Klaus-Jürgen Grün
Dienstag, der 24. März 2015

Der moralische Buchhalter in uns.

filitos1Er ist nicht das Lieblingsbild von uns selbst.

So wie wir uns gerne sehen würden.

Selbstbewusst, humorvoll, tolerant, spontan.

Nein, er ist  fleißig, beharrlich, korrekt.

So, wie wir uns eben Buchhalter wünschen.

Unser moralisches Urteil bedient sich der Charaktereigenschaften des Buchhalters. Gleicht Worte und Taten anderer mit unseren Werten ab und ordnet Konsequenzen zu. Dabei bringen wir wie in einem Soll- und Haben-Konto Vorkommnisse zum Ausgleich, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. In dem Buch „Christie Malrys doppelte Buchführung“ stellt der Autor die Frage, wie man eigentlich mit all den Gemeinheiten umgeht, die einem andere täglich antun.

Eine Frage, die uns alle berührt. Er kommt auf die Idee, eine Lebensbuchführung in Form einer doppelten Buchhaltung anzulegen. Unter Soll (Debit) und Haben (Credit) notiert sich die Hauptfigur Christie Malrys alles, was ihr so widerfährt. Die Kränkungen sind debits (Soll) und müssen ausgeglichen werden durch entsprechende  credits (Haben), (für sie) angenehme Erfahrungen. So überlegt sich Malrys, einem Nachbarn, der ihm den Gruß verweigert, es diesem durch einen Kratzer im Lack seines Autos  zu vergelten. Ein Wohnhaus, das ihm im Weg steht, bekommt einen fetten Strich auf die Fassade.

Übertrieben? Klar. Reine Fiktion? Nein. Unsere doppelte Buchführung möchte Gerechtigkeit und scheut dabei vor keiner Kleinlichkeit und Peinlichkeit zurück. Unsere Werte, die wir unserem Gerechtigkeitsempfinden unterlegen,  sind ja nicht wie Euro oder Dollar im offiziell festgelegten Kurs zu berechnen oder zu tauschen, sondern ausschließlich in unserem, persönlichen Verrechnungsmodus. Die korrekte Verrechnung der Konten liegt in unseren Augen oder vielleicht noch, in dem unserer Bezugsgruppe.

Was ist der richtige, passende, gerechte „credit“ für einen Islamisten, der seinen Gott verhöhnt sieht? Was für uns der Stinkefinger des griechischen Außenministers bei Günter Jauch? Öffentliche „Hinrichtung“ per TV? Höhere Zinsen für Kredite? Aufruf zum Boykott des nächsten Griechenland-Urlaubs? Ohnehin überwiegen im richtigen Leben die Kränkungen, die „debits“,  und eine Bilanz, die für uns ständig in den Miesen steht,  führt uns stark in Versuchung, beim Ausgleichsversuch immer erfinderischer zu werden. Gehässiger und für die anderen ungerechter. Wer ständig denkt, „offene Rechnungen“ begleichen zu müssen,  wird auf der Suche nach den geeigneten Maßnahmen viel Leben verpassen.

Wo die moralische Buchhaltung besonders konservativ ist, sieht sie die Konten nicht ausgeglichen. In ihrer ausgleichenden Gerechtigkeit fordert sie auch einen härteren Strafvollzug. Weicher oder laxer Strafvollzug entwerte bestimmte Handlungen. Ihre Vertreter sind der Meinung, dass üble Taten nicht teuer genug bezahlt werden. Kritiker der konservativen moralischen Buchhaltung sehen in diesen Strategien jedoch eher eine Aufwertung der Straftat zu einem knappen Gut. Nicht jeder soll sie sich leisten können.

Es herrscht Uneinigkeit in der Frage, wie die Wiedergutmachung als ein Ausgleich zwischen Gut und Böse stattzufinden habe. Einig sind sich jedoch alle in der Forderung nach der Wiedergutmachung. Entweder durch Rache oder durch Gnade, aber Gerechtigkeit muss sein. Rückzahlen oder Heimzahlen muss man es jemandem, wenn er sein Konto überzogen hat.

Während wir in der Finanzbuchhaltung Strategien kennen, die doppelte Buchführung einzudämmen, schießt in der moralischen Buchhaltung die Doppelmoral ins Kraut. Ein Moralist wird es weit von sich weisen, dass er berechnend vorgeht. Das würde seine moralische Position schwächen. Er möchte sich noch nicht einmal darauf einlassen, dass menschliches Handeln und moralische Werte messbar seien.

