Klaus Hnilica
Donnerstag, der 17. August 2017

„Don Carl“ – oder der heroische Kampf um die Unterhose

Carl und Gerlinde (Folge 52)

Mit größerem Vergnügen war Carl in jüngster Zeit selten in seine Unterhose gestiegen! Es war dieses herrliche Gefühl des ‚Umhüllt seins’, des ‚Geschützt seins’, das er genoss.

Ein Genuss, den er sich neuerdings sogar mehrfach am Tag ins Bewusstsein rief – und der sich seltsamer Weise noch verstärkte, wenn er tagsüber durch unauffälliges Herumzupfen an seinen Hosen das darin eingeengte Gemächt neu positionieren durfte!

Ja – „durfte“ – nicht „musste“ – wie er es früher empfunden hatte!

Denn seit offensichtlich vom Süden Deutschlands her sich eine Bewegung breit zu machen drohte, in der sich die üblichen Verdächtigen /1/ mit Bayrischer Wollust über die Herrenunterhose hermachten, die in der christlich–abendländischen Kultur seit bald 300 Jahren bestens verankert war, läuteten bei Carl in mehrfacher Hinsicht die Alarmglocken!

Ja – es war geradezu ein ‚Schock mit Aura’, der sich in Carl breit machte, als er am 13. August 2017 in den sozialen Netzwerken auf diesen besagten if-blog–Eintrag /1/ stieß, in dem in nicht allzu ferner Zukunft einer Welt ohne Herrenunterhosen das Wort geredet wurde: einer Welt, in der von einem Tag auf den anderen jegliches berechtigte Tragen einer Unterhose bei Männern in Abrede gestellt wurde, da offensichtlich sämtliches Wundreiben, lästiges Jucken, ekelhaftes Kitzeln und männlichkeits-bedrohendes Einzwicken in messerscharfe Reißverschlüsse ganz offensichtlich ignoriert, geleugnet oder unter einen ‚Kaftan’ gesteckt wurde.

Einem ‚Kaftan’, der angeblich nur der Freiheit diente – nämlich der Freiheit des ‚hemmungslosen Baumeln lassen des Gemächts’ und des damit verbundenen ‚angeblichen Wohlgefühls’!

Dies natürlich mit unabsehbaren Folgen für Leib – Leben – Gesundheit – Moral – Gesellschaft und Wirtschaft! Nicht nur für Deutschland und der Europäischen Union, sondern letztlich für das gesamte christliche Abendland und Tausende von Unterhosen produzierende Arbeiterinnen und Arbeiter.

Und war der Zeitpunkt wirklich zufällig?

Hatte nicht erst vor wenigen Monaten Putin in der gesamten Eurasischen Wirtschaftszone sämtliche Aktivitäten im Bereich der Damendessous verboten mit ähnlich verheerenden Folgen für TRIGA?

War das etwa nun der ausgleichende gender-erforderliche Gegenschlag gegen die Herren der Schöpfung, nach dem vorher gegen die Damenwelt gewütet worden war?

Und war es wirklich Zufall, dass diese Kampagne ausgerechnet von Bayern ausging? Oder war das vielleicht doch ein abgekartetes Spielchen zwischen Putin und Seehofer?

Aber als Carl all diese Aspekte in der wenige Tage zurückliegenden Besprechung zur ‚Entwicklung neuer Marketingstrategien’ bei TRIGA vorbrachte, war er nicht nur entsetzt über die Gleichgültigkeit seiner Kolleginnen und Kollegen, sondern vor allem über die Reaktion von Bernie – d.h. von Dr. Osterkorn – dem Leiter des Bereichs Trikotagen bei TRIGA: denn der schien die Tragweite dieses Vorgangs in keiner Weise zu begreifen – wie so oft fehlten ihm auch dieses Mal wieder die Antennen für neue Trends in Mode und Gesellschaft!

Übrigens ähnlich wie Gerlinde beim morgendlichen Frühstück!

Die auch nur lachte und ihn, Carl, fast mitleidig als Spinner abtat, der wieder einmal Gespenstern hinterherlief. Und als Carl daraufhin beleidigt aufstand, ohne seinen Frühstückskaffee mehr »

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 1. Juni 2017

Eine unerhörte Bilanz!

Also das hatte er sich damals geschworen: wenn er, ‚Colonel’ Vatter – mit zwei „t“ – Siebzig würde und noch bei klarem Verstand wäre – dann würde er vor der gesamten Großfamilie Vatter – insbesondere seiner Frau Cornelia, Conny seiner Tochter und  seinem Sohn Corni, eine ‚Lebensbilanz’ erstellen! Und da er nicht umsonst von frühester Kindheit an mit dem Nicknamen ‚Colonel’ bedacht worden war, stand damit die ‚gnadenlose Bilanzierung seines Lebens’ unverrückbar fest.

Das heißt so eine ‚Art Bilanzierung’ stand fest! Wie bei der doppelten Buchführung!

Nämlich ein nüchternes Nebeneinander der ‚Aktiva’ und ‚Passiva’ mit anschließender ‚Saldierung’ wie auf einer Waage – stand fest!

Schonungslos und selbstkritisch wollte er unter den ‚Aktiva’ alles benennen, was ihm im Laufe seines großartigen Lebens gelungen war und wie er sämtliche Loser hinter sich gelassen hatte. Und bei den ‚Passiva’ natürlich all das, was den anderen misslungen war! Akribisch und vorurteilslos wollte er deren Misserfolge auflisten, wie sich das nach guter, alter Buchhaltermanier gehörte!

Nach seiner Meinung sollte nämlich jeder aufrechte Mann gegen Ende seines Lebens neutral und uneitel so eine Bilanz ziehen! Eine Bilanz bei der glasklar fokussiert und bewertet wird wo Erfolge vorliegen und wo andere versagt haben.

Selbst die eigene Familie durfte bei einer derartigen Bilanzierung nicht geschont werden, wenn sie denn mit einbezogen werden sollte.

Aber dann musste auch alles auf den Tisch! Und wenn’s nur der Esstisch war – weil der die größte Tafelfläche hatte. Für seine geliebte Cornelia natürlich ein Alptraum: denn dieser Esstisch quoll über vor steinharten Frühstückseiern, zähen Rinderbraten, verkokelten Schnitzeln, halbgaren Hühnerschenkeln, breiigen Bohnen, ausgehärtetem Milchreis und vielen, vielen anderen ‚Köstlichkeiten’ aus ihrer Küche!

Aber nach einem kurzen hysterischen Schreianfall hätte sie sich bestimmt eingekriegt und eingesehen, dass so eine Bilanzierung nur Sinn machte, wenn mit größtmöglicher Ehrlichkeit an sie herangegangen wurde.

Und wäre auf diesem ‚Esstisch der Lebensleistungen’ dann wirklich kein Plätzchen mehr frei gewesen, da etwa auch Conny und Corni ihre ‚Versagenspakete’ verstohlen hinzugefügt hätten, dann wäre er, der ‚Colonel’, natürlich bereit gewesen seine ‚Palette der Erfolge’ auch unter den Tisch zu platzieren. Schließlich war da jede Menge Platz und Conny und Corni hätten sehr anschaulich lernen können, wie die deutsche Spruchweisheit ‚Bescheidenheit ist eine Zier’ nicht nur plakativ vorgezeigt, sondern auch gelebt werden kann! Und hätten damit ganz praktisch erfahren, was die Kanzlerin unlängst gemeint hatte, als sie sagte, dass nur unsere ‚Werte uns einen Begriff von Heimat gäben’…

Ursprünglich dachte er ja, dass so eine ‚Lebensbilanz’ durchaus auch als eine Art ‚Zwischenbericht’, auf speziell Lebensabschnitte fokussiert werden konnte und sich beispielsweise in geeignetem Rahmen schon zu seinem Fünfzigsten Geburtstag gut machen würde – insbesondere bei seiner beispiellosen Karriere!

Doch leider drehte dann wenige Tage vorher seine geliebte Cornelia von einem Tag auf den anderen durch und wollte sich urplötzlich scheiden lassen. Nur weil sie wieder einmal aus einer Mücke einen Elefanten machte, der dieses Mal Marianne hieß! Dabei hatte Cornelia selbst diese Marianne in die Familie eingeführt. Gegen den Willen des ‚Colonels’!

Mein Gott wie himmelte sie die viel jüngere Marianne an! Ein Herz und eine Seele waren die beiden! Und jede Shoppingtour mit ihr, war wie ein Blick ins Paradies gefeiert worden. Cornelia konnte und wollte einfach nicht sehen, dass dieses goldige Mariannchen nur Unfrieden in die harmonische Familie Vatter trug.

