Roland Dürre
Montag, der 16. Oktober 2017

Unternehmertagebuch #124 – INNOVATION – Nur so geht es!

Heute eine wunderschöne Metapher für Unternehmer zum Thema

„wie kreative Innovation gelingen kann“

Diese Geschichte habe ich vor vielen Jahren bei Alain Neumann gehört.  Hier ist sie, nacherzählt und ein wenig verändert von mir.

Als zufriedener Unternehmer, weil es geklappt hat.

Die Schweiz ist berühmt für ihre Schokolade. Als Kind war ich gierig nach ganz einfacher „Schokolade“. Möglichst „Vollmilch“. Aber schon in den Tagen meiner Kindheit war „nur Schokolade“ kein Hit mehr. Denn der Markt des Wirtschaftswunderlandes verlangte nach mehr.

Um zu expandieren mussten die Unternehmen der Schokoladenindustrie verschiedene Sorten von  Schokolade anbieten. So auch Schokolade mit Haselnüssen.

Die Geschichte, von der ich berichte, spielt in der Schweiz. Ein mittelständische Unternehmen, produzierte dort als besondere Spezialität  Schokolade mit Haselnüssen. Das war nicht einfach, denn das Knacken klappte nicht immer. So  zerbröselten die Nüsse oft in viele Teile und schlimmer noch, immer wieder fanden sich Splitter der Nuss-Schalen in der einen oder anderen Tafel wieder.

Dies trübte nicht nur den Genuss, sondern war auch für Unternehmen nicht unkritisch, da die Schale der Haselnuss ja ziemlich hart ist und beim herzhaften Biss in den Genuss dann durchaus der eine oder Zahn beschädigt werden kann. Und Schokolade mit ganzen Haselnüssen ging so schon gar nicht, denn die Nüsse gingen beim Öffnen nur zu oft zu Bruch und die Ausbeute an ganzen Nüssen ziemlich schlecht.

Deshalb hatte ein Team von Ingenieuren den Auftrag, das „Nuss knacken“ zu revolutionieren. Zum einen sollte die Nüsse unbeschädigt bleiben. Mit absoluter Sicherheit sollte auch vermieden werden, dass Schalensplitter in die Schokoladenmasse geraten könnten. Und natürlich sollte das mit unbedienten Maschinen „automatisch“ erfolgen.

Die Ingenieure arbeiteten intensiv, Tag und Nacht, aber auch ergebnislos. Es schien ein aussichtsloses Unterfangen und die Ingenieure wurden von Tag zu Tag frustrierter.

Im Unternehmen gab es einen Pförtner. Dieser war ein Mann eher aus der „bildungsfernen Schicht“, den aber alle mochten. Er hatte Mitleid mit den Ingenieuren, die das Werkgelände später in der Nacht verließen und von Tag zu Tag ein frustrierter wurden.

Die Ingenieure taten dem Pförtner leid. So versprach er ihnen, über dass Problem nachzudenken und ihnen dann die Lösung zu berichten. Natürlich erzeugte dies bei den Ingenieuren keine Hoffnung sondern nur mitleidiges Lächeln.

Eines Morgen nach einer Nachtschicht verkündete der Mann an der Pforte den Ingenieuren, dass er die Lösung gefunden hätte. In schönstem Schwyzer-Deutsch (das ich allerdings hier nicht wiedergeben kann) erklärte er:

„Ihr müsst wie ein Würmli ins Nüssli hineinkriechen und es von innen öffnen“.

Die Ingenieure hörten dies und lachten zuerst. Aber einer hatte plötzlich den richtigen Gedanken. Und die Ingenieure bohrten in die Nuss-Schale ein kleines „Löchli“, um die Nuss mit Druckluft von innen zu sprengen. Das war der Durchbruch.

Der Verwurf an gesplitterten Nüssen war von da an gleich Null. Seitdem gibt es Nussschokolade auch mit ganzen Haselnüssen und garantiert frei von Splittern!

Ich bin natürlich nicht ganz sicher, ob die Geschichte wirklich passiert ist. Es könnte sein, das die Haselnüsse noch heute auf genau diese Art und Weise geknackt werden. Zumindest hat es Alain Neumann das vor zehn Jahren so berichtet.

Alain hat damals einen Platz in meiner privaten „Hall of Fame„, der mir persönlich bekannten großen Redner gefunden. Weil er noch viele solche Geschichten erzählt hat und er so schon vor Jahrzehnten den Menschen auf eine einzigartige Art und Weise klar gemacht hat, was es heißt, Unternehmen zu gründen und gut zu „managen“. Indem man  die Menschen ganz einfach begeistert und machen lässt.

Immer wenn ich in meinem Umwelt kreative Innovation entdecke, gibt es eine ähnliche Geschichte dazu. Erfolgreiche Innovation „aus dem Reagenz-Glas“ habe ich dagegen noch nicht gefunden.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet Ihr in der Drehscheibe!

Roland Dürre
Sonntag, der 15. Oktober 2017

Große Redner und ihre Geschichten – #7 Jolly Kunjappu

Mit dem „Tagelöhner“ Alain Neumann bin ich gestartet. Dann habe ich von Hans-Jörg Bullinger und Hans Strack Zimmermann berichtet und bin schließlich bei Augustinus Heinrich Graf Henckel von Donnersmarck, Klaus-Jürgen Grün und Rupert Lay gelandet.

Heute ist es mir eine Ehre, meinen Freund Jolly Kunjappu in meine persönliche „Ruhmeshalle“ auf zu nehmen.

Das Motto von Jolly ist „INSPIRING PEOPLE. Er sieht sich selbst heute als Performance Artist, Keynote Speaker und Philosopher. Jolly Kunjappu hat in seinem Leben schon sehr viel verschiedene Rollen gelebt. Unter anderem war er als Musiker mit vielen bekannten Musikern wie Mick Jagger zusammengespielt und hat Seminare „Trommel“ für viele Spitzenmanager.

Ich habe mit ihm unter anderem eine Vortragskombination zum Thema Frieden gemacht. Lassen wir ihn hierzu selber zu Worte kommen.

In IF-Blog findet man eine Reihe von Artikeln zu seinem Wirken.

Ich verneige mich von Jolly und seinem Lebenswerk.

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 6. Oktober 2017

Katalonien

Mein Traum von EUROPA

La senyera – Die Flagge Kataloniens.

Zurzeit wird „Katalonien“ heiß diskutiert. Dann gebe ich halt auch meine „five cent“ dazu.

Ich würde mich über eine Trennung Kataloniens von Spanien freuen. Das würde auch Europa nicht schaden. Eher im Gegenteil.

Aus dem EURO käme Katalonien auch nicht heraus. So müsste man sie auch in der EU bleiben lassen und das eventuelle Veto Spaniens bei einem Beitrittsgesuch Kataloniens ignorieren. Weil sie ja eh schon Mitglied waren und es kein Neueintritt mehr ist.

Wegen mir kann dann ja Rest-Spanien die von Franco etablierte Monarchie weiterführen und den Austritt aus der EU beantragen. Empfehlen würde ich es ihnen aber nicht. Sie sollen bloß nicht wieder Franco-Denkmäler aufstellen und bitte die Finger vom Faschismus lassen.

Vielleicht bräuchten wir dann halt noch ein paar Sterne mehr – wie am (im) Himmel?

Aber mir geht es nicht um Katalonien. Mir geht es um eine Vision für Europa, die wahrscheinlich eine Reihe der aktuellen Probleme ein wenig lindern würde.

Man bräuchte ein EUROPA, das ein enger Verbund seiner Regionen (also regionalen Staaten bzw Länder) ist. Diese sollten von halbwegs vergleichbarer Größe sein und so ein wenig mehr auf Augenhöhe zusammen arbeiten können. Meine Annahme:
Je kleiner die Staaten, je größer die Anzahl und je enger der Verbund, desto besser!

