Roland Dürre
Dienstag, der 31. März 2020

Pressemeldung des Ethikverbandes der deutschen Wirtschaft

 

Berlin/ Frankfurt, 29. März 2020
Der Ethikverband der deutschen Wirtschaft distanziert sich von der Aussage des Bundesfinanzministers.

Mein Freund Klaus-Jürgen Grün ist Vizepräsident des Ethikverbandes der deutschen Wirtschaft. Jetzt hat er sich zu Wort gemeldet. Er meint, dass es zu Krisen gehört, dass gewohnte Regeln außer Kraft gesetzt werden. Von vielen Seiten erleben wir dann auch Versuche, verlorene Kontrolle wiederzugewinnen. Er wünscht sich freilich auch, dass dem alten Dogma, Ökonomie könne nicht am Wohl der Menschen interessiert sein, frühzeitig widersprochen wird. Aus diesem Anlass hat er gemeinsam mit dem Präsidium des Ethikverbandes in den vergangenen Tagen eine Erklärung entworfen, die auch als eine Warnung vor der Moral verstanden werden will.

Ich veröffentliche diese Erklärung im IF-Blog:


 

Ethikverband der deutschen Wirtschaft
distanziert sich von der Aussage
des Bundesfinanzministers

Bundesfinanzminister Olaf Scholz sagte der Bild am Sonntag: „Ich wende mich gegen jede dieser zynischen Erwägungen, dass man den Tod von Menschen in Kauf nehmen muss, damit die Wirtschaft läuft.“ Der Ethikverband der deutschen Wirtschaft distanziert sich ausdrücklich von dieser Aussage. Das zum einen, weil sie suggeriert, dass ökonomisches Handeln und menschliches Leben im Gegensatz zueinander stünden. Zum anderen wird ein moralisches Argument, dem kaum jemand zu widersprechen wagt, wenn er sich nicht einem gewaltigen Shitstorm aussetzen will, dazu genutzt, aktuelle politische Entscheidungen zu rechtfertigen. Wie lebensnah und vor allem wie sinnvoll die Forderung des Bundesfinanzministers, die Wirtschaft müsse hinter dem Leben zurückstehen tatsächlich ist, wird sich vermutlich erst nach der derzeitigen Krisensituation zeigen. Schon jetzt ist jedoch klar, dass der volkswirtschaftliche Schaden immens und die damit einhergehenden Konsequenzen für das Leben vieler Menschen verheerend sein werden. Insbesondere vom Bundesfinanzminister wünschen wir uns keine moralisierenden Totschlagsargumente, die außer Acht lassen, dass es derzeit um Existenzen geht.

Unabhängig davon nehmen wir jeden Tag in Kauf, dass in unserer Gemeinschaft Menschen ums Leben kommen können, zum Beispiel im Straßenverkehr oder bei der Ausübung ihres Berufs. Insofern ist es mehr als fraglich, ob wir den Anspruch, eine Abwägung unter Inkaufnahme von Menschenleben dürfe grundsätzlich nicht stattfinden, überhaupt seriös aufrechterhalten können. Faktisch passiert genau das schon jeden Tag. Ein gutes Beispiel für die moralisierende Art und Weise mit diesen Themen umzugehen, ist auch die aktuelle Debatte um die Priorisierung von Patienten im Krisenfall in der Medizin. Katastrophen sind offenbar auch in diesem Kontext dazu angetan, Selbstverständlichkeiten aus dem Blick zu verlieren. So wie Leben und ökonomisches Handeln zwei Seiten ein und derselben Medaille sind, so ist es in medizinischen Berufen geradezu „normal“, dass es – etwa in der Notaufnahme von Krankenhäusern – zu Situationen kommt, in denen entschieden werden muss, wem unter den jeweils gegebenen Umständen zuerst geholfen werden sollte.

Faktisch treffen Ärzte bei jeder Operation Entscheidungen, die fundamental sind und die wir, während wir auf dem Operationstisch liegen, nicht beeinflussen können. Statt diese Tatsache zu akzeptieren, ist auch hier das Mittel der Wahl für die scheinbare Lösung des Problems die Ethik. Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), bringt es auf den Punkt wenn er versichert: „Selbst in dieser schwierigsten aller Situationen wird nicht einfach nach dem Bauchgefühl entschieden“. Um das sicherzustellen, haben am vergangenen Donnerstag Experten aus sieben medizinischen Fachgesellschaften eine Handlungsanweisung veröffentlicht, die Ärzten dabei helfen soll, in der wohl schwierigsten Entscheidungssituation ihres Berufs das „Richtige“ zu tun.

Der zentrale Forschungsgegenstand von Gerd Gigerenzer, Direktor des HardingZentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin ist die Frage, wie rationale Entscheidungen unter Unsicherheit zustande kommen. Bauchgefühl hat für Gigerenzer keineswegs die Konnotation von Willkür. Vielmehr konnte Gigerenzer zeigen, dass Menschen unter Unsicherheit auf der Basis von Heuristiken, also Regeln, die auf Erfahrungswissen beruhen, ihre Entscheidungen treffen. Auch dem Kapitän eines Passagierflugzeuges in einer Notsituation kann niemand die Entscheidung abnehmen, wie und wo er die Notlandung beim Ausfall aller Triebwerke einleitet. Die vor ein paar Jahren erfolgte Entscheidung, eine Verkehrsmaschine auf dem Hudson-River in New York notzulanden, hat der Pilot selbst getroffen. In Sekundenschnelle hatte er einkalkulieren müssen, dass bei einer missglückten Notlandung im Hudson-River zwar Passagiere, vielleicht alle, um Leben kämen, bei einem Absturz über der Stadt allerdings noch mehr Tote und Verletzte zu beklagen gewesen wären. Der Pilot aktivierte seine erlernten Fähigkeiten und übernahm Verantwortung, indem er auf der Basis seiner Erfahrung und seiner Kompetenz handelte.

Wenn es um das ethisch-moralische Prinzip der Verantwortung und darum geht, zu entscheiden, erreichen wir irgendwann einen Punkt, an dem sich Verantwortung nicht mehr verschieben oder delegieren lässt. Einem Arzt, der ein Beatmungsgerät, aber drei gleichermaßen schwerstkranke Lungenpatienten hat, dem wird die Regel, Menschenleben dürften nicht gegeneinander verrechnet werden, nichts helfen. Vielmehr wird sie ihn vor eine Unmöglichkeitsforderung stellen, aus der entweder der Verstoß gegen die Regel, Verwirrung und im schlimmsten Fall Nichtstun folgt. Ethik ist insofern auch als Warnung vor der Moral zu verstehen. Der Ethikverband der deutschen Wirtschaft fordert, dass der Finanzminister die gefährdeten Existenzen in unserem Wirtschaftssystem nicht zum Gegenstand einer moralisierenden Aufrechnung macht, die ihm nicht zusteht.

Dr. Irina Kummert, Präsidentin Ethikverband der deutschen Wirtschaft e.V. Prof. Dr. Klaus-Jürgen Grün, Vizepräsident Ethikverband der deutschen Wirtschaft e.V.


 

Es wundert nicht, dass diese Erklärung mir aus dem Herzen spricht. Und ergänzend: Ich meine, Ökonomie muß am Wohl der Menschen interessiert sein. So habe ich schon öfters hier geschrieben:

„Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen, nicht der Mensch der Wirtschaft!“

Da füge ich gerne hinzu:

„Die Politik (der Staat, die Wissenschaft) muss dem Menschen dienen, nicht der Mensch der Politik (dem Staat, der Wissenschaft).

RMD

Carl und Gerlinde (Folge 64)

Dachte Carl, als er an diesem Sonntag nach der Zeitumstellung auf Sommerzeit, im Morgengrauen bzw. grauen Morgen schon um 8 Uhr 30 vors Haus trat, um sich auf den Weg zum Bäcker zu machen. Ein scharfer Wind pfiff ihm um die Nase und seinen empfindlichen Hals, den er nur sehr flüchtig mit Gerlindes grauem Schal gegen die eisige Polarluft geschützt hatte.

Verdrießlich stapfte er die menschenleere Straße entlang, natürlich mit seinem Smartphone samt Schrittzähler-App, das er neuerdings immer dabei hatte, um Gerlinde zu zeigen, was er trotz Corona-Krise alles für seinen geschundenen Körper tat. Allerdings hätte es nach seinem Empfinden, nach dieser unruhigen Nacht, voll sorgenvoller Gedanken, nicht unbedingt der üblichen frischen Brötchen beim sonntäglichen Frühstück mit Ei und der Sonntags–FAZ  bedurft! Insbesondere nicht nach diesem neuerlichen Kälteeinbruch und der akuten Corona–Krise, die sich ja beängstigend ihrem Höhepunkt, hinsichtlich nachgewiesener Infektionen und Todesfälle, näherte.

Mit halb geschlossenen Augen stapfte Carl schlechtgelaunt und mit wenig Hoffnung auf baldige positive Änderungen in naher Zukunft sowohl in seinem Wohnort R., als auch in Europa und USA, den Gehsteig entlang, vorbei an dem windschiefen Zaun des noch immer unbebauten und entsprechend ungepflegten Grundstückes, sowie an dem ausladenden Gebäude des örtlichen Getränkelieferanten, dem die aggressiven Corona-Viren natürlich auch übel mitspielten.

An der Querstraße bog Carl nach rechts ab und sah schon von weitem seine Bäckerei, in der die angedrehten Lichter signalisierten, dass sie nicht nur in Betrieb war, sondern wie üblich auch sonntags Vormittag geöffnet hatte.

Gott sei Dank ohne Menschenschlange davor! Was sicher der Tatsache geschuldet war, dass er vielleicht doch schon etwas spät dran war und vermutlich froh sein musste, wenn er überhaupt noch seine zwei Mohnbrötchen und Gerlindes gewünschte Sonnenblumenbrötchen bekam; an einen Wecken Weißbrot wagte er gar nicht mehr zu denken.

Aber immerhin war durch die gähnende Leere weit und breit das Ansteckungsrisiko, dem er sich Gerlinde zuliebe aussetzte minimiert. Immerhin minimiert – was ja nicht wenig war, sagte er sich und trat plötzlich freudig gestimmt, ohne die diversen Schilder an der Eingangstür zu beachten, in den im wohl vertrauten Laden.

Oh – da war ja schon jemand drinnen! Entschuldigung, stammelte Carl erschrocken!

Doch ehe er umkehren konnte, donnerte ihm der bullige Kunde an der Verkaufstheke, vom Typ ‚Blockwart’, mit funkelnden Augen und wutverzerrtem Gesicht, ein derart schrilles und ohrenbetäubendes  „Können sie nicht Lesen???“ entgegen, dass Carl wie  betäubt nach rückwärts Richtung Eingangstür taumelte. Da im selben Augenblick ein neuer Kunde von außen die Tür öffnete, torkelte Carl automatisch nach draußen und  trat peinlicher Weise einer weiteren Kundin noch auf die Zehen.

