Roland Dürre
Donnerstag, der 25. Juni 2015

Die Schule unserer Kinder – Erfahrungen im reichen Bayern.

Hier sehen wir das Schulgebäude, in dem meine Tochter Maresa Abitur gemacht hat und die beiden letzten Jahre ihrer Schulzeit im G8 verbracht hat. Wie alle unsere Kinder ist sie aufs Gymnasium in Ottobrunn gegangen.

So hatten wir von 1990 bis 2015 immer Kinder im Gymnasium, in einem Jahr hatten wir sogar in jeder ungeraden Klasse des G9 in Ottobrunn ein Kind (in der 5., 7., 9., 11. und 13. Klasse). Insofern haben wir eine große Erfahrung als „Kunde“ von der Bildungseinrichtung „Gymnasium“ aber auch „Grundschule“ und ich meine, ich kann bei Schule durchaus mitreden.

Das Gymnasium Ottobrunn hatten wir ausgewählt, weil es nur knapp einen Kilometer von unserem Haus in Riemerling in der Waldparkstraße entfernt war. Dort sind wir 1990 rechtzeitig zu Schulbeginn eingezogen. Da wir den Kindern keinen langen Schulweg zumuten wollten, waren  Entfernung und der Schulweg das priore Kriterium bei der Schulwahl.

20150619_110458_resizedDie Fächer in Ottobrunn haben auch gepasst, denn lebende Sprachen und Mathematik wurden angeboten. Im Hof stand sogar ein Gedenkstein, der an die Wichtigkeit von „Love and Peace“ erinnerte. Das hat mir gefallen und hat gepasst, denn so alt war die Schule gar nicht.

Der Eingang zur Kontainer-Schule in Höhenkirchen-Siegertsbrunn.

Der Eingang zur Kontainer-Schule in Höhenkirchen-Siegertsbrunn.

Im Laufe der Jahre wurde die Schule zwar größer aber nicht besser. Sie entwickelte sich halt wie viele Gymnasium hin zur unpersönlichen Lernfabrik. Aber dazu ein anderes Mal.

Heute geht es um das Gebäude, das immer mehr kaputt ging. Und noch schlimmer: Es stellte sich heraus, dass es mit Asbest oder anderen Giftstoffen verseucht war. So musste das Schulgebäude in Ottobrunn abgerissen und ein Neues gebaut werden.

Da traf es sich gut, dass in Höhenkirchen-Siegertsbrunn schon eine Container-Schule vorhanden stand. Ursprünglich ist sie wohl als Provisorium für das dortige Gymnasium gebaut worden. Ich dachte, dass dies nicht mehr gebraucht wenn, wenn das Gymnasium in Höhenkirchen-Siegertsbrunn fertig wäre.

Falsch! Denn dem Schulgebäude des Gymnasiums Neubiberg (einer Nachbargemeinde von Ottobrunn) war schon ein paar Jahre vorher das selbe Schicksal wie dem Ottobrunner wider fahren. So wurden erst die Neubiberger Schüler ausgelagert und mussten eine ganz schöne Zeitlang nach Höhenkirchen-Siegertsbrunn fahren.

Wie dann der Neubau des Neubiberger Gymnasium fertig war, durften die Neubiberger zurück und die Ottobrunner Schüler waren dran. Jetzt mussten sie in das Provisorium umziehen und sich an jedem Schultag auf die Reise nach Höhenkirchen-Siegertsbrunn machen. Und dort in die Kontainer-Schule gehen.

Das Ottobrunner Gymnasium-Gebäude wurde größten Teils abgerissen, um am selben Platz ein Neues bauen zu können. Denn eine Sanierung war angeblich kostenmäßig nicht sinnvoll.

20150619_110503_resizedFür meine Tochter hat das bedeutet, dass ihr Schulweg sich von zirka einen auf gut acht Kilometer (oder einer Fahrt mit der S-Bahn) verlängerte.

Ist eigentlich ja auch schon frech, denn wir haben ja Ottobrunn vor allem wegen der räumlichen Nähe gewählt. Und dann wird – zumindest schulisch – Ottobrunn ganz fix knapp zehn Kilometer in den Süden verlegt.

Das ist aber nicht das Schlimme! Der Hammer ist, dass die Kinder aus Ottobrunn in dem Kontainer-Provisorium viel glücklicher waren als die in dem schicken Neubau in Höhenkirchen-Siegertsbrunn gegenüber den Kontainern. Und werden es wahrscheinlich auch in den neuen Gymnasium in Neubiberg und Ottobrunn sein.

Das Grund ist, dass man im Neubau die Fenster nicht öffnen kann oder nicht darf. Denn das ist natürlich nach neuester Wärmedämm-Vorschrift gebaut – und wahrscheinlich hat da mal wieder der billigste Anbieter den Zuschlag bekommen. Gutes Klima in „modernen“ Gebäuden ist aber teuer. Da bekommt man dann schnell mal nach zwei Stunden Aufenthalt Kopfschmerzen und Schlimmeres. Und das in unserem immer näher kommenden Zeitalter der Ganztags-Schule. Mich hätte das als Kind in den Wahnsinn getrieben …

Rechts stehen die Kontainer, links das neue Gymnasium.

Rechts stehen die Kontainer, links das neue Gymnasium.

Auch die Lehrer nehmen die Gebäude-Kultur im neuen Schulhaus als sehr unangenehm war. Und freuen sich über jede Stunde Unterricht, die sie in der Container-Schule halten dürfen. Ich wollte es mal testen und war auch mal im neuen Bau. Noch kommt man ja ohne Ausweis oder Badge in die Schulen in Deutschland rein. Obwohl das wahrscheinlich in den zukünftigen Ganztagesschulen auch bald vorbei sein – aus Sicherheitsgründen. Bei meiner Besichtigung oder besser „Beschnupperung“ vor Ort hatte ich kein gutes Gefühl.

