Klaus Hnilica
Donnerstag, der 1. Juni 2017

Eine unerhörte Bilanz!

Also das hatte er sich damals geschworen: wenn er, ‚Colonel’ Vatter – mit zwei „t“ – Siebzig würde und noch bei klarem Verstand wäre – dann würde er vor der gesamten Großfamilie Vatter – insbesondere seiner Frau Cornelia, Conny seiner Tochter und  seinem Sohn Corni, eine ‚Lebensbilanz’ erstellen! Und da er nicht umsonst von frühester Kindheit an mit dem Nicknamen ‚Colonel’ bedacht worden war, stand damit die ‚gnadenlose Bilanzierung seines Lebens’ unverrückbar fest.

Das heißt so eine ‚Art Bilanzierung’ stand fest! Wie bei der doppelten Buchführung!

Nämlich ein nüchternes Nebeneinander der ‚Aktiva’ und ‚Passiva’ mit anschließender ‚Saldierung’ wie auf einer Waage – stand fest!

Schonungslos und selbstkritisch wollte er unter den ‚Aktiva’ alles benennen, was ihm im Laufe seines großartigen Lebens gelungen war und wie er sämtliche Loser hinter sich gelassen hatte. Und bei den ‚Passiva’ natürlich all das, was den anderen misslungen war! Akribisch und vorurteilslos wollte er deren Misserfolge auflisten, wie sich das nach guter, alter Buchhaltermanier gehörte!

Nach seiner Meinung sollte nämlich jeder aufrechte Mann gegen Ende seines Lebens neutral und uneitel so eine Bilanz ziehen! Eine Bilanz bei der glasklar fokussiert und bewertet wird wo Erfolge vorliegen und wo andere versagt haben.

Selbst die eigene Familie durfte bei einer derartigen Bilanzierung nicht geschont werden, wenn sie denn mit einbezogen werden sollte.

Aber dann musste auch alles auf den Tisch! Und wenn’s nur der Esstisch war – weil der die größte Tafelfläche hatte. Für seine geliebte Cornelia natürlich ein Alptraum: denn dieser Esstisch quoll über vor steinharten Frühstückseiern, zähen Rinderbraten, verkokelten Schnitzeln, halbgaren Hühnerschenkeln, breiigen Bohnen, ausgehärtetem Milchreis und vielen, vielen anderen ‚Köstlichkeiten’ aus ihrer Küche!

Aber nach einem kurzen hysterischen Schreianfall hätte sie sich bestimmt eingekriegt und eingesehen, dass so eine Bilanzierung nur Sinn machte, wenn mit größtmöglicher Ehrlichkeit an sie herangegangen wurde.

Und wäre auf diesem ‚Esstisch der Lebensleistungen’ dann wirklich kein Plätzchen mehr frei gewesen, da etwa auch Conny und Corni ihre ‚Versagenspakete’ verstohlen hinzugefügt hätten, dann wäre er, der ‚Colonel’, natürlich bereit gewesen seine ‚Palette der Erfolge’ auch unter den Tisch zu platzieren. Schließlich war da jede Menge Platz und Conny und Corni hätten sehr anschaulich lernen können, wie die deutsche Spruchweisheit ‚Bescheidenheit ist eine Zier’ nicht nur plakativ vorgezeigt, sondern auch gelebt werden kann! Und hätten damit ganz praktisch erfahren, was die Kanzlerin unlängst gemeint hatte, als sie sagte, dass nur unsere ‚Werte uns einen Begriff von Heimat gäben’…

Ursprünglich dachte er ja, dass so eine ‚Lebensbilanz’ durchaus auch als eine Art ‚Zwischenbericht’, auf speziell Lebensabschnitte fokussiert werden konnte und sich beispielsweise in geeignetem Rahmen schon zu seinem Fünfzigsten Geburtstag gut machen würde – insbesondere bei seiner beispiellosen Karriere!

Doch leider drehte dann wenige Tage vorher seine geliebte Cornelia von einem Tag auf den anderen durch und wollte sich urplötzlich scheiden lassen. Nur weil sie wieder einmal aus einer Mücke einen Elefanten machte, der dieses Mal Marianne hieß! Dabei hatte Cornelia selbst diese Marianne in die Familie eingeführt. Gegen den Willen des ‚Colonels’!

Mein Gott wie himmelte sie die viel jüngere Marianne an! Ein Herz und eine Seele waren die beiden! Und jede Shoppingtour mit ihr, war wie ein Blick ins Paradies gefeiert worden. Cornelia konnte und wollte einfach nicht sehen, dass dieses goldige Mariannchen nur Unfrieden in die harmonische Familie Vatter trug.

Ja er, der ‚Colonel’, musste damals tatsächlich selbst Hand an diese Marianne legen und ihr eine Schranke nach der anderen aufzeigen, die sie nicht zu übertreten hatte – die sie aber immer wieder von neuem aufgezeigt bekommen wollte. Schlimm war das gewesen – an manchen Tagen hatte sie – kaum zu glauben –  bis zu drei Schranken übersteigen wollen!

Letztlich war der ‚Colonel’ heilfroh gewesen als Cornelia endlich eingesehen hatte, dass diese Marianne weg musste. Und zwar unverzüglich! Dass sich Cornelia dann aber in einer Art somnambulen Schockzustand auch gleich scheiden lassen wollte, war übertrieben und bedurfte dringend ärztlicher Behandlung. Natürlich ließ der ‚Colonel’ seiner geliebten Cornelia gegenüber alle nur denkbare Rücksicht walten und verzichtete ihretwegen auch ohne jedes weitere Wort auf den vorhin schon erwähnten ersten ‚Lebensbilanzzwischenbericht’ anlässlich seines Fünfzigsten Geburtstages: schließlich wäre ja in der geplanten Bilanzierung sehr unschön unter den ‚Passiva’ Cornelias Scheidungswunsch gestanden, während er unter die ‚Aktiva’ sein damaliges Aufrücken in den Konzernvorstand platzieren hätte müssen, wenn das Ganze Sinn machen und nicht nur eine plumpe Umdeutung der Wirklichkeit sein sollte.

Aber das wollte er natürlich Cornelia nicht antun! Die war verzweifelt genug!

Auch die Kinder waren dagegen gewesen. Die hatten ja auch kaum etwas vorzuweisen, was unter ‚Aktiva’ verbucht werden hätte können, so dass doch nur wieder er einsam und verlassen dort aufgekreuzt wäre…

Nein – das war schon gut gewesen, dass er damals zum Wohle aller auf diese erste ‚partielle Lebensbilanz’ verzichtet hatte – ein ‚Colonel’ konnte das unschwer verkraften!

Anlässlich des Sechzigsten Geburtstages hätte sich nach der damaligen Logik erneut eine ‚Bilanzzwischenberichtschance’ aufgetan! Er war auch bereit dazu gewesen und hatte Unmengen an Material zusammengetragen und aufgelistet. Aber dann kam dieser unsägliche Datendiebstahl in Mode, bei dem illegal erworbene Informationen über diverse Schweizer Konten den deutschen Finanzbehörden zum Kauf angeboten worden waren. Seit ewigen Zeiten war aus der ganzen Welt auf diesen Konten Schwarzgeld geparkt worden. Und siehe da, urplötzlich war jeder der ein, zwei Milliönchen mehr besaß ein Steuerhinterzieher – und weiß Gott was noch alles!

Klar, dass der ‚Colonel’ da seinen Kindern Conny und Corni ein leuchtendes Beispiel geben und den beiden mit einer der ersten Selbstanzeigen in Deutschland demonstrieren wollte, dass man keine Steuern hinterzog! Und dass man bei einer weißen Weste auch keinerlei Angst vor rechtstaatlichen Maßnahmen haben musste, die sich da plötzlich allerorts in Bewegung zu setzten begannen.

Als sich dann aber überraschend eine Woche vor seinem Geburtstag die Steuerfahnder zu eine Art ‚Vorfeier’ selbst einluden, meinte seine geliebte Cornelia, dass dieses eine Mal eher eine Feier im engsten Familienkreis angemessen wäre. Da ihre Nerven ohnehin stark angegriffen waren, stimmte der ‚Colonel’ natürlich sofort zu und verzichtete bei seinen wenigen Dankesworten auf jede Andeutung einer ‚Lebensbilanzierung’, da er ja bei seinem rigorosen Hang zu Ehrlichkeit und ungeschminkter Wahrheit doch nur wieder Unschönes aus seinem Umfeld hoch gewirbelt hätte. Von den immensen Schwierigkeiten, die sich durch die sehr angegriffene Gesundheit seiner hoch betagten Mutter und seinem noch älteren Vater  ergeben hatten, wollte er gar nicht reden. Beide hatten das anschließende Debakel der Europäischen Finanzwelt nicht lange mehr überlebt – dazu hatten sie viel zu viel Geld verloren…

Zu seinem Siebzigsten Geburtstag aber –  sollte es nun endlich mit der ‚Lebensbilanzierung’ klappen!

Zu mindest einer verknappten Version!

Alles Störende war ja nun weitgehend ausgeschaltet oder hatte sich selbst erledigt: wie etwa Cornelia, die sich vor fünf Jahren von ihrem ‚Colonel’ getrennt hatte und mit einem Musiker in Belgien lebte. Conny ging es angeblich in USA gut mit ihrer Familie, und Corni war in England Direktor eines bedeutenden Bankhauses.

Das Problem war allerdings jetzt, dass zwar niemand mehr störte, aber auch niemand mehr da war, dem er seine grandiosen Erfolge erzählen hätte können, außer den beiden versoffenen Neffen und der schielenden Cousine, mit der er seit dreißig Jahren kein Wort mehr gesprochen hatte! Und Marianne natürlich, mit der er seit sechs Jahren zusammenlebte, da sie nie aufgegeben hatte, alle ihr im Weg stehenden Schranken auch weiterhin zu durchbrechen!

Doch Marianne war zwar eine wundervoll, attraktive Frau, hatte aber keinerlei Verständnis für seine fast schon ‚krankhaft chronische Selbstbeweihräucherung’, wie sie sagte: im Gegenteil sie wollte selbst bewundert werden! Und all der Kram aus der Vergangenheit konnte ihr wirklich gestohlen bleiben!

Aber wenn er – der ‚Colonel’ – schon das Bedürfnis nach einer Bilanzierung seines Lebens verspürte, dann sollte er doch diese großartige Lebensleistung selbst zu Papier bringen! Quasi als Vermächtnis an die gesamte Familie Vatter. Und Zeit hätte er doch jetzt auch, oder?

Mit diesen Worten drückte sie ihrem ‚Colonel’ begleitet von einem hinreißenden Lächeln ein nagelneues, absperrbares, ledergebundenes Notizbuch in seine von Altersflecken übersäten Hände, sowie einen flüchtigen Kuss auf die ausgetrockneten Falten seiner bereits bis zum Nacken reichenden Stirn.

Doch wenn ihm das alles zu mühselig sein sollte, säuselte Mariannchen, könnte er ja auch direkt an Inge, der Putze, die ihn wie immer bestens umsorgen werde, seine Lebensbilanz herantragen: da sie ihr Hörgerät ohnehin meist ausgestellt hatte, könnte er ihr ja tagtäglich aus seinem großartigen Leben berichten – und  dabei in einem Aufwasch auch alle kleinen, großen und noch größeren Schweinereien haarklein in seine Lebensbilanz mit aufnehmen! Da sei doch eine prima Beschäftigung für einen Mann in den besten Jahren! Und freudestrahlend teilte sie ihm – ohne Atem zu holen – mit, dass sie nun aber husch, husch zu ihrem Flugzeug müsste, da sie mit ihrem gemeinsamen Töchterchen Carola zum Golfen in die Algarve flöge! Dabei fächelte sie ihrem ‚Colonel’ atemlos selbst noch von der bereits offen stehenden Tür eine ganze Salve warmherzigster Küsschen zu…

KH

Roland Dürre
Montag, der 23. Januar 2017

Inflation im Nahverkehr

Der letzten Preis-Erhöhung der deutschen Bahn zum Fahrplan-Wechsel Sommer/Winter habe ich keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Als Notiz hatte ich in den Ohren, dass „die Deutsche Bahn die Preise im Fernverkehr um durchschnittlich 1,3 Prozent“ erhöht. So stand es ja auch in der SZ.