Ja er, der ‚Colonel’, musste damals tatsächlich selbst Hand an diese Marianne legen und ihr eine Schranke nach der anderen aufzeigen, die sie nicht zu übertreten hatte – die sie aber immer wieder von neuem aufgezeigt bekommen wollte. Schlimm war das gewesen – an manchen Tagen hatte sie – kaum zu glauben –  bis zu drei Schranken übersteigen wollen!

Letztlich war der ‚Colonel’ heilfroh gewesen als Cornelia endlich eingesehen hatte, dass diese Marianne weg musste. Und zwar unverzüglich! Dass sich Cornelia dann aber in einer Art somnambulen Schockzustand auch gleich scheiden lassen wollte, war übertrieben und bedurfte dringend ärztlicher Behandlung. Natürlich ließ der ‚Colonel’ seiner geliebten Cornelia gegenüber alle nur denkbare Rücksicht walten und verzichtete ihretwegen auch ohne jedes weitere Wort auf den vorhin schon erwähnten ersten ‚Lebensbilanzzwischenbericht’ anlässlich seines Fünfzigsten Geburtstages: schließlich wäre ja in der geplanten Bilanzierung sehr unschön unter den ‚Passiva’ Cornelias Scheidungswunsch gestanden, während er unter die ‚Aktiva’ sein damaliges Aufrücken in den Konzernvorstand platzieren hätte müssen, wenn das Ganze Sinn machen und nicht nur eine plumpe Umdeutung der Wirklichkeit sein sollte.

Aber das wollte er natürlich Cornelia nicht antun! Die war verzweifelt genug!

Auch die Kinder waren dagegen gewesen. Die hatten ja auch kaum etwas vorzuweisen, was unter ‚Aktiva’ verbucht werden hätte können, so dass doch nur wieder er einsam und verlassen dort aufgekreuzt wäre…

Nein – das war schon gut gewesen, dass er damals zum Wohle aller auf diese erste ‚partielle Lebensbilanz’ verzichtet hatte – ein ‚Colonel’ konnte das unschwer verkraften!

Anlässlich des Sechzigsten Geburtstages hätte sich nach der damaligen Logik erneut eine ‚Bilanzzwischenberichtschance’ aufgetan! Er war auch bereit dazu gewesen und hatte Unmengen an Material zusammengetragen und aufgelistet. Aber dann kam dieser unsägliche Datendiebstahl in Mode, bei dem illegal erworbene Informationen über diverse Schweizer Konten den deutschen Finanzbehörden zum Kauf angeboten worden waren. Seit ewigen Zeiten war aus der ganzen Welt auf diesen Konten Schwarzgeld geparkt worden. Und siehe da, urplötzlich war jeder der ein, zwei Milliönchen mehr besaß ein Steuerhinterzieher – und weiß Gott was noch alles!

Klar, dass der ‚Colonel’ da seinen Kindern Conny und Corni ein leuchtendes Beispiel geben und den beiden mit einer der ersten Selbstanzeigen in Deutschland demonstrieren wollte, dass man keine Steuern hinterzog! Und dass man bei einer weißen Weste auch keinerlei Angst vor rechtstaatlichen Maßnahmen haben musste, die sich da plötzlich allerorts in Bewegung zu setzten begannen.

Als sich dann aber überraschend eine Woche vor seinem Geburtstag die Steuerfahnder zu eine Art ‚Vorfeier’ selbst einluden, meinte seine geliebte Cornelia, dass dieses eine Mal eher eine Feier im engsten Familienkreis angemessen wäre. Da ihre Nerven ohnehin stark angegriffen waren, stimmte der ‚Colonel’ natürlich sofort zu und verzichtete bei seinen wenigen Dankesworten auf jede Andeutung einer ‚Lebensbilanzierung’, da er ja bei seinem rigorosen Hang zu Ehrlichkeit und ungeschminkter Wahrheit doch nur wieder Unschönes aus seinem Umfeld hoch gewirbelt hätte. Von den immensen Schwierigkeiten, die sich durch die sehr angegriffene Gesundheit seiner hoch betagten Mutter und seinem noch älteren Vater  ergeben hatten, wollte er gar nicht reden. Beide hatten das anschließende Debakel der Europäischen Finanzwelt nicht lange mehr überlebt – dazu hatten sie viel zu viel Geld verloren…

Zu seinem Siebzigsten Geburtstag aber –  sollte es nun endlich mit der ‚Lebensbilanzierung’ klappen!

Zu mindest einer verknappten Version!

Alles Störende war ja nun weitgehend ausgeschaltet oder hatte sich selbst erledigt: wie etwa Cornelia, die sich vor fünf Jahren von ihrem ‚Colonel’ getrennt hatte und mit einem Musiker in Belgien lebte. Conny ging es angeblich in USA gut mit ihrer Familie, und Corni war in England Direktor eines bedeutenden Bankhauses.

Das Problem war allerdings jetzt, dass zwar niemand mehr störte, aber auch niemand mehr da war, dem er seine grandiosen Erfolge erzählen hätte können, außer den beiden versoffenen Neffen und der schielenden Cousine, mit der er seit dreißig Jahren kein Wort mehr gesprochen hatte! Und Marianne natürlich, mit der er seit sechs Jahren zusammenlebte, da sie nie aufgegeben hatte, alle ihr im Weg stehenden Schranken auch weiterhin zu durchbrechen!

Doch Marianne war zwar eine wundervoll, attraktive Frau, hatte aber keinerlei Verständnis für seine fast schon ‚krankhaft chronische Selbstbeweihräucherung’, wie sie sagte: im Gegenteil sie wollte selbst bewundert werden! Und all der Kram aus der Vergangenheit konnte ihr wirklich gestohlen bleiben!

Aber wenn er – der ‚Colonel’ – schon das Bedürfnis nach einer Bilanzierung seines Lebens verspürte, dann sollte er doch diese großartige Lebensleistung selbst zu Papier bringen! Quasi als Vermächtnis an die gesamte Familie Vatter. Und Zeit hätte er doch jetzt auch, oder?

Mit diesen Worten drückte sie ihrem ‚Colonel’ begleitet von einem hinreißenden Lächeln ein nagelneues, absperrbares, ledergebundenes Notizbuch in seine von Altersflecken übersäten Hände, sowie einen flüchtigen Kuss auf die ausgetrockneten Falten seiner bereits bis zum Nacken reichenden Stirn.

Doch wenn ihm das alles zu mühselig sein sollte, säuselte Mariannchen, könnte er ja auch direkt an Inge, der Putze, die ihn wie immer bestens umsorgen werde, seine Lebensbilanz herantragen: da sie ihr Hörgerät ohnehin meist ausgestellt hatte, könnte er ihr ja tagtäglich aus seinem großartigen Leben berichten – und  dabei in einem Aufwasch auch alle kleinen, großen und noch größeren Schweinereien haarklein in seine Lebensbilanz mit aufnehmen! Da sei doch eine prima Beschäftigung für einen Mann in den besten Jahren! Und freudestrahlend teilte sie ihm – ohne Atem zu holen – mit, dass sie nun aber husch, husch zu ihrem Flugzeug müsste, da sie mit ihrem gemeinsamen Töchterchen Carola zum Golfen in die Algarve flöge! Dabei fächelte sie ihrem ‚Colonel’ atemlos selbst noch von der bereits offen stehenden Tür eine ganze Salve warmherzigster Küsschen zu…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 18. Mai 2017

Der Sturz

Ich weiß nicht mehr, wer mir diese Geschichte erzählt hat. Vielleicht der Reiseführer auf der Fahrt ins ‚Manrique Museum’? Oder diese Geologieprofessorin aus Brandenburg? Seit acht Jahren kommt sie im März ins ‚Lanzarote Park Hotel’ in Playa Blanca und liest auch spanische Tageszeitungen, nicht nur dieses dämliche Inselmagazin Lanzarote 37°. Oder hat mir sogar Pedro diese Geschichte als eine seiner nicht zu überbietenden ‚Sprachensalat ’- Variationen an der Pool-Bar serviert?

Ich weiß es nicht mehr…

Aber immer ging’s um diesen zahnlosen Straßenmusikanten!

Ein Schandfleck auf der endlosen meeresnahen Promenade im Südwesten von Lanzarote. So verdreckt und unappetitlich sollte der da nicht sitzen dürfen. Das geht nicht! Nicht auf dieser fantastischen EU–finanzierten Promenade! Auf der bis tief in die Nacht hinein hunderte von Menschen pilgern.

