Roland Dürre
Sonntag, der 12. Februar 2017

Die unumgehbare Unvorhersehbarkeit der Zukunft!

Großen Dank an Jan Fischbach, Meister der Agilität und hier mein Fotograf.

Am 10. Februar habe ich für FAV (Forum agile Verwaltung) in der Hochschule der Medien in Stuttgart einen Vortrag gehalten. Ich hatte eine wunderbare Zuhörerschaft, bei der ich mich an dieser Stelle noch mal ganz besonders bedanken möchte. Der Twitter-Tag war #fav17 – hier kann man auf angenehme Art mehr Informationen zur Tagung finden.

Es ging in meinem Vortrag um die „Unumgehbare Unvorhersehbarkeit der Zukunft“. Der Titel war – wie auch der folgende Untertitel – nicht von mir. Ich habe mich aber bemüht, den vorgegebenen Gedanken zu folgen:
Agile Methoden sind besonders dann von Nutzen, wenn die Unsicherheit in Bezug auf das zu erzielende Ergebnis groß ist. In der Privatwirtschaft nehmen Unsicherheiten zu. Gilt das auch für die Verwaltung? Haben agile Methoden hier wirklich eine Daseinsberechtigung?

Hier als Service für die Zuhörer und für die, dich nicht dabei waren, eine Zusammenfassung meines Vortrages. Ein wenig gerafft und zum Teil in Stichworten.

Ich begann den Vortrag mit einer Vorschau und begann mit Begriffen, die mir wichtig sind. So „pinnte“ ich zuerst ein Kreuz bestehend aus fünf Worten ans White Board. Im Zentrum stand „agil“, umringt von „digital“, „social“, „newwork“ und „network/community“. Ich habe diese Begriffe definiert und erläutert, wie sie in meinem Verständnis zusammen hängen.


Einschub: Am Anfang meines Vortrages bin ich immer ein wenig aufgeregt. So habe ich in Stuttgart die wichtigen Begriffe lean und open vergessen. Wenn ich wieder über „agile“ rede, werde ich mit dem zentralen „smarten“ Quadrat „agile“, „digital“, „lean“  und „open“ starten. Und das mit „social“ zum Pentagramm verknüpfen.


Unter #newwork zum Beispiel fasse ich all die Bestrebungen und Bemühungen zusammen, die Arbeit menschlich machen und uns so helfen, auch in modernen Arbeitswelten “keinen Burnout zu kriegen”. Es geht um Achtsamkeit, Kooperation, Wertschätzung, Teilhabe. Alles Werte, die Bewegungen wie „Augenhöhe“ (der Film), Gemeinwohlökonomie, intrinsify.me, „demokratisches Unternehmen“, „EnjoyWork“ und weitere einfordern. Unter „smart“ verstehe ich zum Beispiel die Kombination von „digital“ und „sozial“, digital ist die Basis von „network/community“ und die „Agilität“ wurde zweifelsfrei erst in der „digitalen Welt“ wieder entdeckt.

Der Digitale Wandel (digital) ist allerdings nur die logische Fortsetzung der Industriellen Revolution und so ganz einfach ein Teil des sich immer mehr beschleunigenden technischen Fortschritts. Die hohe Beschleunigungüberrascht nicht, denn wir haben dank der Digitalisierung immer mächtigere Werkzeuge in der Hand, so ist die Digitalisierung sicher die wesentliche Ursache für die so schnell vor sich gehende drastische Veränderung unserer Gesellschaft.

Ergänzt habe ich dieses Bild durch die zwei Begriffe  „Mut“ und „Freude“ – als Voraussetzung für ein gelingendes (Arbeit-)Leben (oben) – und durch zwei Begriffe „Impuls geben“ und „Inspirieren“ als die beiden zentralen agilen Führungsmittel (unten). Und dies abgerundet mit „Vertrauen“ (links) und „Wandel“ rechts. Und am Schluss mit „Glück“ und „Erfolg“. Denn mein Ziel ist, Mitmenschen – ob Zuhörer oder Mentées – zumindest ein klein wenig glücklicher und erfolgreicher zu machen

Dann ging es mit dem Vortrag in die folgenden sechs Etappen. Die beschreibe ich jetzt nur stichwortartig.

  • AGILITÄT
    Ich habe das ja von Software-Entwicklern erarbeitete “Agile Manifesto” vorgestellt und den Einfluss der IT auf Technologie und Gesellschaft besprochen.
    Wichtig war mir, herauszuarbeiten, dass Agilität keine Methode sondern eine Einstellung ist, die man auch „Philosophie“ oder „Lebensweise“ nennen könnte. Es geht nicht um einen ideologischen Streit darum, ob zum Beispiel „Scrum“ oder „Wasserfall-Methode“ (V-Modell) besser sind.  Agil ist eine natürliche, ursprüngliche und so sehr menschliche Vorgehensweise, in dem beide Methoden abhängig von der Anforderung nutzbringend sein können.

    • Die Kathedralen des Mittelalters und auch das Colloseum in Rom wurden „agil“ gebaut
      Bauherr, Meister und Gesellen kamen zusammen (Vernetzung)
    • Nicht Agil: Daimler Museum
      (Bau erst möglich durch neue Rechnergeschwindigkeiten, um die Statik des Gebäudes zu berechnen. Aber dann kam der Brandschutz dazwischen.)
    • Wie die Agilität verloren ging:
      Die industrielle Revolution hat das Weltbild verändert. Henry Ford kam bei einer Besichtigung des Schlachthofes in Chicago auf die Idee, auch Autos am Fließband herzustellen. Seine mächtigen Fabriken hatten einen großen Bedarf an Arbeitern, die es aber nicht gab. Zeitgleich wurden in der Landwirtschaft auf Grunde des verstärkten Einsatzes von Maschinen viele Bauern arbeitslos. Die waren aber “ dumm”, nicht einmal mit  “Zeit” waren sie vertraut. So musste die Kaste der Ingenieure alles regeln. So entstand die „Kaste der Ingenieure“, die „alles“ für ihre Untergebenen vor denken mussten. Hierarchie gepaart mit extremer Arbeitsteiligkeit (Taylorismus) wurde zur wegweisenden Organisationsform für Unternehmen.
    • Beispiel Werner von Siemens, geboren 1817: Er organisiert sein Unternehmen (Siemens) nach dem Muster der Deutschen Reichswehr.
    • Dazu kommt: Zeit ist ein besonderes Gut. Wenn sie weg ist, dann ist sie weg. Jetzt wird sie auf einmal vermessen. In Einheiten wie Kilogramm!
      Anmerkung: Die Segelschifffahrt kannte keinen Fahrplan. Das gab es nur für Postkutschen. Erst die Dampfschifffahrt und die Eisenbahn ermöglichten Fahrpläne. So entstand die Forderung nach einer „gemeinsamen Zeit“ in zusammenhängenden Räumen.
    • Uhren waren vor der industriellen Revolution vor allem notwendig für die Navigation auf hoher See. Jetzt beginnt die Zeit, das Leben zu dominieren (beherrschen).
    • In den Fabriken gab es eine gemeinsame Zeit. Um den Takt nicht zu gefährden, mussten Uhren am Werkstor abgegeben werden. Das Abschiedsgeschenk zur Pensionierung war dann eine eigene Uhr. “Der Mensch bekam die Zeit zurück”.
    • Vor der industriellen Revolution gab es kein Gefühl für Zeit. Noch um 1900 gab es nur in ganz wenigen Ländern eine gemeinsame Zeit. Für Planung ist der Parameter Zeit von höchster Bedeutung.
    • In einer agilen Welt treten Communities an die Stelle von Organisationen
      Beispiel: Bewegungen wie für #newwork versus Gewerkschaft.
    • In einer agilen Welt gehen die Bedürfnisse der Kunden vor den im Pflichtenheft vertraglich festgelegten Funktionen.
      Beispiel S21 – Volksentscheid war zustimmend, weil die Menschen verstanden hatten, dass schon vollendete Tatsachen allein schon aufgrund der vertraglicher Verpflichtungen geschaffen worden durch Auftragsvergabe.
    • Schein-Agilität
      Ein gutes Beispiel ist das Auto als Träger des individuellen Verkehrs. Ein PKW ohne Fahrer macht nicht frei. Was passiert, wenn alle Automobilisten das bemerken und “agil” werden möchten? Angeblich bricht dann die Wirtschaft zusammen. Das ist aber Blödsinn, weil “Innovation kreative Zerstörung ist.
  • AGIL LEBEN
    Agile Menschen haben in der Regel weniger Angst. Denn Angst findet im Kopf statt. Agile Menschen erkennen in der Regel den Punkt, an dem man aufhören muss, weiter Argumente abzuwägen sondern mit dem Ausprobieren beginnen muss. Agile Menschen wissen, dass sie nur über Gewissheiten aber nicht über Wahrheiten verfügen. Sie sind bereit zuerst mal Vertrauen zu geben (“erst geben dann nehmen”).
    Agile Menschen haben mehr Spaß und Freude an der Arbeit und sind bescheidener und glücklicher. Vielleicht auch demütiger und dankbarer. Faustregeln sind: Je mehr Angst desto weniger Agilität und versus vice. Die Voraussetzung für Agilität ist eine souveräne Gelassenheit. Diese wächst durch agiles Leben. So sind agile Menschen in der Regel glücklicher und erfolgreicher.
  • ZUKUNFT
    In den beiden letzten Jahrhunderten des letzten Jahrhunderts haben Menschen und Manager geglaubt, dass man die Zukunft vorhersehen kann. Man müsse nur über ausreichend Informationen verfügen und diese präzise auswerten. Dann wäre es möglich gültige Szenarios auch für die Zukunft zu entwickeln (mit Hilfe z.B. von Thinktanks) und könne dann ganz rational die richtigen  Lösungen und Entscheidungen fällen
    So würde ein Unternehmen (wie eine Behörde) zu einem determinierten System, das Input bekommt und Output liefert  –  und welches vom Management durch das Drehen an den richtigen Stellschrauben optimal gesteuert werden kann.
    Welch ein überholter Standpunkt!
    Zukunft ist nicht vorhersagbar. Aber wie will man die Zukunft planen und steuern, wenn man in sie nicht hineinschauen kann?