Der Shuttle nach München heute bei der Einfahrt in Nürnberg.

Aber denkste!

Am Samstag wollte ich mit drei Mitreisenden nach Augsburg fahren. Also flugs im Netz ein Bayern-Ticket geordert. Und schon reibe ich mir die Augen: Das kostet jetzt 25 €. Das waren doch vor gar nicht langer Zeit noch 23 €. Das sind satte 2 € mehr, also eine Preissteigerung so um die 9 %.

Da kann ich mit leben – denke ich mir, jedoch kommt dann sofort die zweite dicke Überraschung. Die Mitfahrer (bis zu vier sind möglich) haben 5 € je Person gekostet. Jetzt kostet jeder Mitfahrer 6 €. Das sind dann schon satte 20 % mehr.

So kostet der Fahrpreis mit dem Bayern-Ticket für unsere kleine Reisegesellschaft jetzt 25 € Basispreis plus 3 Personen à 6 €, das sind dann 25 € plus 18 € also  zusammen 43 €. Das ist dann so ein Preis, mit dem fahre ich schon mal zu zweit mit dem DB-Fernverkehr nach Sylt (wie das nächste Mal im Februar). Und da ist dann die lange Fahrt nach Hamburg und die zeitlich gar nicht so viel kürzere Weiterfahrt mit dem Regionalzug (vor kurzem noch mit der Nord-Ost-Bahn) nach Westerland im Preis mit drin!

Früher hätte ich 23 € plus 3 Personen mal 5 €, also nur 38 € bezahlt. Der Fahrpreis für uns vier ist so von 38 € auf 43 € gestiegen, das sind dann doch fette 5 € mehr, was um die 13 % Steigerung ausmacht.

Das heißt:
Eine Fahrt nach Augsburg Barbara und mich und in dem Fall zwei Töchter kostet einfach so mal 5 € mehr. Wenn ich dann an das Geschiss um die Autobahn-Maut denke – dass die den Autofahrer auf keinen Fall zusätzlich belasten dürfe – dann wundere ich mich schon.

Ich bewundere auch die „runden Preise“, die da so einfach gemacht werden. Dass Cents nur noch lästige Münzen sind und so immer mehr Geschäfte die Summe beim Einkauf dann einfach eine Stelle hinter dem Komma abrunden, das verstehe ich. Aber dass man bei Preiserhöhungen auch die erste Kommastelle – immer hin 10 Cents, das waren mal 20 Pfennige – ausblendet, das finde ich schon sehr eigenartig.

Es gibt übrigens bei DB und den Privatbahnen auch eine Inflation von Spezial-Tickets für alles Mögliche: Für besondere Regionen, mit und ohne den Nahverkehr in Verkehrsverbünden, spezielle Stadtverbindungen oder eine maximale Entfernung (z.B. max 50 km). So wird das Preissystem komplizierter. Und wenn man die Basis-Mondpreise und die gleichzeitigen Niedrigpreise bei den Sonderangeboten im Fernverkehr in die Betrachtung mit einbezieht, dann wird die Preisgestaltung der Bahn immer unverständlicher.

So schön leer ist’s im Shuttle nachmittags um vier. Das Chromebook ist dabei.

Ich ärgere mich aber nur mal kurz ab und fahre weiter Zug, denn für mich ist die Bahn alternativlos. Und deswegen bin ich auch heute nach Nürnberg und zurück mit dem Bayern-Ticket unterwegs und löhne halt brav meine 25 €. Weil ich im Zug meine E-Mails abarbeiten und meine Artikel schreiben kann. Beim Autofahren kann ich das nicht.

Autofahren kommt für mich eh nicht mehr in Frage. Die Mehrheit unserer Volkes soll laut soziologischer Forschung verbittert sein. Ich wäre es auch, wenn ich jeden Tag eine oder mehrere Stunden am Steuer eines Autos verbringen müsste. Da fahre ich lieber Zug und freue mich, wenn Google vor den Staus auf der A9 wartet. Es ist die morbide Freude über das Scheitern eines unsinnigen Systems.

Die Alternative zur Bahn wäre ja Bus-Fahren. Das ist aber nicht meines. Ich bin von den meistens ziemlich leeren DB-Regio-Zügen ein wenig verwöhnt und mag mich nicht in die engen Busse klemmen, die oft von ihren Fahrern auf selbstmörderische Art und Weise über die Strassen der Republik gejagt werden. Außerdem mussten meinBus und flixBus ihr Netz gewaltig ausmisten und viele Verbindungen streichen, weil deren Venture-Kapitalisten keine Lust mehr hatten, die permanent wachsenden Verluste zu tragen.

Also, weiter Zugfahren und hoffen, dass der dichte Zugtakt mit den meistens so schön leeren Zügen uns möglichst lange erhalten bleibt …

Solche Preissprünge stelle ich übrigens nicht nur bei der Bahn fest. Auch bei öffentlichen Einrichtungen und qualitativen Lebensmitteln wie bei manchen Alltagsartikeln. Oder Immobilien.

Jetzt höre ich aber, dass die Inflation immer noch unter 2 % liegen soll. Ich glaube ja gar nicht, dass man uns absichtlich belügt. Aber die 1,X % glaube ich nicht und vermute mal, dass man uns nicht unbedingt darauf hinweisen will, dass unser Erspartes so immer weniger wird. Was ja auch bedeutet, dass die Schere zwischen arm und reich immer mehr auseinander geht. Mit Folgen, die wir ja schon ein wenig erleben dürfen und uns ja auch schon mal ein wenig ausmalen können.

RMD

Der Shuttle nach München am 23. 01. 17 im Hbf Nürnberg auf Gleis 12.

Roland Dürre
Dienstag, der 10. Januar 2017

FAHRRADkultur – Interview mit Roland Dürre

Franziska Köppe ist mir vor allem bekannt vom EnjoyWorkCamp. Das ist ein sehr schönes Barcamp für ein neues Verständnis von Arbeit, das einmal im Jahr in Stuttgart stattfindet. Franziska hat mich zu meiner Begeisterung fürs Fahrrad interviewt. Da kam ein Ergebnis heraus, dass mir sehr wichtig ist – deshalb habe ich es sprachlich jetzt noch mal leicht überarbeitet und auch bei mir in IF-Blog.de abgespeichert. Ich habe aber versucht, alles was von Franziska kommt, möglichst so original wie möglich zu lassen.


 

Aktive Mobilität – Fördern und Fordern

 

03.01.2017 – Sind Autofahrer die Kutscher der Neuzeit? Mobilität ist im Umbruch. Seit den 1950ern wurde die Automobil-Industrie stark – vor allem politisch – gefördert. Die Branche gilt als „system-relevant“. Eng verkettet ist sie mit vielen Zulieferern, Verkehrsplanung und Lobbyarbeit. Doch ist sie das „system-relevant“? An den konventionellen Geschäftsmodellen rütteln Start-ups und die Crowd-Economy wie kulturelle Änderungen im Verhalten nicht nur der jungen Generation. Ich sprach mit Unternehmer und Mobilitäts-Aktivist Roland Dürre über Fahrrad-Kultur und den eigenen Beitrag zu Mobilität mit Zukunft.
(Vorwort zum Interview von Franziska)


 

Das Interview

Franziska: Hallo Roland, bitte stelle Dich unseren Lesern kurz vor. Wer bist Du? Was machst Du?

Roland: Wer ich bin, weiß ich nicht. Ich fühle mich als Mensch, Aktivist, Blogger, Coach, Macher, Unternehmer. Ich liebe das Leben und meine Familie. Ich versuche, mutig zu sein und viel Freude bei meinem Tun zu haben. Meine Aufgabe ist nach meiner Zeit bei der InterFace AG noch mehr als früher, Erfahrungen weiter zu geben und wenn möglich anderen – besonders jüngeren – zu helfen, glücklich und erfolgreich zu werden. Für das Schöne, das ich erlebt habe, bin ich dankbar und freue mich, wenn sich diese Dankbarkeit in den verbleibenden Lebensjahren noch mehrt. 🙂

Franziska: Eine Deiner Leidenschaften ist das Radfahren. Was bedeutet für Dich FAHRRADkultur? Was verbindest Du mit diesem Wort?

FAHRRADkultur versus Auto-Kultur – Die Folgen konventioneller Verkehrspolitik

Roland: Kultur und FAHRRAD-Fahren sind beides etwas schönes. Das passt gut zusammen!

Aber sehen wir uns mal an, was uns die Auto-Kultur gebracht hat. Als Autofahrer bin ich im Fahrzeug sozial isoliert. Meine Mitmenschen werden zu anonymen Objekten in anderen Autos. So kenne ich viele Menschen, die sich am Steuer ihres Autos ihrer zwischenmenschlichen Einsamkeit bewusst Schimpfworte benutzen, die sie im normalen Umfeld nie nutzen würden. Und kann das gut nachvollziehen.

Als Radler habe ich mir angewöhnt, mir entgegen kommende Fahrradfahrer zu grüßen. An der Ampel nehme ich häufig Kontakt mit dem Menschen auf dem Nachbar-Rad auf. Ich versuche, Rücksicht zu üben. Und meine, dass die Fußgänger immer Vorfahrt vor Radfahrern haben sollten. Aber auch die Radler vor Autos.

Als Radler sehe und nehme ich mehr wahr. Das gilt auf Radreisen in fremden Ländern genauso wie in Deutschland. Es entwickeln sich schnell soziale Kontakte. Als Fahrradfahrer sehe ich aber auch, wie viel Tiere wie Kröten, Katzen und Hunde von Autos getötet werden. Dann gibt es mir einen Stich ins Herz.

So korreliert Autofahren für mich mit Rücksichtslosigkeit und Unachtsamkeit. Was sich dem Auto in den Weg stellt, wird niedergewalzt. Kohlendioxid wird ausgestoßen, Feinstaub produziert und das nur für die eigene Bequemlichkeit. 1,400.000 Millionen Verkehrstote weltweit im Jahr sind normal, weil es ohne das Auto nicht geht. Es geht aber ohne Autos. Das habe ich im Selbstversuch erlebt. Und es geht einem besser ohne Autos.

Vielleicht noch eine kulturelle Provokation: Autofahrer sind die Kutscher der Neuzeit. Kutscher waren keine beliebte Berufsgruppe, weil sie in den engen Gassen der Städte mit der Peitsche das gemeine Volk aus dem Wege prügelten. Kutscher galten damals als „Abschaum und Gesindel“?!

FAHRRADkultur – Eine leise und saubere Welt mit glücklicheren und gesünderen Menschen

Franziska: Es ist wohl wahr, dass für die meisten – vor allem die Großstädter von uns – Mobilität hauptsächlich mit dem Automobil verbunden ist. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Fahrradfahren das selbstverständlichste und alltäglichste Verkehrsmittel war, mit dem Menschen Entfernungen von mehr als 5 km zurücklegten. Lass uns also noch einmal zurückkommen auf das Fahrrad. Was wäre das für eine Welt, wenn Du FAHRRADkultur träumen dürftest?

Roland: Eine leise und saubere Welt mit glücklicheren und gesünderen Menschen. In der sich aus veränderter Mobilität heraus viele weitere Fortschritte an Lebensqualität entwickeln. Ich sage immer gerne: Wer seine Mobilität nicht in den Griff bekommt, wie will der sein Leben steuern können? Denn ohne den „Willen und die Fähigkeit sein Leben verantwortlich zu führen“ geht es halt nicht.

Roland Dürre auf dem Weg von Salerno nach Pisciotta

Franziska: So weit so vernünftig. Nun sieht die Realität eines Alltagsradlers nicht ganz so himmelblau und rosig aus. Du sprachst es ja bereits an. Einer der Gründe, weswegen Du Dich für „Aktive Mobilität“ – AktMob, wie Ihr es nennt – einsetzt.

