Klaus Hnilica
Donnerstag, der 12. Oktober 2017

Die misslungene Emanzipation

Carl und Gerlinde (Folge 54)

„Herr Ober – bringen Sie mir doch bitte schnellstens einen doppelten Cognac…!“,  rief Carl erregt und schnappte förmlich nach Luft…

„Kommt sofort“, ächzte der vorbei huschende Ober mit dicken Schweißperlen auf seiner weitläufigen Stirn.

„Was ist denn mit dir los, Carl? Musst du dich wirklich schon im Morgengrauen mit Cognac zudröhnen?“ fragte Gerlinde irritiert und nippte mit besorgter Miene an ihrem frisch gepressten Orangensaft.

„Keine Angst, Gerlinde, ich brauche nur was Härteres, um diese Meldung aus der Zeitung verkraften zu können!“

„Und – was ist das für eine Meldung?“ fragte Gerlinde mit hochgezogenen Augenbrauen.

Stell dir vor, der König von Saudi-Arabien und sein ambitionierter Sohn Mohamed bin Salam wollen tatsächlich noch im 21. Jahrhundert den Frauen das Autofahren erlauben!“

„Wie das denn?“

„Ja – ab Juni 2018 – dürfen Frauen in Saudi-Arabien auch ohne Zustimmung ihres Mannes selbst ein Auto lenken. Ist das nicht der absolute Wahnsinn?“.

„Toll! Aber da steckt doch sicher irgendein mieser Ausbeutungsgedanke dahinter, wie ich diese Brüder kenne…“

„Vielleicht – aber bevor du vorschnell verurteilst, meine Liebe, sollten wir uns erinnern, dass auch in Deutschland noch bis 1958 der Ehemann das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder hatte.“

„Na – toll! Aber verschleiern mussten sich die Frauen damals nicht mehr, oder“?

„Nein das nicht – aber selbst wenn Männer ihren Frauen erlaubten zu arbeiten, verwalteten sie ihre Löhne!“

„Super – Zuhälter tun das ja heute noch für ihre Bordsteinschwälbchen“.

„Richtig, da ist eben die Welt noch in Ordnung in diesem patriachalen Milieu!“

„Mir scheint dir fehlt echt der Cognac, Carl! Alkoholisiert redest du nämlich weniger dummes Zeug…“

„Ja aber nur weil ich da meistens gleich einschlafe! Aber wo bleibt denn der unfähige Ober wirklich mit meiner Medizin?“

„Vielleicht ist die Kellnerin da flinker“, sagte Gerlinde, sprang auf und hetzte eine nicht unhübsche junge Kellnerin auf den schlafmützigen Ober.

„Und ohne Zustimmung des Mannes“, fuhr Carl, der offensichtlich nicht mehr zu bremsen war, fort „ durften Frauen noch bis 1962 kein eigenes Bankkonto eröffnen. Was sagst du dazu?“

„Siehste, lieber Carl, genau deshalb will ich vom Heiraten nichts wissen, damit mir das nicht passiert!“

„Diese Vorsichtsmaßnahme, wäre allerdings nicht mehr notwendig, liebste Gerlinde, da schon seit 1969 jede verheiratete Frau in Deutschland voll geschäftsfähig ist.“

„Mensch – das ging ja dann wohl in atemberaubendem Tempo damals voran mit der Emanzipation der Frau – bestimmt war da vor allem die CSU der gnadenlose Schrittmacher…“

„Spötterin“, feixte Carl und wartete immer ungeduldiger auf seinen Cognac…

„Du bist wirklich arm mit deinem Cognac, Carl! Wenn du willst kannst du gern zwischenzeitlich ein bisschen an meinem Orangensaft nuckeln…“

„Soweit wird’s noch kommen, dass wir Männer nicht einmal mehr unseren Cognac süffeln dürfen…“

„Ich fang gleich zu heulen an, Carl“!

„Ja – tu’s nur, sonst heul nämlich ich!“, stöhnte Carl.

„Dazu gibt’s aber wirklich keinen Grund, lieber Carl – außer der Tatsache, dass dein Cognac nicht bei kommt seid ihr Männer nämlich wirklich in keinster Weise zu bedauern, oder?“

„Oh – oh – und was ist mit der ‚ewigen Kanzlerin’ bitte, die ist doch nicht nur Honeckers späte Rache sondern auch die Rache aller Frauen an den Männern für erlittenes Unrecht, oder?“

„Du übertreibst wie immer, Carl!“

„Ich übertreib nicht, denn die ‚ewige Kanzlerin’ würde ja selbst ‚ausgestopft’ noch von allen Frauen und Alten gewählt werden …“

„Statt so dummes Zeug daherzureden, solltest du dich lieber selbst an deine dicke Nase fassen“!

„Wieso das..?“

„Schau dir doch deine ‚männlichen Prachtexemplare’ an – zum Beispiel diesen wunderbaren Herrn Schulz – oder den küssenden Herrn Junker – oder diesen göttlichen Herrn Trump – samt dem grinsenden Kim Jong Un – oder den ewig bayrisch dahersabbernden Herrn Seehofer… oder – oder – oder … im Vergleich zu diesen ehrenwerten Herren ist mir doch selbst eine ausgestopfte Kanzlerin’ immer noch hundert Mal lieber…“

„Leider muss ich dir da ausnahmsweise – höchst widerwillig – zustimmen, liebe Gerlinde: die derzeit agierende Männergilde ist wirklich ein selten erbärmlicher Haufen!“

„Siehste, Carl…“! sagte Gerlinde und unterdrückte taktvoll jegliches Triumphgefühl!

„Aber Gott hat dennoch ein Erbarmen mit uns Männern, Gerlinde:  denn endlich kommt mein sehnlichst erwarteter Cognac!“

Tatsächlich kam wie aus dem Nichts plötzlich die freundliche Kellnerin angetrippelt und platzierte, begleitet von tausendfachen Entschuldigungen und Verrenkungen für die unendlich lange Wartezeit, direkt vor Carl einen riesigen Cognac-Schwenker in den er praktisch hineinspringen hätte können. Und ehe  Gerlinde sich versah hing auch tatsächlich schon sein Kopf bis zum Hals drinnen…

Nur so war auch zu erklären, dass Carl nämlich, gleich nachdem die niedliche Kellnerin höchst ansehnlich wie ein Gazellchen entfleucht war, ganz nüchtern feststellen konnte, dass trotz aller derzeitiger gefühlter Überlegenheit des weiblichen Geschlechts, doch niemand ernsthaft bestreiten könne, dass selbst diese reizende Kellnerin sich immer noch auf ‚Ober’Schenkeln fortbewegt…also was sollte dieses ganze Überlegenheitsgetue? Letztlich waren die Frauen, wie eh und je, doch nur ein ‚Stück vom Mann’, oder?

KH

Klaus Hnilica
Freitag, der 8. September 2017

Nackter Schneckenterror

Carl und Gerlinde (Folge 53)

Irgendwie konnte Carl, diese jäh aufflackernde Mordlust in den Augen seines Nachbars Konrad gut nachvollziehen, wenn das Wort ‚Nacktschnecke’ fiel!

Schließlich hatte dieser friedfertige Solaranlagenbetreiber einen stattlichen Garten – mit einer Unmenge Gemüse und prächtigen Blumenrabatten. Ähnlich wie er selbst! Und er, Konrad, wollte sich und seine Familie auch nicht durch übermäßige Schneckenkorn Anwendung mit ‚Metaldehyd’ vergiften?

Was also tun? Wenn jeden Sommer bei Einbruch der Dunkelheit diese ekelhaften, fingerdicken, braunen ‚Schleim-Schleicher’ wie mordende Guerillabanden sich von allen Seiten des Gartens lautlos über wehrlose Zucchinipflänzchen und frisch gepflanzten Tagetes hermachten, und sich erst am frühen Morgen, wenn alles gnadenlos abgefressen war, wieder hinterhältig in ihre Efeu umrankten Verstecke zurückzogen?

Kein Wunder, dass da nicht nur Konrad sondern auch viele andere Gartenbesitzer mit Kopflampen, Gartenscheren oder messerscharfen Spaten, wie südamerikanische Mordbrigaden durch ihre Gärten streiften und ihr tödliches Handwerk verrichteten – und zwar genau so lautlos und unerbittlich wie diese schleimigen ‚Schneckenmonster’!

Ja – Carl musste zugeben, dass er sich auch liebend gern an derartigen Rachefeldzügen gegen diese ‚Nacktschneckenpest’ beteiligt hätte. Und dass er mit Taschenlampe und Gartenschere auch schon mal heimlich unterwegs war, wenn Gerlinde sich abends außer Haus herumtrieb. Aber deswegen ‚Dauerkrach’ mit Gerlinde provozieren – das wollte er unter gar keinen Umständen!

