Roland Dürre
Montag, der 23. Januar 2017

Inflation im Nahverkehr

Der letzten Preis-Erhöhung der deutschen Bahn zum Fahrplan-Wechsel Sommer/Winter habe ich keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Als Notiz hatte ich in den Ohren, dass „die Deutsche Bahn die Preise im Fernverkehr um durchschnittlich 1,3 Prozent“ erhöht. So stand es ja auch in der SZ.

Der Shuttle nach München heute bei der Einfahrt in Nürnberg.

Aber denkste!

Am Samstag wollte ich mit drei Mitreisenden nach Augsburg fahren. Also flugs im Netz ein Bayern-Ticket geordert. Und schon reibe ich mir die Augen: Das kostet jetzt 25 €. Das waren doch vor gar nicht langer Zeit noch 23 €. Das sind satte 2 € mehr, also eine Preissteigerung so um die 9 %.

Da kann ich mit leben – denke ich mir, jedoch kommt dann sofort die zweite dicke Überraschung. Die Mitfahrer (bis zu vier sind möglich) haben 5 € je Person gekostet. Jetzt kostet jeder Mitfahrer 6 €. Das sind dann schon satte 20 % mehr.

So kostet der Fahrpreis mit dem Bayern-Ticket für unsere kleine Reisegesellschaft jetzt 25 € Basispreis plus 3 Personen à 6 €, das sind dann 25 € plus 18 € also  zusammen 43 €. Das ist dann so ein Preis, mit dem fahre ich schon mal zu zweit mit dem DB-Fernverkehr nach Sylt (wie das nächste Mal im Februar). Und da ist dann die lange Fahrt nach Hamburg und die zeitlich gar nicht so viel kürzere Weiterfahrt mit dem Regionalzug (vor kurzem noch mit der Nord-Ost-Bahn) nach Westerland im Preis mit drin!

Früher hätte ich 23 € plus 3 Personen mal 5 €, also nur 38 € bezahlt. Der Fahrpreis für uns vier ist so von 38 € auf 43 € gestiegen, das sind dann doch fette 5 € mehr, was um die 13 % Steigerung ausmacht.

Das heißt:
Eine Fahrt nach Augsburg Barbara und mich und in dem Fall zwei Töchter kostet einfach so mal 5 € mehr. Wenn ich dann an das Geschiss um die Autobahn-Maut denke – dass die den Autofahrer auf keinen Fall zusätzlich belasten dürfe – dann wundere ich mich schon.

Ich bewundere auch die „runden Preise“, die da so einfach gemacht werden. Dass Cents nur noch lästige Münzen sind und so immer mehr Geschäfte die Summe beim Einkauf dann einfach eine Stelle hinter dem Komma abrunden, das verstehe ich. Aber dass man bei Preiserhöhungen auch die erste Kommastelle – immer hin 10 Cents, das waren mal 20 Pfennige – ausblendet, das finde ich schon sehr eigenartig.

Es gibt übrigens bei DB und den Privatbahnen auch eine Inflation von Spezial-Tickets für alles Mögliche: Für besondere Regionen, mit und ohne den Nahverkehr in Verkehrsverbünden, spezielle Stadtverbindungen oder eine maximale Entfernung (z.B. max 50 km). So wird das Preissystem komplizierter. Und wenn man die Basis-Mondpreise und die gleichzeitigen Niedrigpreise bei den Sonderangeboten im Fernverkehr in die Betrachtung mit einbezieht, dann wird die Preisgestaltung der Bahn immer unverständlicher.

So schön leer ist’s im Shuttle nachmittags um vier. Das Chromebook ist dabei.

Ich ärgere mich aber nur mal kurz ab und fahre weiter Zug, denn für mich ist die Bahn alternativlos. Und deswegen bin ich auch heute nach Nürnberg und zurück mit dem Bayern-Ticket unterwegs und löhne halt brav meine 25 €. Weil ich im Zug meine E-Mails abarbeiten und meine Artikel schreiben kann. Beim Autofahren kann ich das nicht.

Autofahren kommt für mich eh nicht mehr in Frage. Die Mehrheit unserer Volkes soll laut soziologischer Forschung verbittert sein. Ich wäre es auch, wenn ich jeden Tag eine oder mehrere Stunden am Steuer eines Autos verbringen müsste. Da fahre ich lieber Zug und freue mich, wenn Google vor den Staus auf der A9 wartet. Es ist die morbide Freude über das Scheitern eines unsinnigen Systems.

Die Alternative zur Bahn wäre ja Bus-Fahren. Das ist aber nicht meines. Ich bin von den meistens ziemlich leeren DB-Regio-Zügen ein wenig verwöhnt und mag mich nicht in die engen Busse klemmen, die oft von ihren Fahrern auf selbstmörderische Art und Weise über die Strassen der Republik gejagt werden. Außerdem mussten meinBus und flixBus ihr Netz gewaltig ausmisten und viele Verbindungen streichen, weil deren Venture-Kapitalisten keine Lust mehr hatten, die permanent wachsenden Verluste zu tragen.

Also, weiter Zugfahren und hoffen, dass der dichte Zugtakt mit den meistens so schön leeren Zügen uns möglichst lange erhalten bleibt …

Solche Preissprünge stelle ich übrigens nicht nur bei der Bahn fest. Auch bei öffentlichen Einrichtungen und qualitativen Lebensmitteln wie bei manchen Alltagsartikeln. Oder Immobilien.

Jetzt höre ich aber, dass die Inflation immer noch unter 2 % liegen soll. Ich glaube ja gar nicht, dass man uns absichtlich belügt. Aber die 1,X % glaube ich nicht und vermute mal, dass man uns nicht unbedingt darauf hinweisen will, dass unser Erspartes so immer weniger wird. Was ja auch bedeutet, dass die Schere zwischen arm und reich immer mehr auseinander geht. Mit Folgen, die wir ja schon ein wenig erleben dürfen und uns ja auch schon mal ein wenig ausmalen können.

RMD

Der Shuttle nach München am 23. 01. 17 im Hbf Nürnberg auf Gleis 12.

Roland Dürre
Dienstag, der 10. Januar 2017

FAHRRADkultur – Interview mit Roland Dürre

Franziska Köppe ist mir vor allem bekannt vom EnjoyWorkCamp. Das ist ein sehr schönes Barcamp für ein neues Verständnis von Arbeit, das einmal im Jahr in Stuttgart stattfindet. Franziska hat mich zu meiner Begeisterung fürs Fahrrad interviewt. Da kam ein Ergebnis heraus, dass mir sehr wichtig ist – deshalb habe ich es sprachlich jetzt noch mal leicht überarbeitet und auch bei mir in IF-Blog.de abgespeichert. Ich habe aber versucht, alles was von Franziska kommt, möglichst so original wie möglich zu lassen.


 

Aktive Mobilität – Fördern und Fordern

 

03.01.2017 – Sind Autofahrer die Kutscher der Neuzeit? Mobilität ist im Umbruch. Seit den 1950ern wurde die Automobil-Industrie stark – vor allem politisch – gefördert. Die Branche gilt als „system-relevant“. Eng verkettet ist sie mit vielen Zulieferern, Verkehrsplanung und Lobbyarbeit. Doch ist sie das „system-relevant“? An den konventionellen Geschäftsmodellen rütteln Start-ups und die Crowd-Economy wie kulturelle Änderungen im Verhalten nicht nur der jungen Generation. Ich sprach mit Unternehmer und Mobilitäts-Aktivist Roland Dürre über Fahrrad-Kultur und den eigenen Beitrag zu Mobilität mit Zukunft.
(Vorwort zum Interview von Franziska)


 

Das Interview

Franziska: Hallo Roland, bitte stelle Dich unseren Lesern kurz vor. Wer bist Du? Was machst Du?

