Klaus Hnilica
Donnerstag, der 11. April 2019

Der Tod des Kochs (Teil2) – Funkloch Hotel

Gott – wie oft hab ich mir gewünscht, dass ich mich nie auf diese unheilvolle Geschichte eingelassen hätte: was da durch mein Herumgestocher hochkam beziehungsweise unentdeckt blieb, machte mir den Verlust meines Freundes Sturmius noch unerträglicher…

Das fing schon mit diesem unmöglichen „Funkloch Hotel“ in den Buchenwäldern bei O.R. an. Kein halbwegs vernünftiger Mensch setzte in diese undurchdringliche Wildnis jemals seinen Fuß. Aber Charlotte Burns, diese dubiose, selbsternannte Reiseleiterin, musste natürlich ausgerechnet hier, in diesem hinterletzten Winkel der Welt, mit ihrem Minibus, vier weiteren Personen und einem Fahrer, eine Panne ‚produzieren‘! Und genau freitagnachmittags, auf dem Weg zum ‚Musikantenstadl’, der angeblich zum ersten Mal in der Stadt W. gastierte. Selbstredend mit den üblichen Verdächtigen, wie Andreas Gabalier, Andrea Berg, Roland Kaiser und wer weiß sonst noch alles.

Wie durch ein Wunder befand sich unweit des Pannenortes ein Hinweisschild, das auf ein 300m entferntes ‚Funkloch Hotel’‘ verwies, obwohl dieses, wie sich schnell herausstellte, schon seit Jahren außer Betrieb war, und in dem sich, außer einem schwerhörigen Rentner, der ab und an nach dem Rechten sah, niemand mehr aufhielt.

Nun ja – kaum zu glauben – aber ab und zu trieb sich da auch der bekannte Fernsehkoch Sturmius von Suppé herum, um, typisch für ihn den Sonderling, in dieser absoluten Einsamkeit spezielle Kochkreationen auszuprobieren, von denen keine Menschenseele etwas erfahren durfte.

Über diese sporadischen Aufenthalte war naturgemäß nur ein sehr kleiner exklusiver Personenkreis informiert, zu dem offensichtlich auch diese mysteriöse Charlotte Burns gehörte: anders war das rein zufällige Zusammentreffen dieser skurrilen Reisegruppe mit meinem Freund Sturmius nicht zu erklären.

Ich hatte bis dahin auch keine Ahnung, dass er diese Lokalität immer mal wieder für diverse abenteuerliche Aktionen aufsuchte.

Eine regionale Fernsehgesellschaft benützte diese ‚Lotterbude‘ wohl auch für diverse Gruselgeschichten und ‚Tatort‘-Einspielungen.

Trotzdem fand ich es mehr als seltsam, dass ausgerechnet dieser berühmte Fernsehkoch Sturmius von Suppé dorthin delegiert worden war, um für ein „Monstergelage zur mitternächtlichen Stunde an Halloween“ einen geeigneten „Monsterfraß“ zu kreieren. Je ekelhafter umso besser, war angeblich die Devise gewesen: es musste wirklich eine „schröckliche Fernsehüberraschung“ werden!

Sturmius von Suppé war, wie man mir erzählte, überhaupt nicht begeistert, so ein umfangreiches Kochexperiment, das sich über mehrere Tage hinziehen konnte , in dieser verrotteten Umgebung durchzuführen. Aber seine Beschwerden verpufften; immer wieder wurden strikte Geheimhaltungsgründe von den Verantwortlichen vorgeschoben!

Noch übler war aber wohl für ihn diese gestrandete Reisegruppe, die völlig überraschend und unerwartet spät abends in dieses ‚Funkloch Hotel‘ einfiel.

War das Zufall? Oder hatte wirklich diese impertinente Reiseleiterin Charlotte Burns ihre schmutzigen Fingerchen im Spiel?

Die Zusammensetzung dieser speziellen Reisegruppe war jedenfalls fast schon peinlich, denn neben der Alkoholikerin Raffaela von Suppé waren da noch eine arg verhuschte Musikjournalistin Dörte Hansemann, sowie die beiden „Hessisch Babbler“, Ernie und Bert Hesselbach.

Und alle schienen plötzlich, wie auf Knopfdruck, das Ekelpaket Sturmius zu hassen. Waren sich aber untereinander auch nicht grün: So belauerte das lesbische Paar Charlotte und Raffaela die nervige Heulsuse Dörte, die nach einer angeblichen Übergriffigkeit von Sturmius im Keller des Funkloch Hotels gestand, mit ihm eine fünfzehnjährige Tochter zu haben, und Bert Hesselbach war, wie es schien, von Sturmius um die Rechte seiner phänomenalen ‚Noggi–Würze‘ betrogen worden. Angeblich war da viel Geld im Spiel?

Kein Wunder, dass unter diesen Umständen niemand mehr an Nachtruhe dachte, als Sturmius von Suppé auch noch des Kannibalismus verdächtigt wurde, weil er in seiner ‚Lotterküche‘ für sein ‚Monstergelage‘ offensichtlich bewusst provokant einen blutigen Frauenarm verarbeitete, den er vorher irgendwie aus Schweinefüßchen kochtechnisch ‚gebastelt‘ hatte.

Die Folge war ein ekelhafter Streit in der Hotelküche, in der Sturmius, statt weiter arbeiten zu können, erstmals von seiner unehelichen Tochter Katharina erfuhr, die er mit Dörte Hansemann haben sollte!

Zur wirklich dramatischen Aufgipfelung kam es aber, als die vollkommen unbedarfte Ernie Hesselbach, den von Sturmius angeforderten Pürierstab, der neben ihr an der Küchentheke hing, einfach in seinen Suppentopf steckte, in dem er mit beiden Händen Hühnergedärm für eine Gruselsuppe zerkleinerte. Und da das Gerät wohl wirklich arg defekt war, kam es in der Suppenbrühe zu einem Kurzschluss, begleitet von einem laut zischenden elektrischen Schlag, in dessen Folge Sturmius von Suppé tot umsank! Und tatsächlich mausetot war! Wie es in einem dieser Schmierblätter hieß.

Das hatte so wohl niemand gewollt!

Außer Charlotte Burns vielleicht, die schnellstens das Weite suchte, gefolgt von Bert Hesselbach mit seiner ahnungslosen, verstörten Frau Ernie.

Raffaela, die sich als Sturmiusens Schwester herausstellte, war wohl auch nicht unglücklich über den plötzlich Tod ihres verhassten Bruders, fand aber schnell Trost bei ihrer Schnapsflasche…

Und Dörte Hansemann, die in diesem Funkloch endlich Empfang hatte, konnte ihrer Tochter berichten, dass sie soeben durch Erbschaft sehr, sehr reich geworden sei!

Dörte Hansemann war es wohl auch gewesen, die die örtliche Polizei verständigt hatte, die überraschend schnell eintraf und offiziell den Tod von Sturmius von Suppé bekannt gab, sowie den Tatort für die anstehende Spurensicherung versiegelte. Dörte Hansemann und Raffaela von Suppé machten auch in der Nacht noch, unter Verzicht jedweden anwaltlichen Beistandes, ihre Aussagen.

Charlotte Burns und die Hesselbachs wurden zwei Tage später vernommen, ohne dass sich dadurch irgendeine geänderte Einschätzung dieses Unglücksfalles ergeben hätte!

Nach einem ersten ‚Stürmchen‘ im einschlägigen Blätterwald, das der Popularität meines Freundes geschuldet war, kehrte aber erstaunlich schnell wieder Ruhe ein. Sicher auch deswegen, da niemand der Beteiligten ein Interesse hatte nachzulegen.

Nur mir ließ die Sache keine Ruhe: Irgendwie sagte mir mein journalistisches Bauchgefühl, dass bei diesem angeblichen Unfall mehr dahinter steckte. Da ich aber keinerlei greifbare Beweise hatte, waren mir die Hände gebunden und ich mit meinen nächtlichen Alpträumen und Grübeleien vorläufig alleine…

K.H.

PS.
Hier noch ein Dankeschön an alle, die mir geholfen haben, wenigstens etwas Licht in das Dunkel rund um Sturmiusens Tod zu bringen: dies geht insbesondere an Christine Bruckmann, Gabi Nelges, Martina Tornow sowie Detlef Knoll. Irene Weingärtner verweigerte hingegen ein Gespräch.

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 4. April 2019

Der Tod des Kochs (Teil1) – Rückblende

Ein Arschloch, wie es im Buch steht!“, war immer die erste Reaktion, sobald die Rede auf Sturmius kam. Auch für mich war dieser Typ schwerste Kost – kaum zu genießen…

Doch zugegeben, er war ein begnadeter Koch!
Sein Name und seine Kochkünste waren über viele Jahre in aller Munde. Wenn Sturmius von Suppé donnerstags zur besten Sendezeit im Fernsehen kochte, überbot seine Einschaltquote spielend die Werte des sonntäglichen ‚Tatort – Krimis’.

Kein Vergewaltiger oder Kinderschänder konnte seinem Tafelspitz, geschweige denn Rehrücken, den Rang ablaufen. Kein Mörder mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als er mit seinem beißenden Wiener Schmäh, während er Entenbrüste zerteilte und Karotten glasierte.

Doch warum dieser Sturmius ausgerechnet mir gegenüber diese hündische Anhänglichkeit zeigte, habe ich nie richtig herausfinden können. Vielleicht weil ich auch anders war, aber doch nie so ausgegrenzt wurde wie er – der schon zu Schulzeiten permanent nach ‚Sellerie’ müffelte!

„Da kommt der Stinkersturmi! Sturmistinker, Stinkersturmi“, riefen sie ihm nach oder tuschelten sie sich grinsend zu, denn mit Stinkersturmi war nicht zu spaßen. Er hatte die Kräfte eines Grizzlys und fackelte nicht lange: bevor er brummte, langten seine Pranken schon hin – alles weitere erübrigte sich dann meistens.

Da ich eher von hühnerbrüstiger Statur war und außer einem schneidigen Mundwerk wenig zu bieten hatte, baute mich Sturmius ungefragt in seine ‚Sellerie-Aura’ ein und räumte mir jeden Übeltäter schneller aus dem Weg, als ich ‚Hühnerkacke’ sagen konnte.

Als Gegenleistung opferte ich mich und setzte mich Jahr für Jahr brav neben ihn. Wer sonst hätte neben diesem Widerling den Selleriegestank ertragen können?

Natürlich zog ich mir damit den Spott und die Wut der anderen zu, aber das war der Preis für seinen Schutz; ebenso die Hilfe, die ich dieser wandelnden Sellerieknolle bei Mathe und allem Physik– und Chemiekram zukommen ließ.

