Klaus Hnilica
Freitag, der 26. Oktober 2018

Anzug oder Dirndl?

Ich bin oft an dieser Bar vorbeigegangen. Aber nie hinein. Warum auch? Ich bin kein ‚Barhocker‘ und werd‘ auch nie einer werden.

Nach der wochenlangen Hitze zwängte sich allerdings schon gelegentlich die Vorstellung eines kühlen Colas mit Rum oder eines eiskalten Whisky Sodas in mein Kleinhirn, wenn ich auf dem Heimweg vorbei kam. Das muss ich zugeben!

Verlockend kühl schien es da drinnen auch zu sein, wie die ewige Dunkelheit vermuten ließ, wenn die Eingangstür zufällig aufging. Und das war gar nicht so selten! Denn irgendwie war dieser Laden Tag und Nacht geöffnet und das sieben Mal die Woche und zweiundfünfzig Wochen im Jahr! Komisch – oder?

Ja – und dann stand ich letzten Dienstag am späten Nachmittag tatsächlich am Tresen dieser seltsamen Bar und orderte endlich den lang ersehnten Whisky Soda mit jeder Menge Eis!

Vermutlich weil es so unerträglich schwül war an diesem Tag und ich wieder einmal völlig ausgelaugt und deprimiert vom Büro heim schlich. Als dann plötzlich ein eleganter älterer Herr fortgeschrittenen Alters direkt vor meinen Augen die Eingangstür zu dieser besagten Bar öffnete, fasste ich Mut und folgte ihm spontan – bis an den Tresen: das musste ich tun, da ich in der undurchdringlichen Dunkelheit sofort die Orientierung verlor.

Da ich aber in Begleitung dieses zufälligen Türöffners wie gesagt, sofort am Tresen landete, hatte ich dann ausreichend Zeit, um mich an die extreme Dunkelheit zu gewöhnen.

Dieses Gefühl, Zeit zu haben, war auch der Grund, dass ich den Barkeeper überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Erst als er fragte, was ich wünsche, nahm ich sein jugendliches dunkelhäutiges Gesicht wahr – und seine weißen Zähne – die totale Glatze und – und – und …

Von seiner Frage überrascht, sagte ich hastig, einen Whisky Soda, bitte!

Welcher Whisky darf es denn sein?

Hm? – stöhnte ich.

Bourbon? Scotch? Blended Malt?

Ist mir egal – aber viel Eis,bitte!

Der junge Mann war zu taktvoll, um mich weiter vorzuführen. Jedenfalls stellte er mir blitzschnell ein Glas Whisky Soda vor die Nase und daneben ein Extragefäß voller Eiswürfeln samt Zange! Ich war begeistert.

Nach zwei kräftigen Schlucken war ich endlich auch bereit mich umzusehen, wo ich hier gelandet war: tatsächlich stand rechts neben mir der ältere Herr, dem ich gefolgt war – vermutlich Stammgast, da er munter mit dem Barkeeper in Englisch parlierte – und links von mir, fast am Ende des mächtigen Tresens, hockte eine Frau im Dirndl, die ihr Getränk mit beiden Händen fest umklammert hielt und vor sich hin starrte.

Aber irgendetwas stimmte an dieser Frau nicht.

Wie die nur auf dem Hocker hing. Ihr Dirndlrock war auch unanständig nach oben gerutscht. Das herausragende Bein wirkte wie eine haarige braun lackierte Prothese und war fest zwischen Barhocker und Tresen eingeklemmt.

Tja und dann fiel auch bei mir der Groschen! Das war gar keine Frau, was da in dem Sommerdirndl hockte – nein, das war ein Mann!

Sogar ein recht grobschlächtiges Exemplar, das aus irgend einem Grund, wie eine überdimensionale Fleischwurst in eine viel zu enge Dirndl-Haut gequetscht worden war, so dass jetzt nicht nur zwischen blauem Rockbund und dem roten Oberteil braune Fleischwülste hervorquollen, sondern die kurzen Ärmel der weißen Bluse auch die fleischigen Oberarme abschnürten und aus dem Dekolleté eine üppige schwarze Brustbehaarung ragte!

Also schlimmer ging‘s nimmer! Echt!

Da half auch nicht, dass diese ‚Mann–Frau‘ krampfhaft immer wieder versuchte, wenigstens den hellblauen Rocksaum über das rechte Knie ihres behaarten Beins zu ziehen. Dies umso mehr, als trotz der schummrigen Beleuchtung unschwer zu erkennen war, dass dieses seltsame Zwitterwesen auch bezüglich seines Gesichtes keinerlei Vorkehrung getroffen hatte, wenigstens ansatzweise einer Frau zu ähneln. Im Gegenteil: ein Teil des langen fettigen Haares baumelte strähnig über die Stirne und in dem stark gebräunten, eher derben Gesicht, wucherte sogar ein üppiger schwarzer Dreitagebart.!

Doch als sich unsere Blicke trafen, da ich dieses Zwitterwesen zu lange angestarrt hatte, ging überraschender Weise plötzlich ein schiefes Grinsen über sein Gesicht, das sogar auffordernd wirkte, da es von einem freundlichen Kopfnicken begleitet wurde.

Ich nickte verwirrt zurück und nahm zwei kräftige Schlucke von meinem Whisky Soda, um mein inneres Gleichgewicht wieder zu finden.

Der Dirndl-Zwitter orderte daraufhin mit lautem Zuruf an den Barkeeper am anderen Ende des Tresens ein neues Glas Bourbon, stand auf und kam auf mich zu.

Vorsicht – der Mann war mindestens einen halben Kopf größer als ich und wirkte kräftig! Wortlos setzte er sich mit einigem Gestöhne und Gezupfe an seinem hellblauen Dirndlrock, auf den Barhocker neben mir, während ich ihm verlegen zulächelte und stumpfsinnig mein fast leeres Whiskyglas mit Eis auffüllte.

Sie wundern sich bestimmt über mein Outfit? sagte er dann auf eine überraschend gewinnende Art.

Ehrlich gesagt ja, antwortete ich angestrengt, aber da bin ich bestimmt nicht der Einzige hier.

Stimmt! Sagte er knapp und stürzte das halbe Glas seines frisch georderten Bourbon in einem Zug hinunter.

Aber es geht mich ja letztlich nichts an, fuhr ich fort! Schließlich sind wir in einem freien Land, in dem sich jeder nach eigenem Gusto bewegen kann.

Stimmt! Wiederholte er und süffelte an seinem Bourbon.

Sind wir froh, dass es so ist, warf ich ein.

Natürlich, natürlich, sagte er beflissen.

Ich schwieg, da ich nicht neugierig wirken wollte.

Nach einer kurzen Pause sagte er, wissen Sie, mein seltsames Dirndl–Outfit hat seinen Grund!

Sicher , sicher erwiderte ich, wir haben alle unsere Gründe…

Aber bei mir ist meine Frau der Grund, unterbrach er mich.

Hm – grunzte ich.

Ja – sie denkt ich sei ein Säufer!

Wie das denn?

Sie ist überzeugt, wenn sie heute am späten Nachmittag nebenan im Kongresszentrum das Musical besucht, dass ich mich in der Zwischenzeit hoffnungslos besaufe!

Und hat sie recht?

Natürlich nicht! Im Gegenteil, ich vermute, dass sie gar nicht ins Musical will, sondern ihren Liebhaber trifft und nur Angst hat, dass ich ihr nach spioniere…

Was in ihrem Dirndl–Outfit nicht ganz einfach sein dürfte!

Das stimmt auch, aber das kommt daher, dass sie schamlos den Umstand ausgenützt hat, dass wir dieses Mal schon am Vorabend des Musicals angereist sind und im Hotel des Kongresszentrums übernachtet haben. Als ich dann mittags mein übliches Schläfchen absolvierte, schlüpfte sie vermutlich in ihr ‚Kleines Schwarzes‘, packte meinen Anzug ein – und haute ab!

So dass Sie praktisch im Hotelzimmer gefangen sind, bis sie wieder zurückkommt! Ergänzte ich, scharfsinnig wie ein Meisterdetektiv.

Richtig – ich bin übrigens Hilmar!

Okay Hilmar! sagte ich, nannte auch meinen Namen – den ich aber hier nicht preisgeben möchte – und prostete ihm zu.

Jedenfalls, fuhr ich fort, scheint mir Ihr – Pardon, Dein – Frauchen ein schlaues Luder zu sein, wenn ich das so sagen darf und erinnert mich mächtig an mein ehemaliges Frauchen…

Das heißt wir sind beide gebrannte Kinder, fasste Hilmar zusammen.

Oder gehörnte Deppen, die es nicht anders verdienen, sagte ich, prostete ihm zu und trank wie er, mein Glas leer.

Hilmar nickte nachdenklich und bestellte uns zwei neue Drinks.

Dann sagte er, dass er sich endlich wehren und mir einen Vorschlag machen wolle – und zwar einen Vorschlag unter Freunden!

Und welchen? fragte ich.

Wie wäre es denn, sagte Hilmar zögernd, wenn du mir, quasi auf Honorarbasis, für ein paar läppische Stündchen deinen Anzug borgen und dafür in mein Dirndl schlüpfen würdest?

Damit hatte ich nun nicht gerechnet!

Ich spürte kurz wie schlagartig sowohl mein Blutdruck als auch die Frequenz meines Ruhepulses nach oben ging, und machte, unterstützt von einer Bewegung meiner rechten Hand, die Andeutung, ob er noch sauber im Kopf sei?

Doch Hilmar schien darauf vorbereitet: er blieb ruhig und sagte es würde mein Schaden nicht sein, denn an Geld mangle es ihm wirklich nicht!

Nach einer längeren Pause, in der wir uns beide schweigend anstarrten, sagte ich: Vergiss dein Geld, Hilmar! Weißt du dein Vorschlag ist derart abwegig, dass er fast schon wieder gut ist. Darum – und weil meine ehemalige Frau ein ähnliches Luder war, helfe ich dir – und mache es!

Hilmar umarmte mich gerührt und verkrümelte sich mit mir auf die Toilette!

Natürlich öffneten sich nun neuerlich die diversen Mäuler in den erstaunten Gesichtern des Barpublikums, als ‚ich‘ plötzlich als ‚Dirndl-Monster‘ daherkam und Hilmar in meinem dunkelblauen Sommeranzug als Gentleman posierte! Da er kräftiger war als ich, kniffen Sakko und Hose bei ihm ähnlich wie zuvor das Dirndl, während mir die Klamotten seiner Frau prima passten. Aber Hilmar war hoch zufrieden mit seinem neuen Outfit!

