Klaus Rabba
Dienstag, der 13. Januar 2015

Es ist was faul … in jedem Staate!

Vorwort von Roland Dürre:

In Facebook haben ein paar Freunde mit mir eine spannende Diskussion geführt. Der Ausgangspunkt war mein Artikel #JesuisCharlie. Natürlich konnten wir die Diskussion in Facebook nicht befriedigend abschließen (wenn das überhaupt möglich ist).

Denn die Ursachen für das Dilemma, in dem sich die Welt rund um den Globus befindet, scheinen vielfältig zu sein. Dazu könnte Vieles gehören:

Wir haben eine radikale Globalisierung, die die Grenzen für den Handel total fallen lässt, die Grenzen aber für die normalen Menschen belässt. Die Arbeiterin im Billiglohnland produziert zwar für die reiche Welt, sie muss aber in der armen bleiben.

Wallstreet-Mentalität und das „Shareholder Value Prinzip“, ein durchgepeitschtes Freihandelsabkommen, Unfreiheit, Korruption, Irreführung, Frustration von Menschen, Emotionen aus zweiter Hand, Manipulation durch verschiedene Systeme, totales Marketing und mächtiger Lobbyismus, massiv unterschiedliche Religionen die in unterschiedlichen Epochen zu leben scheinen, das auseinander driften von arm und reich, nicht artengerechte Haltung von Menschen, ein verbreitetes Gefühl der Ohnmächtigkeit, eine Radikalisierung von Gesellschaften, das beliebige Verletzen von Gefühlen, die klare Priorät für Profit, der Hang zu Esoterik, der Verlust von Aufklärung, die Entwicklung von Dogmatik, Unfreiheit, Folter und vieles mehr scheint immer mehr im Kommen zu sein.

Wäre es nicht schön, da ein wenig Ordnung und Klarheit rein zu bringen. Was sind die Ursachen, was kann man dagegen tun? Es gibt dazu so viele spannende Fragen.

Diese Diskussion brachte uns auf den Gedanken, „das Thema in IF-Blog anzuschieben“. Vielleicht schaffen wir sogar eine Blog-Parade. Ich werde auf jeden Fall, wenn wir eine Basis geschaffen haben, zu einer Blog-Parade zum Thema einladen.

Zum Start dieses Projektes berichtet Klaus Rabba aus Frankreich über seine Wahlheimat.

Frankreich.

Die furchtbaren Ereignisse in Paris haben uns die Gewalt und die Schrecken aus dem Orient und aus Afrika in unsere Mitte gebracht.

Die zivile Reaktion ist gewaltig. Bis zu einer Million Menschen gingen auf die Straßen, um für unsere schwer erkämpften Rechte auf Meinungsfreiheit und Unversehrtheit zu demonstrieren.

Frankreich verteidigt seine Ideale der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Wie ist es um diese Gesellschaft bestellt und was hätte die Gemeinschaft tun sollen, um diese Taten zu verhindern?

Schnell sind die Argumente bei der Hand, die von Politik und Medien gebetsmühlenhaft verbreitet werden und an die viele der aufgeklärten, aber weniger politisch bewussten Bürger nicht mehr so recht glauben mögen:

  • Toleranz gegenüber anders denkenden und anders gläubigen
  • Wir sind eine Gemeinschaft
  • Chancengleichheit
  • Wer will, der kann
  • Bildung ist der Schlüssel zur Integration
  • Kampf dem Faschismus

Niemand kann gegen diese Argumente ernsthaft opponieren, will er nicht ins Abseits oder die braune Ecke gedrängt werden. Aber das ist nicht gut so, denn bohrende Fragen werden nicht weiterverfolgt.

Gesellschaft.

Die französische Gesellschaft leistet im Verhältnis zu anderen europäischen Gesellschaften außerordentliches in der Erziehung. Ab dem dritten Lebensjahr gibt es für jedes Kind in unmittelbarer Nähe zum Wohnort einen Ganztagskindergarten, die „École Maternelle“, die die Kinder berufstätiger Eltern mit Mittagessen versorgt, den Kleinen einen Platz zum Mittagsschlaf stellt und die Kinder nie vor 17.00 aus dem Schulgelände entlässt, wenn die Eltern nicht pünktlich zur Abholung erscheinen. Ab 19.00 können die Kinder auf der Gendarmerie abgeholt werden. Alle Kinder gehen in die Maternelle, weil sie sonst den Anschluss an den Schulbeginn nicht schaffen.

