorerst Aktivitäten aus „Graswurzel“-Bewegungen und werden, wenn überhaupt, nur zögerlich von der politischen Führung getragen.

Leider – und damit sind wir auch wieder bei dem Problem des internationalen Terror – ist es schwierig, in einer Zeit, in der Millionen von Menschen durch Gewalt bedroht sind, die internationale Aufmerksamkeit auf weniger als 600.000 Aborigines zu lenken.

JR


[1] wenn alle Haushalte in einer Reihe nach dem Einkommen sortiert werden, ist das Median-Einkommen das Einkommen des Haushaltes in der Mitte der Reihe

[2] z.B. in http://www.australiangeographic.com.au/news/2011/09/dna-confirms-aboriginal-culture-one-of-earths-oldest/

Jörg Rothermel
Donnerstag, der 18. Oktober 2012

Bericht aus Melbourne #2

Einwanderung

Nachdem ich jetzt ja auch Einwanderer bin, habe ich mich etwas mit dem Thema Einwanderung beschäftigt.

Ein guter Start um sich über Australien als Einwanderungsland zu informieren ist das Victorian Immigration Museum. Bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde von der Regierung bei den australischen Bürgern dafür geworben, Freunde oder Verwandte in Europa anzusprechen, ob sie nicht Interesse haben nach Australien auszuwandern.

Die Eroberung des riesigen Landes wäre ohne die Einwanderungswellen vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts unmöglich gewesen. (Wie dabei die reichhaltige Kultur der Aborigines fast völlig zerstört wurde, ist ein eigenes Thema)

Inzwischen hat sich vieles geändert – absolut stellen zwar Australier mit Herkunft aus Europa und den USA immer noch die größte Gruppe dar, aber die Einwanderung aus Indien und vor allem China und nimmt stark zu.

In der lokalen Zeitung „The Age“ erschien vor einigen Tagen ein ausführlicher Artikel, der mit dem Aufmacher begann, dass in dem Stadtviertel Glen Waverly die Appartments eines Neubaus an einem Wochenende zur Besichtigung offen standen (das ist hier die übliche Vorgehensweise bei Verkauf und Vermietung: an einem bestimmten Tag können die Objekte besichtigt werden und dann gilt „first come first serve“). Der Makler war völlig überrascht, dass fast ausschließlich chinesische Interessenten kamen, von denen dann auch noch einige bereit waren bis zu 40.000$ über den gefragten Preis zu gehen, um ein bestimmtes Appartment zu bekommen. Aus der Feststellung, dass an diesem Tag 16 Appartments für insgesamt 40 Mio $ verkauft wurden, kann man entnehmen, wie solvent die Interessenten waren.

Mittlerweile ist der Anteil der Australier chinesischer Herkunft (mit ständiger Aufenthaltserlaubnis) in den 15 Stadtteilen Melbournes, die bevorzugt von Chinesen bewohnt werden, zwischen 27% und 16%. Nach einer Studie werden diese Stadtteile ausgesucht, weil sie gute Schulen, guten öffentlichen Nahverkehr und eine aktive chinesische Gemeinschaft haben. Diese Situation stellt die Melbournians kaukasischer Herkunft vor einige Herausforderungen, weil sie sehen, dass sich unter ihren Augen und für alle spürbar, Melbourne verändert – leider führt das auch immer wieder zu rassistischen Ausfällen.

Bemerkenswert ist der Name der ersten chinesische Schule in Melbourne: „Xin Jin Shan Chinese Language and Culture School“. Xin Jin Shan bedeutet etwa „Neuer Goldener Berg“. Und genau diesen Namen bekamen um 1850 die australischen Goldfelder von den Chinesen in Abgrenzung von den versiegenden kalifornischen Goldfeldern die Jiu Jin Shan („Alter Goldener Berg“) genannt wurden.

Allerdings ist die Mehrheit der modernen Chinesen, die heute nach Australien auswandern, nicht mehr auf der Suche nach der einen Chance in Ihrem Leben; sie sind bereits erfolgreich und wollen ihren Wohlstand sichern oder ausbauen.

Melbournes Innenstadt

Nun ein ganz anderes Thema: zwar wohnen wir außerhalb von Melbourne in Williamstown recht schön, aber die Innenstadt von Melbourne (auch CBD „Central Bussiness District“) hat ein einmaliges Flair, das durchaus mit Paris mithalten kann.

