Ein Reisebericht der anderen Art (8).

Sein gestern bin ich wieder in München. Und wieder im Alltag angekommen. Aber ich habe noch so viele schöne Erinnerungen von unserer Reise im Zarengold-Express im Kopf, die ich zumindest zum Teil aufschreiben möchte. Anschließend will ich noch von der Fortsetzung unserer Fahrt im chinesischen Zug berichten und von kleinen aber für mich wichtigen Erlebnissen in China.

Nach Ankunft in Peking hatten wir noch zwei Tage im chinesischen Alltag, die ich intensiv genossen habe. Ein echtes Kontrastprogramm zur sibirischen und mongolischen Welt. Und dann – nach drei Nächten in Peking – hat uns unser gastgebender Sohn noch für vier Tage nach Sanya entführt. Da war wieder alles anders, und auch da gibt es einiges aufzuschreiben. Letzten Freitag war Schluß und der A380-Riese hat uns angenehm und wohlbehalten von Peking nach München gebracht.

Aber jetzt geht es erst noch mal nach Sirbirien.

Wieder ein Denkmal mit Guide in Irkutsk.

Irkutsk war einer der Höhepunkte unserer Reise. Dort hatten wir ein besonders ausführliches Programm und haben eine Nacht im Hotel Irkutsk geschlafen. Während dessen der Zug schon mal voraus zum Baikal-See fuhr.

Irkutsk liegt an der Angara, dem einzigen Abfluss des Baikal-See. Dieser See ist ein Superlativ – was Größe und Wasserreichtum angeht. Deswegen wird er von den Einheimischen auch nur als das Meer bezeichnet. Es lohnt sich, den Link zum See nachzulesen.

Neben den obligatorischen Stadtführungen und einer Anfahrt zu einem beliebtem Aussichtspunkt an der Angara hatten wir ein besonderes Erlebnisse. Es war ein Ausflug aufs Land an die Angara, diesmal in Richtung Baikalsee. Dieser wurde mit einem Abendessen bei einer „sibirischen Familie“ verbunden.

Das offizielle Programm für Irkutsk.

Nach einem Wald- und Uferspaziergang wurden wir in eine Art Datscha eingeladen. Die Einladung galt nur für unsere „Gruppe BLAU„, die anderen Gruppen wurden an diesem Abend anders unterhalten.

Zuerst sollten wir ein typisch sibirisches Mahl – von ganz privat gekocht – vorgesetzt bekommen. Anschließend durften wir unseren Gastgebern beliebig Fragen stellen.

Zum Mahl kann ich nicht mehr sagen, als dass es wohlschmeckend war und sehr authentisch geschmeckt hat.  Die Fragestunde wurde dann  spannend. Die Familie hat sehr ehrlich geantwortet. Eigentlich lebt sie in Ikurtsk, wo auch die Kinder zur Schule gingen. Nur im Sommer weichen sie ab und zu in ihre Datscha aus. Und mit solchen Bewirtungsaktionen wie der unseren würden sie halt ein wenig Geld dazu verdienen, um sich die Datscha leisten zu können.

So schön ist es am Baikal-See.

Die Datscha stand übrigens nicht in der ersten Reihe und war eher bescheiden. Die Häuser in der ersten Reihe am breiten Fluß der Angara mit den schönen Blicken sahen so richtig nach (sehr) reich und (sehr) schön aus. Die haben sicher auch keine zahlenden Gäste eingeladen.

Da es am Abend noch früh war, hat uns der Bus vor dem Bierhaus abgesetzt. Das war ein dem Hofbräuhaus nachempfundener Bierkeller – zentral in Irkutsk gelegen. Dort machten wir einen großen Bogen um das bayerische Importbier und tranken natürlich das lokale Hopfengebräu aus Irkutsk, das im übrigen köstlich schmeckte.

Der Bierkeller war wieder eine andere und sehr westliche Welt von Russland. Da wurden pausenlos heiße Musikvideos an die Wände geworfen, die ein Musiker mit Schlapphut mit seinem Altsaxophon musikalisch aufpeppte. Und im Lokal waren viele aufgebrezelte Russinen, die nicht unbedingt nur auf der Suche nach Bier waren.

Gekrönt wurde der Abend von einem romantischem Spaziergang bei zunehmendem Sichelmond an der einzigartigen Uferpromade der Angara in Irkurtsk zurück ins Hotel.