Sichtlich beglückt schluckte er den neu bestellten Whisky weg, starrte auf seine Uhr, blickte mir fest in die Augen und sagte gepresst, dass er spätestens in zwei Stunden zurück sei.

Noch ehe ich antworten konnte – war er weg, und ich stand alleine auf der Bühne: so fühlte ich mich jedenfalls, da mich alle Gäste im Lokal plötzlich anstarrten.

Vermutlich errötete ich auch und wendete mich spontan mit einem Gefühl der inneren Leere dem Tresen zu, suchte reflexartig mein Glas und schüttete den Rest des Whisky Soda, ziemlich verzweifelt, in mich hinein.

Dem Barkeeper gab ich zwar zu verstehen, dass ich noch einen möchte, spielte aber gleichzeitig schon mit dem Gedanken, heim zu gehen und mich in meiner nahegelegenen Wohnung zu verkriechen.

Aber bevor ich diesen Gedanken noch zu Ende denken konnte, schlüpfte plötzlich eine ansehnliche Dame reiferen Alters durch die Eingangstür der Bar.

Auffallend war nicht nur ihr perfekt geschminktes Gesicht, sondern vielmehr die Tatsache, dass sie in einem viel zu großen Herrenanzug steckte. Was aber ihrer Eleganz keinerlei Abbruch tat!

Sie hatte etwa meine Größe, kurze schwarze Haare, vielleicht eine Spur zu lange Nase, dafür aber ein hinreißendes Lächeln. Auf ihren Pfennigabsätzen stakste sie, ohne zu zögern, direkt auf den Tresen zu.

Noch bevor der Barkeeper Gelegenheit hatte sie nach ihrem Getränkewunsch zu fragen, zwitscherte sie selbstbewusst: ich möchte das Gleiche wie die Dame in meinem Dirndl!

Also einen Whisky Soda, stellte der Barkeeper nüchtern fest.

Okay – Sie müssen es wissen!

Natürlich spürte ich, wandelndes Dirndl-Monster, wie mit einem Mal meine Knie weich wurden – aber noch stärker beeindruckte mich die Schnelligkeit und Präzision, mit der dieser Neuzugang die Lage in der schummrigen Bar gecheckt hatte.

Außer einem kurzen, guten Abend, brachte ich nichts aus mir heraus, denn das Gefühl, nun schon wieder vor einem aufsässigen Publikum auf der Bühne schauspielern zu müssen, raubte mir jegliche Kraft.

Anders schien es wohl der ‚Anzug–Dame‘ zu gehen, denn mit einem kecken Blick sagte sie: oder sind das etwa nicht meine Klamotten, die Sie anhaben?

Das weiß ich nicht, gnädige Frau, stammelte ich.

Aber ich weiß es!

Und warum stecken Sie dann in diesem viel zu großen Herrenanzug, wenn Sie ohnehin dieses Dirndl ihr eigen nennen, stellte ich mit scharfer Männerlogik fest?

Weil Sie es anhaben – werter Herr! Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass man zu zweit in einem Dirndl steckt?

Nein – das nicht! sagte ich kleinlaut und trank verzweifelt mein Glas in einem Zug aus.

Da der Barkeeper auch schon ihren Drink bereitgestellt hatte, nahm sie ihn und prostete mir zu: auf Ihre Gesundheit, werter Herr, sagte sie so laut, dass es niemand an den nahegelegenen Tischen überhören konnte.

Und mir flüsterte sie zu, dass sie Elsa sei!

Hilmars Elsa? fragte ich, ohne echtes Erstaunen.

Nein – deine Elsa, wenn du willst!

Oh Gott – jetzt war ich dann doch erstaunt. Was heißt erstaunt? Ich wurde vielmehr von einem Tsunami undefinierbarer Emotionen derartig überrollt und mitgerissen, dass ich sekundenlang schwieg.

Da Elsa wohl merkte wie es um mich stand und mir vermutlich jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen war, sagte sie: aber das gilt natürlich nur, wenn du mir mein Dirndl zurück gibst!

Gerne – aber was wird dein Hilmar dazu sagen?

Vergiss Hilmar – und komm mit mir auf die Toilette – aber schnell – sonst überleg‘ ich‘s mir wieder.

Als wir dann nach einem kurzen Bescheid an den Barkeeper verschwanden und bald darauf mit getauschten Kleidern wieder am Tresen hockten, waren wir natürlich noch immer auf der Bühne, aber bei weitem nicht mehr so interessant. Schließlich waren eine Dame im Dirndl und ein Herr im Anzug keine Besonderheit, die einen stundenlang zu fesseln vermochte.

Und als wir endlich bei mir zu Hause splitternackt nebeneinander lagen, gestand Elsa, dass Hilmar gar nicht wüsste welchen Dussel er heute hatte: ausgerechnet heute hätte nämlich ihr Chef, dieser Dreckskerl, sie schmählich versetzt und seine Sekretärin als Ersatz ins Musical geschickt. Vermutlich sitze Hilmar jetzt sogar neben ihr – seit der Pause!

Ja und wegen dieser angetanen Schmach wollte sie sich, aufgeladen wie sie war, schadlos halten und Hilmar in seiner ‚Säufer Bar‘, von der sie schon lange wusste, in seinem Anzug überraschen. Denn Hilmar in ihrem Dirndl zu erleben, sei genau das gewesen, was ihre verletzte Seele nach dieser Demütigung benötigt hätte! Aber leider sei es ja dazu durch mein unbedachtes Rettungsmanöver nicht gekommen, sagte sie mit einem bösen Lächeln und verbiss sich schmerzhaft in meine linke Brustwarze, die gar zu keck weg stand, wie sie fand.

Da sich Elsa nach einer Stunde lustvollem Gestöhne und der Rückkehr auf die Erde, wohl einigermaßen von ihrem angetanen Leid erholt hatte, aber nicht entscheiden konnte, was sie anziehen sollte – Anzug oder Dirndl? – schlüpfte ich schnell ins Dirndl und schickte sie in Hilmars Anzug in ihr Hotel zurück!

Hilmar stand schon am Tresen, als ich in der Bar ankam!

Freundschaftlich umarmte er mich und für die Barbesucher ging die Show weiter…

Aber nur kurz, denn Hilmar war überglücklich, dass alles nur ein fürchterliches Missverständnis zwischen ihm und seiner geliebten Elsa gewesen sei. Er müsse jetzt umgehend zu ihr ins Hotel ,sagte er, um sie mit einem festlichen Essen in einem ‚Sterne Restaurant‘, für sein schäbiges Misstrauen, zu entschädigen!

Hoffentlich klappe das auch, denn ihre Freundin im Musical, hätte ihm erzählt, dass Elsa wegen Kreislaufproblemen in der Pause diese wunderbare Aufführung leider hätte verlassen müssen.

Gott sei Dank dachte wenigstens ich an den notwendigen Kleidertausch, als Hilmar mit brennendem Herzen zu seiner Elsa drängte, und der Barkeeper an die sechs noch nicht bezahlten Whiskys, die natürlich Hilmar in seinem Freudentaumel liebend gerne samt einem mehr als großzügigen Trinkgeld übernahm.

Und ich war froh endlich wieder in meinen eigenen Klamotten heim traben zu dürfen und in der Brusttasche meines Anzugs das Knistern des von Hilmar versteckten 500 Euro Scheins zu spüren, das mir bestätigte, dass die letzten Stunden kein Traum waren, sondern Elsa mich wirklich nächsten Dienstag – vielleicht?– schon wieder beißen könnte…

KH

Roland Dürre
Freitag, der 16. März 2018

Impressionen am 15. März in der Früh :-)

Im EC 196 in Richtung Zürich.

Heute besuche ich den Wolf in der Schweiz. Die S-Bahn fährt in Neubiberg um 6:31 ab. Zum Bahnhof in Neubiberg ist’s gut ein Kilometer. So verlasse ich mein Zuhause kurz nach sechs.

Es dämmert schon, es riecht nach Frühling. Durch die Häuser höre ich die S-Bahn eins früher, sie ist pünktlich. Das ist schon mal ein gutes Zeichen.

Der Weg biegt ab zum Gleis. Ich spaziere entlang der Strecke weiter zum Bahnhof und genieße den Tag. Mir fällt ein, dass vor Weihnachten und vor meinen Reisen in die Südsee und in die Antarktis die beiden Bahnsteigs-Uhren in Neubiberg eine um 2 Minuten differierende Zeit angezeigt haben. Genauer: Die südliche ging richtig, die nördliche war um zwei Minuten der Zeit hinterher.

Auf dem Wege begegne ich einem Herrn mit Hund. Auch er macht’s gemütlich. Ich nähere mich dem Bahnhof. Ein nagelneu aussehender Fiat Cenquecento parkt in der Ferne auf den Park&Ride-Plätzen ein und rangiert ein wenig. Eine junge Frau – eher ein wenig pummelig aber top „gedresst“ – steigt aus. Ganz in Schwarz und sehr chic gekleidet. Das alles sehe ich aus der Ferne.

Dann komme ich an der S-Bahn-Station an. Gehe die Treppe runter und die Treppe hoch. Ich bin zu früh da. Der Bahnsteig ist noch ziemlich leer. Die Dame in Schwarz erkenne ich auf dem Bahnsteig wieder. Sie raucht eine Zigarette. Alles passt zusammen: Neuer Cinquecento, sehr gepflegt und gut gekleidet, mit Zigarette. Eine moderne Frau.

Ich habe Zeit und spaziere am Bahnsteig auf und ab. Bewegung. Noch eine Dame – eher schlank und blond und nicht so gut gekleidet – steht am Bahnsteig und raucht eine Zigarette. Ich mache einen Zeitvergleich der beiden Uhren. Ich glaube es nicht – es ist alles wie früher – die Bahnsteigs-Uhr im Süden zeigt die Zeit zwei Minuten später an als die Uhr im Norden. Ich positioniere mich am Zugende. Weil die S-Bahn am Ostbahnhof wendet und ich am Hbf in München ganz vorne bei der Rolltreppe hoch zum Hbf aussteigen will. Optimierung der Wege.

In Neubiberg begegnen sich die S-Bahnen. Der Gegenzug (stadtauswärts) fährt diesmal zuerst ein. Ich schau in den Zug. Der erste Teil ist ziemlich leer. Da sitzen nur Frauen. Zufall? Oder hat das einen Grund, dass so früh am Morgen überwiegend Frauen in der S-Bahn stadtauswärts fahren?

