Roland Dürre
Sonntag, der 13. August 2017

Mein erstes „Coming Out“

Heute als „Wort zum Sonntag“!

Es wird wirklich Zeit, Muster und Tabus zu brechen. So beginne ich jetzt damit. Auch im IF-Blog. Zuerst Mal im Kleinen und ganz sanft … Aber es kann ja noch werden.

Zu meiner Vorstellung: Ich bin ein männliches Säugetier. Von der Art „Mensch“. Menschen sind Nachkommen der Menschenartigen, die sich mal aus irgendwelchen Affen entwickelt haben. Die man – für mich unverständlicher Weise – im Gegensatz zu den so klugen und schönen Elefanten, Rindern oder Schweinen auch als „Primaten“ bezeichnet.

Männliche Säugetiere haben ein Geschlechtsteil. So auch ich. Ein männliches Geschlechtsteil hat viele Nachteile. Einer der vielleicht sogar harmloseren ist das Ewige „Wohin damit?“.

Selfie unter schwierigen Bedingungen – aber garantiert ohne Unterhose!

So hat „homo sapiens“ die Unterhose erfunden. Und die Unterwäsche-Industrie gegründet, die jetzt mit Unterhosen richtig gut Kohle verdient. Bekleidung wurde zu einer moralischen Sache („das gehört sich so“ oder „so geht das nicht“). So entstand unter anderem die Moral, die besagt, dass man (besonders Mann) ohne Unterhose nicht herum laufen darf.

Nur – Unterhosen engen ein. Allerdings engen Hosen noch mehr ein. Und dann kann es ohne Unterhose auch mal weh tun. Man denke nur an die Lederhose. Mit Unterhose kann es übrigens auch ab und zu weh tun.

Für die männlichen Menschen entstand eine besondere Unterhosen-Tragepflicht. Frauen trugen Röcke. Bei den Damen war „ohne Unterhose“ schon eher möglich. Bei ihnen ging das als erotische Frechheit durch, was bei den Herren undenkbar war.

So habe ich mindestens 50 Jahre brav meine Unterhose getragen und wenn möglich täglich gewechselt.

Vor vielleicht zehn Jahren habe ich in Indien das Ganzkörperkleid für Männer entdeckt. Könnte sein, dass man es Kaftan nennt. Davon habe ich mir zwei erworben (einen grünen und einen blauen) und diese gerne besonders im Sommer an Stelle des Bademantels genutzt. Und schnell verstanden, dass man unter so einem Kaftan keine Unterhose tragen muss. Und habe plötzlich ein völlig neues Wohlgefühl erlebt. Jetzt ist alles so frei – und zentriert.

Hans Söllner beim Sinnflut-Festival in Erding, 2004, hier noch mit Hose.
(dkeppner@freenet.de)
GNU Free Documentation License, aus Wikipedia

Da ich feige bin, gehe ich mit meinem Kaftan nur ganz selten ohne Unterhose in die Öffentlichkeit. Auch weil ich naiver Weise dachte, dass ich der einzige Mann bin, der gerne ohne Unterhose rumläuft.

So wie wir Männer halt sind. Weil wir immer denken, wir wären der Mittelpunkt dieser Welt und kämen nur als einzigster auf die guten Ideen. Aber dem ist nicht so.

Denn dann kam das Bayern-Sound-Festival, bei dem ich dabei sein durfte. Und da spielte der Söllner Hans. Er trat im Rock auf. Und betonte, dass er „garantiert unterhosenfrei“ sei.

Der Hans hatte noch weitere gute Argumente für den Rock ohne Unterhose. Er meinte, dass er es denen einfacher machen möchte, die ihn nur noch „am Arsch lecken“ könnten. Und dass diese rapide immer mehr werden würden.

Mir geht es ähnlich: Auch bei mir werden die, die „mich am Arsch lecken können“ immer mehr. Besonders dann, wenn sie vergessen, dass sie auch nur Säugetiere und nicht als Systemagenten geboren worden sind. Und sich dann auch noch so richtig „aufmanteln“ und selber als ganz tolle Helden empfinden. Dann können sie mich wirklich …

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 3. Oktober 2015

Wutrede!

Rotes QuadratAb und zu geht mit mir der Gaul durch. Zuletzt bei einer Diskussion in einem Forum. Es ging über „Unschooling“. Das System von kollektiver (staatlicher) Schule wurde als einzig selig machende Variante der Bildung und „Erziehung“ junger Menschen und „unschooling“ als gesellschaftlich nicht akzeptabel bewertet. 

Es gibt noch mehr Aussagen, die bei mir Wut erzeugen. Ich sehe rot, wenn ich zum Beispiel höre,

DASS

  • wir Waffen produzieren müssen.
  • Lobbyismus ein notwendiger Teil unserer Wirtschaft ist.
  • ein Tempolimit diese jedoch ruinieren würde. Oder:
  • Konzerne maximal Gewinn machen müssen,
  • fortwährendes Wachstum alternativlos ist,
  • der Kündigungsschutz unantastbar und
  • ein BGE (Bedingsloses Grundeinkommen anstelle der vielen Sozialsubventionen) kompletter Unsinn ist.
  • BND und  Verfassungsschutz ganz wichtige und notwendige Behörden sind und
  • totale Transparenz und Offenheit in der Gesellschaft wie bei Software nicht möglich wäre.
  • Patente und Copyright alternativlos sind.
  • die Klimakatastrophe nur eine Erfindung grüner Spinner wäre.
  • man die Beschneidung aus religiösen Gründen wie
  • auch die Unterdrückung der Frau tolerieren müsse

Aber zurück zur Schule: Wenn Menschen klassischen Systeme wie der Schule ausweichen, ist das für mich der letzte und wie ich ab und zu fürchte letztendlich erfolglose Versuch von einzelnen Menschen, aus einer Welt auszubrechen, die ich halt so gar nicht mag.