    • Hans Ulrich (der Erfinder des St. Gallener Management Modells stellt 1982 in seinen „Thesen zum Wandel im Management als erste These fest: „Zukunft ist nicht vorhersagbar!“
    • In St. Gallen stellen BWL-Wissenschaftler die Frage, wie es denn sein könne, dass Manager à priori richtige Entscheidungen fällen können, wenn es à posterio oft nicht möglich ist, zu bewerten, ob eine Entscheidung richtig oder falsch war
      (Definition für Entscheidung: Sie ist betreffend der Folgen wesentlich und findet unter Unsicherheit statt).
    • Vuca (volatility, uncertainty, complexity, ambiguity)
      Plötzlich tauchen solche Begriffe als Abkürzung für die „reale Welt“ auf. Aber war die Welt nicht immer schon so?
    • Zukunfts-Forschung:
      Ich habe selbst Analysten geglaubt (Diebold, Gardner), besonders wenn sie meine eigenen Annahmen (Vorurteile) bestätigt haben. Die Vorhersagen waren fast immer falsch:
      Zwei Beispiele, die auch mich geschädigt haben:
      Bildschirmtext (BTX) und Print on Demand (PoD). Damals waren die Marktvorhersagen völlig falsch. Die Unternehmer, die diese geglaubt haben, haben falsch investiert.
    • Zwei persönlichen Freunden aus dem Kreis der Zukunftsforscher lohnt es zu folgen:
      Klaus Burmester (@foresight_lab) und Lars Thomsen (future-matters.com/lars-thomsen/). Beide gehören wohl zu den weltweit führenden SZukunftsforschern. Klaus ist eine Twitterempfehlung. (#FF).
      Matthias Horx (www.horx.com/) ist recht bekannt, persönlich kenne ich ihn nicht.
    • Einschub zu Lars und Vorhersagen zur Elektro-Mobilität:
      Vortrag auf Biike-Treffen in Sylt vor mehreren Jahren von Unternehmern, Managern, Beratern. Thema ist Innovation & Wandel, auch E-Mobilität.
      Lars begeistert uns mit seinem Vortrag zu E-Mobilität. Zwei Jahre später sind fast 20 % der Teilnehmer stolzer Besitzer eines Teslas, aber alle Prognosen von Lars waren total daneben.
    • Definition von Zukunftsforschung ist übrigens Lars folgend die Verlängerung von Trendforschung. Aufbauend auf dieser wird Zukunftsforschung zur Suche nach dem Tipping Point (https://de.wikipedia.org/wiki/Tipping-Point) von Technologien definiert.
    • Mein Schluss: Zukunftsforscher helfen uns nicht, in die Zukunft zu schauen.
    • Die von allen so gerne beschworene Innovation kann man am besten als “kreative Zerstörung” beschreiben.
    • Die so oft geforderte Reform bedeutet nur „gewaltfreie Veränderung“.
    • Und immer mehr Buzzwords sind im Umlauf:
      Transition, Transformation, Revolution, disruptive Veränderungen, Anti-Fragilität, VUCA …
      Das ist aber alles nichts neues und „Agilität“ ist das einzige, was helfen kann.
  • UNTERSCHIED von UNTERNEHMEN und VERWALTUNG
    Unternehmen sterben, wenn sie mit Veränderung und Wandel nicht zurecht kommen. Da gibt es gerade in der IT so viele Beispiele. Manche Unternehmen melden „nur“ Insolvenz an, andere hinterlassen – auch wenn sie jahrelang sehr erfolgreich Profite privatisiert haben – gelegentlich hohe Schäden, die sie dann elegant sozialisieren (siehe EVUs – jahrelang waren sie die betreffend Dividendenausschüttung die Helden im DAX. Jetzt versuchen sie die Altlasten wie Kernkraftwerke in den öffentlichen Bereich zu verschieben.
    Behörde und Verwaltung kann sich aber nicht davon stehlen, wenn sie den Wandel verschlafen hat. Denn das Leben in der Kommune geht weiter. So müssen die Behörden – auch aufgrund  des politischen und gesellschaftlichen Auftrags – mit jedem Wandel zurecht kommen.
    Wie soll das Überleben der Verwaltung aber gelingen, wenn nicht mit einer agilen Denke als Grundeinstellung? Die eine agile Philosophie als handlungsleitenden Wert hat und eine agile Kultur entwickelt und lebt …
  • TREIBER von VERÄNDERUNG
    Das Bewusstsein wächst, dass Zukunft und der kommende Wandel nicht vorhersagbar sind. Planung versagt schon heute immer häufiger und zwar in erstaunlichem Ausmaß  (Zahlreiche IT-Großprojekte, S21, BER). Die Annahme, dass in Zukunft Veränderung häufiger und heftiger werden, ist wohl korrekt. Der Trend scheint das zu Bestätigten. Wir nehmen in vielen Bereichen eine ungeheure Beschleunigung wahr, das Tempo nimmt weiter zu.
    Treiber von Veränderung könnten beispielsweise sein:

    • Anforderungen von Politik / Gesetzgeber
      Trump, „Gesetze“ die sofort umgesetzt werden müssen …
    • Wirtschaftliche Veränderungen
      Autoindustrie, Exporteinbruch, Gewerbesteuer …
    • Infrastruktur & Gewohnheiten
      Mobilität, Konsumverhalten …
    • Rahmenbedingungen
      Zins steigt, Verarmung …
    • Disruptive Ereignisse
      Flüchtlinge, Klima (Erwärmung & Kälte, Wasser&Trockenheit …), Epidemien, Krieg (Terror) ???
    • Technologie
      smart solutions, Virtualisierung, Elektrifizierung, Personalausweis als App
    • und manches mehr.
  • DIGITALER und WANDEL
    Die Digitalisierung als rasante Fortsetzung des „technologischen Fortschritts“ hat gerade erst begonnen – wie auch der davon verursachte gesellschaftliche Wandel. Kulturtechnologien wie „Rechnen können“ (ob im Kopf oder auf Papier) verschwinden.
    Maschinen werden „intelligent“. Mit „intelligenten Maschinen“ können wir Maschinen bauen, die anders nicht gebaut werden könnten und die wieder noch „intelligentere Maschinen“ bauen. Die technologische Beschleunigung durch den digitalen Fortschritt nimmt so weiter zu.
    Die „Büchse der Pandora“ ist vielleicht eine schöne Metapher für Digitale Technologie. Die Büchse steht auf eine Tisch. Der Tisch vibriert immer heftiger, die Büchse beginnt zu wackeln. Schon liegt der Deckel schief auf der Büchse und es beginnt heraus zu kriechen. Denn in der Dose rumort es.
    Bald wird der Deckel von der Dose fallen, dann wird die Dose umkippen. Ihr Inhalt wird sich auf dem Tisch ausbreiten. Noch wissen wir nicht, ob das, was da alles raus krabbeln wird, Raupen sind, die zu schönen Schmetterlingen mutieren werden. Oder sind es bösartige Würmer, die uns Medusa gesandt hat?Ich hoffe mal auf viele schöne Schmetterlinge.

Das war der Vortrag. Da er den Zuhörern gut gefallen hat, werde ich ihn sicher ein paar mal wiederholen, wahrscheinlich umgebaut mit den Schwerpunkten „agile Mobilität“ oder „agiles Unternehmen“.

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 17. Januar 2017

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.

Complexity made by Visual-Braindump.de.

Dieser Satz, der ja nicht nur Karl Valentin sondern auch Mark Twain, Winston Churchill, Niels Bohr, Kurt Tucholsky (also lauter intelligenten Menschen) zugeschrieben wird, macht vieles klar. Prognosen sind alles anders als einfach – und so ist es auch mit der Planung. Denn die Planung ist die kleine Schwester der Prognose.

So halte ich am Freitag (10. Februar) in Stuttgart genau mittags um 12:00 beim FORUM AGILE VERWALTUNG 2017 einen (hoffentlich agilen) Vortrag mit dem amüsanten Titel:

„Die unumgehbare Unvorhersehbarkeit der Zukunft“

So ein Titel ist natürlich nicht von mir. Ich finde ihn aber treffend, klingt er doch wie die intellektuelle Formulierung der einfachen Tatsache, dass Zukunft eben nicht vorhersehbar ist. So wie man halt in den akademischen Kreisen der Soziologie und/oder Politologie geschraubt lehrt und schreibt.

Wie will ich in die Zukunft hinein planen, wenn ich nicht mal mehr in die Zukunft hinein sehen kann? Das dies nur selten funktioniert werde ich mit ein paar Beispielen belegen.

Auch habe ich vor zu berichten, dass sich private Unternehmen immer dann, wenn es schwierig wird, einfach mal schnell aus dem Staub machen. Besonders gerne lösen sie sich auf, wenn sie über Jahre gute Gewinne privatisieren konnten und zum Ende ihres „life cycle“ dann größere Verluste drohen, die dann mal ganz schnell sozialisiert werden.

Bei Behörden ist dies nicht ganz so einfach. Diese müssen disruptive Situationen überleben, auch dann, wenn private Unternehmen einfach verschwinden. Ganz einfach, weil das Leben weitergeht. Deshalb müssen sie ihre „Resilienz“ bewahren oder noch besser alles tun, „Antifragilität“ zu entwickeln.

Sicher sind Resilienz und Antifragilität auch nur zwei der vielen modernen „Buzzwords“. Sie machen aber etwas wichtiges klar, nämlich dass agile und flexible Strukturen in Zeiten von Veränderung und Wandel doch von wesentlichem Vorteil sind. Und starre Prozesse dann schnell zum Tode eines Systems führen können.

Die Ideen-Tüte des Vortrages ist schon gut gefüllt, jetzt bin ich beim Strukturieren und Verfeinern. Ich freue mich auf den Vortrag und den Dialog mit meinen Zuhörern und würde mich noch mehr freuen, wenn ich in Stuttgart ein paar bekannte Gesichter wiedersehen würde.

Deshalb hier alle Informationen zur Veranstaltung. Die Vorderseite enthält das Programm:

 

Und auf der Rückseite stehen die Details zur Buchung.

Also – dann auf ein Wiedersehen in Stuttgart.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 15. Januar 2017

PM Camp Klausur 2017 – #pmcamp – 20. 01. 2017

Es ist sicher keine Breaking-News – aber am Freitag kommender Woche ist die PM Camp Klausur 2017.

Zur PM Camp Klausur treffen sich einmal im Jahr Vertreter*Innen aller Orga-Teams. Gastgeber des Prozesses ist in diesem Jahr das Orga-Team Dornbirn (Eberhard, Marcus, Stefan, Roland), die logistische Unterstützung erfolgt durch die InterFace AG.

So werden sich am Freitag, den 20. Januar 2017 von 8:00 bis 16:00 die Vertreter der Orga-Teams der PM-Camps Barcelona, Berlin, Dornbirn, Hamburg, Karlsruhe, München, Rhein-Main, Stuttgart und Zürich bei der InterFace AG in Unterhaching treffen.

Die PM-Camp-Klausur ist die Instanz, die an der strategischen Weiterentwicklung der PM-Camp-Bewegung arbeitet. So sind die Ziele der Teilnehmer:

  • Rückblick
    Wie haben sich die PM Camps entwickelt?
    Berichte von Format-Experimenten in 2016
  • Status Quo
    Wo stehen wir aktuell? Was ist uns JETZT wichtig?
  • Ausblick
    Was müssen wir beachten bzw. aktiv angehen, damit die PM Camp Bewegung weiter relevante Impulse in die PM Szene setzen kann?

