Roland Dürre
Dienstag, der 6. September 2016

Wie wird die Welt in 2036 aussehen? #ZukunftVision2036 – Blog Parade

2036_500Über meinen Freund Thomas Michl hat mich der Aufruf zu einer Blogparade zum Thema #FutureVision2036
von Yasemin Akdemir erreicht.

Mir geht es wie meinem Freund Eberhard Huber. In seinem Blog schreibt er über Menschen und Projektarbeit. Er hat mich auf die Idee gebracht, dass man nicht spekulieren sollte, wie die Welt in 20 Jahren aussehen könnte sondern besser schreiben sollte, wie sie dann aussehen sollte.

Denn spätestens seit den Thesen von Hans Ulrich aus St. Gallen zum „Wandel im Management“ wissen wir, „dass Zukunft nicht vorhersagbar ist“!

Und kühne Vorhersagen zu machen ist so gar nicht meins.

Aber gerne berichte ich hier, was ich mir für 2036 wünschen würde!

Als erstes ist mir wichtig, dass die Menschen global mehrheitlich in 20 Jahren weiser und friedlicher ist.

Weiser heißt, dass die Menschenfreundlichkeit im Denken und Handeln sich mehrt und die im Großen wie im Kleinen weit verbreitete Feindseligkeit zurück drängt. Dass Begriffe wie Respekt, Achtsamkeit und Dankbarkeit für unser Handeln relevant werden.

Frieden bedeutet für mich, dass immer mehr Menschen es schaffen, auch durch eigene Wertschätzung mit sich selber im Einklang zu leben. Nur wenn Menschen sich selber mögen und wertschätzen und so ihren inneren Frieden finden, dann kann der äußere Frieden wachsen und sich durchsetzen. Nur so werden die vielen beliebten Feindbilder verschwinden und nur so kann auch der Frieden mit Umwelt wie mit anderen Menschen und anderen sozialen Systemen gelingen.

Weiter wünsche ich mir mehr Neutralität und weniger Moralismen, wie auch zum Beispiel weniger sexuelle Prüderie. Allgemein sollte der Stellenwert von Religionen abnehmen. Wie kann man von Menschen geschaffene Konstrukte mit einem absoluten Wahrheitsanspruch versehen? Ich möchte auch nicht, dass auch noch in 2036 z.B. Kinder aus „religiösen Gründen“ verletzt und verstümmelt werden.

Der Satz von Friedrich II. von Preußen „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“ sollte auch in 2036 gelten. Aber nicht die „Verletzung von religiösen Gefühlen“ darf Unrecht sein, sondern die gesellschaftliche Diskriminierung von „Ungläubigen“ durch „Gläubige“ und der Versuch, die Ungläubigen „religiös zu missionieren“ .

Freiheit darf in 2036 nicht mehr missverstanden werden, dass man alles machen darf, was möglich ist. Die Bedeutung des Begriffs muss abgelöst werden durch ein Verständnis von Freiheit im Sinne des „Wollen und Fähig-Sein, sein Leben eigenverantwortlich zu führen“.

Ich würde mich freuen, wenn die Menschen in den nächsten 20 Jahren es immer mehr schaffen würden, autonom von Marketing und externer Steuerung zu werden. Und zum Beispiel erkennen, dass ihr wertvollstes Gut die Zeit ist. Und wir unser Leben im Moment in Freude genießen können – ohne so viel nachdenken zu müssen. Ein wenig mehr Unterbewußtsein und dafür weniger „Kleinhirn“.

In 2036 wollen wir in „angstfreien Räumen“ leben. Ängste entstehen im Kopf und haben mit realen Bedrohungen und gesunder Furcht nichts zu tun. Und in 2036 sollte wir nicht mehr meinen, uns über Aussehen, Besitz, Eigentum, Erfolg, Reichtum … definieren zu müssen. Sondern einfach uns selbst zu sein.

Mein konkretes Anliegen für 2036 ist, dass möglichst viele Menschen ein Leben im Einklang mit der Umwelt führen können. So möchte ich auch als Fußgänger und Radfahrer die Luft in den Städten wieder atmen können. Dazu müsste das Verständnis die Oberhand gewinnen, dass „individuelle Mobilität“ keine Zukunftslösung darstellt, wenn sie auf Basis von schweren Fahrzeugen beruht, ganz gleich ob sie durch einen Verbrennungs- oder Elektromotor angetrieben werden. Auch würde ich mir wünschen, dass die Welt wieder ein weniger leiser wird.

Jenseits dieser banalen Dinge möchte ich in 2036 in einer Gesellschaft leben, die akzeptiert, dass ich ein Wesen aus Fleisch und Blut bin, das ein Recht hat, den eigenen Körper lustvoll zu erleben und es selbstverständlich wird, dass ich ausreichend Bewegung im Alltag bekomme. In einer Gesellschaft, die mich nicht auf ein Mittel zum Zweck reduziert.

Denn auch als Erwachsener möchte ich herum tollen und albern sein dürfen. 2016 will ich nicht mehr durch Marketing manipuliert und von Lobbyisten beherrscht werden. Sondern das sein dürfen, was ich letzten Endes bin: Ein (hoffentlich) sympathische Säugetier mit ein wenig Vernunft.

Das dominante Prinzip unseres wirtschaftlichen Handelns muss in 2016 „Nachhaltigkeit“ sein. Die Wirtschaftskreisläufe müssen so organisiert und gelebt werden, dass das Prinzip #nowaste erste Priorität wird. Das gilt auch für die Energie – all das kann nur erreicht werden durch den Einsatz „smarter Technologien“ aber auch wesentlich durch individuellen Verzicht. Im übrigen überwiegend auf Dinge, die sehr wohl verzichtenswert sind.

Wir Menschen sind nicht für die Wirtschaft da – sondern die Wirtschaft ist für uns Menschen da! So gibt es auch die Bayerische Verfassung vor. An Stelle von globalem „Raubtier-Kapitalismus“ brauchen wir in 2036  funktionierende regionale „Gemeinwohl-Ökonomien“! Auch wenn diese rechnerisch uneffizienter sein mögen – was ich übrigens nicht glaube, denn bei globaler Optimierung werden die externen Kosten nur zu schnell vergessen und unterschlagen.

Viele unserer Lebensgewohnheiten müssen sich wesentlich ändern. Und dies nicht zu unserem Schaden. Das wird für die Mobilität genauso gelten wie für die Produktion von Gütern. Eine Lösungsmöglichkeit könnte in mehr „shared oconomy“  bestehen, individuell gestützt von „weniger Eitelkeit und Egoismus“. Das Erfolgs-Prinzip der Zukunft wird heißen „Weniger ist Mehr!“ – „Wachstum als Lösung aller Probleme“ war gestern (und schon immer ein großer Blödsinn).

Auch in unserem konkreten Handeln wird die Achtsamkeit unser Handeln bestimmen müssen. Und wir müssen permanent hinterfragen, ob wir das alles brauchen, was wir uns so leisten? Und wir sollten dann die Dinge auch ein klein wenig mehr zu Ende denken!

So wünsche ich mir für 2036 eine Aufklärung 2.0, die wir ernst nehmen und gewissenhaft entwickeln und die unser Handeln bestimmt. Und wir uns nicht mehr mit Tand zu dröhnen, sondern uns wieder auf die wesentlichen und wertvollen Dinge konzentrieren.

Ich bin und bleibe optimistisch, dass wir das gemeinsam mit Mut und in Freude schaffen werden. Auch unterstützt von der neuen „digitalen Welt“ und schönen Blog-Paraden.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 10. August 2016

Bayerische Verfassung, Gemeinwohl-Ökonomie …

… Augenhöhe, Intrinsify.me, Demokratisches Unternehmen, Holokratie – und Buddhismus im Management … all das mag ich –
aber bitte kein CSR!

Vajrasattva (Tibet)

Vajrasattva (Tibet)

Die meisten von uns wollen das selbe, nämlich eine Wirtschaft, die für die Menschen da ist. Und in der die Menschen eben nicht für die Wirtschaft da sind.

So liebe ich die Bayerische Verfassung, die in einem Artikel präzise darauf hinweist, welches großartige Recht es ist, in einem Gemeinwesen ein Gewerbe ausüben zu dürfen – und wie dieses Recht die Unternehmer bzw. Gewerbetreibenden verpflichtet und ihnen so vorschreibt, dass die angebotenen und bereit gestellten Güter und Dienstleistungen zuerst mal den Menschen Nutzen bringen müssen.

