Roland Dürre
Montag, der 14. Januar 2019

Kranksein ist schön!

Ab und zu lese ich in IF-Blog.de meine eigenen Geschichten wieder. Das ist ja auch mein Sinn vom IF-Blog – das Schreiben für mich. So habe ich mir vor kurzem mal wieder die Geschichte aus meiner Kindheit durchgelesen:
Wie ich meine Mandeln verloren habe.

Und dann stelle ich fest, dass ich im Kern alles so berichtet habe, wie ich es in Erinnerung habe. Aber in einem wichtigen Punkt habe ich gemogelt und wesentliche Teile der „Wahrheit“ verschwiegen. Heute schreibe ich die ganze Wahrheit dazu.


 

Der Start zu vier schlimmen Jahren in der „Volksschule“.

Meine Eltern hatten ja beschlossen, dass zum Wechsel ins Gymnasium meine schlechte Gesundheit durch eine medizinische Maßnahme – eben durch die Entfernung meiner Mandeln – stabilisiert werden sollte. Denn in der Volksschule war ich wirklich oft krank.

Und ich war gerne krank. Und habe die Krankheit – sprich die Erkältung und den Schnupfen – förmlich gesucht. Die Gründe waren einfach.

Ich habe die Schule am Wittelsbacher Park gehasst. Das hatte eine Reihe von Ursachen.

In den normalen Fächern wie Deutsch und Rechnen habe ich mich gelangweilt. Langweilen ist grausam.

Weiter hat unser Lehrer seine Schüler auch gerne mal körperlich (und vorbeugend!) gezüchtigt. Da gab es schon mal Schläge für alle mit dem schwarzem Kantholz auf die Finger. Ohne Grund. Der Lehrer wollte uns einfach klar machen, was wir bei schlechtem Benehmen zu erwarten hätten. Das war zumindest seine Erklärung – auf eine andere Art und Weise grausamer als die Langweile.

Heute würde ich sagen, dass unser Lehrer einfach ein kranker Sadist war. In Musik hat er mir meine Unfähigkeit bewusst gemacht und im Turnunterricht wurde ich von ihm kommandiert wie ein Hund. Da war totale Unterwerfung angesagt – wie beim Militär.

Der Weg dorthin war eine Qual.

Das schlimmste Fach von allen war für mich der Religionsunterricht. Da präsentierte der Pfarrer auf sadistische Art und Weise einen Gott, den ich als bösartige Kreatur erlebte und der seinen Sohn auf unvorstellbare Art und Weise quälte. Dazu mussten wir Schwarzweiß-Bilder  vom Leidensweg zum Kreuz in ein Heft einkleben. Ich hatte immer Lust, das viele Blut auf den Bildern mit einem roten Stift einzufärben, das habe ich mich aber nicht getraut.

Aber auch der Schulweg war im Winter unerfreulich. Im Sommer hatte ich die Freude des Schulwegs durch den grünen Wittelsbacher Park in Augsburg. Die Vögel zwitscherten und die Sonne leuchtete mir ins Herz.

Im Winter dagegen war alles tot und düster. Das beste war noch, wenn sich das Winter-Elend unter dem weißen Leichentuch des Schnees versteckte.

Dann aber waren schon zur Hälfte des Weges die Schuhe patschnass vom Schnee und die Füsse – wie die Hände – eiskalt. Am Mittag zum Nachhauseweg waren die Schuhe immer noch nass – wie auch meistens noch am nächsten Morgen. Da es aber die einzigen wintertauglichen Schuhe waren, die ich hatte, musste ich sie halt immer wieder morgens für den Weg zur Schule schnüren. Jeden Tag ein wenig nässer.

Im Winter hatte ich keinen Anreiz, gesund zu bleiben. Denn die Fussballwiese, auf der wir uns im Sommer täglich und stundenlang zum Fußball trafen, war zugeschneit oder matschig – und immer leer. Auf dem Hof wurde auch nicht Völkerball gespielt. Irgendwie gab es nicht viele Gründe, heraus aus dem Haus zu gehen.

Der Berg beim Rosenaustadion dagegen war bei Schnee belebt. Nur erschien mir Schlitten- wie Schifahren so etwas von sinnlos. Man rutschte den Berg runter, nur um dann den Schlitten wieder hochzuziehen. Für Sisyphos-Arbeit war ich noch nie zu haben.

Insofern hatte ich im Winter so gar keine Motivation, gesund zu bleiben. Krank sein dagegen war sehr schön.

Denn wenn ich krank war, musste ich nicht zur Schule. Ich durfte im Bett bleiben und mich in meine Bücher versenken. Meine Mutter hat mich verwöhnt. So durfte ich auswählen, was ich zu Mittag essen wollte. Und bekam Schmankerl wie z.B. Wiener Würste, ein bei uns seltener Luxus.

Und am Nachmittag wurde ich mit einer wunderbaren Marzipan-Kartoffel vom Konditor Dichtl verwöhnt. Das war damals noch eine kleine Konditorei in der Rosenaustr. Mittlerweile ist „der Dichtl“ eine Art von Konditorei-Konzern, der in Augsburg eine Reihe von Filialen hat. In denen die Marzipan-Kartoffel immer noch einzigartig schmeckt.

