Klaus Hnilica
Donnerstag, der 29. November 2018

Zahnarztgeplauder mit Bohrer und Speichelabsauger

Carl und Gerlinde (Folge 60)

Irgendwie hatte Dr. Mittler einen Narren an Carl und Gerlinde gefressen. Er beschwor bei jeder Plombe, jeder Zahnsteinentfernung oder Wurzelbehandlung den äußerst glücklichen Umstand, sie beide zu kennen und mit ihnen plaudern zu können. Manchmal hatte Carl sogar den leisen Verdacht, dass dieser Herr Dr. Mittler heimlich in seine Gerlinde verliebt war, da er sie gar so umschwärmte und mit Komplimenten überschüttete, wenn sie einmal jährlich zur Durchsicht ihrer Zähne bei ihm antanzte.

Da Carl genau wie Dr. Mittler ein begeisterter Wien-Urlauber war, gab es bei jeder Behandlung nur ein Thema – und das hieß Wien!

Dies umso mehr als der gebürtige Dortmunder Dr. Mittler um ein Haar eine Professur in Wien angenommen hätte, sich aber dann letztlich doch für die konkrete ärztliche Tätigkeit ‚am Zahn der Zeit b.z.w der Menschheit‘, wie er jedes Mal laut lachend feststellte, entschlossen hatte und dies bisher auch nicht eine einzige Minute lang bereute.

An Carl bewunderte er nicht nur dessen fabelhafte Kenntnisse bezüglich der wichtigsten einschlägigen Restaurants und Heurigenlokale in Wien, sondern vor allem seine Fähigkeit, nahezu perfekt im Wiener Dialekt sprechen zu können. Davon konnte Dr. Mittler als gebürtiger ‚Ruhri‘, der sich noch immer nicht an die maulfaulen Hessen und deren fürchterlichen Dialekt gewöhnt hatte, nicht genug kriegen: Wörter wie leiwand ,Servus, Beuscherl, Schmäh und Topfenstrudel waren einfach Balsam für seine angeraute Seele und konnte er immer und immer wieder hören, wenn er nicht gerade selbst redete, was er aber ohne Punkt und Komma und ohne jemals Luft zu holen faktisch immer tat, so dass er zwar von Carls herrlichen Wiener Dialekt stets schwärmte ihn aber wohl noch nie so richtig wahrgenommen hatte…

Und natürlich schon gar nicht, wenn Carl während der schwärmerischen Erzählungen über den letzten Wien-Urlaub mit weit geöffnetem Mund vor ihm lag, und er, Dr. Mittler, mit seinem Bohrer eine riesige alte Amalgamplombe im rechten unteren Backenzahn bearbeitete. Deswegen, sagte Dr. Mittler und schaute Zustimmung heischend zur etwas drallen Frau Römer, die links neben Carl mit einem Speichelsauger in dessen Mund herumfummelte und dabei auch seine linke untere Lippe malträtierte, fände er es so sagenhaft wohltuend, dass Carl durch seinen Dialekt ihm diese vertrauten Urlaubsklänge aus Wien in seine Praxis zauberte.

Wirklich ein Genuss der Extraklasse sei das, sagte er grinsend und gewährte Carl eine kurze Pause, damit dieser seinen gequälten Mund ausspülen und die verkrampfte Kieferpartie lockern konnte. Diese jäh zurückgewonnene Entspannung seines Sprechapparates hätte Carl sogar erlaubt, einen kurzen Einwand in schönstem Wiener Dialekt zu formulieren, wenn Dr. Mittler wenigstens für den Bruchteil einer Sekunde seine Ausführungen unterbrochen oder nur ein einziges Mal Luft geholt hätte. Doch da dies nicht geschah, hatte er statt dessen sofort wieder Bohrer und Speichelabsauger im Mund, als er diesen – nach Entspannung lechzend – vorschnell ein zweites Mal schließen wollte.

Aber immerhin konnte Carl anschließend mehrmals ein lautes, röchelndes

„Aaaah!“

von sich geben und schmerzhaft sein Gesicht verziehen, als Dr. Mittler bei der Frage, welche Heurigenlokale in Wien derzeit am angesagtesten seien, mit seinem Bohrer kurz sein Zahnfleisch streifte. Wobei, fuhr er fort, er Carl ja gestehen müsse, dass er die ‚Gösser Bierklinik‘ wegen ihrer herrlich großen Schnitzel ohnehin jedem Heurigenlokal vorziehe.

Da Carl wegen der Verletzung seines Zahnfleisches rechts unten stark zu bluten anfing, drückte ihn Frau Römer energisch an ihren festen Busen, um aus seinen Mund nicht nur den Speichel sondern nunmehr auch das Blut abzusaugen, sodass Carl auf die Frage von Dr. Mittler, ob ihm etwas weh tue, nur einen kurzen Grunzlaut, begleitet von einem leidvollen Blick, von sich geben konnte. Immerhin flüsterte ihm Frau Römer zu, während Dr. Mittler weiter schwadronierte, dass er ohne weiteres auch jederzeit seinen Mund ausspülen könne, wenn er möchte

Carl nahm diese Möglichkeit mit einem gequälten Lächeln dankbar an!

Er spülte dreimal seinen Mund gründlich durch und nahm mit einem Kopfnicken zur Kenntnis, dass Dr. Mittler neben den riesigen Schnitzeln auch in die köstlichen Wiener Mehlspeisen verliebt war, was seiner Frau gar nicht gefiel, da er daraufhin oftmals fürchterliches Sodbrennen bekam und nicht selten noch am nächsten Tag bis Mittag nicht zu gebrauchen war.

Doch dann war‘s auch schon überstanden!

Carl konnte endlich wieder seinen Mund auf und zu klappen, beziehungsweise normal bewegen und auch ein verkniffenes Grinsen aufsetzen, während Dr. Mittler ihn bat, vorne bei Frau Koch einen neuen Termin kurzfristig zu vereinbaren. Das wäre nämlich schon notwendig. Einmal um die neue Plombe noch zu polieren und zum anderen noch ein paar andere Kleinigkeiten an seinen Zähnen zu richten.

Abgesehen davon, sagte Dr. Mittler, freue er sich jetzt schon wieder höllisch auf dieses nächste Zusammentreffen, wenn er wieder Carls herrlichen Wiener Dialekt höre bei dem ihm jedes Mal warm ums Herz werde…

Carl nickte stumm und drückte dem einfühlsamen Herrn Dr. Mittler kräftig die dargebotene Hand.

PS:
Dieser Text ist vollkommen frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit existierenden Personen ist rein zufällig.

Klaus Hnilica
Freitag, der 26. Oktober 2018

Anzug oder Dirndl?

Ich bin oft an dieser Bar vorbeigegangen. Aber nie hinein. Warum auch? Ich bin kein ‚Barhocker‘ und werd‘ auch nie einer werden.

Nach der wochenlangen Hitze zwängte sich allerdings schon gelegentlich die Vorstellung eines kühlen Colas mit Rum oder eines eiskalten Whisky Sodas in mein Kleinhirn, wenn ich auf dem Heimweg vorbei kam. Das muss ich zugeben!

Verlockend kühl schien es da drinnen auch zu sein, wie die ewige Dunkelheit vermuten ließ, wenn die Eingangstür zufällig aufging. Und das war gar nicht so selten! Denn irgendwie war dieser Laden Tag und Nacht geöffnet und das sieben Mal die Woche und zweiundfünfzig Wochen im Jahr! Komisch – oder?

Ja – und dann stand ich letzten Dienstag am späten Nachmittag tatsächlich am Tresen dieser seltsamen Bar und orderte endlich den lang ersehnten Whisky Soda mit jeder Menge Eis!

Vermutlich weil es so unerträglich schwül war an diesem Tag und ich wieder einmal völlig ausgelaugt und deprimiert vom Büro heim schlich. Als dann plötzlich ein eleganter älterer Herr fortgeschrittenen Alters direkt vor meinen Augen die Eingangstür zu dieser besagten Bar öffnete, fasste ich Mut und folgte ihm spontan – bis an den Tresen: das musste ich tun, da ich in der undurchdringlichen Dunkelheit sofort die Orientierung verlor.

Da ich aber in Begleitung dieses zufälligen Türöffners wie gesagt, sofort am Tresen landete, hatte ich dann ausreichend Zeit, um mich an die extreme Dunkelheit zu gewöhnen.

Dieses Gefühl, Zeit zu haben, war auch der Grund, dass ich den Barkeeper überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Erst als er fragte, was ich wünsche, nahm ich sein jugendliches dunkelhäutiges Gesicht wahr – und seine weißen Zähne – die totale Glatze und – und – und …

Von seiner Frage überrascht, sagte ich hastig, einen Whisky Soda, bitte!

Welcher Whisky darf es denn sein?

Hm? – stöhnte ich.

Bourbon? Scotch? Blended Malt?

Ist mir egal – aber viel Eis,bitte!

Der junge Mann war zu taktvoll, um mich weiter vorzuführen. Jedenfalls stellte er mir blitzschnell ein Glas Whisky Soda vor die Nase und daneben ein Extragefäß voller Eiswürfeln samt Zange! Ich war begeistert.

Nach zwei kräftigen Schlucken war ich endlich auch bereit mich umzusehen, wo ich hier gelandet war: tatsächlich stand rechts neben mir der ältere Herr, dem ich gefolgt war – vermutlich Stammgast, da er munter mit dem Barkeeper in Englisch parlierte – und links von mir, fast am Ende des mächtigen Tresens, hockte eine Frau im Dirndl, die ihr Getränk mit beiden Händen fest umklammert hielt und vor sich hin starrte.

Aber irgendetwas stimmte an dieser Frau nicht.

Wie die nur auf dem Hocker hing. Ihr Dirndlrock war auch unanständig nach oben gerutscht. Das herausragende Bein wirkte wie eine haarige braun lackierte Prothese und war fest zwischen Barhocker und Tresen eingeklemmt.

Tja und dann fiel auch bei mir der Groschen! Das war gar keine Frau, was da in dem Sommerdirndl hockte – nein, das war ein Mann!

Sogar ein recht grobschlächtiges Exemplar, das aus irgend einem Grund, wie eine überdimensionale Fleischwurst in eine viel zu enge Dirndl-Haut gequetscht worden war, so dass jetzt nicht nur zwischen blauem Rockbund und dem roten Oberteil braune Fleischwülste hervorquollen, sondern die kurzen Ärmel der weißen Bluse auch die fleischigen Oberarme abschnürten und aus dem Dekolleté eine üppige schwarze Brustbehaarung ragte!

Also schlimmer ging‘s nimmer! Echt!

