Roland Dürre
Samstag, der 16. März 2019

MACHT in sozialen Systemen

Im letzten Artikel habe ich über die drei Begriffe FREIHEIT, LIEBE und MACHT nachgedacht.

Als ich noch mächtig war 😉

Quasi als Fortsetzung zu diesen Überlegungen beschäftigt mich heute die Frage:

Wie ist das mit den Unternehmen und allgemein der Gesellschaft und der MACHT?

Die MACHT spielt auch im Kontext mit Bewegungen wie  #newwork, „demokratisches Unternehmen“ und intrinsify.me eine wesentliche Rolle. MACHT bestimmt nicht nur in Unternehmen, sondern auch das politische System, das unsere soziales Zusammenleben als Staaten organisieren will.

MACHT gehörte immer wie selbstverständlich den Männern. Bei uns immer noch den alten weißen Männer. Frauen waren und sind es wohl immer noch außen vor, es sei denn sie gebärden sich wie Männer. Und die Kinder werden klein gemacht, wenn sie sich zu Wort melden – weil sie sich um ihre Zukunft sorgen.

Die MACHT ist relevant in Kirchen, Vereinen, Familien und Beziehungen, also sozialen Systemen aller Art. Da sieht es auch nicht anders aus. Es geht immer darum, wer an der MACHT ist und wer nicht.Wer die MACHT hat, dem geht es besser.

Gestern

Seit der Antike gibt es in unserem Kulturkreis eine herrschende Schicht, die die Macht hat. Im Mittelalter hatten wir Feudalismus und Prekariat. Schon in Griechenland gab es Bürger und Sklaven. Bei uns im Mittelalter gab es Herren (Grundbesitzer, Adel, Kirchenfürsten), ein paar freie Bürger und Leibeigene (die Leibeigenschaft ist eine auch eine Art von Sklaverei). Die Leibeigenschaft war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern Europas auf dem Land – sprich dort wo die wichtigen Lebensmittel hergestellt wurden – ganz normal. Stadtluft mach frei – so fing die Eigengehörigkeit in den Städten an. Und dann kam die Revolution und die Aufklärung mit ihren nationalen Kriegen.

Wie ging es weiter?

Heute

Heute gibt es eine Mittelschicht. Noch? Die hängt zwischen den ganz Reichen und den Armen. Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Die Mittelschicht scheint zu verschwinden.

Morgen

Da vermute ich, dass es dann wenige und sehr Reiche geben wird. Die ganz große Mehrweit wird Teil des Prekariat. Wir schlagen nach:

 


Pre·ka·ri·at
/prekaˈri̯aːt,Prekariát/
Substantiv, Neutrum [das] Politik • Soziologie

Bevölkerungsteil, der, besonders aufgrund von anhaltender Arbeitslosigkeit und fehlender sozialer Absicherung, in Armut lebt oder von Armut bedroht ist und nur geringe Aufstiegschancen hat.


 

Das Fremdwort Prekariat kann man sich über prekär gut merken. Die Angehörigen des Prekariats werden in „prekären“ Lebensverhältnissen leben. Auch da schauen wir wieder nach, was heißt prekär?

 

pre·kär
Adjektiv
bildungssprachlich

  1. so beschaffen, dass es schwierig ist, richtige Maßnahmen, Entscheidungen zu treffen, dass man nicht weiß, wie man aus einer schwierigen Lage herauskommen kann
  2. eine prekäre [wirtschaftliche, finanzielle] Situation“

 

Die Prekären werden ziemlich rechtlos sein, beherrscht von einer Oligarchie aus Parteien und Verbänden. Als Folge von Klimakatastrophe, Zerfall der Infrastruktur und ähnlichem werden die Menschen im Prekariat die ganz große Mehrheit sein. Gelenkt wird sie durch die Religion des Konsumismus. So könnte eine neue Sklaverei entstehen, die aber nicht mehr auf Fremdgehörigkeit fusst, sondern sie wird durch Überwachung und Manipulation in Abhängigkeit gehalten. Diese große Mehrheit dürfte von einer kleinen Schicht eines pseudo-demokratischem Feudalismus beherrscht werden.

Ein kurzes Jahrhundert haben wir geglaubt, dass die Demokratie die „Bürger“ zum „Souverän“, also den Mächtigen gemacht hat. Wir stellen jetzt überrascht (?) fest. dass dies eine Illusion war.

Wir können jetzt nur hoffen, dass es auch in Zukunft noch für Brot und Spiele reichen wird.

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 15. März 2019

Freiheit, Liebe, Macht.

Drei ganz wichtige aber sehr abstrakte Begriffe.

 

Großer Empfang – mit Baby-Fläschchen (1984).

Wie ich jung war, habe ich mich am meisten mit FREIHEIT beschäftigt. Die war mir sehr wichtig. Und da ich so ein wenig ein Kopf-Messie bin, habe ich Definitionen für Freiheit gesammelt. Und auch einen Artikel mit acht Definitionen von Freiheit geschrieben.

Keine Angst, so etwas „wie die Freiheit des Autofahrers“ ist da nicht dabei. Dafür fehlt dort eine schöne Beschreibung von Freiheit, die ich hier nachreiche. Sie stammt vom deutschen Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling (Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, ab 1812 Ritter von Schelling, * 27. Januar 1775 in Leonberg, Herzogtum Württemberg; † 20. August 1854 in Ragaz, Kanton St. Gallen).
 


Der ist beglückt,
der sein darf was er ist,
der Bahn und Ziel
mit eignem Auge misst.


 
Wie ich älter wurde hat mich der Begriff der LIEBE fasziniert. Dazu habe ich schon einiges geschrieben, siehe auch Ein Tag mit der Liebe.

Und erst die Erfahrungen der letzten beiden Jahre haben mich auf den Gedanken gebracht, dass MACHT der zentrale Begriff unseres sozialen Lebens ist. Sie definiert und beeinflusst soziales Leben herausragend. Also mache ich mich auf die Suche. Da finde ich:

 


Macht
Mácht
[ohne Plural]
Gesamtheit der Mittel und Kräfte, die jemandem oder einer Sache andern gegenüber zur Verfügung stehen; Einfluss
„seine ganze Macht aufbieten, etwas zu erreichen“
[meist im Plural]
etwas, was eine besondere bzw. geheimnisvolle Kraft darstellt, besitzt
„dämonische, geheimnisvolle Mächte“


 

Das ist mir zu wenig im Kontext mit unserem Leben in sozialen Systemen.