Roland: Stimmt. Ich kenne viele Straßen in München, da macht es keine Freude zu fahren. Und auch auf großen Touren muss man immer wieder auch mal eine Strecke durchleiden, auf der man wirklich um sein Leben fürchtet.

Wobei es bei AktMob nicht nur ums Radeln geht, sondern um jede Form von Fortbewegung jenseits von Pferdekutschen, Benzin- oder Elektroautos – durch eigene Bewegung, aus eigener Kraft. Sei es mit Rollern, Skatebords, zu Fuß, dem Rollator – oder was auch immer. Und ein wenig elektrische Unterstützung darf auch dabei sein.

Franziska: Im Bereich Verkehr wird seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts das Automobil als individuelles Fortbewegungsmittel gefördert. Dahinter stand die politische Vision eines Wirtschaftswunders. Leider hat diese kurze Zeit bereits ausgereicht, unsere Städte zu entmenschlichen. Fußgänger wie Radfahrer gehören seltsamerweise kulturell nicht mehr zum Verkehr. Wie absurd das teilweise ist, zeigt sich ganz besonders allmorgendlich an Kindergärten und Schulen: Da werden Kinder mit dem Auto gebracht, weil es aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens durch PKWs zu gefährlich für sie wäre, zu laufen. Wie schräg ist das denn?

Das Auto als Statussymbol in der Wirtschaftswunderwelt

Roland: Ein gutes Beispiel! In der Tat war das Auto – gerade für die Männerwelt – nicht nur ein Objekt, um von A nach B zu kommen. Wenn man Führerschein und ein Auto hatte, war man endlich erwachsen. Der Spruch vom Auto als „Phallus-Symbol“ ist sicher nicht ganz falsch. Und am Steuer eines starken Kraftwagen überkommt gerade das männliche Geschlecht ein Gefühl der Omnipotenz. Wer mag das nicht?

Noch mehr aber war das Auto das Statussymbol in der Wirtschaftswunderwelt der sich wirtschaftlich erholenden BRD und Welt. Das Auto ist wohl die beste Metapher für gekauftes Glück als Ersatzbefriedigung für unerfüllte Bedürfnisse.

Wie wir noch junge Männer waren und kein Auto hatten, da hatten wir den Eindruck, dass die hübschen jungen Frauen die Männer mit Autos doch klar bevorzugten – und auf uns autolose Wesen eher herab sahen.

Das Auto war aber auch – ähnlich wie die Zigarette – ein Symbol für Freiheit. Und es war auch ein neuer privater Lebensraum – in USA z.B. muss es ein paar Jahre gegeben haben, in denen mehr als die Hälfte aller Kinder auf dem Rücksitz von Autos gezeugt wurden. Das stand wohl schon im Kinsey-Report drin. Und unserer Faulheit ist so ein Kraftfahrzeug doch auch sehr entgegen gekommen. Ja, und dass solch ein götzenhaftes Vehikel – auch noch optimal und emotional vermarktet – alles andere untergebuttert hat, ist doch klar.

Die kritische Masse – Radfahren im Verband

Franziska: Mit Aktionen „Wir sind Verkehr“ finden in Deutschland und auf der ganzen Welt monatlich sogenannte Critical Mass statt. Dabei nutzen Radfahrer §27 der StVO aus, der es ihnen ermöglicht, ab 15 Velofahrern (= kritische Masse) im Verband zu fahren. Ich freue mich sehr, dass diese Bewegung in D-A-CH immer mehr Anhänger findet. Ein friedlich-fröhliches Treiben im vergangenen November in Deutschland beispielsweise mit 3.290 Mitradlern. Im Juli dieses Jahres waren es sogar 13.371 FahrradfahrerInnen [Quelle: Daniel via itstartedwithafight]. Jeder kann sich anschließen – und sei es auch nur für ein kurzes Stück des Weges.

© Radlhauptstadt München – Radlnacht 2016 [Foto Andreas Schebesta]

Roland: Critical Mass ist gut! Ich schätze sie vor allem, weil es mir eine echte Graswurzel-Bewegung zu sein scheint. Und ich überzeugt bin, dass Veränderung nur noch von „unten“ angestoßen werden kann. Politik und Administration gelähmt von Lobbyisten und eigenen Regeln hat gar keine Chance und auch keinen Willen mehr, mal etwas auszuprobieren. Nur – ohne Ausprobieren geht nichts!

Franziska: Und doch gibt es da die Fahrrad-Enthusiasten auch unter Politikern. Nehmen wir beispielsweise Deine Heimatstadt. Die Stadt München erhebt den Anspruch, Radlhauptstadt sein zu wollen. Dahinter steht auch das persönliche Engagement von Wigand von Sassen, der seit März 2009 Projektverantwortlicher für diese städtische Fahrrad-Kampagne ist. Seit Beginn der intensiven Fahrrad-Förderung hat sich der Radverkehrsanteil am gesamten Modal-Split deutlich erhöht. So gibt es beispielsweise regelmäßig RadlChecks, bei denen kostenfrei kleinere Reparaturen vorgenommen werden. Erst im Oktober fand die Radl-Nacht statt. Im September die RadCouture… Dahinter steckt viel Engagement in Sachen FAHRRADkultur. Das braucht eine gehörige Portion Mut und Ausdauer.

Doch lass uns gern eine Nummer kleiner denken. Was kann jeder tun? Es braucht ja gar nicht immer die großen Gesten.

Autofahren – nichts anders als eine schlechte Gewohnheit?

Roland: Es wird auch Zeit, dass etwas passiert. Ich glaube aber nicht, dass die Erhöhung des Radverkehrsanteils auf eine „intensive Fahrrad“-Förderung zurückzuführen ist. Ich meine viel mehr, dass immer mehr Menschen entdecken, dass es bessere Möglichkeiten gibt und ein Auto doch sehr viel Geld frisst. Ich sehe die vielen Autos sozusagen als Wohlstandsreserve für die Zukunft, in der es zweifelsfrei für viele von uns „enger“ werden wird.

Autofahren ist nichts anders als eine schlechte Gewohnheit. Wir müssen halt auch bereit und fähig sein, unsere Gewohnheiten zu verändern. Rauchen, ist eine schöne Metapher. Es ist nicht einfach und für viele Raucher unvorstellbar, zum Nichtraucher werden will. Und dann klappt es doch – und man fühlt sich schnell viel besser.

Wie schwer es ist, liebe Gewohnheiten zu ändern, erlebe ich zurzeit an mir selber. Auf den regionalen Wegen bis um die 30 km fahre ich nur noch Fahrrad. Aber leider auch auf den ganz kurzen Strecken. Mein neues persönliches Mobilitäts-Programm heißt jetzt aber „runter vom Fahrrad und wieder auf die eigenen Füß“. Ich will wieder mehr zu Fuß gehen. Und es ist für mich wahnsinnig schwer, diese Gewohnheit aufzugeben, auch bei kurzen Strecken quasi automatisch aufs Fahrrad zu steigen.

Franziska: Verhaltensweisen umzulernen ist in der Tat nicht einfach. Als Angestellte fiel es mir leicht, mich morgens aufs Rad zu schwingen und in die Firma zu radeln. Auch heute noch ist es für mich kein Thema, Geschäftstermine mit dem Rad zu erledigen (es sei denn, es ist zu weit, dann nehme ich öffentliche Verkehrsmittel).

Das Leichte daran war für mich, dass ich den Weg in jedem Fall zurück legen musste. Seit ich jedoch im Home-Office arbeite, fällt es mir unsäglich schwer, täglich aufs Rad zu steigen – nur des Radelns und der körperlichen Aktivität wegen. Mir fehlt dafür das A nach B als Bedingung. Da ist es für mich wiederum naturgemäßer, abends (m)eine Runde durch die Weinberge zu drehen und zu Fuß zu gehen. Das entschleunigt und sortiert die Gedanken.

Inzwischen integrierte ich diese Form der Bewegung in meinen Berufsalltag. Zum einen biete ich öffentliche Netzwerktreffen an. Wir nennen es Walk to Talk. Dabei treffen wir uns an einem grünen Ort, schauen, welche Themen die Einzelnen mitgebracht haben. Und laufen dann für zirka 90 bis 120 Minuten zusammen durch urbanes Grün.

Besonders freut mich, dass meine Coachees, Mentees und Supervisions-Partner die Form des „Gehsprächs“ genauso schätzen wie ich. So dass ich doch zumindest 4-6 Mal pro Monat in den Genuss eines spannenden Gehsprächs im Grünen komme. Das darf jedoch sehr gern noch mehr werden. 😉

Ich empfehle diese Formate im übrigen allen – vor allem als willkommene Abwechslung zu Besprechungen, die viel zu häufig in geschlossenen Räumen und noch dazu im Sitzen stattfinden. Wobei wir beim Thema Arbeitswelten = Lebenswelten sind.

Du warst lange Jahre Unternehmer. Was können Chefs tun, um FAHRRADkultur zu fördern? Worauf kommt es dabei an?

FAHRRADkultur im betrieblichen Mobilitäts- und Gesundheitsmanagement – keine einfache Aufgabe für Chefs

Roland (lacht): Das ist gar nicht so einfach. Das Wichtigste ist sicher, keine Geschäftsautos als vermeintlich lohnenden Gehaltsanteil anzubieten. Leider habe ich das ab 1984 gemacht. Die InterFace AG hat viel zu viele sogenannte „Geschäfts-Autos“. Und Besitzstand zu ändern ist alles andere als einfach.

Positiv wirken sich Angebote aus wie überdachte und sichere Fahrrad-Stellplätze und/oder eine Dusche im Keller. Und man muss es vormachen, die Menschen mit der eigenen Begeisterung für Fahrräder und Fahrradfahren anstecken.

Franziska: Fahrrad-Fahren ist in der Tat ansteckend. Das konnte ich daran sehen, als wir in der Firma für die ich zuletzt tätig war eine Alltagsradler-Gruppe bildeten. Das funktionierte wie eine “Bus-Linie”: Die eingefleischten Radler boten Mitfahrgelegenheiten für die Einsteiger. Schnell ergaben sich ad-hoc Radlwerkstatt und Verabredungen zu gemeinsamen (After-Work-)Touren. Durch Mitfahren erfuhr ich Abkürzungen oder sicherere Anfahrtswege und erhaschte allerlei Radel-Tricks.

Nicht ganz ohne Stolz merkte ich dann auch, wie viel ich selbst schon weiß und anderen mitgeben konnte. Das war ein großer Motivationsschub, auch die nass-kalten Nieselregen-Tage um den Gefrierpunkt zu überstehen. Was viele nicht wissen: Es gibt deutlich mehr trockene als verregnete Tage. Und wenn man einmal unterwegs ist und gute Regenkleidung hat – ist das mit dem Regen ohnehin egal. Auch das entdeckte ich erst durch das tägliche Fahrradfahren. Die zahlreichen Naturschauspiele und das intensive Erleben der Jahreszeiten gar nicht mit eingerechnet.

Was erschwert oder verhindert aus Deiner Erfahrung aktive Mobilität im Alltag? Welche – unter Umständen auch kleinen – Hilfestellungen kennst Du, die dafür Abhilfe schaffen?

Roland: Da gibt es vieles. Zum Beispiel der Irrglaube, dass man Kinder und Lasten mit dem Auto transportieren muss. Das stimmt nicht. Kinder sind auf dem Fahrrad glücklicher als im Auto. Einkaufen geht viel besser mit Fahrrad-Anhänger oder Lastenfahrrad als mit dem Auto. Schon mit zwei Fahrrad-Taschen kommt man sehr weit.

Der regelmäßige Blick in den Spiegel und auf die Waage, vielleicht auch auf’s Blutdruck-Messgerät, überzeugt schnell, dass es Sinn macht, sich mehr zu bewegen.

Franziska (lacht): Stimmt! 😉

Noch einmal zurück zum unternehmerischen Denken. Da viele Arbeitgeber durch Zahlen, Daten, Fakten getriggert sind, werde ich immer wieder gebeten, danach zu fragen: Welchen Nutzen siehst Du für Chefs, sich mit dem Thema “aktive Mobilität” zu beschäftigen?

