Bernhard Findeiss
Mittwoch, der 13. Januar 2010

Sind nur selbstorganisierende Teams echte Teams?

Beim letzten Agile Tuesday, dem Stammtisch der Münchner Scrum-Community, hatte ich eine interessante Diskussion zum Thema „Was ist eigentlich ein Team?“.

Meiner Meinung nach darf man eine Gruppe von Personen nur dann zurecht „Team“ nennen, wenn es sich dabei um ein selbstorganisierendes Team handelt. D.h., das Team darf frei über seine (interne) Organisation entscheiden. Der Preis dafür ist jedoch Verantwortung, v.a. für das Erreichen des (gewünschten) Projektergebnisses.

Hier gibt es dann nur zwei mögliche Endzustände: Entweder alle gewinnen gemeinsam, oder alle verlieren gemeinsam. Andere Möglichkeiten existieren nicht. V.a. keine Einzelpersonen innerhalb des Teams, die entweder das komplette Lob kassieren dürfen, oder denen die alleinige Schuld für das Scheitern aufgebürdet wird.

Dies bedeutet aber nicht, daß das Team nicht sein eigenes (internes) Vorgehen jederzeit analysieren darf – um daraus Potentiale für zukünftige Verbesserungen zu identifizieren. Eine oft genutzte Möglichkeit hier sind z.B. Reviews und Retrospektiven.

Der Teamgedanke bei traditionellen Projektmanagementmodellen ist aus meiner Sicht jedoch komplett anders. Hier gibt es i.d.R. einen Projektleiter, der die Organisation und die Projektsteuerung übernimmt. Den einzelnen Teammitgliedern selbst obliegt es dann nur noch, die ihnen gestellten konkreten Aufgaben abzuarbeiten. Sie sind nur ein kleines Zahnrad im großen Getriebe des Projekts, das für den Erfolg aber nicht entscheidend ist (maximal für einen Misserfolg). Stellt sich jedoch der gewünschte Erfolg ein, so wird dies nur allzu oft als das Verdienst des Projektleiters gesehen.

Eine solche Struktur ist für mich jedoch kein Team. Eher eine selbstarrangierende Gruppe von Personen, die zufälligerweise am selben Projekt arbeitet. Joseph Pelrine verglich diese Situation in seinem Vortrag auf dem letzten Scrum Gathering mit Menschen, die nacheinander einen Aufzug betreten: Bedingt durch den beschränkten Raum müssen sie sich irgendwie arrangieren, wollen sie alle Platz im Aufzug finden. Sie haben aber kein gemeinsames Ziel (da sie i.d.R. ganz unterschiedliche Stockwerke ansteuern), und sind auch nicht dafür verantwortlich, daß der Fahrstuhl tatsächlich das gewünschte Stockwerk erreicht.

Und genau das macht für mich auch den entscheidenden Unterschied zwischen agilen und traditionellen Methoden aus.

BFE

10 Kommentare zu “Sind nur selbstorganisierende Teams echte Teams?”

  1. Axel (Mittwoch, der 13. Januar 2010)

    Ich erinnere mich an den Vortrag von Jopseph. Da gings zu wie in dem besagten Aufzug 🙂

  2. Eberhard Huber (Mittwoch, der 13. Januar 2010)

    100% Zustimmung! Die Fähigkeiten selbstorganisiert und in gewisser Eigenverantwortung zu arbeiten macht ein echtes Team aus. Diese Fähigkeiten entstehen im Verlauf einer konstruktiv verlaufenden Gruppendynamik.

  3. Chris Wood (Mittwoch, der 13. Januar 2010)

    Dear Bernhard, I do not believe that you are so naive. Of course there are individual winners and losers in teams, whether scrum or football. A professional footballer in a losing team may so impress with his play that he gets a much better contract. Or he may be seen to be too bad to continue this career.
    Except that the risk of injury is less, the situation is similar with scrum.
    Who were you trying to fool, and why? The complex balance between cooperation and competition helps make life, evolution and work interesting.

  4. rd (Mittwoch, der 13. Januar 2010)

    Die Kommentare geben gut den Unterschied wieder zwischen „neuer Welt“ und „alter Welt“.

    Mein Mentor und Freund Rupert Lay hat die Zusammenarbeit dem Modell von Bernhard folgend als „Team“ bezeichnet (neue Welt). Das Gegenteil eines Teams ist die „Gruppe“ (alte Welt). Chris spricht genau von dieser Gruppe.

    Als Lektüre dazu kann ich z.B. „Führen durch das Wort“ von Rupert Lay empfehlen.

    RMD

  5. Detlev Six (Mittwoch, der 13. Januar 2010)

    Ist die Webgemeinde ein sich selbst organisierendes Team? Und was sind dann die Netzwerkknoten? Führungsfreie Aggregatoren?