Bei Gerhard Wohland finde ich schon mehr
 


Macht ist der soziale Konsens, mit dem trotz Dissens gehandelt werden kann. Ohne hierarchisch geordnete Macht sind weder Organisation noch Unternehmen möglich. Romantischem New Work ist dieser Zusammenhang peinlich. Aber auch verheimlichte Macht ist Macht – nur weniger nützlich.


 
Wow, das muss ich erst mal nach denken. Bis auf die Bewertung des Nutzens am Ende bin ich da dann doch einverstanden.

Dann frage ich mich bei Freunden um und finde folgende zwei Definitionen:

 


Macht ist, wenn man ungestraft lügen darf.

und

Macht ist, wenn man die Definitionshoheit hat.


 

Man merkt schon, dass es sich lohnt, über den Begriff  MACHT nach zu denken und nach zu lesen. Das werde ich machen – und wenn ich ein wenig schlauer oder weiser bin, auch mal darüber schreiben.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 4. Februar 2019

Wert, Moral, Prinzip – was bedeutet was?

 Freiheit? Moral? Wert? Prinzip? Wahrheit? Gewissheit?

Mit schön klingenden Begriffen und durch die Nutzung von „buzzwords“ versuchen Politiker und das Marketing der großen Konzerne die Menschen zu beeindrucken (und zum Kaufen zu bringen). Die einen, weil sie unsere Stimme wollen, die anderen, weil sie unser Bestes – unser Geld – wollen.

Der vorsätzlich schlampige Umgang mit Sprache ist Teil der „neuen Unredlichkeit“.

Sprache soll manipulieren. Es gibt soviele Begriffe, die gut geeignet sind, Menschen zu verführen. Die werden in den großen Aussagen benutzt. Dies besonders gern von Leuten, die sich selbst im Besitz einer wie auch immer gearteten Wahrheit meinen (korrekt wäre das als Gewissheit zu bezeichnen). Sie nutzen Begriffe, die sie zwar selber nicht verstehen, von denen sie jedoch erhoffen, dass sie helfen ihre Gewissheiten zu verkaufen.

Sie beschäftigen sich nicht damit, was diese Worte eigentlich bedeuten, sondern plappern sie einfach nach. Wir sollten wir die Aussagen, die auf uns prallen, genauso wie die verwendeten Worte gründlich auf den Prüfstand stellen. Den wir leben im Zeitalter des unverantworteten Geschwätzes.

1983 hatte ich das Glück an einem sehr hochwertigen Management Seminar zum Thema Dialektik in Frankfurt bei Rupert Lay Teil haben zu dürfen. Rupert Lay galt damals als der Nestor in Deutschland für das Themas „Ethik im Management“, das damals sehr modern, ja fast „hype“ war. Da habe ich viel gelernt und mein Leben lang versucht weiter zu lernen.

Als ich Sprache lernte, was Sprechen heißt, da war ich 33 Jahre alt. Ziemlich spät, hätte auch früher sein dürfen. Meine sechs Seminar-Kollegen waren Spitzen-Manager aus der Industrie, Präsidenten mächtiger Verbände und Politiker in herausragenden Ämtern. Sie  alle waren um die 30 Jahre älter als ich. Die waren mit dem Lernen also noch später dran.

Nach einem kurzen Diskurs zum Aufwärmen waren alle sechs der inbrünstigen Meinung, dass die Freiheit ihr wichtigste Gut wäre und sie sofort bereit wären, für dieses Gut zu sterben. Als ich mich von beiden Aussagen distanzierte, wurde ich wie ein Aussätziger behandelt. Gut, ich war der Jüngste, hatte die längsten Haare auf dem Kopf und keine Krawatte an. So konnten mich die älteren Silberschläfen ja gar nicht ernst nehmen.

Dummerweise war das ganze symmetrisch. Denn mir kamen die Sechs ziemlich fremdgesteuert vor, also als genau das Gegenteil von frei. Wenn ich ehrlich bin, empfand ich meine sechs Seminar-Kollegen als Prototypen von unfreien Menschen. Typische Systemagenten, die in ihrem faschistischem Gefängnis gefangen waren.

Das war keine gute Voraussetzung für das Gelingen des Seminars. Trotzdem habe ich in diesem Seminar begonnen, Philosophie und Rethorik als für mich wichtig zu sehen und Wert zu schätzen. So habe ich gelernt, genau hinzuhören, Sprache zu analysieren und mit schwierigen Begriffen nicht unachtsam sondern kritisch umzugehen. Und versuche das seit dem aktiv zu leben.

Wegen dem Bild unten:

Keine Angst, ich mache in diesem Blog keine CDU-Reklame. Eine Partei, deren Vertreter kurz nach dem 2. Weltkrieg konspirativ und in Geheimverhandlungen die Wiederbewaffnung vorbereitet und dann gegen die Proteste der Menschen durchgesetzt hat (und damit auch die Wiederauferstehung der deutschen Rüstungsindustrie ermöglicht hat), wähle und unterstütze ich nicht. Weil ich glaube, dass damals in Deutschland eine historisch einmalige Chance für uns Menschen aus Angst für immer kaputt gemacht wurde.

Nein, es geht mir um dem Text im Plakat, bzw. den Text im dazu gehörigen Tweet.

Das Bild illustriert einen Tweet, den der  verifizierte Account der CDU Deutschlands‏ (bitte ohne Bayern) geteilt hat.

Frau Annegret Kramp-Karrenbauer hat diesen Tweet unter Ihrem Account @akk  weitergeleitet. So kam er zu mir.

Hier der Text des von @akk  weitergeleiteten – Tweets mit diesem Bild:


Im Interview mit mahnte : „Ich erwarte von Menschen, die zu uns kommen, dass sie unsere Werte akzeptieren – und vor allem erwarte ich von uns selbst, dass wir dafür eintreten!“


Der Satz scheint mir vom Marketing zu kommen. Irgendwie ist er in seiner Bipolarität genial. Enthält der Satz doch eine scheinbar einfache Forderung an die Menschen.

Die „zu uns kommen“ sollen „unsere Werte“ akzeptieren. Wir, die wir „uns selbst“ sind, weil wir schon hier sind sollen für diese „unsere Werte“ eintreten!.

Die Schwachstelle in diesem Satz ist natürlich der Begriff „Werte“. Was sind denn überhaupt“Werte“? Und noch schwieriger: Was sind den „unsere Werte“.

Wie sollen die, die zu uns kommen, unsere Werte kennen, wenn wir selber sie nicht wissen?

Ich meine, dass es eine sehr große gesellschaftliche Aufgabe wäre, einen Konsens zu erarbeiten, was denn unsere Werte sind? Auch wenn diese Aufgabe nicht lösbar zu sein scheint.

Hierzu ein paar Gedanken.