Freilich müssten fürs Gelingen ein paar nicht einfache Bedingungen erfüllt werden:

  1. Der Verbund der Regionen Europas muss den Menschen dienen – und nicht den Geschäftemachern, Konzernen und Spekulanten.
    Das ist für mich eine zentrale Bedingung. Daraus folgt, dass um jeden Preis freie Märkte, die gedankenlose Abschaffung von Grenzen nicht die Priorität haben. Grenzenloses Wachstum, maximaler Konsum für alle und beliebiger Reichtum dürfen nicht oberste Ziele der der neuen „Wertegemeinschaft Europa“ sein genauso wie eine falsch verstandene Freiheit ohne Pflichten kein Wert ist.
  2. Europa darf nicht zum Selbstzweck werden.
    Europa darf nicht als Ziel haben, eine Supermacht zu werden und international eine führende Rolle zu haben, vielleicht sogar eine Art „neuer Weltpolizist“ zu sein. Weil es dieses zum einen nicht braucht und ein Europa, welches sich nachhaltig entwickelt, auch ohne Atomwaffen und Flugzeugträger sowieso eine weltweite wichtige Rolle mit großem Einfluß haben wird.
  3. Solidarität darf nicht durch Subventionen gelöst werden.
    Solidarität zwischen Regionen und Menschen kann nicht mit dem Scheckheft gelöst werden, besonders nicht „nur mit dem Scheckheft“. Ein gutes Beispiel sind hier die Subventionen der Landwirtschaft in der alten EU, die genau das zerstört haben, was sie (vielleicht) erhalten wollten.
  4. Die Nationalstaaten müssen weg.
    Das gilt für alle, besonders natürlich für die Großen wie Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien … (und auch Großbritannien, das ja „faktisch“ noch dabei ist). Weil man das ganze nationale Gedröhne und Gestöhne nicht mehr braucht – und es z.B. dem Fußball überlassen könnte.

Punkt 1. und 4. sind mir die wichtigsten

Zu 1.)
Was ist so schlimm, wenn ein Land seine lokalen Märkte und auch Eigenheiten sinnvoll schützt? Was ist so schlimm, wenn Kontrollen gemacht werden, wenn die Kriminalität zu nimmt? Ich meine, dass es ab einer gewissen Größe leider ohne so eine Art von Grenzkontrolle nicht gehen wird. Und dann mag ich die doch lieber systematisch und geordnet organisiert haben als willkürlich wie heute.
Für Lobbyismus und die aktuelle vorhandene Oligarchie von Interessensgruppen, die sich Parteien nennen, darf in einem lebendigen und verantwortungsvoll funktionierendem Europa der Regionen endgültig kein Platz mehr sein.
Das mag unvorstellbar klingen, weil dazu die Demokratie erneuert werden und wahrscheinlich auch direkter werden muss. Wir haben ein Recht auf Utopien!
Weil wir das Recht (und die Pflicht) haben, die Kulturen Europas in ihrer Unterschiedlichkeit zu bewahren und die Vielfalt Europas zu erhalten.
Das muss in einem Europa der Regionen explizit erwünscht sein, gemeinsam besprochen und mit geeigneten Maßnahmen unterstützt werden. Sonst wird das nie etwas mit Eruopa.
Und dies zum Wohle aller – nur nicht der Spekulanten und von super-reichen Einzelpersonen oder super-mächtigen Systeme aller Art, besonders wenn sie sich „entpersonalisiert“ und verselbstständigt haben.

Zu 4.)
Wie schön wäre ein Europa bestehend aus überschaubaren Regionen. Dafür gibt es vor allem rationale Gründe. Kleine und selbstorganisierte Systeme funktionieren einfach besser als große, die auch noch von außen geregelt und verwaltet werden.
Flache Hierarchien machen eine sinnvolle Form von Subsidiarität leichter.
Politisch gäbe es dann „im oberen Bereich“ nur noch zwei anstelle der heute drei Ebenen.
Die EU ist in diesem Modell die oberste Ebene und die internationale Präsenz aller Regionen. Sie wird gesteuert vom Rat der Regionen, die ihre Dinge selber regeln dürfen. Die national infizierten Zwischenebene wie Berlin, Paris, Rom … – oder eben Madrid – würden ersatzlos wegfallen.
Dann bräuchte man auch kein Vetorecht von Einzelstaaten mehr (gleich ob die ein paar 100.000 oder 80 Millionen Menschen vertreten. Dieses würde ersetzt durch eine qualifizierte Mehrheit im Rat der Regionen.
Wenn mal eine Region umkippt oder völlig ausflippt, was immer wieder passieren wird, wäre das eher zu heilen wie heute. Man denke nur, wie unmöglich das ist, einen Staat wie Polen zu beeinflussen. In einem System auf Augenhöhe würde Solidarität auch besser und  direkter erfolgen können, als dies mit der EU-Gießkanne möglich ist.
Die EU müsste also aus „Ländern“ bestehen, von denen keines größer ist als zum Beispiel Bayern sein darf. Wahrscheinlich ist aber sogar Bayern sogar zu groß für eine EU-Region? Auch da böte sich eine sinnvolle Zerlegung und so mindestens eine gute Lösung an.

Wir müssen also die Nationalstaaten zerlegen. Bei der BRD Deutschland wäre es einfach, wir haben ja schon eine relativ vernünftige Länderstruktur. Die könnte man einfach übernehmen (und gerne auch noch verbessern, wie im letzten Absatz beschrieben). Klein-Länder wie Bremen oder Hamburg würde ich belassen. Wenn derzeit ein Estland ein EU-Land sein kann, warum sollen dann in Zukunft nicht die beiden stolzen deutschen Hansestädte nicht eine Region sein dürfen – wie dann auch Estland sein würde?

Wenn wir EUROPA heilen wollen, dann dürfen und müssen wir sehr wohl solche Utopien haben und anstreben! Sonst wird das nie etwas! Und dann kommt tatsächlich der Katzenjammer!

RMD

P.S.
Noch ein positiver Gedanke zur so schädlichen gemeinsamen Währung:
Ich meine ja, dass es die beste Lösung wäre, wenn es nach „Reifegrad/Zustand“ der Regionen es für diese verschiedene Währungen gäbe (ich nenne sie mal EURO1, EURO2 und EUROn). Aber das ist ein sehr kompliziertes Thema, das ich an dieser Stelle nicht diskutieren möchte.

Aber ein positiver Gedanke zu nur einem EURO möchte ich formulieren. Es könnte sein, dass ein EURO für alle Regionen – trotz vieler Nachteile auch einen großen Vorteil haben könnte: Ein EURO für alle wäre so etwas wie der eisernen Ring, der die Regionen zusammen hält. Und so einen Austritt unmöglich macht und hilft die immer wieder kommenden regionalen Krisen zu überstehen. Dazu wäre wieder eine Utopie notwendig – nämlich eine andere Währungspolitik der EZB als jetzt unter „Super-Mario“ Draghi.

Vor einigen Jahrtausenden hat der Mensch das Rad erfunden und ein „wenig später“ den Hebel entdeckt. Bis zur Erfindung der Schubkarre – obwohl nur eine einfache Kombination von Rad und Hebel – hat es dann ein paar Jahrtausende gedauert. Dann ging es schneller, es wurden elementare Dinge wie Kurbel und Zahnräder erfunden. Und die Dampfmaschine, der Dieselmotor und die Elektrizität …

Und mit der Informations- und Kommunikationstechnologie ging das Rad dann so richtig ab.

Da war ich wohl beim Fotograf – gespannt was mir mir passieren würde.

Oft frage ich mich, wann der sich der erste Elektromotor in unserem Hause gedreht hat. Ich bin mir sicher war, das es erst nach unserem Umzug 1955 vom Land in die Stadt war. Ich weiß dann noch, dass Ende der Fünfziger eine Wäsche-Schleuder in unsere Waschküche eine große moderne Errungenschaft war, die zweifelsfrei einen elektrischen Motor hatte.

Andere Elektro-Geräte gab es in meiner Erinnerung in unserem Haushalt damals nicht. Bis dann die erste Modelleisenbahn von Märklin kam. Dann ging es Schlag auf Schlag.

Bis dahin hatten bei uns im Haushalt die mechanischen Geräte eine Hand-Kurbel. Und die komplizierten Zahnräder. Zum Beispiel der Fleischwolf, die Kaffee-Mühle, das Gerät zum Sahne schlagen … Auch die Bohrmaschine hatte Handbetrieb.