Ich veröffentliche den Termin, um allen Freunden der PM-Camp-Bewegung oder/und Besuchern von PM-Camps die Gelegenheit zu geben, ihre Gedanken und Ideen der PM-Camp-Klausur zur Verfügung zu stellen.

Wenn Ihr also Anregungen habt, die die Zukunft von PM-Camp betreffen, so sendet diese als E-Mail an mich – ich werde diese sammeln und dann in die Runde einbringen.

Ich freue mich schon auf viele Impulse von und Inspiration durch Euch!

RMD

P.S.
Am Vorabend (Donnerstag, 19. Januar 2017) treffen sich die Frühankommer ab 19:00 im Althaching in Unterhaching. Wer Lust hat, alte Freunde wieder zu sehen, kann gerne dazu kommen.

Roland Dürre
Montag, der 19. September 2016

Nachtgedanken zu Europa.

Denk ich an „europe“ in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht …
(Heinrich Heine)

flagge-europaeische-union-euKatalonien will unabhängig werden von Spanien. Schottland wollte Great Britain verlassen. Eingeschüchtert von Drohungen und Angstmache von allen Seiten haben die Schotten keine Mehrheit dafür erreicht. Jetzt sind sie traurig, dass sie es nicht geschafft haben.

GB als Staat mit einer großen demokratischen Tradition und Gründungsmitglied will aus der EU austreten. Der Austrittsfall ist aber nicht vorgesehen (nicht aus der EU und nicht aus dem EURO). Es erscheint fraglich, ob dies von der Gesetzeslage her überhaupt möglich ist, zu verzahnt ist nationales und europäisches Recht. Ratlosigkeit herrscht vor – nur ändern wird sich nichts.

Die Mittelmeerstaaten torkeln. Auch die BRD ist immer noch Schuldeneuropameister. Bayern fühlt sich in der BRD schon lange nicht mehr wohl und finanziert trotzdem weiter Berlin/Brandenburg. Oft erscheinen mir die „Koalitions-Streitigkeiten“ die Vorboten eines „bavarian exit“.

Immer mehr Staaten in der EU erweisen sich als im Höchstmaß unsolidarisch. Besitzstandwahrung ist angesagt. An den östlichen Grenzen wird mit dem Säbel gerasselt, weil (angeblich ?) die Bedrohung durch die Nachbarn wächst. An den südlichen fühlt man sich durch Flüchtlinge bedroht und löst das Problem mit eigenartigen Deals.

Trotz besseren Wissens tanzt Europa unverdrossen weiter um das goldene Kalb namens „Wachstum“. Grund und Boden werden zu betoniert, der Indiviualverkehr hat totalen Vorrang und manche Länder wollen sogar wieder auf Kernkraft setzen. Europa ist fest im Griff der Weltkonzerne, für die mehr als je zuvor der „shareholder value“ den absolute Priorität hat. Die Unternehmen sind nicht mehr für die Menschen da, sondern die Menschen für sie. Als konsumierende Kaufvieh-Herde, die beliebig durch Marketing manipuliert werden muss.

Obwohl absolut gegen den Trend werden so Abkommen wie CETA und TTIP durchgepeitscht, die den totalen weltweiten und schrankenlosen Wettbewerb propagieren. Das basiert auf extremer Arbeitsteilung und befördert natürlich die Ausbeutung von Menschen und ganzen Ländern. Und die vorhersehbaren Streitfälle sollen nicht an unabhängigen Gerichten verhandelt sondern von Schiedsgerichten aus den Reihen der Wirtschaft geregelt werden.

Währenddessen macht der Euro weiter ganze Regionen platt. Finanziert wird das alles von einer Staatsbank, die eine Riesenblase produziert. Früher oder später wird diese platzen – und dann geht das Jammern über die nächste Weltwirtschaftskrise wieder los.

Politisch führt das Denken in Eigennutz zu immer mehr populistischen Regimen, die Demokratie und Humanismus verhöhnen. Der Umgangston ist kalt geworden. Schon geht der Hickhack zwischen den Nationen Europas los, die ersten Parolen vom Ausschluss einzelner Länder erklingen – obwohl der genauso wie der Austritt nicht vorgesehen und wahrscheinlich mit Rechtsmitteln gar nicht möglich ist. Aber das alles stört nicht, so lange die „Kohle“ fließt.

Die EU entpuppt sich immer mehr als ein undemokratisches System. Mit einem machtlosen Mega-Parlament und Kommissionaren, die sich laufend blamieren. Alle Europa steuernden Institutionen sind zu Büttel der Konzern-Lobby und des Kapitals geworden, alle mächtigen europäischen Gremien und Verbände sind in der Hand von Kapital und Wirtschaft. Die Politik ist in Geiselhaft genommen worden, die Politiker müssen ihren Herren dienen. Es gilt: Die Hand, die einen füttert, beißt man nicht. Und wird es doch mal kritisch für die „Großen“, dann sorgt der EuGh dafür, dass die Gesetze so ausgelegt werden, wie es im Sinne der Herrschenden ist.

Permanent werden neue Gesetze generiert, zum Teil widersprechen sie sich. Aufgrund der Inflation an Gesetzen werden sie nicht mehr ernst genommen. So wird mehr Schaden als Nutzen generiert. Als Folge erfasst auch eine Erniedrigungsbürokratie ganz Europa, so wie wir sie von „den sozialistischen Staaten“ aus dem Ostblock kannten. Der dann an seiner Bürokratie eingegangen ist. Veränderung war nicht mehr möglich und die Arbeitsteiligkeit auf staatlicher Ebene hatte die Vielfalt zerstört.

Wird gegen von einem Großkonzern gegen ein Gesetz massiv und vorsätzlich verstoßen, das Menschen vor giftigen Abgasen und Partikeln schützen soll, interessiert das niemand. Auch wenn der Konzern Millionen seiner Kunden betrogen hat. Denn die Großen lässt man laufen, ist man doch von ihnen abhängig.

Ab und zu wird an einem Kleinen ein Exempel studiert. So wie man die modernen Überbringer der schlechten Botschaft, die Whistle-Blower, bestraft, die Steuerschwindler aber laufen lässt. Weil sie ja im „Rahmen der Gesetze“ gehandelt haben. Obwohl sie Konstrukte gebaut haben, die extra für die Steuergesetze geschaffen worden sind und nichts mit der Realität zu tun haben. Auch im Wissen, dass sie so mächtig sind, dass man sie ja nicht vergrämen darf. Wäre ihre Rache doch für kleinere Staaten existenziell bedrohlich.

Mit einer sehr eigenartigen Zinspolitik saniert die „reiche BRD“ an der Spitze aber zu Lasten einer unheilvollen Süd-Allianz ihren Haushalt. Subventionen werden verteilt, nicht nur an die so „systemrelevante“ Finanzindustrie – aber immer zu Lasten der Zukunft und so der Bürger. Dass so die Mehrheit der Armen und des Mittelstands ärmer und die wenigen Reichen reicher werden interessiert niemanden.

Von Werten wird viel gesprochen. Gelebt werden sie nicht. Die christlichen Wurzeln werden beschworen,  Aufklärung als Wert spielt kaum mehr eine Rolle. Immer mehr Freiheit wird für vermeintliche Sicherheit geopfert. Toleranz wird beansprucht aber nicht gewährt, Solidarität eingefordert aber nicht gegeben, Demokratie unterminiert und Menschenrechte reduziert. Achtsamkeit wird gefordert und Feindbilder gefördert.

So ein Europa habe ich mir nicht gewünscht. Ich fühle mich eh nicht als Deutscher und auch nicht als Europäer. Mit Nationalhymne, Bundesadler und Schwarz-Rot-Gold kann ich nichts anfangen. Die gelben Sterne auf blauem Grund mögen ansprechender sein als das fette „Schwarz-Rot-Gold“, aber auch das sind nicht meine Farben. Es gibt für mich auch keinen Grund, darauf stolz zu sein, dass ich ein Deutscher bin. Wie es auch keinen Grund gibt, zum Beispiel auf meine Hautfarbe stolz zu sein.

Ich bin ein Mensch aus, in und von dieser Welt. Woher ich komme, welche Sprache ich spreche – das spielt keine Rolle. Ich mag und schätze alle Menschen gleich. Ich bin für Frieden. Über Europa habe ich mich gefreut, weil mein Eindruck war, dass Europa einen guten Job macht. Das ist leider vorbei, was jetzt mit Europa passiert, macht mir tiefe Sorgen. Der Trend ist übel.

Seit meiner frühen Jugend war ich in Europa unterwegs. Zuerst als Austauschschüler, dann als Urlaubs-Reisender und schon bald vor allem als Radfahrer. Besonders gern war ich im Mittelmeerraum wie in Portugal, Spanien, Frankreich, Italien, Griechenland und Zypern. Und überall habe ich freundliche Menschen getroffen, die mich immer herzlich empfangen haben – und mir geholfen haben, wenn ich ein Problem hatte. Genauso ging es mir in Holland und Belgien und später in Tschechien, Slowenien, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien und in Lettland.

Alleine deswegen liebe ich Europa – einen Euro brauche ich dazu nicht. Aber auch jenseits der EU in Kenia, Tunesien oder in Marokko wie auch in China, Kuba oder Indien habe ich soviel Gutes und Schönes erlebt. Immer haben mich die Menschen gut angenommen und ich habe mich verstanden gefühlt.

In meinem Erleben waren die Menschen immer viel weiter als ihre Regierungen.

So wünsche ich mir eine Welt der gut vernetzten Regionen, ohne Nationalstaaten und Militärpakte. Eine Artenreiche Welt ohne Gleichmacherei. Eine Welt, in der die sinnlosen Gegensätze und Ängste immer mehr verschwinden und eine alle Menschen übergreifende Freundschaft gefeiert wird.

RMD

P.S.
Im nächsten Post habe ich vor zu erklären, warum mir kleine dezentrale Systeme besser gefallen als die großen zentralen. Gerade zur Lösung unserer wirklichen Probleme.

Roland Dürre
Sonntag, der 5. Juni 2016

Auf den Kykladen im Urlaub auf unserem Planeten.

Heute sind Barbara und ich in Adamas aufgewacht, der Hafenstadt von Milos. Es war die achte Übernachtung auf unserer Reise. Die erste war im lauten Piräus, dann ging es auf die Inseln. Zwei Nächte haben wir auf dem schicken Santorini, drei auf der besinnlichen Insel Folégandros und nun noch zwei auf Milos verbracht. Wir waren viel auf dem Wasser, haben drei große Schiffe genutzt und haben mit drei kleineren wunderbare Ausflüge gemacht. Und sind gerade auf Folégandros viel gewandert.