Die Schulzeit verläuft nach dem gleichen Muster und eigentlich wäre dies der Schlüssel für die Gleichheit in der Erziehung – vorausgesetzt, die Eltern spielen mit. Über neunzig Prozent der Eltern erfüllen ihre Rolle. Was macht der Rest?
In staatlichen Schulen und Universitäten herrscht strikte Religionsfreiheit. Es dürfen weder Kreuze sichtbar getragen werden, noch Kopftücher oder Kipas. Religion ist Privatsache, es gibt keine Staatsreligion.

Gleichheit.

Trotz staatlicher Fürsorge existieren Löcher im sozialen Netz. In jeder Gesellschaft gibt es Schulverweigerer oder andere Kinder, die nicht durch das Bildungsmodell motiviert werden. Hier greift der Staat ein und hält eine Fülle von Erziehungsmaßnahmen und Betreuungseinrichtungen für diese Kinder bereit. Alles in Ordnung? Nein!

Die staatliche Fürsorge in Heimen hört mit dem sechszehnten Lebensjahr auf. Die Heranwachsenden sind dann auf sich gestellt. Wenn das Elternhaus nicht intakt ist oder das Umfeld nicht stimmt, kommt es zum Abbruch von Schule und Ausbildung. Das ist in einer homogenen Umgebung schon tragisch, doch wie wirkt sich das in einem von Migration bestimmten Umfeld aus!

Die Wohlhabenden schicken ihre Kinder auf katholische Privatschulen oder ziehen in Gebiete, in denen es unverhältnismäßig viele Gutbegüterte gibt, so dass diese Schulen zu den besten der Republik gehören.

Migrationshintergrund.

Frankreich hat eine lange Migrationsgeschichte. Verlorene Kolonialkriege in Indochina und Algerien haben eine erste Welle von Einwanderung ausgelöst, da die Kollaborateure um ihr Leben fürchten mussten, so dass Frankreich ihnen den Zuzug gewährte. Bürgerkriege in den ehemaligen französischen Kolonien brachten weitere Einwanderer ins Land. Eine offene Asylpolitik ließ auch Verfolgte aus China zu.

Das Straßenbild in Paris und anderen Städten wurde schon Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bunt. Die Zeiten der Vollbeschäftigung kaschierte die grundsätzlichen Unterschiede der Einwanderer – zunächst.

Steigende Arbeitslosigkeit, Zuzug von Familienangehörigen und die starke Vermehrung der arabischen und afrikanischen Migranten führte zur Zuspitzung der Unterschiede.

Während die asiatischen Zuwanderer sehr diskret und geschlossen leben und dem französischen Bildungsideal zugetan sind, haben die arabischen und afrikanischen Neufranzosen mehr Schwierigkeiten damit. Religionsunterschiede waren bei Asiaten kaum ein Thema. Das hinderte die Kinder aber nicht an guten schulischen Leistungen und sie sicherten sich gut bezahlte Arbeitsplätze. Auch Afrikaner und Araber boxen sich durch den Bildungsweg zur Hochschulreife, aber im Verhältnis zur Masse zu wenige.

Parallelgesellschaften entstanden in hastig hochgezogenen Wohnvierteln, die langsam zu Gettos verkamen. In diesen Parallelgesellschaften kommt auch heute ein Großteil der vielfältigen Migranten unter. Und plötzlich spielt auch Religion eine Rolle, die es vorher in seiner Deutlichkeit nicht gab.

Heute leben in diesen Vierteln unterschiedliche Menschen zusammen, bestehend aus Migranten mit Arbeit, Familien mit und ohne Einkommen und vor allem Menschen mit unterschiedlichen Religionen.

In diesem Gemenge greifen die vorbildlichen staatlichen Bildungsmodelle nicht. Zu viele Schulabbrecher ohne Grundkenntnisse von Sprache und Rechtschreibung und ohne Perspektiven leben dort. Die ersten Konflikte finden in diesen zusammengewürfelten Gemeinschaften statt, wo die Herumlungerer die Arbeitenden belästigen. Die ersten Opfer sind die Frauen und Mädchen.

Gettokultur.