Dieser ‚musizierende Drecksack’ lungert ja nicht nur auf seinem rostigen Klappstuhl vor der letzten Brache an der Promenade herum, wo man ihn kaum wahrnehmen würde, sondern neuerdings fast ausschließlich an der gemauerten Promenadenbrüstung.

Was für ein Auftritt da: ein ‚musizierender Müllhaufen’ vor dem sonnenbestrahlten ewig glitzernden Meer! Mit einem schmierigen Hut am Boden und einem Käppi auf sonnenverbranntem Schädel! Und zwei Triefaugen wie Pfützen…

Meist sabbert er in eine Melodica – eine Art Tastenflöte – aus der immer die gleiche Melodie kriecht. Doch seltsam anrührend! Das muss man ihm lassen. Vielleicht ist es sogar etwas von Mozart? Wenngleich es zu schwermütig sein mag? Leider konnte ich das nie herausfinden.

Als der Konzertsaal in Jameos del Agua in der „Lavablase“ vor sieben Jahren geschlossen worden war, weil Steine aus der Decke fielen, spielte dieser Schandfleck auch schon auf der Promenade in Playa Blanca. Damals soll er sogar ein ziemlich reichhaltiges musikalisches Portfolio gehabt haben.

Und während das Vulkangestein über der Decke mit speziellen Harzen verklebt wurde, saß er auch jeden Tag da. Von den sechs Millionen Euro, die das gekostet haben soll, verlor sich vielleicht sogar der eine oder andere Cent in seinen schäbigen Hut. Wer konnte das schon wissen? Der ‚musizierende Müllhaufen’  sicherlich nicht.

Und dieses Einweihungskonzert anlässlich der festlichen Neueröffnung des renovierten Konzertsaales in Jameos del Agua  ging bestimmt auch vollkommen an ihm vorbei, ebenso die Tatsache, dass der berühmte englische Dirigent John Miguel Smith dirigieren würde und sich sogar Vertreter des spanischen Königshauses angesagt hatten.

Doch dass dieser höchst eitle John Miguel Smith mit seiner viel zu jungen Begleiterin ausgerechnet einen Tag vor diesem pompös angekündigten Eröffnungskonzert vor ihm – dem ‚musizierenden Drecksack’ – ganz blöd gestolpert und im wahrsten Sinn des Wortes in voller Länge hingedonnert war, das hatte er mitbekommen.

Und die spanischen Flüche des feinen Engländers vermutlich auch!

Dabei hatte Betty noch, „attention John“, gerufen, da er offensichtlich eine seltsam einschmeichelnde Melodie wieder erkannte und nur noch Augen für den zerlumpten Verursacher dieser Melodie hatte – aber da war es schon zu spät! Er klatschte in voller Länge auf das gediegene braune Pflaster der Promenade hier in Playa Blanca…

Schimpfend sprang er sofort wieder hoch, begutachtete entsetzt seine grässlich aufgeschürften Hände und Ellbogen, bewegte wie ein Wahnsinniger seine malträtierten Finger und strich immer wieder kopfschüttelnd über das am Bauch aufgerissene blutige T-Shirt.

Dass er sich beim Sturz auch das klobige silberne griechische Knotenkreuz vom Hals gerissen hatte, merkte er erst, als Betty es ihm mit Tränen in den Augen entgegenhielt. Wie ein Greifvogel schnappte er zu und warf es dem vor Entsetzten erstarrten Straßenmusikanten in seinen schmierigen Hut.

Hastig zog er Betty mit sich fort, um schnellstens der aufgeschreckten, gaffenden Menschenmenge zu entkommen. Seine einzige Sorge galt wohl nur noch dem morgigen Eröffnungskonzert in der „Lavablase“! In Jameos del Agua! Und seinen zerschundenen Armen, dem aufgeschürften Bauch, den blutenden Händen und seinem aufgeschlagenem Kinn. Und hoffentlich hatte ihn niemand erkannt – ihn, den berühmten John Miguel Smith, als er wie ein hingeknallter Frosch bäuchlings die Promenade küsste…

Welch eine Demütigung!

In mindestens einem Fall schien sich allerdings diese Hoffnung nicht erfüllt zu haben: denn als der ‚musizierende Müllhaufen’ seine Schockstarre überwunden hatte und nach dem Kreuz zwischen den wenigen Münzen in seinem Hut fingerte, ging urplötzlich ein seltsames Leuchten über sein vom Alkohol zerstörtes Gesicht, ein Leuchten, das auch noch anhielt, als sich das zahnlose Maul auftat und ein fragendes „Miguel?“ herausdrang…

Und dann wieder: „Miguel – Miguel,  bist du’s?“

Immer aufgeregter wurde der Straßenmusikant, immer panischer,er ließ die vor Schmutz starrende Melodica fallen und drückte auch mit seiner linken Pranke an dem Silberkreuz herum – und immer wieder krächzte er: „Miguel !…Miguel !!…Miguel…!!!“

Aber John Miguel Smith war längst  außer Sicht- und Hörweite, ja er hetzte  wie ein weidwundes Tier mit seiner vollkommen aufgelösten Begleitung die Promenade entlang, um sich schnellstens in seinem Unterschlupf im Hotel Vulcano zu verkriechen!

Da der berühmte Dirigent Smith bekanntermaßen sich jedes Herumschnüffeln in seiner Vita verbat und erbarmungslos sämtliche noch so geringfügige öffentliche Vermutungen beklagte, verhallten auch diese verzweifelten Rufe des alten Mannes im Geplätscher des an der Lavaküste züngelnden Meeres nahe der Promenadenbrüstung.

Trotzdem hatte ich, wie gesagt, irgendwo aufgeschnappt, dass der Straßenmusikant deshalb, und nur deshalb seit damals, diese eine besagte ‚einschmeichelnde Melodie’, die ich bis heute nicht identifizieren konnte, spielt, da er immer noch hofft, sein Miguel – um den er sich als Kind einen Dreck geschert, ja ihn sogar zur Adoption freigegeben hatte – doch noch eines Tages vorbei kommt, und ihn, seinen angeblichen Vater, auf einen Brandy ‚Carlos III’ einlädt…

Ob es wirklich der ‚Carlos III’ ist, von dem dieser vermüllte ‚Musikus’ träumt, dafür möchte ich mich allerdings nicht verbürgen, aber ich lade jeden, der mir etwas Neues über John Miguel Smith zu erzählen vermag, zu einem ‚Carlos I’ in den vorgewärmten Gläsern des Café ‚Gilbert’ an der Promenade in Playa Blanca ein – denn irgendwie sollte dem alten, ‚musizierenden Drecksack’ geholfen werden, meine ich, und warum nicht mit einem guten Brandy?

PS:
Erwähnt sei noch, dass alle Personen und Handlungen dieser Geschichte erfunden sind, doch an dieser Melodie, die zum Sturz des Dirigenten führte, bleib ich dran, die muss ich unbedingt herausfinden…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 20. April 2017

Lanzarote oder die gestörte Urlaubswelt des Carl S.

Carl und Gerlinde (Folge 50)

Carl wusste schon immer, dass er nie und nimmer auch nur einen einzigen Tag, ja selbst nur wenige Stunden oder Minuten und Sekunden Urlaub auf den Kanarischen Inseln verbringen würde – und auf Lanzarote schon gar nicht!

Was sollte er auch in dieser pechschwarzen Lavakacke, in der absolut nichts Vernünftiges wuchs, in der aber trotzdem unentwegt neue überfütterte Touristenhorden aus Deutschland und England sich vor Entzücken krümmten, weil sich schon wieder ein zartes grünes Hälmchen nach läppischen zweihundertfünfzig Jahren aus einem erkalteten Magmahaufen vor ihren Augen gen Himmel reckte und bestimmt innerhalb der nächsten Jahrhunderte mit einer Wachstumsgeschwindigkeit von mindestens Neunzehntelmillimeter pro Jahrzehnt der Sonne entgegenraste…

Was sollte dieses Hälmchen auch anderes tun, wo es doch keinerlei Grundwasser in diesem Urlaubsparadies gab und auch der ach so Leben spendende Regen höchstens an achtzehn Tagen bestenfalls ein klitzekleines Bisschen zu tröpfeln gedachte, so dass es selbst die fünfundzwanzig Millionen Jahre alten Vulkankegel neben den Magmawüsten nur zu einem quasi hingehauchten Grünschleier auf ihren kargen Flanken gebracht hatten, da in keiner Vulkanregion der Welt jemals auf derartige Touristenmassen so wenig Regen gefallen war und weiterhin fallen wird – wie auf Lanzarote!