Der Verkehr ist etwa so, wie man ihn sich in einer Stadt von 4.5 Mio. autobegeisterten Einwohnern vorzustellen hat. Selbst ein anständiges öffentliches Verkehrssystem sowie die Tatsache, dass eine Stunde Parken im Parkhaus 16$ und ein Parkknöllchen mindestens 180$ kostet, bringen da offensichtlich wenig Abhilfe. Zwischen den dichtgedrängt schleichenden Autos manövrieren jede Menge Fahrradkuriere, die entweder mit ihrem Leben abgeschlossen haben oder für die nächste Tour-de-France trainieren.

Für den Autofahrer: in der Innenstadt gibt es sogenannte Safety Zonen innerhalb derer man sich beim rechts abbiegen links(!) einordnen muss – dies ist der berüchtigte Melbourner „hook-turn“. Dieser soll bewirken, dass in der rechten Spur zügig durchgefahren werden kann; das funktioniert aber nur, wenn der erste der abbiegen will, einen Formel1 – Start hinlegt; wenn er das nicht schafft, gibt es ein ohrenbetäubendes Hupkonzert weil natürlich keiner hinter ihm in der Kreuzung stehenbleiben will.

Melbourne hook turn

Viele Häuser in der Innenstadt entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Melbourne die reichste Stadt der Welt war. Das war natürlich ein Resultat des Goldrausches – damals wurde etwa 1/3 des gesamten Goldes in der Welt in Australien gefördert und die ergiebigsten Goldfelder befanden sich dabei in Victoria unweit von Melbourne. Diesen Reichtum kann man noch heute an den noblen Bürger- und Geschäftshäusern sehen.

Royal Arcade Melbourne

Der Flair der Innenstadt ist nicht zuletzt auf die Arkaden und Nebenstraßen (Lanes) mit kreativen (manchmal auch sympathisch skurrilen) Geschäften und 1000en von Bars, Kaffeehäusern und Restaurants zurückzuführen. Die Royal Arkade ist davon die schönste und aufwändigste.

Gog & Magog i. Royal Arcade

Die Royal Arkade wird von den biblischen Riesen Gog und Magog bewacht.

Offensichtlich sind manche Arkaden in einer Nebenstraße einfach entstanden, weil sich die Besitzer der Restaurants und Bars zusammengetan haben und einen Regenschutz über die Straße gespannt haben; dann braucht‘s nur noch ein paar Stühle und (im Winter) Heizstrahler und schnell ist es Mittags und am frühen Abend so voll, dass man nicht mehr durchkommt.

Besonders viel los ist Freitags ab 16:30, weil dann fast alle Mitarbeiter der Büros im CBD gemeinsam in einen Pub gehen, um das Wochenende zu begiessen. Jetzt im Frühjahr sind an fast jeder Ecke Straßenmusikanten zu hören. Meine Empfindung ist, dass die Qualität der Musik deutlich höher ist als z.B. in München. In Australien kommt Blues und Country besonders gut an.

Haigh's i. Royal Arcade

Chocolatiers und Bonbonläden sind zur Zeit in Melbourne besonders beliebt – die Vorlieber der Melbournians für Süßigkeiten nimmt manchmal skurrile Züge an, so gibt es in Carlton sogar einen Italiener mit „Chocolate Pizza“.

Es gibt im CBD hervorragende Restaurants mit Mittelmeer-Küche (spanisch, französisch, Italienisch, griechisch, türkisch, libanesisch, marokkanisch …). Melbournians sind begeistert von europäischer Küche – abends muss man praktisch überall einen Tisch reservieren.

Für den kritischen Einwanderer aus München bleibt anzumerken, dass das Preis/Leistungsverhältnis mit guten Münchner Lokalen nicht immer mithalten kann. Allerdings haben viele Lokale und Bars das Wohnzimmer-Ambiente eines erstklassigen englischen Pubs.

Bis zum nächsten Bericht – No Worries

JRO

Jörg Rothermel
Freitag, der 20. Juli 2012

Bericht aus Melbourne

Mich hat es vor 2 Monaten nach Australien (genauer gesagt: Melbourne) verschlagen. Nach einer wissenschaftlichen Laufbahn  in der Schwerionenphysik am Maier-Leibnitz Laboratorium in Garching und 30 Jahren Arbeit in verschiedenen IT-Funktionen habe ich im  März 2012 die Freizeitphase der Altersteilzeit begonnen. Ende 2011 hat meine Frau ein interessantes Job-Angebot in Melbourne bekommen. Nach intensiver Diskussion, bei der eine gewichtige Rolle gespielt hat, dass unsere Tochter in Neuseeland lebt, haben wir beschlossen (vorerst probeweise), nach Australien auszuwandern.