Roland: Wer ich bin, weiß ich nicht. Ich fühle mich als Mensch, Aktivist, Blogger, Coach, Macher, Unternehmer. Ich liebe das Leben und meine Familie. Ich versuche, mutig zu sein und viel Freude bei meinem Tun zu haben. Meine Aufgabe ist nach meiner Zeit bei der InterFace AG noch mehr als früher, Erfahrungen weiter zu geben und wenn möglich anderen – besonders jüngeren – zu helfen, glücklich und erfolgreich zu werden. Für das Schöne, das ich erlebt habe, bin ich dankbar und freue mich, wenn sich diese Dankbarkeit in den verbleibenden Lebensjahren noch mehrt. 🙂

Franziska: Eine Deiner Leidenschaften ist das Radfahren. Was bedeutet für Dich FAHRRADkultur? Was verbindest Du mit diesem Wort?

FAHRRADkultur versus Auto-Kultur – Die Folgen konventioneller Verkehrspolitik

Roland: Kultur und FAHRRAD-Fahren sind beides etwas schönes. Das passt gut zusammen!

Aber sehen wir uns mal an, was uns die Auto-Kultur gebracht hat. Als Autofahrer bin ich im Fahrzeug sozial isoliert. Meine Mitmenschen werden zu anonymen Objekten in anderen Autos. So kenne ich viele Menschen, die sich am Steuer ihres Autos ihrer zwischenmenschlichen Einsamkeit bewusst Schimpfworte benutzen, die sie im normalen Umfeld nie nutzen würden. Und kann das gut nachvollziehen.

Als Radler habe ich mir angewöhnt, mir entgegen kommende Fahrradfahrer zu grüßen. An der Ampel nehme ich häufig Kontakt mit dem Menschen auf dem Nachbar-Rad auf. Ich versuche, Rücksicht zu üben. Und meine, dass die Fußgänger immer Vorfahrt vor Radfahrern haben sollten. Aber auch die Radler vor Autos.

Als Radler sehe und nehme ich mehr wahr. Das gilt auf Radreisen in fremden Ländern genauso wie in Deutschland. Es entwickeln sich schnell soziale Kontakte. Als Fahrradfahrer sehe ich aber auch, wie viel Tiere wie Kröten, Katzen und Hunde von Autos getötet werden. Dann gibt es mir einen Stich ins Herz.

So korreliert Autofahren für mich mit Rücksichtslosigkeit und Unachtsamkeit. Was sich dem Auto in den Weg stellt, wird niedergewalzt. Kohlendioxid wird ausgestoßen, Feinstaub produziert und das nur für die eigene Bequemlichkeit. 1,400.000 Millionen Verkehrstote weltweit im Jahr sind normal, weil es ohne das Auto nicht geht. Es geht aber ohne Autos. Das habe ich im Selbstversuch erlebt. Und es geht einem besser ohne Autos.

Vielleicht noch eine kulturelle Provokation: Autofahrer sind die Kutscher der Neuzeit. Kutscher waren keine beliebte Berufsgruppe, weil sie in den engen Gassen der Städte mit der Peitsche das gemeine Volk aus dem Wege prügelten. Kutscher galten damals als „Abschaum und Gesindel“?!

FAHRRADkultur – Eine leise und saubere Welt mit glücklicheren und gesünderen Menschen

Franziska: Es ist wohl wahr, dass für die meisten – vor allem die Großstädter von uns – Mobilität hauptsächlich mit dem Automobil verbunden ist. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Fahrradfahren das selbstverständlichste und alltäglichste Verkehrsmittel war, mit dem Menschen Entfernungen von mehr als 5 km zurücklegten. Lass uns also noch einmal zurückkommen auf das Fahrrad. Was wäre das für eine Welt, wenn Du FAHRRADkultur träumen dürftest?

Roland: Eine leise und saubere Welt mit glücklicheren und gesünderen Menschen. In der sich aus veränderter Mobilität heraus viele weitere Fortschritte an Lebensqualität entwickeln. Ich sage immer gerne: Wer seine Mobilität nicht in den Griff bekommt, wie will der sein Leben steuern können? Denn ohne den „Willen und die Fähigkeit sein Leben verantwortlich zu führen“ geht es halt nicht.

Roland Dürre auf dem Weg von Salerno nach Pisciotta

Franziska: So weit so vernünftig. Nun sieht die Realität eines Alltagsradlers nicht ganz so himmelblau und rosig aus. Du sprachst es ja bereits an. Einer der Gründe, weswegen Du Dich für „Aktive Mobilität“ – AktMob, wie Ihr es nennt – einsetzt.

Roland: Stimmt. Ich kenne viele Straßen in München, da macht es keine Freude zu fahren. Und auch auf großen Touren muss man immer wieder auch mal eine Strecke durchleiden, auf der man wirklich um sein Leben fürchtet.

Wobei es bei AktMob nicht nur ums Radeln geht, sondern um jede Form von Fortbewegung jenseits von Pferdekutschen, Benzin- oder Elektroautos – durch eigene Bewegung, aus eigener Kraft. Sei es mit Rollern, Skatebords, zu Fuß, dem Rollator – oder was auch immer. Und ein wenig elektrische Unterstützung darf auch dabei sein.

Franziska: Im Bereich Verkehr wird seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts das Automobil als individuelles Fortbewegungsmittel gefördert. Dahinter stand die politische Vision eines Wirtschaftswunders. Leider hat diese kurze Zeit bereits ausgereicht, unsere Städte zu entmenschlichen. Fußgänger wie Radfahrer gehören seltsamerweise kulturell nicht mehr zum Verkehr. Wie absurd das teilweise ist, zeigt sich ganz besonders allmorgendlich an Kindergärten und Schulen: Da werden Kinder mit dem Auto gebracht, weil es aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens durch PKWs zu gefährlich für sie wäre, zu laufen. Wie schräg ist das denn?

Das Auto als Statussymbol in der Wirtschaftswunderwelt

Roland: Ein gutes Beispiel! In der Tat war das Auto – gerade für die Männerwelt – nicht nur ein Objekt, um von A nach B zu kommen. Wenn man Führerschein und ein Auto hatte, war man endlich erwachsen. Der Spruch vom Auto als „Phallus-Symbol“ ist sicher nicht ganz falsch. Und am Steuer eines starken Kraftwagen überkommt gerade das männliche Geschlecht ein Gefühl der Omnipotenz. Wer mag das nicht?

Noch mehr aber war das Auto das Statussymbol in der Wirtschaftswunderwelt der sich wirtschaftlich erholenden BRD und Welt. Das Auto ist wohl die beste Metapher für gekauftes Glück als Ersatzbefriedigung für unerfüllte Bedürfnisse.

Wie wir noch junge Männer waren und kein Auto hatten, da hatten wir den Eindruck, dass die hübschen jungen Frauen die Männer mit Autos doch klar bevorzugten – und auf uns autolose Wesen eher herab sahen.

Das Auto war aber auch – ähnlich wie die Zigarette – ein Symbol für Freiheit. Und es war auch ein neuer privater Lebensraum – in USA z.B. muss es ein paar Jahre gegeben haben, in denen mehr als die Hälfte aller Kinder auf dem Rücksitz von Autos gezeugt wurden. Das stand wohl schon im Kinsey-Report drin. Und unserer Faulheit ist so ein Kraftfahrzeug doch auch sehr entgegen gekommen. Ja, und dass solch ein götzenhaftes Vehikel – auch noch optimal und emotional vermarktet – alles andere untergebuttert hat, ist doch klar.

Die kritische Masse – Radfahren im Verband

Franziska: Mit Aktionen „Wir sind Verkehr“ finden in Deutschland und auf der ganzen Welt monatlich sogenannte Critical Mass statt. Dabei nutzen Radfahrer §27 der StVO aus, der es ihnen ermöglicht, ab 15 Velofahrern (= kritische Masse) im Verband zu fahren. Ich freue mich sehr, dass diese Bewegung in D-A-CH immer mehr Anhänger findet. Ein friedlich-fröhliches Treiben im vergangenen November in Deutschland beispielsweise mit 3.290 Mitradlern. Im Juli dieses Jahres waren es sogar 13.371 FahrradfahrerInnen [Quelle: Daniel via itstartedwithafight]. Jeder kann sich anschließen – und sei es auch nur für ein kurzes Stück des Weges.