In Ottobrunn wird auch jetzt fleißig gebaut. Mitte des nächsten Schuljahres sollen die nach Höhenkirchen-Siegertsbrunn ausgelagerten Schüler dann zurück kommen und wieder Ottobrunner Luft atmen. Allerdings sollen sich im Ottobrunner Neubau die Fenster auch nicht öffnen lassen. Und bestimmt hat auch in Ottobrunn der billigste Anbieter gewonnen. So sollte man zumindest wieder Fenster einbauen, die geöffnet werden können (und auch dürfen).

Bin auch schon gespannt, wie lange die neuen Gebäude in Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Neubiberg und Ottobrunn halten werden? Meine, dass auch bei da die Halbwertszeiten immer kürzer werden.

RMD

P.S.
In der Schweiz soll es bei öffentlichen Ausschreibungen eine Regel geben:
Wenn die Auswahl der zugelassenen Anbieter abgeschlossen ist, wird der billigste Anbieter gestrichen.

Roland Dürre
Montag, der 27. April 2015

Projekt & Produkt – #PMCampSTR

pmcampstrDas PM-Camp Stuttgart (Hashtag #PMCampSTR) findet vom 7. bis 9. Mai an der Hochschule der Medien in Stuttgart statt. Ich freue mich, dass ich dabei sein kann. Ticket und Fahrkarte sind gekauft und das Zimmer im Commundo ist reserviert.

Das Team, das diese Veranstaltung organisiert, hat als Überschrift fürs Camp „Projekt und Produkt“ gewählt. Das Stuttgarter Orgateam will sein PM-Camp so auch für Teilnehmer jenseits des klassischen Projekt Managements z.B. der IKT (Informations- und Kommunikationstechnologie) öffnen. So soll der Begriff „Produkt“ auch Ingenieure ansprechen, die anspruchsvolle Produkte bauen.

Was ist ein Projekt?

Ich zitiere aus Wikipedia:

Ein Projekt ist ein zielgerichtetes, einmaliges Vorhaben, das aus einem Satz von abgestimmten, gelenkten Tätigkeiten mit Anfangs- und Endtermin besteht und durchgeführt wird, um unter Berücksichtigung von Zwängen bezüglich Zeit, Ressourcen (zum Beispiel Geld bzw. Kosten, Produktions- und Arbeitsbedingungen, Personal) und Qualität ein Ziel zu erreichen.[1]

Diese wie ich meine veraltete Definition von „Projekt“ bedeutet folgendes:

  • Jedes Projekt hat einen Anfang (Projektstart).
  • Jedes Projekt hat ein Ende (Fertigstellungstermin).
  • Die gewünschten Ergebnisse sind als Projektziel festgelegt.
  • Alle einzusetzenden Ressourcen sind vorgegeben.
  • Das Projektziel muss termingerecht erreicht werden.
  • Die geplanten Ressourcen dürfen nicht überzogen werden.
  • Es gibt eine Planung, den Projekt-Plan.
  • Die Meilensteine der Planung sind einzuhalten.

Nach meiner Meinung dürfen sichProjekte nur dann „Projekt“ nennen, wenn sie Wesentliches verändern oder bewirken und wirklich etwas Innovatives oder Neues schaffen. Und schon sieht man, dass mit der Definition da irgendetwas nicht stimmen kann.

Trotz bester Planung erleben wir selbst bei einfachen Ingenieurs-Projekten massive Zielabweichungen mit oft unglaublicher Überschreitung der benötigten Ressourcen. Die Ursache dürfte sein, dass mittlerweile auch Aufgaben, die ziemlich simpel klingen, eine erstaunliche Komplexität in sich tragen.

Innovative Veränderung!

Noch schwieriger ist es, wenn es um Projekte geht, die kreativen Einfluss auf soziale Systeme aller Art und auf die sowieso stattfindende Evolution nehmen sollen. Die beschriebene „Projektdenke“ zwingt förmlich dazu, dem Motto folgend „Augen zu und mit voller Kraft durch“ zu handeln. Und dabei ist man nicht in der Lage, neue und bessere Erkenntnisse permanent in den weiteren Projektweg zu integrieren.

Sogar im Rückblick ist es schwierig, die kausalen Zusammenhänge von Maßnahmen und deren Wirkung (Nutzen?) zu bewerten. Wie soll das dann „im voraus“ gelingen? Innovative Veränderung kann man also nicht einfach so geradeaus durchplanen, sondern muss die Maßnahmen behutsam und agil mit der laufenden Entwicklung in Einklang bringen.

Projekte stehen also im Widerspruch zu Innovation. Innovation ist kreative Zerstörung. Dies mobilisiert dann auch noch zusätzlich die Gegner der Veränderung, besonders die von der Zerstörung betroffenen. Das erschwert es dann noch weiter.

Projekte als Teil von Veränderung?

So ist mir eine Definition von Projekt lieber, die ein Projekt als einen integrierten Teil von vielen eines kontinuierlichen Veränderungs- und Verbesserungsprozess beschreibt. Die gesteuerte Veränderung soll nützliche Ergebnisse bringen. Ist für mich doch jede wohl durchdachte Aktivität, die verändern und Entwicklungen beeinflussen will, ein Projekt, ganz gleich um es hier um konkrete „unfassbare“ oder abstrakte „virtuelle“ Ergebnisse geht.

Was ist ein Produkt?

