Ulf D. Posé
Samstag, der 3. Januar 2015

Post von Ulf Posé zum MINDESTLOHN!

Hallo und Guten Tag,

Ihnen wünsche ich ein frohes neues Jahr. Und sende Ihnen eine Betrachtung zum Mindestlohns. Der gilt ja ab gestern. Erschienen ist der Artikel bei Politik-Poker. Stöbern Sie einmal dort. Es lohnt sich.

ULF D. POSÉ | 02.01.2015

Endlich ist er da, der Mindestlohn!

Der eine oder andere Silvesterböller wurde sicher auch in die Luft geschossen, um die Einführung des Mindestlohns zu feiern. Endlich können sich Millionen von Menschen mit dem nötigsten des Lebens ordentlich ohne staatliche Zuschüsse versorgen.

Endlich hört die Ausbeutung auf. Aber stimmt das auch? Sind Mindestlöhne tatsächlich sinnvoll und gerecht?

Über eine Lohnuntergrenze nachzudenken, ist richtig und sinnvoll. Das Nachdenken sollte allerdings zu einem verantwortungsvollen Urteil führen. Zwei Fragen gilt es zu beantworten:

1. Was ist das Ziel einer Lohnuntergrenze, und wird dieses auch erreicht, und
2. ist eine Lohnuntergrenze finanzierbar?

Eine Lohnuntergrenze hat das Ziel, mit dem Einkommen sein Leben unabhängig von staatlichen Unterstützungen finanzieren zu können. Das ist mit der staatlich verordneten Lohnuntergrenze von € 8,50 nicht möglich. Nicht für Singles, erst recht nicht für Familien mit nur einem Verdiener.

Schon im Jahre 2004 lag die Niedriglohnschwelle bei 1.704 Euro brutto im Monat. Das entsprach einem Stundenlohn von 9,78 Euro pro Stunde. Schon damals gab es 44.000 Lohnempfänger, die einen höheren Monatslohn bekamen und gleichzeitig auf staatliche Unterstützung angewiesen waren. Das neutrale Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) formulierte daher schon 2005 recht konsequent: „Je nach Haushaltskontext (kann) selbst bei Lohnsätzen über 7,50 Euro Bedürftigkeit bestehen.“

Das Ziel, mit einer Lohnuntergrenze die Möglichkeit zu schaffen, sein Leben ohne staatliche Unterstützung zu finanzieren wird also nicht erreicht, auch nicht bei der Lohnuntergrenze von € 8,50. Und es betrifft auch weitaus weniger Menschen, als immer wieder behauptet wurde und behauptet wird.

Es war in der Vergangenheit, vornehmlich durch die Gewerkschaften behauptet, von rund zwei Millionen Menschen die Rede, die trotz Arbeit auf Hartz IV angewiesen seien. Das wäre fast jeder 20. Erwerbstätige.

Nach einer Studie des neutralen Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Jahr 2005 bekamen tatsächlich so viele Erwerbstätige zusätzliche Leistungen vom Staat. Allerdings waren massenhaft 400-Euro-Jobs dabei. Echte Vollzeit arbeiteten damals nur 495.000 Hartz-IV-Empfänger.

Im April 2006 waren es rund 473.000 und 2007 waren es 526.000. Es bleibt eine gewaltige Zahl. Allerdings befanden sich 2005 unter den 495.000 Vollzeit-Arbeitnehmern, die ihr Einkommen mit Hartz IV aufstockten, nur 14.000 Singles, die von einem Fulltimejob nicht leben konnten. Das sind nur 0,035 Prozent, und nicht satte 5 Prozent, also 2,1 Millionen, wie manche Gewerkschaftler behauptet hatten. So macht man Stimmung.

Es ist also der Familienstand entscheidend, wenn es um staatliche Hilfe geht. Hat jemand einen Partner, der kein Geld verdient, und darüber hinaus noch zwei Kinder kann allein seine Familie auch mit einem Mindestlohn von 8,50 Euro nicht ernähren. Dies in der öffentlichen Debatte zu verschweigen ist vielleicht Volksverdummung, unredlich ist es allemal.

Die Politik hat nun den flächendeckenden Mindestlohn ab dem 1.1.2015 gesetzlich eingeführt. Schau ich mir jedoch die Vergabepolitik der öffentlichen Hand an, dann erhält der Billigste den Auftrag. Schon das passt nicht zusammen. Ganz schön verlogen!!! Eine gesetzlich vorgeschriebene Lohnuntergrenze unterstützt darüber hinaus dummerweise die marxistische Idee, dass Leistung unabhängig vom Nutzen entlohnt werden soll. Das mag menschlich verständlich sein, verstellt jedoch gleichzeitig den Blick für die wahre Ursache der Entlohnung.

Damit muss die Frage beantwortet werden, ob eine Lohnuntergrenze finanzierbar ist. Mindestlöhne, die Unternehmen nicht zahlen können, da die Auftragslage nicht die notwendige Rendite ausweist, leistet letztlich Schwarzarbeit oder Scheinselbständigkeit Vorschub.

Wird Arbeit nicht nachgefragt, weil sie dem Unternehmer zu teuer ist, verschwindet sie vom Arbeitsmarkt und der Unternehmer mit ihr. Das ist zwar bitter, gehorcht jedoch einer äußerst einfachen, marktwirtschaftlichen Logik. Lohn entsteht durch Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt sowie durch den Wertschöpfungsbeitrag, den die Arbeit erzielt.

Liegt der Lohn über dem Wertschöpfungsanteil, kann der Lohn nicht mehr finanziert werden, die Nachfrage stirbt. Wird nun ein Unternehmer gezwungen, Löhne zu zahlen, die er mit seinen Aufträgen nicht erwirtschaften kann, wird er sein Unternehmen schließen müssen oder der Staat subventioniert ihn. Das haben wir reihenweise erlebt, als in den Einígungsverträgen zwischen Ost und West nach der Wende Tarifangleichungen zwingend vorgeschrieben wurden. Am Ende gab es Tarifgebiete mit nahezu 40 Prozent Arbeitslosigkeit.

Nehmen Sie aktuell nur ein Beispiel aus der Zeitarbeit. Fürs Regale-Einräumen erhält ein Zeitarbeitnehmer, der an einen Fahrzeugbauer in der Metall+Elektro-Industrie überlassen ist, den hohen Metall+Elektro-Industrie-Lohn. Wenn er nun eine Woche später dieselbe Tätigkeit ausführt, aber eben keine Stoßdämpfer in der
Metall+Elektro-Industrie in die Regale räumt, sondern Wasserkisten im Einzelhandel, bekommt er – für dieselbe Tätigkeit – weniger Geld.

Löhne sind alles Mögliche, nur nie gerecht.