Nee – da wollte Carl nicht hin – nicht ums Verrecken!

Dass er dann trotzdem mit Gerlinde in einer Condor Maschine Richtung Lanzarote saß, war eher ein Versehen und wohl ausschließlich der Tatsache geschuldet, dass er nach den letzten quälenden dreiundvierzig Arbeitswochen dringend ein paar Tage Erholung von seiner Firma und von Gerlindes kanarischem Urlaubsgebrabbel benötigte, mehr war dazu nicht zu sagen! Außer, dass das von Gerlinde gebuchte Iberostar Hotel mit Meerblick auf den ersten Blick und mit einigen Abstrichen gar nicht so übel zu sein schien!

Wenngleich diese Fülle an Meer vor der Nase spätestens nach fünf Tagen schon etwas langweilig wurde, trotz dieses wirklich herrlichen Blau, das es gelegentlich zeigte – das Wasser – und dann Grau und Graublau und mit weißen Schaumkronen bestückt und natürlich in der Nacht eine pechschwarze Schwärze, wenn sich nicht gerade die komisch verdrehte Mondsichel drin spiegelte. Aber zu einer grundlegenden Aufhellung von Carls gestresster Gemütssituation trug dieses barocke Farbenspiel dennoch nicht bei, denn in letzter Konsequenz war dies alles ja doch nur Wasser, Wasser und wieder Wasser – und keine Gebirgslandschaft mit Gletschern, Schluchten und Adlerhorsten, selbst wenn Gerlinde das nicht wahr haben wollte und jedem Genörgel in Sachen Meer sofort einen  Flunsch wie eine Riesenwelle entgegenrollen ließ.

Und  was dieses besagte Meer betraf, gab es auf Lanzarote auch kein Entrinnen entlang der endlosen Promenade!

Nein das war nicht möglich!

Denn wenn sich Carl in Gerlindes Gefolge von Südwesten nach Nordosten bewegte, hatte er es auf der rechten Seite, und andersrum,  von Nordosten nach Südwesten, logischer Weise auf der linken Seite, das Meer! Und wenn er in einem der Millionen Lokale entlang dieser Promenade seinen aufwendig servierten herrlich angewärmten Brandy ‚Carlos I’ schlürfte, hatte er es nicht links oder rechts, sondern natürlich vor der Nase, und bei ‚Garnelen mit Knoblauch’ auch. Und bei Pizza mit anschließendem Cortado auch – außer – er huschte schnell einmal auf die Toilette – anders war diesem aufdringlichen Meer nicht zu entkommen…

Und natürlich umwehte dieses penetrante Meer ein immer noch penetranterer Wind, der oft ein Sturm war und vormittags eisigkalt Carls Haare nach Südosten stellte, wenn er sein Käppi vergessen hatte, und nachmittags getarnt als warmer ‚Calima’ aus dem hundertsechsundvierzig Kilometer entfernten Afrika seinen schütteren Haarschopf gen Westen föhnte und quasi als kostenlose Draufgabe noch beide Nasenlöcher mit feinstem Saharasand auffüllte. Und Gerlindes goldige Nasenlöchelchen auch.

Klar, dass das Meer auch beim mittäglichen Essen ein paar kräftig planschende Wörtchen mitzureden hatte: hatten Carl und Gerlinde nämlich nach neunzig Minuten endlich einen Tisch in Meeresnähe erkämpft, der gerade von einem gewissenhaften Kellner gesäubert und von einem anderen eingedeckt und mit Speisekarten bestückt wurde, so dass wieder ein anderer die Bestellung des ‚Cervezas’ übernehmen konnte und der nächste Kellner nach zwanzig Minuten die der Speisen, so war die Schlacht noch lange nicht geschlagen, da nämlich der plötzliche mittägliche Kellnerwechsel selbstverständlich eine vollkommene Neubestellung der gewünschten Knoblauch-Garnelen und Sardinen erforderte.

Aber was machte das schon, Carl war doch mit Gerlindchen im Urlaub und sie hatten doch diesen absolut himmlischen Blick auf ein tief blaues Meer das selbst noch am Horizont mit dem Blausein nicht aufzuhören gedachte…

Doch wenn dann endlich die bestellten Sardinen nach weiteren dreißig Minuten ankamen, deutlich später als Gerlindes brutzelnde ‚Knoblauch-Garnelen im Pfännchen’, sahen sie selbst für Gerlindes kritisches Carlchen überraschend verlockend aus. Leider auch für die gar nicht scheue Möwe auf der gefährlich nahen Promenadenbrüstung, denn schneller noch als Carl mit der Gabel an seiner ersten Sardine war, war die Möwe mit ihrem Schnabel an seiner zweiten.

Verdutzt schaute ihr Carl nach, als sie mit ihrer Beute flink auf dieses verdammte Meer hinausflog. Da Gerlinde lachend dasselbe tat, konnte er allerdings sein Missgeschick wenigstens dadurch lindern, dass er unbemerkt ihr schnell ein paar Knoblauch-Garnelen entwendete und mit ihrem Cerveza runterspülte.

Dieser Kampf ums Essen setzte sich natürlich am Abend im Speisesaal fort: hier waren es aber nicht die Möwen, die Carl und Gerlinde die noch halbvollen Teller leerten, sondern ein übereifriges Heer von fleißigen Bediensteten, die offensichtlich im Akkord entlohnt wurden, denn was sonst hätte sie veranlassen sollen, derart gewandt ihren Gästen die Teller weg zu ziehen, dass diese nicht selten ihre Gabeln versehentlich in den Tisch rammten, wenn sie nach dem letzten Fitzelchen Geschnetzeltes oder geschmorten Paprika stachen, und nicht selten wurde während eines einzigen Frühstücks dreimal der Tisch abgeräumt und neu eingedeckt und dies alles während Carl und Gerlinde unermüdlich immer neue Frühstückseier, Schälchen mit Marmelade, Butterpäckchen, Croissants, Mohnbrötchen, gebratenen Speck, Teekännchen, Kaffee und Orangensaft anschleppten!

Schlimm war das –  fast genau so schlimm, wie das verdammte Fernsehprogramm, bei dem Carl durch die elende Zeitverschiebung sämtliche Nachrichten über Donald Trump und Recep Erdogan versäumte und oft auch die Bundesliga und den ‚Tatort’, der ja schon seit Jahren praktisch für alle vernünftigen Deutschen – außer Gerlinde – statt durch Kirchgang den Sonntag markierte – was natürlich noch schlimmer war…

Aber am Schlimmsten war dieses fürchterliche Getue um diesen komischen ‚César Manrique’ auf Lanzarote! Der wohl nur in Lavablasen gehaust hatte und sich dazu sogar einen ganzen Konzertsaal für sechshundert Hörer in seine Blase implementieren ließ und eine Disco in sein unterirdisches Verließ einbaute, in der neben der Tanzfläche in einem glasklarem Wassertümpel, weiße fingernagelgroße fast blinde Albinokrebse herumkrabbelten, die sonst nur in tausenden Metern tiefen Meeren existierten, aber  hier und  jetzt in dieser Pfütze ein ganzes Leben lang auf diesen wenigen Quadratmetern Lava die dort wachsenden Algen abgrasten und das Tag um Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr in andauernder Finsternis – was für ein fürchterliches Leben, dachte Carl, wobei ihm bei diesem Gedanken jedes Mal ein kalter Schauer über den Rücken raste. Im Vergleich dazu war doch sein Leben mit Gerlinde – selbst hier auf Lanzarote – das reinste Geschenk des Himmels, oder nicht?

KH

Hans Bonfigt
Donnerstag, der 2. Februar 2017

Entschuldigung eines alten Sozialdemokraten

Franz-Josef Degenhardt!

Mir ist entgangen, daß der Roland etwas bei „Youtube“ vermißt hatte und lege zum Thema „Gruselclowns der SPD“ pflichtschuldigst nach:

(LINK: https://www.youtube.com/watch?v=jasTU_ZnwwA)

Und weil’s so schön ist;

http://www.heute-show.de/zdf/artikel/136826/ihr-solltet-erst-mal-das-bild-vorm-metzger-sehen.html

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 13. Oktober 2016

Alte leben kürzer – Junge länger…

Carl und Gerlinde (Folge 49)

ZZZZZZZA180843Also – das war schon ein Schock heute Morgen, als Carl sein sonntägliches Frühstücksei geköpft hatte, das ausnahmsweise einmal wirklich kernweich geraten war und sich daher prima auslöffeln ließ: ausgerechnet da sagte Gerlinde nämlich,

„du Carl, ich hab’ beschlossen ab sofort nicht mehr zu rauchen!“

Dabei strahlte sie übers ganze Gesicht, obwohl sie noch vor wenigen Minuten ungewaschen und ungeschminkt, was sie ja so gar nicht mochte, in der Küche herumgewerkelt hatte. Aber Carl verkroch sich ohnehin derart selbstvergessen in seinem Frühstücksei, dass jede Art von Morgentoilette bei ihr sowieso vergebliche Liebesmühe gewesen wäre.

