Klaus Hnilica
Donnerstag, der 11. April 2019

Der Tod des Kochs (Teil2) – Funkloch Hotel

Gott – wie oft hab ich mir gewünscht, dass ich mich nie auf diese unheilvolle Geschichte eingelassen hätte: was da durch mein Herumgestocher hochkam beziehungsweise unentdeckt blieb, machte mir den Verlust meines Freundes Sturmius noch unerträglicher…

Das fing schon mit diesem unmöglichen „Funkloch Hotel“ in den Buchenwäldern bei O.R. an. Kein halbwegs vernünftiger Mensch setzte in diese undurchdringliche Wildnis jemals seinen Fuß. Aber Charlotte Burns, diese dubiose, selbsternannte Reiseleiterin, musste natürlich ausgerechnet hier, in diesem hinterletzten Winkel der Welt, mit ihrem Minibus, vier weiteren Personen und einem Fahrer, eine Panne ‚produzieren‘! Und genau freitagnachmittags, auf dem Weg zum ‚Musikantenstadl’, der angeblich zum ersten Mal in der Stadt W. gastierte. Selbstredend mit den üblichen Verdächtigen, wie Andreas Gabalier, Andrea Berg, Roland Kaiser und wer weiß sonst noch alles.

Wie durch ein Wunder befand sich unweit des Pannenortes ein Hinweisschild, das auf ein 300m entferntes ‚Funkloch Hotel’‘ verwies, obwohl dieses, wie sich schnell herausstellte, schon seit Jahren außer Betrieb war, und in dem sich, außer einem schwerhörigen Rentner, der ab und an nach dem Rechten sah, niemand mehr aufhielt.

Nun ja – kaum zu glauben – aber ab und zu trieb sich da auch der bekannte Fernsehkoch Sturmius von Suppé herum, um, typisch für ihn den Sonderling, in dieser absoluten Einsamkeit spezielle Kochkreationen auszuprobieren, von denen keine Menschenseele etwas erfahren durfte.

Über diese sporadischen Aufenthalte war naturgemäß nur ein sehr kleiner exklusiver Personenkreis informiert, zu dem offensichtlich auch diese mysteriöse Charlotte Burns gehörte: anders war das rein zufällige Zusammentreffen dieser skurrilen Reisegruppe mit meinem Freund Sturmius nicht zu erklären.

Ich hatte bis dahin auch keine Ahnung, dass er diese Lokalität immer mal wieder für diverse abenteuerliche Aktionen aufsuchte.

Eine regionale Fernsehgesellschaft benützte diese ‚Lotterbude‘ wohl auch für diverse Gruselgeschichten und ‚Tatort‘-Einspielungen.

Trotzdem fand ich es mehr als seltsam, dass ausgerechnet dieser berühmte Fernsehkoch Sturmius von Suppé dorthin delegiert worden war, um für ein „Monstergelage zur mitternächtlichen Stunde an Halloween“ einen geeigneten „Monsterfraß“ zu kreieren. Je ekelhafter umso besser, war angeblich die Devise gewesen: es musste wirklich eine „schröckliche Fernsehüberraschung“ werden!

Sturmius von Suppé war, wie man mir erzählte, überhaupt nicht begeistert, so ein umfangreiches Kochexperiment, das sich über mehrere Tage hinziehen konnte , in dieser verrotteten Umgebung durchzuführen. Aber seine Beschwerden verpufften; immer wieder wurden strikte Geheimhaltungsgründe von den Verantwortlichen vorgeschoben!

Noch übler war aber wohl für ihn diese gestrandete Reisegruppe, die völlig überraschend und unerwartet spät abends in dieses ‚Funkloch Hotel‘ einfiel.

War das Zufall? Oder hatte wirklich diese impertinente Reiseleiterin Charlotte Burns ihre schmutzigen Fingerchen im Spiel?

Die Zusammensetzung dieser speziellen Reisegruppe war jedenfalls fast schon peinlich, denn neben der Alkoholikerin Raffaela von Suppé waren da noch eine arg verhuschte Musikjournalistin Dörte Hansemann, sowie die beiden „Hessisch Babbler“, Ernie und Bert Hesselbach.