Die Planung, Entwicklung, Herstellung eines Produkts ist wie seine Vermarktung, der Verkauf desselbigen, Support und Service das Ergebnis von vielen kleinen und größeren Projekten, die multidimensional vernetzt sind und so zusammen wirken. Ein Produkterfolg wird so immer auf einer Vielzahl kleiner und größerer Projekte, also einem mehrdimensionalen „Mega-Projekt“ beruhen. Stichworte mögen hier sein Vernetzung, Dynamik, Lernen, Versuchen, Verwerfen, Neumachen … Aber das gilt nicht nur für das physische Produkt sondern genauso für Dienstleistungen.

Kistenware oder Dienstleistung?

Ein Produkt kann also ein physischer Gegenstand – sprich eine „anfassbare“ Ware – sein, die von einer Organisation ingenieurmäßig entwickelt, in großer Serie produziert und so vielen Kunden „verkauft“ oder in kleiner Losgröße (n = 1) für ihn individuell und „on-demand“ hergestellt wird. Solche Produkte müssen in der Regel durch ein Support- und Serviceangebot ergänzt werden, um erfolgreich am Markt bestehen und „nachläufiges Geschäft“ ermöglichen zu können.

Ein Produkt kann aber auch eine Dienstleistung sein, die beim oder für den Kunden von Menschen erbracht wird, die gemeinsam mit ihrer Organisation eine besondere Qualifikation und „best practice“ erworben haben, welche das Ergebnis eines über Jahrzehnte statt gefundenen persönlichen wie kollektiven Lernprozess sind.

So könnte das Kreieren eines „physischen“ Produkts augenscheinlich mehr Projekte erfordern als eines „virtuellen“.

Der Unterschied für den Unternehmer.

Für den Unternehmer könnte es einen wesentlichen Unterschied machen, ob er ein „echtes“ Produkt-Unternehmen aufbaut oder ein Unternehmen, das als Produkt eine spezifizierte Dienstleistung anbietet.

Zum Beispiel sollte er beim „echten“ Produkt daran denken, dass das Feedback von den Kunden und vom Markt in der Regel viel später kommt als bei einer Dienstleistung. So werden hier oft langfristig hohe Investitionen in ein „echtes“ Produkt, dass sich dann am Markt erst bewähren muss. Insofern scheint ein solches Produkt im Erfolgsfall besser skalierbar zu sein als die Dienstleistung aber eben auch riskanter.

Bei der Dienstleistung dagegen wird ihn das Feedback wesentlich frühzeitiger erreichen, so dass er zeitnäher seine Schlüsse ziehen und gegensteuern kann.

PMCampSTR_Logo-150🙂 So richtig viel mehr fällt mir zu Produkt und Projekt jetzt nicht ein. Nur dass Projekte eigentlich die kleinen Module unseres Lebens sind. Jede bewusste Entscheidung für eine Handlung, die relevant verändert – sei es einen selber oder die Umwelt – ist irgendwie ein Projekt.

RMD

craftsmanshipIn 2013 hatten wir bei der InterFace AG ein schönes „Fachliches IF-Forum“. Es ging um „Software Craftsmanship“. Wir hatten tolle Gäste und starke Referenten. Die Diskussion drehte sich um Fragen wie: Wie kommt man also zur Meisterschaft, wie gewinnt man die dafür notwendige Erfahrung? Wie entsteht die Motivation zu Perfektion? Wie schafft man Spitzenleistung und Qualität in Teams am besten?

Eine Aussage ist in diesem Workshop ist bei mir besonders hängen geblieben. Bernhard Findeiss berichtete damals (vielleicht auch ein wenig als Provokation gedacht), dass ein guter „Craftsman“, der es in seinem Handwerk zur Meisterschaft bringen will,  in der Woche bis zu 20 Stunden  für Weiterbildung aufwenden muss. Und dass dies in der Regel nicht in der Arbeitszeit geht, sondern zu einem oft nicht unwesentlichem Teil die Freizeit dafür herhalten muss.

Die Zahl hat mich zuerst überrascht. Ich musste daran denken, wie viele Menschen ihr Leben streng in Freizeit und Arbeit einteilen. Und habe mich an manche Diskussion mit Kollegen erinnert. Zum Beispiel wie viel Prozent der Weiterbildung denn als Arbeitszeit kontiert werden dürfen. So habe ich die letzten zwei Jahre viel über dieses Thema nachgedacht. Auf der einen Seite sind 20 Stunden pro Woche Üben und Lernen notwendig, will man es zur Meisterschaft bringen.

Dem stimme ich zu. Auf der anderen Seite braucht man noch viel Zeit, um für den Erfolg zu arbeiten. Und für Familie und Privates soll auch genug Zeit bleiben. Und ich meine es geht. Viele meiner Freunde – Fachleute, Manager und Unternehmer, männlich wie weiblich – leben und lieben ihren Job. Sie sind wirkliche „Meister“ und beschäftigen sich eigentlich immer mit den ihnen wichtigen Themen. Und sind trotzdem gute Ehepartner und Mütter wie Väter.

Ich bin jetzt in „Rente“. Und lerne und übe immer noch 20 Stunden. Nur ob ich ein Meister bin, da habe ich Zweifel. Aber ich werde weiter üben …

RMD

P.S.
Hier geht es zu den Videos vom IF-Forum Craftsmanship„.

P.S.1
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!

Roland Dürre
Sonntag, der 12. April 2015

Schule. Bildung. Zukunft.

Bernice Zieba hat in Facebook auf der Seite Alphabet – der Film Reklame für ihr Buch „Kinder brauchen keine Schule“ gemacht und darauf hingewiesen, dass man dieses Buch ab sofort bestellen könne. Im Buch geht es um „Homeschooling und Unschooling“. Ich kenne das Buch (noch) nicht – und kann es so auch nicht bewerten. Den Film Alphabet dagegen kenne ich gut und empfehle ihn sehr.