Gelegentlich kam ich sogar mit zu seinen unmöglichen, adeligen Eltern und seiner tranigen Schwester Raffaela, die zwar nicht nach Sellerie müffelte, dafür aber nach Schweiß. Und die finsteren holzgetäfelten Räumlichkeiten des herrschaftlichen Anwesens rochen übel nach abgestandenem Kohlgemüse, da man wegen der hohen Heizungskosten kaum lüftete.

Doch richtig nahe war ich diesem Sturmius von Suppé nie gekommen! Sicher lag das nicht nur an ihm – ich verkroch mich auch allzu gerne in meinen schützenden ‚Kokon’ und ließ niemand an mich heran: meine ‚warmen Sorgen’ hätte ohnehin niemand verstanden…

Sturmius vielleicht schon! Aber den hatte ich nach dem Abitur gänzlich aus den Augen verloren. Ich war jetzt selbst das Arschloch vom Dienst und hatte genug mit mir und aufdringlichen Schwanzlurchen zu tun. Täuschen und tarnen, das war das Gebot der Stunde: niemand durfte von meiner unsäglichen Neigung erfahren. Und irgendwie studieren musste ich ja auch noch.

Umso mehr war ich geplättet, als er, Sturmius, dann wie aus dem Nichts auf die Fernsehschirme der Nation klatschte und seine Gäste nicht nur kulinarisch umgarnte, wie seine Rinderrouladen, sondern ihnen mit beißendem Wiener Schmäh auch noch Tränen in die Augen trieb.

Plötzlich war da weder etwas von seiner verklemmten Maulfaulheit zu spüren, noch von seinem dümmlichen Hessischen Dialekt, mit dem er in jungen Jahren seine adeligen Kreise bis zur Weißglut provoziert hatte.

Und wie stark der aussah, dieser knusperbraune Sturmius: das ehemalige Schwabbelgesicht war markant geworden und kam durch die totale Glatze, die dunkle Hornbrille und den damals noch seltenen Dreitagebart richtig schmackhaft zur Geltung. Die lebhaften Augen und sein breites Grinsen – umwerfend charmant, wenn er wollte – kultivierte alles wie feinste Würze, die mich nicht nur erfreute, sondern mir auch voll auf den Magen schlug: ich musste erkennen, dass ihm – dem ewigen Arschloch – gelungen war, was ich nicht geschafft hatte, nämlich den ‚Kokon’ zu sprengen und von der unappetitlichen Raupe zum bunten Schmetterling zu mutieren! Doch – Sturmius hatte das geschafft…

Ich gebe zu, dass mich diese Erkenntnis vollkommen unvorbereitet traf und mir eine Art chronische Magenverstimmung bereitete, die mich anhaltend quälte! Als einziger Trost blieb mir die geschmacklose Hoffnung, dass er bei aller feinschmeckerischen Brillanz doch noch nach ‚Sellerie’ müffelte. Wenn nicht, was blieb dann übrig von meiner früheren Überlegenheit ihm gegenüber?

Nichts – gar nichts blieb übrig – wie ich bei unserem ersten Wiedersehen sofort spürte, als er mir flapsig zuflüsterte, mich nie vergessen zu haben! Was hätte es da noch zu grübeln und zu bedauern gegeben? Da war doch sofort klar, dass ab sofort ich, der selbstständige Journalist, dort zu tun hatte, wo dieser knusperbraune Sturmius brutzelte und kochte. Egal ob das Amsterdam, Brüssel, Berlin oder Wien war – ich war immer dabei!

So erfuhr ich auch rasch, dass Sturmius in Wien nicht nur bei Plachutta, Lamprecht und diversen anderen Restaurants kochen gelernt und als Koch gearbeitet hatte, sondern während dieser Zeit zehn Jahre mit einem Stadt bekannten Kabarettisten liiert war – der mit sehr viel Feingefühl den ‚neuen Sturmius’ aus ihm herausgekitzelt und den Grundstein für seine beispiellose Fernsehkarriere gelegt hatte.

Leider wandte sich dieser gute Geist schon bald nach ihrer Trennung gänzlich der Französischen Küche seines neuen Lovers zu und wollte von Sturmius’ Wiener Kochkünsten absolut nichts mehr wissen. Schade! Aber es war eine Frau gewesen, die dazwischen gefunkt hatte, doch Sturmius wollte partout nicht von ihr erzählen…

Tja – und in Berlin hatte Sturmius mich unlängst, wie in alten Zeiten, aus einer höchst unangenehmen Rangelei heraus geboxt, als wir die Nacht durchmachten und in einem Park an die falschen Typen geraten waren. Doch Sturmius hatte nichts verlernt. Im Gegenteil. Wortlos erledigte er die Angelegenheit. Hilfe benötigte er nur, als er darauf bestand, die drei angeschlagenen Bürschchen ordentlich wie frisch ausgebuddelte Zuckerrüben, auf der vom Morgentau benetzten Grünfläche abzulegen – exakt der Größe nach! Irgendwie war er pedantisch und sensibler geworden – dieser neue Sturmius von Suppé…

Umso brutaler und gnadenloser traf mich die Nachricht von seinem plötzlichen Tod!

Für mich unfassbar, wie es möglich war, dass diese bratende und backende Urgewalt nicht mehr weiter brutzeln sollte? Wer konnte diesem zähen Strunk derart zugesetzt haben? Der hatte doch stets die Anderen nass gemacht?

Oder war alles gar nicht wahr? Alles nur Küchenlatein? Hatte dieser grandiose Verwandlungskünstler uns alle ein weiteres Mal getäuscht? Vielleicht weil er seine Mission erfüllt sah und vor der lauernden Routine Schiss bekam? Oder wollte er die Welt aufs Neue überraschen? Mit einem Sturmius als Beilage, den es so noch nie gab? Zuzutrauen war ihm das…

Doch als ich dann endlich nach langen, trostlosen Wochen aus meinem Alkoholdelirium auftauchte und wieder zu mir gekommen war, und mir sämtliche Nachrichten über Sturmiusens Tod in der Presse und den sozialen Medien einverleibt, sowie etliche Gespräche in seinem ehemaligen Umfeld geführt hatte, glaubte ich plötzlich im Unterleib zu spüren, dass es da für einen investigativen Journalisten, wie mich, jede Menge aufzuklären gab und ich das meinem Freund schuldig war – soviel Zeit musste sein, wie er zu sagen pflegte, wenn einer seiner Schmorbraten vor sich hin köchelte…

Aber das ist eine andere, noch unglaublichere Geschichte!

KH

Klaus Hnilica
Samstag, der 16. März 2019

Teneriffa und seine diebischen Elstern

Carl und Gerlinde (Folge 61)

Also ehrlich –  jedem normalen Menschen bereitet es doch ein diebisches Vergnügen, wenn er endlich einmal ohne jede Hemmung schadenfroh sein darf. Bei Carl ist das jedenfalls so!

Und ganz besonders kann er diese Schadenfreude genießen, wenn es um Teneriffa geht. Jene Insel, auf die sich Gerlinde vor etlichen Jahren für ein paar Wochen zurückgezogen hatte, als sie in einem Anfall geistiger Umnachtung meinte, sie müsse sich von ihm trennen. Doch welche klarsichtige Frau trennt sich schon von einem wie Carl?

Keine – meint jedenfalls Carl.

Und Gerlinde tat dies letztlich ja auch nicht wirklich! Denn sobald sie eingesehen hatte, welche grandiosen Vorzüge dieses Wunderwerk von einem Mann hatte, kuschelte sich auch wieder erstaunlich zügig zu ihm zurück.

Natürlich war er froh gewesen, als sie wieder bei ihm war: schließlich hatten sie sich doch all die Jahre blendend verstanden. Und er hatte bis heute nicht begriffen, warum sie diese Auszeit damals haben musste – und auch noch ausgerechnet auf dieser blöden Insel Teneriffa! Die er noch nie leiden konnte. Und auf die er nie und nimmer jemals  fliegen wollte.

Und auf der er nun doch wieder mit Gerlinde – des lieben Friedens willen – gelandet war. Genau wie diese sieben Millionen anderen Touristen, die Jahr für Jahr hier aufkreuzten. Und alt waren, dick waren, aus England kamen und Deutschland und Frankreich und – wer hätte das für möglich gehalten – auch aus Russland…

Und dieses „Barceló“ in Puerto Santiago mit seinen vier Sternen war ja kein schlechtes Hotel, das musste Carl schon zugeben. Auch wenn er sich das nur widerwillig eingestand: dieser Hotelbau lag ja wirklich so malerisch wie ein Kreuzfahrtschiff an der schwarzen Lavaküste, dass man glaubte, es würde jeden Moment in See stechen. Direkt hinein in den Atlantik, vorbei an San Sebastian, der Hauptstadt von Gomera, wie einst Christoph Columbus, der dann auch, wie Carl und Gerlinde, Tag und Nacht nur mehr das blaue Meer vor der Nase hatte – und die steife Prise vom Westen her.

Zugegeben, die traumhafte Promenade an dem kleinen Fischerhafen vorbei, war auch nicht übel in diesem Städtchen Puerto Santiago und das trotz der vielen üblen Bausünden entlang dieser Promenade, bis weit ins Hinterland hinein, ja selbst noch die schwarzen Vulkanhänge hoch.

Lustig war der einsame Taucher, angekettet an ein Stahlgeländer! Wahrscheinlich um ihn vor Dieben zu schützen und dem kräftigen Kalima, der stetig von Afrika herüber wehte. In seiner Brusttasche staken Prospekte einer Taucherschule, doch seine beiden Arme hingen erstaunlich freudlos nach unten. Und obwohl die linke Hand vermutlich ein frustrierter Terrier schon weg gebissen hatte, zeigte seine rechte Hand in rotem Handschuh, weiter tapfer in den dreißig Meter tiefen Abgrund eines schwarzen Barancos, der unmittelbar hinter ihm in das nahe Meer mündete, dessen mächtige Wellen seit Millionen von Jahren Tag und Nacht an der schwarze Lavaküste hochschnellten und an ihr nagten.

Links hinter dem Taucher blickte man auf den neu errichteten prächtigen Festplatz der Stadt, der weit ins Meer hinausragte und an dessen Beginn die Statue eines verdienten Spaniers stand, umgeben von Guanchen, denen seinerseits die Spanier kräftig zugesetzt und im Namen des Christentums ganze Arbeit geleistet hatten: außer Spuren in den Genen der heutigen Bevölkerung war von ihnen nichts mehr übrig geblieben.

