Klaus-Jürgen GrünDonnerstag, der 18. März 2010
Katholische Fürsorge und priesterliches Zölibat
Die Menschheit erwartet eine Stellungnahme des Papstes. Er soll öffentlich und mit starken Worten verabscheuen, dass katholische Priester in Klöstern seit Jahrtausenden Novizen als Lustobjekte missbraucht haben. Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit zeigt, wie wenig sie Mechanismen und Wirkungsweise moralischer Urteile sowie Verurteilungen im Allgemeinen und katholische Sexuallehre im Besonderen verstanden hat.
Denn wenn sich der Papst überhaupt vom moralisierenden Druck des Zeitgeistes beeindrucken lässt und ihm nachgibt, wird seine Bekundung genau denjenigen Grad an Verbindlichkeit haben, der nach außen den Zeitgeist halbwegs beruhigt und ihm nach innen die Möglichkeit gibt, seinen Kopf jederzeit wieder nach allen Seiten aus der Schlinge des öffentlichen Urteils zu ziehen.
Klaus-Jürgen GrünFreitag, der 19. Februar 2010
Eilmeldungen
Am 18. Februar 2010 werden am späten Vormittag in Deutschland alle Nachrichtensender unterbrochen durch die “Eilmeldung”: “Amokläufer tötet Lehrer an einer Schule in Ludwigshafen”. Warum ist dies eine Eilmeldung?
Wodurch wird diese Meldung wichtig? Was wollen die Medien durch diese Meldung erreichen?
Klaus-Jürgen GrünMontag, der 2. November 2009
Unsere tägliche Angst gib uns heute!
Seit der Impfstoff gegen Schweinegrippe unterwegs ist, machen seine Produzenten eine merkwürdige Entdeckung: Die Menschen haben die Lust an der Angst vor dem Virus verloren. Das jagt natürlich allen Betroffenen Angst davor ein, auf dem Impfstoff sitzen zu bleiben, weil die Deutschen sich partout nicht impfen lassen wollen. Auch die politischen Institutionen, die doch mit dem Aufbau der Angst, dass vielleicht nicht genügend Stoff für alle da ist, die Produktion anheizen wollten, sehen sich in der Pflicht.
Nun haben wir Gelegenheit, die Muster der Angstmache zu studieren. Fast alle kennen die Schweinegrippe nur aus den Medien. Hätten diese nicht davon berichtet, wäre Schweinegrippe niemals zum Angstfaktor aufgestiegen.
Klaus-Jürgen GrünMittwoch, der 28. Oktober 2009
Tagreste
Ein Tagrest ist ein kleines Stück Erinnerung. Er kann ein Eindruck vom Vortag sein. Meistens ist er unscheinbar. Wir haben ihn in einen unserer Träume mitgenommen. Dort gärt er nun weiter und bildet eine Art chemischer Verbindung mit den verdrängten Wünschen und Ängsten, die jedes menschliche Individuum als unerledigte Forderung mit sich herumschleppt.
So entstehen die Gespenster, von denen sich Menschen gerne beherrschen lassen. Es sind Halluzinationen, die sie mit Vorliebe weiter erzählen. Aber das Weitererzählte existiert plötzlich in Raum und Zeit. Es hat die Gestalt eines historischen Ereignisses angenommen.
Klaus-Jürgen GrünSonntag, der 27. September 2009
“Schönsein ist noch erlaubt” oder “Gleichstellungsgesetz”
“Obwohl sie einen hervorragenden Anwalt hatte, wäre ihr Prozess verloren gewesen, wenn sie nicht ihr Kleid geöffnet und die Richter durch den Glanz ihrer Schönheit bestochen hätte”, gibt der Erfinder der philosophischen Essays, Michel de Montaigne zu bedenken. Die Rede ist von der griechischen Edelnutte Phryne. Das Establishment wollte ihr den Prozess wegen Gottlosigkeit machen. Sie hatte nämlich behauptet, ihre Schönheit stünde hinter der von Aphrodite in nichts zurück.
Auch moderne Richter lassen sich von der Schönheit der Angeklagten manchmal beeinflussen. Die vielen hässlichen Menschen, die nicht so schön sind wie Aphrodite und Phryne, können nach dem Geschilderten nicht auf ein mildes Urteil hoffen. Hässlichkeit diskriminiert.
Wir haben aber seit drei Jahren in Deutschland ein “Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz” (AGG). Es verbietet Benachteiligung aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität. In der Liste taucht Schönheit nicht auf.
Klaus-Jürgen GrünMittwoch, der 16. September 2009
Angst
In diesen Monaten habe ich das Vergnügen, durch Deutschland reisen zu können und auf Vorträgen mein Buch “Angst – Vom Nutzen eines gefürchteten Gefühls” vorstellen zu dürfen. Was ich dabei oft erlebe, bestätigt nicht nur die Thesen des Buches, sondern gehört ebenso auf die bedruckten Blätter wie auf die Kommentarseiten von Internetblogs.