Da half auch nicht, dass diese ‚Mann–Frau‘ krampfhaft immer wieder versuchte, wenigstens den hellblauen Rocksaum über das rechte Knie ihres behaarten Beins zu ziehen. Dies umso mehr, als trotz der schummrigen Beleuchtung unschwer zu erkennen war, dass dieses seltsame Zwitterwesen auch bezüglich seines Gesichtes keinerlei Vorkehrung getroffen hatte, wenigstens ansatzweise einer Frau zu ähneln. Im Gegenteil: ein Teil des langen fettigen Haares baumelte strähnig über die Stirne und in dem stark gebräunten, eher derben Gesicht, wucherte sogar ein üppiger schwarzer Dreitagebart.!

Doch als sich unsere Blicke trafen, da ich dieses Zwitterwesen zu lange angestarrt hatte, ging überraschender Weise plötzlich ein schiefes Grinsen über sein Gesicht, das sogar auffordernd wirkte, da es von einem freundlichen Kopfnicken begleitet wurde.

Ich nickte verwirrt zurück und nahm zwei kräftige Schlucke von meinem Whisky Soda, um mein inneres Gleichgewicht wieder zu finden.

Der Dirndl-Zwitter orderte daraufhin mit lautem Zuruf an den Barkeeper am anderen Ende des Tresens ein neues Glas Bourbon, stand auf und kam auf mich zu.

Vorsicht – der Mann war mindestens einen halben Kopf größer als ich und wirkte kräftig! Wortlos setzte er sich mit einigem Gestöhne und Gezupfe an seinem hellblauen Dirndlrock, auf den Barhocker neben mir, während ich ihm verlegen zulächelte und stumpfsinnig mein fast leeres Whiskyglas mit Eis auffüllte.

Sie wundern sich bestimmt über mein Outfit? sagte er dann auf eine überraschend gewinnende Art.

Ehrlich gesagt ja, antwortete ich angestrengt, aber da bin ich bestimmt nicht der Einzige hier.

Stimmt! Sagte er knapp und stürzte das halbe Glas seines frisch georderten Bourbon in einem Zug hinunter.

Aber es geht mich ja letztlich nichts an, fuhr ich fort! Schließlich sind wir in einem freien Land, in dem sich jeder nach eigenem Gusto bewegen kann.

Stimmt! Wiederholte er und süffelte an seinem Bourbon.

Sind wir froh, dass es so ist, warf ich ein.

Natürlich, natürlich, sagte er beflissen.

Ich schwieg, da ich nicht neugierig wirken wollte.

Nach einer kurzen Pause sagte er, wissen Sie, mein seltsames Dirndl–Outfit hat seinen Grund!

Sicher , sicher erwiderte ich, wir haben alle unsere Gründe…

Aber bei mir ist meine Frau der Grund, unterbrach er mich.

Hm – grunzte ich.

Ja – sie denkt ich sei ein Säufer!

Wie das denn?

Sie ist überzeugt, wenn sie heute am späten Nachmittag nebenan im Kongresszentrum das Musical besucht, dass ich mich in der Zwischenzeit hoffnungslos besaufe!

Und hat sie recht?

Natürlich nicht! Im Gegenteil, ich vermute, dass sie gar nicht ins Musical will, sondern ihren Liebhaber trifft und nur Angst hat, dass ich ihr nach spioniere…

Was in ihrem Dirndl–Outfit nicht ganz einfach sein dürfte!

Das stimmt auch, aber das kommt daher, dass sie schamlos den Umstand ausgenützt hat, dass wir dieses Mal schon am Vorabend des Musicals angereist sind und im Hotel des Kongresszentrums übernachtet haben. Als ich dann mittags mein übliches Schläfchen absolvierte, schlüpfte sie vermutlich in ihr ‚Kleines Schwarzes‘, packte meinen Anzug ein – und haute ab!

So dass Sie praktisch im Hotelzimmer gefangen sind, bis sie wieder zurückkommt! Ergänzte ich, scharfsinnig wie ein Meisterdetektiv.

Richtig – ich bin übrigens Hilmar!

Okay Hilmar! sagte ich, nannte auch meinen Namen – den ich aber hier nicht preisgeben möchte – und prostete ihm zu.

Jedenfalls, fuhr ich fort, scheint mir Ihr – Pardon, Dein – Frauchen ein schlaues Luder zu sein, wenn ich das so sagen darf und erinnert mich mächtig an mein ehemaliges Frauchen…

Das heißt wir sind beide gebrannte Kinder, fasste Hilmar zusammen.

Oder gehörnte Deppen, die es nicht anders verdienen, sagte ich, prostete ihm zu und trank wie er, mein Glas leer.

Hilmar nickte nachdenklich und bestellte uns zwei neue Drinks.

Dann sagte er, dass er sich endlich wehren und mir einen Vorschlag machen wolle – und zwar einen Vorschlag unter Freunden!

Und welchen? fragte ich.

Wie wäre es denn, sagte Hilmar zögernd, wenn du mir, quasi auf Honorarbasis, für ein paar läppische Stündchen deinen Anzug borgen und dafür in mein Dirndl schlüpfen würdest?

Damit hatte ich nun nicht gerechnet!

Ich spürte kurz wie schlagartig sowohl mein Blutdruck als auch die Frequenz meines Ruhepulses nach oben ging, und machte, unterstützt von einer Bewegung meiner rechten Hand, die Andeutung, ob er noch sauber im Kopf sei?

Doch Hilmar schien darauf vorbereitet: er blieb ruhig und sagte es würde mein Schaden nicht sein, denn an Geld mangle es ihm wirklich nicht!

Nach einer längeren Pause, in der wir uns beide schweigend anstarrten, sagte ich: Vergiss dein Geld, Hilmar! Weißt du dein Vorschlag ist derart abwegig, dass er fast schon wieder gut ist. Darum – und weil meine ehemalige Frau ein ähnliches Luder war, helfe ich dir – und mache es!

Hilmar umarmte mich gerührt und verkrümelte sich mit mir auf die Toilette!

Natürlich öffneten sich nun neuerlich die diversen Mäuler in den erstaunten Gesichtern des Barpublikums, als ‚ich‘ plötzlich als ‚Dirndl-Monster‘ daherkam und Hilmar in meinem dunkelblauen Sommeranzug als Gentleman posierte! Da er kräftiger war als ich, kniffen Sakko und Hose bei ihm ähnlich wie zuvor das Dirndl, während mir die Klamotten seiner Frau prima passten. Aber Hilmar war hoch zufrieden mit seinem neuen Outfit!

Sichtlich beglückt schluckte er den neu bestellten Whisky weg, starrte auf seine Uhr, blickte mir fest in die Augen und sagte gepresst, dass er spätestens in zwei Stunden zurück sei.

Noch ehe ich antworten konnte – war er weg, und ich stand alleine auf der Bühne: so fühlte ich mich jedenfalls, da mich alle Gäste im Lokal plötzlich anstarrten.

Vermutlich errötete ich auch und wendete mich spontan mit einem Gefühl der inneren Leere dem Tresen zu, suchte reflexartig mein Glas und schüttete den Rest des Whisky Soda, ziemlich verzweifelt, in mich hinein.

Dem Barkeeper gab ich zwar zu verstehen, dass ich noch einen möchte, spielte aber gleichzeitig schon mit dem Gedanken, heim zu gehen und mich in meiner nahegelegenen Wohnung zu verkriechen.

Aber bevor ich diesen Gedanken noch zu Ende denken konnte, schlüpfte plötzlich eine ansehnliche Dame reiferen Alters durch die Eingangstür der Bar.

Auffallend war nicht nur ihr perfekt geschminktes Gesicht, sondern vielmehr die Tatsache, dass sie in einem viel zu großen Herrenanzug steckte. Was aber ihrer Eleganz keinerlei Abbruch tat!

Sie hatte etwa meine Größe, kurze schwarze Haare, vielleicht eine Spur zu lange Nase, dafür aber ein hinreißendes Lächeln. Auf ihren Pfennigabsätzen stakste sie, ohne zu zögern, direkt auf den Tresen zu.

Noch bevor der Barkeeper Gelegenheit hatte sie nach ihrem Getränkewunsch zu fragen, zwitscherte sie selbstbewusst: ich möchte das Gleiche wie die Dame in meinem Dirndl!

Also einen Whisky Soda, stellte der Barkeeper nüchtern fest.

Okay – Sie müssen es wissen!

Natürlich spürte ich, wandelndes Dirndl-Monster, wie mit einem Mal meine Knie weich wurden – aber noch stärker beeindruckte mich die Schnelligkeit und Präzision, mit der dieser Neuzugang die Lage in der schummrigen Bar gecheckt hatte.

Außer einem kurzen, guten Abend, brachte ich nichts aus mir heraus, denn das Gefühl, nun schon wieder vor einem aufsässigen Publikum auf der Bühne schauspielern zu müssen, raubte mir jegliche Kraft.

Anders schien es wohl der ‚Anzug–Dame‘ zu gehen, denn mit einem kecken Blick sagte sie: oder sind das etwa nicht meine Klamotten, die Sie anhaben?

Das weiß ich nicht, gnädige Frau, stammelte ich.

Aber ich weiß es!

Und warum stecken Sie dann in diesem viel zu großen Herrenanzug, wenn Sie ohnehin dieses Dirndl ihr eigen nennen, stellte ich mit scharfer Männerlogik fest?

Weil Sie es anhaben – werter Herr! Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass man zu zweit in einem Dirndl steckt?

Nein – das nicht! sagte ich kleinlaut und trank verzweifelt mein Glas in einem Zug aus.

Da der Barkeeper auch schon ihren Drink bereitgestellt hatte, nahm sie ihn und prostete mir zu: auf Ihre Gesundheit, werter Herr, sagte sie so laut, dass es niemand an den nahegelegenen Tischen überhören konnte.

Und mir flüsterte sie zu, dass sie Elsa sei!

Hilmars Elsa? fragte ich, ohne echtes Erstaunen.

Nein – deine Elsa, wenn du willst!

Oh Gott – jetzt war ich dann doch erstaunt. Was heißt erstaunt? Ich wurde vielmehr von einem Tsunami undefinierbarer Emotionen derartig überrollt und mitgerissen, dass ich sekundenlang schwieg.

Da Elsa wohl merkte wie es um mich stand und mir vermutlich jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen war, sagte sie: aber das gilt natürlich nur, wenn du mir mein Dirndl zurück gibst!

Gerne – aber was wird dein Hilmar dazu sagen?

Vergiss Hilmar – und komm mit mir auf die Toilette – aber schnell – sonst überleg‘ ich‘s mir wieder.