Und in einem zweiten Artikel in dieser wunderbaren Verfassung wird dann das ganze noch mal explizit für die Finanzwirtschaft unterstrichen! Die das aber nicht interessiert und mehrheitlich Dinge anstellt, die zumindest in Bayern verfassungswidrig wären,
;-( wenn denn die Bayerische Verfassung für diese Themen noch von Belang wäre.

Ich spreche von Artikel 151 Bindung wirtschaftlicher Tätigkeit an das Gemeinwohl; Grundsatz der Vertragsfreiheit und 157 Kapitalbildung; Geld- und Kreditwesen. Es sind aber bei weitem nicht die einzigen wirklich lesenswerten Artikel, in der Bayerischen Verfassung gibt es da noch einige mehr

Genauso schätze ich die Bewegung der Gemeinwohlökonomie um ihren Protagonisten Christian Felber. Die haben eine Gemeinwohl-Matrix erarbeitet, an derer man prüfen kann, welchen Beitrag das Unternehmen, in dem man arbeitet oder das man vielleicht sogar „führt“ zum sozialen und gesellschaftlichen Leben leistet. Auch darüber lohnt es, sich zu informieren.

Das Projekt Augenhöhe mit dem gleichnamigen Film habe ich bewundert, weil da belegt wurde, dass es durchaus erfolgreiche Unternehmen gibt, die auf Augenhöhe funktionieren.

Wie mir auch die kühnen Gedanken der Menschen von intrinsify.me sehr nahe stehen, genauso wie auch die klaren Überlegungen der von Andreas Zeuch inspirierten Unternehmens-Demokraten, die glaubhaft machen, dass „demokratische Unternehmen“ besser funktionieren. Und die den wunderbaren Slogan geprägt haben:

ALLE MACHT FÜR NIEMAND!

Sogar die Freunde der Holokratie (holocracy) imponieren mir, auch wenn ich da die Gefahr einer Ermüdungsdemokratie sehe, die leicht zu „holocrazy“ führen kann.

Vor kurzem aber habe ich einen jungen Unternehmer kennen gelernt. Er heißt Julian Sametinger und hat eine Bachelor-Arbeit (zum Lesen draufklicken, sehr lesenswert!) mit dem Thema „Buddhismus im Management“ geschrieben. Es ist eine wunderbare Arbeit, die sich spannender wie mancher Krimi liest. Und da steht auch eigentlich wieder alles drin. Diese Arbeit ist auch der Anlass gewesen, warum ich den Post hier schreibe.

Vor all diesen Gedanken habe ich großen Respekt, allein ihre Existenz erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.

Aber bitte kommt mir nicht mit CSA (Corporate Social Responsity). Das ist geheuchelt, produziert von universitären Ethik-Dampfplauderern, abgestimmt in staatlich eingesetzten Ethik-Kommissionen. Ich finde ich da überwiegend schwülstiges Geschwafel, wie wir es von Politikern und Lobbyisten kennen. Jedoch mit stattlicher staatlicher Kohle graphisch schön aufbereitet auf aufgeblähten Hochglanz-Folien und Plakaten der einschlägigen Verbände.

Gerne nenne ich hier auf Anfrage schlimme und auch nicht so schlimme Professoren wie deren oft absurde Machwerke und andere eher lächerliche Aktivitäten. Da ich in diesem Blog dem Positiven jedoch mehr Raum als dem Negativen geben möchte, mache ich hier Schluss.

Ich bedanke mich fürs Lesen und wünsche eine gute Nacht!

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 28. Juni 2016

BREXIT

Flag_of_the_United_Kingdom.svgHier auch noch meine 1000 Eurocents zu der nach meiner Meinung unwürdigen Diskussion zum BREXIT.

 