Mein S-Bahn kommt ein wenig später. Ich sehe schon die drei Stirn-Lichter aus Richtung Ottobrunn kommen. Sie ist (fast) pünktlich. Ich steige ein. Im Abteil ist auch in meiner Richtung Frauenüberschuss. Vielleicht ist das auch so eine „Gender-Sache“, dass Frauen früher S-Bahn fahren müssen als Männer?

Die DB sendet mir einen (unsinnigen) Verspätungsalarm. Und kündigt mir eine Gleisänderung am Zielbahnhof in St.Magrethen an.

Ich bin wieder zu Hause!

RMD
🙂 Geschrieben im EC 196 in Richtung Zürich – fertig geworden auf der Höhe von Buchloe.

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 21. Dezember 2017

Ach – Weihnachten …

Es weihnachtet schon sehr!

Jedes Jahr bekomme ich Weihnachtsgrüße von Klaus Hnlica, dem Erfinder von „Carl & Gerlinde“ – immer inklusive eines Gedichts. Das immer kritisch und doch wohlwollend zur Weihnachtszeit passt. Hier ist es:

Null Schnee, doch viel Murks,
Ein Advent viel zu kurz
Und Regen in Bächen,
Als wollt’ Jesus sich rächen,
Dass einst er – nicht nett –
Nur im Stall fand ein Bett…

Doch wehe man würde
Trotz dieser Bürde
Die Weihnacht verhindern,
Gäb’s Krieg mit den Kindern!
Doch Spaß macht’s so nicht,
Für die Alten ist’s Pflicht!

Wenn’s draußen so dunkelt,
Nur LED-Licht noch funkelt,
Und die Laune ganz lose
Rutscht tief in die Hose!

Umso größer, ganz ehrlich
Und schwer nur erklärlich,
Wie festlich doch wieder
Bei Kerzschein und Lieder
Die Seelen sich finden –
Auch Freude empfinden –

Und erhaschen ein Stück
Weihnachtlich’ Glück!

Klaus Hnlica, 2017

Klaus Hnilica
Dienstag, der 5. Dezember 2017

Die zweite Finsternis

Carl und Gerlinde (Folge 55)

Als Carl aufwachte und quälend langsam zu sich fand, schienen die ersten rudimentären Wahrnehmungen seines noch nicht gänzlich betriebsbereiten Körpers das Öffnen der Augen weiterhin hartnäckig zu unterbinden!

Ja, die synchron mit den herangepeitschten Regenschauer scheppernden Rollläden schoben sogar den üblichen Vorgang der Tagwache bereits zum x-ten Mal auf einen späteren Zeitpunkt, da er trotz seiner nur partiell aktivierten Großhirnrinde zu ahnen schien, dass sich beim Öffnen seiner Augen keinesfalls ein erfreulicher Zustand darbot, sondern lediglich die durch geschlossene Augen hergestellte Finsternis in die zweite Finsternis der herabgelassenen Rollläden übergeführt würde, während die eigentliche Ursache seiner ‚Lidstarre’, nämlich das enervierende Regengeklatsche und Geschepper des Rollladens, in keiner Weise abgestellt oder unterdrückt wurde und für ihn somit nicht die geringste Chance bestand, mit einem freundlichen Tagesbeginn bei Sonnenschein rechnen zu können.

Was also tun an einem Sonntag wie diesen im Advent, der ihn wie durch ein Wunder von sämtlichen Verpflichtungen befreit hatte, da weder im Umkreis von hundert Kilometern eine alte Tante oder Freunde besucht werden mussten, noch Gerlinde neben ihm aufzuwachen gedachte, sondern nach der Geräuschkulisse zu schließen, im Tiefschlaf weiter in ihren verträumten Tauchgängen im Roten oder Toten Meer vor sich hin schnorchelte?

Unter derartigen Umständen konnte sich kein normaler Mensch – und schon gar nicht Carl – freiwillig aus seinem herrlich warmen Bettchen schälen: verfolgten doch alle sich abzeichnenden Widrigkeiten eines möglicher Weise schon heraufziehenden Morgens einzig und allein das Ziel, die durch niedrigen Blutdruck bedingte ohnehin beschissene morgendliche Laune noch beschissener zu gestalten.

Wer konnte und wollte das denn verantworten?, dachte Carl mit immer noch heroisch geschlossenen Augen, während er sich unelegant stöhnend in seinem Bette von links nach rechts wälzte, dies aber gleich korrigierte, da sein schnorchelndes Gerlindchen völlig unerwartet sich ebenfalls ihm zudrehte und ihm eine Böe der Stärke sechs bis acht ins Gesicht prustete, gerade so, als müsste sie ihren Mund tatsächlich vom salzigen Meerwasser befreien.

Wieder in der ursprünglichen Ausgangslage zurück, verweilte Carl, unter Aufrechterhaltung seiner selbst gewählten Finsternis, eine ganze Weile unentschlossen bei dem Gedanken, ob er versuchen sollte noch einmal einzuschlafen, oder ob es schon an der Zeit sein könnte das Frühstück zuzubereiten.

Ja es schlich sich sogar der vermaledeite Gedanke in eine seiner bereits neuronal aktivierten Gehirnwindungen, ob er ausnahmsweise jetzt in der Adventszeit es erstmalig wagen sollte, sich an die sonntägliche Frühstückszubereitung zu machen, um so seiner nach wie vor emsig schnorchelnden Gerlinde bei erwachendem Auftauchen aus den warmen Fluten des Roten Meeres die Überraschung des Jahrhunderts präsentieren zu können, nämlich einen von ihm höchst persönlich arrangierten, prächtig gedeckten Frühstücktisch mit allen von ihr gewünschten morgendlichen Leckereien einschließlich ihres geliebten kräftigen Kaffees…

Was für eine großartige Eingebung und herrlicher Liebesbeweis gegenüber seiner tatkräftigen Gerlinde, die nun schon seit einem halben Jahr auch wieder berufstätig war und jede Art von Entlastung zuhause umso mehr schätzte. Ja – Carl entdeckte sogar trotz seiner immer noch reduzierten Betriebsbereitschaft, dass plötzlich in ihm ein zartes Pflänzchen von Begeisterung aufzukeimen begann, begleitet von einer anrührenden Wärme, die sich nicht nur in seinem Kopf ausbreitete sondern zaghaft auch all seine Gliedmaßen erfasste…

Schön war das!

Sehr schön sogar! Inspirierend und aufbauend – aber auch eine Spur besorgniserregend – fand Carl, wenn er ganz ehrlich mit sich war und auch vor der Tatsache nicht die Augen verschloss, dass er vor Begeisterung zunehmend Schwierigkeiten hatte seine Augen geschlossen zu halten!

Und nicht nur das!

Mit einem Mal hatte er auch das beängstigende Gefühl, dass da etwas Unbekanntes, Fremdes in ihm zu wuchern begann und an ihm zerrte und zog, ja wie ein hässlicher Parasit an seinen Kräften saugte und sich labte.

Das war nicht schön! Gar nicht schön!

Carl spürte präzise und unmittelbar: wenn er jetzt diesen verstörenden Mächten nachgab, war die Nacht gelaufen und der vielleicht schon aufkeimende Morgen auch. Das durfte auf keinen Fall passieren, dachte er. Und schon gar nicht durfte er jetzt die Augen öffnen und doch noch in diese zweite Finsternis fallen, die ihm immer so zusetzte und zu tiefst deprimiert hinterließ…

Das Einzige was da half, war sein zweites Kopfkissen! Wie immer von seiner schnorchelnden Gerlinde in Besitz genommen entzog er es ihr aber jetzt unsanft!  Und noch während er es sich wie schon so oft, gekonnt um den Kopf wickelte, begann er bereits tonlos vor sich hin zu zählen – und war bei Dreitausendachthundertzweiundsiebzig tatsächlich wieder eingeschlafen!

Erst durch Gerlindes energisches zweimaliges Rufen aus der Küche, „Frühstück ist fertig“, wachte Carl wie neugeboren auf. Sich wohlig rekelnd und streckend war er sichtlich zufrieden mit sich, dass er dieser mehr als  verhängnisvollen Frühstücksversuchung mit ihren unabsehbaren Folgen in der Zukunft, mannhaft widerstanden hatte.

Nun fühlte Carl sich auch der zweiten Finsternis gewachsen und öffnete  lächelnd seine Augen…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 9. November 2017

Hol‘ dir ein Bier…

Miriam war ein Luder!

Alle wussten das – auch der Hermann.

Als Jüngster musste er aber den Bauernhof übernehmen. Es war der größte Hof in Erleinsbach, nur arg heruntergekommen und verschuldet!

Bei den sonntäglichen Stammtischrunden in den umliegenden Wirtshäusern, zu denen Hermann schon lange nicht mehr ging, wurde der Zustand dieses Hofes, wenn’s gut lief mit einem „ja der Hermann hat’ s nicht leicht!“ bedacht, begleitet von einem schäbigen Grinsen oder peinlichem Schweigen. Der eine oder andere spuckte sogar aus, wenn dieser Hof genannt wurde.

Hermanns Geschwister waren froh, dass er sich nach jahrelangem Zögern endlich durchgerungen hatte, den Hof zu übernehmen. Von ihnen hätte sich das keiner antun wollen. Sein älterer Bruder Korbinian arbeitete lieber als Tischler im benachbarten Kopfing und Annegret heiratete schon in jungen Jahren auf einen ansehnlicheren, ertragreicheren Bauernhof. Für den Leitnerbauer war Annegret ein Glücksfall: zwar nicht besonders fesch und schnuckelig, vielleicht sogar etwas froschäugig, dafür aber emsig wie eine Honigbiene, wie ihre Schwiegermutter höchst zufrieden anmerkte, wenn sie vor den Nachbar Bäuerinnen glänzen wollte: Annegret konnte zupacken wie keine andere! Kein Heuschober war ihr zu schwer, kein Traktor zu groß, kein Güllewagen zu stinkig und selbst mit ihrem dicken Schwangerschaftsbauch melkte sie alle Kühe und mistete sie die Stallungen aus.

Ein richtiges ‚Arbeitsviech’ ist meine Alte, stellte der rotgesichtige Leitnerbauer, des öfteren zufrieden am Stammtisch fest und prostete den andern mit seinem vollen Bierkrug zu.