Und alle schienen plötzlich, wie auf Knopfdruck, das Ekelpaket Sturmius zu hassen. Waren sich aber untereinander auch nicht grün: So belauerte das lesbische Paar Charlotte und Raffaela die nervige Heulsuse Dörte, die nach einer angeblichen Übergriffigkeit von Sturmius im Keller des Funkloch Hotels gestand, mit ihm eine fünfzehnjährige Tochter zu haben, und Bert Hesselbach war, wie es schien, von Sturmius um die Rechte seiner phänomenalen ‚Noggi–Würze‘ betrogen worden. Angeblich war da viel Geld im Spiel?

Kein Wunder, dass unter diesen Umständen niemand mehr an Nachtruhe dachte, als Sturmius von Suppé auch noch des Kannibalismus verdächtigt wurde, weil er in seiner ‚Lotterküche‘ für sein ‚Monstergelage‘ offensichtlich bewusst provokant einen blutigen Frauenarm verarbeitete, den er vorher irgendwie aus Schweinefüßchen kochtechnisch ‚gebastelt‘ hatte.

Die Folge war ein ekelhafter Streit in der Hotelküche, in der Sturmius, statt weiter arbeiten zu können, erstmals von seiner unehelichen Tochter Katharina erfuhr, die er mit Dörte Hansemann haben sollte!

Zur wirklich dramatischen Aufgipfelung kam es aber, als die vollkommen unbedarfte Ernie Hesselbach, den von Sturmius angeforderten Pürierstab, der neben ihr an der Küchentheke hing, einfach in seinen Suppentopf steckte, in dem er mit beiden Händen Hühnergedärm für eine Gruselsuppe zerkleinerte. Und da das Gerät wohl wirklich arg defekt war, kam es in der Suppenbrühe zu einem Kurzschluss, begleitet von einem laut zischenden elektrischen Schlag, in dessen Folge Sturmius von Suppé tot umsank! Und tatsächlich mausetot war! Wie es in einem dieser Schmierblätter hieß.

Das hatte so wohl niemand gewollt!

Außer Charlotte Burns vielleicht, die schnellstens das Weite suchte, gefolgt von Bert Hesselbach mit seiner ahnungslosen, verstörten Frau Ernie.

Raffaela, die sich als Sturmiusens Schwester herausstellte, war wohl auch nicht unglücklich über den plötzlich Tod ihres verhassten Bruders, fand aber schnell Trost bei ihrer Schnapsflasche…

Und Dörte Hansemann, die in diesem Funkloch endlich Empfang hatte, konnte ihrer Tochter berichten, dass sie soeben durch Erbschaft sehr, sehr reich geworden sei!

Dörte Hansemann war es wohl auch gewesen, die die örtliche Polizei verständigt hatte, die überraschend schnell eintraf und offiziell den Tod von Sturmius von Suppé bekannt gab, sowie den Tatort für die anstehende Spurensicherung versiegelte. Dörte Hansemann und Raffaela von Suppé machten auch in der Nacht noch, unter Verzicht jedweden anwaltlichen Beistandes, ihre Aussagen.

Charlotte Burns und die Hesselbachs wurden zwei Tage später vernommen, ohne dass sich dadurch irgendeine geänderte Einschätzung dieses Unglücksfalles ergeben hätte!

Nach einem ersten ‚Stürmchen‘ im einschlägigen Blätterwald, das der Popularität meines Freundes geschuldet war, kehrte aber erstaunlich schnell wieder Ruhe ein. Sicher auch deswegen, da niemand der Beteiligten ein Interesse hatte nachzulegen.

Nur mir ließ die Sache keine Ruhe: Irgendwie sagte mir mein journalistisches Bauchgefühl, dass bei diesem angeblichen Unfall mehr dahinter steckte. Da ich aber keinerlei greifbare Beweise hatte, waren mir die Hände gebunden und ich mit meinen nächtlichen Alpträumen und Grübeleien vorläufig alleine…

K.H.