So hatte ich eine hohe Verehrung von Zahnrädern …

Eines Tages hatten wir einen Schulausflug (das war in der 3. oder 4. Klasse in der „Wittelsbacher Volksschule“ in Augsburg) bei der Zahnradfabrik Renk – heute ein börsennotiertes Unternehmen der MAN AG.

Die Schule war neben der Kirche St. Anton und so nicht weit weg vom „Wittelsbacher Park“. In diesem Park gab es wiederum eine Besonderheit – den „Rudolf Diesel Hain“. Das war ein Rechteck so groß wie ein Schrebergarten umwachsen mit zypressen-ähnlichen Gewächsen. Es gab einen Ein- und Ausgang, im inneren standen große Felsen aus Japan. Auf Kupfertafeln gab es Inschriften (zumindest in meiner Erinnerung), in denen sich das japanische Volk bei dem großen Deutschen Rudolf Diesel für die Erfindung des gleichnamigen Motors bedankte, der den Menschen weltweit erniedrigende und schwere körperliche Arbeit erspart hätte. Und deshalb der Stadt Augsburg als Geburtsstadt des großen Mannes die Felsen geschenkt hat.

Der Rudolf Diesel Hain war ein schöner Fleck Natur, der mir beim Schwänzen des sonntäglichen Kirchgangs liebe Zuflucht war.

Für mich war die Führung durch die Fabrik sehr spannend. Die Bearbeitung von Eisen ist schon etwas besonderes – und die Menschen in diesem Geschäft waren es auch. Zur Verabschiedung bekam unser Lehrer von unserem Führer ein großes und ziemlich schweres Zahnrad (Durchmesser vielleicht 20 cm) geschenkt, das Gewicht aber bestimmt ein paar Kilo.

Ich gehe mal davon aus, dass das Zahnrad so etwas wie ein Auschuss-Teil war. Die Ehefrau unseres Lehrers war wohl nicht so von dem Trum begeistert, das unser Klassenlehrer da heim gebracht hat.

Auf jeden Fall hatte er am Morgen das Zahnrad dabei, legte es auf den Schreibtisch und lobte es aus: Wir sollten einen „Erlebnis-Bericht“ zu unserem Ausflug schreiben. Und der Gewinner (der den besten „Aufsatz“ schreiben würde) sollte das Zahnrad als Preis bekommen.

Ich war wie elektrisiert. Denn das Zahnrad wollte ich unbedingt haben. Zwar war ich ein Außenseiter, denn meine Deutsch war mein schlechtestes Fach. Ich hatte schon vor der Schule lesen gelernt und die meisten Karl Mays hinter mir, so fand ich unser Lesebuch nur ätzend.

Aber was zählt das alles, wenn man unbedingt etwas gewinnen will? Nichts!

So gab ich mir bei diesem Aufsatz eine extreme Mühe, wie wohl nie wieder im Leben. Ich wollte das Zahnrad haben, hatte die Begeisterung für den Ausflug im Kopf, „Drehbuch“ und schrieb diese auf. Ausnahmsweise versuchte ich formale Fehler strengstens zu vermeiden und sogar auf Satzzeichen zu achten – alles Dinge, die mir damals ansonsten so ziemlich egal waren. Sogar bei meiner Schrift gab ich mir richtig Mühe, ich vermute mal dass diese Seiten in meinem Heft die einzigen waren, die nicht geschmiert waren.

Seitdem weiß ich, was es heißt, motiviert zu sein.

Ich musste noch ein oder zwei Tage warten, dann kam der Tag der Entscheidung. Und siehe da – ich hatte den ersten Platz gemacht und das Zahnrad gewonnen. Und ich war der glücklichste Mensch auf der Welt. Das hielt auch den ganzen Heimweg an. Nur wie ich nach Hause kam wurde die gute Note in Deutsch von meiner Mutter nur mit einem abwertenden „wenn Du willst dann kannst Du es ja doch“ gewürdigt. Das Zahnrad dagegen wurde überhaupt nicht wert geschätzt, im Gegenteil mit einem sehr gering schätzendem „Was hast Du denn da wieder mitgebracht“ bedacht.

Wahrscheinlich ging es ja meinem Lehrer ein paar Tage vorher ähnlich. Aber das war auch kein rechter Trost für mich.

Das Zahnrad bekam einen Ehrenplatz in meinem Zimmer. Es roch wohltuend nach Maschinenöl.

Ich weiß noch, wie dann so 10 Jahre später von meiner Mutter genötigt wurde, das Zahnrad zu entsorgen. Es war ein wirklich schönes Zahnrad.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 2. Oktober 2017

FRAGEN (NICHT NUR) FÜR UNTERNEHMER.

Als nicht mehr ganz taufrischer aber noch junger Unternehmer im Büro in Unterhaching (1993 ?).

Am 7. Juni habe ich hier viele eher menschliche und allgemeine Fragen gestellt.

Und diese am 1. Oktober durch ein paar Thesen ergänzt, was denn „Mensch sein“ ausmacht.

Der aktuelle gesellschaftliche Konsens, wenn es denn noch einen gibt, wird mir immer unverständlicher.

Heute hier ein paar Fragen, die unsere „soziale Markt-Wirtschaft“ betreffen. Soweit es diese bei uns überhaupt noch erwünscht ist – denn schon länger existiert sie nur noch sehr eingeschränkt.

Die Wirtschaft ist für die Menschen da. Und nicht die Menschen für die Wirtschaft. Das gleiche muss auch für Unternehmen gelten. Diese sind auch für die Menschen da – und nicht die Menschen für die Unternehmen.

Die Definition:
Unternehmen sind soziale Systeme mit einem ökonomischen Zweck.

Der Zweck eines Unternehmens ist die Herstellung von Produkten und/oder das Generieren von Dienstleistung. Sie entwickeln Strukturen und organisieren sich. Unternehmen haben ihre Ordnung, die auch für die Menschen und nicht gegen die Menschen sein sollte.

Die Regel:
Gemeinwohl geht vor Maximierung des Profits!
In einer sozialen Markt-Wirtschaft müssen Unternehmen gemeinsam eine Gemeinwohl-Ökonomie realisieren. Einfluss über Lobbyismus zum eigenen Vorteil geht genauso nicht wie Externalität (die Externalisierung von Kosten). Das Prinzip „Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert“ darf nicht gelten!

Und es stellen sich wieder Fragen:

  • Warum dürfen Unternehmen Dinge anbieten, die keiner braucht? Und die Nachfrage danach künstlich herstellen?
  • Warum haben Unternehmen aus Branchen wie Rüstung oder Genussmittel (Tabak) die mit Abstand besten Margen?
  • Warum agieren Konzerne so oft kriminell?
  • Warum werden kriminelle Unternehmen auch noch subventioniert und gesellschaftlich akzeptiert?
  • Wie kann es sein, dass bei Unternehmen der „Gesundheitsbranche“ (Medizin, Pharmazie …) der Shareholder Value wichtiger ist als der Auftrag, Menschen gesund zu machen?
  • Warum haben sich so viele Unternehmen (soziale Systeme mit ökonomischen Zweck) entpersonalisiert und systemisch verselbstständigt?
  • Warum gibt es immer noch “disziplinarische” Vorgesetzte?
  • Warum ist die Zeit nach wie vor das Maß für Arbeit.
  • Warum stehen sogar bei High-Tech-Unternehmen “Stechuhren”?
  • Warum sind Einkommen nicht transparent?
  • Wieso braucht es „Human Resource Departments“?
  • Warum verdienen Top-Manager oft das Zigfache ihrer Mitarbeitern?
  • Für was braucht man Vertrieb, wenn man gute Produkte hat?
  • Welche Aufgaben hat denn das Marketing außer zum Konsum zu manipulieren?
  • Was sind das für Unternehmen, die mit Lobbyismus die Regeln zu ihren Gunsten verändern und so beliebig Schaden am Gemeinwohl verursachen?
  • Warum ist die (unreflektierte) „Sorge um die Arbeitsplätze“ der Freibrief für den Erhalt sinnloser wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturen und Umweltzerstörung?
  • Warum gehen „Veränderung und Wandel“ genau dann schon gar nicht, wenn das wirtschaftliche Interessen bedroht?
  • Warum werden bei solchen Dingen immer die wirtschaftlichen Risiken bedroht, die Chancen aber einfach ignoriert und weg diskutiert?
  • Warum hat das Interesse der Shareholder immer Priorität vor den Bedürfnissen der anderen Stakeholder (Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten …)?
  • Warum glauben so viele Menschen, dass Privatisierung das Allheilmittel für alle Probleme ist?
  • Warum werden kommunale und/oder staatliche Unternehmen immer noch als Unternehmen zweiter Klasse belächelt, obwohl doch zum Beispiele viele Stadtwerke zeigen, dass sie ihr Geschäft sehr gut beherrschen.
  • Was bringen „ethische“ Feigenblätter wie „CSR“ (Corporate Social Responsibilty) oder „BGM“ (Betriebsgesundheits-Management) für die Praxis?
  • Warum versteht man nicht, dass Unternehmen als soziale Systeme eher biologischen Lebewesen ähnlich und keine Maschinen sind, bei denen durch Drehen an den richtigen Schrauben Umsatz und Gewinn beliebig gesteuert und gemehrt werden kann?
  • Warum ist der Verbraucher zwar in der Theorie die „geschützte heilige Kuh“ nur in der Praxis das immer mehr „missachtete und gejagte Konsum-Vieh“?
  • Wie kann es sein, dass der Shareholder Value immer noch das Maß aller Dinge ist?
  • Warum geht es immer ausschließlich um Wachstum und Größe?
  • Und viele Fragen mehr …