Miriam aber – war kein ‚Arbeitsviech’!

Der Hermann heiratete sie trotzdem! Und das, obwohl sie schon ziemlich abgegriffen war und einen unehelichen Balg mit sich herumschleppte, der aber bei ihrer Tante in Grieskirchen gut untergebracht war. Kein Wunder, dass es für Miriam unter diesen Umständen nicht einfach war im Umfeld ihres Heimatortes Natternbach, wo jeder jeden kannte, einen heiratsfähigen Mann zu finden. Der Hermann kam ihr da gerade recht!

Ihren Balg Paula sah Miriam – Gott sei’s gedankt – nur bei Begräbnissen und Hochzeiten. Das reichte! Denn wann immer Paula ihr unter die Augen trat, war Miriam enttäuscht und verärgert, dass sie genau so unansehnlich und ausgefressen daherkam, wie ihr unsäglicher Vater, der nach wie vor als Schlachter in Wels arbeitete: warum hatte Paula nicht wenigstens ein bisschen was von ihr geerbt?

Ja, sie wusste, wie man sich sexy rausputzte und mit hohem Busen und steilen Arsch den Männern den Kopf verdrehte. Ihr schaute jeder Bauernlümmel nach! Aber der Paula? Höchstens ein Blinder, wenn sie ihm was Freundliches zurief…

Hermann mochte Miriams Paula!

Er hatte sie ein paar Mal bei Familienfeierlichkeiten gesehen und ihr da auch gelegentlich auf ihren dicken Arsch geklopft! Freundschaftlich, so dass sie gekichert hat. Ihren grobschlächtigen Vater, den Josef, kannte er natürlich auch – und auf ihre Mutter, die Miriam, war der Hermann, im Gegensatz zu allen anderen, richtiggehend stolz!

Ja – stolz wie ein Pfau!

Nie im Leben hatte er für möglich gehalten, dass so eine fesche ‚Dern’, einen wie ihn zum Mann haben wollte: ihn, der sich kaum zu benehmen wusste, abgerissen  daherkam und nie ausreichend Kohle hatte. Was konnte er, einer wie ihr, schon bieten?

Na ja – immerhin  einen Bauernhof – und jede Menge Drecksarbeit! Und das von morgens bis abends!

Miriam kam aus einer Handwerkerfamilie!

Ihr Vater war Dachdecker gewesen. Ihre Mutter hatte zwar darauf geachtet, dass immer ein kräftiges Essen und zwei Flaschen Bier bereitstanden, wenn er abends abgearbeitet heim kam, konnte aber trotzdem nicht verhindern, dass er eines Vormittags bei Regen von einem der steilen Kirchendächer rutschte und mausetot war. Genickbruch – und mehrfacher Wirbelsäulenbruch!

Fortan musste Miriams Mutter durch Putzen und Kochen für andere, sich und ihre Tochter, die immer deutlicher zu einem hübschen, drallen Ding heranwuchs, alleine durchbringen. Kein Wunder, dass sich diese Miriam schwor, unbedingt einmal einen Mann zu heiraten, der ihr mehr bieten konnte, als ihr tollpatschiger Vater ihrer Mutter, oder dieser fette Josef, der ihr im Vollrausch die Paula angedreht hatte, aber kaum den Unterhalt zahlen konnte.

Und auf gar keinen Fall war sie bereit, hinter anderen Leuten her zu putzen, wie ihre Mutter das nun Jahr und Tag machen musste. Das war nichts für sie, nein, lieber blieb sie alleine und vertrocknete langsam  – wie ihre Mutter prophezeit hatte!

Vielleicht wirkte Miriam ja gerade deshalb auf Hermann so anziehend, weil sie weder wie eine Bäuerin aussah, noch eine werden wollte?

Ein gewisser Hang, sich besser zu fühlen als Andere, war Hermann immer zu Eigen gewesen. Selbst in der Schule schon. Korbinian und Annegret waren ähnlich und wurden von den anderen Bauern auch oft ausgegrenzt.

Hermann bewunderte vor allem Miriams samtene, helle Haut! Ihr Gesicht zeigte nie die für Bauersfrauen üblichen Frostflecken, die beim Tanzen aufglühten. Sie verstand sich zu kleiden und hätte gut und gerne eine Verkäuferin in Linz sein können.

Über seine ständige Verkündigung gegenüber seinen Geschwistern und anderen Dummschwätzern, dass er sich aus dieser ‚Dachdecker – Miriam’ einen Scheißdreck mache, übersah Hermann, trotz etlicher Warnungen, vermutlich den entscheidenden Moment: denn für alle überraschend, stand er eines Tages, ausgerechnet während der Erntezeit, mit Miriam vor dem Traualtar!

Vom ersten Tag an machte sie ihrem nicht wirklich erstaunten Hermann klar, dass sie nicht im Traum daran dachte, für ihn die Bäuerin zu spielen und ihm vielleicht später auch noch den Arsch abzuwischen.

Miriam hatte andere Pläne und sorgte dafür, schleunigst ins Grundbuch von Hermanns Hof eingetragen zu werden, um endlich den Kredit von der Sparkasse in Grieskirchen zu bekommen, den sie für die Erfüllung ihres Lebenstraumes, nämlich die Eröffnung einer Bar in Wels, benötigte!

Ihr Berater aus der Sparkasse, hatte ihr in sehr persönlichen Gesprächen, die Goldgrube, die da auf sie wartete, aufs Eindringlichste ausgemalt, wenn sie die Sache mit ihm und der entsprechenden Power anginge und sich nicht von ihrem ewig müden Hermännchen dreinreden ließe.

Der Bauernhof als Sicherheit mache alles möglich, versicherte der tüchtige Mann aus der Sparkasse und Miriam tat mit ihren feschen Dirndln ihr Bestes, um ihn in der Spur zu halten!

Allerdings nicht lange, dann waren zwar die Dirndln immer noch in einem prima Zustand, da sie häufig doch bloß in Unterwäsche oder noch weniger arbeitete, aber der Bartraum war ausgeträumt und sie hatte sich ein paar unschöne ‚Kratzer’ mehr eingefangen. Dank ihrer Jugend ließen sich diese jedoch immer noch leidlich kaschieren, wenn sie angezogen war und volle Kriegsbemalung angelegt hatte.

Außerdem war Miriam nicht dumm, sie hatte von ihrem Bankberater zwischen allem Geschmuse, schweißtreibendem Gestöhne und der einen oder anderen Ohrfeige schnell gelernt, wie man einen Notgroschen, selbst bei schwierigstem Seegang, in diversen Steuerparadiesen in Sicherheit bringen konnte.

Und Dario, den sie im ‚Rosenstüberl’ in Linz kennen gelernt hatte, zeigte ihr schon bald nach dem komischen Sparkassenhengst, was sie mit diesem Notgroschen in Südspanien anstellen konnte.

Da Hermanns schäbiger Bauernhof nie das von ihm vorgegaukelte Geld abgeworfen hatte, geschah ihm nur Recht, wenn er jetzt auf den aufgelaufenen Schulden sitzen blieb!

Ihr sei jedenfalls ihre Zeit zu kostbar, um mit so einem wie ihn, die besten Jahre ihres Lebens zu verplempern, rief sie Hermann zu, als Dario ihr ein Ultimatum stellte, endlich zur Sache zu kommen und mit ihm abzuhauen.

So wie er, Hermann, wirtschafte und einen Bockmist nach dem anderen baue, würde er in diesem ‚Saustall von Bauernhof’ selbst in hundert Jahren noch kein Bein auf den Boden bringen, fauchte sie ihn in ihrem roten Hosenanzug von der Haustür‘ her an, während Hermann im Hof den frisch ausgefahrenen Stallmist von seinem Schubkarren in immer höheren Bögen auf den Misthaufen donnerte – und wie immer schwieg!

„Warum schmeißt du dich nicht gleich selbst auf den Misthaufen, Hermann? Das ist doch der richtige Platz für so einen Versager wie du einer bist“, kreischte sie hysterisch und dampfte in seinem hoch betagten Mercedes vom Hof, auf dem es nur noch drei Schweine, zwei alte Kühe und ein Schaf gab, sowie einen Rest an Heu und Stroh, der schon zu schimmeln begann; alle anderen Erträge waren bereits unmittelbar nach der Ernte verkauft worden, um wenigstens die dringlichsten Zahlungen an die Sparkasse tätigen zu können.

Im innersten seines Herzens stimmte Hermann Miriams Einschätzung sogar zu, wenngleich ihr Weggehen – auf diese schäbige Art – ihn innerlich zerriss.

Ohne nachzudenken versuchte Hermann nach diesem Desaster mit Miriam einfach weiter zu werkeln wie bisher: tagsüber arbeitete er für Bekannte in Nachbargemeinden im Pfusch als Maurer, und abends krabbelte er lustlos, mit erbärmlicher Laune, aber jeder Menge Bier, auf den schäbigen Resten seines Hofes herum.

Gelegentlich kam wenigstens seine Schwester Annegret vorbei, wusch ihm die Wäsche, putzte die Küche und zweimal im Jahr die Fenster in der Schlafkammer und der großen Stube. Ohne sie wäre er gänzlich in seinem Dreck erstickt.

Als einziger Lichtblick in dieser Trostlosigkeit blieb Hermann nur – Miriams Paula –  die aus irgendeinem unerfindlichen Grund einen Narren an ihm gefressen zu haben schien – oder die einfach bloß ihre blöde Mutter ärgern wollte!

Jedenfalls, kam Paulaschätzchen, wie er sie nannte, nach wie vor, alle paar Monate aus Grieskirchen in ihrem VW Polo unangemeldet angerauscht – und blieb so lange oder kurz, wie es ihr beliebte – und der griesgrämige Hermann lebte jedes Mal schlagartig auf: Er rasierte sich dann sogar, wusch sich, zog ein sauberes Hemd über, schlüpfte in eine seiner zwei Jeans und fuhr mit Paulaschätzchen nach Natternbach einkaufen, da sie für ihn abends immer was Feines kochte und anschließend Bier und Eierlikör mit ihm trank. Sie plapperte auch von ihrer Arbeit als Friseurin munter daher, erkundigte sich ausführlich nach seinen Wehwehchen und schaute jeden Blödsinn im Fernsehen mit ihm an, den er sehen wollte.

