Klaus Hnilica
Montag, der 4. Mai 2015

Supermodel

Carl und Gerlinde (XLIII)

„Da habt ihr ja in euerer ‚Superfirma TRIGA’ echt wieder einmal alles verschlafen, was man nur verschlafen kann“, feixte Gerlinde.

ZZZYimg180Sie grinste spöttisch und nippte kräftig an ihrem abendlichen Schoppen Riesling.

„Was denn….“? fragte Carl gedankenverloren, während er sorgfältig immer weitere Schichten seiner heiß geliebten Zungenblutwurst auf eine Baguettescheibe türmte, obwohl der Wurstberg bereits bedrohlich schwankte… Endlich biss er zu! Heulte kurz auf! Und fiel von einer Sekunde auf die andere in eine Art vorgezogene Totenstarre…

„Mist“, stöhnte er, fasste sich mit der rechten Hand ans Kinn und stierte mit aufgerissenen Augen Gerlinde an.

„Was ist?“ fragte Gerlinde erschrocken, ihr Glas immer noch an den Lippen.

„Gerade hat sich wieder eine meiner tausendjährigen Amalgamfüllungen verabschiedet“!

„Oh je – das passt ja! Wo du doch morgen schon in aller Herrgottsfrüh nach München musst?“ sagte Gerlinde und schlürfte hastig den letzten Tropfen ihres Rieslings weg.
„Jedenfalls hab ich jetzt einen Krater wie nach einem Meteoriteneinschlag in meinem Mund…“

„Wo denn?“

„Hinten!“

„Wo hinten?“

„Unten!“
„Wo unten?“

„Rechts!“

„Tut’s weh?“

„Nein – da ist längst alles tot“, grunzte Carl und ließ seine Zungenspitze wie eine Erkundungsdrohne um die frisch aufgeworfene Kraterregion kreisen.
„Die Plombe hab ich offensichtlich zerbissen und geschluckt!“

„Na bravo – Amalgam im Magen!“

„Vermutlich! Aber sicher nicht lange“, fügte Carl nach einer kurzen Pause überraschend munter hinzu und machte sich genüsslich über den erschrockenen Rest seiner Zungenblutwurst her! Anschließend flutete er mit Riesling und zwei Obstlern die neue Kraterhöhle und fragte Gerlinde noch einmal, was nach ihrer Meinung bei TRIGA verschlafen worden war?

„Ja hast du denn echt nicht diese verlockende Marktnische bemerkt, die sich vor zwei Tagen ähnlich plötzlich wie jetzt deine Zahnlücke für alle Unterwäschefirmen aufgetan hat?“

„Welche Marktnische?“ fragte Carl zögerlich und ließ schnell noch einen dritten Obstler im Krater verschwinden.

„Mensch – das riesige Loch in Peps hautengem Anzugshöschen“!

„Meinst du Guardiolas Missgeschick beim letzten Bayernspiel gegen den FC Porto?“

„Also wenn das ein Missgeschick war, dann will ich ab sofort Trinchen heißen und mich hier rein stechen lassen“, höhnte Gerlinde und deutete auf ihr appetitliches Hälschen.

„Und wo verbirgt sich deiner Meinung nach die Marktnische bei diesem Armani–Anzugshosenriss?“ fragte Carl gurgelnd, da wohl ein Rest des Obstbrandes aus der Riesenzahnhöhle tsunamiartig zurück in seinen Rachen geschwappt war…

„Nun – stell dir doch einmal vor“, dozierte Gerlinde, „dieses freudlose Stück schwarze Unterhose, das der gute Pep Guardiola damals einem völlig überraschten Millionen Publikum feil geboten hat, wäre ein nicht ganz so freudloses Unterhöschen euerer Firma TRIGA gewesen?“

„Und?“ fragte Carl, immer noch etwas neben der Kappe.

„Oh Gott – erkennst du denn tatsächlich nicht, dass diese unscheinbare dunkle Unterhose des ‚heißen Herrn Guardiola’ genau so gut ein schickes ‚Net-Höschen’ von TRIGA in grellem ‚Bayernrot’ hätte sein können?“

„Du meinst, der gute Pep hätte in diesem einmaligen Glücksmoment für die Unterwäscheindustrie auch in einem unserer sportlich roten ‚Männer Net-Bodies’ von TRIGA stecken können?“

„Ja das mein ich! Schön das du endlich aufwachst!“

„Weiberphantasien…“, meckerte Carl.

„Möglich, aber ich schwör dir“, eiferte Gerlinde, „dass der im ‚Bayernroten Net-Höschen steckende Pep’ nach diesem Supersieg über Porto nicht mehr von der Titelseite der „Bild“ zu verdrängen gewesen wäre – und zwar über mehrere Tage!“

„Er war ja so auch auf der Titelseite“! sagte Carl.

„Aber nur einen Tag und nicht in TRIGA-Wäsche sondern in irgendeiner namenlosen schwarzen Jersey Unterhose…“ ätzte Gerlinde.

„Die aber trotzdem in aller Munde war…“grinste Carl und versenkte selbstbewusst den vierten Obstler in seinem rechten unteren Meteoritenkrater!

„Das schon, aber diese Münder erwähnten kein einziges Mal den Namen TRIGA, gell?“ stichelte Gerlinde weiter und bugsierte vorsorglich die Flasche Obstbrand schon mal in Richtung Hausbar…

Carl musterte sie verdrießlich und fragte, ob dieses plötzliche prohibitive Vorgehen gegen seine Schnäpschen vielleicht etwas mit gekränkter Weiblichkeit zu tun habe?

„Ich weiß zwar nicht, was du meinst, lieber Carl, aber mir scheint nur, dass der Obstbrand in deinem Fall doch schon dein logisches Denkvermögen – das ihr Männer ja angeblich haben sollt – stark angegriffen hat?“

„Das mag ja sein, liebste Gerlinde, aber immerhin steht fest, dass einem winzigen Unterhosenabschnitt von Guardiola fast die gleiche Medienaufmerksamkeit zugekommen ist, wie sonst den üblichen halbnackten Schönheiten auf den Titelseiten? Das müsste doch der Damenwelt zu denken geben und bös an ihrem weiblichen Selbstverständnis kratzen? Oder liege ich da gänzlich daneben?“ fuhr Carl mit nagender Anteilnahme fort.

„Ach Gottchen, Carl“, so Gerlinde spitz, „ versuch dich doch bitte nicht in tiefgründigen Gedanken über die Weiblichkeit, sondern denk lieber nach, wie du dir diesen Pep als neues ‚Supermodel’ für TRIGA angeln kannst, bevor ihn dir der Bayernvorstand aus Gründen der Sittlichkeit auf ewig in Lederhosen versenkt …“

„Ja das mach ich, Gerlindchen, aber nur wenn du bei Armani erreichst, dass die ‚aufplatzenden Anzughosen für Trainer’ ins reguläre Konfektionsprogramm aufgenommen werden…“ höhnte Carl mit stolpernder Zunge und dankte Gott, dass er im Moment nur mit seinem angeknacksten Gebiss zurecht kommen musste und nicht auch noch mit einer vor ‚gerlindescher Ideen strotzenden Frauenpower’ bei TRIGA…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 19. März 2015

Morgengrauen oder das Grauen vor morgen

Carl und Gerlinde (XLII)

Oh Gott der Wecker – 6 Uhr 15!

Höllisch! Teuflisch! Unmenschlich! Alles Begriffe die sich nur quälend langsam durch Carls warmlaufende Gehirnwindungen zwängten, während der Horrorwecker sein nagendes Gewinsel gnadenlos fortsetzte…

ZZZXMimg175Kein Wunder, dachte Carl, dass wir von diesem ‚morgendlichen Grauen’ nicht wegkommen, wenn wir uns jeden Tag aufs Neue so grauenhaft früh aus dem seligen Zustand des Schlaffriedens in das dröhnende Tageschaos schleudern lassen.

Selbst wenn wir uns angesichts dieses Grauens ab und an wieder unter unsere Kuscheldecken ducken, um uns aller Verantwortung zu entziehen, der morgendliche Alptraum der tagtäglich abrupt abgebrochenen Nachtruhe hinterlässt trotzdem seine Spuren in uns.

Und dazu noch diese höllische Finsternis draußen, murmelte Carl. Und diese Kälte, wie im ‚katholischen Himmel’, dem aber Gerlindes frostiges Schlafgemach in Nichts nachstand, da die Raumtemperatur nie über sechzehneinhalb Grad steigen durfte! Sie könnte sonst nicht durchschlafen, versicherte sie gebetsmühlenartig. Und Carl hatte es längst aufgegeben, dagegen zu argumentieren, da für ihn feststand, dass Gerlinde in ihrem früheren Leben mindestens ein Schneehuhn oder ein Pinguin gewesen sein musste: anders war dieser nächtliche Kältewahn nicht zu erklären! Jedenfalls nicht für ihn, den Unterwäschevertriebsmann und passionierten Thermowäscheträger!

Kein Wunder also, dass er unter Gerlindes polarem Schlafdiktat permanent mit roter Triefnase aufwachte, wenn er nächtens mit seinen Ohrenschützern ums Überleben kämpfte, da diese Dinger im Schlaf wieder nach unten gewandert waren, sich um seinen Hals gelegt hatten und ihn zu strangulieren drohten. Was nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen war, dass er sich im Schlaf konstant um die eigene Achse drehte, wie die rotierende Erde, die in der tödlichen Kälte des Kosmos nach der Leben spendenden Wärme der Sonne gierte.

Leider fand Carl in dem von Gerlinde beherrschten Schlafgemach keine Wärmequelle: denn links von ihm dämmerte bloß ein Energiesparlämpchen, das er nie vom Bett aus an- oder abzustellen wagte, da er keine Lust auf vor Unterkühlung absterbende Arme verspürte und rechts von ihm gab es bloß eine warme Vermutung! Nämlich die mollige warme Gerlinde, die er allerdings in jüngster Zeit nächtens weder zu Gesicht bekommen noch gespürt hatte, da sie gleich einer Füchsin im Bau komplett unter ihrer Bettdecke versteckt blieb und nur zur Frühstückszeit stöhnend hervorschnellte, um blitzschnell in der warmen Küche zu verschwinden.