© Radlhauptstadt München – Radlnacht 2016 [Foto Andreas Schebesta]

Roland: Critical Mass ist gut! Ich schätze sie vor allem, weil es mir eine echte Graswurzel-Bewegung zu sein scheint. Und ich überzeugt bin, dass Veränderung nur noch von „unten“ angestoßen werden kann. Politik und Administration gelähmt von Lobbyisten und eigenen Regeln hat gar keine Chance und auch keinen Willen mehr, mal etwas auszuprobieren. Nur – ohne Ausprobieren geht nichts!

Franziska: Und doch gibt es da die Fahrrad-Enthusiasten auch unter Politikern. Nehmen wir beispielsweise Deine Heimatstadt. Die Stadt München erhebt den Anspruch, Radlhauptstadt sein zu wollen. Dahinter steht auch das persönliche Engagement von Wigand von Sassen, der seit März 2009 Projektverantwortlicher für diese städtische Fahrrad-Kampagne ist. Seit Beginn der intensiven Fahrrad-Förderung hat sich der Radverkehrsanteil am gesamten Modal-Split deutlich erhöht. So gibt es beispielsweise regelmäßig RadlChecks, bei denen kostenfrei kleinere Reparaturen vorgenommen werden. Erst im Oktober fand die Radl-Nacht statt. Im September die RadCouture… Dahinter steckt viel Engagement in Sachen FAHRRADkultur. Das braucht eine gehörige Portion Mut und Ausdauer.

Doch lass uns gern eine Nummer kleiner denken. Was kann jeder tun? Es braucht ja gar nicht immer die großen Gesten.

Autofahren – nichts anders als eine schlechte Gewohnheit?

Roland: Es wird auch Zeit, dass etwas passiert. Ich glaube aber nicht, dass die Erhöhung des Radverkehrsanteils auf eine „intensive Fahrrad“-Förderung zurückzuführen ist. Ich meine viel mehr, dass immer mehr Menschen entdecken, dass es bessere Möglichkeiten gibt und ein Auto doch sehr viel Geld frisst. Ich sehe die vielen Autos sozusagen als Wohlstandsreserve für die Zukunft, in der es zweifelsfrei für viele von uns „enger“ werden wird.

Autofahren ist nichts anders als eine schlechte Gewohnheit. Wir müssen halt auch bereit und fähig sein, unsere Gewohnheiten zu verändern. Rauchen, ist eine schöne Metapher. Es ist nicht einfach und für viele Raucher unvorstellbar, zum Nichtraucher werden will. Und dann klappt es doch – und man fühlt sich schnell viel besser.

Wie schwer es ist, liebe Gewohnheiten zu ändern, erlebe ich zurzeit an mir selber. Auf den regionalen Wegen bis um die 30 km fahre ich nur noch Fahrrad. Aber leider auch auf den ganz kurzen Strecken. Mein neues persönliches Mobilitäts-Programm heißt jetzt aber „runter vom Fahrrad und wieder auf die eigenen Füß“. Ich will wieder mehr zu Fuß gehen. Und es ist für mich wahnsinnig schwer, diese Gewohnheit aufzugeben, auch bei kurzen Strecken quasi automatisch aufs Fahrrad zu steigen.

Franziska: Verhaltensweisen umzulernen ist in der Tat nicht einfach. Als Angestellte fiel es mir leicht, mich morgens aufs Rad zu schwingen und in die Firma zu radeln. Auch heute noch ist es für mich kein Thema, Geschäftstermine mit dem Rad zu erledigen (es sei denn, es ist zu weit, dann nehme ich öffentliche Verkehrsmittel).

Das Leichte daran war für mich, dass ich den Weg in jedem Fall zurück legen musste. Seit ich jedoch im Home-Office arbeite, fällt es mir unsäglich schwer, täglich aufs Rad zu steigen – nur des Radelns und der körperlichen Aktivität wegen. Mir fehlt dafür das A nach B als Bedingung. Da ist es für mich wiederum naturgemäßer, abends (m)eine Runde durch die Weinberge zu drehen und zu Fuß zu gehen. Das entschleunigt und sortiert die Gedanken.

Inzwischen integrierte ich diese Form der Bewegung in meinen Berufsalltag. Zum einen biete ich öffentliche Netzwerktreffen an. Wir nennen es Walk to Talk. Dabei treffen wir uns an einem grünen Ort, schauen, welche Themen die Einzelnen mitgebracht haben. Und laufen dann für zirka 90 bis 120 Minuten zusammen durch urbanes Grün.

Besonders freut mich, dass meine Coachees, Mentees und Supervisions-Partner die Form des „Gehsprächs“ genauso schätzen wie ich. So dass ich doch zumindest 4-6 Mal pro Monat in den Genuss eines spannenden Gehsprächs im Grünen komme. Das darf jedoch sehr gern noch mehr werden. 😉

Ich empfehle diese Formate im übrigen allen – vor allem als willkommene Abwechslung zu Besprechungen, die viel zu häufig in geschlossenen Räumen und noch dazu im Sitzen stattfinden. Wobei wir beim Thema Arbeitswelten = Lebenswelten sind.

Du warst lange Jahre Unternehmer. Was können Chefs tun, um FAHRRADkultur zu fördern? Worauf kommt es dabei an?

FAHRRADkultur im betrieblichen Mobilitäts- und Gesundheitsmanagement – keine einfache Aufgabe für Chefs

Roland (lacht): Das ist gar nicht so einfach. Das Wichtigste ist sicher, keine Geschäftsautos als vermeintlich lohnenden Gehaltsanteil anzubieten. Leider habe ich das ab 1984 gemacht. Die InterFace AG hat viel zu viele sogenannte „Geschäfts-Autos“. Und Besitzstand zu ändern ist alles andere als einfach.

Positiv wirken sich Angebote aus wie überdachte und sichere Fahrrad-Stellplätze und/oder eine Dusche im Keller. Und man muss es vormachen, die Menschen mit der eigenen Begeisterung für Fahrräder und Fahrradfahren anstecken.

Franziska: Fahrrad-Fahren ist in der Tat ansteckend. Das konnte ich daran sehen, als wir in der Firma für die ich zuletzt tätig war eine Alltagsradler-Gruppe bildeten. Das funktionierte wie eine “Bus-Linie”: Die eingefleischten Radler boten Mitfahrgelegenheiten für die Einsteiger. Schnell ergaben sich ad-hoc Radlwerkstatt und Verabredungen zu gemeinsamen (After-Work-)Touren. Durch Mitfahren erfuhr ich Abkürzungen oder sicherere Anfahrtswege und erhaschte allerlei Radel-Tricks.

Nicht ganz ohne Stolz merkte ich dann auch, wie viel ich selbst schon weiß und anderen mitgeben konnte. Das war ein großer Motivationsschub, auch die nass-kalten Nieselregen-Tage um den Gefrierpunkt zu überstehen. Was viele nicht wissen: Es gibt deutlich mehr trockene als verregnete Tage. Und wenn man einmal unterwegs ist und gute Regenkleidung hat – ist das mit dem Regen ohnehin egal. Auch das entdeckte ich erst durch das tägliche Fahrradfahren. Die zahlreichen Naturschauspiele und das intensive Erleben der Jahreszeiten gar nicht mit eingerechnet.

Was erschwert oder verhindert aus Deiner Erfahrung aktive Mobilität im Alltag? Welche – unter Umständen auch kleinen – Hilfestellungen kennst Du, die dafür Abhilfe schaffen?

Roland: Da gibt es vieles. Zum Beispiel der Irrglaube, dass man Kinder und Lasten mit dem Auto transportieren muss. Das stimmt nicht. Kinder sind auf dem Fahrrad glücklicher als im Auto. Einkaufen geht viel besser mit Fahrrad-Anhänger oder Lastenfahrrad als mit dem Auto. Schon mit zwei Fahrrad-Taschen kommt man sehr weit.

Der regelmäßige Blick in den Spiegel und auf die Waage, vielleicht auch auf’s Blutdruck-Messgerät, überzeugt schnell, dass es Sinn macht, sich mehr zu bewegen.