Am nächsten Morgen ging es dann mit dem Bus weiter an den Baikalsee zu einer Besichtigung eines Fischer- und Urlaubsdorfes. Auf dem Weg zum See (zirka 70 km) wurde es immer kälter.

Hatten wir am Abend davor noch in Irkutsk eine traumhaft warme Sommernacht, wurde es am See richtig eisig. Der See ist von Dezember bis Mai zugefroren und kühlt die Gegend im Sommer beträchtlich ab. Wie es jedes Jahr in Irkutsk ein paar Wochen hat, wo die Temperatur sich bei Minus 40 Grand einpendelt. Unser guide hat dazu nur gesagt: Das muss man halt überleben, dann wird es wieder besser. Und im Winter ist es am See wärmer.

Auf dem Fischmarkt dort haben wir uns einen geräucherten Fisch als Proviant für die anstehende Schiffsfahrt auf dem Baikal-See erworben. Dann ging es aufs Schiff, es fuhr über den Ausfluß der Angara auf die andere Seite des Baikalsees. Und der Fisch hat prächtig geschmeckt.

Nach einer kleinen Schiffstour auf dem Baikalsee ging es nach Port Baikal, wo unserer Zug im Bahnhof erwartete, um uns auf einer alten Teilstrecke der  sibirischen Trasse nach Ulan Ude zu bringen.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 20. Juni 2019

Von Moskau nach Peking mit der Bahn! #7 Leben im Zug.

Ein Reisebericht der anderen Art (7).

Unser zu Hause auf Schienen.

In dieser Folge berichte ich von unserem Leben im Schlafwagen. Dass das Leben im Zug nicht ganz einfach ist, war mir vor Reiseantritt bewusst.

Wenn ich auf diese  Art und Weise zu reisen die Nacht auf den Strecken von München nach Amsterdam, Berlin, Budapest, Dortmund, Rom, Stralsund oder Venedig oder irgendwo anders in der Welt verbracht habe, dann war das ein Abenteuer. Mehrere solche Strecken am Stück werden aber durchaus zur Anstrengung.

Schlafen.

Wir haben insgesamt 11 Nächte im Schlafwagen verbracht, unterbrochen von zwei Übernachtungen „auswärts“, eine davon im Hotel in Irkutsk, die andere in einer Jurte in der „mongolischen“ Schweiz in der Nähe von Ulaan Baatar. Das ist dann schon ein Abenteuer und eine heftige Anstrengung.

Die russischen Schienen sind nicht leiser als die deutschen. So machen die Schlafwagen auch hier ganz schön Lärm. Es sind die üblichen Störungen wie unregelmäßiges Schütteln, plötzliche Schläge, laute Durchsagen auf Bahnhöfen und ähnliches, die dem Reisenden einen Teil seines Schlafes rauben.

Da auch unsere beiden „Einzelbetten“ im Schlafwagen schmal sind schläft man in der Nacht nicht so richtig gut. Aufgrund des strengen Zeitplan findet man auch tagsüber nie so richtig Zeit zum Relaxen und Chillen. So sammelten wir ein Schlafdefizit auf, welches täglich ein wenig größer wurde und das wir in den beiden Übernachtungen „an Land“ nicht ausgleichen konnten.

Erschwerend kam die Zeitverschiebung dazu. Im Sommer beträgt der Zeitunterschied zwischen München und China 6 Stunden. Das heißt, wenn es in Deutschland Mitternacht schlägt, haben wir hier 6 Uhr am Morgen.

Die erste  Stunde „arbeiteten“ wir schon auf der Anreise nach Moskau ab. So blieben 5 Stunden übrig, für die wir die Uhr im Zug zweimal je 2 Stunden und einmal eine Stunde vorstellen mussten. Dies erhöhte das Schlafdefizit weiter. Ich neige dazu, zu empfehlen die Reise in die andere Richtung zu übernehmen. Dann bekommt man 5 Stunden in die richtige Richtung geschenkt. Oder man muss – wie wir – auf jeden in China einen Erholungsurlaub nach Ankunft planen.

Speisen.

Der Speisewagen sieht schön aus, ist aber ein wenig eng.

Es gab drei Mahlzeiten im Zug, Frühstück, Mittag- und Abendessen. Das Glück war, dass alle drei Mahlzeiten in einer Schicht eingenommen werden konnten. So waren alle Plätze in den vier Speisewagen immer besetzt.

