Klaus Hnilica
Mittwoch, der 15. Juli 2015

Gefangen in Balkonien

Carl und Gerlinde (XLIV)

Oh Gott – diese Hitze! Unerträglich! Und ausgerechnet heute Abend wollen Hannelore und Kurt noch einen ausgeben, da sie endlich ihre Hausrenovierung geschafft haben. Nach zwei endlosen Jahren, in denen niemand mehr mit einem positiven Ende gerechnet hatte!

ZZZZGAls Carl nämlich in der ‚Frankfurter Allgemeinen’ von den sechzig dokumentierten Fassadenbränden in der Stadt Frankfurt gelesen hatte, bei denen die Wärmedämmung als höchst effektiver Brandbeschleuniger fungierte, und diesen Befund genüsslich Kurt unter die Nase hielt, war dem jegliche Lust auf weitere Minimierung der Heizkosten vergangen. Aber seine beharrliche ‚Klimaretterin Hannelore’ hatte die Wärmedämmung dann doch bei ihm durchgequengelt! Und da sie schon am Quengeln war, auch noch gleich die Rollladensanierung: alle fünfzehn Rollläden an Fenstern und Türen ihres einstöckigen Zweifamilienhauses gingen seit letztem Dienstag mucksmäuschenstill, sonnensensorgesteuert, vollautomatisch auf und zu…

Und darauf möchten er und Hannelore heute mit ihren Freunden anstoßen, stammelte Kurt. Allerdings hätten die Renners und Gutmanns leider in letzter Minute abgesagt, weil Kerstin einen Hitzeausschlag hat, Anne gestern von einer Biene gestochen worden war mit entsprechender allergischer Reaktion und ihr Mann immer noch im Büro herumturnte, ohne sagen zu können, wann er heim käme.

Aber hier am nordseitig gelegenen Balkon im ersten Stock, fuhr Kurt fort, nachdem er das gesamte Renovierungsabenteuer noch einmal Revue passieren hatte lassen und seinen Aperol Spritz, nun schon ohne Eis, immer noch fest umklammert hielt, könne man es auch bei 32 Grad wunderbar aushalten! Dieses herrlich erfrischende Lüftchen, von allen Seiten herangefächelt, hätte Hannelore letztlich auch dazu bewogen, ihr kleines leckeres Buffet doch hier auf dem Balkon aufzubauen…

„Kurt, wenn du noch lange mit deinem vollen Glas in der Hand weiterlaberst“, ging Hannelore plötzlich energisch dazwischen, „sind, unsere einzigen verbliebenen Gäste längst verdurstet und skelettiert, bevor sie an unseren Leckereien auch nur gerochen haben. Bitte lass uns doch endlich den warm gewordenen Aperol Spritz durch unsere ausgedörrten Kehlen jagen und zu den kühlen Bierchen im Eiskübel übergehen! Und meinen Häppchen täte es auch gut, wenn sie schnellstens in unsere leeren Mägen versenkt würden, bevor das Basilikum gänzlich verdorrt ist und die Wespen deinen pikanten Sardinenaufstrich aufgefressen haben…“!

„Gott sei Dank!“ stöhnte Carl und tätschelte erleichtert Hannelores nacktes Ärmchen, während Gerlinde den so harsch unterbrochenen Kurt mit ein paar zugeflüsterten Nettigkeiten zu trösten versuchte.

Carl war auch der Erste, der nach der kurzen, peinlichen Pause, sich eines der Bierfläschchen aus dem Eiskübel angelte und damit, ohne abzusetzen, den lauwarmen Aperol Spritz aus seiner Gurgel spülte!

Alle anderen folgten nach und nach, und da sie tatsächlich das frische Lüftchen auf dem Balkon genossen, begannen ihre kauenden Mäuler auch bald wieder munter zu schnattern.

Erst dieses Mark erschütternde „Nein! Verdammt!“ sorgte für eine neuerliche Gesprächsunterbrechung: alle drei starrten auf Kurt, der hochgradig erregt, mit dem Eiskübel voll leerer Bierflachen, vor dem geschlossenen Rollladen der Balkontür stand: niemand hatte etwas gemerkt, da alles so lautlos passiert war.

Und jetzt war er zu! Der Rollladen!

Und das Steuergerät natürlich drinnen und keiner hatte sein Handy dabei. Wo hätte man es in der leichten Sommerkleidung auch unterbringen sollen; selbst Carl hatte in seiner Pumpkin Short kein passendes Täschchen!

„Und was nun, mein goldiges Programmiergenie?“ giftete Hannelore ihren völlig konsternierten Kurt an. „Wenn ich mich recht entsinne, hast du mir noch letzte Woche mindestens zwanzigmal versichert, dass das nie passieren könnte, da du die Rollläden bei allen Balkontüren so programmiert hättest, dass sie immer auf halber Höhe stehen bleiben, oder irre ich mich da, mein superkluges Kurtchen?“
„Du irrst dich nicht, liebe Hannelore, ich steh ja selbst vor einem Rätsel…“

„Nicht nur vor einem Rätsel, lieber Kurt, sondern auch vor einer total verschlossenen Balkontür“, ergänzte Carl grinsend.

„Und – und was nun, ihr lieben Leutchen“? motzte Gerlinde säuerlich.

„Weiß ich nicht – weiß ich wirklich nicht…!“ stotterte Kurt.

„Vielleicht schreien!“ rief Hannelore plötzlich, „ ja wir schreien alle zusammen so laut, als läuteten die Kirchenglocken; irgendwer muss uns dann hören…“

„ Haha – wer denn?“ stöhnte Kurt. „Rechts die Nachbarin ist schwerhörig und sitzt vor der Glotze und links die Nachbarn sind im Urlaub…“

„Und die da hinten machen Party im Garten und hören auch nichts vor lauter Krach“, ergänzte Gerlinde genervt.

„Aber bei der Hilde gegenüber ist doch Licht! Im Obergeschoß!

Und die Fenster stehen auch alle offen“, rief Kurt auf einmal triumphierend…

Und sofort fing er an, laut nach seinem Liebling zu rufen, der allerdings mit seinen 82 Jahren auch nur über ein sehr begrenztes Hörvermögen verfügte. Kurt ließ sich nicht entmutigen: er brüllte solange „Hilde“ – bis – ja bis ihm die Puste ausging!

Natürlich fuhren auch einzelne Autos unten vorbei! Aber die nahmen von den ‚Eingeschlossen Vieren auf dem Balkon’ keinerlei Notiz. Und selbst, wenn sie etwas bemerkt hätten, wären sie bestimmt der Meinung gewesen, dass die da oben bestens versorgt wären, da sie so schreiend komisch herumjubelten und andauernd winkten…

Und Blanka die polnische Betreuung von Hilde war natürlich auch nicht greifbar – aber die hätte ohnehin nichts verstanden, denn die ‚Deitsche Sprache’ war nicht unbedingt ihre Stärke!

Als Carl sein mächtiges Organ schließlich auch auf Kurts ‚Hilderufe’ eingetaktet hatte, tauchte die sehnlichst Gerufene tatsächlich in einem der beleuchteten Fenster auf und winkte der fröhlichen Balkonrunde gegenüber begeistert zu…

Sie stellte auch fest, dass es sehr heiß bei ihr sei und sie unter ihrem leichten Hemdchen völlig nackich sei!

Auf Kurts verzweifelten Zuruf, er bräuchte dringend den bei ihr deponierten Haustorschlüssel, antwortete sie aber wieder nur mit,

„ich bin nackich …“!

Und auf die Frage, wo Blanka stecke, natürlich auch „ich bin nackich…“!

Da es aber trotz der erfreulichen Nacktheit von Hilde unausweichlich auf Mitternacht zuging und nicht nur die Flasche Aperol, sondern auch die drei Flaschen Sekt leer waren, ergriff Carl endlich mannhaft die Initiative: angetrieben von etlichen Promillen, schwang er sich ohne jede Vorwarnung plötzlich vor aller Augen wie Tarzan übers Balkongeländer, langte ungeschickt zu der nach unten führenden Dachrinne, und – noch ehe Gerlinde besorgt aufschreien konnte – war er, begleitet von einer Art Urschrei, unten angekommen!

Jedenfalls nach dem dumpfen Aufprall zu schließen und diesem tierischen „Aua – Scheiße!“.

Und nach ängstlichen Fragen von oben und angespannter Stille unten, dann endlich ein erlösendes Gestöhne und die gespenstige Feststellung:

„Jetzt bin ich auch nackich…!“

Worauf alle befreit losgrölten und merkten, dass Carls schöne neue Sommerbekleidung zerfetzt an der Dachrinne hing und er, Tarzan selbst, in der heil gebliebenen TRIGA – Unterhose offensichtlich alles ohne Knochenbrüche überstanden hatte…

Da über den Bewegungsmelder auch die Terrassenbeleuchtung angegangen war, stand er sogar höchst spektakulär und blutverschmiert, voll im Rampenlicht!
Kein Wunder, dass Hilde lautstark mitapplaudierte und immer wieder feststellte, dass der Kurt ja auch nackich sei…

Da es zwar nicht der Kurt sondern der Carl war, den sie für den Kurt hielt, hielt dieser aber dank dieser Verwechslung, schon wenige Minuten später, endlich den ersehnten Reserve–Haustorschlüssel in Händen…

Was für ein Triumph der strapazfähigen TRIGA – Unterhosen! Denn ohne sie hätte Carl nie so ungebremst zu Hilde stürmen können…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 16. April 2015

Paulas Kiosk oder Kein Leben aus dem Bilderbuch

Paula sagt was sie denkt. Manchmal wenigstens.

Meistens redet sie ohne zu denken. Wie es ihr in den Sinn kommt. Und was sie spürt – im Bauch!

Alle zwei Monate ist sie stumm. Da kommt kein Wort über ihre Lippen.

Die Kunden kennen das. Sie deuten dann auf die Zeitung. Die Zigaretten. Den Liebesroman. Und die ‚Super – Wurstsemmel’!

ZZwurstsemmelDoch wenn sie redet, muss sie sich hundert Lebensgeschichten anhören!

Scheibchenweise: Zwischen Einszwanzig und Zwei Euro! Bei einer Flasche Bier schon mal fünf Minuten und länger!

Und die Susi heult bei der Paula. Hinten im Kiosk. Weil ihr Herbert sie wieder abgewatscht hat. Im Suff.

Und die Conny hat jeden Tag ein Wurstbrot frei und einen heißen Tee. Vom Kiffen kommt sie trotzdem nicht runter. Die arme Sau!

Bei dem ‚feinen FAZ-Fuzzy’ greift die Paula alle zwei Wochen nach unten.

Zum Schmuddelkram. Er kauft das Zeug für einen Freund! Nicht für sich. Klaro! Und der ‚Becks-Bier-Schlucker’ will das Playboy unters PM-Magazin gelegt. Der mit der ‚Süddeutschen’ nimmt noch auto-motor-sport und ‚Mein Pferd’. Und der ‚Hanauer Anzeiger’ den ‚Kicker’.

Die ‚BRIGITTE’s’ kennt Paula alle mit Namen. Die Gauloise Ladies auch!

Sind eigentlich ganz in Ordnung! Ihre Kunden!

Ab und zu gibt’s Stinker. Aber die faltet sich Paula zurecht.

Wenn’s sein muss auch laut! Damit’s alle hören. Selbst die schwerhörigen Alten.
Bei ihr muss alles raus! Egal ob’ s passt. Oder nicht passt.

Auch was ihr an Sandra nicht passt. Ihrer störrischen Tochter.

Oder in der Strasse nicht passt, in der sie wohnt. Oder in der Stadt nicht passt. Oder an Deutschland nicht passt. Oder an der unmöglichen EU nicht passt. Oder sonst in der Welt nicht passt.

Doch letztlich ist ihr die Welt egal. Sie hat genug eigenen Mist um die Ohren. Aber der Dreck in der Welt stinkt noch mehr zum Himmel! Auf den Titelseiten ihrer Zeitungen wird ja nur mehr abgeschlachtet!

Früher gab’s wenigstens Titten und Ärsche. Die die Leute aufregten. Sie auch! Aber nur wenn die größer waren als ihre eigenen Kostbarkeiten: Sie hatte echt Mega–Holz vor der Hütte! Und einen Arsch wie eine hitzige Stute. Hatte der Jürgen immer gesagt. Dieser Drecksack. Der abgehauen ist. Als sie die Sandra im Bauch hatte. Okay – ist vorbei…

Aber sonst war schon mehr Ordnung beim ‚Honni’! Damals in Erfurt. Alles war nicht schlecht gewesen – in der DDR.