Franziska (lacht): Stimmt! 😉

Noch einmal zurück zum unternehmerischen Denken. Da viele Arbeitgeber durch Zahlen, Daten, Fakten getriggert sind, werde ich immer wieder gebeten, danach zu fragen: Welchen Nutzen siehst Du für Chefs, sich mit dem Thema “aktive Mobilität” zu beschäftigen?

Roland: Na ja – es ist ja belegt, dass Menschen, die regelmäßig Bewegung haben und an der frischen Luft sind, deutlich weniger krank sind. Das ist doch schon etwas. Sie kommen auch besser gelaunt und ausgeglichener zur Arbeit. Und bringen eine ungeheure Kreativität von ihrer Radfahrt mit.

Gemeinsam stark – AktMob fördert aktive Mobilität im Alltag

Franziska: Um Akteure rund um „Aktive Mobilität im Alltag“ miteinander zu vernetzen, führtet Ihr in Unterhaching Anfang 2016 das AktMobCmp durch. 2017 werdet Ihr Abendveranstaltungen organisieren und auch das nächste AktMobCmp bereitet Ihr aktuell vor. Mit welchen Fragestellungen beschäftigt(et) Ihr Euch dort? Wer war – wer wird dabei sein?

Roland: Eingeladen sind alle, die an ihre Verantwortung für die Zukunft denken. So wie wir mit unserer Mobilität umgehen – so leben wir. AktMobCmp ist ein BarCamp – das heißt, wir kennen die Themen und Sessions nicht vorher. Diese Offenheit ermöglicht jedoch auf der persönlichen Ebene viele schöne und konkrete Ergebnisse.

AktMobCmp 2016 — BarCamp für aktive Mobilität im Alltag

Franziska: Das heißt, um den Menschen den Raum für Ihre Themen zu öffnen, organisiert und moderiert Ihr das ActMobCmp als BarCamp. Was ist das Besondere an diesem Veranstaltungsformat?

Roland: Beim Barcamp-Format organisieren die Menschen, die kommen, ihr Treffen und ihre Sessions ihren Bedürfnissen folgend. Es gibt keine eingereichten Vorträge, die von einem Gremium ausgewählt worden sind. Jeder darf und soll einen Beitrag leisten. Die Organisatoren konzentrieren sich auf die Rolle des Gastgebers, der so das Zusammenkommen ermöglicht. Die soziale Kontrolle liegt bei den Teilnehmern. Ich habe schon ein paar Mal erlebt, wie sich eine Session, die für „Marketing“ missbraucht wurde, sehr schnell geleert hat.

Franziska: Und dann gibt es Sessions, die Menschen in eine intensive, produktive Arbeit an einem gemeinsamen Anliegen verwickeln. Das mag ich an BarCamps. Vor allem, wenn die Veranstalter an die Selbstorganisation und Selbststeuerung der Teilgeber ihrer Unkonferenz glauben.

Diese Sicherheit hast Du in den vergangenen Jahren durch eigenes Erleben gewonnen. Denn das AktMobCamp ist nicht das erste BarCamp, das Du organisierst. Du gehörst zu den Gründervätern der PM Camp-Bewegung, bei der in ganz Europa Menschen zusammen kommen, die sich zu Projektarbeit austauschen. Was macht für Dich die Faszination eines BarCamps aus?

Roland: Das tolle bei BarCamps ist, dass man viel Neues entdeckt. Denn alle Teilnehmer sind bereit, sich zu öffnen und ihr Wissen zu teilen. In der Regel kommen alle Teilnehmer glücklich und reicher nach Hause. Das Erlebte wirkt weiter. Man hat neue Freunde gewonnen, mit denen man in Verbindung bleibt. So vernetzen sich auf BarCamps Menschen und Bewegungen und gewinnen immer mehr an Kraft.

Franziska: Ich weiß, was Du meinst. Für die BarCamp-Newbies unter meinen Lesern nenne uns dennoch bitte ein paar Beispiele.

Roland: Ganz einfach. Bewegungen wie Augenhöhe, intrinsify.me, EnjoyWork mit EnjoyWorkCamp, Unternehmensdemokraten, Gemeinwohlökonomie und viele mehr habe ich auf Barcamps kennengelernt. Wie auch die Menschen, die diese unterstützen und voranbringen. So habe ich auf BarCamps neue Freunde gewonnen wie Nadja Petranovskaja, Dr. Andreas Zeuch, Dr. Eberhard Huber, Gebhard Borck, Dr. Jens Hoffmann, Maik Pfingsten, Dr. Marcus Rainer, Dr. Niels Pflaeging, Roger Dannenhauer, Dr. Stefan Hagen und viele, viele mehr.

Wir beide haben uns ja auch bei einem BarCamp (EnjoyWorkCamp?) kennengelernt! Von allen den genannten Persönlichkeiten findest Du Posts, Podcasts und Videos im Netz, die ganz von selber erklären, warum man sich vernetzen und die Dinge gemeinsam machen muss.

Franziska: Ich glaube, Dir begegnete ich erstmals beim PM Camp in Dornbirn. Intensiv miteinander sprachen wir dann tatsächlich erst im Rahmen meiner Initiative “EnjoyWork”. Um so schöner, mit diesem Austausch ein paar uns verbindender Themen vertieft zu haben. Vielen Dank, Roland, für den Erfahrungsaustausch.

Ich wünsche Dir Alles Gute und Euch mit AktMob viel Erfolg und allzeit gut Kette.

Roland: Vielen Dank – es hat richtig Spaß gemacht!


Links zum Weiterlesen:

 

Roland Dürre
Donnerstag, der 12. November 2015

Das größte Projekt der Welt?

Heute (12.11.2015) in der SZ finden wir im Bereich „Wissen“ einen Artikel zu einem Megaprojekt mit der Überschrift „Indien verknüpft seine Flüsse“ von Robert Gast. Ich zitiere ihn mal hier:

Indien verknüpft seine Flüsse

Um die Wasserreserven des Landes gleichmäßiger zu verteilen, sollen in Indien 30 Kanäle und 3000 Wasserspeicher entstehen. Dazu müssten einen halbe Million Menschen umziehen.

Noch im Dezember will die indische Regierung die Umsetzung eines gigantischen Infrastruktur-Projekts vorantreiben. In den kommenden Jahren ist der Bau von 3000 Wasserspeichern und 30 Kanälen auf einer Länge von insgesamt 15 000 Kilometern geplant. So sollen 37 Flüsse auf dem Subkontinent miteinander verbunden werden. Das gut 150 Milliarden Euro teure Vorhaben ist eine Reaktion darauf, dass es in einigen Regionen Indiens extrem viel regnet, während es in anderen oft extrem trocken ist. Der Westen und Norden des Landes kämpfen regelmäßig mit Überflutungen. Bundesstaaten im Osten und Süden des Subkontinents leiden hingegen immer wieder unter Dürre.

KrishnaRiverSeit mehr als zehn Jahren verfolgt Indien daher den Plan, die großen Flussbecken des Landes miteinander zu verbinden. Auch sollen vor allem im Himalaja Flüsse gestaut werden. So wollen Ingenieure überschüssiges Wasser speichern und bei Bedarf in trockene Landesteile leiten. 174 Billionen Liter sollen pro Jahr umgeleitet werden. Bauern könnten dann ihre Äcker auch in trockenen Zeiten bearbeiten, argumentiert die indische Behörde für Wasserentwicklung, die den Kanalbau vorantreibt. Daneben ist geplant, Wasserkraftanlagen mit einer Gesamtkapazität von 34 Gigawatt zu installieren.

Das Projekt stößt allerdings auf Widerstand in der Bevölkerung. Mehr als eine halbe Million Menschen müsste vermutlich umgesiedelt werden, schätzte Upali Amarasinghe vom International Water Management Institute 2008 in einer Studie. Umweltschützer finden, das Projekt greife zu stark in die Natur ein. Zum Beispiel im Tigerreservat Panna. Im Rahmen des Kanal-Projekts ist nämlich geplant, den Fluss Ken zu stauen, und ihn über einen 230 Kilometer langen Kanal in den Betwa-Fluss zu leiten. Dadurch aber würden Teile des Nationalparks geflutet und 1600 Familien müssten weichen. Zudem würden die 32 Tiger des Reservats von anderen Schutzgebieten abgeschnitten. Die indische Regierung ist dennoch entschlossen, das Projekt zu verwirklichen. Im September wurde bereits eine neue Wasserstraße zwischen den Flüssen Krishna und Godavari im Südwesten Indiens eingeweiht.