Sofort wird angemahnt, das sei nicht gerecht. Leider ist Gerechtigkeit nach Ulpian der feste Wille, einem jeden Menschen sein Recht zukommen zu lassen. Das Dumme ist, Löhne sind niemals gerecht, sie werden es auch nie sein. Die Bemessungsgröße für Löhne ist die Angemessenheit, leider nicht die Gerechtigkeit.

Die Angemessenheit richtet sich nach Angebot und Nachfrage und nach Wertschöpfungsbeiträgen. So kann der Wertschöpfungsbeitrag für das Einräumen von Wasserkisten nun einmal deutlich geringer sein, als das Einräumen von Stoßdämpfern.

Neben der Gerechtigkeit ist auch die Leistung nicht die Grundlage der Entlohnung. Wäre sie es, dann sind das Einräumen von Stoßdämpfern und das Einräumen von Wasserkisten leistungsmäßig eher identisch.

Das Leistungsprinzip ist Marxismus pur.

Der Leistungslohn und mit ihm das Leistungsprinzip ist keine Erfindung des Kapitalismus, sondern eine Erfindung von Karl Marx, der damit gegen das Marktwert-Nutzwert-Prinzip des Kapitalismus polemisierte. Das haben wir leider inzwischen vergessen.

Das Leistungsprinzip ignoriert, dass der Nutzen einer Arbeit die entscheidende Größe bei der Entlohnung ist. Wäre Leistung die entscheidende Größe, dann müsste ein Vorstandsvorsitzender bei 100-prozentiger Erfüllung seines Leistungssolls weniger bekommen als ein Facharbeiter, der sein Leistungssoll um 130 Prozent erfüllt.

Ich denke, in diesem ideologischen Streit um die Lohngerechtigkeit halten sich viele Menschen an Bernhard Shaw, der einmal meinte: „Manche Menschen sind nur bereit für Dinge zu sterben, die ihnen zureichend unklar sind.“

Mindestlöhne – und was ist mit den Selbständigen?

Ein Gesetz, das eine Lohnuntergrenze festlegt, müsste also konsequenterweise an ein Produktabnahmegesetz gekoppelt werden, das die Verkaufspreise festlegt. Die Einführung einer Lohnuntergrenze müsste Kunden gesetzlich zwingen, einen angemessenen Preis zu zahlen. Solch eine radikale marxistische Maßnahme würde kein Wirtschaftsökonom befürworten, gleichzeitig wird jedoch klar, wie widersinnig die Diskussion ist.

Bei der Lohnuntergrenze blenden wir einen großen Teil der arbeitenden Bevölkerung völlig aus: den Unternehmer oder den Selbständigen. Wir haben in der Bundesrepublik rund 100.000 Selbständige, die mit ihrem Einkommen unter der Pfändungsgrenze liegen. Diese Selbständigen sind sehr fleißig.

Sie arbeiten durchschnittlich 59 Stunden pro Woche, und Sie machen unterdurchschnittlich wenig Urlaub, rund 15 Urlaubstage pro Jahr. Es gibt etwa 600 000 Selbstständige, die weniger als 7,00 Euro pro Stunde verdienen. Dann gibt es auch noch 213.000 Freiberufler, die für weniger als fünf Euro pro Stunde schuften. Diese ‚reichen‘ Unternehmer sollen also in Zukunft die Lohnuntergrenze von 8,50 Euro einhalten? Na ja, gegen Selbstausbeutung scheint die Politik nichts zu haben!

Wir blenden in der Debatte um die Lohnuntergrenze die politische Fürsorge für Freiberufler völlig aus. Wieso wollen wir Arbeitgebern oder Selbstständigen etwas verwehren, das für den Lohnempfänger als gerecht empfunden wird?

Ich vermute, unsere Politiker geben nicht gern zu, dass sie Selbständige als Bürger 2. Klasse ansehen, die keiner Unterstützung bedürfen. Vielleicht ist es auch ein Stück weit unfair, unsere Politiker ständig unter Druck zu setzen, den jeweilig lobbyistischen Willen bitte opportun erfüllen zu sollen.

Und doch ist sicher aus ethischer Sicht zu überlegen, ob eine Vollzeitarbeit, die es dem Empfänger unmöglich macht, seine Lebensbedürfnisse auf der Höhe des Sozialhilfesatzes zu befriedigen, nicht doch menschenunwürdig ist, wie schon das Sozialgericht in Berlin entschieden hat.

Vernichtet der Mindestlohn Arbeitsplätze?

Und noch Eines ist zu bedenken. Auch wenn das Ziel, mit einem Mindestlohn eine Familie ernähren zu können, nicht zu erreichen ist; der Hinweis, dass Mindestlöhne ausschließlich Arbeitsplätze vernichten, nicht so ohne weiteres haltbar. Die Erfahrungen mit Mindestlöhnen sind in Europa je nach Höhe des Mindestlohns durchweg geteilt. Achtzehn von 25 EU- Mitgliedstaaten haben längst Mindestlöhne gesetzlich eingeführt, darunter Frankreich, England, die Niederlande, Portugal, Spanien, Irland.

Selbst in den Vereinigten Staaten gibt es im Stundensatz einen Mindestlohn. Wir waren also inzwischen ziemlich allein. Bisher hat die befürchtete Zunahme der Arbeitslosigkeit durch Einführung von Mindestlöhnen in Staaten mit Mindestlöhnen nicht stattgefunden. Die Empirie beweist das. So zumindest argumentieren Politik und Gewerkschaften. Leider ist jedoch der Hinweis auf Mindestlöhne in anderen Ländern als gutes Beispiel ebenfalls von einigen Informationsmängeln begleitet.

Die Mindestlöhne in den Vereinigten Staaten zum Beispiel werden nicht zur Armutsbekämpfung eingesetzt. Der Lohn wird über eine negative Einkommenssteuer aufgestockt. Der Mindestlohn in den USA betrug bis Ende 2014 7,25 US$. Ab dem 1.1.2015 beträgt der Mindestlohn 10,10 US$ (umgerechnet 7,48 €). Aber reicht das ohne staatliche Zuschüsse? Familien mit zwei oder mehr Kindern bekamen 2012 in den Vereinigten Staaten maximal 4716 US$ (3218 €) vom Staat zum Lohn dazu. Die Engländer bezuschussen ihre schlecht verdienenden Bürger pro mit bis zu 1730 Pfund pro Person (2342 Euro).

Diese zusätzlichen Unterstützungen entsprechen durchaus unserem Hartz IV – Gedanken. Auch das Mindestlohn-System anderer Länder führt nicht automatisch
dazu, dass eine Familie in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien von einem Gehalt leben kann.

Gleichzeitig ist die Höhe des Mindestlohns entscheidend. Die OECD hat schon vor Jahren ermittelt, dass Mindestlöhne die Armutsgrenze nur marginal verringern können. Die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen nahm durch Mindestlöhne eher zu. Die OECD untersuchte in neun Ländern die Auswirkungen von Mindestlöhnen und kam in 24 Fällen zu dem Schluss, der Mindestlohn wirke sich auf die Beschäftigung negativ aus. In 15 Fällen gab es entweder überhaupt keine Effekte und manchmal auch positive Effekte.