Auf Facebook führte dieser Eintrag zu einer eifrigen Diskussion zwischen Gegnern und Befürwortern der Schulpflicht. Die Diskussion hat mich angemacht, besonders weil meine Erfahrungen mit Schule sowohl als Schüler wie als mehrfacher SchülerInnen-Vater alles andere als erfreulich waren. Und mir deshalb Bewegungen wie Sudbury – endlich frei zumindest als schöne Utopie doch ziemlich sympathisch sind.

Deshalb konnte ich nicht umhin, auch meine Meinung zur Situation von Bildung und Schule in einem Kommentar zu schreiben. In diesem habe ich sinngemäß folgende Thesen formuliert:

KinderSchuleDie Schulen in der ganzen Welt lehren nicht und leiten nicht an. Sie fördern nicht das Hinterfragen und Nachdenken sondern vermitteln Wissen unwissend. Wissens-Bulimie wird so zur Regel.

Formen von Autonomie der Schüler werden als störend empfunden genauso wie kritische Positionierungen. Aufklärung ist in der Schule unerwünscht und zum Unwort verkommen. Denn das überwiegende und oft ausschließliche pädagogische Ziel der Ausbildungssysteme scheint es, die Menschen so zu formen, dass sie im Zielsystem möglichst reibungslos funktionieren. Die Lehrer scheinen förmlich den Auftrag zu haben, den Schülern ihre Kreativität auszutreiben und sie anpassbar zu machen. So werden System treue Konsumenten produziert, dies sich ohne zu murren brav in die nicht Menschen gerechte Leistungsgesellschaft einfügen.

Die zeitgenössischen Schulen und Bildungssysteme in der ganzen Welt können eines besonders gut: Indoktrinieren! Nur der Grad der Indoktrination ist noch unterschiedlich zwischen den Schulen und den Kulturen

Indoktrination ist jedoch der Feind eines Lebens in Freiheit und Würde. So wird kein vernünftiger Wandel gelingen. Nicht mal den „sozialen Konsenz“ werden wir so finden können, der Voraussetzung ist für eine konstruktive, menschliche und aufgeklärte Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.

Als Beispiel: Vielleicht würde ein redlicher Diskurs uns dabei helfen – das geht aber nicht, wenn wir das dazu notwendige Handwerkszeug nicht gelernt haben!

Es scheint klar, dass das Sicherstellen einer vernünftigen Bildung für die nachfolgenden Generationen eine der zentralen Aufgabe jeder (und auch unserer) Gesellschaft ist. Wahrscheinlich sollte das die höchste Priorität haben. Tatsächlich erleben wir jedoch ein riesiges Versagen unseres Bildungssystems. Die Defizite in den Schulen werden immer größer, für viele Gruppen der Gesellschaft  verschlechtert sich die Situation kontinuierlich.

Trotzdem stehe ich persönlich „Homeschooling und Unschooling“ eher skeptisch gegenüber und würde sie nur als Notwehr oder „ultima ratio“ in besondern Fällen als sinnvoll ansehen.

Soweit mein Kommentar. Aber noch eine Anmerkung sei mir gestattet: Ich bin froh, dass es noch Lehrer gibt, die sich gegen diese wohl weltweit stattfindende Entwicklung sträuben und sich den drückenden systemischen Zwängen widersetzen. Einige davon kenne und schätze ich. Aber leider habe ich den Eindruck, dass sie immer mehr auf verlorenen Posten stehen und auch immer weniger werden.

RMD

P.S.
Im übrigen ist mir nicht klar, warum wir immer diese hässlichen amerikanischen Begriffe benutzen müssen wie „Homeschooling oder Unschooling“?

Roland Dürre
Donnerstag, der 6. November 2014

Politische Bildung – FES und HSS

Politische Bildung ist ein immer noch gefördertes aber doch ziemlich vergessenes Thema in der aktuellen Bundesrepublik. Und wohl auch ein Anachronismus. Passiert doch die wirkliche Meinungsbildung bei uns nicht mehr in den Parteien und deren „Stiftungen“ sondern in barcamps „auf der Straße“.

Ich kenne zwei parteinahe Stiftungen, das ist die Hanns-Seidel-Stiftung (HSS – CSU) und die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES – SPD). Beide laden mich regelmäßig ein und und ab und zu, wenn mich das Thema interessiert, gehe ich dann auch hin.

😉 Wobei anzumerken ist, dass die Treffen sich insofern voneinander unterscheiden, dass die der HSS besser organisiert sind und dort auch das Essen sehr gut schmeckt. Bei der FES gibt es meistens gar nichts zu essen und die Organisation ist nicht so perfekt. Vielleicht ist das ein Grund, warum die CSU in Bayern so eine große Mehrheit hat und die SPD kaum einer mehr wählt.

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Am Dienstag, den 4. November bin ich einer Einladung der FES (SPD) gefolgt. Weil dort der Film „WORK HARD, PLAY HARD“ gezeigt wurde. Das ist ein Dokumentarfilm von Carmen Losmann über unsere moderne Arbeitswelt, den ich schon lange mal sehen wollte. Ausserdem war das persönliche Erscheinen der Regisseurin Carmen angekündigt.

Ich wollte sie gerne persönlich kennen lernen, auch um ihr vom Projekt „Augenhöhe“ berichten zu können.

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Kurz gesagt: WORK HARD, PLAY HARD ist ein toller Film mit einer klaren Botschaft. Für einen Dokumentarfilm ist er extrem spannend. Und hat richtig gut ins Arena (Hans-Sachs-Straße 7, 80469 München) gepasst, einem wunderschönen Kino im wunderschönen Glockenbach-Viertel. Und Carmen Losmann, Regisseurin des Filmes war wie angekündigt auch da.

Es gab anschließend eine Diskussion mit Stärken und Schwächen. Mir fällt es immer schwer, nach einem aufregenden Erlebnis souverän zu debattieren. Trotzdem war es ein guter Abend. Vor allem, weil Carmen auf unheimlich sympathische und eindringliche Art und Weise uns ihre Bewertung des Status unserer Wirtschaft erläutern konnte.