Dieser Artikel hat mich aus vielen Gründen interessiert. Zum einen könnte dieses Vorhaben das größte Projekt der Welt sein. Zum anderen gibt es weltweit viele solche Projekte, die Wasser besser nutzbar machen wollen und gewaltige geographische Veränderungen. Denn Wasser wird immer wertvoller. Und vielleicht hat Indien gar keine andere Wahl, denn dieses Projekt bietet ja auch eine Chance, besser mit den zu erwartenden klimatischen Veränderungen wie langen Dürre-Perioden und Extrem-Niederschlägen fertig zu werden.

Nur klingt das für mich den Planeten betreffend alles nicht so nachhaltig. Vielleicht können Indien und die vielen anderen Staaten, die ähnliche Projekte planen, dadurch ihr Kollabieren um ein paar Jahrzehnte aufschieben. Aber letzten Endes erinnert mich das so ein wenig an die „Quartalsdenke“ der Konzerne. Nur dass die Quartale in der Politik ein wenig länger sind als drei Monate und vielleicht dort einem 5-Jahres-Zeitraum entsprechen.

Zumindest sollten wir parallel zu solchen Projekten, die vielleicht sein müssen, wieder versuchen, die schlimmsten Zerstörungen, die wir unserem Planeten in den letzten 100 Jahren zugefügt haben, wieder zu heilen.

RMD

P.S.
Zum Autor:
Robert Gast, Jahrgang 1984, ist Redakteur im Wissensressort der Süddeutschen Zeitung. Er hat Physik studiert und eine Diplomarbeit über Gammastrahlung aus dem Weltall geschrieben. Anschließend hat er ein neunmonatiges Stipendium der „Initiative Wissenschaftsjournalismus“ durchlaufen, die Naturwissenschaftler zu Journalisten ausgebildet hat. Ehe er zur SZ kam, hat er in der Redaktion der Zeit Station gemacht, sowie bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Stuttgarter Zeitung, der Deutschen Presse-Agentur dpa und bei Spektrum der Wissenschaft. 2013 erhielt er den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (Kategorie Nachwuchs).

Das Bild: Krishna River Gorge by Srisailam, Andhra Pradesh, India, 13 January 2008, own work of Zeman, the file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Roland Dürre
Dienstag, der 10. November 2015

„Unrechtmäßiger Wohlstand“ und „Besitzstandwahrung“ …

… die beiden unglückseligen Geschwister!

sinaSina Trinkwalder hat am 8. November in Facebook folgendes geschrieben.

Man muss sich einfach mal hinsetzen und realisieren: Dass, was derzeit in Deutschland geschieht, ist nicht „wie 1933“.

Damals gingen die Menschen einem Rattenfänger hinterher, weil Massenarbeitslosigkeit herrschte. Sie gingen auf die Straße, in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Heute gehen die Menschen Rattenfängern hinterher, obwohl offiziell bei 2,6 Mio gemeldeten Erwerbslosen Vollbeschäftigung herrscht. Sie gehen auf die Straße, aus Angst, sie müssten einen Krümel ihres unrechtmäßigen Wohlstands abgeben.

Das ist der Unterschied. Beides ist nachvollziehbar. Beides zu verurteilen. Und gegen beides muss sich eine soziale Gemeinschaft stellen.

Ich konnte es nicht lassen und habe kommentiert:

Mir gefällt der Begriff des „unrechtmäßigen Wohlstands“ sehr gut. Und es wäre gut, wenn wir diesen durch schrittweises Reduzieren unserer „Wohlstandsreserve“ endlich korrigieren würden. Für mich ist das „Autofahren“ übrigens eine gute Metapher für unsinniges Wohlstandsverhalten. Da könnte man mit dem Verzicht gut anfangen … siehe auch #aktmobcmp.org

Darauf bekam ich folgende Antwort:

Verstehe ich das richtig: wer als Autobauer arbeitet, ist dann ein „unrechtmäßiger Wohlstandsprofiteur“?

Wieder konnte ich es nicht lassen und habe ein wenig polemisch geantwortet:

Der Schluss „wer als Autobauer …“ ist natürlich so gesehen logisch/dialektisch mehrfach falsch. Für mich ist jeder der sich mehr von der Welt nimmt als ihm zusteht, ein „unrechtsmäßiger Wohlstandsprofiteur“. Und ich fürchte, da gehören wir alle dazu, die hier so klug schreiben. Betreff Auto: Ich meine schon, dass man sein Können, seine Kreativität wie auch seine Intelligenz heute für wichtigere Themen als für das Bauen von Autos einsetzen sollte. Immerhin töten Autos weltweit mehr als 1,3 Millionen Menschen und zum Beispiel in Bayern generiert der motorisierte individuelle Verkehr (die Autos) mehr Kohlendioxid pro Kopf der Bevölkerung als nur zur Bewahrung des aktuellen Zustandes zulässig wäre.

Aber in der Tat meine ich, dass der von Sina in die Diskussion eingebrachte Begriff vom „unrechtmäßigen Wohlstand“ eine Schlüsselbedeutung hat. Den habe ich bisher noch nie so verwendet, er hat mir einen „Stich“ gegeben.

Ich meine, dass man ihn erweitern sollte zu einem „unrechtmäßigen Kollektiv-Wohlstand“. Und sich immer wieder in Erinnerung rufen muss, dass letzten Endes unserem Handeln wesentlich das Ziel die „Wahrung unseres Besitzstands“ und die „Beibehaltung oft unsinniger (und manchmal schädlicher) Gewohnheiten“ zu Grunde liegt.

Wenn wir aber so weiter machen, werden wir aber wahrscheinlich in ganz wenigen Generationen eine mir lebenswerte Welt verlieren. Und das gefällt mir nicht, weil ich mich irgendwie als Teil eines ganzen – auch in der zeitlichen Dimension – sehe.  Könnte übrigens gut sein, dass wir unsere schöne Welt schon verloren haben …

RMD

Einladung zu einer Vorab-Veranstaltung zu AktMobCmp am 14. 10. 2015 in Unterhaching

actmobcmp_100-300x86In IF-Blog habe ich ja schon von unserem Vorhaben berichtet: Am 4. und 5. Januar des kommenden Jahres (2016), genau vor Dreikönig, wollen wir ein neues Barcamp starten.

Es ist das AktMobCmp, das erste BarCamp für „Aktive Mobilität im Alltag“. Mit diesem Barcamp werden wir das für unsere Zukunft so wichtige Thema „Mobilität“ angehen.

Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, wir haben gut geeignete Räume, eine schöne Website, einen Sponsoren-Flyer und einen Handzettel – und auch schon erste Sponsoren.

Jetzt wollen wir auf die Veranstaltung aufmerksam machen. Dazu laden wir auch zu Vorab-Veranstaltungen ein. Die erste Veranstaltung wird am 14. Oktober im Treff der Agenda 21 in Unterhaching (Rathausplatz Unterhaching, Hofmarkweg 12) von 18:00 bis 20:00 stattfinden. Dort wollen wir das erste Mal öffentlich über unser „Barcamp für Aktive Mobilität“ informieren.

Die Veranstaltung soll folgende Fragen beantworten:

Warum ist die „Aktive Mobilität im Alltag“ so wichtig?
und
Was ist ein „Barcamp und warum ein Barcamp“?

So wird Jörg Schindler an diesem Abend die Frage beantworten, warum Mobilität ein sehr wichtiges Zukunftsthema ist und wir uns mehr um den sogenannten Restverkehr jenseits des „individuellen & motorisierten“ und „öffentlichen“ Verkehr kümmern müssen.