Dann hat sich der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) mit den Mindestlöhnen befasst. Das ist wirklich interessant. Sind weniger als 2 Prozent der Arbeitnehmer vom Mindestlohn betroffen (wie in USA und Großbritannien), dann wurden: „in der Regel keine oder allenfalls geringfügig negative, sondern bisweilen sogar positive Beschäftigungseffekte eines Mindestlohns“ ermittelt. Aber jetzt kommt´s. In Frankreich sieht das völlig anders aus. Da ist der Mindestlohn so hoch (€ 9,53), dass 15,6 Prozent der Arbeitnehmer davon betroffen sind. Die Folge: hohe Zunahme der Arbeitslosigkeit bei Frauen und Jugendlichen.

Für den SVR ist Frankreich mit der Bundesrepublik gut vergleichbar. Wir dürfen also fürchten, denn der SVR meinte auch, der Verlust von Arbeitsplätzen sei durch die Anhebung des Mindestlohns in Frankreich beachtlich gewesen. Das wird durch eine Studie von Laroque und Salanié unterstützt. Bei deutlicher Erhöhung des Mindestlohns kommt es zu Beschäftigungsverlusten; bei sehr moderaten Anhebungen des Mindestlohns eher nicht.

Wobei der Mindestlohn auch ein Wettbewerbsabwehrinstrument sein kann. Denken Sie nur an die Post AG. Die ist mit Ihren Mindestlöhnen Ihren wichtigsten Wettbewerber in der Briefzustellung losgeworden. Hier war die Post AG aus guten Gründen für einen Mindestlohn. In den Niederlanden ist die Post AG eher ein kleiner Anbieter und hat sich dort vehement gegen Mindestlöhne gewehrt.

Allerdings kommt in der Bundesrepublik noch ein weiterer Pferdefuß dazu: unsere Regelungswut. Bisher kann noch kein Mensch realistisch absehen, wie sehr die Bürokratie der Dokumentationspflicht Unternehmen belasten wird.

Und trotz alledem: wir sollten es bei aller Überlegungen bis hierher, den Unternehmern nicht zu einfach machen. Ein Unternehmen, das nicht in der Lage ist, Löhne oberhalb des Sozialhilfesatzes zu bezahlen, hat nicht nur schlechte Marktbedingungen, es macht vielleicht auch Managementfehler.

Der Markt und der Wettbewerb entscheiden über den zu verteilenden Gewinn eines Unternehmens. Ein Unternehmen, das nicht in der Lage ist, seine Mitarbeiter angemessen zu entlohnen, bewegt sich entweder im falschen Marktsegment, oder bietet die falschen Produkte an oder produziert am falschen Ort oder hat falsche Entscheidungen gefällt. Schlecker war hier sicher ein gutes Beispiel. Die dadurch
entstehenden Krisen dürfen Mitarbeiter nicht zu Gunsten des Managements in den finanziellen Ruin führen.

udp

Ulf D. Posé
Freitag, der 8. November 2013

Der Sprachschnabel

Wie der Sprachschnabel halt so gewachsen ist.

Wir leben in einer Zeit des unverantworteten Geschwätzes. Die Folge ist, wir prostituieren uns völlig hemmungslos mit den Abfallprodukten unserer Großhirnrinde. Besonders fällt das bei der Prominenz auf. Und wir hören ihnen gern zu, denn die sprachliche Unterdurchschnittlichkeit der Prominenten gibt uns das Gefühl, besser zu sein, ohne beweisen zu müssen, dass das stimmt.

Wir leben in einer bemerkenswerten Zeit. Wir unterscheiden nicht mehr zwischen Sprachzeichen und Denkzeichen. So füllen wir unsere Worthülsen nicht mehr mit Denkzeichen, sondern mit Gefühlen. Dafür müssen wir uns dann nicht mehr anstrengen, Gefühlsduselei statt Qualität. Wir unterziehen uns nicht mehr der Mühsal des Begriffs, wie Adorno es uns gesagt hat. Wir geben uns gebildet, sind jedoch nicht mehr klug, nicht mehr intelligent. Intelligent ist ein Mensch, wenn er sich konzentrieren kann, Regelmäßigkeiten erkennt und Prioritäten zu setzen weiß. So gibt es durchaus sehr gebildete Menschen, die jedoch im Sinne der Intelligenz saudumm sind.

So nimmt die intellektuelle Redlichkeit derzeit ein ziemlich ausgiebiges Bad, eine gehörige Auszeit. Das dürfen wir nicht mehr zulassen. Dafür haben wir Verantwortung. Also lassen Sie uns gemeinsam nach Antworten suchen, Antworten finden.

Es gilt zu bedenken:

  • Sprache kann heilen.
  • Sprache kann aber auch Beziehungen stören und zerstören.
  • Sprache kann töten.

Das gilt es zu erkennen. Und vom Baum der Erkenntnis sollte man nie satt werden wollen! Allerdings habe ich manchmal das Gefühl,  der Baum der Erkenntnis scheint verdorrt zu sein.

Sprache kann sehr mächtig sein. Es reichen schon fünf Wörter, um die Welt in Bewegung zu setzen:

  • En arche en ho logos (Am Anfang war das Wort).
  • Ceterum censeo carthaginem esse delendam
  • Und sie bewegt sich doch
  • Proletarier aller Länder vereinigt euch
  • Wollt ihr den totalen Krieg
  • Niemand will eine Mauer errichten
  • Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort

Sprache kann töten, kann Würde vernichten, vor allem, wenn wir Menschen und nicht nur deren Taten be- und verurteilen. Und wenn wir Menschen funktionalisieren, wenn sie nicht mehr Ziel unseres Handeln sind, sondern nur noch Mittel zum Zweck. Allerdings ist Würde für Manche nur ein Verb im Konjunktiv.

Ethisches Missverständnis

Viele Menschen, vornehmlich professionelle Redner, auch key-note-speaker genannt,  leben nach dem Motto: Was nützt die weiseste Weisheit, wenn man sie nicht weise darstellen kann? Man muss es nur richtig sagen!

Das könnte ein ethisches Missverständnis sein.

Also schauen wir uns gemeinsam der Kern der Sprache an, denn wer den Kern einer Sache verstehen will, sollte aufhören nur an der Peripherie zu wildern.