Eigentlich ist es klar, wie es sein sollte. Umso schlimmer, dass dies jeder weiß und es keinen interessiert. Vielleicht weil Geld die einzige Metrik ist, die etwas gilt und an die alle glauben.

Das oberste Grundrecht in der alternden BRD (Bundesrepublik Deutschland) ist nicht mehr die „Würde des Menschen“ sondern die „Wahrung des Besitzstandes“.

RMD

Da habe ich die Welt mit Kinderaugen gesehen. Und konnte sie nur bewundern.

Am 7. Juni habe ich hier viele Fragen gestellt. Vielleicht ist aber besser, erst diesen Artikel zu lesen. Und sich dann meinen Fragen zu widmen.

Es waren Fragen, die sich mit unserer menschlichen Irrationalität beschäftigen.

Fragen, die mir weh getan haben.

Weil wir die Welt ruinieren und uns selber zerstören.

Weil wir eine Gesellschaft sind, die das alles weiß und NICHTS tut.

Weil diese Fragen an sich schon schwer zu verstehen und nicht zu beantworten sind.

Es wird aber noch schlimmer, wenn ich mir überlege, was LEBEN bedeutet.

Und was wir KÖNNEN, ERLEBEN und SCHAFFEN.

Unser KÖNNEN

  • Wir können DENKEN.
  • Wir können REDEN.
  • Wir können FÜHLEN.
  • Wir können LIEBEN.
  • Wir können TANZEN.
  • Wir können MALEN.
  • Wir können SINGEN.
  • Wir können TRÄUMEN.
  • Wir können ERZÄHLEN.

Unser ERLEBEN

  • Wir sind Frau und Mann.
  • Wir bekommen Kinder.
  • Wir leben.
  • Wir sind ratlos.
  • Wir sind hilflos.
  • Wir müssen sterben.
  • Wir pendeln zwischen Ohnmacht und Allmacht.

Von uns ERSCHAFFEN

  • Sprache
  • Schrift
  • Mathematik
  • Musik
  • Das Rad, den Hebel, die Schubkarre, das Fahrrad
  • Werkzeuge, Maschinen und das Internet

So klug sind wir geworden, dass wir fühlen und wissen:

So geht es nicht weiter!

Wir tun aber nichts.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 30. September 2017

Ach wie schön ist das Leben ohne dauernd zu telefonieren …

Aus Gründen, die mir selber nicht ganz klar sind, komme ich zurzeit nicht zum Schreiben. Vielleicht, weil ich das Leben sehr genieße und mir viele Freiräume nehme. Und IF-Blog darbt.

Also nutze ich aus Effizienz-Gründen die Gedanken, die ich mit anderen Menschen austausche als Basis für Artikel. So auch heute.

Wenn ich z.B. einen neuen Partner habe und wir planen, uns häufig und intensiv auszutauschen (zusammenzuarbeiten), dann bitte ich diesen, mir keine E-Mails mehr zu senden und schlage vor, auf ein Chatter seiner Wahl umzusteigen. Und starte für uns einen „Thread“.

Weiter bitte ich meinen Partner, mich nur im „Notfall“ anzurufen (wenn ich mich zum Beispiel zu einer Verabredung nicht pünktlich einfinde) oder er etwas ganz Wichtiges auf dem Herzen hat, dass er einfach sofort los werden will/muss.

Bei Bedarf lege ich ein „shared document“ oder einen gemeinsamen Dokumenten-Raum an und die Zusammenarbeit kann los gehen.

Abstimmung durch „synchrone Kommunikation“ ist gelegentlich notwendig. Die kann „f2f “ (face to face, so heißt das im „new business denglish“) je nach Thema in einem schönen Café oder in einer „Arbeitsumgebung“ (ruhiger Raum mit viel weißen Wänden und auch am besten weißen Tischen) stattfinden.

Ist die Raum-Zeit-Schwelle zu hoch, dann ist „f2f“ zu aufwendig und wir verwenden wenn möglich Telekommunikations-Technologien. Im „worst case“ das klassiche Telefon, meistens aber Bildtelefonie. Die Termine synchronisieren wir im „Chat“, machen aber nur Termine für die nahe Zukunft aus. Weil langfristige Termine unsere Freiheit unnötig einschränken. Und wer weiß ob das Meeting in ein paar Wochen überhaupt noch vonnöten ist?

Sind wir ein Team (mehr als zwei), dann geht die alte Telefonkonferenz gar nicht. Ich bestehe dann in der Regel auf Bildtefonie. Weil ich zu „mehrt telefonieren“ als ziemlich unteroptimal empfinde.
🙂 Im übrigen: Telefonieren ist nur ein synchrones Übertragen von „voice over IP. Aber hier endlich der Artikel dazu.


Meine mobile Telefonnummer ist öffentlich. Im Internet steht sie auf meinen Seiten. Man findet mich dort leicht. Glücklicherweise ruft mich trotzdem keiner an, nicht einmal die bösen Bots, die meine Seiten ja dauernd besuchen sollen um angeblich so etwas zu machen. Teil meiner Signatur ist die Telefonnummer auch, und ich sende immer noch viel zu viele E-Mails. Weil es soviel Unbelehrbare gibt, die auf E-Mail bestehen und sogar noch Dateien (vorzugsweise Word-Dokumente) per E-Mail versenden.

Soviel zum Thema „Internet-Blödsinn“ 🙂 

Bild von Christian und Daniel (©
Visual-Braindump 2016) auf dem letzten PM_Camp in Dornbirn.

Aber auch sonst klingelt das Telefon selten. Meine Freunde rufen mich nur in Notfällen an, weil sie wissen, dass Menschen per Telefon zu stören nicht nur unhöflich ist, sondern dem Angerufenen auch Schaden zufügt. Häufende telefonische Störungen machen es mir unmöglich, konzentriert am Stück zu arbeiten. Und ich mag das Wertvollste, was ich habe, nämlich meine Zeit nicht einfach so verplempern.

So nutze ich das Telefon nur selten. Zum Beispiel, um zu einem vereinbarten Zeitpunkt gut vorbereitet Gedanken auszutauschen. Dies dann möglichst kurz und effizient.

Das klassische Telefon ersetze ich immer mehr durch „Bildtelefonie“ mit FaceTime, Hangout, Skype oder ähnlichem. Ganz einfach, weil ich und mein Gesprächspartner uns dann auch sehen können. Am Rechner sitzen wir ja sowieso, weil wir im Gespräch ja auch Informationen auf einer anderen Ebene (vielleicht visuell oder „audio“) austauschen und gleich im Gespräch die Ergebnisse notieren. Wir machen ja auch meistens ein Protokoll, nicht um uns abzusichern, sondern um unsere Erkenntnisse und Ergebnisse zu bewahren.