Als wir dann nach einem kurzen Bescheid an den Barkeeper verschwanden und bald darauf mit getauschten Kleidern wieder am Tresen hockten, waren wir natürlich noch immer auf der Bühne, aber bei weitem nicht mehr so interessant. Schließlich waren eine Dame im Dirndl und ein Herr im Anzug keine Besonderheit, die einen stundenlang zu fesseln vermochte.

Und als wir endlich bei mir zu Hause splitternackt nebeneinander lagen, gestand Elsa, dass Hilmar gar nicht wüsste welchen Dussel er heute hatte: ausgerechnet heute hätte nämlich ihr Chef, dieser Dreckskerl, sie schmählich versetzt und seine Sekretärin als Ersatz ins Musical geschickt. Vermutlich sitze Hilmar jetzt sogar neben ihr – seit der Pause!

Ja und wegen dieser angetanen Schmach wollte sie sich, aufgeladen wie sie war, schadlos halten und Hilmar in seiner ‚Säufer Bar‘, von der sie schon lange wusste, in seinem Anzug überraschen. Denn Hilmar in ihrem Dirndl zu erleben, sei genau das gewesen, was ihre verletzte Seele nach dieser Demütigung benötigt hätte! Aber leider sei es ja dazu durch mein unbedachtes Rettungsmanöver nicht gekommen, sagte sie mit einem bösen Lächeln und verbiss sich schmerzhaft in meine linke Brustwarze, die gar zu keck weg stand, wie sie fand.

Da sich Elsa nach einer Stunde lustvollem Gestöhne und der Rückkehr auf die Erde, wohl einigermaßen von ihrem angetanen Leid erholt hatte, aber nicht entscheiden konnte, was sie anziehen sollte – Anzug oder Dirndl? – schlüpfte ich schnell ins Dirndl und schickte sie in Hilmars Anzug in ihr Hotel zurück!

Hilmar stand schon am Tresen, als ich in der Bar ankam!

Freundschaftlich umarmte er mich und für die Barbesucher ging die Show weiter…

Aber nur kurz, denn Hilmar war überglücklich, dass alles nur ein fürchterliches Missverständnis zwischen ihm und seiner geliebten Elsa gewesen sei. Er müsse jetzt umgehend zu ihr ins Hotel ,sagte er, um sie mit einem festlichen Essen in einem ‚Sterne Restaurant‘, für sein schäbiges Misstrauen, zu entschädigen!

Hoffentlich klappe das auch, denn ihre Freundin im Musical, hätte ihm erzählt, dass Elsa wegen Kreislaufproblemen in der Pause diese wunderbare Aufführung leider hätte verlassen müssen.

Gott sei Dank dachte wenigstens ich an den notwendigen Kleidertausch, als Hilmar mit brennendem Herzen zu seiner Elsa drängte, und der Barkeeper an die sechs noch nicht bezahlten Whiskys, die natürlich Hilmar in seinem Freudentaumel liebend gerne samt einem mehr als großzügigen Trinkgeld übernahm.

Und ich war froh endlich wieder in meinen eigenen Klamotten heim traben zu dürfen und in der Brusttasche meines Anzugs das Knistern des von Hilmar versteckten 500 Euro Scheins zu spüren, das mir bestätigte, dass die letzten Stunden kein Traum waren, sondern Elsa mich wirklich nächsten Dienstag – vielleicht?– schon wieder beißen könnte…

KH

Klaus Hnilica
Montag, der 13. August 2018

Der Klimawandel und die vertrackte Eiszeit

Carl und Gerlinde (Folge 59)

Übrigens, Gerlinde, unser Freund Kurt hat mir letzten Dienstag, als ich ihn zufällig im REWE traf, unter dem Siegel der Verschwiegenheit zugeflüstert, dass er sich trotz seines fortgeschrittenen Alters von Hannelore zu trennen beabsichtige, falls sie dieses Jahr mit der gleichen Sturheit wie in den vergangenen Jahren darauf bestünde, den nächsten Sommerurlaub wieder gemeinsam zu buchen, sagte Carl bei 28 Grad um Zweiundzwanzig Uhr abends – unmittelbar vor der Eisdiele – und wischte sich wohl zum achtzehnten Mal mit dem selben Papiertaschentuch über die Stirn.

Wobei, ergänzte er, während er Gelinde ins Innere des Salons dirigierte, der Alptraum vor allem von dem Wort ‚gemeinsam‘ ausginge, hätte der Kurt gesagt und dabei gleichzeitig mit seinem üblichen sorgenvollen Kopfgewackel 10 Packungen ‚Philadelphia‘ Quark in seinen Einkaufswagen geschichtet.

Was er nämlich letztes Jahr von Oktober bis zum Jahresende für den diesjährigen Sommerurlaub mitgemacht hätte, gehe auf keine Kuhhaut, selbst wenn diese Haut von einer voll ausgewachsenen trächtigen Milchkuh stammte, so der Kurt im gut gekühlten Lebensmittelbereich bei REWE!

Da sich aber weder Gerlinde noch Carl spontan für einen der zahlreichen leeren Tische im neongelben Licht der subtropisch aufgewärmten Eisdiele – mit weit geöffneter Front zur Straße hin – entscheiden konnten, unterbrach Carl kurz seinen Bericht über Kurts vertrauliche Trennungsoffenbarung und irrte so lange von einem Tisch zum anderen, bis sich Gerlinde im hintersten Winkel des Lokals erschöpft auf einen Stuhl fallen ließ und stöhnend kund tat: entweder hier! Oder ich breche auf der Stelle zusammen!

Carl zog zwar enttäuscht die Augenbrauen hoch, sagte dann aber, als er auch schweißtriefend Platz genommen hatte und dabei fast noch den Nachbartisch gekillt hätte, dass Kurt von 34 Reiseprospekten aus 5 verschiedenen Reisebüros gesprochen hätte, die er mit seiner Hannelore akribisch durcharbeiten hätte müssen, sowie von 18 Vorträgen in unterschiedlichen Volkshochschulen und Bibliotheken über Reisen durch Patagonien und diverse Polregionen, durch Australien und Neuseeland, über die Teilnahme an einer Wüstensafari und 3 verschiedenen Weltreisemöglichkeiten sowie über 4 Meditationsurlaube in österreichischen und griechischen Klöstern – und dies alles nur weil sich Hannelore nicht entscheiden konnte, welche Art von Urlaub sie in welcher Region der Welt wolle…

Gerlinde sagte – vor aufgeschlagener Eiskarte mit ihrem rechten, fast schon steifen Zeigefinger, auf einem Fruchtbecher mit Vanilleeis und reichlich Sahne – dass sie diese Klage von Kurt gar nicht so sehr überrasche und dass sich diese Unentschlossenheit von Hannelore mit zunehmendem Alter wohl immer markanter auspräge; irgendwie sei ihr das auch schon aufgefallen!

Da der Kellner bereits zum dritten Mal nach der Bestellung fragte, orderte Gerlinde schließlich mit drohendem Blick in Richtung Carl ihren Fruchtbecher, während Carl vor der aufgeschlagenen mehrseitigen Eiskarte wenigstens ein Mineralwasser mit Sprudel nannte, ansonsten aber noch um etwas Geduld für seine Eisbestellung bat und zu Gerlinde sagte, dass sich der Kurt im REWE ja bei diesem ‚monströsen gemeinsamen Urlaub-Auswahlverfahren‘ vor allem auch deswegen so über Hannelore ärgere, da sie als Ergebnis all dieser Quälerei nun kommenden Samstag eine 2-wöchige Urlaubsreise nach Portugal anträten, und zwar in ein Wellnesshotel an der Algarve, wo es derzeit 42 Grad im Schatten hätte und in 20 Kilometer bereits nicht enden wollende Buschbrände wüteten…

Super – stellte Gerlinde lakonisch fest und orderte bei dem verzweifelnden Kellner wenigstens einen CARLOS I, während Carl sich nunmehr wirklich ernsthaft mit der ‚eisigen Vielfalt‘ auf seiner Karte zu beschäftigten begann und, ohne einen Blick auf den wartenden Kellner zu richten, zu Gerlinde sagte, dass seine Bestellung im Grunde sehr einfach sei, da er nur drei Bällchen Eis ohne alles möchte und sich daher bloß zwischen Dunkler oder Heller Schokolade entscheiden müsse, oder zwischen Vanille, Haselnuss, Stracciatella, Erdbeere, Jogurt, Latte Macchiatto, Sahne–Kirsch, Mango, Maracuja, Zitrone, Banane, Granatapfel, Himbeere, Drachenfrucht, Bounty, Sahnegriess, Zimt, Raffaello und Sanddorn- Hollunder! Nichts leichter als das, grinste er vergnügt.

Doch da der Kellner immer noch wie eine rächende Gottheit vor ihm stand, sagte er, für alle unerwartet, dass er einen Espresso wünsche!

Doppel – oder einfach? fragte der Kellner.

Nein – oder doch eher zwei Kugeln Vanilleeis, sagte Carl.

Also Vanilleeis! tippte der Kellner in sein Gerät.

Nein – bringen Sie mir einfach genau so einen CARLOS I wie ihn Gerlinde hat.

Und als der unfähige Kellner endlich weg war, stellte Carl mit säuerlicher Miene fest, dass er Kurt erstmals wirklich bedauere: denn mit einer so unentschlossenen Partnerin wie Hannelore, würde er vermutlich jeden Tag mehrfach ausrasten, sagte er und schob zufrieden seine Eiskarte zu Gerlinde, die wortlos aufstand und ging.

Hoffentlich nur, um sich die Hände zu waschen?

KH

Klaus Hnilica
Dienstag, der 19. Juni 2018

Integrationsvorteile durch fortschreitende Digitalisierung

Die Frage, wie weit sich Vampire integrieren lassen, ist brandaktuell seit eine neue britische Studie feststellt, dass die fortschreitende Digitalisierung auch in dieser Hinsicht massive Vorteile bietet und vollkommen neue Perspektiven eröffnet!

Und nicht die alten Köpfe und Zöpfe waren es, die diese Revolution eingeleitet haben, sondern wieder einmal ist es die oft gescholtene Jugend, die entscheidende Schritte in diese neue ‚blutjunge Zukunft’ tut: Sie ist es, die nicht nur über Digitalisierung quasselt, wie jeder zweitklassige Provinzpolitiker heutzutage, sondern diese Digitalisierung auch tatsächlich lebt!

Ja sie – die ‚Generation Smartphones’ – gibt im 21. Jahrhundert völlig überraschend und ungeplant den Vampiren ein winziges Zipfelchen ihrer Freiheit zurück, in dem sie sie wieder frei zubeißen lässt!

