Roland Dürre
Mittwoch, der 15. Januar 2020

Wie macht man einen Vortrag?

Vor kurzem erzählt mir eine von mir sehr wertgeschätzte Wissenschaftlerin und Beraterin, dass sie an einer bekannten Universität einen Vortrag halten wird. Im Rahmen einer Mittelstandstagung soll sie einen Beitrag zum Thema
„Fehler bei der Anwendung von Data Science im Controlling“
halten.

Beim schlauen dozieren …

Das Thema ist unternehmerisch interessant, so fange ich gleich an nach und mit zu denken. Wenn ich den Vortrag halten sollte, was würde ich als Botschaft vermitteln wollen? Und wie gehe ich bei der „Erfindung“ des Vortrages vor?

Hier meine Überlegungen. Im ersten Schritt zerlege ich die Überschrift in die einzelnen Botschaften und stelle Fragen dazu:

  1. Fehler bei der Anwendung von …
    Da denke ich mir, dass es darum geht, was ich richtig machen muss und worauf ich besonders aufpassen muss. Und welche Fallen auf mich lauern.
  2. … Data Science …
    Aber was ist Data Science? Ich versuche andere Worte zu finden. Meine Sammlung wächst schnell:
    Ist Digitalisierung gemeint? Aber Digitalisierung ist doch nur „advanced technologie“, etwas das man auf Deutsch einfach als „technischen Fortschritt“ bezeichnen würde? Oder sollten ich einfach ans Leben in der „Cloud“ denken? Das ja für viele das summarische Ergebnis der ITK-Technologie ist.
  3. … im Controling.
    Da denke ich, dass  es hier um das „kaufmännische Controling“ geht. Darunter verstehe ich die Möglichkeit, sich immer präzise über den Status aller Prozesse und Zahlen des Unternehmens auf Makro- und Mikro-Ebene informieren zu können. Oder ist die Anwendung von Business Intelligence gemeint? Will man vor allem die kausalen Wirkungsstrukturen erkennen?

Dann suche ich die „richtigen“ Fragen. Ich bin auf der Suche nach einer Lösung, die Antworten gibt. Und Antworten finde ich nur, wenn ich vorher die richtigen Fragen finden.

Ich muss die richtigen Fragen finden und sie analysieren. So mache ich mich an die Frageliste. Zuerst mal ganz frei und kreativ. Ein paar der Fragen habe ich ja schon bei der Titelanalyse gefunden.

  1. Wo muss ich aufpassen, was muss ich richtig machen und welche Fallen drohen?
    Das ist die Frage im Vortragstitel, ein wenig umformuliert.
  2. Was ist beim Einsatz von neuer Digitalisierung anders als wenn ich mit alter Technologie arbeite?
    Digitalisierung schafft mächtige Werkzeuge. Auf was muss man aufpassen, wenn die Werkzeuge mächtiger werden.
  3. Passen Digitalisierung und Controling eigentlich zusammen?
    Digatilisierung hilft beim Wissen teilen und macht „geheim halten“ schwieriger.
  4. Was wünsch ich mir vom „Controling“?
    An erster Stelle will ich Klarheit. Dazu gehört Transparenz, Übersichtlichkeit, Vollständigkeit, die Sichtbarkeit von Zusammenhängen. Ich will Veränderungen rasch bemerken und entstehende Trends schnell erkennen. Ich möchte die Lesbarkeit von Entwicklungen in verschiedenen Dimensionen. Ich möchte das kompexe Wirkungssystem eines Unternehmens, das ich sein „Betriebssystem“ nenne, verstehen.

Jetzt kann ich anfangen nachzudenken. Und es hat gewirkt. Mir kommen folgende Gedanken.

Ich muss aufpassen,

  • dass ich aufgrund einer Überflutung meines Verstandes mit digitalen Daten „vor all den Bäumen, den Wald nicht mehr sehe“. Weil Digitalisierung in der Lage ist, mir ganz schnell unendlich viele Daten zu liefern. Aber welche sind relevant?
  • dass ich nicht leichtfertig, die Referenzsysteme verändere, um Dinge besser darzustellen. Das kann schnell die Vergleichbarkeit in der Dimension Zeit gefährden.
  • dass die mächtigen digitalen Systeme mich nicht aus Versehen (oder mit hintergründiger Absicht) falsch informieren. Dazu empfiehlt sich wahrscheinlich, möglichst oft die Plausibiliät der Erkenntnisse zu hinterfragen.
  • dass ich nicht so dumm bin, wie die Ersteller der Vereinfachungen und Graphiken mich offenbar halten. Denn digitale Systeme sind die Weltmeister im Produzieren von Bildern und Graphiken. Die vereinfachen, verzerren und beeinflussen können.

Aber das befriedigt mich nicht so richtig. Weil es irgendwie nicht griffig und plakativ ist. Also suche ich nach einer Metapher, um die komplexe Situation schreiben.

Da finde ich das Internet und social media. Ist das nicht auch eine Art von „control system“, mit dem ich den Zustand unserer Gesellschaft oder unseres Planeten betrachten und auswerten kann? Wie gut unsere Politik, die gesellschaftliche Konsens-Findung, das Bildungsystem und vieles mehr funktioniert?

Und auf was muss ich beim Untersuchen aufpassen?  Ich darf nicht einer Blase gefangen sein und nicht leichtfertiges Opfer von Verschwörungstheorien werden.  Denn ich will Dinge verstehen und begreifen. Ich habe gelernt, dass es einfacher ist, Daten zu sammeln. Auch da kann man Fehler machen. Deutlich schwieriger ist es aber Zusammenhänge zu erkennen. Und ganz schwierig ist es, die Ursache-Wirkungs-Relation richtig zu ermitteln.

Wir kennen das vom Klimathema her. Es ist absolut klar, dass es eine Korrelation gibt zwischen der Temperatur auf der Erde und dem Kohlendioxid in der Atmosphäre. Ein wenig schwieriger ist es zu zeigen, dass die Erhöhung des Kohlendioxid-Gehalts überwiegend vom homo sapiens verursacht wird und nicht von einer magischen Temperaturerhöhung.

Mein Controling des Klimas zeigt ziemlich klar, dass die Klimakatastrophe schon passiert ist. Und wir keine Chance haben, sie rückgängig zu machen oder auch nur zu bremsen. Da müssen wir jetzt die nächsten paar hundert Jahre durch und dies dürfte nicht ganz leicht werden. Und irgendwie bin ich ein wenig froh, dass ich dieses Jahr das Alter von siebzig Jahren erreiche.

À propos homo sapiens – auf die Schnelle fällt mir keine zweite biologische Gattung auf unserem schönen Planeten ein, die solch einen irreführenden Namen trägt.

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 10. Januar 2020

Mein digitaler Alltag.

Alle reden von Digitalisierung. Ich auch.

Ich war schon immer an moderner Technologie interessiert.

Denn ich habe über 50 Jahre dafür gearbeitet. Im Studium als Werkstudent, dann fest angestellt im Werk für Systeme der Siemens AG, später dort beim Vertrieb Sonderprojekte, dann für verschiedene Kunden von Softlab, später als selbstständiger Unternehmer und Unterstützer zahlreicher Startups.

Heute will ich mal prüfen, wie es eigentlich privat bei mir so mit Digitalisierung ausschaut. Dabei lasse ich das Phänomen „smart phone“ und meine diversen Rechner mal außen vor und schau so mehr in den Haushalt und betrachte mein alltägliches Leben.

Der Morgen beginnt mit einer Tasse Kaffee und an einem guten Tag mit einem Frühstücksei. Die Zubereitung von beidem ist mein Job. Die Milch zum Kaffee kommt aus der braunen Glasflasche. Denn die Qualität der Zutaten ist wichtig für einen guten Frühstückskaffee.

So auch die Kaffeemaschine. Ich nutze eine ECM SYNCHRONIKA DUAL BOILER PID. Angeblich so eine Art Mercedes unter den „Zweikreis Siebträgern“. Sie ist kein Vollautomat, an ihr findet sich auch nichts digitales. Sie ist so analog wie die Kaffeetasse.

Gelegentlich gibt es ein Ei zum Frühstück. Dann darf der alte elektrische Eierkocher von Siemens aus dem Schrank raus. Der seit bald 50 Jahren seinen Dienst brav verrichtet. Auch null digital.

Nach dem Morgen-Kaffee radele ich im Sommer zum Schwimmen nach Unterhaching. Da der Weg dorthin kurz ist, nehme ich nicht das elektrische Fahrrad, sondern ein ganz normales mechanisches. An dem ist auch nichts digital.

Beim Eingang ins Freibad habe ich meinen ersten Tageskontakt mit der digitalen Welt. Da muss ich meinen SAISONBADEKARTE im Scheckkartenformat an einen Leser halten (immerhin kontaktlos). Früher hatte ich eine Saisonkarte mit Foto, die ich der freundlichen Dame am Eingang herzeigen musste und die mir einen freundlichen Gruß bescherte.

Leider wurde diese Funktion nicht durch eine moderne Anwendung im Sinne von eGovernment fürs Smartphone erzeugt, so brauche ich weiter eine eigene Karte. Und muss diese jedes Jahr beim Amt persönlich verlängern lassen.

Zumindest gibt es  jetzt einen eigenen Eingang für Dauerkartennutzer, der (fast) immer staufrei ist. Der ist gleich neben der Kasse, so dass die persönliche Begrüßung weiter stattfindet.

Im Winter gehe ich ins Hallenbad in Ottobrunn, ins Phoenix. Da gibt es Coins. Die heißen wirklich so. Eine Coin enthält am Anfang 11 Zugänge (zum Preis für 10), zum Beispiel zum Frühschwimmen. Die „Coin“ macht den Eingang automatisiert möglich und dient auch zum Verriegeln des genutzten Kleiderschrank. Leider funktioniert das System nicht ganz so zuverlässig wie früher die Münzschränke.

Nach dem Schwimmen in Unterhaching besuche ich ab und zu die Kollegen bei der InterFace. Meine Schlüssel geht nicht mehr, denn die haben jetzt Dongles. Das sind Plastikteile mit Elektronik drin und einem Druckknopf. Hinhalten und zweimal draufdrücken, so geht das „Sesam Öffne Dich“. Noch ein Teil wollte ich dann doch nicht mehr haben. Also muss ich dort klingeln

Wenn ich mit der S-Bahn fahre, dann nutze ich Streifenkarten. Die stempel ich ganz mechanisch ab. Nur die Reisen mit der Bahn lade ich mir aufs Handy. Weil ich meine Reisen zu Hause in Ruhe planen und im Preis-Dschungel der DB die besten Preise finden will. Wobei beides für manche Bahnnutzung nicht möglich ist. Zum Beispiel muss ich bei der Fahrradreservierung für den EC (Eurocity) doch wieder an den Fahrkarten-Schalter.

Wenn der Schaffner im Zug mein „Handyticket“ lesen will, dann nutzt er ein digitales Instrument, das aus dem Museum zu kommen scheint. Mit zittriger Hand versucht er dann mit einem Infrarot-Leser den QR-Code auf der Anzeige meines Handys zu lesen. Meistens gelingt ihm das auch nach einiger Zeit.