PS.
Hier noch ein Dankeschön an alle, die mir geholfen haben, wenigstens etwas Licht in das Dunkel rund um Sturmiusens Tod zu bringen: dies geht insbesondere an Christine Bruckmann, Gabi Nelges, Martina Tornow sowie Detlef Knoll. Irene Weingärtner verweigerte hingegen ein Gespräch.

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 4. April 2019

Der Tod des Kochs (Teil1) – Rückblende

Ein Arschloch, wie es im Buch steht!“, war immer die erste Reaktion, sobald die Rede auf Sturmius kam. Auch für mich war dieser Typ schwerste Kost – kaum zu genießen…

Doch zugegeben, er war ein begnadeter Koch!
Sein Name und seine Kochkünste waren über viele Jahre in aller Munde. Wenn Sturmius von Suppé donnerstags zur besten Sendezeit im Fernsehen kochte, überbot seine Einschaltquote spielend die Werte des sonntäglichen ‚Tatort – Krimis’.

Kein Vergewaltiger oder Kinderschänder konnte seinem Tafelspitz, geschweige denn Rehrücken, den Rang ablaufen. Kein Mörder mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als er mit seinem beißenden Wiener Schmäh, während er Entenbrüste zerteilte und Karotten glasierte.

Doch warum dieser Sturmius ausgerechnet mir gegenüber diese hündische Anhänglichkeit zeigte, habe ich nie richtig herausfinden können. Vielleicht weil ich auch anders war, aber doch nie so ausgegrenzt wurde wie er – der schon zu Schulzeiten permanent nach ‚Sellerie’ müffelte!

„Da kommt der Stinkersturmi! Sturmistinker, Stinkersturmi“, riefen sie ihm nach oder tuschelten sie sich grinsend zu, denn mit Stinkersturmi war nicht zu spaßen. Er hatte die Kräfte eines Grizzlys und fackelte nicht lange: bevor er brummte, langten seine Pranken schon hin – alles weitere erübrigte sich dann meistens.

Da ich eher von hühnerbrüstiger Statur war und außer einem schneidigen Mundwerk wenig zu bieten hatte, baute mich Sturmius ungefragt in seine ‚Sellerie-Aura’ ein und räumte mir jeden Übeltäter schneller aus dem Weg, als ich ‚Hühnerkacke’ sagen konnte.

Als Gegenleistung opferte ich mich und setzte mich Jahr für Jahr brav neben ihn. Wer sonst hätte neben diesem Widerling den Selleriegestank ertragen können?

Natürlich zog ich mir damit den Spott und die Wut der anderen zu, aber das war der Preis für seinen Schutz; ebenso die Hilfe, die ich dieser wandelnden Sellerieknolle bei Mathe und allem Physik– und Chemiekram zukommen ließ.

Gelegentlich kam ich sogar mit zu seinen unmöglichen, adeligen Eltern und seiner tranigen Schwester Raffaela, die zwar nicht nach Sellerie müffelte, dafür aber nach Schweiß. Und die finsteren holzgetäfelten Räumlichkeiten des herrschaftlichen Anwesens rochen übel nach abgestandenem Kohlgemüse, da man wegen der hohen Heizungskosten kaum lüftete.

Doch richtig nahe war ich diesem Sturmius von Suppé nie gekommen! Sicher lag das nicht nur an ihm – ich verkroch mich auch allzu gerne in meinen schützenden ‚Kokon’ und ließ niemand an mich heran: meine ‚warmen Sorgen’ hätte ohnehin niemand verstanden…

Sturmius vielleicht schon! Aber den hatte ich nach dem Abitur gänzlich aus den Augen verloren. Ich war jetzt selbst das Arschloch vom Dienst und hatte genug mit mir und aufdringlichen Schwanzlurchen zu tun. Täuschen und tarnen, das war das Gebot der Stunde: niemand durfte von meiner unsäglichen Neigung erfahren. Und irgendwie studieren musste ich ja auch noch.

Umso mehr war ich geplättet, als er, Sturmius, dann wie aus dem Nichts auf die Fernsehschirme der Nation klatschte und seine Gäste nicht nur kulinarisch umgarnte, wie seine Rinderrouladen, sondern ihnen mit beißendem Wiener Schmäh auch noch Tränen in die Augen trieb.