Denn – ehrlich – was ist geeigneter für den unmittelbaren, zwanglosen Zubiss eines Vampirs, als das entblößte vorgestreckte Hälschen einer fünfzehnjährigen Smartphone-Nutzerin, die gebannt auf ihren Bildschirm starrt – und das ununterbrochen – auf der Straße, im Zug, auf dem Fahrrad, der Toilette und bei den Hausaufgaben?

Nix – aber auch gar nix ist geeigneter!

Und diese Eignung für den schnellen Zubiss gilt natürlich nicht nur für die genannte Fünfzehnjährige, sondern für sämtliche Smartphone-Nutzerinnen und -nutzer, egal welchen Alters und welcher Hautfarbe: alle diese Personen verharren bei ihrer Tätigkeit in der exakt gleichen Position, mit der exakt identischen ‚Bissaufforderung ihres Halses’ vor ihrem Gerät, so dass die oben erwähnte britische Studie sogar die Vermutung äußert, dass der oder die Erfinder des Smartphones unbedingt ‚Vampirhintergrund’ haben mussten oder müssen: Dies umso mehr als alle Smartphoneanwender und -anwenderinnen dermaßen auf ihre Geräte fixiert sind, dass sie nicht nur den schnellen Biss in ihren Hals nicht merken, sondern auch den nachfolgenden Saugakt nicht wahrnehmen!

Ja sie gehen derart in ihrer Smartphonewelt auf, dass sie für keine weitere Wahrnehmung mehr zugänglich sind: erst wenn ungeschickter Weise Blut auf ihre Bildschirme tropft, kreischen sie oftmals auf und werden aggressiv, weil sie selbst mit ihren eigenen Wischbewegungen und eigenem Blut ihre Bildschirme versauen!

Nicht zuletzt deshalb gibt es schon seit Jahren Initiativen führender Vampire in Wirtschaft und Politik, in denen energisch an Firmen wie Apple, Samsung und Nokia appelliert wird – endlich den ‚Blut abweisenden Bildschirm’ auf den Markt zu bringen! Der letztlich unabdingbar ist, wenn diese einmalige Chance der Vampirintegration in die Gesellschaft nicht leichtfertig vertan werden soll: und zwar die Integration aller Vampire! Auch der Ungeschickten – die beim Zubeißen schon mal daneben ‚tröppeln’!

Auf dem Sektor Datenschutz muss natürlich auch massiv nachgebessert werden: Immer wieder passiert es nämlich, dass Smartphonenutzer Vampire bei ihrer Blutmahlzeit photographieren und dies den Gebissenen blitzschnell auf ihre Smartphones spielen!

Erst ab da merken die Gebissenen vielfach, dass sie Blut abgeben und glauben es auch, da sie es ja auf ihren Smartphones sehen – und führen dann schon mal die eine oder andere unangebrachte Abwehrbewegung aus, die erst recht zu unnötigen Blutverlusten führen kann.

Es müssen also schnellstens entsprechende Gesetzesinitiativen mit einhergehendem ‚Filmverbot bei Blutmahlzeiten gestartet werden, und dies nicht in nationalen Alleingängen sondern sowohl auf EU–Ebene als auch bei der UNO, was allerdings keine allzu großen Probleme aufwerfen dürfte, wenn alle Beteiligten das gleiche Blut meinen und davon ihre Münder nicht zu voll nehmen.

Viel schwieriger dürfte ein anderes Problem zu lösen sein.

Nämlich – der Biss in den ‚faltigen Hals eines älteren Menschen’, den auch manche Vampire schätzen, wie die oben zitierte britische Studie bestätigt.

Glücklicherweise gibt es für diese wenigen ‚Feinschmecker’ heutzutage ausreichend ältere Smartphonenutzer – wenngleich deren Verbissenheit und Ausdauer bei weitem nicht an die forsche Jugend herankommt, was den schnellen Zubiss nicht gerade erleichtert!

Aber letztlich ist das nicht das zentrale Problem – bei diesem Problem! Das zentrale Problem ist viel mehr, dass selbst, wenn der Biss am ‚letscherten Faltenhals’ gelingt, das dabei abgesaugte Blut ähnlich schmeckt, wie eine Weinschorle aus einem Achtel Riesling aufgespritzt mit einem Liter Sodawasser!

Nämlich nach nix. Ja weniger als nix!

Was daher kommt, dass heutzutage praktisch in alle älteren Menschen von vereinter Ärzteschaft und Krankenkassen jede Menge teuere Blutverdünner versenkt werden: Dies sicher zum Vorteil der Pharmaindustrie und der blutverdünnten alten Menschen – aber für Vampire ist das der reinste Horror!

Und das nicht nur vom Geschmacklichen her, sondern insbesondere bezüglich des Mengenbedarfs: Denn Vampire werden dadurch nicht nur gezwungen, Unmengen an Blut in sich aufzunehmen, sondern gleichzeitig auch zu unzähligen Toilettengängen, um ihr Wasser abzuschlagen, was nicht selten zu punktuellen Blockaden öffentlicher Toiletten führt! Sehr zum Leidwesen von Menschen mit Blasenschwäche!

So dass letztlich nach all dem Gesagten schon noch viel zu tun bleibt, bis auch für Vampire ähnlich paradiesische Zustände in Deutschland gelten, wie nach Aussage der Kanzlerin für den Rest der Bevölkerung!

Doch wenn die noch zu lösenden Probleme von der Politik endlich vorurteilslos und zeitnah angegangen werden und die Gesellschaft ruhig Blut bewahrt, sollten sich die in der britischen Studie aufgezeigten Integrationsvorteile durch die zunehmende Digitalisierung trotzdem rasch realisieren lassen – insbesondere dann, wenn dafür Sorge getragen wird, dass Blut immer dicker bleibt als Weinschorle weil sonst ältere Herrschaften zwangsläufig nach jedem Vampirbiss unvertretbar lange Blutspuren hinter sich herziehen, die ihrerseits wieder massive Probleme beim Datenschutz aufwerfen, was politisch sicher von niemandem gewollt wird; dies umso mehr, als Vampire sich nach nichts mehr sehnen, als endlich in aller Ruhe ihre tägliche Blutmahlzeit verrichten zu können – und sonst nix!

K.H.

Klaus Hnilica
Dienstag, der 27. März 2018

Sparmodell WHISKY

Carl und Gerlinde (Folge 58)

Nein Carl beabsichtigte nicht jetzt noch einmal zu erklären, warum er und Gerlinde zwar ursprünglich nach Teneriffa wollten, dann aber doch wieder in Lanzarote gelandet waren und von da erst gestern Nacht heim kamen!

Gerlinde wollte dazu auch nichts sagen: warum mussten Hannelore und Kurt sie auch schon am frühen Sonntagmorgen während des Frühstücks überfallen, nur weil Hannelore wieder einmal nicht erwarten konnte, einen weiteren fantastischen Urlaubsbericht von Gerlinde zu hören, um ihren Kurt endlich auf die Kanarischen Inseln zu bringen.

Leicht genervt fragte Carl, ob sie eine Tasse Kaffe möchten oder gleich den Sekt und die Lachshäppchen, die er und Gerlinde im „Iberostar Lanzarote Park Hotel“ jeden Morgen um diese Zeit als kleinen Brunch einzunehmen pflegten.

Oh – ihr ward wieder im gleichen Hotel wie letztes Jahr? flötete Hannelore, was Gerlinde nur mit einem müden Nicken bestätigte, während sie sich um die Sektgläser kümmerte, da Carl tatsächlich schon in den Keller nach dem Sekt gesprintet war. Ja – wenn’s um Hannelore ging, war er flott!

Komm erzähl doch Gerlinde, wie war’s denn in Lanzarote? Wie war das Wetter? Wie die Leute und die Stimmung? Wir wollen alles haarklein wissen, gell Kurt?

Kurt nickte knapp und Gerlinde sagte, Gott – ja –  alles in allem war’s schon schön!

Na – das klingt ja nicht grad begeistert, brummte Kurt.

Oh – doch ging Carl dazwischen und ließ die Sektkorken knallen.

Leider hatte ich halt gleich nach der ersten Woche diese blöde Erkältung an der ich immer noch herumlaboriere, stöhnte Gerlinde und rotzte zur Bestätigung gleich zwei Tempotaschentücher voll.

Und ich hab’ dauernd gefroren! grinste Carl, während er reihum Sekt einschenkte.

Heißt das, dass es nicht so warm und frühlingshaft war, wie ihr das erwartet habt? fragte Hannelore schon mit dem Sektglas in der Hand.

Für die vielen Dicken schon, feixte Carl, aber für die wenigen Normalgewichtigen wie wir, nicht! Aber jetzt Prost ihr Lieben, auf Euch und uns und dass wir wieder heil zuhause sind.

Der ständige kalte Nordwind war echt blöd dieses Mal, stöhnte Gerlinde mit grandioser Leidensmiene, die Hannelore hartnäckig ignorierte.

Na toll! – deswegen fliegt man 4000 km Richtung Afrika, meinte Kurt süffisant. Er trank sein Glas in einem Zug leer und platzierte es auffordernd gleich wieder neben die Sektflasche, in der noch ein paar Schluckchen drinnen waren.

Länger als eine halbe Stunde habe sie keinen Tag in der Sonne liegen können, wegen dieses blöden Windes. Und nur drei Mal sei sie im Pool geschwommen in den zwei Wochen. Wahrscheinlich habe sie sich da auch die Erkältung geholt, jammerte Gerlinde weiter, da sie schon einmal am Jammern war und sie merkte wie Hannelore dieser Negativbericht immer mehr zusetzte. Aber natürlich war sie mit ihrer Erkältung nicht alleine: schon morgens im Frühstücksraum hustete und schnupfte fast der gesamte Saal in allen Tonlagen, wie ein fein abgestimmter Kirchenchor, wenn sie ankamen, und auch das Flugzeug zurück nach Frankfurt war eine einzige Ladung triefender und hustender Rotznasen gewesen…

Da Carl zu Hannelores Glück wieder frischen Sekt nachgeschenkt hatte und animierend sein Glas hob, musste Gerlinde ihren ‚Rotzreport’ kurz unterbrechen, was Hannelore die Gelegenheit gab, nach ein paar hastigen Schlückchen schnell die Frage einzuwerfen, ob sie wenigstens schöne Ausflüge gemacht hätten.

Ja das schon, meinte Gerlinde nach einer längeren Pause, in der sie, immer noch im Morgenrock, bedächtig ihren Oberkörper hin und her wiegte und an ihrem Glas nippte!