EINER WELT,

  • in der die Menschen individuell wie kollektiv so handeln, wie es mir gegen den Keks geht,
  • in der die Dummheit immer wieder siegt und ich den Eindruck habe, dass man nur gemeinsam so blöd sein kann (siehe auch Dueck – Schwarmdumm),
  • die wenigen von uns zwar viel zu viel Wärme und Kalorien beschert aber den anderen nichts gibt und letztlich uns allen so alles nimmt,
  • die uns Omnipotenz vorgaukelt, de facto uns aber total zu manipulieren versucht und
  • uns Freiheit die raubt und uns zu ins System passende Knechte machen will.
  • in der das kritische Hinterfragen „des Warum“ gar nicht gemocht wird, aber
  • in der ein „was nützt das unserem Profit“ regiert,
  • die versucht, uns gleich zu machen und
  • uns die Fantasie auszutreiben,
  • die uns den Glauben an Utopien ausgeredet,
  • in der man fortwährend „das geht doch sowieso nicht“, „das haben wir schon immer so gemacht“ und das „ja aber ..:“ zu hören bekommt,
  • die uns von klein auf „Schuld, Schuldhaftigkeit und Schuldgefühle“ trimmt, obwohl das Gehirn für so etwas gar nicht gebaut wird,
  • in der von Augenhöhe, Miteinander, Partizipation, Respekt, Toleranz, Zivilcourage … mächtig schwadroniert wird, aber
  • jeder Versuch zur Autonomie gleich mal abgestraft wird,
  • in der Aufforderungen zum „mehr geben als nehmen“ und „sei Dir selber treu“ wie Hohn klingen,
  • in der man sich gegenseitig aus Gewohnheit kleiner und eben nicht größer macht.
  • bei der wir die Regeln der Naturwissenschaften sehr gerne glauben, wenn sie uns nützlich zu sein scheinen; wehe aber wenn sie uns nicht „schmecken“.

In der Evolution sagt man, dass die Dinge sich erst ändern, wenn die alte Generation aus stirbt. So habe ich großen Respekt, wenn Eltern verantwortet beschließen, ihre Kinder selber zu erziehen. So ein Bekenntnis zur Familie ist selten geworden ist. Und das erfordert wie sich auf die wichtigen Dinge des Lebens zu konzentrieren und auf  Vieles zu verzichten.

Wie viel einfacher und bequemer ist es doch, Kinder (wie übrigens auch die Alten) in Verwahr-Anstalten abzugeben. Zwar führt das dazu, dass die Eltern sich früher oder später dem Druck der Schule beugen. So werden sie den Kindern fremd und die Eltern ergreifen letztendlich sogar noch die Partei der Agenten des Systems „Schule“ – gegen die Interessen  und den Willen der eigenen Kinder.

Die Varianten von „un-, no- oder home-schooling“ sind also nicht arrogant und elitär sondern revolutionär. Solchen Mut an Stelle von gedankenloser Hingabe brauchen wir in vielen anderen Bereichen unseres Lebens (Ernährung, Freizeit, „Life style“ …). Genauso wie wir die Bereitschaft brauchen, „Opfer“ für Zukunft zu erbringen und uns Zufriedenheit wie Glück nicht erkaufen sondern erarbeiten zu wollen.

Für ein gutes „Unschooling“ muss man seinen Kindern sehr viel geben. Besonders das Wertvollste was man hat, die eigene Zeit. Die ist knapp. Das Ändern des eigenen Leben braucht auch viel Zeit. Also dürfen wir mit Zeit nicht verschwenderisch umgehen. Und müssen Abstand nehmen von dem, was uns als erstrebenswert verkündet wird.

Verzicht ist mühsam. Verzicht dürfte aber die erste Maßnahme gegen Fremdsteuerung sein. Aus einem fremdgesteuerten Leben kann man leicht böse erwachen. Vielleicht ist es für einsame Menschen noch schwieriger zum eigenen Leben zu finden.

Der Versuch lohnt, der Formatierung einer pervertierten Gesellschaft zu entfliehen. Wir Menschen haben uns lange genug zum dressierten Affen machen lassen. Dies in einer ganz besonders pervertierten Art und Weise in dem langen 19. Jahrhundert. Die Aufklärung kann nur ein Aufbruch gewesen sein. Die uns Frieden und Freiheit jedoch auch Krieg und Zerstörung gebracht hat.

Dann meine ich mehr denn je, dass wir eine zweite Aufklärung brauchen. Und unsere Utopien weiter träumen müssen von einer sanften und gewaltfreien  Welt jenseits von „Bestrafung“ und „Rache“.

Danke Schön!

RMD

P.S.
In Deutschland ist die „unschooling-Diskussion“ im übrigen müßig. Da ist das „unschooling“, das in allen anderen Ländern Europas möglich ist, verboten. Trotz EU und dem ganzen bürokratischen Quatsch …

Werner Lorbeer
Samstag, der 22. August 2015

Mythen über Unterricht

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Schule als variable Sozialform

Aktueller Streit in BW! Es geht politisch bewährt um die Schulform. Und natürlich auch immer um den Quotienten Lehrer/Schüler und die Inklusion.

Erschütternd aus meiner Sicht ist die mangelnde Kenntnis der Streitenden über die empirische Forschungsliteratur.

Es bleibt festzuhalten, dass Einzelunterricht oder das Unterrichten weniger eine Kunstform ist, die literarisch studierbar im 18. und 19. Jahrhundert völlig gescheitert ist.

Dass der gut untersuchte autonome Lerner zu starker Differenzierung im sachstrukturellen Entwicklungsstand führt ist ebenfalls bekannt. Dass die Gruppengröße im wesentlichen durch die Disziplin in der Lernergruppe beschränkt ist, dies aber den Erfolg keineswegs beschränkt, zeigen uns die PISA Studien aus.

Jauchs Shows sind kein Abbild der aktuellen Sozialformen in der Schule. Diese ist gekennzeichnet durch sehr variable Sozialformen, auch wenn das in den Bildungsredaktionen kaum bekannt ist. Das Bild zeigt eine Routinesituation aus dem Holbein-Gymnasium Augsburg, das Ende einer Projektunterrichtsphase.