Und das Geschäft geht ja hier auch nicht so toll! Was kein Wunder ist! Es raucht ja fast niemand mehr: alle machen einen auf gesund. Wollen mit hundert noch vor der Glotze schnarchen. Und möglichst ohne aufzuwachen in die Grube fallen.

Gott sei Dank gibt’s die Weibsleute! Die paffen wenigstens noch. Alt und Jung. Sie selbst ja auch! Die bringen die Kasse noch zum Klingeln.

Doch wer trinkt denn heute noch tagsüber ein Bier? Die kannste mit der Lupe suchen. Die Jungen haben keine Zeit. Und die Rentner schnapseln lieber!

Ja – sie spendiert schon mal eine Runde. Aber Vorsicht! Die werden gleich unverschämt…

Dafür bleiben ihre ‚Super-Wurstsemmeln’ öfter mal liegen! Das kränkt sie dann schon. Aber die jungen Weiber stopfen sich nur noch grünen Salat in den Rachen. Und rohe Gurken mit der Schale. Vor allem diese bemalten Skelette!

Wie ein Schweinsbraten schmeckt, wissen die gar nicht mehr. Oder eine Schweinshaxe mit Sauerkraut. Machen einen auf Vagina! Oder Veganisch! Was immer das ist? Da kennt sich keine Sau mehr aus.

Ihre Sandra fängt auch schon so blöd an!

Nix schmeckt mehr daheim! Alles ist Scheiße! Und wie die herum rennt! Man muss sich wirklich schämen für das Mädel: Eisenringe ohne Ende in der Larve. Und überall diese scheiß Tätowierungen. Ihr Kevin schaut noch schlimmer aus. Und diese Gott verdammte Glatze! Echt zum Kotzen! Eigentlich möcht’ Paula gar nicht mehr heimgehen. Muss sich eh nur ärgern mit den beiden ‚Tätos’!

Mensch – was für ein Segen ist da ihr Helmut! Ist neben dem Kiosk echt die einzige Freude in ihrem ‚bescheidenen’ Leben. Der kümmert sich wirklich um sie. Besser geht’s nicht! Und das schon seit Jahren!

Ohne ihn und den Kiosk würd’ sie sich echt die Kugel geben! Oder Tabletten einwerfen…

Am Montag – war Paulas Kiosk überraschend zu!

Das gab’s noch nie. Die Kunden murrten und schüttelten die Köpfe.

Susi erzählte später, sie hätte Kiosk mäßig sowieso kürzer treten wollen, die Paula! Und den Helmut heiraten. Alles war bestellt! Letzte Woche dann die Diagnose: Verdacht auf Lungenkrebs!

Genau – das war auch die Paula im ‚Hanauer Anzeiger’: Frau wirft sich vor S-Bahn – einstündige Unterbrechung des Frühverkehrs!

Sie hat der Polizei den Hinweis auf die Conny gegeben. Die war ja nur mehr Hackfleisch. Hatte in letzter Zeit aber auch ständig von ihrem Abgang geträumt! Aber einen der kracht! Einen den alle spüren! Das sei ihre kleine Rache an dem da oben, hat sie gefaselt. Die Paula hat nur gelacht und gesagt, das sei ein Schmarren!

Dem Helmut hat sie den Lungenkrebs auch nicht abgenommen! Nie im Leben, hat sie gesagt, nie im Leben hat der Helmut Krebs…

Am Donnerstag – war er wieder offen. Der Kiosk!

Gott sei Dank! Die Leut’ waren echt happy! Soviel ausgesprochene Freude hätt’ sich die Paula nie träumen lassen. Und dass die Susi hinten nicht plärrt, sondern kichert, auch nicht. Endlich hatte sie ihren versoffenen Herbert rausgeschmissen!
Paula hat Sekt spendiert und auf Susis Courage angestoßen!

Und auf die ‚Hackfleisch Conny’ in der Hölle auch!

Beide haben so gelacht, dass der mit der ‚Süddeutschen’ sich auf die Stirn getippt hat. Und ohne Zeitung gegangen ist. Und der ‚FAZ-Fuzzy’ ohne Schmuddelkram, weil die Paula nicht zum Lachen aufgehört hat. Und die Susi auch nicht!

Da soll einer die Weiber verstehen, hat der ‚Hanauer Anzeiger’ gesagt.

Und hat selber zu lachen begonnen. Und der Helmut hinter ihm auch. Er schien beschwingt…

Hat die Paula am Ende doch richtig gelegen mit ihrer Diagnose, dass alles nicht wahr ist, nix stimmt und sowieso beschissen ist?

Vermutlich schon, sonst hätten alle nicht so gelacht, gell!

KH

PS: Das Foto ist von Google

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 12. Februar 2015

Stehpinkeln – oder der emanzipierte Mann

Carl und Gerlinde (XL)

Als Carl jüngst durch die „Frankfurter Allgemeine“ im Morgengrauen ein Gerichtsurteil des Amtsgerichtes Düsseldorf ins Haus geflattert kam, hätte er vor Freude nicht nur laut schreiend die Straße auf und ab rennen, sondern in den anliegenden Häusern auch alle Klomuscheln umarmen können!

ZZZSTimg164Denn endlich war ihm einmal als Mann durch die deutsche Justiz Genugtuung zuteil geworden! Genugtuung, an die er – und unzählige andere seiner Spezies – nie mehr zu glauben gewagt hatten, nach all den Ausgrenzungen und Erniedrigungen in diesem Land, das seit Menschengedenken von einer übermächtigen, freudlosen Frau in eine ungewisse Zukunft gelenkt wurde…

Und dann – dieses unerwartete Geschenk des Himmels am frühen Morgen, von dem Gerlinde völlig unberührt blieb: sie säuselte seelenruhig in ihrem Bettchen vor sich hin, während alle Zeichen auf eine endgültige Emanzipation des Mannes deuteten!

Natürlich fragte sich Carl, wie das auf einmal möglich war? Was passiert war? Gab es in diesem Land doch so etwas wie Gerechtigkeit? Sorgte vielleicht doch eine ausgleichende Wesenheit nach den Gesetzen der Entropieminimierung dafür, dass auch die Ungerechtigkeit minimiert wurde?

Wenn ja, dann könnte die unscheinbare Meldung in der „Frankfurter Allgemeinen“ an diesem Freitagmorgen ein erstes Zeichen gewesen sein! Ein Zeichen dafür, dass es sowohl für die Spezies Mensch als auch die Spezies Mann Hoffnung auf eine bessere Zukunft gab – während Gerlinde genüsslich vor sich hinschnarchte…

Für Carl aber krachte diese Zukunft wie ein Böllerschuss in sein Leben mit der amtlichen Feststellung des Düsseldorfer Richters Stefan Hank,

„….dass das Urinieren im Stehen nicht untersagt werden darf!

Sie sorgte dafür, dass sich Carl schlagartig nicht nur als Mensch neu definierte, sondern insbesondere auch als Mann! Und zwar als Mann, der endlich auch im Stehen daheim sein Wasser abschlagen durfte! Und dem das niemand mehr verbieten konnte! Weder eine Mutter, noch eine Ehefrau, noch eine Lebensabschnittspartnerin, noch die Putzfrau…

Was natürlich klipp und klar und ohne jede weitere Deutungsmöglichkeit hieß, dass auch die immer noch schlafende Gerlinde ab sofort zur Kenntnis nehmen musste, dass er – Carl – genau wie jedes andere männliche Wesen auf der Welt – das Recht hatte, im Badezimmer im Stehen in die Klomuschel zu pinkeln!

Diese völlig neue Rechtslage am Beginn des 21.Jahrhunderts, deren Abklärung Gerlinde ahnungslos verschlief, kam wie so oft bei großen Ereignissen, völlig unscheinbar in Form zweier einfacher Sätze von Richter Hank daher, die da lauteten:

„Trotz der in diesem Zusammenhang (nämlich der Mann – Frau – Beziehung) zunehmenden Domestizierung des Mannes ist das Urinieren im Stehen durchaus noch weit verbreitet. Jemand der diesen früher herrschenden Brauch noch ausübt, muss zwar regelmäßig mit bisweilen erheblichen Auseinandersetzungen mit – insbesondere weiblichen – Mitbewohnern, nicht aber mit einer Verätzung des im Badezimmer oder Gäste-WC verlegten Marmorbodens rechnen“. (Aktenzeichen 42 c 10583/14)

Und klaro! – wenn der Marmorboden nicht verätzt wurde, wurden auch etwaige Keramikfließen auf dem Boden nicht verätzt, und wenn diese nicht verätzt wurden, dann natürlich auch die Klobrille nicht, was eine ganz einfache induktive Schlussfolgerung war, die auch einer Gerlinde, sollte sie jemals wieder aufwachen, einleuchten musste, obwohl ihr natürlich als Frau nicht immer der Zugang zur Logik gegeben war.

Anders bei Carl, der sich seinerseits aber jeden Versuch einer Domestizierung verbat, den der Richter angesprochen hatte, da sich ein Mann wie er niemals domestizieren ließ! Und schon gar nicht von einer Frau!

Das ging ja nun gar nicht!

Im Gegenteil, jetzt wo er endlich gerichtsfest, schwarz auf weiß verbrieft, im Bad und auf der Toilette ganz Mann sein durfte, wollte er diesen Akt der Emanzipation um jeden Preis durchziehen und auskosten und sich durch keinerlei Domestizierung oder sonst etwas, einschränken lassen.

Da konnte seine schlummernde Gerlinde sich noch so sehr auf den Kopf stellen (was sie ja bei einigen Yogaübungen ohnehin schon tat), er, Carl, war jedenfalls nicht mehr bereit von seinem Recht – gänzlich Mann zu sein – abzurücken!

Und Gerlinde würde er noch heute die neue rechtliche Pinkelsituation unter ihr keckes Näschen reiben! Was mit Sicherheit nicht ohne lautstarken Wortwechsel abging! Das war klar wie Rinderbrühe, aber die Sache Wert, sagte sich Carl und war stolz, wie gelassen und nüchtern er die Dinge noch vor der ersten Tasse Kaffee an diesem Morgen sah…

Na ja – und da Gerlinde vermutlich jetzt wirklich bald aufwachen würde, war zur Sicherstellung eines reibungslosen Gesprächablaufes es bestimmt pfiffig und klug, sie nicht schon vor dem Frühstücksei mit richterlichen Fakten zu überfallen, sondern erst eine Weile abzuwarten und ihr dann, je nach Befinden, bei einem Gläschen Sekt und mit der Zeitung in der Hand, die neue gerichtsfeste ‚Pinkelsituation’ zu präsentieren…

Ja das war eindeutig der bessere Weg! Der viel bessere sogar!

Und wenn er es genau überlegte – so Carl – stellte sich ja ohnehin letztlich die Frage, warum Gerlinde überhaupt mit dieser Sache konfrontiert werden musste? Sie stand doch nicht prüfend neben ihm, wenn er pinkelte! Also warum dann soviel Theater darum machen und endlos darüber quasseln?

„Hey – wo sind wir denn?“ sagte er laut zu sich selbst, legte die „Frankfurter Allgemeine“ beiseite und schlüpfte nach dieser spontanen Eingebung schnell noch einmal unter die warme Bettdecke…

Er konnte doch am Klo machen was er wollte: wenn er beschloss beim Pinkeln zu stehen, dann stand er, und wenn er beschloss sich wie bisher zu setzen, dann war das auch gut und er tat sogar noch Gerlindes nagender Forderung genüge!

Wichtig war doch nur, dass er nicht kniff, sondern klar Position bezog! Und das tat er jetzt, wo er im Lichte der neu gewonnenen Freiheit alle Optionen hatte und sich sowohl stehend als auch sitzend der Klobrille nähern konnte!

War das nicht ein irres, männliches Gefühl, nicht ‚alternativlos’ zu sein, wie es die Kanzlerin oft war…

KH
(Translated by EG)

Klaus Hnilica
Dienstag, der 27. Januar 2015

Vorhofflimmern…

Carl und Gerlinde (XXXIX)

Eine Nacht ohne Schlaf, brennende Schmerzen in der Brust, ein herumtorkelndes Herz und Dr. Riffelmanns Diagnose reichten, dass Carl eineinhalb Wochen später doch mit Hannelore und Gerlinde zu diesem blöden ‚Weiberkurs’ trabte…

ZZYVoimg162Aber Gerlinde hatte Recht! Er musste kürzer treten bevor der Zug – nein sein Zug – endgültig ab oder sonst wohin gefahren war!