Schließlich war sein Gerlindchen leidenschaftliche Tierschützerin, die keinem Tier etwas zu leide tun konnte und sich deswegen meistens auch vegetarisch ernährte! Außer ein überfallsartiger Heißhunger zwang sie spontan, einen Berg Schweineschnitzelchen zu braten, oder eine Lammkeule zu schmoren. Oder noch schlimmer, eine hinterhältige Schnake oder Bremse erdreistete sich, nicht in Carls Unterarm zu stechen, sondern ihren lilienweißen Nacken zu attackieren: da konnte sie schon mal todbringend zuschlagen!

Gott – was  war das nur für ein Theater gewesen, als er vor zwei Jahren mit Bierfallen dem Nacktschneckenterror beizukommen versuchte und  dazu mehrere mit Bier gefüllte Marmeladegläser im Garten  schneckenstrategisch versenkt hatte! Und diese Gläser morgens – wie es sein sollte – rammelvoll mit ertrunkenen Nacktschnecken waren. An sich kein unschöner Tod – sollte man meinen – so im ‚Krombacher’ zu ertrinken. Aber sein sensibles Gerlindchen war da anderer Meinung!

Sie bekam fast einen Schreianfall, als er ihr unvorsichtiger Weise eines der gut gefüllten Gläser mit den ‚ausgeschleimten’ Nacktschnecken zeigte, bevor er sie in die Kanalisation entsorgte.

Zugegeben –  richtig appetitlich sah das nicht aus!

Aber besonders gelitten hatten diese armen Schneckchen mit ihren winzigen Gehirnen auch nicht, nach allem was er darüber gelesen hatte.

Da Gerlinde aber selbst in mehrstündigen Gesprächen davon nicht zu überzeugen war, wurde ihm schnell klar, dass er vielleicht den Kampf gegen die ‚Nacktschnecke’ auf diesem Weg gewinnen konnte, aber seine ‚nackte Gerlinde’ dabei sicher verlor! Das war die Sache natürlich nicht Wert, da sollten diese goldigen Schneckchen doch lieber ungehemmt den ganzen Garten auffressen – wenn sie und Gerlinde das denn so wollten!

Völlig unerwartet kam die Lösung des Problems dann ausgerechnet von Gerlindes Freundin Hannelore! Denn Hannelores tierlieber Kurt hatte  nämlich folgendes Vorgehen gegen die böse Nacktschnecke entwickelt: morgens streifte er mit Teilen der FAZ vom Vortag durch das taufrische Gras seines Gärtchens und sammelte mit den riesigen Doppelblättern der Zeitung immer zwei oder drei gut gesättigte Nacktschnecken auf ihrem schleimigen Nachhauseweg ein, packte noch das eine oder andere Blatt einer angenagten Funkie dazu und formte anschließend handliche, mehrschichtig verpackte Päckchen,  umspannt von Gummiringen.

Diese drei bis vier täglichen Päckchen im Sommer mit den noch lebenden Nacktschnecken verschwanden anschließend lautlos in der Biotonne –  und außer den Schnecken waren alle glücklich!

Natürlich durfte die Papierschicht dieser ‚Schneckenpost’ nicht zu dünn sein, sonst war in ‚Null Komma nix’ alles durchgeschleimt und die niedlichen Nacktschneckchen saßen anderen Tags morgens schon wieder munter auf der Unterseite des Biotonnendeckels und das Verpackungsprozedere konnte von Neuem beginnen, und zwar so lange bis die Tonnen montags entleert wurden.

Tja – und genau das war die Schwäche dieses von Carls Tierfreunden  konzipierten ‚Nacktschneckeneliminierungsprogramms’!

Carl entdeckte nämlich plötzlich bei sich eine bisher unbekannte Sentimentalität, als die eine oder andere ‚schleimige Pflanzenfresserin’  trotz sorgfältigster Verpackung auch bei ihm wieder morgens am Rand oder unter dem Deckel der Biotonne saß und gottergeben vor sich hindöste!

Komisch? – plötzlich taten ihm die schleimigen Monsterchen, die noch gestern seine Zucchini angenagt hatten, auf einmal leid und er merkte verschämt, dass er nicht mehr die Kraft besaß, diese Biester wieder in die Tonne zurück zu schicken, nachdem sie sich so tapfer aus ihren ‚FAZ – Verließen’ befreit hatten, sondern musste ihnen –  fast zwanghaft die Freiheit schenken…

Gerlinde und Hannelore zerdrückten sogar ein paar Tränchen, als er ihnen unlängst diese Schwäche bei einem Glas Bier beichtete – soviel Sensibilität hatten sie diesem gelegentlich doch recht groben Carl nie und nimmer zugetraut. Rührend war das – wirklich rührend…

Nach der dritten Flasche Bier fand Carl das genau so rührend, wie seine beiden Verehrerinnen, hielt es aber für klüger, lieber nicht zu erwähnen, dass er diesen ‚Wenigen die durchkamen’ schon die Freiheit schenkte –  aber natürlich die viel, viel verlockendere Freiheit im Nachbargarten – und nicht in seinem!

Und da ja Nacktschnecken von Natur aus verschwiegen sind, bestand auch keinerlei Gefahr, dass dieses kleine Geheimnis zwischen ihm und den Nacktschneckchen jemals ans Tageslicht drang…

KH

 

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 17. August 2017

„Don Carl“ – oder der heroische Kampf um die Unterhose

Carl und Gerlinde (Folge 52)

Mit größerem Vergnügen war Carl in jüngster Zeit selten in seine Unterhose gestiegen! Es war dieses herrliche Gefühl des ‚Umhüllt seins’, des ‚Geschützt seins’, das er genoss.

Ein Genuss, den er sich neuerdings sogar mehrfach am Tag ins Bewusstsein rief – und der sich seltsamer Weise noch verstärkte, wenn er tagsüber durch unauffälliges Herumzupfen an seinen Hosen das darin eingeengte Gemächt neu positionieren durfte!

Ja – „durfte“ – nicht „musste“ – wie er es früher empfunden hatte!

Denn seit offensichtlich vom Süden Deutschlands her sich eine Bewegung breit zu machen drohte, in der sich die üblichen Verdächtigen /1/ mit Bayrischer Wollust über die Herrenunterhose hermachten, die in der christlich–abendländischen Kultur seit bald 300 Jahren bestens verankert war, läuteten bei Carl in mehrfacher Hinsicht die Alarmglocken!

Ja – es war geradezu ein ‚Schock mit Aura’, der sich in Carl breit machte, als er am 13. August 2017 in den sozialen Netzwerken auf diesen besagten if-blog–Eintrag /1/ stieß, in dem in nicht allzu ferner Zukunft einer Welt ohne Herrenunterhosen das Wort geredet wurde: einer Welt, in der von einem Tag auf den anderen jegliches berechtigte Tragen einer Unterhose bei Männern in Abrede gestellt wurde, da offensichtlich sämtliches Wundreiben, lästiges Jucken, ekelhaftes Kitzeln und männlichkeits-bedrohendes Einzwicken in messerscharfe Reißverschlüsse ganz offensichtlich ignoriert, geleugnet oder unter einen ‚Kaftan’ gesteckt wurde.

Einem ‚Kaftan’, der angeblich nur der Freiheit diente – nämlich der Freiheit des ‚hemmungslosen Baumeln lassen des Gemächts’ und des damit verbundenen ‚angeblichen Wohlgefühls’!

Dies natürlich mit unabsehbaren Folgen für Leib – Leben – Gesundheit – Moral – Gesellschaft und Wirtschaft! Nicht nur für Deutschland und der Europäischen Union, sondern letztlich für das gesamte christliche Abendland und Tausende von Unterhosen produzierende Arbeiterinnen und Arbeiter.

Und war der Zeitpunkt wirklich zufällig?

Hatte nicht erst vor wenigen Monaten Putin in der gesamten Eurasischen Wirtschaftszone sämtliche Aktivitäten im Bereich der Damendessous verboten mit ähnlich verheerenden Folgen für TRIGA?

War das etwa nun der ausgleichende gender-erforderliche Gegenschlag gegen die Herren der Schöpfung, nach dem vorher gegen die Damenwelt gewütet worden war?

Und war es wirklich Zufall, dass diese Kampagne ausgerechnet von Bayern ausging? Oder war das vielleicht doch ein abgekartetes Spielchen zwischen Putin und Seehofer?

Aber als Carl all diese Aspekte in der wenige Tage zurückliegenden Besprechung zur ‚Entwicklung neuer Marketingstrategien’ bei TRIGA vorbrachte, war er nicht nur entsetzt über die Gleichgültigkeit seiner Kolleginnen und Kollegen, sondern vor allem über die Reaktion von Bernie – d.h. von Dr. Osterkorn – dem Leiter des Bereichs Trikotagen bei TRIGA: denn der schien die Tragweite dieses Vorgangs in keiner Weise zu begreifen – wie so oft fehlten ihm auch dieses Mal wieder die Antennen für neue Trends in Mode und Gesellschaft!

Übrigens ähnlich wie Gerlinde beim morgendlichen Frühstück!