Ich kenne Jörg als sehr kompetenten und überzeugenden aber auch unterhaltsamen Redner. Man findet seine sehr spannenden und wertvollen Vorträge auch in Youtube. Hier ein Beispiel:

Ich (Roland Dürre) werde im Anschluss berichten, was ein Barcamp ist und warum eine solche „Unkonferenz“ viel besser für das Teilen von Wissen und Entwickeln und Anwenden von neuen Erkenntnissen geeignet ist als die üblichen klassischen Formate. Und am Beispiel von PM-Camp schildern, was man mit dem Teilen von Wissen und „Miteinander Reden“ alles erreichen kann.

Nach den kurzen Beiträgen von Jörg und mir werden wir das Gehörte in der Runde diskutieren, vielleicht in Form einer FishBowl.

Auf diese Art und Weise wollen wir für unser AktMobCmp im Januar 2016 werben. Die KollegInnen der Agenda 21-Organisationen im Landkreis München werden wir dazu persönlich einladen. Willkommen sind aber auch alle Menschen, die an dem Thema „Agile Mobilität im Alltag“ interessiert sind und gerne für eine lebenswerte Zukunft denken und handeln wollen. So sind auch Sie herzlich eingeladen. Und besonders freuen wir uns natürlich, wenn uns auch Menschen aus dem Bereich der Medien zu uns kommen.

Die Teilnahme dieser Vorabveranstaltung zu AktMobCmp ist kostenfrei. Wir freuen uns auf jeden Teilnehmer und möchten nur um eine kurze Anmeldung per E-Mail bitten. Denn – falls die Plätze im Treff der Agenda 21 nicht ausreichen – werden wir die Veranstaltung in einem geeigneten Raum verlegen, der vom Treff aus gut zu Fuß zu erreichen ist. Eine eventuelle Raumänderung werden wir natürlich rechtzeitig bekannt machen.

RMD

Klaus Hnilica
Mittwoch, der 15. Juli 2015

Gefangen in Balkonien

Carl und Gerlinde (XLIV)

Oh Gott – diese Hitze! Unerträglich! Und ausgerechnet heute Abend wollen Hannelore und Kurt noch einen ausgeben, da sie endlich ihre Hausrenovierung geschafft haben. Nach zwei endlosen Jahren, in denen niemand mehr mit einem positiven Ende gerechnet hatte!

ZZZZGAls Carl nämlich in der ‚Frankfurter Allgemeinen’ von den sechzig dokumentierten Fassadenbränden in der Stadt Frankfurt gelesen hatte, bei denen die Wärmedämmung als höchst effektiver Brandbeschleuniger fungierte, und diesen Befund genüsslich Kurt unter die Nase hielt, war dem jegliche Lust auf weitere Minimierung der Heizkosten vergangen. Aber seine beharrliche ‚Klimaretterin Hannelore’ hatte die Wärmedämmung dann doch bei ihm durchgequengelt! Und da sie schon am Quengeln war, auch noch gleich die Rollladensanierung: alle fünfzehn Rollläden an Fenstern und Türen ihres einstöckigen Zweifamilienhauses gingen seit letztem Dienstag mucksmäuschenstill, sonnensensorgesteuert, vollautomatisch auf und zu…

Und darauf möchten er und Hannelore heute mit ihren Freunden anstoßen, stammelte Kurt. Allerdings hätten die Renners und Gutmanns leider in letzter Minute abgesagt, weil Kerstin einen Hitzeausschlag hat, Anne gestern von einer Biene gestochen worden war mit entsprechender allergischer Reaktion und ihr Mann immer noch im Büro herumturnte, ohne sagen zu können, wann er heim käme.

Aber hier am nordseitig gelegenen Balkon im ersten Stock, fuhr Kurt fort, nachdem er das gesamte Renovierungsabenteuer noch einmal Revue passieren hatte lassen und seinen Aperol Spritz, nun schon ohne Eis, immer noch fest umklammert hielt, könne man es auch bei 32 Grad wunderbar aushalten! Dieses herrlich erfrischende Lüftchen, von allen Seiten herangefächelt, hätte Hannelore letztlich auch dazu bewogen, ihr kleines leckeres Buffet doch hier auf dem Balkon aufzubauen…

„Kurt, wenn du noch lange mit deinem vollen Glas in der Hand weiterlaberst“, ging Hannelore plötzlich energisch dazwischen, „sind, unsere einzigen verbliebenen Gäste längst verdurstet und skelettiert, bevor sie an unseren Leckereien auch nur gerochen haben. Bitte lass uns doch endlich den warm gewordenen Aperol Spritz durch unsere ausgedörrten Kehlen jagen und zu den kühlen Bierchen im Eiskübel übergehen! Und meinen Häppchen täte es auch gut, wenn sie schnellstens in unsere leeren Mägen versenkt würden, bevor das Basilikum gänzlich verdorrt ist und die Wespen deinen pikanten Sardinenaufstrich aufgefressen haben…“!

„Gott sei Dank!“ stöhnte Carl und tätschelte erleichtert Hannelores nacktes Ärmchen, während Gerlinde den so harsch unterbrochenen Kurt mit ein paar zugeflüsterten Nettigkeiten zu trösten versuchte.

Carl war auch der Erste, der nach der kurzen, peinlichen Pause, sich eines der Bierfläschchen aus dem Eiskübel angelte und damit, ohne abzusetzen, den lauwarmen Aperol Spritz aus seiner Gurgel spülte!

Alle anderen folgten nach und nach, und da sie tatsächlich das frische Lüftchen auf dem Balkon genossen, begannen ihre kauenden Mäuler auch bald wieder munter zu schnattern.

Erst dieses Mark erschütternde „Nein! Verdammt!“ sorgte für eine neuerliche Gesprächsunterbrechung: alle drei starrten auf Kurt, der hochgradig erregt, mit dem Eiskübel voll leerer Bierflachen, vor dem geschlossenen Rollladen der Balkontür stand: niemand hatte etwas gemerkt, da alles so lautlos passiert war.

Und jetzt war er zu! Der Rollladen!

Und das Steuergerät natürlich drinnen und keiner hatte sein Handy dabei. Wo hätte man es in der leichten Sommerkleidung auch unterbringen sollen; selbst Carl hatte in seiner Pumpkin Short kein passendes Täschchen!

„Und was nun, mein goldiges Programmiergenie?“ giftete Hannelore ihren völlig konsternierten Kurt an. „Wenn ich mich recht entsinne, hast du mir noch letzte Woche mindestens zwanzigmal versichert, dass das nie passieren könnte, da du die Rollläden bei allen Balkontüren so programmiert hättest, dass sie immer auf halber Höhe stehen bleiben, oder irre ich mich da, mein superkluges Kurtchen?“
„Du irrst dich nicht, liebe Hannelore, ich steh ja selbst vor einem Rätsel…“

„Nicht nur vor einem Rätsel, lieber Kurt, sondern auch vor einer total verschlossenen Balkontür“, ergänzte Carl grinsend.

„Und – und was nun, ihr lieben Leutchen“? motzte Gerlinde säuerlich.

„Weiß ich nicht – weiß ich wirklich nicht…!“ stotterte Kurt.

„Vielleicht schreien!“ rief Hannelore plötzlich, „ ja wir schreien alle zusammen so laut, als läuteten die Kirchenglocken; irgendwer muss uns dann hören…“

„ Haha – wer denn?“ stöhnte Kurt. „Rechts die Nachbarin ist schwerhörig und sitzt vor der Glotze und links die Nachbarn sind im Urlaub…“

„Und die da hinten machen Party im Garten und hören auch nichts vor lauter Krach“, ergänzte Gerlinde genervt.

„Aber bei der Hilde gegenüber ist doch Licht! Im Obergeschoß!

Und die Fenster stehen auch alle offen“, rief Kurt auf einmal triumphierend…

Und sofort fing er an, laut nach seinem Liebling zu rufen, der allerdings mit seinen 82 Jahren auch nur über ein sehr begrenztes Hörvermögen verfügte. Kurt ließ sich nicht entmutigen: er brüllte solange „Hilde“ – bis – ja bis ihm die Puste ausging!