„Diese Vorhofflimmer-Episode sei ein Alarmsignal gewesen, das sehr ernst genommen werden müsse“, sagte Dr. Riffelmann und verkniff sich sein sonst übliches Lächeln. Ein Glück, dass Carl erst Mitte Fünfzig war und nur leicht erhöhte Blutdruckwerte hatte: da reichte ein schlichter Betablocker, um das ‚herzliche Gezappel’ wieder in geregelte Bahnen zu bringen und von Blutverdünnern konnte abgesehen werden…

„Doch Vorsicht, das ändere sich schneller, als Carl es wahrhaben wolle“, sagte Dr. Riffelmann mit einem eher angedeuteten Lächeln. Damit das nicht passiere, müsse Carl ab sofort sich zu regelmäßiger Bewegung durchringen, wenig Alkohol trinken und deutlich seinen täglichen Stress reduzieren!

Bei den Worten ‚Stress reduzieren’ lächelte Carl mit Dr. Riffelmann plötzlich um die Wette! Wie sollte das denn gehen, bei dieser Lawine an Schwierigkeiten im internationalen Trikotagengeschäft?

Aber gut, vielleicht konnte er ja in der Firma dem rotgesichtigen Fritz Kuhlmann den Arbeitsplatz an der Pforte abspenstig machen und als Gegenleistung ihm seinen Unterwäschevertrieb samt Vorhofflimmern andrehen? Und vielleicht half ja sein Chef, ‚Osterkörnchen’, ausnahmsweise einmal konstruktiv mit, statt nur zu labern? Und der Betriebsrat auch?

„Nun, man müsse ja nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten“, meinte Dr. Dauerlächler, „wichtig wäre doch vor allem zu lernen, wie mit Stress besser umgegangen werden konnte? Und wie er sich abbauen ließ? Eben nicht nur durch noch mehr abendliche Bierchen und Whiskys, sondern gezielt durch täglichen Sport oder spezielle Entspannungsübungen!“

„Entspannungsübungen?“

„Ja – es gibt ganz hervorragende Kurse auf diesem Gebiet in denen man das lernen kann“, stellte Dr. Riffelmann begeistert fest.

„Sie denken aber bei diesen Entspannungsaktivitäten jetzt hoffentlich nicht an das wunderbare Reich der Chakren und Klangschalen in dem energiegeladene Gummidrachen für 125.- € alle Spannungen in mir auflösen, Herr Doktor?“ stöhnte Carl laut auf, grad so als wär ein Nerv angebohrt worden.

„Nein – ich rate Ihnen natürlich nicht zu Yoga Vidja, so gut kenn ich Sie schon. Aber wie wär’s denn zum Beispiel mit einem stink normalen Autogenen Training?“

Carl verdrehte die Augen und brummelte unverständliches Zeug vor sich hin.

„Ja! Warum wollen Sie nicht einmal versuchen ganz unvoreingenommen mit ‚AT’ ihren aufgestauten Stress abzubauen?“

„Deswegen nicht, Herr Doktor Riffelmann, weil ich dann nicht mehr mit einem simplen Vorhofflimmern bei Ihnen ankomme, sondern mit tödlicher Sicherheit als Amokläufer: denn wenn mir der rechte Arm schwer werden muss! und das linke Bein warm! dann brennen bei mir alle Sicherungen durch!“ grunzte Carl mit hochrotem Kopf und einer neuerlichen Flimmerepisode…

„Und wär’ das so schlimm? Ich mein’ jetzt nicht den Amoklauf, sondern den schweren rechten Arm und das warme linke Bein! Sie glauben ja gar nicht wie entspannend das sein kann und wie stabilisierend sich das auch auf ihren Herzrhythmus auswirkt…“

„Tut mir leid, Herr Dr. Riffelmann, bei mir gibt es bei diesem ‚AT’, wie Sie es nennen, nur zwei sich gegenseitig ausschließende Reaktionen: entweder werde ich aggressiv wie ein ausgehungerter Varan! Oder ich falle auf der Stelle in einen komatösen Schlaf…“

„Na ja – letzteres wäre ja gar nicht so schlecht? Abgesehen von dem etwas beschwerlichen Transport nach Hause, aber vielleicht haben Sie ja eine gute Seele die das bewerkstelligt“, meinte Dr. Riffelmann mit einem genussvollen Grinsen.

Da war das sonnenbraune Lächeln vorhin angenehmer gewesen, dachte Carl, als er missmutig das Rezept für seinen Betablocker bei der Arzthelferin entgegennahm.

Umso erstaunlicher war dann die Kehrtwende!

Oder war es gar keine? Sondern vielmehr wieder nur eine dieser üblichen Gerlindeschen Manipulationen, die natürlich wusste, wie stark sie bei dem abgetakelten Sprungstier Carl am Nasenring ziehen musste, damit er genau auf dem von ihr gewünschten Trampelpfad landete…

Nun – es dauerte genau zwei – mehr schlecht als recht durchschlafene Nächte – bis Carl beim Frühstück nach einem zweiminütigen Hustenanfall, ausgelöst durch ein Stück Französisches Baguette, auf das er wie üblich Finger dick die Aprikosenmarmelade aufgetürmt hatte, Gerlinde darüber informierte, dass diesem komischen Dr. Riffelmann, den sie ihm doch seinerzeit empfohlen hatte, sozusagen als begleitende präventive Maßnahme zu den Betablockern gegen sein Vorhofflimmern nichts Besseres einfiel, als ausgerechnet ihm – obwohl er doch wissen musste, wie sehr er jede Art von esoterischen Kram hasste – einen AT–Kurs zur Stressbewältigung vorzuschlagen.

„Na ja dann komm’ doch mit Hannelore und mir mit“, sagte Gerlinde grad so als hätte Carl nach einem zweiten Frühstücksei gefragt.

„Was? – Wie? – Wo? Ich soll bei euerem Weiberkram mitmachen“?

„Warum nicht?“

„Ja ist denn da überhaupt irgendein Mann dabei?“

„Schon.“

„Ich mein der nicht schwul ist?“

„Gottchen das weiß ich nicht genau“!

„Hm!“

„Ja…“

„Und wer leitet den Kurs?“

„Na ja der Severin?“

„Was, ein Mann?“

„Ein Sportstudent!“

„Und ist der schwul?“

„Mit Sicherheit nicht“, flüsterte Gerlinde mit einem schmutzigen Lächeln.

„Wieso weißt du denn das so genau?“

„Weil ich’s halt weiß – und Hannelore hat’s auch bestätigt…“

„Was soll das denn nun heißen?“

„Na ja, dass sie es auch sicher weiß…“

„Puh – ich glaub ich bin im falschen Film!“

„Wieso das denn?“

„Na ja wenn ich deine glänzenden Augen sehe beim Sportstudent Severin…“

„Kannst ja mitkommen und dir den Severin anschauen…“

„Ja geht das denn?“

„Wenn ich mit ihm red’ geht alles…“

„Das wird ja immer schöner“, stöhnte Carl und verdrückte sich ohne ein weiteres Wort ins Büro, da er irgendwie das Gefühl hatte, gleich wieder ins Vorhofflimmern zu fallen, wenn er nicht schnellsten für ausreichenden Abstand zwischen sich und seiner Gerlinde sorgte.

Und Samstagvormittag klinkte Carl sich dann tatsächlich ein, als Gerlinde zu diesem komischen AT – Kurs aufbrach!

„Na ja schaden wird’s schon nicht – aber helfen sicher auch nicht“, zischelte er mit einem verlegenen Smiley und drückte sich spontan mit ins Auto.

Tja – und Gerlinde überlegte, ob sie ihm noch auf dem Weg zum Kurs oder erst später sagen soll, dass der Severin momentan und eigentlich schon immer von der Uschi Müller vertreten wird…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 11. Dezember 2014

Was ist los mit Deutschland – schläft es wirklich?

Carl und Gerlinde (XXXVIII)

Als Carl morgens im Badezimmerspiegel seine zerknautschte Visage anstarrte überlegte er kurz, ob er sich gleich eine reinhauen sollte, oder erst nach dem Frühstück! Aber mit leerem Magen ging das ohnehin nicht: diese versifften Mundwinkel und die Schimmelzunge waren viel zu ekelhaft! Außerdem fürchtete er, sich jeden Moment übergeben zu müssen. Kam’s vom Magen? Oder dieser Halloween–Fratze?

ZZWerIII Die heiße Dusche brachte die Erlösung!

Der Wasserstrom über Kopf, Rücken und Gesäß wirkte wie ein belebender Stromstoß. Als dann die Brust, der Bauch und das leblose Würmchen berieselt wurden, kam auch Carls schwabbelndes Großhirn in Schwung. Ja es schlängelte sich sogar die eine oder andere Erinnerung wieder durch seine Alkohol getränkten Synapsen. Auch die stechenden Kopfschmerzen waren fortgewischt. Nur die eineinhalb Liter Pinot Grigio in Blut und Leber mussten noch ausgeschwitzt werden und die gestrigen Gesprächstiraden von Dr. Osterkorn alias Bernie und Miriam auch…

Vollkommen überraschend war dieser ‚weinselige Gedankenaustausch’ gestern Abend bei Bernies Lieblingsitaliener für Carl nicht dahergekommen: Nach dem desaströsen Einbruch der Auftragszahlen im Unterwäschebereich durch die ‚Russlandklatsche’ war natürlich sonnenklar, dass die wichtigsten Spartenleiter bei TRIGA weithin hörbare Schnellschüsse abfeuern mussten.

Carl erinnerte sich dunkel, dass Bernie so etwas Ähnliches von sich gegeben hatte und schäumte sorgfältig seine muffelnden Achselhöhlen ein – puh! das war höchste Zeit…

Letztlich war Bernie auch nur ein Getriebener! Genau wie die Geschäftsführung und der Konzernvorstand: alle mussten die geplanten Renditeziele erreichen. Ohne Rendite – keine Boni! Weder für die Geschäftsführung noch für Bernie und seinen Spartenvertriebsleiter Carl. Und für Miriam, die Verantwortliche im Bereich Unterwäsche, schon gar nicht.

Wisst ihr – wir bräuchten ein komplett neues Narrativ für unsere Unterwäsche, hatte Bernie dann spontan losgeblafft und Miriam mit brunftigen Jungstierblick zugeprostet, die skeptisch ihre Augenbrauen hochzog. Ja – wir benötigen unbedingt eine richtig umstürzlerische Idee, um die Geschichte unserer Slips, Tops und BHs neu erzählen zu können und an unsere Kunden narrativ rüberzubringen! Ja und vielleicht sollten die Tops in den nächsten Jahren doch mal wieder bis zum Nabel reichen und die Damenhöschen wieder Höschen sein, die nicht nur das Schamhaar abdecken und hinten als Pobackenteiler fungieren?

Da Carl sich gerade den Po einschäumte, als dieser Erinnerungsfetzen durch sein Großhirn wehte und mit Entsetzen an Tangahöschen für Männer dachte, ging ein derartiges Beben durch seinen lädierten Körper, dass das herabrieselnde Duschwasser – oh Schreck – krachend gegen die Duschkabine platschte…

Vielleicht hat Putin ja wirklich Recht, hatte Bernie laut vor sich hin monologisiert, wenn er seit Sommer solche ‚Höschenfragmente’ von der russischen Frau fernhält und sie zukunftsweisend wieder in Richtung einer Unterhose dirigiert, die diesen Namen auch verdient. Dass er dabei in einem Aufwasch gleich die Werteskala für das ‚Neue Russland’ nachjustiert, kann ihm eigentlich niemand verübeln! Schließlich durfte das große, stolze Russland niemals auf das jämmerliche Niveau des dekadenten Westens absinken und Idealen huldigen deren aufgegipfelte Verkörperung eine ‚Conchita Wurst’ ist! Ist doch nachvollziehbar, oder?

Und wie stellst du dir das vor, lieber Bernie? Giftete Miriam plötzlich los: sollen wir dann zukünftig auch in Unterhosen bis zum Hals herumrennen und uns unterm Kaschmirkaftan verstecken? Na dann Prost-Mahlzeit, du Putinversteher! Du willst uns doch nur ins neunzehnte Jahrhundert zurückprügeln, damit du wieder ins Russlandgeschäft kommst, oder? Wenn dem so ist, lass es mich beizeiten wissen, ich bin dann schneller weg als du ‚Indianer Jones’ aussprechen kannst!

Carl, der sich endlich bis zu den Zehen durchgeschäumt hatte, war ziemlich erstaunt gewesen, dass Miriam so temperamentvoll ihren Bernie angeraunzt hatte. Das war echt super gewesen und verdiente einen extrakräftigen Massagestrahl auf Rücken und Lenden! Herrlich – wirklich ein Genuss…

Welch eine glückliche Fügung, dass dann das Essen gekommen war, sonst hätten sich Miriam und Bernie richtiggehend ineinander verbissen, aber so konnte Bernie ersatzweise in seinen Lammbraten beißen, Miriam an der überbackenen Goldbrasse knabbern und er sein Lammgulasch in Zitronensauce so hastig reinschaufeln, dass er von daher schon gezwungen war den Mund zu halten.