  6. Chris Wood (Freitag, der 15. Januar 2010)

    Dear Roland, what is that about New World and Old World? I thought America was the New World, e.g. Dvořak’s symphony „From the New World“. Then again, there was the „Brave New World“ a title taken by Huxley from a line of Shakespeare. But as you are up to date, I expect your idea comes from G.W.Bush, with his Old Europe and New Europe.
    I think it would be better to write „Real World“ and „Dream World“. I seriously believe it dangerous to write about dreams and hopes as if they are reality. You can’t fool all the people all the time, but you can fool some of them some of the time.
    In normal usage, a team is a group with an objective. It does not imply total altruism.
    After writing the above, I started to wonder about your motivation (and Bernhard’s) and the possible effects. I am sure that your comment is largely motivated by a wish to reduce the risk of Bernhard being offended by my (rather harsh) comment.
    This „New/Old World“ stuff is presumably motivated by a wish to encourage altruism. In itself, this wish is praiseworthy. But it is very dangerous to close ones eyes to reality. And it is even more dangerous when clever people like you and Bernhard think they can trick the world into getting better by distributing rose-tinted spectacles. The history of the Soviet Union shows this. In fact all past and present communist countries show this danger. Some innocent people under Stalin were (apparently) ready to be executed for the benefit of communism. Evil people exploit naivety.
    Incidentally the new dream world has been around for thousands of years; since the start of organised religion.

  7. Bernhard Maischberger (Freitag, der 15. Januar 2010)

    Das ist mir nun doch zu allgemein gehalten und daneben Äpfel mit Birnen verglichen.

    Ein Aspekt zu Beginn ist doch das Ziel, das bei deinem Team zumindest „mittelfristig“ angelegt ist. Wenn eine Gruppe das nicht hat kann sie natürlich kein Team werden.

    Dann die Selbstorganisation. Ich habe schon viele Teams gesehen die sich nach kurzer Zeit „selbstorganisiert“ auf eine „klassische“ hierarchische Ordnung festgefahren haben, weil die stärkste Persönlichkeit das in die Hand genommen und so gewollt hat.

    Also kommt es meiner Meinung in so einem Team sehr stark darauf an wie die „soziale Reife“, der gegenseitige Respekt und die „individuelle Reife“ entwickelt ist.
    Daneben ist auch ein gewisses Maß an Erfahrung wichtig um überhaupt mehrere funktionierende Team-Strukturen schon mal gelebt oder erfahren zu haben.
    Wenn das schon zu Beginn auf einem hohen Niveau läuft
    dann bin ich gerne bei dir dann kann das Team und der Prozess sehr bereichernd sein.

    Der Punkt mit dem PL:
    Wenn du oder ich mit so einem PL zusammenarbeiten musst dann mein Beileid. Das liegt dann an aber an jedem von uns selbst hier Stellung zu beziehen.
    Ansonsten ist das eine Sache der persönlichen Reife des PL und die ist unabhängig von Selbst oder Fremdorganisation.

    Insgesamt finde ich nicht dass Hierarchische oder „Heterarchische“ Systeme per se gut oder schlecht sind. Es kommt immer auf das Ziel, und die Zusammensetzung der Akteure an.

    Ich würde als Ordnungskriterium also eher sowas wie Reifegrade der Personen (individuell, Kognitiv, Psychologisch) und der Teams (kollektiv, Soziologisch)zugrundelegen um festzustellen was funktioniert.

    Immer mit dem Ziel beide schrittweise zu erhöhen.

    Daraus ergeben sich dann über die Zeit sicher unterschiedliche Team-Strukturen.

    Viele Grüße
    Bernhard

  8. bf (Montag, der 18. Januar 2010)

    Hallo Chris,

    Natürlich wäre es naiv zu glauben, dass alle in einem Team gleich „gut“ sind, da jeder Mensch seine ganz individuellen Stärken und Schwächen hat.
    Jedoch gilt es hier zwei verschiedene Sichtweisen zu unterscheiden: Die innerhalb des Teams (bzw. des Auftragnehmers), und die Kommunikation mit dem Kunden.

    Wenn man allein die Sicht innerhalb des Teams betrachtet, so gebe ich Chris recht: Hier gibt es natürlich Unterschiede zwischen den einzelnen Personen – und die muss es ja auch geben, v.a. wenn ein Team cross-funktional besetzt ist. Um etwaige, damit zusammenhängende Probleme zu adressieren kann man dann z.B. Retrospektiven einsetzen. Hier kommt das Team zusammen, reflektiert die zurückliegende Iteration und berät, was man noch verbessern kann – auch wenn dies bedeutet, ein Teammitglied auf eine Schulung zu schicken oder gar auszutauschen.