  • Die Menschen, die in GB zur Wahl gingen, haben sich entschieden. Wahrscheinlich mögen sie die EU nicht und schätzen die Nachteile für ihr Land höher ein als die Vorteile. Rational kann man das eh nicht diskutieren, da gibt es zu viele Argumente pro und contra, dies auf soviel unterschiedlichen Ebenen. Die man auch nicht gewichten oder metrisieren kann. Letzten Endes geht es da um Gefühle, also um Bauchentscheidungen.
  • Die Entscheidung, die gefallen ist, sollten alle respektieren, sowohl die Überschlauen in der EU wie auch die, die bei der Entscheidung für einen Verbleib GBs in der EU gestimmt haben. Und besonders die, die abstimmen hätten können und darauf verzichtet haben. Das überhebliche Moralisieren der vereinigten Pro-Europäer der Welt gegenüber den Briten finde ich alles andere als angebracht.
  • Man darf auch nicht vergessen, dass ja weder die britische Regierung noch das britische Parlament durch diese Entscheidung irgendwie gebunden sind. Das heißt, dass eh noch gar nichts passiert ist –  und wie so oft in der Politik so richtig auch nichts passieren wird. Wahrscheinlich werden nur die Geldflüsse gekappt – oder anders kaschiert.
    Jetzt wird ein wenig gemauschelt – und mit jedem Tag, der ins Lande geht – wird das Thema #brexit mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Nur noch ein paar 1.000 EU-Funktionäre werden beraten, wie sie eine Lösung hinkriegen, so dass die britische Regierung vor ihren Wählern nicht das Gesicht verliert und die EU auch keinen Schaden hat. Dies so nach Muster von TTIP hinter verschlossenen Türen.
  • Ich persönlich glaube nicht, dass die EU ein bedeutsamer oder gar kritischer  Faktor für die Zukunft Europas ist. Ist halt noch eine Administration mehr. Mehr Sorgen macht mir da die NATO und die zahlreichen nationalen bis nationalistischen Tendenzen. Die Nato wird weiter erweitert, ohne Rücksicht auf die Sorgen und Ängste unserer Nachbarn. Hier vermisse ich eine Diskussion. Und es könnte sein, dass die nationalen Interessen durch den aktuellen Zustand der EU eher befördert denn reduziert werden.
  • Sehe ich die EU als Wirtschaftseinheit, dann bin ich enttäuscht.
    • Als Wirtschaftseinheit dürfte die EU und besonders der EURO eigentlich nur Deutschland (als Platzhirsch) und ein paar Kleinstaaten wie Luxemburg (als Finanzplatz der Europa beherrschenden Konzerne und Banken) oder Estland (als Tor nach Russland) begünstigt haben. Alle anderen sehe ich mehr oder weniger auf der Verlierer-Seite.
    • Sogar im bevorzugten Deutschland herrschen riesige Probleme wie eine große Polarisierung zwischen arm und reich (immer mehr verarmende Menschen, dafür mehr extremer Reichtum) oder bei der Bildung. Auch für diese Entwicklung dürfte die EU eine der Ursachen sein. Und dass z.B. Spanier – um wirtschaftlich überleben zu können – nach Deutschland gehen müssen ist doch bizarr. In anderen Fällen spricht man da von Wirtschaftsflüchtlingen, denen man auf keinen Fall Asyl geben dürfe. Wir sind einig, dass Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer Religionszugehörigkeit nicht diskriminiert werden dürfen. Sehr wohl aber wegen ihren Passes – und da systematisch und differenziert.
    • Ich meine, dass Regionen das Recht haben, sich gegen zentrale Angriffe von Konzernen oder rücksichtslosen Billigproduzenten zu wehren. Der Versuch mit Subventionen die Entmachtung der Benachteiligten auszugleichen ist in der Geschichte immer wieder gescheitert und hat meistens das Gegenteil des Angestrebten bewirkt. Und hat letzten Endes immer zu einer ungerechtfertigten Bereicherung geführt.
    • Besonders schlimm finde ich, dass die Macht der Lobbyisten in Europa mittlerweile auf allen Ebenen weiter gewachsen ist. Die können das Geschehen in Europa jetzt zentral steuern.
  • Sehe ich die EU als gemeinsamen Lebensraum, dann bin ich enttäuscht. Ich erlebe Regulierung ohne Ende. Kleine Unternehmen besonders im Handwerk auch bei uns in einem Maße bedroht wie kaum jemals in der Geschichte zumindest Westdeutschlands.
    Vieles wurde schlechter und nicht besser wie das Mobilitäts-Angebot durch öffentliche Verkehrsmittel. Dafür wird wohl auf deutschen Druck der Individualverkehr mit Verbrennungsmotor in einem unvorstellbaren Maße gehätschelt.
    Nicht einmal die Mobilität im Netz konnte die EU in den letzten Jahren einheitlich hinkriegen. Der einfache Smartphone-Nutzer stellt das bei jedem Verlassen seiner Heimatregion fest. Zweifelsfrei orientiert sich die Politik der EU auf den Vorteil von Kapital, der Konzerne und Banken. Dass sie eigentlich für die Menschen da sein sollte, vergißt sie. Und die Funktionäre der EU denken sind überwiegend Systemagenten, die zuerst mal ans eigene Wohl und ihren Geldbeutel denken, dies in einem Maße, das  oft noch unverschämter ist als auf den meisten nationalen Ebenen.
  • Sehe ich die EU als .politische Einheit, dann bin ich enttäuscht. Hier nur als Stichwort das unmögliche Verhalten und die komplett fehlende Solidarität beim Umgang mit Flüchtlingen. Und wer ist eigentlich für unsere Außenpolitik gegenüber Russland etc. verantwortlich? Ich sehe da nur gefährliche Defizite.
    Und noch ein provozierender Zusatz:
    Im Rahmen der Globalisierung sollte es eigentlich nur noch einen Staatenbund geben dürfen – das ist die UNO. Denn die Probleme sind eher regional oder global.
  • Die politischen Strukturen und die Arroganz der Funktionäre der EU erinnern mich durchaus an graue Systeme wie den Comecon. Wohin die geführt haben, sollte uns gut bekannt sein. Da soll es mal eine Zeit gegeben haben, in der in der ganzen UDSSR und den meisten ihrer Vasallen-Staaten nur noch eine Brotsorte produziert wurde …
  • Ist es wirklich so schlimm, wenn GB in eine Reihe von kleineren Staatssystemen zerfällt? Folgen sie da nicht nur einer logischen Entwicklung, die sie im Fußball schon lange vorweg genommen haben?
  • Die von mir persönlich erlebte Geschichte lehrt mich, dass eigentlich nach einem Zerfall von großen Systemen alle Beteiligten glücklicher waren als vorher. Vom römischen Reich kann ich nicht sprechen, da habe ich keine Ahnung. Aber ich kenne keinen Slowenen, Kroaten oder andere Menschen aus dem ehemaligen großen Jugoslawien, der dem Zerfall Jugoslawiens nachtrauert. Anfang der 70iger Jahre habe ich Jugoslawien bereist und kann das gut nachvollziehen. Auf meiner Radreise zum schwarzen Meer habe ich einmal einen Serben in Belgrad getroffen, der gemeint hätte, dass manche Menschen in Serbien jetzt endgültig Abstand vom Traum eines Groß-Serbischen Reiches nehmen müssten.
    In Tschechien und in der Slowakei ging es mir ähnlich – in Prag oder Bratislava habe ich niemanden, der sich wieder die ČSR wünscht.
    Und das der schon erwähnte Comecon und die UDSSR sich aufgelöst haben, bedauern doch auch nur ganz wenige. Ich kenne viele ex-DDR Bürger, die sich diese Systeme aber überhaupt nicht zurück wünschen.
    Ein wenig Polemik sei mir gestattet:
    🙂 Wenn sich die BRD vernünftig zerlegen würde, wären die Bayern wahrscheinlich auch nicht so ganz unglücklich. Aber wahrscheinlich sogar zumindest finanziell kaputte Länder wie Berlin-Brandenburg hätten wieder eine Chance zu gesunden und könnten sich nicht auf alle Ewigkeit auf den Almosen anderer Bundesländer ausruhen. Wobei die Ewigkeit hier eine eher endliche sein dürfte – denn trotz mancher gegensätzlicher Beteuerung aus Politikermund wird die Lage von Kommunen und Ländern in ganz Deutschland laufend schlechter (Grundversorgung, Infrastruktur, Bildung, Einkommens-Situation der Menschen …).
  • Zur Freizügigkeit: Ich höre immer, dass ein großer Vorteil für Bürger von EU-Staaten die Freizügigkeit bei der Wahl des Arbeitsplatzes und so auch der Wohnort wäre. Und dass die Briten die Zukunft der „jungen Generation“ verspielt hätten, weil sie jetzt nicht mehr so einfach in den Ländern Europas arbeiten könnten.
    Ich bin mir nicht sicher, ob ein soziales System einer solchen Größe und Vielfalt wie Europa so funktionieren kann. Da muss bestimmt ein wenig gesteuert werden.
    Ein Beispiel dazu:
    In China wollen die meisten Chinesen in Peking leben. Das geht natürlich nicht, also müssen Chinesen, die nach Peking wollen, Voraussetzungen erfüllen. Z.B. müssen sie über ein abgeschlossenes Studium verfügen oder den Nachweis für ein nicht unbeträchtliches Vermögen erbringen.
  • Als weiterer Vorteil der EU wird immer der Wegfall der Grenzkontrollen erwähnt. Grenzkontrollen nehme ich gerne in Kauf, wenn damit der totale digitale Überwachungsstaat vermieden werden kann. Intelligent organisierte Grenzkontrollen (siehe Eisenbahn oder am Flughafen) führen auch nicht zu Staus.
  • Schließlich:
    Ich mag kein Europa von Nationalstaaten, die sämtlich bereit sind, die Freiheit der Sicherheit zu opfern und von denen eine Reihe mich eher an Diktaturen und korrupte Systeme mit faschistischen Tendenzen als an funktionierende Demokratien erinnern.

Schlusssätze:

Ich bin für Vielfalt und gegen Einfalt. Ich mache mir Sorgen, dass zu große Systeme die Einfalt fördern. So bin ich für ein EUROPA der vernetzten und verbundenen Regionen, die sich gerne und freiwillig in die Gemeinschaft integrieren. Einem EUROPA, dass den Regeln der Subsidiarität folgt.

Ich mag kein EUROPA, dass wie eine Marionette an den Fäden von Konzernen und Wirtschaftsinteressen hängt. Ich mag kein EUROPA, das von einer Oligarchie von Parteien regiert wird, die vor allem den Vorgaben der Lobbyisten folgt. Und die alle ihr Geschäft mit  der Angst betreiben.

Mein EUROPA soll agil, offen und schlank verwaltet werden, Grundrechte und Individuelles/Privates respektieren, ethisch verantwortlich entscheiden und auch bereit sein, Besitzstand aufzugeben, wenn es notwendig wird.

Ich träume von einem sozialen und menschenfreundlichen Europa, dass radikal für Frieden eintritt, keine Kriege führt und keine Waffen in die Welt liefert. Und in seiner Politik ernsthaft der Erkenntnis folgt, dass unser Planet schon ziemlich kaputt gemacht worden ist. Und wir die Zerstörung von Umwelt und Natur auch in unseren Micro-Kosmen nicht mehr fortsetzen dürfen. Das Umweltstörung nicht auch noch subventioniert (Kerosin), auf unsinnige gigantische Projekte (S21) verzichtet und dafür Qualität auch in der Breite fördert. Von einem Europa, dass endlich mal von Ideologien und Glaubenssätzen abrückt, wie dass „durch Wachstum alle Probleme gelöst werden“, „das Leben an sich halt ein Kampf gegeneinander ist“ oder „Kinder halt mal erzogen und Menschen für ihre Taten bestraft werden müssten“.

So freue ich mich, dass die Briten mutig für einen BREXIT gestimmt haben. Dies obwohl ich die Selbstverständlichkeiten und Vorurteile von beiden Seiten – der BREXIT-Befürworter und Gegner – oft maßlos dumm und grauenhaft hypothetisch (spekulativ9 fand. Beide Seiten massten sich an, die Zukunft vorher sagen zu können und begründeten ihre Annahmen mit Argumenten, die ich als lächerlich bis kriminell empfunden habe.

Wir müssen uns wohl daran gewöhnen, dass die Skala für Unredlichkeit in der politischen Auseinandersetzung nach oben offen ist. Aber das Zustimmen zum BREXIT ist dennoch ein starkes Signal, das deutlich macht, dass es so nicht weiter gehen kann. Vielleicht bringt es Bewegung in die Politik und die Damen und Herren Politiker ein wenig zum Nachdenken. Bin aber auch da sehr skeptisch. Die Bürger müssen es wahrscheinlich selber richten.

Ganz falsch finde ich aber die ersten Reaktionen der EU-Partner-Regierungen, die so geheißen habe, jetzt müsse der Austritt ganz schnell erfolgen und ein Wiedereintritt müsse definitiv auf alle Zeit (!?) ausgeschlossen werden. Das erinnert mich sehr stark an eine Familie, in der ein Kind ausziehen will. Die Eltern mögen dies aber nicht und drohen dem Kind, dass es nie wieder einziehen dürfe. Vor 50 Jahren war so etwas durchaus üblich, ich habe es öfters erlebt.