In den de-favorisierten Stadtteilen entwickelte sich bei der Jugend eine eigene Sprache, das Verlaine. Es ist ein rudimentäres Französisch, in dem Begriffe phonetisch umgedreht werden; aus „Femme“ wird „Meuf“, aus „Flique“ wird „Keuf“, nur um ein Beispiel zu nennen. In diesen Kreisen spielt der „Rap“ eine große Rolle, sowie ein kruder Islam, der die Abgrenzung noch verstärken soll.

Der nächste Schritt für die jungen Männer dieser Gesellschaft führt in die Kleinkriminalität. Ablehnung des französischen Gesellschaftsmodells drückt sich durch starke Aggression aus, die den Beamten der Polizei und Feuerwehr, aber auch Notärzten entgegen schlägt. Autos werden angezündet und die heranrückenden Feuerwehrleute verprügelt. Notärzten ergeht es oft nicht anders – sogenannte ‚no-go-areas’ bildeten sich.

Wird ein Mitglied aus der Gemeinde der entschiedenen Gesellschaftsgegnern bei der Verfolgung seiner Straftat verletzt oder gar getötet, kommt es zu den berüchtigten Aufständen.

Antisemitismus.

In Frankreich und vor allem in Paris gibt es jüdische Gemeinden. Nicht alle Juden sind vermögend und wohnen in den schicken Arrondissements der Stadt Paris. Viele leben in Vorstädten und gehören zur Mittelschicht. Auf diese Gruppe der Israeliten konzentriert sich die Wut der islamischen Vorstadtjugend. Der Konflikt zwischen Palästinensern und dem Judenstaat wurde in die französischen Städte getragen und es kommt täglich zu Aggressionen.

Der Druck ist stark, so dass jedes Jahr tausende Juden Frankreich in Richtung Israel verlassen. Der israelische Ministerpräsident Nethanjahu brüskierte Frankreich, als er bei einem Staatsbesuch die Juden Frankreichs aufforderte nach Israel zu kommen, da der französische Staat nicht in der Lage wäre, diese zu schützen.

Extremismus.

Der Extremismus findet in den benachteiligten Gebieten und bei den Menschen dort leichter seinen Nährboden, als in funktionierenden Gemeinschaften oder Familien. Ausnahmen bilden hier wie anderswo die Konvertiten.

Unkontrollierte Prediger, die aus Nordafrika kommen, spielen eine düstere Rolle. Die französische Rechtsordnung erschwert Ausweisungen sogenannter Hassprediger außerordentlich. Hinzu kommt, dass die Muslime keine Organisation wie Christen oder Juden besitzen, die für die Gläubigen sprechen. Präsident Sarkozy gründete einen Islam Rat, damit der französische Staat einen Ansprechpartner für religiöse Belange bei den Muselmanen findet.

Der Islamische Rat kam unter unsäglichen Querelen zustande, da die Muslime aus verschiedenen Ländern stammen, wie z.B. aus Algerien und Marokko und sich unversöhnlich gegenüberstehen. Auf das große Schisma im Islam hier einzugehen, würde den Rahmen der Betrachtung sprengen. Fakt ist, dass der Islam Rat nur einen Teil der Gläubigen erreicht und schon gar nicht die inneren Kreise der Gettos. Es ist ein Trugschluss anzunehmen, dass die moslemische Welt geeint ist.

Wirtschaft.

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat sich die Welt verändert, da ein Konkurrenzmodell zum Kapitalismus ausfiel. Gleichzeitig setzte eine innereuropäische Arbeitsmigration ein. Die wirtschaftlich starken Länder zogen Arbeitskräfte auf jeden Niveaus an. Gleichzeitig enthemmten sich die Arbeitsbedingungen und führten zu einem gnadenlosen Lohndumping. Arbeitnehmer aus osteuropäischen Firmen arbeiten für einen lächerlich niedrigen Lohn in Westeuropa. Federführend bei dieser Entwicklung ist die deutsche Wirtschaftspolitik.

In der Folge schließen immer mehr französische Betriebe, z.B. im Lebensmittelbereich, da sie den staatlichen Mindestlohn zahlen müssen, während deutsche Schlachthöfe mit Billigkräften aus osteuropäischen Firmen ohne soziale Absicherung die großen Supermarktketten Europas beliefern. Diese Entwicklung verringert die Arbeitsplätze der Kleinverdiener, zu denen viele Migranten gehören. Zum Glück ist Frankreich eines der größten Tourismusländer der Welt und kann viele Arbeitsplätze bieten. Ohne Migranten würde die französische Gastronomie und Hotellerie zusammenbrechen.