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Auch in Milos hatten wir wie auf der ganzen Reise wunderbare Gastgeber, so wie wir auf der ganzen Reise unsere Zeit mit sehr angenehmen Menschen verbracht haben. Zu meinem Erstaunen haben wir kaum Deutsche getroffen, so waren wir auch gestern bei unserem Ausflug wieder die einzig beiden „Germans“ an Bord neben vierzehn Menschen aus Frankreich, Großbritannien, Island, Kanada, Italien, Spanien und Neuseeland.

Heute geht es um 14:05 weiter nach Serifos. Dort wollen wir noch zwei Nächte verbringen, dann geht es zurück nach Piräus und mit der U-Bahn zur letzten Übernachtung vor dem Rückflug nach München ins Hotel in Athen fahren.

Es war eine agile und schlanke Reise, mit leichtem Gepäck und der simplen Idee, dass wir uns ein paar griechische Inseln der Kykladen besuchen. Barbara hatte sie gut vorbereitet, aber nichts geplant außer dem Hin- und Rückflug und dem ersten Hotel in Piräus. Die Reiseroute ist erst auf dem Weg entstanden. Zum Beispiel wusste ich bei der Abfahrt in München noch nicht, dass es Folégandros überhaupt gibt. Aber die Empfehlung unserer Wirtin in Santorini war so eindeutig, dass wir einfach hin mussten. Und siehe da, am nächsten Morgen fuhr ein Schiff …

In der griechischen Sonne kam ich auf einen Gedanken. Manche nennen so eine Reise ja Urlaub und haben mir zum Beispiel geschrieben: Dann lass uns doch gleich nach deinem Urlaub wieder treffen“. Dabei habe ich hier das selbe gemacht, was ich immer mache, auch wenn ich „zu hause“ bin:
Ich war viel mobil unterwegs, halt nicht mit dem Fahrrad. Und habe gelernt, gearbeitet, geschrieben und das Leben genossen … Und getwittert. Gestern zum Beispiel vor 11 Stunden auf meinen Account rolandduerre (https://twitter.com/RolandDuerre):


Mein Leben ist ein Urlaub auf diesem schönen Planeten Erde – so eine Art travel&work on earth.
zum


Dieser Gedanke mich lässt nicht los, so berichte ich ihn hier.

Ist mein ganzes Leben nicht nur einziger „Urlaub“ auf dem Planeten Erde?

66 Jahre durfte ich hier verbringen. Ich bin sehr freundlich empfangen worden. Dann kamen in meiner Erinnerung allerdings ein paar Jahre, in denen ich erzogen, gebildet und zu einem guten und leistungsfähigen Menschen ausgerichtet werden sollte. Sogar in einer (medizinischen) Gips-Schale musste ich schlafen – um meinen „Morbus Scheuermann“ zu korrigieren. Da war Schluss mit der Freude am Kindsein. Ich war unglücklich, weil man mich zu etwas machen wollte, das ich nicht wollte und auch nicht verstanden habe. Öfters habe ich den Satz gehört:
„Aus dir wird nie etwas, wenn Du so weiter machst!“
Glücklicherweise habe ich zumindest ein wenig so „weiter gemacht“ und hätte es rückblickend noch viel mehr tun sollen. Und dann kamen fünfzig überwiegend sehr schöne Jahre. Jetzt bleiben nur noch deutlich weniger Jahre, als ich sie hinter mir habe. Wie jetzt auf unserer Griechenlandreise die Tage.

So bin ich fest entschlossen, die letzten Tage meiner Reise durch die Kykladen genauso zu genießen wie die vielleicht noch kommenden Jahre meines Lebens. Aber auch zu nutzen. Für’s glücklich Sein und für mein Projekt FRIEDEN.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 23. April 2016

Neue Barcamps braucht das Land!

Jetzt weiß ich, warum meine Begeisterung für Barcamps nachlässt …

PM_BannerDiese Woche war ich beim ersten (!) Barcamp eingeladen, das einer der ganz großen deutschen Weltkonzerne in seinem Unternehmen veranstaltete. Die „Unkonferenz“ galt als Experiment und hatte als Thema eines der modernen „Führungsprinzipien“.

Man wollte mal etwas Neues ausprobieren und hat dazu zirka 50 interne Mitarbeiter und ein paar externe eingeladen (einer davon war ja ich). Die Mitarbeiter aus dem Konzern waren fast alles junge „high potentials“, darunter viele persönliche Assistent*innen von Vorständen bzw. Bereichs- oder Produktverantwortlichen.

Von den Freiheitsgraden war das Barcamp ein wenig eingeschränkt. So wurde das „Prinzip der Füße“ und die Rollen der „Schmetterlinge und Bienen“ bewusst nicht formuliert. Ich habe nachgefragt, die Veranstalter waren in der Sorge – nach meiner Meinung zu unrecht, dass es dann dass doch zu viel der Innovation sein könne.

Aber: Die Veranstaltung war wahnsinnig gut.

Ich hatte den Eindruck, dass nach kurzer Skepsis alle Teilnehmer richtig begeistert mit gemacht haben. Und dass es für alle eine tolle Geschichte war. Kein einziger der Teilnehmer hatte sich explizit mit einem Vortrag oder ähnlichem vorbereitet! So haben alle Sessionsgeber nach kurzem Nachdenken spontan ihre Probleme, Sorgen und auch Erlebnisse formuliert. Und das kam an – so wurde in allen Sessions immer an Themen gearbeitet, die wohl brennend wichtig und sehr spannend waren.

Ich habe auch wieder mal viel gelernt und war froh, dabei gewesen zu sein. Besonders habe ich viel besser verstanden, wie große Konzerne heute betreffend Führung und Management ticken. Als Wissens-Beifang wurde mir auch bewusst, dass es tatsächlich in der Regel nicht mehr darum geht, Produkte zu kreieren, die den Kunden nutzen. Denn als erstes geht es um die Bewertung, ob es im Markt noch Bereiche gibt, die unterversorgt sind („produktfreie“ Lücken), von denen jedoch eine Mehrheit der befragten Menschen glaubt, das man so etwas brauchen kann.

Wenn diese Bedingung erfüllt ist, dann geht es nur noch darum, ob es eine gute Marketing-Strategie und ein Vermarktungs-Konzept gibt, dass wesentliche Skalierung und gute Profitabilität (Herstellungskosten / durchsetzbarer Preis) ermöglicht. Dass der Nutzen eines Produkts bei der kreativen Planung so gar keine Rolle mehr spielt, hat mich dann doch ein wenig entsetzt.

Eine (indirekte und) für mich persönlich wichtige Erkenntnis war aber (und deswegen schreibe ich hier), dass mir auf diesem „Konzern-Barcamp“ klar wurde, warum ich immer barcamp-müder werde:

Je länger es ein barcamp gibt, desto mehr Menschen kommen mit vorbereiteten Themen und formulieren nicht mehr spontan und/oder im Kontext des Geschehens ihre Anliegen.

pmcamp3Diese Tendenz sehe ich leider auch immer mehr bei meinen ehemals so richtig geliebten PM-Camps, denen ich bisher immer treu die Stange gehalten habe. Und bin dann mittlerweile am meisten im Kaffeeraum und rede mit den vielen tollen Menschen, die da immer da sind. Auch meine ich bei anderen barcamps zu sehen, dass jedes Jahr die „konfektionierten“ Sessions immer mehr werden und so die Unkonferenz sich nur noch aufgrund ihrer Format-bedingten Freiheit ein wenig von einer guten klassischen Konferenz unterscheidet.

Ein Lösungsansatz könnte so sein:
a) Deutlich zu kommunizieren, dass es besser ist, wenn wir auf barcamps wieder den Moment wirken lassen und sich ausschließlich spontan und aus der eigenen und gemeinsamen Erkenntnis-Situation heraus Sessions anbietet und
b) Die Planungsphasen iterativer und „gemeinsamer“ zu gestalten
(also am Morgen nur die Sessions für den Vormittag festlegen, dann im Forum kurz zu reflektieren, was passiert ist und wie man das am Besten fortsetzen kann).

Die immer wiederkehrende Gradwanderung zwischen individuell (allein) und kollektiv (gemeinsam)  und zwischen agil und im voraus geplant ist sicher nicht einfach hinzukriegen. Aber wir müssen es immer wieder versuchen.

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 11. März 2016

„Inspect-and-A­dapt“ deine Schätzungen!

td-logoIch gehe immer gerne zum TechTalk der Techdivision in München. Das ist eine für mich attraktive Veranstaltung, die mein Freund und PM-Camp-Komplize Sacha Storz organisiert. Der nächste Termin ist am Mittwoch, den 16. März 2016 von 19:00 bis 20:30. Das Ende ist früher als sonst, damit die Besucher die Möglichkeit haben, rechtzeitig zum Bayern-Spiel vor dem Fernseher zu sein. Die Veranstaltung findet in den Räumen der TechDivision in der Balanstr. 73 (Haus 8, 3 OG) in 81541 München statt.

Hier die offizielle Ankündigung:

In der agilen Softwareentwicklungen nehmen Schätzungen von User Stories in der Planung eines Projektes eine zentrale Rolle ein. So führen ungenaue Schätzungen beispielsweise zu Überschreitungen des geplanten Budgets und des angedachten Zeitraums.

In einer Studie bei der TechDivision untersuchten wir die User Story Schätzungen in vier verschiedenen Projekten. Das Ziel dabei: Probleme identifizieren & Verbesserungen einbringen. Ein bekanntes Prinzip – denn schließlich gilt Scrum selber auch als ein „Inspect-and-Adapt“ Framework.

Aber: Wie könnte so etwas in Bezug auf Schätzungen aussehen? Und wie stehen die Ergebnisse der Studie in Bezug zur Diskussion um #NoEstimates?

Ich finde das Thema sehr interessant, bin ich doch ein Anhänger der sicher ein wenig provokanten These „Don’t estimate“ und kann dies auch trefflich begründen. Zusätzlich motiviert mich, dass mein Sohn Rupert der Vortragende ist.

Zum Redner:
imagesRupert Dürre ist als Consultant bei der schwedischen IT-Beratung Netlight tätig. Dabei interessiert er sich für unterschiedliche Bereiche in der agilen Softwareentwicklung vom Requirement Engineering, verschiedenen Entwicklungspraktiken bis hin zu der Fragee, wie man Teams organisieren könnte, um eine effektive Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Anmeldung:
Die Veranstaltung ist kostenfrei, um Anmeldung wird gebeten. Hier geht es zur Website der Veranstaltung.