Wenn ich dauernd telefonieren würde – wie ich das in meiner Umwelt laufend erlebe – würde ich nur einen Bruchteil der Dinge schaffen, die ich bewirke.

🙂 Und käme dann gar nicht mehr zum Schreiben von IF-Blog-Artikeln. Oder zum „schöne Reisen machen“.

Manche meiner Bekannten gerade bei großen Unternehmen kommen tagsüber vor lauter Besprechungen nicht zum Arbeiten und holen diese dann nachts nach. Telefonieren tun sie dann in den zwei Stunden, die sie täglich im Autos sitzen. Weil das so praktisch ist. Und klagen, dass sie gar keine Freizeit mehr hätten. Früher oder später bekommen sie einen Burnout. Das soll mir nicht passieren.

So ist mein Telefon auch mindestens 12 Stunden am Tag im Modus „nicht stören“. Kein Anrufe stört dann. Wenn ich mein Telefon aktiv kontrolliere, bekomme ich diese Anrufe natürlich mit – und bei Bedarf rufe ich zeitnah zurück. Und dann störe ich gerne, der andere hat es ja bei seinem Anruf billigend in Kauf genommen, mich zu stören.

🙂 Ja mei, ich ärgere halt gerne andere Menschen. Soviel zur „Handy-Etikette“ oder #newwork 4.0.

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 15. September 2017

Mein USP :-)

 

Was ist mein Wert?

Als ich jung war haben mich manche „Erwachsene“ einen Taugenichts genannt, aus dem niemals etwas werden würde. Eine davon war meine Mutter, die das wörtlich ab und zu mir gesagt hat. Das hat mich schon geärgert und verletzt. War mir aber letztendlich doch nicht so schlimm, wollte ich doch viel lieber ein Taugenichts sein als so werden wie manche erwachsenen Menschen um mich herum, die aus Sicht meiner Mutter bestimmt keine Taugenichtse waren. Und so schlimm ist es dann mit mir als dem schwarzen Schaf in der Herde (wie ich mich öfters gefühlt habe) ja auch nicht gekommen.

Friedlich sein Bier trinken können ist ein großer Wert.

Heute schwätze ich bei vielen Themen mit, halte öfters Vorträge, gebe Impulse und inspiriere junge und ältere, weibliche wie männliche Menschen. So will ich diesen helfen, ein wenig glücklicher und erfolgreicher werden.

Bei einigen jungen „start-ups“ und auch gestandenen Unternehmen bin ich aktiv dabei und helfe dort, die richtigen Fragen zu finden. Denn diese sind die Voraussetzung für Veränderung und Innovation.

Laufend vernetze ich Menschen miteinander (wenn ich meine, dass die zusammen passen) und freue mich, wenn es allen zu Gute kommt.

Da stellt sich mir schon gelegentlich die Frage:
Hast Du eigentlich die Kompetenz dazu?
Die Frage kann ich selber nicht beantworten.

Aber zumindest habe ich beim darüber nachdenken mein „persönliches USP“ gefunden (USP kommt aus dem englischen und ist die Abkürzung für „Unique Selling Proposition“).
🙂 Auf Deutsch könnte man das ganz einfach als
Alleinstellungsmerkmal bezeichnen.
Mein „Alleinstellungsmerkmal“ habe ich der Kombination dreier Besonderheiten meines Lebensweges zu verdanken:

  • Erstens: Seit 1969 arbeite ich mit, an und für Computer. Die Deutschen nennen das Informatik. Die ersten zehn Jahre (die siebziger) habe ich vor allem „Industrie-Informatik“ gemacht – so habe ich die „Spielzeug-Computer“ wie Commodore und Atari ein wenig verpasst. Wie dann UNIX zu mir (oder ich zu UNIX) kam, habe ich im PC-Bereich aufgeholt. Das war in den 80igern. In diesen Jahren habe ich viele Verschiedenes gemacht. So war ich bei einigen Betriebssystemen intensiv dabei wie Prozessrechner, Kommunikationsrechner, Mainframes und der Mittleren Datentechnik. Die hieß damals MDT und kam von Firmen wie Kienzle, Nixdorf,  Olivetti und natürlich auch Siemens. Weiter habe ich Software für Datenfernverarbeitung, -speicherung, -banken, Transaktionsmonitoren und vielen Anwendungen mitgewirkt. Und dabei einige Reihe von verschiedenen Assemblern und höheren Sprachen genutzt und zum Teil auch mitentwickelt.
    Für mich der Höhepunkt war die Entwicklung eines Window-Manager, bei der dabei sein durfte. Der lief sowohl auf graphischen wie zeichenbasierten Endgeräten und hieß Collage. Collage war auch ein Produkt der Siemens AG, das aber im Markt keine Chance hatte. Wie das so oft in der Phase des allmählichen Untergangs des Unternehmensbereich Datenverarbeitung der Siemens AG leider der Fall war.
    So ging das weiter und so habe ich eigentlich alles hautnah mit erlebt, was im digitalen Leben wichtig ist. Deshalb nenne ich mich – nicht nur scherzhaft – einen IT-Pionier der zweiten Generation. Die Ehre, bei der ersten Generation dabei gewesen zu sein, überlasse ich den Urvätern der elektrischen Rechensysteme wie Konrad Zuse und meinem ersten Informatik-Lehrer in 1969, Professor F. L. Bauer von der TH München (die sich heute TUM nennt).
    In den 90igern habe ich meine Programmierschuhe nicht nur symbolisch ausgezogen und an den Haken gehängt. Der IT bin ich treu geblieben – das ging ja auch gar nicht anders – und habe versucht, soweit wie möglich bei der Digitalisierung immer auf Augenhöhe dabei zu sein.
  • Zweitens: Ich hatte mein Leben lang großes Glück und habe immer viel gelernt,
    🙂 besonders in den Lebensphasen nach Schule und Studium (aber eben nicht an der Uni)! Die Mathematik hat mir sicher geholfen, ein kritischer Geist zu bleiben. Jedoch habe ich in vielen Disziplinen das wertvollste Wissen von am Anfang älteren und später auch gleich alten und jüngeren Meistern beigebracht bekommen.
    Mancher Lehrer auch außerhalb der fachlichen Arbeit ist mir zum Freund geworden. Beispielsweise möchte ich hier Klaus-Jürgen Grün und Rupert Lay nennen. Es gab noch mehr tolle Menschen, die mich als Lehrer begleitet haben. Das ging los in meiner Zeit bei Softlab – da hatte ich einen sehr klugen Chef. Und musste „persönlichkeits-fördernde“ Seminare besuchen, weil das dort eine Voraussetzung für eine Management-Karriere war (und ich wollte damals noch Karriere machen). Ich erinnere mich aus dieser Zeit an ein Unternehmen namens TPM (Training psychologische Management) aus Frankfurt und seinem Gründer namens Uhlenbrock (oder ähnlich). Bei ihm hatte ich mein erstes Seminar am schönen Starnberger See, in dem ich so richtig viel persönlich profitiert habe. Gelernt habe ich da in solchen Seminaren nicht nur von den Trainern sondern besonders auch von den Teilnehmern, die ich dort getroffen habe.
    Auch bei den vielen Kollegen, zu denen ich fachlich empor geschaut habe und von denen ich unendlich viel fürs Handwerk gelernt habe, will ich mich bedanken.
    Später (in den 90igern) war ich 10 Jahre regelmäßig bei Workshops mit Simon Grand von RISE, einem Institut an der Hochschule St. Gallen. Da habe ich wieder viele großartige Menschen und tolle Unternehmen kennen gelernt und einen wunderbaren Austausch mit diesen gehabt.
    Die letzten zehn Jahre habe ich mich vor allem auf Barcamps herum getrieben und ja selber auch am Entstehen und Verbreiten des PM-Camps mitgewirkt. Das war eine wunderbare Zeit und ich habe noch mehr großartige Menschen kennengelernt als in den Jahren davor.
    Nicht zuletzt muss ich mich bei meinen Kindern bedanken. Es war ein ganz großes Glück, dass ich sieben haben durfte. Oft meine ich, dass ich von und durch meine Kindern noch mehr gelernt habe als vom ganzen Rest.
    So weiß ich, dass Leben und Lernen ein Synonym sind.
    Solange Du lebst, lernst Du.
    Und so lange Du lernst bist Du am Leben!
  • Drittens: Ich war immer ein „Revolutionär“, der für seine „komischen“ Meinungen deutlich mehr gerügt als gelobt wurde. Heute erkläre ich mir das positiv und meine, dass bei mir die Total-Dressur, die man auf Kinder auch schon in den 50iger Jahren anwendet hat, doch nicht alles ausradiert hat und mir so ein Rest von Autonomie, Lebensfreude und Urvertrauen verblieben ist. Und manche Indoktrination abgeprallt ist.
    So habe ich als Angestellter bei Siemens wie bei Softlab schnell gemerkt, dass dies nicht meine Welt ist. Und hatte den Willen  Unternehmer zu werden und das Glück, dass es funktioniert hat.  So konnte ich meine eigene Welt gründen, die InterFace Connection GmbH.
    Die ersten 10 Jahre waren wie ein Traum. Wir waren spielerisch erfolgreich und haben alle Grenzen gesprengt. Leider habe ich später eine Reihe von unternehmerischen und menschlichen Fehler gemacht. Und auch ein paar mal ein wenig Pech gehabt. Das Unternehmen hat es ganz gut überstanden – und ich habe jetzt ein paar Erfahrungen mehr von der Art „wie man es nicht machen soll“, die ich gerne weitergebe.