Aber dann mussten wir schnell raus, weil das Kino ja wieder in den Regelbetrieb wechseln musste. Im Gedränge des Gegenverkehrs war es nicht möglich, eine Nach-Diskussion mit Menschen zu führen, die in der Diskussion durch vernünftige Beiträge aufgefallen waren. Das hätte ich als echt nützlich empfunden.

Das aber nur als Feedback für die Veranstalter. Vielleicht sollten diese beim nächsten Mal ein oder zwei Tische im benachbarten Kneipenviertel reservieren und so die Besucher dazu animieren, noch ein wenig weiter diskutieren zu können.

Bei der Veranstaltung hat aber auch wieder so richtig „die alte Welt“ um die Ecke geschaut. Denn am Anfang musste man die Teilnahme auf der Teilnehmer-Liste durch Unterschrift bestätigen. Im Gegensatz zu manch Datenschutz-Protagonisten habe ich da kein Problem. Ich finde, wenn ich zu einer Veranstaltung der SPD- und Gewerkschaft-nahen FES gehe, muss ich auch dazu stehen und dann soll es auch ein jeder wissen dürfen. Genauso wie wenn ich Gast bei der Konkurrenz (HSS) bin.

Die Erklärung des Moderators aber bei der Begrüßung vor dem Film für die Unterschriftenaktion war, dass die Unterschrift notwendig sei. Die FES wäre ja als „meinungs-bildende“ Organisation staatlich gefördert und sie müsse deshalb die Teilnahme der „jetzt politisch gebildet gewordenen Menschen“ (mein wording)“ nachweisen, damit sie auch weiter gefördert werden würde.

Der Moderator war übrigens ein freiberuflicher „Dialektik-Trainer“, der für die FES und vor allem für Gewerkschaften arbeitet. Von irgendwas muss halt ein jeder leben.

Ich finde, dass diese Förderung von „politischer Bildung“ entweder abgeschafft oder das Geld allen denen gegeben werden sollte, die für die Entwicklung von gesellschaftlichen Kontext arbeiten. Und da kenne ich viel gut besuchte barcamps und ähnliche Bürgerveranstaltungen, zu denen viele Menschen strömen, obwohl dort nicht so tolle Filme gezeigt werden und es dort auch kein so gutes Essen wie bei der HSS gibt.

Dieser Tage wird ja viel an die „wir sind das Volk“-Zeit erinnert. Könnte gut sein, dass demnächst die regierenden Parteien und ihre Anhängsel auch in der BRD den Ruf hören werden: „Wir sind das Volk“.

Ich freue mich jetzt aber erst mal über die Bekanntschaften, die ich an diesem Abend gemacht und die Erkenntnisse, die ich gewonnen habe und werde in den nächsten Posts den einen oder anderen Gedanken von diesem schönen Abend einbinden.

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 5. September 2014

Noch ein Barcamp – EnjoyWorkCamp!

Ich mag Barcamps. Besonders natürlich das PM-Camp, an dessen Aufbau ich ja ein wenig mitgewirkt habe. Es gibt aber andere – zum Beispiel das OpenUpCamp. Da war ich auch schon. Jetzt habe ich ein ganz anderes Barcamp gefunden und werde dort auch hingehen. Es ist das EnjoyWorkCamp.

Franziska Köppe ist die Gründerin des EnjoyWorkCamp, das in diesem Jahr am 14. und 15. November 2014 in Stuttgart stattfinden wird. Franziska schreibt dazu:

Wo Freude, Begeisterung und Überzeugung am Werk sind, stellt sich der Erfolg wie von selbst ein. Wir alle tragen die Sehnsucht in uns, Sinnvolles zu tun. Als Unternehmer streben wir danach, wirtschaftlich erfolgreich, sozial verantwortungsbewusst und ehrbar zu sein. Wir wollen die Umwelt und die Natur erhalten. Ständig gibt es im Arbeitsalltag kleine und große Änderungen, die teils immense Auswirkungen auf uns und unser Umfeld haben. Das ist alles gar nicht so einfach. Denn es gibt viele Fragen:

  • Wie hoch ist unser Wert und wie gestalten wir daraus wertorientierte Angebote?
  • Was bringt Eigenverantwortung der Mitarbeiter und wie geht gute Teamarbeit?
  • Ist nicht jede Firma und jede Erwerbstätigkeit ein Hamsterrad?
  • Wie gestalte ich ein Umfeld, in dem es Spaß macht zu arbeiten?
  • Welche Werkzeuge, Architektur, Infrastruktur, Mobilität, Prozesse, Kultur… eignen sich dafür?
  • Wie fördere ich Gemeinwohl in meinem persönlichen Umfeld?
  • Wie schaffe ich mir selbst Freiraum (Zeit und Geld), um Zukunft aktiv gestalten zu können?

Wie oft sind wir für genau dieser Fragen auf eine Konferenz gegangen und haben die Antworten dann beim Plausch in der Kaffeepause gefunden?

Soweit Franziska. Ich werde hingehen, weil ich davon ausgehe, dass das EnjoyWorkCamp genauso wie PM-Camp den Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe bietet. Ich freue mich darauf, gemeinsam mit Unternehmern und Führungskräften aus kleinen mittelständischen aber auch großen Unternehmen Lösungen rund um soziale, ökonomische und ökologische Aspekte zukunftsweisender Geschäftsmodelle zu diskutieren.

Mir ist wichtig, dass das Programm von den Teilnehmern selbst gestaltet wird – so dass ich auch meine Bedürfnisse einbringen kann. Und besonders freue ich mich auf das Wiedersehen mit ein paar guten Freunden, die sich schon angemeldet haben. Gemeinsam wollen wir ins Handeln kommen und uns dabei gegenseitig unterstützen.