Die auch nur lachte und ihn, Carl, fast mitleidig als Spinner abtat, der wieder einmal Gespenstern hinterherlief. Und als Carl daraufhin beleidigt aufstand, ohne seinen Frühstückskaffee mehr »

Klaus Hnilica
Samstag, der 8. Juli 2017

Ehe für alle? Nicht für Carl…

Carl und Gerlinde (Folge 51)

Nein – bitte nicht! Alles nur nicht heiraten…“ hörte Carl seine Gerlinde stöhnen, als er auf wunden Knien vor ihr lag und mit treuem Hundeblick zum x-ten mal um ihr schlankes Händchen anhielt.

   Aufrecht, aber leichenblass, murmelte Gerlinde in einem hässlichen pinkfarbenen Kleid aus Brüssler Spitze immer den gleichen Satz: „Nein bitte nicht! Alles nur nicht heiraten! Nein bitte nicht! Alles nur nicht heiraten…!“, während sie nervös mit spitzen Fingern an einem Margaritenkranz in ihren Haaren nestelte. Doch Carl starrte sie mit glasigen Augen an, führte hastig einen weiteren goldenen Ring über ihren rechten Ringfinger, obwohl alle viel zu weit waren und immer wieder von ihrer herabhängenden  verschwitzten Hand herunter glitten –  als er es aber fast geschafft hatte und ihre rechte Hand quasi mit einem herrlich glänzenden, güldenen Finger ausgestattet war, schnellte sie mit einem animalischen Schrei hoch und stürzte durch Carl hindurch ins Freie

Schweißgebadet wachte Carl auf!

Sein Inneres bebte; er benötigte eine gute halbe Stunde bis er sich einigermaßen beruhigt hatte.

Gerlinde, die gerade noch wie eine nordkoreanische Rakete durch ihn hindurch gerast war, schnarchte gemütlich neben ihm. Gelegentlich war es eher ein Bellen, was sich aus ihrer Kehle zwängte! Vereinbarungsgemäß piekste er sie dann so lange in ihren rechten Oberarm, bis sie sich in eine Seitenlage bequemte und nur mehr ein frühlingshaftes Säuseln von sich gab…

Leider verfolgte Carl dieser ‚Hochzeitsalptraum’ in jüngster Zeit immer häufiger!

Das  heißt genau genommen seit dem 30. Juni 2017, als der Bundestag nach Angela Merkels hurtiger ‚Ehewende’ mit deutlicher Mehrheit für die Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts stimmte. Ja –  seither überfiel ihn dieser Alptraum in wechselnden periodischen Zeitintervallen!

Da half auch keine Diskussion mit Gerlinde – oder mit Hannelore und Kurt! Im Gegenteil – die ‚Alptraumfrequenz’ steigerte sich dann sogar, denn Carl sah sich immer deutlicher in ein ‚deprimierendes Abseits geschoben: Tatsache war nämlich, dass ab sofort – außer Verwandte –  alle heiraten konnten und in die überlegene Kategorie der ‚Ehepaare’ aufstiegen, mit all den untrüglichen Merkmalen, wie Eigenheim, Garten, Auto, Kind, Hund – und eben auch einer Ehepartnerin, die man in Gesprächen mit anderen oder bei Geschäftsessen und beim Vorstellen einfach ‚meine Frau nennen konnte!

Angehörige dieser Kategorie wussten, dass sie es geschafft hatten: Sie waren im Leben angekommen, hatten eine der wichtigsten Normen unserer Gesellschaft erfüllt! Ganz egal wie lang diese Norm hielt?

Während Paare wie er, Carl, und seine widerborstige Gerlinde in dieser ‚normierten Gesellschaft’ gerne mit einer Mischung aus Mitleid, Ablehnung und heimlichen Neid konfrontiert waren. Ja  sie  wurden sogar –  für seinen Geschmack viel zu oft – in einen Zustand des ‚Noch – Nicht’ bugsiert! Nämlich, dass sie trotz ihres fortgeschrittenen Alters immer noch nicht die Partnerin, bzw. den Partner fürs Leben gefunden hatten, und ihr Leben wegen ihrer Ungebundenheit letztlich nur ein Leben im Aufschub war: im echten, seriösen Leben waren diese Paare noch lange nicht  angekommen.

Insbesondere Carl nicht ,mit seiner ‚Mätresse’, wie einige seiner Freunde Gerlinde ihm gegenüber immer wieder titulierten, wenn ihr Alkoholpegel jenes Maß erreicht hatte, bei dem Wahrheit nicht nur auf der Zunge lag, sondern sich auch nur allzu leicht aus ihren schmierigen Mäulern schlängelte.

Andererseits, wer war sie denn wirklich, seine Gerlinde?

War sie seine Freundin? Oder seine Lebensgefährtin? Oder seine Partnerin? Seine Putzfrau oder sein Lustobjekt? Oder was eigentlich…

Doch seiner Gerlinde ging das leider alles an ihrem süßen Arsch vorbei! Für sie war Carls Herumgezänke weder nachvollziehbar noch stichhaltig. Vielmehr schrieb sie all seine Schwierigkeiten mit diesem fehlenden gesellschaftlich akzeptierten Begriff für Paare, wie er und sie es waren, immer nur seiner Verklemmtheit zu! Und seinem Alter! Beides hing natürlich eng zusammen, wie sie nachsichtig lächelnd, häufig betonte.

Und wenn sie gar nicht mehr weiter wusste, zitierte sie flugs die eine oder andere amerikanische Studie, in der wissenschaftlich nachgewiesen wurde, dass Männer, sobald sie den Bund der Ehe eingehen, unweigerlich und zwangsläufig an Pfunden zulegen – und dies nicht zu knapp! Und das wollte sie unter allen Umständen vermeiden: denn einen verheirateten Fettsack brauchte sie wirklich nicht. Da war ihr der fast schlanke Carl, im ‚Noch – Nicht’ – Zustand, bei weitem lieber!

Doch obwohl Carl in diesem Punkt in keiner Weise mit Gerlinde konform ging und nach wie vor seine nicht erklärbare singuläre Ehelosigkeit beklagte, musste er zugeben, dass Gerlindes abstruser ‚Fettleibigkeitsvorbehalt’ schon bald seine Alpträume noch grauenvoller gestalteten: denn auf sein Flehen, ihn endlich zu heiraten – antwortete sie plötzlich lachend „ja ich will!“

Doch in dem Moment, als er spürt, wie dieses hin gelächelte „Ja“ seine Seele erwärmte, übermannte ihn auch eine nicht zu bändigende Blähung, die ihn wie einen Heißluftballon immer runder und dicker werden ließ – bis es ihn mit einem lauten Knall  zerriss, und er spürte, wie seine Scham über diese Erlösung selbst die Wut über Gerlindes Lachen übertraf…

KH

 

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 1. Juni 2017

Eine unerhörte Bilanz!

Also das hatte er sich damals geschworen: wenn er, ‚Colonel’ Vatter – mit zwei „t“ – Siebzig würde und noch bei klarem Verstand wäre – dann würde er vor der gesamten Großfamilie Vatter – insbesondere seiner Frau Cornelia, Conny seiner Tochter und  seinem Sohn Corni, eine ‚Lebensbilanz’ erstellen! Und da er nicht umsonst von frühester Kindheit an mit dem Nicknamen ‚Colonel’ bedacht worden war, stand damit die ‚gnadenlose Bilanzierung seines Lebens’ unverrückbar fest.

Das heißt so eine ‚Art Bilanzierung’ stand fest! Wie bei der doppelten Buchführung!

Nämlich ein nüchternes Nebeneinander der ‚Aktiva’ und ‚Passiva’ mit anschließender ‚Saldierung’ wie auf einer Waage – stand fest!

Schonungslos und selbstkritisch wollte er unter den ‚Aktiva’ alles benennen, was ihm im Laufe seines großartigen Lebens gelungen war und wie er sämtliche Loser hinter sich gelassen hatte. Und bei den ‚Passiva’ natürlich all das, was den anderen misslungen war! Akribisch und vorurteilslos wollte er deren Misserfolge auflisten, wie sich das nach guter, alter Buchhaltermanier gehörte!

Nach seiner Meinung sollte nämlich jeder aufrechte Mann gegen Ende seines Lebens neutral und uneitel so eine Bilanz ziehen! Eine Bilanz bei der glasklar fokussiert und bewertet wird wo Erfolge vorliegen und wo andere versagt haben.

Selbst die eigene Familie durfte bei einer derartigen Bilanzierung nicht geschont werden, wenn sie denn mit einbezogen werden sollte.

Aber dann musste auch alles auf den Tisch! Und wenn’s nur der Esstisch war – weil der die größte Tafelfläche hatte. Für seine geliebte Cornelia natürlich ein Alptraum: denn dieser Esstisch quoll über vor steinharten Frühstückseiern, zähen Rinderbraten, verkokelten Schnitzeln, halbgaren Hühnerschenkeln, breiigen Bohnen, ausgehärtetem Milchreis und vielen, vielen anderen ‚Köstlichkeiten’ aus ihrer Küche!

Aber nach einem kurzen hysterischen Schreianfall hätte sie sich bestimmt eingekriegt und eingesehen, dass so eine Bilanzierung nur Sinn machte, wenn mit größtmöglicher Ehrlichkeit an sie herangegangen wurde.