Dann bin ich mal um am nächsten Mittwoch um 19:00 in der Balanstraße und freue mich, wenn ich dort viele Freunde treffe!

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 6. März 2016

Handeln!

Ich zitiere dreimal Seneca:

Seneca, part of double-herm in Antikensammlung Berlin (wikipedia)

Seneca, part of double-herm in Antikensammlung Berlin (wikipedia)

Die Philosophie lehrt handeln, nicht reden!
oder
Unsere Worte sollen nicht unterhalten, sondern wirken!
oder
Nicht schwätzen sondern steuern!

Seneca war ein wichtiger Lehrer und Denker des alten Roms. Wenn ich die Geschichte richtig interpretiere, wollte er seinen Schülern helfen, ein wenig erfolgreicher und glücklicher zu werden. Ein schönes Ziel, dass ich mir für meine Mitmenschen auch gerne zu eigen mache.

Im letzten Jahr war ich wieder viel unterwegs. Ich hatte schöne Tage in einem mich begeisternden Philosophie-Kolloquium mit Klaus-Jürgen Grün (Philkoll). In der Jury beim Business Plan Wettbewerb habe ich soviel Neues erfahren. Auf mehreren PM-Camps habe ich Erfahrung und Wissen mit vielen Menschen geteilt. Viele peer-to-peer-Treffen mit Freunden, „Mentés“, jungen Leuten von Startups und vielen mehr haben mich ganz neue Welten erfahren lassen.

🙂 Insgesamt habe wieder mal mehr gelernt als je zuvor. Und fast erdrückt mich, was ich alles weiß. Und das, obwohl ich weiß, dass ich eigentlich nichts weiß. Und so auch nicht weiß, wie ich mein Wissen einsetzen soll. Das ist schlimm, weil ich irgendwie die Nase voll habe vom Denken und Reden!

Ich möchte etwas Tun! Gemeinsam mit Freunden in einen kooperativen Flow hineingeraten, der etwas bewirkt! Und die richtigen Ergebnisse bringt. Die uns und andere begeistern. Die man umsetzen kann.

Also:
Kein Philosophie-Seminar mehr, von dem ich zwar mit vollem Herzen heimkomme, aber gar nicht so richtig weiß, mit wem ich all das aufregend Neue teilen soll, das mich so beeindruckt. Kein Barcamp mehr, auf dem ich zwar noch mehr hoch sympathische und kluge Menschen kennenlerne, die sich aber letztendlich alle doch überwiegend gegenseitig bestätigen und aus dieser Gemeinsamkeit heraus glücklich heimfahren. Weniger Zuhören und Betreuen von Gruppen oder Einzelpersonen.

Sondern:
Mehr tun und mehr handeln!

Aber wie geht das?
Da war ich zuerst mal ratlos. So habe ich mal wieder eine Anleihe bei meiner Branche genommen. Was haben wir Softworker und IT-ler doch schon alles bewirkt?! Wir haben in den Unternehmen das „Sie“ und „die Krawatte“ abgeschafft und dafür Kühlschrank und Kaffeemaschine eingeführt. Wir haben open source erfunden und das agile manifesto geschrieben. Wir haben mit extreme programming und mobprogramming begonnen und peer-to-peer-reviews gestartet. Wir haben erreicht, dass agile, lean und open gedacht wird. Und Unternehmenskulturen geschaffen, die auf Respekt und Augenhöhe basieren und in denen „Partizipation“ und „Fehlertoleranz“ keine Fremdworte sind.

Und wir haben auch das Hackathon erfunden. Da treffen sich tüchtige Programmierer mit ihren Laptops am Wochenende, bauen ihr WLAN auf und schreiben zum Beispiel eine Software für eine NGO. Die dann schon am Montag läuft und beim nächsten Hackathon weiterentwickelt wird.

Das gibt es übrigens jetzt auch jenseits der IT. Kenne ich doch ein Beratungsunternehmen, da nehmen die Herren Berater einmal im Jahr Auszeit und sich dann ein langes Wochenende treffen, um z.B. mit professioneller Anleitung ein Gebäude für einen Kindergarten zu bauen. Das gefällt mir!

Könnten man so z.B. eine Art Hackathon machen, das als Ergebnis aber nicht eine Software sondern einen tollen Businessplan hat? Der aus zwei Komponenten besteht – aus der Geschäftsidee und der Umsetzung? Könnte man auf diese Art nicht auch einen Beitrag leisten, der die zum Beispiel zweifelsfrei durch Flüchtlinge entstehenden Probleme in Positives zu verwandeln kann? Und so wieder zum Beispiel die Voraussetzung für Kreierung von „Flüchtlingsunternehmen“ schafft?

Man müsste doch vorher nur ein paar wichtige Bedingungen festlegen.

  • Das Flüchtlings-Unternehmen muss dem Gemeinwohl dienen. Damit die Menschen erkennen, dass da etwas positives passiert, das allen hilft.
  • Das Flüchtlings-Unternehmen darf etablierten Strukturen keine Konkurrenz machen. Weil es dann gleich wieder einen großen und nicht sehr produktiven Ärger gibt.
  • Die Mitarbeiter aus den Kreisen der Mitarbeiter müssen im Unternehmen eine Arbeit, die die Würde der Menschen respektiert und
  • Das Flüchtlings-Unternehmen muss sich selbst organisieren und steuern. D.h. es darf kein Management von außen geben. Der Beitrag erfahrener Unternehmer und Manager darf also kein operativer sein sondern muss sich auf die Hilfe zur Selbsthilfe beschränken, also aufs coachen & beraten.

Was können wir also machen?

Wir (20 – 30 Unternehmer, Manager und Expergen) treffen uns zu einer Art von „Hackathon“. Dort wird aber nicht programmiert, sondern ein Businessplan erstellt. Zwei Tage lang, in Klausur. Am ersten Tag kreieren wir die Geschäftsidee. Und spätestens am zweiten Tag erarbeiten wir die Umsetzung. Nennen wir so eine Veranstaltung mal StartMaker. Dazu brauchen wir nur 2 Tage – und die richtigen Leute. Ein paar davon kenne ich schon. Und bin sicher, dass da tolles Entstehen kann.

Was haltet Ihr davon?

RMD

Roland Dürre
Montag, der 25. Januar 2016

Demokratische Meinungsbildung und -findung

Bild vom wunderbaren PM-Camp in Zürich.

Bild vom wunderbaren PM-Camp in Zürich.

Seit dem ich denken kann beeindruckt und verwirrt mich meine eigene Spezies. Wie sie liebt und hasst. Wie sie gemeinsam ausgelassen feiert und trauert. Wie sie sich wegen völlig unsinniger Konstrukte bis auf den Tod bekämpft und zu jeder Grausamkeit fähig ist. Wie sie sich streitet und zankt und dann wieder versöhnt. Wie sie sich widerspricht. Wie sie ab und zu ganz gut vorankommt und dann doch wieder zurück fällt. Wie sie an Konstrukte glaubt, die sie selber erfunden hat.

Je mehr ich gelernt habe, desto mehr erstaunen mich die Windungen der menschlichen Geschichte durch die Zeit. Über Jahrtausende ging es kreuz und quer, mal im Zickzack und immer wieder nach vorne und zurück. Es gab auch immer wieder kleine Fortschritte. Aber so richtig vorwärts gekommen sind wir nicht. Und so werden Menschen immer noch eingesperrt, zerstückelt und gequält. Und es wird geheuchelt, dass man es nicht glauben kann. Im Kollektiv wird im Namen Gottes oder des Volkes oder der Sache – wie auch immer – weiter gemordet und gebrandschatzt, so wie schon immer.

Es fasziniert, wie weit wir einerseits gekommen sind (damit meine ich die Aufklärung und ähnliche Fortschritte), was wir technologisch alles für tolle Spielzeuge entwickelt haben und wie absolut rückständig und un-weise (dumm) wir gleichzeitig geblieben sind. Und wie wir es ganz normal finden, dass wir dabei sind, ganz selbstverständlich unseren Planeten (und uns selber) zu zerstören. Obwohl ein anderes Leben wahrscheinlich viel schöner wäre.

Gerade im Kollektiv erscheinen wir mir so dumm, wie es ein einzelner gar nicht sein kann. So kann man getrost mit Gunter Dueck von einer ganz besonderen Schwarmdummheit sprechen. Dummheit als Gegenteil von Weisheit.

Trotz dieser bedrohenden Realität habe ich mir die Utopie einer gerechten Gesellschaft frei von Strafe und ohne Gewalt und Krieg bewahrt. Aber wie könnten wir dahin kommen? Wenn, dann doch nur durch Kommunikation und Verständigung.

Wäre es also nicht schön, wenn wir es schaffen würden, in Teams und Gruppen im Konsens friedlich Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen aller Art zu finden? Und diese dann auch noch gemeinsam umsetzen würden? Nach dem Motto Senecas:

Philosophie heißt nicht Reden sondern Handeln?

Meetings sind ja – wie wir täglich erleben – nicht das probate Mittel um voran zu kommen. Vielleicht geht es noch am besten mit peer-to-peer-Treffen, fixiert auf ein konkretes Thema. Denn alles beginnt zu zweit. Aber da fehlt dann der Gruppen- oder Team-Effekt.

So hat Habermas schon vor vielleicht 50 Jahren den redlichen Diskurs definiert. Den habe ich im Vortrag „Der Wandel im Management“ (am Ende des Artikel) beschrieben. Und dem sind wir hier und da schon ein wenig näher gekommen.

PMCampDOR Intro 2015Auch die Kollegen von Art of Hosting machen mir Mut, so wie auch die PM-Camps, bei denen ich dabei sein durfte.

Barcamps sind ganz „einfache“ Veranstaltungen. Die Gastgeber schaffen einen Rahmen, damit ihre Gäste gute Gespräche führen können. Die Menschen, die kommen, sind die richtigen und werden zu Teilgebern. Und bestimmen, wohin es geht. Es ist eine Un-Konferenz, das demokratische Gegenteil der Konferenz.

Barcamps oder ähnliche Formate wie „Open Space“ sind etwas Wertvolles. Tausende finden in Deutschland im Jahr statt. Zu vielen Themen: Mal geht es um die Wiederbelegung des Leben in der Stadt oder um die Lösung sozialer Herausforderungen. Weiter auf Barcamps beliebte Themen sind Arbeitswelt, Bildung, Familie, Forschung, Geschlechter, Gesellschaft, Gesundheit, Innovation, Leben, Mobilität, Unternehmertum, Veränderung, Vielfalt, Zukunft und vieles, vieles mehr.

Oft meine ich, dass es kein wichtiges Thema gibt, zu dem es nicht irgendwo ein passendes Barcamp gibt. Und mir wird immer mehr klar, dass es die Summe von Unkonferenzen wie Barcamps sind, mit denen Menschen Einfluss nehmen Zukunft gestalten können. Denn dort kommen Menschen zusammen, die gemeinsam Wissen und Erfahrung teilen – und sich dabei vernetzen!