Im Anschluss an einen Vortrag über die “Angst vor den Toten”, die wir Menschen pflegen, kam einmal ein junge Frau auf mich zu und sagte mir, dass sie meine Ausführungen sehr gelungen fand und nun das Bedürfnis habe, mir zu sagen, dass sie persönlich keine Angst vor den Toten habe; sie gehe sogar nachts allein auf Friedhöfe.
Nun konnte ich ihr wärmstens die Lektüre meines Buches empfehlen, weil sie dabei eine ganze Menge über sich selbst herausfinden würde.
Klaus-Jürgen GrünMittwoch, der 5. August 2009
Kopf oder Bauch
Wirtschaftlich Handelnde halten sich im Allgemeinen zu Gute, dass ihre Entscheidungen rational getroffen werden. Fast jeder trifft täglich wirtschaftliche Entscheidungen. Obwohl spätestens seit dem 20. Jahrhundert zahlreiche Ökonomen auf die Begrenztheit der Leistungsfähigkeit einer ausschließlich verstandesmäßigen Entscheidungskultur hinweisen, gehört es nach wie vor „zum guten Ton“, Entscheidungen rational zu begründen.
Jüngste Krisen in der globalen Finanzwirtschaft scheinen ökonomischen Theorien seit dem 20. Jahrhundert Recht zu geben. Komplexe Systeme sind zwar einer rationale Beschreibung zugänglich, aber die Rationalität spielt beim Zustandekommen weitreichender Entscheidungen offenbar nur eine untergeordnete Rolle. Gerade im Verlauf der aktuellen Krise zeigen sich fast „schulbuchmäßig“ die Abläufe von Entscheidungsprozessen, deren tiefere Ursachen weniger mit den bewusst artikulierten Gründen zu tun haben als mit Emotionen wie Angst, Machtstreben, Vermeidung von Scham.
War das alles, wenn es denn rational begründet war, nicht von vornherein auszuschließen bzw. warum ist es offensichtlich so schwer, die Krise jetzt zu beherrschen?
Klaus-Jürgen GrünMittwoch, der 24. Juni 2009
Erkenne dich selbst!
Erkenne dich selbst!
Der große sokratische Spruch gefällt fast allen Menschen, und das seit 2500 Jahren: “Erkenne dich selbst”. Er wirkt wie die Aufforderung zum befreienden Denkakt. Aber warum befolgen ihn die Menschen, selbst wenn sie beeindruckt von diesem Satz vor ihm immer wieder niederknien, nur in Ausnahmefällen? Wäre es ein Einfaches, das mit dem Satz Geforderte zu erfüllen, wäre der Satz längst aus unserem Bewusstsein verschwunden.
“Erkenne dich selbst!” ist ein moralischer Imperativ, der nur deswegen ausgesprochen werden muss, weil Menschen nicht von alleine auf diesen Gedanken kommen. Selbsterkenntnis ist nicht das natürliche Geschäft des Denkens, sondern dessen Gegenteil. Denken ist hauptsächlich damit beschäftigt, Gedanken abzuwehren, die für Individuen und Kollektive unerträglich sind. Selbsterkenntnis ist wohl die stärkste Unerträglichkeit.
Klaus-Jürgen GrünDonnerstag, der 21. Mai 2009
Angstwörter
Wenn alles ununterscheidbar ist, hören wir auf, uns zu orientieren. Kein Mensch wünscht sich in die Wüste der Ununterscheidbarkeit hinein.
Und trotzdem herrscht ein Anpassungsdruck an die Gleichgültigkeit. Wer ein Individualist sein will, bewegt sich in nächster Nähe zum Asozialen. Beide orientieren sich wenig am Durchschnitt, höchstens um sich davon abzuheben.
Ein Hauptwort der Ununterscheidbarkeit ist die “Diskriminierung”, denn es bedeutet ja “Unterscheidung”. Wer diskriminiert, hebt Unterschiede hervor. Genau das aber soll nicht sein.
Es gibt ein zweites Hauptwort der Ununterscheidbarkeit. Es lautet Globalisierung. In gleicher Weise wie das Wort “Diskriminierung” soll es dem modernen Menschen Angst einjagen.
Klaus-Jürgen GrünMittwoch, der 22. April 2009
Trickster
Kinder kennen einen ausgezeichneten Trick gegen Angst: Zauberei. Ihre Zauberer sind wahre Kunstwerke. Sie schaffen Illusionen, an die keiner den Anspruch stellt, in Wahrheit aufgelöst werden zu müssen.
Als Harry Potter sein drittes Ausbildungsjahr zum Magier absolviert, erfahren wir aber, wie Zauberei Angst auflöst. Der gefährliche Zauberer Sirius Black ist aus dem Askaban-Gefängnis entkommen. Jetzt sucht er Harry Potter, wahrscheinlich um ihn zu töten: denn schon dessen Eltern soll er getötet haben. Die Zauberlehrlinge lernen unterdessen, sich gegen einen starken Feind zu schützen.
Eine Unterrichtsstunde beginnt daher mit der Frage: „Was ist ein Irrlicht?“ Die kluge Antwort der strebsamen Hermine: „Irrlichter sind Scheinfiguren. Sie nehmen die Gestalt dessen an, was sein Betrachter am meisten fürchtet.“