Und statt die Kriterien seiner Messungen und Vergeltungsakte offenzulegen, leugnet er schlichtweg diese Strategie. Hinter dem moralischen Urteil steht ein Denkmuster, das ein bestimmtes Kalkül der Verrechnung von Gut und Böse transportiert, das aber zugleich dieses Hintergrundmuster verschleiert. Moralische Buchhaltung verdunkelt, dass sie eine Buchhaltung ist.

Was Menschen stattdessen behaupten, hat George Lakoff in seinem entlarvenden Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn“ so ausgeführt: „Mein Denken ist mir komplett bewusst. Es obliegt allein meiner Entscheidung, wie ich denke und welche Schlussfolgerungen ich ziehe. Alle Menschen können gleich denken. Und indem ich denke, erfasse ich objektive Wahrheiten, die in der Welt vorhanden sind. Alle Dinge haben einen eigentlichen Sinn und können gedanklich so nachvollzogen werden, wie sie existieren. Deshalb kann ich, wie jeder andere Mensch auch, objektiv denken und sprechen.

Wenn der Mensch nur so wäre.

kjg

Klaus-Jürgen Grün
Samstag, der 16. Februar 2013

Es trifft uns wie ein Schlag!

Ein Papst kündigt, ein Blitz schlägt ein im Petersdom, und ein Meteorit sprengt Zentralrussland – das kann kein Zufall sein! Zoodirektoren gleichermaßen wie Staatsführer und ihre Stützen weit und breit sollten sich jetzt wirklich einmal um ihre Kernkompetenz kümmern: Das unbekümmerte Glück der ihnen anvertrauten Tiere.

Es grenzt an Unverantwortlichkeit, dass wir vor allem die Menschen vollkommen alleine lassen mit der Erfindung kausaler Zusammenhänge. Was uns fehlt, ist eine verbindliche, eine amtliche Erklärung. Warum haben wir keine Staatsreligion, die uns die unberechenbare Zufälle und Unfälle im Universum als die weise geplante Vorsehung eines allumfassenden Verstandes erklärt? Statt dessen bleibt jeder mit seinem kleinen und fehlbaren Verstand sich selbst überlassen.

Der Bürger ist überfordert, und das macht ihn unglücklich. Wie soll er – ausgestattet vielleicht nur mit einem G8-Abitur – das alles in Einklang bringen mit der 13, die die letzten beiden Ziffern des Jahres 2013 bilden? Kaum einer macht sich die Mühe, die Ziffer 2 dabei genauer ins Auge zu fassen. Denn auch sie ist, wie die 13, eine Primzahl. Mit der Null zwischen zwei Primzahlen dürfte die Nullität angedeutet sein, in die die Welt, aufgespannt zwischen zwei Primzahlen, von deren eine sogar die 13 ist, demnächst stürzen muss.

Die kosmischen Ereignisse der vergangenen Tage dürfen wir daher keineswegs ignorieren, denn sie sind bloß die Vorboten für die bevorstehende Apokalypse. Manche haben das schon lange vorhergesehen.

Es ist das Mindeste, was wir von unserer Regierung erwarten dürfen, dass sie Schaden von uns abwendet. Aber genau das tut sie nicht. Der Meteorit hätte genauso gut das Atomkraftwerk Biblis oder Schweinfurt treffen können. Die paar Tausend Kilometer zwischen Russland und Mitteldeutschland sind nicht einmal ein Katzensprung im kosmischen Maßstab. Darauf ist keiner vorbereitet. Unsere Regierungen haben versagt.

Nun ist es beinah passiert und die Medien lenken ab vom Problem. Da kommen Leute wie der Astronaut und Physikprofessor Ulrich Walter aus München zu Wort, die unverschämt verkünden: „Das war reiner Zufall.“ Aber jeder Mensch, der sich nicht engstirnig mit Physik und anderen exakten Wissenschaften den Verstand trübt, weiß, dass dies alles kein Zufall sein kann.

Das ist Vorsehung. Und sie hat moralische Qualität, denn sie ist die Strafe der Gerechtigkeit, die es niemals erlaubt, dass die Menschen auf Dauer und in der Mehrheit einfach nur in der Gegenwart leben und sich um die Aufgaben ihrer täglichen Arbeit kümmern. Jeder denkt nämlich nur an sich und lebt in seiner kleinen Welt. Das musste irgendwann bestraft werden.

Wo sind nämlich, die Zoodirektoren, die uns angesichts der kosmischen Kräfte klarmachen, dass es sich geradezu kleinkrämerhaft nuttig anfühlt, wenn da noch einer für mehr Lohn am Hamburger Flughafen streikt; wenn da noch Sorgen aufkommen, wie wir Griechenland und den Euro gleichzeitig retten können – ja und überhaupt: wie verantwortungslos ist es von unseren Politikern, dass sie jetzt noch an Sieg oder Niederlage in der kommenden Bundestagswahl denken?