Wenn ich den Begriff „Wert“ verstehen will, dann suche ich zuerst Mal nach verwandten Begriffen, wie Moral oder Prinzip. Ich suche einen Oberbegriff (weil ich mich beim Verstehen und auch Beschreiben eines Begriffes leichter tue, wenn es einen Oberbegriff gibt, den ich nutzen kann und die Unterbegriffe voneinander abgrenze. Das ist erstes Semester in Philosophie).

In Wikipedia gibt es eine Übersichtsseite zu den vier Buchstaben „WERT“. Der erste Block dort enthält eine Aufzählung allgemeiner Begriffsnutzungen des Wortes „WERT“, die für unser Thema nicht hilfreich sind. Auch dieser Block ist übrigens nicht vollständig, z.B. fehlt der Begriff, der den „Wert“ (Inhalt) einer Variablen im Sprachspiel des Programmierens beschreibt.

In unserem Kontext ist der zweite Block des Artikels wichtig, den ich hier kopiert habe.


(Wikipedia – Wert – Stand 3. Februar 2019, zweiter Textblock)

Werte steht für:


Jetzt weiss ich nicht, wass die christlichen Werte in dieser Aufzählung sollen. Richtiger wäre hier „religiöse“ Werte. Man könnte die „christlichen“ als Beispiel nehmen. Und müsste die „Werte“ anderer Religionen aufnehmen. Vielleicht kann man die Werte auch irgendwie mit Mentalität (neudeutsch mindset) beschreiben. Unsere Werte wären dann unser gemeinsamer „mind set“. Aber haben wir den?

Wenn die geschichtliche Tradition unser christlich-abenländische Werte beschworen wird, muss ich immer daran denken, dass bei uns bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Tradition der auch vom Christentum unterstützten und genutzten Leibeigenschaft gepflegt wurde, die man auch als Sklaverei bezeichnen kann. Das macht zumindest für mich die Tradition nicht besser. Nur zur Erinnerung: Meist waren Leibeigene auch Grundhörige, oft war der Grundherr zugleich der Leibherr des Bauern. Und wem gehörte der Grund?

Der erste Eintrag im oberen Block Wertvorstellungen trifft es schon besser. Wir lernen, dass es um Vorstellungen von Werten geht. Was sind eigentlich Vorstellungen? Visionen oder Halluzinationen? Der Eintrag zeigt uns auch, wie schnell wir mit Werten in die Nähe von wertender Moral kommen. Die meint, wir verfügen über die Wahrheit, was gut und was schlecht ist. Aber was ist schon gut oder schlecht?

Wenn wir bei Wikipedia weiterlesen, dann finden wir zu Moral:


Moral bezeichnet zumeist die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen. Der Verstoß gegen Moralvorstellungen wird als Unmoral bezeichnet, Amoral benennt das Fehlen bzw. die bewusste Zurückweisung von Moralvorstellungen, bis hin zur Abwesenheit von moralischer Empfindung.


Wow, schon sind wir bei Mustern, Konventionen, Regeln und Prinzipien! Also treiben wir das Spiel weiter und lesen den Artikel zum Prinzip. Jetzt wird es wirklich kompliziert. Deshalb beschränken wir uns auf einen Satz:


Allgemeinsprachlich handelt es sich bei einem Prinzip um einen Grundsatz, eine feste Regel, an die man sich hält.


Jetzt stellt sich die Frage:
Hat der Autor (AKK hat diesen Satz ja bestimmt nicht selber geschrieben) von dem schönen Werbesatz wirklich Werte gemeint? Oder Moral? Oder Prinzipien?

Oder soll das heißen, dass die, die zu uns kommen, gefälligst an die bei uns gültigen Regeln und Grundsätze halten müssen und wir die Aufgabe haben, dafür zu sorgen, dass sie eingehalten werden?
Und schon klingt das alles ganz anders.

Ich vermute mal, dass die Person, die diesen Satz formuliert hat, selbst nicht weiß, was sie da sagen wollte.

Weil sie an so etwas gar nicht gedacht hat (und wahrscheinlich überhaupt nicht in der Lage dazu war). Es sollte halt nur ein schöner Marketing-Satz werden, der gut klingt und ankommt. Treu der „neuen Unredlichkeit“ unserer Kommunikation verhaftet.

Wenn Ihr Euch interessiert, wie Frau Annegret Kramp-Karrenbauer den Satz auf diesem Plakat interpretiert, könnt Ihr sie ja unter @akk dazu mal befragen.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 5. Januar 2019

RADIKAL.

Aufs Wohl der radikalen Ketzer!

In der Diskussion in den Kommentaren zum Artikel von Hans Bonfigt hat der Begriff „radikal“ eine wichtige Rolle gespielt. Das hat mich dazu gebracht, mal über das Wort RADIKAL nachzudenken. Weil mir das „radikal sein“ irgendwie als sehr wichtig erscheint.

Laut de.Wiktionary.org/wiki/ sind sinnverwandte Wörter entweder
[1] hart, rücksichtslos, unerbittlich, unnachgiebig
oder
[2] deutlich, gründlich, merkbar, merklich, umfassend

In Wikipedia selber habe ich keine nutzbare Definition von „radikal“ gefunden. Politikwissenschaftlich gibt es dort den Verweis auf Radikalismus, soziologisch wird auf Radikalität als Eigenschaft des Wandels verwiesen, siehe Sozialer Wandel.

Es gibt also zumindest in der deutschen Wikipedia aktuell keine Definition des so oft genutzten Wortes „radikal“. Das zeigt schon, wie schwer die Diskussion dieses Begriffs ist. Das erscheint mir fast logisch, weil wir Menschen uns ja besonders gern über Dinge streiten, von denen wir gar nicht wissen was sie bedeuten. Einfach, weil wir dazu neigen, gerade Begriffe, die wir nicht verstehen oder definieren können, besonders stark emotional besetzen.

Jetzt spekuliere ich mal, was radikal so heißen könnte. Oder wie ich es verstehe. Dazu habe ich ein paar Tage des Nachdenkens gebraucht. Dann kam ich darauf, dass mir „radikal“ besonders im Bezug aufs „Denken“wichtig ist. Also das „radikale Denken“, was der Hans Bonfigt nach meinem Verständnis immer wieder mal macht.

Ich meine, das „radikal denken“ bedeutet, dass die Gedanken sich ohne Rücksicht und Ablenkung von „moralischen“ Feldern geradeaus entwickeln dürfen, also nicht beeinflußt werden vom „das denkt man aber nicht“.

Und ich denke mir, dass „radikales Denken“ schnell zu Ketzertum fühlt. Mir sind Ketzer sympathisch, wenn sie in der Lage sind auch ihre eigenen Gewissheiten in Frage zu stellen.

