Roland Dürre
Sonntag, der 26. Januar 2020

Geheimnisse, Geheimschutz, DSGVO …

 

Hier ein paar rein fiktive Gedanken. Durch Judy’s Seele (eine fiktive Politikerin).

 

Das was uns Menschen ausmacht?

Stellen Sie sich Judy vor. Als Fiktion. Sie ist ein junges Mädchen. Sagen wir mal, sie ist vier Jahre alt. Sie lebt im letzten Jahrhundert, in den goldenen Sechzigern geboren, wohlbehütet in einer gut bürgerlichen Familie aufgewachsen, dies nicht auf dem Land sondern in einer Großstadt. Die Mutter ist Erzieherin, der Vater ist Beamter. Sie ist blond, hat blaue Augen und ist ein richtig süßes Ding.Ihr Markenzeichen sind zwei immer perfekt geflochtene Zöpfe.

Angezogen ist sie wie eine Puppe. Adrett, sauber und ordentlich. Hunger kennt sie nicht, denn sie ist im Wohlstand des späten Wirtschaftswunderlandes aufgewachsen. Alle sagen, dass sie sehr klug ist und für ihr Alter überdurchschnittlich gut sprechen kann. Und – sie hat sich noch die wunderbare kindliche Weisheit bewahrt, die ihr später von Erwachsenen wie den Eltern und der Schule ausgetrieben werden wird.

Das Mädchen hat einen Großvater. Diesen mag sie sehr. Vielleicht weil er der einzige erwachsene Mensch ist, der ihr keine Vorschriften macht, ihr immer geduldig zu hört, nie an ihr rum mäkelt, sie auch nicht erziehen will und sie nie maßregelt. Er hat sie auch noch nie geschimpft oder auch angeschrien. Und auch nie geschlagen, wie das in in den 60iger Jahren Erwachsene mit Kindern gemacht haben (und es vielleicht heute noch tun). All das kennt sie von den meisten Erwachsenen, ja sogar von den geliebten Eltern. Deswegen ist sie ab und zu traurig. Doch wenn sie beim Großvater ist, dann ist sie glücklich:

„Großvater, ich habe ein großes Geheimnis?“

„Das ist schön, Judy, behalte es gut für Dich!“ antwortet der Großvater.

„Aber Großvater, Dir würde ich es gerne erzählen.“

„Gerne, Judy. Laß hören!“

„Aber Großvater, Du darfst es nicht weiterzählen.“

„Das werde ich auf keinen Fall machen!“

„In meiner Tasche habe ich drei Bonbons! Das darf aber niemand wissen!“

Das ist ein Geheimnis, das ich für absolut schützenswert halte. Und das man nicht verraten darf.

Judy kommt in die Schule. Sie bleibt das brave Mädchen und wird eine Musterschülerin, die von den Lehrern geliebt wird und immer gute Zeugnisse nach Hause bringt. Der Stolz ihrer Eltern.

Ein Dutzend Jahre später: Judy und ihr Großvater treffen sich. Und Judy hat wieder ein Geheimnis:

„Großvater, ich muss Dir was erzählen, ich habe ein Geheimnis!“

„Das ist schön, Judy, behalte es gut für Dich!“
antwortet der Großvater.

„Großvater, Dir würde ich es gerne erzählen.“

„Gerne, Judy. Laß hören!“

„Großvater, Du darfst es nicht weiterzählen.“

„Das werde ich auf keinen Fall machen!“

„Ja! Es gibt einen Jungen, in den bin ich so verliebt.“

Und wieder weiß der Großvater, das ist ein echtes Geheimnis. Das darf man nicht verraten.

Aber gibt es außer solchen wichtigen Dingen noch mehr, das wirklich keiner wissen darf? Ich glaube nicht.


Trotzdem scheint in unserer Gesellschaft das Eigentum an den eigenen Daten und der Geheimschutz zum höchsten Gut geworden zu sein. Und die Gesetzgeber der EU und BRD haben sich überschlagen, die DSGVO zu erschaffen und den Weg für den Geheimschutz frei gemacht.

DSGVO wird auch DS-GVO; französisch Règlement général sur la protection des données RGPD, englisch General Data Protection Regulation GDPR) ist eine Verordnung der Europäischen Union, mit der die Regeln zur Verarbeitung personenbezogener Daten durch die meisten Datenverarbeiter, sowohl private wie öffentliche, EU-weit vereinheitlicht werden.