Plötzlich war da weder etwas von seiner verklemmten Maulfaulheit zu spüren, noch von seinem dümmlichen Hessischen Dialekt, mit dem er in jungen Jahren seine adeligen Kreise bis zur Weißglut provoziert hatte.

Und wie stark der aussah, dieser knusperbraune Sturmius: das ehemalige Schwabbelgesicht war markant geworden und kam durch die totale Glatze, die dunkle Hornbrille und den damals noch seltenen Dreitagebart richtig schmackhaft zur Geltung. Die lebhaften Augen und sein breites Grinsen – umwerfend charmant, wenn er wollte – kultivierte alles wie feinste Würze, die mich nicht nur erfreute, sondern mir auch voll auf den Magen schlug: ich musste erkennen, dass ihm – dem ewigen Arschloch – gelungen war, was ich nicht geschafft hatte, nämlich den ‚Kokon’ zu sprengen und von der unappetitlichen Raupe zum bunten Schmetterling zu mutieren! Doch – Sturmius hatte das geschafft…

Ich gebe zu, dass mich diese Erkenntnis vollkommen unvorbereitet traf und mir eine Art chronische Magenverstimmung bereitete, die mich anhaltend quälte! Als einziger Trost blieb mir die geschmacklose Hoffnung, dass er bei aller feinschmeckerischen Brillanz doch noch nach ‚Sellerie’ müffelte. Wenn nicht, was blieb dann übrig von meiner früheren Überlegenheit ihm gegenüber?

Nichts – gar nichts blieb übrig – wie ich bei unserem ersten Wiedersehen sofort spürte, als er mir flapsig zuflüsterte, mich nie vergessen zu haben! Was hätte es da noch zu grübeln und zu bedauern gegeben? Da war doch sofort klar, dass ab sofort ich, der selbstständige Journalist, dort zu tun hatte, wo dieser knusperbraune Sturmius brutzelte und kochte. Egal ob das Amsterdam, Brüssel, Berlin oder Wien war – ich war immer dabei!

So erfuhr ich auch rasch, dass Sturmius in Wien nicht nur bei Plachutta, Lamprecht und diversen anderen Restaurants kochen gelernt und als Koch gearbeitet hatte, sondern während dieser Zeit zehn Jahre mit einem Stadt bekannten Kabarettisten liiert war – der mit sehr viel Feingefühl den ‚neuen Sturmius’ aus ihm herausgekitzelt und den Grundstein für seine beispiellose Fernsehkarriere gelegt hatte.

Leider wandte sich dieser gute Geist schon bald nach ihrer Trennung gänzlich der Französischen Küche seines neuen Lovers zu und wollte von Sturmius’ Wiener Kochkünsten absolut nichts mehr wissen. Schade! Aber es war eine Frau gewesen, die dazwischen gefunkt hatte, doch Sturmius wollte partout nicht von ihr erzählen…

Tja – und in Berlin hatte Sturmius mich unlängst, wie in alten Zeiten, aus einer höchst unangenehmen Rangelei heraus geboxt, als wir die Nacht durchmachten und in einem Park an die falschen Typen geraten waren. Doch Sturmius hatte nichts verlernt. Im Gegenteil. Wortlos erledigte er die Angelegenheit. Hilfe benötigte er nur, als er darauf bestand, die drei angeschlagenen Bürschchen ordentlich wie frisch ausgebuddelte Zuckerrüben, auf der vom Morgentau benetzten Grünfläche abzulegen – exakt der Größe nach! Irgendwie war er pedantisch und sensibler geworden – dieser neue Sturmius von Suppé…

Umso brutaler und gnadenloser traf mich die Nachricht von seinem plötzlichen Tod!

Für mich unfassbar, wie es möglich war, dass diese bratende und backende Urgewalt nicht mehr weiter brutzeln sollte? Wer konnte diesem zähen Strunk derart zugesetzt haben? Der hatte doch stets die Anderen nass gemacht?