RMD

Vor drei Jahren (2013) war einer meiner Söhne auf einem Lehrgang („bootcamp“) in den USA. Er und seine Kollegen (wohl lauter „Techies“) haben schon damals Snapchat entdeckt. Und es spielerisch genutzt. Auf eigenartige Weise: Sie haben sich gegenseitig fragwürdige „Selfies“ – zum Teil auch nackt –  zu gesendet. Einfach so aus Gaudi. Und weil bei diesem „Instant-MessagingDienst“ die Botschaften ja nur einmal (mit einer Wiederholung) gesehen werden können und dann gelöscht werden.
Und natürlich gab es einen Spielverderber, der dann halt mal einen screenshot gemacht hat (das nur à propos Datensicherheit in der IT).

 Snapchat, Inc. Gemeinfrei - https://twitter.com/Snapchat

Snapchat, Inc. gemeinfrei https://twitter.com/Snapchat

Mittlerweile ist Snapchat auch bei mir angekommen. Ich bin sehr angetan und nutze es immer häufiger. Überwiegend in einem Kreis von Menschen, mit denen ich mich besonders gut verstehe.

Und habe so richtig Spaß und Freude dabei. So mein Urteil:
Snapchat ist ein revolutionärer Stein im großen und bunten Mosaik der Evolution von social-media.
Ich begründe es mal mit einer Reihe von Überlegungen zu verschiedenen Dimensionen des Produkts:

Das Logo:

Schon beim Logo zeichnet sich Snapchat aus. Ganz einfach und leuchtend gelb. Fällt angenehm auf und suggeriert schon die Anonymität.

Benutzeroberfläche:
Snapchat ist so verblüffend einfach, dass der von komplexer IT verbildete und verdorbene Nutzer (so wie ich einer bin) am Anfang überhaupt nicht damit zurecht kommt. Erst nach einiger Zeit macht es dann richtig Spaß mit Snapchat zu spielen – und plötzlich erkennt man, wie schlecht die Oberfläche fast aller sonstiger Apps ist.

Nutzerkommunikation:
So wohltuend habe ich selten den Dialog beim Erstkontakt mit so einer Internet-Instanz erlebt:
Allein die Versicherung bei der Bestätigung der Identitäts-E-Mail, dass ich bestimmt keine weitere E-Mail von snapshot bekommen werde, hat mich gefreut. Und die Hilfe (die es aufgrund der Einfachheit des Werkzeuge nur die verbildeten Nutzer brauchen) ist situativ wie es auch das einfach Einführungsvideo genial ist. Das sollte man sich wirklich anschauen, bevor man startet. Habe ich natürlich nicht gemacht, denn im Erraten von komplizierten Benutzer-Paradigmen bin ich wirklich gut … Nur beim Einfachen hat es dann ausgehakt.

Ausrichtung:
Hier ist die Botschaft ganz klar – dem Video gehört die Zukunft. So ist das zentrale Medium in Snapchat das Video. Und Snapchat so eine Art von asynchroner Bild-Telephonie. Natürlich mit bewegten Bildern. Das erscheint mir wichtig.


Einschub
Die jungen Leute (13 – 18 Jahre), die über Smartphones und Tablets verfügen, telefonieren nicht mehr. Sie machen in Bildtelephonie. Weil das viel schöner ist, denn man sieht den Partner mit seiner Mimik und Gestik. Deshalb müssen die Kids auch immer im Internet sein.  Die Welt ändert sich.

Wenn ich meinen älteren Partnern (von 20 – 50) vorschlage, lieber FaceTime, Hangout, Skype oder notfalls auch die Tools von Citrix oder Cisco und nicht das Telefon für eine Besprechung mit mir über eine größere Distanz (sei es von Haidhausen nach Neubiberg oder auch von Tokyo nach München) zu nutzen, dann ernte ich oft Verwunderung. Und ich bekomme häufig die Antwort:
Lass uns lieber telefonieren, das andere bin ich nicht so gewöhnt.

Die Manager des Wirtschaftswunders haben nie geschrieben. Sie hatten immer mindestens eine Assistentin, der sie ihre Korrespondenz diktiert haben. Die konnten dank Stenografie dem gesprochenen Wort gut folgen (mit einer dreistelligen Anzahl von Silben pro Minute bei der Aufnahme der Texte) und auf der Schreibmaschine ganz schnell schreiben (dreistellige Anzahl von Anschlägen pro Minute bei der Wiedergabe dann auf Papier).

Vor allem aber kannten sie ihren Chef – und sie haben ihn beim Diktat „live“ erlebt. So wussten sie, was er wollte und haben dann die Briefe immer in seinem Sinn „verbessert“. Erst unsere Generation hat dann alles gleich selber geschrieben – und unheimlich viel Zeit damit kaputt gemacht. Und wahrscheinlich vieles unteroptimal formuliert, zumindest schlechter als früher ihre Schreibdamen. Dann kamen die Diktiergeräte und schließlich die Computer, auf denen der Manager selbst schreiben musste.

Früher habe ich mich gehemmt gefühlt beim Sprechen aufs Bildtelefon. Aber das ist alles nur eine Frage der Übung. Telefonieren habe ich schon früh gut ein geübt. Aber bevor es die Handies gab, hatte ich auch ein Problem auf den Anruf-Beantworter zu sprechen. Mittlerweile spreche ich lieber ins Bildtelefon als dass ich schreibe. Weil Zweiteres eben viel schwieriger ist. Und auch noch länger dauert. Obwohl ich auch „blind“ und mit zehn Fingern schreiben kann.

So scheint mir, dass das im Internet immer mehr die Schrift durch das Video ablöst wird. So wie Kopfrechnen vom Taschenrechner ausradiert wurde. Ob wir das wollen oder nicht spielt keine Rolle. Wir müssen solche evolutionäre Prozesse einfach hinnehmen. Die Dinge kommen und gehen – so wie Menschen geboren werden um zu  leben und dann zu sterben.


Die Vergänglichkeit der Infos:
Die Datenschützer müssten spätestens seit Snapchat Angst kriegen, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Dafür muss der Nutzer weniger Angst haben vor Copyright-Verletzungen, wenn z.B. im Hintergrund ein Beatles-Lied läuft. Und wenn man mal ein wenig mehr den eigenen Emotionen freien Lauf lässt oder mal ein paar fremde Personen im Bild hat, braucht es auch keine schlaflosen Nächte.

Auch damit, dass Facebook & Co ihr Geschäft mit Daten und Algorithmen verdienen, wäre Schluss. Wenn dem überhaupt so ist. Denn Aussprüche, wie dass „Daten der Rohstoff der Zukunft sind“ sind eh Blödsinn. Man tausche in diesem Satz nur mal das Wort „Rohstoff“ gegen „Erdöl“ oder „Nahrungsmittel“ aus! Daten kann man eben so wenig fressen wie Geld, und im Tank des Porsches helfen sie auch nichts.

Ich kenne auch mehrere Cracks (richtig gute Leute) im „Big Data-Geschäfts“- die gelernt und mir klar gemacht haben, dass BigData eben keine Maschine ist, in der man „vorne Daten rein schüttet und hinten die Dollars raus kommen“. Im Gegenteil – in der Regel waren in der Praxis die verwertbaren Ergebnisse von BigData bisher immer sehr enttäuschend.

Veränderung:
Geo-Filter werden in Zukunft vor Hashtags gehen! Auch das ist ein Prinzip von snapchat, das richtungsweisend sein könnte. Geht doch die Entwicklung allgemein immer mehr in Richtung Regionalisierung und weg von zentralem oder gar zentralistischem Denken. Wir wollen doch eine Welt von Regionen auf Augenhöhe. Und wollen unsere Räume selber gestalten.
In social media haben wir immer prior in Hastags gedacht. Wie #pmcamp, #AktMobCmp, #tatort und die vielen Abkürzungen für Veranstaltungen aller Art wie #FCBBVB oder #32c3 … Nur – ich will doch wissen wer davon gerade in meinem Stadtviertel ist. Und erst dann kommt der #hashtag.

Geschäftsmodell:
Das Geschäftsmodell von Snapchat verstehe ich (noch?) nicht. Das mit der Werbung ist ja endlich. Und spätestens wenn eine Generation kommt, die immun gegen Werbung geworden ist, dann sieht es ganz schlecht aus. Snapchat soll angeblich mit Geo-Filtern sein Geld verdienen. Eine Lösung?