Die ziemlich korpulente Dame schrie auf und rief verärgert dem davon hetzendem Carl nach, ob er zu blöd sei, aufzupassen und Abstand zuhalten? So ein ungehobelter Flegel, bekräftigte ein rotgesichtiger dicker Mann, den Carl aber nicht mehr hörte, da er bereits im Laufschritt heim zu seiner Gerlinde eilte, um ihr mit bedauernder Miene und kurzem Atem mitzuteilen, dass die Bäckerei  leider ab sofort auch sonntags geschlossen sei.

Wie das wohl noch enden würde fügte er stöhnend hinzu, als er sich an den sorgfältig gedeckten Frühstücktisch quetschte und ohne weiteren Kommentar nach der Zeitung griff.

KH

Roland Dürre
Sonntag, der 5. Januar 2020

Digitalisierung auf Deutsch: Der BON.

Zum Jahreswechsel hat die neue „Bon-Pflicht“ im Einzelhandel ein wenig Furore gemacht. Denn ein vor drei Jahren (noch von der letzten Bundesregierung) beschlossenes und ziemlich veraltetes Gesetz dazu wurde am 1. Januar 2020 wirksam.

Deshalb ist der agile Altmeier am Jahresende erschrocken. Und wollte da noch schnell etwas ändern. Das Gesetz aussetzen oder zumindest verschieben. Aber die SPD hat ihn abblitzen lassen, indem sie auf den Koalitionsvertrag verwiesen hat.

Wahrscheinlich war das Ganze nur ein kluges Manöver vom schlitz-ohrigen Altmeier, um die SPD jetzt endlich unter die 5 % – Grenze zu bringen. Und bei aller Liebe, eine Partei die Papier-Bons vorschreibt, kann man wirklich nicht mehr wählen. Es sei denn, sie wäre eine Satire-Partei.

Mit dem Gesetz hofft man, einen Steuerbetrug von 50 Milliarden EURO im Jahr einzudämmen. Vorgestern war das Bon-Gesetz Thema des Tagesgesprächs im Bayerischen Rundfunk, das ich immer gerne höre. Die Reaktionen der Anrufer in der Sendung  waren überwiegend nicht begeistert.

Irgendwie ist es ja auch geisteskrank, wenn wir jetzt meinen, mit dem Drucken und Vernichten von kleinen Papier-Bons eine größere Steuergerechigkeit zu erzielen. Besonders, wenn der Käufer den Beleg gar nicht an und mit nehmen muß, um dann bei einer Brezel-Kontrolle durch die Finanz-Polizei belegen zu können, dass er seine Brezel eben nicht schwarz gekauft hat. So wie bei das in den Vorbild-Ländern Italien und Griechenland ist bzw. war.

Wenn man das Gesetz wohlwollend interpretiert, ist es ein gut gemeinter aber schlecht gemachter Versuch, Steuergerechtigkeit auch bei kleinen Unternehmen wie Bäckereien, Metzgereien oder Gaststätten durchzusetzen. Denn der Schaden durch Steuervermeidung bei kleinen Mittelständler soll sich in ähnlicher Höhe bewegen wie bei den Gross-Betrügereien wie Cum-Ex, nämlich jeweils im zweistelligen Milliardenbereich pro Jahr.

😉 Und der Staat darf ja nicht nur die Großen fangen wollen. Das ist schwierig und klappt vielleicht nicht. Vielleicht kriegt man die Kleinen leichter? Und immer nur die Großen verfolgen und die Kleinen laufen lassen, ist ja auch nicht richtig.

Denn wenn wir dann in der Summe aufgrund von mehr Steuergerechtigkeit bei den kleinen – die eben auch Mist machen – und den großen Systembetrügern (cum ex etc.) und dann auch noch den internationalen Konzernen, die ihre Gewinne ja auch ziemlich steuerunschädlich verschieben plötzlich dreistufige Milliarden-Mehreinnahmen hätten, dann wär ja genug Kohle für die Transformation da, die die Klima-Veränderung und der strukturelle Wandel erfordern. Das wäre doch toll. Wir könnten uns volle Kraft voraus auf die Rettung der Umwelt stürzen!

Wobei ich einschieben möchte, dass man vielleicht einen Handwerksbetrieb, der im Rahmen seiner Wertschöpfung ein paar Brezen nicht versteuert, „moralisch“ anders bewerten kann als Unternehmen, die als Geschäftsmodell systematisch kreative Betrugsinnovation entwickelt und im großen Stil betreibt. Und auf irgendeine Art von Wertschöpfung dabei völlig verzichtet.

Aber diese Hoffnung (Klima- und Umweltschutz finanzierbar durchs Bongesetz) wird sich nicht erfüllen, denn moderne Gesetze haben keine Kraft mehr. Zuerst Mal machen sie alles immer kompizierter. So entstehen traumhafte neue Umgehungsmöglichkeiten. Durch eine Unmenge von Ausnahmeregelungen werden die Gesetze schon zum Start bis zur Wirkungslosigkeit abgeschwächt. Beispiele finden sich da beliebig weitere: Werbeeinschränkung für Tabak-Produkte, Lebensmittelgesetz, das Bon-Gesetz, Spekulationssteuer, die Gesetze zum Klima-Schutz usw. Und letztendlich werden die Gesetze nicht ausreichend kontrolliert; zum Teil können sie das auch nicht weil die Kontrolle unrealistisch oder zu teuer ist.

So erfüllen die meisten Gesetze ihren eigentlichen Zweck in der Regel überhaupt nicht. Man muss froh sein, wenn sie den Schaden nicht vergrößern, den sie vermeiden sollen.

Und wenn ein Gesetz einfach wäre, garantiert einen Erfolg hätte und auch noch leicht einzuführen wäre, dann wird es erst gar nicht gemacht. Das beste Beispiel ist das Tempolimit auf Autobahnen, Landstraßen und in Kommunen, mit dem man so einfach Leben. retten, Kohlendioxid einsparen und die Lebensqualität erhöhen könnte.

Aber gehen wir mal davon aus, Gerechtigkeit an sich ist wünschenswert und dies auch bei der Steuer. Betrachten wir das „Bon-Gesetz“ mal positiv. Das Ziel des Gesetzes war ja nicht, dass wir jetzt völlig sinnlos Papier drucken und dann auch gleich zu vernichten. Das ist zweifelsfrei sinnfrei, dürfte aber der einzige Effekt sein.

Das Ziel war, dass „elektronische Kassensysteme“ transaktionssicher werden. Wenn eine Transaktion rechtsmäßig abgeschlossen ist, dann muss ein deutliches Zeichen gesetzt werden. Soweit die Theorie.

Und deshalb wird, wenn die Breze verkauft und bezahlt ist, ein Papier gedruckt. Das ist der Bon, auf dem die eindeutige Idendität der Transktion (Transaktionsnummer), gerne als QR-Code gedruckt wird. Der Ausdruck ist das Zeichen, dass die Transaktion, der Eigentums- und Besitzübergang und auch die Bezahlung abgeschlossen sind.

Dass eine Transakation für alle Vertragspartner wahrnehmbar abgeschlossen und rückverfolgbar gespeichert wird, ist sicher nichts Unsinniges. Beim Bon-Gesetz verlangt der Gesetzgeber auch nur eine geeignete Maßnahme, zum Beispiel den Ausdruck eines Papiers, um den Abschluß der Transaktion zu offizialisieren.

Was wären die Alternativen?

Hätten wir eine vernünftige bargeldlose Bezahlkultur wäre das Einfachste. Dann würde ich beim Bäcker mein Mobiltelefon hinhalten, quittieren und hätte dann einen Beleg auf dem Handy. Und könnte in Ruhe nachschauen, wann ich mir wieviel Brezeln gekauft habe und was ich bezahlt habe.

Bei Verwendung von Bargeld ist das nicht ganz so einfach. Wenn ich die Bons mitnehme, was mache ich damit. Hefte ich sie ab? Wie könnte man das Ausdrucken des Bons ersetzen? Wahrscheinlich geht es nur mit Papier.

Ich könnte mir beim Bäcker einen Bildschirm vorstellen, auf dem ich den Einkauf sehe. Und wenn ich bezahlt habe, erklingt ein Jingle, und dokumentiert, dass die Transaktion im System des Bäckers abgeschlossen wurde und das Geld in dessen Kasse ist. Aber das würde dann vielleicht mit dem Datenschutz kollidieren.

Mich hat das Bon-Gesetz an von mir erlebte Computer-Kriminalität Ende der 70iger Jahre erinnert hat. Da ging es um den Druck von Fahrkahrten als Ergebnis und Beleg einer Transaktion vom Typ „Fahrkartenkauf“ am Reisebüroschalter. Es wurde kriminell, weil kluge Mitarbeiter einen Trick gefunden hatten, wie das System dazu gebracht wurde, die Fahrkarte zweimal zu drucken und der doppelte Ausdruck schwarz verkauft wurde. Da ging es nicht um Steuervermeidung sondern um private Bereicherung.

Wie wir das dann letztendlich mit einfacher Technologie unterbunden haben, habe ich am 17. August 2008 berichtet:
Computer Vintage #3 – Wie die Fahrkarten sich verdoppelten (1979/80)
🙂 Das ganze ist echtes Computer Vintage.

Zum Bon-Gesetz meine ich:
Das ganze ist wieder mal (k)ein Glanzstück unserer Regierung.  Es wird nichts bringen, außer Bürokratie und Müll. Den öffentlichen Raum in der Nähe von Bäckereien wird man daran erkennen, dass auf den Gehwegen neben dem üblichen Müll viele kleine Bons herumliegen.

Es zeigt aber wieder, dass die Damen und Herren in unserer Regierung nicht begriffen haben, was „Digitalisierung“ ist. Denn wenn es um Steuervermeidung geht, dann sollte man zuerst mal den digitalen Zahlungsverkehr ermöglichen. Und vielleicht daran denken, dass Steuerkontrolle und Datenschutz einfach ein Widerspruch sind.

Bei uns entstehen immer mehr Gesetze, die den Aufwand und die Bürokratie erhöhen und alles komplizierter machen. In Extremfällen sind die Anforderungen in Gesetzen unerfüllbar, weil sie sich elementar versprechen. Dem „edlen Ziel“, für das sie gemacht worden sind,  dienen sie aber nicht sondern bewirken oft das Gegenteil.

Die Bürger verstehen die Flut der Gesetze nicht mehr. Sie befolgen die Gesetze nicht, weil sie diese für sinnvoll halten. Nein, Gesetze werden nur noch eingehalten, wenn der Schaden durch die Strafe deutlich höher als der Nutzen der Gesetzesübertretung ist. So verkommt anständiges Verhalten zu einer schlichten Güterabwägung, man optimiert danach ob Nutzen oder Schaden des Gesetzesbruch überwiegen.  Soziale Kultur wird zerstört und auch der so wertvolle Rechtsstaat wird dadurch beschädigt.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 20. November 2019

Die CLOUD braucht keine Gesetze sondern Kultur.