Erst als Gerlinde ein zweites Mal die Verkündigung ihres Beschlusses versuchte und dies mit einem massiven Pfauchen einleitete und zusätzlich noch ihr bereits ausgelöffeltes Ei Carl auf sein unausgelöffeltes drückte, schien er aufzuwachen und sich ihr zuzuwenden.

„Hey Carlchen! Ich hör’ ab sofort zum Rauchen auf!“

Wortlos starrte er sie an.

„Was sagst du dazu, freust du dich gar nicht darüber?“

„Nö.“

„Wieso nicht? Du meckerst doch seit Jahr und Tag, dass dir der Zigarettengestank auf den Zeiger ginge?“

„Das schon“, sagte Carlchen, nahm irritiert Gerlindes leeres Ei von seinem halbleeren und setzte seine unterbrochene Eilöffelei da fort, wo sie unterbrochen worden war, wenngleich mit deutlich weniger Inbrunst.

„Also was nun?“ fragte Gerlinde ratlos mit einem Anflug von Gereiztheit.

„Na ja, du bringst dadurch meine gerade mühsam zurechtgerückte Altersstatistik durcheinander!“

„Ist das einer deiner hintergründigen Witzchen, die du so liebst und ich hasse – oder wie meinst du das, liebster Carl?“

„Das ist kein Witzchen, liebste Gerlinde, sondern das sind die neuesten wissenschaftlichen Fakten, die ich bei dieser Korrektur verarbeitet habe“.

„Und?“

„Ja nichts und, Gerlinde! Schließlich weißt du ja auch, dass man bei unserem Altersunterschied – du 42 Jahre, ich 58 – schon manchmal ins Grübeln kommt“.

„So? Auf einmal?“

„Ja  – auf einmal! Aber vielleicht hast du ja auch in den letzten Tagen Zeitung gelesen und mitbekommen, dass nach den neuesten Rentenstatistiken ich nur mehr 24 Jahre zu leben habe, während du noch locker 44 Jährchen vor dir hast, liebe Gerlinde!“

„Und wo ist da das Problem?“

„Das Problem besteht darin, dass ich auch noch 44 Jahre leben möchte, genau wie du!“

„Und?“

„Und – mir deswegen nach der neuesten New Yorker Studie einen hübschen Plan ausgearbeitet habe wie ich das erreichen kann…“

„Ist doch schön, Carl…“

„Nein ist nicht schön – denn du hast diesen Plan gerade mit deiner Bemerkung – zugegeben unwissentlich – über den Haufen geworfen, Gerlinde…“

„Oh – Gott wie denn das?“

„Na ja, in der besagten Studie wurde festgestellt, dass ich, wenn ich täglich fünf Walnüsse esse bis zu fünf Jahre länger lebe!

Und wenn ich dich außerdem regelmäßig küsse um weitere fünf Jahre! Ein abendliches Glas Wein bringt 3,8 Jahre und täglich 15 Minuten Bewegung nochmals 3 Jahre.

Esse ich zusätzlich täglich noch fünf Portionen Obst und Gemüse gewinne ich weitere 3 Jahre und wenn ich zukünftig statt Gummibärchen Schokolade nasche noch ein Jahr mehr! Insgesamt käme ich somit ziemlich genau auf die mir fehlenden zwanzig Jährchen, liebste Gerlinde…“

„Wenn da nicht ein Haken wäre in dieser Rechnung…“

„Ja wenn da nicht der Umstand wäre, dass ich dich küssen muss und du durch dieses Küssen auch wieder fünf Jahre länger lebst als ich…“

„Schlimm – wirklich schlimm…“

„Ja schlimm, aber das ließe sich noch regeln, wenn ich zwischendurch immer wieder mal unsere Freundin Hannelore küsste…“

„Prima Idee, dann lebt die auch länger…“

„Ja  –  und so schlecht küsst die gar nicht! Aber die eigentliche Katastrophe beginnt ja erst, wenn du wirklich zu rauchen aufhörst. Dadurch gewinnst du nämlich nach der New Yorker Studie bis zu 10 Jahre und da ich nicht rauche, verbaust du mir absolut jede Chance mit dir zusammen alt zu werden, liebste Gerlinde, das ist einfach Fakt!“

Und Fakt war auch, dass Gerlinde nicht mehr antwortete sondern handelte, und Carl sich plötzlich in einem unsäglichen Gemenge von zerdeppertem Frühstücksgeschirr, Marmelade, Butter, Kaffe und Tee unter einer Tischdecke befand, die Gerlinde ihm übergeworfen hatte…

Lebensverlängernd war diese Aktion sicher nicht, da war sich  Gerlinde sicher, aber nach dem Gewimmer unter der Tischdecke  war eine unmittelbare Lebensverkürzung auch nicht zu befürchten –  trotz  fortgeschrittenen Alters des erbärmlichen Kandidaten…

KH

Klaus Hnilica
Dienstag, der 29. März 2016

Auf verlorener Sohle

Carl und Gerlinde (Folge 48)

„Entweder hast du die Scheißerei, bist besoffen oder hängst vor der Glotze beim Fußball!“ bellte Gerlinde vom Balkon ins abgedunkelte Zimmer ihres heiß geliebten Hotels Barceló Santiago.

ZZZZZZ_173721„Ach Gerlinde! Sei doch nicht so ekelhaft, wenn ich mir einmal tagsüber ein Bierchen gönne und dem Kloppi seinen FC Liverpool anschaue“, motzte Carl zurück und rekelte sich genüsslich in seinem Bett, ohne den Bildschirm an der Wand auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen! Schließlich ging’s doch um etwas bei dieser Europa League! Und die tapferen Augsburger hielten nach dem überraschenden Führungstreffer der Klopp Truppe immer noch wacker dagegen…

„Ja, ja red’ du dir nur alles schön! Ich hab’ mir jedenfalls unseren Frühlingsurlaub auf Teneriffa anders vorgestellt!“ meckerte Gerlinde unbeirrt weiter, obwohl ihr Gemecker kläglich unterging im Getöse des Atlantiks an dem schwarzen Riff – gleich unterhalb des Hotels.

Verärgert warf sie sich schon zum fünften Mal an diesem Nachmittag in ihren Liegestuhl und starrte trübsinnig auf das kitschig blaue Meer mit dem archaischen Dreimaster in voller Takelage, von dem aus wieder unzählige genarrte Touristen vergeblich Ausschau nach Delfinen und Walen hielten.

Genau so vergeblich, wie sie seit Stunden ihren Carl in die Frischluft zu lotsen versuchte: dabei hatte sie drei Jahre ihren hartleibigen Urlaubsmuffel bearbeitet, bis er endlich bereit war mit ihr auf diese ungeliebte Insel Teneriffa zu fliegen – auf der ihr ‚Ex-Mann’ Jürgen immer noch das ehemals gemeinsame Apartment hatte.

Ja – volle drei Jahre nagende Überzeugungsarbeit waren das gewesen, und dann hockt dieser Saukerl im Hotelzimmer vor der Glotze, oder ist bestenfalls dazu zu bewegen seinen Buttermilchkadaver ein Stockwerk höher in die Poollandschaft zu schaffen, um ein paar klägliche Runden  zu drehen: natürlich mit Sonnenbrille und den Dickschädel immer schön über Wasser, damit ja die ‚Dauerwelle’ nicht nass wird, dafür aber der Nacken ausreichend schnell versteift, um nach spätestens fünf Minuten wieder aus dem Becken flüchten zu können…

Wenn es denn überhaupt fünf Minuten waren!

Denn der Poolrand wurde ständig von Bier trinkenden englischen Familien belagert, deren ‚brexit’- bereite Väter gerne balgten und häufig ihre widerspenstigen, kindlichen Monster wie fehlgeleitete nordkoreanische Raketen in Richtung Poolmitte katapultierten. Wer da im Pool durchhielt, hatte Glück und Pech gleichzeitig, denn bei diesen Überlebenden war nicht nur das Haupthaar tropfnass, sondern in den ausgelösten Riesenwellen zappelte unwiederbringlich auch jede Sonnenbrille, flink wie ein Zebrafischchen, dem unergründlichen Beckenboden entgegen…

Und wehe, wenn Carlchen auf seiner panischen Flucht vor diesem ‚britischen Tsunamichaos’ noch von einer verirrten Fallwindböe des im Hintergrund lauernden schneebedeckten Teides durchgeschüttelt wurde, dann war der Rest des Nachmittags auch für Gerlinde gelaufen!