Da Bernie derlei Artigkeit offensichtlich fremd war und er mit vollem Mund weiterlaberte, ließ er Carl und Miriam voll an seinem zarten Lammbraten teilhaben, indem er ihn auch kleinteilig vor sich auf dem Tischtuch ausbreitete. Andererseits gelang ihm dadurch der nahtlose Übergang von Putin zu Merkel, von der er mehrfach energisch ein ähnliches Narrativ für Deutschland forderte, wie es Putin für das ‚Neue Russland’ geliefert hatte!

Aber du gehst jetzt nicht so weit, Bernie, dass du von ‚Mama Merkel’ nach der ‚Energiewende’ nun auch noch eine vorbildhafte radikale ‚Unterhosenwende’ einforderst, ätzte Miriam ebenfalls nahtlos weiter, während sie ihre Goldbrasse fachfraulich zerlegte.

Nein natürlich nicht, mampfte Bernie, aber ‚unsere Angela’ könnte das Deutsche Volk doch einmal mit einem hübschen, brauchbaren ‚Narrativ für Deutschland’ überraschen, statt es permanent mit sinnentleerten Worthülsen einzulullen! Es täte uns gut endlich aufzuwachen und uns mehr um den Rest der Welt zukümmern, statt ihn ständig mit unseren Ängsten zu quälen! Nur ‚German Angst’ ist ein bisschen wenig, oder Carl?

Ja dem konnte Carl unter der Dusche nur zustimmen und endlich den tierisch guten Massagestrahl abdrehen: Denn nach der Wassermassage war ‚Kaltduschen’ angesagt! Und das erforderte mindestens die gleiche Überwindung wie die Entwicklung eines Narrativs für Deutschland…

Aber siehe da, Osterkörnchen war nicht zu bremsen gewesen, ihn verlangte nach Miriams Rüffel und dem Lammbraten, nicht nur sofort nach einem Tiramisu, sondern er kam praktisch zeitgleich selber mit narrativen Ideen daher. Oder war’s Miriam gewesen? Die meinte wir sollten in einem neuen Narrativ für Deutschland nicht mehr nur den zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau und den Holocaust gebetsmühlenartig repetieren und auch nicht nur über die Überwindung der Ost – West – Spaltung und Europa reden, sondern vielmehr die Tatsache hervorheben, dass Deutschland neuerdings ein höchst begehrtes Einwanderungsland ist und zum Beispiel während der letzten beiden Fußballweltmeisterschaften sogar plötzlich als hip, multikulti, fröhlich und bunt galt!

Da hatte Carl dann auch schon genug von der ‚Kaltdusche’! Bibbernd sprang er aus der Duschkabine, rubbelte sich laut stöhnend mit dem Badehandtuch ab und wollte partout nicht mehr daran erinnert werden, dass er nach Miriams klugen Einwurf – vielleicht schon etwas angesäuselt – unbedingt auch die ‚Energiewende’ in das neue Deutschlandnarrativ einbinden wollte und mit schwerer Zunge darauf bestand, dass sich dadurch quasi von selbst ein gravierender Paradigmenwechsel im Unterwäschegeschäft ergäbe: denn warme Unterwäsche führe zwangsläufig zu einer Reduktion der Heizleistung und damit auch des CO2 Ausstoßes in die Umwelt! Das sei doch klar wie Kloßbrühe!

Und gestützt auf diese Fakten könnte Frau Merkel in ihrer wenig präzisen Art vermutlich dann wirklich allen Skeptikern seelenruhig entgegensäuseln, dass das Land der ‚Dichter und Dämmer’ in den von der Regierung massiv geförderten warmen Unterhosen sehr wohl seine ehrgeizigen Klimaziele in der Europäischen Gemeinschaft erreichen wird! Ja diese sogar noch überbieten werde, wenn in der großen Koalition, konform mit Herrn Sigmar Gabriel, noch vor Jahreswechsel – abweichend vom Koalitionsvertrag – beschlossen würde, dass neuerdings auch ‚Thermounterwäsche’ ähnlich umfangreich gefördert würde wie die Wärmedämmung der Gebäude, ohne dass dadurch natürlich die schwarze Null von Herrn Schäuble in Gefahr geraten dürfte, was zwar nicht dem Weltklima aber doch der CDU immens schaden würde – und allein das zählte! Letzteres sagte Frau Merkel zwar nicht in Carls Gedankenwelt, dachte sie aber.

Kurz danach musste bei ihm der Film gerissen sein, denn an den Jubelschrei von Bernie hatte er keine Erinnerung mehr – und wie er nach Hause gekommen war wusste nur Gerlinde, die ihn aber heute Morgen nicht sehen wollte, was schon ein bisschen komisch war, oder?

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 23. Oktober 2014

Halloween in Hanau oder ‚Wiener Blut‘

Ein vampirischer Telefonsketch
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Elias Hupka-Hürlimann wohnt seit geraumer Zeit in Hanau.

Zu Halloween verwirklicht er einen lang gehegten Wunsch: er organisiert in seiner weitläufigen Wohnung in einer Hanauer Altstadtvilla erstmals eine aufwendige Vampir-Party, bei der es an Nichts fehlen soll! Vor allem nicht an Blut bester Qualität! Seine Freundin Susanne rät ihm zu dem berühmten ‚Wiener Blut’ einer bekannten Wiener Agentur in der Blutgasse im 1.Bezirk! An einem Dienstag ruft Elias dort an; nach zweimaligem Läuten meldet sich eine jugendliche Stimme:

• Internationaler Vampir Party Service ‚Blutdurst’ – Gottlieb Bissinger am Apparat – Grüß Gott!

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• Das freut mich aber, Herr Hupka-Hürlimann, dass Sie durch eine Empfehlung auf uns gestoßen sind. Das zeigt, dass wir Vieles richtig machen und unsere Kunden zufrieden sind! Oder?

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• Darf ich fragen wo dieses Hanau in Deutschland liegt, von wo Sie anrufen?

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• Ah – bei Frankfurt am Main – ja das kennt man natürlich! Hanau ist mir allerdings vollkommen unbekannt. Aber macht ja nix – ist doch schön wenn’s sogar in Ortschaften wie Hanau Vampire gibt, das lässt hoffen?

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• Ja – Sie sehen, in Wien gibt es eben nicht nur Heurige und Kaffeehäuser, Herr Hupka-Hürlimann, sondern auch einen sehr gediegenen ‚Blutservice für Vampire’!

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• Aber bitte, Herr Hupka-Hürlimann, Sie sollten nicht vergessen, dass wir in Österreich eine Jahrhundert alte Vampirtradition haben.

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• Na, na, na, nix England – der erste dokumentierte Vampir kommt aus Istrien in Kroatien, das schon vor über 200 Jahren zur Österreichisch Ungarischen Monarchie gekommen ist – das ist Tatsache!

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• Ja lachen Sie nur – Spaß muss sein, Herr Hupka-Hürlimann! Ist ja leiwand, wenn man sich gleich so gut versteht, dass man lachen kann, das macht alles viel leichter, gell!

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• Natürlich ist Wien ein ausgezeichnetes Pflaster für Vampire! Wissen Sie, bei uns weiß man nicht nur ein gutes Schluckerl Wein zu schätzen, sondern immer öfter auch einen gschmackigen Lutscher Blut! Überhaupt wenn er vom richtigen Halserl kommt und den entsprechenden Abgang hat!

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• Nein, nein – da ist kein Mangel bei uns! Schauen Sie, wir haben jede Menge Rentner in Wien, ausreichend Sängerknaben und wirklich einen Haufen Lipizzaner! Und Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber die ganz jungen Lutscher, sozusagen die ‚blutjungen Zuzler’, üben sehr gern erst an einem letscherten Renterhals, bevor sie ihre richtige Gaudi mit den weißen Halserln der Sängerknaben und Sängermadln haben! Ja und für alle Tag schnappen sie sich schon einmal einen Lipizzaner – das ist einfach Fakt!!

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• Natürlich nicht während der Aufführungen der ‚Spanischen Hofreitschule’, Herr Hupka-Hürlimann, das ist doch klar! Aber danach in den Stallungen, wenn die Lipizzaner müde sind und sich kaum noch rühren können…

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• Nein, in unserm Servicedienst arbeiten nicht nur Vampire! Das tät’ die Gewerbeaufsicht gar nicht zulassen! Das ist doch bei uns alles streng geregelt, auch die Vampirquote! Vermutlich stammt diese Regelung sogar noch aus der Monarchie?

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• Sicher Herr Hupka-Hürlimann, Ordnung muss sein! Das geht gar nicht anders bei unserem heiklen Blutgeschäft. Was glauben Sie, wie viele so genannte ‚Gutmenschen’ ständig hinter uns her sind und uns ein Hackl ins Kreuz hauen wollen! Da können wir gar nicht genug aufpassen…

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• Genau! Und weil es halt diese Auflagen beim Personal gibt, Herr Hupka- Hürlimann, beschäftigen wir in unserem Partyservice nur in ganz begrenztem Umfang echte Vampire – alles andere wär’ auch viel zu teuer!

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• Auf keinen Fall – wo denken Sie hin! Bei unserem Partyservice ‚Blutdurst’ ist das so organisiert, dass 70% der Mitarbeiter so genannte N V P sind, also ‚Non Vampire People’ wie das amtlich heißt! Und von den restlichen 30% sind 20% H V P also ‚Hetero Vampire People’ das heißt, die sind mal so mal so, und nur 10%, Herr Hupka-Hürlimann, sind wirkliche P V P also ‚Pure Vampire People’! Sie sehen, die Quote ist wirklich gering!

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• Sie sagen es! Das wird in der Presse viel zu viel aufgebauscht! Ehrlich gesagt gibt’s keinen Vampirüberschuss bei uns und in der EU, sondern einen bedauernswerten Mangel! Ein paar mehr würden dem ganzen ‚Dradiwaberl’ mehr als gut tun, das können Sie mir glauben…

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• Richtig – Sie sehen das ja an uns! In unserem optimierten Service-Team ‚Blutdurst’ sind wir gerade einmal 6 Mitarbeiter!

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• Wie? Sie fragen, ob dann nur 6 Zehntel eines Mitarbeiters bei uns ein reiner Vampir ist?

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• Ja das ist vollkommen richtig, Herr Hupka-Hürlimann! Das haben Sie super schnell ausgerechnet! Gratulation!

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• Wie das geht, mit dem 6-Zehntel Mitarbeiter?

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. Das ist ganz einfach, das heißt, dass der Hubert, unser einziger Vampir, nur ab Mitternacht im Einsatz ist und akquiriert – so einfach ist das!

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• Ja gell, manchmal sind die Dinge einfacher als man denkt? Aber jetzt zu Ihrer Bestellung, Herr Hupka-Hürlimann! Was können wir für Sie tun?

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• Leiwand – das macht natürlich alles viel einfacher, wenn Sie sich schon auf unserer Homepage über sämtliche Produkte und Dienstleistungen informiert haben.

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• Selbstverständlich können Sie bei uns alles sofort telefonisch bestellen! Da machen wir überhaupt keine ‚Würschtl’!

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• Geben Sie mir doch durch was Sie benötigen, Herr Hupka-Hürlimann und ich tipp’ alles sofort in unseren Zentralrechner:

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• Ich versteh – Sie wollen 50 Liter Bio-Blut von der Blutgruppe A und 30 Liter Bio-Blut der Blutgruppe AB, aber keines mit der Blutgruppe B! Das wollen Ihre deutschen Gäste nicht! Interessant das zu hören, Herr Hupka-Hürlimann!

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• Ja da haben Sie Recht! Die Blutgruppe B schmeckt ein bisserl sperrig! Pelzig würden ihre Kenner in Hanau sagen! Und sagen Sie, legen Sie Wert auf einen bestimmten Rhesusfaktor?

• ……………………………………….

• Ist Ihnen egal! Das kann ich gut verstehen! Ja da haben Sie vollkommen Recht, vom Gschmackn her spielt der Rhesusfaktor wirklich eine untergeordnete Rolle; überhaupt wenn man einen Blut-Spritz serviert mit viel Eis! Da schmeckt man praktisch keinen Unterschied zwischen den Rhesusfaktoren: weder vom Bukett her noch beim Abgang!

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• Darf es noch etwas sein, Herr Hupka-Hürlimann?

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• Wie Sie wollen wissen, was das ‚Bio’ bei unseren Blutprodukten bedeutet?

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• Natürlich! Blut ist irgendwie immer Bio! Aber bei uns heißt das, dass es wirklich von reinster Qualität ist und eben noch diesen unverfälschten Blutgschmackn hat! Schließlich ist ja unser Haus zertifiziert, wenn Sie wissen was ich meine.