Was aber nicht heißt, dass es immer so weiter gehen konnte. Vielmehr hatte diese Klasse auch das Recht auf eine systematische Darstellung der Physik; denn Wissen hat eine Struktur um die im Laufe von vielen Jahrzehnten hart gerungen worden ist. Je begabter das Kind, um so erfolgreicher wird es die Wissensstruktur auf weitere Probleme anwenden.

Wir wissen aus der empirischen Forschung übrigens auch, dass die spezifischen Lehrerbegabungen den Unterichtserfolg ganz entscheidend beeinflussen. „Erfolg“ ist in der pädagogischen Forschung immer multidimensional zu verstehen – soziale Wirkungen, akademische Wirkungen, Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes etc.

Nicht jeder Lehrer hat von seiner Persönlichkeitsstruktur her gleiche Chancen. Und seine Wirkungen werden auch nicht auf jeden Schüler gleich sein. Es gibt zahlreich „trait-treatment interaction“-Forschungen, die das belegen. So gesehen, ist der Baden-Württemberg-Streit überflüssig, weil in keiner Weise dem Erfahrungsschatz der pädagogischen Praxis oder gar der pädagogischen Forschung verpflichtet.

Eine letzte Bemerkung zum Lehrer:
Wer sich durch Kinder „gestresst“ fühlt und sich „dem burn out“ nähert, der muss prüfen, ob seine Persönlichkeit geeignet ist, „Erzieher“ zu sein. Kinder haben das tägliche Recht auf einen „freundlichen, entspannten Lehrer“ (Hefendehl-Hebecker) und sie bieten dem Lehrer an, jeden Tag neu zu starten.

Wo bitte, gibt es in der Erwachsenen-Welt solche Chancen?

wl

Im IF-Forum (Gäste sind noch willkomen – hier zur Einladung) morgen (23. Juli 2015 um 18:00) bei uns in Unterhaching geht es um „Lernen in Innovation“. Bruno Gantenbein wird anhand der Metapher des Unschoolings zeigen, wie Kinder lernen können und wollen und dabei Parallelen zum Lernen von erfahrenen Projekt Managern und erwachsenen Führungskärften aufzeigen.

Das Jahr 2015 ist bei InterFace Frau Ada Lovelace gewidmet. So hat mich Florian Specht als Veranstalter gebeten, bei der Hinführung die Frage zu beantworten:

Was verbindet Ada Lovelace mit „unschooling“?

🙂 Ich habe deshalb die folgende Hinführung entworfen, die ich aber morgen so nicht halten werde. Aber ich kann sie ja trotzdem mal veröffentlichen. Die richtige „Hinführung“ gibt es dann morgen live zu hören und wird natürlich auch veröffentlicht.

Ada im Alter von 4 Jahren

Ada im Alter von 4 Jahren

Welchen Berührungspunkte gibt es von Ada Lovelace und anderen Menschen wie Galileo Galilei (dem InterFace-Gesicht des Jahres 2014).

Mir sind weiter herausragende Persönlichkeiten wie Blaise Pascal, Leonardo da Vinci, Friedrich Nietzsche oder „die alten Griechen“ (Archimedes oder Sokrates) und der Römische Erzieher Seneca eingefallen.

Was haben diese Menschen alle mit „unschooling“ gemein?

Bei der Vorbereitung habe ich als erstes den Artikel zur Schulpflicht in Wikipedia nachgelesen.

Wir lernen:

  • Schulpflicht gab es nicht immer.
  • Sie wurde erst spät eingeführt und viel später umgesetzt.
  • Mancherorts betraf sie nur einen Teil und häufig nur den männlichen der Bevölkerung
  • Gelernt wurde aber immer im Leben und von Menschen und nicht so sehr in Schulen.

Dann habe ich mir die Lebensgeschichte von Ada Lovelace angeschaut. In Wikipedia finden wir als ersten Satz zu „Ada Lovelace“:

Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace, allgemein als Ada Lovelace bekannt (geborene Augusta Ada Byron;[1]10. Dezember 1815 in London; † 27. November 1852 ebenda), war eine britische Mathematikerin.“

Es lohnt sich den Artikel zu lesen. Sie war zweifelsfrei ein Genie.

Die anderen genannten Persönlichkeiten scheinen mir jedoch nie so richtig in die Schule gegangen zu sein:

Blaise Pascal (* 19. Juni 1623 in Clermont-Ferrand; † 19. August 1662 in Paris) war ein französischer Mathematiker, Physiker, Literat und christlicher Philosoph.

Galileo Galilei (* 15. Februar 1564 in Pisa; † 29. Dezember 1641jul./ 8. Januar 1642greg. in Arcetri bei Florenz) war ein italienischer Philosoph, Mathematiker, Physiker und Astronom, der bahnbrechende Entdeckungen auf mehreren Gebieten der Naturwissenschaften machte.

Wen wunderts, denn zu Lebzeiten der letzten beiden Persönlichkeiten gab es noch gar keine Schule im heutigen Sinne.

Als Kind habe ich immer die „alten Griechen“ bewundert. Was die mit einfachen Hilfsmitteln und ein wenig Rechnen für enorme und revolutionäre Erkenntnisse gewonnen haben. Zum Teil nur durch Beobachten, Denken und einfache Experimente. Und wen überrascht es: auch damals gab es so ein formatiertes Schulsystem wie wir es heute haben nicht.

So verstärkt sich bei mir der Verdacht, dass manche Innovation in der Geschichte der Menschheit nicht möglich gewesen wäre, wenn die Menschen damals so wie heute üblich in einer Regelschule von klein auf indoktriniert worden wären.