Es ist schon erstaunlich, wie ungenau unsere Sprache geworden ist. Wir verwenden dieselben Wörter, jedoch kaum noch dieselben Begriffe, die diesen Wörtern zu Grunde liegen.  Wir sind in hohem Maße sprachinkompetent geworden.  Das ist eigentlich leicht zu erklären. Wir leben in einer Sprachwelt. Allerdings nicht von Geburt an. Zunächst wachsen wir in der Welt der Begriffe auf, in einer Welt, in der uns als Kleinkind noch die passenden Wörter für zahlreiche Begriffe fehlen. Als Kleinkind hören wir viele Wörter, wir wissen jedoch noch nicht, was sie bedeuten.

Wenn Menschen auf die Welt kommen, dann können sie noch nicht sprechen. Aber ab diesem Moment des In-die-Welt-Kommens sind sie von Begriffen umgeben. Sie wissen ganz genau, was ein Schnuller ist, wissen nur nicht, wie das Ding heißt. Kleine Kinder verfügen sehr schnell über Begriffe; sie wissen, was das Wesen eines Gegenstandes ausmacht. Sie kennen sich aus ohne Worte. Erst langsam entwickelt sich dann die Sprache, mit der sie Begriffe bezeichnen können. Jetzt können sie sagen, was sie längst wissen. Und dann wundern sich Eltern, wenn die Sprache der Kinder explodiert, in der Regel ab dem zweiten Lebensjahr. Dabei ist es keine Hexerei: Die Begriffe haben die Kinder längst erfasst und gelernt. Es haben nur die passenden Wörter gefehlt.

Kinder wachsen zunächst mit Denkzeichen auf, die Sprachzeichen lernen sie erst ab Mitte des 2. Lebensjahres. Warum ich das betone? Der Grund ist einfach: Im Laufe des Lebens lernen wir so viele Wörter aus der Welt der Sprachzeichen, dass es vielen Menschen gleichgültig ist, auch die dazu notwendigen Begriffe aus der Welt der Denkzeichen zu beherrschen. So geben wir uns mit Wörtern zufrieden, deren Inhalt und Begriff uns oft nicht mehr klar sind, nicht mehr mit den Inhalten der Denkzeichen abgeglichen  wird.

Da wir die Begriffe verloren haben, obwohl wir die Wörter noch beherrschen, suchen Menschen nach einem Ersatz für den Begriff, einem Ersatz für die passenden Denkzeichen. Menschen sind kreativ, sie werden schnell fündig. Statt der Denkzeichen wählen Menschen dann ihre Gefühle als vollwertigen Ersatz.

Wörter werden immer zunehmender mit Emotionen aufgeladen. Und so schwimmen Menschen auf einem See von Gefühlen, wenn sie Wörter in den Mund nehmen. Was das Wort eigentlich bedeutet, wird ihnen immer gleichgültiger.

Die Folge daraus ist fast tragisch oder bestenfalls komisch. Wir wissen nicht mehr um die Bedeutung von Wörtern, nutzen sie jedoch, um daraus unser Handeln abzuleiten. Warum machen wir das? Weil es bequem ist. Über die Gefühle zu sprechen, ist weitaus bequemer, als sich der Mühsal eines Begriffs zu widmen, herausfinden zu wollen, was ein Wort eigentlich bedeutet, eigentlich meint. Diese intellektuelle Redlichkeit strengt an.

Wir müssten also wieder werden wie Kleinkinder und lernen, Wörter mit ihrem sachlich richtigen Inhalt, mit ihrem Begriff zu füllen.

Leider sind immer weniger Menschen an Begriffen interessiert, geschweige denn an intellektuellen Fähigkeiten. Sie verlassen sich auf ihre Gefühle nach dem Motto: „Was stört mich Wissen, wenn ich doch schon eine Meinung habe.“ So gehen sie dann mit Meinungen ohne Substanz hausieren und leisten Überzeugungsarbeit. Damit stecken sie andere Menschen mit Meinungen an, die kaum einer kritischen Prüfung standhalten: So werden inhaltsleere Worte zu Überzeugungen, und wenn dann viele Menschen diese Überzeugungen teilen, schließen wir daraus, diese seien richtig. Wir prüfen sie nicht mehr – damit aber bleibt auch die Stichhaltigkeit eines Arguments auf der Strecke.

Wer sich einmal mit Philosophie beschäftigt, wird schnell erfahren, dass diese Wissenschaft nur zwei Fragen beantwortet haben will.

  • Erstens: Warum ist das so?
  • Zweitens: Woher weißt du das?

Redliche Menschen wissen, wer diese beiden Fragen beantworten kann, der bemüht sich um Kompetenz im Wissen.
Es geht also um Sprachkompetenz. Das ist die Basis für Entscheidungskompetenz. Sie bedeutet:

  • Bevor Du Dir eine Meinung bildest, kümmere Dich um Fakten
  • Frage Dich, ob Du ein Wort auch definieren kannst.
  • Frage Dich, ob Du nur etwas fühlst oder etwas von der Sache selbst weißt.
  • Sage nur etwas zu Dingen, von denen Du die Begriffe kennst und verstehst.
  • Frage nach, wenn Du etwas nicht weißt oder nicht verstehst.
  • Freue Dich, wenn jemand von Dir wissen will, wie du etwas meinst oder was du darunter verstehst.

Labern und Dummes Zeug reden

Warum hören wir nicht auf zu sprechen, wenn alles gesagt ist? Manche Menschen leiden unter Logorrhoe (Sprechdurchfall). Der Milliliter Einsicht wird in eine Tonne Wortschwall geschüttet.

Es ist schon erstaunlich und befremdlich, dass heute wichtige zentrale Begriffe unserer Gesellschaft ausschließlich benutzt werden, um Emotionen zu transportieren. Das bedeutet das Verenden des Denkens in der Floskel.

Das Denken stirbt inzwischen in Sprache.

Das bedeutet, man denkt nicht mehr nach, sondern spricht einfach nur.
Es ist für jede Art von Kommunikation in der Partnerschaft, in Unternehmen, in Politik wichtig, zu wissen, dass wir heute in einer Welt voller Floskeln leben, mit denen Emotionen hin- und hertransportiert werden ohne dass Semantik (Bedeutung), verantworteter Denkzeichen dahinter stehen.

Die Kultur des Denkens ist die Voraussetzung für jede andere Form von Kultur

Schon Aristoteles empfahl, Menschen in zwei Kategorien zu unterteilen: in Redliche und Unredliche. Redlich war für ihn derjenige, der noch wusste, worüber er sprach. Das bedeutete, der redliche Mensch sprach von den Dingen selbst, nicht nur von den Gefühlen, die er hatte, wenn er an eine Sache dachte. Der redliche Mensch gibt erst einmal das Wesen einer Sache bekannt, bevor er in Gefühlen schwelgt. Der redliche Mensch unterscheidet Wissen von Meinen.

Der redliche Mensch kann sagen, was die Merkmale einer Sache sind, was deren semantischer Inhalt ist. Den alten Griechen war es wichtig, erst einmal zu klären, worüber gesprochen wird, bevor eine Entscheidung gefällt werden kann. Das Mittel dazu war die Definition, die hilft, den Gebrauch einer Sache so zu beschreiben, dass derjenige, der die Beschreibung versteht, die damit gemeinte Sache angeben kann.