Jetzt versuch ich mal ein paar Gedanken-Ergebnisse zu beschreiben, die durch radikales Denken so entstehen können.

  • Religionen und Gott wurden von Menschen erfunden. Wie können Menschen etwas, das sie selber erfunden haben, zur absoluten Wahrheit machen wollen?
  • Wem nützt der Krieg am meisten? Der Rüstungsindustrie. Also braucht die Rüstungsindustrie den Krieg. Und wenn es keinen gibt, wird sie dafür sorgen, dass es einen gibt.
  • Ich muss zuerst an mich selber denken. Denn nur wenn ich mich selbst liebe, kann ich andere Menschen lieben. Märtyrertum ist sozial also schädlich und sollte unterlassen  – und auf keinen Fall verehrt – werden.
  • Menschen sind nicht böse. Wenn dann sind es ihre Handlungen. So sollte man nicht die Menschen sondern ihre Handlungen verurteilen.
    (So hat Rupert Lay mal formuliert, dass Hitler an sich kein schlechter Mensch war, weil er wahrscheinlich meistens seinem Gewissen gefolgt ist. Das sien Gewissen sicherlich ein uns sehr fremdes, vielleicht für uns alle pathalogisches Gewissen war.  Allerdings hat er diese Aussage auf einem Festvortrag für prominente Gäste einer großen Bank in Deutschland gemacht. Und er ist dann der Legende nach vom Vorstandsvorsitzenden persönlich unterbrochen und aus dem Raum geführt worden. Weil er ein Tabu gebrochen hat – man darf so etwas nicht denken geschweige denn sagen).

Aber bevor ich mich völlig unbeliebt mache und von der Schreibe-Bühne geführt werde, höre ich hier und jetzt besser auf.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 22. Dezember 2018

TOLERANZ und KONFORMISMUS.

Hans Bonfigt hat zu meinem Artikel Alte weiße Männer eine Art Stellungnahme geschrieben, über die man sicher geteilter Meinung sein kann. Für mich war sein Artikel jedoch ein wichtiger Impuls.

Aufgenommen am 3. Oktober 2012 in der Waldwirtschaft mit meiner neuen aus China importierten Mütze (mein Bild in Twitter).

Seine Aussage „Wir tolerieren alles, nur keine Intoleranz “ hat mich an einem meiner Nerven getroffen. Ich habe Hans so verstanden, dass die wesentliche Frage seines Artikels war, wer denn Intoleranz (oder „Faschismus“, „Rassismus“, „Kolonialismus“) definieren und festlegen dürfe.

Ich meine, dass diese Frage beantwortet werden kann. Prüfen wir zuerst die Begriffe:

Intoleranz ist das Gegenteil von Toleranz. Toleranz (Duldsamkeit) ist eine Tugend, also ist Intoleranz (der Gegenbegriff zu Toleranz) eine Untugend, dem Gegenteil von Tugend.

Faschismus“, „Rassismus“, „Kolonialismus“ sind begrifflich keine Tugenden sondern systemische Weltanschauungen, mit denen Bewegungen, Ideologien und Herrschaftssysteme beschrieben werden.

Ethisch ist „Toleranz“ einfach zu definieren. Die Bewertung, ob eine Aussage oder Handlung tolerant oder intolerant ist, bedingt eine persönliche und unabhängige Güterabwägung, die „sittlich verantworteten Werten“ folgt. „Sittlich verantwortet“ bedeutet dabei, dass die autonom gefundenen Werte sich im Einklang mit einer globalen Gemeinsamkeit bewegen müssen, z.B. der UNO-Charta oder der „Goldenen Regel„.

Soziale Systeme leben von KLARHEIT. Das gilt für Unternehmen (soziale Systeme mit einem ökonomischen Aufgabe) wie für Parteien (soziale Systeme mit einer politischen Aufgabe). Das Problem dürfte sein, was passiert, wenn die Klarheit zur kollektiven Gemeinsamkeit wird?

Genau das wünschen wir uns. Wir finden es gut, wenn das Unternehmen, in dem wir arbeiten oder die Partei, die wir wählen eine „kollektive Klarheit“ ausstrahlt. Die „kollektive Klarheit“ heißt Konformität. Sie ist kleine (unartige) Schwester von Klarheit. Und die Konformität ist eine gute Basis für „Faschismus“, „Rassismus“, „Kolonialismus“ oder auch für ein System der „Sklaverei“ und „Leibeigenschaft“. Das macht die Sache schwierig.

Ich meine also, dass wir aufpassen müssen, dass die WERTE unserer KLARHEIT sich mit einem weltweiten Werte-Konsens vertragen. Das gilt auch für die Toleranz. Und wenn es wirklich mal passieren sollte, dass die Konformität der Welt einen weltweiten Faschismus gebärt (ganz gleich welcher Art), dann hilft wahrscheinlich wirklich nur noch Resignation oder Widerstand. Wobei wir dann wieder bei der spannenden (ethischen) Frage sind, ob so ein Widerstand gewaltfrei sein muss oder nur mit Gewalt verbunden überhaupt erfolgreich sein kann.

Ab und zu habe ich die Sorge, dass in der wirtschaftlichen Dimension diese weltweite Komformität schon erreicht ist. Konsumismus und Kapitalismus haben sich religionsartig über die Welt verbreitet. Manche reden hier auch von einem Raubtier-Kapitalismus, der mit seinen Waffen Marketing, Lobbyismus und Korruption die Welt erobert hat. Und auch hier haben wir wieder die heikle Situation, dass wir entscheiden müssen, ob der gewaltfreie Widerstand genügt.

Meine persönliche Überzeugung ist, dass wir dem Entstehen einer weltweiten Konfirmität nur durch Vielfalt und Buntheit entgegen wirken können.

Ein Dankeschön an Hans Bonfigt, der mich zu diesen Gedanken inspiriert hat.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 22. November 2018

Auf der DOAG

Ich war mal wieder Referent.

Mein Freund Dietmar (Neugebauer) war viele Jahre (gefühlt Jahrzehnte) der Präsident der DOAG. DOAG ist die Abkürzung für Deutsche Oracle Anwender Gruppe. Jedes Jahr im November macht die DOAG in Nürnberg ihre große und legendäre Jahres Konferenz und Ausstellung.

Dank Dietmar war ich viele Jahre dort mit einem Vortrag vertreten. Vor einem Jahr wollte ich mal etwas anderes machen und habe gemeinsam mit Christian und Knud gezeigt, wie moderne Kommunikation gehen könnte (davon gibt es auch ein Video).