Natürlich fuhren auch einzelne Autos unten vorbei! Aber die nahmen von den ‚Eingeschlossen Vieren auf dem Balkon’ keinerlei Notiz. Und selbst, wenn sie etwas bemerkt hätten, wären sie bestimmt der Meinung gewesen, dass die da oben bestens versorgt wären, da sie so schreiend komisch herumjubelten und andauernd winkten…

Und Blanka die polnische Betreuung von Hilde war natürlich auch nicht greifbar – aber die hätte ohnehin nichts verstanden, denn die ‚Deitsche Sprache’ war nicht unbedingt ihre Stärke!

Als Carl sein mächtiges Organ schließlich auch auf Kurts ‚Hilderufe’ eingetaktet hatte, tauchte die sehnlichst Gerufene tatsächlich in einem der beleuchteten Fenster auf und winkte der fröhlichen Balkonrunde gegenüber begeistert zu…

Sie stellte auch fest, dass es sehr heiß bei ihr sei und sie unter ihrem leichten Hemdchen völlig nackich sei!

Auf Kurts verzweifelten Zuruf, er bräuchte dringend den bei ihr deponierten Haustorschlüssel, antwortete sie aber wieder nur mit,

„ich bin nackich …“!

Und auf die Frage, wo Blanka stecke, natürlich auch „ich bin nackich…“!

Da es aber trotz der erfreulichen Nacktheit von Hilde unausweichlich auf Mitternacht zuging und nicht nur die Flasche Aperol, sondern auch die drei Flaschen Sekt leer waren, ergriff Carl endlich mannhaft die Initiative: angetrieben von etlichen Promillen, schwang er sich ohne jede Vorwarnung plötzlich vor aller Augen wie Tarzan übers Balkongeländer, langte ungeschickt zu der nach unten führenden Dachrinne, und – noch ehe Gerlinde besorgt aufschreien konnte – war er, begleitet von einer Art Urschrei, unten angekommen!

Jedenfalls nach dem dumpfen Aufprall zu schließen und diesem tierischen „Aua – Scheiße!“.

Und nach ängstlichen Fragen von oben und angespannter Stille unten, dann endlich ein erlösendes Gestöhne und die gespenstige Feststellung:

„Jetzt bin ich auch nackich…!“

Worauf alle befreit losgrölten und merkten, dass Carls schöne neue Sommerbekleidung zerfetzt an der Dachrinne hing und er, Tarzan selbst, in der heil gebliebenen TRIGA – Unterhose offensichtlich alles ohne Knochenbrüche überstanden hatte…

Da über den Bewegungsmelder auch die Terrassenbeleuchtung angegangen war, stand er sogar höchst spektakulär und blutverschmiert, voll im Rampenlicht!
Kein Wunder, dass Hilde lautstark mitapplaudierte und immer wieder feststellte, dass der Kurt ja auch nackich sei…

Da es zwar nicht der Kurt sondern der Carl war, den sie für den Kurt hielt, hielt dieser aber dank dieser Verwechslung, schon wenige Minuten später, endlich den ersehnten Reserve–Haustorschlüssel in Händen…

Was für ein Triumph der strapazfähigen TRIGA – Unterhosen! Denn ohne sie hätte Carl nie so ungebremst zu Hilde stürmen können…

KH

Roland Dürre
Dienstag, der 21. August 2012

Biokraftstoff

IF-Blog hat sein Sommerloch. Ich bin für zwei Wochen in Griechenland am Strand und pflege duerre.de. Und ergänze die  “Stichworte” um ein paar neue “Stichwort-Artikel“. Hier einer von gestern zum Thema „Biosprit“:

Biokraftstoff ist für mich die schlechteste Lösung, um unsere individuellen und sonstige mobilen Angewohnheiten der Gegenwart auch in Zukunft aus zu toben. Ich verstehe nicht, wie man eine Beimischung von Biokraftstoff zum normalen Sprit gesetzlich vorschreiben kann.

Stefan Lauer, einem Vorstand der Lufthansa, hat in 2009 einen Vortrag an der TUM gehalten. Von ihm habe ich gehört, dass man – nur um den Treibstoff-Bedarf seiner Luftlinie mit Biokraftstoffen zu decken – eine Fläche bräuchte, die der Europas entsprechen würde. Damals hat er  von Raps gesprochen, so war die Vision ein komplett gelbes Europa.

Von nachwachsenden Rohstoffen und Umweltfreundlichkeit wurde schon vor Jahrzehnten im Zusammenhang mit Biokraftstoff gesprochen. Und mir wurde ganz schwindelig, wie ich das erste Mal davon hörte.

Wie dann Jahre später die Subventionen und Vorschriften in der BRD, EU und Nord- und Südamerika kamen, die Biosprit förderten und eine Zwangsbeimischung von 5 oder 10 % forderten, wurde mir noch schwindeliger.

Und jetzt bauen wir in Deutschland mehr Mais als alles andere an. Mais hatte früher wegen seiner Schädlichkeit für die Böden keine Chance gegen den vernünftigen Fruchtwechsel. Und wir importieren Palmöl aus Kontinenten, in denen gehungert wird. Und all das nur, um die Bioquote beim Treibstoff zu erfüllen!?

Das kann doch nicht wahr sein. Da versiegeln wir unsere Böden in rasantem Tempo. Und auf den verbleibenden Feldern bauen wir Energie-Pflanzen an wie Mais, die in kürzester Zeit extrem viel Biomasse produzieren. Oder holzen den Regenwald ab und bauen auf ungeeigneten Böden „Energiepflanzen“ an. Raubbau anstelle von Bodenpflege.

Alles nur um unseren Durst nach Sprit zu befriedigen. Und ignorieren dabei sogar, dass die für den Anbau und Produktion des Biosprits eingesetzte Energie einen beachtlichen Anteil der „produzierten“ Energie ausmacht.

Und gleichzeitig wird die Welternährungslage auf Grund der Klimaveränderung und anderer vom Menschen verursachter Entwicklung immer kritischer? Darf das wirklich wahr sein?

Dabei könnte man gerade beim Individualverkehr beliebig sparen. Anstelle von 10 % Biosprit hinzu zu mischen, könnte man mit einfachen Maßnahmen ein Mehrfaches einsparen. Ein drastisches Tempolimit würde schon einige Prozent bringen. Das würde auch noch Tausend Menschen das Leben zu retten und wesentlich mehr vor körperliche Beschädigung schützen und unser Verhältnis zum Auto wieder ein wenig rationaler machen.

Man könnte weiter wesentliche Einsparungen generieren, indem man das Auto de-emotionalisiert und vernünftige Fahrzeuge baut, die weniger brauchen.

Die Verschwendung im individuellen Verkehr könnte durch intelligente Systeme für Fahr- und Transportgemeinschaften reduziert werden. Man könnte die Autofahrer zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel, Fahrräder oder sparsame E-Scooter bewegen.

Aber das alles ist für Politiker zu schwierig. Und deshalb geben sie den Lobbyisten nach und fördern das unsinnige Bio-Sprit-System.

Zurzeit scheint sich das Blatt zu ändern In den letzten Wochen habe ich immer mehr und sehr fundierte Kritik am Biokraftstoff gehört und gelesen. Könnte gut sein, dass es bald vorbei ist mit diesem Wahnsinn.

Diesen Artikel habe ich in 2012 geschrieben. Ich meine, dass das Thema Biokraftstoff könnte sich in ein paar Jahren erledigt haben wird.

Roland Dürre
Mittwoch, der 9. Mai 2012

Neue Wachstumsformel!?

Die Klimaentwicklung wird schlimmer als erwartet, das stand gestern auch in der Zeit (online) und der Süddeutschen. Diese Aussage scheint plausibel und deckt sich mit persönlichen und kollektiven Beobachtungen.

Ich zitiere:

Erstmals in ihrer Geschichte bewegt sich die Menschheit auf einen Punkt zu, an dem der eigene Drang nach Wachstum und Wohlstand mit der Begrenztheit des Planeten kollidiert.