Noch schlimmer waren aber die übergriffigen Gedankenblasen aus dem zu erwartenden Arbeitsalltag in dieser Aufwachphase, die sich stets bedrohlich in ihm aufblähten, obwohl er wohlweislich seine Augen selbst nach dem ‚Weckschock’ noch krampfhaft geschlossen hielt: dennoch trommelten bereits tausend Fragen zu Geschäftsergebnissen auf ihn ein – und zu dem windigen Dr. Osterkorn bei der anstehenden Wochenbesprechung – und zur Ukraine und dem Krieg dort – und zum ‚Islamischen Staat’ und seinen aktuellen Köpfabsichten – und zu Griechenland und Europa samt eventueller Auftragseinbußen dort – und zu seiner Sekretärin Bettina und ihrer Grippe – und zu seinem Vorhofflimmern vorgestern und so weiter und so weiter…

Gott – warum musste er nur all diesen Mist bereits an sich heranlassen, bevor er noch die Augen auftat?

Warum konnte er nicht einfach unter seiner warmen Bettdecke ohne peinigende Gedankenkaskaden genüsslich vor sich hindösen, bis Gerlinde ihn am späten Vormittag mit vorgewärmtem Morgenmantel und einem Gläschen Sekt aus dem Bettchen lockte und zum frisch gedeckten Frühstückstisch geleitete?

Ja – warum ging das nicht so?

Sondern nur mit diesem alptraumartigen ‚Weckschock’ im Morgengrauen – der mit Sicherheit bei Millionen tüchtigen männlichen und weiblichen Arbeitstieren posttraumatische Störungen hinterließ und ins Verderben führte!

Warum musste das sein?
Warum?

Wo doch erst unlängst der französische Visionär Michel Houellebecq in seiner „Unterwerfung“ diesen äußerst viel versprechenden Plan B – in Form einer Islamisierung der westlichen Gesellschaft – aufgezeigt hatte, dachte Carl und stellte endlich mit einem präzisen Karateschlag den blöden Radiowecker ein für alle Mal ab, um doch noch einige Minuten unter der warmen Bettdecke die aufgezeigten Vorteile einer Konversion zum Islam überdenken zu können…

Allerdings mussten ihm noch eine erkleckliche Anzahl konversionsbereiter Landsleute folgen, wenn das Ganze Sinn machen und sich das Patriarchat wieder zur vollen Blüte entfalten sollte: die Familie stünde endlich wieder im Mittelpunkt; ausschließlich der Mann brächte das Geld nach Hause und zwei oder drei nicht berufstätige Ehefrauen kümmerten sich sowohl um den tüchtigen Familienversorger, als auch um das halbe Dutzend Kinder, die er mit ihnen gezeugt hätte.

Arbeit gäbe es genug in dieser konvertierten Gesellschaft, da die Frauen ein viel geringeres Bildungsbudget abgriffen, daheim blieben, keine Arbeitplätze wegnähmen, und dank Saudi-Arabischer Geldgeber die berufstätigen Männer auch mit auskömmlichen Gehältern versorgt würden, so dass sie nach Arbeitsschluss mit aller Muße ihre ausgeruhten Ehefrauen verwöhnen und genießen konnten. Und nicht befürchten mussten, am nächsten Tag im Morgengrauen schon wieder von westlich-dekadenten Radioweckern aus ihren kuscheligen Schlafstätten gedrängt zu werden.

„Klaro“, murmelte Carl und beschloss spontan nicht aufzustehen, sondern Urlaub zu nehmen und weiter zu schlummern, um so wenigstens einen klitzekleinen Vorgeschmack auf das in Kürze über ihn – sein Land – und die EU – hereinbrechende neue islamische Patriarchat zu bekommen…

Allerdings war ihm noch nicht ganz klar, ob seine Gerlinde das Wohl der Frau in dieser transformierten Gesellschaft so ohne weiteres voll mitbekäme, oder ob er ihr da nicht doch noch mit gesellschaftstheoretischen Überlegungen unter ihre ach so herrlich anzufassenden Ärmchen greifen musste. Und die Schleierfrage war auch ungelöst! Hoffentlich bestand sie nicht darauf, dass er auch mit einer Gesichtsmaske herumrennen musste – ähnlich wie Batman!

Bei Allah – und wenn sie dann möglicherweise aus falsch verstandenem Gleichberechtigungswahn für sich auch noch drei Männer beanspruchte, dann war die paradiesische Patriarchatsvision schneller dahin als er gucken konnte! Mensch – wie sollte denn all dieses ‚köpernah agierende Personal’ in seinem bescheidenen Häuschen Platz finden? Die traten sich doch gegenseitig mindestens auf die Zehen, wenn nicht sonst wo hin?

Schlimm war das mit diesen aufmüpfigen Frauen! Wirklich schlimm! Die konnten einem das Paradies richtig vergällen. Der Prophet hatte bestimmt auch seine liebe Not mit denen…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. Februar 2015

Verhängnisvolle Mittagsruhe

Carl und Gerlinde (XLI)

ZZZVimg171Ausgerechnet als Carl seine Gerlinde endlich einmal zu der glanzvollen Lingerie– und Wäschemesse „ 5 Elements“ mitnahm, musste das passieren! Ausgerechnet da! Und dass Gerlinde danach nicht nur verwirrt, sondern enttäuscht und zornig war, war wirklich kein Wunder!

Mein Gott wie oft hatte sie auf Carl eingeredet, sie doch einmal zu dieser berühmten Dessous–Messe mitzunehmen, bei der er jedes Jahr für TRIGA die irrsten Auftritte mit den verrücktesten Einfällen und allem sonstigen Drum und Dran organisierte. Und praktisch auf Knopfdruck, immer lächelnd, zwischen den hysterischen, frierenden, hochbeinigen Wäschegören wie ein Hefekrapfen im heißen Bratfett aufging.

Andererseits war es aber auch so, dass dieses wirklich empörende Vorkommnis ohne Gerlindes Beisein gar nicht passiert wäre. Denn ohne sie hätte er niemals dieses Mittagsschläfchen gemacht und wär’ nie mit dieser mehr als seltsamen Situation konfrontiert worden, die gut und gern auch von der Konkurrenz eingerührt worden sein konnte. Oder von der NSA? Oder dem KGB? Wer wusste das schon.

Aber gut, all diese ‚Wenn’ und ‚Aber’ nützten jetzt, da das ‚Kind in den Brunnen gefallen’ war, auch nicht viel! Wobei das in den ‚Brunnen gefallene Kind’ natürlich metaphorisch zu verstehen war, da es kein Kind gab, das in irgendeiner Form Gravitationskräften ausgesetzt gewesen wäre.

Im Gegenteil, um die Ausspähung und eventuelle Verhinderung der ‚möglichen Entstehung eines Kindes’ ging es ja gerade, bei diesem beispiellosen Eklat in dem bekannten Berliner Viersterne Hotel anlässlich der 11. Fashion Week.

Wobei diese ‚mögliche Kindeszeugung’ selbstredend auch nur virtueller Natur war, da Gerlinde – Gott sei’s gedankt – weit über das Alter hinaus war, in dem ein derartiger Aspekt zur unangenehmen realen Überraschung mutieren konnte.

Doch für die üblicherweise einem derartigen Zeugungssprozedere vorausgehenden Verrenkungen und Durchspeichelungen gab es an diesem späten Vormittag schon jede Menge Bedarf von beiden Seiten. Das schon! Und man sah es auch als ideale Einstimmung zu der von Gerlinde dringend gewünschten Mittagsruhe, an diesem zweiten Tag der Lingerie– und Wäschemesse, da sich der abendliche Empfang der internationalen und nationalen Kunden am Vortag bis in den frühen Morgen hineingezogen hatte und viele Köstlichkeiten des üppigen Buffets überreichlich in sehr kostspieligem Alkohol versenkt worden waren. Durchaus auch vom quirligen Organisator Carl und seiner reizenden Begleiterin Gerlinde…

Da erschienen ein paar ruhige Minuten oder Viertelstündchen um die Mittagszeit für beide wirklich als eine äußerst lockende Versuchung.

Und Gerlinde wär’ nicht Gerlinde gewesen, wenn sie dieser Versuchung nicht nur sofort bedingungslos erlegen wäre, sondern sie im Handumdrehen nicht auch noch gleich um ein paar äußerst aufreizende Fantasien, die jeder Kunstreiterin zur Ehre gereicht hätten, bereichert hätte.

Vermutlich erforderten die gezeigten Dressureinlagen dann auch allerhöchste Konzentration von Ross und Reiterin, denn anders wär’ wohl schwer zu verstehen gewesen, warum beide nicht gemerkt hatten, dass urplötzlich unweit des ‚doppelbettigen Vorführparcours’ ein junger unscheinbarer Hotelangestellter – wie es schien – mit vorgebeugtem Oberkörper und gerötetem Gesicht, nicht nur fasziniert die diversen Dressurkunststücke beobachtete, sondern eifrigst auch sein iPhone betätigte…

Irgendwie musste Carl dann wohl doch einen Schatten im rechten Augenwinkel bemerkt haben, denn er drehte unwillkürlich seinen Kopf leicht nach rechts, aber nur so gering, dass die höchst konzentriert agierende Kunstreiterin in keiner Weise abgelenkt wurde, und blickte plötzlich in zwei neugierige Augen über einem gutmütig lächelnden Mund. Ja – der kräftige blonde Haarschopf des jungen Mannes, der wie ein Krönchen über einem in keiner Weise Angst machenden jugendlichen Gesicht saß, verlieh der gesamten Szene sogar noch einen weiteren Anstrich an Normalität.

Auch wie der junge Mann völlig unerschrocken den rechten Zeigfinger an seine Lippen führte und Carl damit bedeutete – bitte – bitte – ruhig zu bleiben, um diese wunderschöne Szene ja nicht durch irgendeine unüberlegte Geste zu zerstören, fügte sich großartig in dieses Bild…

Im Nachhinein schämte sich Carl fast dafür, dass er sich so absolut widerstandslos den Anweisungen dieses seltsamen jungen Mannes gefügt hatte, und Gerlinde auch noch die letzten Schrittchen ihres überirdischen Dressuraktes zu Ende bringen ließ!

Aber für ihn gab es in diesem atemberaubenden Moment schlicht keine Alternative: alles war so ungemein selbstverständlich in diesem harmonischen Ablauf, dass ihm nicht nur jegliche Vorstellung sondern einfach auch die Kraft fehlte, diesen Ablauf abzubrechen!

Und Gerlindes erlösender Jubelschrei, gab ihm ja kurz darauf auch Recht! Einen derartigen Freudenschrei über mehrere Terzen, begleitet von einer nicht enden wollende Kaskade gurgelnder Zwischentöne, hatte er eine Ewigkeit nicht mehr gehört! Ja vielleicht so noch nie?