Und dreimal im Jahr konnte sie ihn sogar dazu bringen, sich von ihr die Haare schneiden zu lassen, was immer in einem unheimlichen Gewusel und Gelächter endete, insbesondere wenn sie trotz heftigstem Widerstand von seiner Seite, sich genüsslich über die üppigen Haarbüschel in Ohren und Nasenlöchern machte.

Auch den Wildwuchs über den Augen zähmte sie! Und bei seinem mehr als schütteren Haupthaar, gab es buchstäblich bei jedem Haar heftigste Diskussions- und Kicherrunden bezüglich der angemessenen Schnittlänge. Und wenn ihm danach erschöpft die Augen zufielen, lotste sie ihn auch noch in seine stickige Schlafkammer neben der großen Stube, bevor sie sich in ihr Auto schwang und wieder abdampfte…

Von ihrer Mutter sprachen beide nie – das war eine unausgesprochene, stille Vereinbarung, die strikt eingehalten wurde, egal wie stark sie sich zugedröhnt hatten.

 

Doch dann stand Miriam nach gefühlten Hundert Jahren – an einem Abend im November – trotzdem in der großen Stube! Windschief wie ein verzogener Kleiderschrank und ausgetrocknet wie ihre bereits tote Mutter…

Scheu sagte sie,

„Grüß dich Hermann!“

Der aufgedunsene Hermann – mit maroder Hüfte und wehem Knie –  lag seltsam verrenkt auf dem Sofa vor dem Fernseher, schaute kurz zu ihr hin, nahm einen langen Schluck aus einer der Bierflaschen, die griffbereit am Boden neben dem Sofa standen und fixierte ausschließlich den Bildschirm…

„Kennst’ mich nimmer, Hermann?“

„Schon!“

„Und sagst nichts?“

„Naa…“!

„Darf ich mich setzen…?“

„Nimm dir den Hocker beim Ofen.“

„Danke, Hermann.“

„Und hol dir ein Bier!“

„Ich mag kein Bier mehr, Hermann!“

„Auf einmal?“

„Fragst nicht warum?“

„Wirst mir’s schon sagen!“

„Ich! – ich – ich – hab Krebs…!“

„Bin ich daran auch Schuld?“

„Naa – deswegen komm ich auch nicht…“

„Warum denn?“

„Weil ich nicht weiß wo ich hin soll?“

„Wieso?“

„Weil ich mich schäm’ – für alles!“

„Schau, schau…“!

„Ja ich schäm’ mich wirklich, Hermann.“

„Vor wem?“

„Vor deinen Geschwistern – und der Paula – und den Anderen.“

„Und vor mir nicht?“

„Nein, Hermann, vor dir nicht!“

„Aha.“

„Ist aber so…“

„Na ja – wenn’ st – meinst?

„Ja, mein’ ich…“

„Schaust nicht gut aus!

„Weiß ich, Hermann!“

„Hast einen Hunger…?“

„Nein – ich kann nichts Normales mehr essen.“

„Wo fehlt’s denn?“

„In die Därm…!“

„Hm – versteh…“

„Ich hab keine Kraft mehr…“

„Ich auch nicht!“

„Du Depp – bei mir ist es wirklich so…“

„Bei mir auch…“

„Schickst mich weg?“

„Naa – mach dir’s Bett in unserer Kammer, wenn’st magst!“

„Danke, Hermann“..

„Du weißt ja wo alles ist?“

„Ja – Hermann…“

„Wenn’st willst helf’ ich dir …?“

„Geht schon, trink nur dein Bier aus…“

„Okay“…

Als Miriam ihr Teil im vereinsamten Ehebett überzogen und fertig gemacht hatte, legte sie sich hinein, zog sich die Bettdecke über den Kopf und stand von dem Tag an nicht mehr auf.

Und als sie selbst am Heiligen Abend vor Schmerzen immer wieder aufstöhnte und kurze Schreie ausstieß, streichelte Hermann sie mit seinen schwieligen Händen  – bis sie ganz still wurde…

KH

Klaus Hnilica
Samstag, der 28. Oktober 2017

Rumpelstilzchen versagt – ein Bericht aus der realen Märchenwelt

Wissen Sie – ich hab’ als Kind schon das Rumpelstilzchen geliebt! Das war so spannend, wie es da im finsteren Wald vor einem Feuerchen tanzte – und „ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“, geträllert hat! So aufregend war das, dass ich gar keine Worte dafür finde…

Ja und auch wie es dann schon ein paar Sätze weiter in der Geschichte sich vor der Königstochter zerrissen hat – herrlich! Welch eine Konsequenz und Tapferkeit – sich einfach so zu zerreißen! Ich hab’ dieses eindringliche Bild immer in mir getragen!

Und nun die Ernüchterung! Diese unappetitliche „Rumpelstilzchenaffäre“! Sie haben das sicher auch in der Presse gelesen: es geht da um eine Affäre zwischen dem europäischen Hochadel und einem deutschen Müller!

Königs und Müllers sollen zusammen ein übles Ding gedreht haben bei dem es um viel Geld geht!

Europäisches Geld – versteht sich!

Und zwar soll der besagte Müller – genauer ein gewisser ‚Soja-Müller’ – mit dem weltgrößten Sojamehl Versandhaus im Rücken,  zusammen mit einem höchst respektablen europäischen Königshaus versucht haben – aus Stroh Gold zu machen!

Und das obwohl er, der Müller, gar kein Stroh hat, sondern nur ‚Sojakuchen’! Also praktisch nur den Abfall aus der Sojamehlherstellung – aber kein Stroh!

Dabei hätte es für Stroh aus dem Landwirtschaftsfond der Europäischen Kommission ordentlich Subventionen gegeben, aber nicht für Kuchen, also ‚Sojakuchen’, versteht sich!

Für die Aktien des Sojamehl Versandhauses war das natürlich nicht gut! Ja sogar eine regelrechte Katastrophe! Schließlich sind Aktien auch nur Menschen, d. h. hinter ihnen verstecken sich Menschen.

Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen! Genau wie bei des Müllers Töchterchen Annegret, die schon seit jeher eine Riesenschwäche für alles Königliche hatte.

Insbesondere seit dem letzten ‚Opernball in Wien’, wo sie mit einem ganz süßen Jungkönig Linkswalzer getanzt hat, Linkswalzer bis sie schwindlig wurde – und  in die blaublütigen Arme des Jungkönigs gesunken ist.

Arme, die sie wegen des niedrigen Aktienkurses, dann auch umgehend vor den Traualtar geleitet haben. Kein Wunder, dass dadurch nicht nur die Liebe dieser beiden Turteltäubchen hochschnellte, sondern auch die Aktienwerte des ‚Sojamehl Versandhauses’! Und wie die hochschnellten!!

Klar, dass dies ein Raunen in der Welt der finanzstarken Oligarchen auslöste und schon nach wenigen Tagen ein so genanntes ‚Rumpelstilzchen’ auf den Plan rief; eines von dem niemand wusste wer es war und woher es kam und wie es wirklich hieß?

Doch emsig wie es war, dieses ‚rumpelnde Stilzchen’, hatte es im Handumdrehen mit den Stimmen Rumäniens, Bulgariens und des frisch vermählten Königreiches bei der Europäischen Kommission eine Mehrheit dafür erreicht, dass ‚Sojakuchen’ zukünftig als Stroh deklariert werden darf und somit durch EU – Gelder vergoldet wird!

Unglaublich was so ein Rumpelstilzchen alles kann, und gut dass niemand weiß wie es wirklich heißt…

Dass bei diesem ‚Deal’ auch der österreichische Rum-Hersteller namens ‚Stroh’, mit einer größeren Liefermenge seines 85%-tigen ‚Stroh-Rums’ an den EU – Ratspräsident Junker, als solch ein Rumpelstilzchen fungiert haben soll, ist allerdings eine dieser hässlichen „Fake News“ aus Russland, die einzig und allein dazu dienen, die Europäische Union zu destabilisieren!

Was ja bei Putin niemand mehr überrascht!

Genau so wenig, wie die Meldung, dass die frisch vermählte ‚Sojamehl Königin’ angeblich durch dieses plötzlich aufgetauchte Rumpelstilzchen geschwängert worden sei – und nicht durch den europäischen Hochadel?

Was für eine weitere bodenlose Verleumdung! Nicht einmal ihren feschen Pilates Trainer haben diese lausigen russischen Hacker bei ihrer Desinformationskampagne der jungen Königin zugestanden. Das ist wirklich zum Junge kriegen!

Was ja auch prompt passiert ist.

Immerhin erklärt diese üble Schwangerschaftsverleumdung, warum Rumpelstilzchen unbedingt das neugeborene Kind der jungen Königin an sich reißen wollte? Natürlich weil es einen Vaterschaftstest verhindern wollte, und überhaupt nicht heiß drauf war, für sein segensreiches Tun, auch noch ein  Rumpelstilzchenleben lang Alimente zu zahlen! Klaro!!

Ähnlich ging es der Königin, die ihrerseits ihr Neugeborenes auch ohne jeden Vaterschaftsnachweis behalten wollte! Und das per Twitter sogar postwendend, samt ihren 10 Millionen Followers, dem Rumpelstilzchen unter die lange Nase rieb!

Hätte sie lieber nicht tun sollen! Die königliche Hoheit! Dieses Herumtwittern! Denn der amerikanische Geheimdienst hat mitgelesen, und ebenso postwendend dem angeblichen russischen Rumpelstilzchen wegen versuchten Raubes eines Königskindes mit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof gedroht…

Nicht glaubwürdig – und für mich persönlich auch sehr, sehr enttäuschend ist allerdings – dass sich daraufhin dieses unbekannte Rumpelstilzchen angeblich wutentbrannt zerrissen haben soll! Genau wie seinerzeit im Märchen!!

Und das vor den blauen Augen der sojamehligen Königin, die von ihrem Kind nicht lassen wollte! Schrecklich – nicht wahr? Sich einfach so durchzureißen! Der Länge nach – von unten nach oben! Grauslich!

Wo man doch heute nach fast 300 Jahren kultureller Weiterentwicklung so etwas viel eleganter mit einem Sprengstoffgürtel aus dem Internet erledigen kann!

In den Medien wär das auch viel besser rüber gekommen!

Und jeder von uns hätte nach der Selbstsprengung des Rumpelstilzchens vor der Königin, dieses schreckliche Geschehen bestimmt zeitnah über sein Smartphon von irgendeiner Videoüberwachungskamera herunterladen können – d. h. wir wären alle dabei gewesen – ganz Europa wär dabei gewesen!