Und wäre auf diesem ‚Esstisch der Lebensleistungen’ dann wirklich kein Plätzchen mehr frei gewesen, da etwa auch Conny und Corni ihre ‚Versagenspakete’ verstohlen hinzugefügt hätten, dann wäre er, der ‚Colonel’, natürlich bereit gewesen seine ‚Palette der Erfolge’ auch unter den Tisch zu platzieren. Schließlich war da jede Menge Platz und Conny und Corni hätten sehr anschaulich lernen können, wie die deutsche Spruchweisheit ‚Bescheidenheit ist eine Zier’ nicht nur plakativ vorgezeigt, sondern auch gelebt werden kann! Und hätten damit ganz praktisch erfahren, was die Kanzlerin unlängst gemeint hatte, als sie sagte, dass nur unsere ‚Werte uns einen Begriff von Heimat gäben’…

Ursprünglich dachte er ja, dass so eine ‚Lebensbilanz’ durchaus auch als eine Art ‚Zwischenbericht’, auf speziell Lebensabschnitte fokussiert werden konnte und sich beispielsweise in geeignetem Rahmen schon zu seinem Fünfzigsten Geburtstag gut machen würde – insbesondere bei seiner beispiellosen Karriere!

Doch leider drehte dann wenige Tage vorher seine geliebte Cornelia von einem Tag auf den anderen durch und wollte sich urplötzlich scheiden lassen. Nur weil sie wieder einmal aus einer Mücke einen Elefanten machte, der dieses Mal Marianne hieß! Dabei hatte Cornelia selbst diese Marianne in die Familie eingeführt. Gegen den Willen des ‚Colonels’!

Mein Gott wie himmelte sie die viel jüngere Marianne an! Ein Herz und eine Seele waren die beiden! Und jede Shoppingtour mit ihr, war wie ein Blick ins Paradies gefeiert worden. Cornelia konnte und wollte einfach nicht sehen, dass dieses goldige Mariannchen nur Unfrieden in die harmonische Familie Vatter trug.

Ja er, der ‚Colonel’, musste damals tatsächlich selbst Hand an diese Marianne legen und ihr eine Schranke nach der anderen aufzeigen, die sie nicht zu übertreten hatte – die sie aber immer wieder von neuem aufgezeigt bekommen wollte. Schlimm war das gewesen – an manchen Tagen hatte sie – kaum zu glauben –  bis zu drei Schranken übersteigen wollen!

Letztlich war der ‚Colonel’ heilfroh gewesen als Cornelia endlich eingesehen hatte, dass diese Marianne weg musste. Und zwar unverzüglich! Dass sich Cornelia dann aber in einer Art somnambulen Schockzustand auch gleich scheiden lassen wollte, war übertrieben und bedurfte dringend ärztlicher Behandlung. Natürlich ließ der ‚Colonel’ seiner geliebten Cornelia gegenüber alle nur denkbare Rücksicht walten und verzichtete ihretwegen auch ohne jedes weitere Wort auf den vorhin schon erwähnten ersten ‚Lebensbilanzzwischenbericht’ anlässlich seines Fünfzigsten Geburtstages: schließlich wäre ja in der geplanten Bilanzierung sehr unschön unter den ‚Passiva’ Cornelias Scheidungswunsch gestanden, während er unter die ‚Aktiva’ sein damaliges Aufrücken in den Konzernvorstand platzieren hätte müssen, wenn das Ganze Sinn machen und nicht nur eine plumpe Umdeutung der Wirklichkeit sein sollte.

Aber das wollte er natürlich Cornelia nicht antun! Die war verzweifelt genug!

Auch die Kinder waren dagegen gewesen. Die hatten ja auch kaum etwas vorzuweisen, was unter ‚Aktiva’ verbucht werden hätte können, so dass doch nur wieder er einsam und verlassen dort aufgekreuzt wäre…

Nein – das war schon gut gewesen, dass er damals zum Wohle aller auf diese erste ‚partielle Lebensbilanz’ verzichtet hatte – ein ‚Colonel’ konnte das unschwer verkraften!

Anlässlich des Sechzigsten Geburtstages hätte sich nach der damaligen Logik erneut eine ‚Bilanzzwischenberichtschance’ aufgetan! Er war auch bereit dazu gewesen und hatte Unmengen an Material zusammengetragen und aufgelistet. Aber dann kam dieser unsägliche Datendiebstahl in Mode, bei dem illegal erworbene Informationen über diverse Schweizer Konten den deutschen Finanzbehörden zum Kauf angeboten worden waren. Seit ewigen Zeiten war aus der ganzen Welt auf diesen Konten Schwarzgeld geparkt worden. Und siehe da, urplötzlich war jeder der ein, zwei Milliönchen mehr besaß ein Steuerhinterzieher – und weiß Gott was noch alles!

Klar, dass der ‚Colonel’ da seinen Kindern Conny und Corni ein leuchtendes Beispiel geben und den beiden mit einer der ersten Selbstanzeigen in Deutschland demonstrieren wollte, dass man keine Steuern hinterzog! Und dass man bei einer weißen Weste auch keinerlei Angst vor rechtstaatlichen Maßnahmen haben musste, die sich da plötzlich allerorts in Bewegung zu setzten begannen.

Als sich dann aber überraschend eine Woche vor seinem Geburtstag die Steuerfahnder zu eine Art ‚Vorfeier’ selbst einluden, meinte seine geliebte Cornelia, dass dieses eine Mal eher eine Feier im engsten Familienkreis angemessen wäre. Da ihre Nerven ohnehin stark angegriffen waren, stimmte der ‚Colonel’ natürlich sofort zu und verzichtete bei seinen wenigen Dankesworten auf jede Andeutung einer ‚Lebensbilanzierung’, da er ja bei seinem rigorosen Hang zu Ehrlichkeit und ungeschminkter Wahrheit doch nur wieder Unschönes aus seinem Umfeld hoch gewirbelt hätte. Von den immensen Schwierigkeiten, die sich durch die sehr angegriffene Gesundheit seiner hoch betagten Mutter und seinem noch älteren Vater  ergeben hatten, wollte er gar nicht reden. Beide hatten das anschließende Debakel der Europäischen Finanzwelt nicht lange mehr überlebt – dazu hatten sie viel zu viel Geld verloren…

Zu seinem Siebzigsten Geburtstag aber –  sollte es nun endlich mit der ‚Lebensbilanzierung’ klappen!

Zu mindest einer verknappten Version!

Alles Störende war ja nun weitgehend ausgeschaltet oder hatte sich selbst erledigt: wie etwa Cornelia, die sich vor fünf Jahren von ihrem ‚Colonel’ getrennt hatte und mit einem Musiker in Belgien lebte. Conny ging es angeblich in USA gut mit ihrer Familie, und Corni war in England Direktor eines bedeutenden Bankhauses.

Das Problem war allerdings jetzt, dass zwar niemand mehr störte, aber auch niemand mehr da war, dem er seine grandiosen Erfolge erzählen hätte können, außer den beiden versoffenen Neffen und der schielenden Cousine, mit der er seit dreißig Jahren kein Wort mehr gesprochen hatte! Und Marianne natürlich, mit der er seit sechs Jahren zusammenlebte, da sie nie aufgegeben hatte, alle ihr im Weg stehenden Schranken auch weiterhin zu durchbrechen!

Doch Marianne war zwar eine wundervoll, attraktive Frau, hatte aber keinerlei Verständnis für seine fast schon ‚krankhaft chronische Selbstbeweihräucherung’, wie sie sagte: im Gegenteil sie wollte selbst bewundert werden! Und all der Kram aus der Vergangenheit konnte ihr wirklich gestohlen bleiben!

Aber wenn er – der ‚Colonel’ – schon das Bedürfnis nach einer Bilanzierung seines Lebens verspürte, dann sollte er doch diese großartige Lebensleistung selbst zu Papier bringen! Quasi als Vermächtnis an die gesamte Familie Vatter. Und Zeit hätte er doch jetzt auch, oder?

Mit diesen Worten drückte sie ihrem ‚Colonel’ begleitet von einem hinreißenden Lächeln ein nagelneues, absperrbares, ledergebundenes Notizbuch in seine von Altersflecken übersäten Hände, sowie einen flüchtigen Kuss auf die ausgetrockneten Falten seiner bereits bis zum Nacken reichenden Stirn.