Weil die vielen Barcamps so wichtig sind, bin ich froh, dass ich noch von keinem faschistischen oder rechtsradikalen Barcamp gehört habe. Kann es sein, dass die Methodik des Barcamps und „Faschismus“ sich widersprechen und gegenseitig ausschließen? Wäre das nicht wunderschön?

Meinem Freund und Partner Eberhard Huber habe ich diese Gedanken berichtet. Er hat mir dazu geschrieben:

Ich denke, dass sich Faschismus und Barcamp widersprechen. Faschismus ist immer mit einer Lehre verknüpft, die immer einen absoluten Wahrheitsanspruch hat. Lehren mit Wahrheitsanspruch brauchen Propheten, denen man zuhört. Der Status des Propheten könnte bei einer offenem Diskussion wie auf einem Barcamp nur bröckeln.

Das gibt doch Hoffnung. Und vielleicht gelingt es uns so doch eines Tages, die Bedingung von Bertrand Russell zu erfüllen. Der hat mal gesagt:

» Jeder Zuwachs an Technik bedingt, wenn damit ein Zuwachs und nicht eine Schmälerung des menschlichen Glücks verbunden sein soll, einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit. «

Vielleicht schaffen wir mit neuer Kommunikation und neuen Formaten, endlich zu der dringend benötigten WEISHEIT zu gelangen. Und dürfen darauf hoffen, dass wenn unsere Generation ausgestorben ist, die nächsten Generationen es besser machen können.

RMD

Hans Bonfigt
Montag, der 28. Dezember 2015

Ganz agil vorbei am Ziel

Wenn man vor lauter Meta-Ebenen den Boden der Tatsachen nicht mehr sieht …

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Nur etwa 20 Prozent aller Softwareprojekte funktionieren so, daß sie die Anforderungen erfüllen. Mit anderen Worten: Die Ausschußquote beträgt 80 Prozent:

  • 20% der Projekte scheitern, weil schlichtweg so falsch geplant wurde, daß sie gar nicht zu realisieren sind
  • 20% scheitern an Kommunikationsproblemen zwischen Auftraggeber und Entwickler
  • 20% werden aufgrund von Selbstüberschätzung der Entwickler nicht fertig und
  • 20% verenden, weil eingebundene Module von Drittanbietern nicht das leisten, was erwartet wurde

Von den verbleibenden 20 Prozent kann man mehr als die Hälfte getrost in die Tonne hauen, weil es entweder an Stabilität oder an Performance mangelt.

Nur in zehn von hundert Fällen liefern Softwarefirmen also das ab, was erwartet wurde – eine erschreckende Bilanz, die noch furchtbarer aussieht, wenn man das Kriterium „Termintreue“ hinzuzieht.

„Da muß doch ‚was zu machen sein“, dachten sich viele Leute, und der Schuldige war ganz schnell ausgemacht:

Der Wasserfall.

„Bitte reinigen Sie mein Auto“, mit diesen Worten übergab ein Firmenchef etwa zweimal im Monat den Mercedes-Schlüssel an seinen Prokuristen. Bevor hier Zweifel entstehen: Diese Abläufe habe ich Ende der 80er Jahre mehrfach persönlich erleben dürfen. Der Prokurist sah das Fahrzeug nach evtl. darin verbliebenen vertraulichen Dokumenten oder kompromittierenden Gegenständen durch und übergab den Auftrag an den Buchhaltungsleiter, der wiederum delegierte an seinen Chefbuchhalter, welcher seinerseits einen Lehrling verdonnerte. Am Samstagmittag reiste zuerst der Buchhalter an, um die Arbeit des Lehrlings zu begutachten, das Fahrzeug auf eventuelle Beschädigungen zu prüfen und danach erforderlichenfalls noch einmal selber Hand anzulegen. Kurze Zeit später holte dann der Buchhaltungsleiter das Gefährt ab, verbrachte es in die Remise des Chefs, wo bereits der Prokurist wartete, um die evtl. entnommenen Gegenstände wieder einzulegen sowie den Schlüssel persönlich an seinen Gebieter zurückzuüberstellen.

Besonders effizient war das sicherlich nicht. Dummerweise jedoch wurden und werden viele Softwareprojekte nach diesem Schema abgewickelt. Denn die Theorie ist äußerst verlockend:

  • „Oben“ gibt es wenige, die den nötigen Überblick  und damit den Kopf frei haben für die wirklich strategischen Entscheidungen
  • „In der Mitte“ können die taktischen Entscheidungen auf mehrere kompetente Spezialisten aufgeteilt werden und
  • „unten“ kann die zeitaufwendige Codierarbeit von vielen, ggfs. austauschbaren Programmierern schnell erledigt werden.

Das hört sich zunächst einmal schlüssig an. Und um es klar zu sagen: So hat das früher auch einmal funktioniert, und zwar erstaunlich gut. Es bleibt aber nichts, wie es war.

Eins vorweg: Eine monokausale Erklärung, warum der „Wasserfall“ nicht mehr so funktioniert wie früher, kann für solch ein komplexes Phänomen niemals ausreichen. Die nachfolgende Polemik, soweit möchte ich mich aber doch vorwagen, „erschlägt“ einen nicht ganz so kleinen Anteil der Fälle.

Der Ärger fing an mit der Verbreitung des PC. Bevor diese scheußlichen Kisten den Massenmarkt überschwemmten, besaßen Unternehmen typischerweise eine einzige Rechenanlage, und die war extrem wichtig. Deswegen wurde diese gehegt und gepflegt, und zwar von einem gut aufeinander abgestimmten, qualifizierten Team. Es dauerte mitunter Jahre, bis ein neuer Mitarbeiter administrative Rechte bekam. Der Beruf des „Admins“ oder des „Programmierers“ war geprägt von Kontemplativität. Die Maschine zeigte einem oft und unnachgiebig die eigenen Fehler und Grenzen auf, andererseits aber forderte sie häufig, daß man ihre eigenen, zumeist durch die Hardware „eisern“ festgelegten Restriktionen mit neuen Verfahren neutralisierte. Dazu mußte man dieses Ding gut kennen. Ein Assemblerlauf dauerte gerne auch einmal 2 1/2 Stunden, Fehler im Quellcode gab es immer und wer da nicht zwischen den Tests im Maschinencode „patchen“ konnte, der assemblierte sich zu Tode. Das galt sinngemäß für „Hochsprachen“, und so war es selbstverständlich, daß man sehr genau wußte, was genau ein Compiler aus einer PERFORM- oder COMPUTE – Anweisung machte. Man war auch gezwungen, sich bei der Lösung eines Teilproblems genau zu überlegen,

  • soll es besonders schnell ausgeführt werden,
  • soll es möglichst wenig Hauptspeicher belegen (ein unwahrscheinlich wichtiges Kriterium seinerzeit) oder
  • soll es möglichst portabel und, fast immer damit einhergehend, selbstdokumentierend sein?

Unterließ man diese Vorüberlegungen, fiel einem schon das Teilproblem fast unweigerlich schmerzhaft auf die Füße.  Manchmal mußte man auch noch sehr „hardwareschonend“ programmieren, beispielsweise ein eigenes Caching implementieren, um Platten-, Disketten- und vor allen Dingen Bandeinheiten vor frühem Verschleiß zu schützen.

Seit langem arbeite ich in einem Unternehmen, welches nicht nur „Computerprogramme“, sondern manchmal auch komplette Anlagensteuerungen beispielsweise zur Polyesterextrusion entwickelt – vom Steuerprogramm selbst bis zu angepaßter Sensorik und Aktuatorik; wenn es irgendwie geht, verdrahte ich auch die Schaltschränke selbst. Typischerweise übernimmt bei größeren Anlagen der Steuerungsbauer auch die Rolle des Anfahrleiters. Bei der Erstinbetriebnahme, wo aufgrund kleinster Fehler ausgesprochen rohe Kräfte sehr sinnlos, dafür aber umso verheerender walten können, muß man sich auf seine Teamgefährten, aber auch auf die eigene Arbeit hundertprozentig verlassen können. Ein einziges verdächtiges Geräusch, rechtzeitig erkannt und richtig interpretiert, kann enormen Schaden verhindern. Dazu braucht man Menschen mit Erfahrung, Sorgfalt, Vorsicht und Demut.

Nun kamen in den 90ern die scheußlichen „PC“s auf den Markt, und urplötzlich war jeder sein eigener Admin und jeder präsentierte stolz irgendeine heimgebackene Detaillösung, die unter bestimmten Umständen sogar dann und wann funktionierte. Es begann eine grauenvolle Zeit der „dezentralen EDV“, in der jeder Mitarbeiter so eine Daddelkiste unter dem Schreibtisch hatte und auch gerne daran herumschraubte. Das „Fachpersonal“ nutzte die neuen, eigentlich bis heute vielfach völlig unnötigen graphischen Fähigkeiten der Geräte für immer albernere Spiele. Das Hauptproblem bei dieser Entwicklung hat mir einmal eine Psychologin erklärt:Wissen Sie, gern läßt sich eine verlassene Frau von einem Verehrer trösten — doch sie wird nie etwas mit diesem anfangen, nach dem Motto, „Wo ich kotze, eß ich nicht“. Es gibt aber nicht nur den Dipol „kotzen – essen“, sondern auch den Dipol „Spiel und Spaß — Arbeit und Verantwortung“

Vielleicht lag es daran: Wirklich ernsthaftes Arbeiten an PCs habe ich nie erlebt. Es hing ja auch keine Verantwortung daran: Wenn so ein Ding abschmierte, dann war der Schaden lokal begrenzt und alsbald festigte sich ein allgemeines Vorurteil, daß Computer nun einmal von Zeit zu Zeit gerne abstürzen – so einfach ist das. Irgendwelche Maschinen wurden auch nicht mit den Büchsen betrieben, also konnte auch niemand zu Schaden kommen.

Wo keine Verantwortung, da auch keine (Selbst-)Disziplin. Dieses Wort wird m.E. viel zu stark verteufelt, indem es in die autoritäre Ecke gedrängt wird. Dabei leitet es sich aus dem lateinischen ‚discipulus‘ ab, übersetzt am besten mit „Schüler“. Disziplin im positiven Sinne heißt Lernwillen, heißt auch, zunächst einmal deskriptiv anstatt normativ zu arbeiten.