Mit dem Erfolg in 2017 wollte ich mein Engagement bei der DOAG beenden (man soll ja aufhören, wenn es am schönsten ist). Dietmar liess aber nicht locker, so haben wir beide auch 2018 (am 21. November) wieder etwas gemacht – diesmal zum Thema „funktionale Kommunikation“. Und haben zu „unserer fishbowl eingeladen“. Und es war wieder schön.

Die fishbowl wir wie folgt organisiert:

Themenauswahl

Wenn man „funktional“ kommuniziert, ist es hilfreich ein Thema zu haben. Aber wie findet man ein Thema? Unser erster Gedanke war eine „Thema-Findungs-Kommision“ ins Leben zu rufen, die die Themenauswahl durchführt. Aber das ist natürlich Blödsinn.

Die Regeln und die Intension unserer fish bowl habe ich kurz vor der Veranstaltung in meinem Kommunikationsartikel beschrieben. Wir haben uns einfach angeschaut, was denn am Morgen der fishbowl so in der Zeitung ganz oben stand bzw. im Radio als erstes berichtet wurde. Denn die Paywall – Verzeihung die Medien – haben die Aufgabe, die Nachrichten, die uns aktuell betreffen, zu liefern und sollten so eine gute Quelle sein. Dietmar und ich haben dann gemeinsam mit Dr. Marius Poersch und Wolfgang Taschner zu viert diese Themen betrachtet und vier davon ausgewählt.
 

Auswahl der Themen

Hier die vier Themen am 21. November, die wir in Funk und Presse gefunden hatten:

  • Wie passt #newwork in unser Leben
    (Work-Life-Balance, Motivation, Erfahrungen, wie geht’s konkret)
  • #dieselverbote Überwachung
    (Umweltschutz, Datenschutz, Überwachungsstaat, Menschenwürde)
  • Die Jugend hat #Angst vor dem Internet
    (Mobbing, süchtig werden, Verlust der Datenhoheit und des Eigentums an seinen Daten)
  • Urheberrecht
    (upload-Filter aufgrund neuer EU-Gesetze, Zugang zu Youtube als gewohnte Realitiät, Reaktion von Youtube-Management aufgrund von Bedrohung)

 

Wahl des Themas durch Abstimmung

Wir hatten vier Flipcharts vorbereitet mit diesen vier Themen ergänzt durch einen wichtigen Gedanken zur Abstimmung vorbereitet. Dietmar hat die Themen kurz erläutert – dann ging es auch schon zur Abstimmung über die Themen.

Jeder im Raum hatte einen roten Punkt, den er auf eines der „Plakate“ kleben durfte. Mein Thema war „Urheberschutz“, so habe ich meinen roten Punkt dorthin geklebt. Dort waren am Schluss leider (für mich) nur ganz wenige, während das #newwork-Plaket fast rot war von den vielen roten Punkten.

So hatten wir ein Thema – das die absolute Mehrzahl der an diesem Tag und an diesem Ort teilnehmenden Menschen favorisierte. Eine gute Voraussetzung für die fishbowl. Blitzschnell und durchaus selbst organisiert.

Die fishbowl

Zum Start haben die vier „Experten“ (Dietmar, Marius – der einzige wirkliche Experte, Roland und Wolfgang) auf den 6 Stühlen (aufgrund des guten Besuchs hatten wir im inneren Kreis einen Stuhle mehr als geplant aufgebaut) Platz genommen. Wir haben alle unser Statement abgegeben und dann den Dingen ihren Lauf gelassen.

Und es wurde in guter Lauf. In 45 Minuten wurde inklusive der Vorbereitung viel Kluges gesagt. Es gab wertvolle Ergebnisse, die Teilnehmer hielten sich wunderbar an die Regeln (sich kurz fassen, ausreden lassen und auf die Gedanken des Vorredners eingehen).

Das Wechseln klappte in beide Richtungen prächtig, die Abstimmung war herausragend gut. Mein Resumé auch als „normaler Teilnehmer und -geber“. war, dass ich selten in so kurzer Zeit soviel neue Gedanken, Impulse und Denkanstösse bekommen habe wie in dieser Fishbowl.

Feedback-Runde

Die  Feedback-Runde zeigte dann, dass die meisten Teilnehmer die Veranstaltung ähnlich empfunden hatten. Dietmar hat mir geschrieben, dass er noch den ganzen Abend viel Lob bekommen hätte (ich war schon wieder weiter).

Nebengedanken

Zeitlich war direkt nach uns die bei der DOAG Konferenz immer gute zentrale Keynote dran – gestern mit Lars Vollmer. Lars hatte ich noch nie persönlich getroffen und kannte ihn nur über seine Veröffentlichungen. In seiner Ansprache hat er das „Business-Theater“ beschrieben, das vielerorts statt findet. Und ich habe bei ihm viele Gedanken heraus gefiltert, die mit den Gedanken aus unserer fishbowl recht gut zusammen gepasst haben.

Und ich stelle mir die Frage: Warum machen Unternehmen nicht öfters eine fish-bowl mit ihren Mitarbeitern, um sich ihres eigenem blödsinnigem Business-Gekasperl bewußt zu werden?

RMD

Roland Dürre
Montag, der 5. Juni 2017

Unternehmertagebuch #122 – Fahnenbildung mit Anleitung

Von Rupert habe ich viel gelernt – auch das Bilden von Syllogismen und die Technik der „Fahnenbildung“ (Das Bild habe ich vor 2010 aufgenommen).

Kennen gelernt habe ich die Fahnenbildung bei meinem Lehrer und Freund Rupert Lay. Er hat mein Lernen und meine Entwicklung weit über zehn Jahre eng begleitet.

Definition:
Fahnenbildung (lat. ars construendi vexilla, die Kunst Fahnen zu verbinden) ist hier als Begriff für eine dialektische Technik zum Erarbeiten von vernünftigen Übereinstimmungen (rationaler Konsens) in Gruppen gemeint. Mit der Fahnenbildung gelingt es häufig, kreativ neue Erkenntnisse zu gewinnen oder scheinbar schwierige Probleme zu lösen.

Bei Rupert habe ich eine ganz schöne Reihe von wesentlichen Managern und Unternehmer der deutschen Wirtschaft der Siebziger und Achtziger Jahre kennen und achten gelernt und vieles von ihnen gelernt.

Dort habe ich auch erfahren, wie viel Wesentliches in seinen Seminaren geschafft wurde, das durch Übungen der alten griechischen Dialektik aufbauend auf der Konstruktion und der Analyse von Syllogismen und der dialektischen Technik der Fahnenbildung.

Auch im wie ich finde genialem Projektmagazin findet sich ein sehr lesenswerter Artikel (unter anderem von Elisabeth Wagner), der beschreibt wie man mit Fahnenbildung auf verblüffende Art und Weise sehr effizient und effektiv gemeinsam Ideen entwickeln oder Probleme lösen kann.