Doch wenn ihm das alles zu mühselig sein sollte, säuselte Mariannchen, könnte er ja auch direkt an Inge, der Putze, die ihn wie immer bestens umsorgen werde, seine Lebensbilanz herantragen: da sie ihr Hörgerät ohnehin meist ausgestellt hatte, könnte er ihr ja tagtäglich aus seinem großartigen Leben berichten – und  dabei in einem Aufwasch auch alle kleinen, großen und noch größeren Schweinereien haarklein in seine Lebensbilanz mit aufnehmen! Da sei doch eine prima Beschäftigung für einen Mann in den besten Jahren! Und freudestrahlend teilte sie ihm – ohne Atem zu holen – mit, dass sie nun aber husch, husch zu ihrem Flugzeug müsste, da sie mit ihrem gemeinsamen Töchterchen Carola zum Golfen in die Algarve flöge! Dabei fächelte sie ihrem ‚Colonel’ atemlos selbst noch von der bereits offen stehenden Tür eine ganze Salve warmherzigster Küsschen zu…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 18. Mai 2017

Der Sturz

Ich weiß nicht mehr, wer mir diese Geschichte erzählt hat. Vielleicht der Reiseführer auf der Fahrt ins ‚Manrique Museum’? Oder diese Geologieprofessorin aus Brandenburg? Seit acht Jahren kommt sie im März ins ‚Lanzarote Park Hotel’ in Playa Blanca und liest auch spanische Tageszeitungen, nicht nur dieses dämliche Inselmagazin Lanzarote 37°. Oder hat mir sogar Pedro diese Geschichte als eine seiner nicht zu überbietenden ‚Sprachensalat ’- Variationen an der Pool-Bar serviert?

Ich weiß es nicht mehr…

Aber immer ging’s um diesen zahnlosen Straßenmusikanten!

Ein Schandfleck auf der endlosen meeresnahen Promenade im Südwesten von Lanzarote. So verdreckt und unappetitlich sollte der da nicht sitzen dürfen. Das geht nicht! Nicht auf dieser fantastischen EU–finanzierten Promenade! Auf der bis tief in die Nacht hinein hunderte von Menschen pilgern.

Dieser ‚musizierende Drecksack’ lungert ja nicht nur auf seinem rostigen Klappstuhl vor der letzten Brache an der Promenade herum, wo man ihn kaum wahrnehmen würde, sondern neuerdings fast ausschließlich an der gemauerten Promenadenbrüstung.

Was für ein Auftritt da: ein ‚musizierender Müllhaufen’ vor dem sonnenbestrahlten ewig glitzernden Meer! Mit einem schmierigen Hut am Boden und einem Käppi auf sonnenverbranntem Schädel! Und zwei Triefaugen wie Pfützen…

Meist sabbert er in eine Melodica – eine Art Tastenflöte – aus der immer die gleiche Melodie kriecht. Doch seltsam anrührend! Das muss man ihm lassen. Vielleicht ist es sogar etwas von Mozart? Wenngleich es zu schwermütig sein mag? Leider konnte ich das nie herausfinden.

Als der Konzertsaal in Jameos del Agua in der „Lavablase“ vor sieben Jahren geschlossen worden war, weil Steine aus der Decke fielen, spielte dieser Schandfleck auch schon auf der Promenade in Playa Blanca. Damals soll er sogar ein ziemlich reichhaltiges musikalisches Portfolio gehabt haben.

Und während das Vulkangestein über der Decke mit speziellen Harzen verklebt wurde, saß er auch jeden Tag da. Von den sechs Millionen Euro, die das gekostet haben soll, verlor sich vielleicht sogar der eine oder andere Cent in seinen schäbigen Hut. Wer konnte das schon wissen? Der ‚musizierende Müllhaufen’  sicherlich nicht.

Und dieses Einweihungskonzert anlässlich der festlichen Neueröffnung des renovierten Konzertsaales in Jameos del Agua  ging bestimmt auch vollkommen an ihm vorbei, ebenso die Tatsache, dass der berühmte englische Dirigent John Miguel Smith dirigieren würde und sich sogar Vertreter des spanischen Königshauses angesagt hatten.

Doch dass dieser höchst eitle John Miguel Smith mit seiner viel zu jungen Begleiterin ausgerechnet einen Tag vor diesem pompös angekündigten Eröffnungskonzert vor ihm – dem ‚musizierenden Drecksack’ – ganz blöd gestolpert und im wahrsten Sinn des Wortes in voller Länge hingedonnert war, das hatte er mitbekommen.

Und die spanischen Flüche des feinen Engländers vermutlich auch!

Dabei hatte Betty noch, „attention John“, gerufen, da er offensichtlich eine seltsam einschmeichelnde Melodie wieder erkannte und nur noch Augen für den zerlumpten Verursacher dieser Melodie hatte – aber da war es schon zu spät! Er klatschte in voller Länge auf das gediegene braune Pflaster der Promenade hier in Playa Blanca…

Schimpfend sprang er sofort wieder hoch, begutachtete entsetzt seine grässlich aufgeschürften Hände und Ellbogen, bewegte wie ein Wahnsinniger seine malträtierten Finger und strich immer wieder kopfschüttelnd über das am Bauch aufgerissene blutige T-Shirt.

Dass er sich beim Sturz auch das klobige silberne griechische Knotenkreuz vom Hals gerissen hatte, merkte er erst, als Betty es ihm mit Tränen in den Augen entgegenhielt. Wie ein Greifvogel schnappte er zu und warf es dem vor Entsetzten erstarrten Straßenmusikanten in seinen schmierigen Hut.

Hastig zog er Betty mit sich fort, um schnellstens der aufgeschreckten, gaffenden Menschenmenge zu entkommen. Seine einzige Sorge galt wohl nur noch dem morgigen Eröffnungskonzert in der „Lavablase“! In Jameos del Agua! Und seinen zerschundenen Armen, dem aufgeschürften Bauch, den blutenden Händen und seinem aufgeschlagenem Kinn. Und hoffentlich hatte ihn niemand erkannt – ihn, den berühmten John Miguel Smith, als er wie ein hingeknallter Frosch bäuchlings die Promenade küsste…

Welch eine Demütigung!

In mindestens einem Fall schien sich allerdings diese Hoffnung nicht erfüllt zu haben: denn als der ‚musizierende Müllhaufen’ seine Schockstarre überwunden hatte und nach dem Kreuz zwischen den wenigen Münzen in seinem Hut fingerte, ging urplötzlich ein seltsames Leuchten über sein vom Alkohol zerstörtes Gesicht, ein Leuchten, das auch noch anhielt, als sich das zahnlose Maul auftat und ein fragendes „Miguel?“ herausdrang…

Und dann wieder: „Miguel – Miguel,  bist du’s?“

Immer aufgeregter wurde der Straßenmusikant, immer panischer,er ließ die vor Schmutz starrende Melodica fallen und drückte auch mit seiner linken Pranke an dem Silberkreuz herum – und immer wieder krächzte er: „Miguel !…Miguel !!…Miguel…!!!“

Aber John Miguel Smith war längst  außer Sicht- und Hörweite, ja er hetzte  wie ein weidwundes Tier mit seiner vollkommen aufgelösten Begleitung die Promenade entlang, um sich schnellstens in seinem Unterschlupf im Hotel Vulcano zu verkriechen!

Da der berühmte Dirigent Smith bekanntermaßen sich jedes Herumschnüffeln in seiner Vita verbat und erbarmungslos sämtliche noch so geringfügige öffentliche Vermutungen beklagte, verhallten auch diese verzweifelten Rufe des alten Mannes im Geplätscher des an der Lavaküste züngelnden Meeres nahe der Promenadenbrüstung.

Trotzdem hatte ich, wie gesagt, irgendwo aufgeschnappt, dass der Straßenmusikant deshalb, und nur deshalb seit damals, diese eine besagte ‚einschmeichelnde Melodie’, die ich bis heute nicht identifizieren konnte, spielt, da er immer noch hofft, sein Miguel – um den er sich als Kind einen Dreck geschert, ja ihn sogar zur Adoption freigegeben hatte – doch noch eines Tages vorbei kommt, und ihn, seinen angeblichen Vater, auf einen Brandy ‚Carlos III’ einlädt…

Ob es wirklich der ‚Carlos III’ ist, von dem dieser vermüllte ‚Musikus’ träumt, dafür möchte ich mich allerdings nicht verbürgen, aber ich lade jeden, der mir etwas Neues über John Miguel Smith zu erzählen vermag, zu einem ‚Carlos I’ in den vorgewärmten Gläsern des Café ‚Gilbert’ an der Promenade in Playa Blanca ein – denn irgendwie sollte dem alten, ‚musizierenden Drecksack’ geholfen werden, meine ich, und warum nicht mit einem guten Brandy?

PS:
Erwähnt sei noch, dass alle Personen und Handlungen dieser Geschichte erfunden sind, doch an dieser Melodie, die zum Sturz des Dirigenten führte, bleib ich dran, die muss ich unbedingt herausfinden…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 20. April 2017

Lanzarote oder die gestörte Urlaubswelt des Carl S.

Carl und Gerlinde (Folge 50)

Carl wusste schon immer, dass er nie und nimmer auch nur einen einzigen Tag, ja selbst nur wenige Stunden oder Minuten und Sekunden Urlaub auf den Kanarischen Inseln verbringen würde – und auf Lanzarote schon gar nicht!