Also, insgesamt verwöhnt mich das Leben noch nicht so sehr mit digitalen Möglichkeiten. Wobei ich durchaus möchte. Bei einem effizienten Micro-Payment wäre ich sofort dabei. Wobei die Betonung auf effizient liegt.

Unser Heim hat aber schon zwei IoT-Anwendungen!

Für die Solaranlage gibt es eine App, mit der man von überall (wenn man im Internet ist) die Betriebsdaten ablesen kann. Wenn die Anlage also viel Strom produziert, dann weiß ich im Urlaub, dass daheim die Sonne scheint. Das ist dann sehr tröstlich, gerade wenn es am Urlaubsort regnet.

Das geht aber auch anders mit meiner Haus 4.0-Technik. Denn ich habe eine Videoüberwachung installiert. Im alten Haus hatte ich nur eine Attrappe. Da war die recht alte Alarmanlagen sehr störanfällig, deshalb hatte ich sie außer Betrieb genommen. Aber die Lichter weiter blinken lassen.

Beim Umzug ins neue Haus habe ich dann nach einer Atrappe gesucht. Und gelernt, dass sogar schlechte Attrappen teuer sind als ein kleines Stück „digitale Technologie“, das nicht nur bei Tag und Nacht gute Bilder macht, sondern diese für einen längeren Zeitraum speichert und beliebig hin übertragen kann.

Das ist meine zweite IoT-Anwendung im Haushalt. Und die Bilder der Kamera kann ich auch von überall in der Welt sehen. So sehe ich auch, wie das Wetter ist und wenn das Gartentor offensteht. Dann muss ich allerdings zu Hause anrufen und die aktuellen Bewohner bitten, den Knopf zu drücken um das Tor elektrisch zu schließen. Also auch eine noch sehr eingeschränkte IoT-Anwendung.

Viel mehr habe ich nicht zu bieten. Erwähnenswert ist vielleicht meine neueste Errungenschaft – einer dieser genialen Kopfhörer, die den externen Lärm vernichten können. So dass man z.B. auch im Flieger seine Ruhe hat. Der nutzt allerdings Bluetooth, zu Hause an der Stereo-Anlage wie unterwegs am Smart-Phone. Das ist natürlich keine IoT-Vernetzung sondern eine ganz primitive Peer2peer-Verbindung. Aber das Ding hat schon tolle Features.

Vor kurzem war ich im Urlaub. Auf der Hanseatic Inspiration, einem Schiff, das zum Zeitpunkt meiner Reise gerade ein paar Wochen im Einsatz war. Ich habe mich mit dem sehr kompetenten IT-Officer ausgetauscht. Und der har mi erzählt, dass sie praktisch keine IoT-Technologie an Bord hätten. Das hat mich ein wenig getröstet – und überrascht.

Für zu Hause könnte ich mir noch einen Thermo-Mix kaufen. Der kann IoT. Aber so ein Gerät brauche ich halt wirklich nicht. So frage ich mich schon: Wie soll es bei uns mit Haushalt 4.0  nur vorwärts gehen?

Und meine geliebte Alexa hat die Barbara auch außer Betrieb genommen. So wird das nie was!

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 5. Januar 2020

Digitalisierung auf Deutsch: Der BON.

Zum Jahreswechsel hat die neue „Bon-Pflicht“ im Einzelhandel ein wenig Furore gemacht. Denn ein vor drei Jahren (noch von der letzten Bundesregierung) beschlossenes und ziemlich veraltetes Gesetz dazu wurde am 1. Januar 2020 wirksam.

Deshalb ist der agile Altmeier am Jahresende erschrocken. Und wollte da noch schnell etwas ändern. Das Gesetz aussetzen oder zumindest verschieben. Aber die SPD hat ihn abblitzen lassen, indem sie auf den Koalitionsvertrag verwiesen hat.

Wahrscheinlich war das Ganze nur ein kluges Manöver vom schlitz-ohrigen Altmeier, um die SPD jetzt endlich unter die 5 % – Grenze zu bringen. Und bei aller Liebe, eine Partei die Papier-Bons vorschreibt, kann man wirklich nicht mehr wählen. Es sei denn, sie wäre eine Satire-Partei.

Mit dem Gesetz hofft man, einen Steuerbetrug von 50 Milliarden EURO im Jahr einzudämmen. Vorgestern war das Bon-Gesetz Thema des Tagesgesprächs im Bayerischen Rundfunk, das ich immer gerne höre. Die Reaktionen der Anrufer in der Sendung  waren überwiegend nicht begeistert.

Irgendwie ist es ja auch geisteskrank, wenn wir jetzt meinen, mit dem Drucken und Vernichten von kleinen Papier-Bons eine größere Steuergerechigkeit zu erzielen. Besonders, wenn der Käufer den Beleg gar nicht an und mit nehmen muß, um dann bei einer Brezel-Kontrolle durch die Finanz-Polizei belegen zu können, dass er seine Brezel eben nicht schwarz gekauft hat. So wie bei das in den Vorbild-Ländern Italien und Griechenland ist bzw. war.

Wenn man das Gesetz wohlwollend interpretiert, ist es ein gut gemeinter aber schlecht gemachter Versuch, Steuergerechtigkeit auch bei kleinen Unternehmen wie Bäckereien, Metzgereien oder Gaststätten durchzusetzen. Denn der Schaden durch Steuervermeidung bei kleinen Mittelständler soll sich in ähnlicher Höhe bewegen wie bei den Gross-Betrügereien wie Cum-Ex, nämlich jeweils im zweistelligen Milliardenbereich pro Jahr.

😉 Und der Staat darf ja nicht nur die Großen fangen wollen. Das ist schwierig und klappt vielleicht nicht. Vielleicht kriegt man die Kleinen leichter? Und immer nur die Großen verfolgen und die Kleinen laufen lassen, ist ja auch nicht richtig.

Denn wenn wir dann in der Summe aufgrund von mehr Steuergerechtigkeit bei den kleinen – die eben auch Mist machen – und den großen Systembetrügern (cum ex etc.) und dann auch noch den internationalen Konzernen, die ihre Gewinne ja auch ziemlich steuerunschädlich verschieben plötzlich dreistufige Milliarden-Mehreinnahmen hätten, dann wär ja genug Kohle für die Transformation da, die die Klima-Veränderung und der strukturelle Wandel erfordern. Das wäre doch toll. Wir könnten uns volle Kraft voraus auf die Rettung der Umwelt stürzen!

Wobei ich einschieben möchte, dass man vielleicht einen Handwerksbetrieb, der im Rahmen seiner Wertschöpfung ein paar Brezen nicht versteuert, „moralisch“ anders bewerten kann als Unternehmen, die als Geschäftsmodell systematisch kreative Betrugsinnovation entwickelt und im großen Stil betreibt. Und auf irgendeine Art von Wertschöpfung dabei völlig verzichtet.

Aber diese Hoffnung (Klima- und Umweltschutz finanzierbar durchs Bongesetz) wird sich nicht erfüllen, denn moderne Gesetze haben keine Kraft mehr. Zuerst Mal machen sie alles immer kompizierter. So entstehen traumhafte neue Umgehungsmöglichkeiten. Durch eine Unmenge von Ausnahmeregelungen werden die Gesetze schon zum Start bis zur Wirkungslosigkeit abgeschwächt. Beispiele finden sich da beliebig weitere: Werbeeinschränkung für Tabak-Produkte, Lebensmittelgesetz, das Bon-Gesetz, Spekulationssteuer, die Gesetze zum Klima-Schutz usw. Und letztendlich werden die Gesetze nicht ausreichend kontrolliert; zum Teil können sie das auch nicht weil die Kontrolle unrealistisch oder zu teuer ist.

So erfüllen die meisten Gesetze ihren eigentlichen Zweck in der Regel überhaupt nicht. Man muss froh sein, wenn sie den Schaden nicht vergrößern, den sie vermeiden sollen.

Und wenn ein Gesetz einfach wäre, garantiert einen Erfolg hätte und auch noch leicht einzuführen wäre, dann wird es erst gar nicht gemacht. Das beste Beispiel ist das Tempolimit auf Autobahnen, Landstraßen und in Kommunen, mit dem man so einfach Leben. retten, Kohlendioxid einsparen und die Lebensqualität erhöhen könnte.

Aber gehen wir mal davon aus, Gerechtigkeit an sich ist wünschenswert und dies auch bei der Steuer. Betrachten wir das „Bon-Gesetz“ mal positiv. Das Ziel des Gesetzes war ja nicht, dass wir jetzt völlig sinnlos Papier drucken und dann auch gleich zu vernichten. Das ist zweifelsfrei sinnfrei, dürfte aber der einzige Effekt sein.

Das Ziel war, dass „elektronische Kassensysteme“ transaktionssicher werden. Wenn eine Transaktion rechtsmäßig abgeschlossen ist, dann muss ein deutliches Zeichen gesetzt werden. Soweit die Theorie.

Und deshalb wird, wenn die Breze verkauft und bezahlt ist, ein Papier gedruckt. Das ist der Bon, auf dem die eindeutige Idendität der Transktion (Transaktionsnummer), gerne als QR-Code gedruckt wird. Der Ausdruck ist das Zeichen, dass die Transaktion, der Eigentums- und Besitzübergang und auch die Bezahlung abgeschlossen sind.

Dass eine Transakation für alle Vertragspartner wahrnehmbar abgeschlossen und rückverfolgbar gespeichert wird, ist sicher nichts Unsinniges. Beim Bon-Gesetz verlangt der Gesetzgeber auch nur eine geeignete Maßnahme, zum Beispiel den Ausdruck eines Papiers, um den Abschluß der Transaktion zu offizialisieren.

Was wären die Alternativen?

Hätten wir eine vernünftige bargeldlose Bezahlkultur wäre das Einfachste. Dann würde ich beim Bäcker mein Mobiltelefon hinhalten, quittieren und hätte dann einen Beleg auf dem Handy. Und könnte in Ruhe nachschauen, wann ich mir wieviel Brezeln gekauft habe und was ich bezahlt habe.

Bei Verwendung von Bargeld ist das nicht ganz so einfach. Wenn ich die Bons mitnehme, was mache ich damit. Hefte ich sie ab? Wie könnte man das Ausdrucken des Bons ersetzen? Wahrscheinlich geht es nur mit Papier.

Ich könnte mir beim Bäcker einen Bildschirm vorstellen, auf dem ich den Einkauf sehe. Und wenn ich bezahlt habe, erklingt ein Jingle, und dokumentiert, dass die Transaktion im System des Bäckers abgeschlossen wurde und das Geld in dessen Kasse ist. Aber das würde dann vielleicht mit dem Datenschutz kollidieren.

Mich hat das Bon-Gesetz an von mir erlebte Computer-Kriminalität Ende der 70iger Jahre erinnert hat. Da ging es um den Druck von Fahrkahrten als Ergebnis und Beleg einer Transaktion vom Typ „Fahrkartenkauf“ am Reisebüroschalter. Es wurde kriminell, weil kluge Mitarbeiter einen Trick gefunden hatten, wie das System dazu gebracht wurde, die Fahrkarte zweimal zu drucken und der doppelte Ausdruck schwarz verkauft wurde. Da ging es nicht um Steuervermeidung sondern um private Bereicherung.