Carl und Gerlinde schlenderten fast jeden zweiten Tag an dem Festplatz vorbei, in Richtung Arena, genossen den prächtigen Blick aufs Meer und steuerten regelmäßig eines der typischen Lokale an, um bei Cortado und Aqua con Gas gemütlich das muntere Treiben auf den kleinen Stränden zu beobachten.

Donnerstags auch! Nur blies der Kalima noch stärker als die Tage zu vor, so dass sie mittags, als sie wieder weiter schlenderten, quasi in eine permanente Geräuschglocke gehüllt waren. Unzählige Touristen waren auf den breiten Gehsteigen unterwegs und praktisch jedes Lokal entlang der Straße war fest in Händen halb nackter sonnenverbrannter alter Männer, die zumeist schweigend mit ihren weißhaarigen Frauen hinter riesigen Biergläsern hockten, doch wenn sie etwas sagten, klang das Englisch, sehr selten Deutsch und nie Spanisch..

Als Carl dann fast schon beängstigend gut gelaunt mit Gerlinde zurück ging, um im Paraiso del Sol, die übliche Portion gegrillter Sardinen mit reichlich Roséwein einzuwerfen, hatte er plötzlich im Rauschen des Kalimas das Gefühl, dass irgend etwas an ihm kurz vibrierte. Das Handy in der Brusttasche war’s nicht. Nach der zweiten Vibration wusste er, dass es hinten vom Rucksack kam. Er drehte sich blitzschnell um und streifte sogar noch eine der beiden dunkel gekleideten schwarzhaarigen Frauen, die viel zu dicht an ihm waren, aber keinerlei Verwunderung zeigten, sondern unbeirrt weitergingen. Irritiert stand er plötzlich alleine da, nahm sich den Rucksack vom Rücken und starrte ungläubig auf die zwei weit geöffneten Fächer seines Rucksacks mit den Schals, Mützen, der Wasserflasche, den Brillenetuis und der Haarbürste. Geschockt rief er Gerlinde zu, die ein paar Schritte voraus war und nichts bemerkt hatte, dass die beiden Frauen vor ihr – vermutlich Romas – ihn beklauen wollten, aber wohl nichts Interessantes in seinem Rucksack gefunden hatten.

Noch während Carl das rief, spürte er neben einer lähmenden Hilflosigkeit eine rasende Wut in sich hochsteigen und wär am liebsten gleich über diese beiden Taschendiebinnen hergefallen. Aber die ließen sich selbst durch seine Rufe zu Gerlinde nicht aus der Ruhe bringen, sondern taten so als ginge sie das Ganze überhaupt nichts an. Ja sie stellten sich sogar noch zu dem angeketteten Taucher, nahmen ihm ein Prospekt aus der Brusttasche und studierten es zusammen höchst interessiert.

Carl fühlte, dass er da auch hin musste mit seinem offen stehenden Rucksack und war mit wenigen Schritten da. Sein Studium des Prospektes bestand jedoch darin, dass er die beiden dunklen Elstern ununterbrochen fixierte, was diese aber nicht im Geringsten zu stören schien.

Plötzlich stand Gerlinde neben ihm und sagte, „Carl du ich geh jetzt in den Laden dort drüben und kauf mir die Schuhe, die wir uns gestern zusammen angeschaut haben“.

„Okay“, sagte Carl  apathisch, ohne zu wissen was Gerlinde meinte und starrte weiter auf die beiden schwarzen Gespenster vor ihm..

„Aber ich brauch dazu Geld von dir, ich hab keines dabei. Du hast es doch sicher wie üblich da vorne in der Rucksacktasche, oder?“

Noch ehe Carl reagieren konnte, hob sie seinen Rucksack hoch, den Carl am Arm hängen hatte und zauberte aus dem dritten kleinen Rucksachfach, das die beiden Biester nicht geöffnet hatten und in dem nur Aspirin und ein paar andere Medikamente waren, vier 50 Euroscheine heraus und entschwand ohne ein weiteres Wort auf die andere Straßenseite.

Plötzlich hatte Carl doch den Eindruck, dass die mühsam aufrecht erhaltene Fassade der beiden schwarzen Unglücksbringerinnen jäh verfiel: ruckartig stopften sie den Prospekt so energisch in die Brusttasche des Tauchers zurück, dass dieser trotz Befestigung beinahe umstürzte und eilten davon. Je weiter sie weg waren, umso heftiger gifteten sie sich gegenseitig an, schien es Carl, so als machten sie sich gegenseitig  Vorwürfe, gerade eine riesige Chance dilettantisch vertan zu haben.

Und Carl wurde nicht nur schlagartig klar, warum er an seiner frechen Gerlinde gar  so einen Narren gefressen hatte, sondern spürte vor allem die herzerwärmende Kraft berechtigter Schadenfreude in sich hochsteigen…

K.H.

PS:
In  Folge 21 (XXI)
Hinter Sonnenbrillen vor Gomera
genießt Gerlinde ihre Auszeit auf Teneriffa!

(Hinweis der „Redaktion“ zum Suchen: Die frühen „Carl & Gerlinde“ – Geschichten waren mit lateinischen Ziffern numeriert).

Klaus Hnilica
Dienstag, der 8. Januar 2019

Ein nachhaltiger Übersetzungsfehler ?

Da nach der ’stillen Zeit‘ wieder etwas ‚Ruhe‘ eingkehrt ist, mag es vielleicht von einigem Interesse sein, einmal kurz inne zu halten und zu reflektieren, welche evolutionären Veränderungen selbst geschriebene Texte durchmachen können, insbesondere im Buch der Bücher – der Bibel /1/:

So gibt es, in den frühen, hebräisch verfassten Versionen des Buches Jesajas eine Prophezeiung, die das Wort alma verwendet, um die Mutter eines Jungen namens Immanuel (übersetzt „Gott ist mit uns“) zu beschreiben.

Für alma gibt es in einigen Sprachen, so auch im Altgriechischen keine direkte Übersetzung, doch eine grobe Übersetzung könnte „junge Frau“ bedeuten, oder „ junge Frau die noch kein Kind getragen hat“.

Zu Lebzeiten von Jesus sprachen die Juden allerdings nicht mehr Hebräisch sondern Griechisch und Aramäisch. Infolge dessen wurde aus alma das griechische parthenos, das eine spezifische Bedeutung hat, nämlich „Jungfrau“! Der biologische Fachbegriff Parthenogenese („Jungfrauenzeugung“) geht darauf zurück: Er beschreibt eine eingeschlechtliche Fortpflanzung ohne Männchen, wie sie bei einigen Insekten und Reptilien vorkommt.

Somit wurde durch die mutierte Übersetzung eines einzigen Wortes aus der „jungen Frau“ eine „Jungfrau“ und aus dem Kind der Messias! Und die Geschichte der Zeugung Jesus ist mit einem Mal eine ganz andere geworden…

Matthäus und Lukas machen in ihren Evangelien aus dieser fehlerhaften Übersetzung sogar eine Wahrheit und für eine Milliarde Katholiken wird diese zu einem Glaubenssatz. Und genau dies besingen wir in unseren Weihnachtsliedern.

Seltsam ist das schon, oder?

/ 1 / Adam Rutherford: Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat

K.H.

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 29. November 2018

Zahnarztgeplauder mit Bohrer und Speichelabsauger

Carl und Gerlinde (Folge 60)

Irgendwie hatte Dr. Mittler einen Narren an Carl und Gerlinde gefressen. Er beschwor bei jeder Plombe, jeder Zahnsteinentfernung oder Wurzelbehandlung den äußerst glücklichen Umstand, sie beide zu kennen und mit ihnen plaudern zu können. Manchmal hatte Carl sogar den leisen Verdacht, dass dieser Herr Dr. Mittler heimlich in seine Gerlinde verliebt war, da er sie gar so umschwärmte und mit Komplimenten überschüttete, wenn sie einmal jährlich zur Durchsicht ihrer Zähne bei ihm antanzte.

Da Carl genau wie Dr. Mittler ein begeisterter Wien-Urlauber war, gab es bei jeder Behandlung nur ein Thema – und das hieß Wien!

Dies umso mehr als der gebürtige Dortmunder Dr. Mittler um ein Haar eine Professur in Wien angenommen hätte, sich aber dann letztlich doch für die konkrete ärztliche Tätigkeit ‚am Zahn der Zeit b.z.w der Menschheit‘, wie er jedes Mal laut lachend feststellte, entschlossen hatte und dies bisher auch nicht eine einzige Minute lang bereute.

An Carl bewunderte er nicht nur dessen fabelhafte Kenntnisse bezüglich der wichtigsten einschlägigen Restaurants und Heurigenlokale in Wien, sondern vor allem seine Fähigkeit, nahezu perfekt im Wiener Dialekt sprechen zu können. Davon konnte Dr. Mittler als gebürtiger ‚Ruhri‘, der sich noch immer nicht an die maulfaulen Hessen und deren fürchterlichen Dialekt gewöhnt hatte, nicht genug kriegen: Wörter wie leiwand ,Servus, Beuscherl, Schmäh und Topfenstrudel waren einfach Balsam für seine angeraute Seele und konnte er immer und immer wieder hören, wenn er nicht gerade selbst redete, was er aber ohne Punkt und Komma und ohne jemals Luft zu holen faktisch immer tat, so dass er zwar von Carls herrlichen Wiener Dialekt stets schwärmte ihn aber wohl noch nie so richtig wahrgenommen hatte…

Und natürlich schon gar nicht, wenn Carl während der schwärmerischen Erzählungen über den letzten Wien-Urlaub mit weit geöffnetem Mund vor ihm lag, und er, Dr. Mittler, mit seinem Bohrer eine riesige alte Amalgamplombe im rechten unteren Backenzahn bearbeitete. Deswegen, sagte Dr. Mittler und schaute Zustimmung heischend zur etwas drallen Frau Römer, die links neben Carl mit einem Speichelsauger in dessen Mund herumfummelte und dabei auch seine linke untere Lippe malträtierte, fände er es so sagenhaft wohltuend, dass Carl durch seinen Dialekt ihm diese vertrauten Urlaubsklänge aus Wien in seine Praxis zauberte.

Wirklich ein Genuss der Extraklasse sei das, sagte er grinsend und gewährte Carl eine kurze Pause, damit dieser seinen gequälten Mund ausspülen und die verkrampfte Kieferpartie lockern konnte. Diese jäh zurückgewonnene Entspannung seines Sprechapparates hätte Carl sogar erlaubt, einen kurzen Einwand in schönstem Wiener Dialekt zu formulieren, wenn Dr. Mittler wenigstens für den Bruchteil einer Sekunde seine Ausführungen unterbrochen oder nur ein einziges Mal Luft geholt hätte. Doch da dies nicht geschah, hatte er statt dessen sofort wieder Bohrer und Speichelabsauger im Mund, als er diesen – nach Entspannung lechzend – vorschnell ein zweites Mal schließen wollte.

