Roland Dürre
Samstag, der 2. März 2019

Zeitenwende: Das Ende der digitalen Welt?

Was passiert, wenn das digitale Zeitalter zu Ende geht?

Im Jahre 2019 habe ich nach einem Jahr Pause wieder am Biike-Camp in Sylt teilgenommen. Das Biike-Camp findet jährlich zeitgleich mit dem auf Sylt traditionellen Biike-Brennen statt. Es ist ein großartiges Treffen von Unternehmern, Beratern und Führungskräften. Veranstaltet wird es von Tedic, die Brüder Krickel haben es um die Jahrtausendwende erfunden.

Dieses Mal war das Motto Zeitenwende. Die Teilnahme hat sich wieder mehr als gelohnt. Ich war eingeladen, am zweiten Tag der Veranstaltung einen Vortrag zu halten. Als Thema wurde mir vorgeschlagen:

„Unternehmensführung in der post-digitalen Welt“

Den Vortrag gebe ich im folgenden wieder. Gestartet bin ich mit meiner persönlichen Vorstellung, dann habe ich versucht den Titel in zwei Blöcken zu analysieren.


Persönliche Vorstellung

Da mir am ersten Tag des Treffens klar wurde, wie stark die meisten von uns (und so auch ich) vom Auto geprägt sind, habe ich kurz die von mir gefahrenen Autos vorgestellt. Also meine ehemalige Auto- und heutige Fahrrad-Kultur berichtet.
🙂 Und habe auch einiges Neue bei mir selber entdeckt.

Dann habe ich die Rechner (Mac und Chrome – kein Windows) erwähnt, die ich nutze.

Also zweifache Mobilität – MIV (Motorisierter IndiviualVerkehr und im Netz). Beides sagt viel über das Leben eines weißen alten Mannes aus.

Und natürlich musste ich auch noch auf meinen Werdegang eingehen, dies ganz kurz unter Verweis auf duerre.de und if-blog.de, mit der Erwähnung, dass ich mich selber als „Spätgründer“ (late founder – erst im Alter von 34) fühle.

Zu meiner InterFace-Geschichte habe ich auf den Wikipedia-Eintrag zur InterFace AG verwiesen.


Um flexibel auf die Inhalte der anderen Vorträge eingehen zu können, habe ich auf die Zwangsjacke inhaltlicher Folien verzichtet und versucht überwiegend mit Wikipedia-Einträgen zu arbeiten.

Mein Plan war, mich dialektisch mit dem Thema  „Unternehmensführung in der post-digitalen Welt“ auseinander zu setzen. Also konkret mit den Begriffen post, digital und Welt (Block 1) und Unternehmensführung (Block 2).


 

I. Die post-digitale Welt

(Block 1 – was bedeutet post, digital, Welt?)

Bisher kannte ich nur den Begriff post faktisch. Post digital  dagegen war mir neu. Post faktisch heißt für mich, dass wir im Zeitalter des unverantworteten Geschwätzes leben – als Teil der neuen Unredlichkeit (Rupert Lay).

Das merkt man sogar bei der Gesetzgebung. Nicht nur in China werden Gesetze so formuliert, dass sie beliebig ausgelegt werden können. Vielleicht Absicht?

Digitalisierung ist selbstverständlich geworden. Jeder spricht darüber. Vor kurzem habe ich gelesen: Die Digitalisierung ist eine Technologie, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Will sagen, dass ohne Digitalisierung und bald auch KI nichts mehr gehen wird.

Wir scheinen total von der Digitalisierung abhängig zu sein, wie z.B. auch von Strom und Elektrik. Genauso wäre ohne Digitalisierung unser Leben nicht so möglich, wie die meisten von uns es mögen. In jedem Stück Technik steckt ein beachtliches Stück Software drin, es gibt keine Technologie ohne Software „inside“.

Diskutiere ich mit den “Bienenschützern” in Bayern die provokative These, dass “es ist zu spät ist” für die Bewahrung des Planeten, dann erzählen die mir, dass man Dank Digitalisierung auch den Planeten retten könnte.
🙂 Die Erwartungen an „digital“ sind hoch.

Um Digitalisierung zu erklären, verweise ich gerne auf Wikipedia. Dort hat Thomas Kofer – damals Mitarbeiter beim ZD.B –  viele Manntage investiert, um den Begriff zu beschreiben.

Dann suche ich im großen Netz nach post digital. In Wikipedia finde ich so einen Unsinn nicht. Dafür werde ich bei  Accenture fündig, hier ein kurzes Zitat zu post digital:

„The advent of technology identities is leading to a new generation of business offerings.“

Ist das ernst gemeint? In dem Link findet man noch mehr von solchem BBB (Berater-Bullshit-Bingo). Für meinen Vortrag hilft mir accenture nicht weiter.

Digital und Digitalisierung sind aktuelle buzzwords. Sehr beliebt – und jeder stellt sich etwas anderes darunter vor.

So untersuche ich das Wort post und finde „kennzeichnet in Bildungen mit Adjektiven – seltener mit Substantiven oder Verben – etwas als zeitlich später liegend, erfolgend“. 

Stimmt – post ist ein Adjektiv für Adjektive. OK, das verstehe ich.

Digitalisierung gilt als unumkehrbar. Weil, wenn es die Digitalisierung nicht mehr gibt, dann gibt es auch keine technische Industrie mehr. Denn in jedem technischen Produkt ist heute Software, also Digitalisierung – und bald auch KI – drin.

Dann kann es doch kein post-digital geben, würde das doch das Ende unserer technologischen Welt bedeuten. Besonders nicht wenn die digitale Welt sich in Form von künstlicher Intelligenz (KI) verselbstständigt. Was ja alle erwarten.

 


Einschub zu KI

Künstliche IntelligenzDeep learningBig Data sind in der aktuellen Buss-Word-Liste ganz oben. Die Welt oder zumindest alle, die mitreden wollen, spricht von Roboter & Bots.

So frage ich in die Runde:

Wer kennt die drei Buchstaben T, A und Y?
Zusammengefügt als Wort und Name Tay

Viele in Deutschland reden über KI, aber die meisten wissen nicht, was das ist. So kennt auch mal wieder keiner, den Tay. Das finde ich symptomatisch für die ganze aktuelle Diskussion.

Tay ist oder besser war der Twitter-Bot von Microsoft. Microsoft hat ihn entwickelt – und wurde dann schnell stillgelegt wegen Fehlverhalten. Die erste wie die zweite Version. Das ist schon wieder ein paar Jahre.

Heute zieht sich Microsoft wohl aus der KI zurück. Sie kapitulieren vor Amazon und Google und geben ihr System/Projekt Cortana auf. Weil KI für den großen, reichen und so mächtigen IT-Konzern Microsoft eine Nummer zu groß scheint.

Gleichzeitig erklärt der Freistaat Bayern, eine KI-Offensive eröffnen zu wollen. Microsoft gibt auf, weil Google und Amazon zu weit vorne sind. Und Bayern will es richten. Wie China. Nur – China wird es schaffen. Bayern selbstredend nicht.

Als Beispiel erzähle ich meinen Zuhöreren von dem chinesischen Nachrichtensprecher-Bot  Keiner aus der Runde der KI-Experten kennt ihn. Da wunder ich mich schon.

Ende des Einschubs zu KI


 

Wie könnte das Ende von Digitalisierung und AI/KI aussehen?

Dazu ein paar Gedankenexperimente:
Beginn der Digitalisierung war die Verschriftung von Sprache.
Also könnte “post digital” bedeuten, dass der größte Teil der Bevölkerung nicht mehr flüssig, sondern nur noch rudimentär lesen und schreiben kann? Könnte nach meiner Meinung gut möglich sein. Wäre das gut oder schlecht? Gibt es da überhaupt ein gut und schlecht – oder sind das alles nur unsere traditionierten Vorurteile?

Denn:
Warum soll man etwas lernen, dass man nicht mehr braucht? Also: warum noch Lesen lernen (und es dauernd üben, weil es sonst beschwerlich wird), wenn es das meiste wissenswerte auch als eBook und podcast gibt und den Rest der sprechende Computer vorlesen kann? Und dabei auch nebenher übersetzt. Der asynchrone und synchron Austausch geht sowieso über Sprache (Sprachnachrichten). Das ist schön, weil Sprache mehr als Schrift  transportiert. Und dann natürlich die Sprache keine Rolle mehr spielt?

Eine moderne Gesellschaft könnte dann sehr wohl ohne Lesen & Schreiben auskommen könnte, aber garantiert nicht ohne Digitalisierung.

Dann denke ich über “post digital” nach. Auf der Ebene

– Was und Wer könnte das Internet zerstören?
(neben der Regelwut der von der BRD-Lobby getriebenen EU)

Zwei Gedanken kommen mir dazu:

Aus Ingenieuren werden Priester.

Das hat Isaac  Asimov in seinen Zukunftsromanen (Beispiel sein Zyklus zu Trantor) schon vorgestellt:
Die Menschen, die die Systeme warten, verstehen die ihnen anvertrauten Maschinen nicht mehr und führen nur noch angelernte (Pflege- und Wartungs-)Rituale durch.

Das könnte ich mir gut vorstellen, denn in der Informatik beim Programmieren erlebe ich das heute schon. Was da alles geklickt wird – und sie wissen nicht, was sie tun. Die Komplexität wächst uns über den Kopf, da ist es leicht möglich, dass die Welt ihr Know-How verlernt.

– Das Ende des Moore’schen Gesetz.

Ganz einfach:

IT besteht aus der „Dreifaltigkeit“ von Rechenwerk, Leitung und Speicher.

Das sind die drei relevanten Bauteile von IT. Beim Speicher sind wir im Nano-Bereich, kleiner geht es wegen der Größe der Atome nicht. Auf der Leitung arbeiten wir mit Lichtgeschwindigkeit, schneller geht es nicht. Den Begriff Rechenwerk verwende ich absichtlich. Denn ein moderner „Prozessor“ (z.B. von Intel) enthält so vieles, dass ich gerne mit der Metapher der Großstadt New York vergleiche.

Das Rechenwerk wollen wir mit dem „Quanten Computer“ schneller machen. Nur so richtig gibt es den ja noch gar nicht, und vielmehr als Entschlüsseln wird er auch nicht könnten. Aber das genügt den Staaten dieser Erde, denn sie haben ja vor allem ein im Sinne, nämlich uns zu überwachen.

So könnte das Ende des Moor’sche Gesetzes unsere KI-Träume beenden. Die beliebige Ressourcen-Vermehrung in kurzen Zeiträumen in Zweier-Potenz hat uns in den letzten Jahren ziemlich verwöhnt, damit könnte in absehbarer Zukunft definitiv Schluss sein.

Was ist denn wichtig in der digitalen Welt?

Für mich kommt da ganz zuerst Wikipedia – das aus vielen Gründen:

– Wikipedia – Das Lexikon des Welt-Wissens.

Wikipedia ist toll. Derzeit frei von Werbung (außer ein paar eingeschmuggelte Artikel über Frauen von Bayern-Spielern), komplett ehrenamtlich betrieben und finanziert durch Spenden, kein Konzerneinfluss etc.

Traumhaft, eine der letzten freien Bastionen. Wir brauchen es täglich, weil es ja keine Lexika mehr gibt. Trotz vieler Schwächen z.B. bei Artikeln zum Thema Digitalisierung/IT ist Wikipedia klasse.

Jetzt kommt aber das ABER:

Es wird gemacht von alten weißen Männer, d.h. es gibt kaum jungen Nachwuchs und nur ganz wenig Frauen. Wikipedia ist wie eine Wissens-Infrastruktur. Wie bei vielen Infrastrukturen in unserer Welt (Straßen, Brücken, Schienen) steigt der Bedarf an Pflege und Sanierung, aber die Ressourcen werden weniger.

Wikipedia ist bedroht durch Überalterung und zusätzlich durch Urheberrecht (Update-Filter) und Lobbyisten-Druck.

Was passiert, wenn Wikipedia zerfällt? Wer übernimmt dann Wikipedia?

Einer der drei Deutschland beherrschenden Medienkonzerne? Oder die Bundesregierung? EU und UNO wären auch noch Kandidaten. Oder die Internetgiganten wie Google, Amazon, Facebook, Microsoft …

Stell Dir mal vor, man könnte in Wikipedia Werbung schalten! Ich könnte mir weitere tolle Geschäftsmodelle vorstellen, wenn mir Wikipedia gehören würde.

– Dienste wie Youtube, Vimeo, Facebook++, wechat …?
(E-Mal als Dienst habe ich hier bewusst nicht erwähnt, weil man sie nach meiner Meinung keiner mehr braucht).

Alos: Was passiert, wenn es das alles nicht mehr gibt? Vor kurzem las ich von Morddrohungen gegen die Youtube-Chefin wegen Ihrer Aussage, notfalls als eine Folge neuer Urheberrechtsgesetze (Update-Filter) den Dienst in den betroffenen Ländern abzuschalten!

Es gilt: 

Regelwut schadet.

Uns allen!

Besser:
Die Ursachen angehen. Also die Fehler suchen. Und dann Reformen machen. Zum Beispiel beim Urheberrecht.