Auch die übliche stereotype Verurteilung dieser feigen und abscheuenswürdigen Tat durch die Politik hätte viel mehr Bürgerinnen und Bürger erreicht – als dieses stille, egomanische ‚Sich – Selbst – Zerreißen’ des Rumpelstilzchens!

Zu dem sich nicht einmal der IS bekannt hat!

Schade ist das! Schade, dass Rumpelstilzchen so versagt hat! Von so einer Sprengung hätten doch alle etwas gehabt? Auch Sie, Sie und Sie! Ja wir alle. Europa wär durch diese Selbstsprengung echt zusammengesprengt worden! Endlich wäre zusammengesprengt worden –  was zusammen gehört! Schade, wirklich schade…

KH

PS: Das herrliche Poster ist von Meike Schwagmann aus der Autorengruppe ‚ZwanzigZehn‘

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 12. Oktober 2017

Die misslungene Emanzipation

Carl und Gerlinde (Folge 54)

„Herr Ober – bringen Sie mir doch bitte schnellstens einen doppelten Cognac…!“,  rief Carl erregt und schnappte förmlich nach Luft…

„Kommt sofort“, ächzte der vorbei huschende Ober mit dicken Schweißperlen auf seiner weitläufigen Stirn.

„Was ist denn mit dir los, Carl? Musst du dich wirklich schon im Morgengrauen mit Cognac zudröhnen?“ fragte Gerlinde irritiert und nippte mit besorgter Miene an ihrem frisch gepressten Orangensaft.

„Keine Angst, Gerlinde, ich brauche nur was Härteres, um diese Meldung aus der Zeitung verkraften zu können!“

„Und – was ist das für eine Meldung?“ fragte Gerlinde mit hochgezogenen Augenbrauen.

Stell dir vor, der König von Saudi-Arabien und sein ambitionierter Sohn Mohamed bin Salam wollen tatsächlich noch im 21. Jahrhundert den Frauen das Autofahren erlauben!“

„Wie das denn?“

„Ja – ab Juni 2018 – dürfen Frauen in Saudi-Arabien auch ohne Zustimmung ihres Mannes selbst ein Auto lenken. Ist das nicht der absolute Wahnsinn?“.

„Toll! Aber da steckt doch sicher irgendein mieser Ausbeutungsgedanke dahinter, wie ich diese Brüder kenne…“

„Vielleicht – aber bevor du vorschnell verurteilst, meine Liebe, sollten wir uns erinnern, dass auch in Deutschland noch bis 1958 der Ehemann das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder hatte.“

„Na – toll! Aber verschleiern mussten sich die Frauen damals nicht mehr, oder“?

„Nein das nicht – aber selbst wenn Männer ihren Frauen erlaubten zu arbeiten, verwalteten sie ihre Löhne!“

„Super – Zuhälter tun das ja heute noch für ihre Bordsteinschwälbchen“.

„Richtig, da ist eben die Welt noch in Ordnung in diesem patriachalen Milieu!“

„Mir scheint dir fehlt echt der Cognac, Carl! Alkoholisiert redest du nämlich weniger dummes Zeug…“

„Ja aber nur weil ich da meistens gleich einschlafe! Aber wo bleibt denn der unfähige Ober wirklich mit meiner Medizin?“

„Vielleicht ist die Kellnerin da flinker“, sagte Gerlinde, sprang auf und hetzte eine nicht unhübsche junge Kellnerin auf den schlafmützigen Ober.

„Und ohne Zustimmung des Mannes“, fuhr Carl, der offensichtlich nicht mehr zu bremsen war, fort „ durften Frauen noch bis 1962 kein eigenes Bankkonto eröffnen. Was sagst du dazu?“

„Siehste, lieber Carl, genau deshalb will ich vom Heiraten nichts wissen, damit mir das nicht passiert!“

„Diese Vorsichtsmaßnahme, wäre allerdings nicht mehr notwendig, liebste Gerlinde, da schon seit 1969 jede verheiratete Frau in Deutschland voll geschäftsfähig ist.“

„Mensch – das ging ja dann wohl in atemberaubendem Tempo damals voran mit der Emanzipation der Frau – bestimmt war da vor allem die CSU der gnadenlose Schrittmacher…“

„Spötterin“, feixte Carl und wartete immer ungeduldiger auf seinen Cognac…

„Du bist wirklich arm mit deinem Cognac, Carl! Wenn du willst kannst du gern zwischenzeitlich ein bisschen an meinem Orangensaft nuckeln…“

„Soweit wird’s noch kommen, dass wir Männer nicht einmal mehr unseren Cognac süffeln dürfen…“

„Ich fang gleich zu heulen an, Carl“!

„Ja – tu’s nur, sonst heul nämlich ich!“, stöhnte Carl.

„Dazu gibt’s aber wirklich keinen Grund, lieber Carl – außer der Tatsache, dass dein Cognac nicht bei kommt seid ihr Männer nämlich wirklich in keinster Weise zu bedauern, oder?“

„Oh – oh – und was ist mit der ‚ewigen Kanzlerin’ bitte, die ist doch nicht nur Honeckers späte Rache sondern auch die Rache aller Frauen an den Männern für erlittenes Unrecht, oder?“

„Du übertreibst wie immer, Carl!“

„Ich übertreib nicht, denn die ‚ewige Kanzlerin’ würde ja selbst ‚ausgestopft’ noch von allen Frauen und Alten gewählt werden …“

„Statt so dummes Zeug daherzureden, solltest du dich lieber selbst an deine dicke Nase fassen“!

„Wieso das..?“

„Schau dir doch deine ‚männlichen Prachtexemplare’ an – zum Beispiel diesen wunderbaren Herrn Schulz – oder den küssenden Herrn Junker – oder diesen göttlichen Herrn Trump – samt dem grinsenden Kim Jong Un – oder den ewig bayrisch dahersabbernden Herrn Seehofer… oder – oder – oder … im Vergleich zu diesen ehrenwerten Herren ist mir doch selbst eine ausgestopfte Kanzlerin’ immer noch hundert Mal lieber…“

„Leider muss ich dir da ausnahmsweise – höchst widerwillig – zustimmen, liebe Gerlinde: die derzeit agierende Männergilde ist wirklich ein selten erbärmlicher Haufen!“

„Siehste, Carl…“! sagte Gerlinde und unterdrückte taktvoll jegliches Triumphgefühl!

„Aber Gott hat dennoch ein Erbarmen mit uns Männern, Gerlinde:  denn endlich kommt mein sehnlichst erwarteter Cognac!“

Tatsächlich kam wie aus dem Nichts plötzlich die freundliche Kellnerin angetrippelt und platzierte, begleitet von tausendfachen Entschuldigungen und Verrenkungen für die unendlich lange Wartezeit, direkt vor Carl einen riesigen Cognac-Schwenker in den er praktisch hineinspringen hätte können. Und ehe  Gerlinde sich versah hing auch tatsächlich schon sein Kopf bis zum Hals drinnen…

Nur so war auch zu erklären, dass Carl nämlich, gleich nachdem die niedliche Kellnerin höchst ansehnlich wie ein Gazellchen entfleucht war, ganz nüchtern feststellen konnte, dass trotz aller derzeitiger gefühlter Überlegenheit des weiblichen Geschlechts, doch niemand ernsthaft bestreiten könne, dass selbst diese reizende Kellnerin sich immer noch auf ‚Ober’Schenkeln fortbewegt…also was sollte dieses ganze Überlegenheitsgetue? Letztlich waren die Frauen, wie eh und je, doch nur ein ‚Stück vom Mann’, oder?

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 17. August 2017

„Don Carl“ – oder der heroische Kampf um die Unterhose

Carl und Gerlinde (Folge 52)

Mit größerem Vergnügen war Carl in jüngster Zeit selten in seine Unterhose gestiegen! Es war dieses herrliche Gefühl des ‚Umhüllt seins’, des ‚Geschützt seins’, das er genoss.

Ein Genuss, den er sich neuerdings sogar mehrfach am Tag ins Bewusstsein rief – und der sich seltsamer Weise noch verstärkte, wenn er tagsüber durch unauffälliges Herumzupfen an seinen Hosen das darin eingeengte Gemächt neu positionieren durfte!

Ja – „durfte“ – nicht „musste“ – wie er es früher empfunden hatte!

Denn seit offensichtlich vom Süden Deutschlands her sich eine Bewegung breit zu machen drohte, in der sich die üblichen Verdächtigen /1/ mit Bayrischer Wollust über die Herrenunterhose hermachten, die in der christlich–abendländischen Kultur seit bald 300 Jahren bestens verankert war, läuteten bei Carl in mehrfacher Hinsicht die Alarmglocken!

Ja – es war geradezu ein ‚Schock mit Aura’, der sich in Carl breit machte, als er am 13. August 2017 in den sozialen Netzwerken auf diesen besagten if-blog–Eintrag /1/ stieß, in dem in nicht allzu ferner Zukunft einer Welt ohne Herrenunterhosen das Wort geredet wurde: einer Welt, in der von einem Tag auf den anderen jegliches berechtigte Tragen einer Unterhose bei Männern in Abrede gestellt wurde, da offensichtlich sämtliches Wundreiben, lästiges Jucken, ekelhaftes Kitzeln und männlichkeits-bedrohendes Einzwicken in messerscharfe Reißverschlüsse ganz offensichtlich ignoriert, geleugnet oder unter einen ‚Kaftan’ gesteckt wurde.

Einem ‚Kaftan’, der angeblich nur der Freiheit diente – nämlich der Freiheit des ‚hemmungslosen Baumeln lassen des Gemächts’ und des damit verbundenen ‚angeblichen Wohlgefühls’!

Dies natürlich mit unabsehbaren Folgen für Leib – Leben – Gesundheit – Moral – Gesellschaft und Wirtschaft! Nicht nur für Deutschland und der Europäischen Union, sondern letztlich für das gesamte christliche Abendland und Tausende von Unterhosen produzierende Arbeiterinnen und Arbeiter.

Und war der Zeitpunkt wirklich zufällig?

Hatte nicht erst vor wenigen Monaten Putin in der gesamten Eurasischen Wirtschaftszone sämtliche Aktivitäten im Bereich der Damendessous verboten mit ähnlich verheerenden Folgen für TRIGA?

War das etwa nun der ausgleichende gender-erforderliche Gegenschlag gegen die Herren der Schöpfung, nach dem vorher gegen die Damenwelt gewütet worden war?