Hier noch weitere Informationen: Unkonferenz und News und Presse.

Die Vision von EnjoyWorkCamp ist:
Gemeinwohl, Lebensqualität und Freude an der Arbeit!
Das ist noch ein Grund für mich hinzugehen.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 18. August 2014

Start-up (2) – Die eigene Gründung (1983)

Seit Beginn der 80iger hat mich die Selbstständigkeit gelockt. Zum einen, weil (wie auch bei vielen mir bekannten Gründer von heute) ich ein Unternehmen eigenverantwortlich mitbestimmen und so auch mehr Freude an der Arbeit haben wollte, zum anderen, weil (wie erstaunlicherweise nicht so viele der mir bekannten heutigen Gründer) ich mehr Geld verdienen wollte.

So habe ich den „idealen Partner“ gesucht (nicht die „ideale Geschäftsidee“, weil ich damals schon der Meinung war, dass es diese nicht gibt). Auch den „idealen Partner“ zu finden war nicht leicht, aber glücklicherweise habe ich nach einem guten Jahr Wolf Geldmacher gefunden. Er brachte große unternehmerische Kraft mit und war genauso für Bodenständigkeit ich.

Mit Wolf ging die Gründung der „InterFace Connection Gesellschaft für Datenfernverarbeitung und Entwicklung von Software mbH“, dem Vorgänger der InterFace AG, schnell. Unser Thema war IT und Unix. Auf dem „neuen“ Unix wollten wir ein erfolgreiches Produkt bauen. Wir gingen davon aus, dass Dienstleistung nur schwer zu skalieren ist. Schon 1983 (vor der Gründung in 1984) waren wir in Sorge, ob Body-Leasing ein Geschäft von Dauer sein würde. Bei strenger Auslegung schien uns schon damals, dass das Geschäft mit Body Leasing („Arbeitskräfte-Überlassung“ AÜG) sich in einer gesetzlichen Grauzone zu befinden. Das war auch ein Grund, warum wir ein Produkt machen wollten.

Als solches hatten wir uns ein bürotaugliches Schreibsystem auf Unix ausgedacht, den HIT. Aus heutiger Sicht war das ein wahnwitziges Unterfangen, das uns überraschender Weise gelungen ist. Ganz verstehe ich es bis heute nicht.

Schon nach wenigen Jahren waren wir das mit Abstand erfolgreichste Textsystem auf Unix in Europa. Es war wie ein Traum!

In der Retrospektive habe ich Menschen und wesentliche Voraussetzungen oder Ereignisse gefunden, ohne die es nie geklappt hätte. Wir waren einfach zum richtigen Zeitpunkt unterwegs und hatten unheimlich viel Glück, dass vieles gepasst hat.

Das Gespann „Wolf & Roland“

Wir haben schon Anfang der 80iger Jahre beide an „agil, lean und open“ geglaubt. Wir waren für Selbstorganisation und Selbstbestimmung, haben unsere Ideen und unseren Anspruch formuliert und unsere Teams machen lassen. Das alles in großer Gemeinsamkeit.

Für die SW-Entwicklung hatten wir eine private Methode erfunden und gelebt, die man heute SCRUM nennen würde. Wolf war der „SCRUM-Master“ (und mehr). Er war für die Technologie und die Menschen zuständig. Er hat die Kollegen zur Qualität gebracht und ihnen klar gemacht, dass sie Qualität leben müssen, dies zu allererst für sich selbst. Und ich war so etwas wie der „Product Owner“ und kaufmännische Leiter.

Anton Böck

Meine Eltern hatten es geschafft, mich in Augsburg 1960 auf die wirtschaftswissenschaftliche Oberrealschule Jakob Fugger zu bringen. Später wurde das dann auch zum Gymnasium umbenannt, bis 1960 war es eine Handelsschule. Stenografie und Schreibmaschine schreiben waren dort bis 1960 sogar Pflichtfach, dann Wahlfach. Mein Vater zwang mich beides zu Lernen, weil er die beiden Techniken als unerlässlichen Vorteil im Kampf des beruflichen Lebens erachtet hat.

Anton Böck war mein Lehrer. In Steno war ich klasse. Wenn ich zu Hause zum Lernen verurteilt war, habe ich stunden lang Steno gemalt. Für mich war das wie Kaligraphie, wunderschön. Herr Böck war ein strenger Lehrer und, wegen Steno hat er mich gemocht und mich auf die Schreibmaschine gezwungen. Die Schreibmaschine habe ich gehasst und ich habe deshalb schon mit 16 davon geträumt, wie eine „schöne“ und „liebe“ Schreibmaschine funktionieren müsste.

Es klingt vielleicht ein wenig lächerlich, aber ich bin mir sicher, ohne diese frühe Erfahrung mit dem Generieren von Text wäre die InterFace Connection nie zu einem Produktunternehmen geworden.

Die Fächer Buchführung und BWL, die auch am „wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium“ gelernt habe, waren für die Gründung durchaus nützlich, aber nicht so zwingend notwendig.

Hans Strack-Zimmermann

Hans war mein Mentor und der Mann, der UNIX in Europa und bei Siemens (hier unter dem Markennamen Sinix) groß gemacht hat. Ich war von ihm und seiner Vision überzeugt und er hat an unser Team geglaubt. Das hat natürlich vieles vereinfacht.

Der Erfolg hat uns aber Recht gegeben.

Dr. Peter Schnupp

Peter war IT-Pionier der zweiten Generation (ich sehe die Generation Zuse als die erste und mich als Teil der dritten). Als Unternehmer (der Gründer von Softlab), IT-Experte, Kolumnen-Schreiber in der Computer-Woche und aufgrund weiterer Aktivitäten war er bekannt und hatte als Experte einen sehr guten Ruf.