Und  bitte weniger DGSVO …

À propos Welt:

Zur Erinnerung: Nur zirka eine Hälfte der Menschheit „ist im Internet“. Es gibt so zwei Welten, die eine mit und eine ohne Internet. In etwa gleich groß.

Es gibt aber auch im Internet zwei Internets (so eher als „vertikale Trennung“). Das „chinesische“ und das “unsere”.

Das merkt mancher Tourist plötzlich am Flughafen in Peking, wenn er mit gmail einen Gruß nach Hause senden oder ein wenig chatten will. Und es halt nicht geht.

Also versucht er VPN. Nur VPN-Dienstleister sind schlecht oder teuer. Meistens beides. Wenn man also nicht ein VPN eines noch in China tätigen deutschen Konzerns hat, geht es schlecht. Google-Maps geht auch nicht. Es kann schwierig werden. Lost in China. Aber keine Angst, die praktische chinesische AI hilft Dir dann.

À propos China:

Die machen jetzt ganz viel mit KI. Unter anderem stecken sie alle Menschen in ein Social Media – System rein, das alles kann (wechat). Und dann vergeben sie „Credits“ für soziales Verhalten, positive und negative. Führt das zu einer digitalisierten Diktatur – oder geht damit der Traum der Menschheit von einer angemessenen Gerechtigkeit wahr? Schon Aristoteles erkannte ja, dass eine arithmetische Gerechtigkeit im sozialen Leben eher keinen Sinn macht.

Ich denke mir mal, dass mit der chinesischen Technik auch die chinesische Kultur zu uns kommen wird und bin gespannt, ob so etwas bei uns dann auch nicht mehr weit weg ist.

Außerdem:
Die Nutzung des Internets ist kollektiv wie individuell völlig unterschiedlich! Ich würde sagen, wir haben also noch horizontale Trennungen.

In einer “entwickelten, wohlhabenden und intellektuellen” Welt wird das Internet wesentlich anders genutzt als in einer „armen” und „bildungsfernen“. So spaltet sich das Internet noch ein paar mal auf. Es gibt: Home-Office-Nutzer, Porno-Gucker und Netz-Spieler. Verrückte und Fanatiker. Undsoweiter. Alles wie im richtigen Leben. Damit will ich nicht sagen, dass die „intellektuellen“ keine Pornos anschauen.

Und weiter soll und wird sich sich im Netz eine schier unvorstellbare Anzahl von smarten Geräten tummeln (alles, was WLAN kann, ist smart und braucht das Netz, vom Auto übers Licht und dem Kühlschrank bis zur Waage). Das auf einem System mit veralteten Protokollen, die für ganz andere Zwecke geplant waren. Und wo keiner so recht weiß, wer denn überhaupt für die Veränderung von Schnittstellen zuständig ist.

Wie soll das Funktionieren?

Sicher eine gute Frage.

 


Aber jetzt mach ich Schluss mit digital und post-digital und wende mich hin zum Unternehmens-Management, sprich zu Führung und sozialem Zusammenleben.


 

II Unternehmensführung

(Block 2 – was ist das, ein Unternehmen und was ist Führung?)

Unternehmen
Ein junger Mensch hat mal zu mir gesagt, ein Unternehmen ist für ihn ein organisierter Menschenhaufen mit einem Zweck oder Ziel.

Keine schlechte Definition. Wir nennen Unternehmen wie Behörden soziale Systeme mit einem ökonomischem bzw. administrativem Zweck.

Bei Unternehmen ist Größe ein wichtiges Kriterium. Es gibt Konzerne und Klitschen. Beide sind und funktionieren völlig verschieden.

Wir gehen in unserer Denke wie selbstverständlich davon aus, dass ein Unternehmen Mitarbeiter hat. Nicht nur eine Satzung und Kapital. Und dass die Mitarbeiter wie Kunden eines Unternehmen Menschen sind. Dass Unternehmen also Mitarbeiter haben. Bei den Kunden stimmt das nicht mehr. Meistens machen die kleinen ihr Geschäft mit anderen Unternehmern, man nennt das B2B.

Unternehmen ohne Menschen, ist das denkbar? Nur mit Robotern oder Bots? Alles, was Menschen braucht, wird „outgesourct“, sprich von Providern eingekauft. Und die Kunden sind auch keine Menschen mehr, sondern z.B. selbstfahrende Autos und deren Betreiber? Ist das vorstellbar? Dann braucht man keinen Betriebsrat und die Arbeitsgesetze (Arbeitszeit, Betriebsverfassung, Arbeitsverträge …) spielen keine Rolle mehr?

Ich kenne Gründer(-teams), die wollen ein Unternehmen aufbauen, bei dem alles automatisiert ist. Im Prinzip besteht das Unternehmen dann nur aus einem Stück Software!

Keine Mitarbeiter, nur Roboter (und Lieferanten und Partner). Alles andere wird “out gesourct“ – ob die Programmierung des Produktes oder Marketing / Vertrieb. Es bleibt ein kleines Back Office einen Assistenten oder Assistentin – die Führung beschränkt sich auf diesen.

Dann braucht es keine Führung im Sinne von ”Human Ressource! Ein gelungenes Jammen innerhalb des Gründerteams genügt völlig. Wie beim Jazz. Gründung und Unternehmen werden zum  Spiel mit Lieferanten, Kunden und Geldgebern.

Von BayStartUp kenne ich solche Business-Pläne. Ich würde sagen, die liegen im Trend. Wie es mal Trend war, Portale oder Apps zu bauen. Oder 3-D-Drucker zu nutzen …

In jedem Geschäftsplan, den ich kenne, war die benötigte und zu schreibende Software von herausragender Bedeutung- ich erinnere mich an keinen Business-Plan, in dem diese nicht eine wesentlich Begründung oder Ursache fürs USP war.

Führung kann es per se nur geben wenn es Menschen (Arbeiter oder Angestellte) gibt. Vielleicht aber braucht es diese in Zukunft gar nicht mehr.

Für diesen Vortrag gehen wir mal von der Hypothese aus, dass Unternehmen auch in Zukunft mehrheitlich Mitarbeiter haben werden. Dann macht es Sinn über Führung zu reden.

Die Bandbreite von Führung.

Hierarchie versus Netzwerk.
(von Teams, die im Netzwerk zusammenarbeiten)

Gruppen-basiert (Modell der Reichswehr – Siemens) versus Team-basiert (Micro-Organisation mit Selbstorganisation)

Geheimhaltung versus Transparenz

Taylorismus
(die detaillierte Vorgabe der Arbeitsmethode „one best way“, exakte Fixierung des Leistungsortes und des Leistungszeitpunktes, extrem detaillierte und zerlegte Arbeitsaufgaben, Einwegkommunikation mit festgelegten und engen Inhalten, detaillierte Zielvorgaben für den Einzelnen nicht erkennbarem Zusammenhang zum Unternehmensziel sowie Qualitäts-Kontrolle)
versus
Involviertheit 
(als Summe von Einbezogensein, Eingebundensein, Aufgabenintegration …)

Prozesse versus Selbstorganisation
(Henry Ford – Die Kaste der Ingenieure als Vorläufer der Kaste des Management)

Feudalismus versus Selbstbestimmung.

Fremdgehörigkeit versus Eigengehörigkeit.

Wichtige Ebenen könnten auch sein:

Ratio versus Gefühl
(Immer mehr verstehen wir, dass die Vernunft nicht mehr aussreicht).

und

Gewalt versus Gewaltlosigkeit
(Gewalt dürfte die Strukturen von sozialen System am meisten beeinflussen)

Das ist die Theorie der Macht. Es gibt zwei Klassen, die Klugen und die Dummen. Bei Henry Ford waren es die dummen Bauern, die durch den Einsatz von mächtigen Maschinen in der Landwirtschaft arbeitslos geworden sind und so für ihn arbeiten mussten. Die waren nicht einmal mit der Uhr waren sie vertraut. Die Ingenieure mussten ihnen alles beibringen, von der Pünktlichkeit bis zur Handhabung der Werkzeug. Jeder Griff am Fließband musste Ihnen vorgegeben werden. Und der Kaste der Ingenieure ist die Kaste der Manager entsprungen.

Bewertung:

Es ist bekannt, dass mir mein Leben lang die rote Variante lieber war. Die Praxis ist aber nie schwarz-weiß (in diesem Fall rotblau, so dass es meistens mehr um die Frage geht, ob eine Organisation mehr rot oder mehr blau ist. Ich meine auch nicht, dass rot nur für die „kreativen“ Tätigkeiten oder blau nur für die „einfachen“ Tätigkeiten funktioniert. Da kenne ich viele Gegenbeispiele, wie z.B. Buurtzorg für Pflegeleistung. Über 10.000 Mitarbeiter in den Niederlanden und eine scheinbar einfache Arbeit.

Digitalisierung unterstützt rot und blau !!! Sie ermöglicht Kommunikation auf Augenhöhe und wird auch in der Hierarchie „Chef-Rollen“ manifestieren und übernehmen. Daher auch die Angst, dass Roboter die Menschheit beherrschen werden.

Ich bin überzeugt, dass sowohl effiziente Strukturen, gleich ob eine blaue oder rote durch eine digitale Infrastruktur mächtig unterstützt werden können.

In der blauen Welt für die Umsetzung und Einhaltung der Prozesse und Kommandostrukturen, in der roten zur Realisierung einer Infrastruktur, die ein Erfahrungs- und Erkenntnis-Management für alle ermöglicht.

Bewußt gebrauche ich nicht den Begriff Wissens-Management. Weil es um Erkenntnis und Erfahrung geht.

Und in beiden Welten sehe ich große Möglichkeiten, KI/AI einzusetzen. Aber auch ganz ohne KI/AI kann und wird die digitale Infrastruktur zur „digitalen Zwangsjacke“ werden. Stellen wir uns ein Unternehmen vor, dessen „Betriebssystem“ komplett in Office365 von MS und SAP implementiert ist. Wenn so ein System ein gewisses Maß an Komplexität erreicht hat, dann kann man es kaum mehr sinnvoll ändern.

Vielleicht haben Menschen irgendwann mal keine Lust mehr auf solche digitalen Zwangsjacken.

Aus- und Rückblick in die Geschichte
Denn gerade bei sozialen Themen muss das Gestern, Heute und Morgen zusammen betrachtet werden.

Gestern:
(vor 1900)
Im Europäischen-Kulturkreis gab es Leibeigenschaft, in der neuen Welt Sklaverei (auch in God’s own country).

Auf einer Karibik-Reise kam ich nach Curaçao. Dort habe ich im Kura Hulanda Museum viel über die Sklaverei gelernt.  Die Sklaverei existierte offiziell bis zum Beginn des 20 Jahrhundert. In vielen Ländern gibt es sie heute noch.

Aber auch in Europa und Deutschland gab es viele Jahrhunderte Leib- und Grundeigenschaft. Was im Prinzip dasselbe ist wie Sklaverei. Nur wenige Menschen hatten den Status der Eigengehörigkeit, die Fremdgehörigkeit die Regel. Die Mehrheit der Menschen lebte auf dem Land und produzierte Nahrungsmittel (90 %). Nicht in der Stadt – “Stadtluft macht frei” (10%).

In der Stadt ist der Fortschritt entstanden. Weil da die freien Handwerker – Holz und Eisen, Hebel und Rad (Schubkarre) vernetzt zusammenarbeiteten. Auf dem Land waren die meisten Menschen Leibeigene, also Eigentum von dritten. Überwiegend waren sie Bauern und bearbeiteten das Land. Deshalb waren sie Bodeneigene. So war es ganz einfach – die Menschen gehörten dem, dem das Land gehörte.

Land und Menschen gehörten der feudalen Schicht – dem Adel und der Kirche. Dies bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Auch das ist ein Teil unserer glorreichen christliche Tradition. Der leider gerne vergessen wird.

Jetzt aber kommt der Hammer:

Sklaverei und Leibeigenschaft wurden nicht aus humanitären Gründen abgeschafft sondern weil es zu teuer, unbequem und aufwändig war. Das erklärt auch den Krieg zwischen Nordstaaten und Südstaaten in den USA. Natürlich wurde die Ende der Sklaverei durch den Widerstand der Betroffenen begünstigt. Dieser Widerstand fand individuell und kollektiv statt. Aber Religion und Moral oder die Philosophie haben die Sklaverei nicht abgeschafft. Sondern wirtschaftliche Gründe.

Spätestens da war mein idealistischen Weltbild zerstört.

Heute:

Konsumismus wird Welt weit zur mächtigsten Religion. Ohne Arbeit ist der Mensch wertlos und steht außerhalb der Gesellschaft. Arbeit wird weniger werden. Da denke ich vorallem auch an gut verdienenden Sachbearbeiter in Behörden und Finanz-Industrie und vergleichbare Aufgaben. Schon heute hat RPA (Robotic process automation) eine große Relevanz.

In den entwickelten Gesellschaften geht es den Menschen, die einen Job (oder/und Kapital) haben noch richtig gut. Aber die Reichen, denen es gut geht, werden immer weniger und die Armen immer mehr.

Morgen:

Ob Unternehmen und ihre “Führung” blau oder rot sein werden, hängt davon ab, was besser funktioniert. Da geht es nicht um Ethik, Moral oder #newwork.