Ich könnte mir auch vorstellen, dass wenn mal ein Dienst so richtig gut ist und er seine Kunden süchtig gemacht hat, dass dann doch wieder Gebühren kommen. Vielleicht ist nur eine Frage der Zeit, dass die „alles ist umsonst“-Gesellschaft zu Ende geht. Und das Gute es dann wirklich wieder nur für echtes Geld gibt. Wenn es dann noch „echtes Geld“ gibt.

Gesellschaftliche Folgen:
Wir wollen doch im Jetzt und Heute leben. Den Moment erleben und wenn möglich genießen. Das ist auch einer der 5 Dinge, die man wissen sollte, bevor man stirbt. Siehe dazu meinem Artikel zum tollen Buch von John Izzo.

Snapchat ist immer noch ein wenig „besser“ als das wahre Leben. Ich kann mir die Botschaft meiner Partner noch ein zweites Mal anschauen – erst dann ist sie weg. Wie oft hätte ich im Leben einen gesprochenen Satz von mir wichtigen Menschen gerne nochmal gehört …

Aber ansonsten ist Snapchat social media so wie das echte Leben. Und kein Archiv für die Ewigkeit. Das vielleicht bald keiner mehr will.

Einsatzmöglichkeiten:
Mir sind da auf Anhieb da eine Reihe von Möglichkeiten eingefallen, wie ich Snapchat nutzbringend einsetzen könnte.

* Zum engen Dialog mit lieben Freunden.
Mit Freunden kann man sich wirklich optimal auf Snapchat austauschen:

  • Einfacher geht es nicht.
  • Empathie, Anteil nehmen und geben.
  • Ein Video sagt mehr als 1.000 Worte

* Für subtiles aber mächtiges Marketing
Ein gute Beispiel liefern wieder die Amis und die Sport-Millionäre der Moderne:

  • Nasa
    Ein Beispiel einer Institution, die über Snapchat exzellentes Marketing für ihre Produkte und Visionen macht.
  • Fußballstars äußern nach dem Pokalfinale ihre Emotionen noch in der Kabine auf Snapchat.
    Wenn jemand viele Millionen im Jahr verdienen will, dann muss er natürlich nicht nur gut Fußball spielen können, sondern auch weitere Fähigkeiten haben, wie z.B. Meister im sich selbst vermarkten sein. Wahrscheinlich machen die Kollegen da auf dem Rasen da etwas besser als wir …

* Als unterstützendes Internetwerkzeug für Barcamps
Könnte gut sein, dass hier Twitter von Snatchap abgelöst wird.

  • Wir haben früher Twitter genutzt.
  • Snatchap könnte da noch eins darauf geben.

* Um wichtige Botschaften zu senden.
Da sehe ich ganz viele gute Gründe für Snapchat.

  • Snapchat könnte die Plattform für unser Projekt „FRIEDEN“ werden! Weil:
  • Wir wollen die jungen Menschen erreichen und
  • Wir müssen „vernünftige Argumente“ und Emotionen transportieren!

Soweit meine Reflektionen zu Snapchat und social media.

Aber Snapchat ist nicht das Ende der Evolution von social media. Es wird auch hier immer wieder etwas Neues mit neuen Qualitäten und Möglichkeiten geben. Ich bin schon gespannt, was als Nächstes kommt.

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 10. November 2015

„Unrechtmäßiger Wohlstand“ und „Besitzstandwahrung“ …

… die beiden unglückseligen Geschwister!

sinaSina Trinkwalder hat am 8. November in Facebook folgendes geschrieben.

Man muss sich einfach mal hinsetzen und realisieren: Dass, was derzeit in Deutschland geschieht, ist nicht „wie 1933“.

Damals gingen die Menschen einem Rattenfänger hinterher, weil Massenarbeitslosigkeit herrschte. Sie gingen auf die Straße, in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Heute gehen die Menschen Rattenfängern hinterher, obwohl offiziell bei 2,6 Mio gemeldeten Erwerbslosen Vollbeschäftigung herrscht. Sie gehen auf die Straße, aus Angst, sie müssten einen Krümel ihres unrechtmäßigen Wohlstands abgeben.

Das ist der Unterschied. Beides ist nachvollziehbar. Beides zu verurteilen. Und gegen beides muss sich eine soziale Gemeinschaft stellen.

Ich konnte es nicht lassen und habe kommentiert:

Mir gefällt der Begriff des „unrechtmäßigen Wohlstands“ sehr gut. Und es wäre gut, wenn wir diesen durch schrittweises Reduzieren unserer „Wohlstandsreserve“ endlich korrigieren würden. Für mich ist das „Autofahren“ übrigens eine gute Metapher für unsinniges Wohlstandsverhalten. Da könnte man mit dem Verzicht gut anfangen … siehe auch #aktmobcmp.org

Darauf bekam ich folgende Antwort:

Verstehe ich das richtig: wer als Autobauer arbeitet, ist dann ein „unrechtmäßiger Wohlstandsprofiteur“?

Wieder konnte ich es nicht lassen und habe ein wenig polemisch geantwortet:

Der Schluss „wer als Autobauer …“ ist natürlich so gesehen logisch/dialektisch mehrfach falsch. Für mich ist jeder der sich mehr von der Welt nimmt als ihm zusteht, ein „unrechtsmäßiger Wohlstandsprofiteur“. Und ich fürchte, da gehören wir alle dazu, die hier so klug schreiben. Betreff Auto: Ich meine schon, dass man sein Können, seine Kreativität wie auch seine Intelligenz heute für wichtigere Themen als für das Bauen von Autos einsetzen sollte. Immerhin töten Autos weltweit mehr als 1,3 Millionen Menschen und zum Beispiel in Bayern generiert der motorisierte individuelle Verkehr (die Autos) mehr Kohlendioxid pro Kopf der Bevölkerung als nur zur Bewahrung des aktuellen Zustandes zulässig wäre.

Aber in der Tat meine ich, dass der von Sina in die Diskussion eingebrachte Begriff vom „unrechtmäßigen Wohlstand“ eine Schlüsselbedeutung hat. Den habe ich bisher noch nie so verwendet, er hat mir einen „Stich“ gegeben.

Ich meine, dass man ihn erweitern sollte zu einem „unrechtmäßigen Kollektiv-Wohlstand“. Und sich immer wieder in Erinnerung rufen muss, dass letzten Endes unserem Handeln wesentlich das Ziel die „Wahrung unseres Besitzstands“ und die „Beibehaltung oft unsinniger (und manchmal schädlicher) Gewohnheiten“ zu Grunde liegt.

Wenn wir aber so weiter machen, werden wir aber wahrscheinlich in ganz wenigen Generationen eine mir lebenswerte Welt verlieren. Und das gefällt mir nicht, weil ich mich irgendwie als Teil eines ganzen – auch in der zeitlichen Dimension – sehe.  Könnte übrigens gut sein, dass wir unsere schöne Welt schon verloren haben …

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 13. Oktober 2015

Weicht die Gesetzes- und Urteilsflut den Rechtsstaat auf?

Laufend rollen neue Gesetze auf uns zu. Von der EU, vom Bund, vom Land. Sie sind zur Flut geworden. Viele davon erscheinen unsinnig. Oft kann man nicht erkennen, was sie eigentlich bewirken sollen oder wieso man sie gemacht hat. Und auch nicht, warum man sie befolgen sollte.

Gleichzeitig fällen Gerichtshöfe Urteile. Wie vor einer Wocher zu safe harbor. Das tat zwar irgendwie gut, bringt aber nichts. Denn es ist einfach nicht praktikabel.

Und auch schon wieder fast vergessen, obwohl der große Sturm dazu eben gar nicht lang her ist. So bin ich sicher, dass schon bald kein Hahn mehr nach dem „Safe Harbor-Urteil“ krähen wird. Wozu auch? Wetten dass?

So könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Menschen hierzulande Gesetze immer weniger ernst nehmen werden und es so mit dem Rechtsstaat zu Ende gehen könnte. Und dass das eine große Gefahr für unsere Demokratie wäre.

Diese Sorge teile ich nicht. Meine Wahrnehmung ist schon, dass Recht und Gesetze nicht mehr so ernst genommen werden, wie früher. Aber ich habe den Eindruck, dass gilt nur für die von den vielen Administrationen geregelte.