Meine Aussage KULTUR GEHT VOR GESETZE gilt nicht nur für das „Leben in der Cloud“ sondern für jedes soziale System.

Laut Wikipedia ist ein Soziales System ein zentraler Begriff der soziologischen Systemtheorie, der eine Grenze zieht zum Ökosystem, zum biologischen Organismus, zum psychischen System sowie zum technischen System. Sie alle bilden die Umwelt sozialer Systeme. Mindestvoraussetzung für ein soziales System ist die Interaktion mindestens zweier personaler Systeme oder Rollenhandelnder (Akteure). 

Auch 2019: Ich war mal wieder Referent.

Pragmatisch sind Soziale Systeme „Menschenhaufen“ mit einer Anzahl von größer-gleich zwei Akteuren, die miteinander zielgerichtet interagieren und dabei Strukturen und Organisationen entwickeln. Unternehmen zum Beispiel sind soziale Systeme, die einem ökonomischen Zweck dienen und deren Strukturen und Organisation diesen dient.

Die Interaktion im sozialen System kann im realen Raum stattfinden – oder auch in einem vielleicht virtuellen, den wir mit der Metapher Cloud beschreiben. Wichtig ist nur die Möglichkeit der Interaktion und Kommunikation im sozialen System. Ansonsten ist es weder notwendig dass die (potentielle) Akteure sich kennen oder etwas gemeinsam haben, wie z.B. die gleiche Sprache oder Hautfarbe.

CLOUD steht für mich als Metapher für die digitale Welt, also für alles was mit Digitalisierung und Internet zu tun hat und auch gern als smart  bezeichnet wird.

Gerade in Deutschland wünschen sich viele (besonders die politischen Freunde mit dem dem „C“ im Logo) REGELN fürs Internet. So wie bei uns eh gerne nach mehr Gesetzen gerufen wird woe auch nach mehr Polizei, die auf die Einhaltung achtet. Und konsequenter Bestrafung der Täter.

Die große Koalition hat sich im November ein Zwischenzeugnis ausgestellt. Sie lobte sich selber, weil sie viele ihrer Vorhaben realisiert hat, in dem sie neue Gesetze gemacht hat. Sie ist zufrieden, einfach der Tatsache geschuldet, dass sie das Thema „abgehaken kann“. Weil es jetzt ein Gesetz gibt. Ohne den Inhalt bzw. die Wirkung desselbigen zu bewerten.

Was würde passieren, wenn ein Vorstand einer AG die Anzahl  neuer Betriebsvereinbarungen als Maß des Erfolges seiner Amtszeit nehmen würde? Würde das den Aktionären genügen?

Sorry, weder in der Regierung noch im Unternehmen besteht die Wertschöpfung aus dem Schreiben von immer mehr Gesetzen.

Ich glaube, dass wir in den meisten sozialen Systemen, die ich kenne, ein Zuviel an Regeln und Gesetzen haben. Die Welt wird dadurch immer komplexer, wir müssen sie aber einfacher gestalten. Außerdem zerstören Gesetze Vertrauen! Und sind nicht mehr umsetzbar, wenn sie überhand nehmen.

So braucht auch die CLOUD kein mehr an Gesetzen. Sondern Kultur!

Die CLOUD ist so wichtig für uns, weil sie die Maschine ist, die die Wissens- und Informationsgesellschaft betreibt. Sie ist das mächtigste Werkzeug der Menschheit. Und an keinem sozialen System der Welt nehmen so viele Menschen teil wie am Internet.

Wir dürfen es nicht „kaputt machen“. Das Internet muss eine Basis bleiben, die uns dient – und darf keine werden, dem wir dienen.

Wie war das nach der Industrialisierung?

Da gab es Henry Ford, der Autos in Serie bauen wollte. Es gab aber keine Arbeiterschaft, bei der er seinen Bedarf hätte decken können.  Dafür waren  viele „dumme“ Bauern in der Landwirtschaft durch den Einsatz von Maschinen arbeitslos geworden. Nur – diese dummen Bauern hatten nicht gelernt, Werkzeuge zu bedienen. Nicht einmal die Uhr und den Takt der Zeit hatten sie verstanden. Aber sie waren da.

Henry Ford hatte seine klugen Ingenieure. Diese zerlegten die Arbeits-Vorgänge am Fließband in viele kleine Schritte. Die dummen Bauern waren in der Lage, diese zu erlernen  und dann auszuführen. Der Taylorismus war erfunden. Aus der Kaste der Ingenieure sollten sich später die Manager entwickeln.

Das funktioniert in einer Wissensgesellschaft nicht mehr!

Auf dem Wege zur Informationsgesellschaft hat sich das geändert. Schon 1984 waren meine jungen Mitarbeiter technisch besser als ich. Sie waren jung und kamen direkt von der Uni. Zum Teil hatten sie schon in ihrer Kindheit und Jugend programmiert. Mit meiner sperrigen aber hochbezahlten Industrie-Informatik-Erfahrung kam ich mir schon damals ganz schön alt vor.

Mein Vorteil war, dass ich 34 Jahre alt war, ein wenig Lebenserfahrung wie zwei Kinder hatte und ich bei meinem Freund Rupert Lay schon ein wenig „Kommunikation“ gelernt hatte. Zum Beispiel ein Mindestmaß an Zuhören. Und ich hatte schnell kapiert, dass ich meinen jungen Kollegen nicht vorschreiben durfte, wie und wann sie arbeiten müssen. Das wussten sie selber besser. So durften sie auch nachts programmieren, wenn sie das so wollten.

Aber aus meinen Impulse machten sie wunderbare Dinge. Sinnvolle Gebote, die die Arbeit erleichterten, wie das Nutzen von Werkzeugen wie lint, sccs, make … (wir entwickelten Software mit der Programmiersprache C auf Unix) nahmen sie gerne an. Und es gelang uns, eine Qualitätskultur zu leben:
“Wir schaffen Qualität nicht für den Endkunden, der unser Produkt einsetzt, nicht für die Distributoren wie Siemens, IBM und Nixdorf …,nicht für unser Unternehmen, die InterFace Connection, sondern in erster Linie für uns selber, für das ICH!“

So hatten wir auch keine Arbeitszeitregelung. Die gab es nicht. Nur zwei Bitten:
Schreibt Eure Zeiten wahrhaftig auf!
und
“Stimmt Euch bitte ab, damit Ihr Euch ausreichend seht!”.
Heute haben wir ein dickes Gesetzbuch an Arbeitszeitordnung.

So waren wir schlank und wurden unheimlich schnell. Alle Mitarbeiter konnten programmieren, sogar die Heidi im Back Office bekam es beigebracht. Betriebsvereinbarungen, die eigentlich immer das Gegenteil bewirken von dem was sie sollen, gab es bei uns nicht. Wir hatten auch keine dezentralen Dienste und ausufernde Administration.

So blieben „Parkinsons Effekte“ aus und die Menschen waren glücklich, weil sie selbstbestimmt und selbstorganisiert arbeiten konnten. Bei uns gab es auch keine Menschen zum Erlassen von Gesetzen und keine für die Überwachung deren Einhaltung. So sparten die Zeit und die Kraft für die Gestaltung unserer Zukunft und unserer Produkts, auf dessen Entwicklung wir uns voll konzentrierten. Mit selbstorganisierten und gut vernetzten und so gut abgestimmten Teams.

Eine schöne Zeit, die über ein Jahrzehnt halten sollte. Bis uns dann die Realtität eingeholt hat. Und wir mit dem älterwerden verkrusteten. Jetzt entkrusten wir wieder, um jung zu bleiben.

À propos ZUKUNFT – Vor kurzem war ich auf dem
„Barcamp Oberland Servus Zukunft“?
Wie ich finde, ein wichtiges Thema, die wir uns durchaus mal stellen sollten. Ich habe eine Session mit dem Thema vorgeschlagen:
„Kann Deutschland Zukunft?“
Die Menschen in meiner Session hat das nicht interessiert. Deutschland war ihnen egal. Ihnen ging es ums Oberland. Sie haben die Frage als umformuliert:
Kann das Oberland Zukunft?“

Das fande ich gut. All business is local. Und das Oberland ist  abgehängt von München. Die schöne Landschaft versinkt unter Blechlawinen, die Zuganbindung ist durch ein kleines Wunder noch vorhanden, aber indiskutabel. Und die lokalen Unternehmer müssen sich ganz schön anstreben, damit es schön bleibt im Oberland.

Die Oberländer sind pragmatische Menschen. Deutschland interessiert sie nicht, sie wollen das Oberland nach vorne bringen. Sie hatten auch gleich eine Lösung:
„Die Menschen im Oberland müssen politischer werden!“
Zukunft heißt für sie, „sich beteiligen und sich einmischen in die Politik“. Und die Entscheidungsmacht wieder dem Volk als Souverän zurückzugeben. Wie es in einer Demokratie sein sollte.

Dies funktioniere aber nicht nicht mehr über Personen, Parteien und ihre Programme. Nein! Die Bürger wollen zum Enscheider werden. Als Crowd wollen sie über Sach-Entscheidungen entscheiden. Der Gedanke ist, dass man alle möglichen Maßnahmen sammelt und differenziert bewertet. Mithilfe von Cloud und Crowd wollen sie EMERGENZ schaffen im Oberland.

Emergenz ist ein schwieriges Wort. Ich meine zu wissen, was gemeint sein könnte. Und nenne als Beispiele für emergente Ergebnisse gerne das „agile manifesto“ und andere „open source“-Geschichten.

Was aber ist notwendig für EMERGENZ?
Eine größtmögliche TRANSPARENZ.
Denn TRANSPARENZ ist notwendig für VERTRAUEN.
Und VERTRAUEN ist die Basis von Kultur.

Gesetze, Methoden, Regeln, „best practices“, Prozesse, Technologie (wie das Internet) sind alles nur Werkzeuge. Und Werkzeuge müssen den Menschen dienen. Und nicht die Menschen den Werkzeugen. Da müssen wir aufpassen.

Die Crowd (Digitalisierung, Internet …) ist das mächtigste Werkzeug, das wir haben. Es könnte sein, dass die Menschheit es bald als gemeinsame Aufgabe betrachten wird, den Planeten zu bewahren. Noch tut sie es ja nur sehr halbherzig.

Wenn wir das wirklich schaffen wollen, dann müssen wir den Rohstoff teilen, der durch Teilen mehr wird. Das ist das WISSEN. „WISSEN TEILEN“ kollidiert dann schnell mal mit dem URHEBERRECHT und dem “EIGENTUM an DATEN”. Um die obige Aufgabe „Planet bewahren“ zu schaffen, brauchen wir die nur in einem freien Internet mögliche EMERGENZ. Deshalb müssen wir das freie Internet bewahren und vor Überregulierung verschonen.