So richtig aber ging mir ein Licht auf, wie ich den Film namens Alphabet gesehen habe. ALPHABET, der Film ist von Erwin Wagenhofer in 2013 gedreht worden. Nach WE FEED THE WORLD und LETS MAKE MONEY war ALPHABET der letzte und abschließende Teil seiner bekannten Trilogie. ALPHABET ist ein Film, der ganz leise und weltweit die Situation der Kinder in Ausbildung beschreibt.

Ein Zitat aus dem Film hat mir besonders gut gefallen. Es scheint ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung zu sein:

98 % aller Babies kommen als Genie zu Welt. Am Ende der Ausbildung sind es dann noch 2 %.

Dann bliebe nur noch die Frage, wie Frau Lovelace ihr Genie bewahren konnte, denn vor 200 Jahren gab es ja schon die ersten Ansätze zur allgemeinen Schulpflicht.  Lage es vielleicht daran, dass es Schule damals in manchen Regionen nur für Buben gab? Die ja auch immer so tapfer sein mussten und nicht weinen durften?

RMD

P.S.
An meiner Hinführung (Version 2.0) muss ich jetzt noch ein wenig feilen. Und das Bild ist übrigens aus Wikipedia.

Roland Dürre
Sonntag, der 12. April 2015

Schule. Bildung. Zukunft.

Bernice Zieba hat in Facebook auf der Seite Alphabet – der Film Reklame für ihr Buch „Kinder brauchen keine Schule“ gemacht und darauf hingewiesen, dass man dieses Buch ab sofort bestellen könne. Im Buch geht es um „Homeschooling und Unschooling“. Ich kenne das Buch (noch) nicht – und kann es so auch nicht bewerten. Den Film Alphabet dagegen kenne ich gut und empfehle ihn sehr.

Auf Facebook führte dieser Eintrag zu einer eifrigen Diskussion zwischen Gegnern und Befürwortern der Schulpflicht. Die Diskussion hat mich angemacht, besonders weil meine Erfahrungen mit Schule sowohl als Schüler wie als mehrfacher SchülerInnen-Vater alles andere als erfreulich waren. Und mir deshalb Bewegungen wie Sudbury – endlich frei zumindest als schöne Utopie doch ziemlich sympathisch sind.

Deshalb konnte ich nicht umhin, auch meine Meinung zur Situation von Bildung und Schule in einem Kommentar zu schreiben. In diesem habe ich sinngemäß folgende Thesen formuliert:

KinderSchuleDie Schulen in der ganzen Welt lehren nicht und leiten nicht an. Sie fördern nicht das Hinterfragen und Nachdenken sondern vermitteln Wissen unwissend. Wissens-Bulimie wird so zur Regel.

Formen von Autonomie der Schüler werden als störend empfunden genauso wie kritische Positionierungen. Aufklärung ist in der Schule unerwünscht und zum Unwort verkommen. Denn das überwiegende und oft ausschließliche pädagogische Ziel der Ausbildungssysteme scheint es, die Menschen so zu formen, dass sie im Zielsystem möglichst reibungslos funktionieren. Die Lehrer scheinen förmlich den Auftrag zu haben, den Schülern ihre Kreativität auszutreiben und sie anpassbar zu machen. So werden System treue Konsumenten produziert, dies sich ohne zu murren brav in die nicht Menschen gerechte Leistungsgesellschaft einfügen.

Die zeitgenössischen Schulen und Bildungssysteme in der ganzen Welt können eines besonders gut: Indoktrinieren! Nur der Grad der Indoktrination ist noch unterschiedlich zwischen den Schulen und den Kulturen

Indoktrination ist jedoch der Feind eines Lebens in Freiheit und Würde. So wird kein vernünftiger Wandel gelingen. Nicht mal den „sozialen Konsenz“ werden wir so finden können, der Voraussetzung ist für eine konstruktive, menschliche und aufgeklärte Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.

Als Beispiel: Vielleicht würde ein redlicher Diskurs uns dabei helfen – das geht aber nicht, wenn wir das dazu notwendige Handwerkszeug nicht gelernt haben!

Es scheint klar, dass das Sicherstellen einer vernünftigen Bildung für die nachfolgenden Generationen eine der zentralen Aufgabe jeder (und auch unserer) Gesellschaft ist. Wahrscheinlich sollte das die höchste Priorität haben. Tatsächlich erleben wir jedoch ein riesiges Versagen unseres Bildungssystems. Die Defizite in den Schulen werden immer größer, für viele Gruppen der Gesellschaft  verschlechtert sich die Situation kontinuierlich.

Trotzdem stehe ich persönlich „Homeschooling und Unschooling“ eher skeptisch gegenüber und würde sie nur als Notwehr oder „ultima ratio“ in besondern Fällen als sinnvoll ansehen.

Soweit mein Kommentar. Aber noch eine Anmerkung sei mir gestattet: Ich bin froh, dass es noch Lehrer gibt, die sich gegen diese wohl weltweit stattfindende Entwicklung sträuben und sich den drückenden systemischen Zwängen widersetzen. Einige davon kenne und schätze ich. Aber leider habe ich den Eindruck, dass sie immer mehr auf verlorenen Posten stehen und auch immer weniger werden.

RMD

P.S.
Im übrigen ist mir nicht klar, warum wir immer diese hässlichen amerikanischen Begriffe benutzen müssen wie „Homeschooling oder Unschooling“?

Jörg Rothermel
Montag, der 2. Februar 2015

Ist da was faul – in Australien?

 Vor ein paar Wochen hat Klaus Rabba an dieser Stelle einen Beitrag gepostet
Es ist was faul … in jedem Staate!

Ich lebe seit fast 3 Jahren in Australien – ist doch klar, dass bei einer ähnlichen Betrachtung über Australien etwas völlig anderes herauskommen muss – oder?

Australien.

Australien beteiligt sich mit 10 Kampfjets und 600 Soldaten am Kampf gegen den islamischen Staat (IS).