Peter gelang es, für uns die strategische Entscheiderin einer Großbehörde zu überzeugen, dass die Zukunft der IT auf UNIX basieren würde und es da ein tolles lokales Produkt für Text gäbe.

Ohne diesen Glücksfall wäre das Projekt CLOU/HIT nie erfolgreich geworden.

Meine Projekte

Schon als junger SW-Entwickler bei der Siemens AG hatte ich in der Mitte der siebziger Jahre eine tolle Aufgabe. Im Rahmen der Entwicklung von Transdata habe ich das „Connection Handling“ entwickelt und an der Entwicklung von „APS“ (Anwender-Programmier-Sprache) mitgearbeitet. Connection Handling ist von zentraler Bedeutung bei „Datenfernübertragung“, wie es damals hieß. Mit APS war es möglich, Verarbeitungsleistung schon in lokalen „Datenstationsrechner“ (Betriebssystem PDN) auszulagern und so erstmals das zentrische Prinzip der Main Frames zu durchbrechen.

Mit diesem „Herrschaftswissen“ konnte ich mich sehr schnell bei Großprojekten profilieren und wechselte dann ganz logisch zu der Abteilung „Sonderprojekte Vertrieb“ bei der Siemens AG. Dort war mein wichtigstes Projekt DISPOL, ein zentrales Projekt der bayerischen Polizei, da sich Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre die Aufgabe gestellt hatte den Aktenschrank (Daten), die Schreibmaschine (Dokumente) und den Fernschreiber (Kommunikation !) durch die Einführung von EDV abzulösen.

Dieses Projekt habe ich bis zur Gründung begleitet und dabei die Anforderung der Kunden und den Markt der Behörden erlernt.

Ohne diese Vorgeschichte wäre HIT/CLOU niemals ein erfolgreiches Produkt geworden.

Die Menschen bei InterFace

Wir haben für die Produktentwicklung ganz jungen Menschen eingestellt, die oft noch als Studenten zu uns kamen. Und es waren (fast) immer die richtigen. In rasanten Tempo haben diese Menschen sich zu zentralen Leistungsträgern entwickelt und eine hohe Verantwortung übernommen.

Richtige Prinzipien

Ergänzend zur Produktentwicklung hat sich wie zufällig eine qualifizierte Beratung und Zusammenarbeit mit Siemens im Bereich „Unix-Betriebsystem“ entwickelt. Wir saßen fachlich an der Quelle und haben bei unserem Betriebssystem-Partner vieles gelernt, das uns sehr geholfen hat. So haben wir früh Werkzeuge genutzt, die in Europa noch gar nicht verbreitet waren. Und vieles beigetragen, wie den „National Language Support (NSL), der dann sogar in XOPEN aufgenommen und Basis aller Unix-Systeme wurde.

Wir haben Methoden angewendet (oder besser intuitiv erfunden) wie 4-Augenprinzip beim Programmieren, peer2peer-Reviews, „extrem programming“, Entwickler-Rotation und manches mehr. Das waren Methoden, die es damals noch gar nicht gab, die uns aber mehr als wesentliche Vorteile betreffend Entwicklungsgeschwindigkeit, Anwenderorientierung und Qualität brachten (und die bis heute noch Immer nicht überall genutzt werden).

Unsere Entwickler hatten immer direkten Kundenkontakt. So haben unsere Entwickler die HIT-Schulungen für die Endkunden selbst gehalten und so die Kundenwünsche verstanden.

All das hat wesentlich zur Güte des Produktes beigetragen.

Finanzierung

Die Schwierigkeit unseres Vorhabens war uns bewusst. So haben wir in der ersten Phase der Grundentwicklung uns den Aufwand mit IF-Computer geteilt. Für die zweite Phase der Vermarktung hatten wir eine Aufgabenteilung vorgesehen. Wir wollten das Basis-System weiter entwickeln und den erwarteten Groß-Kunden Siemens betreuen. InterFace Computer war geplant für die Portierungen auf die vielen anderen Unix-Systeme und sollte den Vertrieb für weitere Hardware-Hersteller und Partner übernehmen.

Aber auch nur die Entwicklung des Produktes brauchte eine kräftige „man power“. In 1984 und dem folgenden Jahr lösten wir das auf eine einfache Art und Weise. Wolf Geldmacher und ich verdingten uns als Berater. Um Produkt und Team kümmerten wir uns an den Abenden und bei Bedarf Samstagen.

Als Berater hatten wir einen Stundensatz von 150,- DM. Das war herausragend und nur durchzusetzen, weil amerikanische Consultant mit vergleichbarem Know-how deutlich teurer waren.

Jetzt kann man mal einfach rechnen: Ein guter Monat bringt 200 Mannstunden (wir waren sehr fleißig). Mit 150,- DM multipliziert waren das schlappe 30.000 DM in guten Monaten. Bei unserem Gehalt damals von 5.000 DM, brutto als so um die 6.000 blieben 18.000 für Hardware, die Heidi (unsere Assistentin, die von Anfang an dabei war) und unsere Studenten, die Produktentwickler.

Schon wenige Monate nach der Gründung am 1. April 1984 konnten wir noch zwei junge Informatiker für uns gewinnen und die sofort als Consultant einsetzen. Die beiden erbrachten einen Deckungsbeitrag in ähnlicher Höhe. Und ab Ende 1995 hat dann das Produkt für schnell steigende Deckungsbeiträge gesorgt.

Die Situation

Es gab weiter eine Reihe von glücklichen Umständen, die uns sehr geholfen haben.