Wie wir das dann letztendlich mit einfacher Technologie unterbunden haben, habe ich am 17. August 2008 berichtet:
Computer Vintage #3 – Wie die Fahrkarten sich verdoppelten (1979/80)
🙂 Das ganze ist echtes Computer Vintage.

Zum Bon-Gesetz meine ich:
Das ganze ist wieder mal (k)ein Glanzstück unserer Regierung.  Es wird nichts bringen, außer Bürokratie und Müll. Den öffentlichen Raum in der Nähe von Bäckereien wird man daran erkennen, dass auf den Gehwegen neben dem üblichen Müll viele kleine Bons herumliegen.

Es zeigt aber wieder, dass die Damen und Herren in unserer Regierung nicht begriffen haben, was „Digitalisierung“ ist. Denn wenn es um Steuervermeidung geht, dann sollte man zuerst mal den digitalen Zahlungsverkehr ermöglichen. Und vielleicht daran denken, dass Steuerkontrolle und Datenschutz einfach ein Widerspruch sind.

Bei uns entstehen immer mehr Gesetze, die den Aufwand und die Bürokratie erhöhen und alles komplizierter machen. In Extremfällen sind die Anforderungen in Gesetzen unerfüllbar, weil sie sich elementar versprechen. Dem „edlen Ziel“, für das sie gemacht worden sind,  dienen sie aber nicht sondern bewirken oft das Gegenteil.

Die Bürger verstehen die Flut der Gesetze nicht mehr. Sie befolgen die Gesetze nicht, weil sie diese für sinnvoll halten. Nein, Gesetze werden nur noch eingehalten, wenn der Schaden durch die Strafe deutlich höher als der Nutzen der Gesetzesübertretung ist. So verkommt anständiges Verhalten zu einer schlichten Güterabwägung, man optimiert danach ob Nutzen oder Schaden des Gesetzesbruch überwiegen.  Soziale Kultur wird zerstört und auch der so wertvolle Rechtsstaat wird dadurch beschädigt.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 25. Dezember 2019

Frohe Weihnacht!

Prolog:
Weil Weihnachten gleich wieder vorbei ist, veröffentliche ich diesen mir wichtigen Artikel, obwohl er noch unfertig ist. Ich werde die Weihnachtsfeiertage nutzen, ihn perfekter zu machen.


Gestern war Heiligabend. Ich habe vergessen, Weihnachtsgrüsse zu schreiben, weil meine Gedanken im neuen Jahr waren.

Frohe Weihnacht!

Über Zahlen, Ziffern, Unendlichkeit und Null zum Programmieren!

Die beiden sehen doch aus wie zwei Nerds. Nerds mag ich.

Ich bereite sein Tagen (gedanklich seit Wochen und Monaten einen Vortrag zur Digitalisierung vor. Da habe ich festgestellt, wie das Unwissen – nicht nur – über Digitalisierung in den Köpfen der Verantwortlichen ist, die die Gesellschaft organisieren sollen/wollen (genannt Politiker). Das Ignorieren von Fakten scheint auch bei der Digitalisierung vorsätzlich zu sein. Das hat mich erschüttert, weil Digitalisierung wichtig ist.

So unternehme ich zur Jahreswende einen kleinen digitalen Spaziergang und beginne mit den Zahlen.

Ich freue mich auf das Jahr MMXX. Hier  in römischer Notation aufgeschrieben. Einer zwar pfiffigen aber letztendlich sehr unpraktischen Methode, Zahlen zu notieren. Allerdings hat sie zwei Vorteile: Zahlen sind ihr folgend für das menschliche Gehirn einfach zu bauen. Und es ist schwierig, große Zahlen zu notieren. Das ist gut, weil der Mensch große Zahlen eh nicht begreifen kann. Ansonsten hat die gute alte römische Methode nur Nachteile; eine effiziente algorithmische Verarbeitung von Zahlen dürfte mit ihr nicht möglich sein.

À propos große Zahlen – da kommen wir schnell ins UNENDLICHe. Und sind dann auch sofort bei der NULL. Null und endlich habe ich schon als Kind nicht verstanden. Kein Wunder, sie sind ja auch schwer zu begreifen. Vielleicht gibt es beides gar nicht! Ich beschreibe NULL und UNENDLICH, wie ich sie mir vorstelle. Dazu nutze ich in das Dezimalsystem,  das in unserer Kultur herrscht.

UNENDLICH
Ich wähle ein Hilfskonstrukt und starte mit der EINS. Die schreibe ich im dezimalen System als 1,0 auf. Und schiebe jetzt Nullen von rechts über das Komma (oder den Punkt). So dass eine Folge von 1.0 10,0 100,0 1000,0 … entsteht. Damit mache ich EWIG weiter. Und komme so dem UNENDLICH immer ein wenig näher, aber erreiche es nie. Falls das EWIG nicht funktioniert, dann gibt es das UNENDLICH nicht. Die klugen Mathematiker haben deshalb den Begriff des Grenzwerts (limes) genutzt. Unendlich wird als lim ∞ notiert.

Null
Mit der Null machen wir es ähnlich. Wir drehen das 1.0 um und machen 0,1 draus. Und  schieben jetzt die Nullen von links über das Komma (oder den Punkt). So dass eine Folge von 0,1 10,0 100,0 1000,0 … entsteht. Damit mache ich EWIG weiter. Und komme so der NULL immer ein wenig näher, aber erreiche sie nie. Auch hier gilt: Falls das EWIG nicht funktioniert, dann gibt es die NULL nicht. Die Mathematiker nutzen auch hier den Begriff Grenzwert (limes) . Unendlich wird als lim 0 notiert.

Gibt es die NULL und UNENDLICH eigentlich in der Natur? Wie GERADEN,  QUADRATE, KREIS und KUGELN. Alles natürlich in perfekt? Diese Frage, hat mich schon als Kind beschäftigt. Aber wie ich Mathematik studiert habe, habe ich aufgehört drüber nachzudenken.

Wenn wir meine beiden Null-Schiebereien jetzt einem Kreis schalten könnten, kommen wir dann vielleicht sogar bei gekrümmten Raum an. Null und endlich in einem Zahlenband angesiedelt mit sich in verschiedenen Richtungen drehenden Nullen?

Vielleicht hilft ein philosophische Scherzfrage beim erörtern von NULL und UNENDLICH:  Die soll ein Witz sein, an dem Witz  schon Freundschaften zerbrochen sind. Der geht so:

Wie groß ist der Umfang der Insel England.
Die Antwort ist dann

UNENDLICH!
Mit der Begründung:
Man müsse bei jedem weiterem Vermessen des Umfanges nur den Maßstab verkleinern (also immer eine Null von links reinschieben) und der Umfang würde immer länger werden.

Dankt mal drüber nach. Aber denkt an mine Warnung, wenn Ihr den Witz Eurer oder Eurem Liebsten erzählt:

Aber zurück zum Dezimalsystem. Das mag für den Menschen geeignet sein; vermutlich weil er 10 Finger hat. Aber für elektrische Maschinen taugt er nicht! So rechnen wir mit zehn Ziffern
{Null, Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht, Neun}
Wobei die Null vielleicht besser als „Keins“ oder „Nichts“ bezeichnet worden wäre.

Man schreibt Konrad Zuse die bahnbrechende Erkenntnis zu, dass „elektrische Rechenmaschinen nur auf der Basis von binären Zuständen arbeiten können“. Sie verwenden binäre Zahlensystem mit nur 2 Ziffern:
{Null, Eins}.
So wurde im 20. Jahrhundert binäre Zahlensystem und das BIT geboren. Man kann jede Zahl in einem binären wie dezimalen und x-beliebigen beschreiben. In der Mathematik nennt man das einen bijektiven Homomorphismus , der zwischen all den verschiedenen Notationen gültig ist.

Ich persönlich musste mich in meinem Programmierleben neben digital und dezimal auch noch mit dem oktalem und sedezimalen (auch hexasedezimal genannten) System auseinandersetzen:

Im oktalen rechnen wir mit 8 Ziffern:
{Null, Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht, Neun}

Im sedezimalen rechnen wir mit 16 Ziffern und ergänzen die 10 Ziffern und 5 Buchstaben:
{Null, Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht, Neun, A, B, C, D, E, F}

Das lag daran, dass Zahlenfolgen wie folgende für uns Menschen schwer zu lösen sind. Man hat also je nach Hardware Worte mit fester Wortlänge gebildet. Die war sechs oder acht. Die Halbworte wurden Bytes (so hatten diese 3 oder 4 Stellen. Hier im Beispiel an einem „Kette“ (String) von 24 Bits :

100010101100011110101111
(24 Bits in unstrukturierter binärer Anwendung)acht

100 010 101 100 011 110 101 111
(Dieselben 24  Bit für bessere Lesbarkeit in Dreierbytes notiert)

1000 1010 1100 0111 1010 1111
(Dieselben 24  Bit in Viererbytes aufgeschrieben)

42 54 36 57
(Dieselben 24 Bit für bessere Lesbarkeit oktal notiert)

8A C7 AF
(Dieselben 24 Bit sedezimal notiert)

Übungsaufgabe:
Jetzt rechnet mal aus, welchen Wert die 24 Bit in dezimale Schreibweise beschreiben.

Tipp:
Es muss immer derselbe Wert herauskommen.

TI Programmer im Hexadezimal-Modus (erkennbar an den beiden Strichen links im Display) und der Zahl ABCDEF in der Anzeige

Ein kleiner Seitenhieb auf meinen ehemaligen Arbeitgeber Siemens sei mir hier erlaubt. Ich habe in meinem Labor bei WS ST DF 131 an Transdata Rechnern mit einem 6-Bit-Wort-Rechenwerk und an Mainframes (BS1000, BS2000) mit einem 8-Bit-Rechenwerk gearbeitet.

D.h. die Speicherabzüge (Dumps) kamen als oktale oder sedezimale Ausgedrucke. Das Umrechnen der Zahlenwerte zwischen binär, oktal, dezimal und sedezimal war mühsam und zeitaufwändig.

Aber da gab es ein kleines elektronisches Helferlein von Texas Instrument für Programmieren, den TI Programmer. Diese Wundermaschine kostete zirka 650 DM und fraß ganz schön viel teuere Batterien (Akkus hatten damals noch nicht die Kraft). Das war ein Drittel meines Gehalts. Da die Siemens AG ihren Programmieren dieses Gerät nicht als Arbeitswerkzeug zur Verfügung stellte und uns dafür mit Druckbleistiften ausstattete, habe ich ihn mir privat gekauft und wurde so gerade beim Dump-Lesen und Fehlersuchen wesentlich produktiver.

Meine damalige Lebensgefährtin und heutige Ehefrau, die Barbara, fand das sicher nicht so toll. Und war mir wohl auch deshalb nicht böse, wie ich ein paar Monate meinen sichern Arbeitsplatz bei Siemens inklusive den zum Teil schon erworbenen Anspruch auf Betriebsrente aufgab. So hat doch wieder alles sein Gutes.