In der PC-Szene will aber

  • jeder
  • immer
  • alles
  • sofort

mit „seinem“ Computer machen, und das knallt schon dann, wenn er alleine an seiner Daddelkiste sitzt, denn „machen wollen“ heißt ja noch lange nicht „machen können“. „Niedere“ Arbeiten haßt der Computerbeherrscher, welcher sich gern mit Künstlernamen wie „Merlin“ oder Bezeichnungen wie „Geek“ schmückt, von ganzen Herzen und besteht darauf, diese an die unwürdigen „User“ zu delegieren. Dabei ist gerade die handwerkliche Seite der Softwareentwicklung von größter Bedeutung. Genau so, wie es keine „minderwertigen Menschen“ gibt, gibt es auch keine „minderwertigen Arbeiten“. Richtig verheerend wird es dann, wenn viele Möchtegern-Herrscher, -Künstler und -Genies gemeinsam an einem Projekt arbeiten müssen, womöglich auch noch auf ein- und derselben Kiste.

Lieber Leser, soweit Sie es bis hierhin geschafft haben: Also, wenn Sie mich fragen, dann ist es in einer solchen Konstellation sehr erstaunlich, daß überhaupt fünf bis zehn Prozent brauchbare Produkte aus einer solchen Situation resultieren können.

Und deswegen haben ganz schlaue Menschen das „Projektmanagement“ erfunden, und eine Untergruppe dieser Menschen hat das „Agile Manifesto“ aus der Taufe gehoben:

Individuen und Interaktionen über Prozesse und Werkzeuge
Funktionierende Software über umfassende Dokumentation
Zusammenarbeit mit dem Kunden über Vertragsverhandlung
Reagieren auf Veränderung über Befolgen eines Plans

Hört sich gut an, nicht wahr? Oder sind Sie selber Softwareentwickler und sehen da vier dicke fette Ausreden von cleveren Böcken, die den Gärtner geben wollen?

 

Wie auch immer – irgendwann erwischt es jeden. Und hier mein ungeschminkter Erlebnisbericht „aus der neuen Welt“:

Es ist noch früh, als ich beim Kunden auflaufe, ich bin zum erstenmal dort. Man hat dort Probleme, ein selbstentwickeltes Programm auf die IBM POWER-Architektur zu portieren. Der Kontakt kommt über IBM zustande.

Man geleitet mich in einen größeren Konferenzraum. Dort sitzen schon vier Leute, jeder versteckt sich hinter seinem Rechner, drei „Apple“, ein „Vaio“. Rechts daneben haben alle „Smartphones“ neben sich liegen. Ich sage vernehmlich Guten Morgen, bekomme etwas zurückgenuschelt (der Stuttgarter Einheimischenslang ist schwierig) und setze mich auf einen der freien Plätze. Lege mir Block und Druckbleistift zurecht und prüfe nochmal, ob das Mobiltelephon ausgeschaltet ist.

Die Empfangsdame war ein junger Mann und entsprechend wurde mir kein Kaffee angeboten. Auch keiner der Anwesenden fühlt sich bemüßigt, einem Gast, der etwa 700 Km weit angereist ist, irgendetwas anzubieten. Irgendwann kommt eine junge Frau, welche im bald beginnenden Rollenspiel die „Project Owner“ gibt. Das ist die bedauernswerte Person, die den Ärger mit den Endkunden hat. Nett angezogen, spricht hochdeutsch und war wohl die, die angeregt hat, einen Externen hinzuzuziehen. Das genaue Gegenteil ist die „Scrum Mistress“, die den „Spielablauf“ steuert.

Letztere stellt mich vor, ich sei von außerhalb und könne vielleicht helfen. „Wo haben Sie Ihr Notebook?“ fragt sie mich, worauf ich antworte, „Ich bin zum Arbeiten hier“. Als das kollektive Getipsel abrupt aufhört, wird mir klar, daß von den mittlerweile 12 anwesenden Personen 11 so ein Knaddeldaddel vor sich haben.

„Aber ein Kaffee wäre nicht schlecht“, versuche ich den gelungenen ersten Eindruck noch zu toppen.

Am Klondike

„… dwelt a miner, fourtiy-niner, and his daughter Clementine“: Im Rahmen einer Agilen Retrospektive soll ich Projekt und Status erfassen. Ein mühsames Geschäft: Ich komme mir wirklich vor wie ein mäßig erfolgreicher Goldgräber, der Fakten-Nuggets aus dem Informationsstrom filtert. Zwei anstrengende Stunden brauche ich, um zu erfassen, worum es eigentlich geht:

Gescannte Dokumente (die SCRUM-Drum sagt immer „eingescannte“) sollen aufgrund von darauf befindlichen Barcodes automatisch bestimmten Anwendungen zugeordnet werden, typischerweise den Anwendungen, welche für die Barcodes verantwortlich waren. Auf den ersten Blick hört sich das blödsinnig an, aber in der Praxis ist dies sehr wichtig, weil im täglichen Betrieb sehr viele maschinell erstellten Belege später, teilweise durch Kunden und Partner, modifiziert oder signiert werden. Der Scanner also als „Datenklo“, wo man alle anfallenden Belege ‚reinsteckt nach dem Motto, „den Scheiß bin ich erst mal los“.

Es wird ungefähr 65.536 mal versichert, daß das Datenklo im eigenen Hause prima funktioniere, bloß nicht auf dem bösen Zielrechner des Distributors.

Der Überblick fehlt: Es gibt niemanden, der mir, quasi in Form eines Blockdiagramms, die beteiligten Module auf die Reihe bringen kann.

Wo viele verantwortlich sind, ist es am Ende keiner mehr: Eine Testmaschine im Hause existiert nicht! Mir bleibt der Mund offen stehen (aber nur kurz, danach frage ich zur Sicherheit nach, ob ich mich hier in einer Softwarebude befinde oder bei einem rheinischen Tuntenballett – für letzteres spreche nicht nur die hohe Anzahl an Apple-Geräten). Auch der „PO“ scheint der Umstand, daß man nicht einmal eine Testmaschine vor Ort hat, völlig neu zu sein: Ihr angenehmer Teint bekommt eine Spur Purpur dazu. Die SCRUM – Drummerin dagegen bekommt rote Flecken im Gesicht und meint, das sei genau richtig und beabsichtigt so und außerdem stehe die Inbetriebnahme einer Testmaschine auch in den Anlagen zum „Burn-Down-Chart„.

Studieren geht über Probieren: Auf dem Burnout-Chart kann man sehen, wieviele Aufgaben noch erledigt werden müssen. Dabei hat man das gleiche Problem wie ein Mikroprozessor mit seinem Instruktionsstrom: Wie vielen älteren Menschen bekannt, wird eine Instruktion ja nicht in einem Takt vom Rechner abgearbeitet, sondern durchläuft typischerweise zwischen 16 und 24 „Bearbeitungsstufen“. Wenn die „Pipeline“ erst einmal gefüllt ist, fällt mit jedem Takt eine abgearbeitete Instruktion an (also, jetzt nicht bei Intel und Konsorten, sondern bei ordentlichen Konzepten). Dumm nur: Manchmal gibt es Sprünge innerhalb eines Programmes und dann heißt es für die Pipeline, die bisher linear nachgeladen hatte: „Zurück auf Start, alle Planung war für’n Arsch“. Fast genauso schlimm wirkt sich die sehr häufig vorkommende Situation aus, die entsteht, wenn aufeinanderfolgende Arbeitsschritte voneinander abhängig sind:

Dann muß halt so lange gewartet werden, bis der Vorgänger fertig ist. (Ja, ‚branch prediktion‘ ist mir ebenso bekannt wie ’superpipelining‘, hier geht es ums Prinzip). Mit dem Burnout-Chart wird geplant wie mit einem schlecht konfigurierten SAP-System, indem davon ausgegangen wird, daß alle Arbeitsschritte gleichzeitig und voneinander unabhängig seien. Ein Anstreicher kann aber kein Haus anstreichen, dessen Mauern noch nicht gesetzt sind. Die ganzen Schätzungen fallen wie ein Kartenhaus zusammen, wenn es, wie jetzt, einmal ernsthaft klemmt und keine Auswege da sind. Bevor man detailreich etwas postuliert, heißt es: „Vorher ausprobiert!„.

PPPPPP: Proper Preflight Planning Prevents Poor Performance! Sonst kommt es zu einem Kollaps, den Judith Andreesen gut beschrieben hat, überdies, völlig branchenuntypisch, in einer klaren, angenehmen Sprache: Die Reißleine ziehen. Überhaupt hat sich die Autorin erkennbar viel Mühe mit ihrem Blog gemacht. Korrektur: Nicht erkennbar viel Mühe gemacht. Denn auch das zeichnet einen guten Text aus, daß er nicht nach Fronarbeit riecht, sondern leicht und angenehm daherkommt.

Not my department – oder „Schuld sind die and’ren, stellt mir keine Fragen“: Die PHP – Mannschaft meint, „was kümmert uns ein Architekturproblem, wo doch unsere Sprache genau dazu gemacht ist, um Architekturprobleme zu abstrahieren („und Zombies wie Euch zu generieren“, aber das kann ich gerade noch unterdrücken – in etwa weiß ich schon, wie weit ich zu weit gehen kann. Nicht einmal Rambo kommt ohne fremde Hilfe ans Ziel). Die Webtrottel also lehnen sich zurück und genießen die Show. Das wäre bei uns in der Firma nicht denkbar. Da packt jeder mit an, um Kollegen, denen die Krawatte klemmt, weiterzuhelfen. Nun sitzen wir übrigens schon seit gut drei Stunden zusammen – und keiner raucht! Das irritiert mich jetzt aber schon.

Selber habe ich vor 20 Jahren damit aufgehört, nicht aus prinzipiellen Erwägungen (intelligente Menschen haben sowieso aus Prinzip keine Prinzipien, weil sie sie prinzipiell nicht brauchen. Doch ich wollte einmal im Leben einen Kampf gegen meine eigene Fremdbestimmtheit gewinnen). Aber jetzt vermisse ich den würzigen Duft einer leckeren Zigarette. Man sitzt in einem Boot, gemeinsam raucht man eine Zigarette, die entweder die kreative Lösungsidee bringt oder, wer weiß, als legendäre „letzte Zigarette“ das gemeinsame Ende besiegelt. Da kommen Emotionen auf! Nicht: „Wir schaffen das!“, sondern: „Wir wollen das!“. Ich frage, ob es irgendwo hier einen nahegelegenen Park gibt, damit man sich die Beine vertreten kann und auf andere Gedanken kommt – die gucken mich an, als hätte ich Gruppensex vorgeschlagen.