    Die Sicht nach aussen, zum Kunden, hin, ist für mich jedoch etwas ganz anderes. Genau hier kommt für mich nämlich der Grundsatz „das Team gewinnt gemeinsam, oder es verliert gemeinsam“ ins Spiel. Gegenüber dem Kunden gibt es nämlich keine Unterschiede mehr. Wenn das Team z.B. seine Software präsentiert, so werden niemals einzelne Personen besonders gelobt oder getadelt. Der Satz „Alice hätte es fast noch vermasselt, aber Gott sei Dank hat Bob mit seinem heldenhaften Einsatz und massig Überstunden die Situation noch gerettet“ ist daher ein Satz, den ein Kunde niemals hören wird. Ihm gegenüber gibt es nur „das Team“.

    Hier kommt dann auch ein zentraler Unterschied mit dem Beispiel aus dem Fussball ins Spiel: Da Fussball in erster Linie Unterhaltung ist, ist der Weg zum Ergebnis, das Spiel, genauso wichtig (wenn nicht sogar wichtiger), als das Ergebnis. Es existiert eine ganze Industrie, die dafür zuständig ist, das Spiel in seinen Einzelheiten zu analysieren und für den Kunden (Zuschauer) aufzubereiten. Das Spiel aus Sicht des Kunden ist daher eine White Box

    Dies ist bei Softwareentwicklungsprojekten ganz anders. Hier interessiert den Kunden der Weg zum Ziel eigentlich überhaupt nicht. Wichtig ist ihm nur, daß er zum vereinbarten Termin für das vereinbarte Geld ein Stück Software mit der vereinbarten Funktionalität erhält. Es gibt zwar einige wohl definierten Schnittstellen zum Entwicklungsteam (bei agilen Teams ein paar mehr als bei traditionellen Teams). Die eigentliche Arbeit des Teams selbst ist für ihn jedoch eine Black Box.
    Es gibt z.B. keinen Kommentator, der so etwas wie „Alice versucht noch mal einen neuen Anlauf, den Unit-Test zu korrigieren. Jetzt checkt sie ihn ein – scheitert jedoch kläglich“ sagt :-).

    Daher ist für mich Fussball und Softwareentwicklung auch nur bedingt vergleichbar.
    Ich bleibe bei meinem Standpunkt.

  9. Roland (Montag, der 22. Februar 2010)

    Hallo Bernhard,

    es ist absolut illegitim so wie Du es tust klassisches Projektmanagement und dessen Methoden mit Taylorismus gleichzusetzen!

    Der klassische Projektleiter sucht sich auch nicht ein Katastrophen-SCRUM- oder Lean-Management-Projekt um eine an sich sinnvolle Vorgehensweise am Einzelbeispiel zu kritisieren. In der klassischen Projektmanagement-Methodik wird gerade der von Dir genannte autoritäre Führungsstil als katastrophal kritisiert.

    Da die Welt nicht nur Weiß (SCRUM) oder Schwarz (klassisches PM) ist, verstehe ich den Vergleich, den Chris zu G.W.Bush zieht, durchaus.

    🙂

  10. Dr. Martin Bartonitz (Mittwoch, der 9. März 2011)

    Hallo Herr Findeiss,
    ja, mittlerweile kann ich Ihrer Ansicht nur zustimmen. Wir haben in unserem Unternehmen vor 3 Jahren SCRUM eingeführt und dabei auch die Teams ohne Teamleiter sich selbst organisieren lassen. Es hat zwar etwas länger gedauert, die Kultur von einem patriachal geführten Team zu einem anarchisch agierenden zu führen. Aber wie bei allen Kulturwechseln braucht das Zeit. Die Ergebnisse sind auch sehenswert. Unsere Software hat eine deutlich höhere Qualität erhalten, was die Kundezufriedenheit besonders ausdrückt. Von Platz 10 auf 2 der ECM-Systeme kann sich sehen lassen.
    Durch die gemachte Beobachtung hatte ich mich interessiert, ob so anarchische Strukturen auch im großen Stil zu finden sind und bin jetzt fündig geworden, sprich habe auch dazu gepostet:
    http://www.saperionblog.com/geschaftsprozessmanagement-wahnsinn-utopie-oder-einfach-nur-die-zukunftige-art-der-firmenfuhrung/3729/
    Das macht doch Mut, das Arbeiten vollständig auf mehr Selbstbestimmtheit und damit sinnvollerem Arbeiten umzustellen. Die Frage ist nur, wie lange das dauern wird.
    Aber auf der BPM Summit von Gartner, die die letzten beiden Tage stattfand, war auch der Tenor, dass es hin zu mehr Transparenz, mehr Agilität und mehr Verantwortung bei den Arbeitern geht.
    D.h. weg vom absoluten Experten. Das Team und seine Vernetzungen ist dann der Experte.
    Und wenn alle gewinnen oder verlieren und nicht nur einer. Was ist daran so schlimm?

Kommentar verfassen

*