Aber noch ein bisschen „Geschichte des Programmierens“. Algorithmen wurden früher von mechanischen Konstruktionen abgearbeitet. Da der „algorithmische“ Hardware war, die sich nicht verändern konnten, waren diese Automaten immer auf spezifizierte Aufgaben beschränkt.

Auch bei den Programmen, die auf“elektrischen Maschinen“ galt lange die strenge Regel, dass der Programm und Daten streng getrennt werden müssen und um alles in der Welt vermieden werden müsse, dass das Programm verändert. Erst als mutige junge Programmierer zum Ende der 1950iger es wagten, bei Bedarf Teile des Programm zu überschreiben, „öffnete sich die Büchse der Pandora und der universelle Rechner wurde möglich“.

So hat es der leider schon verstorbene Professor F.L .Bauer, bei dem ich 1969 die erste Vorlesung Informatik an der TUM gehört habe, bei seinen Führungen für mich und meine Freunde im Deutschen Museum formuliert.

Zusammengefasst muss man wissen, dass ein jedes Programm letzten Endes nur eine großes Bitmuster ist. Theoretisch also nur eine Zahl. Das in einer Programmiersprache kompliziert beschrieben wird. Das bedeutet in letzter Konsequenz, dass viele Zeilen komplizierten Quellcode mit dem dahinter stehenden noch komplizierteren Überlegungen nur einem einzigen Zweck dienen – eine Zahl zu definieren.

In der Zeit, in der wir HIT/CLOU mit einem Aufwand von „Mann/Frau-Jahrhunderten“ entwickelt haben, haben meine Kollegen oft gescherzt. Wie schön wäre es, wenn man einen Zufallsgenerator hätte, der alle Zahlen generieren könnte und ein System, dass ausprobiert, welche Zahl das perfekte und fehlerfreie Textsystem realisieren würde.

Das ist natürlich unmöglich. Wobei die bitcoin-Leute mit ihrer blockchain ähnlich vorgehen. Sie erstellen den „proof of work“ der der „Versiegelung der Blöcke“ dient, in dem sie Schlüssel, die besonderen Kriterien genügen müssen, würfeln (per Zufall generieren) und austesten, ob einer der Schlüssel zufälliger weise passt. Es dauert natürlich oft sehr lange, bis man mit diesem „Algorithmus“ einen passenden Schlüssel findet. Das Ganze nennen sie „mining“ und verbrauchen dafür den vielen Strom.

Unser Programm, dass große Bitmuster, muss leben und sich im Betrieb dynamisch verändern können, um seinen Zweck zu erfüllen. Das ist auch der Grund, warum es eine hundertprozentige Datensicherheit nicht geben kann. Vielleicht ist das sogar gut so, den IT hat den Zweck, Wissen zu teilen und für Transparenz zu sorgen. Und nicht Wissensmauern auf zubauen.

So geht DSGVO in die völlig falsche Richtung. Sie erhöht die Aufwände und bremst technologische Entwicklungen.

Heute ist die IT zum Büttel der Überwacher und „Geheimhalter“ geworden. Die DGSVO macht die Geheimhaltung zum Gesetz und bestraft Verstöße mehrfach strenger als Verstöße gegen das Betriebsverfassungsgesetz.

Sie schützt uns aber nicht vor der Überwachung durch staatliche Instanzen. Im Gegenteil die sind bei uns mittlerweile verpflichtend. Auf meiner Südamerika-Reise kurz vor Weihnachten habe ich gelernt, wie schnell eine Demokratie abrutschen kann. Und das uns das nicht mehr passieren kann, beruht auf Nichtwissen und dummer Arroganz.

Das Internet ist das wertvollste Werkzeug der Menschheit. Wenn unsere Probleme überhaupt noch lösbar sind – auf Grund meines Erlebten, Erfahrenen und Erlernten bin ich da sehr skeptisch – dann wird uns das nur mit klugem Einsatz aller unserer Möglichkeiten gelingen.

Das zynische Moment beim Datenschutz ist, dass wir halbwegs sichere technische Systeme nur mit konsequenter Transparenz erreichen können, also mit konsequenter Offenlegung aller Quellen, die ja unser Wissen beschreiben (Open Source). Wenn wir aber die Sourcen geheim halten (weil wir den Eigentumsbegriff über persönliche Dinge, Güter der Allmende auf das „geistige“ und Daten ausweiten) dann

Wir aber diskutieren die falschen Themen und implementieren diese in unserer Gesetzen. Und fordern Dinge ein, die gar nicht machbar sind. Dabei behindern wir uns und schwächen uns selber. Es ist wie mit der Schwerkraft. Steine fallen auf unserem Planeten halt von oben nach unten. Das ist halt so. Ein Gesetz zu machen, dass Steine ab jetzt nach oben fallen sollen ist sinnlos.

Wir sollten uns lieber überlegen, wie wir die Demokratie mit Hilfe der Digitalisierung erneuern. Kultur braucht Kommunikation, sozialer Konsens entsteht durch Dialog. Auch die Entwicklung von sozial verantworteten Werten fällt eben nicht vom Himmel.

Werte müssen sich weiterentwickeln. Sie brauchen eine Dynamik. Der Mensch als Krönung der Schöpfung war einmal. Heute könnte es der Respekt vor dem Leben sein – nicht nur des Menschen. Die Welt ist global geworden. Wir können sie – auch aufgrund des technischen Fortschritts – nicht mehr „entglobalisieren“. Und ich glaube, wir wollen das auch gar nicht mehr.

Um eine globale Kultur zu schaffen, braucht es Kommunikation. In einer globalen Welt müssen wir dazu die Zeit-/Raumschwelle überwinden und damit umgehen können, dass wir viel mehr geworden sind.

Eine mittelalterliche Stadt hatte ein paar Tausend Menschen. In der globalen Welt leben Milliarden, allein im kleinen Deutschland zig Millionen und in der im globalen Maßstab eher überschaubaren  Metropolregion München Millionen Menschen.

Das Internet war der Beginn einer Implementierung eines Systems, das lokale und globale Kommunikation ermöglichte. Es kann die gemeinsame Wertebildung, den Finden eines sozialen Konsens und die demokratische Willensbildung reformieren. Dazu bräuchten wir Systeme, die eine sittlich und kollektiv verantwortete Güterabwägung auf Basis crowd-basierter gesellschaftlicher Emergenz unterstützen. So müssen wir es in Freiheit entwickeln und dürfen es nicht kaputt machen.

Vielleicht könnten wir so die Politik endlich „entlobbisieren“, damit die Kriege reduzieren und die Voraussetzungen für eine gemeinsame vernünftige Entscheidungsfindung schaffen!

Am Tag vor Heiligabend war ich auf einem gemeinsamen Werbestand von Den Piraten und Die Partei. Da bin ich fast zwei Stunden hängen geblieben. Die haben meine Vision verstanden. Waren aber alles Typen die auch gemeinsam im neuen Jahr zum CCC fahren. Wie schaffe ich es, dass mich andere Gruppen auch verstehen.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 24. November 2019

Von digitalen Helferlein … (heute WERKZEUGE für Text)

Eine meiner Thesen ist:
Werkzeuge müssen Menschen dienen.
Nicht die Menschen den Werkzeugen!

Das gilt auch für Schreib-Werkzeuge!

Klein Roland mit Schultüte.
Er sollte schreiben lernen

Ich mache jetzt mehr als 50 Jahre IT. Das heißt auch 50 Jahre schreiben. 50 Jahre individuelle Texte formulieren. 50 Jahre sich mit Schreibgeräten und Rechenmaschinen herumschlagen. Auch 50 Jahre Frust durch Verlust von Daten und damit Arbeit.

Heute mache ich mal eine Rückschau auf meine digitalen Schreibgeräte. Dies rein erzählend.

Am Anfang meines IT-Lebens war der Lochstreifen. Und mein digitales Schreiben begrenzte sich auf das Erstellen von Programmier-Code. Die Programme waren einfach, Kommentare waren damals nicht so üblich. So waren die Texte kurz. Das Werkzeug war der Fernschreiber. Das ging so weit ganz gut, weil ich Schreibmaschine-Schreiben in der Schule gelernt hatte und der Weg von der Schreibmaschine zum primitiven Fernschreiber nicht so weit war.

So wurde es nicht beim Schreiben spannend sondern beim Verschreiben. Dann wurden alle Tricks genutzt, die Doppelarbeit vermeiden sollten. Die Fehlerbehebung wurde zur oft trickreichen Bastlerarbeit am Lochstreifen.

Dann kamen die Lochkarte. Es wurde üblich, dem Code Kommentare hinzuzufügen. So wurden die Programme länger. Da hatte man schon mehr zu schreiben. Und so war ein Programm plötzlich ganz schön schwer. Lnange Blechschubladen mit vielen Kilos an Karton.

Die Lochkarten wurden mit großen und schweren Spezialmaschinen gestanzt, die Lochkartenstanzer genannt wurden. Von der Bedienung her war das aber im wesentlichen auch wie bei der Schreibmaschine.

Der teuere Softwareentwickler hat aber nicht mehr selber getippt, sondern hat seine Programme auf Lochkartenpapier geschrieben. Das war ein Papier, mit einem Vordruck wie er auf der Lochkarte auch war, meistens mit 80 Spalten. Das Werkzeug waren der gespitzte Bleistift und der Radiergummi.

Der nummerierte Stapel Papier ging dann zum Stanzen. Das erledigten Spezialkräfte, die im ersten Lauf die Löcher in den Karten erzeugten, die im Korrekturlauf mit einer Zweiterfahrung kontrolliert wurden. Oft wurden die Arbeit mit Linienflugzeugen in ferne Länder geflogen und dort erledigt. So enstand das „off-shoring“.

Wenn die Lochkarten zu mir zurück kamen, habe ich sie nochmal durchgeschaut. Und dann ging es los ins „Versuchsfeld“ zum Lochkartenleser.

Das sollte sich alles schlagartig ändern, als die „Datensichtgeräte“ oder „Terminals“ kamen. Die Programmierer schimpften, dass sie unmöglich auf so einer Flimmerkiste Programme schreiben könnten. Und wollten beim Bleistift bleiben.

Die Rechner haben sich auch weiter entwickelt. So produzierten wir mit IT-Systemen auch Dokumentation, Geschäftspost und vieles mehr. Eigentlich alles, was man bis dahin auf Schreibmaschinen oder -automaten oder gar Druckern gemacht hatte.

Die Datensichtgeräte waren Geräte für BS1000 und BS2000 (Siemens) und OS bei IBM. Alles waren sehr komplizierte und schwere (und teuere) Endgeräte, in die man Texte eintippte und die Eingabe mit einer speziellen Taste zur Datenübertragung abschloss.

„In den Rechnern“ gab es mark-up-languages, die doculity oder ähnlich hießen und die in den Texten Anweisungen für Textformate enthielten, wie neue Zeile und neuer Absatz oder Textattribute wie fett oder invers. Das waren die mark-ups, die mit einem Fluchtsymbol gekennzeichnet waren. Das Fluchtsymbol war ein Sonderzeichen, das im Text nicht gebraucht wurde. Mit den entsprechenden Programmen konnte man ganz schön formatierte Dokumente generieren.