Wortlos pflegte Carl bei solch unsäglichen Widrigkeiten sich in seinen übergroßen Bademantel zu werfen, jede noch so verlockende Sonnenliege zu ignorieren und stattdessen festen Schritts in Richtung Pool–Bar zu schreiten!

Selbstredend wich er von da nicht eher, bis er mannhaft vier doppelte ‚Carlos’ in seinen geschundenen Leib versenkt hatte – und das trotz herumnölender Gerlinde!

Kein Wunder, dass Carl nach soviel zur Schau gestellter Durchsetzungskraft dann schon mal einen Tag später, im Anschluss an das obligatorische Frühstückspiegelei, die vollkommen perplexe Gerlinde mit der Frage überraschte, ob sie spontan Lust auf eine kleine Wanderung hätte?

„Wie –  gleich heute?“

„Ja natürlich, wann denn? In zwei Wochen sind wir doch nicht mehr da?“

„ Ja von mir aus – du weißt ich bin immer für schnelle Entscheidungen zu haben, lieber Carl.“

„Deswegen lieb ich dich ja auch so, mein geliebtes Gerlindchen“, schleimte Carl und schaufelte unauffällig die von Gerlinde für sich bereit gehaltene Orangenmarmelade auf sein letztes Stück Weißbrot.

Da aber bereits um elf Uhr der Bus, zu der schon vor Tagen von ihr geplanten ‚Eingehwanderung’ fuhr, erübrigte sich ausnahmsweise jeder Protest!

Viel wichtiger war ihr, dass knapp vierzig Minuten später ihr ‚wandergeiler’ Carl, in voller Ausrüstung mit Rucksack und Wasserflasche neben ihr im Bus nach Santiago del Teide saß, und das für läppische 3 Euro 30 – für beide!

Kostengünstiger ging’s wirklich nicht!

Carl war auch bestens gelaunt: gleich mehrfach betonte er während der flotten, kurvenreichen Fahrt nach oben, dass es vermutlich nur wenige Paare gab, die so spontan und schnell Entschlüsse fassten und  einvernehmlich umsetzten, wie sie beide. Einmalig sei das – wirklich einmalig diese Harmonie zwischen ihnen beiden. Launig kniff er seine Gerlinde so fest ihn ihren nackten Oberarm, dass sie wie ein Ferkelchen quiekte. Und da Carl in Sachen Harmonie immer ausschweifender wurde und auch noch Kurt und Hannelore ins Spiel brachte, bei denen überhaupt nichts klappte, was sie gemeinsam unternahmen, war er bass erstaunt, als Gerlinde schon nach der dritten Station zum Aussteigen drängte und ihn umsichtig direkt zum Einstieg in den vorgesehenen Wanderweg lotste:

10,3 km bis Tamaimo!

„Das ist doch lachhaft“ jauchzte Carl, „das hüpf ich auf einem Bein runter“! Und schon sprang er ohne Wanderstöcke behänd von Stein zu Stein das erste Steilstück nach unten und wartete lachend auf Gerlinde, die sich lieber vorsichtig einwanderte.

Keine Frage, die Strecke war malerisch, die hatte Gerlinde gut ausgewählt. Links und rechts, die um diese Jahreszeit noch unbearbeiteten Terassenfelder, dazwischen gut gefüllte Teiche und grüne Wiesen bis zu den steil aufragenden Bergen dahinter. Und weit und breit kein Mensch, nur vereinzelte Palmen und ganz hinten ein weißes Haus. Irgendwo bellten ein paar Hunde.

Aber der Weg war nicht einfach!

Fast ununterbrochen ging es steil nach unten und auf den gelegentlichen flachen Teilstücken lag ausschließlich messerscharfes Geröll auf dem man echt nicht zu Fall kommen durfte.

Doch mit den guten ‚Lowa-Schuhen’ und hinreichender Kondition alles kein Problem, dachte Carl auch noch, als er schon spürte wie ihm plötzlich der rechte Schuh fort zu schwimmen drohte. Als er den Fuß forschend anhob, merkte er zu seinem Entsetzen, dass die gesamte Profilsohle weg hing; ein kleiner Riss und sie war gänzlich weg!.

„Und was nun?“, fragte Gerlinde besorgt.

„Weiß ich nicht!“

„Was ist mit dem linken Schuh?“

„Da ist sie noch dran – nein! Sie hängt auch schon weg…“

„Oh – Gott, was jetzt?“

„Nichts –  weitergehen“, grunzte Carl wie im Tran.

Und das tat er auch!

Und er tat es noch, als selbst die Restsohle an den Schuhen praktisch schon durchgetreten war. Und auch als die beiden Einlagen in den Schuhen bereits zerfetzt weg hingen! Und die Wandersocken nur mehr aus Löchern bestanden, und das Unterhemd und das T-Shirt um seine Fußsohlen sich in blutige Fransen auflöste…

Aber da hatten sie ja auch schon Tamaimo erreicht! Und eine Bar, von der aus sie, nach Cortado und Wasser – Gott sei’s gedankt – das rettende Taxi ins Hotel ordern konnten…

„Schade“ stöhnte Gerlinde, als sie dem freundlichen, jungen Taxifahrer ihr Ziel genannt hatte, „schade, dass das ausgerechnet am Beginn unseres Wanderprogramms passieren musste“!

Säuerlich stimmte ihr Carl zu, hatte allerdings für sich längst entschieden, dass ‚verlorene Sohlen’ am Ende eines von ‚Gerlinde geplanten Wanderurlaubs’ viel schlimmer waren – trotzdem durfte aus der saftigen Beschwerde an die ‚Firma Lowa’ kein jubelndes Dankesschreiben werden, soweit musste er sich schon, Gerlindes wegen, in der Hand haben…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 25. Februar 2016

Das Dvorak Requiem

ZZZimagesSie war froh.
Und er war froh.
Die Dvorak ging mit ihm – und er mit ihr – zu Margots Geburtstagsfeier.
Erst vor zwei Tagen war er mit der Dvorak auf ‚ihrem Requiem’ gewesen.
Er fand das lustig.
Sie nicht.
Das Dvorak Requiem war unbeschreiblich gewesen! Der Chor gewaltig und die Musik erschütternd wie das Ende der Tage.
Aber soweit war es noch nicht.
Margot war Siebzig geworden und wollte feiern. Ihr Mann war längst tot, und die alten Freunde wurden immer weniger.
Mit dem Golfhotel hatte sie eine feine Adresse gewählt. Leckeres Essen war garantiert. Alles andere wär eine Enttäuschung gewesen. Die Dvorak freute sich darauf. Sie aß für ihr Leben gern. Natürlich mit Folgen! Ein lebenslanger Kampf! Aussichtslos!

Dienstag siebzehn Uhr fünfundvierzig bei ihm, hatten sie gesagt.
Um achtzehn Uhr begann das Fest.
Zwei Stunden vorher rief er die Dvorak an.
Keine Reaktion.
Wahrscheinlich noch unterwegs. Oder sie duschte.
Viel zu schnell griff er gleich wieder zum Hörer.
Nichts!
Wo blieb denn ihr Anruf? Das tat sie doch sonst immer.
Er versuchte es noch etliche Male auf ihrem Handy.
Dumme Pute wollte er sagen. Konnte er aber nicht. Hatte ja keine Verbindung.
Schließlich gab er auf.
Unruhig und enttäuscht fuhr er alleine los…
Aber vielleicht musste sie ja überraschend zu ihrer krebskranken Tochter. Oder ihr uralter Vater wollte plötzlich doch sterben.
Oder sie musste sich erlösen von all’ dem Übel und war neben dem Glas Rotwein eingeschlafen.
Da hätte er nicht stören mögen.

Als er der Erste auf dem Fest war – hatte er Gewissensbisse.
Er hätte doch länger auf die Dvorak warten sollen. Sie wär bestimmt noch gekommen.
Margot war überrascht, dass er sie nicht mitbrachte.
Und seine Frau auch nicht. Aber das wusste sie ja.
Ach, die Dvorak kam bestimmt noch. Die hätte sich sonst auf jeden Fall abgemeldet. War viel zu gewissenhaft.
Niemand hatte da die geringsten Zweifel.
Auch nicht als es schon hoch herging und die Gäste mit der Animateurin allerlei Gymnastik zwischen den köstlichen Speisefolgen machen mussten.
Das hätte die Dvorak nicht mögen.
Als hätte sie es geahnt.
Hat sie ja vielleicht. Sie hasste Gymnastik wie die Pest.
Warum musste man im Alter unbedingt gelenkig sein?