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• Nun – wie Sie ja aus unserem Lieferprospekt sicher gesehen haben, liefern wir auch Blutprodukte in ganz anderen Geschmacksrichtungen!

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• Jawohl! Das ist dann Blut, das wir uns vorwiegend von passionierten Heurigengängern holen und das ganz fein nach ‚Blauem Zweigelt’ oder ‚Grünem Veltliner’ schmeckt! Oder auch nach Riesling! Aber wirklich nur ganz zart! Ist halt was für echte Feinschmecker! Da muss man schon mit einem sehr feinen Züngerl gesegnet sein, Herr Hupka-Hürlimann! Übrigens momentan haben wir auch für die nicht ganz so ‚feine Zunge’ jede Menge Blut mit einem prima Wodka-Gschmackl! Sehr zu empfehlen, wenn man was Wuchtiges möcht’ – nicht so was Fusseliges!

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• Genau, Herr Hupka-Hürlimann, dieses Blut kommt täglich frisch aus der Ukraine, und ist von ganz exzellenter Qualität, da es direkt aus den aktuellen Kampfzonen eingeflogen wird!

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• Ja – probieren Sie es doch einmal – ist wirklich was ganz Leckeres und Extravagantes, ich bin sicher, ihre Partygäste werden jedes Schluckerl goutieren…

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• Also ich ergänze Ihre Bestellung somit um weitere 10 Liter AB mit an Wodka Gschmackl und 5 Liter AB mit an ‚Blauen Zweigelt – Körper’ Prima Herr Hupka-Hürlimann! Zu dieser ausgewogenen Bestellung kann ich Ihnen im Namen unseres Hauses nur herzlichst gratulieren! Wirklich!

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• Wie? Wer uns beliefert? Nun des wickeln wir alles über das sehr professionelle Drohnen-Service von Amazone ab! Das funktioniert eins A! Die liefern zuverlässig und pünktlich! Da gibt’s überhaupt keine Probleme!

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• Sie sagen es! Amazone kooperiert auch auf diesem Sektor ganz eng mit der NSA und weiß daher praktisch in Echtzeit wo und wann die neuesten Blutquellen sprudeln…

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• Ja das ist wirklich eine feine Sache! Anders kann man das nicht bezeichnen! Endlich einmal ein sinnvoller Einsatz moderner Technik! Sonst machen die doch eh nur lauter Blödsinn mit der Technik, oder?

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• Ja – also dann nochmals schönen Dank für ihren Auftrag, Herr Hupka-Hürlimann! Ich hoffe Sie beehren uns bald wieder! Und wie gesagt wir werden Sie diskret und prompt beliefern! Wie das dem Stil unseres Hauses entspricht!

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• Und Servus auch von Kolleg’ zu Kolleg’! Gell’ Du bist auch so ein richtiger Blutlutscher, wie ich?

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• Irgendwie hört man das gleich raus! Macht Dich sympathisch, auch wenn Du ein Piefke bist! Nix für ungut! Und Servus noch einmal…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 31. Juli 2014

Machtverlust – oder die verdrängte Auslöschung

Udo Liekysz, zweiter Mann der ‚Republik Transistien’, war überzeugt, dass nur er vom Volk und der Führung der Republik ausersehen war, die Nachfolge des ‚großen Führers Jordan Khon’ anzutreten. Doch dann wurde nach dessen Tod überraschend Sandor, der völlig unerfahrene zwanzigjährige Sohn des ‚großen Führers’, auf den Thron gehievt und Liekysz auf demütigende Weise während einer Vollversammlung der Partei verhaftet und eliminiert! Vor welchem Gremium Udo Liekysz die nachfolgende Rede – vermutlich seine letzte – gehalten hat, ist nicht dokumentiert!

„Sie alle haben mich darin gesehen! In diesem mythischen Kleidungsstück! Und wir alle erinnern uns, dass bereits die ersten Kinderlieder in den ‚Jordan Khon Schulen’ sich ausschließlich um dieses unvergleichliche Kleidungsstück drehten. Und mein Gott – wie wahnsinnig sehnten wir uns danach, wenigstens einmal im Leben – und sei es nur für ein paar lumpige Sekunden – auch in diese ‚überirdische Umhüllung’ schlüpfen zu dürfen! Davon träumen wir doch heute noch! Oder?

ZAa MaIMG_5131Natürlich wagt kein Erwachsener, dieses abwegige Verlangen laut auszusprechen: denn wir alle wissen, dass nur ihm – dem Unaussprechlichen – das Privileg zusteht, jede Nacht in einem neu angefertigten, unendlich zarten ‚blauen Seidenpyjama mit tausend Sternen und Planeten’ schlafen zu dürfen: nur er verdient diese höchste Auszeichnung bis ans Ende der Tage – sonst niemand im Sonnensystem!

Vielleicht können Sie sich jetzt vorstellen, was für ein unbeschreibliches Entsetzen mich befiel, als ich mich letzten Dienstag in der Morgendämmerung auf meinem Eisenbett aufrichtete, energisch die nicht vorhandene Bettdecke zurückwarf, meine Beine mühsam über die Bettkante schwenkte und plötzlich feststellen musste, dass mir während des Schlafes genau dieser ‚überirdische blaue Führerseidenpyjama’ abhanden gekommen war – dabei hatte ich die ganze Nacht nur davon geträumt?

Was war da los? Wer konnte das veranlasst haben? Plante jemand gar einen Umsturz?

Es kam noch schlimmer!

Denn ich – Udo Liekysz – der einzig ‚wahre Präsident der Republik Transistien’, steckte nicht nur nicht in dem heiligen ‚blauen Seidenpyjama der tausend Sterne und Planeten’, sondern in einem groben Leinenkittel, der hinten vom Hals ab komplett offen war.

Können Sie sich das vorstellen?

Ganz zu schweigen von dem kalten Eisenrahmen des Bettes, der in meine Oberschenkel drückte und die Blutzufuhr in die unanständig entblößten ‚Präsidentengesäßbacken’ abwürgte. Noch scheußlicher war der grellgelbe Urinfleck – da unten – auf dem Kittel! Mit dieser Deutlichkeit war der auf dem ‚blauen Seidenpyjama’ in der Nacht nicht zu sehen gewesen!

Das können Sie mir glauben! Meine herabhängenden weißen Beine übersät von Hungerödemen – wären auch niemals so unstaatsmännisch herumgependelt, wenn sie noch in den blauen Seidenhosen stecken würden. Das war unbestreitbar!

Reichlich unangenehm war auch die modrige Kälte auf meinem freiliegenden Rücken: Ja – ich Udo Liekysz – der ‚wahre Präsident der Republik Transistien’ – fröstelte sogar ein wenig! Da wurde eindeutig zuviel gespart; ein Versagen der zuständigen Behörde! Ein bisschen Wärme brauchte auch ein Präsident! Das musste auf alle Fälle umgehend in Ordnung gebracht werden! Sobald ich wieder in der Lage war, auf meinen verwelkten Beinen voran zu kommen, werde ich sofort die notwendigen Maßnahmen einleiten… Schließlich tat ich das nicht zum ersten Mal!

Unlängst war ich in einer ganz ähnlichen Situation gewesen! Und was meinen Sie wie schnell die zuständigen Behörden reagiert hatten? Das war selbst für mich überraschend gewesen: denn kaum hatte ich mich an diesem grimmig kalten Montagmorgen deutlich sichtbar auf dem ‚Platz der Republik’ aufgestellt, mich als der neue ‚Präsident der Republik Transistien, der wirklich dem Volk dient’ vorgestellt und mein ‚Neues Programm’ verkündet, als auch schon eine Hundertschaft begeisterter Landsleute in festlichen Uniformen munter schnatternd auf mich zueilte, mich umringte, mich begeistert empor hob – und fast etwas rüde mit sich fortriss! Aber bei dieser spontanen Begeisterung war das kein Wunder gewesen! Im Gegenteil, ich ließ die jubelnden Massen ohne Einschränkung gewähren… Für dieses einfache Volk war ja jede Faser meiner einfachen Kleidung eine kostbare Reliquie! Wer hätte das nicht verstanden?

Drum wollte ich auch kein Aufhebens machen, als ich schon nach kürzester Zeit nur mehr Hemd und Unterhose am Leib hatte und richtig zu frieren begann: denn ich sah doch den freudig erregten Menschen an, wie recht ich mit meinem Eingreifen gehabt hatte! Es war höchste Zeit gewesen, ‚Neues’ zu verkünden, wenn das Land nicht vollständig vor die Hunde gehen sollte!

Und was meinen Sie, in welch erschütterndem, heruntergekommenen Zustand selbst der Präsidentenpalast war? Sie können sich das nicht vorstellen? Die oft hinter vorgehaltener Hand gescholtenen Prunkräume des ‚Präsidenten der Republik Transistien’ bestanden in Wirklichkeit aus einer einzigen jämmerlichen Kammer mit Bett, Tisch, Stuhl und zwei Eimern: in einem konnte man sich waschen, in den anderen wurde hinein gekackt. Da beide stanken, war es gar nicht leicht, sich für den richtigen zu entscheiden!

Aber was sollte es – bei der Armut draußen im Land, war es nur recht und billig, dass auch der ‚Präsident der Republik’ sich in Bescheidenheit übte! Ich war natürlich zunächst von der Kargheit des Raumes überrascht, als man mich im Überschwang der Begeisterung, gepaart mit ein wenig Schalkhaftigkeit, schon von der Tür aus auf das harte Eisenbett geknallt hatte. Vielleicht war ich ja auch mit dem Kopf ein klein wenig gegen die Wand gekracht und kurz bewusstlos gewesen, denn als ich zu mir kam, waren alle meine Landsleute weg und ich ganz alleine…

Was ja auch in Ordnung war, schließlich mussten die sich um ihre Familien kümmern, das Leben war hart genug außerhalb des Präsidentenpalastes. Da hatte ich es viel besser! Ich war versorgt! Wenn auch auf eine sehr einfache Art! Ja – ich stand wirklich vor einer gigantischen Aufgabe in dieser ‚Neuen Republik Transistien’!

Nur um Ihnen ein Beispiel zu geben wie ungeschult alleine das Personal im Präsidentenpalast war: Als sich nach etlichen Tagen immer noch niemand um mich kümmerte, da man wohl auch drastische Personaleinsparungen angeordnet hatte, um das Land wieder auf Vordermann zu bringen, bekam ich doch langsam Hunger und fror auch wieder. Durch Klopfzeichen und Rufe konnte ich mich soweit bemerkbar machen, dass sich endlich ein Untergebener zeigte, dem ich meine Anweisungen erteilen konnte! Aber was soll ich Ihnen sagen, der Mann war nicht nur schlampig gekleidet und mürrisch – sondern gab mir statt einer Antwort – links und rechts eine schallende Ohrfeige! Und als ich mir verwundert die Backe rieb und fragte was das soll, gab er mir noch einen Tritt in den Hintern, dass ich in hohem Bogen auf mein Bett segelte.

Nun Sie werden mir sicher beipflichten, dass man in diesem Fall nicht gerade von ausreichend geschultem Personal sprechen konnte! Wenngleich ich schon auch erwähnen sollte, dass diese gezielte ‚Schnellmassage’ an Kopf und Hinterteil meinen Kreislauf prächtig in Schwung brachte und ich danach sogar eher schwitzte als fröstelte – ja das musste ich dem Mann zugestehen, das hatte er erreicht!

Aber natürlich ist noch jede Menge zu tun in der ‚Neuen Republik’, und ich habe deshalb auch überhaupt keine Zeit, noch länger hier zu referieren, sondern muss sofort meine Ministerriege zusammenrufen! Wissen Sie, die Entleerung der beiden Eimer in der Präsidentensuite darf unter keinen Umständen noch länger hinausgezögert werden! Vielleicht spüren Sie ja auch schon den beißenden Geruch?

Und die Wäscheklammer auf der Nase, kann und darf nicht zur Dauerlösung werden! Lasst uns endlich handeln! Ich, der ‚wahre Präsident der Republik Transistien’ ermächtige Euch dazu!“

KH

PS: Nach einer Idee von Detlef Knoll

Klaus Hnilica
Freitag, der 20. Juni 2014

Don Giovanni oder die Ausdehnung der Kampfzone

Carl und Gerlinde (XXXVI)

„Diese Musik ist überirdisch – einfach zum Niederknien!“ stammelte Gerlinde musikalisch durchglüht, während sie vorsichtig hinter Carl durch die Bankreihe zum Ausgang stakste, da ‚Don Giovanni’ Pause machte! Carl registrierte von allen Seiten nur Zustimmung zu Mozarts Musik und den hervorragenden gesanglichen Leistungen der Interpreten. Großartig! Fantastisch! Überwältigend!