Und die Entwicklugn wird natürlich auch von der wirtschaftlichen und sozialen gesellschaftlichen Situation ab. Es könnte aber auch gut ganz schlicht ums Überleben gehen!

Zukunft

Ich möchte keinen Versuch wagen, die Zukunft vorherzusagen
Andere können das sicher besser. Mein Favorit ist und bleibt die Brave new World vonAldous Huxley.

Dieses Buch noch nicht kennt, der hat drei Möglichen.

  • Er kann das Buch lesen (oder das Hörbuch) anhören,
    Also ganz klassisch. Das dauert eine gewisse Zeit.
  • Er kann ins Theater gehen (im Volkstheater München gibt es eine herausragende Inszenierung)
    Dazu muss man erstmal eine Karte kriegen – das Stück wird selten gespielt un
  • Oder bei Wikipedia nach lesen 😉
    Das ist die einfache, schnellste und kostenlose Variante.

Wie könnte es weiter gehen?

In der kleiner werdenden Oberschicht:

  • Geld wird zur elektronischen Zahl (eine Ziffer auf dem SmartPhone)
  • Macht und Feudalismus werden bleiben.
  • Die Oberschicht arbeitet in den “entwickelten Gesellschaften” mit Mut und Freude.
  • Arbeit wird für diese  zur Selbstverwirklichung. Dort könnte  “newwork” passiern? Alle Anstrengungen dienen der
    Mehrung des Vermögens und der Abwehr von Verarmung.
    Die Zeit wird zum persönlichen Wert

In der Masse wird es anders aussehen!

  • Keine Arbeit oder prekäre Arbeitsverhältnis.
  • Arbeit auf Abruf. Wenn der Roboter mal nicht funktioniert. Oder gerade Bedarf ist. Wie am Hafen in Mombasa oder in der Kali-Mine in Tunesien, wo die Menschen in Massen vor den Toren stehen, um für Kleinstbeträge ihre Arbeit anzubieten. Oder:
  • Dank BGE (bedingungsloses Grundeinkommen) Zeitvertreib durch Spiele. Oder einfach Herum-Chillen.

Die Polarisierung in arm und reich nimmt zu – die – weltweite Tendenz ist klar: Die Reichen werden reicher und weniger und es gibt immer mehr Arme. Und das drastisch.

Zeitenwende:
Die gesellschaftlichen Treiber der kommenden Zeitenwende dürfte Geldfeudalismus, Roboter und Arme sein. Es wird ein BGE geben müssen, das nicht reicht, so dass die Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen ihr Einkommen aufgebessern müssen.

Neue Kombination von Feudalismus und Sklaverei?

Die mit “Kohle” können sich in Mut und Freude verwirklichen, gegebenenfalls “ehrenamtlich”. Ansonsten ist ihre Hauptaufgabe, ihr Vermögen zu mehren. Und müssen nur aufpassen, nicht zu verarmen.

Der Rest hat ein BGE oder keins und verdient dazu oder kämpft um seine Existenz?

Themen
(die mich bewegen)

  • Erziehung
    Sollen Kinder möglichst früh ein Smartphone nutzen?
  • Ausbildung
    Schule taugt nichts mehr. Was muss hier passieren?
  • Wissenschaft und Lehre
    Die Strukturen und das Leben in Akademis ist immer noch feudalistisch. Wird das für die Zukunft genügen? Meine Antwort: Nein!
  • Gesellschaft:
    #Newwork ist in weiter Ferne, weil unsere Gene immer noch feudalistisch geprägt sind. Die Männer geben weiter den Ton an.

Vor Westerland (Sylt) beim Strandspaziergang.
Nur, wohin führt der Weg?

RMD

P.S.
Diesen Artikel widme ich dem Biike-Team um Kai Krickel.

P.S.1
Zum Ende der beiden Tage sind die Referenten gebeten wollen, noch kurzfristig und prägnant den Zuhöreren eine Botschaft mit zu geben. Auf die Schnelle fiel mir nichts besseres ein als
„Love it, change it or leave it“!

Roland Dürre
Mittwoch, der 9. Januar 2019

„Business Theater“ (Unternehmertagebuch #128)

Da schau ich gar nicht glücklich aus der Uniform.

Ich habe 18 Monate als Wehrpflichtiger „gedient“ und in diesen 18 Monaten „Saufen“ und „Chillen“ gelernt. Allerdings auch das Überleben in einem kranken System.

Diese 18 Monate haben mir aber auch gezeigt, wie Unternehmen nicht sein dürfen, aber leider meistens doch sind (vielleicht weil Unternehmen betreffend der Organisation ja gerne militärischen Mustern folgen).


 

Eingezogen wurde ich am 1. April 1970 zur Luftwaffe nach Lagerlechfeld. Nach einem Zwischenstopp in Landsberg begann die militärische Karriere des „Flieger Dürre“ am 5. April in Ulm. Ich bin in einem Bataillon gelandet, dessen kleine Kaserne am unteren Kuhberg ziemlich nah der Ulmer Innenstadt lag. Die Kaserne war nach dem Kriegsheld Boelcke benannt (siehe Militär in Ulm). Es war eine alte Kaserne, argwöhnische Menschen meinten, noch das (abgeschlagene) Hakenkreuz über dem Eingang zu erkennen.

Die Kaserne, in der ich von Landsberg kommend gelandet war, gehörte zum Ausbildungsregiment der Luftwaffe. Die Luftwaffe war eine der drei Waffengattungen der Bundeswehr; Marine und Heer gab es auch noch.

Die Organisation war ganz simpel:
Das Bataillon bestand aus drei Kompanien und ein paar „Stabsstellen“ wie einer Sanitätsgruppe, der Kraftfahrzeugbereitschaft und dem Nachschub. Der Bataillonskommandeur war bei uns vom Dienstgrad nur Major. Das war wie ein Zeichen, dass unser Bataillon keine große militärische Bedeutung hatte.

Jede Kompanie bestand aus drei Zügen. Jede Kompanie hatte einen Kompaniechef (in der Regel war das ein Hauptmann) und den „Spieß“. Der Spieß war in der Regel ein Hauptfeldwebel. Er war Chef des Innendienstes inklusive der Schreibstube und hatte die operative Aufgabe , die Ordnung zu organisieren und UVDs und Wachdienste einzuteilen.

Jeder Zug hatte einen Zugführer und drei Gruppen. Die Zugführer waren in der Regel Unteroffiziere, gelegentlich war auch mal ein Fahnenjunker bei. Jede Gruppe hatte einen Gruppenführer, der gut 10 Auszubildende für die drei Monate der Grundausbildung führte. Die Gruppenführer waren in der Regel Mannschaftsdienstgrade.

Zusammenfassend kann man sagen, dass ungefähr 100 (einhundert) Rekruten (so in etwa 3 x 3 x 11) in einer Kompanie einem kleinen Stamm von dreizehn (9 + 3 + 1) Ausbildern gegenüber standen. Da Rekruten ja „schwierige Soldaten“ waren, musste der Stamm zusammen halten und war bildete oft eine eingeschworene Gemeinschaft.

Das Geschäftsmodell war Teil des Wehrpflichtmodells und auch ganz einfach:
Immer am 1. eines jeden Quartals (Januar, April, Juli, Oktober) mussten die deutschen Wehrpflichtigen damals in Massen zu den Waffen – also einrücken. Sie kamen in ihre Einheiten und wurden auf Kasernen, die aufs ganz Land auf  verteilt. Wenn die aufnehmenden Einheiten ein Problem  mit dem einen oder anderen Rekruten hatten (ganz gleich aus welcher Ursache), wurde dieser zu uns nach Ulm geschickt. So kam auch ich nach Ulm.

Ein Problem war, dass die Menschen, die dann ein paar Tage später zu uns kamen, sehr verschieden waren. So kamen Anfang Juli immer fast nur Abiturienten, die in ihren Einheiten aussortiert worden waren, weil sie sehr renitent waren oder andere Probleme (Rauschgift !) hatten. Zu den anderen Terminen  kamen immer viele sozial schwache Menschen zu uns, oft ohne Schulabschluß. Die Zusammensetzung war in jedem Quartal eine andere.

Unsere Aufgabe in Ulm war dann, aus diesen Problemfällen ordentliche Soldaten zu machen, die dann innerhalb der Luftwaffe für einfache Aufgaben wie Objektschutz (Wachsoldaten) oder in den Schreibbüros (heute würde man „back office“ sagen) eingesetzt werden konnten.

Beim ersten Ausgang im elterlichen Wohnzimmer.

Drei der Rekruten mussten von jeder Ausbildungskompanie als Nachwuchs übernommen wurden. Das passierte mir, weil ich als einziger in meiner Kompanie Abitur hatte (die meisten hatten gar keinen Schulabschluss) und sie jemanden brauchten, der auch unterrichten konnte (Staatsbürgerkunde, militärische Ränge und Strukturen, Ausbildung an der Waffe). So war ich nach drei Monaten Grundausbildung schon gleich Gruppenführer mit Spezialaufgaben wie bestimmte Kompanie-Unterrichte.

Unsere Stabsstellen:

Die Stabsstellen waren für das ganz Bataillon zuständig.

  • Sanitätsgruppe
    Die Sanitätsgruppe bestand aus zwei Ärzten und ein paar Sanitätern. Deren Aufgabe war neben medizinischer Versorgung vor allem das „krank schreiben“ und besonders kritisch das „untauglich schreiben“. Viele wollten untauglich werden, die pro Kompanie erlaubte Quote aber sehr niedrig. Zudem musste für jeden, der von unseren Ärzten als „untauglich“ erklärt wurde, noch ein Zweitgutachten eingeholt werden. Und wenn einer der Rekruten beides geschafft hatte, war er der glücklichste Mensch auf Erden bzw. in der Kaserne.
  • Fahrbereitschaft
    Diese Einheit bestand aus ein Mechanikern und Fahrern, die für unsere Fahrzeug-Flotte sorgten (obwohl bei der Luftwaffe hatten wir keine Flugzeuge) und die Fahrzeuge bewegten.
    Die Flotte bestand aus ein paar Lastern, die die Rekruten ins Manöver oder zu den Schießübungen brachten, ein paar Begleitfahrzeugen, einem Küchenwagen und ein paar Limousinen, mit denen der Fahrdienst für die Offiziere realisiert wurde. Ich glaube einen Bus hatten wir auch noch, der aber nicht so viel bewegt wurde. Nach meinem Wissen ist die Fahrbereitschaft der Bundeswehr (inklusive der Panzer) heute komplett „out gesourct“ (BW-Fuhrpark).
  • Nachschub
    Der Nachschub sorgte für die Ausstattung der Kompanie mit allem, ob Kleidung, Waffen, Büromaterialien oder Klopapier. Es mussten ja jedes Quartal über 100 neue Soldaten eingekleidet werden. Nahrungsmittel wurden vom Nachschub aber nur organisiert (Planung, Einkauf), in der Küche haben Zivilangestellte gekocht, von denen die Bundeswehr neben den damals 500.000 Soldaten auch noch eine riesige Anzahl hatte.

Und das hat alles ganz gut funktioniert. Die Stamm-Ausbilder in den drei Kompanien bekamen es in der Regel so hin, dass die Rekruten alle am Leben blieben (trotz regelmäßiger Selbstmordversuche) und in den drei Monaten zu gezähmten Soldaten wurden.  In der Regel konnten wir dies auch unbeschadet bei ihren neuen Kompanien abliefern, so dass sie dort für die restliche Zeit (in der Regel 15 oder 12 Monate) brav ihren Wach- oder Stubendienst für Deutsche Kasernen ableisteten.

Die Vorgaben für die Anzahl der Untauglichen haben wir eingehalten. Und ab und zu haben wir sogar ein Talent für das Musikkorps der Luftwaffe entdeckt wie auch diverse Spitzenspieler für die Kompanie- und Bataillons-Sport-Mannschaften entdeckt!

Zu Essen gab es auch immer etwas. Natürlich war der „Fraß“ für die Rekruten grauenhaft, dem Stamm gings da besser. Das hat der Nachschub schon gut hinbekommen.

Was war die Aufgabe des Top-Managements?

Die Kompaniechefs hatten ein gutes Leben, und konnten sich um die wichtigen Dinge kümmern. Sie wechselten auch häufig (wie gesagt, das Bataillon hatte kein hohes Ansehen. Der einzige, der lange blieb war unser Kommandeur, der Major. Der hat so auf seine Pension gewartet.

Wir sahen das Lametta ab und zu als Besucher bei den großen Ereignissen (Gelöbnis, Abschlussmanöver, Feiern), ansonsten standen sie uns nicht so sehr im Wege.

Die Offiziere waren aber auch emsig und fleißig. Häufig hielten die Kompanie-Chefs mit dem Bataillonskommandeur im Offiziers-Kasino lange Meetings ab. Bis spät in die Nacht haben sie da gearbeitet. Gelegentlich waren höhere Dienstgrade vom Regiment und weiter oben dabei. Ab und zu war sogar ein General da, was immer den Betrieb in der Kaserne störte.