Wir haben ein Artensterben. Das bedroht auch das freie Internet . Und die HUMANITÄT. Da finden wir ein Kanzlerinnen-Wort (vom digitalem Gipfel 2019):
„Die HUMANITÄT unserer Gesellschaft muss auch in der digitalen Welt selbstverständlich bleiben“.
Vorsicht! Da impliziert sie etwas, was bei weitem nicht so klar ist:
Die Humanität muss in der realen Welt selbstverständlich bleiben.
Den ich sehe sie auch im normalen Leben gefährdet.

Früher hatte der Kapitalismus ein “Humanes Antlitz”.
Es gab eine soziale Marktwirtschaft, Renten- und Arbeitslosenversicherung. Und allerorts viel Verantwortung. In der Bayerischen Verfassung war die „Gemeinwohl-Ökonomie“, einfach mal genau nach lesen.
Heute trägt der digitale Kapitalismus eine “SMARTE Maske”.
Das scheint anders und wirkt erfrischend neu. Das System ist aber effizienter und brutaler. Der gierigste Konzern vermarket sich mit einem ”don’t be evil”.

Und alles wird zum Spiel. „gamification“ als Strukurierung von Arbeit wird schick. Der Begriff ist gut bekannt von Apps. Mit spielerischen Anreizen wird der Nutzer und jetzt der Arbeiter motiviert. Die Arbeit auch zum Spiel, und fordert leicht noch mehr.

Die Arbeiter, die an den PCs sitzen, sollen sich wie „gamer“ fühlen und Spaß haben. Wir machen jetzt #newwork – das wird die Arbeit zum Spiel und findet in einer der großen Spaß-Welt. Wir haben das erlebt, wie wir jung waren. Wir waren stolze Programmier, die sich mit dem schönsten Spiel der Welt vergnügen durften – und dafür auch richtig viel Geld bekamen.

Und die Büros werden zu Spaß-Welten und Wohlfühloasen. Man kann von zu Hause oder aus einem dezentralen „coworking space“ arbeiten. Ab und zu geht man auch mal ins Büro, trifft Kollegen und lässt sich verwöhnen. Wie es einem gerade passt. Du darfst nur nicht verlieren, dann kann schnell schnell Schluss sein mit dem Spaß,

Den Spaß gibt’s natürlich nicht für alle. So entsteht ein “neuer Feudalismus in der Arbeit”, eine Zweiklassengesellschaft wie auch im Internet ist (mindestens) die Hälfte der Menschen nicht dabei in.

Die anderen Arbeitsplätze werden völlig vergessen. Die sind doch eh bald weg! Weil das ja später die Roboter (bots) machen werden? Brave new world. Nur glaube ich es nicht. Aber das ist ein anderes Thema

Vielleicht hätte die Kanzlerinnen auf dem IT-Gipfelbesser sagen sollen;
Die HUMANITÄT darf in der digitalen (und realen) Gesellschaft nicht durch SMARTHEIT ersetzt werden!

JETZT kommt die wichtige Frage:
Wie können wir die Kultur in der echten Welt und in der Cloud wieder verbessern?

Ehrlich gesagt, ich bin auch ratlos. Aber eine Hoffnung habe ich. Die Schule! Dort habe ich – wie auch meine Kinder – eigentlich nur Unsinn gelernt. Nützliches habe ich – oft für gutes Geld gelernt –  erst sehr viel später z.B. in „Persönlichkeits fördernden“ oder „Führungs-Trainings“ gelernt.

Kommunikation zum Beispiel. Mit gut 30 habe ich für einen größeren Scheck „Zuhören“ und „offene Fragen stellen“ gelernt. Und mit gut 60 dann im Selbststudium Gewaltfreie Kommunikation..

Damit könnte man schon im Kindergarten anfangen. und das in de Grundschule mit Rethorik und Dialektik fortsetzen. Dann wäre auf den weiterführenden Schulen ein wenig Platz für Geisteswissenschaften wie Philosophie.

Zu Schluss noch ein Beleg für meine These:
“Regeln, Gesetze und Strafen fordern heißt nichts verstanden zu haben“.

Die letzte große Innovationen vor dem Internet dürfte das Automobil gewesen sein. Das wurde bestens geordnet und geregelt durch die Straßenverkehrsordnung. Was hat die bewirkt?

Der Blutzoll nur in Deutschland war 780‘000 Tote und  31‘000‘000 Verletzte. Das war nicht im 2. Weltkrieg? Nein. Seit dem 2. Weltkrieg. Im Verkehr. Weltweit derzeit 1,4 Mio Tote im Jahr.

Ich meine, dass eine Kultur der Achtsamkeit und Rücksichtnahme mehr gebracht hätte.

RMD

Gehalten am 20. November auf der DOAG-Jahreskonferenz in München, aufgeschrieben im Zug nach München.

 

Roland Dürre
Donnerstag, der 3. Oktober 2019

RUPERT LAY LESEBUCH

 

Was dem Leben dient.

 

Da steht alles drin.

Ein ganz wichtiges Buch. Das mich tief berührt. Denn es hat eine besondere Geschichte:

Zur Jahrtausendwende hat sich eine kleine Gruppe meiner Freunde im gemeinützigen Ronneburger Kreis e.V. (der mittlerweile aufgelöst wurde) zusammen getan und die vielen Definitionen von Begriffen aus dem alltäglichen Leben wie aus Wirtschaft und Gesellschaft in den Büchern wie aus dem Wirken Rupert Lays gesammelt. Das entstandene kleine Werk haben wir das  „Wörterbuch zur Ethik des Rupert Lay“ genannt und im Ronneburgerkreis veröffentlicht (siehe Bild unten).

Das war eine schöne Sammlung von wichtigen Texten. Es hat mir Spaß gemacht, es immer wieder aufzuschlagen und mich an dem einen oder anderen Artikel zu erfreuen oder sich mit diesem auseinander zu setzen.


In diesem Sommer feierte Rupert seinen 90. Geburtstag. Norbert Copray hatte die Idee, das Wirken von Rupert Lay aus diesem Anlaß mit einer besonderen Veröffentlichung zu würdigen. Es sollte ein großer Überblick der Gedanken Rupert Lays werden, in dem das freie Rumschmökern in anspruchsvollen Texten Spaß macht. Ein schweres Unterfangen, das mehr als gelungen ist.

Die Quelle für das Lesebuch (2002)

Als geeigneten Grundbaustein fand er unser „Wörterbuch“. Aber das „Wörterbuch“ hatte er nur in Papierform vorliegen. So machte es sich auf die Suche nach der digitalen Quelle. Und so fand er mich.

Die digitale Quelle war verschwunden. Aber in der digitalen Welt ist das ja kein großes Problem mehr. Mein Freund Wolfgang Groß übernahm die Aufgabe und stellte kurzer Hand ein hochwertiges digitales Exemplar vom Wörterbuch her. Und Norbert Copray und Erich Ruhl-Bady konnten loslegen.

Und sie haben etwas ganz Großartiges geschaffen. Aus dem Wörterbuch ist ein Lesebuch geworden, dass viel Klugheit, Klarheit und auch Frechheit enthält. Auf fast vierhundert Seiten finden wir ein Feuerwerk von Gedanken, mit denen sich auseinandersetzen lohnt und das richtig Spaß macht. Diese Gedanken findem wir thematisch schön geordnet. Zum Teil sind sie nur eine Zeile lang und selten länger als eine Seite. Richtig schön zum lesen.

So lohnt es sich immer, zwischendurchs ins Buch reinzuschauen. Aber Vorsicht: Man wird förmlich süchtig und bleibt dann schnell eine oder mehr Stunden hängen, und wundert sich dann um diese Jahreszeit, dass es so schnell dunkel geworden ist.

Großen Dank an Norbert Copray und seine Mitstreiter!

RMD

P.S.
Wer sich dieses Buch nicht besorgt versäumt etwas.

Roland Dürre
Samstag, der 29. Dezember 2018

so oder so?!

Wir haben die Wahl. Weitermachen oder Weiterleben?

Ein Fundstück aus dem Internet:

Dazu gab es zwei Meinungen:

A)
Wenn sich dieses Mem durchsetzt, kann man Deutschland in einer Woche zuschließen.
Die Begründung scheint evident. Weil unser System dann sehr schnell nicht mehr funktionieren wird.

B)
Wenn sich dieses Mem durchsetzt, haben Eure Kinder und deren Kinder auch eine Chance, von der Erde weiterhin genährt zu werden.

? Mit der Begründung: Als wenn der Konsumwahn zu irgendetwas anderem führt als „weg von uns selbst“? Wir sind Natur!

Wir haben die Wahl!

Sie scheint einfacher als sie ist.

Warum eigentlich?

Ich werde dann an Sylvester, wenn die Raketen fliegen, darüber nachdenken. Fürs neue Jahr.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 10. Dezember 2018

Karibik – Inspirationen, Impulse, Gedanken (0) Übersicht.

Gemeinsam mit Barbara war ich vom 23. November bis 8. Dezember 2018 zwei Wochen mit dem Schiff in der Karibik. Wir haben neun Inseln gesehen. Früher habe ich auf meinen Reisen öfters Tagebuch geschrieben und detailliert berichtet, was ich unterwegs so gemacht und erlebt habe. Diesmal mache ich es anders und notiere die Impulse und Inspirationen, mit der mich die Reise reich beschenkt hat.

Reisen inspiriert und sorgt für Impulse (© Luc Bosma)

Das soll zu einer kleinen Serie von Artikeln zur Reise führen, die ich mit schönen Bildern illustrieren werde. Die Bilder sind zum Teil von mir, zum Teil aber auch von Luc Bosma. So auch das hier zu sehende Flamingo-Bild.

Zur Übersicht:

Folgende neun Inseln haben wir – gestartet in La Romana in der dominikanische Republik – besucht:
Martinique (als französisches Übersee-Gebiet in der EU), Barbados (unabhängig und Mitglied des Commonwealth of Nations), Gouadeloupe (als französisches Übersee-Gebiet in der EU), Dominica, St. Lucia , Grenada (alle drei unabhängig und Mitglied des Commonwealth of Nations), Bonaire (eine Besondere Gemeinde der Niederlande), Curaçao (ein Land des Königreichs der Niederlande) und Aruba (eines der vier gleichberechtigten Länder des Königreiches der Niederlande).

Die letzten drei Inseln werden auch die ABC-Inseln genannt und gehören geographisch zu Südamerika; sie liegen nicht weit weg von Venezuela. Die anderen Inseln gehören geographisch zu den Kleinen Antillen. Folgt man den Links findet man viel Interessantes, es lohnt sich.