Mit dem Begriff Geheimschutz bezeichnet man ein staatliches Instrumentarium (Verwaltung und Geheimdienste, Militär (Exekutive), Parlament (Legislative)) zur Anwendung im staatlichen Bereich und in der privaten Wirtschaft, das darauf abzielt, Geheimnisse vor allgemeiner Kenntnisnahme zu sichern (Zitat aus Wikipedia).


40 Jahre sind ins Land gegangen. Judy hat geheiratet, sie ist Mutter einer Klein-Judy geworden. Judy ist einer Partei beigetreten, in den Bundestag gewählt worden und sogar ein Ministeramt übernommen. Ihr Ministerium ist zuständig für Klimaschutz, Frieden und die Entwicklung einer sozialen, gerechten und humanen Gesellschaft. Ein sehr wichtiges Ministerium.

🙂 Das alles wirklich ganz fiktiv. Sie hat große politische Ziele:

Judy will den Planeten retten. Dies aber ohne jeden Verzicht und ohne Verbote. Ausschließlich durch moderne Technologie. Wir wissen nicht, ob sie verstanden hat, wie groß die Herausforderung ist und ob ihr Vorhaben realistisch ist. Aber man kann es ja mal so versuchen.

Technologischer Fortschritt braucht vernetzte Offenheit, die Wissen und Kreativität ermöglicht. Wissen ist ein ganz besonderes Gut. Es ist der einzige Rohstoff, der durch Teilen mehr wird. Kreativität braucht Vielfalt. Die Ergebnisse nicht nur der von Steuergeld finanzierten Forschung müssen geteilt werden, am besten global. Es ist ein Wettrennen mit der Zeit.

Judy weiß, dass das Urheberrecht auch Mickey Mouse – Gesetz genannt wird (weil Walt Disney es immer geschafft hat, die gesetzlichen zeitlichen Beschränkungen zu verlängern, wenn das Urheberrecht für die Mickey Mouse abzulaufen drohte).

Sie weiß sogar, dass die Dauer beim Urheberrecht nicht auf eine generelle Jahreszahl festgelegt ist. Vielmehr ist sie abhängig vom Alter des Urhebers bei der Entstehung und seiner Lebenserwartung. Das Urheberrecht wird vererbt. Die Dauer berechnet sich also aus der  Differenz des Alters zum Zeitpunkt des Todes minus des Alters zum Zeitpunkt der Vollendung des Werkes plus SIEBZIG Jahre. Schreibt ein 20 jähriger Autor also einen Roman und erreicht er das stolze Alter von 90 Jahren, wird dieses Werk insgesamt 140 Jahre durch das Urheberrecht geschützt sein. Seine Erben in mehreren Generationen können noch 70 Jahre die  Nutzungsrechte ausschlachten und verkaufen.

Judy weiß, dass die Forschung in der Pharmazie darunter leidet, dass hier der Schutzzeitraum sehr kurz ist (10 -20 Jahre). Der Zeitbedarf für Entwicklung, klinische Test und Zulassung wächst permanent und deshalb der Zeitraum des Vermarktens zu kurz wird. Und das Produkt schon zum Generika wird, lange bevor es die Investition wieder erwirtschaftet hat.

Sie weiß, dass Patente den technischen Fortschritt nicht mehr fördern sondern einschränken und verlangsamen. Das beste Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die Technologie des 3D-Drucks. Bei dem nichts vorwärts ging – bis die Patentrechte ausgelaufen waren. Erst dann ging es so richtig ab, in der „open source“ wie in kommerziellen Bereichen.

Das weiß sie alles. Trotzdem stimmt sie im Bundestag für einen starken Urheberschutz. Und lehnt eine ziehlführende,  allerdings auch einschneidende Reform des Urheberschutz ab.

Judy wünscht sich eine gerechte und soziale Gesellschaft. Sie weiß, dass das nur mit einem transparenten Gemeinwesen ist.

Bei den Abstimmungen im Bundestag stimmt sie jedoch für die DSVGO und all die Gesetze für Geheimschutz. Was will sie auch machen – es gibt ja einen Koalitionszwang. So lohnt sich ja schon das Nachdenken nicht, ob man nicht eigentlich anders stimmen möchte oder müsse.

Sicher, ist ihr klar, dass Geheimschutz eigentlich immer dazu dient, schlechtes (kriminelles) Handeln und Ungerechtigkeit zu verbergen. Ihr tun die Bürger leid, weil für sie de facto der Geheimschutz nicht gilt. Spätestens beim Vermögen und der Steuer. Und Verfassungsschutz und Konsorten eh alles dürfen!