Der unbekannte junge Mann offensichtlich auch nicht, da er mit funkelnden Augen und einem Gesicht höchster Verzückung alles in sich hineinzusaugen schien und unmittelbar danach genau so lautlos verschwand, wie er gekommen war…

Gerlinde registrierte – noch atemlos – zwar mit einem kleinen Anflug an Befremden, dass Carl sich plötzlich aus dem ‚gemeinsamen Parcours’ hochstemmte zur Zimmertür eilte und diese mit der Bemerkung: sie sei nicht gesichert, verriegelte! Fiel aber kurz danach, schnurrend wie eine Katze, in Carls Armen in einen tiefen, erholsamen Schlaf…

Die unscheinbare Warnung auf dem gelben DIN A5 Blatt entdeckte sie – leider vor Carl – erst danach auf dem Tisch:

Falls Sie auf die widersinnige Idee kommen sollten, bei der Hotelleitung Meldung zu erstatten, steht diese kleine Reiterepisode wenige Minuten später auf You Tube im Netz

Spätestens da musste Carl zu seinem allergrößten Bedauern Gerlinde mit der unschönen Wahrheit konfrontieren – und ihr so die „5 Elements“–Messe ein für allemal vermiesen.

Schade eigentlich, denn auch der Rest der Woche war äußerst glanzvoll gewesen, da der Wäschesektor bei TRIGA nach der vorausgegangenen Flaute, wieder richtig Tritt gefasst zu haben schien…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 12. Februar 2015

Stehpinkeln – oder der emanzipierte Mann

Carl und Gerlinde (XL)

Als Carl jüngst durch die „Frankfurter Allgemeine“ im Morgengrauen ein Gerichtsurteil des Amtsgerichtes Düsseldorf ins Haus geflattert kam, hätte er vor Freude nicht nur laut schreiend die Straße auf und ab rennen, sondern in den anliegenden Häusern auch alle Klomuscheln umarmen können!

ZZZSTimg164Denn endlich war ihm einmal als Mann durch die deutsche Justiz Genugtuung zuteil geworden! Genugtuung, an die er – und unzählige andere seiner Spezies – nie mehr zu glauben gewagt hatten, nach all den Ausgrenzungen und Erniedrigungen in diesem Land, das seit Menschengedenken von einer übermächtigen, freudlosen Frau in eine ungewisse Zukunft gelenkt wurde…

Und dann – dieses unerwartete Geschenk des Himmels am frühen Morgen, von dem Gerlinde völlig unberührt blieb: sie säuselte seelenruhig in ihrem Bettchen vor sich hin, während alle Zeichen auf eine endgültige Emanzipation des Mannes deuteten!

Natürlich fragte sich Carl, wie das auf einmal möglich war? Was passiert war? Gab es in diesem Land doch so etwas wie Gerechtigkeit? Sorgte vielleicht doch eine ausgleichende Wesenheit nach den Gesetzen der Entropieminimierung dafür, dass auch die Ungerechtigkeit minimiert wurde?

Wenn ja, dann könnte die unscheinbare Meldung in der „Frankfurter Allgemeinen“ an diesem Freitagmorgen ein erstes Zeichen gewesen sein! Ein Zeichen dafür, dass es sowohl für die Spezies Mensch als auch die Spezies Mann Hoffnung auf eine bessere Zukunft gab – während Gerlinde genüsslich vor sich hinschnarchte…

Für Carl aber krachte diese Zukunft wie ein Böllerschuss in sein Leben mit der amtlichen Feststellung des Düsseldorfer Richters Stefan Hank,

„….dass das Urinieren im Stehen nicht untersagt werden darf!

Sie sorgte dafür, dass sich Carl schlagartig nicht nur als Mensch neu definierte, sondern insbesondere auch als Mann! Und zwar als Mann, der endlich auch im Stehen daheim sein Wasser abschlagen durfte! Und dem das niemand mehr verbieten konnte! Weder eine Mutter, noch eine Ehefrau, noch eine Lebensabschnittspartnerin, noch die Putzfrau…

Was natürlich klipp und klar und ohne jede weitere Deutungsmöglichkeit hieß, dass auch die immer noch schlafende Gerlinde ab sofort zur Kenntnis nehmen musste, dass er – Carl – genau wie jedes andere männliche Wesen auf der Welt – das Recht hatte, im Badezimmer im Stehen in die Klomuschel zu pinkeln!

Diese völlig neue Rechtslage am Beginn des 21.Jahrhunderts, deren Abklärung Gerlinde ahnungslos verschlief, kam wie so oft bei großen Ereignissen, völlig unscheinbar in Form zweier einfacher Sätze von Richter Hank daher, die da lauteten:

„Trotz der in diesem Zusammenhang (nämlich der Mann – Frau – Beziehung) zunehmenden Domestizierung des Mannes ist das Urinieren im Stehen durchaus noch weit verbreitet. Jemand der diesen früher herrschenden Brauch noch ausübt, muss zwar regelmäßig mit bisweilen erheblichen Auseinandersetzungen mit – insbesondere weiblichen – Mitbewohnern, nicht aber mit einer Verätzung des im Badezimmer oder Gäste-WC verlegten Marmorbodens rechnen“. (Aktenzeichen 42 c 10583/14)

Und klaro! – wenn der Marmorboden nicht verätzt wurde, wurden auch etwaige Keramikfließen auf dem Boden nicht verätzt, und wenn diese nicht verätzt wurden, dann natürlich auch die Klobrille nicht, was eine ganz einfache induktive Schlussfolgerung war, die auch einer Gerlinde, sollte sie jemals wieder aufwachen, einleuchten musste, obwohl ihr natürlich als Frau nicht immer der Zugang zur Logik gegeben war.

Anders bei Carl, der sich seinerseits aber jeden Versuch einer Domestizierung verbat, den der Richter angesprochen hatte, da sich ein Mann wie er niemals domestizieren ließ! Und schon gar nicht von einer Frau!

Das ging ja nun gar nicht!

Im Gegenteil, jetzt wo er endlich gerichtsfest, schwarz auf weiß verbrieft, im Bad und auf der Toilette ganz Mann sein durfte, wollte er diesen Akt der Emanzipation um jeden Preis durchziehen und auskosten und sich durch keinerlei Domestizierung oder sonst etwas, einschränken lassen.

Da konnte seine schlummernde Gerlinde sich noch so sehr auf den Kopf stellen (was sie ja bei einigen Yogaübungen ohnehin schon tat), er, Carl, war jedenfalls nicht mehr bereit von seinem Recht – gänzlich Mann zu sein – abzurücken!

Und Gerlinde würde er noch heute die neue rechtliche Pinkelsituation unter ihr keckes Näschen reiben! Was mit Sicherheit nicht ohne lautstarken Wortwechsel abging! Das war klar wie Rinderbrühe, aber die Sache Wert, sagte sich Carl und war stolz, wie gelassen und nüchtern er die Dinge noch vor der ersten Tasse Kaffee an diesem Morgen sah…

Na ja – und da Gerlinde vermutlich jetzt wirklich bald aufwachen würde, war zur Sicherstellung eines reibungslosen Gesprächablaufes es bestimmt pfiffig und klug, sie nicht schon vor dem Frühstücksei mit richterlichen Fakten zu überfallen, sondern erst eine Weile abzuwarten und ihr dann, je nach Befinden, bei einem Gläschen Sekt und mit der Zeitung in der Hand, die neue gerichtsfeste ‚Pinkelsituation’ zu präsentieren…

Ja das war eindeutig der bessere Weg! Der viel bessere sogar!

Und wenn er es genau überlegte – so Carl – stellte sich ja ohnehin letztlich die Frage, warum Gerlinde überhaupt mit dieser Sache konfrontiert werden musste? Sie stand doch nicht prüfend neben ihm, wenn er pinkelte! Also warum dann soviel Theater darum machen und endlos darüber quasseln?

„Hey – wo sind wir denn?“ sagte er laut zu sich selbst, legte die „Frankfurter Allgemeine“ beiseite und schlüpfte nach dieser spontanen Eingebung schnell noch einmal unter die warme Bettdecke…

Er konnte doch am Klo machen was er wollte: wenn er beschloss beim Pinkeln zu stehen, dann stand er, und wenn er beschloss sich wie bisher zu setzen, dann war das auch gut und er tat sogar noch Gerlindes nagender Forderung genüge!

Wichtig war doch nur, dass er nicht kniff, sondern klar Position bezog! Und das tat er jetzt, wo er im Lichte der neu gewonnenen Freiheit alle Optionen hatte und sich sowohl stehend als auch sitzend der Klobrille nähern konnte!

War das nicht ein irres, männliches Gefühl, nicht ‚alternativlos’ zu sein, wie es die Kanzlerin oft war…

KH
(Translated by EG)

Klaus Hnilica
Dienstag, der 27. Januar 2015

Vorhofflimmern…

Carl und Gerlinde (XXXIX)

Eine Nacht ohne Schlaf, brennende Schmerzen in der Brust, ein herumtorkelndes Herz und Dr. Riffelmanns Diagnose reichten, dass Carl eineinhalb Wochen später doch mit Hannelore und Gerlinde zu diesem blöden ‚Weiberkurs’ trabte…

ZZYVoimg162Aber Gerlinde hatte Recht! Er musste kürzer treten bevor der Zug – nein sein Zug – endgültig ab oder sonst wohin gefahren war!

„Diese Vorhofflimmer-Episode sei ein Alarmsignal gewesen, das sehr ernst genommen werden müsse“, sagte Dr. Riffelmann und verkniff sich sein sonst übliches Lächeln. Ein Glück, dass Carl erst Mitte Fünfzig war und nur leicht erhöhte Blutdruckwerte hatte: da reichte ein schlichter Betablocker, um das ‚herzliche Gezappel’ wieder in geregelte Bahnen zu bringen und von Blutverdünnern konnte abgesehen werden…

„Doch Vorsicht, das ändere sich schneller, als Carl es wahrhaben wolle“, sagte Dr. Riffelmann mit einem eher angedeuteten Lächeln. Damit das nicht passiere, müsse Carl ab sofort sich zu regelmäßiger Bewegung durchringen, wenig Alkohol trinken und deutlich seinen täglichen Stress reduzieren!

Bei den Worten ‚Stress reduzieren’ lächelte Carl mit Dr. Riffelmann plötzlich um die Wette! Wie sollte das denn gehen, bei dieser Lawine an Schwierigkeiten im internationalen Trikotagengeschäft?