Die Editoren dazu hießen bei Siemens im BS 2000 EDT oder Edor. Sie hatten unterschiedliche Strategien, die schon geleistete Arbeit zu sichern. Bei beiden Systemen ging bei Rechnerabstürzen immer ein wesentlicher geschriebener Teile verloren, so dass der Frust zum treuen Begleiter der Arbeit wurde. Trotzdem war es schon viel besser, die Texte so zu schreiben als mit der Schreibmaschine.

Noch mal einen Fortschritt zu meiner Zufriedenheit gab es kurz darauf, als ich bei Softlab mit Pet/Maestro arbeitete. Die Chefs fragten sich, ob man das System so nennen dürfte, denn sie hatten entdeckt, dass pet ein englisches Wort war. Aber das System hatte eine intelligente Speicherlösung, die Datenverlust komplett reduzierte. So konnte man gut damit arbeiten, obwohl das System wahrlich oft abstürzte. So gabe es halt viele Hochfahr-Pausen, die wir zu Kaffee-Pausen umfunktionierten. Eigentlich war ich da das erste Mal in der IT glücklich, was den Datenverlust betraf.

PetMaestro war aber nur eine kurze Episode in meinem IT-Leben. Alle diese Schritte führten zu einer kontinuierlichen Verbesserung meiner Arbeitssituation und zu einer Erweiterung der Funktionalitäten.

Und es ging weiter aufwärts – eine weitere wesentliche Verbesserung brachte Unix mit seinen zeichenorientierten Terminals, auch VT 100 kompatibel genannt. Da machte das Arbeiten mit Text schon richtig Spaß. Nicht nur, weil es da unseren Texteditor HIT gab. Mit Datenverlust war Schluss, den den gab es nur noch, wenn das Unix mal abstürzte. Und das geschah immer seltener.

Die Editoren waren dann – bei Siemens – ced (c-editor für die Programmiersprache c) und in der großen Welt vi – der Unix-Editor. Zum Formatieren gab es Systeme wie n-roff und t-roff. Alles Standard und alles funktionierte, es war das Paradies.

Und dann kam Microsoft und Word. Das war ein großer Rückschritt. Noch schlimmer wurde es mit der Graphik. Mit dem schönen Wysiwyg (und word) war Verlässlichkeit und Sicherheit dahin. Und die Welt wurde langsam.

Vor dem PC unter DOS konnte ich mich noch drücken. Aber mit dem Aufkommen des Client-Server-System war ich auch auf einem Fat-Client und benutzte Winword. Das war ein großer Rückschlag – ich brauchte wieder deutlich länger für meine Dokumente. Und habe wieder viel umsonst gearbeitet. Weil das „recovery“ oft nicht so richtig funktionierte.

Heute ist das alles vorbei. Ich habe Google und kann mit Docs wunderbare Dokumente schreiben. Im Chat merke ichgar nicht mehr, dass ich einen Editor benutze, es ist selbstverständlich geworden zu schreiben. Und das Tablet bereitet mir die Worte vor. Aber ich kann auch aufhören mit Text und ganz einfach asynchron über Audio und Video kommunizieren. Ein Traum ist Realität geworden.

Fürs Internet gibt es viele tolle Systeme wie Blog Editoren und Content Manager. Und auch da kann ich einfach vom Dokument zum Podcast oder Video wechseln. Einfach, schnell und mit hoher Qualität. Und bei Bedarf kann man das gesprochene Wort auch schnell mal digitalisieren. Die Texte diktiert man – ohne Sekretärin wird die Sprache automatisch „verschriftet“! Und wer es mag, der kann auch mit Handschrift „revisible code“ erstellen.

Aber es droht eine neue Bedrohung – das nach der DSVOG und ISO 27001 sichere Arbeitsgerät, sei es Laptop oder Handys. Wenn der so richtig gut geschützt ist, dann kann das Arbeiten auch schnell aufwändig werden. Besonders wenn man Hyperlinks nutzt. Und Hyperlinks sind der Honig des Internets!

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 20. November 2019

Die CLOUD braucht keine Gesetze sondern Kultur.

Meine Aussage KULTUR GEHT VOR GESETZE gilt nicht nur für das „Leben in der Cloud“ sondern für jedes soziale System.

Laut Wikipedia ist ein Soziales System ein zentraler Begriff der soziologischen Systemtheorie, der eine Grenze zieht zum Ökosystem, zum biologischen Organismus, zum psychischen System sowie zum technischen System. Sie alle bilden die Umwelt sozialer Systeme. Mindestvoraussetzung für ein soziales System ist die Interaktion mindestens zweier personaler Systeme oder Rollenhandelnder (Akteure). 

Auch 2019: Ich war mal wieder Referent.

Pragmatisch sind Soziale Systeme „Menschenhaufen“ mit einer Anzahl von größer-gleich zwei Akteuren, die miteinander zielgerichtet interagieren und dabei Strukturen und Organisationen entwickeln. Unternehmen zum Beispiel sind soziale Systeme, die einem ökonomischen Zweck dienen und deren Strukturen und Organisation diesen dient.

Die Interaktion im sozialen System kann im realen Raum stattfinden – oder auch in einem vielleicht virtuellen, den wir mit der Metapher Cloud beschreiben. Wichtig ist nur die Möglichkeit der Interaktion und Kommunikation im sozialen System. Ansonsten ist es weder notwendig dass die (potentielle) Akteure sich kennen oder etwas gemeinsam haben, wie z.B. die gleiche Sprache oder Hautfarbe.

CLOUD steht für mich als Metapher für die digitale Welt, also für alles was mit Digitalisierung und Internet zu tun hat und auch gern als smart  bezeichnet wird.

Gerade in Deutschland wünschen sich viele (besonders die politischen Freunde mit dem dem „C“ im Logo) REGELN fürs Internet. So wie bei uns eh gerne nach mehr Gesetzen gerufen wird woe auch nach mehr Polizei, die auf die Einhaltung achtet. Und konsequenter Bestrafung der Täter.

Die große Koalition hat sich im November ein Zwischenzeugnis ausgestellt. Sie lobte sich selber, weil sie viele ihrer Vorhaben realisiert hat, in dem sie neue Gesetze gemacht hat. Sie ist zufrieden, einfach der Tatsache geschuldet, dass sie das Thema „abgehaken kann“. Weil es jetzt ein Gesetz gibt. Ohne den Inhalt bzw. die Wirkung desselbigen zu bewerten.

Was würde passieren, wenn ein Vorstand einer AG die Anzahl  neuer Betriebsvereinbarungen als Maß des Erfolges seiner Amtszeit nehmen würde? Würde das den Aktionären genügen?

Sorry, weder in der Regierung noch im Unternehmen besteht die Wertschöpfung aus dem Schreiben von immer mehr Gesetzen.

Ich glaube, dass wir in den meisten sozialen Systemen, die ich kenne, ein Zuviel an Regeln und Gesetzen haben. Die Welt wird dadurch immer komplexer, wir müssen sie aber einfacher gestalten. Außerdem zerstören Gesetze Vertrauen! Und sind nicht mehr umsetzbar, wenn sie überhand nehmen.

So braucht auch die CLOUD kein mehr an Gesetzen. Sondern Kultur!

Die CLOUD ist so wichtig für uns, weil sie die Maschine ist, die die Wissens- und Informationsgesellschaft betreibt. Sie ist das mächtigste Werkzeug der Menschheit. Und an keinem sozialen System der Welt nehmen so viele Menschen teil wie am Internet.

Wir dürfen es nicht „kaputt machen“. Das Internet muss eine Basis bleiben, die uns dient – und darf keine werden, dem wir dienen.

Wie war das nach der Industrialisierung?

Da gab es Henry Ford, der Autos in Serie bauen wollte. Es gab aber keine Arbeiterschaft, bei der er seinen Bedarf hätte decken können.  Dafür waren  viele „dumme“ Bauern in der Landwirtschaft durch den Einsatz von Maschinen arbeitslos geworden. Nur – diese dummen Bauern hatten nicht gelernt, Werkzeuge zu bedienen. Nicht einmal die Uhr und den Takt der Zeit hatten sie verstanden. Aber sie waren da.

Henry Ford hatte seine klugen Ingenieure. Diese zerlegten die Arbeits-Vorgänge am Fließband in viele kleine Schritte. Die dummen Bauern waren in der Lage, diese zu erlernen  und dann auszuführen. Der Taylorismus war erfunden. Aus der Kaste der Ingenieure sollten sich später die Manager entwickeln.

Das funktioniert in einer Wissensgesellschaft nicht mehr!

Auf dem Wege zur Informationsgesellschaft hat sich das geändert. Schon 1984 waren meine jungen Mitarbeiter technisch besser als ich. Sie waren jung und kamen direkt von der Uni. Zum Teil hatten sie schon in ihrer Kindheit und Jugend programmiert. Mit meiner sperrigen aber hochbezahlten Industrie-Informatik-Erfahrung kam ich mir schon damals ganz schön alt vor.

Mein Vorteil war, dass ich 34 Jahre alt war, ein wenig Lebenserfahrung wie zwei Kinder hatte und ich bei meinem Freund Rupert Lay schon ein wenig „Kommunikation“ gelernt hatte. Zum Beispiel ein Mindestmaß an Zuhören. Und ich hatte schnell kapiert, dass ich meinen jungen Kollegen nicht vorschreiben durfte, wie und wann sie arbeiten müssen. Das wussten sie selber besser. So durften sie auch nachts programmieren, wenn sie das so wollten.

Aber aus meinen Impulse machten sie wunderbare Dinge. Sinnvolle Gebote, die die Arbeit erleichterten, wie das Nutzen von Werkzeugen wie lint, sccs, make … (wir entwickelten Software mit der Programmiersprache C auf Unix) nahmen sie gerne an. Und es gelang uns, eine Qualitätskultur zu leben:
“Wir schaffen Qualität nicht für den Endkunden, der unser Produkt einsetzt, nicht für die Distributoren wie Siemens, IBM und Nixdorf …,nicht für unser Unternehmen, die InterFace Connection, sondern in erster Linie für uns selber, für das ICH!“

So hatten wir auch keine Arbeitszeitregelung. Die gab es nicht. Nur zwei Bitten:
Schreibt Eure Zeiten wahrhaftig auf!
und
“Stimmt Euch bitte ab, damit Ihr Euch ausreichend seht!”.
Heute haben wir ein dickes Gesetzbuch an Arbeitszeitordnung.

So waren wir schlank und wurden unheimlich schnell. Alle Mitarbeiter konnten programmieren, sogar die Heidi im Back Office bekam es beigebracht. Betriebsvereinbarungen, die eigentlich immer das Gegenteil bewirken von dem was sie sollen, gab es bei uns nicht. Wir hatten auch keine dezentralen Dienste und ausufernde Administration.