Gleich zu Beginn hätten sie für Mittwoch diesen mehrfach empfohlenen grandiosen Ausflug zu der traumhaften kleinen Fischerinsel ‚La Graziosa’ im Norden von Lanzarote gebucht: 60€ pro Person, mit Mittagessen, Busabholung vom Hotel, Fahrt zum romantischen Hafen Órzola und von da mit einem Katamaran durch den so genannten Rio zur Insel La Graziosa!

Leider regnete es an diesem wunderbaren Mittwoch aber, was selten genug vorkommt, stöhnte Gerlinde und bat Carl, ihr nochmals nachzuschenken, und der sonst übliche Wind hatte sich an diesem Tag auch zu einem veritablen Stürmchen ausgewachsen, so dass man sich überhaupt nicht an Deck aufhalten konnte und deshalb noch ein Glasbodenboot dazu genommen werden musste, um alle Ausflügler trocken unterzubringen. Nach dem Essen auf La Graziosa wurde im Regen aber auf eine weitere Besichtigung der Insel verzichtet und statt  dessen bei wahnwitzigem Seegang – da hinter Graziosa ja 6000 km Atlantischer Ozean liegen – die Insel mit beiden Schiffen umfahren. Dies mit dem Ergebnis, dass sie ununterbrochen kotzen musste und selbst Carl am Ende der Umschiffung sich auch kaum mehr auf den Beinen halten konnte.

Gerlinde brauchte nach diesem Kurzbericht ein weiteres Glas Sekt und sank erschöpft in ihrem Stuhl in sich zusammen, während Carl endlich  auch das Wort ergreifen konnte und ergänzte, dass jeder von ihnen beiden nach diesem Abenteuer eine halbe Stunde unter der heißen Dusche gestanden habe, um einigermaßen wieder warm zu werden. Danach sei aber Gott sei’s gedankt, das Unerwartete passiert, was diesen Urlaub noch rettete…

Und was war das für ein unerwartetes Ereignis? fragte Hannelore neugierig mit neuer Hoffnung in den Augen.

Tja  – ich weiß nicht, ob ich das verraten soll? Was meinst du Gerlinde?

Ihr wäre das egal brummelte Gerlinde, sie möchte nur ein weiteres Glas Sekt.

Das Vierte! stellte Carl leicht besorgt fest.

Na  – und?

Ich sag’s ja nur, hauchte er und schenkte nach.

In einem ähnlichen Zustand, wie jetzt Gerlinde wären sie beide nämlich nach dem gelungen Ausflug auch gewesen, sagte Carl dann zu Hannelore und Kurt. Und ohne nachzudenken hätten sie damals in einem Rutsch hintereinander alle vier kleinen Fläschchen Whisky aus der Minibar weggeschluckt, um einigermaßen zufrieden in ihre Bettchen zu sinken…

Das böse Erwachen kam allerdings am nächsten Morgen, als sie entdeckten, dass eines dieser winzigen 5cl-Fläschen Whisky mit 9.90€  berechnet wurde, was bedeutete, dass sie für diese läppischen vier Fläschchen Whisky – die nicht mehr als vier große Schluck waren – 39.60 € löhnen mussten! Das müsse man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen, stöhnte er.

Keine schlechte Rendite für das Hotel stellte – plötzlich hellwach –  der gute Kurt fest!

Und Gerlinde stöhnte in ihrem Stuhl auch auf! Ihr neuerlicher Wunsch nach Sekt wurde allerdings nicht mehr erfüllt.

Stattdessen sagte Carl zu Hannelore, dass man so eine Abzocke natürlich mit ihm nicht machen könnte. Eine kurze Überprüfung der Whisky– Situation im nahen Supermarkt zeigte ihm nämlich, dass dort ein 75cl Fläschchen der gleichen Marke gerade einmal 15.85 € kostete.

Selbst Kurt war mit einem Mal klar, was da zu tun war! Und so nickte er bei jedem Wort bestätigend mit dem Kopf, als Carl, nicht ohne einem gewissen Pathos, verkündete, dass er und Gerlinde daraufhin im Laufe der restlichen 10 Urlaubstage schlicht und ergreifend einfach 10 Flaschen Whisky zusammen weg geschluckt hätten und dadurch nach Abzug der Beschaffungskosten sage und schreibe 1325.- € erwirtschafteten, wie jedermann leicht nachrechnen könne!

Ahhhh – kicherte Hannelore plötzlich, jetzt gehe ihr ein Licht auf: das meinte also Gerlinde, als sie sagte, ihr seid alles in allem doch zufrieden gewesen mit euerem Urlaub!

Ja das meinte sie wohl, bestätigte Carl, da Gerlinde inzwischen auf ihrem Stuhl sanft entschlummert war. Der Sekt tat wohl seine Wirkung!

Und vielleicht half bei Kurt auch der Sekt nach, als er ohne seine Stimme anzuheben mit größter Selbstverständlichkeit plötzlich sagte, dass er sich bei einem derartigen Sparpotential einen Urlaub auf den Kanaren auch gut vorstellen könnte…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 8. Februar 2018

Mitarbeitermotivation und der virtuelle Slip der Bardame

Carl und Gerlinde (Folge 57)

Irgendwie begann dieses Jahr 2018 seltsam!

Kaum hatte Carl die beschämende Kritik Gerlindes beim letzten Saunaabend, wegen seiner fülligen Figur einigermaßen verdaut, kam sein Chef, Bernie, mit so einem blöden Anliegen, dass Carl  den köstlichen Kaffee seiner Sekretärin Bettina beinahe wieder ausgekotzt hätte.

Und das ausgerechnet an einem Tag, an dem endlich die Sonne schien und Carl noch dachte, dass dies der erste schöne Arbeitstag in diesem beschissenen Winter werden könnte. Doch der Anruf von Dr. Osterkorn um 9 Uhr 17,  mit dem er ihn eiligst zu sich bat, genügte, um ihn von dieser Illusion zu befreien!

Mein lieber Carl, du erinnerst dich doch sicher noch, sagte Bernie, schleimig wie eine Weinbergschnecke, an die wunderbar motivierende Rede von unserem Kaufmännischen GF, Dr. Schäufele, anlässlich des Aufrufes unserer Kanzlerin zur Bewältigung der Flüchtlingskrise vor drei Jahren. Bei der bildlich gesprochen, kein Auge trocken blieb!

Meins blieb trocken, knurrte Carl.

Entschuldige bitte, was bin ich nur für ein miserabler Gastgeber, Carl! Was darf ich dir denn anbieten?

Ein Wasser, bitte…

Okay Wasser, sagte Bernie, sprang auf und gab die Bitte an seine Sekretärin weiter.

Also wie gesagt, diese Rede damals, war einmalig gewesen, wiederholte Bernie geistesabwesend.

Ist denn das damals angesprochene Programm für die Einbindung von Flüchtlingen bei TRIGA auch realisiert worden? fragte Carl.

Ehrlich gesagt, darüber bin ich nicht informiert, aber lassen wir das, denn momentan geht es bei uns, wie du ja weißt, wirklich ums ‚Eingemachte’.

So schlimm? fragte Carl besorgt.

Ja so schlimm! Und deswegen möchte Dr. Schäufele kommende Woche bei der Betriebsversammlung in einem Statement an alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht nur den Ernst der Lage schildern, sondern auch zu noch größerer Leistungsbereitschaft aufrufen.

Na – bravo!

Nix  – bravo, Carl, denn Dr. Schäufele will bei dieser Rede nicht nur den Startschuss für die Reorganisation unseres Hauses geben, dabei finanzielle Einschnitte ankündigen, sondern in einem Aufwasch auch gleich die neue Firmenstrategie verkünden.

Etwa die, die diese fürchterlichen Berater – Fuzzy’s Ende 2017 mit uns durchgesprochen haben? schnauzte Carl entsetzt.

Rede bitte nicht so despektierlich über das von Dr. Schäufele empfohlene  Beratungsunternehmen ‚KLARSICHT’ auf das er so stolz ist, sagte Dr. Osterkorn mahnend.

Okay – ich nehm alles zurück, Bernie.

Gut, Carl – aber da sind wir schon beim Punkt. Dr. Schäufele hat mich nämlich gebeten, auf Grundlage der ‚KLARSICHT – Unterlagen’ ein Redekonzept auszuarbeiten! Da ich aber, wie du ja vielleicht weißt, ab morgen für ein paar Tage in der Schweiz Schifahren möchte und schon gebucht habe, wollte ich dich bitten mir dabei unter die Arme zu greifen…

Beim Schifahren?

Ha – ha- du Spaßvogel – natürlich bei der Ausarbeitung des Konzeptes. Dies umso mehr, als ja niemand so gut wie du unser Geschäft, unsere Möglichkeiten, sowie die Ausarbeitung der Firma KLARSICHT kennt.

Welch eine Ehre!

Ja –  und diese Ehrerweisung dauert genau bis nächsten Dienstag um dieselbe Zeit. Da will die Kaufmännische GF nämlich das fertige Redemanuskript auf dem Tisch haben!

Das heißt, ich hab grad mal zwei Arbeitstage Zeit…

Vergiss nicht die Nacht dazwischen, lieber Carl!

Toll – sagte Carl, griff nach dem gelben KLARSICHT – Ordner und schlich mit einem hingehauchten – schönen Urlaub, Bernie – davon.

Was Carls Sekretärin Bettina, dann Dr. Schäufeles Sekretärin nach zwei Tagen übergab, war fast exakt, was Bernie und der Berater KLARSICHT wollten, denn es hieß da:

  „Global gesehen steht das gesamte Trikotagengeschäft vor einer Revolution! Die Globalisierung im Wäschebereich ist omnipräsent und nicht mehr wegzudiskutieren. Die Digitalisierung macht selbst vor der Unterhose nicht halt. Trotzdem sind in der Zukunft, neben dem ‚virtuellen Slip für die Bardame’ und der ‚intelligenten Unterhose vom Kleinkind bis zum Greis’, vor allem Kostensenkungen das Gebot der Stunde.

Aber Innovationen im ‚Bereich Unterwäsche’ werden dennoch zur Überlebensfrage. Und das für einen Kunden, der immer anspruchsvoller und immer mehr im Mittelpunkt stehen wird. Er und der Unterhosen tragende Mitarbeiter sind unser größtes Gut!

Exzellenz darf nicht nur unsere Herzen regieren, sondern muss uns auch unten rum warm halten –  insbesondere an kalten Wintertagen! Die es trotz Klimaerwärmung immer wieder geben wird!

Für TRIGA bedeutet das, dass wir auf jeden Fall wachsen müssen! Nicht nur als Firma, sondern auch unseren Unterhosen müssen wir entwachsen, da nur so der permanente Neukauf sichergestellt ist. Das sind wir den Investoren schuldig! Wir müssen das Gebot der Stunde annehmen und die Nummer eins im Trikotagengeschäft werden. Schließlich  haben wir die besten und saugfähigsten Unterhosen, Unterhemden und Dessous. Und das fähigste Personal in Unterhosen!