Alles diese Inseln sind kleine Länder. Für mich bemerkenswert, dass da auch Länder ohne Armee dabei sind, in der Tat haben manche dieser Staaten auch ganz konkrete Sorgen, die die Angst vor äußeren Feinden stark relativieren.

In der nächsten Zeit werde ich berichten, was ich auf dieser Reise für mich Neues erfahren habe, das mich besonders beeindruckt hat.

Das Schiff:
Wir sind auf der Mein Schiff 5 gefahren. Das Schiff ist Teil der Mein Schiff Flotte der TUI. Es ist ein gut durch-organisiertes und -gestyltes Tourismus-Produkt für gut 2.500 Reisende und bietet – ermöglicht aufgrund seiner Größe – für doch sehr besondere Reisen wie durch die  Karibik ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. Laut Aussagen von Mitreisenden waren nur um die 1.800 Gäste an Bord. Unsere Reise war also nicht ausgebucht, was auch daran liegen kann, dass wir ja in der „Nebensaison“ gereist sind.

Und hier auch ein Gedanke als erste kleine Erkenntnis der Reise:

Wenn man in der Karibik in einem Teil der EU ankommt und plötzlich die Flatrate auf dem Smart Phone wieder genutzt werden kann, dann fühlt man sich schon wieder sehr wie zu Hause.

So behaupte ich mal, dass für viele Menschen Heimat dort ist, wo man sein Smart Phone beliebig – ohne Einschränkung und Kostenfesseln – nutzen kann.

Da ist jemand zu Hause. (Foto © Luc Bosma, Bonaire)

Eine wie ich meine durchaus Ernst zu nehmende moderne Definition von Heimat!

Jetzt arbeite ich am ersten konkreten Artikel  als Folge 1- da wird es um Sklaverei und Leibeigenschaft gehen.

RMD

16 Wegmarken für freie und agile Schule.

 

Roland mit Schultüte.

Mit jedem Jahr, das ich älter werde, meine ich, dass wir deshalb in unserer Gesellschaft soviel unfassbaren Unsinn, Feindseligkeit und Grausamkeit erleben, weil wir von jung an in einer Art und Weise sozialisiert werden, die uns dann als Heranwachsende und „Erwachsene“ so viel Mist bauen lässt.

Wir werden bei unserer Sozialisierung eingewickelt.

Die erste Windel gleich nach der Geburt könnte eine Metapher für eine solche Einwicklung sein. Die Windel brauchen wir, weil wir sonst zu viel Spuren hinterlassen würden. Und die Einwicklung geht mit jedem Tag unseres jungen Lebens weiter. Wir lernen, was wir tun dürfen und was wir sein lassen müssen, was gut oder schlecht, was richtig oder falsch, was böse oder lieb ist …

Um uns wieder autonom „entwicklen“ zu können, müssen wir uns wieder „auswickeln“ – was natürlich schwer genug bis unmöglich ist.

Ich bewege mich in der Hoffnung (oder Illusion?), dass man als Eltern gemeinsam mit und unterstützt von der externen Instanz, die Schule genannt wird, das Lebensglück der nachfolgenden Generation viel besser hinkriegen könnte, als es derzeit passiert.

Als Reaktion auf meine Artikel zum Thema „Schule“ habe ich gelernt, dass nicht nur mich sondern viele andere Menschen eine große bildungspolitische Ungeduld plagt.

Dann lasst uns doch etwas tun!

In IF-Blog habe ich berichtet (Cristophine I), wie ich bei einem Besuch der Christophine in Marbach erlebt hatte, wie Schule gehen könnte oder müsste. Im Folgeartikel (Christophine II) dazu habe ich argumentiert, warum ich eine neue Form und Implementierung von Schule für zwingend notwendig halte.

Jetzt habe ich ein älteres, ein wenig verschüttetes Papier aus dem Umfeld der Freien Schule Christophine (FSC) entdeckt. Das Papier beschreibt 16 Wegmarken zur Positionierung der FSC. Für mich ist jede der in diesem Papier als „Wegmarke“ benannte Block eine Metapher für eine Dimension eines Denkprinzips, das eine freien Schule haben muss. Da ich es schade finde, wenn solche wertvolle Gedanken ungelesen in Schubladen liege, veröffentliche ich hier die 16 Wegmarken.

Die als Wegmarken bezeichneten Blöcke beschreiben jeweils eine Denk-Dimension und in ihrer Summe die Mentalität (heute auch als mindset bezeichnet), die eine freie Schule haben muss. Sie zeigen, wie Schulkinder, Eltern und Lehrer als die wichtigen Stakeholder einer freien Schule, aber auch Schulleitung und Kollegium als relevante Gremien denken und fühlen.

Gefunden habe ich die „Wegmarken“ als Gliederung der Standortbestimmung dieser besonderen Schule – der marbacher christophine. Ich gehe mal davon aus, dass auch die „Wegmarken“ aus der Feder von Lorenz Obleser stammen, dem „Vater“ der „Marbacher Pädagogik“.

In diesem Artikel steht die „christophine“ für mich als Metapher für „freie, agile und von Lehrern, Eltern und Kindern gemeinsam selbstorganisierte Schule“. Ich vermute, dass es mehr davon gibt und auch viele Pädagogen es genauso machen möchten. Da bin ich froh darüber, denn bald kommen die ersten meiner Enkel in die Schule.

In den folgenden 16 Wegmarken kommen Schulkinder, Lehrer, Eltern aber auch die Gremien wie Lehrerkollegium und Schulleitung zu Wort. Die Aussagen dieser „stakeholder von Schule“ erscheinen mir authentisch.  Sie erläutern narritativ den in den Wegmarken definierten Anspruch der FSC (Freien Schule Christophine), die für mich ein herausragendes Muster für eine funktionierende, agile, selbstorganisierte und freie Schule ist. Die Wegmarke ist so ein Block mit Aussagen der Stakeholder, am Ende jedes Blocks wird (invers) die Bedeutung noch mal zusammengefasst.

Lassen wir jetzt ganz einfach die Wegmarken auf uns wirken. Vielleicht hilft es, wenn wir den Verstand kurz mal ausschalten und uns einfach für die Botschaften öffnen.

 


 

 

Sich öffnen beim Gehen und Denken im Frühling.

 

16 Wegmarken

 

 


 

Wegmarke 1 – Individualität in der Schule

Schulkinder
Ich mache Mathe, schreibe eine Geschichte, arbeite in meinem Schreibschriftheft, übe Rechtschreibung. Wir forschen, beobachten die Katze. Ich gehe hoch tanzen, spiele mit dem Diabolo draußen.

Eltern
Ich glaube nicht, dass ich als Lehrerin im Unterricht angemessen auf ein Kind reagieren könnte, wenn es sich so zeigen würde wie mein Sohn. Er ist schon sehr speziell.

Kollegium
Die Lösungswege der Kinder sind so unterschiedlich. Da war doch noch nie einer wie der andere.

Schulleitung
Wer weiß denn wirklich, wovon er redet, wenn er von Individualität spricht. Das war doch viel zu lange eine unbekannte Größe.

An der Christophine werden die Kinder ermutigt, sich immer wieder auszuprobieren, neu zu formulieren und zu gestalten. In dieser Kultur des Selbstbildens kann jeder, unabhängig von schulischer Leistungsfähigkeit, seine Individualität kennenlernen und seine Identität behaupten. Das gilt für die Schulkinder wie auch für die Erwachsenen. In solchem Umgang miteinander wächst die Anerkennung der Individualität des Gegenübers. Diese Gleichwürdigkeit bereichert den Schulalltag, da alle Schulangehörigen sich produktiv in die verschiedenen Lernprozesse des Unterrichts einbringen können.

 


 

Wegmarke 2 – Lernwege im Schulsaal

Schulkinder
Das mach ich nachher. Ich gehe zuerst lesen.

Eltern
Zum Glück sieht man bei dem Matheheft ja, wie weit die Kinder schon sind.

Schulkinder
Zu leicht? Aber das habe ich doch für N. gemacht. Der ist Erstklässler.

Kollegium
Warum spricht man bei Erwachsenen eigentlich von Weiterbildung und bei Kindern von Dazulernen?

Schulkinder
Jetzt möchte ich Schreibschrift lernen.

Schulleitung
Handlungsorientiert? Das hört sich gut an. Wichtiger ist mir, dass die Kinder sehen, dass sie zur Handlung befähigt sind.

Das Lernen der Kinder gehört nicht nur physiologisch zu den individuellsten und persönlichsten Vorgängen. Es bewegt sich in kognitiven, ästhetischen und sozialen Zusammenhängen. Die Schule Christophine begleitet die Kinder bei der Suche nach den erfolgreichen Lernwegen. Erfahrungen werden über alle Sinneskanäle ermöglicht, da schließlich auch gespeichertes Wissen auf verschiedensten Wegen abgerufen wird. Die individuellen Lernformen charakterisieren die unterschiedlichen Lerntypen. Mit unserer individualisierten Arbeit im offenen Unterricht helfen wir den Kindern mittels ihrer Erfolgserlebnisse ihre Frustrationsgrenzen kennen zu lernen und auch positiv verschieben zu können.

 


 

Wegmarke 3 – Selbstorganisation als Lernziel

Schulleitung Bitte tragt in eure Arbeitszettel ein, was ihr macht.

Kollegium
Das muss alles ich aufschreiben, die Kinder denken nicht dran und vergessen es.

Schulleitung
Du hast schon länger nix mehr gerechnet, oder?

Schulkinder
Heute habe ich Mathe gemacht, weil es meine Mutter gesagt hat. Sonst muss ich es daheim machen.

Schulleitung
Wenn mir ein Kind sagt, es langweile sich, dann sage ich nix. Wenn es fragt, was es machen soll, dann sag ich: mach Mathe. Das wird am liebsten verdrängt.

Eltern Seine Hausaufgaben macht er ganz alleine. Da gibt es nie Theater.

An der Christophine beziehen wir uns auf Erkenntnisse, die zeigen, dass Kinder selbst ausreichend schöpferisches Potenzial mitbringen, um Lernsituationen wahrzunehmen und sich auch selbst in diesen formulieren können. Kinder sind in der Lage ordnend im Sinne von schöpferischem Handeln ihre Umgebung mitzugestalten, um sie ihren Bedürfnissen anzupassen. Die Schule Christophine stellt den Schulkindern die entsprechenden Werkzeuge zur Verfügung, um ihnen in diesem Sinne den entsprechenden Raum zur Verwirklichung zu geben. An der Christophine wird allen Schulangehörigen die Möglichkeit eingeräumt, ihre eigenen Strukturen zu finden, da solcherart entwickelte Strukturen von größerer Stabilität sind. Dies gilt sowohl für das Lernen als auch für das Zusammensein.

 


 

Wegmarke 4 – Eigenaktivität und Zusammenarbeit

Schulkinder
Komm, ich zeige dir, womit du das ganz leicht raus kriegen kannst.