Komisch, ihr Stuhl blieb leer. Obwohl die Lücke am Tisch störend war.
Ihr Gedeck hatte man auch noch nicht weggetan.
Ein eigenartiger Scherz war das schon von ihr.
Einfach nicht erscheinen.
Ohne ein Wort .
Ohne Entschuldigung. Aber bei aller Zuverlässigkeit konnte sie eben auch störrisch sein, dass wussten alle, die sie kannten, die Dvorak.

Das Fest war gediegen!
Alles perfekt organisiert.
Margot gab ihr Bestes und ihre charmante Tochter auch.
Beide waren Profis. Wussten wie man Stimmung macht.
Den schalen Geschmack im Mund hatte wahrscheinlich nur er, als bei der Oldie– Einlage zum Schluss, die gleichen Sänger auftraten wie im Dvorak Requiem.
Die Dvorak hätte gelacht, bei dieser unfreiwilligen Komik.
Lachen konnte sie. Und wie!

Ja und dann war der Abend auch schon vorbei.
Und die Dvorak nicht gekommen.
Schade!
Er zockelte alleine heim und rauchte noch ein Zigarillo.
Ein Glas Rotwein gönnte er sich auch.
Endlich der Anruf:
Arg spät, liebe Frau Dvorak!
Aber sie war es nicht.
Sie war schon tot.
Während der zweiten Vorspeise auf dem Fest, hatte ihr Sohn sie gefunden.
Er war über den Balkon ins Haus gestiegen, da der Haustürschlüssel innen steckte.
Die Dvorak saß auf der Stiege.
Einen Schuh hatte sie schon an.
Dann lehnte sie sich an die Wand und blieb so sitzen.
Eine ganze Nacht – und einen Tag.
Herzstillstand. Sekundentod.
Ihr alter Hund bewachte sie.
Er war taub.
‚Ihr Requiem’ – hätte er nicht hören können…

KH

 

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 11. Februar 2016

Haarige Kopflosigkeit…

Carl und Gerlinde (Folge 47)
ZZZZZM214Ja – in einigen Dingen war Carl wirklich von eherner Beständigkeit! Und das nicht nur was sein Lieblingsbier betraf, dieses trübe Glaabsbräu, oder sein Haarwasser, oder die heiß geliebte Nivea Creme, die er sich täglich in die Haut rieb – nein, auch seinem Zahnarzt hielt er die Treue und dem französischen Baguette vom Bäcker Briegel – ähnlich wie der TRIGA Unterwäsche, den Davidoff Zigarillos und den Falke Socken – und natürlich seinem Friseur Florian Breitschuh!

Letzteres war am ehesten zu verstehen, da Carl recht zuverlässig alle zwölf Wochen seine üppig sprießende Haarpracht im Frisierstudio ‚Haargenau’ von Herrn Breitschuh zurechtstutzen ließ: und das seit siebenunddreißig Jahren!

Neuerdings verkürzte sogar ein immer dreister werdender Wildwuchs an grauen Haaren in Nasenlöchern und Ohren diese über Jahrzehnte eingeübte ‚Zwölf-Wochen-Periode’, was Carl aber gelassen hinnahm, da er einen Haarschnitt bei Florian Breitschuh nie als Last, sondern immer nur als eine willkommene ‚Entspannungszäsur’ in seinem stressgeplagten Arbeitsalltag empfunden hatte.

Insgeheim war Carl natürlich glücklich, dass dieser haarige Wildwuchs nur in den Nasenlöchern und Ohren tobte und nicht etwa auf seiner Brust oder gar den Schulterblättern: denn Gerlinde schüttelte sich stets mit unnachahmlicher Abscheu, wenn ihr im Schwimmbad oder in der Sauna ein männliches Wesen mit tierisch behaarten Schultern über den Weg lief. Ja, sie hatte in diesen Fällen sogar immer die allergrößte Mühe die unmittelbar einsetzende zwanghafte ‚fäkal sprachliche Eruption’ angemessen zu bändigen und in gesellschaftsfähige Bahnen zu lenken; für Carl natürlich ein überlebensnotwendiger Hinweis, wie er seine Körperbehaarung zu steuern hatte!

Am meisten aber schätzte Carl an Florian Breitschuh dessen Schweigsamkeit!

Außer einer kurzen Begrüßung gab es kein unnötiges Wort zwischen ihm und Carl. Und schon gar nicht dieses zermürbende Gelaber über Urlaub, die heraufziehende Klimakatastrophe, oder die immer bedrohlicher werdende Flüchtlingssituation…

Nein – Carl und Florian Breitschuh schwiegen bei ihrem ‚Haar schneidenden Tun’!

Doch eine Anmerkung ließ sich Carl nie nehmen: sobald er saß und den Frisierumhang um den Hals hatte, grinste er Florian Breitschuh in sein gespiegeltes Antlitz und sagte in sonorem Tonfall:

„2 Zentimeter“!

Nach diesem verbalen Tsunami pflegte Carl seine Augen zu schließen und diese erst wieder zu öffnen, sobald die zärtlich weichen Borsten der Breitschuh’schen Haarbürste das ‚haargenaue’ Ende des Haarschnitts signalisierten und alles wegfächelten, was an Carls Ohren, Nase, Nacken, Hals und Kragen zu kitzeln drohte.

Genau dann, wenn die Breitschuh’sche Haarbürste ihre letzte Fächelbewegung machte, öffnete Carl seine Augen und registrierte im Spiegel, mit von Jahr zu Jahr abnehmender Begeisterung, sein frisch gestyltes, graues ‚2 Zentimeter Haupthaar Gesicht’!

Eine kurze Kopfdrehung nach links und rechts genügte anschließend, um durch ein kaum wahrnehmbares Nicken zum hundertachtundvierzigsten Mal Florian Breitschuh die vollste Zufriedenheit anzuzeigen! Was dieser seinerseits mit einem feinem Lächeln und einer nur für Eingeweihte erkennbaren Verbeugung quittierte.

Doch warum dann dieses unfassbare und jeder Sachlichkeit entbehrende Ereignis?

Welches Ungeheuer starrte denn Carl da plötzlich entgegen, als er wie üblich nach vollendetem Haarschnitt vertrauensvoll die Augen öffnete

War dieser Kahlkopf wirklich E.T, der Außerirdische? Oder einer dieser Millionen erbarmenswürdigen Krebskranken, die heutzutage in keiner Fernserie fehlten? Oder war es der Satan persönlich, der ihm da aus diesem Friseurspiegel verlegen zugrinste?

Hm – brummte Carl und schaute verunsichert nach allen Seiten – dann wieder auf das Gesicht vor ihm, das ebenso verunsichert um sich spähte – grad so als befände es sich auf der Flucht…

„Hey“, rief Carl nun etwas lauter, „wer ist das?“

Denn dass er selbst beim Friseur saß, das war Fakt und fiel ihm auch spontan wieder ein; doch nirgends sonst war ein bekanntes Gesicht in Sicht. Nur dieser komische Typ hinter ihm im Spiegel, der selbst völlig entgeistert vor sich hin starrte…

Und als Carl ihn fragte, wer er sei, sagte er, jetzt lachend, „der Friseur Ihrer werten Frau, junger Mann! Sie hat Sie nämlich zu mir geschickt, da sich Ihr Friseur den Arm gebrochen hat!“

„Und?“.

„Ja – nichts und! Ich hatte doch extra noch einmal nachgefragt, als Sie ihm Stuhl saßen und ‚2 Millimeter’, sagten. Auf meine Frage meinten Sie nur unwirsch, dass Sie sich nicht gern wiederholten und schlossen die Augen. Nun da tat ich eben meine Arbeit – mit der Maschine!“

„ Hm“ sagte Carl ein weiteres Mal, und dann, dass er Gott sei Dank nicht eitel sei!

Doch noch auf dem Heimweg verfestigte sich in ihm der Entschluss, dass er sich umgehend für zwei Wochen krankschreiben lassen musste: seine Sekretärin Bettina und auch Miriam Braun würden in Schreikrämpfe ausbrechen, wenn sie seiner ansichtig wurden.