Aber immerhin konnte Carl anschließend mehrmals ein lautes, röchelndes

„Aaaah!“

von sich geben und schmerzhaft sein Gesicht verziehen, als Dr. Mittler bei der Frage, welche Heurigenlokale in Wien derzeit am angesagtesten seien, mit seinem Bohrer kurz sein Zahnfleisch streifte. Wobei, fuhr er fort, er Carl ja gestehen müsse, dass er die ‚Gösser Bierklinik‘ wegen ihrer herrlich großen Schnitzel ohnehin jedem Heurigenlokal vorziehe.

Da Carl wegen der Verletzung seines Zahnfleisches rechts unten stark zu bluten anfing, drückte ihn Frau Römer energisch an ihren festen Busen, um aus seinen Mund nicht nur den Speichel sondern nunmehr auch das Blut abzusaugen, sodass Carl auf die Frage von Dr. Mittler, ob ihm etwas weh tue, nur einen kurzen Grunzlaut, begleitet von einem leidvollen Blick, von sich geben konnte. Immerhin flüsterte ihm Frau Römer zu, während Dr. Mittler weiter schwadronierte, dass er ohne weiteres auch jederzeit seinen Mund ausspülen könne, wenn er möchte

Carl nahm diese Möglichkeit mit einem gequälten Lächeln dankbar an!

Er spülte dreimal seinen Mund gründlich durch und nahm mit einem Kopfnicken zur Kenntnis, dass Dr. Mittler neben den riesigen Schnitzeln auch in die köstlichen Wiener Mehlspeisen verliebt war, was seiner Frau gar nicht gefiel, da er daraufhin oftmals fürchterliches Sodbrennen bekam und nicht selten noch am nächsten Tag bis Mittag nicht zu gebrauchen war.

Doch dann war‘s auch schon überstanden!

Carl konnte endlich wieder seinen Mund auf und zu klappen, beziehungsweise normal bewegen und auch ein verkniffenes Grinsen aufsetzen, während Dr. Mittler ihn bat, vorne bei Frau Koch einen neuen Termin kurzfristig zu vereinbaren. Das wäre nämlich schon notwendig. Einmal um die neue Plombe noch zu polieren und zum anderen noch ein paar andere Kleinigkeiten an seinen Zähnen zu richten.

Abgesehen davon, sagte Dr. Mittler, freue er sich jetzt schon wieder höllisch auf dieses nächste Zusammentreffen, wenn er wieder Carls herrlichen Wiener Dialekt höre bei dem ihm jedes Mal warm ums Herz werde…

Carl nickte stumm und drückte dem einfühlsamen Herrn Dr. Mittler kräftig die dargebotene Hand.

PS:
Dieser Text ist vollkommen frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit existierenden Personen ist rein zufällig.

Klaus Hnilica
Freitag, der 26. Oktober 2018

Anzug oder Dirndl?

Ich bin oft an dieser Bar vorbeigegangen. Aber nie hinein. Warum auch? Ich bin kein ‚Barhocker‘ und werd‘ auch nie einer werden.

Nach der wochenlangen Hitze zwängte sich allerdings schon gelegentlich die Vorstellung eines kühlen Colas mit Rum oder eines eiskalten Whisky Sodas in mein Kleinhirn, wenn ich auf dem Heimweg vorbei kam. Das muss ich zugeben!

Verlockend kühl schien es da drinnen auch zu sein, wie die ewige Dunkelheit vermuten ließ, wenn die Eingangstür zufällig aufging. Und das war gar nicht so selten! Denn irgendwie war dieser Laden Tag und Nacht geöffnet und das sieben Mal die Woche und zweiundfünfzig Wochen im Jahr! Komisch – oder?

Ja – und dann stand ich letzten Dienstag am späten Nachmittag tatsächlich am Tresen dieser seltsamen Bar und orderte endlich den lang ersehnten Whisky Soda mit jeder Menge Eis!

Vermutlich weil es so unerträglich schwül war an diesem Tag und ich wieder einmal völlig ausgelaugt und deprimiert vom Büro heim schlich. Als dann plötzlich ein eleganter älterer Herr fortgeschrittenen Alters direkt vor meinen Augen die Eingangstür zu dieser besagten Bar öffnete, fasste ich Mut und folgte ihm spontan – bis an den Tresen: das musste ich tun, da ich in der undurchdringlichen Dunkelheit sofort die Orientierung verlor.

Da ich aber in Begleitung dieses zufälligen Türöffners wie gesagt, sofort am Tresen landete, hatte ich dann ausreichend Zeit, um mich an die extreme Dunkelheit zu gewöhnen.

Dieses Gefühl, Zeit zu haben, war auch der Grund, dass ich den Barkeeper überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Erst als er fragte, was ich wünsche, nahm ich sein jugendliches dunkelhäutiges Gesicht wahr – und seine weißen Zähne – die totale Glatze und – und – und …

Von seiner Frage überrascht, sagte ich hastig, einen Whisky Soda, bitte!

Welcher Whisky darf es denn sein?

Hm? – stöhnte ich.

Bourbon? Scotch? Blended Malt?

Ist mir egal – aber viel Eis,bitte!

Der junge Mann war zu taktvoll, um mich weiter vorzuführen. Jedenfalls stellte er mir blitzschnell ein Glas Whisky Soda vor die Nase und daneben ein Extragefäß voller Eiswürfeln samt Zange! Ich war begeistert.

Nach zwei kräftigen Schlucken war ich endlich auch bereit mich umzusehen, wo ich hier gelandet war: tatsächlich stand rechts neben mir der ältere Herr, dem ich gefolgt war – vermutlich Stammgast, da er munter mit dem Barkeeper in Englisch parlierte – und links von mir, fast am Ende des mächtigen Tresens, hockte eine Frau im Dirndl, die ihr Getränk mit beiden Händen fest umklammert hielt und vor sich hin starrte.

Aber irgendetwas stimmte an dieser Frau nicht.

Wie die nur auf dem Hocker hing. Ihr Dirndlrock war auch unanständig nach oben gerutscht. Das herausragende Bein wirkte wie eine haarige braun lackierte Prothese und war fest zwischen Barhocker und Tresen eingeklemmt.

Tja und dann fiel auch bei mir der Groschen! Das war gar keine Frau, was da in dem Sommerdirndl hockte – nein, das war ein Mann!

Sogar ein recht grobschlächtiges Exemplar, das aus irgend einem Grund, wie eine überdimensionale Fleischwurst in eine viel zu enge Dirndl-Haut gequetscht worden war, so dass jetzt nicht nur zwischen blauem Rockbund und dem roten Oberteil braune Fleischwülste hervorquollen, sondern die kurzen Ärmel der weißen Bluse auch die fleischigen Oberarme abschnürten und aus dem Dekolleté eine üppige schwarze Brustbehaarung ragte!

Also schlimmer ging‘s nimmer! Echt!

Da half auch nicht, dass diese ‚Mann–Frau‘ krampfhaft immer wieder versuchte, wenigstens den hellblauen Rocksaum über das rechte Knie ihres behaarten Beins zu ziehen. Dies umso mehr, als trotz der schummrigen Beleuchtung unschwer zu erkennen war, dass dieses seltsame Zwitterwesen auch bezüglich seines Gesichtes keinerlei Vorkehrung getroffen hatte, wenigstens ansatzweise einer Frau zu ähneln. Im Gegenteil: ein Teil des langen fettigen Haares baumelte strähnig über die Stirne und in dem stark gebräunten, eher derben Gesicht, wucherte sogar ein üppiger schwarzer Dreitagebart.!

Doch als sich unsere Blicke trafen, da ich dieses Zwitterwesen zu lange angestarrt hatte, ging überraschender Weise plötzlich ein schiefes Grinsen über sein Gesicht, das sogar auffordernd wirkte, da es von einem freundlichen Kopfnicken begleitet wurde.

Ich nickte verwirrt zurück und nahm zwei kräftige Schlucke von meinem Whisky Soda, um mein inneres Gleichgewicht wieder zu finden.

Der Dirndl-Zwitter orderte daraufhin mit lautem Zuruf an den Barkeeper am anderen Ende des Tresens ein neues Glas Bourbon, stand auf und kam auf mich zu.

Vorsicht – der Mann war mindestens einen halben Kopf größer als ich und wirkte kräftig! Wortlos setzte er sich mit einigem Gestöhne und Gezupfe an seinem hellblauen Dirndlrock, auf den Barhocker neben mir, während ich ihm verlegen zulächelte und stumpfsinnig mein fast leeres Whiskyglas mit Eis auffüllte.

Sie wundern sich bestimmt über mein Outfit? sagte er dann auf eine überraschend gewinnende Art.

Ehrlich gesagt ja, antwortete ich angestrengt, aber da bin ich bestimmt nicht der Einzige hier.

Stimmt! Sagte er knapp und stürzte das halbe Glas seines frisch georderten Bourbon in einem Zug hinunter.

Aber es geht mich ja letztlich nichts an, fuhr ich fort! Schließlich sind wir in einem freien Land, in dem sich jeder nach eigenem Gusto bewegen kann.

Stimmt! Wiederholte er und süffelte an seinem Bourbon.

Sind wir froh, dass es so ist, warf ich ein.

Natürlich, natürlich, sagte er beflissen.

Ich schwieg, da ich nicht neugierig wirken wollte.

Nach einer kurzen Pause sagte er, wissen Sie, mein seltsames Dirndl–Outfit hat seinen Grund!

Sicher , sicher erwiderte ich, wir haben alle unsere Gründe…

Aber bei mir ist meine Frau der Grund, unterbrach er mich.

Hm – grunzte ich.

Ja – sie denkt ich sei ein Säufer!

Wie das denn?

Sie ist überzeugt, wenn sie heute am späten Nachmittag nebenan im Kongresszentrum das Musical besucht, dass ich mich in der Zwischenzeit hoffnungslos besaufe!

Und hat sie recht?

Natürlich nicht! Im Gegenteil, ich vermute, dass sie gar nicht ins Musical will, sondern ihren Liebhaber trifft und nur Angst hat, dass ich ihr nach spioniere…

Was in ihrem Dirndl–Outfit nicht ganz einfach sein dürfte!