Aber was kann sie gegen die mächtigen Geheimdienste ausrichten? Und ist es nicht besser, wenn der einfache Bürger von den vielen Schurkereien und Missständen der staatlichen Organe und herrschenden Konzerne erst gar nichts erfährt? Das würde ihn ja nur verunsichern. Und dann käme er vielleicht bei der nächsten Wahl auf dumme Gedanken. Oder er könnte depressiv werden. Und all das mögen wir doch nicht.

Sie will Frieden schaffen. Und ihr ist auch klar, dass die Rüstungsindustrie die Kriege brauchen und machen. Sie weiß auch, dass die USA weltweit die Produktion und Exporte von Rüstungsgütern mit großem Abstand anführen. Wenn der Chef-Lobbyist der USA, ein Mister T., verlangt, dass die Staaten der NATO 2 % ihrs Bruttosozialproduktes für Rüstung ausgeben soll, dann ist sie dafür. Obwohl das alles ihr gegen den Strich geht.

Judy würde gerne das Eigentum reformieren. Besonders das Privateigentum. Aber was ist eigentlich der Unterschied zwischen Privateigentum und Eigentum? Zeit für eine Reform wäre es ja wirklich. Aber sie traut sich da wirklich nicht ran. Die Herausforderung ist zu groß. Ist doch Besitzstandwahrung zum neuen Grundrecht geworden.

Judy sagt, dass es nicht sein kann, dass wenigen Familien in der Welt die Hälfte der Welt gehört. Und ihr die Ursachen klar waren. Denn sie weiß, dass es in frühen solidarischen Gesellschaften, wo die Menschen sich in der Regel vom „Jagen und Sammeln“ ernährt haben, es den Eigentum gar nicht gab. Die Vorstellung von persönlichen Besitz hat da eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Alle Kraft und Zeit der Menschen musste damals fürs Überleben eingesetzt werden. Bei den ersten kulturellen Kollisionen haben sich diese Menschen sehr gewundert, dass sie dann wegen Diebstahls z.B. in Südamerika von den weißen Göttern erschossen wurden.

Das alles weiß sie, auch dass mit dem Aufkommen von Ackerbau und Viehzucht sich das geändert hatte. Jetzt gab es sehr wohl Eigentum. Das Eigentum wurde immer weiter und wichtiger. Am Anfang waren nur Dinge Eigentum, der Rest war Allmende. Dann wurden immer zu privatem Eigentum und die Allmendewurden immer weniger. Am Schluß blieb nur noch die Luft zum Atmen, und die wurde von den Öfen und Verbrennungsmotoren vereinnahmt.

Eigentum gab es fortschreitend dann auch an Grund und Boden, wie an Tieren und Menschen. Sogar für das vom Geist geschaffene wurden Eigentumsrechte festgelegt (Urheberrechte – siehe oben das des Autoren. Und sogar die „persönlichen Daten“ wurden zum Eigentum erklärt. Ja, mir gehört mein Geburtsdatum! Wie mein Gewicht und mein Geschlecht. Und wehe, einer klaut es mir!

Auch der Begriff des „Eigentümers“ änderte sich. Konnten am Anfang nur Menschen (natürliche Personen) etwas besitzen und es als ihr Eigentum reklamieren, wurde dieses Recht schnell erweitert auf Organisationen aller Art, die man als juristische Personen bezeichnete. Ich hätte den Begriff visuell treffender gefunden, aber virtuell gabs damals noch nicht so sehr.

Natürliche und juristische Personen bekamen dieselben Rechte. Grund dafür war wohl die Annahme, dass eine juristische Person immer aus mehreren natürlichen Personen (den Gesellschaftern) bestehen würde. Das sollte sich bald ändern.  Z.B wurden mächtige Investment-Konzerne, die auch wieder juristische Personen als Gesellschafter hatten zu bestimmenden Gesellschafter bei Unternehmen. Aber die Regel blieb.

Aber im Gegensatz zu natürlichen sind juristische Personen nicht sterblich. Sie leben oft mehrere 100 Jahre und können natürlich viel effizienter mit Gütern wie Grund und Boden und Rechten aller Art spekulieren. Und florierende juristische Personen (z.B Groß-Konzerne, Kirchen wie andersartige Vereinigungen) kamen so zu großem Reichtum . Und ihre Systemagenten wurden zu übermächtigen Menschen. Auch hier passt Mr. T. als Beispiel.