Terrorakte sind in Australien bisher extrem selten: http://en.wikipedia.org/wiki/Terrorism_in_Australia

In 2014 hat es in Australien zwei Terroranschläge gegeben, die von den Behörden mit islamistischen Hintergrund in Verbindung gebracht wurden (in beiden Fällen hat es sich allerdings um die Taten von Einzelgängern ohne Verbindung zu einer Terrorgruppe gehandelt):

·         Am 23 September 2014 hat ein 18-jähriger 2 Polizeibeamte in einer Polizeiwache südlich von Melbourne angegriffen und wurde bei dem Vorfall erschossen.

·         Am 15 Dezember 2014 nahm ein selbsternannter „Sheikh“ 17 Menschen in einem  Café in Sydney als Geiseln. Am Morgen des nächsten Tages stürmte die Polizei das Café mit dem Resultat, dass der Geiselnehmer und zwei Geiseln erschossen wurden und vier weiter Menschen verletzt wurden.

Insbesondere die Geiselnahme in Sydney hat Politiker und die Öffentlichkeit alarmiert. Aber bereits vor dem Anschlag wurden strikte Anti-Terror-Maßnahmen eingeführt:

·         Die Australian Security Intelligence Organisation (ASIO), bekommt die Autorität, in Zukunft praktisch unbegrenzt auf Kommunikationsnetze zuzugreifen.

·         Die Strafen für Journalisten und Whistleblower, die „sicherheitsrelevante“ Informationen veröffentlichen, wurden drakonisch erhöht.

·         Vorratsdatenspeicherung: alle Metadaten zu Kommunikationsvorgängen müssen durch die Provider 2 Jahre vorgehalten werden.

·         Es wurde eine neue Straftat der „Verteidigung des Terrorismus“ im Strafgesetzbuch eingeführt. Bei Verdacht auf diese Straftat können Verdächtige ohne Anklage festgenommen werden.

·         Jeder Australier der ohne „legitimen Grund“ in bestimmte Weltregionen reisen möchte, die das Außenministerium formal als “declared area” bezeichnet, kann daran gehindert werden.

Gesellschaft.

Australien ist eines der reichsten Länder der Welt; das mittlere Einkommen vor Steuern aller 9,3 Millionen Haushalte ist 145.000 AUS$. http://www.businessinsider.com.au/chart-the-average-australian-households-income-is-145400-heres-what-they-spend-it-on-2014-9

Zwar ist der Mittelwert durch die hohe Anzahl sehr wohlhabender Haushalte verzerrt, aber das Median-Einkommen[1] aller Haushalte ist immer noch 72.000 AUS$.

Dies ist ein Anzeichen dafür, dass es in Australien eine starke Mittelschicht gibt.

Diverse Regierungen haben, unterstützt durch diese Mittelschicht, ein hochwertiges Soziales Sicherungssystem geschaffen in dem sich alle Beteiligten bemühen, keine Menschen zurückzulassen.

Das Australische Bildungssystem bietet nach der Schule (primary + secondary education) eine zweigeteilte höhere Ausbildung an:

·         Berufsvorbereitend in öffentlichen Institutionen die als “Technical And Further Education” oder TAFE bezeichnet werden.

·         Akademische Ausbildung an Universitäten.

TAFE-Institute bieten eine Vielfalt von Abschlüssen an, einschließlich Bachelor. Studenten können ihre Ausbildung, die sie an einem TAFE – Institut angefangen haben, auf der Universität vervollständigen. Die Universitäten können mit europäischen Universitäten mithalten.

In Australien gibt es nach Ansicht von Experten eine der besten öffentlichen Krankenversicherungen der Welt (Medicare);  ergänzt wird diese durch private Krankenversicherungen. Der Krankenversicherungsbeitrag ist zurzeit 2% des Brutto-Einkommens – dazu gibt es Förderung für einkommensschwache Familien.

Der Spitzensteuersatz der Einkommenssteuer beträgt 30 %.

Einwohner mit permanenter Aufenthaltserlaubnis bekommen ab dem 67 Lebensjahr eine steuerfinanzierte Grundrente von AU$ 383/Woche für Alleinstehende und AU$ 577,40 für Paare.

Darüber hinaus gibt es ein kapitalgedecktes Rentensystem über strikt regulierte Fonds (Super Annuation Funds) – der Arbeitgeberbeitrag ist zurzeit 9,5 % des Bruttogehalts – jeder Arbeitnehmer kann freiwillig steuermindernd bis zu einer gesamten Obergrenze von AU$ 30.000 p.a. aufstocken. Die Erträge der besten Fonds in 2014 betrugen 9,3 – 12,7 %.

Migration.

Australien ist DAS Einwanderungsland. Die Bevölkerung in 2014 betrug ca. 23 Mio Einwohner – nach dem 2. Weltkrieg waren es nur ca. 7 Mio. Die australische Gesellschaft ist offen und liberal – Einwanderer können sich in der Regel sehr gut integrieren.

Einwanderungswillige  unter 45 Jahren und mit guter Ausbildung (das kann ein Handwerk sein) bekommen ohne Probleme in Australien ein „Limited Work Visa“ für 4 Jahre. Nach 2 Jahren Arbeit in Australien kann eine permanente Aufenthaltserlaubnis beantragt werden.

Herkunft von Migranten der ersten Generation und Anteil an der Gesamtbevölkerung aus dem Jahr 2010:

Top 10 Länder aus denen Einwanderer kommen

Absolute Anzahl  Einwohner die in diesen Ländern geboren sind (2010)

Relativer Anteil an der Gesamt-bevölkerung

United Kingdom

1.192.878

5,16%

Neuseeland

544.171

2,35%

China

379.776

1,64%

Indien

340.604

1,47%

Italien

216.303

0,94%

Vietnam

210.803

0,91%

Philippinen

177.389

0,77%

Südafrika

155.692

0,67%

Malaysia

135.607

0,59%

Deutschland

128.558

0,56%

Im Vergleich zur Einwanderung aus UK oder Asien ist der Anteil von Einwanderern aus muslimischen Ländern verschwindend gering. Ich habe bisher keine Vorbehalte gegen Muslime wahrgenommen.