Auch sonst war es schön, krank zu sein. Sogar meine fünf Jahre jüngere Schwester war sehr lieb zu mir, weil sie mit dem kranken großen Bruder Mitleid hatte.

Meine kleine Schwester und ich bei der Brotzeit vor der Waschküche des Wohnhauses in der Rosenaustr. 18 (im Sommer). Da war ich selten krank.

Abends hat mein Vater – wenn er vom Eisenbahneralltag zurück kam – mich am „Krankenbett“ sehr freundlich aufgesucht. Und mich gefragt wie es mir denn ginge – und dann getröstet.

Krank sein war also sehr schön, denn alle waren nett zu mir – ich habe es genossen und im tristen Winter gefördert. Und das hat ganz gut geklappt.

Im Frühsommer 1960 kam dann der Tag der Abrechnung. Der Operationsteam rutschte im Kalender immer näher. Da habe ich mir überlegt, ob ich mich „oute“. Also ob ich gestehen sollte, dass meine Kränklichkeit von mir unterstützt und gespielt wurde. Um die Operation zu vermeiden.

Ich habe darauf verzichtet. Vor allem, weil mir klar war, dass es nichts helfen würde. Denn schon damals war es so, dass Pläne, wenn sie mal gefasst wurden, in aller Grausamkeit umgesetzt worden sind. Auch wenn sie noch so sinnlos waren. So wie heute. Andererseits wollte ich nicht als Betrüber dastehen. So habe ich mich tapfer geopfert.


 
Die Folgen der Operation waren für mich alles andere als erfreulich. Seit 1960 habe ich jeden Winter permanent Halsschmerzen. Trotzdem war ich dann nur noch selten krank. Weil ich nicht mehr krank sein wollte. Das Kranksein brachte mir keine Vorteile mehr. Im Gymnasium war die Schule nicht mehr so grausam, im Gegenteil – es war so ein wenig ein Hort der Freiheit.

Und spätestens wie ich „werktätig“ wurde, bin ich dann auch im Winter mit den „normal gewordenen“ Halsschmerzen und üblen Erkältungsbeschwerden immer in die Arbeit gegangen. Sei es zu Siemens, Softlab oder in die InterFace. Auch wenn es mir dann schlechter ging als in meiner Kindheit. Haben doch Aufgaben und Menschen auf mich gewartet. Und das war wichtiger.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 18. Oktober 2018

Erinnerungen aus der Kindheit – Verschwendung, Leitungswasser.

Vielleicht denkt man – wenn man älter wird – ein wenig mehr darüber nach, wie das alles war – wie man klein war?

Imbiss mit Schwester auf dem (Hinter-)Hof unserer Wohnung in der Rosenaustr. 18 in Augsburg (auf der Rückseite vom Hbf).

Ich war eines von zwei Kindern einer bürgerlichen Famlie. Mein Vater war Beamter bei der Bundesbahn, meine Mutter Lehrerin, die aber aufgrund der Kinder nicht mehr gearbeitet hatte. Mit meiner 5 Jahre jüngeren Schwester treffe ich mich heute immer noch gerne.

Das meiste aus meiner Kindheit habe ich vergessen, aber ein paar Erinnerungen haben mich mein Leben lang begleitet. Und sind heute noch sehr lebendig.

Bei einer dieser Erinnerungen geht es ums Hände waschen. Und um den Umgang mit Wasser.

Unsere Eltern haben viel Wert auf Sauberkeit gelegt. So sollten wir möglichst häufig unsere Hände waschen. Das ging so: Wasserhahn auf, Hände nass machen, einseifen, gründlich reiben, abspülen, wieder einseifen, gründlich reiben, das solange wie nötig und dann Wasserhahn wieder zu machen.

An den Wochenenden waren wir häufig in Thannhausen (Schwaben) und haben uns mit den Großeltern mütterlichseits und den Familien der Schwestern meiner Mutter getroffen. Da waren wir viel im Freien. Und ich kam oft recht schmutzig in die großelterliche Wohnung zurück. Also hieß es wieder „Hände waschen“.

Gesagt getan. Einmal kam mein Großvater dazu wie ich mir die Hände wusch. Und hat mich getadelt, weil ich das Wasser – wie von zu Hause gewöhnt – die ganze Zeit rauschen ließ. Er hat mir erklärt, wie wertvoll Wasser fürs Leben wäre und dass man es nie umsonst laufen lassen dürfe.

Ich habe ihm sofort Recht gegeben und glaube, dass dieses kurze Erlebnis mich ganz wesentlich geprägt hat. Und wenn ich heute sehe, wie im Schwimmbad erwachsene Männer die Dusche öffnen und dann im Vorraum ratschen, finde ich das nicht so toll.

Auch wenn ich an Thannhausen, Augsburg und die Zeit damals denke, dann fällt mir noch einiges ein, das ich nicht so toll finde.

RMD