So mache ich noch ein paar Jahre weiter und fühle mich gut dabei. Und freue mich immer, wenn ich Rückmeldungen bekomme.
🙂 Besonders natürlich über positive.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 13. September 2017

Unternehmertagebuch #123 – Mitarbeitergespräche

Abendveranstaltung BICCnight „it at media“ im Foyer des Funkhaus Bayern. München, 22.07.2011 Foto Stephan Goerlich

Für das heutige Unternehmertagebuch habe ich mir ein ganz banales Thema rausgesucht: Das Mitarbeitergespräch.

1984 habe ich die InterFace Connection GmbH gemeinsam mit Wolf Geldmacher gegründet. Wir hatten sofort zehn erfolgreiche Jahre als Hersteller der Software HIT-CLOU und wurden schnell zum Marktführer bei Textsystemen auf UNIX in Europa. Weil wir ein tolles Team waren. Es hat richtig Spaß gemacht, rückblickend waren es beruflich die 10 schönsten Jahre meines Lebens.

Vor der Gründung der InterFace Connection war ich bei Siemens und Softlab angestellt. All das, was ich dort gut fand, wollte ich fürs eigene Unternehmen übernehmen. Da gab es einiges. Vieles mehr – und das waren eher die wichtigen Themen – fand ich gar nicht gut und wollte ich anders machen.

Das war unter anderem die Möglichkeit, sowohl bei der Aufgabenverteilung mitentscheiden zu können und selber bestimmen zu können, was, wann, wie und wo man die Arbeit macht. Bei Siemens wurden die Aufgaben „von oben“ verteilt. Da hatte ich andere Vorstellungen. Und die ersten zehn Jahre hat das bei der InterFace Connection dank hoher Selbstorganisation und großer Eigenverantwortung der Team wie der Menschen auch (sehr) funktioniert.

Bei Siemens und Softlab gab es aDinge, die mir gefallen haben. Zum Beispiel das Mitarbeitergespräch im Jahres-Rhythmus. Man hatte so die Chance, in einem hierarchischen System einmal im Jahr mit dem Chef offen zu reden. Das fand ich gut und habe ich bei der Connection nachgemacht. Obwohl wir immer ein Unternehmen der „offenen Türen“ waren – will sagen, dass jeder Mitarbeiter jederzeit zu Wolf und mir kommen und sein Herz ausschütten konnte. Die „offenen Türen“ empfehle ich heute noch, das Jahresgespräch aber nicht mehr; ganz einfach weil man es nicht braucht.

Bei der InterFace Connection war das dann so: Nach drei Monaten (also kurz vor dem Ende der Probezeit) gab es das erste Mitarbeitergespräch und dann immer vor Ablauf eines Jahres das nächste. So verteilten sich die Gespräche abhängig von den Einstellungsterminen übers ganze Jahr. Für die Gespräche gab es auch eine Struktur. Ein wesentlicher Teil war ein Rückblick über das letzte Jahr, dann kam der Austausch von Feedback und am Schluss die Verhandlung des neuen Gehalts. Ich habe die Mitarbeiter immer gebeten, sich gut vorzubereiten und es selber genauso gehalten.

Eigentlich lief das auch ganz vernünftig. Nur ein paar Schlaumeier meinten dann, dass dies ungerecht wäre. Der unternehmerische Kontext könnte ja in dem einen Monat ganz anders sein als in einem anderen. Und das könnte dazu führen, dass die Gehaltserhöhung abhängig von der aktuellen Situation ungerecht ausfallen könnte.

Auf obigen Einwand haben wir reagiert und alle (!) Mitarbeitergespräche zum Jahresende geführt. Das brachte Nachteile und machte das Thema unerfreulich. Der Stress im November und Dezember stieg weiter an. Dies führte zu Unlust und Erschöpfung. Die direkten Vergleiche haben es auch nicht einfacher gemacht. Damals war mir noch nicht klar, dass es keine (oder viele) Gerechtigkeiten gibt. Mag sein, dass man eine „Bedürfnis-Gerechtigkeit“ konstruieren kann. Aber „Leistungsgerechtigkeit“ ist definitiv Unsinn.

Heute meine ich, dass man Gespräche aller Art man nicht einer Regel folgend terminieren darf, schon gar nicht, wenn der Termin in ferner Zukunft liegt. Nein, Gespräche müssen immer zeitnah geführt, wenn es es einen triftigen Grund oder zumindest aktuellen Anlass dafür gibt. Gerade die Kommunikation zwischen Menschen muss immer dann statt finden, wenn der Bedarf hat. Unzufriedenheit darf zum Beispiel nie auf den Jahrestermin hin konserviert werden, um dann die Frustdose öffnen.

Gehaltsveränderungen in ritualisierten Besprechungen sind nur die zweitbeste Wahl. Besser ist es, wenn man sich über die Verteilung des Erfolges genau dann spricht, wenn der Erfolg eingetreten ist. Wobei die Verwendung des Überschusses am besten von denen beschieden wird, die ihn erbracht haben. Und dies auf Team-Ebene.

Das Thema Gehalt ist ein schwieriges Thema. Dazu habe ich schon einiges beschrieben und werde wahrscheinlich auch bald mal wieder drüber schreiben. Denn dass man in Deutschland bis ins hohe jedes Jahr mehr Gehalt bekommt – und dies bis zur Rente – und Gehaltssenkungen im laufenden Arbeitsvertrag kaum möglich sind, ist nicht zielführend. Einfach, weil die Leistungskurve auch eines Programmierers nicht das Leben lang nach oben gehen kann. Dazu aber ein anderes Mal.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet Ihr in der Drehscheibe!

Roland Dürre
Sonntag, der 10. September 2017

Noch ein „Coming Out“ – #BTW2017

Eine zynische aber leider ernst-traurige Parteien-Parodie.

In zwei Wochen muss ich wieder zur Wahl gehen.

Vielleicht vor 50 Jahren.

Mein bürgerliches „Überich“ zwingt mich dazu. Meine ich doch, dass die Demokratie eindeutig eines der besseren politischen Systeme ist, auch wenn die unsere durch „Wahl-Marketing“, der Dominanz der Lobbys bei Gesetzgebung und Regierungsarbeit und einer Oligarchie der Parteien ganz schön pervertiert wurde und großen Schaden genommen hat.

😉 Außerdem bekommt ja die Partei, die ich wähle nicht nur meine Stimme sondern auch noch einen Euro vom Staat (wenn gewisse Bedingungen erfüllt sind).