Für muslimische Frauen gibt es keinerlei Einschränkungen Hijab oder Burka zu tragen.

Ein Vorstoß der Regierung in 2014, das Tragen von Burkas im Parlamentsgebäude von Canberra zu untersagen, wurde nach wenigen Wochen kritischer Behandlung in den Medien (Die Regierung konnte nicht beantworten, ob überhaupt mal eine verschleierte Muslima das Parlament besucht hat) vom Premierminister persönlich zurückgezogen.

Asylsuchende und Flüchtlinge.

https://www.humanrights.gov.au/asylum-seekers-and-refugees-guide

1.       Asylsuchende, die ein gültiges Visum haben und in Australien Asyl im Rahmen des Flüchtlings-Schutzprogramms beantragen, werden durch die zuständige Behörde („Department of Immigration and Border Protection“) nach den Statuten der Genfer Flüchtlingskonvention bezüglich der Anerkennung des Flüchtlingsstatus beurteilt.

2.       Asylsuchende ohne gültiges Visum:

Seit August 2012 wurde eine Politik des „Offshore-Processing“ für Flüchtlinge eingeführt, die ohne gültiges Visa per Boot anlanden („Irregular Maritime Arrivals – IMA“):

Die Australische Regierung hat mit den Regierungen von Papua Neuguinea (PNG) und Nauru Umsiedlungsvereinbarungen abgeschlossen. Asylbewerber ohne gültiges Visum werden dorthin in  Internierungslager deportiert während ihre Ansprüche beurteilt werden.  Aber auch in dem Fall, dass ihre Ansprüche auf einen Flüchtlingsstatus positiv beschieden werden, können diese Menschen sich nicht in Australien niederlassen, sondern müssen in PNG bzw. Nauru bleiben (Nebenbemerkung PNG ist eines der gewalttätigsten Länder der Welt).

Insgesamt sind die Zahlen der Irregular Maritime Arrivals überschaubar.

Herkunft

illegale Landungen 01.09.2013 – 31.08.2014

Ägypten

281

Iran

256

Pakistan

246

Libyen

158

Irak

83

Afghanistan

78

China

56

Papua Neuguinea

50

Syrien

49

Sri Lanka

32

andere

258

Befürchtungen über eine Flüchtlingswelle aus islamischen Ländern relativieren sich durch diese Zahlen stark.

Die Australische Asylpolitik und die Zustände in den Internierungslagern, haben der Australischen Regierung einen handfesten Konflikt mit der UN-Menschenrechtskommission eingebracht. Außerdem haben sich die Beziehungen zu Indonesien deutlich verschlechtert, nachdem es in den letzten 2 Jahren mehrfach vorgekommen ist, dass Boote mit Flüchtlingen von der Australischen Marine abgefangen und unter Verletzung der indonesischen Hoheitsrechte nach Indonesien geschleppt wurden.

Multikulturelle Gesellschaft und Drogen.

In Australischen Großstädten gibt es durchaus Problemviertel wie etwa München/Hasenbergl oder Hamburg/Schanzenviertel aber definitiv keine „No-Go areas“.

In Melbourne und Sydney gibt es multikulturelle Gesellschaften, die im Vergleich zu europäischen Großstädten gut funktionieren (ein Nachbar von mir ist auf eine Schule gegangen, in der „weisse“ Schüler mit ca. 30% deutlich in der Minderheit waren und hat sehr positive Erinnerungen an die Schulzeit).

Die Geiselnahme in Sydney war zwar ein tiefgreifendes Ereignis für die australische Gesellschaft, dennoch verblasst sie hinter einem 8-fachen Mord den vier Tage später eine junge Mutter von den Torres Strait Islands an ihren Kindern und einer Nichte im Drogenrausch begangen hat.

Drogen- und  Alkoholmissbrauch ist eines der größten Probleme der australischen Gesellschaft – anfällig für Drogen sind „Young Professionels“ aber auch die marginalisierten dieser Gesellschaft – die Aborigines.

Aborigines.

Die Aborigines und die Bewohner der Torres Strait Islands sind die indigenen Völker Australiens. Sie setzen sich aus ca. 250 Sprachgruppen und Nationen zusammen und bilden die älteste kontinuierlich existierenden Kultur der Welt[2]. Ihr Lebensstil und ihre Identität sind jedoch bedroht durch Versuche, sie in eine “westliche” Lebensweise zu integrieren.

Die Aborigines sind in allen negativen Kennziffern überrepräsentiert:

·         Aborigines stellen knapp 3% der Australischen Gesamtbevölkerung. Aus diesen 3% rekrutieren sich 28% der Insassen in australischen Gefängnissen.

·         Häusliche Gewalt, Alkoholkrankheit und Drogenkonsum sind signifikant höher als bei nicht-indigenen Australiern.

·         Der Unterschied zur Lebenserwartung weißer Australier beträgt 14 Jahre.

·         Die Kindersterblichkeitsrate liegt bis zu viermal höher als bei nicht-indigenen Australiern.

·         Gemeinden der Aborigines haben deutlich schlechteren Zugang zu medizinischer Versorgung, angemessenen Wohnungen, sauberem Wasser, Elektrizität und Schulen. Je abgelegener die Gemeinschaft, desto kritischer die Situation.

Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Der Löwenanteil der Aborigines sitzt wegen Verkehrsdelikten und Drogendelikten ein (meist in Verbindung miteinander).
  • „Stolen Generation“: bis in die Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden Aborigine-Kinder und Jugendliche durch Zwangsadoption ihren Familien weggenommen. Diejenigen, die noch von dieser Praxis betroffen sind, werden doppelt so häufig wie ihre Altersgenossen auffällig.
  • Fötales Alkoholsyndrom. Viele Kinder und Jugendliche sind durch erhöhten Alkoholkonsum ihrer Mutter während der Schwangerschaft in ihren Alltagsfähigkeiten behindert und gesundheitlich beeinträchtigt.
  • Für Aborigines spielt das Land der Eltern und Vorväter eine wesentliche Rolle. Aborigines, die weit entfernt vom Land ihrer Vorväter leben, sind statistisch signifikant anfälliger für Drogen- und Alkoholkonsum.
  • Funktionierende Stammesverbände und Familien sind oft in Auflösung begriffen.
  • Rassistische Diskriminierung im Alltag.