Und war es wirklich Zufall, dass diese Kampagne ausgerechnet von Bayern ausging? Oder war das vielleicht doch ein abgekartetes Spielchen zwischen Putin und Seehofer?

Aber als Carl all diese Aspekte in der wenige Tage zurückliegenden Besprechung zur ‚Entwicklung neuer Marketingstrategien’ bei TRIGA vorbrachte, war er nicht nur entsetzt über die Gleichgültigkeit seiner Kolleginnen und Kollegen, sondern vor allem über die Reaktion von Bernie – d.h. von Dr. Osterkorn – dem Leiter des Bereichs Trikotagen bei TRIGA: denn der schien die Tragweite dieses Vorgangs in keiner Weise zu begreifen – wie so oft fehlten ihm auch dieses Mal wieder die Antennen für neue Trends in Mode und Gesellschaft!

Übrigens ähnlich wie Gerlinde beim morgendlichen Frühstück!

Die auch nur lachte und ihn, Carl, fast mitleidig als Spinner abtat, der wieder einmal Gespenstern hinterherlief. Und als Carl daraufhin beleidigt aufstand, ohne seinen Frühstückskaffee mehr »

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 1. Juni 2017

Eine unerhörte Bilanz!

Also das hatte er sich damals geschworen: wenn er, ‚Colonel’ Vatter – mit zwei „t“ – Siebzig würde und noch bei klarem Verstand wäre – dann würde er vor der gesamten Großfamilie Vatter – insbesondere seiner Frau Cornelia, Conny seiner Tochter und  seinem Sohn Corni, eine ‚Lebensbilanz’ erstellen! Und da er nicht umsonst von frühester Kindheit an mit dem Nicknamen ‚Colonel’ bedacht worden war, stand damit die ‚gnadenlose Bilanzierung seines Lebens’ unverrückbar fest.

Das heißt so eine ‚Art Bilanzierung’ stand fest! Wie bei der doppelten Buchführung!

Nämlich ein nüchternes Nebeneinander der ‚Aktiva’ und ‚Passiva’ mit anschließender ‚Saldierung’ wie auf einer Waage – stand fest!

Schonungslos und selbstkritisch wollte er unter den ‚Aktiva’ alles benennen, was ihm im Laufe seines großartigen Lebens gelungen war und wie er sämtliche Loser hinter sich gelassen hatte. Und bei den ‚Passiva’ natürlich all das, was den anderen misslungen war! Akribisch und vorurteilslos wollte er deren Misserfolge auflisten, wie sich das nach guter, alter Buchhaltermanier gehörte!

Nach seiner Meinung sollte nämlich jeder aufrechte Mann gegen Ende seines Lebens neutral und uneitel so eine Bilanz ziehen! Eine Bilanz bei der glasklar fokussiert und bewertet wird wo Erfolge vorliegen und wo andere versagt haben.

Selbst die eigene Familie durfte bei einer derartigen Bilanzierung nicht geschont werden, wenn sie denn mit einbezogen werden sollte.

Aber dann musste auch alles auf den Tisch! Und wenn’s nur der Esstisch war – weil der die größte Tafelfläche hatte. Für seine geliebte Cornelia natürlich ein Alptraum: denn dieser Esstisch quoll über vor steinharten Frühstückseiern, zähen Rinderbraten, verkokelten Schnitzeln, halbgaren Hühnerschenkeln, breiigen Bohnen, ausgehärtetem Milchreis und vielen, vielen anderen ‚Köstlichkeiten’ aus ihrer Küche!

Aber nach einem kurzen hysterischen Schreianfall hätte sie sich bestimmt eingekriegt und eingesehen, dass so eine Bilanzierung nur Sinn machte, wenn mit größtmöglicher Ehrlichkeit an sie herangegangen wurde.

Und wäre auf diesem ‚Esstisch der Lebensleistungen’ dann wirklich kein Plätzchen mehr frei gewesen, da etwa auch Conny und Corni ihre ‚Versagenspakete’ verstohlen hinzugefügt hätten, dann wäre er, der ‚Colonel’, natürlich bereit gewesen seine ‚Palette der Erfolge’ auch unter den Tisch zu platzieren. Schließlich war da jede Menge Platz und Conny und Corni hätten sehr anschaulich lernen können, wie die deutsche Spruchweisheit ‚Bescheidenheit ist eine Zier’ nicht nur plakativ vorgezeigt, sondern auch gelebt werden kann! Und hätten damit ganz praktisch erfahren, was die Kanzlerin unlängst gemeint hatte, als sie sagte, dass nur unsere ‚Werte uns einen Begriff von Heimat gäben’…

Ursprünglich dachte er ja, dass so eine ‚Lebensbilanz’ durchaus auch als eine Art ‚Zwischenbericht’, auf speziell Lebensabschnitte fokussiert werden konnte und sich beispielsweise in geeignetem Rahmen schon zu seinem Fünfzigsten Geburtstag gut machen würde – insbesondere bei seiner beispiellosen Karriere!

Doch leider drehte dann wenige Tage vorher seine geliebte Cornelia von einem Tag auf den anderen durch und wollte sich urplötzlich scheiden lassen. Nur weil sie wieder einmal aus einer Mücke einen Elefanten machte, der dieses Mal Marianne hieß! Dabei hatte Cornelia selbst diese Marianne in die Familie eingeführt. Gegen den Willen des ‚Colonels’!

Mein Gott wie himmelte sie die viel jüngere Marianne an! Ein Herz und eine Seele waren die beiden! Und jede Shoppingtour mit ihr, war wie ein Blick ins Paradies gefeiert worden. Cornelia konnte und wollte einfach nicht sehen, dass dieses goldige Mariannchen nur Unfrieden in die harmonische Familie Vatter trug.

Ja er, der ‚Colonel’, musste damals tatsächlich selbst Hand an diese Marianne legen und ihr eine Schranke nach der anderen aufzeigen, die sie nicht zu übertreten hatte – die sie aber immer wieder von neuem aufgezeigt bekommen wollte. Schlimm war das gewesen – an manchen Tagen hatte sie – kaum zu glauben –  bis zu drei Schranken übersteigen wollen!

Letztlich war der ‚Colonel’ heilfroh gewesen als Cornelia endlich eingesehen hatte, dass diese Marianne weg musste. Und zwar unverzüglich! Dass sich Cornelia dann aber in einer Art somnambulen Schockzustand auch gleich scheiden lassen wollte, war übertrieben und bedurfte dringend ärztlicher Behandlung. Natürlich ließ der ‚Colonel’ seiner geliebten Cornelia gegenüber alle nur denkbare Rücksicht walten und verzichtete ihretwegen auch ohne jedes weitere Wort auf den vorhin schon erwähnten ersten ‚Lebensbilanzzwischenbericht’ anlässlich seines Fünfzigsten Geburtstages: schließlich wäre ja in der geplanten Bilanzierung sehr unschön unter den ‚Passiva’ Cornelias Scheidungswunsch gestanden, während er unter die ‚Aktiva’ sein damaliges Aufrücken in den Konzernvorstand platzieren hätte müssen, wenn das Ganze Sinn machen und nicht nur eine plumpe Umdeutung der Wirklichkeit sein sollte.

Aber das wollte er natürlich Cornelia nicht antun! Die war verzweifelt genug!

Auch die Kinder waren dagegen gewesen. Die hatten ja auch kaum etwas vorzuweisen, was unter ‚Aktiva’ verbucht werden hätte können, so dass doch nur wieder er einsam und verlassen dort aufgekreuzt wäre…

Nein – das war schon gut gewesen, dass er damals zum Wohle aller auf diese erste ‚partielle Lebensbilanz’ verzichtet hatte – ein ‚Colonel’ konnte das unschwer verkraften!

Anlässlich des Sechzigsten Geburtstages hätte sich nach der damaligen Logik erneut eine ‚Bilanzzwischenberichtschance’ aufgetan! Er war auch bereit dazu gewesen und hatte Unmengen an Material zusammengetragen und aufgelistet. Aber dann kam dieser unsägliche Datendiebstahl in Mode, bei dem illegal erworbene Informationen über diverse Schweizer Konten den deutschen Finanzbehörden zum Kauf angeboten worden waren. Seit ewigen Zeiten war aus der ganzen Welt auf diesen Konten Schwarzgeld geparkt worden. Und siehe da, urplötzlich war jeder der ein, zwei Milliönchen mehr besaß ein Steuerhinterzieher – und weiß Gott was noch alles!

Klar, dass der ‚Colonel’ da seinen Kindern Conny und Corni ein leuchtendes Beispiel geben und den beiden mit einer der ersten Selbstanzeigen in Deutschland demonstrieren wollte, dass man keine Steuern hinterzog! Und dass man bei einer weißen Weste auch keinerlei Angst vor rechtstaatlichen Maßnahmen haben musste, die sich da plötzlich allerorts in Bewegung zu setzten begannen.

Als sich dann aber überraschend eine Woche vor seinem Geburtstag die Steuerfahnder zu eine Art ‚Vorfeier’ selbst einluden, meinte seine geliebte Cornelia, dass dieses eine Mal eher eine Feier im engsten Familienkreis angemessen wäre. Da ihre Nerven ohnehin stark angegriffen waren, stimmte der ‚Colonel’ natürlich sofort zu und verzichtete bei seinen wenigen Dankesworten auf jede Andeutung einer ‚Lebensbilanzierung’, da er ja bei seinem rigorosen Hang zu Ehrlichkeit und ungeschminkter Wahrheit doch nur wieder Unschönes aus seinem Umfeld hoch gewirbelt hätte. Von den immensen Schwierigkeiten, die sich durch die sehr angegriffene Gesundheit seiner hoch betagten Mutter und seinem noch älteren Vater  ergeben hatten, wollte er gar nicht reden. Beide hatten das anschließende Debakel der Europäischen Finanzwelt nicht lange mehr überlebt – dazu hatten sie viel zu viel Geld verloren…

Zu seinem Siebzigsten Geburtstag aber –  sollte es nun endlich mit der ‚Lebensbilanzierung’ klappen!

Zu mindest einer verknappten Version!

Alles Störende war ja nun weitgehend ausgeschaltet oder hatte sich selbst erledigt: wie etwa Cornelia, die sich vor fünf Jahren von ihrem ‚Colonel’ getrennt hatte und mit einem Musiker in Belgien lebte. Conny ging es angeblich in USA gut mit ihrer Familie, und Corni war in England Direktor eines bedeutenden Bankhauses.