Der Markt ist da, werte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und die Kunden haben viel Geld. Unsere Chancen sind gewaltig, denn die Unterleiber der Menschheit wollen von unseren Unterhosen umschmeichelt werden.

 Auf keinen Fall dürfen wir aus Angst vor dieser riesigen Aufgabe uns in die eigenen Hosen machen. Das sind wir den Unterhosen und unserem Konzern Board schuldig!

Denn ein kurzer Blick zurück zeigt ja, dass TRIGA das letzte Jahr nur  begrenzt gemeistert hat! Und das obwohl wir alle heroisch gekämpft haben. Aber der große Erfolg blieb aus. Dies trotz größtem Druck von oben!! Dafür danken wir allen Managern. Und türlich auch allen unermüdlichen Mitarbeitern. Die wir ja auch haben. Selbst wenn das Ziel verfehlt wurde.

Auf jeden Fall akzeptieren wir dieses Jahr nur den ‚Fast Start’!

Einen ‚Fast Start’ ohne jede Anfangsprügelei um die neuen Zielvorgaben, die deutlich angehoben werden müssen: denn wir wollen dieses Jahr nicht, wie sonst immer, das verschlampte erste Quartal aufholen müssen.

Das ist inakzeptabel und nervt!

Mit Sicherheit wird dieses Jahr, falls die Ergebnisse nicht den erwarteten Verlauf  zeigen sollten, das gesamte TRIGA – Management in Meetings und Einzelgesprächen der Belegschaft so lange helfen, bis die vorgegeben Ziele erreicht werden!! Denn verlieren Sie bitte nie aus dem Auge, dass jede über der Zielvorgabe hinaus produzierte Unterhose – eine Unterhose mehr ist!

Doch trotz der im letzten Jahr nicht erreichten Ziele, wollen wir jedem einzelnen Mitarbeiter bei TRIGA dafür danken, dass er sich nicht zu schade war mitzuhelfen! Und wir ehren alle Innovatoren, die uns ein Stück weit  unsere Zukunftskraft vor Augen geführt und gezeigt haben, dass Höchstleistungen möglich sind –  wenn wir sie nur wollen: Erfolg ist kein Geheimnis sondern eine Charakterhaltung!

Drum werte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen lautet unser diesjähriges Motto für TRIGA: Wir machen nicht in die Hosen, sondern unsere Hausaufgaben!

Dazu wünsche ich Ihnen im Namen der Konzernleitung und des gesamten TRIGA – Managements eine glückliche Hand und viel Erfolg!“

Da Carl anschließend mit Gerlinde nach Teneriffa geflogen war, hatte er keine Rückmeldung mehr bekommen, wie sein Konzeptvorschlag aufgenommen worden war.

Sicher gut, denn es war ja bis auf Kleinigkeiten, exakt das ‚Gedöns‘ der KLARSICHT – Berater! So wie Dr. Osterkorn es gewünscht – und Carl es verstanden hatte. Und die kleinen versteckten, sachlichen Boshaftigkeiten fielen dem Kaufmann  Dr. Schäufele bestimmt nicht auf…

KH

Klaus Hnilica
Sonntag, der 28. Januar 2018

Saunaaufguss

Carl und Gerlinde (Folge 56)

Das Jahr 2018 hatte eigentlich super begonnen.

Jedenfalls für Carl. Für Gerlinde sicher auch.

Gleich am dritten Sonntag im Monat, also noch im Januar, nachmittags in die Sauna zu gehen, war eine prima Idee von Gerlinde gewesen.

Natürlich lag sie schon längst splitternackt genüsslich ausgestreckt auf ihrem Saunatuch, als Carl endlich in die überhitze Kabine gestakst kam.

Ihren kritischen Blick, während er seine Handtücher auf der Saunabank arrangierte, kannte und spürte er – der war nicht neu…

Wenn du dich weiter so wenig bewegst, kannst du demnächst meine Büstenhalter übernehmen, kicherte sie flapsig – und schwitzend.

Soll das heißen, dass dir deine Brüstchen eigentlich zu klein sind und uns daher demnächst eine Schönheitsoperation ins Haus steht?, fragte Carl scheinheilig – noch nicht schwitzend.

Nein das mein ich nicht. Ich bin mit meinen Brüsten vollkommen zufrieden.

Also keine Brustvergrößerung mit inkludierter Straffung demnächst, murmelte Carl und streifte immer wieder über sein ohnehin perfekt liegendes Saunatuch. Auch das mehrfach gefaltete Handtuch auf dem Kopfteil lag längst tadellos.

Nein Carl – aber bei dir wär’ allerlei zu straffen, wenn ich dich so anschau’.

Tja – dann schau halt nicht…

Tu’ ich eh meistens nicht, aber manchmal, wie jetzt, passiert es doch und dann muss ich feststellen, dass du ziemlich schwammig geworden bist, lieber Carl.

Carl schwang sich endlich wortlos auf seine sorgfältigst abgedeckte Saunabank. Vorher grinste er Gerlinde noch genervt zu.

Vor allem deine Brüstchen hängen immer mehr und mehr! stellte Gerlinde beharrlich fest.

Hm – und deswegen soll ich mich mit deinen BHs anfreunden?, fragte Carl mit ersten Schweißperlen im Gesicht, am Bauch und zwischen den Gesäßbacken.

Nein das sollst du nicht – aber du könntest ja vielleicht statt dessen etwas weniger Schokolade in dich hineinarbeiten.

Es muss ja nicht jeder deinem Schlankheitswahn frönen und so ein Knochengestell sein, wie du, liebe Gerlinde!

Nein muss man nicht: aber man muss auch nicht so faul und verfressen sein wie du in letzter Zeit, lieber Carl.

Du bist ganz schön biestig heute, sagte Carl. Er wälzte sich von seiner Saunabank umständlich herunter und schöpfte vier Kellen Wasser auf die Saunakohle. Er wusste, dass Gerlinde das zu heiß wurde.

Sie stöhnte auch kurz auf, sagte dann aber: mach’ nur, Carl, das empfindliche Herzchen hast ja du!

Weißt du, Gerlinde, am liebsten würde ich dich unter die kalte Dusche stellen und festhalten bis du wieder zu dir kommst und friedlich wirst.

Dann tu’ s doch, Carl! Du kannst mich auch auspeitschen, aufs Streckbett ketten oder sonst irgendwie quälen, aber…

Was aber?

Aber du könntest auch deine Großhirnrinde aktivieren und vielleicht darüber nachdenken, ob du nicht auch deinen apollinischen Leib einmal etwas quälen solltest, statt immer nur…

Was genau meinst du mit quälen? unterbrach sie Carl gequält.

Ich meine schlicht und einfach, dass du dich mehr bewegen könntest und etwas gesünder ernähren.

Aha, stöhnte Carl und drehte sich schwitzend und ächzend auf seinem Saunatuch nach links, so dass er Gerlinde erstmals im Blick hatte.

Du willst damit wohl andeuten, fuhr er fort, dass bei uns jetzt auch diese ‚neuen Zeiten’ eingeläutet werden sollen!

Gott  wie dramatisch du immer wirst, wenn dir etwas gegen den Strich geht, stöhnte Gerlinde.

Na das muss man ja wohl werden, wenn jetzt statt Sex, Drugs und Rock’n Roll plötzlich mit Laktoseintoleranz, Veganismus und Helene Fischer gedroht wird!

Du immer mit deinen Sprüchen, Carl!

Ja – ich immer mit meinen Sprüchen.

Was ist denn daran so schlecht, wenn man seine Gesundheit im Auge hat und auf seinen Körper achtet? Murmelte Gerlinde in sich hinein.

Tja wenn du nicht verstehst, was ich meine, liebe Gerlinde, kann ich dir auch nicht helfen – aber ich muss jedenfalls an die frische Luft sonst dreh ich noch durch bei soviel überhitztem Schmarren…

Aber Vorsicht, Carl, unsere fette Nachbarin lunzt immer nach deinen Speckhöckerchen und sonst was!

Und du pass auf ihren Rauhaardackel auf, der nagt jeden Knochen an…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 21. Dezember 2017

Ach – Weihnachten …

Es weihnachtet schon sehr!

Jedes Jahr bekomme ich Weihnachtsgrüße von Klaus Hnlica, dem Erfinder von „Carl & Gerlinde“ – immer inklusive eines Gedichts. Das immer kritisch und doch wohlwollend zur Weihnachtszeit passt. Hier ist es:

Null Schnee, doch viel Murks,
Ein Advent viel zu kurz
Und Regen in Bächen,
Als wollt’ Jesus sich rächen,
Dass einst er – nicht nett –
Nur im Stall fand ein Bett…

Doch wehe man würde
Trotz dieser Bürde
Die Weihnacht verhindern,
Gäb’s Krieg mit den Kindern!
Doch Spaß macht’s so nicht,
Für die Alten ist’s Pflicht!

Wenn’s draußen so dunkelt,
Nur LED-Licht noch funkelt,
Und die Laune ganz lose
Rutscht tief in die Hose!

Umso größer, ganz ehrlich
Und schwer nur erklärlich,
Wie festlich doch wieder
Bei Kerzschein und Lieder
Die Seelen sich finden –
Auch Freude empfinden –

Und erhaschen ein Stück
Weihnachtlich’ Glück!

Klaus Hnlica, 2017

Klaus Hnilica
Dienstag, der 5. Dezember 2017

Die zweite Finsternis

Carl und Gerlinde (Folge 55)

Als Carl aufwachte und quälend langsam zu sich fand, schienen die ersten rudimentären Wahrnehmungen seines noch nicht gänzlich betriebsbereiten Körpers das Öffnen der Augen weiterhin hartnäckig zu unterbinden!

Ja, die synchron mit den herangepeitschten Regenschauer scheppernden Rollläden schoben sogar den üblichen Vorgang der Tagwache bereits zum x-ten Mal auf einen späteren Zeitpunkt, da er trotz seiner nur partiell aktivierten Großhirnrinde zu ahnen schien, dass sich beim Öffnen seiner Augen keinesfalls ein erfreulicher Zustand darbot, sondern lediglich die durch geschlossene Augen hergestellte Finsternis in die zweite Finsternis der herabgelassenen Rollläden übergeführt würde, während die eigentliche Ursache seiner ‚Lidstarre’, nämlich das enervierende Regengeklatsche und Geschepper des Rollladens, in keiner Weise abgestellt oder unterdrückt wurde und für ihn somit nicht die geringste Chance bestand, mit einem freundlichen Tagesbeginn bei Sonnenschein rechnen zu können.