Außenpolitik.

Frankreich pflegt den französischen Sprachraum auf allen Kontinenten und es findet jedes Jahr ein Weltkongress der ‚Francophonie’ statt. Traditionell wurden die Beziehungen zu den ehemaligen Kolonien wirtschaftlich und politisch aufrecht gehalten. Ausnahmen sind Algerien und Indochina, bzw. Vietnam.

Die Besonderheit ist, dass die französische Sprache zunächst die Amtssprache in den neu entstandenen Ländern war und großenteils noch ist. Natürlich wurden auch wirtschaftliche Interessen gepflegt und die Regime militärisch gestützt. Sogar eine Währung wurde in den frankophonen Ländern Afrikas eingeführt und von Paris gestützt. Gleichzeitig gab und gibt einen stetigen Zustrom aus diesen Ländern ins Mutterland

Frankreich hat über 10.000 Soldaten ständig weltweit im Einsatz. Der größte Teil davon tut Dienst in Afrika, wo es laufend zu Kampfhandlungen kommt. Französische Soldaten versuchen den entsetzlichen Völkermord in der kongolesischen Provinz Kivu zu entschärfen, die Elfenbeinküste vor einem Bürgerkrieg zu bewahren, Mali vor der Teilung zu schützen und in Togo, Kongo und Kamerun die Regierung zu halten. Gleichzeitig werden gewaltige Wirtschaftszonen auf See überwacht. Französische Luftstreitkräfte waren zusammen mit den Briten maßgeblich am Sturz Gaddafis beteiligt und hätten wohl auch in Syrien gegen Assad eingegriffen, wäre die Lage nicht völlig aus dem Ruder gelaufen.

In Folge dieser Politik geriet Frankreich in das Visier von Al Kaida, dem Islamic State oder Deash, wie es in Frankreich heißt.

Systemkritik.

Die Globalisierung nach Wallstreet Bedingungen schreitet unaufhörlich voran. Gesellschaften, wie die französische, müssen dem Wandel folgen, wollen sie nicht zum Defizitstaat verkommen, der durch ‚Rankings’ heruntergestuft und abgestraft wird. Das ist bitter für alle, da bei der Umverteilung von unten nach oben, die das neue Wirtschaftsmodell mit sich bringt, die Mittelschicht und die unteren Klassen an Kaufkraft verlieren, ganz zu schweigen von der schwächeren sozialen Absicherung.

Die französische Politik wehrt sich gegen diese Entwicklung und bisher hat es noch keine Maggi Thatcher oder einen Sozialisten wie Gerhard Schröder gegeben, der mit seiner Agenda den Sozialstaat stutzte und für den globalen Markt vorbereitete. Es gibt viel zu verlieren: Für das Schulmodell, für die Beamtenschaft, für eine Arbeiterschaft, die für einen garantierten staatlichen Mindestlohn schafft.

Einem rigorosen Sparkurs fallen zuerst die sozial schwachen Schichten zum Opfer. Da der Staat und die Wirtschaft von Eliten geführt werden, sind die Quereinstiegschancen für Migranten quasi null. Wer aus dem Bildungssystem ausscheidet und über sechzehn Jahre alt ist, steht allein da. Bildungsferne Migrantenkreise bleiben auf Dauer von Aufstiegschancen ausgeschlossen, was die Abschottung nur weiter vorantreibt. Der zweite Bildungsweg ist möglich, ist aber noch härter als der normale Schulweg.

Politik, Medien und intellektuelle Kreise hängen unbeirrt dem multikulturellen Idealbild nach und negieren die Selbstisolation der Gruppen in sozial schwachen Gebieten. Mittlerweile wird die Schuld an der Isolation mehr der französischen Gesellschaft zugeschrieben, als den Migrantengruppen, die sich isoliert fühlen, aber alles tun, um in dieser Situation zu verharren.