Das Problem war allerdings jetzt, dass zwar niemand mehr störte, aber auch niemand mehr da war, dem er seine grandiosen Erfolge erzählen hätte können, außer den beiden versoffenen Neffen und der schielenden Cousine, mit der er seit dreißig Jahren kein Wort mehr gesprochen hatte! Und Marianne natürlich, mit der er seit sechs Jahren zusammenlebte, da sie nie aufgegeben hatte, alle ihr im Weg stehenden Schranken auch weiterhin zu durchbrechen!

Doch Marianne war zwar eine wundervoll, attraktive Frau, hatte aber keinerlei Verständnis für seine fast schon ‚krankhaft chronische Selbstbeweihräucherung’, wie sie sagte: im Gegenteil sie wollte selbst bewundert werden! Und all der Kram aus der Vergangenheit konnte ihr wirklich gestohlen bleiben!

Aber wenn er – der ‚Colonel’ – schon das Bedürfnis nach einer Bilanzierung seines Lebens verspürte, dann sollte er doch diese großartige Lebensleistung selbst zu Papier bringen! Quasi als Vermächtnis an die gesamte Familie Vatter. Und Zeit hätte er doch jetzt auch, oder?

Mit diesen Worten drückte sie ihrem ‚Colonel’ begleitet von einem hinreißenden Lächeln ein nagelneues, absperrbares, ledergebundenes Notizbuch in seine von Altersflecken übersäten Hände, sowie einen flüchtigen Kuss auf die ausgetrockneten Falten seiner bereits bis zum Nacken reichenden Stirn.

Doch wenn ihm das alles zu mühselig sein sollte, säuselte Mariannchen, könnte er ja auch direkt an Inge, der Putze, die ihn wie immer bestens umsorgen werde, seine Lebensbilanz herantragen: da sie ihr Hörgerät ohnehin meist ausgestellt hatte, könnte er ihr ja tagtäglich aus seinem großartigen Leben berichten – und  dabei in einem Aufwasch auch alle kleinen, großen und noch größeren Schweinereien haarklein in seine Lebensbilanz mit aufnehmen! Da sei doch eine prima Beschäftigung für einen Mann in den besten Jahren! Und freudestrahlend teilte sie ihm – ohne Atem zu holen – mit, dass sie nun aber husch, husch zu ihrem Flugzeug müsste, da sie mit ihrem gemeinsamen Töchterchen Carola zum Golfen in die Algarve flöge! Dabei fächelte sie ihrem ‚Colonel’ atemlos selbst noch von der bereits offen stehenden Tür eine ganze Salve warmherzigster Küsschen zu…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 18. Mai 2017

Der Sturz

Ich weiß nicht mehr, wer mir diese Geschichte erzählt hat. Vielleicht der Reiseführer auf der Fahrt ins ‚Manrique Museum’? Oder diese Geologieprofessorin aus Brandenburg? Seit acht Jahren kommt sie im März ins ‚Lanzarote Park Hotel’ in Playa Blanca und liest auch spanische Tageszeitungen, nicht nur dieses dämliche Inselmagazin Lanzarote 37°. Oder hat mir sogar Pedro diese Geschichte als eine seiner nicht zu überbietenden ‚Sprachensalat ’- Variationen an der Pool-Bar serviert?

Ich weiß es nicht mehr…

Aber immer ging’s um diesen zahnlosen Straßenmusikanten!

Ein Schandfleck auf der endlosen meeresnahen Promenade im Südwesten von Lanzarote. So verdreckt und unappetitlich sollte der da nicht sitzen dürfen. Das geht nicht! Nicht auf dieser fantastischen EU–finanzierten Promenade! Auf der bis tief in die Nacht hinein hunderte von Menschen pilgern.

Dieser ‚musizierende Drecksack’ lungert ja nicht nur auf seinem rostigen Klappstuhl vor der letzten Brache an der Promenade herum, wo man ihn kaum wahrnehmen würde, sondern neuerdings fast ausschließlich an der gemauerten Promenadenbrüstung.

Was für ein Auftritt da: ein ‚musizierender Müllhaufen’ vor dem sonnenbestrahlten ewig glitzernden Meer! Mit einem schmierigen Hut am Boden und einem Käppi auf sonnenverbranntem Schädel! Und zwei Triefaugen wie Pfützen…

Meist sabbert er in eine Melodica – eine Art Tastenflöte – aus der immer die gleiche Melodie kriecht. Doch seltsam anrührend! Das muss man ihm lassen. Vielleicht ist es sogar etwas von Mozart? Wenngleich es zu schwermütig sein mag? Leider konnte ich das nie herausfinden.

Als der Konzertsaal in Jameos del Agua in der „Lavablase“ vor sieben Jahren geschlossen worden war, weil Steine aus der Decke fielen, spielte dieser Schandfleck auch schon auf der Promenade in Playa Blanca. Damals soll er sogar ein ziemlich reichhaltiges musikalisches Portfolio gehabt haben.

Und während das Vulkangestein über der Decke mit speziellen Harzen verklebt wurde, saß er auch jeden Tag da. Von den sechs Millionen Euro, die das gekostet haben soll, verlor sich vielleicht sogar der eine oder andere Cent in seinen schäbigen Hut. Wer konnte das schon wissen? Der ‚musizierende Müllhaufen’  sicherlich nicht.

Und dieses Einweihungskonzert anlässlich der festlichen Neueröffnung des renovierten Konzertsaales in Jameos del Agua  ging bestimmt auch vollkommen an ihm vorbei, ebenso die Tatsache, dass der berühmte englische Dirigent John Miguel Smith dirigieren würde und sich sogar Vertreter des spanischen Königshauses angesagt hatten.

Doch dass dieser höchst eitle John Miguel Smith mit seiner viel zu jungen Begleiterin ausgerechnet einen Tag vor diesem pompös angekündigten Eröffnungskonzert vor ihm – dem ‚musizierenden Drecksack’ – ganz blöd gestolpert und im wahrsten Sinn des Wortes in voller Länge hingedonnert war, das hatte er mitbekommen.

Und die spanischen Flüche des feinen Engländers vermutlich auch!

Dabei hatte Betty noch, „attention John“, gerufen, da er offensichtlich eine seltsam einschmeichelnde Melodie wieder erkannte und nur noch Augen für den zerlumpten Verursacher dieser Melodie hatte – aber da war es schon zu spät! Er klatschte in voller Länge auf das gediegene braune Pflaster der Promenade hier in Playa Blanca…

Schimpfend sprang er sofort wieder hoch, begutachtete entsetzt seine grässlich aufgeschürften Hände und Ellbogen, bewegte wie ein Wahnsinniger seine malträtierten Finger und strich immer wieder kopfschüttelnd über das am Bauch aufgerissene blutige T-Shirt.

Dass er sich beim Sturz auch das klobige silberne griechische Knotenkreuz vom Hals gerissen hatte, merkte er erst, als Betty es ihm mit Tränen in den Augen entgegenhielt. Wie ein Greifvogel schnappte er zu und warf es dem vor Entsetzten erstarrten Straßenmusikanten in seinen schmierigen Hut.

Hastig zog er Betty mit sich fort, um schnellstens der aufgeschreckten, gaffenden Menschenmenge zu entkommen. Seine einzige Sorge galt wohl nur noch dem morgigen Eröffnungskonzert in der „Lavablase“! In Jameos del Agua! Und seinen zerschundenen Armen, dem aufgeschürften Bauch, den blutenden Händen und seinem aufgeschlagenem Kinn. Und hoffentlich hatte ihn niemand erkannt – ihn, den berühmten John Miguel Smith, als er wie ein hingeknallter Frosch bäuchlings die Promenade küsste…

Welch eine Demütigung!

In mindestens einem Fall schien sich allerdings diese Hoffnung nicht erfüllt zu haben: denn als der ‚musizierende Müllhaufen’ seine Schockstarre überwunden hatte und nach dem Kreuz zwischen den wenigen Münzen in seinem Hut fingerte, ging urplötzlich ein seltsames Leuchten über sein vom Alkohol zerstörtes Gesicht, ein Leuchten, das auch noch anhielt, als sich das zahnlose Maul auftat und ein fragendes „Miguel?“ herausdrang…

Und dann wieder: „Miguel – Miguel,  bist du’s?“

Immer aufgeregter wurde der Straßenmusikant, immer panischer,er ließ die vor Schmutz starrende Melodica fallen und drückte auch mit seiner linken Pranke an dem Silberkreuz herum – und immer wieder krächzte er: „Miguel !…Miguel !!…Miguel…!!!“

Aber John Miguel Smith war längst  außer Sicht- und Hörweite, ja er hetzte  wie ein weidwundes Tier mit seiner vollkommen aufgelösten Begleitung die Promenade entlang, um sich schnellstens in seinem Unterschlupf im Hotel Vulcano zu verkriechen!

Da der berühmte Dirigent Smith bekanntermaßen sich jedes Herumschnüffeln in seiner Vita verbat und erbarmungslos sämtliche noch so geringfügige öffentliche Vermutungen beklagte, verhallten auch diese verzweifelten Rufe des alten Mannes im Geplätscher des an der Lavaküste züngelnden Meeres nahe der Promenadenbrüstung.

Trotzdem hatte ich, wie gesagt, irgendwo aufgeschnappt, dass der Straßenmusikant deshalb, und nur deshalb seit damals, diese eine besagte ‚einschmeichelnde Melodie’, die ich bis heute nicht identifizieren konnte, spielt, da er immer noch hofft, sein Miguel – um den er sich als Kind einen Dreck geschert, ja ihn sogar zur Adoption freigegeben hatte – doch noch eines Tages vorbei kommt, und ihn, seinen angeblichen Vater, auf einen Brandy ‚Carlos III’ einlädt…

Ob es wirklich der ‚Carlos III’ ist, von dem dieser vermüllte ‚Musikus’ träumt, dafür möchte ich mich allerdings nicht verbürgen, aber ich lade jeden, der mir etwas Neues über John Miguel Smith zu erzählen vermag, zu einem ‚Carlos I’ in den vorgewärmten Gläsern des Café ‚Gilbert’ an der Promenade in Playa Blanca ein – denn irgendwie sollte dem alten, ‚musizierenden Drecksack’ geholfen werden, meine ich, und warum nicht mit einem guten Brandy?

PS:
Erwähnt sei noch, dass alle Personen und Handlungen dieser Geschichte erfunden sind, doch an dieser Melodie, die zum Sturz des Dirigenten führte, bleib ich dran, die muss ich unbedingt herausfinden…

KH