Das Frühstück bestand aus einem reichhaltigen Buffet. Dazu gab es jeden Morgen warmen russischen Haferbrei und jeden Tag ein anderes Extra. Das waren beispielsweise Spiegeleier, Würstchen, Omeletts – jeden Tag etwas anderes. Haferbrei wie das Extra wurden am Tisch serviert.

Mittag- und Abendessen waren sich ähnlich. Es waren immer mindestens 4 Gänge. Ein frischer Salat war immer dabei, oft dazu eine Suppe, ein Hauptgericht mit Fisch oder Fleisch und ein Dessert. Ab und zu gab es auch Extras wie den Kaviar bei der Edelfischplatte oder auch nur Wodka.

Jeder Speisewagen hatte drei Bedienungen. So war der Service im war immer akkurat und zuvorkommend. Zu jeder Mahlzeit gab es Tee, Kaffee und Wasser. Die Preise für die sonstigen Getränke waren zivil. So kostete eine Flasche lokalen Weins 15 €, das große Bier 2,50 € und der Krimsekt sogar nur 12 €.

Unterhaltung.

Alle Kabinen verfügten über ein „Bordradio“. Über dieses kamen interessante und unterhaltsame Vorträge des Gesamt-Reiseleiters, die sich meistens mit den nächsten Reisezielen beschäftigten. Das ganze in den drei Sprachen deutsch, englisch und französisch. Weitere gab es unterhaltsame Treffen im Speisewagen wie die Einladung zur Zarentafel oder zum Wodka-Tasting. Immer mit spannenden Geschichten von Valeri zur russischen Kultur.

Ein besonderes Highlight war ein Abend-Picknick mit Party direkt am Zug – am Ufer des Baikal-Sees.

Zusammenleben.

Der Zarengold-Express ist ein Zug der offenen Türen. Dies, obwohl der ganze Zug für alle Passagiere zugänglich ist. Das heißt, auch die Wagen der teuren Klassen konnten von den Passagieren aus den preiswerten Klassen betreten und besichtigt werden.

Die Abteile konnte man nur von innen verriegeln – um nächtliche Störungen zu vermeiden. Von außen war kein Abteil absperrbar. Mir hat diese Form der Vertrauenskultur gut gefallen. Wenn man zum Essen ging, ließ man das Abteil offen und konnte sicher sein, dass man es beim Zurückkommen im aufgeräumten Zustand vorgefunden hat. Dafür hat dann immer eine der beiden Schaffnerinnen je Wagen gesorgt.

Kommunikation.

Für mich als Bürger der BRD und häufiger Nutzer der Deutschen Bahn (DB) war das eine große Überraschung: Zwar hatten die alten Wagen des Zarengold-Expresses kein WLAN an Board. Die Barbara hatte sich aber noch am Flughafen in Moskau eine SIM-Karte für die russische Föderation (Flatrate für zwei Wochen zu 20 €) gekauft. Ich war zugegebener Weise skeptisch, ob das viel bringen würde. Aber ich sollte eines Besseren belehrt werden.

Wir hatten dann die ganze Strecke auf der transibirischen Route und weiter bis zur Mongolei (fast 5.000 km) eine relativ gute Verbindung ins Internet. Über „thethering“ (WLAN-Hotsspot realisiert durch Barbaras Mobiltelefon) profitierte ich auch davon. Vor lauter Sightseeing, Essen und aus dem Fenster raus schauen, habe ich das aber gar nicht nutzen können.

Die gute Netzversorgung hätte ich nicht erwartet, benutze ich in Deutschland doch häufig die Bahnstrecken von München nach Innsbruck/Rosenheim, Lindau, Nürnberg und Stuttgart. Oder auch nur die S-Bahn zum Flughafen. Allesamt kurze Strecken in bevölkerungsreichen Gebieten. Auf denen Du dann einen wesentlichen Teil der Strecke ohne jede Verbindung bist.

Im dünn besiedelten Sibirien habe ich auf der Transib über Tausende von Kilometern ein relativ gutes Netz. Für mich erstaunlich bis sensationell. Da sehen wir wieder, wie sehr wir in Deutschland technologisch den Anschluss an die Welt verloren haben. Später bei unserer Ankunft in China sollten wir das dann so richtig erleben.

Allgemein

Im Zug zu reisen mag anstrengend sein. Sibirien ist aber am besten mit dem Zug zu entdecken. So wie man die Südsee-Inseln oder die Karibik am besten mit dem Schiff kennen lernen kann.

Alleine schon die vielen meditativen Blicke aus dem Fenster sich ein toller Ausgleich für die Unbequemlichkeiten.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 19. Juni 2019

Von Moskau nach Peking mit der Bahn! #6 Kirchen.