Aber gut, vielleicht konnte er ja in der Firma dem rotgesichtigen Fritz Kuhlmann den Arbeitsplatz an der Pforte abspenstig machen und als Gegenleistung ihm seinen Unterwäschevertrieb samt Vorhofflimmern andrehen? Und vielleicht half ja sein Chef, ‚Osterkörnchen’, ausnahmsweise einmal konstruktiv mit, statt nur zu labern? Und der Betriebsrat auch?

„Nun, man müsse ja nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten“, meinte Dr. Dauerlächler, „wichtig wäre doch vor allem zu lernen, wie mit Stress besser umgegangen werden konnte? Und wie er sich abbauen ließ? Eben nicht nur durch noch mehr abendliche Bierchen und Whiskys, sondern gezielt durch täglichen Sport oder spezielle Entspannungsübungen!“

„Entspannungsübungen?“

„Ja – es gibt ganz hervorragende Kurse auf diesem Gebiet in denen man das lernen kann“, stellte Dr. Riffelmann begeistert fest.

„Sie denken aber bei diesen Entspannungsaktivitäten jetzt hoffentlich nicht an das wunderbare Reich der Chakren und Klangschalen in dem energiegeladene Gummidrachen für 125.- € alle Spannungen in mir auflösen, Herr Doktor?“ stöhnte Carl laut auf, grad so als wär ein Nerv angebohrt worden.

„Nein – ich rate Ihnen natürlich nicht zu Yoga Vidja, so gut kenn ich Sie schon. Aber wie wär’s denn zum Beispiel mit einem stink normalen Autogenen Training?“

Carl verdrehte die Augen und brummelte unverständliches Zeug vor sich hin.

„Ja! Warum wollen Sie nicht einmal versuchen ganz unvoreingenommen mit ‚AT’ ihren aufgestauten Stress abzubauen?“

„Deswegen nicht, Herr Doktor Riffelmann, weil ich dann nicht mehr mit einem simplen Vorhofflimmern bei Ihnen ankomme, sondern mit tödlicher Sicherheit als Amokläufer: denn wenn mir der rechte Arm schwer werden muss! und das linke Bein warm! dann brennen bei mir alle Sicherungen durch!“ grunzte Carl mit hochrotem Kopf und einer neuerlichen Flimmerepisode…

„Und wär’ das so schlimm? Ich mein’ jetzt nicht den Amoklauf, sondern den schweren rechten Arm und das warme linke Bein! Sie glauben ja gar nicht wie entspannend das sein kann und wie stabilisierend sich das auch auf ihren Herzrhythmus auswirkt…“

„Tut mir leid, Herr Dr. Riffelmann, bei mir gibt es bei diesem ‚AT’, wie Sie es nennen, nur zwei sich gegenseitig ausschließende Reaktionen: entweder werde ich aggressiv wie ein ausgehungerter Varan! Oder ich falle auf der Stelle in einen komatösen Schlaf…“

„Na ja – letzteres wäre ja gar nicht so schlecht? Abgesehen von dem etwas beschwerlichen Transport nach Hause, aber vielleicht haben Sie ja eine gute Seele die das bewerkstelligt“, meinte Dr. Riffelmann mit einem genussvollen Grinsen.

Da war das sonnenbraune Lächeln vorhin angenehmer gewesen, dachte Carl, als er missmutig das Rezept für seinen Betablocker bei der Arzthelferin entgegennahm.

Umso erstaunlicher war dann die Kehrtwende!

Oder war es gar keine? Sondern vielmehr wieder nur eine dieser üblichen Gerlindeschen Manipulationen, die natürlich wusste, wie stark sie bei dem abgetakelten Sprungstier Carl am Nasenring ziehen musste, damit er genau auf dem von ihr gewünschten Trampelpfad landete…

Nun – es dauerte genau zwei – mehr schlecht als recht durchschlafene Nächte – bis Carl beim Frühstück nach einem zweiminütigen Hustenanfall, ausgelöst durch ein Stück Französisches Baguette, auf das er wie üblich Finger dick die Aprikosenmarmelade aufgetürmt hatte, Gerlinde darüber informierte, dass diesem komischen Dr. Riffelmann, den sie ihm doch seinerzeit empfohlen hatte, sozusagen als begleitende präventive Maßnahme zu den Betablockern gegen sein Vorhofflimmern nichts Besseres einfiel, als ausgerechnet ihm – obwohl er doch wissen musste, wie sehr er jede Art von esoterischen Kram hasste – einen AT–Kurs zur Stressbewältigung vorzuschlagen.

„Na ja dann komm’ doch mit Hannelore und mir mit“, sagte Gerlinde grad so als hätte Carl nach einem zweiten Frühstücksei gefragt.

„Was? – Wie? – Wo? Ich soll bei euerem Weiberkram mitmachen“?

„Warum nicht?“

„Ja ist denn da überhaupt irgendein Mann dabei?“

„Schon.“

„Ich mein der nicht schwul ist?“

„Gottchen das weiß ich nicht genau“!

„Hm!“

„Ja…“

„Und wer leitet den Kurs?“

„Na ja der Severin?“

„Was, ein Mann?“

„Ein Sportstudent!“

„Und ist der schwul?“

„Mit Sicherheit nicht“, flüsterte Gerlinde mit einem schmutzigen Lächeln.

„Wieso weißt du denn das so genau?“

„Weil ich’s halt weiß – und Hannelore hat’s auch bestätigt…“

„Was soll das denn nun heißen?“

„Na ja, dass sie es auch sicher weiß…“

„Puh – ich glaub ich bin im falschen Film!“

„Wieso das denn?“

„Na ja wenn ich deine glänzenden Augen sehe beim Sportstudent Severin…“

„Kannst ja mitkommen und dir den Severin anschauen…“

„Ja geht das denn?“

„Wenn ich mit ihm red’ geht alles…“

„Das wird ja immer schöner“, stöhnte Carl und verdrückte sich ohne ein weiteres Wort ins Büro, da er irgendwie das Gefühl hatte, gleich wieder ins Vorhofflimmern zu fallen, wenn er nicht schnellsten für ausreichenden Abstand zwischen sich und seiner Gerlinde sorgte.

Und Samstagvormittag klinkte Carl sich dann tatsächlich ein, als Gerlinde zu diesem komischen AT – Kurs aufbrach!

„Na ja schaden wird’s schon nicht – aber helfen sicher auch nicht“, zischelte er mit einem verlegenen Smiley und drückte sich spontan mit ins Auto.

Tja – und Gerlinde überlegte, ob sie ihm noch auf dem Weg zum Kurs oder erst später sagen soll, dass der Severin momentan und eigentlich schon immer von der Uschi Müller vertreten wird…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 11. Dezember 2014

Was ist los mit Deutschland – schläft es wirklich?

Carl und Gerlinde (XXXVIII)

Als Carl morgens im Badezimmerspiegel seine zerknautschte Visage anstarrte überlegte er kurz, ob er sich gleich eine reinhauen sollte, oder erst nach dem Frühstück! Aber mit leerem Magen ging das ohnehin nicht: diese versifften Mundwinkel und die Schimmelzunge waren viel zu ekelhaft! Außerdem fürchtete er, sich jeden Moment übergeben zu müssen. Kam’s vom Magen? Oder dieser Halloween–Fratze?

ZZWerIII Die heiße Dusche brachte die Erlösung!

Der Wasserstrom über Kopf, Rücken und Gesäß wirkte wie ein belebender Stromstoß. Als dann die Brust, der Bauch und das leblose Würmchen berieselt wurden, kam auch Carls schwabbelndes Großhirn in Schwung. Ja es schlängelte sich sogar die eine oder andere Erinnerung wieder durch seine Alkohol getränkten Synapsen. Auch die stechenden Kopfschmerzen waren fortgewischt. Nur die eineinhalb Liter Pinot Grigio in Blut und Leber mussten noch ausgeschwitzt werden und die gestrigen Gesprächstiraden von Dr. Osterkorn alias Bernie und Miriam auch…

Vollkommen überraschend war dieser ‚weinselige Gedankenaustausch’ gestern Abend bei Bernies Lieblingsitaliener für Carl nicht dahergekommen: Nach dem desaströsen Einbruch der Auftragszahlen im Unterwäschebereich durch die ‚Russlandklatsche’ war natürlich sonnenklar, dass die wichtigsten Spartenleiter bei TRIGA weithin hörbare Schnellschüsse abfeuern mussten.

Carl erinnerte sich dunkel, dass Bernie so etwas Ähnliches von sich gegeben hatte und schäumte sorgfältig seine muffelnden Achselhöhlen ein – puh! das war höchste Zeit…

Letztlich war Bernie auch nur ein Getriebener! Genau wie die Geschäftsführung und der Konzernvorstand: alle mussten die geplanten Renditeziele erreichen. Ohne Rendite – keine Boni! Weder für die Geschäftsführung noch für Bernie und seinen Spartenvertriebsleiter Carl. Und für Miriam, die Verantwortliche im Bereich Unterwäsche, schon gar nicht.

Wisst ihr – wir bräuchten ein komplett neues Narrativ für unsere Unterwäsche, hatte Bernie dann spontan losgeblafft und Miriam mit brunftigen Jungstierblick zugeprostet, die skeptisch ihre Augenbrauen hochzog. Ja – wir benötigen unbedingt eine richtig umstürzlerische Idee, um die Geschichte unserer Slips, Tops und BHs neu erzählen zu können und an unsere Kunden narrativ rüberzubringen! Ja und vielleicht sollten die Tops in den nächsten Jahren doch mal wieder bis zum Nabel reichen und die Damenhöschen wieder Höschen sein, die nicht nur das Schamhaar abdecken und hinten als Pobackenteiler fungieren?

Da Carl sich gerade den Po einschäumte, als dieser Erinnerungsfetzen durch sein Großhirn wehte und mit Entsetzen an Tangahöschen für Männer dachte, ging ein derartiges Beben durch seinen lädierten Körper, dass das herabrieselnde Duschwasser – oh Schreck – krachend gegen die Duschkabine platschte…

Vielleicht hat Putin ja wirklich Recht, hatte Bernie laut vor sich hin monologisiert, wenn er seit Sommer solche ‚Höschenfragmente’ von der russischen Frau fernhält und sie zukunftsweisend wieder in Richtung einer Unterhose dirigiert, die diesen Namen auch verdient. Dass er dabei in einem Aufwasch gleich die Werteskala für das ‚Neue Russland’ nachjustiert, kann ihm eigentlich niemand verübeln! Schließlich durfte das große, stolze Russland niemals auf das jämmerliche Niveau des dekadenten Westens absinken und Idealen huldigen deren aufgegipfelte Verkörperung eine ‚Conchita Wurst’ ist! Ist doch nachvollziehbar, oder?