Das stimmt auch, aber das kommt daher, dass sie schamlos den Umstand ausgenützt hat, dass wir dieses Mal schon am Vorabend des Musicals angereist sind und im Hotel des Kongresszentrums übernachtet haben. Als ich dann mittags mein übliches Schläfchen absolvierte, schlüpfte sie vermutlich in ihr ‚Kleines Schwarzes‘, packte meinen Anzug ein – und haute ab!

So dass Sie praktisch im Hotelzimmer gefangen sind, bis sie wieder zurückkommt! Ergänzte ich, scharfsinnig wie ein Meisterdetektiv.

Richtig – ich bin übrigens Hilmar!

Okay Hilmar! sagte ich, nannte auch meinen Namen – den ich aber hier nicht preisgeben möchte – und prostete ihm zu.

Jedenfalls, fuhr ich fort, scheint mir Ihr – Pardon, Dein – Frauchen ein schlaues Luder zu sein, wenn ich das so sagen darf und erinnert mich mächtig an mein ehemaliges Frauchen…

Das heißt wir sind beide gebrannte Kinder, fasste Hilmar zusammen.

Oder gehörnte Deppen, die es nicht anders verdienen, sagte ich, prostete ihm zu und trank wie er, mein Glas leer.

Hilmar nickte nachdenklich und bestellte uns zwei neue Drinks.

Dann sagte er, dass er sich endlich wehren und mir einen Vorschlag machen wolle – und zwar einen Vorschlag unter Freunden!

Und welchen? fragte ich.

Wie wäre es denn, sagte Hilmar zögernd, wenn du mir, quasi auf Honorarbasis, für ein paar läppische Stündchen deinen Anzug borgen und dafür in mein Dirndl schlüpfen würdest?

Damit hatte ich nun nicht gerechnet!

Ich spürte kurz wie schlagartig sowohl mein Blutdruck als auch die Frequenz meines Ruhepulses nach oben ging, und machte, unterstützt von einer Bewegung meiner rechten Hand, die Andeutung, ob er noch sauber im Kopf sei?

Doch Hilmar schien darauf vorbereitet: er blieb ruhig und sagte es würde mein Schaden nicht sein, denn an Geld mangle es ihm wirklich nicht!

Nach einer längeren Pause, in der wir uns beide schweigend anstarrten, sagte ich: Vergiss dein Geld, Hilmar! Weißt du dein Vorschlag ist derart abwegig, dass er fast schon wieder gut ist. Darum – und weil meine ehemalige Frau ein ähnliches Luder war, helfe ich dir – und mache es!

Hilmar umarmte mich gerührt und verkrümelte sich mit mir auf die Toilette!

Natürlich öffneten sich nun neuerlich die diversen Mäuler in den erstaunten Gesichtern des Barpublikums, als ‚ich‘ plötzlich als ‚Dirndl-Monster‘ daherkam und Hilmar in meinem dunkelblauen Sommeranzug als Gentleman posierte! Da er kräftiger war als ich, kniffen Sakko und Hose bei ihm ähnlich wie zuvor das Dirndl, während mir die Klamotten seiner Frau prima passten. Aber Hilmar war hoch zufrieden mit seinem neuen Outfit!

Sichtlich beglückt schluckte er den neu bestellten Whisky weg, starrte auf seine Uhr, blickte mir fest in die Augen und sagte gepresst, dass er spätestens in zwei Stunden zurück sei.

Noch ehe ich antworten konnte – war er weg, und ich stand alleine auf der Bühne: so fühlte ich mich jedenfalls, da mich alle Gäste im Lokal plötzlich anstarrten.

Vermutlich errötete ich auch und wendete mich spontan mit einem Gefühl der inneren Leere dem Tresen zu, suchte reflexartig mein Glas und schüttete den Rest des Whisky Soda, ziemlich verzweifelt, in mich hinein.

Dem Barkeeper gab ich zwar zu verstehen, dass ich noch einen möchte, spielte aber gleichzeitig schon mit dem Gedanken, heim zu gehen und mich in meiner nahegelegenen Wohnung zu verkriechen.

Aber bevor ich diesen Gedanken noch zu Ende denken konnte, schlüpfte plötzlich eine ansehnliche Dame reiferen Alters durch die Eingangstür der Bar.

Auffallend war nicht nur ihr perfekt geschminktes Gesicht, sondern vielmehr die Tatsache, dass sie in einem viel zu großen Herrenanzug steckte. Was aber ihrer Eleganz keinerlei Abbruch tat!

Sie hatte etwa meine Größe, kurze schwarze Haare, vielleicht eine Spur zu lange Nase, dafür aber ein hinreißendes Lächeln. Auf ihren Pfennigabsätzen stakste sie, ohne zu zögern, direkt auf den Tresen zu.

Noch bevor der Barkeeper Gelegenheit hatte sie nach ihrem Getränkewunsch zu fragen, zwitscherte sie selbstbewusst: ich möchte das Gleiche wie die Dame in meinem Dirndl!

Also einen Whisky Soda, stellte der Barkeeper nüchtern fest.

Okay – Sie müssen es wissen!

Natürlich spürte ich, wandelndes Dirndl-Monster, wie mit einem Mal meine Knie weich wurden – aber noch stärker beeindruckte mich die Schnelligkeit und Präzision, mit der dieser Neuzugang die Lage in der schummrigen Bar gecheckt hatte.

Außer einem kurzen, guten Abend, brachte ich nichts aus mir heraus, denn das Gefühl, nun schon wieder vor einem aufsässigen Publikum auf der Bühne schauspielern zu müssen, raubte mir jegliche Kraft.

Anders schien es wohl der ‚Anzug–Dame‘ zu gehen, denn mit einem kecken Blick sagte sie: oder sind das etwa nicht meine Klamotten, die Sie anhaben?

Das weiß ich nicht, gnädige Frau, stammelte ich.

Aber ich weiß es!

Und warum stecken Sie dann in diesem viel zu großen Herrenanzug, wenn Sie ohnehin dieses Dirndl ihr eigen nennen, stellte ich mit scharfer Männerlogik fest?

Weil Sie es anhaben – werter Herr! Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass man zu zweit in einem Dirndl steckt?

Nein – das nicht! sagte ich kleinlaut und trank verzweifelt mein Glas in einem Zug aus.

Da der Barkeeper auch schon ihren Drink bereitgestellt hatte, nahm sie ihn und prostete mir zu: auf Ihre Gesundheit, werter Herr, sagte sie so laut, dass es niemand an den nahegelegenen Tischen überhören konnte.

Und mir flüsterte sie zu, dass sie Elsa sei!

Hilmars Elsa? fragte ich, ohne echtes Erstaunen.

Nein – deine Elsa, wenn du willst!

Oh Gott – jetzt war ich dann doch erstaunt. Was heißt erstaunt? Ich wurde vielmehr von einem Tsunami undefinierbarer Emotionen derartig überrollt und mitgerissen, dass ich sekundenlang schwieg.

Da Elsa wohl merkte wie es um mich stand und mir vermutlich jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen war, sagte sie: aber das gilt natürlich nur, wenn du mir mein Dirndl zurück gibst!

Gerne – aber was wird dein Hilmar dazu sagen?

Vergiss Hilmar – und komm mit mir auf die Toilette – aber schnell – sonst überleg‘ ich‘s mir wieder.

Als wir dann nach einem kurzen Bescheid an den Barkeeper verschwanden und bald darauf mit getauschten Kleidern wieder am Tresen hockten, waren wir natürlich noch immer auf der Bühne, aber bei weitem nicht mehr so interessant. Schließlich waren eine Dame im Dirndl und ein Herr im Anzug keine Besonderheit, die einen stundenlang zu fesseln vermochte.

Und als wir endlich bei mir zu Hause splitternackt nebeneinander lagen, gestand Elsa, dass Hilmar gar nicht wüsste welchen Dussel er heute hatte: ausgerechnet heute hätte nämlich ihr Chef, dieser Dreckskerl, sie schmählich versetzt und seine Sekretärin als Ersatz ins Musical geschickt. Vermutlich sitze Hilmar jetzt sogar neben ihr – seit der Pause!

Ja und wegen dieser angetanen Schmach wollte sie sich, aufgeladen wie sie war, schadlos halten und Hilmar in seiner ‚Säufer Bar‘, von der sie schon lange wusste, in seinem Anzug überraschen. Denn Hilmar in ihrem Dirndl zu erleben, sei genau das gewesen, was ihre verletzte Seele nach dieser Demütigung benötigt hätte! Aber leider sei es ja dazu durch mein unbedachtes Rettungsmanöver nicht gekommen, sagte sie mit einem bösen Lächeln und verbiss sich schmerzhaft in meine linke Brustwarze, die gar zu keck weg stand, wie sie fand.

Da sich Elsa nach einer Stunde lustvollem Gestöhne und der Rückkehr auf die Erde, wohl einigermaßen von ihrem angetanen Leid erholt hatte, aber nicht entscheiden konnte, was sie anziehen sollte – Anzug oder Dirndl? – schlüpfte ich schnell ins Dirndl und schickte sie in Hilmars Anzug in ihr Hotel zurück!

Hilmar stand schon am Tresen, als ich in der Bar ankam!

Freundschaftlich umarmte er mich und für die Barbesucher ging die Show weiter…

Aber nur kurz, denn Hilmar war überglücklich, dass alles nur ein fürchterliches Missverständnis zwischen ihm und seiner geliebten Elsa gewesen sei. Er müsse jetzt umgehend zu ihr ins Hotel ,sagte er, um sie mit einem festlichen Essen in einem ‚Sterne Restaurant‘, für sein schäbiges Misstrauen, zu entschädigen!

Hoffentlich klappe das auch, denn ihre Freundin im Musical, hätte ihm erzählt, dass Elsa wegen Kreislaufproblemen in der Pause diese wunderbare Aufführung leider hätte verlassen müssen.

Gott sei Dank dachte wenigstens ich an den notwendigen Kleidertausch, als Hilmar mit brennendem Herzen zu seiner Elsa drängte, und der Barkeeper an die sechs noch nicht bezahlten Whiskys, die natürlich Hilmar in seinem Freudentaumel liebend gerne samt einem mehr als großzügigen Trinkgeld übernahm.