Oder war alles gar nicht wahr? Alles nur Küchenlatein? Hatte dieser grandiose Verwandlungskünstler uns alle ein weiteres Mal getäuscht? Vielleicht weil er seine Mission erfüllt sah und vor der lauernden Routine Schiss bekam? Oder wollte er die Welt aufs Neue überraschen? Mit einem Sturmius als Beilage, den es so noch nie gab? Zuzutrauen war ihm das…

Doch als ich dann endlich nach langen, trostlosen Wochen aus meinem Alkoholdelirium auftauchte und wieder zu mir gekommen war, und mir sämtliche Nachrichten über Sturmiusens Tod in der Presse und den sozialen Medien einverleibt, sowie etliche Gespräche in seinem ehemaligen Umfeld geführt hatte, glaubte ich plötzlich im Unterleib zu spüren, dass es da für einen investigativen Journalisten, wie mich, jede Menge aufzuklären gab und ich das meinem Freund schuldig war – soviel Zeit musste sein, wie er zu sagen pflegte, wenn einer seiner Schmorbraten vor sich hin köchelte…

Aber das ist eine andere, noch unglaublichere Geschichte!

KH

Hans Bonfigt
Samstag, der 5. Januar 2019

Die kleinen Freuden …

… machen den Mensch zum Menschen.

Denke ich manchmal.  Und als Nicht-Philosoph eröffnen sich mir  ja auch ganz ganz unzulässige Vergleiche.  Unsere drei Katzen kommen prima miteinander aus.  Sie spielen zusammen, wenn es einer nicht gutgeht, weil sie mit den messerscharfen Krallen einen Weihnachtskalender aufgeschlitzt und geplündert hat (Schokolade ist Gift für Katzen), dann kommen die beiden anderen und „waschen“ und betütteln sie.  Aber wehe, es ist Fütterung!   Da gönnt jeder dem anderen:  Genau NICHTS !

 

Am ersten Arbeitstag dieses Jahres besteige ich in Osnabrück einen Zug.  Es ist noch vor acht, gefrühstückt habe ich noch nicht.  Eine Dame kommt mit einem Tablett Kaffee durch den Gang.  Meine mir am Zweiertisch gegenübersitzende Nachbarin bestellt einen Kaffee, ich will desgleichen tun, gucke aber vorsichtshalber ins Portemonnaie.

Mist – nur noch ein Hunderteuroschein.   Die Dame kann nicht wechseln.

EC/Karte ?  Gern.  Aber:  Oh Mist:  Gültig bis 12/2018.  Frohes neues Jahr ?

Aber ich habe doch Hartgeld ?  Ja, reichlich Sibermünzen.  Leider ging die letzte Dienstfahrt nach Märstetten im Thurgau.  Es sind Schweizer Franken.

„Wissen Sie ‚was ?“, greift die mir gegenübersitzende Dame, die ich heute zum erstenmal sehe, in die Verhandlungen ein, „Ich lade Sie ‚mal ein.  Ohne Kaffee in den Tag  –  das geht doch nicht“.

 

Obwohl ich einen eher unerfreulichen Termin vor mir hatte, habe ich mich den ganzen Tag lang über diese Freundlichkeit gefreut.  Richtig gefreut.

 

Denn manchmal unterscheiden wir Menschen uns doch von den Tieren.

 

–hb

Roland Dürre
Dienstag, der 27. November 2018

Der CIO

Diesmal Unterstützung nur beim Reifen flicken.

Ich helfe immer gerne Menschen, die einen Job suchen. Dazu habe ich sogar eine kleine „Methode“ entwickelt, ich nenne sie „alternative Bewerbung“:

Gemeinsam entwickeln wir zusammen eine „alternative Bewernbung“. Das ist ein Text, in dem der Jobsuchende offensiv seine Stärken beschreibt und eine kleine Vision aufbereitet, welchen Mehrwert er mit seiner Arbeit fürs Ziel-Unternehmen mit Freude und Mut gerne bringen möchte und könnte. Das klingt einfach, verlangt aber einiges an Nach- und Neudenken und dazu eine kreative Öffnung des Bewerbers.

Sind wir damit fertig, dann nutzen wir die entwickelte Geschichte als Text für die „alternative Bewerbung“. Zusätzlich machen wir vielleicht noch ein kleines Video, in dem Bewerber seine persönliche Ausstrahlung rüberbringt – mit Link im Anschreiben – sozusagen an Stelle des üblichen Fahndungs-Fotos.