Trotzdem höre ich von den Mächtigen wie auch deren Kritikern (!) einen immer lauter werdenden Ruf nach Wachstum, sogar wieder nach Wachstum auf Pump. Bei Wachstum denke ich persönlich an mehr Lärm, mehr Konsum, mehr Verschwendung, mehr Abgase, mehr Stress, mehr Raserei …

Dabei wäre der Ruf nach Wachsturm völlig in Ordnung. Nämlich genau dann, wenn wir uns auf eine neue „Wachstumsformel“ einigen würden:

Wachstum ist, wenn der Ausstoß von Kohlendioxid und der Einsatz von Rohstoffen sinkt!

In meinem doch schon längeren Leben sind mir verschiedene Kriterien für wirtschaftliche Entwicklung besonders haften geblieben:

Wie ich jung war, war das die Anzahl der Bruttoregistertonnen, die auf der Schiene transportiert wurden. Vereinfacht hieß das: Je mehr Kohle transportiert (und verbraucht wird), desto besser geht es der Wirtschaft. Aus heutiger Sicht erscheint das natürlich unsinnig.

Später wurde der Haus- und Wohnungsbau zur Indikatorbranche. Das leuchtet ja auch ein. Der Bau von Wohnungen ist nicht nur wirtschaftlich relevant, auch die Folgeinvestitionen in Möbel und vieles mehr hängt ja daran. Aber auch das funktioniert nicht mehr.

Um die Jahrtausendwende waren die Medien die Branche, die als Basis für die Bewertung der Konjunktur diente. Je mehr Geld in die Anzeigen von Verlagen und Fernsehanstalten lief, desto besser die Vorhersage für die wirtschaftliche Entwicklung. Aber wehe, wenn die Werbeetats zurück gingen. Das galt als untrügliches Zeichen für eine Verschlechterung der Konjunktur.

Habe ich zwar nie verstanden.Im Gegenteil, diese Theorie erschien mir unsinnig. Denn wenn die Nachfrage so richtig boomt, könnte ich doch den Werbeetat senken. Nur wenn der Markt so richtig gesättigt ist (wie die meisten bei uns in Mitteleuropa), dann muss ich kräftig in Werbung investieren. Und dann wird es schwer mit Wachstum. Könnte man zumindest meinen.

In Zukunft wird man die wirtschaftliche Entwicklung einer Volkswirtschaft daran messen müssen, in welchem Maße sie es schafft, ihren Bedarf an fossilen Energien und weiteren Rohstoffen zu senken. Diese Zahlen müssen aber bereinigt werden um die Einsparungen, die aus dem Export schmutziger Industrien in Drittländer resultieren. Das Motto „Wir stoßen weniger Kohlendioxid aus, weil die industrielle Drecksarbeit woanders gemacht wird“ ist global natürlich nicht Ziel führend.

Nachhaltige Energie und ein geschlossener Kreislauf der Rohstoffverwertung werden dann aber auch wieder zu echtem qualitativem aber anderem Wachstum führen.

Denn in vielen Bereichen muss der Verzicht auf scheinbare „billige fossile Energie“ und der unangemessene Verbrauch von Rohstoffen durch menschliche Intelligenz und Arbeit ersetzt werden. Und beides ist ja bekannter Weise gerade bei uns teuer bis überteuert.

Nicht weil die Menschen so viel verdienen, sondern weil beim Einkommen aus Arbeit das zurzeit so viel beschworene Recht auf Eigentum ein wenig vernachlässigt wird. Beim Einkommen aus unselbstständiger Arbeit (auch das ist Eigentum!), kneift der Staat bei sich selbst ein Auge zu und kassiert mehr als kräftig ab. Das obwohl das Recht auf materielles und geistiges Eigentum heute in einer Art und Weise wohl wie nie in der Gesellschaft verankert ist und oft zu einem „Grundrecht auf Besitzstandswahrung“ mutiert zu sein scheint.

Das unbeschränkte Recht auf geistigem und „realem“ Eigentum ist auch so ein Paradigma, das man genauso wie das „Wachstums-Dogma“ mal überdenken sollte. Sonst könnte zu leicht die soziale Evolution über uns hinweg rauschen.

Und am Ende bleibt der nächsten und übernächsten Generation nur der Katzenjammer einer gnadenlosen ökologischen (Welt-)Diktatur in einer komplett zerstörten Umwelt.

RMD

P.S.
Das für mich wichtigste Eigentum ist meinATMEN, meinWASSER, meinESSEN, meineSTILLE und nicht zuletzt meinLEBEN, das nicht von Umweltkatastrophen bedroht werden soll. Wichtig ist mir auch noch meineFAMILIE und meineKINDER, damit meine ich, dass meine Kinder und Enkel nicht in unnötige Katastrophensituationen hineingeraten sollen.

Roland Dürre
Freitag, der 13. April 2012

IF-Forum live im Internet

Erstes IF-Forum 2012 – Nachhaltig (über-)leben – 17. April

Heidi SchillerEnergie-Unternehmerin in Afrika spricht über.

Schwarz – weiß – bunt.
Impulse für einen etwas anderen Blick auf diese Eine Welt.

Wir übertragen natürlich wieder „live“ ins Internet!

Kurz nach 18:00 geht die „Übertragung“ los.

Unter http://www.ustream.tv/channel/IF-Forum (link) ist der „Video-Stream zum Vortrag“ sehen. Ob der Video-Stream in Ihrem Browser funktioniert, können Sie jederzeit testen. Rufen Sie die oben genannte Website auf.

Zusätzlich zur Übertragung werden wir einen Video-Mitschnitt anfertigen und auf youtube (Kanal rolandduerre) zur Verfügung stellen.

Ich freue mich aber schon jetzt auf viele Zuschauer aus dem Internet!

RMD

P.S.
Und ein paar Plätze für liebe Freunde sind auch immer noch frei.

Werner Lorbeer
Dienstag, der 28. Februar 2012

Desert Tec #014: Zuviel Energie!

Als ich 1992 erstmals vor den vier Windmühlen des Spannbüllhofs stand, kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Es war ein windiger Sommer, die Tochter hatte Keuchhusten und ich erlebte die Küste mit ihrer heilenden und windigen Gewalt.

Als Physiker analysierte man automatisch die Funktion und die Energieernte der Mühlen und ich staunte nicht schlecht über die kaufmännische Potenz dieser vier Mühlen à 0,5 MWatt, die sich alleine in diesem Jahr 60% ihrer Investitionssumme verdienten.

Zum Rechnen:
Pro installiertem 1 MW Leistung beträgt die Energieernete etwa 2 – 2,5 GWH/Jahr (Eine wichtige Zahl für die vielen bayrischen Investoren, die derzeit schwachwindige Standorte mit ihrem Investitionskapital beglücken wollen. Merke: Irgendwann ist Schluss mit der Subvention und es zählen die Kosten. Die Abschreibungsobjekte Ostdeutschland schicken ihre grimmigen Grüße an den national begeisterten Investor).

Die Frage des zweiten Tages galt natürlich dem Netz und dem Energiespeicher und bereits 1992 waren zwei Dinge klar:

  1. Die Umschalttechnik konnte das plötzliche „aus dem Wind gehen“ der Windkraftketten bei zu viel Wind nicht verkraften
  2. In Schleswig-Holstein gibt es keine Wasserspeicherkapazitäten für die Abnahme von Überkapazitäten
  3. Und das störte weder die Windbauern noch sonst einen Subventionspolitiker, weil man bei Subventionen eh nie weiß, warum man sie bekommt.

Nun, oh Schreck, 2012 soll die Energie auch noch genutzt werden – damit haben weder die Subventionierer noch die Windanlageninvestoren gerechnet!

Viel besser lebte es sich doch, wenn die Prämie auch weiter fließt, wenn die Anlagen wegen Netzüberlastung bei Wind abgeschaltet werden.

Ja, auch das gibt es: Prämie für das Abschalten wegen Netzüberlastung. Wir haben von der DDR wirklich viel gelernt. Heute (27. 2. 2012) retten wir durch das Parlament den „Euro“ und morgen „die ganze Welt“. Derweil wandert die Produktion von Kohlefasercomposite für den BMW e-Mini wegen hier unbezahlbarer Energiekosten in die USA zum Moses Lake ab.

Gibt es einen Weg raus aus dem Dilemma?

Ja!

Es wird ein Plädoyer werden für „power to gas„.

wl