Die Folgen für die  Gesellschaft waren schrecklich. Der Kampf um den Boden hat Kriege etabliert. Tiere wurden zur industriellen Ware, Menschen wurden im großen Stil zu Leibeigenen (Europa) oder Sklaven (weltweit), die Gesellschaft auch in Europa fiel in zwei Klassen, in viele rechtlosen und besitzlosen Menschen und wenigen Herren, denen es alles gehörte. Dann kamen Revolutionen und Kriegen. Jetzt sind wir wohl bald wieder so weit, dass wenigen das meiste von der Welt gehört.

Judy weiß das alles. Sie weiss auch, dass es Veränderungen nur gibt, wenn es den wirtschaftliches Interessen der Herren gefällt oder wenn die rechtlosen Gewalt anwenden. Die Sklaverei wurde abgeschafft, weil Arbeiter und Maschinen billiger waren als der Sklave. Der Bürgerkrieg in den USA war kein Gesinnungskrieg sondern ein Wirtschaftskrieg. Die humanitären und idealistischen Motive für die Abschaffung der Sklaverei dienten nur dazu, die wahre Motivation zu verschleiern.

Judy will die Demokratie innovieren.

Judy wird traurig.Vielleicht müsse man die Demokratie reformieren? Eigentlich sollte doch der Bürger der Souverän sein. Aber ist er das heute noch? in einem System der Demokratie wie wir es haben? Einer Oligarchie der Parteien, in der die Spitzenkandidaten nach völlig falschen Kriterien selektiert werden? Und Wahlen, bei denen natürlich die Kandidaten gewinnen, die die besten (und oft die teuersten) Berater haben. So dass letztendlich in der Regel der Kandidat mit dem größten Budget für Marketing die Wahl gewinnt? Und dann als Politiker massiv von einer Heerschar an Lobbyisten beeinflußt und bedrängt und ab und zu auch erpresst wird?

Judy tritt zurück!

Sie denkt an Ihre Kindheit. Kultur und Geisteshaltung wichtiger als Gesetze sind. Die kann man als Politikerin (und auch als Manager) nicht erschaffen. Sie hat Anstand. So gibt sie ihr Amt auf und widmet ihre Zeit den Enkeln.

Hut ab vor Judy!

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 21. Januar 2020

Entscheidungslehre (Unternehmertagebuch #131)

Ich werde öfters gefragt:

„Du hast doch in deinem Leben viele Entscheidungen fällen müssen. Wie hast Du das nur gemacht?“

So wird das Leben als „Kaptiän“ ganz einfach.

In der Tat habe ich in meinem Leben oftmals „entscheiden“ müssen. Gerade wenn ich ein Problem hatte. Natürlich immer unter Unsicherheit, weil die Unsicherheit die wesentliche Eigenschaft der Entscheidung ist. Eine Entscheidung erfolgt immer unter Unsicherheit, so ist der Begriff definiert.

Teil zwei der Definition ist, dass Entscheidungen eine Relevanz haben müssen. Das heißt, dass die der Entscheidung folgende Handlung wichtig ist und etwas wesentlich verändern soll und wird.

À propos Problem. Diesen Begriff definiere ich so:

„Ein Problem ist ein Zustand, der so nicht bleiben darf“.

Das habe ich immer wieder erlebt. Und ein Problem ist immer eine Aufforderung, Entscheidungen zu fällen.

Soweit der theorethische Teil. Pragmatisch habe ich immer versucht, meiner Intuition und meinem Gefühl zu folgen. Die rationalen Argumente können für die Kontrolle genutzt werden, ansonsten kann man sie vergessen.

Immer wenn ich gegen mein Bauchgefühlt gehandelt habe, waren die Folgen ärgerlich bis vernichtend.

Aber wie gelangt man zu ausreichend „Gefühl und Intuition“, um schnell und halbwegs vernünftig entscheiden zu können. Die Antwort ist einfach. Man muss in dem Umfeld, das die Entscheidung betrifft, möglichst viel „erlebt“ und „erfahren“ haben. Fast möchte ich sagen gelernt haben“ – dazu muss man am Leben teilhaben. Und zwar intensiv!

Im geschäftlichen Bereich bedeutet das, dass man nicht im Elfenbeinturm sitzen bleiben und nur die Reports lesen darf, sondern dass man raus muss! Der Fehler fängt schon an, dass an „jemand reportet wird“. Nicht die Mitarbeiter müssen dem Chef reporten, sondern der Chef muss am Leben der Mitarbeiter teilhaben. Sonst kann man auf ihn verzichten. Das gilt in der digitalen Welt genauso wie davor.