So bereite ich mich seit längerem auf den nächsten Wahlsonntag vor. Hier der aktuelle Stand meiner Bewertung, bei der ich nach dem Ausschluss-Verfahren vorgegangen bin:

Die große „Volks-Parteien“ CDU und CSU kann ich aus geschichtlichen Gründen nicht wählen. Beide haben die Wiederbewaffnung Deutschlands gegen den damaligen Willen des deutschen Volkes zu verantworten. Diese wurde durch ihren Protagonisten Adenauer gleich nach Ende des 2. Weltkriegs gezielt vorbereitet und so früh wie nur irgendwie möglich – ich würde sagen – kriminell durchgesetzt.
Damit wurde eine einmalige historische Chance vergeben, die Deutschland vielleicht als einziges Land hatte – aufgrund seiner erbärmlichen Geschichte im 20. Jahrhundert. Eine Folge der Gründung der „Bundeswehr“ war dann auch die drei Jahre später erfolgte Wiederaufrüstung der DDR durch den Aufbau der „Volksarmee“ – und schon standen sich zwei Deutsche Staaten bis an die Zähne bewaffnet an einer brutalen Grenze gegenüber.
Ohne die Wiederbewaffnung wäre auch das Wiederaufblühen der deutschen Waffen-Industrie nicht möglich gewesen. Ein weiteres Nebenergebnis war ein „Wehrpflicht“ genannter Zwangsdienst, der 18 Monate meines Lebens eingefordert hat.
Darüber hinaus haben die beiden „C-Parteien“ die politische und gesellschaftliche Prägung der Bundesrepublik bis heute zu einem opportunistischem und egoistischem Wohlstandssystem unterstützt. Der Schutz von Besitzstand wurde zum obersten gesellschaftlichem Wert. Darüber kann auch das „C“ im Namen nicht hinweg täuschen.
Der Staat wurde unter CDU geführten Regierungen zur Marionette der Industrie, Umweltzerstörung (Luft, Wasser, Boden, Natur) wurde gebilligt und sogar gefördert (!) wie der Krieg auf den Straßen. Das Bildungssystem bekam als oberste Aufgabe, Menschen zu Konsumenten zu machen und vorbereitend als Arbeitskräfte für die Industrie zu dressieren. Dir gesellschaftliche Solidarität wurde falsch verstandenen Freiheiten geopfert.
Parteien, die bis heute glauben, dass das alles richtig war, werde ich nicht wählen.

Die SPD wie die Grünen kann ich auch nicht mehr wählen, da sie nicht nur dies alles unterstützt haben sondern sogar den Einsatz der Bundeswehr im Ausland erst ermöglicht haben. Die Rot-Grüne Koalition hat damals ein Tabu gebrochen:
Die Bundeswehr wurde nicht mehr ausschließlich zur Verteidigung eingesetzt sondern „um Verantwortung in der Welt zu übernehmen“. So werden seither von der BRD nicht nur Waffen sondern auch Krieg exportiert.
Der polemische Reim „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten“ trifft leider bei geschichtlicher Betrachtung für die SPD nur zu schlimm zu. Da hilft mir mein sympathisches Ideal einer sozialen Demokratie auch nicht mehr.
Die Grünen habe sich in meiner Bewertung von einer idealistisch-moralischen Partei zu einer indoktrinierten Veranstaltung entwickelt – außerdem nehme ich wahr, dass die Veränderung von einer Partei in Opposition zur Regierungspartei dort in ganz schlechter Weise stattgefunden hat – Ideale wurden zu Hauf für Posten und Macht geopfert.

Die FDP mag ich nicht wählen. Die negativen historischen Verdienste kenne ich nicht so detailliert, weil die Partei mir nie besonders aufgefallen ist. In meiner Wahrnehmung war und ist die FDP aber eine Partei, die – abgesehen von wenigen Protagonisten – immer sehr opportunistisch agiert hat und vor allem als Klientel-Partei funktioniert hat. Und noch mehr Großspenden aus der Industrie bekommen hat als die anderen genannten Parteien. Außerdem: Menschen, die FREIHEIT fordern und propagieren aber nicht wissen, was Freiheit ist, die mag ich nicht unterstützen.

Dann schauen wir mal, welche Parteien es noch so gibt?

Erfolgreich ist zurzeit die AfD. Dass ich die nicht wählen mag und kann, das muss ich hier nicht begründen. Wie auch dass die NPD für mich nicht wählbar ist. Die NPD scheint ja glücklicher Weise nicht mehr relevant zu sein. Obwohl die oben genannten Parteien aus mir nicht einsichtigen Gründen immer wieder die NPD verbieten wollen und nicht die AfD.

Dann gucke ich mir die „Freien Wähler“ und die Freie Bürger Union (FBU) an. Laut Wikipedia bezeichnen sich mehrere Wählergruppen und eine Kleinpartei als „Freie Bürger Union“, die in verschiedenen deutschen Städten und Landkreisen vertreten sind. Regionaler Schwerpunkt der Gruppierungen ist Bayern. Und weiter: Die besteht aus bürgerlich-konservativ oder rechtsliberal orientierten örtlichen Kommunalpolitikern und -aktivisten, zum Teil ehemaligen Abgeordneten der CDU/CSU, die nicht mehr Mitglied ihrer Partei sind. Kann ich nicht wählen.
Die Freien Wähler möchten u.a. die kommunale Selbstverwaltung stärken. Als Grund für den Antritt zu Wahlen auf Landes- und Bundesebene wird unter anderem ausgeführt, dass die Landes- bzw. Bundespolitik die Eigenständigkeit der Kommunen „aushöhlt“. Die Partei tritt dagegen für eine eigene Finanzhoheit der Kommunen ein. Auf europäischer Ebene fordert die Partei, dass der Ausschuss der Regionen einen festen Platz im Parlament erhalten sollte. Kann ich auch nicht wählen.

Dann komme ich zu den Piraten. Laut Wikipedia sieht diese Partei sich als als Partei der Informationsgesellschaft und als Teil einer internationalen Bewegung zur Mitgestaltung des von ihr mit dem Terminus der „digitalen Revolution“ umschriebenen Wandels zur Informationsgesellschaft. Das hat mir gefallen, ich habe die Piraten auch schon mal gewählt. Ich empfand sie als Werte-Partei, die glücklicher Weise keine Programmatik hatte, sondern vor allem ihr Know-How zur Digitalisierung als Schwerpunkt einbringen will. Ich kannte auch ein paar Piraten-Mitglieder, die Freiberufler und Klein-Unternehmer waren. Da waren gute Typen dabei.
Dann haben die Piraten aber gemeint, ein Programm schreiben zu müssen und das agile Prinzip des freien Handelns nach bestem Erkenntnisstand aufzugeben. Für mich haben sie so ihre „agile Seele“ gegen erhofften Erfolg eingetauscht. Seitdem ging es (logischerweise) mit den Piraten abwärts – und für mich waren sie nicht mehr wählbar. Eigentlich schade.

Jetzt habe ich schon 10 (in Worten zehn) Parteien analysiert und kann keine davon wählen! Droht mir der Nichtwähler? Lasse ich meinen Wahl-Euro verfallen?
Noch ist es nicht so weit, denn es gibt ja noch ein paar Parteien mehr.

So finde ich Die Linke. Laut Wikipedia entstand die Linke (auch Linkspartei genannt)  durch Verschmelzung der SPD-Abspaltung WASG und der Linkspartei.PDS. Letztere ging im Juni 2005 durch Umbenennung aus der SED-Nachfolgepartei PDS hervor.
So leidet die Linke an einem Stigma, das sie bis heute nicht salonfähig macht. Es sollen auch noch überwiegend SED- und Stasi-Leute an Bord haben, was mir aber auch schon aus demographischen Gründen aber eher unwahrscheinlich erscheint. Wenn ich der Wahlomat-Typ wäre würde ich wahrscheinlich „die Linke“ wählen, denn lese ich das Programm der Linken, dann finde ich da schon viele Punkte, denen ich absolut zustimme.
Andererseits habe ich ein kleines und mühsam erworbenes Vermögen – und es gibt so eine historische Angst in mir, dass die Kommunisten an meine Milliönchen wollen. Wie sagt man? „Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.“
Zu den Kälbern: Da gibt es übrigens einen Song, der allerdings gegen die AfD gerichtet ist – und nicht gegen die Linke. Ich möchte aber kein dummes Kalb sein. Andererseits – vielleicht doch ich doch die Linke wählen? Im Sinne von heutiger „demokratischer Redlichkeit“ – will heißen: Wähle die Partei, deren Programm dir am besten gefällt! So kann ich es nicht ausschließen, meine Stimme den Linken zu geben. Zwar ohne Begeisterung. Aber die ist mir schon lange abhanden gekommen.