Kollegium
Wenn N. sagt, er macht nichts oder er nicht einmal etwas sagt, dann bin ich immer wieder kurz geschockt.

Schulkinder
Warum fragst du, ob mir das Spaß macht? Ich mache in der Schule nur Sachen, die mir Spaß machen. Deshalb mach ich manchmal eben eine Weile auch nix.
Wir habe in derselben Woche Geburtstag und sind gleich alt. Aber in der wievielten Klasse bist du?

Eltern
Immer wieder hören wir im Elterngespräch, dass er nix arbeitet. Ich habe dich das schon einmal gefragt: Meinst du, dass unser Sohn genügend lernt?

Christophine setzt deutlich auf die Eigenproduktion der Schulkinder. Aus ihr heraus entwickeln sich Fragen, die oft nach einer Fortsetzung in anderen Arbeitszusammenhängen rufen. Sei es nach Mitarbeitern oder Korrektoren, Motivatoren – Partner, die ein Stück Lernweg miteinander gehen. Dass die Schulkinder gerne auf Bewährtes in Form von strukturierten Arbeitsmaterialien zurückgreifen, ist Ausdruck des Bedürfnis nach gewährleistetem Lernfortschritt.

 


 

Wegmarke 5 – Selbstwirksamkeit

Kollegium
Dann geh ins Rathaus und sag das dort.

Schulkinder
Ich frag nachher den Busfahrer.

Eltern
Wir haben dann alle Bäckereien abgeklappert und haben nach dem Rezept für deren Nudeln gefragt.

Schulleitung
Da hast du recht. Es war nicht gut, dass ich das gesagt habe.

Eltern
Dass er aufs Gymnasium geht, ist nicht so wichtig. Hauptsache, er findet in den kommenden Monaten zu sich selbst und kann sich wieder auf die Schule freuen.

Kollegium
Ich will nicht, dass du so frech zu mir bist.

Schulkinder
Jetzt lass ihn doch ausreden …

Lernen ist kein Hinarbeiten auf einen späteren Zustand, sondern Freude auf diesen, wie es der Philosoph Peter Sloterdijk darlegt: „Lernen ist Vorfreude auf sich selbst. Diese Vorfreude auf den nächsten eigenen Zustand ist das, worauf es ankommt.“ Die Schule Christophine besteht darauf, dass der Erhalt der ursprünglichen Lernfreude und die beim Lernen entwickelte Kreativität und Selbstwirksamkeit bedeutsam bleiben. Mag auch die Leichtigkeit verloren gehen, mit der ein Mensch einst lernte: Lernte er stets mit Freude, so kann er auch später noch gerne lernen.

 


 

Wegmarke 6 – Soziale Kompetenzen

Schulkinder
Guck doch auf den Schulkompass. Das ist bei uns der sechste Finger, das Miteinander.

Eltern
Das hat mich schon beeindruckt, wie souverän sich jedes Kind da hingestellt hat.

Kollegium
Man sieht aber auch, wie sich alle immer wieder in Abhängigkeiten verstricken.

Schulleitung
Unsere Schule lebt vom Miteinander. Vom gemeinsamen Spielen bis zum Teilen unserer Erkenntnisse. Alles andere können doch Hauslehrer abdecken.

Die Fähigkeit, sich in der Gemeinschaft zu orientieren und zu behaupten, ist wichtig. Der Erwerb von Fachkompetenzen in der Schule ist am Lernort Schule kaum ohne Gemeinschaft zu bewerkstelligen. Die auffällige Zahl an Kindern ohne Geschwister ist eine Besonderheit. Bei gleichzeitigem Verschwinden von Freiräumen für Kinder außerhalb der Schule ist dem sozialen Lernraum, wie ihn Schule bietet, eine wichtige Rolle zugekommen. Wie die Schulkinder im Schulgeschehen, so muss sich die ganze Schule in der Bildungslandschaft behaupten.

 


 

Wegmarke 7 – Wissen und Kompetenzen

Schulleitung
Bitte frage R., der hat sich gestern mit dem selben Thema beschäftigt.

Eltern
Ich bin immer ganz erstaunt, was er erzählt.

Schulkinder
Jeder kann irgendwas. Jeder kann einem was zeigen.

Kollegium
Den Anspruch haben wir doch wohl, dass ein Kind an der weiterführenden Schule ohne Nachhilfe bestehen kann.

Wir räumen den Kulturtechniken Rechnen und Schreiben einen möglichst großen Raum ein. Unsere Schule ist ein Ort voller Herausforderungen. Das Lernen und Arbeiten erfährt größte Wertschätzung. In diesem Sinn versteht sich unsere Schule als tatsächlicher Erfahrungsraum, in dem es viel zu erkennen und zu genießen gibt, aber nur wenig zu konsumieren. Der hohe Aufforderungscharakter soll nicht nur auf die Schulkinder wirken, sondern auch auf die Erwachsenen.

 


 

Wegmarke 8 Schule als Erfahrungsraum

Kollegium
Wenn du das machen möchtest, dann organisiere, was du brauchst. Ich helfe dir gerne. Sag mir Bescheid.

Eltern
Wir Eltern wissen doch gar nicht, wie die Schule ihre Erfahrungen gemacht hat.

Schulleitung
Die Schule ist ja ein Ort, der lernt.

Schulkinder
Das kann ich nicht. Das mag ich nicht mehr. Das ist abgestürzt.

Kollegium
Lass uns überlegen, warum das mit dieser Arbeit nicht geklappt hat.

Schulkinder Ich will, dass wir darüber abstimmen … Aber da gibt es doch schon eine Regel. Eigentlich haben wir gesagt … Ich bin die Kreisleitung und mache das jetzt so. Du kannst das anders machen, wenn du die Kreisleitung hast. Das will ich im Schlusskreis vorstellen.

Um Lernen zu ermöglichen, setzen wir keineswegs nur auf originelle Situationen. Erkenntnis muss nicht quasi epiphanisch im Schulsaal einschlagen. Viel Erfahrung tut sich auf bei den vielen kleinen Mühen, die der Schultag einem abverlangt. In diesem Sinn verstehen wir das gewohnte Arbeiten auch als ein Üben, das die Handlungsmöglichkeiten erweitern kann.

 


 

Wegmarke 9 – Schule im Kontext der Stadt

Schulkinder
Wir sollten wieder einmal dort hingehen.

Schulleitung
Ich bin mir sicher, dass die Kinder, wo sie auch hinkommen, ernst genommen werden. Weil alle unsere Schule Christophine kennen.

Schulkinder
„Lieber Herr Bürgermeister, wir wollen Sie besuchen und mit Ihnen über die kaputte Ampel sprechen.“ – „ Sehr geehrte Polizei, können Sie bitte zu uns kommen. Drei Viertklässler müssen die Fahrradprüfung machen.“

Kollegium
Endlich habe wir es wieder einmal ins Museum geschafft.

Schulleitung
Der Turnverein bietet uns die dritte Stunde an.

Eltern
Eltern müssen immer etwas beitragen. Alles kann Schule doch gar nicht leisten. Ich gehe mit meinem Sohn zum Malen und zum Turnen.
Vielen Dank, dass ihr mit den Kindern den Ausflug gemacht habt.

Unsere Stadt Marbach und ihr regionales Umfeld ist der Humus, in dem unsere Schule gedeiht und unser Lernen gelingt. Von hier kommen die Schulkinder, hierher fahren sie mit dem Bus und der Eisenbahn. Wir können an der Stadtmauer klettern, an der Burgruine hüpfen, in Schillers Geburtshaus Gedichte lesen. Hier haben wir Nachbarn, die mit uns schimpfen, wenn die Erdbeeren im Garten unbefugt geerntet werden.

 


 

Wegmarke 10 Angstfreie Schule

Eltern
Mein Sohn bedauert es immer, wenn keine Schule ist.

Schulleitung
Ohne Sorge bin ich jedenfalls nicht immer, wenn ich in die Schule gehe. Im Schulsaal sehe ich mich dann aber wieder ausreichend souverän ausgestattet.

Kollegium
Das ist doch normal, wenn man auf den anstehenden Schultag mit Respekt guckt.

Schulkinder
Wenn einer im Garten mit einem Stock herum fuchtelt, dann habe ich Angst. Aber nur, dass er mich trifft. Wenn er mich trifft, dann werde ich dafür sorgen, dass derjenige eine Woche Stockverbot kriegt.

Vor Furcht dürfen wir uns nicht fürchten. Angst machen aber dürfen wir niemandem. Wir sind eine Ermutigungsschule, die sich an Fehlern freuen kann, die Ausrutscher als Gelegenheit zur Pause nimmt und über einen Patzer auch einmal lachen will. Emotionen regulieren die Qualität des Lerngeschehens im Schulsaal. Mit unseren Befindlichkeiten können wir uns aber auch selbst im Wege stehen.

 


 

Wegmarke 11 -Rolle der Erwachsenen

Schulleitung
Schau mal, ich habe das hier für dich rausgesucht. Du hast doch noch das eine ungelöste Problem.

Schulkinder
Ich brauche das eine Werkzeug, weißt du, wo das ist?

Kollegium
Ich greife auf, was von den Kindern kommt. Wenn mir zu wenig kommt, dann fange ich selbst an etwas zu werken, schöpfen im Sinne unseres Arbeitsbegriffs.

Schulkinder
Das habe ich mir alles selbst beigebracht.

Eltern
Ihr begleitet doch die Kinder mehr bei ihrem Lernen, oder?

Bei uns gibt es nur eine Lehrerin. Aber jeder ist hier mal Meister, Schulmeister, und auch Lernbegleitung. Es gibt Mitspieler. Und Verantwortungsträger. Das sind die Chefs. Das ist dann aber keine Frage des Alters, sondern eher eine der Ansprüche. Des Könnens und des Wollens.

 


 

Wegmarke 12 – Gemeinsame Reflektion im Schulsaal

Kollegium
Was können wir ändern, damit das beim nächsten Mal besser klappt?

Schulleitung
Unsere Schule braucht einen institutionalisierten Ort für Zweifel. Zweifel an der Pädagogik, am eigenen Tun, an den Materialien, der Politik, eben für alles, worüber man sich die Haare rauft.

Kollegium
Innovativ? Die Kinder sind konservativer als ich.

Schulleitung Unsere Schule ist jetzt in der dritten Halbzeit. Wie bisher werde ich nicht weitermachen.

Das gemeinsame Gespräch wird schon mit unserer Möblierung kenntlich gemacht. Wir haben ein Versammlungseck, die Quadratur unseres pädagogischen Kreises. Hier hat die Gemeinschaft ihren festen Ort, bespricht sie die schwierigen Dinge und trifft sie sich für die Freuden an der leichten Muße. Die Verantwortung für die Gesprächsleitung wechselt regelmäßig. Dadurch findet eine Erziehung statt, die nicht nur zu einem demokratischen Bewusstsein führen soll, sondern selbst in diskursiven Zusammenhängen und demokratischen Verhältnissen ihren Platz hat.