Und das habe ich mein Leben lang so gemacht. Als Geschäftsführer der InterFace Connection war ich immer mit den Kollegen unterwegs und so bei den Kunden und Anwendern unserer Produkte. Bei den großen wie der Bundesagentur für Arbeit genauso wie bei den vielen kleinen Gemeinden, die auch HIT eingesetzt haben.

Auch später war ich immer dabei, nicht nur wenn es gebrannt hat. Das war bei den Premium Kunden so wie der WestLb in Düsseldorf, dem Daimler in Stuttgart oder bei unserem Print-on-Demand Kunden Arvato (Tochter von Bertelsmann in den USA. Aber auch bei allen kleinen und großen Kunden, von Flensburg bis in die Schweiz, ganz gleich ob sie ein Produkt von uns im Einsatz hatten oder ob sie von Mitarbeitern unseres Unternehmens betreut wurden, ich war immer ein paar Mal bei ihnen zu Besuch. Aus dem dabei Erfahrenem und Erlebten habe ich meine Sicherheit beim Entscheiden gewonnen.

Und als Aufsichtsrat mache ich mir auch gerne ein Bild von der Situation, in dem ich mit den betroffenen Menschen rede. Das mag auch nicht immer einfach sein und gelegentlich zu kommunikativen Problemen führe. Ich nehme das aber in Kauf, weil es mir so gelingt zu lernen, was Sache ist.

Deshalb meine Empfehlung:

Macht Euch das Leben und Entscheiden nicht schwer!

Geht raus in Euere Umwelt (für ein Unternehmen sind das die Kunden) und redet viel mit Euren Stakeholdern (Mitarbeiter, Geschäftspartner, Konkurrenten …). Dann erlebt und erfahrt Ihr soviel, dass Euch ganz schnell die richtige Antwort auf die tägliche Frage „Mach ich es so oder so?“ findet.

Und sicher macht es auch Sinn, die getroffene Entscheidung dann auch noch mal rational zu überprüfen. Aber dann hat sich aus und es wird gemacht!

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 15. Januar 2020

Wie macht man einen Vortrag?

Vor kurzem erzählt mir eine von mir sehr wertgeschätzte Wissenschaftlerin und Beraterin, dass sie an einer bekannten Universität einen Vortrag halten wird. Im Rahmen einer Mittelstandstagung soll sie einen Beitrag zum Thema
„Fehler bei der Anwendung von Data Science im Controlling“
halten.

Beim schlauen dozieren …

Das Thema ist unternehmerisch interessant, so fange ich gleich an nach und mit zu denken. Wenn ich den Vortrag halten sollte, was würde ich als Botschaft vermitteln wollen? Und wie gehe ich bei der „Erfindung“ des Vortrages vor?

Hier meine Überlegungen. Im ersten Schritt zerlege ich die Überschrift in die einzelnen Botschaften und stelle Fragen dazu:

  1. Fehler bei der Anwendung von …
    Da denke ich mir, dass es darum geht, was ich richtig machen muss und worauf ich besonders aufpassen muss. Und welche Fallen auf mich lauern.
  2. … Data Science …
    Aber was ist Data Science? Ich versuche andere Worte zu finden. Meine Sammlung wächst schnell:
    Ist Digitalisierung gemeint? Aber Digitalisierung ist doch nur „advanced technologie“, etwas das man auf Deutsch einfach als „technischen Fortschritt“ bezeichnen würde? Oder sollten ich einfach ans Leben in der „Cloud“ denken? Das ja für viele das summarische Ergebnis der ITK-Technologie ist.
  3. … im Controling.
    Da denke ich, dass  es hier um das „kaufmännische Controling“ geht. Darunter verstehe ich die Möglichkeit, sich immer präzise über den Status aller Prozesse und Zahlen des Unternehmens auf Makro- und Mikro-Ebene informieren zu können. Oder ist die Anwendung von Business Intelligence gemeint? Will man vor allem die kausalen Wirkungsstrukturen erkennen?

Dann suche ich die „richtigen“ Fragen. Ich bin auf der Suche nach einer Lösung, die Antworten gibt. Und Antworten finde ich nur, wenn ich vorher die richtigen Fragen finden.