Ein Reisebericht der anderen Art (6).

Bei jeder Führung durch eine russische Stadt war mindestens eine Kirche dabei. Es galt: Keine Führung ohne mindestens eine Kirche. Im ersten Teil der Reise waren das nur orthodoxe Kirchen.

In Moskau ging es los.

Je weiter wir nach nach Osten und dann in Richtung Mongolei kamen, desto mehr hat sich das geändert. Uns wurden neben orthodoxen Kirchen auch Moscheen, Synagogen und hinduistische Tempel gezeigt. Einmal war auch eine katholische Kirche dabei, die aber nur noch für Orgelkonzerte genutzt wurde.

Die Guides betonten dann immer, wie friedlich in ihrer Stadt die verschiedenen Religionsgruppen zusammen leben würden – und dass sogar Forschungsgruppen daran arbeiten würden, herauszukriegen, wie das denn hier möglich wäre.

Obwohl ich mich in Kirchen immer ein wenig beklommen fühle, bin ich brav in alle Kirchen rein gegangen. In den russischen Kirchen musste ich mein Haching-Käppi abnehmen und die Barbara ihr Haupt verhüllen. Ist ja auch komisch: Die eine Sorte Mensch, muss sich verhüllen, um Ehrerbietung zu zeigen und die andere Sorte darf den Kopf nicht bedecken, auch um Ehrerbietung zu zeigen. Welcher Sinn steckt da wieder dahinter?

Und natürlich besuchen wir auch in Irkurtsk und Ulan Ude eine Kirche?

In den russischen orthodoxen Kirchen  bekam ein noch  komischeres Gefühl als sonst beim Betreten eines „Gotteshauses“:
Es erschien mir alles so unwirklich und unecht, nichts war irgendwie authentisch.

Die Ursache dafür wurde mir dann auch gleich erklärt. Alle diese Kirchen waren neu gebaut und künstlich auf alt gemacht. Sie waren nur moderne Kopien der ursprünglichen Gebäude. So kam ich mir vor wie in einer religiösen Walt-Disney-Welt. Das macht dann auch den letzten Rest von Ehrfurcht kaputt.

Die Erklärung ist einfach: In der Stalin-Zeit – so um 1920 – wurden fast alle Kirchen in Russland von den damaligen Machthabern gesprengt und dem Boden gleich gemacht. In den Jahren nach der Perestroika wurden sie wieder aufgebaut. Und dafür vieles andere zerstört. Das alles haben wir so „en passant“ auf unserer Russlandreise aufgenommen.

So sahen wir lauter neu gebaute aber auf alt gemachte Kirchen. Sozusagen ein gigantischer und russland-weiter „fake“. Nebenher erfuhren wir auch, dass selbst heute noch in Russland pro Tag drei neue Kirchen fertiggestellt und eingeweiht werden würden.

Unser „local guide“ mit blauen Fähnchen vor einem Zar.

Auf jeder Stadtführung sahen wir auch Statuen alles Größe. Für geschichtliche Ereignisse, an die Erinnerung „großer Personen“, geographische Marken oder auch nur für Werte. Hier gab es sowohl alte wie moderne. Merke: Russland ist das Land der Kirchen und Denkmäler.

So richtig begründen konnte keiner der Guides den Wiederaufbau wie auch nicht die russische Liebhaberei für Statuen. Es ist nicht so, dass die Russen wieder zu alter Gläubigkeit  gefunden hätten. Nur einmal habe ich in einer der besuchten Kirchen Gläubige beim Gebet sehen. Das war ein kleiner Chor bestehend aus alten Frauen und sah mir mehr als Brauchtum-Pflege denn als Gottesdienst aus.

Vielleicht ist die Welle des Wiederaufbaus als ein ganz normaler historischer „rebound“ auf die Zerstörungen Stalins zu sehen. Und wie die vielen Denkmäler ein (sinnloser?) Versuch, eine alte Tradition wieder auf erstehen lassen. So scheinen in Russland auch die Zaren wieder hoch im Kurs zu stehen. Und der eine oder andere hat auch vom „Zar Putin“ gesprochen.

Bei uns weiß ja auch keiner, warum das Berliner Schloss wieder aufgebaut und der Palast der Republik abgerissen werden musste.  Aber zumindest gibt es keine neue Verehrung von Fritz dem Großen und den anderen deutschen Kaisern.