Adorno hat noch von der Mühsal eines Begriffs gesprochen. Er hatte sicher erkannt, dass wir uns dieser Mühsal unterziehen müssen, wenn wir verantwortungsvoll mit gesellschaftlich wichtigen Begriffen umgehen wollen. In einer Spaßgesellschaft scheinen nicht wenige Menschen diese Mühsal für lästig zu halten. Dabei ist sie notwendige Voraussetzung, damit wir in Wirtschaft, Politik, Kultur, in unserer Gesellschaft zu Entscheidungen gelangen, die auch tatsächlich in der Lage sind, ein Problem sach- und fachgerecht zu lösen.

Wieso haben wir diesen Zustand? Spätestens seit 1903 George Edward Moore seinen Emotivismus in der Ethik entwickelte, haben wir uns einer Ethik der Neigungen verschrieben. Es ist seit Moore ethisch gut, wenn Menschen sich bei dem was sie tun, gut fühlen. Nicht Wenigen reicht das, anstatt sich zu fragen, ob dass, was sie tun auch gut ist. Dieser emotionale Brei trägt einen Großteil der Verantwortung für die Unredlichkeit im Sprechen und Handeln.

Der zweite Aspekt ist der Hang zu einer Gesinnungsethik. Wenn meine Gesinnung eine redliche ist, dann fragen sich viele Menschen nicht mehr, ob sie diese Gesinnung auch an eine entsprechende Handlungskompetenz koppeln. So kommt es zu einer unsäglichen Paarung von gutem Gewissen und Inkompetenz. Ich richte Unheil an und fühle mich auch noch gut dabei. Dann haben wir drittens eine das Gewissen beruhigende Betroffenheitskultur entwickelt. Bei Lichterketten mitzumachen erscheint uns sinnvoller, als etwas konkret zu unternehmen. Manche Menschen rührt das Elend in Afrika mehr, als das Elend nebenan. So leiden wir unter Fernstenliebe; die Nächstenliebe ist auf der Strecke geblieben. Das scheinen mir die grundsätzlichen, generellen Merkmale einer neuen Unredlichkeit zu sein.

Auf der Strecke geblieben sind dabei die Bedeutungen unserer gesellschaftlich wichtigen Begriffe. Ob Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Leistungsprinzip, Freiheit, all diese Begriffe lösen Gefühle aus, die keineswegs durch Kenntnis der tatsächlichen Bedeutungen dieser Wörter gedeckt ist. Die wichtigsten Begriffe unserer Gesellschaft werden so nicht mehr auf ihre semantische, sondern nur noch auf ihre emotionale Bedeutung hin untersucht. Daraus folgen semantische Verbrechen und inkompetente Handlungen, und es fällt kaum noch auf. Lassen Sie mich dies an einigen Wortbeispielen unserer Gesellschaft erläutern.

Politiker sprechen von Freiheit und berauben uns ihrer, indem sie dafür sorgen, dass der Staat immer mehr die Verantwortung für unser Wohlergehen tragen soll. Dass unser Staat dabei pleitegeht, stört offensichtlich kaum noch jemanden. Dabei meint Freiheit doch, sein Leben selbstverantwortet und nicht fremdverantwortet führen zu können.

So greifen Politiker fröhlich in unsere Freiheiten ein, und reglementieren uns mit Ideen wie vegetarischer Donnerstag, Abschaffen der ersten Klasse bei der Bahn, striktes Rauchverbot etc. etc.

Politiker und Gewerkschaftler fordern Soziale Gerechtigkeit und verkennen, dass Gerechtigkeit der feste Wille ist, einem jeden Menschen sein Recht zukommen zu lassen. Es fällt nicht mehr auf, dass das Adjektiv ‚sozial“, genau diesen festen Willen konterkariert. So entsteht eher „Sozialgesäusel“ statt Soziale Gerechtigkeit.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Professor A.F. Hayek, bezeichnete Adjektive wie »sozial« als weasel-words. Diese haben die Eigenschaft, einen Begriff auszuhöhlen, und ihm eine neue Bestimmung zu geben, die mit dem Substantiv nichts mehr zu tun hat.

Und ein Letztes zur semantischen Bedeutung der sozialen Gerechtigkeit: Bis heute ist es nicht gelungen, soziale Gerechtigkeit verbindlich und zutreffend zu definieren. Jeder benutzt sie sehr emotional für seine Zwecke, und vergisst, dass die soziale Gerechtigkeit eine Erfindung der alten Griechen war, die damit den Neid bekämpfen wollten. Der Kampf misslang, die Methode wurde damals wieder abgeschafft.

Ähnliches wie bei der sozialen Gerechtigkeit erlebe ich bei Verwendung des Wortes Demokratie. Wir halten Demokratie für die beste aller Regierungsformen und verleugnen, dass diese altgriechische Erfindung ‚Demokratie’ schon vom Wort her eine starke Herrschaft des ‚Demos’, also der Oberschicht war und als Regierungsform nur entwickelt wurde, um von einem Herrschaftssystem zu einem anderen überzuleiten. Die alten Griechen lebten in der Überzeugung, man solle ein Volk nicht länger regieren lassen, als unbedingt notwendig. Gleichzeitig verbinden wir  heute mit der Demokratie den Liberalismus.

Dabei fällt uns nicht mehr auf, dass Demokratie und Liberalismus sich gegenseitig ausschließen.  Liberalismus will immer so viel Freiheit wie nur irgendwie möglich, und nur so viel Zwang wie unbedingt erforderlich, also notwendig. Demokratie und Liberalismus sind eigentlich zwei verschiedene Dinge. Die Verbindung ist uns aber so selbstverständlich, so lieb geworden, dass wir über die Bedeutung der Wörter nicht mehr nachdenken, uns eine Trennung der beiden nicht mehr vorstellen können. Kritisch betrachtet, ist so manches von dem, was wir als undemokratisch bezeichnen, nur illiberal.

Überdies haben wir vergessen, dass sich in einer liberalen Demokratie Freiheit und Gleichheit ausschließen. Das Ganze ist ein Gegensatz. Jede Form von Gleichmacherei beschneidet zugleich auch jede Form von Freiheit. Wir sind nicht gleich. Die Unklarheit über die semantische Bedeutung des Wortes Demokratie führt schlussendlich dazu, dass wir nicht mehr in der Lage zu sein scheinen, kritisch zu überprüfen, ob in unserer Demokratie auch unsere Verfassung eingehalten wird. Unser Grundgesetz sieht nämlich die Regierung von Parteien nicht vor. Im Grundgesetz steht,  ‚Die Parteien sind an der politischen Willensbildung des Volkes beteiligt.’ Von Regieren steht da nichts. So wäre der Fraktionszwang eigentlich verfassungswidrig. Es stört zwar keinen, aber er bleibt verfassungswidrig.