Was also tun an einem Sonntag wie diesen im Advent, der ihn wie durch ein Wunder von sämtlichen Verpflichtungen befreit hatte, da weder im Umkreis von hundert Kilometern eine alte Tante oder Freunde besucht werden mussten, noch Gerlinde neben ihm aufzuwachen gedachte, sondern nach der Geräuschkulisse zu schließen, im Tiefschlaf weiter in ihren verträumten Tauchgängen im Roten oder Toten Meer vor sich hin schnorchelte?

Unter derartigen Umständen konnte sich kein normaler Mensch – und schon gar nicht Carl – freiwillig aus seinem herrlich warmen Bettchen schälen: verfolgten doch alle sich abzeichnenden Widrigkeiten eines möglicher Weise schon heraufziehenden Morgens einzig und allein das Ziel, die durch niedrigen Blutdruck bedingte ohnehin beschissene morgendliche Laune noch beschissener zu gestalten.

Wer konnte und wollte das denn verantworten?, dachte Carl mit immer noch heroisch geschlossenen Augen, während er sich unelegant stöhnend in seinem Bette von links nach rechts wälzte, dies aber gleich korrigierte, da sein schnorchelndes Gerlindchen völlig unerwartet sich ebenfalls ihm zudrehte und ihm eine Böe der Stärke sechs bis acht ins Gesicht prustete, gerade so, als müsste sie ihren Mund tatsächlich vom salzigen Meerwasser befreien.

Wieder in der ursprünglichen Ausgangslage zurück, verweilte Carl, unter Aufrechterhaltung seiner selbst gewählten Finsternis, eine ganze Weile unentschlossen bei dem Gedanken, ob er versuchen sollte noch einmal einzuschlafen, oder ob es schon an der Zeit sein könnte das Frühstück zuzubereiten.

Ja es schlich sich sogar der vermaledeite Gedanke in eine seiner bereits neuronal aktivierten Gehirnwindungen, ob er ausnahmsweise jetzt in der Adventszeit es erstmalig wagen sollte, sich an die sonntägliche Frühstückszubereitung zu machen, um so seiner nach wie vor emsig schnorchelnden Gerlinde bei erwachendem Auftauchen aus den warmen Fluten des Roten Meeres die Überraschung des Jahrhunderts präsentieren zu können, nämlich einen von ihm höchst persönlich arrangierten, prächtig gedeckten Frühstücktisch mit allen von ihr gewünschten morgendlichen Leckereien einschließlich ihres geliebten kräftigen Kaffees…

Was für eine großartige Eingebung und herrlicher Liebesbeweis gegenüber seiner tatkräftigen Gerlinde, die nun schon seit einem halben Jahr auch wieder berufstätig war und jede Art von Entlastung zuhause umso mehr schätzte. Ja – Carl entdeckte sogar trotz seiner immer noch reduzierten Betriebsbereitschaft, dass plötzlich in ihm ein zartes Pflänzchen von Begeisterung aufzukeimen begann, begleitet von einer anrührenden Wärme, die sich nicht nur in seinem Kopf ausbreitete sondern zaghaft auch all seine Gliedmaßen erfasste…

Schön war das!

Sehr schön sogar! Inspirierend und aufbauend – aber auch eine Spur besorgniserregend – fand Carl, wenn er ganz ehrlich mit sich war und auch vor der Tatsache nicht die Augen verschloss, dass er vor Begeisterung zunehmend Schwierigkeiten hatte seine Augen geschlossen zu halten!

Und nicht nur das!

Mit einem Mal hatte er auch das beängstigende Gefühl, dass da etwas Unbekanntes, Fremdes in ihm zu wuchern begann und an ihm zerrte und zog, ja wie ein hässlicher Parasit an seinen Kräften saugte und sich labte.

Das war nicht schön! Gar nicht schön!

Carl spürte präzise und unmittelbar: wenn er jetzt diesen verstörenden Mächten nachgab, war die Nacht gelaufen und der vielleicht schon aufkeimende Morgen auch. Das durfte auf keinen Fall passieren, dachte er. Und schon gar nicht durfte er jetzt die Augen öffnen und doch noch in diese zweite Finsternis fallen, die ihm immer so zusetzte und zu tiefst deprimiert hinterließ…

Das Einzige was da half, war sein zweites Kopfkissen! Wie immer von seiner schnorchelnden Gerlinde in Besitz genommen entzog er es ihr aber jetzt unsanft!  Und noch während er es sich wie schon so oft, gekonnt um den Kopf wickelte, begann er bereits tonlos vor sich hin zu zählen – und war bei Dreitausendachthundertzweiundsiebzig tatsächlich wieder eingeschlafen!

Erst durch Gerlindes energisches zweimaliges Rufen aus der Küche, „Frühstück ist fertig“, wachte Carl wie neugeboren auf. Sich wohlig rekelnd und streckend war er sichtlich zufrieden mit sich, dass er dieser mehr als  verhängnisvollen Frühstücksversuchung mit ihren unabsehbaren Folgen in der Zukunft, mannhaft widerstanden hatte.

Nun fühlte Carl sich auch der zweiten Finsternis gewachsen und öffnete  lächelnd seine Augen…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 9. November 2017

Hol‘ dir ein Bier…

Miriam war ein Luder!

Alle wussten das – auch der Hermann.

Als Jüngster musste er aber den Bauernhof übernehmen. Es war der größte Hof in Erleinsbach, nur arg heruntergekommen und verschuldet!

Bei den sonntäglichen Stammtischrunden in den umliegenden Wirtshäusern, zu denen Hermann schon lange nicht mehr ging, wurde der Zustand dieses Hofes, wenn’s gut lief mit einem „ja der Hermann hat’ s nicht leicht!“ bedacht, begleitet von einem schäbigen Grinsen oder peinlichem Schweigen. Der eine oder andere spuckte sogar aus, wenn dieser Hof genannt wurde.

Hermanns Geschwister waren froh, dass er sich nach jahrelangem Zögern endlich durchgerungen hatte, den Hof zu übernehmen. Von ihnen hätte sich das keiner antun wollen. Sein älterer Bruder Korbinian arbeitete lieber als Tischler im benachbarten Kopfing und Annegret heiratete schon in jungen Jahren auf einen ansehnlicheren, ertragreicheren Bauernhof. Für den Leitnerbauer war Annegret ein Glücksfall: zwar nicht besonders fesch und schnuckelig, vielleicht sogar etwas froschäugig, dafür aber emsig wie eine Honigbiene, wie ihre Schwiegermutter höchst zufrieden anmerkte, wenn sie vor den Nachbar Bäuerinnen glänzen wollte: Annegret konnte zupacken wie keine andere! Kein Heuschober war ihr zu schwer, kein Traktor zu groß, kein Güllewagen zu stinkig und selbst mit ihrem dicken Schwangerschaftsbauch melkte sie alle Kühe und mistete sie die Stallungen aus.

Ein richtiges ‚Arbeitsviech’ ist meine Alte, stellte der rotgesichtige Leitnerbauer, des öfteren zufrieden am Stammtisch fest und prostete den andern mit seinem vollen Bierkrug zu.

Miriam aber – war kein ‚Arbeitsviech’!

Der Hermann heiratete sie trotzdem! Und das, obwohl sie schon ziemlich abgegriffen war und einen unehelichen Balg mit sich herumschleppte, der aber bei ihrer Tante in Grieskirchen gut untergebracht war. Kein Wunder, dass es für Miriam unter diesen Umständen nicht einfach war im Umfeld ihres Heimatortes Natternbach, wo jeder jeden kannte, einen heiratsfähigen Mann zu finden. Der Hermann kam ihr da gerade recht!

Ihren Balg Paula sah Miriam – Gott sei’s gedankt – nur bei Begräbnissen und Hochzeiten. Das reichte! Denn wann immer Paula ihr unter die Augen trat, war Miriam enttäuscht und verärgert, dass sie genau so unansehnlich und ausgefressen daherkam, wie ihr unsäglicher Vater, der nach wie vor als Schlachter in Wels arbeitete: warum hatte Paula nicht wenigstens ein bisschen was von ihr geerbt?

Ja, sie wusste, wie man sich sexy rausputzte und mit hohem Busen und steilen Arsch den Männern den Kopf verdrehte. Ihr schaute jeder Bauernlümmel nach! Aber der Paula? Höchstens ein Blinder, wenn sie ihm was Freundliches zurief…

Hermann mochte Miriams Paula!

Er hatte sie ein paar Mal bei Familienfeierlichkeiten gesehen und ihr da auch gelegentlich auf ihren dicken Arsch geklopft! Freundschaftlich, so dass sie gekichert hat. Ihren grobschlächtigen Vater, den Josef, kannte er natürlich auch – und auf ihre Mutter, die Miriam, war der Hermann, im Gegensatz zu allen anderen, richtiggehend stolz!

Ja – stolz wie ein Pfau!

Nie im Leben hatte er für möglich gehalten, dass so eine fesche ‚Dern’, einen wie ihn zum Mann haben wollte: ihn, der sich kaum zu benehmen wusste, abgerissen  daherkam und nie ausreichend Kohle hatte. Was konnte er, einer wie ihr, schon bieten?

Na ja – immerhin  einen Bauernhof – und jede Menge Drecksarbeit! Und das von morgens bis abends!

Miriam kam aus einer Handwerkerfamilie!

Ihr Vater war Dachdecker gewesen. Ihre Mutter hatte zwar darauf geachtet, dass immer ein kräftiges Essen und zwei Flaschen Bier bereitstanden, wenn er abends abgearbeitet heim kam, konnte aber trotzdem nicht verhindern, dass er eines Vormittags bei Regen von einem der steilen Kirchendächer rutschte und mausetot war. Genickbruch – und mehrfacher Wirbelsäulenbruch!

Fortan musste Miriams Mutter durch Putzen und Kochen für andere, sich und ihre Tochter, die immer deutlicher zu einem hübschen, drallen Ding heranwuchs, alleine durchbringen. Kein Wunder, dass sich diese Miriam schwor, unbedingt einmal einen Mann zu heiraten, der ihr mehr bieten konnte, als ihr tollpatschiger Vater ihrer Mutter, oder dieser fette Josef, der ihr im Vollrausch die Paula angedreht hatte, aber kaum den Unterhalt zahlen konnte.

Und auf gar keinen Fall war sie bereit, hinter anderen Leuten her zu putzen, wie ihre Mutter das nun Jahr und Tag machen musste. Das war nichts für sie, nein, lieber blieb sie alleine und vertrocknete langsam  – wie ihre Mutter prophezeit hatte!