Roland: Na ja – es ist ja belegt, dass Menschen, die regelmäßig Bewegung haben und an der frischen Luft sind, deutlich weniger krank sind. Das ist doch schon etwas. Sie kommen auch besser gelaunt und ausgeglichener zur Arbeit. Und bringen eine ungeheure Kreativität von ihrer Radfahrt mit.

Gemeinsam stark – AktMob fördert aktive Mobilität im Alltag

Franziska: Um Akteure rund um „Aktive Mobilität im Alltag“ miteinander zu vernetzen, führtet Ihr in Unterhaching Anfang 2016 das AktMobCmp durch. 2017 werdet Ihr Abendveranstaltungen organisieren und auch das nächste AktMobCmp bereitet Ihr aktuell vor. Mit welchen Fragestellungen beschäftigt(et) Ihr Euch dort? Wer war – wer wird dabei sein?

Roland: Eingeladen sind alle, die an ihre Verantwortung für die Zukunft denken. So wie wir mit unserer Mobilität umgehen – so leben wir. AktMobCmp ist ein BarCamp – das heißt, wir kennen die Themen und Sessions nicht vorher. Diese Offenheit ermöglicht jedoch auf der persönlichen Ebene viele schöne und konkrete Ergebnisse.

AktMobCmp 2016 — BarCamp für aktive Mobilität im Alltag

Franziska: Das heißt, um den Menschen den Raum für Ihre Themen zu öffnen, organisiert und moderiert Ihr das ActMobCmp als BarCamp. Was ist das Besondere an diesem Veranstaltungsformat?

Roland: Beim Barcamp-Format organisieren die Menschen, die kommen, ihr Treffen und ihre Sessions ihren Bedürfnissen folgend. Es gibt keine eingereichten Vorträge, die von einem Gremium ausgewählt worden sind. Jeder darf und soll einen Beitrag leisten. Die Organisatoren konzentrieren sich auf die Rolle des Gastgebers, der so das Zusammenkommen ermöglicht. Die soziale Kontrolle liegt bei den Teilnehmern. Ich habe schon ein paar Mal erlebt, wie sich eine Session, die für „Marketing“ missbraucht wurde, sehr schnell geleert hat.

Franziska: Und dann gibt es Sessions, die Menschen in eine intensive, produktive Arbeit an einem gemeinsamen Anliegen verwickeln. Das mag ich an BarCamps. Vor allem, wenn die Veranstalter an die Selbstorganisation und Selbststeuerung der Teilgeber ihrer Unkonferenz glauben.

Diese Sicherheit hast Du in den vergangenen Jahren durch eigenes Erleben gewonnen. Denn das AktMobCamp ist nicht das erste BarCamp, das Du organisierst. Du gehörst zu den Gründervätern der PM Camp-Bewegung, bei der in ganz Europa Menschen zusammen kommen, die sich zu Projektarbeit austauschen. Was macht für Dich die Faszination eines BarCamps aus?

Roland: Das tolle bei BarCamps ist, dass man viel Neues entdeckt. Denn alle Teilnehmer sind bereit, sich zu öffnen und ihr Wissen zu teilen. In der Regel kommen alle Teilnehmer glücklich und reicher nach Hause. Das Erlebte wirkt weiter. Man hat neue Freunde gewonnen, mit denen man in Verbindung bleibt. So vernetzen sich auf BarCamps Menschen und Bewegungen und gewinnen immer mehr an Kraft.

Franziska: Ich weiß, was Du meinst. Für die BarCamp-Newbies unter meinen Lesern nenne uns dennoch bitte ein paar Beispiele.

Roland: Ganz einfach. Bewegungen wie Augenhöhe, intrinsify.me, EnjoyWork mit EnjoyWorkCamp, Unternehmensdemokraten, Gemeinwohlökonomie und viele mehr habe ich auf Barcamps kennengelernt. Wie auch die Menschen, die diese unterstützen und voranbringen. So habe ich auf BarCamps neue Freunde gewonnen wie Nadja Petranovskaja, Dr. Andreas Zeuch, Dr. Eberhard Huber, Gebhard Borck, Dr. Jens Hoffmann, Maik Pfingsten, Dr. Marcus Rainer, Dr. Niels Pflaeging, Roger Dannenhauer, Dr. Stefan Hagen und viele, viele mehr.

Wir beide haben uns ja auch bei einem BarCamp (EnjoyWorkCamp?) kennengelernt! Von allen den genannten Persönlichkeiten findest Du Posts, Podcasts und Videos im Netz, die ganz von selber erklären, warum man sich vernetzen und die Dinge gemeinsam machen muss.

Franziska: Ich glaube, Dir begegnete ich erstmals beim PM Camp in Dornbirn. Intensiv miteinander sprachen wir dann tatsächlich erst im Rahmen meiner Initiative “EnjoyWork”. Um so schöner, mit diesem Austausch ein paar uns verbindender Themen vertieft zu haben. Vielen Dank, Roland, für den Erfahrungsaustausch.

Ich wünsche Dir Alles Gute und Euch mit AktMob viel Erfolg und allzeit gut Kette.

Roland: Vielen Dank – es hat richtig Spaß gemacht!


Links zum Weiterlesen:

 

Guido Bruch hat mir zu meinem Artikel
#Digitalisierung – Die „Ethik“ von IT und „Künstlicher Intelligenz“
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Im Buch Silicon Germany wird die ethische Dimension diskutiert. Hier ein Beispiel: Kind läuft von rechts auf die Straße. Links geht ein Rentner mit Rollator. Der Mensch würde entweder zufällig oder bewusst entscheiden, wen er umfährt, wenn er nicht mehr bremsen kann. Welche Vorgabe soll man aber einer Maschine geben? Immer das Kind schützen und somit eine Auslese betreiben (und dies bei Deutschlands Vergangenheit) oder einen Zufallsgenerator einbauen. Ich denke, hier um geht es.

Aber sicherlich sind dies nur theoretische Fragen, da die Anzahl der potentiellen Unfälle gering sein dürfte. Vermutlich würde sich die Thematik hierdurch selber regeln. Gab es schon vergleichbare Unfälle?

Eine andere Frage wäre, was die Autohersteller tun, wenn sie in anderen Ländern andere Auflagen bekämen? Z.B. in bestimmten Golfstaaten Einheimische schützen und zur Not Gastarbeiter überfahren.


Dafür ganz vielen Dank an Guido. Guidos Beitrag hat viele assoziative und auch emotionale Gedanken bei mir bewirkt:

Das Problem ist, dass ein Programm, das einer Abwägungs-Ethik folgend arbeiten soll, eine alle Fälle abdeckende und mehrdimensionale Bewertungs-Matrix mit berechenbaren Regeln braucht, mit denen es über eine wohl definierte Systematik den Wert von menschlichen Leben bewerten kann.

D.h. „man“ müsste plötzlich Alter, Geschlecht, aber auch Bildung, Funktion und soziale Verantwortung einer Person und manches mehr bewerten und klassifizieren. Und so eine „persönliche Wertzahl“ errechnen, so dass eine Relation auf der Menge aller Menschen ermöglicht wird. Ähnlich dem mathematischen „größer“ bei den ganzen Zahlen.
(Theoretisch darf es dann ja auch kein „gleich“ oder „größer-gleich“ geben, denn dann muss ja wahrscheinlich doch ein Zufallsgenerator her.)

Wenn man die Gedanken einer solchen Relation „größer“ weiter denkt, dann gibt es z.B. auch in der Menge der Menschen zu jedem Zeitpunkt einen wichtigsten und einen unwichtigsten Menschen. Das ganz mathematisch. Mir erscheint diese ganze Diskussion so etwas von sinnlos, auch wenn sie im Buch Silicon Germany steht.

Für die Menschen in der BRD ist das übrigens schon lange geregelt. Da gibt es das Grundgesetz, das eindeutig festlegt, das alle Menschen gleich sind. Und somit ist eine absurde Metrik, die den „Wert eines Menschen“ algorithmisch festlegt, sowie nicht zulässig.

Welche „ethische“ Vorgabe soll man einer Maschine geben?

Ein Beispiel:
Wie Guido schreibt und er zweifelt es auch gleich an, dass man auf den Gedanken kommen könne, immer das Kind zu schützen. Die erste Frage ist dann natürlich, was machen wir bei einer Entscheidung „Kind gegen Kind“?

Abgesehen davon wird so eine Zweiklassengesellschaft definiert: Kinder und Rest der Menschheit. Wie definieren wir dann aber Kind? Über das Alter, die Größe, das Gewicht, den Reifegrad? Und wie wird eine Mutter als Teil des „Rests“ im neunten Monat eingestuft. Vielleicht als zwei Menschen – ein Kind und einmal Rest?
Ich meine auch, dass der „Rest“ sich gegen so eine Regelung vehement zur Wehr setzen würde.

Das Dilemma ist nebenher gesagt uralt. Was soll man machen, wenn kurz vor der Geburt entdeckt wird, dass das bei der Entbindung des lebensfähigen Säuglings die Mutter sterben muss. Und die Mutter nur durch Tötung des Säuglings gerettet werden kann. Ein Gedankenexperiment, dass durchaus auch in der Realität vorkommt. Und dass man natürlich ich immer beliebig erweitern kann, wie z.B. dass die Mutter noch zwei kleine Kinder (und einen Mann …) hat. Kann man so etwas in einen Regelkatalog pressen, den eine Maschine abarbeiten kann? Natürlich nicht.

Hier noch ein paar nicht ernst gemeinte Beispiele, die die Absurdität klar machen sollen:

Wer ist mehr wert?

  • Die Bundeskanzlerin oder der Kapitän der Deutschen Fussball-National-Manschaft?
  • Ein CSU-Landtagsabgeordneter oder ein SPD-Bundestags-Abgeordneter?
  • Ein Unternehmer oder ein Politiker?
  • Ein Deutscher oder ein Franzose (abhängig vom Einsatzort)?
  • Ein integrierte Bürger mit weißer Haut oder ein Asylant mit schwarzer Haut?
  • Ein junger Mann oder eine alte Frau?
  • Der Insasse des Autos für den ich der Roboter zuständig oder der Insasse des entgegenkommenden Autos, für den ein anderer Roboter zuständig ist?
  • Oder um ganz zynisch zu sein: Roboter A ist von BMW. Ihm kommt ein BMW und ein Mercedes entgegen? Soll er den BWM oder den Mercedes rammen?

Solche Beispiele kann man in beliebiger Menge produzieren. Nur welchen Sinn macht das? Außer die Sinnlosigkeit des Ganzen zu belegen?

Ich nenne auch noch ein paar scheinbar harmlosen Beispielen: Katze gegen Hund, wer ist mehr wert? Der streunende Köter oder der Rassehund des Opern-Stars? Oder – um die Absurdität auf die Spitze zu bringen: Wen soll das Auto überfahren, wenn es die Wahl hat zwischen einer „gemeinen deutschen Kröte auf ihrer Wanderung“ oder einer „entlaufenen griechischen Landschildkröte“?
(Hinweis des Autors: Mir tut es immer sehr weh, wenn ich zu Hause beim Radeln die vielen überfahrenen Kröten sehe und in Griechenland die überfahrenen Schildkröten.)

Die meisten Menschen schlagen als Lösung vor, man könne einen Zufallsgenerator für diese Entscheidung einsetzen? So oft würde der ja eh nicht aufgerufen werde würde. Klingt pragmatisch. Warum nicht.