Was sollte er auch in dieser pechschwarzen Lavakacke, in der absolut nichts Vernünftiges wuchs, in der aber trotzdem unentwegt neue überfütterte Touristenhorden aus Deutschland und England sich vor Entzücken krümmten, weil sich schon wieder ein zartes grünes Hälmchen nach läppischen zweihundertfünfzig Jahren aus einem erkalteten Magmahaufen vor ihren Augen gen Himmel reckte und bestimmt innerhalb der nächsten Jahrhunderte mit einer Wachstumsgeschwindigkeit von mindestens Neunzehntelmillimeter pro Jahrzehnt der Sonne entgegenraste…

Was sollte dieses Hälmchen auch anderes tun, wo es doch keinerlei Grundwasser in diesem Urlaubsparadies gab und auch der ach so Leben spendende Regen höchstens an achtzehn Tagen bestenfalls ein klitzekleines Bisschen zu tröpfeln gedachte, so dass es selbst die fünfundzwanzig Millionen Jahre alten Vulkankegel neben den Magmawüsten nur zu einem quasi hingehauchten Grünschleier auf ihren kargen Flanken gebracht hatten, da in keiner Vulkanregion der Welt jemals auf derartige Touristenmassen so wenig Regen gefallen war und weiterhin fallen wird – wie auf Lanzarote!

Nee – da wollte Carl nicht hin – nicht ums Verrecken!

Dass er dann trotzdem mit Gerlinde in einer Condor Maschine Richtung Lanzarote saß, war eher ein Versehen und wohl ausschließlich der Tatsache geschuldet, dass er nach den letzten quälenden dreiundvierzig Arbeitswochen dringend ein paar Tage Erholung von seiner Firma und von Gerlindes kanarischem Urlaubsgebrabbel benötigte, mehr war dazu nicht zu sagen! Außer, dass das von Gerlinde gebuchte Iberostar Hotel mit Meerblick auf den ersten Blick und mit einigen Abstrichen gar nicht so übel zu sein schien!

Wenngleich diese Fülle an Meer vor der Nase spätestens nach fünf Tagen schon etwas langweilig wurde, trotz dieses wirklich herrlichen Blau, das es gelegentlich zeigte – das Wasser – und dann Grau und Graublau und mit weißen Schaumkronen bestückt und natürlich in der Nacht eine pechschwarze Schwärze, wenn sich nicht gerade die komisch verdrehte Mondsichel drin spiegelte. Aber zu einer grundlegenden Aufhellung von Carls gestresster Gemütssituation trug dieses barocke Farbenspiel dennoch nicht bei, denn in letzter Konsequenz war dies alles ja doch nur Wasser, Wasser und wieder Wasser – und keine Gebirgslandschaft mit Gletschern, Schluchten und Adlerhorsten, selbst wenn Gerlinde das nicht wahr haben wollte und jedem Genörgel in Sachen Meer sofort einen  Flunsch wie eine Riesenwelle entgegenrollen ließ.

Und  was dieses besagte Meer betraf, gab es auf Lanzarote auch kein Entrinnen entlang der endlosen Promenade!

Nein das war nicht möglich!

Denn wenn sich Carl in Gerlindes Gefolge von Südwesten nach Nordosten bewegte, hatte er es auf der rechten Seite, und andersrum,  von Nordosten nach Südwesten, logischer Weise auf der linken Seite, das Meer! Und wenn er in einem der Millionen Lokale entlang dieser Promenade seinen aufwendig servierten herrlich angewärmten Brandy ‚Carlos I’ schlürfte, hatte er es nicht links oder rechts, sondern natürlich vor der Nase, und bei ‚Garnelen mit Knoblauch’ auch. Und bei Pizza mit anschließendem Cortado auch – außer – er huschte schnell einmal auf die Toilette – anders war diesem aufdringlichen Meer nicht zu entkommen…

Und natürlich umwehte dieses penetrante Meer ein immer noch penetranterer Wind, der oft ein Sturm war und vormittags eisigkalt Carls Haare nach Südosten stellte, wenn er sein Käppi vergessen hatte, und nachmittags getarnt als warmer ‚Calima’ aus dem hundertsechsundvierzig Kilometer entfernten Afrika seinen schütteren Haarschopf gen Westen föhnte und quasi als kostenlose Draufgabe noch beide Nasenlöcher mit feinstem Saharasand auffüllte. Und Gerlindes goldige Nasenlöchelchen auch.

Klar, dass das Meer auch beim mittäglichen Essen ein paar kräftig planschende Wörtchen mitzureden hatte: hatten Carl und Gerlinde nämlich nach neunzig Minuten endlich einen Tisch in Meeresnähe erkämpft, der gerade von einem gewissenhaften Kellner gesäubert und von einem anderen eingedeckt und mit Speisekarten bestückt wurde, so dass wieder ein anderer die Bestellung des ‚Cervezas’ übernehmen konnte und der nächste Kellner nach zwanzig Minuten die der Speisen, so war die Schlacht noch lange nicht geschlagen, da nämlich der plötzliche mittägliche Kellnerwechsel selbstverständlich eine vollkommene Neubestellung der gewünschten Knoblauch-Garnelen und Sardinen erforderte.

Aber was machte das schon, Carl war doch mit Gerlindchen im Urlaub und sie hatten doch diesen absolut himmlischen Blick auf ein tief blaues Meer das selbst noch am Horizont mit dem Blausein nicht aufzuhören gedachte…

Doch wenn dann endlich die bestellten Sardinen nach weiteren dreißig Minuten ankamen, deutlich später als Gerlindes brutzelnde ‚Knoblauch-Garnelen im Pfännchen’, sahen sie selbst für Gerlindes kritisches Carlchen überraschend verlockend aus. Leider auch für die gar nicht scheue Möwe auf der gefährlich nahen Promenadenbrüstung, denn schneller noch als Carl mit der Gabel an seiner ersten Sardine war, war die Möwe mit ihrem Schnabel an seiner zweiten.

Verdutzt schaute ihr Carl nach, als sie mit ihrer Beute flink auf dieses verdammte Meer hinausflog. Da Gerlinde lachend dasselbe tat, konnte er allerdings sein Missgeschick wenigstens dadurch lindern, dass er unbemerkt ihr schnell ein paar Knoblauch-Garnelen entwendete und mit ihrem Cerveza runterspülte.

Dieser Kampf ums Essen setzte sich natürlich am Abend im Speisesaal fort: hier waren es aber nicht die Möwen, die Carl und Gerlinde die noch halbvollen Teller leerten, sondern ein übereifriges Heer von fleißigen Bediensteten, die offensichtlich im Akkord entlohnt wurden, denn was sonst hätte sie veranlassen sollen, derart gewandt ihren Gästen die Teller weg zu ziehen, dass diese nicht selten ihre Gabeln versehentlich in den Tisch rammten, wenn sie nach dem letzten Fitzelchen Geschnetzeltes oder geschmorten Paprika stachen, und nicht selten wurde während eines einzigen Frühstücks dreimal der Tisch abgeräumt und neu eingedeckt und dies alles während Carl und Gerlinde unermüdlich immer neue Frühstückseier, Schälchen mit Marmelade, Butterpäckchen, Croissants, Mohnbrötchen, gebratenen Speck, Teekännchen, Kaffee und Orangensaft anschleppten!

Schlimm war das –  fast genau so schlimm, wie das verdammte Fernsehprogramm, bei dem Carl durch die elende Zeitverschiebung sämtliche Nachrichten über Donald Trump und Recep Erdogan versäumte und oft auch die Bundesliga und den ‚Tatort’, der ja schon seit Jahren praktisch für alle vernünftigen Deutschen – außer Gerlinde – statt durch Kirchgang den Sonntag markierte – was natürlich noch schlimmer war…

Aber am Schlimmsten war dieses fürchterliche Getue um diesen komischen ‚César Manrique’ auf Lanzarote! Der wohl nur in Lavablasen gehaust hatte und sich dazu sogar einen ganzen Konzertsaal für sechshundert Hörer in seine Blase implementieren ließ und eine Disco in sein unterirdisches Verließ einbaute, in der neben der Tanzfläche in einem glasklarem Wassertümpel, weiße fingernagelgroße fast blinde Albinokrebse herumkrabbelten, die sonst nur in tausenden Metern tiefen Meeren existierten, aber  hier und  jetzt in dieser Pfütze ein ganzes Leben lang auf diesen wenigen Quadratmetern Lava die dort wachsenden Algen abgrasten und das Tag um Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr in andauernder Finsternis – was für ein fürchterliches Leben, dachte Carl, wobei ihm bei diesem Gedanken jedes Mal ein kalter Schauer über den Rücken raste. Im Vergleich dazu war doch sein Leben mit Gerlinde – selbst hier auf Lanzarote – das reinste Geschenk des Himmels, oder nicht?

KH

Klaus Hnilica
Dienstag, der 14. Februar 2017

Auweia – Europa – was ist denn das?

Vermutlich weiß gegenwärtig niemand, was dieses so genannte ‚Europa’ eigentlich für ein Gebilde ist, das da wirtschaftlich vor sich hindümpelt, mit steigender Arbeitslosigkeit in den Krisenländern kämpft, das politisch zerstritten ist und in dem Bürger und Eliten sich zunehmend anfeinden, weil sie sich nach sieben Jahren Eurokrise plötzlich auch noch einem nicht enden wollenden Flüchtlingsstrom aus Afrika und dem Nahen Osten gegenüber sehen?