 


 

Wegmarke 13 – Schule feiert

Schulleitung
Herzlich willkommen zu unserem großen Fest im Mai, unserem Schauspiel zum Jahresschluss, zu unserem großen Fest am ersten Ferientag …

Schulkinder
Wir müssen heute drei Geburtstage feiern. J. und C. hatten in den Ferien.

Schulleitung
Das ist doch allein schon jedes Mal ein Fest wert, wenn jemand etwas Tolles geschafft, etwas Neues entdeckt hat. Das ist ein Grund zum Feiern, sag ich dann.

Schulkinder
Wir könnten doch wieder einmal das eine Lied singen. Ach, nöö.

Orientiert am Beispiel der Bürgergesellschaft kommen an der Christophine die Menschen zusammen, um ihre Angelegenheiten in die Hand zu nehmen und damit zu einem gelingenden Schulleben beizutragen. Dazu gehört die Regelung von Alltagsproblemen genauso wie die Planung und Durchführung von Schulfesten oder Ausflügen. Die Erwachsenen regen diesen Auseinandersetzungsprozess an, indem sie auf bevorstehende Ereignisse hinweisen, oder Missstände zur Diskussion bringen.

 


 

Wegmarke 14 –  Schule versus Familie

Kollegium
Die Partnerschaft mit den Familien haben wir ja in unserem Schulvertrag deutlich hervorgehoben.

Eltern
Das ist das, was ich allen immer sage. Hier spricht man viel mehr miteinander.

Schulkinder
Das darfst du nicht bestimmen. Du bist nicht meine Mutter.

Schulleitung
Das Plaudern zwischen Tür und Angel zähle ich aber nicht zum verbindlichen Austausch zwischen Schule und Familie. Das ist eher das Schmiermittel für gemeinsames pädagogisches Handeln.

Schulkinder
Am Samstag war ich mit meiner Mama wieder zum Putzen da. Da hatte ich das ganze Schulhaus für mich alleine.

In vielen Schulsituationen macht sich ein familiärer Geist bemerkbar. Dieser sorgt dafür, dass die Schulangehörigen sich geborgen fühlen in ihrer Gruppe, sich aufgehoben in ihrem Tun wissen. Es gibt intime Situationen voller Selbsterkenntnis und auch Zuneigung. Weil aber auch unsere Schule eine eigenständige Institution, eine Bildungseinrichtung ist, lassen wir keine Aufgaben der Familie auf uns delegieren. Schule und Familie sind zwei Dispositive, die nicht den selben Regeln unterworfen sein müssen.

 


 

Wegmarke 15 – Vielfalt in der Schule

Schulleitung
Ich will schon ein Repräsentant der Vielfalt sein.

Eltern
Die Familien kommen doch aus den verschiedensten Milieus.

Schulleitung
Wir motivieren jeden, uns im Schulsaal zu besuchen. Und wer hospitieren will, der muss im Gegenzug etwas mitbringen, dass auch wir etwas von dem Besuch haben.

Kollegium
Starwars, Ninjago und James Bond. Viele Ideen kommen nicht immer zusammen.

Die stete Aufforderung zur Entscheidung verlangt allen Schulangehörigen viel ab. Die dadurch entstehende Pluralität der Schularbeiten und Anregungen gewährleistet, dass Inhalte sich multiplizieren können und überraschende Reibungsflächen und Berührungspunkte entstehen. Es ist Aufgabe der Schule, den Schulkindern einen beherzten Zugriff auf die eigene Kraft, die eigenen Bilder zu ermöglichen, um ihnen eine Alternative zu eindimensionalen Angeboten der Konsumgesellschaft zu bieten.

 


 

Wegmarke 16 – Große Ziele und bescheidene Ansprüche.

Schulkinder
Die Kinder entscheiden selbst … Das hast du selbst immer gesagt.

Schulleitung
Die pädagogische Entwicklung und das ökonomische Wachstum sind harmonisch verbunden. Wo keine Schulden ab zu tragen sind, da ist Lernen einfacher.

Eltern
Unser Mitdenken ist ja immer an die Entwicklung der Kinder gekoppelt. Irgendwann sind die an einer anderen Schule,.

Kollegium
Die Christophine ist unser Arbeitsplatz. Wo alles größer und besser wird, da kann man eines Tages ja vielleicht auch einmal ein wenig mehr verdienen als heute?

Die Schule
Christophine wurde aus einer großen bildungspolitischen Ungeduld heraus in die Bildungslandschaft eingebaut. Sie kann inzwischen vier Jahre Unterrichtserfahrung aufweisen. Der Schulträger hat noch vier Jahre, um seine Gründungsschulden abzutragen. Das Schulhaus bietet noch Platz für elf Schulkinder. Solange muss der Wunsch der Eltern nach einer Sekundarstufe warten …

 

 


 

Hier die Quelle dieser Gedanken:
CHRISTOPHINE – marbach – freie schule

Freie Schule Christophine e.V. · Ludwigsburger Straße 24a · 71672 Marbach am Neckar · 07144/305 80 98
info@freie-schule-christophine.de · www.freie-schule-christophine.de
Kreissparkasse Ludwigsburg BLZ 604 500 50 Konto 300 520 11· GLS Gemeinschaftsbank BLZ 430 609 67 Konto 700 5615 700

 

 


 

 

Ich gebe die „Wegemarken“ weiter, weil ich meine, dass diese eine ausgezeichnete und ziemlich allgemeingültige Inspiration sind für alle Menschen, die sich mit Schule beschäftigen und sich nach agiler und freier Schule sehnen!

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 15. November 2017

Die Zukunft des Planeten

🙂 Heute geht es mal nicht über elektrische Fahrräder oder Sex sondern um Politik.

Das Wappen von Jamaika

Jamaika

Zurzeit richten sich die Augen vieler Menschen in Deutschland auf das Land des Bob Marley. Es geht um Jamaika, was natürlich nur ein albernes Wortspiel ist. Die „Koalitionsverhandlungen“ in Berlin stehen im Mittelpunkt. Wir sprechen von „Jamaika“ – weil die zum Wappen gehörige Fahne die Farben der beteiligten Parteien (schwarz, gelb, grün) enthält.

Ich muss gestehen, meine Hoffnung in diesen Verhandlungen beruhte auf den Grünen.

Aber was machen die Grünen?

Sie fuhren mit vielleicht richtigen Forderungen nach Berlin, die aber verhandlungs-technisch mit Sicherheit erfolglos sein werden (und auch schon waren), nämlich mit der Forderung nach Abschaltung des Verbrennungsmotors zum Jahre 2030 (1) und von Kohlekraftwerken (2). Vor allem (1) klingt schon arg utopisch. Wir brauchen auch keine allgemeinen Ziele, sondern konkrete Maßnahmen.

Strom muss Kohle ablösen, nicht verbrauchen!

Zu (2) nehme ich nicht Stellung. Denn es ist doch evident, dass wir nur mit Elektrizität das „verfinsternde“ Zeitalter der Verbrennung von fossilen Energien beenden müssen. Die Ablösung von Kohle durch Strom kann aber nicht heißen, dass die Hälfte des Stroms weltweit aus Kohle produziert wird. Das muss Vergangenheit sein (und wird es auch bald werden). Viel spannender finde ich aber (1).

Das Outo ist out!

Jedem muss aber auch klar sein, dass eine „individuelle Mobilität“ basierend auf Strom nicht eins-zu eins so sein kann und wird wie viele von uns das Outo (so geschrieben weil es „out“ ist) nutzen. So wie auch „autonom fahrende Autos“ nicht so fahren werden wie MANN und FRAU es heute tun.

2030 ist bald!

Bis dahin sind es nur noch 12 Jahre – also gerade so lang wie früher mal ein Auto gehalten hat. Insofern wäre die Forderung der Grünen für Jamaika ganz einfach gewesen.

Den Ausstieg vorbereiten!

Dazu gehört ganz schnell die Einführung eines Tempolimits – wegen mir auch gerne schrittweise zum Üben – aber mit dem klaren Endziel noch vor 2020 von maximal Tempo 30 km/h in geschlossenen Ortschaften, 70 km/h auf „Landstrassen“ und 100 km/h auf Autobahnen. Und genauso schrittweise mit einer wirklich relevanten und wirklich drastischen Erhöhung der Besteuerung fossiler Treibstoffe (inklusive Kerosin für Fliegen). Wenn man dann auch noch endlich die gigantische Subvention der „Geschäftswagen“ (zumindest den dominierenden Missbrauch eingeschränken würde), dann hätte das ganze Hand und Fuß!

Schlank und effizient!

Das wäre eine schlanke und effiziente Lösung, die Hoffnung auf eine „sanfte Landung“ machen würde. Damit könnte man sich auch viel Quatsch wie Maut etc. sparen. Nur: leider ist das unpopulär. Und die Grünen wollen, vielleicht aus guten Gründen, eben nicht unpopulär sein. Wobei ich persönlich ja meine, dass Unpopularität eher Wähler bringt denn vergrault

Investitionen in die Zukunft

Und die Einnahmen aus diesen Geldern darf man dann eben nicht für weitere neue Autobahnkreuze in zwei Ebenen mit bis zu 10 Spuren ausgeben, die heute ja konkret als Folge des stattfindenen Ausbaus der Autobahnen auf noch mehr Spuren notwendig erscheinen sondern in den Aufbau und des öffentlichen Verkehrs natürlich in die „Energie-Wende“ – die ja eigentlich nur noch heißt vom Atom- und Kohlestrom. Denn ich meine, dass wir da ansonsten ja schon auf einem guten Wege sind.

RMD

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 1. Juni 2017

Eine unerhörte Bilanz!

Also das hatte er sich damals geschworen: wenn er, ‚Colonel’ Vatter – mit zwei „t“ – Siebzig würde und noch bei klarem Verstand wäre – dann würde er vor der gesamten Großfamilie Vatter – insbesondere seiner Frau Cornelia, Conny seiner Tochter und  seinem Sohn Corni, eine ‚Lebensbilanz’ erstellen! Und da er nicht umsonst von frühester Kindheit an mit dem Nicknamen ‚Colonel’ bedacht worden war, stand damit die ‚gnadenlose Bilanzierung seines Lebens’ unverrückbar fest.

Das heißt so eine ‚Art Bilanzierung’ stand fest! Wie bei der doppelten Buchführung!

Nämlich ein nüchternes Nebeneinander der ‚Aktiva’ und ‚Passiva’ mit anschließender ‚Saldierung’ wie auf einer Waage – stand fest!