Aber so weit bin ich noch nicht. Ich suche weiter. Auf dem Radweg nach Unterhaching entdecke ich ein Werbeplakat für „Die Grauen„. Ich denke an meine bescheidene Rente. Wenn ich nur die hätte, dann ging es mir ganz schön dreckig. Obwohl ich Jahrzehnte den Höchstbetrag eingezahlt habe.
Jedoch: Die Grauen haben den Slogan „Für alle Generationen“. Enttäuschung, die sind also gar nicht für uns Rentner. Das finde ich trotzdem schon mal gut, den ich habe Kinder und Enkel. Und denen soll es ja auch gut gehen.
Laut Wikipedia sehen sich „Die Grauen“ in der Tradition der in den 1970er von Trude Unruh gegründeten Bewegung Graue Panther. Im Gegensatz zu dieser sieht sich die Partei nicht als Seniorenpartei, sondern verfolgt einen Generationen übergreifenden politischen Ansatz, der auch im Namenszusatz zum Ausdruck kommen soll. In der Präambel ihres Partei-Programmes formuliert die Partei ihre Philosophie: „In einer sich immer schneller bewegenden, globalisierten Welt wollen die Grauen die Tatkraft der Jugend mit der Erfahrung der Älteren verbinden, um gemeinsam eine lebenswerte Gesellschaft zu formen.“ Das mag gut klingen. Mir sind das aber zu viele Buzzwords. Buzzwords mag ich nicht. So vergesse ich „Die Grauen“ auch gleich wieder.

Langsam verzweifle ich. Ein Dutzend Parteien habe ich gefunden – und nur eine davon erscheint mir eingeschränkt wählbar. Aber – wie sagt man: Man darf nicht aufgeben. Wenn man stürzt, dann muss man wieder aufstehen. Mund abwischen und weitermachen.

So radel ich weiter. Und siehe da, es strahlt mich ein Plakat mit einer besonderen Botschaft an:

Sei kein Horst!

Das verstehe ich sofort. So möchte ich auch nicht sein. Was der Herr Gesundheitsminister vormals allein in Berlin verbrochen und gezeugt hat, ist schon schlimm genug. Und jetzt ist er der König von Bayern.
Nur: Das Plakat ist von „Der Partei“. Laut Wikipedia ist DIE PARTEI „die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Apronym: Die PARTEI). Das ist eine 2004 von Redakteuren des Satiremagazins Titanic gegründete deutsche Kleinpartei mit parodistischem Charakter.“
Weiter können wir dort lesen: Die PARTEI erfüllt die juristischen Anforderungen des Parteiengesetzes, ihre Ernsthaftigkeit wird jedoch gelegentlich in Frage gestellt. Sie ahmt unter anderem Merkmale und Wahlkampfmethoden anderer Parteien nach und nimmt vereinzelt auch an deren Veranstaltungen teil.

Jetzt bin ich ja mehr der Leser vom POSTILLON, aber man sollte ja nie so engstirnig sein. „Die Partei“ wird auch als Satire-Partei bezeichnet. Bei Satire denke ich ans Kabarett. Und mir fallen sofort Menschen wie Bruno Jonas, Claus Wagner, Dieter Hildebrandt, Gerhard Polt, Jörg Hube, Josef Hader, Georg Schramm, Maximilian „Max“ Uthoff, Sigi Zimmerschied, Urban Priol (Pelzig) und Werner Schneyder ein. Nicht zu vergessen den von mir geliebten Hanns Dieter Hüsch. Alles Menschen, die ich häufig erlebt und zum Teil auch persönlich gekannt habe. Die mich alle überzeugt haben. Mit ihrer Empfindlichkeit, ihrem Scharfsinn und ihrer präzisen Logik. Ich bewundere, dass sie trotz allem ihren Humor bewahren konnten. Mit denen ich sehr schnell im redlichen Diskurs zusammen gekommen bin.
Auch die meisten der Kabarettisten, die ich nur vom Fernsehen oder einem Besuch ihrer Veranstaltungen kenne, haben mir gefallen. Insofern macht es vielleicht doch Sinn, eine „Satire-Partei“ zu wählen. Besonders wenn sich diese Partei als Partei für frustrierte Nicht-Wähler anbietet, die auch die Nichtwähler an die Wahl-Urne holen will?
Leider liegt aber auch über dieser Partei ein Schatten. So habe ich vor kurzem in Facebook einen sehr konstruktiven Diskurs verfolgt, der sich damit beschäftigt hat, ob man in Zeiten, in denen es gesellschaftlich abwärts geht und sich große Probleme am Horizont der Zukunft zeigen, also ob man es da verantworten kann, eine Satire-Partei zu wählen? Weil die Zeiten eben alles andere als lustig wären?
Ein ernst zu nehmendes Argument, wie ich finde. Aber vielleicht sollte man die Probleme mit ernstem Humor lösen? So habe ich neben „Der Linken“ endlich eine zweite Partei gefunden, der ich mein Kreuz und einen Euro schenken könnte.

Ich will aber mehr. So komme ich nicht weiter. Also drehe ich mein Denken um und frage mich, welche letzte relevante gesellschaftliche und von mir als positiv wahrgenommene Veränderung in Bayern von einer Partei eingeleitet wurde?

Die Antwort ist einfach – es war der Nichtraucherschutz. Der wurde in Bayern sogar auf der Wiesn eingeführt, was ja lange als absolut undenkbar schien. So kann ich mich dieses Jahr aufs gleichzeitig zur Wahl stattfindende Oktoberfest schon wieder so richtig freuen und werde am Abend des Wahltages dort mit Freunden in rauchfreier Luft zechen. Der Nichtraucherschutz wurde durch einen Volksentscheid „Nichtraucherschutz“ in Bayern am 4. Juli 2010 aufgrund des zuvor erfolgreichen Volksbegehrens „Für echten Nichtraucherschutz!“ abgehalten. Ziel des Volksbegehrens war die Änderung des bayerischen Gesetzes zum Schutz der Gesundheit (Gesundheitsschutzgesetz, GSG), durch welches schließlich ein Rauchverbot in der Gastronomie ohne Ausnahmen eingeführt wurde. Gegen das die C-Partei war, weil es die ganze bayerische Gastronomie ruinieren würde.
Initiiert wurde es von Sebastian Frankenberger und der ÖDP.
Oh, die ÖDP hatten wir in unserer Parteibesprechung ja noch gar nicht. Die haben ein Programm, das mir eigentlich auch sehr entspricht. Allerdings habe ich ein wenig den klammheimlichen Verdacht, dass in dieser Partei doch viel protestantische Genügsamkeit und katholisches Gefrömmel drin sein könnte. Wenn jedoch die Ziele stimmen und ich nicht katholisch gemacht werden soll …

So habe ich jetzt drei Parteien gefunden, die für mich für wählbar halte: Die Linke, die Partei und die ÖDP. In den nächsten drei Wochen werde ich mich da noch ein wenig informieren und Gedanken machen – und mich entscheiden. Weiß ich ja, dass Entscheidung immer unter Unsicherheit erfolgt.

Und jetzt hat es sich fürs erste mal wieder „aus-geouted“.

RMD

P.S.
Heute beim Heimradeln habe ich am S-Bahnhof in Ottobrunn ein Plakat der DKP gesehen. Da stand drauf „Löhne rauf, Rüstung runter“. Klingt ja auch zuerst mal vernünftig und naheliegend. Aber DKP wählen? Wäre auch irgendwie „strange“?