Und wie stellst du dir das vor, lieber Bernie? Giftete Miriam plötzlich los: sollen wir dann zukünftig auch in Unterhosen bis zum Hals herumrennen und uns unterm Kaschmirkaftan verstecken? Na dann Prost-Mahlzeit, du Putinversteher! Du willst uns doch nur ins neunzehnte Jahrhundert zurückprügeln, damit du wieder ins Russlandgeschäft kommst, oder? Wenn dem so ist, lass es mich beizeiten wissen, ich bin dann schneller weg als du ‚Indianer Jones’ aussprechen kannst!

Carl, der sich endlich bis zu den Zehen durchgeschäumt hatte, war ziemlich erstaunt gewesen, dass Miriam so temperamentvoll ihren Bernie angeraunzt hatte. Das war echt super gewesen und verdiente einen extrakräftigen Massagestrahl auf Rücken und Lenden! Herrlich – wirklich ein Genuss…

Welch eine glückliche Fügung, dass dann das Essen gekommen war, sonst hätten sich Miriam und Bernie richtiggehend ineinander verbissen, aber so konnte Bernie ersatzweise in seinen Lammbraten beißen, Miriam an der überbackenen Goldbrasse knabbern und er sein Lammgulasch in Zitronensauce so hastig reinschaufeln, dass er von daher schon gezwungen war den Mund zu halten.

Da Bernie derlei Artigkeit offensichtlich fremd war und er mit vollem Mund weiterlaberte, ließ er Carl und Miriam voll an seinem zarten Lammbraten teilhaben, indem er ihn auch kleinteilig vor sich auf dem Tischtuch ausbreitete. Andererseits gelang ihm dadurch der nahtlose Übergang von Putin zu Merkel, von der er mehrfach energisch ein ähnliches Narrativ für Deutschland forderte, wie es Putin für das ‚Neue Russland’ geliefert hatte!

Aber du gehst jetzt nicht so weit, Bernie, dass du von ‚Mama Merkel’ nach der ‚Energiewende’ nun auch noch eine vorbildhafte radikale ‚Unterhosenwende’ einforderst, ätzte Miriam ebenfalls nahtlos weiter, während sie ihre Goldbrasse fachfraulich zerlegte.

Nein natürlich nicht, mampfte Bernie, aber ‚unsere Angela’ könnte das Deutsche Volk doch einmal mit einem hübschen, brauchbaren ‚Narrativ für Deutschland’ überraschen, statt es permanent mit sinnentleerten Worthülsen einzulullen! Es täte uns gut endlich aufzuwachen und uns mehr um den Rest der Welt zukümmern, statt ihn ständig mit unseren Ängsten zu quälen! Nur ‚German Angst’ ist ein bisschen wenig, oder Carl?

Ja dem konnte Carl unter der Dusche nur zustimmen und endlich den tierisch guten Massagestrahl abdrehen: Denn nach der Wassermassage war ‚Kaltduschen’ angesagt! Und das erforderte mindestens die gleiche Überwindung wie die Entwicklung eines Narrativs für Deutschland…

Aber siehe da, Osterkörnchen war nicht zu bremsen gewesen, ihn verlangte nach Miriams Rüffel und dem Lammbraten, nicht nur sofort nach einem Tiramisu, sondern er kam praktisch zeitgleich selber mit narrativen Ideen daher. Oder war’s Miriam gewesen? Die meinte wir sollten in einem neuen Narrativ für Deutschland nicht mehr nur den zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau und den Holocaust gebetsmühlenartig repetieren und auch nicht nur über die Überwindung der Ost – West – Spaltung und Europa reden, sondern vielmehr die Tatsache hervorheben, dass Deutschland neuerdings ein höchst begehrtes Einwanderungsland ist und zum Beispiel während der letzten beiden Fußballweltmeisterschaften sogar plötzlich als hip, multikulti, fröhlich und bunt galt!

Da hatte Carl dann auch schon genug von der ‚Kaltdusche’! Bibbernd sprang er aus der Duschkabine, rubbelte sich laut stöhnend mit dem Badehandtuch ab und wollte partout nicht mehr daran erinnert werden, dass er nach Miriams klugen Einwurf – vielleicht schon etwas angesäuselt – unbedingt auch die ‚Energiewende’ in das neue Deutschlandnarrativ einbinden wollte und mit schwerer Zunge darauf bestand, dass sich dadurch quasi von selbst ein gravierender Paradigmenwechsel im Unterwäschegeschäft ergäbe: denn warme Unterwäsche führe zwangsläufig zu einer Reduktion der Heizleistung und damit auch des CO2 Ausstoßes in die Umwelt! Das sei doch klar wie Kloßbrühe!

Und gestützt auf diese Fakten könnte Frau Merkel in ihrer wenig präzisen Art vermutlich dann wirklich allen Skeptikern seelenruhig entgegensäuseln, dass das Land der ‚Dichter und Dämmer’ in den von der Regierung massiv geförderten warmen Unterhosen sehr wohl seine ehrgeizigen Klimaziele in der Europäischen Gemeinschaft erreichen wird! Ja diese sogar noch überbieten werde, wenn in der großen Koalition, konform mit Herrn Sigmar Gabriel, noch vor Jahreswechsel – abweichend vom Koalitionsvertrag – beschlossen würde, dass neuerdings auch ‚Thermounterwäsche’ ähnlich umfangreich gefördert würde wie die Wärmedämmung der Gebäude, ohne dass dadurch natürlich die schwarze Null von Herrn Schäuble in Gefahr geraten dürfte, was zwar nicht dem Weltklima aber doch der CDU immens schaden würde – und allein das zählte! Letzteres sagte Frau Merkel zwar nicht in Carls Gedankenwelt, dachte sie aber.

Kurz danach musste bei ihm der Film gerissen sein, denn an den Jubelschrei von Bernie hatte er keine Erinnerung mehr – und wie er nach Hause gekommen war wusste nur Gerlinde, die ihn aber heute Morgen nicht sehen wollte, was schon ein bisschen komisch war, oder?

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 13. November 2014

Glücklich die Unglücklichen…

Carl und Gerlinde (XXXVII)

Oh Gott – warum ausgerechnet nach diesem himmlischen Steak mit Champignons und Broccoli? Sogar der Riesling hatte die richtige Temperatur. Was nicht selbstverständlich war bei Gerlinde. Doch heute war sie perfekt – die Temperatur! Und dann das… ZZDimg130

Aber irgendwie hatte alles schon so blöd angefangen, als Carl vom Büro heimgekommen war: Gerlinde spitzte völlig unerwartet schmollend ihr knallrotes Mäulchen nach dem flüchtigen Begrüßungskuss und blieb schweigend vor ihm stehen. Ihr fordernder Blick während dieser stummen Geste war irgendwie peinlich. Unter dem Vorwand aufs Klo zu müssen, beendete Carl schließlich diesen grotesken Prolog! Ihm war aber klar, dass der Höhepunkt des Trauerspiels noch ausstand…

Und dies ausgerechnet an einem Tag, an dem in der Firma wieder einmal der Katastrophenknüppel ausgepackt worden war! Zwar hatte der umtriebige Spartenleiter Dr. Osterkorn die siebzehn Power Point Folien mit permanent sinkenden Auftragseingängen in allen Bereichen der Wäschesparte bei TRIGA anfangs kommentarlos vorbeihuschen lassen, dann aber doch ohne jede Vorwarnung auf die brutalst mögliche Art das volle Ausmaß der ‚russischen Unterwäschekatastrophe’ an die Projektionswand geklatscht!

Denn seit Putin Mitte des Jahres in der gesamten Eurasischen Wirtschaftszone ein Einfuhrverbot und Produktions- und Verkaufsverbot für Spitzenunterwäsche erlassen hatte, gab es praktisch keine Aufträge mehr von den beiden russischen Unterwäschegroßhändlern ‚ARMED’ und ‚Suwen’! Der gesamte Geschäftsverkehr mit Russland war von einem Tag auf den anderen zusammengebrochen. Und das nur, weil Väterchen Putin meinte, neben der Ukraine sich auch um die Gesundheit seiner Landsleute kümmern zu müssen! Schließlich setzten diese nicht saugenden Spitzenhöschen und satanischen High Heels seinem ohnehin schon durch Wodkaüberflutungen arg geplagten Völkchen in ungeahntem Ausmaß zu: denn die dadurch eingeschleusten faschistischen Geißeln, ‚Blasenkatarr’ und ‚Fußfehlstellung’, drohten nun auch noch die russischen Frauen zu dezimieren…

Carl zögerte!

Sollte er wirklich diesen kompletten Firmen-Schmarren vor Gerlinde ausbreiten und ihr die Laune verderben? Wo sie doch nach der arg wirren Begrüßungsstarre jetzt wieder richtig quicklebendig vor ihm herumzappelte und mit traumhaften Leckereien lockte. Und das alles bestimmt in einem ihrer bezaubernden roten Spitzenhöschen, wie sie Putin gar nicht mochte, da war er sich ganz sicher…

Nein – das tat er nicht!

Dazu war er auch viel zu müde und abgespannt!

Am Liebsten hätte er ohne ein weiteres Wort und ohne Gerlinde – aber mit dem schönen Riesling – nur das superbe Essen in sich hineingeschaufelt und Country Music gehört… Doch das rote Spitzenhöschen war nicht zu bremsen: denn kaum hatte Carl das zarte Steak zwischen seinen Zähnen zermalmt, durchgespeichelt, in den Magen versenkt und mit drei Gläsern Riesling abgelöscht, als Gerlinde ihn schon mit der Frage überfiel – ob er glücklich sei?

Carl prostete ihr abwiegelnd zu und versuchte lachend die Frage zu übergehen! Ja er entblödete sich nicht einmal – obwohl er unfähig war, auch nur noch einen Bissen in sich hineinzuwürgen – sie zu fragen, ob sie nicht doch noch eine klitzekleine ‚Nachspeiseüberraschung’ für ihn bereit hielte?

„Natürlich“ sagte Gerlinde verschmitzt, „ich möchte wissen, ob du glücklich bist, Carl“? „Heißt das, meine Nachspeise ist was zum Knabbern? Nämlich die Frage ‚bin ich glücklich’?“ fragte Carl neugierig.

„Ja!“

„Was bringt dich denn dazu?“, sagte Carl irritiert.

„Na ja, ich möchte es halt wissen? Hannelore ist nämlich nicht glücklich!“

„Was bei dieser überspannten Kuh, wirklich kein Wunder ist“! polterte Carl.

„Warum denn gleich so heftig“?