Niedere Arbeiten – aber doch nicht für einen „Geek“! Einer meiner Mentoren und großen Vorbilder war jahrelang Leiter der Motorenentwicklung bei seinerzeit IHC, heute bekannter unter dem Namen Case. Eine seiner Thesen war, man könne sowieso nur für ganz kurze Zeit eine kreative und konstruktive Arbeit leisten. Weil man aber schlecht 90 Prozent der Arbeitszeit Pause machen kann, nimmt man sich etwas anderes vor. Und merkwürdigerweise, genau bei diesen scheinbar „untergeordneten“ Aufgaben fallen einem die besten Ideen ein – oder, nicht so schön, aber nicht weniger wichtig, man entdeckt in einem winzigen Detail einen kapitalen Showstopper. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen – wir hatten ein Problem mit der sogenannten Werkzeugsicherung eines Stanzautomaten: Die Steuerung erkannte zu spät, daß ein Werkstück in einem schnellaufenden Folgeverbundwerkzeug klemmte, der Weitertransport sorgte für Überlagerung und das gewaltige polare Massenträgheitsmoment des Schwungrades der Exzenterpresse für einen kapitalen Maschinen- und Werkzeugschaden.

Mein Mentor „verdonnerte“ mich, die Maschine zu reparieren. Allein. Eine Drecksarbeit, nicht ungefährlich noch dazu. Beim Zerlegen der Drehkeilkupplung, welche die kraftschlüssige Verbindung zwischen Exzenter und Schwungrad herstellt, wurde mir klar, daß diese Verbindung bei einfacher Modifikation der Pneumatik auch noch zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt getrennt werden konnte. Glücklicherweise hat das Unternehmen, für das ich arbeitete, bis heute noch einen Werkzeugbau und wir fertigten modifizierte Steuerkulissen und andere Komponenten selbst an. Der Leiter des Werkzeugbaus, obwohl kurz vor der Pensionierung, war mit Feuereifer bei der Sache. Nach drei Tagen lief die Maschine wieder und jahrelang gab es keinen Bruch mehr. Mein Mentor sah mich schräg an und meinte, „Das hätten Sie nie hinbekommen, wenn ich Sie nicht genötigt hätte, die Maschine selbst auseinander zunehmen“. Diese Erfahrung ist der Grund dafür, weshalb ich auch heute noch ganz gern das eine oder andere Modul selbst programmiere. Und sehr gerne irgendwelche Dinge zusammenlöte oder -schraube.

Peer Review: Nach einigem Suchen finden wir einige verdächtige „Hilfsprogramme“, welche aus einer Linux-Distribution stammen. Eines ist mir besonders suspekt. In C geschrieben, gespickt mit Abscheulichkeiten. Mein alter Deutschlehrer brachte mir eine interessante Definition nahe, „Kunst ist die konsequente Umsetzung eines Prinzips“. Hier war die Umsetzung so kaputt, daß das Prinzip angegriffen sein mußte. So wurde zum Beispiel abgefragt,

if (3==i) …

Irgendwelche Germanisten und Nichtprogrammierer haben sich das ausgedacht: Weil ausgemachte Anfänger in den ersten Tagen gern eine Wertzuweisung (=) mit einem Vergleichsoperator (==) vertauschen, wird doch allen Ernstes empfohlen, anstatt des lesbaren und unmittelbar verstehbaren ‚if (i==3)‘ so einen Blödsinn zu schreiben wie oben, denn eine Wertzuweisung an eine Konstante legt den Compiler auf die Nase. Der Anfänger ist „geschützt“ und alle Profis müssen sich jahrelang mit unleserlichem Programmkot herumärgern. Das orientiert sich an einer Lehrpädagogik, die an ein Rennrad Hilfsräder anschraubt: „Hier:  Mit unseren Stützrädern kann keiner mehr umfallen!“. Dumm nur: Mit dem Zusatzklapparatismus macht man aus einem einspurigen Fahrzeug ein mehrspuriges. Und wenn sich ein Profi mit dem „Schutz“ einmal sportlich und schnell in eine enge Kurve legt, fliegt er buchstäblich aus der Bahn, weil er seinen Schwerpunkt nicht mehr ins Kurveninnere verlagern kann und landet im Dreck. Ganz abgesehen davon: Wer „sicher“ und „geschützt“ programmieren möchte, der macht das sinnvollerweise nicht in C, sondern beispielsweise in ADA. Die Krönung: Im vorliegenden Fall steckte auch noch ein gehöriger logischer Fehler drin, denn eigentlich gemeint war: ‚if (i >= 3)‘ …

Es geht richtig fies weiter: Nicht nur „RTL – Castings“ sind stockpeinlich, auch bei der C – Programmierung erkennt man leicht den Stümper. Aus schierem Unverständnis heraus, was Indexregister („Pointer“) sind und wie ein C-Compiler sie interpretiert, werden Werte absolut zugewiesen. So was meckert der Compiler zu Recht an. Mit einem „Cast“, dem Elixier der „Aber bei mir funktioniert es doch!“ – Generation, kann man ihn ruhig stellen. So habe ich es gerne: Zwei Zeilen vorher den Sicherheitsfanatiker herauskehren und dann sozusagen den Brandmelder ausschalten.

Die nächsten Zeilen sind ein offener Angriff auf die abendländische Kultur:

for (…) sprintf (buf,string);

Die Standardfehler, zwei fiese, mißbrauchbare Sicherheitslücken, will ich gar nicht diskutieren. Wer „PHP“ einsetzt, der braucht sich um „Security“ keine Gedanken mehr zu machen. Viel schlimmer finde ich, daß

  • es dieser „teuren“ Funktion gar nicht bedurft hätte: Es werden vier konstante Buchstaben übergeben. Die Aufbereitung dieser vier Buchstaben wird an eine extrem mächtige Funktion übergeben, die die übergebene Zeichenkette lexikalisch analysiert.
  • bei „unpassender“ Parametrierung, beispielsweise mit einem Prozentzeichen im Funktionsargument, das Programm im günstigsten Fall undefiniert auf die Nase fällt.
  • bei jedem der extrem häufigen Schleifendurchläufe die „teure“ Aufbereitung erfolgt, obwohl man dies ohne Not außerhalb dieser Schleife hätte tun können.
  • der Rückgabewert der Funktion ignoriert wird. In diesem Falle wäre das o.K. gewesen, aber dann ist man so nett und benutzt tatsächlich einmal einen „Cast“, indem man ein  ‚(void)‘  vor die Funktion schreibt, um den Compliler am Meckern zu hindern („function returns value which is always ignored“) und den Kollegen anzuzeigen, „Hier habe ich bewußt auf eine Prüfung verzichtet“.

Das Allerschlimmste aber: Die Art und Weise, wie innerhalb der (in der Realität deutlich größeren) Schleife Daten übergeben und in eine Datei geschrieben werden, macht die Portabilität des Codes in Bezug auf die sogenannte Endianness kaputt. Die aufgebohrten „386er“ PC-Prozessoren sind typischerweise „Little Endian“, Mama Blue baut typischerweise „Big Endian“. In der Ausgabe landet jetzt nicht, wie beabsichtigt, „Y800“, sondern „008Y“.

Ich erläutere meinen Verdacht und ernte: Achselzucken. Denn die einzige im Raum, die die Erläuterung kapiert, ist die „nichttechnische“ Project Owneress. Später erfahre ich, daß sie gelernte Floristin ist. Was ich immer sage, „Informatiker meiden!“.

Crisis ?  What Crisis ?

Die Masteress geht jetzt mit SCRUM — vielfach ums Problem herum:

Es wird diskutiert, ob man einen laufenden „Sprint“ abbrechen sollte, um einen neuen zu beginnen, natürlich nicht ohne „Review„. Hat die noch alle Latten am Zaun? Das erste, was man jetzt vielleicht tun sollte, frei nach dem agilen Motto, „Individuen und Interaktionen über Prozesse und Werkzeuge“: Programmkorrektur, Kurztest auf im Hause vorhandener Intel-Spielarchitektur, Testrelease auf einen richtigen Computer packen (und zwar nicht auf die Endkundenmaschine, um diesen nicht weiter zu inkommodieren), dort nochmaliger Test.

Aber weit gefehlt: „Das paßt nicht in unser Tooling„.

Bei uns in der Firma sind wir ja der Meinung, daß man nur das verantwortlich einem Kunden empfehlen kann, was man selber im Einsatz hat, insofern haben wir natürlich auch zwei IBM POWER – Maschinen am Start und im Gegensatz zur INTEL-Welt gibt es dafür auch eine brauchbare Virtualisierungsplattform – ich könnte also innerhalb von kürzester Zeit eine Testumgebung bauen.

Nur leider: „Das ist in unseren Prozessen nicht vorgesehen“.

 

Wenn’s am schönsten ist, Freunde …

… dann muß man halt gehen. Das ist nicht mehr meine Welt. Ich erkenne schlagartig, daß wir „Informationstechniker“ längst zu dem geworden sind, was wir verachtet und bekämpft haben:  Wir sind die neuen Bürokraten. Bleistiftspitzer. Bürohengste. Tintenpisser. Anstatt unseren Job zu machen, „Verwaltung von Information“, beschäftigen wir uns längst fast ausschließlich mit der Verwaltung der Verwaltung. Die eigentlichen Probleme sind ganz weit weg.

Mir fällt noch eine prima Verbalinjurie für die Mannschaft ein, aber irgendwie bin ich gerade zu traurig, um sie auszukippen. Ich bedaure also, unter den gegebenen Umständen nicht die Hilfe gewesen zu sein, die man sich erhofft habe, aber die neue Welt würde mich überfordern – ich käme mir vor wie der „Ich“ – Erzähler in Umberto Ecos spannendem Krimi „Der Name der Rose“:  „sic stat printine nomine rosa, nomina nuda tenemus“.

 

Epilog

Schon drei Tage später bekommen wir Bescheid von der „PO“: Ja, man hat den Fehler bestätigen können. Er wird aber nicht behoben, sondern man hat im „sprint review“ nach langer Diskussion vereinbart, daß der Kunde seine „offensichtlich unzulängliche“ POWER – Maschine von „Big Endian“ auf „Little Endian“ umstellen muß. Denn, so hat man bei IBM erklärt, mit der neuen Generation der POWER-Maschinen könne man das einstellen und außerdem gäbe es da ein passendes „UBUNTU“ …

 

Fazit

  1. Wasserfälle sind wunderschön.
  2. Zwei Dinge sind aktueller als jemals zuvor:  Brechts „Anachronistischer Zug“ und, hier einschlägiger als man es sich wünscht: »Jeder Zuwachs an Technik bedingt, wenn damit ein Zuwachs des menschlichen Glücks verbunden sein soll, einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit.«
  3. Endlich tut sich mir schemenhaft ein Erklärungsansatz für die epochemachenden Glanzleistungen der T-Systems auf.

Und ansonsten halte ich mich bei der Softwareentwicklung zukünftig wieder an eine Empfehlung von Eberhard v. Kuenheim:

„In großer Höhe fliegt der Adler besser allein“.

hb