Löst der russische Doppeladler den roten Stern wieder ab?

Pendel schlägt halt immer hin her, vielleicht sind das die russischen Kirchen wie das alte Preußen-Schloss nur typisch europäische Versuche, rückwärtsgewandt zerstörte Identitäten zu rekonstruieren um sich so vor den Herausforderungen der Zukunft drücken zu können. Da würden auch die Denkmäler gut passen. Nach dem Motto: Lasst uns Denkmäler und Kirchen bauen, um die Zukunft zu ignorieren,

In Jekaterinburg – die Stadt haben wir „kurz“ hinter Moskau auch besucht – gibt es Probleme mit dem geplanten Wiederaufbau einer großen Kirche, die auch um 1920 von Stalin zerstört wurde. Das Problem ist, dass auf dem Gelände der gesprengten Kirche jetzt ein viel benutzter öffentlicher Park entstanden ist, der dem geplanten Neubau der protzigen und voluminösen Kirche geopfert werden müsste.

An der Grenze zwischen Europa und Asien (Nähe Jekatrinenburg).

Für den Bau sind angeblich die Regierung und russische Oligarchen, die den Bau finanziell unterstützen und sich damit ein Denkmal setzen wollen. Und dagegen ist die Bevölkerung, die den Park nutzt und massiv gegen den Neubau protestiert. Ich bin mal gespannt, wie das ausgehen wird.

Mich beeindruckt hat, dass mir diese Entwicklung in Russland gar nicht so bekannt war. Ich wusste nichts vom gigantischen russischen Wiederaufbauprogramm von Kirchen und auch nicht, dass es in Russland ein neues Gesetz gibt, das Menschen in relevanten Ämtern untersagt, die Existenz Gottes zu leugnen. Mit der Begründung, dass sie dann religiöse Gefühle verletzen würden.

Meine ich doch, dass es zumindest nicht schadet, wenn man religiösen Wahnvorstellungen auch öffentlich entgegentritt.  Ganz gleich ob sie sich um die „klassischen“ mono-theologischen Religionen Judentum, Christentum oder Islam, Formen von Schamanismus (die auch in Russland wieder stark im Kommen sind)  oder „moderne Strömungen“ wie die Kirche der Vernunft oder des Atheismus handelt. Wegen mir soll gerne ein jeder glauben was er will. Nur spätestens wenn der Glaube zur Bedrohung wird, sollte man ihn mal kritisch prüfen.

Glaube ich persönlich bei der Gottesfrage doch schon lange an die Religion des „ich weiß es nicht„. Für diesen meinen Glauben bin ich keinesfalls bereit zu sterben. Und will auch niemanden dazu bekehren. Nur: Für mich persönlich ist das Universum und was es sonst noch so geben mag halt ein paar Nummern zu groß, um es zu verstehen. Warum soll ich mir irgendetwas anderes einreden oder einreden lassen?

RMD

P.S.
Wenn ich zurück in Deutschland bin, werde ich ein Video vom SRF (Schweizer Rundfunk) nachreichen. Man findet es, wenn man „filosofix“ und „Teekanne“ sucht („googelt“). Noch bin ich in China und komme da mit den mir zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln nicht ran. Aber das Video macht in wenigen Minuten ziemlich klar, was es mit dem Glauben so auf sich hat. Und das auch noch äußerst unterhaltsam.

Roland Dürre
Freitag, der 14. Juni 2019

Von Moskau nach Peking mit der Bahn #1 Einleitung.

Ein Reisebericht der anderen Art (1).

Wir haben es geschafft. Gestern sind wir in Peking angekommen! Nach fast 8.000 Kilometern im Zug!

Um es gleich zu sagen – ich bin sehr froh, dass wir diese Reise gemacht haben. Sie war anstrengend schön oder schön anstrengend, ganz wie Ihr wollt. Wir hatten ein großartiges Erlebnis mit vielen tollen Eindrücken und Anregungen.

Ich werde hier davon berichten. Aber nicht in Form eines traditionellen Reiseberichts mit einer chronologischen Aufzählung und Beschreibung von Fahrten und Orten. Hans-Peter Kühn hat schon 2009 hier in IF-Blog von der gleichen Reise – nur noch weiter über Peking nach Tibet mit Rückflug von Shanghai – berichtet. Seine Artikel-Serie ist immer noch aktuell, soviel hat sich in den letzten zehn Jahren nicht geändert.