„Weil ich plötzlich das Gefühl habe, dass da schon wieder irgendjemand Unruhe stiften will! Wäre ja nicht das erste Mal?“ geiferte er.

„Sei doch nicht gleich so empfindlich, Carl! Man wird doch noch eine schlichte Frage stellen dürfen?“

„Ja gut, Gerlinde, frag! Befrage mich soviel und so lang du willst über das ‚Glück’! Aber erwarte bitte nicht, dass ich darob auch noch vor ‚Glück’ zerfließe! Ehrlich gesagt, wär’s nicht nur schade um das wunderbare Steak in mir, sondern ich weiß tatsächlich nicht, was dieses von dir nachgefragte ‚Glück’ ist, oder nicht ist?“ sagte Carl gereizt.

„Geht’s vielleicht weniger theatralisch?“

„Natürlich! Ich weiß aber wirklich nicht, was du mit ‚glücklich sein’ meinst?“ entrüstete sich Carl und suchte vergeblich Trost bei seinem längst raumtemperierten Riesling.

„Weiß ich auch nicht! Aber in der Werbung sind ja auch immer alle glücklich!“

„Denkst du da etwa an dieses himmlische ‚Abführmittelglück’ der verblühten Blonden, der in jedem ihrer Spots die Gedärme ‚glücks-bringend’ entknotet werden?“ frotzelte Carl.

„Ja, zum Beispiel!“

„Oder meinst du die strahlende Omi, die dank Voltaren plötzlich ihre Enkelchen wieder entdeckt, da sie sich zu ihnen hinunterbücken kann?“ ätzte Carl.

„Auch die…!“

„Du siehst aber schon“, giftete Carl weiter, „dass es immer Frauen sind, die spontan glücklich werden – nie Männer?“

„Wie immer neigst du zur Vereinfachung, lieber Carl! Es gibt nämlich schon ein ‚Glück’ außerhalb der Werbung, das sehr wohl euch Männer auch angeht?“

„Ich höre…?“ Carl spitz.

„Zum Beispiel das oft beschworene Glück in der Liebe?“

„Hm“ brummte er.

„Oder anders gesagt: bist du nun glücklich mit mir – oder bist du es nicht?“

„Gott – was soll das denn jetzt, Gerlinde! Ich dachte mit diesem Thema wären wir endgültig durch?“ stöhnte Carl.

„Na dann sag doch einfach ‚Gerlinde ich bin glücklich mit dir’!“

„Aber natürlich, das weißt du doch“, säuselte Carl gelangweilt.

„Dann weißt du also doch, was ‚glücklich sein’ heißt?“

„Ich ahne es vielleicht, Gerlinde! Und es hat sicher eine Menge mit Sicherheit und Zufriedenheit zu tun, wenn du so willst“, sagte Carl fast feierlich.

„Heißt das im Klartext, dass du zumindest zufrieden bist mit mir?“

„Ja – wenn du so willst! Aber ich bin mit allem hier zufrieden, liebe Gerlinde“, warf Carl sentimental ein, „auch wie du alles sauber hältst, auch mit dieser halbvollen Flasche Riesling, die gleich leer sein wird und natürlich auch, wenn wir danach ins Bettchen hüpfen…“

„Ist eigentlich diese Reihenfolge – Sauberkeit – Riesling – Bett – zufällig hingesagt oder ganz bewusst von dir so gewählt worden?“

„Wenn ich ehrlich sein soll, mag ich diese Reihenfolge“, sagte Carl erstaunlich selbstbewusst, „irgendwie ist sie für mich richtig und wichtig, wenn ich etwas wie ‚Glück’ empfinden soll!“

„Und meinst du deine Reihung würde eine kleine Variation aushalten?“

„Welche Variation denn…?“ fragte Carl zögernd.

„Ich mein die leicht abgewandelte Reihenfolge: Sauberkeit – Bettchen und dann erst Riesling! Bei der Reihenfolge könnte ich nämlich auch wieder manchmal glücklich sein!“

„A-h-a“, seufzte Carl und bedauerte spätestens da, dass die Besprechung über die verkorkste Auftragslage bei TRIGA nicht noch andauerte…

KH

Klaus Hnilica
Freitag, der 20. Juni 2014

Don Giovanni oder die Ausdehnung der Kampfzone

Carl und Gerlinde (XXXVI)

„Diese Musik ist überirdisch – einfach zum Niederknien!“ stammelte Gerlinde musikalisch durchglüht, während sie vorsichtig hinter Carl durch die Bankreihe zum Ausgang stakste, da ‚Don Giovanni’ Pause machte! Carl registrierte von allen Seiten nur Zustimmung zu Mozarts Musik und den hervorragenden gesanglichen Leistungen der Interpreten. Großartig! Fantastisch! Überwältigend!

Aufgelöst vor Begeisterung schwebte auch Hannelore im Foyer auf Gerlinde zu, umarmte sie überschwänglich und schmiegte sich an Carl, wie Don Giovanni an die zappelnde Zerlina!
Zdon giovanni img115Selbst der strohtrockene Kurt nickte zustimmend, wenngleich diese Inszenierung von Christof Loy natürlich nicht im Entferntesten an die wunderbar ausgestattete Aufführung bei den Salzburger Festspielen herankam: damals wurde auch dem Auge was geboten, sagte er bedeutungsvoll. Carl nickte zustimmend, verkniff sich aber das Eingeständnis, bei dem fürchterlichen Kuddelmuddel rund um die drei Frauen von Don Giovanni zwei Mal kurz eingenickt zu sein.

Doch jetzt strömte das Mozart begeisterte Opernvolk bestens gelaunt ins großzügige Pausenfoyer: zielgerichtet steuerte es die vorbestellten Tische an, auf denen sich reichlich Lachshäppchen, Quiche Lorraines und Salzbrezeln zwischen noch mehr Wein, Wasser, Bier und Sekt herumdrückten.

Carl wäre einiger Maßen zufrieden gewesen im Kreis seiner Freunde, wenn da nicht plötzlich an ‚Tisch Zwölf’ diese unbekannte Rothaarige gesessen wäre, die aufmüpfig der achtköpfigen Runde entgegenblickte. Ja, die nicht unattraktive stramme Mittvierzigerin hielt sogar noch ihren rechten Arm schützend über einen weiteren Stuhl, den sie sicherheitshalber schon einmal eng an sich herangezogen hatte.

„Entschuldigen Sie bitte, könnte es sein, dass Sie sich bezüglich dieses Tisches geirrt haben?“ fragte Carl mit gebremstem Charme, nachdem er und die Dame sich eine ganze Weile schweigend begutachtet hatten.

„Wie kommen Sie denn darauf?“ erwiderte die Unbekannte robust.

„Nun, weil unsere Runde diesen Tisch hier für die Pause reservieren ließ!“

„Was heißt hier ‚reservieren ließ’, von wo kommen Sie denn, wollen Sie mich etwa fortscheuchen wie ein ungezogenes Kind?“

„Na ja, Sie sehen doch, dass auf dem Tisch unsere Bestellungen liegen und er für uns eingedeckt ist?“

„Also Sie sind mir einer: ich sitze hier friedlich an einem freien Tisch, halte auch noch einen Stuhl für meinen Partner von der Presse frei und da kommen Sie und pöbeln mich an!“

„Ich pöble Sie nicht an, sondern verweise nur darauf, dass dieser Tisch für uns reserviert wurde und wir jetzt nicht alle sitzen können, da Sie zwei Plätze belegen. Und wie es scheint unberechtigt, da ich von Ihnen keinerlei Bestellung auf dem Tisch sehe!“

„Wer sind Sie denn, glauben Sie, nur weil ich eine Frau bin, können Sie mich derart angehen? Von wo kommen Sie denn?“ rief die Dame ein zweite Mal lauthals in die erstaunte Schar um Carl.

„Wenn Sie den Stuhl neben sich freigeben und mich hinsetzen lassen, erzähle ich Ihnen gern woher ich komme! Ist das ein faires Angebot?“

„Das ist doch unerhört! Sie werden ja immer unverschämter!“ Carl nickte zustimmend und sagte, „ja – drum setzte ich mich jetzt auch einfach auf den freien Stuhl neben Ihnen, da der eigentlich meiner ist…“

„Von wo kommen Sie denn? Das können sie nicht machen, dieser Stuhl hier muss für die Presse frei bleiben!“ „Aber da ist doch niemand von der Presse, oder bin ich blind?“Belustigt versuchte Carl sich auf den unbesetzten Stuhl fallen zu lassen…

„Nein! Nein! Nein – das können sie nicht machen – gehen Sie weg!“ rief die Dame nun schon in einer Tonlage, die jeder Sopranistin zur Ehre gereicht hätte.

„Natürlich kann ich das und Sie werden staunen wie flott das geht…“, erwiderte Carl grinsend und machte neuerlich Anstalten sich zu setzen.

„Das kommt gar nicht in Frage, dass Sie mir den Stuhl wegnehmen, der ist für meinen Partner von der Presse“ schrie die Frau gellend ins Foyer und lenkte so auch die Aufmerksamkeit der Nachbartische auf sich. Dabei zog sie den freien Stuhl ruckartig an sich und umarmte derart entschieden die Lehne, dass Carl ernsthaft befürchtete, sie würde ihren geheimnisvollen Pressepartner – falls er doch noch auftauchte – selbst noch während des verbleibenden kurzen Pausenrests auf dem Stuhl zu Tode quetschen!

Inzwischen hatte Hannelore den für die Reservierungen zuständigen Verantwortlichen geholt, der auch versuchte, der hartleibigen Dame klar zu machen, dass sie kein Anrecht auf die beiden Sitzplätze habe, da sie weder eine Reservierung vorzeigen könne, noch irgendetwas konsumiere. Nein – sie sitze richtig, behauptete die wackere Rothaarige aber dennoch unbeeindruckt weiter! Eine Dame an der Bar hätte sie ganz klar an diesen Tisch verwiesen. Außerdem sehe sie überhaupt nicht ein, warum sie von allen Seiten angefeindet werde, wenn sie in der Pause dieser wunderbaren Oper nur einen Augenblick sitzen und entspannen wolle! Für sie sei das ein unbeschreiblicher Vorgang, der ihr noch nie in ihrem Leben passiert sei…

Völlig unvermittelt tauchte plötzlich ein unscheinbarer Mann, mittleren Alters auf und gab der heftig argumentierenden Rothaarigen mit zornrotem Kopf, ein Zeichen:

„Ilse, was streitest Du denn schon wieder herum! Wir haben doch ‚Tisch acht’! Immer dasselbe, Du bist wirklich eine unmögliche Kuh!“ zischte der Mann. Leider ertönte in diesem Moment auch ein erstes Läuten, mit dem das nahe Ende der Pause signalisiert wurde! Carl bedauerte das, denn die überaus passende Charakterisierung der Dame kam dadurch nicht mehr richtig zur Geltung.