Vorweg folgendes: wir haben jetzt die wichtigsten Aufgaben erfolgreich gemeistert (Haus mieten, Gas, Strom, Wasser, Bank, Kabelanschluss, Telefon, Internet, …).
In ein paar Tagen kommt der Container mit unseren Sachen, dann können wir unser Haus einrichten.

Ich möchte, beginnend mit diesem Blog-Eintrag, einige (total subjektive) Eindrücke von Australien beschreiben.

Wetter

Der erste Eindruck bei einer Reise auf die Südhalbkugel ist natürlich das Wetter:
der Astronomische Winter auf der Südhalbkugel dauert vom 21.6. bis zum 23.9.
Da sich Australien  zwischen 10° und 44° südlicher Breite erstreckt, sagt dies natürlich wenig über den gesamten Kontinent aus; für Melbourne bedeutet das jedenfalls:
Die Temperaturen gehen tagsüber  von 17 – 11 Grad (je nach Sonnenscheindauer). In der Nacht kann es schon mal 6 Grad werden. Es regnet relativ wenig, aber wenn, dann recht heftig.

Der Sonnenaufgang ist jetzt um ca. 7:30, der Sonnenuntergang um 17:20.
Weniger als die Hälfte  der Bäume hat das Laub abgeworfen, einige Pflanzen beginnen jetzt mit der Blüte – richtig winterlich wirkt es also überhaupt nicht.

Ein beliebter Spruch lautet: ‚If you don’t like Melbourne’s weather, wait five minutes and it will change’!
Das ist völlig zutreffend und bedeutet praktisch, dass man kleidungsmässig auf alle Fälle vorbereitet sein muss. Im Extremfall erlebt man alle 4 Jahreszeiten an einem Tag

Also kurz gefasst: der Winter ist ungefähr so wie Ende April / Anfang Mai in Deutschland aber mit etwas weniger Niederschlägen.

Wegen der kurzen Kälteperiode sind Zentralheizungen nahezu unbekannt. Die einzige Heizung in unserem Haus ist eine Klimaanlage im Wohnzimmer, die auf Wärmepumpe umgestellt werden kann. Da unser Haus, wie fast alle Häuser, aus Rigips, Holz und Wellblech hergestellt ist, ist es morgens schon flott kalt.

Die Melbournians versuchen offensichtlich, den Winter zu ignorieren, nur so kann ich mir erklären, dass alle Schulmädchen Miniröcke tragen und die meisten Schuljungen kurze Hosen. Coole junge Menschen tragen auch gerne – selbst bei Sauwetter – T-Shirts.

Ob es wohl so etwas wie einen Jahreszeiten-Jetlag gibt? Irgendwie geht mir der verpasste Sommer schon ab (ich bin mal gespannt, was ich in 5 Monaten meine) .

Downtown Melbourne von Williamstown Marina gesehen

Pelikane in Williamstown

Pelikane in der Nähe unseres Hauses

Die Stadt Melbourne

Melbourne wirkt in vielen Stadtteilen sehr europäisch (ist auch klar, wegen der vielen Einwanderer aus Europa – nach einem viel erzählten Witz ist Melbourne die größte griechische Stadt nach Athen).
Aus diesem Grund gibt es auch Vorstädte wie Altona, Brunswick, Coburg und Heidelberg.

Melbourne hat eine Vielfalt hervorragender Museen und Kunstgalerien.(z.B.:National Gallery of Victoria).

Es macht einfach Spaß, im Zentrum herumzugehen und sich die 1000en Shops – besonders in den schönen historischen Fussgängerarkaden –  anzuschauen. Zu dieser Zeit gibt es hochwertige Kleidung zu vernünftigen Preisen. Generell muss man wegen der Preise jedoch genau hinschauen (dazu in einem späteren Beitrag noch mehr).