Der große Isaac Asimov löst das Problem in seinem SF-Werk übrigens ganz einfach:
Wenn ein Roboter in die Not kommt, einen Menschen zu schädigen, blockiert sich das System den drei Gesetzen der Robotik folgend und wird irreversibel zerstört. Aber auch er entdeckt schnell den Haken an seinem Vorschlag (übrigens aus den 40iger Jahren).
Nämlich:
Welche Vorgabe bekommt der Computer, um einen Mensch als solchen zu identifizieren? In einem besonderen Fall scheint das der Dialekt der „spacer“ von Solaria zu sein. Mit dem die „spacer“ von Aurora große Schwierigkeiten haben. Und die „settler“ sowieso. Und so vernichten die Roboter von Solaria fremde Eindringlinge – auch wenn sie Menschen sind und ganz gleich ob settler oder spacer“.
😉 Mein Vorschlag: Nehmen wir doch den bayerischen Dialekt zur Erkennung von Menschen? Das würde vielleicht auch die große bayerische Volkspartei in ihr Programm auf nehmen …

Beim autonomen Auto helfen uns aber die „Gesetze der Robotik“ auch nicht weiter. Das kann ja nur funktionieren, wenn das Auto leer fährt :-).

Nein, die Ethik-Kommission für autonomes Fahren ist Unsinn – so wie die meisten Ethik-Kommissionen und auch -Diskussionen.

Bei Drohnen und Kriegsrobotern würde ich mir ja eine Ethik-Kommission wünschen. Das Ergebnis einer solchen Kommission scheint mir aber ebenso klar zu sein wie die Tatsache, dass die Mächtigen dieses sowieso ignorieren würden.

Auch eine Ethik-Kommission kann ich mir vorstellen, die die Frage beantwortet, ob es sein darf, dass private Institutionen (Konzerne wie Google, Amazon …, aber auch der Lobbyismus vieler Branchen bis hin zu den Privat-Armeen einzelner Unternehmen) eine Macht bekommen, wie sie gesellschaftlich noch nie so da war und die bis hin zur psychischen oder  gar physischen Gewaltausübung geht. Die in manchen Fällen durchaus als Verletzung des „Gewalt-Monopols des Staates“ diskutiert werden kann.

Nur, auch da ist mir klar, dass das Ergebnis einer solchen Kommission eigentlich nur ein „NEIN“ sein kann, das aber ebenso ignoriert werden würde.

Ethik hilft nicht bei der Lösung unserer Probleme. Besonders nicht, wenn sie von einer Kommission generiert werden soll. Wir brauchen menschliche Weisheit, dazu zitiere ich immer gerne Bertrand Russell:
» Jeder Zuwachs an Technik bedingt, wenn damit ein Zuwachs und nicht eine Schmälerung des menschlichen Glücks verbunden sein soll, einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit.«

Und Ethik hilft halt leider gar nicht, weiser zu werden. Sie lenkt eher davon ab.

Insbesondere hilft Ethik nichts bei „autonomen Systeme“. Mein Trost ist, dass es im Schienen gebundenen Verkehr meines Wissens kein einziges belegtes Ereignis gibt, das einem dieser „Gedankenexperimente“ wie dem Trolley-Dilemma ähnelt. Wir müssen uns da also nicht zu viele Gedanken machen.

Vielleicht hilft der folgende Gedankengang:

Schienen sind aus Eisen. Sie dienten im Zeitalter des Eisens dazu, Menschen oder Waren in Fahrzeugen von A nach B zu bringen.

Das autonome Auto ist ein Ergebnis der IT. Es ist so ein wenig moderner und fährt quasi auf „Schienen, die aus Software und Rechnern“ gebildet werden.

Und nutzt dabei halt die Infrastruktur, die sich als einzige weltweit total durchgesetzt hat, nämlich planierte und betonierte Wege, genannt das Straßennetz. Deshalb kann es Waren und Menschen nicht nur der Schiene entlang von A nach B (A und B sind fixe Stationen) bringen, sondern auch von X nach Y (X, Y sind jetzt variable Ziele, die durch eine Straße erreichbar sein).

Und die Eisenbahn hatte früher eine doppelte Redundanz. Es musste ein erstes Recovery für den „eigentlich unmöglichen“ Fehler geben. Für den Fall, dass dies versagt hat, war noch eine zweite Ebene vorgesehen, um auch beim Auftreten eines doppelt „unmöglichen“ Fehler den maximalen Unfall zu vermeiden.

Also ist unsere Aufgabe, als Ingenieure eine maximal mögliche Fehlerfreiheit zu erreichen. Dann sollte wir eine erste „Redundanz“ schaffen, die den „unmöglichen Fehler“ beherrscht. Und dann noch eine Ebene mehr an Sicherheit schaffen so wie früher bei der Eisenbahn.

So muss man Fehler so unwahrscheinlich wie nur möglich zu machen. Das ist die Mission!

Die Ethik-Diskussion ist intellektuelle Onanie. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass die Politik versucht von den relevanten und sehr unangenehmen Fragen zur Digitalisierung abzulenken (die ich unter andere in meinen Vorträgen stelle). So wird sie als Wahlkampf-Instrument missbraucht, die Politik will so den Bürgern hohe Kompetenz und Verantwortlichkeit im  vortäuschen. Mit dem Ziel, im Wahlkampf so zu punkten.

RMD

P.S.
Ich kann mich nur an ein vernünftiges Ergebnis einer Ethik-Kommission erinnern. Vor ein paar Jahrzehnten wurde viel über den Paragraphen 217 (Abtreibung) diskutiert. Da war Vorschlag der Ethik-Kommission, dass eine Abtreibung zwar Unrecht bleiben solle, dieses aber nicht mehr sanktioniert werden solle. Wie ich meine, war das kein schlechter Gedanke und wurde ja auch zur Basis für das neue Abtreibungs-Gesetz.

Aber braucht man für so etwas wirklich eine Ethik-Kommission? Wie hat Bert Brecht in der 3-Groschen-Oper gedichtet:
Bestraft das Unrecht nicht so sehr!
Das hilft den Betroffenen, weil die Bestrafung weg fällt. Aber es hilft nicht bei der Entscheidung. Denn die findet immer im Herzen und im Kopf der Betroffenen statt.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat dem Auftrag des Bundeskabinetts und seiner Kanzlerin folgend eine Ethik-Kommission einberufen. Sie soll unter anderem klären, wer für Unfälle haftet, die von autonomen Fahrzeugen verursacht werden – der Fahrer oder der Hersteller.

🙂 Könnte doch sein, dass so ein durchgeknallter autonomer Computer einen Unfall aufgrund von Raserei verursacht. Wer bekommt dann das Bußgeld – oder die Strafanzeige?

Die Ethik-Kommission soll aber wohl auch untersuchen, ob es ethische Normen gibt, denen das autonome Fahrzeug in Konflikt-Situationen folgen muss. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio wird die Leitung dieser Kommission übernehmen. Der Wirtschaftswoche hat der Minister dazu auch ein Interview gegeben.

11348857_10206989802848252_348583267_oDas Thema Ethik beschäftigt mich seit meinem ersten Seminar bei Rupert Lay Anfang der 80iger Jahre wesentlich. Nach meinem Verständnis beschäftigt sich Ethik unter anderem auch mit moralischen Dilemmas. Ein grundlegendes Beispiel für so etwas ist das Trolley-Problem.

Ich zitiere dazu aus dem entsprechenden Artikel in Wikipedia:

Ein Güterzug droht wegen falscher Weichenstellung auf einen vollbesetzten stehenden Personenzug aufzufahren. Ein Weichensteller erkennt die Gefahr und leitet den Güterzug auf ein Nebengleis um, so dass dieser in eine Gruppe von Gleisarbeitern rast, die alle zu Tode kommen. Wie ist die Strafbarkeit des Weichenstellers zu beurteilen?

Diese Frage ist wohl von Welzel 1951 gestellt worden. In den Folgejahren bis heute wurden viele „Gedanken-Experimente“ dieser und ähnlicher Art formuliert. Eines der schärfsten, das mich zumindest meisten beeindruckt hat, ist folgendes:

Ein Arzt hat zehn Patienten in seiner Praxis. Jeder davon ist dem schnellen Tode geweiht, denn eines seiner Organe (bei jedem ein anderes) ist komplett zerstört. Um gesund zu werden braucht jeder innerhalb kürzester Zeit „sein“ Spenderorgan.  Es besteht aber keine Aussicht, dass diese verfügbar sind.

Zufällig kommt ein gesunder Mann in die Praxis. Der enthält genau all die Organe, die der Arzt zur Rettung sämtlicher seiner Patienten bräuchte. Soll der Arzt den Mann (den Menschen) töten, um die anderen (10 Menschen) zu retten?

Hier wird das Thema auf die Spitze getrieben. Obwohl es ethisch durchaus überlegenswert scheint, einen Mensch zu töten um zehn Menschen zu retten, wird diese Lösung von den meisten Menschen komplett ausgeschlossen. Warum? Ich vermute, weil dann sich niemand mehr „zum Arzt gehen“ trauen würde.

Das scheint mir der wirkliche Zweck von Moral zu sein: Wir wollen Dinge unmöglich machen, vor denen wir für uns Angst haben. Und die uns selber auf keinen Fall passieren dürfen. Deshalb soll für all das gelten: Das tut man nicht! Und schon der Gedanke wird zum Tabu.

Das macht dieses „Gedanken-Experiment“ für mich so wertvoll, weil es vielleicht lehrt, was hinter der Moral (Das tut man nicht!) stecken könnte.

Auch das öffentliche Fernsehen handelt jetzt mit Ethik. So hat die ARD am 17. Oktober 2016 das TV-Experiment „Terror – Ihr Urteil“ gezeigt. Und dann die Zuschauer abstimmen lassen, wie der Film ausgehen soll (Verurteilung oder Freispruch für den Piloten im ethischen Dilemma). Die Kritiken, die ich gelesen habe, waren aber von diesem Experiment nicht so begeistert.

Das Arzt-Beispiel erscheint mir übrigens sehr viel sinnvoller als das vom Trolley. Ärzte kann, so kann ich es mir vorstellen, stehen schon eher mal von einem ähnlichen Dilemma, zum Beispiel wenn sie bei einer Katastrophe wie dem Zugunglück in Bad Aibling entscheiden müssen, um welchen Patienten sie sich zuerst kümmern müssen. Wobei auch dieser Vergleich sehr hinkt.

Aber zurück zu den vielen Gedankenexperimenten mit Trolleys, Straßenbahnen, Güterzügen usw. All das ist spannend für eine intellektuelle Diskussion. Nur für die praktische Anwendung erscheint mir das alles völlig sinnlos.

All diese Konstrukte stammen aus dem Beispielraum des an Schienen gebundenen Verkehrs. Dort ist mir aber kein belegbares Ereignis bekannt, wo so etwas in der Realität passiert wäre. Das heißt, das wohl auf der ganzen Welt kein einziger Fahrdienstleister vor so einer Entscheidung gestanden hätte. Wir diskutieren und arbeiten uns also intellektuell-ethisch an reinen Kopfgeburten ab.

In der Wochenendausgabe der SZ finden wir einen gut gemachte „digitale“ Reportage zum Zugunfall nahe Bad Aibling. Da gab es am Morgen des 9. Februar zwölf Tote und 89 Verletzte. Die digitale Reportage hat den Titel Chronologie eines vermeidbaren Unglücks. Ich empfehle, diese Reportage unbedingt anzuschauen und auf den Link zu gehen.

Da wird gezeigt, dass die Realität ganz anders ausschaut. Besonders wenn es zu Unfällen kommt. Wir lernen, dass

  • in elektronischen Stellwerken, die technisch auf dem aktuellen DB-Stand sind, der Fahrdienstleiter deutlicher auf seine erste Freigabe hingewiesen worden wäre: Zumindest durch einen dicken, roten und leuchtenden Pfeil. Im Bad Aiblinger Stellwerk aber fehlt eine solche Anzeige, da die Technik älter war. Da war  ein Sicherheitsrisiko, das der Deutschen Bahn seit langem bekannt war. Eine interne Richtlinie würde seit den 80er-Jahren empfehlen, die alten Relaisstellwerke entsprechend nach zu rüsten. Bei einer „Digitalisierung des Stellwerkes“ auf den „aktuellen technischen Stand“ hätte es eine gute Chance gegeben, dass der Unfall nicht passiert wäre, bei einer kompletten Digitalisierung wäre er wohl nicht möglich gewesen. Ob so etwas ethisch ist, das wäre nach meiner Meinung durchaus diskussionswürdig.