Und unsere Oberchefs waren sehr viel auf Dienstreisen. Dann mussten sie heraus aus der Kaserne und dem Offizierskasino und zu wichtigen Bundeswehr- und Nato-Treffen reisen. Internationale Kontakte sind im militärischen Leben von großer Wichtigkeit. Und als Führungskräfte mussten sie auf zahlreiche Schulungen gehen, denn „Führen“ ist ja bekanntlich alles andere als einfach. Und zur Entspannung wurde auch mal ein wenig geflogen, die Flugzeuge der Luftwaffe mussten ja auch bewegt werden.

Unsere Offiziere hatten viele Fragen zu klären:

  • Wie sichern wir den Weltfrieden?
    Immer wieder versuchten sie die Existenz der Bundeswehr zu begründen (und haben ja bis heute keine valide Erklärung gefunden).
  • Was machen wir für das Ansehen der Bundeswehr in der Öffentlichkeit?
    Das war gerade bei uns besonders schwierig. Bei den Ausbildern – gerade den Zeitsoldaten – gab es auch rechte Haudegen. Immer wieder waren einige davon Fehlverhaltens in der lokalen Zeitung. Aber meistens nur anonym. Da wir aber so wichtig waren, um die Rekruten zu zähmen, konnte man uns nichts anhaben.
    An den Großveranstaltungen der Bundeswehr hatte die Ulmer Öffentlichkeit auch nicht viel Interesse.
  • Wie schaffen wir Verbundenheit zu den anderen Waffengattungen?
    Da erinnere ich mich an einen Besuch von bayerischen Gebirgsjägern aus Mittenwald, der ziemlich katastrophal endete. Katastrophal will in diesem Zusammenhang heißen: „mit Verlusten an Material, aber glücklicherweise ausser Verletzungen keine Verluste bei der Mannschaft“.
  • Wie schaffen wir Völkerfreundschaft mit den in der Nato beteiligten Staaten?
    Die schien mir eine besonders wichtige Aufgabe zu sein.
  • Ab und zu mussten sie von uns vorgeschlagene Entscheidungen genehmigen.
    Das haben sie auch meistens brav gemacht. allerdings hat das immer ein wenig gedauert und führte ab und zu emotionalen Auseinandersetzungen innerhalb der Runde.
  • Besondere Priorität lag auf den sportlichen Aktivitäten inner- und außerhalb der Luftwaffe.
    Jede Kompanie hatte z.B. eine Fußball- und Handball-Mannschaft. Wir haben extra Rekruten ausgewählt und behalten, die wertvolle Verstärkungen waren. Und anläßlich von so sportlichen Wettbewerben kann man ja wunderbar feiern.
    Ich erinnere mich mal an eine Spiel gegen die US Army. Die Amis konnten damals noch gar nicht Fussball spielen, so haben wir 21:1 gewonnen. Das war der höchste Sieg, den ich jemals beim Feldfussball aktiv erlebt habe. Die größte Herausforderung war allerdings, den Amis das Gegentor schießen zu lassen! Aber was tut man nicht alles für die Völkerverständigung mit dem Waffenbruder.

 


Warum erzähle ich das? Weil ich bei der Bundeswehr eine weite Bühne erlebt habe, auf der viel und großes militärisches Theater gegeben wurde. Bei der Bundeswehr habe ich das aber auch nicht anderes erwartet.

Wie ich nach meiner Entlassung wieder studierte und bei Siemens arbeitete, habe ich auch Business-Theater erlebt. Das nahm immer zu und hat mich dann schon sehr überrascht.

Verblüfft bin ich mittlerweile, dass ich auch viele kleine Unternehmen sehe, bei denen die Führung nicht mehr für die Menschen (Mitarbeiter und Kunden) da ist. Vor lauter Business Theater kommen sie gar nicht mehr dazu.

RMD

P.S.
Aus den eineinhalb Jahren meiner Wehrzeit (1. April 1970 bis 30. September 1971) gibt es tatsächlich nur zwei Fotos von mir. Beide wurden anläßlich meines ersten Freigangs (Heimatausflug) aufgenommen; das erste zu Hause vom elterlichen Wohnhaus und das zweite dann am Esstisch im heimischen Wohnzimmer.

P.S.1
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet Ihr in der Drehscheibe!

Roland Dürre
Dienstag, der 27. November 2018

Der CIO

Diesmal Unterstützung nur beim Reifen flicken.

Ich helfe immer gerne Menschen, die einen Job suchen. Dazu habe ich sogar eine kleine „Methode“ entwickelt, ich nenne sie „alternative Bewerbung“:

Gemeinsam entwickeln wir zusammen eine „alternative Bewernbung“. Das ist ein Text, in dem der Jobsuchende offensiv seine Stärken beschreibt und eine kleine Vision aufbereitet, welchen Mehrwert er mit seiner Arbeit fürs Ziel-Unternehmen mit Freude und Mut gerne bringen möchte und könnte. Das klingt einfach, verlangt aber einiges an Nach- und Neudenken und dazu eine kreative Öffnung des Bewerbers.

Sind wir damit fertig, dann nutzen wir die entwickelte Geschichte als Text für die „alternative Bewerbung“. Zusätzlich machen wir vielleicht noch ein kleines Video, in dem Bewerber seine persönliche Ausstrahlung rüberbringt – mit Link im Anschreiben – sozusagen an Stelle des üblichen Fahndungs-Fotos.

🙂 Das alles richten wir individuell auf den Ziel-Job und das anvisierte Unternehmen aus. Mein Gedanke ist, dass es einen Unternehmer am meisten interessiert, was der Bewerber seinem Unternehmen „Gutes tun“ könnte und ob und wie dieser mitdenkt.

Und tatsächlich, in der Regel führt der „alternative Lebenslauf“ dann zeitnah zu Einladungen zu Bewerbungsgesprächen. Die dann natürlich auch wieder gründlich vorbereitet werden müssen. Denn Erfolg kommt halt meistens nicht von nichts.

Oft haben die von mir betreuten Menschen einen wunderbaren klassischen Lebenslauf und in diesem sind dann viele Details auf die übliche klassische Art tabellarisch beschrieben. Da sind die Tätigkeiten und Rollen der letzten Jahre (20 !?) aufgelistet, gespickt mit Lehrgängen, Schulungsmaßnahmen und Zertifikaten. Gut und gewissenhaft gemacht.

Nur sind diese Bewerbungen nicht so erfolgreich. Es hagelt dann absagen, dies wiederum frustiert den armen Bewerber. Das leuchtet mir auch ein, denn wie will man so die eigenen Kompetenz (Wissen + Können) klar machen?

Der „klassische“ Lebenslauf interessiert halt oft niemanden. Deshalb kürzen wir ihn und nehmen in dann nur als Anlage, die belegt, dass es gute Gründe für das zuversichtliche Auftreten in der „alternativen Bewerbung“ gibt.

Oft muss ich den von seiner Erfolglosigkeit am Boden zerstörten Bewerber erst mal wieder aufrichten.

Unter meinen „Schützlingen“ waren auch Frauen, die – nachdem sie sich einige Jahre um die Kinder gekümmert hatten – wieder einsteigen wollten. Und ich muss sagen, wenn wir dann gemeinsam Erfolg haben, ist das Glück oft sehr groß. Und ich freue mich wahnsinnig mit.

Vor kurzem hat mich der Zufall mit einem „echten Hochkaräter“ zusammen gebracht. Der war Geschäftsführer bei einem guten mittelständischem IT-Unternehmen. Dort hatte er dort gekündigt. Der für mich absolut nachvollziehbare Grund war, dass die Eigentümer des Unternehmens dieses verkauft hatten und ihm die Politik und Ziele der neuen Herren aber auch so gar nicht zusagten.

Mutig wie er war hat er gekündigt, ohne einen neuen Job zu haben. Jetzt sucht er einen Job als CIO (Chief Information Officer) bei einem guten Mittelständler. Und wurde in meiner Wahrnehmung überrascht, dass das trotz bester formaler Qualifikation gar nicht so einfach war.

Mein Gesprächspartner war ein hochsympathischer Mensch im besten Mannesalter, der auch lauter vernünftige Dinge sagte. In vielen Dingen war er nahezu perfekt. Auch seine Lebensbilanz erschien mir als durchaus erfolgreich. Er hatte auch einen großartigen klassischen Lebenslauf.

Irgendwie gewann ich aber den Eindruck, dass er nicht nur bedruckt sondern auch nicht mehr so ganz auf dem Laufenden war. Besonders wenn es um das Internet ging und die vielleicht durch die Digitalisierung mit verursachte Zeitenwende. Sein eher negative und ziemlich einseitige Beurteilung zu Twitter, das er selber (natürlich) nicht nutzte, war für mich irgendwie bezeichnend.

Nach dem Gespräch habe ich ihn zu seinem Auto gebracht. Und innerlich darauf gewettet, was da für ein Auto stehen würde. Ich habe die Wette gewonnen – es war der größte SUV von Audi, den es wohl so in Europa gibt.

Ich hatte ihm angeboten, dass ich ihn bei seiner Bewerbung unterstützen und mich auch in meinem Netzwerk umsehen würde. Er müsse sich nur bei mir melden.

Das hat er nicht gemacht. Wahrscheinlich hat er es nicht für möglich gehalten, dass ein Radfahrer ihm helfen könnte.

Mir soll’s Recht sein, dann bleibt mir mehr Zeit für andere, die es vielleicht nötiger haben. Und vielleicht hatte ich dem „CIO“ das Buch von Otto Scharmer zur „Methode U“ schenken sollen?

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 20. November 2018

Kommunikation

Vor ein paar Jahrzehnten als Steuermann auf dem Hausboot in Frankreich.

Für mich ist gelingende Kommunikation ein ganz zentrales Thema. Ohne sie ist menschliches Leben und Zusammenwirken nicht vorstellbar. Wenn ein Team nach Erkenntnisgewinn strebt, wenn neue Ideen geboren und Neues entstehen, wenn gemeinsamer Konsens geschaffen werden soll, dann ist die Kommunikationsfähigkeit der Menschen im Team von höchster Bedeutung.

Auch „Führung“ (ein eh schon überstrapazierter Begriff, den ich so langsam leid werde) kann nur funktionieren wenn Kommunikation funktioniert. Eine Partizipation an einem gemeinsamen Unternehmen kann nur gelebt werden, wenn die Kommunikation stimmt. Und so weiter …

Nur – mit der Kommunikation ist es nicht so einfach!


Ich unterscheide modellhaft zwischen zwei Basis-Kommunikationsarten. Die sind völlig verschieden.

Das eine ist das unbeschwerte Ratschen, das wir in Neu-Deutsch Smalltalk nennen. Das ist die typische Kommunikation wie sie zum Beispiel auf „Cocktail-Partys“ stattfindet. Sie hat einen großen Wert, denn ab und zu können da ganz gute Ideen entstehen. Der Zufall schlägt zu und man stellt Gemeinsamkeiten fest, die trefflich genutzt werden können.

Smalltalk ist die Kunst, sich mit Bekannten und fremden Menschen unbefangen austauschen zu können. Wenn es zum Beispiel etwas zu feieren gibt. Der Smalltalk is aber in der Regel nicht zweckorientiert. Man hört einfach anderen zu und gibt seine eigenen Gedanken preis. Und wenn man sich öffnet, entsteht in der Regel Vertrauen.

Wenn es „ums Geschäft geht“, dann erscheint der Smalltalk zu wenig zielgerichtet. Gerade zielgerichtete  oder „funktionale“ Kommunikation ist besonders schwierig.
🙂 Das merkt man schon, wenn man mit sich selber kommuniziert. Ist man zu zweit, dann wird es nicht einfacher. Und je mehr Menschen es werden, desto schwieriger wird es Konsens zu finden und/oder Erkenntnis zu gewinnen.

So ging es auch schon den alten Griechen. Deshalb haben sie die Dialektik erfunden. Diese Kommunikations-Technik wurde z.B. von den Jesuiten bis zum Ende des letzten Jahrtausends gepflegt – oft in Altgriechisch und Latein, dies einfach um Sprachbarrieren zu überwinden. Und sich in den klassischen Sprachen zu üben.

Ich kenne da Geschichten, dass vom selben Team ein Thema am Vormittag in Latein und am Nachmittag in Griechisch geübt hat. Und dass da andere Ergebnisse rauskamen. Wir wissen aber nicht, ob da die Sprache oder die Tageszeit die Ursache war.

Kommunikation ist nicht einfach. Es fängt an mit „zuhören“ und der “  Fähigkeit, auf den anderen eingehen“ können. Das klingt einfach ist aber alles andere als das. Wenn das klappt, fängt Kommunikation an zu funktionieren.

Die „Wirtschaft“ entwickelte eigene Kulturen der Kommunikation wie auch die „Philosophie“. In der Wirtschaft gab es dann Teilnehmerlisten und Agenden, die „professionell“ abgearbeitet werden. In der „industriellen Revolution“ gab es die Ingenieure, die das Wissen hatten – und die „dummen Baueren“, die arbeitslos geworden nach Arbeit und vor allem Einkommen suchten. Für die Ingenieure gab es viel zu tun, denn den „dummen Bauern“ fehlte sogar das Bewusstsein für die Uhrzeit. Heute sind aus den Ingieuren die „allwissenden Manager“ geworden, die Mitarbeiter wollen aber keine „dummen Bauern“ mehr sein. Das schafft Probleme.