Und dann wundern sich die großen Parteien, wenn das Volk anfängt, sich zu weigern, sie zu wählen. Bevor unsere Politiker über Demokratie sprechen, sollten sie sich wenigstens darüber informieren, was Demokratie ist.

Unsere Wirtschaftskapitäne sind leider nicht besser. Ein Beispiel. Die Wirtschaft kämpft für eine Wirtschaftsordnung, in der das Leistungsprinzip dominieren soll und verkennt, dass das Leistungsprinzip eine idealtypisch sozialistische Entlohnungsmethode ist, die von Karl Marx gefordert und eingeführt wurde, und in der Markt und Nutzen keine Rolle spielen. Das Leistungsprinzip ist eine Entlohnungsmethode, in welcher der Mitarbeiter nach Maßgabe seiner erbrachten Leistungen honoriert wird. Leistung ist entweder das Maß der Erfüllung von Zielvorgaben oder die Menge der Arbeit pro Zeiteinheit. So weit, so klar!  Ist aber Leistung tatsächlich die Grundlage unserer Entlohnung?

Früher war es ganz einfach: Wer arbeiten wollte, bot seine Arbeit auf dem Arbeitsmarkt an. Arbeit bekam im Verhältnis zu anderen Anbietern einen Marktwert. Diese Arbeit wurde nun von Unternehmern auf dem Arbeitsmarkt eingekauft. Sie taten dies, weil sie sich einen Nutzen von dieser Arbeit versprachen. Arbeit hatte einen Nutzwert. Stieg der Nutzen an, bekam der Arbeiter mehr Lohn, denn er konnte am gestiegenen Nutzen beteiligt werden. Sank der Nutzen, dann wollte der Unternehmer diese Arbeit nicht mehr haben, er entließ den Mitarbeiter. Das Entlohnungsprinzip war das Marktwert-Nutzwert-Prinzip. Auch heute noch ist der vom Unternehmer erwartete Nutzen die entscheidende Größe bei der Kalkulation des Lohns! Es ist also der Nutzen, der über den Wert der Arbeit entscheidet, und nicht die Leistung. Somit ist es zwar hochemotional, jedoch semantisch unsinnig, das Leistungsprinzip als kapitalistische Entlohnungsmethode zu fordern.

Die Beispiele zeigen, es ist dringend an der Zeit, semantische Redlichkeit zu fordern. Sprechen wir endlich wieder von den Dingen selbst, und nicht nur von den Gefühlen, die Wörter in uns auslösen. Es lohnt sich. Sonst müssten wir Bernhard Shaw Recht geben, der einmal sagte: Manche Menschen sind nur bereit für Dinge zu sterben, die ihnen zureichend unklar sind.

Ulf D. Posé

Ulf D. Posé
Freitag, der 8. Mai 2009

Neuer Beitrag von Ulf Posé in Dokumente – POLITPOKER

Ulf Posé hat uns geschrieben:

udpHallo und guten Tag,

in Krisen ist es lohnenswert, sich mit Informationen zu versorgen. Dadurch ist es etwas leichter, Hysterie und Angst oder gar Panik begegnen zu können.

Zu aktuellen Krise möchte ich Ihnen gern meinen Artikel über Ethik in Wirtschaft und Politik empfehlen.

Viel Spaß bei der Lektüre.

Ihr Ulf D. Posé

Und hier ist der Artikel – Sie finden seinen neuen Beitrag auf unserer Seite Dokumente und direkt hier Posé - Politpoker (1402) zum runterladen und lesen.

Ein großes Dankeschön wieder mal an Ulf Posé!

RMD

Die Ereignisse der letzten Monate, die in den letzten Wochen Panik, Hysterie und Angst in der Finanzwirtschaft ausgelöst haben, animieren immer mehr Menschen zu der Aussage: „Manager sind gierig, korrupt und völlig abgehoben, ohne Anstand, Moral und Sittlichkeit. Brauchen wir also eine neue Moral in Wirtschaft und Politik? Die Antwort ist einfach: nein, wir benötigen keine neue Moral in Wirtschaft und Politik. Was wir benötigen, ist nur mehr Bereitschaft, sich an Moral und Ethik auch zu halten. Was wir allerdings auch benötigen, ist mehr Kompetenz in Sachen Ethik und Moral.

Denn es sieht nicht gut aus. Schon 2004 hielten laut einer Umfrage des Emnid Instituts für das world Economic Forum 70 Prozent der Deutschen Konzernchefs für unehrlich und stuften das Verhalten als unethisch ein. 80 Prozent der Deutschen halten Konzernchefs für zu mächtig.

Im Vergleich dazu halten nur 22 Prozent der Franzosen deren Wirtschaftsführer für unehrlich. Bei den Engländern sind es 42 Prozent, bei dem Amerikanern 37 Prozent, in Japan 47 Prozent. Wir schießen also den Vogel ab.

Nach einer Untersuchung von Ulich/Lunau/Weber von 1998 besteht zwar in Unternehmen eine stärkere Sensibilisierung für den Sinn und die Notwendigkeit ethisch gerechtfertigten Handelns, eine konsequente Umsetzung in einzelne, Ethik sichernde Maßnahmen steht aber auf breiter Front noch aus. Das betrifft mögliche Instrumente, wie Moralbilanzen, Ethik-Kommissionen oder Moralbeauftragte, Sanktionsrepertoires oder umfassende Ethik-Trainings.

Der sorglose Umgang mit Ethik wird sich wahrscheinlich erst dann nachhaltig ändern, wenn Unternehmen klar wird, dass für 70 % aller europäischen Kunden das soziale Engagement eines Unternehmens die Kaufentscheidung beeinflusst.

Nur fachliche Qualifikation reicht nicht.

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Ulf D. Posé
Freitag, der 28. November 2008

Gegen die semantischen Verbrechen, für eine neue Redlichkeit

Schon Aristoteles empfahl, Menschen in zwei Kategorien zu unterteilen: in Redliche und Unredliche. Redlich war für ihn derjenige, der noch wusste, worüber er sprach. Das bedeutete, der redliche Mensch sprach von den Dingen selbst, nicht nur von den Gefühlen, die er hatte, wenn er an eine Sache dachte. Der redliche Mensch gibt erst einmal das Wesen einer Sache an, bevor er in Gefühlen schwelgt. Der redliche Mensch unterscheidet Wissen von Meinen.