Aufgelöst vor Begeisterung schwebte auch Hannelore im Foyer auf Gerlinde zu, umarmte sie überschwänglich und schmiegte sich an Carl, wie Don Giovanni an die zappelnde Zerlina!
Zdon giovanni img115Selbst der strohtrockene Kurt nickte zustimmend, wenngleich diese Inszenierung von Christof Loy natürlich nicht im Entferntesten an die wunderbar ausgestattete Aufführung bei den Salzburger Festspielen herankam: damals wurde auch dem Auge was geboten, sagte er bedeutungsvoll. Carl nickte zustimmend, verkniff sich aber das Eingeständnis, bei dem fürchterlichen Kuddelmuddel rund um die drei Frauen von Don Giovanni zwei Mal kurz eingenickt zu sein.

Doch jetzt strömte das Mozart begeisterte Opernvolk bestens gelaunt ins großzügige Pausenfoyer: zielgerichtet steuerte es die vorbestellten Tische an, auf denen sich reichlich Lachshäppchen, Quiche Lorraines und Salzbrezeln zwischen noch mehr Wein, Wasser, Bier und Sekt herumdrückten.

Carl wäre einiger Maßen zufrieden gewesen im Kreis seiner Freunde, wenn da nicht plötzlich an ‚Tisch Zwölf’ diese unbekannte Rothaarige gesessen wäre, die aufmüpfig der achtköpfigen Runde entgegenblickte. Ja, die nicht unattraktive stramme Mittvierzigerin hielt sogar noch ihren rechten Arm schützend über einen weiteren Stuhl, den sie sicherheitshalber schon einmal eng an sich herangezogen hatte.

„Entschuldigen Sie bitte, könnte es sein, dass Sie sich bezüglich dieses Tisches geirrt haben?“ fragte Carl mit gebremstem Charme, nachdem er und die Dame sich eine ganze Weile schweigend begutachtet hatten.

„Wie kommen Sie denn darauf?“ erwiderte die Unbekannte robust.

„Nun, weil unsere Runde diesen Tisch hier für die Pause reservieren ließ!“

„Was heißt hier ‚reservieren ließ’, von wo kommen Sie denn, wollen Sie mich etwa fortscheuchen wie ein ungezogenes Kind?“

„Na ja, Sie sehen doch, dass auf dem Tisch unsere Bestellungen liegen und er für uns eingedeckt ist?“

„Also Sie sind mir einer: ich sitze hier friedlich an einem freien Tisch, halte auch noch einen Stuhl für meinen Partner von der Presse frei und da kommen Sie und pöbeln mich an!“

„Ich pöble Sie nicht an, sondern verweise nur darauf, dass dieser Tisch für uns reserviert wurde und wir jetzt nicht alle sitzen können, da Sie zwei Plätze belegen. Und wie es scheint unberechtigt, da ich von Ihnen keinerlei Bestellung auf dem Tisch sehe!“

„Wer sind Sie denn, glauben Sie, nur weil ich eine Frau bin, können Sie mich derart angehen? Von wo kommen Sie denn?“ rief die Dame ein zweite Mal lauthals in die erstaunte Schar um Carl.

„Wenn Sie den Stuhl neben sich freigeben und mich hinsetzen lassen, erzähle ich Ihnen gern woher ich komme! Ist das ein faires Angebot?“

„Das ist doch unerhört! Sie werden ja immer unverschämter!“ Carl nickte zustimmend und sagte, „ja – drum setzte ich mich jetzt auch einfach auf den freien Stuhl neben Ihnen, da der eigentlich meiner ist…“

„Von wo kommen Sie denn? Das können sie nicht machen, dieser Stuhl hier muss für die Presse frei bleiben!“ „Aber da ist doch niemand von der Presse, oder bin ich blind?“Belustigt versuchte Carl sich auf den unbesetzten Stuhl fallen zu lassen…

„Nein! Nein! Nein – das können sie nicht machen – gehen Sie weg!“ rief die Dame nun schon in einer Tonlage, die jeder Sopranistin zur Ehre gereicht hätte.

„Natürlich kann ich das und Sie werden staunen wie flott das geht…“, erwiderte Carl grinsend und machte neuerlich Anstalten sich zu setzen.

„Das kommt gar nicht in Frage, dass Sie mir den Stuhl wegnehmen, der ist für meinen Partner von der Presse“ schrie die Frau gellend ins Foyer und lenkte so auch die Aufmerksamkeit der Nachbartische auf sich. Dabei zog sie den freien Stuhl ruckartig an sich und umarmte derart entschieden die Lehne, dass Carl ernsthaft befürchtete, sie würde ihren geheimnisvollen Pressepartner – falls er doch noch auftauchte – selbst noch während des verbleibenden kurzen Pausenrests auf dem Stuhl zu Tode quetschen!

Inzwischen hatte Hannelore den für die Reservierungen zuständigen Verantwortlichen geholt, der auch versuchte, der hartleibigen Dame klar zu machen, dass sie kein Anrecht auf die beiden Sitzplätze habe, da sie weder eine Reservierung vorzeigen könne, noch irgendetwas konsumiere. Nein – sie sitze richtig, behauptete die wackere Rothaarige aber dennoch unbeeindruckt weiter! Eine Dame an der Bar hätte sie ganz klar an diesen Tisch verwiesen. Außerdem sehe sie überhaupt nicht ein, warum sie von allen Seiten angefeindet werde, wenn sie in der Pause dieser wunderbaren Oper nur einen Augenblick sitzen und entspannen wolle! Für sie sei das ein unbeschreiblicher Vorgang, der ihr noch nie in ihrem Leben passiert sei…

Völlig unvermittelt tauchte plötzlich ein unscheinbarer Mann, mittleren Alters auf und gab der heftig argumentierenden Rothaarigen mit zornrotem Kopf, ein Zeichen:

„Ilse, was streitest Du denn schon wieder herum! Wir haben doch ‚Tisch acht’! Immer dasselbe, Du bist wirklich eine unmögliche Kuh!“ zischte der Mann. Leider ertönte in diesem Moment auch ein erstes Läuten, mit dem das nahe Ende der Pause signalisiert wurde! Carl bedauerte das, denn die überaus passende Charakterisierung der Dame kam dadurch nicht mehr richtig zur Geltung.

Ilse, hatte aber die klare Ansage verstanden, sie sprang auf und warf Carl einen tödlichen Blick zu: „Na, sind Sie jetzt zufrieden, dass Sie und ihre feine Bekanntschaft mich die gesamte Pause über mit ihren Pöbeleien an diesem unsäglichen Tisch festgenagelt haben? Unfassbar, sagen Sie von wo kommen Sie denn? Soviel Rücksichtslosigkeit gegenüber einer Frau hab ich noch nie erlebt! Entsetzlich welch ein Pöbel sich heutzutage selbst schon in der Oper herumtreibt!“ Mit den letzten Worten schubste sie die etwas außer sich geratene Gerlinde zur Seite und eilte zu ihrem zornigen Pressepartner, der sie gleich weiter beschimpfte…

Carl blieb dagegen kaum noch Zeit sein Bier auszutrinken! Doch gut gelaunt schaufelte er auch noch Gerlindes Lachshäppchen in sich hinein: denn dieser rabiate, rothaarige Alptraum gestaltete plötzlich auch für ihn den Opernabend zu einem höchst erquickenden Spektakel! Besser und deutlicher als sie, konnte selbst Mozart mit seiner liebestollen Donna Elvira und verstörten Donna Anna nicht zeigen, wie weitab von jeder Logik sich Frauen immer noch in der Welt herumtummelten! Eine Tatsache, die er, Carl, schon seit Jahr und Tag predigte, Gerlinde aber nie zugeben wollte! Auch jetzt schüttelte sie nur wortlos ihren Kopf und raste rundum verärgert mit Hannelore zu ihrem Sitzplatz. Hoffentlich war der noch frei und nicht auch schon von dem rothaarigen Monster okkupiert? Wenn ja – wär’ Carl mit Sicherheit im zweiten Akt nicht mehr eingenickt…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 9. Januar 2014

Der Tod des Magiers

Meine Damen und Herren, bevor ich endgültig abtauche, will ich Ihnen schnell noch die grandiose Geschichte meines Todes erzählen – und bitte haben Sie Verständnis, wenn ich mich kurz fasse, denn in wenigen Minuten wird Jasmine erscheinen und ich fände es mehr als unpassend, wenn sie mich bei Ihnen anträfe…  

XEthan Foto Am besten beginne ich mit einer anderen Todesphantasie! Nämlich der, als ich zum ersten Mal meine innig gehasste Ehefrau Abigail Hadley ganz real an die Wand unseres Kaminzimmers klatschen wollte!

   Und ich muss zugeben – selbst wenn das jetzt nicht unbedingt zu den vorzeigbaren Highlights meines Lebens gehört – dass ich mir bei dieser Vorstellung vom ersten Moment an nicht nur das ‚satte Aufklatschen’ ihres konturlosen Körpers herbeisehnte, sondern sehr schnell auch den sündhaft teueren Francis Bacon gegenüber dem Kamin abhängen ließ, weil sich komischer Weise parallel zu diesem ‚Aufklatschen’ in mir die Vision breit machte ,Abigail nicht nur auf der frisch angelegten weißen Wand kleben zu lassen, sondern sie sogar mit ein paar flinken Mumifizierungstricks und einem güldenen Rahmen gekonnt in eines dieser ausladenden Reliefporträts zu verwandeln, die neuerdings selbst von der Tate Gallery gezeigt werden…   

   Für mich und meine schalkhafte Jasmine wäre damit jedenfalls ein oft geträumter Traum in Erfüllung gegangen, wenn Abigail sich auf diese heroische Art –  einvernehmlich schweigend – hinter uns an die Wand drapiert hätte, während wir auf dem hellen Bärenfell vor dem Kamin die Champagnergläser auf ihr stummes Wohl leerten…

   Gott – was für ein herrlicher, kleiner Spaß wäre das für meine lebenslustige Jasmine gewesen! Doch leider kam es ja dann nicht mehr dazu! Denn dieserunbeschwerte Engel Jasmine, der vor Lebensfreude und Vitalität nur so sprühte, fiel am 21. November – ich werde diesen Tag nie vergessen – um zwölf Uhr Mittag völlig unerwartet in ein schweres Koma!

   Und keiner unserer viel gepriesenen Londoner Ärzte hatte auch nur die geringste Ahnung, wie es dazu kommen konnte! Der gesamten versammelten Ärzteschaft des berühmten ‚Royal Brompton Hospital’ fiel zu diesem entsetzlichen Vorgang nichts anderes ein, als verlegen die Köpfe zu schütteln – und sich zu schnäuzen!

   Und können Sie sich vorstellen, was das heißt, wenn diese geballte Hilflosigkeit ausgerechnet über einen wie mich hereinbricht? Über Sir Ethan Hadley, den größten Magier Englands, der auf allen Show-Bühnen der Welt zuhause und monetär so ausgestattet ist , dass er diesen armseligen Ärztehaufen jederzeit aufkaufen und verrotten lassen konnte? Oder noch besser: der während seiner magischen Auftritte, jeden Einzelnen dieser unfähigen Dottores, in beliebig kleine ‚antiseptisch präparierte Häppchen’ zersägen hätte können, ohne dass ihm daraus auch nur die geringsten Schwierigkeiten erwachsen wären?  

   Aber selbst diese, zugegebenermaßen bösen Phantasien, waren letztlich nur  Ausdruck meiner absoluten Hilflosigkeit gegenüber dieser bodenlosen Stümperhaftigkeit der Londoner Ärzteschaft!

   Vielleicht war das auch der Grund gewesen, dass ich damals so übertrieben ausrastete, und den mir am nächsten stehenden Arzt spontan anbrüllte und ihm eine schallende Ohrfeige verpasste! Ohne ein weiteres Wort stürmte ich danach Hals über Kopf aus dieser verdammten Klinik, tobte  mehrere Tage wehklagend durch sämtliche Räumlichkeiten meines riesigen Anwesens in Esher, schwor gnadenlose Rache, kroch in jedes mir zugängliche Mauseloch, fiel völlig entkräftet im Heizungskeller schließlich auf einen Haufen ölgetränkter Putzlappen und wollte nur noch sterben…

   Und wenn Bob, unser caretaker, mich damals nicht zufällig entdeckt hätte, da ich mich in dem Ölgestank der Putzlappen mehrfach übergab, wär ich bestimmt ohne jegliches Aufsehen verreckt. Noch unangenehmer wär es allerdings gewesen, wenn Bradley, unser Butler, mich damals vor Bob gefunden hätte! Der hätte mich da wirklich sehr einfach erledigen und entsorgen können. Für Geld tat der wohl alles! Was ich damals allerdings zugegebener Maßen noch nicht wusste…

   Seltsam war nur, dass von dem Augenblick an, als Jasmine aus unser aller Gesichtsfeld verschwand, meine gesamte hinterhältige Mischpoche plötzlich rührend um mich besorgt war! Selbst meine ewig geifernde Abigail, war nicht  wieder zu erkennen: unerwartet zärtlich umsorgte und verwöhnte sie mich Tag und Nacht. Und ich muss zugeben, mir tat das gut, ich genoss diese lange vermissten Wohltaten mehr als mir lieb war.