Ich nenne das mal die „extrinsische Moral“, die von außen vorgegeben wird. Und die wird immer absurder, so dass man sie gar nicht mehr ernst nehmen kann.

Dafür scheint mir, dass sich eine Form von „intrinsische Moral“ entwickelt. Immer mehr entdecke ich einen mehrheitlichen Konsens, was man tut und was man nicht tut, der mir sympathisch ist.

Und die kommt aus den Menschen heraus, unabhängig von dem Unsinn, den die legislativen und judikativen Fließbänder der EU, ihrer Staaten und Länder über uns aus schütten.

Den warnenden Hinweis, dass der Rückzug von „extrinsischer Moral“ den Rechtsstaat aushöhlen könnte, teile ich nicht. Könnte doch die „intrinsische Moral“ fürs Überleben nützlicher sein als die „extrinsische“.

Denn wie oft sind Rechtsstaaten umgekippt und zu Unrechtsstaaten geworden, die aber sehr wohl auf „Recht“ aufgebaut waren. So wie auch das dritte Reich Gesetze erließ und Gerichte installierte, die diese brutal durchgesetzt haben. Und dieses unheilvolle System insofern eigentlich ja ein Rechtsstaat war, der freilich auf Prämissen aufgebaut war, die mich schauern lassen.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 5. Oktober 2015

Ein Treffen für unsere Zukunft.

Ist das nicht toll?

So schön können es nur die Kollegen von Visual Braindump
Christian Botta und Daniel Reinold
auf den „graphischen“ Punkt bringen, unser

Zum Vergrößern aufs Bild klicken.

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Wir versprechen:

AktMobCmp wird ein wunderbares Barcamp an einem ziemlich konkurrenzlosen Termin werden! Wir werden zwei besondere Tage in einem schönen Kreis am 4./5. Januar 2016 in Unterhaching erleben.

Die „Aktive Mobilität im Alltag“ ist die dritte Säule der Mobilität neben dem individuell motorisierten und dem öffentlichen Verkehr. Leider wird sie in Gesellschaft und Politik oft nur als Restverkehr verstanden.

Das tut uns weh und das müssen wir ändern. Denn wir müssen unsere Mobilität in den Griff kriegen, um unsere Zukunft zu bewahren!

Einen ganz großen Dank an Christian und Daniel für ihr großartige Unterstützung!

RMD
(Im Namen des Teams vom AktMobCmp)

P.S.
Hier zwei Links zu Artikel in IF-Blog zu AktMob und AktMobCmp. Und weil das Thema so wichtig ist, bitte ich um eifriges Teilen und Retweeten!

Roland Dürre
Sonntag, der 4. Oktober 2015

Ich bin kein Held.

Nach meiner „Wutrede“ stellt sich die Frage:
Was ist eigentlich mein Beitrag?

Die Krypta des Freisinger Doms

Die Krypta des Freisinger Doms

Für mich ist die Philosophie so etwas wie die Lehre vom Leben. Seneca hat schon vor langer Zeit zu seinen Schülern gesprochen:

Die Philosophie lehrt handeln, nicht reden.

So sollte auch der Wutredner prüfen, ob er nur redet oder schon handelt. Und ich gestehe, ich bin nicht zufrieden mit mir.

Zwar versuche ich die von mir kritisierten gesellschaftlichen Normen und eingefahrenen Muster zu verlassen. Und wenn möglich aktiv Veränderung anzustoßen. Aber reicht das aus?

Merke ich doch nur zu oft, wie ich in meiner Bürgerlichkeit gefangen bin. Meine Dompteure waren unter anderem meine Eltern und Lehrer. Diverse Systemagenten wollten mich nach ihren Vorstellungen  ausrichten und mir sagen, wo es lang geht. Moralismen und eine extrem kapitalistische Konsumgesellschaft wirken sowieso täglich massiv auf mich ein.

Trotzdem hoffe ich, zu denen zu gehören, die unser „dressiertes Leben“ eben nicht für unabwendbar halten. Zumindest habe ich in meinem Leben immer wieder versucht, den Zügeln besagter Dompteure zu entkommen. Und fühle mich schon ein wenig besser. Aber ich mache zu wenig. Gut, ich fahre nicht mehr Auto. Aber das ist eigentlich schon fast egoistisch zu nennen. Bin ich doch plötzlich viel mobiler und freier als je zuvor. Und mein Leben ist durch diese Veränderung und (vermeintlichen) Verzicht schöner geworden. Das hilft schon beim Umdenken.

Wenn ich meine Generation so sehe, dann bin ich entsetzt, wie viele meiner Weggefährten ihr Leben lang in nicht nur emotionalen Gefängnissen eingesperrt waren. Ich kenne Menschen, die in ihrem Leben jeden Quatsch, den man ihnen verzählt hat, brav geglaubt haben. Die aus Bequemlichkeit scheibchenweise ihre Autonomie aufgegeben haben.

Andere sind kein einziges Mal in ihrem Leben an Biforkationspunkten einem Motto wie „love it, change it or leave it“ gefolgt. Sie sind dann folgerichtig immer kleiner gemacht geworden. Trotzdem nehmen sie sich heute wichtig bis zum geht nicht mehr, leben von ihrem Status und ersticken in ihrer Angst. Das Bangen um ihren Besitzstand bestimmt ihr Leben und lässt sie inhuman werden. Dass auch sie nur sterbliche Wesen scheinen sie vergessen zu haben.

Ich habe keine Lust mehr, dem Schwachsinn dieser Gesellschaft zu folgen. Und will die nächsten Jahre mehr handeln. Dabei habe ich mich auf die Suche nach Vorbildern begeben. Eines habe ich gefunden, es ist Carl Amery. Sein Leben und Werk beeindrucken mich. Ich glaube, er war so eine Art Held.

🙂 Leider bin ich noch kein Held. Aber es kann ja noch werden …

RMD

P.S.
Das von mir verwendete Bild ist aus Wikipedia. Mit ihm ist der Artikel zu Carl Amery (bürgerlich Christian Anton Mayer) illustriert. Es ist das Werk von Richard Huber.

Roland Dürre
Sonntag, der 24. Mai 2015

Die MonoRail von Mumbai.

11348857_10206989802848252_348583267_oIn der Straße vor der Anlage Dodha, dem Hochhaus, in dem ich zurzeit wohne, wird viel Beton für den Bau einer MonoRail-Trasse verbaut. Über der engen Straße zwischen den vielen sehr unterschiedlichen Häusern windet sich ein zweifacher Betonstrang dahin, der der Einschienenbahn Mumbais den Weg über und durch die Stadt bereiten soll.

Wie sonst nur der „Fly over“, die wohl wichtigste Hochstraße von Mumbai, die dann zum Teil auch aufs Meer ausweicht und so die Stadtviertel und ihre Hochhäuser verbindet. Den Hochhäusern, die wie ich schon geschrieben habe man unter anderem in die drei Klassen „schon fertig“, „noch in Bau“, „nicht fertig und nicht mehr in Bau“ einteilen kann. Für die man aber auch spannende andere Kategorien erfinden könnte.

Irgendwo in Mumbai fährt die MonoRail schon, als Verbindung zu einer noch nicht fertigen Zukunftsstadt. Dort ist sie zum Touristenspaß geworden. Eine echte Attraktion wie die Magnetschienenbahn in Shanghai zum Flughafen ist sie aber nicht.

20150523_111953_resized_2Die MonoRail scheint mir als ein Prestige-Objekt von Mumbai. Verkehrsmäßig wird sie nicht viel bringen. Aber so eine MonoRail ist schon etwas außergewöhnliches und soll den Ruhm Mumbais als moderne Stadt mehren. Außerdem wird das Projekt bewirken, dass ein paar Reiche noch reicher werden. Ein paar – das heißt in Indien immer ein paar mehr. Und wenn so ein Großprojekt privaten Reichtum mehrt, dann ist das schon eine Rechtfertigung.

Vor kurzem kam eine neue Regierung an die Macht. Sie ist eher rechts-populistisch. Anstatt offensichtliche Probleme anzugehen, hat sie zuerst mal den Verzehr von Rindfleisch verboten und mit maximaler Bestrafung belegt. Und vor der Wahl versprochen, die vielen alten Metro-Züge mit den offenen Türen und Fenstern zu klimatisieren. Weil AC (air condition) immer gut ankommt. Ein wohl völlig aussichtsloses Vorhaben.