Ist das der Untergang dieser ‚europäischen Kunstgebilde,’ Europäische Union (EU) und Währungsunion, in dem keine der inkludierten Staatsführungen ein verbindendes Narrativ aufzuzeigen vermag, so dass ersatzweise das dümmliche Geschrei rechter Spaltpilze von einer allein gelassenen Bürgerschaft wie Gralsbotschaften aufgesogen werden?

Oder ist dieses diffuse Gebilde EU deshalb dem Untergang geweiht, weil alle Grenzen offen bleiben müssen? Da sonst der Euro scheitert, wie die deutsche Kanzlerin ihrer Bevölkerung droht und der sie gleich noch in die Stammbücher schreibt, dass sich eine 3000km lange Grenze wie Deutschland sie hat, ohnehin nicht kontrollieren lässt. Genau wie der EU das mit ihrer 14000km – Grenze nicht gelingen wird!

Und wer da besserwisserisch den ‚Schengen–Knüppel ‚ schwinge und meine, dass die Kontrolle dieser Außengrenze doch auf jeden Fall realisiert werden hätte müssen, nach dem Wegfall der  Binnengrenzkontrollen, der habe wohl aus der ebenfalls von den Amerikanern angezettelten Weltfinanzkrise nicht die Bohne gelernt: denn wer habe sich denn damals um die Regeln von Maastricht geschert, als die einzelnen Staatsführungen reihenweise ihre Banken retteten, weil die ökonomischen Lenkungswerkzeuge kläglich versagt hätten, wie sie meinten, und man sich deshalb natürlich gezwungen sah zum ‚Primat der Politik’ zurückkehren?

Und dabei wird geblieben! Basta! Denn über Rettungspakete und weiche Budgetbeschränkungen lassen sich doch mit der ‚EZB des Herren Draghi’ herrlich die Zinsen niedrig halten und ohne jedes Schamgefühl  sogar noch weiter Kredite aufnehmen, ohne sich mit Schuldenabbau und Strukturreformen verzetteln zu müssen, wie dies die üblichen Querköpfe fordern!

Blöd nur, dass Teile der Bevölkerung in der EU und Währungsunion trotzdem immer unzufriedener werden: massenweise laufen die im Süden den Linksparteien zu und im Norden und Osten den Rechtsextremen und Nationalkonservativen, statt sich endlich an ihre Nasen zu fassen und ein Beispiel an Deutschland zu nehmen – bei der Eurokrise, der Flüchtlingskrise und der Energiewende! Das wär’ doch ein Leichtes, oder?

Selbst auf die Gefahr hin, dass der eine oder andere Klugscheißer dann wieder meine, dass Deutschland aus gut gemeinten Gründen durch unabgestimmte Politik das Falsche tue und damit das Friedensprojekt eines geeinten Europas aufs Spiel setze, wie etwa dieser Historiker Heinrich August Winkler, der da sagt: „Zur deutschen Verantwortung gehört auch, dass wir uns von der moralischen Selbstüberschätzung verabschieden, die vor allem sich besonders fortschrittlich dünkende Deutsche aller Welt vor Augen führen. Der Glaube wir seien berufen gegebenenfalls auch im Alleingang das Gute zu verwirklichen, ist ein Irrglaube. Er darf nicht zu unserer Lebenslüge werden!“

Hm – wie verwirrend! Das ist doch nie und nimmer die Meinung unserer Kanzlerin?

Aber vielleicht hat der gute Mann trotzdem Recht?

KH

Klaus Hnilica
Freitag, der 28. Oktober 2016

Eilmeldung – Aus der Anstalt – Spiegelteufel enttarnt!

+Hubert Spiegel berichtete Donnerstag um 11.50 Uhr in der vollbesetzten ‚Anstaltskantine’ über die eigenartigen Umstände, die zur Entlarvung des geheimnisumwitterten ‚Spiegelteufels’ geführt haben. Er begann etwas ungelenk mit den Worten:

img270„Wissen Sie, ich persönlich bin kein Insasse dieser ‚Anstalt’! Aber meine Mama schon! Vor fünf Jahren ist sie auf eigenes Betreiben hier eingeliefert worden! Sie werden es nicht glauben, aber ihr schmeckte die Nudelsuppe in dieser ‚Anstaltskantine’ so gut, dass sie nirgends wo anders mehr hin wollte. Ist schon verrückt, gell?

Na – und ich besuch sie halt jetzt so oft ich kann. Aber immer hat man ja auch keine Zeit! Schließlich müssen wir alle ziemlich ‚hackeln’! Denn wir haben ja alle keinen Geldscheißer daheim…

Aber davon abgesehen – auch wenn das jetzt vielleicht ein bissel komisch klingt  – gehör’ ich nicht zu den Bekloppten hier in der ‚Anstalt’!

Obwohl in der Früh um Sechs – muss ich ehrlich sagen – wenn ich in meinem Bad vor dem Spiegel stehe und mir diese ‚Watschenpappen’ anschau’, die mir da entgegengrinst, bin ich mir oft nicht mehr so sicher, ob ich, der Hubert Spiegel, nicht doch auch zu den Depperten gehör’!

Und auch nicht – ob der, der mir da so blöd entgegen grinst, ich bin? Oder nicht ein ganz anderer? Ein ‚Spanner’ vielleicht? Oder sogar einer von diesen  ‚Stalkern’, wie die Amis sagen…

Kennen Sie das auch, dass so ein ‚Watschenpapperter’ Sie jeden Tag bis ins Badezimmer verfolgt? Bis vor den Spiegel? Das Einzige was mir da hilft ist, dass ich einfach die Zunge raus strecke!

So!!!  Ja – so richtig lang meinen Schlecker raushängen lass’ …

Wenn der andere mir dann nämlich auch seinen Schlecker zeigt, dann weiß ich wenigstens, dass der genau so ein Blödel ist wie ich und ich mir keinen Kopf machen muss, wenn er bei mir im Bad herumlungert – soll er doch!

Schlau, gell?

Na ja, man hat halt so seine Tricks ausgetüftelt über die Jahre – schließlich ist man ja nicht ganz kaputt im Hirn! Sicherheitshalber mach’ ich dann aber schon öfters auch noch einen ‚Ohrwascheltest’!

Kennen Sie den? Der ist nämlich gar nicht so ohne…

Was glauben Sie wie lange dieser ‚Watschentyp’ in meinem Bad gebraucht hat, bis der den begriffen hat und mich überzeugen hat können, dass er wirklich kein schlimmer Finger ist, der mir an die Wäsche will! Das kann ich nämlich überhaupt nicht leiden: diese Schwuchteln fürcht’ ich wie der Teufel das Weihwasser!

Jedenfalls war es am Anfang immer so, dass wenn ich bei dem Ohrwascheltest meinen Schlecker rausgestreckt hab’ – und der ‚Watschenpapperte’ auch – und ich mir dann mit der rechten Hand ans rechte Ohrwaschel gegriffen hab’, weil ich wissen wollt’, was der andere jetzt macht – dann hat dieser ‚Teufel’ sich jedes Mal exakt mit der linken Hand ans linke Ohrwaschel gegriffen… Genau andersrum als ich? Können Sie sich das vorstellen? Und das jedes Mal…

Anfangs bin ich fast verrückt geworden! Ich konnt’ einfach nicht glauben, dass dieser ‚blöde Teufel’ es nicht schafft, so was Einfaches nach zu machen, sondern immer genau das Gegenteil machen muss? Das konnt’ ich echt nicht glauben…

Und ehrlich – ich hab’ mich dann nur an der heraushängenden Zunge orientiert, um sicher zu gehen, dass das wirklich nur der mir bekannte Blödel ist…

Aber einfach war das nicht!

Weil das Hinterfotzige an dem Saukerl war nämlich, dass der sich manchmal schon mit seiner rechten Pratzen auf sein rechtes Ohrwaschel gegriffen hat!

Ja – das hat er schon gemacht! Aber wissen Sie, wann er das gemacht hat? Nämlich genau dann, wenn ich mit meiner linken Hand auf mein linkes Ohrwaschel gegriffen hab’ – ausgerechnet dann hat er es mit der rechten Hand gemacht dieser Saukerl – aber sonst nicht! Nicht ums verrecken…

Und das um Sechs in der Früh und jeden Tag – außer am Sonntag, weil ich mich da nicht wasch’ und gar nicht ins Bad geh’! Da mach ich mich nämlich eh in der Kirche nass –  mit dem Weihwasser!

Also – wer bei so einem Affenzirkus jeden Tag, nicht selbst blöd im Hirn wird, der ist entweder schon komplett vertrottelt, oder bei dem geht – entschuldigen Sie wenn ich das so drastisch sag’ – sowieso alles am Arsch vorbei!

Aber bei mir geht natürlich nichts vorbei, wie Sie sich denken können? Wer bin ich denn? Ich bin doch nicht meine Mama?