   Natürlich tauchte im Gefolge von Abigail auch sofort meine Agentin Florence Bloomfield auf und versuchte durch jede Menge Termine mich abzulenken und zu stabilisieren! Ja ich hatte sogar die allergrößte Mühe, sie davon abzuhalten, sofort eine neue Welttournée mit mir zu starten! Um sie zu beruhigen, gab ich ihr zu verstehen, dass dafür gar keine Zeit war, da ich sie dringendst für eine sehr persönliche Aufgabe benötigte!

   Und ich erwartete von ihr – dies jetzt nur für Sie – dass sie dabei ähnlich verlässlich und verschwiegen war wie Freya, das schwarze Schaf der glorreichen Familie Nelson! Während sich nämlich die vornehmen Nelsons mit großem Stolz von Admiral Nelson herleiteten, definierte sich Abigails jüngeres Schwesterchen Freya eher über ‚Lack und Leder’ und ging in ihrem Atelier – wie sie es nannte – sehr kreativ und erfolgreich auf die abwegigsten Phantasien der Londoner High Society ein! Ja ich gebe zu – mir nötigte sie auch allergrößten Respekt ab! Ich schätzte ihre immense Professionalität, ihre versteckte Zuwendung mir gegenüber sowie das stumme Verstehen, wenn sie mich mit harter Peitsche und  bellenden Befehlen entspannte – Details möchte ich Ihnen ersparen!

   Erwartungsgemäß reagierte Florence ähnlich professionell, als ich sie anwies in meinem Namen die Stiftung ‚Ärzte für Hirne’ ins Leben zu rufen, um auf diese Weise ein Maximum an Einfluss auf Jasmines Genesung nehmen zu können.

   Florence war natürlich bei den ersten Gesprächen mit Professor Gordon, einem ausgewiesenen Experten für Komapatienten, dabei. Er hatte schon die aussichtslosesten Fälle erfolgreich zurückgeholt, mich dann aber in vertraulichem Gespräch mit einer Mitteilung konfrontiert, die einen neuerlichen Schockzustand bei mir hervorrief.

   Ich scheue mich auch nicht zuzugeben, dass ich ohne Freya und ihre ‚despotische Fürsorge’ – so nenne ich das einmal – diesen neuerlichen Nackenschlag des Schicksals niemals verkraftet hätte und schon gar nicht Professor Gordons Diagnose!

   „… wir müssen davon ausgehen“, sagte er, „dass Ihrer Bekannten, Jasmine Moore, Gift injiziert wurde! Auch wenn für Sie das jetzt schwer zu ertragen ist, muss ich Ihnen mitteilen, dass sie allem Anschein nach gezielt getötet werden sollte, aber die Dosierung nicht richtig bemessen wurde“.

   „Oh Gott“, stöhnte ich, „wer sollte das denn gewollt haben, das ist doch völlig absurd?“

   „Ich weiß es nicht, Mister Hadley, aber ich bin mir ganz sicher, dass es sich bei dem injizierten Gift um die gleiche Substanz handelt, die Indios im Amazonas noch heute als Pfeilgift verwenden“!

   „Bitte sagen Sie das nicht, Herr Professor Gordon“, flehte ich, „bitte nicht…“! Denn ich wusste sofort, was das bedeutete: hatte doch Abigails Bruder als Anthropologe, viele Jahre im Amazonas gearbeitet und geforscht.

   Und als ich zu allem Überdruss dann noch entdeckte, dass meine Agentin Florence Bloomfield mich bei der Einrichtung der medizinischen Stiftung ‚Ärzte für Hirne’ wieder um ein paar Milliönchen betrügen wollte, war es natürlich Freya, die mich professionell mit Gesichtsmaske und Peitsche für meine tumbe Vertrauensseligkeit wohltuend bestrafte – das muss ich, da heute wohl der Tag der Offenbarungen ist – ganz ehrlich eingestehen!

   Dies umso mehr als sich die Situation durch den zwar erfreulichen, aber höchst verhängnisvollen Anruf von Professor Gordon zusätzlich verschärft hat! Seit er mir nämlich telefonisch übermittelt hatte, dass meine innig geliebte Jasmine Moore nach drei Jahren endlich aus dem Koma aufgewacht sei, gehörte auch Freya plötzlich zu den Personen, vor denen ich Angst habe musste – selbst heute Abend!

   Im Nachhinein versichere ich Ihnen aber auch, dass ich nie wieder auf mein eigenes Begräbnis gehen werde: denn wie mein Engel Jasmine, damals unmittelbar nach ihrem Aufwachen bei meinem Begräbnis litt – können Sie sich gar nicht vorstellen. Ich konnte es mir übrigens ebenso wenig vorstellen! Und schon gar nicht mit ansehen! Darum verließ ich damals noch während meiner eigenen Einsegnungszeremonie die Trauergemeinde. Natürlich ein unmöglicher Vorgang! Wie übrigens alles bei diesem verlogenen Begräbniszeremoniell, bei dem ich mit perfekter Gesichtsmaske als Butler Bradley, unter den Trauergästen weilte, während Bradley selbst still im eingesegneten Sarg vor sich hindämmerte…

   Gott – was hatte der für ein Theater gemacht, als ich, der tot Geglaubte, mit Bobs Hilfe knapp vor der Einsegnung unversehrt dem Sarg entstieg und den übertölpelten ‚Scheinkiller’ Bradley aufforderte, sich an meiner statt in die Kiste zu legen und ihm zur Erleichterung der kommenden Stunden einen gehaltvollen Spezialtrunk anbot. Gut, ich will das jetzt nicht allzu sehr auswalzen, aber so tapfer, wie seinerzeit dieser Sokrates, leerte  Bradley seinen ‚Schierlingsbecher’ nicht, das können Sie mir glauben! Ja er bettelte sogar ekelhaft weibisch um sein mieses, kleines Leben! Heulte sich die Augen aus dem Kopf und gab ohne Aufforderung meinerseits alle Namen derer Preis, die ihn für ein erkleckliches Sümmchen beauftragt hatten, mich zu eliminieren – und das waren praktisch alle, die ich Ihnen heute Abend genannt habe, außer meiner geliebten Jasmine natürlich, die aber wohl den Verstand verlieren wird, wenn sie erfährt, dass ich noch lebe!

   Freya natürlich auch nicht, aber die hasst mich plötzlich; seit ich ihr zu verstehen gegeben habe, dass ich ab sofort nur mehr für Jasmine da sein werde! Und da ich ja weiß, was Freya mit mir anstellen kann und ich mich ihr gegenüber praktisch kaum zu wehren vermag, möchte ich mich auf schnellstem Weg, möglichst noch heute Abend, mit meiner geliebten Jasmine, irgendwo außerhalb Englands verstecken – aber wo? 

   Jedenfalls muss es dort unbedingt immer warm sein und makrobiotisches Essen geben. Außerdem hasst Jasmine jede Art von Getier, insbesondere Kakerlaken und Stechmücken! Und ich will schriftlich verbrieft haben, dass mir dort auf keinen Fall dieser komische Deutsche Boris Becker mit seiner Lilly über den Weg läuft, das ginge nämlich gar nicht!

   Jetzt  muss ich mich aber wirklich schleunigst verdrücken, Jasmine kann jeden Moment  auftauchen, ihr hysterisches Geschrei, möchte ich Ihnen echt nicht zumuten! Ihnen allen noch einen schönen Abend! Den einen oder anderen von Ihnen werde ich bestimmt wieder bei Freya treffen – doch geben Sie sich nicht der Illusion hin, dass Sie mich dort entdecken werden! Meine Gesichtsmasken und Ganzkörpermieder sind inzwischen mehr als perfekt; nicht einmal Freya wird wissen, ob der berühmte Magier Sir Ethan Hadley ihr noch die Ehre erweist…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 31. Oktober 2013

Nordlicht über der Kinzig…

„Gibt es dieses ‚Nordlicht’ wirklich oder nur beim Komasaufen?“ fragte Maria bewusst dümmlich in die schnatternde Runde im „Artemis Palace“ in der Gelnhäuser Straße, wo die schwitzende Stammtisch-Clique bereits gefühlte hundert Jahre auf ihr Gyros wartete…

Quarkteilchen_if_blog„Wie kommst du denn darauf – bei dieser Affenhitze?“ stöhnte Gerald neben ihr, mit einem kaum merkbaren Zucken um seine tropfnasse Oberlippe.

„Ja hat nicht gerade jemand am Tisch übers Nordlicht gelabert?“ wunderte sich Maria. Irritiert schwenkte sie ihre schwarze Haarpracht ins tosende Stimmengewirr.

„Nee“ blökte Gerald, während er ausgelaugt seine Stirne trocknete und das zweite Glas Bier killte, „ich hab nichts Nordlichtmäßiges gehört?“

„Hey – herhören, wer hat gerade ‚Nordlicht’ intoniert?“ trompetete Maria schrill in die wabernde Runde.

„Ich“, rief Kurt hinten von der Tischecke, „ich hab der Martha – quasi zur Abkühlung – von unserer letzten Kreuzfahrt zum Nordkap erzählt und von den irren Nordlichtern, die wir jeden Abend gucken mussten – echt der Wahnsinn!“

„Na siehst du – doch Nordlicht! Ich bin ja nicht taub! Aber du, Gerald, solltest dir vielleicht statt Biersaufen einmal deine Löffelchen durchpusten lassen, was hältst du davon?“

„Haha – sehr witzig“ nuschelte Gerald, trocknete sorgfältig sein verschwitztes Gesicht mit zwei Papiertaschentüchern und orderte gleich das dritte Bier da er schon einmal am Reden war …

„Und Kurt…weißt du jetzt wie so ein ‚Nordlicht’ entsteht?“ fragte Maria angriffslustig.

„Ja … oder vielmehr, nein!“, sagte der braungebrannte hoch aufgeschossene Kurt und verzog bedauernd sein feucht glänzendes Gesicht.

„Unser Reiseführer hatte es zwar dreimal am Tag erklärt, aber ich hab’s vergessen und auch nie richtig kapiert, wenn ich ehrlich bin. Auf jeden Fall hat es irgendetwas mit dem Erdmagnetfeld zu tun.“

„Und? Ist das alles?“ hakte Maria keck nach.

„Ja – mehr weiß ich nicht mehr, Frau Oberlehrerin…“

„Das ist ja weniger als Nichts, Herr Kurt… Wie war grad ihr Name?“

„Kannengießer“!

„Setzen – gibt eine Sechs, Herr Kannengießer!“

„Ich sitz ja schon“, lachte Kurt und wandte sich wieder seiner bunt bemalten Nordkap – Martha zu.

„Und – du Johannes, weißt du vielleicht wie dieses ominöse ‚Nordlicht’ zustande kommt?“ fragte Maria, nagend wie sie nun einmal war, plötzlich ihr Gegenüber, nachdem sie Johannes vorher kurz fixiert hatte.

Sie streifte dabei aufreizend eine ihrer schwarzen Haarsträhne hinter ihr abstehendes rechte Ohr und genoss die Verlegenheit, in die sie den ‚stillen Töpfer’, wie sie den Industriekeramiker spöttisch nannte, mit ihrer überraschenden Frage brachte.

Johannes war tatsächlich sehr schweigsam! Und unauffällig!

Die schütteren, schmutzig blonden Haare, kurz geschnitten, taten ein Übriges, wobei das großflächige Gesicht stark gewann, wenn er sein verschmitztes Grinsen aufsetzte.

Er war dreißig, Junggeselle und schaffte es trotz seiner zurückhaltenden Art bei jeder Stammtischrunde am dritten Freitag im Monat, Maria gegenüber zu sitzen; grad so als wollte er sicher stellen, dass wirklich alle ihre boshaften Giftpfeile wie beim heiligen Sebastian, ausschließlich in seinem Körper landeten und niemand anderen verletzten.

Vielleicht war das auch der entscheidende Grund, warum er immer noch in dieser Runde saß, seit ihn Kurt vor acht Monaten mitgebracht hatte: denn von der Firma Heraeus in Hanau war er zu einem zweijährigen Forschungsprogramm im Bereich Industriekeramik geholt worden und war ganz neu in Rodenbach.