So blieben „Parkinsons Effekte“ aus und die Menschen waren glücklich, weil sie selbstbestimmt und selbstorganisiert arbeiten konnten. Bei uns gab es auch keine Menschen zum Erlassen von Gesetzen und keine für die Überwachung deren Einhaltung. So sparten die Zeit und die Kraft für die Gestaltung unserer Zukunft und unserer Produkts, auf dessen Entwicklung wir uns voll konzentrierten. Mit selbstorganisierten und gut vernetzten und so gut abgestimmten Teams.

Eine schöne Zeit, die über ein Jahrzehnt halten sollte. Bis uns dann die Realtität eingeholt hat. Und wir mit dem älterwerden verkrusteten. Jetzt entkrusten wir wieder, um jung zu bleiben.

À propos ZUKUNFT – Vor kurzem war ich auf dem
„Barcamp Oberland Servus Zukunft“?
Wie ich finde, ein wichtiges Thema, die wir uns durchaus mal stellen sollten. Ich habe eine Session mit dem Thema vorgeschlagen:
„Kann Deutschland Zukunft?“
Die Menschen in meiner Session hat das nicht interessiert. Deutschland war ihnen egal. Ihnen ging es ums Oberland. Sie haben die Frage als umformuliert:
Kann das Oberland Zukunft?“

Das fande ich gut. All business is local. Und das Oberland ist  abgehängt von München. Die schöne Landschaft versinkt unter Blechlawinen, die Zuganbindung ist durch ein kleines Wunder noch vorhanden, aber indiskutabel. Und die lokalen Unternehmer müssen sich ganz schön anstreben, damit es schön bleibt im Oberland.

Die Oberländer sind pragmatische Menschen. Deutschland interessiert sie nicht, sie wollen das Oberland nach vorne bringen. Sie hatten auch gleich eine Lösung:
„Die Menschen im Oberland müssen politischer werden!“
Zukunft heißt für sie, „sich beteiligen und sich einmischen in die Politik“. Und die Entscheidungsmacht wieder dem Volk als Souverän zurückzugeben. Wie es in einer Demokratie sein sollte.

Dies funktioniere aber nicht nicht mehr über Personen, Parteien und ihre Programme. Nein! Die Bürger wollen zum Enscheider werden. Als Crowd wollen sie über Sach-Entscheidungen entscheiden. Der Gedanke ist, dass man alle möglichen Maßnahmen sammelt und differenziert bewertet. Mithilfe von Cloud und Crowd wollen sie EMERGENZ schaffen im Oberland.

Emergenz ist ein schwieriges Wort. Ich meine zu wissen, was gemeint sein könnte. Und nenne als Beispiele für emergente Ergebnisse gerne das „agile manifesto“ und andere „open source“-Geschichten.

Was aber ist notwendig für EMERGENZ?
Eine größtmögliche TRANSPARENZ.
Denn TRANSPARENZ ist notwendig für VERTRAUEN.
Und VERTRAUEN ist die Basis von Kultur.

Gesetze, Methoden, Regeln, „best practices“, Prozesse, Technologie (wie das Internet) sind alles nur Werkzeuge. Und Werkzeuge müssen den Menschen dienen. Und nicht die Menschen den Werkzeugen. Da müssen wir aufpassen.

Die Crowd (Digitalisierung, Internet …) ist das mächtigste Werkzeug, das wir haben. Es könnte sein, dass die Menschheit es bald als gemeinsame Aufgabe betrachten wird, den Planeten zu bewahren. Noch tut sie es ja nur sehr halbherzig.

Wenn wir das wirklich schaffen wollen, dann müssen wir den Rohstoff teilen, der durch Teilen mehr wird. Das ist das WISSEN. „WISSEN TEILEN“ kollidiert dann schnell mal mit dem URHEBERRECHT und dem “EIGENTUM an DATEN”. Um die obige Aufgabe „Planet bewahren“ zu schaffen, brauchen wir die nur in einem freien Internet mögliche EMERGENZ. Deshalb müssen wir das freie Internet bewahren und vor Überregulierung verschonen.

Wir haben ein Artensterben. Das bedroht auch das freie Internet . Und die HUMANITÄT. Da finden wir ein Kanzlerinnen-Wort (vom digitalem Gipfel 2019):
„Die HUMANITÄT unserer Gesellschaft muss auch in der digitalen Welt selbstverständlich bleiben“.
Vorsicht! Da impliziert sie etwas, was bei weitem nicht so klar ist:
Die Humanität muss in der realen Welt selbstverständlich bleiben.
Den ich sehe sie auch im normalen Leben gefährdet.

Früher hatte der Kapitalismus ein “Humanes Antlitz”.
Es gab eine soziale Marktwirtschaft, Renten- und Arbeitslosenversicherung. Und allerorts viel Verantwortung. In der Bayerischen Verfassung war die „Gemeinwohl-Ökonomie“, einfach mal genau nach lesen.
Heute trägt der digitale Kapitalismus eine “SMARTE Maske”.
Das scheint anders und wirkt erfrischend neu. Das System ist aber effizienter und brutaler. Der gierigste Konzern vermarket sich mit einem ”don’t be evil”.

Und alles wird zum Spiel. „gamification“ als Strukurierung von Arbeit wird schick. Der Begriff ist gut bekannt von Apps. Mit spielerischen Anreizen wird der Nutzer und jetzt der Arbeiter motiviert. Die Arbeit auch zum Spiel, und fordert leicht noch mehr.

Die Arbeiter, die an den PCs sitzen, sollen sich wie „gamer“ fühlen und Spaß haben. Wir machen jetzt #newwork – das wird die Arbeit zum Spiel und findet in einer der großen Spaß-Welt. Wir haben das erlebt, wie wir jung waren. Wir waren stolze Programmier, die sich mit dem schönsten Spiel der Welt vergnügen durften – und dafür auch richtig viel Geld bekamen.

Und die Büros werden zu Spaß-Welten und Wohlfühloasen. Man kann von zu Hause oder aus einem dezentralen „coworking space“ arbeiten. Ab und zu geht man auch mal ins Büro, trifft Kollegen und lässt sich verwöhnen. Wie es einem gerade passt. Du darfst nur nicht verlieren, dann kann schnell schnell Schluss sein mit dem Spaß,

Den Spaß gibt’s natürlich nicht für alle. So entsteht ein “neuer Feudalismus in der Arbeit”, eine Zweiklassengesellschaft wie auch im Internet ist (mindestens) die Hälfte der Menschen nicht dabei in.

Die anderen Arbeitsplätze werden völlig vergessen. Die sind doch eh bald weg! Weil das ja später die Roboter (bots) machen werden? Brave new world. Nur glaube ich es nicht. Aber das ist ein anderes Thema

Vielleicht hätte die Kanzlerinnen auf dem IT-Gipfelbesser sagen sollen;
Die HUMANITÄT darf in der digitalen (und realen) Gesellschaft nicht durch SMARTHEIT ersetzt werden!

JETZT kommt die wichtige Frage:
Wie können wir die Kultur in der echten Welt und in der Cloud wieder verbessern?

Ehrlich gesagt, ich bin auch ratlos. Aber eine Hoffnung habe ich. Die Schule! Dort habe ich – wie auch meine Kinder – eigentlich nur Unsinn gelernt. Nützliches habe ich – oft für gutes Geld gelernt –  erst sehr viel später z.B. in „Persönlichkeits fördernden“ oder „Führungs-Trainings“ gelernt.

Kommunikation zum Beispiel. Mit gut 30 habe ich für einen größeren Scheck „Zuhören“ und „offene Fragen stellen“ gelernt. Und mit gut 60 dann im Selbststudium Gewaltfreie Kommunikation..

Damit könnte man schon im Kindergarten anfangen. und das in de Grundschule mit Rethorik und Dialektik fortsetzen. Dann wäre auf den weiterführenden Schulen ein wenig Platz für Geisteswissenschaften wie Philosophie.

Zu Schluss noch ein Beleg für meine These:
“Regeln, Gesetze und Strafen fordern heißt nichts verstanden zu haben“.

Die letzte große Innovationen vor dem Internet dürfte das Automobil gewesen sein. Das wurde bestens geordnet und geregelt durch die Straßenverkehrsordnung. Was hat die bewirkt?

Der Blutzoll nur in Deutschland war 780‘000 Tote und  31‘000‘000 Verletzte. Das war nicht im 2. Weltkrieg? Nein. Seit dem 2. Weltkrieg. Im Verkehr. Weltweit derzeit 1,4 Mio Tote im Jahr.

Ich meine, dass eine Kultur der Achtsamkeit und Rücksichtnahme mehr gebracht hätte.

RMD

Gehalten am 20. November auf der DOAG-Jahreskonferenz in München, aufgeschrieben im Zug nach München.

 

Roland Dürre
Sonntag, der 3. November 2019

Datengipfel.

Unterwegs in dieser Welt.

Wir schreiben den 3. November. Ich gehe raus. Muss mal an die frische Luft. Eine düstere Welt. Die Tage sind kurz, die Nächte lang. Das Wetter fühlt sich nass an und eine klamme Kälte umarmt mich. Schlimm genug! Aber dann passiert mir der GAU. Zurück in der warmen Stube verirre ich mich auf die Website der Bundeskanzlerin.

Als moderne Digitalisiererin legt sie ihren Kalender offen. Gestern und vorgestern war sie auf Einladung des indischen Premierministers Narendra Modi in Neu-Delhi. Da hat sie in Deutsch-Indischen Regierungskonsultationen die strategische Partnerschaft sowie die bilaterale Zusammenarbeit in den Bereichen Digitalisierung, Wirtschafts- und Handelsfragen sowie Entwicklung und Nachhaltigkeit vertieft.

Da freuen wir uns doch alle!

Zurück von Indien war sie auch heute fleißig. Kanzlerin Merkel hat gleich mal ein paar warme Worte an den langjährigen Präsidenten der Europäischen Zentralbank Draghi zur Verabschiedung aus seinem Amt gerichtet: „Die Europäische Zentralbank (EZB) hat während deiner Präsidentschaft einen entscheidenden Beitrag zur Stabilität dieses Euroraums geleistet.“

Draghi – wir danken dir!

Dann war Kanzlerin Merkel beim Festakt zum Jubiläum des DGB. Der feiert nämlich 70-jähiges Bestehen. „Seit jeher setzt sich der Deutsche Gewerkschaftsbund für soziale Gerechtigkeit und bessere Arbeits- und Lebensbedingungen ein“.

Und sie hat sich wahrscheinlich klammheimlich gefreut, dass dieser Bund so einen schönen Nagel am Sarg der SPD abgibt. Wahrscheinlich aber auch für Themen wie #newwork und kreative Arbeitsformen.

Da fällt mir ein, dass vor ein paar Tagen der Digitalgipfel war (da wo der Dicke von der Bühne gestürzt ist und dann nicht mit nach Indien fahren konnte). Früher war ich da öfters eingeladen (beim Digitalgipfel) und habe mich immer gewundert, was da die Damen und Herren zur Digitalisierung sagen. Und gelangweilt.

Da werde ich neugierig. Wo ist die Seite Kanzlerin bei Digitalgipfel? Und werde auch schnell fündig: Hier ist sie!

Schon die Überschrift erfreut mich:

Datensouveränität ist höchstes Gebot!

Endlich wissen wir, was die BRD am dringendsten braucht!