Was erfahren wir noch?

  • Schichtarbeit ist nicht gut!
    Dienstbeginn für den Fahrdienstleister war 5 Uhr. Eine dreiviertel Stunde dauert die Fahrt von dem Bauernhof, auf dem er mit seiner Familie lebt, bis zu seinem Arbeitsplatz am Bahnhof von Bad Aibling, zehn Kilometer westlich von Rosenheim. Wegen eines vom Deutschen Wetterdienst noch in der Nacht angekündigten Sturms hat sich der Fahrdienstleister an diesem Tage wohl früher als sonst auf den Weg in die Arbeit gemacht. Daraus schließe ich, dass bei ihm irgendwann nach 3:00 der Wecker geklingelt. Da kann die Nacht nicht lange gewesen sein.
    Schichtarbeit ist generell ein Problem. Sie ist schädigt die Gesundheit. Dafür gibt es viele Belege. Und immer wenn ich morgens (damit meine ich aber eher vor 6:00) in der S-Bahn sitze, sehe ich nur graue Gesichter (außer die aufgekratzten Mädels und Jungs, die am Ostbahnhof vom Kunstpark Ost kommend zusteigen). Und so richtig fit ist der Mensch halt dann auch nicht. Zumindest ich bin es nicht. Hier aber gute Nachricht:
    Computern (digitalen Systemen) macht Nachtschicht nichts aus!

Weiter lernen wir, dass man am Arbeitsplatz nicht spielen soll.

  • Computerspiele sind gefährlich!
    Um 5:11 startet der Fahrdienstleiter auf seinem Smartphone das Videospiel „Dungeon Hunter 5“. In dem Fantasie-Rollenspiel jagt er als Kopfgeldjäger Monster und Schurken. In den Dienstvorschriften der Bahn steht: Fahrdienstleiter dürfen ihre privaten Smartphones bei der Arbeit nutzen, wenn es für ihre Tätigkeit erforderlich ist. Spiele sind ausdrücklich verboten. Und jeder wird sagen, natürlich darf man während der Arbeit nicht auf dem Computer spielen.
    Aber, ist das realistisch? Nur, wer hält sich daran?  Denn wir bekommen immer mehr Standby-Arbeitsplätze. Das beste Beispiel ist die hoch bezahlte Berufsgruppe der Piloten. Das sind Spitzenverdiener und Leute mit einem harten Job. Wechselnde Arbeitszeiten, Nachtdienste, Klima-Wechsel usw.
    Nur hat man mir berichtet, dass der Pilot auf einem Langstreckenflugzeug von z.B. 8 Stunden nur zwei mal 5 Minuten etwas zu tun hat. Was macht man in solcher einer grausamen Situation? Saufen? Das darf man auch nicht. Also bleibt nur Spielen.
    Ich erinnere mich auch gerne an Messen, auf denen das gelangweilte Standpersonal auf allen neuen PC’s Solitär spielte – und ich gestehe hier, dass ich auch mal Solitär-süchtig war. Nicht wegen der Spielesucht, das kann jedem passieren. Sondern weil dieses Spiel wahrscheinlich erst Windows zum großen Durchbruch verholfen hat. Die gute Nachricht ist wieder:
    Computer (digitale System ) spielen nicht! Sondern konzentrieren sich auf ihre Arbeit!

Insofern sollten wir zuerst mal die Digitalisierung richtig machen, um das Leben gesünder und sicherer zu machen.

Nur – die Autos der Zukunft sollen sich jetzt mit solchen Problemen beschäftigen und sie per Programm lösen – zumindest in Gedanken einer Ethik-Kommission. Und zum BEispiel entscheiden, welchen Radfahrer sie überfahren sollen, wenn sie situativ (Gedankenexperiment!) keine andere Wahl haben als einen von beiden zu überfahren. Wir nehmen mal an: Der/die eine Radler*In ist ein Mann und trägt keinen Helm. Die andere ist eine Frau, die brav einen Helm trägt. Soll das System jetzt entscheiden, die Frau zu überfahren, weil sie – mit Helm – die besseren Überlebenschancen hat? Oder den Mann, zur Strafe weil er keinen Helm trägt? Oder aufs Geschlecht oder Alter schauen. Oder auf die soziale Verantwortung, die die beiden haben …

Ich halte das für Unsinn. So halte ich von der Dobrindt’schen Ethik-Kommission nichts. Wahrscheinlich ist sie eh nur ein kleines Mosaik-Steinchen im Wahlkampf zur nächsten Bundestags-Wahl, mit dem die große Koalition zeigen will, welche wichtige Themen sie – weltweit als einzige Administration wie wohl auch beim Datenschutz – so mutig und umsichtig angeht und so eine besonders verantwortungsvolle Position im Rahmen der Digitalisierung einnimmt. Auch wenn diese Position den Realitäten der Zeit beliebig fern ist.

Wie hat mal einer gesagt: Alle Politiker sprechen vom digitalen Wandel und werfen mit Begriffen wie block chain und big data um sich. Sie wissen aber nicht, was das ist! Wie sie auch Reformen wollen, aber keine Veränderung (Reform ist gewaltfreie Veränderung). Und Innovation wird gefordert, aber bloß keine Zerstörung. Nur: Innovation ist halt kreative Zerstörung. Ich habe immer den Verdacht, dass wenn Politiker die Geschichten von Bloggern und Blogs hören, sie heimlich an den Blockwart, der aufpasst, dass nichts passiert.

Wenn, dann würde ich mir eine Ethik-Kommision im Ministerium von Frau van der Leyen wünschen, die mal bewertet, wie ethisch vertretbar der Einsatz von Kampf-Drohnen und –Robotern zum Beispiel zum freien Töten von Menschen ist. Auch das Problem, dass im Internet wohl das Motto gilt „The winner takes it all“ und ob es sein darf, dass irgendwann mal Konzerne wie Google das Alphabet der Welt bestimmen werden könnte mal eine Ethik-Kommission beschäftigen, gerne im Wirtschafts- und Sozialministerium.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 8. September 2016

HELLO WORLD – Ein offener Brief – #FRIEDEN

Weiße Taube auf blauem Grund, eine Variante der Friedenstaube: Seit den 1980er Jahren verbreitetes Symbol der westeuropäischen, vor allem der deutschen Friedensbewegung, entworfen im Kontext des Widerstands gegen den NATO-Doppelbeschluss.

Weiße Taube auf blauem Grund, eine Variante der Friedenstaube: Seit den 1980er Jahren verbreitetes Symbol der westeuropäischen, vor allem der deutschen Friedensbewegung, entworfen im Kontext des Widerstands gegen den NATO-Doppelbeschluss.

Vor kurzem hatte ich ein tolles Gespräch mit einem Menschen, den ich sehr schätze und lieb gewonnen habe. Ich will ihn für unser Projekt FRIEDEN gewinnen. Am nächsten Tag habe ich ihm geschrieben – hier meine Gedanken dazu als offenen Brief.

Lieber Freund!

im Abstand einer Nacht möchte ich mich nochmal für das Gespräch gestern bedanken.

Du hast mir die richtigen und wichtigen Fragen gestellt. Das ist ein großer Wert. Denn Lösungen findet man nur, wenn man vorher die richtigen Fragen findet.

Hier der Versuch einer zusammenfassenden Antwort auf Deine klugen Fragen zum Projekt FRIEDEN (Warum und Wie):

Für mich ist FRIEDEN die allgemeine Metapher für das Gegenteil von all dem, was nach meiner Meinung in unserer Gesellschaft schief läuft.

Weltweit (mit ganz wenigen und sehr fragwürdigen Ausnahmen) dominiert ein Wirtschafts-System, das die Menschen manipuliert. „Shareholder Value“ und die eigene Bereicherung der handelnden Akteure setzt es in ungeahnter Konsequenz über alles. Auch der Krieg dient hier als Mittel zum Zweck.

Diesem System ist das Wohlbefinden, die physische und psychische Gesundheit der Menschen und auch unser Planet völlig egal. Ich kann das für viele Branchen belegen, auch durch besondere Insights die ich aufgrund meines Netzwerkes habe.

Dazu gehören – nur als ein Beispiel – auch Diskussionen mit Vorständen eines sehr relevanten Pharmaziekonzern im Rahmen eines Forschungsprojekts. Und wenn ich dann aktuell die Bewertung der neuesten Medikamente (von 23 ist eines im grünen, wenige im orangen und über die Hälfte im roten Bereich) anschaue, dann weiß ich sehr wohl die Gründe dafür (siehe SZ von gestern).

Leider gilt das für viele (ich meine alle) Branchen – ob Gesundheit ganz allgemein, Nahrungsmittel, Energie, Finanzen (Banken und Versicherungen), Rohstoffe, Handel, Kfz, Kommunikation, Technologie … Dass die Waffenindustrie da dabei ist, ist natürlich klar.

Und dies ist (leider) keine Verschwörungstheorie sondern präzise belegbar.

Auch die EU ist leider eine sehr undemokratische Organisation (geworden?), die dominiert wird von den Interessen der Konzerne und auch letzten Endes auch von diesen gegründet wurde. So wie auch der EURO kein politisches Produkt ist sondern vor allem von „der Wirtschaft“ eingefordert wurde. Gestern hat ein Urteil des EuGH dies wieder einmal belegt (siehe die ZEIT von gestern).

Ich will aber keine Diskussion über solche Missstände lostreten. Viel mehr beschäftigen mich Begriffe wie Reform, Revolution, Veränderung, Wandel, Innovation, Evolution, Transformation. Diese Begriffe sind auch Basis meiner Vorträge, ganz gleich ob es um Digitalisierung, Führung oder Unternehmertum geht.

Das alles sind schwierige Begriffe. Innovation ist für mich „kreative Zerstörung“. Reform ist gewaltfreie Veränderung. Alle schreiben nach Reformen – nur Veränderung will man nicht. Und Veränderung beinhaltet immer Gewalt.

Ich benutze für das Projekt FRIEDEN den Begriff der Transformation. Mein Ziel ist vielleicht, ein kommunikatives Gegengewicht zu schaffen gegen all das „Unfriedliche“. Und das eben nicht auf einer „religiösen“ Ebene. Also nicht durch missionieren.

Sondern durch emotionale und rationale Anstöße zum Nachdenken. Mit der Absicht Menschen so zu inspirieren. So dass sie auf die Idee gebracht werden, eigenverantwortlich zu denken und zu handeln. Ein Schneeball-System, welches Menschen ohne Dogmen und Drogen ihre Autonomie finden lässt – das wäre schön.

Dass mein Herz heiß ist und ich deshalb gerne große Ziele vorgebe, bitte ich zu verzeihen. Zum Teil liegt es daran, weil mir in meinem Leben – zumindest in meiner Wahrnehmung – schon Erstaunliches gelungen ist, das ich selber nie für möglich gehalten hätte.

Andererseits nehme ich mich selber als eher bescheidenen Menschen wahr, der auch mit kleinen Erfolgen gut leben kann. Denn zuerst Mal ist der Weg das Ziel!

Nur: Wegschauen und nichts machen geht schon mal gar nicht.

Als Mentor unterstütze ich Menschen immer nur „homöopathisch“ und freue mich, wenn es mir gelingt andere Menschen ein wenig glücklicher und erfolgreicher zu machen. Und bin dann selber sehr zufrieden und glücklich. Das gilt auch für „meine Startups“.

Mein persönliches Hauptziel ist, in Dankbarkeit leben zu können.

Ganz liebe Grüße und lass uns in Verbindung bleiben!

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 6. September 2016

Wie wird die Welt in 2036 aussehen? #ZukunftVision2036 – Blog Parade

2036_500Über meinen Freund Thomas Michl hat mich der Aufruf zu einer Blogparade zum Thema #FutureVision2036
von Yasemin Akdemir erreicht.

Mir geht es wie meinem Freund Eberhard Huber. In seinem Blog schreibt er über Menschen und Projektarbeit. Er hat mich auf die Idee gebracht, dass man nicht spekulieren sollte, wie die Welt in 20 Jahren aussehen könnte sondern besser schreiben sollte, wie sie dann aussehen sollte.