Die Religiosität der Randgruppen steht stark im Vordergrund und sorgt für Konfliktstoff während des Fastenmonats und der Gebetszeiten. Die Religion trägt zur Ausgrenzung in einem laizistischem Umfeld bei und behindert Religion übergreifende Verbindungen. Migranten beharren über Generationen auf Vornamen der Heimat und wählen kaum neutrale oder französische Vornamen.

In Frankreich herrscht Politikverdrossenheit, was sich in schwacher Wahlbeteiligung ausdrückt. Viele Skandale in den Regierungsparteien und im Präsidentenpalast haben einen Vertrauensverlust ausgelöst. Zu viele Franzosen sind der Meinung, dass ihre Regierung nicht in der Lage ist, die dringendsten Probleme zu lösen.

Was tun, um eine bessere Integration zu erreichen oder eine Gemeinschaft zu bilden? Zu allererst gehört Ehrlichkeit und Offenheit auf die Tagesordnung. Die Gesellschaft muss verstehen, dass die Migranten gebraucht werden und auf der anderen Seite müssen die Neubürger erfahren, dass sie ihr bisheriges Leben nicht ohne Veränderungen fortführen können, sondern Anpassungen nötig sind. Schließlich kommen die Menschen nach Europa aus solchen Gesellschaften, die es bisher nicht schafften, Wohlstand zu erzeugen. Gesellschaftskritik ist deshalb nötig.

Um die Verlierer von der Straße zu holen, verlangt es Änderungen im Schulprogramm. Selbstverständlich kann nicht das Niveau gesenkt werden, um den Nachzüglern den Anschluss zu erleichtern. Das ginge auf Kosten der gesamten Gesellschaft. Es braucht Klassenverbände, die mehr auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler eingehen. Außerdem brauchen sozial instabile Jugendliche eine Betreuung über das sechzehnte Lebensjahr hinaus.

Für Kinder aus zerbrochenen Familienbanden mit Migrationshintergrund ist die Zukunft besonders schwer. Mannigfach sind die Versuchungen, sich mit Kriminalität Geld zu beschaffen, statt auf einen Erfolg im Beruf zu warten. Wie überall auf der Welt, spielen hierbei Drogen eine große Rolle. Wichtig ist, Jugendliche nicht in den normalen Strafvollzug zu schicken, sondern offenere und selbstverantwortliche Vollzugsformen zu erarbeiten.

Schluss-Bemerkung zum Attentat auf Charly Hebdo.

Die Attentäter mit Migrationshintergrund waren früh Waisen, lebten in Heimen und bekamen eine Berufsausbildung, ehe sie dann in die Kriminalität abglitten. Die Radikalisierung fand wohl im Gefängnis statt, wobei ein Prediger einen starken Einfluss auf die Attentäter nahm. Hier kann nicht der Gesellschaft die Schuld gegeben werden, denn sie hatte ja ihre Pflicht gegenüber den Waisen erfüllt. Die Entscheidung, einen Mord zu planen, trifft letztendlich jedes Individuum allein.

KR

Klaus Rabba
Mittwoch, der 2. Juli 2014

Eindrücke aus Brasilien

1. Teil: Pirabeiraba in Santa Catarina do Sul – Brasilien

Brasilien nimmt einen Großteil des südamerikanischen Kontinents ein und ist vierundzwanzigmal so groß wie Deutschland oder zweimal so groß wie die EU. Brasilien hat zwar nur vierzig Prozent der Bevölkerung der EU, aber zweieinhalbmal so viel wie Deutschland.

Brasilien ist ein Stiefkind des europäischen und somit auch des deutschen Journalismus. Es wäre übertrieben von Desinformation zu sprechen, aber ist mangelnde Information, die ihre beschränkten Themenkreise gebetsmühlenartig wiederholt nicht auch eine Form der Desinformation? Wird nicht zu häufig nur von Problemen gesprochen wie Regenwaldrodungen, Slums oder Favelas und Gewalt? Positiv kommen eigentlich nur der Karneval und Fußball in Europa an. Ist dieses Land nur auf diese Fakten zu beschränken? Sicher nicht!