In meinen nächsten Artikeln zu unseren Reisen werde ich meine persönlichen Erfahrungen und Gedanken wieder geben. Es wird nicht um Wissen und Fakten gehen, die findet man besser in Wikipedia oder anderen Seiten im Internet. Sondern um von mir Erlebtes und Gefühltes.

Der Zarengold-Express beim Stop am Baikal-See.

Zur Reise selber:
Schon lange hatten wir die Absicht, Sibirien mal mit der Eisenbahn zu durchqueren. Einer unserer Söhne Maximilian lebt seit mehreren Jahren in Asien, die letzten Jahre in Peking. Wir besuchen ihn und seine Familie immer wieder gerne. Da er bald nach Europa zurückzukommen zurück kommen wird, haben wir die Gelegenheit genutzt, ihn noch mal mit der Eisenbahn zu besuchen.

Ich war selber noch nie im „neuen Russland“ und wollte das Land und seine Menschen erleben. Deshalb haben wir eine „Bildungsreise“ bei „Lernidee“ gebucht und sind am Sonntag, den 2. Juni am Abend in Moskau in den Sonderzug nach Peking eingestiegen. Gestern (Donnerstag, den 13. Juni) um 14:30 war Ankunft in Peking.

Von den 11 Nächten auf dieser Reise haben wir acht Nächte im „russischen“ Sonderzug verbracht, eine Nacht in Irkurts in einem Hotel, eine Nacht in der „sibirischen Schweiz“ in der Nähe von Ulaan Baatar in einer Jurte und eine Nacht im chinesischen Sonderzug, der uns an der mongolisch-chinesischen Grenze „aufgepickt“ und nach Peking gebracht hat.

Für uns als am liebsten individuell Reisende war das etwas Neues: Jeder Tag war voll gepackt mit Ausflügen, die zusammen so eine Art von Bildungsprogramm dar stellten. Wir wurden in Gruppen eingeteilt und waren andauernd beschäftigt.

Die Mühe hat sich gelohnt, Land und Menschen wurden uns sehr nahe gebracht. Das lag besonders am Valeri, unserem ausgezeichneten „Guide“, der uns fast die ganze Reise begleitete. Mit jedem Tag erfuhren wir mehr und mehr, was für ein großartiger Mensch, kluger Philosoph wie auch glänzender Organisator er ist.

Mein Kopf und mein Herz sind voller Erinnerungen. Ein paar der wichtigsten Eindrücke werde ich jetzt in IF-Blog in loser Reihenfolge veröffentlichen – wie alle meine Artikel vor allem als persönliche Notizen für mich.

Hier habe ich den Zug bei unserem Stop am Baikal-See von hinten aus einem Tunnel fotografiert.

Die Fahrt ist jetzt vorbei, mein Kopf wie mein Herz sind voll. Der Gedanken-Topf quillt schier über. Jetzt sammel und verarbeite ich erst Mal die vielen Eindrücke.

Zwei Nächte bleiben wir noch in Peking. Dann gibt es ein paar Tage Urlaub, am 22. Juni bin ich wieder im deutschen Alltag

Sobald ich die nächsten Tage Zeit und Muße finde, werde ich ein paar Gedanken und Erfahrungen aus den letzten zwei Wochen hier ablegen.

Mit besten Grüßen aus Peking!

RMD

Roland Dürre
Montag, der 14. Januar 2019

Kranksein ist schön!

Ab und zu lese ich in IF-Blog.de meine eigenen Geschichten wieder. Das ist ja auch mein Sinn vom IF-Blog – das Schreiben für mich. So habe ich mir vor kurzem mal wieder die Geschichte aus meiner Kindheit durchgelesen:
Wie ich meine Mandeln verloren habe
.

Und dann stelle ich fest, dass ich im Kern alles so berichtet habe, wie ich es in Erinnerung habe. Aber in einem wichtigen Punkt habe ich gemogelt und wesentliche Teile der „Wahrheit“ verschwiegen. Heute schreibe ich die ganze Wahrheit dazu.


 

Der Start zu vier schlimmen Jahren in der „Volksschule“.

Meine Eltern hatten ja beschlossen, dass zum Wechsel ins Gymnasium meine schlechte Gesundheit durch eine medizinische Maßnahme – eben durch die Entfernung meiner Mandeln – stabilisiert werden sollte. Denn in der Volksschule war ich wirklich oft krank.

Und ich war gerne krank. Und habe die Krankheit – sprich die Erkältung und den Schnupfen – förmlich gesucht. Die Gründe waren einfach.