Denn spätestens seit den Thesen von Hans Ulrich aus St. Gallen zum „Wandel im Management“ wissen wir, „dass Zukunft nicht vorhersagbar ist“!

Und kühne Vorhersagen zu machen ist so gar nicht meins.

Aber gerne berichte ich hier, was ich mir für 2036 wünschen würde!

Als erstes ist mir wichtig, dass die Menschen global mehrheitlich in 20 Jahren weiser und friedlicher ist.

Weiser heißt, dass die Menschenfreundlichkeit im Denken und Handeln sich mehrt und die im Großen wie im Kleinen weit verbreitete Feindseligkeit zurück drängt. Dass Begriffe wie Respekt, Achtsamkeit und Dankbarkeit für unser Handeln relevant werden.

Frieden bedeutet für mich, dass immer mehr Menschen es schaffen, auch durch eigene Wertschätzung mit sich selber im Einklang zu leben. Nur wenn Menschen sich selber mögen und wertschätzen und so ihren inneren Frieden finden, dann kann der äußere Frieden wachsen und sich durchsetzen. Nur so werden die vielen beliebten Feindbilder verschwinden und nur so kann auch der Frieden mit Umwelt wie mit anderen Menschen und anderen sozialen Systemen gelingen.

Weiter wünsche ich mir mehr Neutralität und weniger Moralismen, wie auch zum Beispiel weniger sexuelle Prüderie. Allgemein sollte der Stellenwert von Religionen abnehmen. Wie kann man von Menschen geschaffene Konstrukte mit einem absoluten Wahrheitsanspruch versehen? Ich möchte auch nicht, dass auch noch in 2036 z.B. Kinder aus „religiösen Gründen“ verletzt und verstümmelt werden.

Der Satz von Friedrich II. von Preußen „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“ sollte auch in 2036 gelten. Aber nicht die „Verletzung von religiösen Gefühlen“ darf Unrecht sein, sondern die gesellschaftliche Diskriminierung von „Ungläubigen“ durch „Gläubige“ und der Versuch, die Ungläubigen „religiös zu missionieren“ .

Freiheit darf in 2036 nicht mehr missverstanden werden, dass man alles machen darf, was möglich ist. Die Bedeutung des Begriffs muss abgelöst werden durch ein Verständnis von Freiheit im Sinne des „Wollen und Fähig-Sein, sein Leben eigenverantwortlich zu führen“.

Ich würde mich freuen, wenn die Menschen in den nächsten 20 Jahren es immer mehr schaffen würden, autonom von Marketing und externer Steuerung zu werden. Und zum Beispiel erkennen, dass ihr wertvollstes Gut die Zeit ist. Und wir unser Leben im Moment in Freude genießen können – ohne so viel nachdenken zu müssen. Ein wenig mehr Unterbewußtsein und dafür weniger „Kleinhirn“.

In 2036 wollen wir in „angstfreien Räumen“ leben. Ängste entstehen im Kopf und haben mit realen Bedrohungen und gesunder Furcht nichts zu tun. Und in 2036 sollte wir nicht mehr meinen, uns über Aussehen, Besitz, Eigentum, Erfolg, Reichtum … definieren zu müssen. Sondern einfach uns selbst zu sein.

Mein konkretes Anliegen für 2036 ist, dass möglichst viele Menschen ein Leben im Einklang mit der Umwelt führen können. So möchte ich auch als Fußgänger und Radfahrer die Luft in den Städten wieder atmen können. Dazu müsste das Verständnis die Oberhand gewinnen, dass „individuelle Mobilität“ keine Zukunftslösung darstellt, wenn sie auf Basis von schweren Fahrzeugen beruht, ganz gleich ob sie durch einen Verbrennungs- oder Elektromotor angetrieben werden. Auch würde ich mir wünschen, dass die Welt wieder ein weniger leiser wird.

Jenseits dieser banalen Dinge möchte ich in 2036 in einer Gesellschaft leben, die akzeptiert, dass ich ein Wesen aus Fleisch und Blut bin, das ein Recht hat, den eigenen Körper lustvoll zu erleben und es selbstverständlich wird, dass ich ausreichend Bewegung im Alltag bekomme. In einer Gesellschaft, die mich nicht auf ein Mittel zum Zweck reduziert.

Denn auch als Erwachsener möchte ich herum tollen und albern sein dürfen. 2016 will ich nicht mehr durch Marketing manipuliert und von Lobbyisten beherrscht werden. Sondern das sein dürfen, was ich letzten Endes bin: Ein (hoffentlich) sympathische Säugetier mit ein wenig Vernunft.

Das dominante Prinzip unseres wirtschaftlichen Handelns muss in 2016 „Nachhaltigkeit“ sein. Die Wirtschaftskreisläufe müssen so organisiert und gelebt werden, dass das Prinzip #nowaste erste Priorität wird. Das gilt auch für die Energie – all das kann nur erreicht werden durch den Einsatz „smarter Technologien“ aber auch wesentlich durch individuellen Verzicht. Im übrigen überwiegend auf Dinge, die sehr wohl verzichtenswert sind.

Wir Menschen sind nicht für die Wirtschaft da – sondern die Wirtschaft ist für uns Menschen da! So gibt es auch die Bayerische Verfassung vor. An Stelle von globalem „Raubtier-Kapitalismus“ brauchen wir in 2036  funktionierende regionale „Gemeinwohl-Ökonomien“! Auch wenn diese rechnerisch uneffizienter sein mögen – was ich übrigens nicht glaube, denn bei globaler Optimierung werden die externen Kosten nur zu schnell vergessen und unterschlagen.

Viele unserer Lebensgewohnheiten müssen sich wesentlich ändern. Und dies nicht zu unserem Schaden. Das wird für die Mobilität genauso gelten wie für die Produktion von Gütern. Eine Lösungsmöglichkeit könnte in mehr „shared oconomy“  bestehen, individuell gestützt von „weniger Eitelkeit und Egoismus“. Das Erfolgs-Prinzip der Zukunft wird heißen „Weniger ist Mehr!“ – „Wachstum als Lösung aller Probleme“ war gestern (und schon immer ein großer Blödsinn).

Auch in unserem konkreten Handeln wird die Achtsamkeit unser Handeln bestimmen müssen. Und wir müssen permanent hinterfragen, ob wir das alles brauchen, was wir uns so leisten? Und wir sollten dann die Dinge auch ein klein wenig mehr zu Ende denken!

So wünsche ich mir für 2036 eine Aufklärung 2.0, die wir ernst nehmen und gewissenhaft entwickeln und die unser Handeln bestimmt. Und wir uns nicht mehr mit Tand zu dröhnen, sondern uns wieder auf die wesentlichen und wertvollen Dinge konzentrieren.

Ich bin und bleibe optimistisch, dass wir das gemeinsam mit Mut und in Freude schaffen werden. Auch unterstützt von der neuen „digitalen Welt“ und schönen Blog-Paraden.

RMD

Komm in meinen Dienst – mach mich reich!

Als vorläufig mal letzten Beitrag in meiner Serie zu Korruption bringe ich ein Erlebnis, dass ich als besonders freches Vorgehen empfand. Es war allerdings auch ein sehr verlockendes Angebot und nicht ganz einfach, nein zu sagen.

Das Geschehen ist nicht ganz so lange her wie die Erfahrungen, die ich in den anderen drei Berichten wieder gegeben habe. In meiner Erinnerung datiere ich es auf Anfang bis Mitte der 90iger.

Wir waren damals ein anerkannter und auch bekannter Lieferant von Support und Service für Produkte erster Hard- und Software-Hersteller und versorgten im Auftrage dieser Unternehmen deren Kunden mit Service- und Support-Leistungen. In Regel lief das in guter Partnerschaft, so gab es schöne „win-win-Situationen“.

Es war die Zeit, in der immer neue Unternehmen – vorzugsweise aus USA aber auch aus anderen Ländern – mit besonderen Software-Lösungen im Service- und Sicherheits-Bereich kometenhaft aufstiegen. Und natürlich war unser Ziel, verschiedene Hersteller zu unterstützen und unterschiedliche Technologien zu unterstützen, um ein breites Angebot am Markt zu haben und unabhängig von einem Hersteller zu bleiben.

Eine Tages erreichte uns wie aus dem Nichts ein Anruf eines renommierten und sehr erfolgreichen Technologie-Anbieters mit der Anfrage, ob wir nicht den exklusiven Service für dessen Produkte in einem größeren Bereich von DACH (Deutschland, Österreich, Schweiz) übernehmen wollten.

Es ist immer schön, wenn das Bargeld in der Kasse klimpert.

Es ist immer schön, wenn das Bargeld in der Kasse klimpert.

Das klang natürlich phantastisch. Heute weiß ich, dass man bei solchen Angeboten eigentlich schon von Haus aus misstrauisch sein muss, denn Wunder passieren in der Unternehmens-Realität eben nie (oder wenn dann nur sehr, sehr selten). Und wenn sie doch passieren, dann haben sie (immer) einen (riesen-großen) Haken. Als Treffpunkt war – wie konnte es anders sein – die Lobby in einem Flughafenhotel vorgeschlagen.

Wir waren neugierig, wollten diese Chance auf jeden Fall prüfen und vereinbarten den Termin. Und es war alles wahr. Der Support-Chef Europa des besagten Unternehmens empfing uns sehr freundlich und entgegenkommend und erklärte uns überzeugend, warum er gerade unser Unternehmen als Kandidaten für die zukünftige Partnerschaft ausgewählt habe. Er bot an, uns für eine sehr attraktive Region den Service für seine Produkte und Kunden komplett und exklusiv an uns zu übergeben. Die notwendige Ausbildung unserer Kollegen an seinen Produkten wurde uns zum Nulltarif angeboten, nur die Arbeitszeit dafür hätten wir aufzubringen. Alles klang nach einer neuen und wunderschönen Partnerschaft.

Aber dann kam der Haken. Unser Gesprächspartner wies uns darauf hin, dass wir in solch einem Modell ja keine Vertriebskosten hätten – und trotzdem exzellente Preise realisieren würden. Alle Aufträge würden ja direkt von seinem Unternehmen kommen und pünktlich bezahlt werden. Also wäre es nur rechtens und für uns keines Falls irgendwie nachteilig, wenn wir eine Vertriebspauschale von 10 Prozent für den mit unserem neuen Auftraggebers getätigten Umsatzes abführen würden. Dazu würden wir regelmäßig Rechnungen von einem in der Schweiz ansässigen Vertriebsunternehmen erhalten, die wir nur pünktlich bezahlen mussten.

Wir haben dann um eine kurze Bedenkzeit gebeten und sind wieder heim gefahren. Und haben schweren Herzens abgelehnt, denn der entgangene Umsatz war für uns durchaus relevant. Die Firma in der Schweiz war übrigens auch eine Art Briefkasten-Firma, wer weiß wo das Geld dann weiter hin ging.

In meiner doch ziemlich langen beruflichen Laufbahn habe ich eine Reihe von ganz konkreten Kick-Back-Geschäften erlebt. Meistens haben dann Personen im Mittelmanagement durch aus sehr renommierter und auch deutscher Unternehmen von ihren Dienstleistern einen „kleinen Rückfluss“ erwartet bzw. verlangt. Das ging dann übrigens auch meistens über Briefkastenfirmen. Aber so ein dreistes Vorgehen wie das von mir hier berichtete habe ich nie erlebt.

RMD

P.S.
Das Bild ist aus Wikipedia.
Von Banknoten: Hermann Eidenbenz für die Deutsche Bundesbank. Münzen: versch. Künstler für die Bundesrepublik Deutschland – Banknoten: Herausgegeben von der Deutschen Bundesbank. Münzen: Herausgegeben von der Bundesrepublik Deutschland, PD-Amtliches Werk.