Ich muss die richtigen Fragen finden und sie analysieren. So mache ich mich an die Frageliste. Zuerst mal ganz frei und kreativ. Ein paar der Fragen habe ich ja schon bei der Titelanalyse gefunden.

  1. Wo muss ich aufpassen, was muss ich richtig machen und welche Fallen drohen?
    Das ist die Frage im Vortragstitel, ein wenig umformuliert.
  2. Was ist beim Einsatz von neuer Digitalisierung anders als wenn ich mit alter Technologie arbeite?
    Digitalisierung schafft mächtige Werkzeuge. Auf was muss man aufpassen, wenn die Werkzeuge mächtiger werden.
  3. Passen Digitalisierung und Controling eigentlich zusammen?
    Digatilisierung hilft beim Wissen teilen und macht „geheim halten“ schwieriger.
  4. Was wünsch ich mir vom „Controling“?
    An erster Stelle will ich Klarheit. Dazu gehört Transparenz, Übersichtlichkeit, Vollständigkeit, die Sichtbarkeit von Zusammenhängen. Ich will Veränderungen rasch bemerken und entstehende Trends schnell erkennen. Ich möchte die Lesbarkeit von Entwicklungen in verschiedenen Dimensionen. Ich möchte das kompexe Wirkungssystem eines Unternehmens, das ich sein „Betriebssystem“ nenne, verstehen.

Jetzt kann ich anfangen nachzudenken. Und es hat gewirkt. Mir kommen folgende Gedanken.

Ich muss aufpassen,

  • dass ich aufgrund einer Überflutung meines Verstandes mit digitalen Daten „vor all den Bäumen, den Wald nicht mehr sehe“. Weil Digitalisierung in der Lage ist, mir ganz schnell unendlich viele Daten zu liefern. Aber welche sind relevant?
  • dass ich nicht leichtfertig, die Referenzsysteme verändere, um Dinge besser darzustellen. Das kann schnell die Vergleichbarkeit in der Dimension Zeit gefährden.
  • dass die mächtigen digitalen Systeme mich nicht aus Versehen (oder mit hintergründiger Absicht) falsch informieren. Dazu empfiehlt sich wahrscheinlich, möglichst oft die Plausibiliät der Erkenntnisse zu hinterfragen.
  • dass ich nicht so dumm bin, wie die Ersteller der Vereinfachungen und Graphiken mich offenbar halten. Denn digitale Systeme sind die Weltmeister im Produzieren von Bildern und Graphiken. Die vereinfachen, verzerren und beeinflussen können.

Aber das befriedigt mich nicht so richtig. Weil es irgendwie nicht griffig und plakativ ist. Also suche ich nach einer Metapher, um die komplexe Situation schreiben.

Da finde ich das Internet und social media. Ist das nicht auch eine Art von „control system“, mit dem ich den Zustand unserer Gesellschaft oder unseres Planeten betrachten und auswerten kann? Wie gut unsere Politik, die gesellschaftliche Konsens-Findung, das Bildungsystem und vieles mehr funktioniert?

Und auf was muss ich beim Untersuchen aufpassen?  Ich darf nicht einer Blase gefangen sein und nicht leichtfertiges Opfer von Verschwörungstheorien werden.  Denn ich will Dinge verstehen und begreifen. Ich habe gelernt, dass es einfacher ist, Daten zu sammeln. Auch da kann man Fehler machen. Deutlich schwieriger ist es aber Zusammenhänge zu erkennen. Und ganz schwierig ist es, die Ursache-Wirkungs-Relation richtig zu ermitteln.

Wir kennen das vom Klimathema her. Es ist absolut klar, dass es eine Korrelation gibt zwischen der Temperatur auf der Erde und dem Kohlendioxid in der Atmosphäre. Ein wenig schwieriger ist es zu zeigen, dass die Erhöhung des Kohlendioxid-Gehalts überwiegend vom homo sapiens verursacht wird und nicht von einer magischen Temperaturerhöhung.

Mein Controling des Klimas zeigt ziemlich klar, dass die Klimakatastrophe schon passiert ist. Und wir keine Chance haben, sie rückgängig zu machen oder auch nur zu bremsen. Da müssen wir jetzt die nächsten paar hundert Jahre durch und dies dürfte nicht ganz leicht werden. Und irgendwie bin ich ein wenig froh, dass ich dieses Jahr das Alter von siebzig Jahren erreiche.

À propos homo sapiens – auf die Schnelle fällt mir keine zweite biologische Gattung auf unserem schönen Planeten ein, die solch einen irreführenden Namen trägt.

RMD