Vergleich mit Sydney: Melbourne kann mit der spektakulären Lage von Sydney nicht ganz mithalten. Die Skyline von Sydney mit dem Opernhaus und der Harbour Bridge ist weltweit einmalig und der nahe an unserem Haus gelegene Strand ist auch nicht ganz so toll wie Bondi Beach. Trotzdem hat Melbourne seinen eigenen Charme, vor allen Dingen durch die lebendige, europäisch wirkende Innenstadt.

Williamstown Beach

Willamstown Beach

Wir wohnen in Williamstown, einem ca. 13 km von der Innenstadt entfernten Vorort. Dort war der der erste Hafen für Seeschiffe an der Port Phillip Bay, der Ort ist älter als Melbourne. Wir haben noch kein Auto und deswegen ist der Ort ideal: mit der S-Bahn (Metro) ist man in 25 Minuten in der Innenstadt  (Central Business District – CBD). Es gibt eine gute Infrastruktur und alle notwendigen Geschäfte (und der Strand) befinden sich in Fußgängerentfernung. Nahe des Strandes liegt das Jawbone Marine Sanctuary mit einer Vielfalt von Seevögeln – vor allem Pelikane, Kormorane, Tölpel und Ibisse.

Essen gehen und Lebensmittel

Melbourne (dies gilt für den Großteil von Australien) ist sehr wohlhabend und dies spürt man an den Preisen: für ein anständiges Abendessen im CBD für 2 Personen muss man schon mal 500 $[1] ansetzen. Vor 2 Wochen habe ich dort für einen Hamburger und ein Bier 31 $ bezahlt (das Bier ist allerdings ziemlich gut – es gibt eine Vielzahl kleiner kreativer Brauereien).

Wir gehen oft vietnamesisch oder chinesisch essen – die Qualität ist meistens hervorragend zu anständigen Preisen.

Lokal produziertes Gemüse, Fleisch und Fisch sind oft erheblich günstiger als in München. Es war für mich überraschend, dass es jede Menge lokal produzierte hochwertige Wurstspezialitäten wie z.B. Salami gibt (selbst bayerischen Presssack kann man in guter Qualität kaufen).

Wein: In Australien wird hervorragender Wein angebaut, aber Qualität hat auch hier seinen Preis. Als wir das erste Mal in eine Vinothek gegangen sind, habe ich dem Verkäufer gesagt, dass ich gerne einen Wein unter 30$ die Flasche hätte; den hatte er dann auch, allerdings hat er mich so angeschaut, als ob ich nach Wein in der Dose gefragt hätte.

Wenn man direkt bei Winzern verkostet, wird man hervorragende Weine finden, aber auch im Direktverkauf wird man selten einen Wein unter 25$ die Flasche bekommen.

Die Menschen

Die Menschen sind meistens freundlich und hilfsbereit. Leider gilt das nicht immer für die jungen Leute: die ersten Erfahrungen meiner Frau mit jungen australischen Kollegen sind nicht immer positiv. Viele junge Angestellte sind egoistisch, verwöhnt und schlichtweg schlecht erzogen. Zudem kann die Ausbildung der australischen IT Professionals meist nicht mit der Ausbildung in anderen Ländern (z.B. Indien) mithalten. Anspruchsvolle  technische Themen werden fast immer von Indern oder Asiaten bearbeitet.

Die Menschen sind entwaffnend ehrlich, wenn etwas nicht klappt (und es klappt manches nicht). Ein Beispiel: am Wochenende ändern Metro-Züge oft die Fahrtroute, dann gehen freundliche Mitarbeiter von Metrolink durch den ganzen Zug, entschuldigen sich bei den Fahrgästen und bitten darum, auf die Ansagen nicht zu achten, leider könne man die nicht ändern, der Zug fahre heute eine andere Strecke „no worries mate“…

Sprachlich habe ich noch meine Schwierigkeiten, einige Mitmenschen zu verstehen. Dass die Leute so englisch reden, als ob sie gerade eine heiße Kartoffel im Mund haben, war mir von früheren Urlauben in Australien und Neuseeland ja klar. Schwierig wird es bloß wenn ich mit Einwandern aus Asien kommuniziere (praktisch alles was körperliche Arbeit erfordert, wird durch asiatische Einwanderer erbracht) dann kann ich oft nur raten, was der Typ meint. (Das gilt übrigens nicht für junge Chinesen, die sprechen meistens ein hervorragendes Englisch)

Dies als erstes Schlaglicht – mehr folgt im nächsten Teil.

No Worries

JRO


[1] 1 AUS$ = ca. 0,80€