So ist geht die Zeit der Meetings mit den vom Management vorgegebenen Agenden zu Ende. Aber wie schafft man eine neue Effizienz der Kommunikation, die es ermöglich in kleinen wie größeren Gruppen Erkenntnisgewinn und Konsens zu gewinnen ohne dabei die Kreativität zu verlieren?

Ich habe für diesen Zweck klassische Formate kennen, nutzen und lieben gelernt:

  • Die Dialektik der alten Griechen inklusive Dialog, Debatte, Fahnenbildung mit Untertechniken wie das Bilden von Syllogismen. Alle diese Formate helfen uns auch in der modernen Welt – der Dialog z.B. bei „pair programming“.
  • Den redlichen Diskurs (Habermas)

Ich meine, dass es Sinn macht, bei stark zweckorientierter Kommunikation solche Formate zu nutzen. Diese Formate haben einen Nachteil: Sie müssen entweder von den Teilnehmern beherrscht, also erlernt werden. Das ist mühsam. Wenn dies nicht vorhanden ist, dann benötigt man einen kompetenten Moderator.  Und die sind selten geworden.

Das Internet hat uns eine Zeitenwende gebracht. Spätestens ab dem Web 2.0 erleben wir eine Veränderung: Aus passiven Teilnehmern werden aktive Teilhaber. Die „dummen Bauern“ sterben aus. Eigenverantwortung und Selbstorganisation werden einem passiven Lemming-Dasein vorgezogen. Und so sind Ende letzten Jahrtausends ganz neue Kommunikationsformate entstanden. ich nenne sie mal die „modernen“. Hier ein paar Beispiele:

Über diese und weitere Kommunikationsformate kann man viel im Netz  lesen. Lean coffee ist ganz einfach und funktioniert gerade bei kleinen Teams prächtig. Ich nutze es auch für zweiere Gespräche. Die drei anderen sind eher für größere Gruppen zu empfehlen.

Ein besonders witziges Format ist die fishbowl. Ich finde die Beschreibung dazu in Wikipedia nicht so glücklich. Im Prinzip gibt es einen inneren und einen äußeren Kreis. Außen sind die Zuhörer, innen sitzen die gerade aktiven Debattanten. Innen muss immer ein Stuhl frei sein. Die Zuhörer dürfen sich jederzeit in den inneren Kreis begeben und dürfen dann den nächsten Beitrag erbringen. Einer der Stuhlinhaber im „inneren Kreis“ muss dann sofort seinen Platz freigeben und sich in den äußeren Kreis begeben. Jeder im inneren Kreis darf diesen jederzeit verlassen.

Mir gefällt die Variante mit dieser Regel am besten. Wenn der innere Kreis leer ist, dann ist Schluß, weil es ja offensichtlich keine Beiträge mehr gibt. Da das natürlich nicht immer möglich ist, legt man meistens eine Maximaldauer (timebox) fest.

Zur Wiederholung:
Immer wenn jemand aus dem äußeren Kreis in Richtung des inneren Kreises geht, um den freien Stuhl einzunehmen muss einer der aktuellen Debattanten seinen Stuhl freimachen. Es ist immer wieder verblüffend, wie gut das funktioniert, auch weil im inneren Kreis so eine Art von „jammen“ entsteht.

Besonders zu empfehlen ist die fishbowl, wenn ein Expertenteam kurz berichtet und bei der Diskussion die Zuhörer eingebunden werden sollen. Das Herumtragen von Mikrophonen entfällt, die Diskussionsbeiträge werden selbstorganisiert erbracht. Und es gibt nicht mehr den mächtigen Moderatoren, der die „wichtigen Leute“ bevorzugt.

RMD

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 18. Mai 2017

Der Sturz

Ich weiß nicht mehr, wer mir diese Geschichte erzählt hat. Vielleicht der Reiseführer auf der Fahrt ins ‚Manrique Museum’? Oder diese Geologieprofessorin aus Brandenburg? Seit acht Jahren kommt sie im März ins ‚Lanzarote Park Hotel’ in Playa Blanca und liest auch spanische Tageszeitungen, nicht nur dieses dämliche Inselmagazin Lanzarote 37°. Oder hat mir sogar Pedro diese Geschichte als eine seiner nicht zu überbietenden ‚Sprachensalat ’- Variationen an der Pool-Bar serviert?

Ich weiß es nicht mehr…

Aber immer ging’s um diesen zahnlosen Straßenmusikanten!

Ein Schandfleck auf der endlosen meeresnahen Promenade im Südwesten von Lanzarote. So verdreckt und unappetitlich sollte der da nicht sitzen dürfen. Das geht nicht! Nicht auf dieser fantastischen EU–finanzierten Promenade! Auf der bis tief in die Nacht hinein hunderte von Menschen pilgern.

Dieser ‚musizierende Drecksack’ lungert ja nicht nur auf seinem rostigen Klappstuhl vor der letzten Brache an der Promenade herum, wo man ihn kaum wahrnehmen würde, sondern neuerdings fast ausschließlich an der gemauerten Promenadenbrüstung.

Was für ein Auftritt da: ein ‚musizierender Müllhaufen’ vor dem sonnenbestrahlten ewig glitzernden Meer! Mit einem schmierigen Hut am Boden und einem Käppi auf sonnenverbranntem Schädel! Und zwei Triefaugen wie Pfützen…

Meist sabbert er in eine Melodica – eine Art Tastenflöte – aus der immer die gleiche Melodie kriecht. Doch seltsam anrührend! Das muss man ihm lassen. Vielleicht ist es sogar etwas von Mozart? Wenngleich es zu schwermütig sein mag? Leider konnte ich das nie herausfinden.

Als der Konzertsaal in Jameos del Agua in der „Lavablase“ vor sieben Jahren geschlossen worden war, weil Steine aus der Decke fielen, spielte dieser Schandfleck auch schon auf der Promenade in Playa Blanca. Damals soll er sogar ein ziemlich reichhaltiges musikalisches Portfolio gehabt haben.

Und während das Vulkangestein über der Decke mit speziellen Harzen verklebt wurde, saß er auch jeden Tag da. Von den sechs Millionen Euro, die das gekostet haben soll, verlor sich vielleicht sogar der eine oder andere Cent in seinen schäbigen Hut. Wer konnte das schon wissen? Der ‚musizierende Müllhaufen’  sicherlich nicht.

Und dieses Einweihungskonzert anlässlich der festlichen Neueröffnung des renovierten Konzertsaales in Jameos del Agua  ging bestimmt auch vollkommen an ihm vorbei, ebenso die Tatsache, dass der berühmte englische Dirigent John Miguel Smith dirigieren würde und sich sogar Vertreter des spanischen Königshauses angesagt hatten.

Doch dass dieser höchst eitle John Miguel Smith mit seiner viel zu jungen Begleiterin ausgerechnet einen Tag vor diesem pompös angekündigten Eröffnungskonzert vor ihm – dem ‚musizierenden Drecksack’ – ganz blöd gestolpert und im wahrsten Sinn des Wortes in voller Länge hingedonnert war, das hatte er mitbekommen.

Und die spanischen Flüche des feinen Engländers vermutlich auch!

Dabei hatte Betty noch, „attention John“, gerufen, da er offensichtlich eine seltsam einschmeichelnde Melodie wieder erkannte und nur noch Augen für den zerlumpten Verursacher dieser Melodie hatte – aber da war es schon zu spät! Er klatschte in voller Länge auf das gediegene braune Pflaster der Promenade hier in Playa Blanca…

Schimpfend sprang er sofort wieder hoch, begutachtete entsetzt seine grässlich aufgeschürften Hände und Ellbogen, bewegte wie ein Wahnsinniger seine malträtierten Finger und strich immer wieder kopfschüttelnd über das am Bauch aufgerissene blutige T-Shirt.

Dass er sich beim Sturz auch das klobige silberne griechische Knotenkreuz vom Hals gerissen hatte, merkte er erst, als Betty es ihm mit Tränen in den Augen entgegenhielt. Wie ein Greifvogel schnappte er zu und warf es dem vor Entsetzten erstarrten Straßenmusikanten in seinen schmierigen Hut.

Hastig zog er Betty mit sich fort, um schnellstens der aufgeschreckten, gaffenden Menschenmenge zu entkommen. Seine einzige Sorge galt wohl nur noch dem morgigen Eröffnungskonzert in der „Lavablase“! In Jameos del Agua! Und seinen zerschundenen Armen, dem aufgeschürften Bauch, den blutenden Händen und seinem aufgeschlagenem Kinn. Und hoffentlich hatte ihn niemand erkannt – ihn, den berühmten John Miguel Smith, als er wie ein hingeknallter Frosch bäuchlings die Promenade küsste…

Welch eine Demütigung!

In mindestens einem Fall schien sich allerdings diese Hoffnung nicht erfüllt zu haben: denn als der ‚musizierende Müllhaufen’ seine Schockstarre überwunden hatte und nach dem Kreuz zwischen den wenigen Münzen in seinem Hut fingerte, ging urplötzlich ein seltsames Leuchten über sein vom Alkohol zerstörtes Gesicht, ein Leuchten, das auch noch anhielt, als sich das zahnlose Maul auftat und ein fragendes „Miguel?“ herausdrang…

Und dann wieder: „Miguel – Miguel,  bist du’s?“

Immer aufgeregter wurde der Straßenmusikant, immer panischer,er ließ die vor Schmutz starrende Melodica fallen und drückte auch mit seiner linken Pranke an dem Silberkreuz herum – und immer wieder krächzte er: „Miguel !…Miguel !!…Miguel…!!!“

Aber John Miguel Smith war längst  außer Sicht- und Hörweite, ja er hetzte  wie ein weidwundes Tier mit seiner vollkommen aufgelösten Begleitung die Promenade entlang, um sich schnellstens in seinem Unterschlupf im Hotel Vulcano zu verkriechen!

Da der berühmte Dirigent Smith bekanntermaßen sich jedes Herumschnüffeln in seiner Vita verbat und erbarmungslos sämtliche noch so geringfügige öffentliche Vermutungen beklagte, verhallten auch diese verzweifelten Rufe des alten Mannes im Geplätscher des an der Lavaküste züngelnden Meeres nahe der Promenadenbrüstung.

Trotzdem hatte ich, wie gesagt, irgendwo aufgeschnappt, dass der Straßenmusikant deshalb, und nur deshalb seit damals, diese eine besagte ‚einschmeichelnde Melodie’, die ich bis heute nicht identifizieren konnte, spielt, da er immer noch hofft, sein Miguel – um den er sich als Kind einen Dreck geschert, ja ihn sogar zur Adoption freigegeben hatte – doch noch eines Tages vorbei kommt, und ihn, seinen angeblichen Vater, auf einen Brandy ‚Carlos III’ einlädt…

Ob es wirklich der ‚Carlos III’ ist, von dem dieser vermüllte ‚Musikus’ träumt, dafür möchte ich mich allerdings nicht verbürgen, aber ich lade jeden, der mir etwas Neues über John Miguel Smith zu erzählen vermag, zu einem ‚Carlos I’ in den vorgewärmten Gläsern des Café ‚Gilbert’ an der Promenade in Playa Blanca ein – denn irgendwie sollte dem alten, ‚musizierenden Drecksack’ geholfen werden, meine ich, und warum nicht mit einem guten Brandy?

PS:
Erwähnt sei noch, dass alle Personen und Handlungen dieser Geschichte erfunden sind, doch an dieser Melodie, die zum Sturz des Dirigenten führte, bleib ich dran, die muss ich unbedingt herausfinden…

KH

Als letzter Teil meines Berichts ein paar Infos, Tipps und Kommentare – so als Quintessenz der Reise.

Karibik

Meer und Sonne, ein wunderbares Klima, warmes Wasser von unten und oben, eine exotische Welt, das alles ist für mich ein Traum – gerade im Dezember – und war mein wichtigster Beweggrund für die Reise.

Reisen mit dem Schiff

Die Karibik ist mit dem Schiff ideal zu bereisen. MeinSchiff 4 dient als Hotel, das in der Nacht fährt und am Tag meistens an Land liegt. So konnten wir komfortabel 8 Länder und 10 Hafenstädte besuchen. Dazu brauchten wir kein einziges Visa. Passkontrollen hatten wir nur bei der Aus- und Einreise in Deutschland und der Ausreise aus der R.D. (Dominikanische Republik). Für die Landgänge ist der Schiffsausweis das einzige notwendige Dokument. Der Pass blieb die ganze Reise im Safeder Suite.

Das Schiff

Mein Schiff 4 ist ein deutsch-sprachiges Schiff. Es ist modern und wirkt gut organisiert. Die Mannschaft strahlt eine gute Stimmung aus. Es erscheint aber auch als ein „convenient“ Produkt und folgt strengen Prozessen, die wohl allen Kreuzfahrtschiffen gemeinsam sind. Für mehr als 2.000 nur Gästen geht das wohl nicht anders. Die Sicherheitsvorkehrungen sind gut, allerdings fragt man sich, ob diese im Ernstfall tatsächlich funktionieren werden.