Ja – bei meiner Mama, hätte dieser ‚Teufel’ im Badezimmer natürlich ewig so weiter machen können, die hätte sich nicht gewehrt; die hat sich ja immer schon von jedem komischen Schmähführer einwickeln und ausnutzen lassen.

Aber mit mir ging das natürlich nicht! Dazu bin ich doch viel zu abgedreht…

Wissen Sie, wie ich letzten Dienstag diesen Saukerl dann überlistet hab’?

Um Sechs in der Früh! In meinem Bad! Ich wette das erraten Sie nie und nimmer, obwohl es eigentlich total logisch ist, wenn man’s genau nimmt!

Weil – als ich letzten Dienstag –  wieder vor dieser grinsenden ‚Watschenpappen’ gestanden bin – mit einem heraushängenden Schlecker bis zu den Brustwarzen – und dieser Teufel auch seinen Lappen raushängen hat lassen – da bin ich – abgedreht wie ich bin – erst auch wieder ganz langsam mit meiner rechten Hand zum rechten Ohrwaschel gegangen – aber als der andere dann wie immer nur blöd gegrinst hat und mit seiner linken Pratzen zum linken Ohrwaschel greifen wollt’ – da hab ich wie der Blitz meine linke Hand nachgezogen – so dass dieser Armleuchter mir gegenüber gar nichts Anderes tun konnte, als sich auch an sein rechtes Ohrwaschel zu greifen – genau wie er es immer gemacht hat…

Und ich hätte mir wirklich gewünscht, liebe Leut’,  dass Sie das blöde Gesicht sehen hätten können, was mir dieser Trottel mit seiner heraushängenden Zunge da  plötzlich entgegen gehalten hat – so mit beiden Pratzen an beiden Ohrwascheln – und zwar haargenau wie ich – und nichts mehr links! rechts! und so…

Für mich war das wie ein Befreiungsschlag auf’n Kopf kann ich Ihnen sagen!

Denn auf einmal ist mir aufgegangen – dass dieser ‚watschenpapperte Arsch’ mich die ganze Zeit nur abgetäuscht hat, mit seinem ‚Links – Rechts Dradiwaberl’ – und dass der in Wirklichkeit ja gar kein anderer war! Nein absolut nicht! Sondern, dass der eh immer nur ich war! Ja ich, ich, ich – mit mir – und niemand anderem.

Können Sie sich das vorstellen?

Und was glauben Sie, wie wir dann alle zwei gelacht haben, wie wir da draufgekommen sind! Wir haben uns gekringelt vor Lachen – alle zwei – und haben uns richtig abgehauen und überhaupt nimmer eingekriegt…ein Wahnsinn war das – echt!

Und jetzt werden Sie sicher auch versteh’n, warum ich heute da bin!

Ich muss das nämlich unbedingt meiner Mama erzählen – unbedingt! Auch wenn sie wieder meckern wird, weil sie vorher noch ihre Nudelsuppe essen will!

Aber sie muss einfach wissen, dass in meinem Badezimmer niemals ein Fremder gewesen ist – überhaupt nie! Sondern immer nur ich – und das sogar mit mir…

Drum nichts für ungut und Servus alle miteinander – aber ich muss jetzt zu ihr! Sie braucht mich!“

KH

PS: Über dieses Ereignis berichtet der Autor (in Wiener Dialekt) im Rahmen der diesjährigen Halloween-Veranstaltung der ‚Autorengruppe ZwanzigZehn’ im Olof Palme Haus in Hanau.

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 13. Oktober 2016

Alte leben kürzer – Junge länger…

Carl und Gerlinde (Folge 49)

ZZZZZZZA180843Also – das war schon ein Schock heute Morgen, als Carl sein sonntägliches Frühstücksei geköpft hatte, das ausnahmsweise einmal wirklich kernweich geraten war und sich daher prima auslöffeln ließ: ausgerechnet da sagte Gerlinde nämlich,

„du Carl, ich hab’ beschlossen ab sofort nicht mehr zu rauchen!“

Dabei strahlte sie übers ganze Gesicht, obwohl sie noch vor wenigen Minuten ungewaschen und ungeschminkt, was sie ja so gar nicht mochte, in der Küche herumgewerkelt hatte. Aber Carl verkroch sich ohnehin derart selbstvergessen in seinem Frühstücksei, dass jede Art von Morgentoilette bei ihr sowieso vergebliche Liebesmühe gewesen wäre.

Erst als Gerlinde ein zweites Mal die Verkündigung ihres Beschlusses versuchte und dies mit einem massiven Pfauchen einleitete und zusätzlich noch ihr bereits ausgelöffeltes Ei Carl auf sein unausgelöffeltes drückte, schien er aufzuwachen und sich ihr zuzuwenden.

„Hey Carlchen! Ich hör’ ab sofort zum Rauchen auf!“

Wortlos starrte er sie an.

„Was sagst du dazu, freust du dich gar nicht darüber?“

„Nö.“

„Wieso nicht? Du meckerst doch seit Jahr und Tag, dass dir der Zigarettengestank auf den Zeiger ginge?“

„Das schon“, sagte Carlchen, nahm irritiert Gerlindes leeres Ei von seinem halbleeren und setzte seine unterbrochene Eilöffelei da fort, wo sie unterbrochen worden war, wenngleich mit deutlich weniger Inbrunst.

„Also was nun?“ fragte Gerlinde ratlos mit einem Anflug von Gereiztheit.

„Na ja, du bringst dadurch meine gerade mühsam zurechtgerückte Altersstatistik durcheinander!“

„Ist das einer deiner hintergründigen Witzchen, die du so liebst und ich hasse – oder wie meinst du das, liebster Carl?“

„Das ist kein Witzchen, liebste Gerlinde, sondern das sind die neuesten wissenschaftlichen Fakten, die ich bei dieser Korrektur verarbeitet habe“.

„Und?“

„Ja nichts und, Gerlinde! Schließlich weißt du ja auch, dass man bei unserem Altersunterschied – du 42 Jahre, ich 58 – schon manchmal ins Grübeln kommt“.

„So? Auf einmal?“

„Ja  – auf einmal! Aber vielleicht hast du ja auch in den letzten Tagen Zeitung gelesen und mitbekommen, dass nach den neuesten Rentenstatistiken ich nur mehr 24 Jahre zu leben habe, während du noch locker 44 Jährchen vor dir hast, liebe Gerlinde!“

„Und wo ist da das Problem?“

„Das Problem besteht darin, dass ich auch noch 44 Jahre leben möchte, genau wie du!“

„Und?“

„Und – mir deswegen nach der neuesten New Yorker Studie einen hübschen Plan ausgearbeitet habe wie ich das erreichen kann…“

„Ist doch schön, Carl…“

„Nein ist nicht schön – denn du hast diesen Plan gerade mit deiner Bemerkung – zugegeben unwissentlich – über den Haufen geworfen, Gerlinde…“

„Oh – Gott wie denn das?“

„Na ja, in der besagten Studie wurde festgestellt, dass ich, wenn ich täglich fünf Walnüsse esse bis zu fünf Jahre länger lebe!

Und wenn ich dich außerdem regelmäßig küsse um weitere fünf Jahre! Ein abendliches Glas Wein bringt 3,8 Jahre und täglich 15 Minuten Bewegung nochmals 3 Jahre.

Esse ich zusätzlich täglich noch fünf Portionen Obst und Gemüse gewinne ich weitere 3 Jahre und wenn ich zukünftig statt Gummibärchen Schokolade nasche noch ein Jahr mehr! Insgesamt käme ich somit ziemlich genau auf die mir fehlenden zwanzig Jährchen, liebste Gerlinde…“

„Wenn da nicht ein Haken wäre in dieser Rechnung…“

„Ja wenn da nicht der Umstand wäre, dass ich dich küssen muss und du durch dieses Küssen auch wieder fünf Jahre länger lebst als ich…“

„Schlimm – wirklich schlimm…“

„Ja schlimm, aber das ließe sich noch regeln, wenn ich zwischendurch immer wieder mal unsere Freundin Hannelore küsste…“

„Prima Idee, dann lebt die auch länger…“

„Ja  –  und so schlecht küsst die gar nicht! Aber die eigentliche Katastrophe beginnt ja erst, wenn du wirklich zu rauchen aufhörst. Dadurch gewinnst du nämlich nach der New Yorker Studie bis zu 10 Jahre und da ich nicht rauche, verbaust du mir absolut jede Chance mit dir zusammen alt zu werden, liebste Gerlinde, das ist einfach Fakt!“

Und Fakt war auch, dass Gerlinde nicht mehr antwortete sondern handelte, und Carl sich plötzlich in einem unsäglichen Gemenge von zerdeppertem Frühstücksgeschirr, Marmelade, Butter, Kaffe und Tee unter einer Tischdecke befand, die Gerlinde ihm übergeworfen hatte…

Lebensverlängernd war diese Aktion sicher nicht, da war sich  Gerlinde sicher, aber nach dem Gewimmer unter der Tischdecke  war eine unmittelbare Lebensverkürzung auch nicht zu befürchten –  trotz  fortgeschrittenen Alters des erbärmlichen Kandidaten…

KH