Die Fahnenbildung ist eigentlich nur eine dialektische Methode der Philosophie, die in dieser Disziplin seit Tausenden von Jahren genutzt wird. Philosophie versucht ja, die Welt und die menschliche Existenz zu ergründen, zu deuten und zu verstehen. Vereinfacht würde ich sagen: nach dem Warum, Wieso, Weshalb, Wie … zu suchen. Und das hilft auch bei der Suche nach neuen Ideen oder Lösungen.

Die Kombination von „agile“ mit „klassischer Dialektik“ ist genial – sie bringt fast immer herausragende Ergebnisse. So kann wahrhaftiges „empowering of people“ passieren. Das habe ich bei der Moderation von Start-Ups immer wieder erlebt. So ist besonders für ein agiles Team, das „auf Augenhöhe“ zusammen wirkt, die Fahnenbildung ein „geiles“ Werkzeug, um auf kreative Art und Weise zu neuen Erkenntnissen zu kommen; ab und zu gelingt es sogar das Abstreifen falscher (und oft tiefsitzender) Vorurteile.

Hier eine Anleitung in 8 Schritten zum Vorgehen beim gemeinsame Bilden einer „Fahne“, die ich gerne nutze.

  1. Formulieren der gewünschten These und Definition der zentralen Begriffe dieser These.
  2. Sammeln von Bedingungen, die auf den ersten Blick erfüllt sein müssen um ein bestimmtes und genau definiertes Vorhaben oder Projekt zu bejahen. Ziel ist eine möglichst vollständige Liste.
  3. Definition der darin verwendeten Begriffe und Erzielen von gemeinsamen Verständnis.
  4. Bewerten der Bedingungen nach den Kriterien nützlich, notwendig, hinreichend).
  5. Bei Meinungsverschiedenheiten über Qualität oder Gültigkeit von Bedingungen werden solang Alternativen gesucht, bis alle Bedingungen konsensfähig sind. Das Streichen von als nicht notwendig erkannten Bedingungen ist zulässig.
  6. Prüfen, ob alle Bedingungen tatsächlich auch zu einem Sprachspiel gehören und Bestimmen der Zielfunktion.
    Beispiele für ein Unternehmen:
    Ordnungspolitisch – Schaden vom Gemeinwohl abwehren,
    Ethisch – Biophilie realisieren,
    Ökonomisch – Verbesserung des Betriebsergebnis
  7. Prüfen ob alle Bedingungen erfüllt sind oder mit vertretbarem Aufwand erfüllbar gemacht werden können.
    Dabei ist zu bedenken, dass erst die Durchführung eines Projekts zeigen wird, ob die Annahmen gerechtfertigt sind. So können in der Fahne auch Bedingungen formuliert werden, die eine Nachbesserung oder Aufgabe vorheriger Entscheidung erfordern.
  8. Im Idealfall wird als Ergebnis der Fahne eine hinreichende Bedingung gefunden. Das gelingt nicht immer. Aber eine Summe von notwendigen Bedingungen, die in ihrer Gesamtheit die Eigenschaft “hinreichend” erfüllen ist auch ein ausreichendes Ergebnis.

Wenn Ihr die Technik der Fahnenbildung ausprobieren wollt und Unterstützung braucht, helfe ich Euch gerne.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!

Hans Bonfigt
Montag, der 15. Mai 2017

Kick it Out …

Das war ein klasse Hardrocktitel der Gruppe ‚Heart‘ in den frühen 80ern.

Und ja: Manche stecken „den Tiger in den Tank“, ich aber lasse gern die Sau heraus. Die Schuld daran trägt mein alter Deutschlehrer Willi Tröster.   Donnerstagmorgens hatten wir in der Mittelstufe immer eine Doppelstunde Deutsch, am Mittwochabend war Willi Tröster mit Kollegen saufen kegeln und daher nicht immer in bester Laune.  Als irgendjemand an einem solchen Donnerstagmorgen das Wort „Reichskristallnacht“ gebrauchte, platzte ihm der Kragen und er polterte los, „Wer mich jetzt nochmal mit so einer apologetischen Scheiße zumüllt, dem hau‘ ich auf sein dummes Maul“.  Und, vielleicht erschrocken über den eigenen Ausbruch, erläuterte er uns:  „Seine Sprache offenbart den Menschen.  Wer Denunziation, Mord, Folter, Raub und Vergewaltigung mit einem Kristallglas assoziiert, das womöglich Schaden genommen hat, der beabsichtigt damit ganz offensichtlich etwas“.  Willi Tröster, großer Verehrer der klaren, konzisen Sprache von Brecht, hielt uns einen Vortrag darüber, daß Sprache wahr und klar sein müsse.

Für mich persönlich war dies eine der wichtigsten Schulstunden meines Lebens, mir wurde schlagartig klar, wie wichtig eine angemessene Sprache ist und wie gefährlich weichgespültes Wischiwaschi.

Ein Mensch mit dauerhaften körperlichen Gebrechen hieß früher „Krüppel“.  Irgendwann war dies einer Gruppe unterbezahlter, unausgelasteter akadementen Bedenkenträger zu direkt und aus dem Krüppel wurde plötzlich ein „Behinderter“.  So ein blühender Blödsinn!  Behindert ist man, wenn man sich den Fuß verstaucht hat.  Keine zehn Jahre später formte sich, vielleicht auf Schulhöfen, die abfällig konnotierte Phrase, „Du bist ja behindert“.   Und schnell mußte eine neue Begrifflichkeit her, die Briten müssen jetzt „Special Friends“ sagen und die grünen Sprachpanscher wollten schon den „Menschen mit speziellen Eigenschaften“ festgeschrieben wissen.

Ich finde, man tut einem Krüppel keinen Gefallen damit, daß man sein körperliches Handicap zu vertuschen sucht.  Ganz im Gegenteil, dies ist eine subtile, aber umso infamere Verhöhnung von Menschen, die weiß der Himmel schon genug Probleme meistern müssen.

Die ‚Porta Nigra‘ in Trier kennt jeder, lateinisch bedeutet dies „schwarzes Tor“.  Ein dunkelhäutiger Mensch wird seit Jahrzehnten als „Neger“ bezeichnet, abgeleitet von ’niger, nigra, nigrum‘, „dunkel, schwarz“.     Ende der Neunziger formierte sich eine selbsternannte „Sprachpolizei“, die, von jeder Sachkenntnis ungetrübt, hinter jeder Autobahn Redewendung einen bösen „Hintergedanken“ vermutete.  „Neger“ und das diffamierende amerikanische „Nigger“ sind aber auch zu ähnlich!