Dann lese ich:
„Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte beim diesjährigen Digitalgipfel, dass all unsere Werte auch in der digitalen Welt Gültigkeit haben müssen. Sie betonte vor allem die Arbeitswelt, Gesundheit und Ethik. „Die Humanität unserer Gesellschaft muss auch in der digitalen Welt selbstverständlich bleiben“, sagte die Kanzlerin in Dortmund.“

Da wird es mir doch gleich warm ums Herz. Oft habe ich den Eindruck, dass die Humanität in der realen Gesellschaft stört und dort vom Aussterben bedroht ist. Na vielleicht überlebt sie ja in der digitalen Welt. Dann könnten wir uns auch in diese zurückziehen, wenn es in der realen zu schlimm wird. Nur was ist das, die digitale Welt? So etwas wie der christliche Himmel? Gibt es neben dem C-Himmel auch noch einen e-Himmel? Was machen wir mit der Humanität, wenn es die beide nicht gibt.

Wir kriegen auch ein großes Versprechen:
Keine Angst Bürger – jetzt kommt das Projekt Gaia-X! Das ist eine vernetzte Dateninfrastruktur, also eine sogenannte Daten-Cloud, auf europäischer Ebene. Als Basis für Smart-City-Datenplattformen als Infrastrukturen für vernetzte Städte und Regionen.

Da atme ich auf, jetzt wird doch alles gut. Wir kriegen smarte Citys und vernetzte Regionen. Zwar stehe ich mit dem Begriff „smart“ auf Kriegsfuß. Und die schöne Metapha GAIA für eine simple Cloud zu missbrauchen, finde ich auch nicht angemessen. Aber man darf halt nicht zu kritisch sein.

Aber folgender guter Rat für uns digitale Konsumenten hilft uns auch in der smarter City in vernetzter Region:

Merkel warnte davor, sich bei der Speicherung und dem Austausch solch sensibler Informationen in die Abhängigkeit der großen Konzerne zu begeben!

Was für ein toller Satz. Da lerne ich dazu und warne Euch alle:
Begebt Euch beim Besorgen Eurer Lebensmittel nicht in die Abhängigkeit der großen Konzerne! Also kein Nestlé oder Mars, kein Aldi oder Rewe mehr!

Nach der Lektüre der Website unserer Kanzlerin bin ich richtig froh, dass die meisten Inder und Chinesen kein Deutsch können. Wenn die das lesen würden. Dann würden sie vom digitalen Deutschen nichts mehr halten. Haben sie doch schon vor einem Jahrzehnt bei meinen Aufenthalten in Neudehli und Mumbai mir in typisch indischer Arroganz erklärt, aus was für einem rückständigen Land ich kommen würde.

RMD

P.S.
Für Nichtwissende:
Der Digitalgipfel der Bundesregierung ist die zentrale Plattform für die Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft bei der Gestaltung des digitalen Wandels. 2019 steht er unter dem Motto „PlattFORM DIE Zukunft“ und will Impulse bei der Entwicklung und Anwendung digitaler Plattformen setzen. Dabei sind ausdrücklich auch noch kleine Projekte und Start-ups gemeint.

Roland Dürre
Freitag, der 27. September 2019

Buchneuerscheinung: »Das Auto im digitalen Kapitalismus«

Vor kurzem hat mich folgende Pressemitteilung erreicht:


Verkehr à la Silicon Valley?

Elektrischer Antrieb, geteilte Nutzung, selbststeuernde Fahrzeuge – der digitale Kapitalismus erobert die Straßen. Doch befinden wir uns damit auch auf dem Weg in eine nachhaltigere Mobilität? »Keineswegs«, sagt Timo Daum und plädiert in seinem neuen Buch »Das Auto im digitalen Kapitalismus« (ET 7. Oktober 2019) für einen kritischen Umgang mit diesen Trends – und den dahinter stehenden Akteuren.

Der digitale Kapitalismus schickt sich an, ein neues Feld zu erobern: den Verkehr. Für Timo Daum ist klar: »Die Tage des klassischen Automobils sind gezählt, wodurch auch die Kompetenz der traditionellen Autoindustrie immer weniger gefragt ist.« Die Herausforderungen reichen vom elektrischen Antrieb bis zum selbstfahrenden Auto – und die Konkurrenz kommt dabei vor allem aus dem Silicon Valley. Digitalkapitalistische Konzerne wie Tesla, Uber und Google erobern die Verkehrsbranche. Doch was folgt für die Mobilität der Zukunft, wenn Algorithmen und Daten eine immer größere Rolle spielen? Wie wirkt sich diese Entwicklung auf unsere Städte und unsere Lebensqualität aus?

Das Buch »Das Auto im digitalen Kapitalismus. Wenn Algorithmen und Daten den Verkehr bestimmen« skizziert den Status Quo der technischen Entwicklung im Bereich der Mobilität. Es erläutert Strategien und Geschäftsmodelle der Digitalunternehmen und plädiert für einen kritischen Umgang mit den Herausforderungen, die damit einhergehen. Denn digital bedeutet nicht automatisch nachhaltig.

Timo Daum: »Das Auto im digitalen Kapitalismus. Wenn Algorithmen und Daten den Verkehr bestimmen«, 192 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-96238-141-7, 18 Euro / 18,50 Euro (A). Auch als E-Book erhältlich.

Zum Autor:

Timo Daum arbeitet als Hochschullehrer in den Bereichen Online, Medien und Digitale Ökonomie und veranstaltet Vorträge und Seminare zum Thema »Digitaler Kapitalismus«. Sein Buch »Das Kapital sind wir. Zur Kritik der digitalen Ökonomie« wurde mit dem Preis »Das politische Buch 2018« der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet. Auf seiner Homepage > informiert er über die Schwerpunkte seiner Arbeit und Veranstaltungstermine.


 
Soweit die Pressemitteilung. Da steht schon vieles drin. Es hat mich neugierig gemacht – da bekomm ich Lust zum Lesen und Rezensieren. Also bestelle ich mir ein  Vorabexemplar und lese es.
Vorab es hat sich gelohnt! Das ist das Buch:
Timo Daum »Das Auto im digitalen Kapitalismus. Wenn Algorithmen und Daten den Verkehr bestimmen«, 192 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-96238-141-7, 18 Euro / 18,50 Euro (A).
Erscheint am .. im Oekom-Verlag
Ein gutes Buch, das meine Vorurteile krass bestätigt 🙂
Denn die Geisteshaltung ist sehr modern. Es geht nicht nur um  SUVs und „imperiale Lebensweise“ und die Hoffnung, von der „autozentrierte Stadt“ wegzukommen.
Es ist eine gute Zusammenfassung und Kritik des mobilen Wandels, verursacht durch Elektrifizierung und Digitalisierung.  Viel Tesla ist dabei und die Geschichte des Stroms. Interessant ist auch die Geschichte des Autos und besonders des elektrischen. Die Bedeutung der Stromspeicherung (Akkus). Weitere Themen sind:
  • Der Dieselskandal und die Betrugssoftware
  • Eine Marktübersicht von E-Autos mit unerwarteten und erfreulichen Kenntnissen
  • Die Rolle Chinas und die Situation in China
  • Nutzfahrzeuge
  • den Versuch des „fossilen Kapitals“, die Vergangenheit zu konservieren …
  • die zahlreichen und wesentlichen Vorteile der E-Mobilität und die Unmöglichkeit die „autozentrierten Mobilität“ durch eine eins zu eins Ersetzung durch elektrische Fahrzeuge zu lösen …
  •  Die Bestrebungen großzügig Infrastrukturen umzurüsten
  • Der schwierige Weg zum automatischen Auto
  • Wie „autonomes Autofahren“ die Philosophie des Autofahrens verändern wird
  • Das „geteilte Auto“ als logische Folge der Entwicklung
Das ist noch nicht alles. Es gibt viele Referenzen auf aktuelle Studien. Und am Ende  des Buches gibt es ein großartiges Plädoyer
Für eine neue Verkehrsordnung!
Allein dieses letzte Kapitel lohnt die Lektüre des Buches.

 
Vom selben Autor habe ich noch gefunden:

Timo Daum: „Die Künstliche Intelligenz des Kapitals“
Edition Nautilus, Hamburg 2019

 

(Kritik im Deutschlandfunk)

Das Kapital sind wir:
Zur Kritik der digitalen Ökonomie (Nautilus Flugschrift)

 

„Ob es innerhalb des Kapitalismus allerdings überhaupt die Möglichkeit gibt, aus der wachstumsfixierten Umweltzerstörung auszubrechen, eine Abkehr vom fossilen Raubbau hin und zu einer nachhaltigen zirkulären Ökonomie zu erreichen, ohne die Grundprinzipien des Kapitalismus selbst infrage zu stellen, ist mehr als fraglich.“
RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 18. September 2019

Die smarte Maske des digitalen Kapitalismus.

In den Bergen des Peloponnes auf dem Wege nach Vatyna.

Anfang der Woche kam ich zurück von drei Wochen in Italien und Griechenland. Zwei Wochen davon haben auf dem Peloponnes gezeltet. Ich hatte mir vieles vorgenommen.

Der erste Vorsatz-Block war täglich schwimmen, radeln oder wandern und das Leben zu genießen. Dieser Block ist mir so gut gelungen wie selten.

Als zweites hatte ich mir vorgenommen, ein paar Artikel zu schreiben. Besonders wichtig war mir da die Rezension eines Buches von Timo Daum, das am 7. Oktober 2019 im Oekom-Verlag erscheinen soll.

Das hat leider nicht geklappt. Eine wonnige Lethargie hatte mich erfasst. Aber immerhin habe ich das Buch zu fast zwei Drittel gelesen, Material gesammelt und bin sehr optimistisch, die Rezension vor dem Erscheinungstermin zu schaffen.

Das Buch von Timo Daum hat den Titel »Das Auto im digitalen Kapitalismus. Wenn Algorithmen und Daten den Verkehr bestimmen« und hat mich zu vielen Gedanken inspiriert. Aber dazu in der Rezension dann mehr.

Als ich erfahren habe, dass der Autor auch eine »Kritik der digitalen Ökonomie« geschrieben hat (die ich noch nicht gelesen habe aber für die er sehr gelobt wird), ist mir plötzlich klar geworden, dass es einen neuen digitalen Kapitalismus gibt. Dieser scheint mir noch mächtiger und brutaler zu sein als der uns so gut bekannte aus dem letzten Jahrhundert.

Der digitale Kapitalismus ist auch deswegen so erfolgreich, weil er das „humane Antlitz“ gegen eine »smarte Maske« getauscht hat, hinter der er sich auf geniale Art und Weise verbirgt.

Die smarte Maske soll uns glauben machen, dass Digitalisierung die Welt verbessern würde. Sie gibt dem Mega-Raubtierkapitalismus ein humanes Antlitz und verspricht uns eine saubere elektrische Welt, Gemeinwohl-Ökonomie, „shared economy“, das Teilen von Wissen, ein tolles Design, menschen- und umweltfreundliche Produkte und vieles mehr von schönen Dingen. Also ein smartes Leben in einer smarten Welt und Gesellschaft. Smart life in einer smart city. Smart, smart, smart!!! Aber in Wirklichkeit geht es mehr als je zuvor ums Geld, im alten Europa genauso wie im neuen China.