Beobachten wir heute Menschen in Politik, Wirtschaft, Kultur, erleben wir nicht selten, dass sie sich hemmungslos mit den Abfallprodukten ihrer Großhirnrinde prostituieren. Sie äußern sich zu ihren Gefühlen, und behaupten gleichzeitig von der Sache selbst zu reden. Zur Sache selbst sagen sie aber nichts. Nicht wenige Politiker, Wirtschaftsführer, Kulturpäpste scheinen nach dem Motto zu handeln: „Was stört mich Wissen, wenn ich doch schon eine Meinung habe?“

Wieso ist dies möglich, ohne das es uns genügend bewusst wird? Spätestens seit 1903 George Edward Moore seinen Emotivismus in der Ethik entwickelte, haben wir uns einer Ethik der Neigungen verschrieben. Es ist seit Moore ethisch gut, wenn Menschen sich bei dem was sie tun, gut fühlen. Nicht Wenigen reicht das, anstatt sich zu fragen, ob dass, was sie tun auch gut ist. Dieser emotionale Brei trägt einen Großteil der Verantwortung für die Unredlichkeit im Sprechen und Handeln. Der zweite Aspekt ist der Hang zu einer Gesinnungsethik. Wenn meine Gesinnung eine redliche ist, dann fragen sich viele Menschen nicht mehr, ob sie diese Gesinnung auch an eine entsprechende Handlungskompetenz koppeln. So kommt es zu einer unsäglichen Paarung von gutem Gewissen und Inkompetenz. Ich richte Unheil an und fühle mich auch noch gut dabei. Dann haben wir drittens eine das Gewissen beruhigende Betroffenheitskultur entwickelt. Bei Lichterketten mitzumachen erscheint uns sinnvoller, als etwas konkret zu unternehmen. Manche Menschen rührt das Elend in Afrika mehr, als das Elend nebenan. So leiden wir unter Fernstenliebe; die Nächstenliebe ist auf der Strecke geblieben. Das scheinen mir die grundsätzlichen, generellen Merkmale einer neuen Unredlichkeit zu sein.

Auf der Strecke geblieben sind dabei die Bedeutungen unserer gesellschaftlich wichtigen Begriffe. Ob Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Leistungsprinzip, Freiheit, all diese Begriffe lösen Gefühle aus, die keineswegs durch Kenntnis der tatsächlichen Bedeutungen dieser Wörter gedeckt ist. Die wichtigsten Begriffe unserer Gesellschaft werden so nicht mehr auf ihre semantische, sondern nur noch auf ihre emotionale Bedeutung hin untersucht. Daraus folgen semantische Verbrechen und inkompetente Handlungen, und es fällt kaum noch auf. Lassen Sie mich dies an einigen Wortbeispielen unserer Gesellschaft erläutern.

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Benötigen wir eine neue Moral in Wirtschaft und Politik?

Die Ereignisse der letzten Monate, die in den letzten Wochen Panik, Hysterie und Angst in der Finanzwirtschaft ausgelöst haben, animieren immer mehr Menschen zu der Aussage: „Manager sind gierig, korrupt und völlig abgehoben, ohne Anstand, Moral und Sittlichkeit. Brauchen wir also eine neue Moral in Wirtschaft und Politik? Die Antwort ist einfach: nein, wir benötigen keine neue Moral in Wirtschaft und Politik. Was wir benötigen, ist nur mehr Bereitschaft, sich an Moral und Ethik auch zu halten. Was wir allerdings auch benötigen, ist mehr Kompetenz in Sachen Ethik und Moral.

Denn es sieht nicht gut aus. Schon 2004 hielten laut einer Umfrage des Emnid Instituts für das World Economic Forum 70 Prozent der Deutschen Konzernchefs für unehrlich und stuften das Verhalten als unethisch ein. 80 Prozent der Deutschen halten Konzernchefs für zu mächtig.

Im Vergleich dazu halten nur 22 Prozent der Franzosen deren Wirtschaftsführer für unehrlich. Bei den Engländern sind es 42 Prozent, bei dem Amerikanern 37 Prozent, in Japan 47 Prozent. Wir schießen also den Vogel ab.

Nach einer Untersuchung von Ulich/Lunau/Weber von 1998 besteht zwar in Unternehmen eine stärkere Sensibilisierung für den Sinn und die Notwendigkeit ethisch gerechtfertigten Handelns, eine konsequente Umsetzung in einzelne, Ethik sichernde Maßnahmen steht aber auf breiter Front noch aus. Das betrifft mögliche Instrumente, wie Moralbilanzen, Ethik-Kommissionen oder Moralbeauftragte, Sanktionsrepertoires oder umfassende Ethik-Trainings.

Der sorglose Umgang mit Ethik wird sich wahrscheinlich erst dann nachhaltig ändern, wenn Unternehmen klar wird, dass für 70 % aller europäischen Kunden das soziale Engagement eines Unternehmens die Kaufentscheidung beeinflusst.

Nur fachliche Qualifikation reicht nicht.

Ein hilfreicher Schritt dazu beginnt bereits bei der Personalauswahl. Wer macht in einem Unternehmen Karriere? Manager werden überwiegend nach fachlicher Qualifikation ausgesucht. Ich fordere hier ein Umdenken. Neben der fachlichen Qualifikation ist unbedingt die soziale und ethische Qualifikation zu berücksichtigen. Soziale Qualifikation meint, ein Vertrauensklima herstellen zu können. Ethische Qualifikation bedeutet, kompetent in der Lage zu sein, ein Wertesystem zu implementieren, das nicht nur auf Hochglanzbroschüren gedruckt wird, sondern vorgelebt wird. Ethische Qualifikation bedeutet für mich auch, entscheidungskompetent zu sein. Wenn ich mir allerdings anschaue, wie viele meetings erforderlich sind, und wie viel Zeit investiert wird, um Entscheidungen zu fällen, die sich dann als falsch herausstellen, wird mir manchmal Angst und bange. Dabei ist es eigentlich nicht so schwer, zu sinnvollen Entscheidungen zu kommen. Die griechische und römische Dialketik hat dazu alle Methoden entwickelt, die man nur konsequent lernen und anwenden sollte.

Damit wäre mein Artikel eigentlich schon beendet, wenn es denn so einfach wäre. Aber wir sind alle Kinder dieser Gesellschaft. Auch Wirtschaftsführer und Politiker sind Kinder dieser Gesellschaft. Leider steht es damit nicht immer zum Besten.

Es ist erst wenige Wochen her, da haben CDU und SPD noch aufeinander eingedroschen.

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Ulf D. Posé
Dienstag, der 14. Oktober 2008

Die neue Redlichkeit

Spätestens seit der Spruch: „Jeder denkt nur an sich, damit ist ja an alle gedacht“ seine erfolgreiche Runde macht, ist es in unserer Kultur mit der Redlichkeit vorbei. Erziehung findet oft nicht mehr in Familien, eher vor dem Fernseher statt. Die Delegation an die Kindergärten oder an die Lehrer in Schulen funktioniert nicht, da hier Erziehung eher verweigert wird. So bleiben die Unternehmen als Kaderschmieden übrig. Und was lernen wir da? Sei opportunistisch, wenn du Karriere machen willst, schau auf den berühmten shareholder value. Kapitalmehrung scheint das einzig Wichtige zu sein. Die Globalisierung fordert von uns, nur noch zu schauen, wo die besten Produktionsbedingungen herrschen, wo die besten rahmenpolitischen Voraussetzungen sind, und wo wir über die Umwelt besonders billig verfügen können. Die Geburtenrate ist in diesem Jahr zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik geringer als 1946. Kinder sind zum zu teuren Kostenfaktor geworden.