Roland Dürre
Donnerstag, der 28. April 2016

Briefkasten-Firmen, Korruption und was so dazu gehört … (Serie) #3

Im Land der Roß-Händler …

Nach mehr allgemein gültigen Überlegungen in den beiden letzten Beiträgen (1 und 2) setze ich meine kleine Serie zur Korruption fort und berichte über zwei konkrete eigene Erfahrungen. Hier der erste Fall.

Wie ja den meisten Lesern bekannt ist, habe ich vor über 30 Jahren ein Unternehmen gegründet und war dort als Geschäftsführer und Vorstand tätig.

Schon in den frühen 80iger Jahren wurden Autos als Geschäftswagen in der BRD genauso wie heute subventioniert. Da es damals noch selbstverständlich war, ein Auto zu fahren, haben wir ganz früh unseren Mitarbeitern wahlweise als Teil des Gehalts ein sogenanntes Geschäftsauto angeboten. Bei einem „Geschäftsauto“ spart man die gesamte Mehrwertsteuer, denn man kann alle (!) Ausgaben wie Anschaffung des Fahrzeuges, Ersatzteile, Reifen, Zubehör, Versicherungen, Wartung und Instandsetzung, dazugehörende Dienstleistung und auch die Ausgaben für den gesamten Kraftstoff als normale Geschäfts-Kosten absetzen und spart so die gesamte Mehrwertsteuer und weitere Unternehmenssteuern (Einkommen, Gewerbe).

Über die Laufzeit eines Kraftfahrzeuges macht das schon bei Fahrzeugen der Mittelklasse einen enormen Betrag an Steuerersparnis aus, der die vom Mitarbeiter abzuführende Steuer für den „Geld werten“ Vorteil wesentlich übersteigt. Besonders dann, wenn der Mitarbeiter einen kurzen Arbeitsweg hat. Und „kluge“ Mitarbeiter haben in der Regel einen kurzen Arbeitsweg, wenn auch manchmal nur steuerlich.

Den Subventions-Gewinn (Differenz zwischen ersparter Mehrwertsteuer und der vom Mitarbeiter bezahlten Steuer für „Geld werten Vorteil“) kann man sich trefflich zwischen Mitarbeiter und Unternehmen teilen, so dass beide Seiten von der Subvention für die Automobil-Industrie profitieren. Und da ich damals beim Thema Autofahren noch ziemlich naiv war, habe ich das Argument „Du bekommst einen Geschäftswagen“ kräftig auch bei der Anwerbung von Mitarbeitern eingesetzt.

So wuchs mit der Anzahl der Mitarbeiter auch die Anzahl der Geschäftswagen kräftig. Wir konnten nach kurzer Zeit von einer kleinen Flotte von IF-Autos sprechen, die immer größer wurde (10, 20, 30 …). Wenn man eine Flotte hat, kommt der Autovertreter für die Geschäftskunden und überredet einen mit dem Hinweis auf „die vielen Vorteile“ zu einem Flottenvertrag. Den habe ich dann auch irgendwann mal abgeschlossen.

Auch die Rückseite dieses Scheines hat manches Herz erfreut :-)

Auch die Rückseite dieses Scheines hat manches Herz erfreut 🙂

Jetzt dachte ich, dass wir über so einen Flottenvertrag die Autos günstiger kriegen würden denn als Privatkäufer. Das war aber ein Irrtum, immer wieder erfuhr ich, dass Freunde beim „Privatkauf“ – zwar nach zähem Handeln aber immerhin – einen höheren Einzelrabatt bekamen als ich für die Flotte. Das hat mich geärgert.

Dazu kam, dass die Versprechungen der Flottenvertrags-Händler zwar sehr groß aber der Service unterirdisch schlecht war. So habe ich die Anbieter gelegentlich gewechselt, einmal sogar die Marke. Die Verhandlungen waren immer grauenhaft, denn die Vertriebsleute der Autofirmen haben ihr ganzes, mir sehr unangenehmes vertriebliches Repertoire in penetranter Art und Weise eingesetzt.

Und wie ich partout nicht mehr wollte, kam der Oberverkäufer zu mir. Er beschwor mich eindringlich, dass ich unbedingt bei seinem Hause und seiner Marke bleiben müsse. Alles würde besser werden. Und er könne mir auch ein ganz besonderes Extra anbieten, dass er nur seinen allerbesten Kunden geben würde:

Er würde mir für jedes Fahrzeug, dass das Unternehmen im Rahmen des Flottenvertrages bei ihm kaufen würde, 5 % des Bestellwertes auf ein Konto meiner Wahl überweisen!

Ich war perplex und habe ihm geantwortet, dass ich gar kein Konto für so etwas hätte. Da hat er gesagt, dass er mir bei dem Einrichten eines solchen – gerne auch im Ausland – durchaus behilflich sein könnte. Hat er da eine Briefkastenfirma gemeint?

Zu der Zeit ist die InterFace gut gewachsen. Unsere Autos haben wir immer früh erneuert und so in diesem Jahr gut 10 Autos bestellt. Es war in diesem Jahr sicher ein Einkaufswert von über 250.000 DM. So hätten diese 5 % einen gesamten Zahlungseingang auf das Konto meiner Wahl in Höhe von 12.500 DM bedeutet. Das waren immerhin 12 1/2 Exemplare des abgebildeten Scheines, für den man damals noch sehr viel bekam. Und das Ganze steuerfrei und jedes Jahr mit steigender Tendenz …

Ich habe damals abgelehnt, weil ich ein solches Vorgehen nicht nur als Bestechung sondern vor allem als Betrug an meinen Partnern und Mitarbeitern gesehen habe. Heute bin ich froh darüber, dass ich dieses sehr ernst gemeinte Angebot abgelehnt habe. Marke und Vertriebsunternehmen verrate ich nicht, weil ich davon ausgehe, dass das keine gängige Geschäftspraxis war sondern nur die Machenschaften von Einzelnen. Aber wer weiß?

RMD

P.S.
Der Tausender ist aus Wikipedia.

Roland Dürre
Montag, der 25. April 2016

Die Meister der Reformen.

Die Vorgeschichte zum Artikel:
Zurzeit habe ich lieben Besuch aus China. Gestern am Sonntag (24. April) will unser Besuch die Bundes-Talkshow mit „Anne Will“ sehen.

Was tut man nicht alles für seine Gäste. Also schauen wir gemeinsam „Anne Will“. Das Thema der Sendung ist die Politik der EU und das Verhältnis zu ihrem Partner Türkei, mit besonderer Aufmerksamkeit auf Erdoğan, den zwölften Präsident der türkischen Republik (den ich eher als Diktator wahrnehme). Die Gäste sind überwiegend die bekannten Gesichter … (zur Sendung).

Recep Tayyip Erdoğan 2015

Recep Tayyip Erdoğan 2015
ein großer Reformer?

Zuerst ist es langweilig wie immer. Dann wird Recep Tayyip Erdoğan von einem Teilnehmer als großer Reformer gelobt.

Mich irritiert, dass diese Aussage von den Gesprächspartnern nicht nur sofort bestätigt wird, sondern dies den Diktator in der Runde aufwertet und als Gegenargument die Frage kommt, warum er denn jetzt „seine eigenen (guten) Reformen“ alle wieder abschaffen würde?

Bevor man über und von Reformen quatscht, sollte man sich zuerst mal überlegen, was denn unter „Reformieren“ zu verstehen ist. Ich schaue zuerst mal die Begriffserklärung für Reform in Wikipedia nach.

Gleich als ersten Punkt in der Aufzählung finde ich, dass der Begriff Reform nichts anderes beschreibt als
„Die planvolle und gewaltlose Umgestaltung bestehender Verhältnisse“.

Das erscheint mir doch schon als eine halbwegs valide Definition. Und siehe da – sie ist völlig wertfrei. Nirgends steht hier, dass eine Reform etwas „Positives“ oder Gutes“ sein müsse.

Die Definition fragt auch nicht nach dem Zweck. So bleibt eine Reform eine Reform, auch wenn sie zum Beispiel der Einführung einer (guten oder schlechten) Diktatur oder einer (vielleicht genauso guten oder schlechten) Demokratie dient.

Den eigentlichen Artikel zu Reform in Wikipedia finde ich schwach. Er beschränkt sich auf Beispiele für Reformen in der Geschichte; Politische Reformen im Deutschland der Gegenwart und Kirchliche Reformen. Er suggeriert auch, dass eine Reform nur dann eine Reform ist, wenn es um eine Umgestaltung geht, die zu einer wesentlichen Veränderung führt. 

Das gängige und einzige Mittel zur Umsetzung von Reformen in Demokratien scheint die Gesetzgebung zu sein. Reformieren heißt, ein neues Gesetz zu machen. Woher kommt dann eigentlich der dauernde Ruf „nach neuen Reformen“? Da wir ja nicht die Kraft haben, Gesetze zu streichen, verkommt er zur Forderung nach mehr Gesetzen. Und genau die werden auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene eh schon in inflationärer Art und Weise produziert!

Ein gutes Objekt für eine geschichtliche Betrachtung von Reformen und ihre Folgen ist für mich die Geschichte der deutschen Eisenbahn. Zuerst wurden die Länderbahnen zur Deutschen Reichsbahn (DR) zusammengefasst. Dadurch entstand eines der größten Unternehmen der Welt und der weltweit größte Arbeitgeber. Die Vorteile waren simpel, es war jetzt möglich „Einheitsbaureihen“ in großer Stückzahl zu bauen. Diese „Reform“ hat wohl auch zu einer sehr leistungsfähigen Organisation geführt. Angeblich fuhr die deutsche Reichsbahn sogar in den ersten Jahren des zweiten Weltkriegs pünktlicher als die DB AG und ihre Wettbewerber heute.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die deutsche Bundesbahn (DB) in Westdeutschland die Nachfolgerin der DR. Zur Übernahme der Deutschen Reichsbahn der DDR kam dann die Privatisierung der Deutschen Bundesbahn und die Überführung in die DB AG inklusive einer Zerlegung in viele Eisenbahn-Betriebsgesellschaften und Erweiterung des Betriebes durch „private“ Konkurrenten.

Da kann man jetzt sicher trefflich über den Sinn und Zweck dieser Reformen diskutieren.

Aber zurück zur Talkshow von Anne Will.
Zuerst musste ich bei der Erwähnung der Reformen von Erdoğan an Adolf Hitler denken. War der doch nicht nur der größte Feldherr (GröFaZ) sondern auch der größte Reformer aller Zeiten (GröRaZ)? Sind doch viele Reformen und die daraus resultierende Gesetze, die überwiegend heute noch gelten, im dritten Reich angelegt worden (Arbeit, Mutterschutz, Verhältnis Kirche/Staat inklusive Kirchensteuer, Kulturgutschutz und vieles mehr).

Die türkische Geschichte, wie ich sie gelernt habe:
Als Kinder haben wir in der Schule und im Rahmen der BRD-Sozialisierung gelernt, dass die Türkei und die Türken den Deutschen sehr freundlich gesinnt seien. Militärisch wäre die Türkei immer ein guter Partner gewesen. Die aus dem Mittelalter stammende Angst vor den Türken wäre nicht mehr angebracht. Innenpolitisch wäre die Türkei sicher ein wenig kritisch zu bewerten, da die Trennung von Kirche und Staat naturgemäß in islamischen Staaten nicht so einfach wäre. Das säkulare Erbe von Atatürk (Mustafa Kemal Atatürk), dem Vater aller Türken, würde aber glücklicherweise von den Generälen des starken Militär beschützt, das so auch die Demokratie in der Türkei sicher stellen würde. Und natürlich hat man uns gelehrt, dass die türkischen Gastarbeiter ein wichtiges Moment für die deutsche Wirtschaft wären. Das war es dann schon, was man uns über den Nato-Staat und damals noch baldiges Mitglied der europäischen Gemeinschaft erzählt hat.

Naja, vielleicht hat Erdoğan ja da mit seinen Reformen durchaus etwas verändert.

RMD

Das Bild ist aus Wikipedia Kremlin.ru
Встреча Президента России Владимира Путина с Президентом Турции Реджепом Тайипом Эрдоганом в Баку