In einem anderen Bundesstaat soll eine Identitätskarte für jede Kuh eingeführt werden. Um für sie ein glückliches Leben sicher zu stellen. Obwohl Indien einer der größten wenn nicht gar der größte Rindfleisch-Exporteur der Welt ist. Es scheint aber zu sein, dass solche Maßnahmen sich gegen die Moslems richten, die angeblich in der indischen Rindfleisch-Industrie das Sagen haben.

20150523_072952_resizedFrauen scheinen mir in Indien immer noch eigenartig behandelt zu werden. Nicht immer so ganz auf Augenhöhe, mit einem leichten Hintergrundtenor als Menschen zweiter Klasse. Sexualität wird aus dem öffentlichen Leben eher ausgeblendet, es scheint irgendwie eine sehr prüde Gesellschaft zu sein.

Und dies führt offensichtlich zu Spannungen zumindest bei dem männlichen Teil der Gesellschaft. Damit die nicht zu schlimm eskalieren, gibt es in der oft überfüllten Metro eigene Abteile, die ausschließlich Frauen vorbehalten sind. So wie es Abteile gibt, die nur von „disabled persons“ und Krebskranken genutzt werden dürfen, gut zu erkennen am Symbol für „cancer“, einem großen Krebs und am Zeichen für Behinderte, wie wir es auch kennen.

20150523_072839_resizedWir allerdings als West-Menschen fahren meistens mit dem Auto (einem weißen Toyota mit sechs Sitzen) und verbringen so (zu-)viel Zeit auf den Straßen Mumbais. Geht irgendwie nicht anders. Die Fahrten dauern auch bei kurzen Strecken ganz schön lange, weil immer Stau ist. Die allgegenwärtige AC macht es erträglich.

Unser Fahrer fährt für eine Firma, die eine Teilfirma von einer Teilfirma einer ganz großen Firma ist. Die fahren auch für westliche Firmen. Früher hatten diese Unternehmen eigene Autos und angestellte Fahrer. Das war aber zu teuer – obwohl es objektiv spottbillig war. Und dann wurde halt gespart und „outgesourct.“.

Jetzt wird die Kombination Fahrer/Fahrzeug als Full-Service von riesigen Unternehmen mit vielen verschiedene Lieferanten geliefert. Die einen liefern die Autos, die anderen die Fahrer und wieder andere den Service. Die Fahrer bekommen so weniger Geld, die Kunden sind unzufriedener, aber die Unternehmen verdienen sich eine goldene Nase. Wie überhaupt jeder Service, immer von riesigen Dienstleistungsunternehmen erbracht zu werden scheint.

20150523_072924_resizedDie ausländischen Unternehmen bauen in Indien vorzugsweise Produkte, die wahrscheinlich bald keiner mehr brauchen wird wie z.B. Turbinen für Dampfkraft. Die sind dann für Kohlekraftwerke bestimmt. Auch eher nicht die Highend-Produkte. Wer will schon z.B. eine Dampf-Turbine aus Indien für sein Atomkraftwerk haben?

Schon im Mai hat es hier über 40 Grad auch in den Bürogebäuden, wo die Ingenieure arbeiten und das Qualitäts-Management und ähnliches stattfindet. Dort gibt es Propeller an der Decke aber keine Klimaanlagen. Denn Strom ist teuer in Indien. Kein Wunder, dass die Auftraggeber nicht immer zufrieden sind, wie die Projekte abgewickelt werden.

Der Vertreter des Staates sind freundlich und hilfsbereit, wie die meisten Menschen, die ich getroffen habe. Die Korruption soll aber unglaubliche Ausmaße haben, ohne kleine oder größere Zuwendungen geht angeblich nichts.

Der Reichtum einzelner Familien ist unglaublich. Die richtig Reichen können sich alles leisten, die hohe Importsteuer auf Luxusartikel spielt überhaupt keine Rolle. Da steht dann in der Tiefgarage die Sammlung von neuesten Fahrzeugen uns gut bekannten Marken neben ein paar auch wie neu aussehender Oldtimern. Die Reichen wohnen in „fenced communities“. Dort in den Tiefgaragen sieht man ganze Trupps von Menschen, die ihre Nobelkarossen nach jeder Ausfahrt polieren. Ich habe selten so viel auf Hochglanz poliertes Autoblech und blitzendes Chrom gesehen wie in den paar Tagen in Indien.

Die Armen werden immer mehr. Sie leben auf Straßen, die in meiner Wahrnehmung noch schmutziger geworden sind. Dort hausen Menschen in kaum beschreibbaren Umständen. Wenn in zwei Wochen der Monsum kommt, wird ihr zu Hause immer wieder unter Wasser stehen.

In den in der Regel selbst verwalteten Slums lebt es sich deutlich besser. Aber es ist gar nicht so einfach, da Einlass zu bekommen. Besonders wenn man gar nichts hat.

An den Kreuzungen der lauten Straßen wird gebettelt. Frauen und Kinder sind dabei wie Alte und Krüppel. Manche Frauen tragen beim Betteln am Körper im Wickeltuch einen Säugling oder ein Kleinkind. Die dösen seltsamerweise immer vor sich hin. Ich habe so ein Kind nie schreien gehört oder weinen gesehen. Mir wurde berichtet, dass die Babies zum Betteln durch Medikamente ruhig gestellt werden.

Ganz Mumbai hat einen unangenehmen Geruch, man könnte sagen, es stinkt. Das merkt man nicht nur, wenn man den Flieger verlässt. Die Vermüllung und Verschmutzung scheint jedes Jahr zuzunehmen. Und es ist laut in Mumbai.

Der Geruch der Stadt bleibt im 29. Stockwerkes des Hochhauses ein wenig draußen, der hohe Geräuschpegel der Stadt trotz einer Art „Schallschutzfenster“ aber nicht. Auf den Autos steht die Aufforderung „Horn me“ – und so hört es sich an.

Aus dem allgemeinen Lärm am Tag wie in der Nacht stechen dann zwischen durch die schrillen Trompeten der Eisenbahnen und das laute Gebrumme von Hubschraubern heraus. Die fahren und fliegen am Tag wie in Nacht. Der Lärm der Züge kommt von unten, der der Hubschrauber von allen Seiten, wenn sie über die Hochhäuser oder zwischen durch fliegen. Und von oben kommt dann der Fluglärm dazu. Das alles reißt mich im heißen Mumbai immer wieder nachts aus dem Schlaf.

Manche Entwicklungen kommen mir von Zuhause bekannt vor. Nicht so krass wie hier. Aber da gibt es mittlerweile auch Ausschreibungen im öffentlichen Nahverkehr, die die Bereitstellung der Fahrzeuge und des Personals trennen. Gerade als Radler fällt einem auf, dass der Plastikmüll entlang unseren Straßen laufend mehr wird. So wie auch immer mehr sinnlose Prestigeprojekte erkenne und einen Hang zum Gigantismus unserer Administration. Sinnlose Gesetze und unfähige Politiker kenne ich von Deutschland auch. Und das Auseinanderdriften der Gesellschaft ist uns ja auch nicht unbekannt.

Wir scheinen von Indien zu „lernen“. Diese Art von mir nicht so gefälligen „Fortschritt“ und „Wachstum“ findet aber nach meinem Erleben überall auf der Welt statt, in Indien wie in Kuba, ich China wie in USA, in Italien wie in Portugal … Und eben auch in Deutschland.

Glücklicherweise ist bei uns noch nicht die Dimension erreicht worden, wie ich sie in Mumbai erlebe. Der Trend scheint aber ähnlich zu sein. Die Frage ist, schaffen wir bei uns den Turnaround? In Indien wüsste ich nicht mehr, wie das noch gehen sollte.

Bei meinem letzten Besuch vor einem Ende 2013 habe ich für einen EURO noch gut 80 Rupie bekommen. Aktuell sind es noch 70. Ich stelle mir die Frage, wie viel Rupie ich dann Ende 2016 für einen EURO bekommen werde? Vielleicht dann nur noch 60? Das Leben in Indien ist seit meinem letzten Besuch aber nicht billiger geworden.

Das macht mich nachdenklich. Vielleicht ist die indische Gesellschaft doch das Muster, dem die Zukunft – auch bei uns – gehört?

Und trotzdem!

Unsere Tage in Mumbai waren bisher sehr schön. Sicher hatten wir ein privilegiertes Leben. Über die beschriebenen Zustände habe ich mich geärgert. Weil Lärm, Gestank, im Stau im Auto sitzen und ähnliches sogar nicht die Welt ist, in der ich mich wohlfühle.