In der Stunde der Not offenbart sich die Wahrheit: Auch die Politiker denken nur an ihr eigenes Wohl. Und so muss jeder mit der Unberechenbarkeit kosmischer Ereignisse selbst fertig werden und das Wenige an Trost annehmen, was ihm die Tierpfleger angedeihen lassen.

kjg

Klaus-Jürgen Grün
Mittwoch, der 15. Juni 2011

Kirchen tagen …

Es ist in diesen Tagen viel beklagt worden, dass der 33. Evangelische Kirchentag viele Worte erzeugte, jedoch wenig Handeln erwarten lässt.

Was ist interessant an dieser Auffassung?

Politik wird nicht mit Paternostern gemacht, vermutete Machiavelli vor beinahe einem halben Jahrtausend. Heute wissen wir, dass er sich irrte. Kirchentage machen Politik, aber nicht auf verantwortungsvolle Weise, sondern weil sie moralischen Druck aufbauen. Denn ein Handeln, das aus Angst vor moralischen Tabubrüchen erzeugt wird, meistens sogar bloß verhindert wird, ist alles andere als verantwortungsbewusst.

Betrachten wir nämlich einmal im Detail, was ein frommer Besucher eine Kirchentages – sei er katholisch oder evangelisch – versteht, dann stoßen wir auf recht bedenkliche Kriterien. Zunächst einmal ist das Handeln eines Kirchtentagfreundes kein Handeln im eigentlichen Sinn des Wortes. Es ist vielmehr ein Gewirktwerden. Denn der fromme Christ geht zum Kirchentag, um sich dort zu versichern, dass er den Willen seines Gottes vollstrecke. Nur dasjenige Handeln ist gut im christlichen Sinn, das der Gläubige mit dem Gewissen seines Gottes vereinbaren kann.

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Klaus-Jürgen Grün
Donnerstag, der 18. März 2010

Katholische Fürsorge und priesterliches Zölibat

Die Menschheit erwartet eine Stellungnahme des Papstes. Er soll öffentlich und mit starken Worten verabscheuen, dass katholische Priester in Klöstern seit Jahrtausenden Novizen als Lustobjekte missbraucht haben. Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit zeigt, wie wenig sie Mechanismen und Wirkungsweise moralischer Urteile sowie Verurteilungen im Allgemeinen und katholische Sexuallehre im Besonderen verstanden hat.

Denn wenn sich der Papst überhaupt vom moralisierenden Druck des Zeitgeistes beeindrucken lässt und ihm nachgibt, wird seine Bekundung genau denjenigen Grad an Verbindlichkeit haben, der nach außen den Zeitgeist halbwegs beruhigt und ihm nach innen die Möglichkeit gibt, seinen Kopf jederzeit wieder nach allen Seiten aus der Schlinge des öffentlichen Urteils zu ziehen.

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Klaus-Jürgen Grün
Freitag, der 19. Februar 2010

Eilmeldungen

Am 18. Februar 2010 werden am späten Vormittag in Deutschland alle Nachrichtensender unterbrochen durch die „Eilmeldung“: „Amokläufer tötet Lehrer an einer Schule in Ludwigshafen“. Warum ist dies eine Eilmeldung?

Wodurch wird diese Meldung wichtig? Was wollen die Medien durch diese Meldung erreichen?

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Klaus-Jürgen Grün
Montag, der 2. November 2009

Unsere tägliche Angst gib uns heute!

Vortrag1aSeit der Impfstoff gegen Schweinegrippe unterwegs ist, machen seine Produzenten eine merkwürdige Entdeckung: Die Menschen haben die Lust an der Angst vor dem Virus verloren. Das jagt natürlich allen Betroffenen Angst davor ein, auf dem Impfstoff sitzen zu bleiben, weil die Deutschen sich partout nicht impfen lassen wollen. Auch die politischen Institutionen, die doch mit dem Aufbau der Angst, dass vielleicht nicht genügend Stoff für alle da ist, die Produktion anheizen wollten, sehen sich in der Pflicht.

Nun haben wir Gelegenheit, die Muster der Angstmache zu studieren. Fast alle kennen die Schweinegrippe nur aus den Medien. Hätten diese nicht davon berichtet, wäre Schweinegrippe niemals zum Angstfaktor aufgestiegen.