Ilse, hatte aber die klare Ansage verstanden, sie sprang auf und warf Carl einen tödlichen Blick zu: „Na, sind Sie jetzt zufrieden, dass Sie und ihre feine Bekanntschaft mich die gesamte Pause über mit ihren Pöbeleien an diesem unsäglichen Tisch festgenagelt haben? Unfassbar, sagen Sie von wo kommen Sie denn? Soviel Rücksichtslosigkeit gegenüber einer Frau hab ich noch nie erlebt! Entsetzlich welch ein Pöbel sich heutzutage selbst schon in der Oper herumtreibt!“ Mit den letzten Worten schubste sie die etwas außer sich geratene Gerlinde zur Seite und eilte zu ihrem zornigen Pressepartner, der sie gleich weiter beschimpfte…

Carl blieb dagegen kaum noch Zeit sein Bier auszutrinken! Doch gut gelaunt schaufelte er auch noch Gerlindes Lachshäppchen in sich hinein: denn dieser rabiate, rothaarige Alptraum gestaltete plötzlich auch für ihn den Opernabend zu einem höchst erquickenden Spektakel! Besser und deutlicher als sie, konnte selbst Mozart mit seiner liebestollen Donna Elvira und verstörten Donna Anna nicht zeigen, wie weitab von jeder Logik sich Frauen immer noch in der Welt herumtummelten! Eine Tatsache, die er, Carl, schon seit Jahr und Tag predigte, Gerlinde aber nie zugeben wollte! Auch jetzt schüttelte sie nur wortlos ihren Kopf und raste rundum verärgert mit Hannelore zu ihrem Sitzplatz. Hoffentlich war der noch frei und nicht auch schon von dem rothaarigen Monster okkupiert? Wenn ja – wär’ Carl mit Sicherheit im zweiten Akt nicht mehr eingenickt…

KH

Klaus Hnilica
Dienstag, der 20. Mai 2014

Fast allein im Bett…

Carl und Gerlinde (XXXV)

Fantastisch – endlich hatte Carl ein ganzes Wochenende für sich!Er konnte tun und lassen was er wollte – und musste mit keiner Gerlinde noch zum Einkaufen hetzen und zum Samstagnachmittagkaffee, bevor es abends nach Frankfurt ins Kino ging! Oder ins Theater, die Oper – oder gar ins Konzert! Trost brachten eigentlich nur die Schoppen danach. Doch auch den dicken Kopf, wenn er gleich am nächsten Tag im Morgengrauen mit Gerlinde um die Wette strampeln musste, da Bewegung ja so gesund war! Selbst bei Regen wurde erst vom Rad gestiegen, wenn die aufgeweichte Haut am Po erste Wellen schlug. Gott sei Dank stieg er wenigstens vom Elektrofahrrad!

ZFast img114 „Endlich hast du einmal Ruhe von mir“, zwitscherte Gerlinde neckisch, als sie Samstagmorgen am Bahnhof aus seinem Auto sprang. Für einen flüchtigen Kuss reichte es grad noch, dann verschwand sie auch schon in ihrer schnatternden ‚Girly Group’: man fuhr nach Köln, um sich weiß Gott was für einen Kram anzuschauen…

Unglaublich! Er saß jetzt tatsächlich ganz alleine zu Hause auf seiner Terrasse! Nur er und sein Bier! Beide linsten zufrieden in einen Garten, der ihnen fast jubelnd entgegenblühte. Welch wunderbare Ruhe. Niemand laberte ihm die Ohren ab. Und niemand beschimpfte sein Bierchen. Er hörte sogar die Vögel singen: die waren ihm noch nie aufgefallen, außer sie lagen ohne Kopf beim Rhododendron, weil Nachbars Angorakatze Stuppsi wieder auf Kriegspfad gewesen war. Aber mit Kopf tirilierten sie jedenfalls beeindruckend, selbst wenn Carl keines dieser emsigen Klangwunder benennen konnte. Schade eigentlich, über Vögel hätte er gerne mehr gewusst; vermutlich gab es da eine ähnliche Vielfalt wie bei den Bieren, die auch beachtlich war.

Eigentlich war es etwas schwül heute Vormittag! Umso mehr genoss Carl die angenehme Kühle auf der Terrasse. Vollkommen entspannt ließ er Schlückchen für Schlückchen in sich hineingurgeln, musste dann allerdings schnell feststellen, dass auch dieses Fläschchen schon wieder leer war. Donnerwetter – das ging ja ratzfatz! Vermutlich war es gar nicht richtig voll gewesen: heutzutage musste man ja mit allem rechnen…

„So und was tun wir jetzt?“ fragte Carl dann laut den Hibiskusstrauch vor ihm, während er in sich hineinhörte, um auch die nächsten Schritte optimal gestalten zu können. Auf keinen Fall wurde auch nur ein Handschlag im Garten gemacht! Das stand fest! Dazu war die ‚Gerlindelose Zeit’ viel zu kostbar. Heute wollte er wirklich einmal so richtig ‚die Seele baumeln lassen’, wie sein Freund Kurt zu sagen pflegte.

Immerhin war es jetzt zehn Uhr und der Vormittag noch blütenweiß und unverbraucht! Gott – die Zeitung! Auf die hätte er beinahe vergessen. Das war’s doch! Dazu einen wunderschönen Espresso – und da ihn heute keine strafenden Gerlindeblicke in die Hölle schickten, durfte er sich auch die eine oder andere seiner feinen ‚Davidoff–Zigarillos’ genehmigen!

Die blöde Espressomaschine war unerwartet sperrig! Doch nach drei ‚Herzinfarkt nahen Anläufen’ und einer nicht unerheblichen Überschwemmung in der Küche hatte er’s geschafft. Danach lauerte allerdings schon die nächste Nobelpreis verdächtige Aufgabe: es musste ihm gelingen, aus Gerlindes tausendfacher bunter ‚Nespressokapselvielfalt’ genau jene Kapsel herauszufischen, die ihn in die von ihr kultivierte Espressoglückseligkeit gleiten ließ! Doch diese Anforderung bewältigte Carl überraschend pragmatisch! Er trank zwei Schnäpse, schloss die Augen, griff sich irgendeine Kapsel und stand dreißig Minuten später schon mit einem herrlich duftenden Etwas auf der Terrasse! Tja wenn es sein musste, konnte er eben alles!

Leider war starker Wind aufgekommen. Es begann auch zu regnen und Carl meinte sogar ein leichtes Grollen aus der Ferne zu hören. Die Zigarillo lockte bei diesem Wetter natürlich nicht mehr so stark. Aber Carl ließ sich die Laune nicht verderben. Er kroch mit seinem Espresso ins Haus zurück, schloss die Terrassentür und machte es sich auf dem ausladenden, weichen Ledersessel bequem. War auch nicht schlecht! Und statt der Zigarillo genehmigte er sich einen prickelnden Aperol Sprizz. Und weil der gar so schmeckte, gleich noch einen hintennach. Ja und dann war da noch die Zeitung gewesen! Doch als er unschlüssig nach ihr zu suchen begann, spürte er plötzlich irgendwie ein leichtes Hungergefühl in sich hochsteigen. Die kleine Portion Heringssalat, die Gerlinde um diese Zeit gelegentlich mit einem Stück Schwarzbrot als Brunch servierte, wär’ jetzt nicht schlecht gewesen. Zugegeben. Aber es ging auch ohne! Ja sogar sehr, sehr gut ohne! Außerdem hinderte ihn niemand daran, das von Gerlinde vorbereitete Spargelrisotto zu wärmen – mit Lachs, den er nur aus dem Keller holen musste. Aber sollte er sich wirklich jetzt in die Küche stellen und herumpatzen? Das wär ja noch schöner gewesen: er schickte doch nicht seine ‚Haushaltsgeliebte’ für ein komplettes Wochenende nach Köln, um selbst in der Küche herumzuturnen? Aber hallo, wo waren wir denn? Er musste sich doch nicht vollständig zum Affen machen. Als Mann war man heutzutage ohnehin von morgens bis abends der Depp, oder?

Draußen krachte es richtig! Tatsächlich war ein Gewitter aufgezogen. Von wegen ‚schnell mal zum Italiener gehen’, war nicht mehr! Die hereingebrochene Sintflut war schlimmer als alles was er je auf Gerlindes Regenmarathonradtouren erlebt hatte! Selbst Stuppsi wurde vom letzten erreichbaren Vogelnest weggespült und suchte verängstig zwischen den Mülltonnen Schutz. Gerlinde hätte hämisch gegrinst, sie hasste diese Vogelmörderin! Besorgt pilgerte Carl von Fenster zu Fenster, um den Weltuntergang aus allen nur möglichen Blickwinkeln miterleben zu können: auch wie sich seine prächtige Trauerbirke bei jeder neuen Böe in einen ängstlichen Bodendecker verwandelte und Nachbars Riesenfichte frech zu seiner Terrasse herüberfasste – noch ein, zwei Windstärken mehr und sie fingerte mit ihrem Wipfel prompt in seinem vierten Aperol Sprizz herum…

Gegen 15.00 Uhr überfiel Carl ein derartiger Heißhunger, dass er sich kurz entschlossen doch über Gerlindes Spargelrisotto machte. Ohne Lachs, denn das blöde Vieh hatte natürlich vergessen sich rechtzeitig aufzutauen! Na ja – von Fischen konnte man nicht mehr erwarten. Und das Risotto war offensichtlich ähnlich tumb und brannte an – aber es half ihm nichts, Carls Hunger trieb es trotzdem durch seine Speiseröhre und wie es mit den nachgeschütteten Schnäpsen zurecht kam, war dann wirklich nicht mehr sein Problem. Und das Geschirr auf dem Tisch konnte ihm auch gestohlen bleiben. Für ihn gab es jetzt nur noch sein weiches Bettchen im abgedunkelten Schlafzimmer…

Als Carl aus dem Mittagsschlaf hoch schreckte, war es Punkt 18.00 Uhr! Das war knapp – noch ein Viertelstündchen länger und er hätte den Beginn der Sportschau verpasst! Hurtig schlüpfte er in seinen Morgenmantel, schnappte sich ein Bierchen und ein paar Chips und schon saß er vor dem Fernsehapparat! Das heißt er lag mehr als er saß – denn heute konnte er ja genüsslich seine nackten muskulösen Beine in voller Länge auf die kühle Glasplatte des Beistelltisches platzieren. Wenn er sie kurz anhob, was bauchmuskeltechnisch gar nicht ohne war, waren da echt prächtige dunkle Flecken auf der frisch polierten Glasplatte. Carl verzichtete auch freiwillig auf die bequemen Kissen, die er sonst unterlegte. Denn das wär nur der halbe Spaß für Gerlinde gewesen: die richtigen satten Abdrücke brachten nur kräftige, schwitzende Männerbeine! Das war Tatsache!