So hatte Siemens ein sehr großes Projekt gestartet mit dem Ziel der Entwicklung eines eigenen Textsystems für BS 2000 und Unix. Obwohl diese Projekte mit einer Personalstärke besetzt waren, die eine mehrfacher Kopfstärke hatte als unser Entwicklungsteam und auch die Entwickler in den Siemens-Projekten alle gestandene SW-Entwickler (im Gegensatz zu unseren jungen Leuten) waren, kamen diese Projekte nie auf einen grünen Zweig und sind dann mehr oder weniger komplett gescheitert.

Der Konzern Siemens brauchte aber solche Software für seine Ziele und musste bei zwei Lieferanten in Lizenz zu kaufen – einer davon waren wir. So wurden wir auf Unix der Lieferant und Lizenzgeber des damaligen Marktführers in Deutschland.

Das technische Zeitfenster war auch auf unserer Seite: Zum einen löste Unix damals die zahlreichen verschiedenen Rechnersysteme der „mittleren Datentechnik“ MDT ab. Wir kamen also wieder zufälliger Weise mit unserem Produkt HIT genau zum richtigen Zeitpunkt .

Es war auch die Zeit, in der sich der Einsatz von Datenbanken stark verbreiterte. Brandneu wurde SQL als „query language“ auf natürlicher Sprachbasis definiert. Es gab sogar eine deutsche Fassung von SQL!

Was lag näher als die HIT ergänzende 4GL CLOU (zur Programmierung von Textbausteinen) um eine „embedded SQL“ zu erweitern, die es plötzlich möglich machte während des Ablaufs des Baustein-Programms dynamisch generierte Abfragen an eine Datenbank zu senden und die gefunden Daten dann automatisch bei der Dokument-Erstellung zu nutzen. Das war eine richtige Sensation, die genau zum richtigen Zeitpunkt kam.

Viel Glück und nur ein wenig Pech

Der Mut einer großen Bundesbehörde, auf eine völlig neue Technologie eines ganz kleinen Herstellers zu setzen, war sicher etwas besonderes. Eine wunderbare Marktentwicklung zu Gunsten von UNIX. Zahlreiche weitere mutige und für uns glückliche Kundenentscheidungen. Ein Super-Team …

Es gab auch Probleme

Die Hardware für die Entwicklung war sündteuer. Schon 1985 mussten wir eine MX500 erwerben – die damals einen Listenpreis von mehreren 100.000 DM hatte. Das war für uns unvorstellbar viel Geld. Es war aber klar, dass wir ohne dieses System die notwendige Entwicklungsgeschwindigkeit nicht schaffen würden. Und schon zwei Jahre später gehörte diese Maschine zum alten Eisen, wir entwickelten über Nacht auf SUN und den neuen schnellen PC’s mit diversen Unix-Varianten.

Auch InterFace Computer war auf lange Sicht der falsche Partner, die strategische Kooperation funktionierte nicht mehr. So waren wir gezwungen, die Rechte am Produkt zu kaufen. Das war eine schwere Investitions-Entscheidung, die sich aber im Nachhinein bezahlt gemacht hat.

Weitere notwendige Voraussetzungen

Es gibt da sicher noch mehr Ursachen, Zufälligkeiten, ohne die das Unternehmen HIT/CLOU gescheitert wäre. Zum Teil Dinge, die ich gar nicht mehr weiß oder mir so nicht bewusst sind. Aber ohne all das Beschriebene hätte es zumindest die InterFace Connection als Hersteller von HIT/CLOU nicht gegeben. So habe ich auch bei jedem beschriebenen Punkt die Aussage wieder holt, dass ohne diesen Umstand / Zufall es nicht geklappt hätte. All das war notwendig für den Erfolg. Und ich wundere mich im Nachhinein, wie diese kühne Unternehmung überhaupt gelingen konnte.

Mit diesem Artikel möchte ich am eigenen Beispiel zeigen, wie unvorstellbar viele Bedingungen erfüllt sein müssen, um Erfolg zu haben. Das soll auf keinen Fall entmutigen, aber auch zeigen, dass gründen nicht so ganz einfach ist und ein pragmatischer Ansatz nicht schadet. Zumindest meine ich, dass Gründer aus dieser Geschichte viel lernen können und bin gerne bereit diesen Use Case mit Euch auch interaktiv und persönlich zu diskutieren.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 13. Juli 2014

Ute Rauscher interviewt Roger Dannenhauer

Mein Freund Roger hat zum fachlichen IF-Forum am 27. Juni vor der 30 Jahresfeier der InterFace AG einen eindrucksvollen Beitrag geleistet. Ute Rauscher vom Bayerischen Rundfunk hat seine Anwesenheit bei uns genutzt und ihn interviewt.

Hier die wesentlichen Auszüge des Interviews:

Viel Spaß beim Anschauen!

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 12. Juli 2014

Wolfgang Menauer

Die Hinführung zu unserem fachlichen IF-Forum

“Selbstorganisation als Gestaltungsmodell für Unternehmen”

am 27. Juni 2014 ist jetzt frei verfügbar (creative commons licence – Namensnennung).

Viel Spaß beim Anschauen!

Einen großen Dank an unseren Referenten Wolfgang Menauer, der wieder mal perfekt die begriffliche Vorabeit zum fachlichen IF-Forum erbracht hat!

Einen großen Dank an Friedrich (Friedrich Lehn).

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 11. Juli 2014

Roland Dürre – Hierarchie oder Netz

Jetzt ist auch mein Vortrag an unserem fachlichen IF-Forum

“Selbstorganisation als Gestaltungsmodell für Unternehmen”

am 27. Juni 2014 frei als Video verfügbar (creative commons – Namensnennung).

Viel Spaß beim Anschauen!

Jetzt fehlt nur noch die Hinführung zum Thema von Wolfgang Menauer. Der kommt dann morgen.

Großen Dank an Friedrich (Friedrich Lehn).

RMD