🙂 Das alles richten wir individuell auf den Ziel-Job und das anvisierte Unternehmen aus. Mein Gedanke ist, dass es einen Unternehmer am meisten interessiert, was der Bewerber seinem Unternehmen „Gutes tun“ könnte und ob und wie dieser mitdenkt.

Und tatsächlich, in der Regel führt der „alternative Lebenslauf“ dann zeitnah zu Einladungen zu Bewerbungsgesprächen. Die dann natürlich auch wieder gründlich vorbereitet werden müssen. Denn Erfolg kommt halt meistens nicht von nichts.

Oft haben die von mir betreuten Menschen einen wunderbaren klassischen Lebenslauf und in diesem sind dann viele Details auf die übliche klassische Art tabellarisch beschrieben. Da sind die Tätigkeiten und Rollen der letzten Jahre (20 !?) aufgelistet, gespickt mit Lehrgängen, Schulungsmaßnahmen und Zertifikaten. Gut und gewissenhaft gemacht.

Nur sind diese Bewerbungen nicht so erfolgreich. Es hagelt dann absagen, dies wiederum frustiert den armen Bewerber. Das leuchtet mir auch ein, denn wie will man so die eigenen Kompetenz (Wissen + Können) klar machen?

Der „klassische“ Lebenslauf interessiert halt oft niemanden. Deshalb kürzen wir ihn und nehmen in dann nur als Anlage, die belegt, dass es gute Gründe für das zuversichtliche Auftreten in der „alternativen Bewerbung“ gibt.

Oft muss ich den von seiner Erfolglosigkeit am Boden zerstörten Bewerber erst mal wieder aufrichten.

Unter meinen „Schützlingen“ waren auch Frauen, die – nachdem sie sich einige Jahre um die Kinder gekümmert hatten – wieder einsteigen wollten. Und ich muss sagen, wenn wir dann gemeinsam Erfolg haben, ist das Glück oft sehr groß. Und ich freue mich wahnsinnig mit.

Vor kurzem hat mich der Zufall mit einem „echten Hochkaräter“ zusammen gebracht. Der war Geschäftsführer bei einem guten mittelständischem IT-Unternehmen. Dort hatte er dort gekündigt. Der für mich absolut nachvollziehbare Grund war, dass die Eigentümer des Unternehmens dieses verkauft hatten und ihm die Politik und Ziele der neuen Herren aber auch so gar nicht zusagten.

Mutig wie er war hat er gekündigt, ohne einen neuen Job zu haben. Jetzt sucht er einen Job als CIO (Chief Information Officer) bei einem guten Mittelständler. Und wurde in meiner Wahrnehmung überrascht, dass das trotz bester formaler Qualifikation gar nicht so einfach war.

Mein Gesprächspartner war ein hochsympathischer Mensch im besten Mannesalter, der auch lauter vernünftige Dinge sagte. In vielen Dingen war er nahezu perfekt. Auch seine Lebensbilanz erschien mir als durchaus erfolgreich. Er hatte auch einen großartigen klassischen Lebenslauf.

Irgendwie gewann ich aber den Eindruck, dass er nicht nur bedruckt sondern auch nicht mehr so ganz auf dem Laufenden war. Besonders wenn es um das Internet ging und die vielleicht durch die Digitalisierung mit verursachte Zeitenwende. Sein eher negative und ziemlich einseitige Beurteilung zu Twitter, das er selber (natürlich) nicht nutzte, war für mich irgendwie bezeichnend.

Nach dem Gespräch habe ich ihn zu seinem Auto gebracht. Und innerlich darauf gewettet, was da für ein Auto stehen würde. Ich habe die Wette gewonnen – es war der größte SUV von Audi, den es wohl so in Europa gibt.

Ich hatte ihm angeboten, dass ich ihn bei seiner Bewerbung unterstützen und mich auch in meinem Netzwerk umsehen würde. Er müsse sich nur bei mir melden.