So riesig wie das Land, so gewaltig ist die Vielfalt in Gesellschaft und Wirtschaft. Betrachten wir zum Beginn die Südstaaten des Landes: Paraná, Santa Catarina do Sul und Rio Grande do Sul. Diese drei Staaten sind industrialisiert und haben eine gute Infrastruktur. Zwar lassen die Straßen vor allem in Santa Catarina zuweilen zu wünschen übrig, so sind doch die Zentren durch Schnellstraßen und Autobahnen, auf denen Maut erhoben wird, gut verbunden. In Santa Catarina trifft man kaum auf Favelas wie in den großen Zentren und Ballungsräumen von Sao Paulo und Rio de Janeiro. Bescheidener Wohlstand macht sich im Süden in und um die Städte breit.

Brasilien entschied sich in den siebziger Jahren für den Transport auf Straßen und vernachlässigte den Güterverkehr per Eisenbahn. Die Folge ist ein starker Lkw Verkehr hauptsächlich von Sattelschleppern mit zwei Auflegern und sechsundzwanzig bis zweiunddreißig Metern Länge. Das ist sehr eindrucksvoll und läuft reibungslos auf Straßen und Autobahnen, die eher enger als in Deutschland sind.

Santa Catarina ist stark von deutscher Einwanderung im neuzehnten Jahrhundert geprägt, als die ersten Kolonisten ihre Parzellen erwarben. Die brasilianische Regierung warb damals in Deutschland, im Elsass und der Schweiz um Einwanderer zum Investieren in Brasilien. Großgrundbesitz war nicht erwünscht. Das Land war recht dünn besiedelt und so behielt man seine Muttersprache bei. Deutsch wurde überwiegend gesprochen, bis im zweiten Weltkrieg Brasilien ins Lager der Alliierten trat und Deutschsprechen verboten wurde.

Das war ein sprachlicher Wendepunkt. Es entstand eine Lücke bei der Sprachweitergabe, die sich seitdem ständig erweiterte. Heute sprechen nur noch ‚ältere Leute’ ein eigentümliches Deutsch, wie es vielleicht vor 100 Jahren in deutschen Landen gesprochen wurde – schade, denn Sprachvielfalt heißt auch immer Kulturvielfalt. An das Verbot hielten sich die Menschen damals, denn man war ja schließlich Brasilianer. So beschränkte sich das Deutsche fort an auf den Hausgebrauch und wird eines nicht so fernen Tages verschwinden.

Überlebt haben Bezeichnungen wie das ‚Brothaus’ oder ‚Papierhaus’ und vor allem die Biermarken. Eisenbahnbier, Schornsteinbier, Opa Bier und Klaus Bier sind nur einige Beispiele.

Immerhin geben noch ca. eineinhalb Millionen Brasilianer als Muttersprache Deutsch an. Die Zentren verteilen sich vom Süden um Porto Allerge und Joinville und Blumenau über Paraná um Curitiba bis nach Rio de Janeiro und Salvador.

Die äußerliche deutsche Prägung zeigt sich in Fachwerkhäusern, sauberen Gehöften, sogenannten Kolonialhäusern, typische Bauten der Jahrhundertwende, wie sie auch noch heute in Deutschland anzutreffen sind.

Legendär und in ganz Brasilien bekannt ist Blumenau, das eine Nachbildung des Rathauses von Michelstadt ziert.

Hier findet das größte Oktoberfest außerhalb Bayerns statt und traditionell fiebert man bei der Fußballweltmeisterschaft auch mit der deutschen Nationalelf, was auch im Brasilianischen Fernsehen lächelnd dokumentiert wird.

Eine wichtige Tradition Deutschlands und der Schweiz blieb erhalten und zwar die des Handwerks und der sich daraus entwickelten klein mittleren Industrie. Diesem Umstand verdankt Santa Catarina eine geringe Arbeitslosenzahl im Vergleich zum Rest des Landes.

In dieser Umgebung gibt es genügend qualifizierte Leute, auf die im verstärkten Maße auch die Großindustrie zurückgreift.

Whirlpool betreibt in Joinville sein größtes Werk für Geschirrspüler und BMW hat sich entschieden, bei Joinville auf achtunddreißig Hektar ab September zweitausendvierzehn fünf Autotypen vom Band rollen zu lassen.

Die Wirtschaft in Santa Catarina läuft also bestens und der Tourismus ebenfalls. Brasilien verfügt über eine schöne Küste, die vor allem in Norden Bilder von atemberaubender Schönheit liefert. Santa Catarina hat ebenfalls Strände zu bieten. Die Landeshauptstadt Florianópolis ist ein Zentrum für Surfer und zieht Touristen aus Argentinien, Uruguay, Chile und Paraguay an. Viele kommen mit dem Auto über die weiten Strecken angereist, um das Strandleben zu genießen.