Und so wurde derjenige, der einen Neger „Neger“ nannte, zum Faschisten und vor allen Dingen zum „Rassisten“.   Es weiß zwar bis heute niemand, was „Rassismus“ sein soll, aber wenn ein Begriff von so vielen Dummschwallern immer wieder reflexhaft benutzt wird, daß Dr. Pawlow seine Freude hätte, muß doch wohl etwas dran sein.   Und so drehte sie auf, die Begiffsspirale:  Erst waren es „Massivpigmentierte“, dann „Afrodeutsche“, jetzt sind es „Sonnenverwöhnte“.  Die nicht ganz so Abgedrehten postulierten „Schwarzafrikaner“, als ob es nur in Afrika Neger gäbe.

Ich warte ja darauf, daß der Karneval verboten wird, denn im Bayerischen heißt es ja „Fasching“ und mit Faschismus will man ja nix zu tun haben!  Und überhaupt:  Karneval, „Fleisch, lebe wohl“, das ist ja wohl eine klare Diskriminierung der Veganer*Innen.

Man könnte das jetzt alles als nervigen Mist abtun, aber insbesondere die zwar inflationär gebrauchte, aber dennoch ungeheuerliche Unterstellung eines „Rassismus“ bereitet mir Sorge:  Denn auch hier hat Willi Tröster recht, „seine Sprache offenbart den Menschen“.   Jeder Mensch mit minimaler Schulbildung weiß:  Biologisch unterscheiden sich ein Indianer, ein Chinese, ein Neger oder ein Eskimo so gut wie gar nicht.   Sehen wir uns Hunde an:  Ein Zwergpudel gehört zur Rasse „Hund“ genauso wie ein ausgewachsener Rhodesian Ridgeback.   Von unterschiedlichen „Menschenrassen“ zu schwafeln ist daher schlichtweg blödsinnig.   Im übrigen glaube ich nicht einmal, daß ein Adolf Eichmann oder ein Reinhard Heydrich ernsthaft an „Rassenunterschiede“ geglaubt haben — das war eher der kranke Wahn von Heinrich Himmler, ideologisch verbrämt von Alfred Rosenberg.

Wenn jemand heute von „Rassismus“ spricht, dann allerdings erkennt er implizit die Existenz von „Menschenrassen“ an und bestätigt unmittelbar Himmlers kranken Typisierungswahn.  Und wo es unterschiedliche „Rassen“ gibt, da gibt es, mit allen furchtbaren Konsequenzen, auch unterschiedliche „Wertigkeiten“.   Heinrich Himmler jedenfalls wäre überglücklich, wenn er wüßte, wie dankbar die „Grünen“ seine krude, kranke Rechtfertigung für die Massenvernichtung „unwerten Lebens“ aufgesogen haben.  Und nicht nur aufgesogen:  Sie besudeln jeden Mitmenschen, dessen Meinung ihnen nicht paßt, mit dieser schmierigen braunen Scheiße.  Schlecht ist, wer Schlechtes denkt.

Geht es auch ein bißchen kleiner ?

Derjenige, der nicht ständig seine Sprache mit Wischwaschi-Ausdrücken kompromittiert, ist ein gefühlloser, unsozialer Hund   —  aber wenn jemand einen „Negerkuß“ kauft, dann darf man diesen in die Nähe einer Massenvernichtung bringen ?

Glücklicherweise haben wir hier nicht nur erbärmliche „Comedians“ der Marke Böhmermann, sondern auch Kabarettisten wie Dieter Nuhr.   Der wurde in Osnabrück von einem Moslem-Spinner verklagt, weil er herausgearbeitet hatte, „Im Islam ist die Frau zwar frei, aber in erster Linie frei davon, alles entscheiden zu müssen“.  Wegen „Beleidigung einer Religionsgemeinschft“.  Skandal eins ist für mich, daß es überhaupt zur Eröffnung eines Verfahrens kam.  Skandal zwei aber ist das widerlich-devote Geschleime eines Springer-Söldners in der „Welt“:  „Pauschale Diffamierungen anstelle von Differenzierungen schaffen nur neue Schreckensbilder, die dem mehrheitlich liberalen europäischen Islam das Wasser abzugraben versuchen.“   So einem devoten Arschkriecher wünsche ich mindestens sieben Jahre in dem Spezialknast, in dem schon der Kollege „Dennis Yüksel“ einsitzt.

Mit der gleichen Vehemenz, mit der die multikulturelle Sprach-GeStaPo neue und alte Täter sucht, werden ausgerechnet diejenigen verteidigt und entschuldigt, die unsere Demokratie ablehnen, elementare Grundrechte mit Füßen treten und ihren Mitmenschen Schaden zufügen.

Dabei erlaubt sich die gleichgeschaltete „Lügenpresse“ ungeheuerliche Widerwärtigkeiten:   Der Schriftsteller Akif Pirincci höhnte öffentlich und unzweideutig in Richtung der „politischen Klasse“, daß man in diesen Zeiten sein Volk nicht mundtot machen könne, denn, Konzentrationslager stünden den Politikern, leider, leider, nicht mehr zur Verfügung.   Was wird berichtet, in wirklich fast allen Medien ?   „Pirincci fordert Konzentrationslager für Flüchtlinge“.   Läßliche Sünde, möchte man annehmen, denn wie üblich hat es einer fabuliert und alle anderen schrieben ab.

Aber bei einer solch‘ ungeheuerlichen Unterstellung:   Darf man da nicht ein Minimum an Recherche erwarten?   Und welche Schlußfolgerungen muß man zwangsläufig ziehen, wenn diese Recherche unterbleibt?   Etwa die, daß, wie in der „Welt“ und im „Völkischen Beobachter“, nur noch Hetze betrieben werden soll mit einem klaren politischen Ziel?

Wer grob fahrlässig die Existenz eines Autors ruiniert, der ist, ganz nebenbei, nicht mehr gar so weit davon entfernt, einen Menschen in ein Konzentrationslager zu sperren.  Autorenschelte hat ja wieder Tradition:   Herr Yüksel wünschte Herrn Sarazzin, daß der nächste Herzinfarkt sein Werk gründlicher verrichten möge – natürlich öffentlich in der „taz“, der es nicht zu peinlich ist, einen Springer-Lohnschreiber zu veröffentlichen.