Tatsache war aber auch, dass Dortmund gegen Leverkusen nicht mehr gewinnen konnte, sondern schon wieder Unentschieden spielte und dass er schon wieder Hunger hatte! Musste er jetzt wirklich den ganzen Fresskram selbst herbeischaffen? Und auch noch Aufdecken und danach wieder alles wegräumen? Nee, das konnte Gerlinde an seinem freien Tag wirklich nicht von ihm wollen – so boshaft konnte selbst sie nicht sein. Energisch zog Carl seine nackten Beine von der Glasplatte, langte im Kühlschrank nach der aufgeschnittenen Zungenblutwurst und trabte dumpf wie ein angezählter Elch auf die Terrasse. Der Abend war überraschend mild nach dem fürchterlichen Unwetter! Carl konnte es gar nicht fassen. Mit ungeahnter neuer Beweglichkeit schaffte er binnen weniger Minuten Weißbrot, Käse, Butter, zwei Flaschen eiskalten Jechtinger Rivaner und die volle Packung Zigarillos auf den Terrassentisch. Und als sich dann auch noch die völlig durchnässte Stuppsi aus der Nacht schälte und ihn verängstigt beäugte, warf er ihr gutgelaunt eine köstliche Zungenblutwurstscheibe nach der anderen hin… Nur – warum dann auch noch Gerlinde aufgetaucht war, konnte sich Carl beim besten Willen nicht erklären, als er in der Nacht kurz aus seinem Tran hoch dämmerte. Sie war es doch, oder? Wenn auch auf der falschen Bettseite? Er hatte ihr doch gerade mehrfach durch ihr flauschig feuchtes Wuschelhaar gekrault? Gerlinde liebte das, sie konnte dann schnurren – wie die Stuppsi… KH

 

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. September 2013

Männer in Not – oder die lauernde Erotik im Haushalt

Carl und Gerlinde (XXXIV)

„Du warst beim Friseur!“ stellte Gerlinde überrascht fest, als sie das Glas Spätburgunder hob und Carl mit vollem Mund zuprostete; ein  unerklärlicher Heißhunger zwang sie, gleich noch ein Stück Vollkornbrot mit der köstlichen italienischen Mortadella nachzuschieben, obwohl sie den ersten Bissen noch gar nicht vollständig geschluckt hatte..

ZFimg089„Du – ja – auch – vor – zwei – Tagen …“, würgte Carl in letzter Sekunde aus sich heraus, bevor er mit blutrotem Kopf an einem üblen Hustenanfall zu ersticken drohte: er hatte sich verschluckt!

Immerhin brachte er alles noch soweit unter Kontrolle, dass die im Riesling schwimmende ungarische Salami in seinem Mund, nicht gänzlich über den frisch gedeckten Tisch verteilt wurde.

Doch während er mit Gerlindes Hilfe die schlimmsten Folgen des ‚Wurst-Wein-Chaos’ beseitigte, rang er immer noch nach Luft und hüstelte unentwegt in einem gedämpften Stakkato vor sich hin; aus seinen geröteten Augen drückten dicke Tränen…

„Ich wundere mich ja, dass du meinen Friseurtermin überhaupt wahr genommen hast“, sagte Gerlinde mitleidig spöttelnd, als Carl wieder ansprechbar war; sie leerte ihr halbvolles Glas nach dem überstandenen Schreck in einem Zug.

„Klaro – so was seh’ ich immer…“, krächzte Carl mit belegter Stimme.

„Dann könntest du ja zur Abwechslung auch einmal etwas sagen, oder?“

„Wieso denn, du weißt doch, dass du mir immer gefällst…“!

„Hm – hättest du bei deinem Friseurbesuch nur einen Blick in die neue ‚Bild der Frau’ geworfen, dann wüsstest du, wie wichtig so kleine positive Anmerkungen in Partnerschaften sind, mein lieber Carl!“

„Das mag sein“, sagte Carl und hüstelte sich erneut die Kehle frei, „dafür kenn ich aber die Probleme, die der Jogi Löw mit dem Mats Hummels hat und weiß, dass der Schweini beim Guardiola immer noch nicht richtig angekommen ist…“

„Apropos, Schweini – hast du auch den Schweinkram im „Stern“ gelesen?“ fuhr Gerlinde dazwischen.

„Nein – aber du wirst ihn mir bestimmt gleich erzählen – euch Frauen interessiert ja so etwas immer“, feixte Carl und nippte nach seinem überstandenen Erstickungstod ein erstes Mal wieder vorsichtig an seinem Riesling.

„Du –  ich weiß gar nicht, wie man darüber reden soll, aber laut „Stern“ passieren angeblich im Nachgang zu der Erotiktrilogie ‚Fifty Shades of Grey’ in London plötzlich die abenteuerlichsten Unfälle…“

„Keine Ahnung, Gerlinde – ich hab nur gelesen, dass sich der Poldi bei Arsenal London verletzt hat“, sagte Carl süffisant – jetzt wieder bei voller Stimme, und füllte Gerlindes leeres Glas aufs Neue mit dem seidigen Spätburgunder, der auch schon eine gewisse Wirkung in Gerlindes Äuglein zeigte, denn sie sagte kichernd: „du mit arsenal oder anal oder so haben die Unfälle in London nichts zu tun, die Feuerwehr hat da echt ganz andere Probleme zu lösen, wirklich peinliche…“

„Wie peinlich?“

„Na – die nackigen, entfesselten Gefesselten wissen offensichtlich nicht nur nicht, wie sie ihre Schlüsselchen für die Handschellen wieder finden, wenn sie sich nackig gefesselt haben, sondern müssen auch immer wieder aus allen möglichen Haushaltgeräten befreit werden, in denen sie sich auf die peinlichste Weise verfangen haben…“

„Aus Haushaltsgeräten?“

„Ja – aus Toastern, Staubsaugern und anderen praktischen Gerätschaften – und natürlich sind’s wieder die Männeken, die da rausgeholt werden müssen, lieber Carl…“

„Wie, die müssen aus Toastern befreit werden? Das glaub ich nicht!“

„Doch, Carl – steht laut „Stern“, alles im Londoner Feuerwehrreport…“

„Oh Gott“, stöhnte Carl, trank endlich das angefangene Glas Riesling aus, fuhr sich mehrfach mit einem Papiertaschentuch über seine tränenunterspülten Augen und sagte: “wieso plagen wir uns eigentlich bei TRIGA jede Saison aufs Neue mit immer raffinierteren Wäschekollektionen ab, wenn nach ‚Fifty Shades of Grey’ nicht nur Handschellen und Reitpeitschen die Leutchen in Fahrt bringen, sondern auch die stinknormalen Haushaltgeräte? Die Toaster und Staubsauger? Irgendetwas stimmt doch da nicht Gerlinde, oder?“

„Das ist eine gute Frage, Carl…“ sagte Gerlinde mit flackerndem Blick und unschuldig hochgezogenen Schultern, „aber vielleicht stimmt ja auch mit uns beiden etwas nicht? Vielleicht sind du und ich ja schon so abgestumpft, dass wir überhaupt nicht mehr in der Lage sind, genug Fantasie aufzubringen, um uns solche Dinge vorzustellen?“

„Also bitte – Gerlinde – jetzt gehst du aber zu weit…“

„Wieso zu weit? Hannelore hat schon alle drei Bände der Trilogie durch…“

“Und der Kurt“?

“Der interessiert sich auch nur für die kaputten Sprunggelenke von diesem Grötze oder Grütze…“

“Götze – Mario Götze, liebe Gerlinde… immerhin sind die zierlichen Sprunggelenke dieses ‚Götzen’ mehr als 30 Millionen Euro wert!“

“Na ja, so wertvoll bist du definitiv nicht, lieber Carl, das weiß ich ganz bestimmt – auch wenn ich schon ein bisschen betütelt bin! Aber immerhin könntest du deinen nur geringfügig niedrigeren monetären Wert schnell anheben, wenn du mir noch eines dieser köstlichen Fläschchen Spätburgunder aus dem Keller holst, was meinst du dazu“?

„Aber nur, wenn du mir versprichst, mich nie mit Handschellen zu fesseln – und schon gar nicht nackig…“, insistierte Carl und unterstrich seine Forderung dadurch, dass  er ein weiteres Glas kühlenden Riesling durch seine wieder genese Kehle jagte.

„Versprochen“, flötete Gerlinde.

„Gut, dann mach ich mich vollkommen entfesselt auf den Weg in den finsteren Keller“, grinste Carl.

„Aber vorher musst du mir noch schwören, dass du dich niemals und unter keinen Umständen an meiner Haushaltgerätschaft vergehen wirst! Schwöre das, Carl…“ lallte Gerlinde, schob mit großer Geste ihren schmutzigen Teller samt Besteck weit von sich, und bettete vorsichtig ihr schwer gewordenes Köpfchen auf den Tisch…

„Ich schwöre…“, intonierte Carl laut und sichtlich zufrieden, dass seine Stimmbänder wieder intakt waren.

Aber da Gerlinde bereits deutlich hörbar durch Worte nicht mehr zu erreichen war, sagte Carl auf dem Weg in den Keller zu sich selbst, dass die Alten vormals schon ihre guten Gründe gehabt hätten, darauf zu achten, dass Küchenarbeit und Putzen reine Frauensache blieb…!

Schließlich sollten ja ihre triebhaften jungen Männer möglichst unverstümmelt in die Kriege ziehen können…

Nicht so wie heute, wo die armen Männer nicht nur bei jeder Art von  Frauenkram mitmachen müssen, sondern dabei auch noch von Toastern und Staubsaugern attackiert werden…

Schlimme Zeiten sind das, murmelte Carl in den muffigen Keller – konnte sich dann aber am nächsten Morgen definitiv nicht mehr erklären, warum er voll bekleidet in Hose und Pullover auf seinem Bett lag – und die schlafende Gerlinde mit pinkfarbenen Handschellen an ihn gefesselt war.

KH