Schonungslos und selbstkritisch wollte er unter den ‚Aktiva’ alles benennen, was ihm im Laufe seines großartigen Lebens gelungen war und wie er sämtliche Loser hinter sich gelassen hatte. Und bei den ‚Passiva’ natürlich all das, was den anderen misslungen war! Akribisch und vorurteilslos wollte er deren Misserfolge auflisten, wie sich das nach guter, alter Buchhaltermanier gehörte!

Nach seiner Meinung sollte nämlich jeder aufrechte Mann gegen Ende seines Lebens neutral und uneitel so eine Bilanz ziehen! Eine Bilanz bei der glasklar fokussiert und bewertet wird wo Erfolge vorliegen und wo andere versagt haben.

Selbst die eigene Familie durfte bei einer derartigen Bilanzierung nicht geschont werden, wenn sie denn mit einbezogen werden sollte.

Aber dann musste auch alles auf den Tisch! Und wenn’s nur der Esstisch war – weil der die größte Tafelfläche hatte. Für seine geliebte Cornelia natürlich ein Alptraum: denn dieser Esstisch quoll über vor steinharten Frühstückseiern, zähen Rinderbraten, verkokelten Schnitzeln, halbgaren Hühnerschenkeln, breiigen Bohnen, ausgehärtetem Milchreis und vielen, vielen anderen ‚Köstlichkeiten’ aus ihrer Küche!

Aber nach einem kurzen hysterischen Schreianfall hätte sie sich bestimmt eingekriegt und eingesehen, dass so eine Bilanzierung nur Sinn machte, wenn mit größtmöglicher Ehrlichkeit an sie herangegangen wurde.

Und wäre auf diesem ‚Esstisch der Lebensleistungen’ dann wirklich kein Plätzchen mehr frei gewesen, da etwa auch Conny und Corni ihre ‚Versagenspakete’ verstohlen hinzugefügt hätten, dann wäre er, der ‚Colonel’, natürlich bereit gewesen seine ‚Palette der Erfolge’ auch unter den Tisch zu platzieren. Schließlich war da jede Menge Platz und Conny und Corni hätten sehr anschaulich lernen können, wie die deutsche Spruchweisheit ‚Bescheidenheit ist eine Zier’ nicht nur plakativ vorgezeigt, sondern auch gelebt werden kann! Und hätten damit ganz praktisch erfahren, was die Kanzlerin unlängst gemeint hatte, als sie sagte, dass nur unsere ‚Werte uns einen Begriff von Heimat gäben’…

Ursprünglich dachte er ja, dass so eine ‚Lebensbilanz’ durchaus auch als eine Art ‚Zwischenbericht’, auf speziell Lebensabschnitte fokussiert werden konnte und sich beispielsweise in geeignetem Rahmen schon zu seinem Fünfzigsten Geburtstag gut machen würde – insbesondere bei seiner beispiellosen Karriere!

Doch leider drehte dann wenige Tage vorher seine geliebte Cornelia von einem Tag auf den anderen durch und wollte sich urplötzlich scheiden lassen. Nur weil sie wieder einmal aus einer Mücke einen Elefanten machte, der dieses Mal Marianne hieß! Dabei hatte Cornelia selbst diese Marianne in die Familie eingeführt. Gegen den Willen des ‚Colonels’!

Mein Gott wie himmelte sie die viel jüngere Marianne an! Ein Herz und eine Seele waren die beiden! Und jede Shoppingtour mit ihr, war wie ein Blick ins Paradies gefeiert worden. Cornelia konnte und wollte einfach nicht sehen, dass dieses goldige Mariannchen nur Unfrieden in die harmonische Familie Vatter trug.

Ja er, der ‚Colonel’, musste damals tatsächlich selbst Hand an diese Marianne legen und ihr eine Schranke nach der anderen aufzeigen, die sie nicht zu übertreten hatte – die sie aber immer wieder von neuem aufgezeigt bekommen wollte. Schlimm war das gewesen – an manchen Tagen hatte sie – kaum zu glauben –  bis zu drei Schranken übersteigen wollen!

Letztlich war der ‚Colonel’ heilfroh gewesen als Cornelia endlich eingesehen hatte, dass diese Marianne weg musste. Und zwar unverzüglich! Dass sich Cornelia dann aber in einer Art somnambulen Schockzustand auch gleich scheiden lassen wollte, war übertrieben und bedurfte dringend ärztlicher Behandlung. Natürlich ließ der ‚Colonel’ seiner geliebten Cornelia gegenüber alle nur denkbare Rücksicht walten und verzichtete ihretwegen auch ohne jedes weitere Wort auf den vorhin schon erwähnten ersten ‚Lebensbilanzzwischenbericht’ anlässlich seines Fünfzigsten Geburtstages: schließlich wäre ja in der geplanten Bilanzierung sehr unschön unter den ‚Passiva’ Cornelias Scheidungswunsch gestanden, während er unter die ‚Aktiva’ sein damaliges Aufrücken in den Konzernvorstand platzieren hätte müssen, wenn das Ganze Sinn machen und nicht nur eine plumpe Umdeutung der Wirklichkeit sein sollte.

Aber das wollte er natürlich Cornelia nicht antun! Die war verzweifelt genug!

Auch die Kinder waren dagegen gewesen. Die hatten ja auch kaum etwas vorzuweisen, was unter ‚Aktiva’ verbucht werden hätte können, so dass doch nur wieder er einsam und verlassen dort aufgekreuzt wäre…

Nein – das war schon gut gewesen, dass er damals zum Wohle aller auf diese erste ‚partielle Lebensbilanz’ verzichtet hatte – ein ‚Colonel’ konnte das unschwer verkraften!

Anlässlich des Sechzigsten Geburtstages hätte sich nach der damaligen Logik erneut eine ‚Bilanzzwischenberichtschance’ aufgetan! Er war auch bereit dazu gewesen und hatte Unmengen an Material zusammengetragen und aufgelistet. Aber dann kam dieser unsägliche Datendiebstahl in Mode, bei dem illegal erworbene Informationen über diverse Schweizer Konten den deutschen Finanzbehörden zum Kauf angeboten worden waren. Seit ewigen Zeiten war aus der ganzen Welt auf diesen Konten Schwarzgeld geparkt worden. Und siehe da, urplötzlich war jeder der ein, zwei Milliönchen mehr besaß ein Steuerhinterzieher – und weiß Gott was noch alles!

Klar, dass der ‚Colonel’ da seinen Kindern Conny und Corni ein leuchtendes Beispiel geben und den beiden mit einer der ersten Selbstanzeigen in Deutschland demonstrieren wollte, dass man keine Steuern hinterzog! Und dass man bei einer weißen Weste auch keinerlei Angst vor rechtstaatlichen Maßnahmen haben musste, die sich da plötzlich allerorts in Bewegung zu setzten begannen.

Als sich dann aber überraschend eine Woche vor seinem Geburtstag die Steuerfahnder zu eine Art ‚Vorfeier’ selbst einluden, meinte seine geliebte Cornelia, dass dieses eine Mal eher eine Feier im engsten Familienkreis angemessen wäre. Da ihre Nerven ohnehin stark angegriffen waren, stimmte der ‚Colonel’ natürlich sofort zu und verzichtete bei seinen wenigen Dankesworten auf jede Andeutung einer ‚Lebensbilanzierung’, da er ja bei seinem rigorosen Hang zu Ehrlichkeit und ungeschminkter Wahrheit doch nur wieder Unschönes aus seinem Umfeld hoch gewirbelt hätte. Von den immensen Schwierigkeiten, die sich durch die sehr angegriffene Gesundheit seiner hoch betagten Mutter und seinem noch älteren Vater  ergeben hatten, wollte er gar nicht reden. Beide hatten das anschließende Debakel der Europäischen Finanzwelt nicht lange mehr überlebt – dazu hatten sie viel zu viel Geld verloren…

Zu seinem Siebzigsten Geburtstag aber –  sollte es nun endlich mit der ‚Lebensbilanzierung’ klappen!

Zu mindest einer verknappten Version!

Alles Störende war ja nun weitgehend ausgeschaltet oder hatte sich selbst erledigt: wie etwa Cornelia, die sich vor fünf Jahren von ihrem ‚Colonel’ getrennt hatte und mit einem Musiker in Belgien lebte. Conny ging es angeblich in USA gut mit ihrer Familie, und Corni war in England Direktor eines bedeutenden Bankhauses.

Das Problem war allerdings jetzt, dass zwar niemand mehr störte, aber auch niemand mehr da war, dem er seine grandiosen Erfolge erzählen hätte können, außer den beiden versoffenen Neffen und der schielenden Cousine, mit der er seit dreißig Jahren kein Wort mehr gesprochen hatte! Und Marianne natürlich, mit der er seit sechs Jahren zusammenlebte, da sie nie aufgegeben hatte, alle ihr im Weg stehenden Schranken auch weiterhin zu durchbrechen!

Doch Marianne war zwar eine wundervoll, attraktive Frau, hatte aber keinerlei Verständnis für seine fast schon ‚krankhaft chronische Selbstbeweihräucherung’, wie sie sagte: im Gegenteil sie wollte selbst bewundert werden! Und all der Kram aus der Vergangenheit konnte ihr wirklich gestohlen bleiben!

Aber wenn er – der ‚Colonel’ – schon das Bedürfnis nach einer Bilanzierung seines Lebens verspürte, dann sollte er doch diese großartige Lebensleistung selbst zu Papier bringen! Quasi als Vermächtnis an die gesamte Familie Vatter. Und Zeit hätte er doch jetzt auch, oder?

Mit diesen Worten drückte sie ihrem ‚Colonel’ begleitet von einem hinreißenden Lächeln ein nagelneues, absperrbares, ledergebundenes Notizbuch in seine von Altersflecken übersäten Hände, sowie einen flüchtigen Kuss auf die ausgetrockneten Falten seiner bereits bis zum Nacken reichenden Stirn.

Doch wenn ihm das alles zu mühselig sein sollte, säuselte Mariannchen, könnte er ja auch direkt an Inge, der Putze, die ihn wie immer bestens umsorgen werde, seine Lebensbilanz herantragen: da sie ihr Hörgerät ohnehin meist ausgestellt hatte, könnte er ihr ja tagtäglich aus seinem großartigen Leben berichten – und  dabei in einem Aufwasch auch alle kleinen, großen und noch größeren Schweinereien haarklein in seine Lebensbilanz mit aufnehmen! Da sei doch eine prima Beschäftigung für einen Mann in den besten Jahren! Und freudestrahlend teilte sie ihm – ohne Atem zu holen – mit, dass sie nun aber husch, husch zu ihrem Flugzeug müsste, da sie mit ihrem gemeinsamen Töchterchen Carola zum Golfen in die Algarve flöge! Dabei fächelte sie ihrem ‚Colonel’ atemlos selbst noch von der bereits offen stehenden Tür eine ganze Salve warmherzigster Küsschen zu…

KH