Wie mittlerweile garantiert auch der letzte Fussballmuffel mitbekommen hat, findet zur Zeit in Südafrika wieder die Fussball-WM statt. Neben der Möglichkeit, viele mehr oder weniger spannende und interessante Fussballspiele in einem kurzen Zeitraum zu sehen, bietet sie auch wieder die passende Gelegenheit, die Arbeitsweise verschiedener Teams zu vergleichen und gegenüber zustellen.

Fussballmannschaften sind ja selbstorganisierende Teams im besten Sinne: Alle Teammitglieder arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin (dem Gewinn des Spiels bzw. des Turniers), und es gibt einen Coach, bzw. (im Falle einer Nationalmannschaft) einen ganzen Trainerstab.

Dieser Coach sorgt dafür, daß das Team die Regeln des zugrunde liegenden Prozesses – hier natürlich ein Fussballspiel – versteht und alles dafür tut, sich stetig zu verbessern. Eine ganz ähnliche Aufgabe also wie ein ScrumMaster hat.

Sobald das Spiel gestartet ist muss sich das Team jedoch selbst organisieren. Der Coach wird zwar von der Seitenlinie aus versuchen, den Prozess (das Spiel) am laufen zu halten, und zu verbessern. Mitspielen darf er aber ebensowenig wie er detaillierte Anweisungen an die einzelnen Spieler geben darf.

Der deutsche Bundestrainer wird nie solche Anweisungen geben: „Lahm: 5 Meter geradeaus laufen, dann den Ball zu Schweinsteiger passen. Schweinsteiger: Ball annehmen, 3 Meter geradeaus, dann Gegenspieler aussteigen lassen und den Ball 13,5 Meter halbrechts nach aussen zu Klose spielen“.

Ein Team, das so agieren würde, hätte keine Chance, ein Spiel zu gewinnen. Es wäre viel zu träge und langsam, um auf die sich ständig ändernden Spielsituationen reagieren zu können.

Interessant auch, daß die Besetzung einer Fussballmannschaft identisch ist zur Besetzung eines Scrum-Teams:

Alle Fähigkeiten, die zum Gewinn des Spiels notwendig sind, sind im Team vorhanden – hier natürlich Torwart, Abwehr, Mittelfeld und Sturm anstatt Programmierer, Tester, Konzeptler etc.. Die Mannschaft bleibt bis zum Ende des Spiels so gut wie identisch, nur wenige Auswechslungen sind zugelassen.

Eine Mannschaft aus Spezialisten, die je nach Spielsituation wechselt, ist damit nicht erlaubt. Man kann also nicht 11 Abwehrspieler aufs Feld schicken, wenn sich der Ball in der eigenen Hälfte befindet, und 11 Stürmer, wenn er in der gegnerischen Hälfte ist. Man muß also Fussballmannschaften genau wie Scrum-Teams so besetzen, daß man damit jede erdenkliche Spielsituation abdecken kann.

Im bisherigen Verlauf der Fussball-WM habe ich auch noch einige andere Beobachtungen gemacht:

  • Die Mannschaften, die aus lauter Einzelspielern bestehen, bei denen jeder für sich arbeitet, hatten im Turnier keine Chance und sind zumeist bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Beispiel: Italien und, v.a., Frankreich
  • Mannschaften, die zwar einigermaßen gut zusammenarbeiten, sich fürs Toreschiessen aber auf die Geistesblitze einiger (weniger) Stars verlassen, haben ebenfalls keine Chance. Der Gegner kann sich auf eine solche Mannschaft viel zu einfach einstellen: Einfach den Star aus dem Spiel nehmen! So geschehen im Spiel Deutschland gegen Argentinien, als die Deutschen Lionel Messi zu keiner nennenswerten Aktion kommen liessen. Das Ergebnis ist bekannt. Außerdem: Was macht eine solche Mannschaft, sollte sich der Star verletzen?
  • Am meisten Erfolg hatten bisher genau die Mannschaften, bei denen sich jeder Spieler zu jeder Zeit in den Dienst der Mannschaft stellt, auch wenn das u.U. einen Nachteil für den einzelnen Spieler bedeutet. Ein Stürmer, der hinten aushilft, verringert so zwar seine Chance ein Tor zu schiessen, erhöht damit jedoch die Wahrscheinlichkeit, hinten kein Tor zu kassieren. Diese Teams verlassen sich auch nicht auf das Können einzelner Stars. Dadurch sind sie für ihre Gegner viel schwerer auszurechnen, und darüber hinaus auch wesentlich robuster gegenüber Verletzungen etc.Beispiele: Deutschland, Spanien, Holland

Diese Beobachtungen lassen sich fast 1:1 auch auf Softwareentwicklungsteams übertragen:

  • Die Teams, bei denen jeder für sich arbeitet, tun sich in der Regel sehr schwer. Genau genommen ist das aber auch kein Team, sondern eher eine Gruppe von Personen, die zufälligerweise am selben Projekt arbeitet.
  • Teams, bei denen einzelne Entwickler eine herausragende „Star“-Rolle einnehmen (z.B. einen einzelnen Architekten, der alle Designentscheidungen trifft), sind zwar besser als eine Gruppe von Einzelpersonen, machen sich aber (zu) sehr abhängig von Fähigkeit und Einsatzbereitschaft ihres „Stars“. Was passiert mit einem solchen Team z.B., wenn er krank wird, oder noch schlimmer, von einem anderen Team oder gar einem Konkurrenten abgeworben wird? Und was die überlegenen Fähigkeiten betrifft: Sind sie sich wirklich sicher, daß ihr Star dem versammelten Rest des Teams in allen Bereichen überlegen ist? Ich zumindest könnte mir nicht vorstellen, so etwas je mit gutem Gewissen von mir zu behaupten.
  • Am besten arbeiten daher Teams, bei denen sich alle Personen auf Augenhöhe begegnen, und sich Einzelne auch nicht zu schade sind, sich mal in den Dienst der Mannschaft zu stellen (z.B. den Build zu reparieren), auch wenn dies bedeutet, daß die eigene Arbeit mal liegen bleibt. In der Realität wird es solchen Teams jedoch oft schwer gemacht. Grund sind nicht selten falsche Anreiz- und Bonussysteme. In den Dienst des Teams zu stellen darf nämlich nie heissen, am Monatsende dafür Gehaltseinbussen hinnehmen zu müssen!

Doch am wichtigsten wiegt für mich dieses:

Teams, bei denen eine Person alle anderen Teammitglieder bis ins Detail steuert, haben überhaupt keine Gewinnchance!

Ein solchermassen organisiertes Team sollte das Spiel gar nicht erst beginnen…

BFI

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6 Kommentare zu “Der Star ist die Mannschaft – Was Scrum-Teams aus der Fussball-WM lernen können”

  1. Chris Wood (Freitag, der 9. Juli 2010)

    All very nice Roland, but there are counter examples.
    Some other sports do not function with such generalists.
    For instance in American football a specialist comes on to take the kicks.
    Many Borgsmüller did this professionally for a couple of years after he retired from soccer.

    Uruguay got to the semi-final too, despite having only two attackers. (One was Diego Furlan, I forget the other).

    Apple depends enormously on Steve Jobs. It almost collapsed without him. Now it is (I think) the worldwide most valuable company. It may again go downhill without him, but by then will have changed the world more than all the current football teams. And no Scrum team is for eternity.

  2. Bernhard Findeiss (Freitag, der 9. Juli 2010)

    Apple fällt hier für mich ganz klar in die zweite Kategorie: Erfolgreich ja, aber zu sehr von einem Star abhängig. Würde er von einem Konkurrenten „aus dem Spiel“ genommen, wäre der weitere Erfolg des Unternehmens ernsthaft in Frage gestellt.
    Robust sieht anders aus…

  3. rd (Freitag, der 9. Juli 2010)

    Hi Chris,

    1. ich habe den Artikel nicht geschrieben (1. Tugend des Dialektikers ist zu hören bzw. präzise lesen).

    2. Es gibt zu jedem Gesetz und zu jeder Regel Gegenbeispiele. Im deutschen sagt man „Keine Regel ohne Ausnahme“ oder noch besser „Ausnahmen bestätigen die Regel“.

    Ergänzung:
    In der Dialektik mit Beispielen zu arbeiten ist nicht ziel führend. Beispiele können nur helfen, Dinge klarer zu machen. Sobald man aber anfängt, mit Beispielen zu argumentieren, landet man im dialektischen Chaos.

  4. Chris Wood (Sonntag, der 11. Juli 2010)

    Sorry Roland, the style reminded me of you, so I did not check to see who wrote it!
    I looked up dialectic in my dictionary, which said the art of argument or discussion. It also hinted that the objective is to arrive at correct or at least rational conclusions. Marx‘ „dialectic materialism“ concerned the argument between capitalists and workers, trying to defend different interests.
    You seem to confuse this with rhetoric or polemic, where the objective is to win any argument. Here it may be sensible to take the attitude „don’t confuse me with the facts“. Some examples from real life may make it harder to convince, thus „resulting in chaos“.
    I mentioned before that “Ausnahmen bestätigen die Regel” results from misstranslation of the Latin verb „probare“.

  5. rd (Sonntag, der 11. Juli 2010)

    Hi Chris,

    die Grundaussage des Artikels von Bernhard deckt sich mit meinen Vorurteilen, die gewählten Beispiele hätte ich aber ganz anders gewählt und der Stil aber garantiert nicht 🙂

    Wenn Du uns beide verwechselt, zeigt das nur, wie sehr Du liest ohne zu lesen. Du „scanst“ fremde Artikel nach Dingen, die nicht Deiner Vorurteilsstruktur entsprechen. Und entwickelst dann Gedankengebäude, die gut klingen, aber keinem „dialektischen Windchen“ standhalten würden.

    Das Problem von uns beiden ist, dass ich glaube, dass alle Menschen (inklusive mir) in ihrer Gesamtheit sich zuerst mal aus einer großen Menge von Vorurteilen definieren und dies ihre Lebenssituation erst mal erträglich macht.

    Du dagegen stehst – zumindest in Deiner Wahrnehmung – in ganz besonderer Art und Weise über den Themen.

    Versuche doch einmal, nicht Dein Denken „egozentriert“ in die Mitte zu stellen, sondern „alterozentriert“ Dich in das Denken Deiner Nächsten zu versetzen.

    Und einmal, nicht immer alles besser zu wissen.

    Ich bin sicher, dass dies für Dich eine völlig neue Erfahrung bedeuten und vielleicht auch ein besonderes emotionales Erlebnis sein könnte.

  6. Chris Wood (Dienstag, der 13. Juli 2010)

    Dear Roland, mostly I just try to perform a function like a spelling checker or a grammar checker. I try to check facts, using what I think I know. When I am unsure, I often turn to Wikipedia. This is about all I can do, lacking your creativity.
    A special emotional experience might be good, but what would my wife think of that?

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