Von einer derart heruntergekommenen „journalistischen Klasse“, aber auch nicht von den Abteilungen „Betreutes Denken“ aller möglichen Organisationen und Unorganisationen will ich mir nicht vorschreiben lassen, was ich zu denken und zu sprechen habe.  Und da geht es mir wohl nicht allein so:   Wer keinen Zusammenhang sieht zwischen „Trump“-Wahl und „Brexit“, dem ist nicht mehr zu helfen.  Es wollen sich einfach immer mehr Menschen nicht mehr auf der Nase heruntanzen und mit Lügen verhöhnen lassen.

Was auch den erfreulich überraschenden Ausgang der NRW-Wahl erklärt:

Gestelzte „Analysten“ mühen sich wieder verkrampft ab, auch die absurdesten „Ursachen“ für den erdrutschartigen Verlust der SPD zu finden.  Momentan ist es das Versagen der SPD bei der Herstellung „sozialer Gerechtigkeit“.  Was für ein blühender Blödsinn !   Denn die SED, die mit diesem Unwort zumindest in der DDR nicht ganz erfolglos ist, ist gottseidank ‚rausgeflogen aus dem Landtag.

Die Wahrheit liegt auch hier wieder in der Klarheit!  Wenn der Rattenfänger aus Würselen klare Worte gefunden hätte in Bezug auf Asylmißbrauch, demokratiefreie Zonen in Duisburg und Mißbrauch von EU-Regularien, dann hätten sich vielleicht ein paar Wähler gefunden.  Stattdessen plätschert es, „Die Flüchtlinge bringen uns etwas, das viel wertvoller ist als Gold:  Den Glauben an Europa“.  Das gleiche „Europa“ wohlgemerkt, das es nicht geschafft hat, auch nur die unsäglich alberne, teure und überflüssige Sommerzeit abzuschaffen.

 

Ich vermisse wirklich in diesen Zeiten der gleichgeschalteten, politisch korrekten Larmoyanz solche Menschen wie Bischof Dyba und Franz-Josef Strauß.  Denn die teilten, ebenso wie Helmut Schmidt, die Lebensmaxime von Ludwig Boltzmann:  „Denk‘, was klar ist, sag‘, was wahr ist und verfecht’s, bis es mit Dir gar ist“.   Dabei kommt es überhaupt nicht darauf an, ob man recht hat oder nicht.   Es kommt aber darauf an, daß man seinen Standpunkt vortragen darf.

Und deswegen, Roland, fühle ich mich manchmal verpflichtet, ein paar klare Worte und Wörter zu benutzen.

 

Denn, Roland:  Glauben Sie, daß man heute noch einen Film wie „Das Leben des Brian“ von Monty Python produzieren könnte und würde ?

-hb

Anmerkung des Gastgebers von IF-Blog.de (mir – RMD):
In meinem Kommentar zum letzten Artikel Entartete Kunst von Hans Bonfigt habe ich auf dessen „besondere Sprache“ hingewiesen. Und erwähnt, dass diese doch eine Reihe von Lesern „irritiert“, er- oder sogar abschreckt. Dieser Artikel ist seine Antwort auf diesen Hinweis und wie ich meine eine spannende Erklärung.

Roland Dürre
Montag, der 9. Januar 2017

FRIEDEN

FRIEDEN darf nicht zur Religion werden, weil dann wird es schnell unfriedlich werden.

Aus dem selben Grund darf es auch kein Projekt FRIEDEN geben.

Scheint ein mächtiges Symbol für Frieden zu sein. Vielleicht zu mächtig?

Ich wollte ja ein Projekt FRIEDEN starten. Für FRIEDEN bin ich mehr denn je. Aber nicht mehr als Projekt.

Ich hatte die letzten Monate zahlreiche Dialoge mit klugen und friedvollen Menschen. Die wie ich davon überzeugt sind, dass Frieden das wichtigste Gut der Menschheit ist. Und habe viel von diesen gelernt und darüber nachgedacht, was ich für FRIEDEN tun kann.

Die Zusammenfassung des aktuellen Standes meiner Gedanken könnte so sein:

Ich glaube nicht mehr, dass Frieden mit Organisationen und durch Projekte erreicht werden kann.

Vor kurzem kam eine starke Frau zu mir und sagte:
„Roland, ich bin jetzt in Rente, habe unendlich viel Zeit und möchte Dich beim Projekt FRIEDEN unterstützen!“

Ich musste ihr sagen, dass nach meinem Verständnis von FRIEDEN es kein erfolgreiches Projekt FRIEDEN geben kann:

Das Projekt kann nur sein, selbst für FRIEDEN zu leben.

Zuerst mal ganz allein und nur bei sich selber. So habe ich sie gebeten, ihr ganz eigenes „Projekt“ zu starten und so für ihren eigenen und unser allen FRIEDEN einfach nur zu leben (und arbeiten). So meine ich, dass es viele kleine Projekte Frieden geben muss, die jeder für sich und zuerst mal für sich selbst macht.

Und dass man ganz bewusst auf Koordination und Abstimmung verzichten muss. Dies ist gefährlich, führt schnell zu Manipulation und Ideologie. Und schadet wahrscheinlich mehr als es nützt.

Mein Gedanke ist also, sich eben nicht organisieren, jedoch die Sensoren weit zu öffnen und achtsam und frei – vielleicht im Schwarm mit anderen FRIEDEN-Wollenden – zu handeln. Das klingt religiös. Ich mag keine religiösen Muster.

Aber vielleicht kann FRIEDEN gelingen, wenn friedvolle Menschen ihre Überzeugungen ausschließlich für sich leben und ihre Überzeugung in eigener sittlich verantworteter Prüfung im Einklang steht mit den Werten der Menschheit (wie die Goldene Regel, Biophilie-Prinzip, Würde des Menschen ist untastbar …).

Ich meine, dass auch „friedvolle“ Menschen andere Menschen NICHT aktiv für FRIEDEN überzeugen oder missionieren dürfen. Dass FRIEDEN die Voraussetzung für alles, zu dieser Überzeugung muss jeder ganz allein kommen. Sonst wird es nicht funktionieren.

Und vor allem dürfen sie auch NICHT willens und fähig sein, sich für ihre Überzeugungen auf zu opfern und so zum Märtyrer zu werden! Weil so FRIEDEN NICHT gelingen kann. Deshalb wird keine Organisation und kein Projekt für FRIEDEN Erfolg haben und FRIEDEN bringen. Und so ist vielleicht sogar das von mir gewählte Symbol für FRIEDEN links oben kritisch zu hinterfragen.

Es ist für mich nicht einfach, meine komplexen Gedanken zu formulieren. Wenn ich ein wenig verständlich machen konnte, was mich bewegt, dann freue ich mich!

🙂 Und ich mache weiter mit der Suche nach dem eigenen FRIEDEN.

RMD

P.S.
Vielleicht ist das so ein Prozess, den wir Evolution nennen.