Einen neuen Begriff wie „smart“ mag ich nicht einfach so nutzen, Also frage ich mich zuerst:

Was das bedeutet eigentlich, smart?

Von einem Mitgründer von NextHamburg habe ich eine schöne Definition gehört. Er meinte, das smarte Lösungen ein soziales Ziel mit Digitalisierung lösen. Die Formel hieße:

Sozial + Digital = Smart !!!

Das klingt gut, ist aber eine Mogelpackung. Meine chinesischen Freunde sind da viel pragmatischer. Für die sind alle Produkte smart, wenn sie nur über eine WLAN-Vernetzung und einen Internet-Anschluß verfügen. Ganz gleich ob das ein Kochtopf oder eine Personenwaage ist.

Der vielleicht mächtigste und geldgierigste Konzern der new economy hat sich als handlungsleitend gegeben:
“Don’t be evil!”
Das hat uns gefallen.

Dann haben sie  die Arbeit „gamifiziert“ und die Büros zum Vergnügungspark und in eine zur Spasswelt und umgewandelt, in dem freilich härter gearbeitet wurde. Die Maske strahlt.

Auch Microsoft hat schöne Spielsachen. Sie haben schon ganz früh mit Windows, „wysiwyg“ und vor allem Solitär gepunktet. Und sie haben uns die Frage gestellt:  Where do you want to go today?

Und Apple hat den Kult zur Religion gemacht,

Wir sind darauf reingefallen. Als Programmierer hatten wir unsern leidenschaftlichen Spaß und waren überrascht, dass wir soviel Geld dafür bekamen. Unsere Stundensätze waren um ein mehrfaches höher als die der Ingenieure. Zumindest hatten die auch ihren Spaß.

Wir haben uns an Open Source und Agilität berauscht. Das „Moorsche Gesetz“ schien die Naturgesetze ausser Kraft zu setzen. Mit Themen wie Blockchain und KI werden Zukunftshoffnungen generiert, die genauerer Betrachtung nicht standhalten.

Nach dem Rausch kommt immer wieder der Kater. Noch mehr Möglichkeiten benötigen noch mehr Infrastuktur, noch mehr Energie und Rohstoffe, noch mehr (elektrische) Autos, noch mehr Konsum- und Kulturwelt. Hinter der smarten Maske lässt sich trefflich die totale Digitalisierung als Teil einer totalen Technologiesierung unserer Welt verstecken.

Und heute lernen wir, dass die Zielsetzung noch stärker als je zuvor „cash generieren“ heißt. Und das auch das Versprechen der „neuen digitalen Welt“ den „Planeten zu retten“ ein leeres ist. Und im neuen smarten Tollhaus geht es mehr als je zuvor um Wachstum und Kohle.

So definiere ich „smart“ als Strategie schnell viel Geld zu verdienen. Ein Begriff, der mit Nachhaltigkeit aber auch gar nichst zu tun hat.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 22. August 2019

Geld.

Virtuell und digital.

Im Smoking – es geht zur Gala. 

Geld fasziniert mich schon seit meiner Jugend. Nicht nur, weil man sich alles dafür kaufen kann, sondern weil es etwas Virtuelles mit sehr wichtigen Funktionen und großer Kraft und Macht ist.

Geld ist virtuell. Es braucht Glauben und Symbole. Ein fast absurder und kollektiver Glaube an den Wert des Geldes ist zwingend notwendig, soll es seinen Zweck erfüllen. Denn keiner mag etwas, das ihm etwas wert ist, ohne einen verbindlichen und gesicherten Gegenwert hergeben.

Geld funktioniert als Währung, wenn es von einem größeren Kollektiv als „wertig“ akzeptiert wird. Wenn nicht die Mehrheit der Menschen in einer Gesellschaft an die Währung glaubt, dann taugt diese nichts.

Geld hat architekturell und funktional betrachtet zwei wesentliche Funktionen.

Zuerst mal ist Geld ein

I. Zahlungsmittel,

welches den einfachen Warenaustausch vereinfacht, vielleicht sogar erst ermöglicht. Es hat aber auch eine zweite Funktion, die man sauber davon trennen sollte. Es geht um das Finanzieren in die Zukunft hinein, gemeinhin auch „Schuldenmachen“ genannt und um das „Vorsorgen“.

II. Finanzierung von Gegenwart und Versorgen von Zukunft

Hier kommt die Dimension der Zeit ins Spiel. Geld kann angehäuft werden,  um Zukunft zu sichern. Das bezeichnet man mit Sparen.

Man kann auch versuchen, die Gegenwart auf Kosten der Zukunft zu verbessern. Das heißt, ich kann eine Ware heute kaufen und bekommen und nutzen, sie aber erst (viel) später oder in Raten bezahlen. Weil ich z.B. heute kein Geld habe, aber davon ausgehe, morgen eines zu haben. Warum auch immer.

Dadurch kann ich mir ein Haus auf Pump bauen. So entsteht auch Einkommen aus Kapital oder Rechten. Ich muss nur einen Gläubiger finden, der mit glaubt, dass ich morgen meine Schulden zu einem definiertem Zeitpunkt zurück zahlen werde.

Beides – Sparen wie Schulden machen – setzt voraus, dass die Währung auch über die Zeit ihren Wert behält. Das tut sie aber selten. Bevor wir aber zum Phänomen der Inflation kommen, kommt der Zins ins Spiel.

Denn dieses Überbrücken von Zeit wurde nur möglich durch die Erfindung des Zins. Jetzt konnte der Inhaber von überschüssigen Zahlungsmitteln (einen Zustand, den man reich nennt) seine von ihm nicht benötigten Mittel einem Dritten zu geben, der sie brauchte. So konnte dieser (Schuldner genannt) sich seine Bedürfnisse erfüllten und musste dem Gläubiger für das Leihen des Geldes einen Zins zahlen. Und er konnte sich ausrechnen, wie viel teurer ihm eine Anschaffung kommt, wenn er sie sofort braucht.

Beim Thema Zins kommt sofort das Thema Inflation auf. Ist diese z.B. höher als der Zins, dann kann man durch Schulden machen reich werden – ganz ohne Arbeit. Uns so entsteht der Effekt, dass „der Teufel immer auf einen großen Haufen scheißt“. Will sagen, dass arm und reich sich ganz automatisch polarisiert.

Geld ist wie schon berichtet immer Virtuell gewesen. Das oft durch dingliche Gegenstände (Münzen, Papiernoten) präsentiert wurde. Der Inhaber von solchen Objekten konnte sich mit diesen am Eigentumsspiel beteiligen. Die Objekte waren typischer Weise besondere Gegenstände, Münzen oder Papier.

Mit dem Fortschritt der Zivilisation konnte man auch selber Geld generieren. Man brauchte nur das Vertrauen seiner Geschäftspartner. Gesetze und der Schuldturm erweiterten die Sicherheit. So konnte man Schuldverträge zum Beispiel in Form einen Wechsels erstellen und bekam  dann Waren gegen ein bedingungsloses Zahlungsversprechen, dass an einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft lag.

Heute wird auf auf gegenständliche Repräsentanten von Geld immer mehr verzichtet. So wird Geld nur noch zum Eintrag in einem globalen Journal, das beschreibt, welcher Person es gehört. Das globale Journal wird durch die ein komplexes System von Banken realisiert und geführt. Das dieses Journal mittlerweile nicht mehr auf Papier sondern digital geführt wird, ist der ganz normale technologische Fortschritt.

Mit Blockchain-Technologie wird der Versuch unternommen, diese Buchführung digital dezentral und global und vor allem unabhängig von zentralen Dienstleistern zu erledigen, überwiegend mit verdeckten Identitäten, so dass die Eigentümer sich über ihr SW-System identifizieren können und ihre Authentizität nicht preisgeben müssen.

Mehrheitlich hängen die Währungen jedoch nach wie vor an staatlichen Systemen. Und das Geld wird von privaten Unternehmen, den Banken, verwaltet. Das ist logisch, da die geschichtliche Annahme war, dass Staate nicht zahlungsunfähig werden können, gehört ihnen doch alles und können sie sich in der Not durch ihre Bürger finanzieren.

Defacto trägt jedoch der Glaube der Bürger an „ihren Staat“ und „dessen Währung“ das System. Wenn dieser Glauben zerbricht, dann kann es mit einer Währung ganz schnell zu Ende sein. Und das ist schon oft eingetreten und hat dann immer zu katastrophalen Folgen geführt.

Auch moderne Währungen wie Dollar, EURO oder der Renminbi können also kaputt gehen. Auch wenn das uns unvorstellbar erscheint, kann das ganz schnell gehen. Ohne die Funktion von Geld ist wirtschaftliches Leben nicht vorstellbar.

Gedankenexperiment:
Was passiert dann?

Die Antwort erscheint einfach.
Es müssen neue Währungen entstehen. Die notwendige Bedingung ist, dass die Menschen an diese glauben. Der kann am ehesten in gleichgesinnten Gruppen entstehen.

Das müssen nicht immer unbedingte staatliche Gruppen sein. Sondern sollten möglichst große Communites sein. Die größten Communities finden wir im Internet. So erscheint der Gedanke an große Internet-Unternehmen als Träger solcher Communities eigentlich nur logisch.

So sehe ich eine Facebook-Währung (als Beispiel) in einem anderen Licht. Und meine, dass es gut wäre, wenn solche Währungen schon mal vorbereitet werden würden. Einfach als Ersatz, wenn Dollar, EURO oder Renminbi (oder alle gemeinsam) mal doch kaputt gehen.

Um es klar zu sagen:
Es könnte sein, dass die bei uns so diskrimierten und bekämpften Währungen wie LIBRA plötzlich zu Rettern des weltweiten wirtschaftlichen Lebens werden. Wenn z.B. die großen drei Währungen zusammenbrechen, wohin sollen wir dann unser Geld sonst bringen?

Das könnte schneller gehen als es uns lieb ist.

Noch eine Abgrenzung von Libra oder ähnlichen Währungen zu Bitcoin:

Facebook will letztlich eine Glaubengruppenswährung organisieren. LIBRA dürfte eine ganz klassische nur digital verwaltete Währung werden. Die nichts mit einer Kryptowährung zu tun hat. Bitcoin ist etwas ganz anderes – da ist das hervorstechende Kriterium, dass die Eigentümer über ihre Software und ihre Zugangsdaten hinter Identitäten verborgen sind und so anonym bleiben. Anonymes Eigentum erscheint mir in unser Gesellschaftlich aber nicht mehr als erwünscht. Und diese ist sogar bei Bitcoin nur theoretisch realisierbar. Allein schon die „Miner“ stehen da davor.

Und vielleicht noch eine zynische Frage. Auch die katholische Kirche könnte ich mir gut als Provider für eine Internet-Währung vorstellen. Ihr vertrauen immer noch sehr viele Menschen – und sie hat ein tolles Argument – das Unternehmen existiertt es seit mehr als 2.000 Jahren erfolgreich.

RMD