Das UN Committee On The Elimination Of Racial Discrimination (CERD)  forderte die australische Regierung mehrfach dazu auf, dafür zu sorgen, dass ihre Politik bezüglich der Aborigines und der Bewohner der Torres-Strait-Inseln die internationalen Konventionen erfüllt, ganz besonders die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker und die ILO-Konvention Nr. 169.

Momentan spielt sich ein Wandel in der Position der Frau in den Aborigine-Gemeinden ab: Frauen verlassen häufiger gewalttätige Ehemänner (dies widerspricht eigentlich dem Verhaltenskodex der Frau in der Aborigine-Gesellschaft) und mehr Frauen werden Stammesführer (Elderwomen).

Rassismus.

Die Australische Gesellschaft ist liberal, offen und lebt von der Vielfalt der Einwanderer – da war es für mich unmöglich, mir vorzustellen, dass es Rassismus geben kann.

Die Isolation von Bevölkerungsgruppen in sozial schwachen Gebieten betrifft praktisch ausschließlich die Aborigines – nicht Muslime, Asiaten, Inder und schon gar nicht Immigranten aus Europa.

Es existiert jedoch eine bestimmte Schicht „weißer“ Australier, die wenig Verständnis sowohl für Aborigines als auch für Einwanderer hat und auch kein Interesse aufbringt, sich mit deren Kulturen auseinanderzusetzen – dies ist eine beständige Quelle rassistischer Konflikte.

Im persönlichen Gespräch mit Bekannten oder Nachbarn über die Situation der Aborigines hören wir wir oft die Antwort „… die sind ja nie nüchtern …“.

Allerdings ist es in 2013 und 2014 mehrfach vorgekommen, dass Touristen in der S-Bahn belästigt wurden, weil sie sich in Ihrer Muttersprache unterhalten haben (dummerweise gibt es jetzt Facebook und Twitter – und solche Zwischenfälle gehen in Stunden rund um die Welt).

Auch die Beurteilung von Menschen aus Asien und Afrika ist oft von Rassismus geprägt.

So hat mich in 2012 eine Bekannte davor gewarnt, einen bestimmten Markt zu besuchen  „ … da sind so viele Schwarze und man weiß ja, dass die alle Waffen tragen …“. Das mag ein besonders böses Negativbeispiel sein, aber Bemerkungen dieser Art habe ich inzwischen mehrfach gehört.

Wirtschaft.

Der Wohlstand Australiens ist im Wesentlichen ein Ergebnis des Rohstoffreichtums Australiens.

http://www.ga.gov.au/scientific-topics/minerals/mineral-resources/aimr/table1#g

Auszug daraus:

Resource

Australiens Anteil  an den weltweiten Reserven

Tantal

65,0%

Zirkon Sand

58,4%

Rutile Sand

57,1%

Blei

39,8%

Uran

33,6%

Diamanten

33,4%

Eisenerz

28,1%

Nickel

25,4%

Zink

25,1%

Bauxite

23,1%

Die Herausforderung besteht darin, dass Australien die Abhängigkeit von den Rohstoffen schrittweise reduzieren muss. Schon 2013 und 2014 hat sich die geringfügig reduzierte Nachfrage nach Rohstoffen aus China deutlich im australischen Haushalt bemerkbar gemacht.

Die Australische Industrie befindet sich im Umbruch: Im Bundesstaat Victoria, in dem wir leben, werden bis 2017 die Werke von Ford, Toyota und Holden geschlossen. Ein großer Schiffsausrüster (600 Mitarbeiter) in Williamstown hat nur noch Aufträge für 6 Monate …

Allerdings zeigen sich bisher wenig Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt, die Arbeitslosenrate ist mit 6,1% (Januar 2015) moderat.

Die Australische Politik muss dringend eine Vision entwickeln, wie es mit Australien in einem härter werdenden Wirtschaftsklima weiter geht.

IT und High-Tech-Industrie entwickeln sich, haben aber noch nicht die Innovationskraft wie z.B. in Deutschland. Medizin und Pharmazie haben wegen hochwertiger Forschungen auf dem Gebiet in Australien ein großes Potenzial.

Schlussfolgerung.

Wenn man von der Situation der Aborigines absieht, gibt es in Australien keine „Parallelgesellschaften“. Im Gegensatz zu den meisten Europäischen Staaten sind die Aufstiegschancen für Migranten hoch (bei jeder Auszeichnung „Australier des Jahres“ ist mindesten ein Migrant dabei).

Bemerkenswerterweise ist Australien eines der wenigen demokratischen Ländern mit Wahlpflicht (ich habe aber noch nicht gehört, das die Australier sich darüber beschweren) – deswegen verbieten sich Vergleiche bezüglich der Wahlbeteiligung mit fast allen Europäischen Ländern.

Ich sehe nur geringe Gefahr, dass sich die Welle des islamistischen Terrors auch in Australien fortsetzt (dies wird natürlich auch davon abhängig sein, wie sich die Regierung in der Zukunft mit der Unterstützung der Luftschläge gegen den IS verhält).

Australien hat sehr gute Bedingungen, um einer globalisierten Welt weiter zu bestehen:

·         Ressourcenreichtum

·         Gutes Bildungsniveau mit guten Universitäten

·         Eine hervorragende soziale Infrastruktur

·         Eine offene und integrative Gesellschaft

Australien muss dringend erheblich mehr für die indigene Bevölkerung tun – erste positive Aktivitäten gibt es zwar, allerdings sind das vorerst Aktivitäten aus „Graswurzel“-Bewegungen und werden, wenn überhaupt, nur zögerlich von der politischen Führung getragen.