Die Suiten sind geräumig, zweckmäßig und haben eine gute Anmutung. Die meisten Suiten sind haben einen Balkon. Früher wurden Kreuzfahrtschiffe eher in horizontaler Bauweise erstellt. Die unteren Decks beherbergten neben großen Gemeinschaftsräumen wie die Restaurants, die Theater und Einkaufsbereiche auch die Mannschaftsunterkünfte und Betriebsräume wie Küche, Wäscherei und vieles mehr. Die oberen Decks gehörten den Passagieren. Da die Schiffe ziemlich breit waren, gab es dann mehrere Gänge mit Außen- und Innenkabinen für die Reisenden.

Mit der zunehmenden Breite der modernen Schiffe ändert sich das. „Vertikal“ befindet sich bei modernen Schiffen auf fast allen mittleren Ebenen im Inneren des Schiffes der Mannschafts- und Dienstleistungsbereich. Das ist ein abgeschlossener Bereich mit eigenen Treppenhäusern und Lifts. In den unteren Decks sind so die Gemeinschaftsräume noch größer. Der Passagierbereich liegt jetzt ausschließlich außen, sozusagen um diesen „Mannschafts-Tower“ herum.

So haben fast alle Suiten jetzt einen Balkon. Wir haben unseren sehr genossen. Immer wenn wir im Zimmer waren, kam frische Luft vom Meer über die offene Balkontür zu uns. Gerade Nachts war sehr schön, wir konnten im Zimmer bei ausgeschalteter Klimaanlage die Luft des Ozeans schmecken und das Rauschen des Meeres hören.

MeinSchiff 4 hat zwei Swimming-Pools, beide auf Deck 14 (ein Deck 13 gibt es nicht). Einer davon ist im Aussenbereich und mit 25 Meter erstaunlich groß. Leider werden beide mit „Süsswasser“ und nicht mit Meerwasser betrieben. Das auf dem Schiff vorhandene Nutzwasser wird natürlich per Osmose und/oder Destillation aus Meerwasser gewonnen und tut den Schleimhäuten wie der restlichen Haut nicht gut. Deshalb habe ich ihn kaum genutzt.

Beeindruckend sind die gigantischen Liegestuhl-Lager an den diversen Sonnen- und Innendecks. Fast musste ich an Flüchtlingslager denken. Bei wirklich mehr als 2.000 Passagieren geht das wohl nicht anders. Trotz der Unmengen von Liegen feierte das Deutsche Handtuch-Syndrom kräftig Urstand. Schon früh am Morgen waren die meisten Ligen mit Handtüchern und kleinen ergänzenden Gegenstände wie Büchern, Sonnencrème, Käppies oder ähnlichem reserviert. Dass in der Bordliteratur die Gäste explizit gebeten wurden, dies nicht zu tun, störte offensichtlich niemanden bei diesem Bereich.

„Willkommen zurück in Deutschland“

Nach einem langen Landtag tut das Ankommen im Schiff gut. Schiff und Crew begrüßen dann gerne mit „Willkommen zurück in Deutschland“. Auf dem Schiff ist es erst auch mal wie in Deutschland. Alles scheint zumindest auf dem ersten Blick ordentlich und sauber zu sein und ist es wohl auch im normalen Rahmen tatsächlich. Das gesamte Angebot folgt deutlich dem „deutschem Mainstream“.

Der Service wird allerdings noch stärker als in Deutschland vor allem durch Menschen aus der ganzen Welt erbracht. So habe ich viele Service-Kräfte aus Ost- und Südeuropa aber auch Asien  kennen gelernt. Aber ganz gleich ob es der Zimmerservice ist oder im Restaurant oder an der Bar, man trifft im Service eigentlich nie auf einen deutschen Mitarbeiter.

Die Menschen, die auf dem Schiff werkeln, haben überwiegend auch keinen deutschen Arbeitgeber. In der Regel sind sie bei Agenturen zum Beispiel in der Schweiz (Offiziere), in Zypern (Service) oder auch Manila (Nautik) angestellt. Wie auf Meinschiff werden sie dann von den Betreibern“body geleast“. Das ist natürlich nicht nur bei TUI sondern in der ganzen Branche so.

Auch die Arbeitsweise entspricht wenn dann nur bei sehr großzügiger Auslegung dem Deutschen Arbeitsrecht. Arbeitszeit ist 10 Stunden pro Tag und das 7 Tage die Woche. Bei Bedarf sind Überstunden selbstverständlich. Es gibt nur wenige Tage Urlaub. Bei besonderer Leistung gibt es einen freien Tag – der dann in der Regel für Landgänge eingesetzt wird.

Die Mitarbeiter sind mit ihren Jobs und ihrer Entlohnung zufrieden. Abzüge durch Sozialversicherung gibt es nicht. Die Länder, in denen sie angestellt sind haben sehr günstige steuerliche Konditionen speziell für Seefahrer. Dazu kommt eine verblüffend günstige Krankenversicherung für die meistens jungen Menschen, die allerdings nur die medizinisch wirklich notwendigen Kosten abdeckt. Was nebenbei bemerkt dazu geführt hat, dass in keinem Land Europas so viel Seeleute beschäftigt werden wie in der Schweiz.

Seefrau oder Seemann ist übrigens ein jeder, der auf dem Schiff fährt, ganz gleich ob er in der Nautik, im Hotelbetrieb oder in der Touristik tätig ist. So bleibt trotz eines eher niedrigen Bruttoverdienstes netto ganz gut was über.  Die Lebenskosten sind gering, Trinkgelder gibt es auch noch und man sieht etwas von der Welt. Was will man mehr?

All inclusive

Die TUI hat für Kreuzschifffahrt ist ein „all inclusive“ Geschäftsmodell. Das hat Vorteile und Nachteile. Man konsumiert doch oft mehr als man will (und sollte ?), dafür ist die Abwicklung sehr einfach und bei hohem Konsum spart man richtig Geld. Bei MeinSchiff 4 ist das „all inclusive“ ehrlich. Es ist (fast) alles im Preis mit drin. Auch an den Bars. Ob Cocktails in exzellenter Qualität, der Long Drink, viel Bier und Wein, es gibt ein großes Angebot ausschließlich an Markenprodukten, das komplett im Festpreis enthalten ist.

Nur weniges kostet extra, wie die Spezialitäten in drei Restaurants. An den Bars sind nur ganz wenige und besonders prominente Spirituosen und Weine nicht inklusiv. Das gilt auch für frisch gepressten Orangensaft und Champagner.

Bei den Speisen sind Kaviar und Langusten nicht inklusiv. Kaviar aber gibt es dann auch alle Woche als Teil des normalen Frühstücks. Das Glas frisch gepresster Orangen-Saft und das Wasser in Mein-Schiff gelabelten Flaschen kosten extra. Wobei in den Restaurants und Bars gesprudeltes wie nicht gesprudeltes Wasser inklusiv sind. Auf jedem Deck gibt es Wasserabfüllstellen, bei denen man die auf den Suiten vorhandenen Karaffen umsonst befüllen kann.

Essen

Die Qualität des Essen war gut. Auf dem Niveau wie in guten deutschen Kantinen. Eher wie bei der Münchner Rück (MR) oder Allianz als bei der Siemens AG.

In den (auch inklusiven) „feinen Restaurants“ wie im großen Hauptrestaurant wird ein Menü mit mehreren Gängen und „vornehmen“ Service serviert. Da ist das Essen auch von derselben (guten Qualität) und halt auch noch fürs Auge angerichtet.

Selbstservice und Service sind gut gewichtet, in manchen Restaurants gibt auch beides in benachbarten aber abgegrenzten Bereichen. Der Service kostet keinen Aufpreis, ist also auch immer inklusiv, so auch bei GOSCH am Heck auf Deck 12. Dort waren wir gerne, besonders weil es einen großen Freiluftbereich hat. Die Grill-Bar, ein Deck höher auf 14, ausschließlich im Freiluftbereich, war unser zweiter Favorit. Und die beiden Bars in Richtung Bug am Swimming Pool und ein Deck höher mit ihren wirklich ausgezeichneten Cocktails, auch alles im Freien.

Bewegung

Um genug körperliche Bewegung im Schiff zu haben, gibt es einen ganz einfachen Trick: Nur die Treppen nehmen und prinzipiell nie die Aufzüge nutzen. Wenn man sich das zur festen Regel macht, dann bleibt man bei 14 Decks, der Rezeption auf Ebene 3 und dem Ausstieg an der Wassergrenze bei Deck 2 gut in Schwung …

Unterhaltung

Das „Entertainment“ an Schiff ist wie der Rest. Gut organisiert, akzeptable Qualität, deutscher Mainstream wie Helene Fischer. Das zwar nicht unbedingt meines – aber den meisten Menschen schien es gut zu gefallen. Wie auch die Band, die sicher aus guten Musikern bestand, die aber nach meinem Geschmack ziemlich lustlos gespielt haben. Lokale Musik – wie lokales Essen – ist aber auf solch einem deutschen Schiff nicht angesagt. Dabei wäre es sicher leicht gewesen, zum Beispiel zwischen den beiden Häfen Jamaikas einen Reggae-Band an Bord zu nehmen …

Nicht vergessen darf ich die Fußball-Bundesliga. Da gab es „public-viewing“ auf großer Leinwand  mit englischem Kommentator in der Arena im Freien sowie auch unter Deck. Freitag, Samstag und Sonntag gab es so live ein bis zwei Bundes-Liga-Spiele, was bei Seetagen schon Sinn macht. Dazu gibt es natürlich Bier – in großen Schüsseln liegt das 3-Stripes-Biergut geeist aus Jamaika zum Verzehr bereit. Die Regel heißt Holen und Trinken. Wenn einem das 3-Stripes nicht schmeckt kann sich auch ein Korona (aus Mexiko – mein Favorit) oder eine der vorhandenen InBev Marken (Becks, Franziskaner …) holen. Alles dank „all inclusive“ for free.

Meine persönlich liebste Unterhaltung auf dem Schiff ist aber das Genießen der tollen Aussicht von ganz oben. Besonders in den Häfen oder bei Ein- und Ausfahrten kann ich die „Schönen Ausblicke“ richtig sammeln und Stunden nur mit Schauen verbringen.

Hier der Blick nicht vom großen Schiff sondern nur von der Fähre nach Durchfahrt des Panama-Kanals vom Pazifik auf Panama City.

Internet

Aus anderen Erfahrungen weiß ich, dass Internet auf Schiffen in der Regel über Satellit läuft und so für einen intensiven Nutzer eine echte Zumutung ist. Auf MeinSchiff habe ich es nicht probiert, so weiß ich auch nicht, wie gut es dort war. Aber es war ziemlich teuer.

Also betanke ich mein Mobile Telefon am besten bei den Landgängen. Eine mögliche Art ist dann die Nutzung von Hafen-nahen HotSpots, die für Stundenpässe ein paar USD verlangen. Ich würde aber empfehlen in die Orte zu gehen und entweder einen öffentlich Gratis-Hotspot oder ein Café zu suchen, in dem WLAN als Teil des Konsums im Preis mit drin ist.

Digital

MeinSchiff 4 ist ein ziemlich digitales Schiff. Überall im Schiff sind große „Touch Screens“, die über das Schiff, die Restaurants und das Programm informieren. Die Photos vom Schiffs-Team werden digital angezeigt und erst nach Bestellung ausgedruckt. Die Schiffs-App ist leicht zu nutzen. Über sie kann man auch Ausflüge buchen oder den Stand seines Bordkonto einsehen.

Fahrrad
Auf MeinSchiff 4 gibt es keine Fahrräder, die man sich für private Landausflüge ausleihen kann. Das war ein Service auf MS Europa, den ich sehr geschäft habe. Auf MeinSchiff 4 gibt es Fahrräder nur im Rahmen von organisierten Touren. Die aber sowohl als normal Trecking Räder wie auch als eBike. Sogar e-Roller waren an Bord. Nur fährt man dann die Ausflüge in mann-starken Kolonnen, was mich nicht so begeistert.

Das private Ausleihen von Fahrrädern war in den Zielhäfen war nur einmal möglich. Das scheint in Mittelamerika noch nicht so verbreitet zu sein.

Landausflüge

Im Angebot ist alles – von Ausflügen zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Bus und mit Booten unterschiedlicher Größe. Der Jeep-Ausflug ist genauso dabei wie der mit dem Monster-LKW, sogar Ausflüge mit Flugzeugen wurden angebooten. In Cartageno ist mir eine Stadtführung  für MeinSchiff  mit einfachen elektrischen Scootern auf drei Rädern aufgefallen.

Die Schwerpunkte sind Land & Leute wie auch kulturelle, geschichtliche, geographische und geologische Sehenswürdigkeiten. Bei vielen Ausflügen ist der Besuch eines Abenteuer- oder Vergnügungsparks dabei.

Die Ausflüge sind gut organisiert – natürlich immer abhängig von den lokalen Agenturen. Darauf wird auch in den Geschäftsbedingungen klar hingewiesen. Die Führungen sind auf Deutsch und Englisch. Die Sprachkenntnisse der lokalen Guides waren oft schlecht bis absolut ungenügend. Die Ausflüge sind nicht billig, allerdings sind die besuchten Länder auch nicht billig.

Bei unseren privaten Ausflügen hatten wir überwiegend sehr schöne und erfreuliche Kontakte mit den Einheimischen.