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Klaus-Jürgen Grün
Mittwoch, der 28. Oktober 2009

Tagreste

Ein Tagrest ist ein kleines Stück Erinnerung. Er kann ein Eindruck vom Vortag sein. Meistens ist er unscheinbar. Wir haben ihn in einen unserer Träume mitgenommen. Dort gärt er nun weiter und bildet eine Art chemischer Verbindung mit den verdrängten Wünschen und Ängsten, die jedes menschliche Individuum als unerledigte Forderung mit sich herumschleppt.

So entstehen die Gespenster, von denen sich Menschen gerne beherrschen lassen. Es sind Halluzinationen, die sie mit Vorliebe weiter erzählen. Aber das Weitererzählte existiert plötzlich in Raum und Zeit. Es hat die Gestalt eines historischen Ereignisses angenommen.

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Klaus-Jürgen Grün
Sonntag, der 27. September 2009

„Schönsein ist noch erlaubt“ oder „Gleichstellungsgesetz“

Mona_Lisa„Obwohl sie einen hervorragenden Anwalt hatte, wäre ihr Prozess verloren gewesen, wenn sie nicht ihr Kleid geöffnet und die Richter durch den Glanz ihrer Schönheit bestochen hätte“, gibt der Erfinder der philosophischen Essays, Michel de Montaigne zu bedenken. Die Rede ist von der griechischen Edelnutte Phryne. Das Establishment wollte ihr den Prozess wegen Gottlosigkeit machen. Sie hatte nämlich behauptet, ihre Schönheit stünde hinter der von Aphrodite in nichts zurück.

Auch moderne Richter lassen sich von der Schönheit der Angeklagten manchmal beeinflussen. Die vielen hässlichen Menschen, die nicht so schön sind wie Aphrodite und Phryne, können nach dem Geschilderten nicht auf ein mildes Urteil hoffen. Hässlichkeit diskriminiert.

Wir haben aber seit drei Jahren in Deutschland ein „Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz“ (AGG). Es verbietet Benachteiligung aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität. In der Liste taucht Schönheit nicht auf.

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Klaus-Jürgen Grün
Mittwoch, der 16. September 2009

Angst

In diesen Monaten habe ich das Vergnügen, durch Deutschland reisen zu können und auf Vorträgen mein Buch „Angst – Vom Nutzen eines gefürchteten Gefühls“ vorstellen zu dürfen. Was ich dabei oft erlebe, bestätigt nicht nur die Thesen des Buches, sondern gehört ebenso auf die bedruckten Blätter wie auf die Kommentarseiten von Internetblogs.

FriedhofIm Anschluss an einen Vortrag über die „Angst vor den Toten“, die wir Menschen pflegen, kam einmal ein junge Frau auf mich zu und sagte mir, dass sie meine Ausführungen sehr gelungen fand und nun das Bedürfnis habe, mir zu sagen, dass sie persönlich keine Angst vor den Toten habe; sie gehe sogar nachts allein auf Friedhöfe.

Nun konnte ich ihr wärmstens die Lektüre meines Buches empfehlen, weil sie dabei eine ganze Menge über sich selbst herausfinden würde.

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Klaus-Jürgen Grün
Mittwoch, der 5. August 2009

Kopf oder Bauch

Wirtschaftlich Handelnde halten sich im Allgemeinen zu Gute, dass ihre Entscheidungen rational getroffen werden. Fast jeder trifft täglich wirtschaftliche Entscheidungen. Obwohl spätestens seit dem 20. Jahrhundert zahlreiche Ökonomen  auf die Begrenztheit der  Leistungs­fähigkeit einer ausschließlich verstandesmäßigen Entscheidungskultur hinweisen, gehört es nach wie vor „zum guten Ton“, Entscheidungen rational zu begründen.

Jüngste Krisen in der globalen Finanzwirtschaft scheinen ökonomischen Theorien seit dem 20. Jahrhundert Recht zu geben. Komplexe Systeme sind zwar einer rationale Beschreibung zugänglich, aber die Rationalität spielt beim Zustandekommen weitreichender Entscheidungen offenbar nur eine untergeordnete Rolle. Gerade im Verlauf der aktuellen Krise zeigen sich fast „schulbuch­mäßig“ die Abläufe von Entscheidungsprozessen, deren tiefere Ursachen weniger mit den bewusst artikulierten Gründen zu tun haben als mit Emotionen wie Angst, Machtstreben, Vermeidung von Scham.

War das alles, wenn es denn rational begründet war, nicht von vornherein auszuschließen bzw. warum ist es offensichtlich so schwer, die Krise jetzt zu beherrschen?

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