Leider – und damit sind wir auch wieder bei dem Problem des internationalen Terror – ist es schwierig, in einer Zeit, in der Millionen von Menschen durch Gewalt bedroht sind, die internationale Aufmerksamkeit auf weniger als 600.000 Aborigines zu lenken.

JR


[1] wenn alle Haushalte in einer Reihe nach dem Einkommen sortiert werden, ist das Median-Einkommen das Einkommen des Haushaltes in der Mitte der Reihe

[2] z.B. in http://www.australiangeographic.com.au/news/2011/09/dna-confirms-aboriginal-culture-one-of-earths-oldest/

Roland Dürre
Mittwoch, der 19. November 2014

Dr. Schreber und das Korsett meiner Mutter

Schreber_(1883)_b_372Wer kennt den Dr. Moritz Schreber?
(* 15. Oktober 1808 in Leipzig;
† 10. November 1861 ebenda)

Den berühmten und berüchtigten deutschen Erzieher?
Den Berater der Eltern?
Den Autor des berüchtigten Erziehungsratgebers Kallipädie (1858)?
Den Konstrukteur praktischer (Folter-)Geräte für die Ausrichtung der jüngsten in der Familie?
Wer kennt ihn, nach dem der Schrebergarten benannt ist?
Denn ein nach Schrebers Tod 1864 vom Leipziger Schuldirektor Ernst Innozenz Hauschild gegründeter Verein bekam ihm zu Ehren seinen Namen.

Ich bin auf Dr. Schreber im Kabarett aufmerksam geworden. Der von mir so geschätzte und geliebte Jörg Hube hat sich für uns in seinem Kabarett „Herzkasperl’s Biograffl“ in nach Dr. Schrebers Zeichnungen nach gebaute Konstruktionen hinein gepresst.

Und hat uns auf zynische Weise demonstriert, wie grausam Kindererziehung sein kann und damals wohl normal war. Und dass man tatsächlich um tugendhafte Haltung zu erzwingen den Kindern Foltergeräte verpasst hat.

Zu Dr. Schreber ein Zitat aus Wikipedia:

„Geradhalter“ für korrekte Sitzhaltung

„Geradhalter“ für korrekte Sitzhaltung

Im programmatischen Vorwort des Erziehungsratgebers Kallipädie (1858) schrieb er:

Selbst sehr mangelhafte Naturmitgabe ist oft in staunenswerter Weise ausgleichbar durch wohlberechnete Erziehung, wovon die augenfälligsten maßgeblichen Beispiele in den immer höher steigenden Resultaten der Erziehungsanstalten für Taubstumme, Blinde, Blödsinnige, Cretinen, sittlich verwahrloste Kinder u. s. w. zu erblicken sind. Die glücklichste Naturmitgabe ist aber der Verkümmerung preisgegeben, wenn die erziehende Entwicklung derselben fehlt.

Der Begriff der Gesundheit schloss in dieser Zeit auch den Gedanken an „gesunde Triebabfuhr“ mit ein, weshalb Schreber unter anderem mit mechanischen Geräten zur Verhinderung der Masturbation experimentierte. Überdies empfahl er Axthauen und Sägebewegungen, in schwierigen Fällen abendliche kalte Sitzbäder, Kaltwasserklistiere und das Abreiben der Schamgegend mit kaltem Wasser.

Um gesunde Körper zu formen, konstruierte Schreber außerdem zahlreiche Apparaturen: etwa orthopädische Kinnbänder, um Fehlbissen vorzubeugen, Schulterriemen, die das Kind im Bett in Rückenlage hielten, und „Geradhalter“ für aufrechtes Sitzen

Die Folgen seiner schrecklichen Erziehungsmethode bekamen auch seine eigenen Kinder zu spüren.

Dazu noch ein Zitat aus Wikipedia.

Orthopädisches Kinnband zur Vermeidung eines Fehlbisses

Orthopädisches Kinnband zur Vermeidung eines Fehlbisses

Schrebers Frau Pauline (1815–1907) war die Tochter des Mediziners Wilhelm Andreas Haase und hatte Karl Friedrich Christian Wenck zum Onkel. Sie hatten drei Töchter und zwei Söhne.

Der älteste Sohn Daniel Gustav (1839–1877) beging Suizid. Der zweite Sohn war der sächsische Richter und kurzzeitige Senatspräsident am Oberlandesgericht Dresden Daniel Paul Schreber, dessen autobiografische Beschreibung seiner schweren psychischen Erkrankung Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken (1903) von Sigmund Freud auf der theoretischen Grundlage der Psychoanalyse interpretiert wurde.

Dazu ist mir dann das Korsett meiner Mutter eingefallen. Das ist nur gut 50 Jahre her. Es war auch ein schreckliches Teil. Es sollte die Figur betonen und war eine Art „Body“ aus elastischem Material, in das flexible, gräten-ähnliche Metallstäbe eingenäht waren. Auf dem Rücken war es offen und wurde dann mit Serie kleiner Häkchen verschlossen.

Und wenn man dann am Sonntag ausging oder die Verwandtschaft besuchte wurde dies Korsett unter dem Kostüm getragen. Und das Anlegen war ein grausamer Prozess. Denn natürlich wurde meine Mutter auch im Laufe der Jahre nicht schlanker. Und das Korsett so immer enger und brutaler.

Die schlechte Laune war dann vorhersehbar und wir Kinder mussten es ausbaden. Und die Eltern wunderten sich, wenn es der Mutter dann schlecht wurde und sie unter Rückenschmerzen litt. Das waren schon nette Zeiten damals.

So hat sich des unheimlichen Dr. Schrebers Fluch von den Kindern in die Welt der Frauen verlängert.

RMD

Das Bild wie die beiden Abbildungen stammen aus dem recht lesenswerten Artikel in Wikipedia zu Dr. Moritz Schreber, aus dem ich zitiert habe.