Tag & Nacht

Aufgrund der Jahreszeit ist die Sonne ja im Dezember im Süden, die Karibik ist aber nördlich vom Äquator. So war es um die 11 Stunden hell und 13 Stunden dunkel. Das stört aber nicht, denn 10 Stunden Sonne am Tag sind völlig ausreichend.

Die Gäste

Auf dem Schiff durften wir einen Querschnitt durch einen Teil unserer Gesellschaft erlebt haben. Genau die Menschen halt, die sich einen Fernurlaub leisten können. MeinSchiff  ist da eine durchaus preiswerte Variante. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass ein paar der Gäste für ihren Urlaub ganz schön lange gespart hatten oder ihn sogar mit einem Kredit finanziert hatten.

Die Barbara hat gemeint, dass die Tattoo-Dichte deutlich höher gewesen wäre als im Unterhachinger Freibad. Mich stört das nicht, auch wenn ich persönlich Tattoos eher skeptisch gegenüber stehe. So ziert meinen Körper kein Tattoo, nicht einmal das schöne IF-Logo.

Mehrheitlich hatten wir Kontakte mit angenehmen Menschen. Nur einmal musste ich bei Tisch ein paar AfD-Thesen ertragen …

Verschiedenes

  • Sonnencreme
    Immer sinnvoll, die häufige Bewölkung hat es uns jedoch leichter gemacht Sonnenbrand zu vermeiden.
  • Mückenschutz
    Braucht man nicht.
  • Diamanten
    Gibt es überall, auch blau, mit Rückerstattung. Aber auch zu stattlichen Preisen. Mir fehlt das Know-How um zu Bewerten ob sich der Schmuckkauf da lohnen würde.
  • Zigarren
    Riechen gut, sind aber auch teuer und ich rauche ja nicht mehr (ab und zu leider).
  • Kaffee
    gibt es überall – allerdings immer recht stark geröstet und deswegen nicht unbedingt etwas für deutschen Mainstream-Geschmack.
  • Rum
    Gibt es überall – in Hülle und Fülle. Und schmeckt verdammt gut.

Jetzt ist dann bis zur nächsten Fahrt Schluss in IF-Blog.de mit Karibik und Schiffsreise.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 26. Dezember 2016

Unterwegs in Mittelamerika

Als „Alien“ unterwegs auf einem großen Schiff.

Seit Heilig Abend sind wir wieder zurück von unserer Seereise und haben schon wieder zwei wundervolle Tage in der „Heimat“ verbracht. Die Reise schwingt noch nach – jetzt reflektiere ich die vielen Erlebnisse von vierzehn sehr intensiven Tagen.

In den vergangenen zwei Wochen haben wir acht Länder besucht. Von La Romana in der Dominikanischen Republik ging es nach Jamaika, dann nach Mexico, Belize, Honduras, Costa Rica, Panama, Kolumbien und wieder zurück über Santo Domingo nach La Romana.

Es war wie erhofft und erwartet angenehm warm in der Karibik. Öfters hatten wir willkommene Wolken, so gab es keinen Sonnenbrand, obwohl wir eigentlich immer an der frischen Luft waren. In der restlichen Zeit haben sich Sonne und Regen haben sich mit Vorteil für Sonne abgewechselt.  Ab und zu war es recht windig.

Die Nacht war fast dreizehn Stunden lang und recht dunkel, so dass es immer genug Zeit gab, sich aus zu schlafen. Bei offener Balkontour haben wir über die Nacht das Rauschen des Wassers genossen. Gut elf Stunden am Tag war es dann so richtig hell – genug Zeit zum intensiven Leben.

Zwar war es eine typische „all inclusive“ Reise auf einem Riesenschiff mit über 2.000 Reisenden. Es gab viel Animation in diversen großen und kleinen Bühnen. Wie oft bei Kreuzfahrten wurde versucht, den Passagieren eine mondäne Welt des Luxus zu suggerieren.

Wir haben die  Schiffsreise für uns ein wenig anders definiert und sie nicht so organisiert wie die große Mehrheit unserer Mitreisenden. So waren wir immer im Freien, haben nicht ein einziges Mal in den großen und kleinen Restaurants unten im Schiff gespeist sondern immer in zwei kleinen Biergarten-ähnlichen Freiluft-Restaurants.

Und fast schon wie selbstverständlich waren wir auch bei keiner der vielen Shows dabei, die viele unserer Mitreisenden tatsächlich begeistert haben. So war es tatsächlich ein einfacher Urlaub ganz allein für Barbara und mich.

Als privater „Kreuzfahrer“ unterwegs in Roatán (Honduras).

Tagsüber waren wir in sechs Ländern jeweils einen Tag, in Jamaika und der Dominikanischen Republik waren es zwei Tage in verschiedenen Orten. Abhängig von der Situation waren wir an sechs von zehn Tagen ganz individuell und privat zu Fuß und einmal mit gemieteten Fahrrädern unterwegs, viermal haben wir das Angebot von Ausflügen genutzt. Nachts waren wir immer auf dem Meer unterwegs wie auch an den vier Seetagen, an denen wir die Seele baumeln lassen und das Erlebte verdauen konnten.

Zwei Schiffs-Giganten treffen sich in Cozumel (Mexiko).

In den nächsten Tagen werde ich in lockerer Reihenfolge berichten, was mir so durch den Kopf ging. Zum Beispiel, dass wir tatsächlich in drei Ländern waren, die keine Armee haben und wie froh und stolz die Menschen dort mehrheitlich über diese Tatsache waren.

RMD

Von Stand-by-Jobs, Facilitation und Fahrerlosen U-Bahnen. Und vom Uli.

Vor kurzem habe ich Ulrich Sendler kennen gelernt. Uli ist „Unabhängiger Technologieanalyst“ und Musiker. Er schreibt Bücher (die sogar ins chinesische übersetzt werden und dort hohe Auflagen haben), hält Vorträge (so wie ich ihn erlebt hatte dürften die sehr kompetent aber auch unterhaltsam sein) und ist als Berater und Moderator unterwegs. Bei unserem Treffen hat er mir erzählt, dass er demnächst in Gütersloh eine „keynote“ zum Thema „Automated Society“ halten wird. Irgendwie erscheint das mir die logische Entwicklung unserer „Self-Service-Society“. Ich bestelle den Dienst im Internet und die Lieferung erfolgt oder Dienstleistung erfolgt dann automatisch.

„Automated Society“ und „Self-Service-Society“ sind für mich auch „buzz words“, die gerne als Merkmale unserer „neuen digitalisierten Gesellschaft“ in unserem „post-faktischen Alltag“ genannt werden.

Sie haben bei mir gleich ein paar Assoziationen und Gedanken ausgelöst:

Technologie hat das Ziel, dem Menschen Leben und Arbeit einfacher zu machen. Dafür gibt es auch ein schönes und heute oft verwendete buzz word:
Facilitation!
Im englischen Wikipedia wird das Wort zurzeit so definiert:
Facilitation is any activity that makes tasks for others easy, or tasks that are assisted.

Im alltäglichen Leben hat das dazu geführt, dass die Arbeit von uns Menschen durch viele technologisch Errungenschaften erleichtert wird. Das kann auch dazu führen, dass wir gar nichts mehr zu tun haben.

Denken wir an einen Piloten der Lufthansa. Die sind zurzeit wegen ihrer Streikleidenschaft öfters in der Presse. Der arme Pilot darf auf einem Langstreckenflug wie in die Karibik wohl nur noch 10 Minuten – beim Einleiten und Durchführen von Start und Landung. Den Rest schaut er zu, wie der Flieger so vor sich hin fliegt. Der arme Pilot darf seine Langweile auch nicht mit Computer-Spielen vertreiben. Alkohol wird ihm auch verboten sein wie bestimmt auch der Damenbesuch im Cockpitz.B. durch eine Stewardess. Was übrige bleibt ist dann Langeweile.

Wecker1Ich nenne solche Berufe „Stand-by-Jobs“. Da ich als Programmierer tätig war ist das für mich, wie wenn ich dem Computer 8 Stunden beim Programmieren zu schauen muss und dann in fünf Minuten kurz überprüfe, ob das entstandene Programm den Vorgaben entspricht. Ich stelle mir so einen Job eher grausam vor. Kann gut sein, dass so ein Stand-by-Job depressiv macht.

Vor ein paar Jahrzehnten hatte ich nach einem Job-Wechsel beim neuen Arbeitgeber gut zwei Wochen nichts zu tun. Von Morgens bis Abends saß ich im Büro, langweilte mich und versuchte verzweifelt mich sinnvoll zu beschäftigen. Und die Zeiger der Uhr schienen so richtig dahin zu schleichen.

So unglücklich wie damals war ich nie in meinem Arbeitsleben.

Münchner U-Bahnhof Dietlindenstraße (U6) - Urheber: FloSch - Eigenes Werk unter CC BY 2.5 (2005)

Münchner U-Bahnhof Dietlindenstraße (U6) – Eigenes Werk von FloSch, unter CC BY  2.5 veröffentlicht in Wikipedia (2005)

Die Stadtwerke München (SWM) betreiben unter anderem das Münchner U-Bahn-System. Die SWM sind intelligente Arbeitgeber, die wissen, dass Menschen „Stand-by-Arbeit“ nicht mögen. U-Bahnfahrer ist auch zum „Stand-by-Job“ geworden. Die Stadtwerke wollen glückliche U-Bahnfahrer haben, die ihren Job motiviert erfüllen. Vor kurzem habe ich gelernt, dass ein U-Bahnfahrer an jeder Haltestelle aussteigen muss um die Befüllung des Zuges zu kontrollieren und dann wenn diese erfolgreich erfolgt, die Abfahrt frei geben darf. Das ist seine wesentliche Aufgabe.

Die Maßnahme dient der Sicherheit am Bahnsteig. Vor allem aber dient sie dem Fahrer, denn so wird sein Job wieder verantwortungsvoller, abwechslungsreicher und er hat sogar ein wenig Bewegung. Das tut Seele und Körper gut.

Nur, die U-Bahnen in Nürnberg fahren seit Jahren ohne Zugführer. Und die in Lyon schon seit Jahrzehnten. Und in beiden Fällen scheint das System sehr gut zu funktionieren, sogar besser als mit Fahrer.

Die Schlussfolgerungen überlasse ich meinen Lesern.

RMD

P.S.
Gestern bin im mit dem Bus 210 des MVG von Neuperlach Bahnhof nach Ottobrunn, Haltestelle Jahnstr. gefahren. Der Fahrer saß ziemlich abgegrenzt vorne in seinem dunklen Kabäuschen. Der Kontakt vom Fahrzeug zu den Menschen war automatisiert, die Anzeige und die Ansage der Haltestellen. Der Fahrer ist nur noch der Lenker, er hält an, wenn er Menschen an der Haltestelle sieht oder ein Fahrgast auf den Knopf drückt. An diesem Abend hatte ich Glück, der Fahrer ist sehr vernünftig gefahren und hat auf starkes Beschleunigen und heftiges Bremsen verzichtet. Das war mir angenehm. Es gibt aber auch Fahrer, bei denen geht es so richtig rund. Dann hat so ein selbstfahrender Bus schon auch seinen Vorteil… Technisch sollte es ja heutzutage möglich sein.

 

Roland Dürre
Montag, der 7. November 2016

Unternehmertagebuch #118 – Mitarbeiterbeteiligung

Vor kurzem hat mich eine Frage eines befreundeten jungen Mannes und Unternehmers per E-Mail erreicht:


In den letzten zwei Jahren ist bei uns ziemlich viel passiert und unsere kleine IT-Firma ist inzwischen auf 7 Mitarbeiter gewachsen. Für nächstes Jahr suchen wir mehrere neue Mitstreiter und denken darüber nach, wie man die Vergütung generell verbessern kann, ohne unsere Liquidität zu gefährden – falls es mal nicht so gut laufen sollte.

Ich wollte fragen, ob Du selbst Erfahrungen mit Mitarbeiterbeteiligungen gesammelt hast oder mir Empfehlungen geben kannst, an wen ich mich damit wenden könnte. Da wir uns nicht auf ein Produkt versteifen, viel Cash-Flow mit Auftragsarbeiten generieren und auch nicht auf einen Verkauf unserer Firma aus sind, ist das vermutlich auch etwas komplizierter.

Hättest Du vielleicht demnächst einmal Lust und Zeit, uns in dieser Hinsicht etwas Nachhilfe zu geben?


Natürlich habe ich JA gesagt. Aber nicht um Nachhilfe zu geben. Das mache ich aus Prinzip nicht. Auch Ratschläge mag ich nicht geben. Denn Ratschläge sind ja auch Schläge. Sondern teile mein Wissen und stelle Fragen.

Hoch die GREAT WALL mit Käppi nach hnten.

Ab und zu ist Unternehmer sein wie die Bezwingung der GREAT WALL.

Zuerst habe ich in meinem Unternehmertagebuch nachgeschaut, ob ich schon über Mitarbeiterbeteiligung geschrieben habe. Da ich das noch nicht habe, berichte ich die Ergebnisse des Gesprächs gleich mal hier im Blog.