Es war aber eine gute Zeit mit sehr glücklichen Tagen. Es war schön gemeinsam mit Barbara, meinem Sohn und seiner Familie soviel teilen und erleben zu dürfen. Und ich durfte bei vielen einfachen und sicher armen Menschen auf den Straßen viele „Shiny Eyes“ sehen.  Auch das macht mich glücklich.

Wahrscheinlich ist es das Schlimme wie das Schöne am Mensch-Sein, dass wir so viel aushalten und ertragen können. Und absurder Weise können wir eher glücklich sein, wenn wir weniger haben. Oder ein wenig leiden müssen. Wenn es uns zu gut geht, dann verschwinden die „shiny eyes“. In den teueren Lokalen, Bars und am Swimming Pool sieht man sie oft nur noch bei den Kindern.

So sind die glücklichen Augen in Mumbai häufiger zu sehen als auf den Straßen Münchens. Eigentlich unfassbar. Aber das Gefühl hatte ich ja schon vor gut zwei Monaten auf meiner Radtour durch den Westen Kubas.

RMD

P.S.
Den Begriff der „Shiny Eyes“ habe ich von Nadja gelernt. Nadja möchte mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass es bei uns wieder „More Shiny Eyes“ gibt. Wie ich finde ein wunderschönes Vorhaben.

Roland Dürre
Montag, der 27. April 2015

Projekt & Produkt – #PMCampSTR

pmcampstrDas PM-Camp Stuttgart (Hashtag #PMCampSTR) findet vom 7. bis 9. Mai an der Hochschule der Medien in Stuttgart statt. Ich freue mich, dass ich dabei sein kann. Ticket und Fahrkarte sind gekauft und das Zimmer im Commundo ist reserviert.

Das Team, das diese Veranstaltung organisiert, hat als Überschrift fürs Camp „Projekt und Produkt“ gewählt. Das Stuttgarter Orgateam will sein PM-Camp so auch für Teilnehmer jenseits des klassischen Projekt Managements z.B. der IKT (Informations- und Kommunikationstechnologie) öffnen. So soll der Begriff „Produkt“ auch Ingenieure ansprechen, die anspruchsvolle Produkte bauen.

Was ist ein Projekt?

Ich zitiere aus Wikipedia:

Ein Projekt ist ein zielgerichtetes, einmaliges Vorhaben, das aus einem Satz von abgestimmten, gelenkten Tätigkeiten mit Anfangs- und Endtermin besteht und durchgeführt wird, um unter Berücksichtigung von Zwängen bezüglich Zeit, Ressourcen (zum Beispiel Geld bzw. Kosten, Produktions- und Arbeitsbedingungen, Personal) und Qualität ein Ziel zu erreichen.[1]

Diese wie ich meine veraltete Definition von „Projekt“ bedeutet folgendes:

  • Jedes Projekt hat einen Anfang (Projektstart).
  • Jedes Projekt hat ein Ende (Fertigstellungstermin).
  • Die gewünschten Ergebnisse sind als Projektziel festgelegt.
  • Alle einzusetzenden Ressourcen sind vorgegeben.
  • Das Projektziel muss termingerecht erreicht werden.
  • Die geplanten Ressourcen dürfen nicht überzogen werden.
  • Es gibt eine Planung, den Projekt-Plan.
  • Die Meilensteine der Planung sind einzuhalten.

Nach meiner Meinung dürfen sichProjekte nur dann „Projekt“ nennen, wenn sie Wesentliches verändern oder bewirken und wirklich etwas Innovatives oder Neues schaffen. Und schon sieht man, dass mit der Definition da irgendetwas nicht stimmen kann.

Trotz bester Planung erleben wir selbst bei einfachen Ingenieurs-Projekten massive Zielabweichungen mit oft unglaublicher Überschreitung der benötigten Ressourcen. Die Ursache dürfte sein, dass mittlerweile auch Aufgaben, die ziemlich simpel klingen, eine erstaunliche Komplexität in sich tragen.

Innovative Veränderung!

Noch schwieriger ist es, wenn es um Projekte geht, die kreativen Einfluss auf soziale Systeme aller Art und auf die sowieso stattfindende Evolution nehmen sollen. Die beschriebene „Projektdenke“ zwingt förmlich dazu, dem Motto folgend „Augen zu und mit voller Kraft durch“ zu handeln. Und dabei ist man nicht in der Lage, neue und bessere Erkenntnisse permanent in den weiteren Projektweg zu integrieren.

Sogar im Rückblick ist es schwierig, die kausalen Zusammenhänge von Maßnahmen und deren Wirkung (Nutzen?) zu bewerten. Wie soll das dann „im voraus“ gelingen? Innovative Veränderung kann man also nicht einfach so geradeaus durchplanen, sondern muss die Maßnahmen behutsam und agil mit der laufenden Entwicklung in Einklang bringen.

Projekte stehen also im Widerspruch zu Innovation. Innovation ist kreative Zerstörung. Dies mobilisiert dann auch noch zusätzlich die Gegner der Veränderung, besonders die von der Zerstörung betroffenen. Das erschwert es dann noch weiter.

Projekte als Teil von Veränderung?

So ist mir eine Definition von Projekt lieber, die ein Projekt als einen integrierten Teil von vielen eines kontinuierlichen Veränderungs- und Verbesserungsprozess beschreibt. Die gesteuerte Veränderung soll nützliche Ergebnisse bringen. Ist für mich doch jede wohl durchdachte Aktivität, die verändern und Entwicklungen beeinflussen will, ein Projekt, ganz gleich um es hier um konkrete „unfassbare“ oder abstrakte „virtuelle“ Ergebnisse geht.

Was ist ein Produkt?

Die Planung, Entwicklung, Herstellung eines Produkts ist wie seine Vermarktung, der Verkauf desselbigen, Support und Service das Ergebnis von vielen kleinen und größeren Projekten, die multidimensional vernetzt sind und so zusammen wirken. Ein Produkterfolg wird so immer auf einer Vielzahl kleiner und größerer Projekte, also einem mehrdimensionalen „Mega-Projekt“ beruhen. Stichworte mögen hier sein Vernetzung, Dynamik, Lernen, Versuchen, Verwerfen, Neumachen … Aber das gilt nicht nur für das physische Produkt sondern genauso für Dienstleistungen.

Kistenware oder Dienstleistung?

Ein Produkt kann also ein physischer Gegenstand – sprich eine „anfassbare“ Ware – sein, die von einer Organisation ingenieurmäßig entwickelt, in großer Serie produziert und so vielen Kunden „verkauft“ oder in kleiner Losgröße (n = 1) für ihn individuell und „on-demand“ hergestellt wird. Solche Produkte müssen in der Regel durch ein Support- und Serviceangebot ergänzt werden, um erfolgreich am Markt bestehen und „nachläufiges Geschäft“ ermöglichen zu können.

Ein Produkt kann aber auch eine Dienstleistung sein, die beim oder für den Kunden von Menschen erbracht wird, die gemeinsam mit ihrer Organisation eine besondere Qualifikation und „best practice“ erworben haben, welche das Ergebnis eines über Jahrzehnte statt gefundenen persönlichen wie kollektiven Lernprozess sind.

So könnte das Kreieren eines „physischen“ Produkts augenscheinlich mehr Projekte erfordern als eines „virtuellen“.

Der Unterschied für den Unternehmer.

Für den Unternehmer könnte es einen wesentlichen Unterschied machen, ob er ein „echtes“ Produkt-Unternehmen aufbaut oder ein Unternehmen, das als Produkt eine spezifizierte Dienstleistung anbietet.

Zum Beispiel sollte er beim „echten“ Produkt daran denken, dass das Feedback von den Kunden und vom Markt in der Regel viel später kommt als bei einer Dienstleistung. So werden hier oft langfristig hohe Investitionen in ein „echtes“ Produkt, dass sich dann am Markt erst bewähren muss. Insofern scheint ein solches Produkt im Erfolgsfall besser skalierbar zu sein als die Dienstleistung aber eben auch riskanter.

Bei der Dienstleistung dagegen wird ihn das Feedback wesentlich frühzeitiger erreichen, so dass er zeitnäher seine Schlüsse ziehen und gegensteuern kann.

PMCampSTR_Logo-150🙂 So richtig viel mehr fällt mir zu Produkt und Projekt jetzt nicht ein. Nur dass Projekte eigentlich die kleinen Module unseres Lebens sind. Jede bewusste Entscheidung für eine Handlung, die relevant verändert – sei es einen selber oder die Umwelt – ist irgendwie ein Projekt.

RMD