Vielleicht wirkte Miriam ja gerade deshalb auf Hermann so anziehend, weil sie weder wie eine Bäuerin aussah, noch eine werden wollte?

Ein gewisser Hang, sich besser zu fühlen als Andere, war Hermann immer zu Eigen gewesen. Selbst in der Schule schon. Korbinian und Annegret waren ähnlich und wurden von den anderen Bauern auch oft ausgegrenzt.

Hermann bewunderte vor allem Miriams samtene, helle Haut! Ihr Gesicht zeigte nie die für Bauersfrauen üblichen Frostflecken, die beim Tanzen aufglühten. Sie verstand sich zu kleiden und hätte gut und gerne eine Verkäuferin in Linz sein können.

Über seine ständige Verkündigung gegenüber seinen Geschwistern und anderen Dummschwätzern, dass er sich aus dieser ‚Dachdecker – Miriam’ einen Scheißdreck mache, übersah Hermann, trotz etlicher Warnungen, vermutlich den entscheidenden Moment: denn für alle überraschend, stand er eines Tages, ausgerechnet während der Erntezeit, mit Miriam vor dem Traualtar!

Vom ersten Tag an machte sie ihrem nicht wirklich erstaunten Hermann klar, dass sie nicht im Traum daran dachte, für ihn die Bäuerin zu spielen und ihm vielleicht später auch noch den Arsch abzuwischen.

Miriam hatte andere Pläne und sorgte dafür, schleunigst ins Grundbuch von Hermanns Hof eingetragen zu werden, um endlich den Kredit von der Sparkasse in Grieskirchen zu bekommen, den sie für die Erfüllung ihres Lebenstraumes, nämlich die Eröffnung einer Bar in Wels, benötigte!

Ihr Berater aus der Sparkasse, hatte ihr in sehr persönlichen Gesprächen, die Goldgrube, die da auf sie wartete, aufs Eindringlichste ausgemalt, wenn sie die Sache mit ihm und der entsprechenden Power anginge und sich nicht von ihrem ewig müden Hermännchen dreinreden ließe.

Der Bauernhof als Sicherheit mache alles möglich, versicherte der tüchtige Mann aus der Sparkasse und Miriam tat mit ihren feschen Dirndln ihr Bestes, um ihn in der Spur zu halten!

Allerdings nicht lange, dann waren zwar die Dirndln immer noch in einem prima Zustand, da sie häufig doch bloß in Unterwäsche oder noch weniger arbeitete, aber der Bartraum war ausgeträumt und sie hatte sich ein paar unschöne ‚Kratzer’ mehr eingefangen. Dank ihrer Jugend ließen sich diese jedoch immer noch leidlich kaschieren, wenn sie angezogen war und volle Kriegsbemalung angelegt hatte.

Außerdem war Miriam nicht dumm, sie hatte von ihrem Bankberater zwischen allem Geschmuse, schweißtreibendem Gestöhne und der einen oder anderen Ohrfeige schnell gelernt, wie man einen Notgroschen, selbst bei schwierigstem Seegang, in diversen Steuerparadiesen in Sicherheit bringen konnte.

Und Dario, den sie im ‚Rosenstüberl’ in Linz kennen gelernt hatte, zeigte ihr schon bald nach dem komischen Sparkassenhengst, was sie mit diesem Notgroschen in Südspanien anstellen konnte.

Da Hermanns schäbiger Bauernhof nie das von ihm vorgegaukelte Geld abgeworfen hatte, geschah ihm nur Recht, wenn er jetzt auf den aufgelaufenen Schulden sitzen blieb!

Ihr sei jedenfalls ihre Zeit zu kostbar, um mit so einem wie ihn, die besten Jahre ihres Lebens zu verplempern, rief sie Hermann zu, als Dario ihr ein Ultimatum stellte, endlich zur Sache zu kommen und mit ihm abzuhauen.

So wie er, Hermann, wirtschafte und einen Bockmist nach dem anderen baue, würde er in diesem ‚Saustall von Bauernhof’ selbst in hundert Jahren noch kein Bein auf den Boden bringen, fauchte sie ihn in ihrem roten Hosenanzug von der Haustür‘ her an, während Hermann im Hof den frisch ausgefahrenen Stallmist von seinem Schubkarren in immer höheren Bögen auf den Misthaufen donnerte – und wie immer schwieg!

„Warum schmeißt du dich nicht gleich selbst auf den Misthaufen, Hermann? Das ist doch der richtige Platz für so einen Versager wie du einer bist“, kreischte sie hysterisch und dampfte in seinem hoch betagten Mercedes vom Hof, auf dem es nur noch drei Schweine, zwei alte Kühe und ein Schaf gab, sowie einen Rest an Heu und Stroh, der schon zu schimmeln begann; alle anderen Erträge waren bereits unmittelbar nach der Ernte verkauft worden, um wenigstens die dringlichsten Zahlungen an die Sparkasse tätigen zu können.

Im innersten seines Herzens stimmte Hermann Miriams Einschätzung sogar zu, wenngleich ihr Weggehen – auf diese schäbige Art – ihn innerlich zerriss.

Ohne nachzudenken versuchte Hermann nach diesem Desaster mit Miriam einfach weiter zu werkeln wie bisher: tagsüber arbeitete er für Bekannte in Nachbargemeinden im Pfusch als Maurer, und abends krabbelte er lustlos, mit erbärmlicher Laune, aber jeder Menge Bier, auf den schäbigen Resten seines Hofes herum.

Gelegentlich kam wenigstens seine Schwester Annegret vorbei, wusch ihm die Wäsche, putzte die Küche und zweimal im Jahr die Fenster in der Schlafkammer und der großen Stube. Ohne sie wäre er gänzlich in seinem Dreck erstickt.

Als einziger Lichtblick in dieser Trostlosigkeit blieb Hermann nur – Miriams Paula –  die aus irgendeinem unerfindlichen Grund einen Narren an ihm gefressen zu haben schien – oder die einfach bloß ihre blöde Mutter ärgern wollte!

Jedenfalls, kam Paulaschätzchen, wie er sie nannte, nach wie vor, alle paar Monate aus Grieskirchen in ihrem VW Polo unangemeldet angerauscht – und blieb so lange oder kurz, wie es ihr beliebte – und der griesgrämige Hermann lebte jedes Mal schlagartig auf: Er rasierte sich dann sogar, wusch sich, zog ein sauberes Hemd über, schlüpfte in eine seiner zwei Jeans und fuhr mit Paulaschätzchen nach Natternbach einkaufen, da sie für ihn abends immer was Feines kochte und anschließend Bier und Eierlikör mit ihm trank. Sie plapperte auch von ihrer Arbeit als Friseurin munter daher, erkundigte sich ausführlich nach seinen Wehwehchen und schaute jeden Blödsinn im Fernsehen mit ihm an, den er sehen wollte.

Und dreimal im Jahr konnte sie ihn sogar dazu bringen, sich von ihr die Haare schneiden zu lassen, was immer in einem unheimlichen Gewusel und Gelächter endete, insbesondere wenn sie trotz heftigstem Widerstand von seiner Seite, sich genüsslich über die üppigen Haarbüschel in Ohren und Nasenlöchern machte.

Auch den Wildwuchs über den Augen zähmte sie! Und bei seinem mehr als schütteren Haupthaar, gab es buchstäblich bei jedem Haar heftigste Diskussions- und Kicherrunden bezüglich der angemessenen Schnittlänge. Und wenn ihm danach erschöpft die Augen zufielen, lotste sie ihn auch noch in seine stickige Schlafkammer neben der großen Stube, bevor sie sich in ihr Auto schwang und wieder abdampfte…

Von ihrer Mutter sprachen beide nie – das war eine unausgesprochene, stille Vereinbarung, die strikt eingehalten wurde, egal wie stark sie sich zugedröhnt hatten.

 

Doch dann stand Miriam nach gefühlten Hundert Jahren – an einem Abend im November – trotzdem in der großen Stube! Windschief wie ein verzogener Kleiderschrank und ausgetrocknet wie ihre bereits tote Mutter…

Scheu sagte sie,

„Grüß dich Hermann!“

Der aufgedunsene Hermann – mit maroder Hüfte und wehem Knie –  lag seltsam verrenkt auf dem Sofa vor dem Fernseher, schaute kurz zu ihr hin, nahm einen langen Schluck aus einer der Bierflaschen, die griffbereit am Boden neben dem Sofa standen und fixierte ausschließlich den Bildschirm…

„Kennst’ mich nimmer, Hermann?“

„Schon!“

„Und sagst nichts?“

„Naa…“!

„Darf ich mich setzen…?“

„Nimm dir den Hocker beim Ofen.“

„Danke, Hermann.“

„Und hol dir ein Bier!“

„Ich mag kein Bier mehr, Hermann!“

„Auf einmal?“

„Fragst nicht warum?“

„Wirst mir’s schon sagen!“

„Ich! – ich – ich – hab Krebs…!“

„Bin ich daran auch Schuld?“

„Naa – deswegen komm ich auch nicht…“

„Warum denn?“

„Weil ich nicht weiß wo ich hin soll?“

„Wieso?“

„Weil ich mich schäm’ – für alles!“

„Schau, schau…“!

„Ja ich schäm’ mich wirklich, Hermann.“

„Vor wem?“

„Vor deinen Geschwistern – und der Paula – und den Anderen.“

„Und vor mir nicht?“

„Nein, Hermann, vor dir nicht!“

„Aha.“

„Ist aber so…“

„Na ja – wenn’ st – meinst?

„Ja, mein’ ich…“

„Schaust nicht gut aus!

„Weiß ich, Hermann!“

„Hast einen Hunger…?“

„Nein – ich kann nichts Normales mehr essen.“

„Wo fehlt’s denn?“

„In die Därm…!“

„Hm – versteh…“

„Ich hab keine Kraft mehr…“

„Ich auch nicht!“

„Du Depp – bei mir ist es wirklich so…“

„Bei mir auch…“

„Schickst mich weg?“

„Naa – mach dir’s Bett in unserer Kammer, wenn’st magst!“

„Danke, Hermann“..

„Du weißt ja wo alles ist?“

„Ja – Hermann…“

„Wenn’st willst helf’ ich dir …?“

„Geht schon, trink nur dein Bier aus…“

„Okay“…

Als Miriam ihr Teil im vereinsamten Ehebett überzogen und fertig gemacht hatte, legte sie sich hinein, zog sich die Bettdecke über den Kopf und stand von dem Tag an nicht mehr auf.

Und als sie selbst am Heiligen Abend vor Schmerzen immer wieder aufstöhnte und kurze Schreie ausstieß, streichelte Hermann sie mit seinen schwieligen Händen  – bis sie ganz still wurde…

KH