Selbst sein Chef Dr. Osterkorn, würde ihm bestimmt raten, in den nächsten sechs Wochen Kundengespräche zu meiden, und seiner Gerlinde würde er gleich jetzt noch am Telefon einen vierwöchigen Urlaub in Island vorschlagen, den sie sich schon seit Ewigkeiten wünschte und er immer abzuwenden verstanden hatte, da er den ständigen Regen und die Bärenkälte dort, wie nichts auf der Welt hasste.

Aber mit geeigneter Mütze, waren doch solche Wetterkapriolen überhaupt kein Problem mehr! Warum war ihm das nicht schon früher eingefallen? Komisch eigentlich?

Ja – vielleicht sollte er sich gleich noch das passende Käppi kaufen und Gerlinde überraschen? Warum eigentlich nicht? Nicki Lauda trug doch auch eines…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 8. Oktober 2015

Wir schaffen das! Oder die Gnade der Ahnungslosigkeit

Carl und Gerlinde (XLV)

Es gab Tage, da ahnte Carl bereits während des Aufwachens, bei dem Gerlindes elfenhaftes Gesäusel zwar schon an seine Basilarmembranen plätscherte, aber seine Augenlider noch nicht hochgeklappt waren, dass ihm Unangenehmes widerfahren würde.

ZZZZSimg211Entsprechend verkniffen fielen dann natürlich auch seine Gesichtszüge aus, die er während des Verzehrs seines Frühstückseies Gerlinde darbot und die sich eins zu eins in ihrer Miene widerspiegelten, so weit dies neuerdings zwischen den extrem aufdringlichen Illustrationen der ‚Frankfurter Allgemeinen’ überhaupt noch wahrnehmbar war.

Wie wenig ihn sein Gefühl auch diesmal trog, registrierte Carl, als ihm seine Sekretärin Bettina im Büro endlich den üblichen morgendlichen Kaffee servierte. Denn ihre bedeutungsvoll gekräuselten Lippen, weit geöffneten Augen und mehrfachen Versuche, die Kaffeetasse näher an ihn heran zuschieben, verhießen nichts Gutes.

Als sie ihm dabei noch zuflüsterte, dass Dr. Osterkorn um zehn Uhr dreißig zu einem Gespräch im großen Besprechungszimmer bittet – Unterlagen wären nicht nötig – war klar, dass sich seine düstere Ahnung auch dieses Mal erfüllen würde…

Überraschend war dann nur, dass neben Bernie alias Dr. Osterkorn sowie einer Reihe neuer unbekannter Gesichter, nicht nur die drei anderen Spartenleiter anwesend waren, sondern auch beide Geschäftsführer seiner Firma TRIGA.

Dr. Schäufele, dem kaufmännischen Geschäftsführer, oblag offensichtlich die Gesprächsführung, da er sich mit arg zerknautschtem Gesicht und ständigem Getuschel mit seinem Kollegen Dr. Tuchweber, an die Stirnseite des großen Besprechungstisches platziert hatte.

Carl schob sich, seiner gedämpften Stimmung entsprechend, unauffällig neben Miriam Braun, auf den einzigen noch freien Stuhl.

Dr. Schäufele kam sofort zur Sache! Nach dem sehr prononciert verlesenen Grußwort der Konzernleitung aus Düsseldorf verwies er, ohne von seinem Text hochzublicken, auf die gigantische nationale Aufgabe, die durch die dramatische Veränderung der politischen Großwetterlage auf Deutschland zukäme und der sich die Konzernleitung mit großem Respekt und Verantwortungsbewusstsein stellen werde.

Natürlich werde im Rahmen dieser noch nie da gewesenen Herausforderung – hier blickte Dr. Schäufele erstmals von seinem Manuskript hoch – auch die Firma TRIGA ihren angemessenen Beitrag leisten!

Dies umso mehr, fuhr Dr. Schäufele fort, als die Kanzlerin mit ihrem “Wir schaffen das“, ein klares Signal gesetzt habe! In ihrer unverwechselbaren Art, ohne sich in Details zu verlieren, habe sie damit nicht nur jedes Bundesland in Deutschland, jede Kommunen und jede Stadt zu einer Teilhabe an der Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien eingeladen, sondern auch jeden Staatsbürger und jede Staatsbürgerin. Alle seien aufgerufen, sich an dieser großen gesamteuropäischen Aufgabe zu beteiligen und hinsichtlich ihrer menschlichen und monetären Ressourcen bis an die Grenze des Möglichen zu gehen. Und da die Asylverfahren beschleunigt würden, sei trotz steigender Flüchtlingszahlen dies alles ohne nennenswerte Aufstockung von Bundesmitteln zu bewältigen, so die Kanzlerin!

Es sei kein Wunder, sagte Dr. Schäufele, mit schmalen Lippen, dass die Kanzlerin angesichts dieser vorbildhaften Einstellung von weiten Teilen der Presse gefeiert und vereinzelt sogar mit dem Friedensnobelpreis in Zusammenhang gebracht wurde!

Angespornt von diesen aufrüttelnden Worten der Kanzlerin, appelliere daher auch die Konzernleitung an alle Konzernfirmen, ebenfalls ihren Beitrag zu diesem großen nationalen Programm zu leisten und unbedingt über die Einbindung junger, geschulter und ungeschulter Kriegsflüchtlinge nachzudenken! Wie das im Einzelnen zu geschehen habe, würde, so Dr. Schäufele, eine speziell Arbeitsgruppe zum gegebenen Zeitpunkt konzerneinheitlich erarbeiten und an alle Sparten und Abteilungen der einzelnen Konzernfirmen durchstellen; natürlich mit der Maßgabe, dass sämtliches ungeplante Fremdpersonal innerhalb von drei Jahren derart in die laufenden Arbeitsprozesse eingebunden werden müsse, dass sowohl die aktuellen als auch mittelfristigen Umsatz- und Ergebnisziele nicht negativ beeinflusst werden und es somit zu keinerlei Beeinträchtigung der festgelegten Konzernkennzahlen komme: denn niemand – meine Damen und Herren – mahnte Dr. Schäufele mit sorgenvoller Miene, begleitet von einem heftigen Kopfnicken des Technischen Geschäftsführers Dr. Tuchweber, könne und wolle selbst während dieser schwierigen Wochen und Monate eine Gewinnwarnung des Konzerns riskieren! Niemand könne das wollen! Niemand!

Und um dem vorzubeugen, fiel Dr. Tuchweber seinem kaufmännischen Kollegen, Dr. Schäufele, ins Wort, erwarte er von der gesamten Führungscrew der Firma TRIGA, dass sie so motivierend auf ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einwirke, dass jeder Einzelne den Ernst der Lage erkenne und zukünftig nicht nur hundert Prozent, sondern die eben schon implizit geforderten hundertzwanzig Prozent seines persönliches Leistungsvermögen abrufe! Denn nur so, mahnte Dr. Tuchweber mit festem Blick in die Runde, werde Deutschland diese gigantische Aufgabe der geordneten Kanalisierung der Flüchtlingsströme bewältigen können.

Angesichts der sich nach diesem eindringlichen Appell der Geschäftsführung ausbreitenden Hochstimmung im Besprechungsraum wagte Carl die Frage, ob auch die Konzernleitung ihrerseits einen eigenen Beitrag erwäge und außerplanmäßig zusätzliche Gelder für diese große nationale Aufgabe bereitzustellen gedenke, nicht mehr laut auszusprechen, sondern nur noch seiner für den Vertrieb von Unterwäsche zuständigen Sitznachbarin Miriam Braun zuzuflüstern.

Doch noch während Miriam Braun, hilflos lächelnd, mehrmals ihre Schultern hochzog, verfestigte sich bei Carl schon die Gewissheit, dass sowohl diese Konzernleitung, als auch seine Geschäftsführung, ähnlich wie die Mitglieder der Bundesregierung, weniger um ihre gut ausgestattete monetäre Versorgung zu beneiden waren, sondern viel mehr noch um die ‚beispiellose Gnade der Ahnungslosigkeit’, mit der sie allesamt gesegnet waren. Hervorgerufen und sichergestellt durch eine alle Bereiche durchdringende hierarchische Ordnungs- und Befehlsstruktur, die wie ein präzis arbeitendes Filtersystem alles aussortierte, was ‚oben’ weder gehört noch gesehen werden wollte!
Ja selbst die Herstellung von läppischen Unterhosen geschah nach diesem Muster.

Da aber Carl dieser Gnade nie ausgesetzt sein wollte, ja plötzlich sogar von einer unerwarteten Übelkeit beschlichen wurde, die durchaus auch auf alle anderen im Raum und im Lande übergreifen konnte, sprang er zum Erstaunen der übrigen Gesprächsteilnehmer spontan auf und verließ kopfschüttelnd die Besprechung…

KH