Und ich war froh endlich wieder in meinen eigenen Klamotten heim traben zu dürfen und in der Brusttasche meines Anzugs das Knistern des von Hilmar versteckten 500 Euro Scheins zu spüren, das mir bestätigte, dass die letzten Stunden kein Traum waren, sondern Elsa mich wirklich nächsten Dienstag – vielleicht?– schon wieder beißen könnte…

KH

Klaus Hnilica
Montag, der 13. August 2018

Der Klimawandel und die vertrackte Eiszeit

Carl und Gerlinde (Folge 59)

Übrigens, Gerlinde, unser Freund Kurt hat mir letzten Dienstag, als ich ihn zufällig im REWE traf, unter dem Siegel der Verschwiegenheit zugeflüstert, dass er sich trotz seines fortgeschrittenen Alters von Hannelore zu trennen beabsichtige, falls sie dieses Jahr mit der gleichen Sturheit wie in den vergangenen Jahren darauf bestünde, den nächsten Sommerurlaub wieder gemeinsam zu buchen, sagte Carl bei 28 Grad um Zweiundzwanzig Uhr abends – unmittelbar vor der Eisdiele – und wischte sich wohl zum achtzehnten Mal mit dem selben Papiertaschentuch über die Stirn.

Wobei, ergänzte er, während er Gelinde ins Innere des Salons dirigierte, der Alptraum vor allem von dem Wort ‚gemeinsam‘ ausginge, hätte der Kurt gesagt und dabei gleichzeitig mit seinem üblichen sorgenvollen Kopfgewackel 10 Packungen ‚Philadelphia‘ Quark in seinen Einkaufswagen geschichtet.

Was er nämlich letztes Jahr von Oktober bis zum Jahresende für den diesjährigen Sommerurlaub mitgemacht hätte, gehe auf keine Kuhhaut, selbst wenn diese Haut von einer voll ausgewachsenen trächtigen Milchkuh stammte, so der Kurt im gut gekühlten Lebensmittelbereich bei REWE!

Da sich aber weder Gerlinde noch Carl spontan für einen der zahlreichen leeren Tische im neongelben Licht der subtropisch aufgewärmten Eisdiele – mit weit geöffneter Front zur Straße hin – entscheiden konnten, unterbrach Carl kurz seinen Bericht über Kurts vertrauliche Trennungsoffenbarung und irrte so lange von einem Tisch zum anderen, bis sich Gerlinde im hintersten Winkel des Lokals erschöpft auf einen Stuhl fallen ließ und stöhnend kund tat: entweder hier! Oder ich breche auf der Stelle zusammen!

Carl zog zwar enttäuscht die Augenbrauen hoch, sagte dann aber, als er auch schweißtriefend Platz genommen hatte und dabei fast noch den Nachbartisch gekillt hätte, dass Kurt von 34 Reiseprospekten aus 5 verschiedenen Reisebüros gesprochen hätte, die er mit seiner Hannelore akribisch durcharbeiten hätte müssen, sowie von 18 Vorträgen in unterschiedlichen Volkshochschulen und Bibliotheken über Reisen durch Patagonien und diverse Polregionen, durch Australien und Neuseeland, über die Teilnahme an einer Wüstensafari und 3 verschiedenen Weltreisemöglichkeiten sowie über 4 Meditationsurlaube in österreichischen und griechischen Klöstern – und dies alles nur weil sich Hannelore nicht entscheiden konnte, welche Art von Urlaub sie in welcher Region der Welt wolle…

Gerlinde sagte – vor aufgeschlagener Eiskarte mit ihrem rechten, fast schon steifen Zeigefinger, auf einem Fruchtbecher mit Vanilleeis und reichlich Sahne – dass sie diese Klage von Kurt gar nicht so sehr überrasche und dass sich diese Unentschlossenheit von Hannelore mit zunehmendem Alter wohl immer markanter auspräge; irgendwie sei ihr das auch schon aufgefallen!

Da der Kellner bereits zum dritten Mal nach der Bestellung fragte, orderte Gerlinde schließlich mit drohendem Blick in Richtung Carl ihren Fruchtbecher, während Carl vor der aufgeschlagenen mehrseitigen Eiskarte wenigstens ein Mineralwasser mit Sprudel nannte, ansonsten aber noch um etwas Geduld für seine Eisbestellung bat und zu Gerlinde sagte, dass sich der Kurt im REWE ja bei diesem ‚monströsen gemeinsamen Urlaub-Auswahlverfahren‘ vor allem auch deswegen so über Hannelore ärgere, da sie als Ergebnis all dieser Quälerei nun kommenden Samstag eine 2-wöchige Urlaubsreise nach Portugal anträten, und zwar in ein Wellnesshotel an der Algarve, wo es derzeit 42 Grad im Schatten hätte und in 20 Kilometer bereits nicht enden wollende Buschbrände wüteten…

Super – stellte Gerlinde lakonisch fest und orderte bei dem verzweifelnden Kellner wenigstens einen CARLOS I, während Carl sich nunmehr wirklich ernsthaft mit der ‚eisigen Vielfalt‘ auf seiner Karte zu beschäftigten begann und, ohne einen Blick auf den wartenden Kellner zu richten, zu Gerlinde sagte, dass seine Bestellung im Grunde sehr einfach sei, da er nur drei Bällchen Eis ohne alles möchte und sich daher bloß zwischen Dunkler oder Heller Schokolade entscheiden müsse, oder zwischen Vanille, Haselnuss, Stracciatella, Erdbeere, Jogurt, Latte Macchiatto, Sahne–Kirsch, Mango, Maracuja, Zitrone, Banane, Granatapfel, Himbeere, Drachenfrucht, Bounty, Sahnegriess, Zimt, Raffaello und Sanddorn- Hollunder! Nichts leichter als das, grinste er vergnügt.

Doch da der Kellner immer noch wie eine rächende Gottheit vor ihm stand, sagte er, für alle unerwartet, dass er einen Espresso wünsche!

Doppel – oder einfach? fragte der Kellner.

Nein – oder doch eher zwei Kugeln Vanilleeis, sagte Carl.

Also Vanilleeis! tippte der Kellner in sein Gerät.

Nein – bringen Sie mir einfach genau so einen CARLOS I wie ihn Gerlinde hat.

Und als der unfähige Kellner endlich weg war, stellte Carl mit säuerlicher Miene fest, dass er Kurt erstmals wirklich bedauere: denn mit einer so unentschlossenen Partnerin wie Hannelore, würde er vermutlich jeden Tag mehrfach ausrasten, sagte er und schob zufrieden seine Eiskarte zu Gerlinde, die wortlos aufstand und ging.

Hoffentlich nur, um sich die Hände zu waschen?

KH

Klaus Hnilica
Dienstag, der 19. Juni 2018

Integrationsvorteile durch fortschreitende Digitalisierung

Die Frage, wie weit sich Vampire integrieren lassen, ist brandaktuell seit eine neue britische Studie feststellt, dass die fortschreitende Digitalisierung auch in dieser Hinsicht massive Vorteile bietet und vollkommen neue Perspektiven eröffnet!

Und nicht die alten Köpfe und Zöpfe waren es, die diese Revolution eingeleitet haben, sondern wieder einmal ist es die oft gescholtene Jugend, die entscheidende Schritte in diese neue ‚blutjunge Zukunft’ tut: Sie ist es, die nicht nur über Digitalisierung quasselt, wie jeder zweitklassige Provinzpolitiker heutzutage, sondern diese Digitalisierung auch tatsächlich lebt!

Ja sie – die ‚Generation Smartphones’ – gibt im 21. Jahrhundert völlig überraschend und ungeplant den Vampiren ein winziges Zipfelchen ihrer Freiheit zurück, in dem sie sie wieder frei zubeißen lässt!

Denn – ehrlich – was ist geeigneter für den unmittelbaren, zwanglosen Zubiss eines Vampirs, als das entblößte vorgestreckte Hälschen einer fünfzehnjährigen Smartphone-Nutzerin, die gebannt auf ihren Bildschirm starrt – und das ununterbrochen – auf der Straße, im Zug, auf dem Fahrrad, der Toilette und bei den Hausaufgaben?

Nix – aber auch gar nix ist geeigneter!

Und diese Eignung für den schnellen Zubiss gilt natürlich nicht nur für die genannte Fünfzehnjährige, sondern für sämtliche Smartphone-Nutzerinnen und -nutzer, egal welchen Alters und welcher Hautfarbe: alle diese Personen verharren bei ihrer Tätigkeit in der exakt gleichen Position, mit der exakt identischen ‚Bissaufforderung ihres Halses’ vor ihrem Gerät, so dass die oben erwähnte britische Studie sogar die Vermutung äußert, dass der oder die Erfinder des Smartphones unbedingt ‚Vampirhintergrund’ haben mussten oder müssen: Dies umso mehr als alle Smartphoneanwender und -anwenderinnen dermaßen auf ihre Geräte fixiert sind, dass sie nicht nur den schnellen Biss in ihren Hals nicht merken, sondern auch den nachfolgenden Saugakt nicht wahrnehmen!

Ja sie gehen derart in ihrer Smartphonewelt auf, dass sie für keine weitere Wahrnehmung mehr zugänglich sind: erst wenn ungeschickter Weise Blut auf ihre Bildschirme tropft, kreischen sie oftmals auf und werden aggressiv, weil sie selbst mit ihren eigenen Wischbewegungen und eigenem Blut ihre Bildschirme versauen!

Nicht zuletzt deshalb gibt es schon seit Jahren Initiativen führender Vampire in Wirtschaft und Politik, in denen energisch an Firmen wie Apple, Samsung und Nokia appelliert wird – endlich den ‚Blut abweisenden Bildschirm’ auf den Markt zu bringen! Der letztlich unabdingbar ist, wenn diese einmalige Chance der Vampirintegration in die Gesellschaft nicht leichtfertig vertan werden soll: und zwar die Integration aller Vampire! Auch der Ungeschickten – die beim Zubeißen schon mal daneben ‚tröppeln’!

Auf dem Sektor Datenschutz muss natürlich auch massiv nachgebessert werden: Immer wieder passiert es nämlich, dass Smartphonenutzer Vampire bei ihrer Blutmahlzeit photographieren und dies den Gebissenen blitzschnell auf ihre Smartphones spielen!

Erst ab da merken die Gebissenen vielfach, dass sie Blut abgeben und glauben es auch, da sie es ja auf ihren Smartphones sehen – und führen dann schon mal die eine oder andere unangebrachte Abwehrbewegung aus, die erst recht zu unnötigen Blutverlusten führen kann.

Es müssen also schnellstens entsprechende Gesetzesinitiativen mit einhergehendem ‚Filmverbot bei Blutmahlzeiten gestartet werden, und dies nicht in nationalen Alleingängen sondern sowohl auf EU–Ebene als auch bei der UNO, was allerdings keine allzu großen Probleme aufwerfen dürfte, wenn alle Beteiligten das gleiche Blut meinen und davon ihre Münder nicht zu voll nehmen.

Viel schwieriger dürfte ein anderes Problem zu lösen sein.