Zuerst mal meine eigenen Erfahrungen:

In der Tat haben Wolf Geldmacher und ich gar nicht so lange nach der Gründung der InterFace Connection GmbH (der Name Connection war für uns mehr als ein Name sondern Programm) in 1984 beschlossen, allen Mitarbeitern (und das waren in 1986 schon um die 20) eine Beteiligung am Unternehmen anzubieten.

Wir waren damals 4 Gesellschafter. Die „aktiven“ waren Wolf und ich. Wir beide waren bei der Connection als Geschäftsführer angestellt und hatten jeder 30 % am Kapital. Die beiden „passiven“ Gesellschafter waren Dr. Peter Schnupp (ein Mann, der IT-Geschichte geschrieben hat) und die InterFace Computer, vertreten durch Claus M. Müller. Sie hatten jeweils 20 % Anteil. Unser Stammkapital war immerhin schon 100.000,- DM und unsere Rechtsform eine GmbH.

Dr. von Hase war „unser“ Rechtsanwalt. Er hat unser Unternehmen viele Jahre als Jurist begleitet. Rückblickend kann ich nur sagen, dass sein Rat immer sehr gut für uns und das Unternehmen war. Er hat uns schnell davon überzeugt, dass die GmbH als Rechtsform für ein Unternehmen mit vielen Gesellschaftern nicht geeignet ist. Gerade wenn Gesellschafter auch noch Mitarbeiter sind. Ein Konflikt, der zum Beispiel aus der Beziehung Unternehmen-Mitarbeiter entsteht, kann die GmbH auf der Gesellschafter-Ebene nur zu leicht negativ beeinflussen.

Deshalb haben 17 Mitarbeiter der IF AG damals einen Beteiligungs-Verein gegründet, der 10 % des Kapitals (10.000 DM) vom Grundkapital (100.000) übernommen hat.

Der Kaufpreis für die 10 % betrug 60.000 DM (10.000 DM für die Anteile plus einem Aufgeld von 1:5 also 50.000 DM). Unser Unternehmen dürfte damals schon locker mehr als 600.000 DM wert gewesen sein. Das Geld blieb als Rücklage in der Firma, so dass die Eigenkapital-Situation sich verbesserte (von 100.000 auf 160.000 DM). Die  Anteile an der Gesellschaft änderten sich folgernder Maßen: Wolf und ich hatten nach dem Transfer noch jeweils 27 % an Stelle vorher 30 %, bei InterFace Computer und Peter Schnupp waren es noch jeweils 18 %  an Stelle der ursprünglichen 20 %. Und 10 % gehörten jetzt dem Beteiligungs-Verein der Mitarbeiter, die dann umgerechnet jeweils einen 1/170-Anteil am Unternehmen hatten. Das war ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Mitarbeiterbeteiligung.

Ein Nachteil an diesem Verfahren war für die Mitarbeiter, dass sie keine Anteile direkt am Unternehmen sondern „nur“ am Beteiligungs-Verein hatten. Das hat die Fungibilität der Anteile eingeschränkt. Bei der Ende der 90iger Jahre erfolgten Umwandlung der InterFace Connection GmbH in die InterFace AG wurden die Anteile der Mitarbeiter am Beteiligungs-Verein in Aktien der InterFace AG umgewandelt und damit war auch diese Beschränkung aufgehoben. Wenn ich heute auf der Hauptversammlung der InterFace AG Mitarbeiter treffe, die damals dabei waren, so sagen sie mir, dass ihre Mitarbeiter-Beteiligung das beste Invest ihres Lebens gewesen wäre

In den 80iger und besonders in den 90iger Jahren wurde sehr viel mit besonders in Deutschland steuerlich eher fragwürdigen Options-Modellen gearbeitet. Das war vor allem attraktiv bei jungen und sehr stark wachsenden Unternehmen, die sehr schnell an die Börse gelangen wollten. Ich habe einige wenige Freunde, die durch solche Modelle ein bisschen zur eigenen Verblüffung zu Millionären geworden sind. Überwiegend kenne ich aber Menschen, die da nicht profitiert sondern eher drauf gezahlt haben.

Heute halte ich Genossenschafts-Modelle bei einer solchen Zielsetzung für sehr überlegenswert – gerade wenn man nachhaltig und langfristig denkt. Auch wenn das Modell einer Genossenschaft ja früher eher nicht für die Mitarbeiter erfunden wurden. Die ursprüngliche Zielsetzung war, Produktions-Maschinen gemeinsam zu nutzen und dafür beschaffen. Aber es funktioniert auch um Mitarbeiter am Erfolg zu beteiligen.

Sehr innovativ erscheinen mir auch Partner-Modelle wie sie von Unternehmensberatungen genutzt werden. Da finde ich die Varianten besonders spannend, in der man beim Einstieg Anteile kaufen kann, die man nach seinem Ausscheiden wieder abgeben muss und während der Zeit des Dabei-Seins wesentlich vom Erfolg und Wachstums der gemeinsamen Unternehmung profitiert. Wenn ich doch mal wieder eine Firma gründen würde, würde ich wahrscheinlich ein Partnermodell als GbR versuchen.

In unserer Diskussion haben wir noch ein wenig über den „Tellerrand der Entlohnung“ hinausgeschaut. Natürlich spielt ein marktgerechtes Gehalt eine wichtige Rolle, um Motivation der Mitarbeiter zu erhalten. Gehälter und Weiterbildung sind gerade im Dienstleistungsbereich der wesentlichste Brocken auf der Kostenseite. Dass Unternehmer sich so leichter tuen, wenn sie einen Teil davon nur im Erfolgsfall zahlen müssen ist auch klar.

Geld ist aber nur ein (wesentlicher) Teil im Verhältnis zwischen Unternehmen und Mitarbeiter. Genauso wichtig ist eine Unternehmenskultur mit gelebten Werten. Als Stichworte nenne ich mal: Offenheit und Transparenz, die Möglichkeit zur Partizipation wie auch Respekt und Wertschätzung aller Menschen als Selbstverständlichkeit

Im Unternehmen sollte man den Mut für die Zukunft und die Freude an der Arbeit bei allen spüren. „Strategie“ sollte so etwas wie ein gemeinsames Gefühlt sein und sich nicht auf irgendwelche Sprüche beschränken. Das Unternehmen sollte nicht nur für die Shareholder einen „Value“ schafft sondern für alle Stakeholder. Dazu gehören auch die Familien der Mitarbeiter, auch sollte das Unternehmen für die Partner und Kinder der Kollegen „anfassbar“ sein.

Und ganz wichtig:
Die Erfolge sollten (möglichst häufig) gemeinsam gefeiert werden!

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!

Roland Dürre
Mittwoch, der 20. April 2016

Unternehmertagebuch #116 – Social Media: Corporate Twittern

Moderne Unternehmen wünschen sich, dass ihre Mitarbeiter im Unternehmen aktiv „mitmachen“. Eine Partizipation der Mitarbeiter an der Entwicklung und ihre Beteiligung an den Entscheidungen des Unternehmens gilt als positives Asset und als notwendige Bedingung für Zukunftssicherheit. Begriffe wie „demokratisches Unternehmen“ sind in Mode. Manche schwärmen sogar von Holokratie, („Holocracy“, das Wort verunglimpfe ich gerne abwertend zu „Holocrazy“).

Doch habe ich hohen Respekt von den dahinter liegenden Absichten. So wie ich auch die Gedanken zur „Gemeinwohlökonomie“ (z.B. nach Christian Felber) sehr schätze. Aber wie kann ein Unternehmen die notwendige Veränderung schaffen?

Meine Twitter-Fenster.

Meine Twitter-Fenster.

Ich meine, dass beim Versuch, die Kultur in einem Unternehmen zu gestalten, Social Media eine wichtige Rolle spielt – intern wie extern.

Für Wandel und Veränderung sind Kommunikation auf Augenhöhe und ein unternehmensinternes Intranet, das ein wenig wie bekannte Social Media Systeme à la Facebook funktioniert, wichtige Voraussetzungen. Heute redet man in diesem Kontext auch von „Corporate Social Media (CSM)“. Vielleicht haben wir bald neben dem SEO (Search engine officer verantwortlich für search engine optimization) auch einen „SMO“. Wobei dann SM natürlich nicht für sado-maso sondern für Social Media steht (Social Media Officer).

Einem von oben verordneten CSM stehe ich skeptisch gegenüber. Die Mitarbeiter müssen die Transformation machen. Wie auch bei dem sehr aktuellen Thema CSR (Corporate Social Responsibility). Da geht es darum wie ein Unternehmen „ethischen“ Ansprüchen genügt. Auch das muss die Basis wollen und machen.

Meine Skepsis zu CSR durch Führungskräfte versteht man sofort, wenn man zum Beispiel die Bücher des Herrn Otfried Höffe liest. Dessen Bücher sind zur Standardliteratur an den Unis im Fach Ethik geworden. Ich weiß nicht warum – steht da nach meinem doch ein schlimmer Stoff drin, den die armen Wirtschaftsstudenten da lernen müssen und der einem philosophischen Anspruch nicht genügt.

Aber ich bin ja auch ein böser Skeptiker, der sogar das wertvolle BGM (Betriebsgesundheits Management) als einen lächerlichen Begriff empfindet, obwohl es gar nicht mit „C“ anfängt – den Abkürzungen, die mit C anfangen misstraue ich besonders. Nicht nur in der Politik und nicht nur wenn das C für „Christlich“ oder „Corporate“ steht. So wie ich bei allen Kombinationen und Abkürzungen vorsichtig bin, die Begriffe wie Management, Manager oder Officer beinhalten.

Jetzt aber zum konstruktiven Teil meines Artikels. Ich möchte hier am Beispiel von Twitter erläutern, wie man es im Unternehmen hinkriegen kann, dass die Menschen des Unternehmens gerne und sinnvoll bei Coporate Social Media, also nach außen gerichtet, mitmachen. Dies aus Freude und intrinsischer Motivation heraus, ohne irgendwelche Anreize oder ähnliches.

Wie kann ein echtes gemeinsames Twittern eines Unternehmens erreicht werden, das so authentisch im Netz seine Stärke und Kompetenz zeigen und sich als sympathisches Kollektiv von tollen Individualisten dem Markt präsentieren kann.

Wie man sich leicht denken kann, geht das aber nicht durch ein zentral gesteuertes Marketing alter Denke. Nicht nur die Rolle des Marketings muss sich gravierend ändern, auch – durchaus nicht neue – Tugenden wie das Subsidiaritäts-Prinzip aufbauend auf Vertrauen und Fehlertoleranz müssen wieder aufleben.

Bevor ich anfange, möchte ich das „kollektive Twittern eines Unternehmens“ abgrenzen von „funktionaler Twitterei“, wie es die Bahn (@bahn) oder die Telekom mit ihren Twitterkennungen machen (Telekom hilft – @Telekom_hilft – habe ich selbst mal probiert, wie ich in Not war und hat mir sehr geholfen). Das ist sehr sinnvoll und oft ein guter Weg, zu diesen Unternehmen mit seinen Problemen durchzudringen und so oft für die Nutzer die einzige Chance, gehört zu werden, wenn Hotline und andere „normale“ Kanäle zum Unternehmen versagen.

Fürs Unternehmen lohnt sich solche Nutzung von Social Media Kanälen auch, weil so wesentlich Last von den teuren Hotlines genommen werden kann, die allein schon wegen ihrer Überlastung die Kunden verärgern. Und gute social media services sind in der Regel viel preiswerte anzubieten als eben ein klassischer Help Desk.

Dies hat aber mit „Coporate Social Media“ im Sinne „hier twittert die Belegschaft“ nichts zu tun.

Um als Unternehmen gemeinsam twittern zu können, ist zuerst Mal eine gemeinsame Twitterkennung, die von möglichst vielen, am besten allen Mitarbeitern genutzt werden kann. Zu Anfang sollte ein definiertes Team beispielhaft auf dieser Kennung fürs Unternehmen twittern und diese Kennung moderieren. Langfristig ist natürlich eine Moderation von allen Beteiligten in gemeinsamer Verantwortung wünschenswert.

Vielleicht sollte dieses Team auch ein paar Hinweise und organisatorische Hilfestellung geben, welche Art von Kommunikation im Sinne des Unternehmens ist und was eher nicht. Wobei die Mitarbeiter das meistens selber schon auch sehr gut wissen.

Weiter sollte in jeder Filiale in Räumen wie dem Entrée, Teamräumen oder Küche ein Bildschirm vorhanden sein, auf dem eine Twitterwall (hier das  Beispiel der ActMobCmp-Twitter-Wall) mit den aktuellen Tweets läuft. Denn das Lesen der Tweets der Freunde und Kollegen macht Appetit, auch selber zu twittern. So kommt das Mitmachen und die gemeinsame Moderieren ganz von selber.

Twittern steht in diesem Artikel so ein wenig als Metapher für Social Media ganz allgemein. Mit Facebook, Google+ oder auch einem Corporate Blog geht das dann auch nicht viel anderes. Das „Corporate Twittern“ ist so ein guter Einstieg in weitere corporate social media Aktivitäten. Wenn (fast) alle mit Begeisterung dabei sind, dann kann man sich auch mit „Corporate Blogging“ versuchen.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!