Was ist los? Wir reden von gesellschaftlicher, unternehmerischer Verantwortung und es ist keiner da, der bereit ist, sie persönlich wahrzunehmen. Wir wundern uns, dass es möglich ist, mit einem Vollzeitjob weniger zu verdienen, als jemand, der nicht arbeitet.

Eine neue Unredlichkeit macht sich breit. Früher wussten Menschen noch, dass sie sich unredlich waren, wenn sie sich unredlich benahmen, sie hatten zumindest ein schlechtes Gewissen. Heute erleben wir eine neue Form der Unredlichkeit, in der Menschen sich völlig daneben benehmen mit dem Gefühl, redlich zu sein.

Das Wesen der neuen Unredlichkeit ist es also, unredlich zu sein, ohne es zu bemerken. Dagegen sollten wir, müssen wir etwas tun. Wir müssen wieder Bewusstsein entwickeln für das, was unredlich ist und wir benötigen ein Bewusstsein dafür, was zukünftig redlich ist.

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Ulf D. Posé
Montag, der 29. September 2008

NEID und NEID-Gesellschaft

Soziale Gerechtigkeit – ein Treppenwitz!!

Einer meiner Freunde fährt einen Aston Martin. Rund 89.000,00 Euro hat er gekostet. „Und“, fragte ich ihn, „macht es dir Spaß, den Wagen zu fahren?“ „Ja schon, nur bei meinen Kunden kann ich mich damit nicht sehen lassen. Dann meinen sie, ich fahre den Wagen von deren Geld.“

Eigentlich hat mein Freund ja recht. Es ist das Geld seiner Kunden. Nur hat er es nicht für seinen Wagen bekommen, sondern für seine außergewöhnlichen und nutzenstiftenden Anregungen und Ratschläge.

Als Marius Müller-Westernhagen einmal wegen seines Geldes angefeindet wurde, da meinte er: „Ich habe mein Geld doch nicht gestohlen!“

Wenn ich manchmal über die Höhe meiner Steuerabgaben im Bekanntenkreis stöhne, höre ich nur: „Ich wollte, ich müsste soviel Steuern zahlen wie du.“ Bis heute hat mich noch nie jemand zu meinen Steuerleistungen beglückwünscht. Keiner hat jemals gesagt: „Mensch Ulf, finde ich klasse, dass du dem Staat soviel Geld gibst.“ Manchmal habe ich das Gefühl, Besitz muss versteckt werden. Warum aber ist das nur so? mehr »

Ulf D. Posé
Donnerstag, der 18. September 2008

Glänzende Geschäfte reichen nicht!

Massenentlassungen trotz hoher Gewinne. Wo Wirtschaft unredlich wird!

Wir sollen uns nicht daran gewöhnen, wenn Vorstandsvorsitzende Stellenabbau und steigende Gewinne in einem Atemzug verkünden. meint unser Autor Ulf D. Posé. Er schaut immer wieder in die Hochglanzbroschüren der Unternehmenswerte und untersucht ihre Leitlinien. Er stellt fest:Theorie und Praxis liegen Lichtjahre auseinander. Immer mehr Menschen werden von Unternehmen nur noch als „human ressource“ betrachtet. Die Logik der sozialen Marktwirtschaft aber lautet anders: Je größer der wirtschaftliche Erfolg, desto mehr kann und muss ein Unternehmen tun, um das soziale Miteinander zu optimieren. Hier das Fazit von Ulf Posé, dem Präsident des Ethikverband der Deutschen Wirtschaft (EVW), einem eingetragenen Verein mit 17.500 Mitgliedern (Stand: März 2008).

Wir müssen zwei Dinge auseinanderhalten: Zu verurteilen ist nicht, dass Unternehmen Gewinne machen oder nach solchen streben. Zu kritisieren ist hingegen, unter welchen Umständen manche Unternehmen ihre Gewinne erwirtschaften. Vor allem dann, wenn sie trotz hoher Gewinne Menschen „freisetzen“. Bei hervorragenden Gewinnen, die weit über den Erwartungen liegen, und Eigenkapitalrenditen, die den Branchendurchschnitt weit übersteigen, gleichzeitig Stellenabbau zu betreiben, ist in höchstem Maße unredlich und zeugt von einer Haltung, die den ökonomischen Erfolg absolut setzt. Überdies noch zu behaupten, dies geschehe zur Sicherung des Unternehmensbestandes, ist genauso unredlich, wenn dieser Bestand de facto gar nicht gefährdet ist. mehr »

Ulf D. Posé
Samstag, der 23. August 2008

Medien und Ethik!?

Ist der Ruf erst ruiniert …

… quatscht man völlig ungeniert!

Viele wollen in die Medien, viele Medien wollen die Sensation. Die Folge: Viele betrachten sich als Sensation. Unsinn, sagt unser Autor Ulf D. Posé. Er plädiert für eine neue Medienethik. Sie soll für Manager genauso wie für Journalisten gelten. Im Mittelpunkt stehen wieder mehr Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Selbstverantwortung. Leider bleibt dies im harten Mainstream häufig auf der Strecke. Das mediale Hinrichtungsgeschäft macht Henker und Delinquent austauschbar. Manager lügen, Journalisten manipulieren. Und das Publikum steht herum und plappert den Lug und Trug nach.

Verwechsle niemals Öffentlichkeitsarbeit mit Werbung!!

Fangen wir mal ganz von vorne an. Unter Öffentlichkeitsarbeit versteht man ein Instrument, das Vertrauen, Sympathie, ein noch besseres Image aufbauen und erhalten will. Das sollte man nicht mit Werbung verwechseln. Werbung verfolgt absatzpolitischen Interessen. Hier geht es darum, Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen, höhere Marktanteile und/oder Erträge zu erzielen. Schon hier zeigt sich, dass Öffentlichkeitsarbeit häufig missbraucht wird, um Werbung zu betreiben. Das Problem dabei: Wer unter falscher Flagge segelt, sollte sich nicht wundern, wenn er unglaubwürdig wirkt.
Sinn effizienter Öffentlichkeitsarbeit kann es nur sein, das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen und durch gezielte Aktionen die guten Beziehungen des Unternehmens zur Öffentlichkeit auf Dauer zu bewahren. Hierfür unabdingbar notwendig ist das Wissen über den glaubwürdigen, authentischen Umgang mit Medien.

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