Nämlich – der Biss in den ‚faltigen Hals eines älteren Menschen’, den auch manche Vampire schätzen, wie die oben zitierte britische Studie bestätigt.

Glücklicherweise gibt es für diese wenigen ‚Feinschmecker’ heutzutage ausreichend ältere Smartphonenutzer – wenngleich deren Verbissenheit und Ausdauer bei weitem nicht an die forsche Jugend herankommt, was den schnellen Zubiss nicht gerade erleichtert!

Aber letztlich ist das nicht das zentrale Problem – bei diesem Problem! Das zentrale Problem ist viel mehr, dass selbst, wenn der Biss am ‚letscherten Faltenhals’ gelingt, das dabei abgesaugte Blut ähnlich schmeckt, wie eine Weinschorle aus einem Achtel Riesling aufgespritzt mit einem Liter Sodawasser!

Nämlich nach nix. Ja weniger als nix!

Was daher kommt, dass heutzutage praktisch in alle älteren Menschen von vereinter Ärzteschaft und Krankenkassen jede Menge teuere Blutverdünner versenkt werden: Dies sicher zum Vorteil der Pharmaindustrie und der blutverdünnten alten Menschen – aber für Vampire ist das der reinste Horror!

Und das nicht nur vom Geschmacklichen her, sondern insbesondere bezüglich des Mengenbedarfs: Denn Vampire werden dadurch nicht nur gezwungen, Unmengen an Blut in sich aufzunehmen, sondern gleichzeitig auch zu unzähligen Toilettengängen, um ihr Wasser abzuschlagen, was nicht selten zu punktuellen Blockaden öffentlicher Toiletten führt! Sehr zum Leidwesen von Menschen mit Blasenschwäche!

So dass letztlich nach all dem Gesagten schon noch viel zu tun bleibt, bis auch für Vampire ähnlich paradiesische Zustände in Deutschland gelten, wie nach Aussage der Kanzlerin für den Rest der Bevölkerung!

Doch wenn die noch zu lösenden Probleme von der Politik endlich vorurteilslos und zeitnah angegangen werden und die Gesellschaft ruhig Blut bewahrt, sollten sich die in der britischen Studie aufgezeigten Integrationsvorteile durch die zunehmende Digitalisierung trotzdem rasch realisieren lassen – insbesondere dann, wenn dafür Sorge getragen wird, dass Blut immer dicker bleibt als Weinschorle weil sonst ältere Herrschaften zwangsläufig nach jedem Vampirbiss unvertretbar lange Blutspuren hinter sich herziehen, die ihrerseits wieder massive Probleme beim Datenschutz aufwerfen, was politisch sicher von niemandem gewollt wird; dies umso mehr, als Vampire sich nach nichts mehr sehnen, als endlich in aller Ruhe ihre tägliche Blutmahlzeit verrichten zu können – und sonst nix!

K.H.

Klaus Hnilica
Dienstag, der 27. März 2018

Sparmodell WHISKY

Carl und Gerlinde (Folge 58)

Nein Carl beabsichtigte nicht jetzt noch einmal zu erklären, warum er und Gerlinde zwar ursprünglich nach Teneriffa wollten, dann aber doch wieder in Lanzarote gelandet waren und von da erst gestern Nacht heim kamen!

Gerlinde wollte dazu auch nichts sagen: warum mussten Hannelore und Kurt sie auch schon am frühen Sonntagmorgen während des Frühstücks überfallen, nur weil Hannelore wieder einmal nicht erwarten konnte, einen weiteren fantastischen Urlaubsbericht von Gerlinde zu hören, um ihren Kurt endlich auf die Kanarischen Inseln zu bringen.

Leicht genervt fragte Carl, ob sie eine Tasse Kaffe möchten oder gleich den Sekt und die Lachshäppchen, die er und Gerlinde im „Iberostar Lanzarote Park Hotel“ jeden Morgen um diese Zeit als kleinen Brunch einzunehmen pflegten.

Oh – ihr ward wieder im gleichen Hotel wie letztes Jahr? flötete Hannelore, was Gerlinde nur mit einem müden Nicken bestätigte, während sie sich um die Sektgläser kümmerte, da Carl tatsächlich schon in den Keller nach dem Sekt gesprintet war. Ja – wenn’s um Hannelore ging, war er flott!

Komm erzähl doch Gerlinde, wie war’s denn in Lanzarote? Wie war das Wetter? Wie die Leute und die Stimmung? Wir wollen alles haarklein wissen, gell Kurt?

Kurt nickte knapp und Gerlinde sagte, Gott – ja –  alles in allem war’s schon schön!

Na – das klingt ja nicht grad begeistert, brummte Kurt.

Oh – doch ging Carl dazwischen und ließ die Sektkorken knallen.

Leider hatte ich halt gleich nach der ersten Woche diese blöde Erkältung an der ich immer noch herumlaboriere, stöhnte Gerlinde und rotzte zur Bestätigung gleich zwei Tempotaschentücher voll.

Und ich hab’ dauernd gefroren! grinste Carl, während er reihum Sekt einschenkte.

Heißt das, dass es nicht so warm und frühlingshaft war, wie ihr das erwartet habt? fragte Hannelore schon mit dem Sektglas in der Hand.

Für die vielen Dicken schon, feixte Carl, aber für die wenigen Normalgewichtigen wie wir, nicht! Aber jetzt Prost ihr Lieben, auf Euch und uns und dass wir wieder heil zuhause sind.

Der ständige kalte Nordwind war echt blöd dieses Mal, stöhnte Gerlinde mit grandioser Leidensmiene, die Hannelore hartnäckig ignorierte.

Na toll! – deswegen fliegt man 4000 km Richtung Afrika, meinte Kurt süffisant. Er trank sein Glas in einem Zug leer und platzierte es auffordernd gleich wieder neben die Sektflasche, in der noch ein paar Schluckchen drinnen waren.

Länger als eine halbe Stunde habe sie keinen Tag in der Sonne liegen können, wegen dieses blöden Windes. Und nur drei Mal sei sie im Pool geschwommen in den zwei Wochen. Wahrscheinlich habe sie sich da auch die Erkältung geholt, jammerte Gerlinde weiter, da sie schon einmal am Jammern war und sie merkte wie Hannelore dieser Negativbericht immer mehr zusetzte. Aber natürlich war sie mit ihrer Erkältung nicht alleine: schon morgens im Frühstücksraum hustete und schnupfte fast der gesamte Saal in allen Tonlagen, wie ein fein abgestimmter Kirchenchor, wenn sie ankamen, und auch das Flugzeug zurück nach Frankfurt war eine einzige Ladung triefender und hustender Rotznasen gewesen…

Da Carl zu Hannelores Glück wieder frischen Sekt nachgeschenkt hatte und animierend sein Glas hob, musste Gerlinde ihren ‚Rotzreport’ kurz unterbrechen, was Hannelore die Gelegenheit gab, nach ein paar hastigen Schlückchen schnell die Frage einzuwerfen, ob sie wenigstens schöne Ausflüge gemacht hätten.

Ja das schon, meinte Gerlinde nach einer längeren Pause, in der sie, immer noch im Morgenrock, bedächtig ihren Oberkörper hin und her wiegte und an ihrem Glas nippte!

Gleich zu Beginn hätten sie für Mittwoch diesen mehrfach empfohlenen grandiosen Ausflug zu der traumhaften kleinen Fischerinsel ‚La Graziosa’ im Norden von Lanzarote gebucht: 60€ pro Person, mit Mittagessen, Busabholung vom Hotel, Fahrt zum romantischen Hafen Órzola und von da mit einem Katamaran durch den so genannten Rio zur Insel La Graziosa!

Leider regnete es an diesem wunderbaren Mittwoch aber, was selten genug vorkommt, stöhnte Gerlinde und bat Carl, ihr nochmals nachzuschenken, und der sonst übliche Wind hatte sich an diesem Tag auch zu einem veritablen Stürmchen ausgewachsen, so dass man sich überhaupt nicht an Deck aufhalten konnte und deshalb noch ein Glasbodenboot dazu genommen werden musste, um alle Ausflügler trocken unterzubringen. Nach dem Essen auf La Graziosa wurde im Regen aber auf eine weitere Besichtigung der Insel verzichtet und statt  dessen bei wahnwitzigem Seegang – da hinter Graziosa ja 6000 km Atlantischer Ozean liegen – die Insel mit beiden Schiffen umfahren. Dies mit dem Ergebnis, dass sie ununterbrochen kotzen musste und selbst Carl am Ende der Umschiffung sich auch kaum mehr auf den Beinen halten konnte.

Gerlinde brauchte nach diesem Kurzbericht ein weiteres Glas Sekt und sank erschöpft in ihrem Stuhl in sich zusammen, während Carl endlich  auch das Wort ergreifen konnte und ergänzte, dass jeder von ihnen beiden nach diesem Abenteuer eine halbe Stunde unter der heißen Dusche gestanden habe, um einigermaßen wieder warm zu werden. Danach sei aber Gott sei’s gedankt, das Unerwartete passiert, was diesen Urlaub noch rettete…

Und was war das für ein unerwartetes Ereignis? fragte Hannelore neugierig mit neuer Hoffnung in den Augen.

Tja  – ich weiß nicht, ob ich das verraten soll? Was meinst du Gerlinde?

Ihr wäre das egal brummelte Gerlinde, sie möchte nur ein weiteres Glas Sekt.

Das Vierte! stellte Carl leicht besorgt fest.

Na  – und?

Ich sag’s ja nur, hauchte er und schenkte nach.

In einem ähnlichen Zustand, wie jetzt Gerlinde wären sie beide nämlich nach dem gelungen Ausflug auch gewesen, sagte Carl dann zu Hannelore und Kurt. Und ohne nachzudenken hätten sie damals in einem Rutsch hintereinander alle vier kleinen Fläschchen Whisky aus der Minibar weggeschluckt, um einigermaßen zufrieden in ihre Bettchen zu sinken…

Das böse Erwachen kam allerdings am nächsten Morgen, als sie entdeckten, dass eines dieser winzigen 5cl-Fläschen Whisky mit 9.90€  berechnet wurde, was bedeutete, dass sie für diese läppischen vier Fläschchen Whisky – die nicht mehr als vier große Schluck waren – 39.60 € löhnen mussten! Das müsse man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen, stöhnte er.

Keine schlechte Rendite für das Hotel stellte – plötzlich hellwach –  der gute Kurt fest!

Und Gerlinde stöhnte in ihrem Stuhl auch auf! Ihr neuerlicher Wunsch nach Sekt wurde allerdings nicht mehr erfüllt.