Mondän ist es nicht, eher mit dem europäischen Badeurlaubsplätzen der siebziger Jahre vergleichbar. Wer es schicker möchte, kauft oder mietet ein Apartment in einem Hochhaus am Strand von Camburiũ. An der gesamten Küste Santa Catarinas und Paranás zieht sich der Atlantische Regenwald entlang. Der viele Regen beschert dem Land ein tropisches Klima mit Bananenplantagen, Reisfeldern, Papaya und Zuckerrohr.

In Punkto Sicherheit in Santa Catarina wäre es müßig Statistiken zu zitieren. Besser trifft die Aussage, dass es generell nicht unsicherer ist, als in europäischen Großstädten, also nicht gefährlicher als Paris, Amsterdam oder Hamburg, aber nicht so sicher wie Monaco. Keinesfalls herrschen Zustände wie im Staate Sao Paulo, Rio de Janeiro oder weitere nördlichere Metropolen. Leider entschieden sich die Brasilianer in einem Volksentscheid für den privaten Waffenbesitz, was ja bekanntlich zu Gewalt führt, wie hinlänglich in den USA bewiesen.

Um den Bericht nicht in einem Idyll zu beenden, sollen die Grundübel Brasiliens nicht unerwähnt bleiben: Korruption und Drogen, die auch hier die Gesellschaft strapazieren. Korruption ist konterproduktiv, weil durch sie falsche Entscheidungen getroffen werden, was sich in Zersiedlung, privaten Küstenstreifen und Fehlplanung bei der Bebauung oder Vernachlässigung ausdrückt. Eigentlich ist das kein rein brasilianisches Problem. Drogen zersetzen die Gesellschaft wie allerorten.

Die katholische Kirche hat hier keine wirksamen Alternativen oder ausreichend Sozialkitt zu bieten. Deshalb treten auch im Süden Brasiliens die evangikalen Kirchen immer weiter in den Vordergrund. Kein Dorf oder Flecken ohne eine ‚Assemble Deus’. Eine ständige Missionierung überzieht von den USA ausgehend Brasilien.

Es gibt Meinungen, die von einer Separation des Südens schwadronieren, um nicht den erfolglosen Norden des Landes endlos weite finanzieren zu müssen. Einige Einwohner von Rio Grande do Sul fühlen sich den Gaũchos Uruguays und Argentiniens mehr verbunden als dem Rest Brasiliens. Die Separation des Cisplantine ist noch nicht ganz vergessen, die zur Gründung Uruguays führte.

Das erinnert stark an die Gemütslage in Deutschland, wo die zur Zeit wirtschaftlich erfolgreichen ‚Südstaaten‘ den Länderfinanzausgleich auch nicht weiter hinnehmen möchten und die faulen Nordlichter lieber in einem anderen Staatsgefüge sähen.

Frankreich hat emotionale Beziehungen zu Quebec,den frankophonen Teil Kanadas. Die Medien in beiden Ländern nehmen gegenseitigen Anteil am jeweiligen Geschehen. In Deutschland ist die brasilianische deutsche Abstammungsgemeinde jedoch wenig bekannt – schade, für beide Seiten.

Als Abschluss sei über eine Liebenswürdigkeit Brasiliens zu berichten, was den Respekt gegenüber älteren Menschen betrifft. Als älterer Mensch gilt man dort ab sechzig (!). Das liegt daran, dass der Bevölkerungsdurchschnitt ein Alter von unter dreißig Jahren aufzeigt. Neben Parkplätzen für Behinderte gibt es Stellplätze für Senioren. In Banken und Supermärkten, sowie wie in Behörden haben Senioren zusammen mit Schwangeren und Müttern mit Kleinkindern immer Vortritt. An der Passkontrolle auf dem Flughafen von Sao Paulo wurde ich als Grauhaariger freundlich aus der Menge ankommender Passagiere heraus gewinkt und durchlief die Passkontrolle im Eilverfahren.

Danke schön, sympathisches Brasilien!

kr

P.S. Ein paar Bilder werden noch nachgereicht.

Anmerkung: Ich begrüße Klaus Rabba als neuen Autor bei IF-BLog“