Ich habe die Schule am Wittelsbacher Park gehasst. Das hatte eine Reihe von Ursachen.

In den normalen Fächern wie Deutsch und Rechnen habe ich mich gelangweilt. Langweilen ist grausam.

Weiter hat unser Lehrer seine Schüler auch gerne mal körperlich (und vorbeugend!) gezüchtigt. Da gab es schon mal Schläge für alle mit dem schwarzem Kantholz auf die Finger. Ohne Grund. Der Lehrer wollte uns einfach klar machen, was wir bei schlechtem Benehmen zu erwarten hätten. Das war zumindest seine Erklärung – auf eine andere Art und Weise grausamer als die Langweile.

Heute würde ich sagen, dass unser Lehrer einfach ein kranker Sadist war. In Musik hat er mir meine Unfähigkeit bewusst gemacht und im Turnunterricht wurde ich von ihm kommandiert wie ein Hund. Da war totale Unterwerfung angesagt – wie beim Militär.

Der Weg dorthin war eine Qual.

Das schlimmste Fach von allen war für mich der Religionsunterricht. Da präsentierte der Pfarrer auf sadistische Art und Weise einen Gott, den ich als bösartige Kreatur erlebte und der seinen Sohn auf unvorstellbare Art und Weise quälte. Dazu mussten wir Schwarzweiß-Bilder  vom Leidensweg zum Kreuz in ein Heft einkleben. Ich hatte immer Lust, das viele Blut auf den Bildern mit einem roten Stift einzufärben, das habe ich mich aber nicht getraut.

Aber auch der Schulweg war im Winter unerfreulich. Im Sommer hatte ich die Freude des Schulwegs durch den grünen Wittelsbacher Park in Augsburg. Die Vögel zwitscherten und die Sonne leuchtete mir ins Herz.

Im Winter dagegen war alles tot und düster. Das beste war noch, wenn sich das Winter-Elend unter dem weißen Leichentuch des Schnees versteckte.

Dann aber waren schon zur Hälfte des Weges die Schuhe patschnass vom Schnee und die Füsse – wie die Hände – eiskalt. Am Mittag zum Nachhauseweg waren die Schuhe immer noch nass – wie auch meistens noch am nächsten Morgen. Da es aber die einzigen wintertauglichen Schuhe waren, die ich hatte, musste ich sie halt immer wieder morgens für den Weg zur Schule schnüren. Jeden Tag ein wenig nässer.

Im Winter hatte ich keinen Anreiz, gesund zu bleiben. Denn die Fussballwiese, auf der wir uns im Sommer täglich und stundenlang zum Fußball trafen, war zugeschneit oder matschig – und immer leer. Auf dem Hof wurde auch nicht Völkerball gespielt. Irgendwie gab es nicht viele Gründe, heraus aus dem Haus zu gehen.

Der Berg beim Rosenaustadion dagegen war bei Schnee belebt. Nur erschien mir Schlitten- wie Schifahren so etwas von sinnlos. Man rutschte den Berg runter, nur um dann den Schlitten wieder hochzuziehen. Für Sisyphos-Arbeit war ich noch nie zu haben.

Insofern hatte ich im Winter so gar keine Motivation, gesund zu bleiben. Krank sein dagegen war sehr schön.

Denn wenn ich krank war, musste ich nicht zur Schule. Ich durfte im Bett bleiben und mich in meine Bücher versenken. Meine Mutter hat mich verwöhnt. So durfte ich auswählen, was ich zu Mittag essen wollte. Und bekam Schmankerl wie z.B. Wiener Würste, ein bei uns seltener Luxus.

Und am Nachmittag wurde ich mit einer wunderbaren Marzipan-Kartoffel vom Konditor Dichtl verwöhnt. Das war damals noch eine kleine Konditorei in der Rosenaustr. Mittlerweile ist „der Dichtl“ eine Art von Konditorei-Konzern, der in Augsburg eine Reihe von Filialen hat. In denen die Marzipan-Kartoffel immer noch einzigartig schmeckt.

Auch sonst war es schön, krank zu sein. Sogar meine fünf Jahre jüngere Schwester war sehr lieb zu mir, weil sie mit dem kranken großen Bruder Mitleid hatte.

Meine kleine Schwester und ich bei der Brotzeit vor der Waschküche des Wohnhauses in der Rosenaustr. 18 (im Sommer). Da war ich selten krank.