Und die Gluthitze des Sommers kam ihm wohl gerade zupass: wie sonst war bei all seiner Zurückhaltung zu erklären, dass er ständig gute Laune hatte und immer öfter die Getränkerechnung für alle übernahm; auch für die ‚giftige Maria’, wie er feixend anmerkte, ihr aber damit nur ein nachsichtiges Lächeln abrang, bei dem sie gerade mal den linken Mundwinkel nach unten zog.

Maria hatte mit der brütenden Hitze im „Artemis Palace“ auch kein Problem: als sie ihr Gyros ohne großflächigen Schweißausbruch in sich hineingearbeitet hatte, posaunte sie sofort wieder zwei Mal hintereinander die ‚Nordlicht – Frage’ in Richtung Johannes und das total verblasste, grauenhafte Wandgemälde der Akropolis hinter ihm!

Da Johannes aber noch immer an einem größeren Tintenfischlappen herumkaute, sagte er nur „so, tu ich das“? als Maria spöttisch meinte, dass er doch sonst immer so klugscheißerisch daherkomme.

„Ja das tust du“, warf Maria schneidend ein; die andern horchten für einen Moment auf.

„Tu ich das wirklich?“

„Ja schon manchmal…“ schallte es von allen Seiten.

„Oh – das tut mir aber Leid“, sagte Johannes mit einem leicht rötlichen Farbton im Gesicht: „als Besserwisser wollte ich nämlich nie gelten, wenn ich mich recht entsinne – trotzdem Prost allerseits!“ Er hob sein Glas, prostete vergnügt allen zu und schluckte den restlichen Amthystos – eine Art griechischer ‚Grüner Veltliner’ – in einem Zug weg.

„Prima, dass wir das geklärt hätten – aber jetzt  wieder zum ‚Nordlicht’, lieber Johannes, so schnell kommst du mir nicht davon, gell!“ sagt Maria nach einer winzigen Pause freundlich, aber doch so, dass Johannes wusste, was er zu tun hatte.

Denn obwohl ihm der Anblick des orange funkelnden Longdrinks, an dem Maria ununterbrochen wie ein indisches Rüsselschwein herumsaugte, bis in die Gedärme weh tat, sagte er tapfer, „gut ich will es versuchen! Aber vorher müssen ein paar Grundlagen abgeklärt werden, sonst wird das nichts! Einverstanden?“

„Wenn’s sein muss?“ grunzte Maria.

„Also, Maria, weißt du was ‚ionisierte Teilchen’ sind?“

„Du meinst jetzt aber mit ‚Teilchen’ nicht die oberst leckeren Quarkteilchen, vom Bäcker Briegel oder die noch geileren mit Butterstreusel, die ich so gern in mich hinein spachtle? Die sind nämlich alles andere als ‚ionisiert’, lieber Johannes…“

„Johannes – du Saukerl, ist dieses ‚Ionisieren’ was Schweinisches?“, blaffte Kurt von seiner Tischecke dazwischen.

„Oder was geil Antikes?“ kicherte seine buntige Nordkap – Martha.

„Oder meinst du mit Teilchen nur eines dieser langweiligen ‚Atome’, die jeder nachhaltig denkende Deutsche neuerdings gefälligst zu meiden hat?“ fragte Maria plötzlich überraschend ernst und nippte zur Betonung ihrer spontan aufgesetzten Seriosität auch gekonnt damenhaft an ihrem ‚orangefarbenen Gülleextrakt’.

„Guck mal da“, spottete Hermine, neben ihrer Freundin Maria, „unsere Nervensäge macht jetzt einen auf Naturwissenschaft, das ist ja ganz was Neues!“

„Sag wenn ich das richtig checke, Johannes, meinst du doch mit ‚Ionisieren’, dass aus dem Atom ein Elektron rausgedonnert wird und das Restatom sich affengeil in ein ‚positives Ion’ umwandelt, oder?“ fragte Maria in die eingetretene Stille und lümmelte sich aufreizend jetzt mit beiden Ellbogen auf den Tisch.

Johannes, leicht verstört von Marias wetterleuchtenartig aufblitzenden Physikkenntnissen, schloss seinen offen stehenden Mund und gackerte in Richtung Maria, „ja – das – mein ich, Maria! Ge – ge – nau das mein ich…!“

„Und meinst du auch, dass bei dieser ‚Ionisation’, die anderen Elektronen dieses aufgegeilten Atoms auf höhere Energieniveaus geschubst werden und echt einen bunten Lichterwahnsinn erzeugen, wenn sie wieder auf die niedrigeren Niveaus zurückpurzeln?“

Johannes nickte nur stumm, da sich sein Mund, bei soviel physikalischem Sachverstand, wieder von selbst aufgeklappt hatte…

„Wie und das soll dieses ‚überirdische Nordlicht’ sein? Das ist doch nicht dein Ernst, Johannes – oder hast du’s grad verschluckt, weil du deinen Rachen nicht mehr zukriegst?“ kicherte Maria sichtlich zufrieden über die Reaktion auf ihr voll abgefahrenes Physikreferat; schließlich hatte sie erst vor ein paar Wochen ein supergeiles Abitur hingelegt…

„Nein Maria, das ist natürlich noch kein Nordlicht“, antwortete Johannes leicht angesäuert, aber auch beeindruckt, ohne Maria aus den Augen zu lassen und jetzt doch mit einigen Schweißperlen auf der Stirn, „das hängt nämlich von den Umständen ab, wo und wie diese ‚Ionisierung der Atome’ passiert!“

„Von welchen Umständen denn, los erzähl, du Schlauberger?“ drängte Maria.

„Na ja vom Erdmagnetismus am Nordpol, zum Beispiel …“

„Hey – warum das denn?“

„Weil am Nordpol die Erdmagnetlinien direkt senkrecht ins Meer gehen…“

„Oder ins Eis“, warf Maria ein, „was dann doppelt cool ist, oder?“

„Ja – so könnte man sagen, deswegen sieht man ja bei uns über der Kinzig zum Beispiel ums Verrecken kein Nordlicht, weil die Erdmagnetlinien nicht senkrecht in die Kinzig stürzen sondern flach drüber liegen, wenn du weißt was ich meine…“

„Meinst du flach liegen…oder flach legen, Johannes? Da ist nämlich ein feiner Unterschied, wie du vielleicht auch wissen könntest…“

„Ich wusste es doch, dass dieses ‚Ionisieren’ eine Sauerei ist!“ plärrte Kurt ins allgemeine Gegröle.

„Aber abgesehen von diesen angeblich flach liegenden Erdmagnetlinien über der Kinzig…“, bohrte Maria weiter „von welchen ‚anderen geilen Umständen’ hängt denn das Nordlicht noch ab? Mach’s doch nicht so unnütz spannend, Johannes!“

„Vom Sonnenzyklus… liebe Maria – und dieser komischen Elf-Jahres-Periode“!

„Sag bloß, dass die Scheiß-Sonne, die uns so schwitzen lässt, auch eine Periode hat? Das ist ja echt abgefahren, oder?“ kreischte Maria, zog endlich wenigstens einen ihrer Ellbogen vom Tisch und strich eine weitere feuchte Haarsträhne so nach hinten, dass Johannes für einen Moment ihre schweißglänzenden unbehaarten Achselhöhlen sah…

„Jetzt wird’s aber unappetitlich, gell, Maria“ ging Hermine dazwischen, während der Rest der Rund, völlig ermattet, Maria nur noch schweigend zuprosten konnte…

Johannes lächelte auch nicht mehr, er hatte endgültig die Lust an der ‚Entstehung des Nordlichtes’ und seiner ‚wissenschaftlichen Erklärung’ verloren.

Und da auch alle anderen, nicht nur vom ‚Griechischen Essen’ und der ‚Griechischen Hitze’ im Lokal genug hatten, sondern auch von Marias nagendem Nordlichtverhör, blies Kurt spontan zum Aufbruch und bereitete damit auf eine eher uncoole Weise dem Nordlichtspuk ein überraschendes Ende.

Sogar Maria hielt den Mund, während sie reihum alle umarmte und ihren Schweiß austauschte…

Aber als nach endlosen Wochen, an einem Dienstag im November, an dem Maria zufällig ihren einundzwanzigsten Geburtstag feierte, um achtzehn Uhr, in ihrer Wohngemeinschaft im Alten Dorf, in der sie mit einigen anderen hauste seit sie in Frankfurt studierte, ihr iPhone dröhnte und Johannes dran war, war sie schon arg erstaunt

Und noch verblüffter war sie, als Johannes meinte, dass er sich entschuldigen wolle, weil er damals im August wegen der subtropischen äußeren Umstände mit seiner Erklärung des Nordlichtes nicht zu Ende gekommen war und sich anschließend nicht mehr blicken lassen hatte.

„Drum“ – sagte er – nachdem er mehrfach tief Luft holte, möchte er heute an ihrem Geburtstag, rein zufällig und natürlich nur, wenn sie nichts Besseres vor hätte, ihr zwar das Nordlicht auch nicht erklären, aber ihr wenigstens die Chance bieten, es richtig cool anschauen zu können… wenn sie möchte?

„Was anschauen?“

„Das Nordlicht!“

„Wo denn?“

„Wo – wo – wo, frag doch nicht so viel, Maria …“

„Aber ich will wissen wo?“

„Na – wo schon, über der Kinzig natürlich, ist doch klaro, oder?“

„Du hast ja echt einen Sprung in der Schüssel!“

„Nein Maria, das sieht man wirklich heute!“

„Du vielleicht, weil du besoffen bist, wie es scheint, oder?“

„Nee – du auch Maria und sogar dann, wenn du nur wieder ununterbrochen deine komische ‚Orangengülle’ schlapperst …“

„Aber du hast doch selbst gesagt, dass es über der Kinzig kein Nordlicht geben kann, wegen diesem flachliegenden Erdmagnetfeld“

„Ja das war gestern, Maria, aber heute gibt es eines…“

„Mir scheint jetzt willst du mich flachlegen, du Scherzbold, oder?“

„Nein, will ich nicht – also möcht ich schon – wenn du weißt was ich meine, aber nicht heute!“

„Wann denn dann?“

„Weiß ich nicht Maria, aber heute möchte ich dir das Nordlicht zeigen – wirklich…“

„Also ganz wirklich nur das Nordlicht, Johannes?“

„Ja so wirklich wie es wirklicher nicht geht…“

„Cool – dann vertraue ich dir halt, Johannes und komme – oder holst du mich ab, ich weiß ja gar nicht wo ich hin soll?“

„Natürlich, ich steh doch schon vor deinem Haustor…

„Dann komm doch hoch!“

„Ja wenn ich darf?“

„Klaro du Blödmann…!“

Und unabhängig davon, welch krachender Unsinn dann im ‚Rodenbacher Boten’“ und im ‚Hanauer Anzeiger’ stand, über dieses angebliche Laserspektakel an der Kinzig im Vogelschutzgebiet bei Erlensee – das gerade nur solange gedauert haben soll, dass deren dreiste Verursacher, die sich weder um die verärgerte Bevölkerung noch aufgeschreckte Tiere scherten, selbst nach Wochen noch nicht ausfindig gemacht werden konnten – wollte Maria nach diesem Dienstag absolut nicht mehr über ‚Nordlichter’ reden und auch nichts mehr darüber hören. Aber bestimmt nicht deswegen, weil ihr die aufgeschreckten Vögel leid getan hätten…

Und bei den darauf folgenden Stammtischtreffen im „Artemis Palace“ saß sie auch nie mehr Johannes gegenüber, sondern giftete neben ihm in die Runde, während er wie früher still in sich hineinschmunzelte und selbst noch aus dieser abwehrtechnisch ungünstigen Position, den einen oder anderen ihrer Giftpfeile einzufangen versuchte.

Die Hände der beiden blieben während dieser Treffs, komischer Weise weitgehend unsichtbar! Praktisch geisterten sie nur mehr beim Trinken und während des Verzehrs des Gyros, beziehungsweise der üblichen Tintenfischlappen über den Tisch – und natürlich, wenn Johannes die Rechnung für sich und Maria bezahlte.

Und als Kurt Kannengießer einmal keck die Frage in den Raum donnerte, ob sie denn beide keine Unterarme mehr hätten, da man die überhaupt nicht mehr sähe, grad so als wären sie amputiert worden, grinsten Johannes und Maria sich nur gegenseitig an und dann in die Runde – ohne auch nur ein winziges Bisschen rot anzulaufen…

Echt cool!

KH

PS:
Diese Geschichte ist aus dem neuen Buch „LichterWahnSinn“ der Autorengruppe Wortspieler; das Foto ist von Ralf Weingärtner