Stattdessen sagte Carl zu Hannelore, dass man so eine Abzocke natürlich mit ihm nicht machen könnte. Eine kurze Überprüfung der Whisky– Situation im nahen Supermarkt zeigte ihm nämlich, dass dort ein 75cl Fläschchen der gleichen Marke gerade einmal 15.85 € kostete.

Selbst Kurt war mit einem Mal klar, was da zu tun war! Und so nickte er bei jedem Wort bestätigend mit dem Kopf, als Carl, nicht ohne einem gewissen Pathos, verkündete, dass er und Gerlinde daraufhin im Laufe der restlichen 10 Urlaubstage schlicht und ergreifend einfach 10 Flaschen Whisky zusammen weg geschluckt hätten und dadurch nach Abzug der Beschaffungskosten sage und schreibe 1325.- € erwirtschafteten, wie jedermann leicht nachrechnen könne!

Ahhhh – kicherte Hannelore plötzlich, jetzt gehe ihr ein Licht auf: das meinte also Gerlinde, als sie sagte, ihr seid alles in allem doch zufrieden gewesen mit euerem Urlaub!

Ja das meinte sie wohl, bestätigte Carl, da Gerlinde inzwischen auf ihrem Stuhl sanft entschlummert war. Der Sekt tat wohl seine Wirkung!

Und vielleicht half bei Kurt auch der Sekt nach, als er ohne seine Stimme anzuheben mit größter Selbstverständlichkeit plötzlich sagte, dass er sich bei einem derartigen Sparpotential einen Urlaub auf den Kanaren auch gut vorstellen könnte…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 8. Februar 2018

Mitarbeitermotivation und der virtuelle Slip der Bardame

Carl und Gerlinde (Folge 57)

Irgendwie begann dieses Jahr 2018 seltsam!

Kaum hatte Carl die beschämende Kritik Gerlindes beim letzten Saunaabend, wegen seiner fülligen Figur einigermaßen verdaut, kam sein Chef, Bernie, mit so einem blöden Anliegen, dass Carl  den köstlichen Kaffee seiner Sekretärin Bettina beinahe wieder ausgekotzt hätte.

Und das ausgerechnet an einem Tag, an dem endlich die Sonne schien und Carl noch dachte, dass dies der erste schöne Arbeitstag in diesem beschissenen Winter werden könnte. Doch der Anruf von Dr. Osterkorn um 9 Uhr 17,  mit dem er ihn eiligst zu sich bat, genügte, um ihn von dieser Illusion zu befreien!

Mein lieber Carl, du erinnerst dich doch sicher noch, sagte Bernie, schleimig wie eine Weinbergschnecke, an die wunderbar motivierende Rede von unserem Kaufmännischen GF, Dr. Schäufele, anlässlich des Aufrufes unserer Kanzlerin zur Bewältigung der Flüchtlingskrise vor drei Jahren. Bei der bildlich gesprochen, kein Auge trocken blieb!

Meins blieb trocken, knurrte Carl.

Entschuldige bitte, was bin ich nur für ein miserabler Gastgeber, Carl! Was darf ich dir denn anbieten?

Ein Wasser, bitte…

Okay Wasser, sagte Bernie, sprang auf und gab die Bitte an seine Sekretärin weiter.

Also wie gesagt, diese Rede damals, war einmalig gewesen, wiederholte Bernie geistesabwesend.

Ist denn das damals angesprochene Programm für die Einbindung von Flüchtlingen bei TRIGA auch realisiert worden? fragte Carl.

Ehrlich gesagt, darüber bin ich nicht informiert, aber lassen wir das, denn momentan geht es bei uns, wie du ja weißt, wirklich ums ‚Eingemachte’.

So schlimm? fragte Carl besorgt.

Ja so schlimm! Und deswegen möchte Dr. Schäufele kommende Woche bei der Betriebsversammlung in einem Statement an alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht nur den Ernst der Lage schildern, sondern auch zu noch größerer Leistungsbereitschaft aufrufen.

Na – bravo!

Nix  – bravo, Carl, denn Dr. Schäufele will bei dieser Rede nicht nur den Startschuss für die Reorganisation unseres Hauses geben, dabei finanzielle Einschnitte ankündigen, sondern in einem Aufwasch auch gleich die neue Firmenstrategie verkünden.

Etwa die, die diese fürchterlichen Berater – Fuzzy’s Ende 2017 mit uns durchgesprochen haben? schnauzte Carl entsetzt.

Rede bitte nicht so despektierlich über das von Dr. Schäufele empfohlene  Beratungsunternehmen ‚KLARSICHT’ auf das er so stolz ist, sagte Dr. Osterkorn mahnend.

Okay – ich nehm alles zurück, Bernie.

Gut, Carl – aber da sind wir schon beim Punkt. Dr. Schäufele hat mich nämlich gebeten, auf Grundlage der ‚KLARSICHT – Unterlagen’ ein Redekonzept auszuarbeiten! Da ich aber, wie du ja vielleicht weißt, ab morgen für ein paar Tage in der Schweiz Schifahren möchte und schon gebucht habe, wollte ich dich bitten mir dabei unter die Arme zu greifen…

Beim Schifahren?

Ha – ha- du Spaßvogel – natürlich bei der Ausarbeitung des Konzeptes. Dies umso mehr, als ja niemand so gut wie du unser Geschäft, unsere Möglichkeiten, sowie die Ausarbeitung der Firma KLARSICHT kennt.

Welch eine Ehre!

Ja –  und diese Ehrerweisung dauert genau bis nächsten Dienstag um dieselbe Zeit. Da will die Kaufmännische GF nämlich das fertige Redemanuskript auf dem Tisch haben!

Das heißt, ich hab grad mal zwei Arbeitstage Zeit…

Vergiss nicht die Nacht dazwischen, lieber Carl!

Toll – sagte Carl, griff nach dem gelben KLARSICHT – Ordner und schlich mit einem hingehauchten – schönen Urlaub, Bernie – davon.

Was Carls Sekretärin Bettina, dann Dr. Schäufeles Sekretärin nach zwei Tagen übergab, war fast exakt, was Bernie und der Berater KLARSICHT wollten, denn es hieß da:

  „Global gesehen steht das gesamte Trikotagengeschäft vor einer Revolution! Die Globalisierung im Wäschebereich ist omnipräsent und nicht mehr wegzudiskutieren. Die Digitalisierung macht selbst vor der Unterhose nicht halt. Trotzdem sind in der Zukunft, neben dem ‚virtuellen Slip für die Bardame’ und der ‚intelligenten Unterhose vom Kleinkind bis zum Greis’, vor allem Kostensenkungen das Gebot der Stunde.

Aber Innovationen im ‚Bereich Unterwäsche’ werden dennoch zur Überlebensfrage. Und das für einen Kunden, der immer anspruchsvoller und immer mehr im Mittelpunkt stehen wird. Er und der Unterhosen tragende Mitarbeiter sind unser größtes Gut!

Exzellenz darf nicht nur unsere Herzen regieren, sondern muss uns auch unten rum warm halten –  insbesondere an kalten Wintertagen! Die es trotz Klimaerwärmung immer wieder geben wird!

Für TRIGA bedeutet das, dass wir auf jeden Fall wachsen müssen! Nicht nur als Firma, sondern auch unseren Unterhosen müssen wir entwachsen, da nur so der permanente Neukauf sichergestellt ist. Das sind wir den Investoren schuldig! Wir müssen das Gebot der Stunde annehmen und die Nummer eins im Trikotagengeschäft werden. Schließlich  haben wir die besten und saugfähigsten Unterhosen, Unterhemden und Dessous. Und das fähigste Personal in Unterhosen!

Der Markt ist da, werte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und die Kunden haben viel Geld. Unsere Chancen sind gewaltig, denn die Unterleiber der Menschheit wollen von unseren Unterhosen umschmeichelt werden.

 Auf keinen Fall dürfen wir aus Angst vor dieser riesigen Aufgabe uns in die eigenen Hosen machen. Das sind wir den Unterhosen und unserem Konzern Board schuldig!

Denn ein kurzer Blick zurück zeigt ja, dass TRIGA das letzte Jahr nur  begrenzt gemeistert hat! Und das obwohl wir alle heroisch gekämpft haben. Aber der große Erfolg blieb aus. Dies trotz größtem Druck von oben!! Dafür danken wir allen Managern. Und türlich auch allen unermüdlichen Mitarbeitern. Die wir ja auch haben. Selbst wenn das Ziel verfehlt wurde.

Auf jeden Fall akzeptieren wir dieses Jahr nur den ‚Fast Start’!

Einen ‚Fast Start’ ohne jede Anfangsprügelei um die neuen Zielvorgaben, die deutlich angehoben werden müssen: denn wir wollen dieses Jahr nicht, wie sonst immer, das verschlampte erste Quartal aufholen müssen.

Das ist inakzeptabel und nervt!

Mit Sicherheit wird dieses Jahr, falls die Ergebnisse nicht den erwarteten Verlauf  zeigen sollten, das gesamte TRIGA – Management in Meetings und Einzelgesprächen der Belegschaft so lange helfen, bis die vorgegeben Ziele erreicht werden!! Denn verlieren Sie bitte nie aus dem Auge, dass jede über der Zielvorgabe hinaus produzierte Unterhose – eine Unterhose mehr ist!

Doch trotz der im letzten Jahr nicht erreichten Ziele, wollen wir jedem einzelnen Mitarbeiter bei TRIGA dafür danken, dass er sich nicht zu schade war mitzuhelfen! Und wir ehren alle Innovatoren, die uns ein Stück weit  unsere Zukunftskraft vor Augen geführt und gezeigt haben, dass Höchstleistungen möglich sind –  wenn wir sie nur wollen: Erfolg ist kein Geheimnis sondern eine Charakterhaltung!

Drum werte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen lautet unser diesjähriges Motto für TRIGA: Wir machen nicht in die Hosen, sondern unsere Hausaufgaben!

Dazu wünsche ich Ihnen im Namen der Konzernleitung und des gesamten TRIGA – Managements eine glückliche Hand und viel Erfolg!“

Da Carl anschließend mit Gerlinde nach Teneriffa geflogen war, hatte er keine Rückmeldung mehr bekommen, wie sein Konzeptvorschlag aufgenommen worden war.

Sicher gut, denn es war ja bis auf Kleinigkeiten, exakt das ‚Gedöns‘ der KLARSICHT – Berater! So wie Dr. Osterkorn es gewünscht – und Carl es verstanden hatte. Und die kleinen versteckten, sachlichen Boshaftigkeiten fielen dem Kaufmann  Dr. Schäufele bestimmt nicht auf…

KH