Abends hat mein Vater – wenn er vom Eisenbahneralltag zurück kam – mich am „Krankenbett“ sehr freundlich aufgesucht. Und mich gefragt wie es mir denn ginge – und dann getröstet.

Krank sein war also sehr schön, denn alle waren nett zu mir – ich habe es genossen und im tristen Winter gefördert. Und das hat ganz gut geklappt.

Im Frühsommer 1960 kam dann der Tag der Abrechnung. Der Operationstermin rutschte im Kalender immer näher. Da habe ich mir überlegt, ob ich mich „oute“. Also ob ich gestehen sollte, dass meine Kränklichkeit von mir unterstützt und gespielt wurde. Um die Operation zu vermeiden.

Ich habe darauf verzichtet. Vor allem, weil mir klar war, dass es nichts helfen würde. Denn schon damals war es so, dass Pläne, wenn sie mal gefasst wurden, in aller Grausamkeit umgesetzt worden sind. Auch wenn sie noch so sinnlos waren. So wie heute. Auch wollte ich nicht im Nachhinein als Betrüger dastehen. So habe ich mich tapfer geopfert.


Die Folgen der Operation waren für mich alles andere als erfreulich. Seit 1960 habe ich jeden Winter permanent Halsschmerzen. Trotzdem war ich später nur noch selten krank. Weil ich nicht mehr krank sein wollte. Das Kranksein brachte mir keine Vorteile mehr. Im Gymnasium war die Schule nicht mehr so grausam, im Gegenteil – es war ein wenig ein Hort der Freiheit.

Und spätestens wie ich „werktätig“ wurde, bin ich dann auch im Winter mit den „normal gewordenen“ Halsschmerzen und üblen Erkältungsbeschwerden immer in die Arbeit gegangen. Sei es zu Siemens, Softlab oder in die InterFace. Auch wenn es mir schlechter ging als in meiner Kindheit. Haben doch Aufgaben und Menschen auf mich gewartet. Und das war wichtiger.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 18. Oktober 2018

Erinnerungen aus der Kindheit – Verschwendung, Leitungswasser.

Vielleicht denkt man – wenn man älter wird – ein wenig mehr darüber nach, wie das alles war – wie man klein war?

Imbiss mit Schwester auf dem (Hinter-)Hof unserer Wohnung in der Rosenaustr. 18 in Augsburg (auf der Rückseite vom Hbf).

Ich war eines von zwei Kindern einer bürgerlichen Famlie. Mein Vater war Beamter bei der Bundesbahn, meine Mutter Lehrerin, die aber aufgrund der Kinder nicht mehr gearbeitet hatte. Mit meiner 5 Jahre jüngeren Schwester treffe ich mich heute immer noch gerne.

Das meiste aus meiner Kindheit habe ich vergessen, aber ein paar Erinnerungen haben mich mein Leben lang begleitet. Und sind heute noch sehr lebendig.

Bei einer dieser Erinnerungen geht es ums Hände waschen. Und um den Umgang mit Wasser.

Unsere Eltern haben viel Wert auf Sauberkeit gelegt. So sollten wir möglichst häufig unsere Hände waschen. Das ging so: Wasserhahn auf, Hände nass machen, einseifen, gründlich reiben, abspülen, wieder einseifen, gründlich reiben, das solange wie nötig und dann Wasserhahn wieder zu machen.

An den Wochenenden waren wir häufig in Thannhausen (Schwaben) und haben uns mit den Großeltern mütterlichseits und den Familien der Schwestern meiner Mutter getroffen. Da waren wir viel im Freien. Und ich kam oft recht schmutzig in die großelterliche Wohnung zurück. Also hieß es wieder „Hände waschen“.

Gesagt getan. Einmal kam mein Großvater dazu wie ich mir die Hände wusch. Und hat mich getadelt, weil ich das Wasser – wie von zu Hause gewöhnt – die ganze Zeit rauschen ließ. Er hat mir erklärt, wie wertvoll Wasser fürs Leben wäre und dass man es nie umsonst laufen lassen dürfe.

Ich habe ihm sofort Recht gegeben und glaube, dass dieses kurze Erlebnis mich ganz wesentlich geprägt hat. Und wenn ich heute sehe, wie im Schwimmbad erwachsene Männer die Dusche öffnen und dann im Vorraum ratschen, finde ich das nicht so toll.

Auch wenn ich an Thannhausen, Augsburg und die Zeit damals denke, dann fällt mir noch einiges ein, das ich nicht so toll finde.

RMD