Das hat er nicht gemacht. Wahrscheinlich hat er es nicht für möglich gehalten, dass ein Radfahrer ihm helfen könnte.

Mir soll’s Recht sein, dann bleibt mir mehr Zeit für andere, die es vielleicht nötiger haben. Und vielleicht hatte ich dem „CIO“ das Buch von Otto Scharmer zur „Methode U“ schenken sollen?

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 18. Februar 2017

Abschied von einem guten Freund.

Nachruf auf Werner Lorbeer.

Am 25. April 2016 ist mein Freund Werner Lorbeer gestorben. Von seinem Tod habe ich leider erst nach der Trauerfeier am 2. Mai erfahren, so dass ich nicht dabei sein konnte. Das schmerzt mich immer noch. Ich werde Werner nie vergessen.

Seit fast einem Jahr habe ich versucht, mich auch in IF-Blog von Werner zu verabschieden. Ich habe es nicht geschafft. Meine Erinnerung an Werner ist immer noch ganz frisch.

In den letzten Jahren vor seinem Tod haben Werner, Josef und ich uns alle paar Monate in München getroffen. Da haben wir über „Gott und die Welt“ geredet. Aber vor allem über die Zukunft. Und was wir zu einem guten Ausgang wohl beisteuern könnten. Wir waren nicht mehr so jung aber immer noch voller Pläne und Ideen, es waren immer schöne Treffen in großer Gemeinsamkeit.

Werner (in der Mitte) mit mir und Josef beim Frühschoppen im Weißbräu im Tal (2012) – aufgenommen von einer der netten Bedienungen dort.

Werner war ein sehr lebensfroher Mensch, der viel Verantwortung übernommen hat. Er war viele Jahre krank, hat seiner Krankheit getrotzt und sich für vieles eingesetzt. Und auch regelmäßig für IF-Blog geschrieben. Das war ein großes Glück für mich. Hier findet Ihr alle seine Artikel.


Werner Lorbeer war wie ich Schüler am Jakob Fugger Gymnasium. Bald nach meinem Übertritt im Jahre 1960 ins Gymnasium habe mich mich für die Schachmannschaft der Schule gemeldet und ihn dort kennen gelernt. Er war ein wenig älter als ich und für acht Jahre in der Schule wie im Schach eine Klasse höher als ich.

Schon am Gymnasium spielte er eine wichtige Rolle und wurde so auch bald zum „Schulsprecher“, bei Lehrern und Schülern gleichermaßen beliebt und von allen unterstützt. In späteren Jahren haben wir auch in der „Brücke“, der Schülerzeitung des Jakob-Fugger, mit weiteren Freunden einiges angestellt.

Ich habe ihn damals – und das ist immer so geblieben – als wahrhaftig sympathische Persönlichkeit wahr genommen. Er war eine Lichtfigur, die in ganz besonderer Art und Weise immer vorbildlich und erstaunlich weise gehandelt hat. Sein Wertesystem, das mir immer sehr nahe war, hat er konsequent gelebt. Kurz: er war ein enorm kluger Kopf voller Empathie und verfügte über eine so große menschliche Ausstrahlung.

Ich habe erlebt, wir er seine Mitmenschen immer in einer vorbildlichen Art respektiert und wertgeschätzt hat. Für mich war er ein ruhender Pol, der immer viel Nachsicht für unsere Fehler hatte. Dies ganz im Gegensatz zu mir, ich habe mich selber als Hitzkopf empfunden, der vieles falsch gemacht hat.

Werner hat mir geholfen, meine Verzweiflung die ich in jungen Jahren nur zu oft hatte, zu überwinden. Ich glaube, dass er auch mein Freund war. Meine Beziehung zu ihm war auf jeden Fall voller Freundschaft, Liebe und Wärme. Ich habe Grund zu vermuten, dass die Beziehung symmetrisch war. Darüber bin ich sehr froh.

So habe ich das Bedürfnis, hier ein paar Gedanken zu Werner und unserer Freundschaft zu formulieren. Ich weiß nämlich nicht, was Freundschaft und Liebe so wirklich sind. Ab und zu meine ich es zu fühlen, aber verstehen kann ich es nicht. Wie ich auch nicht weiß, was so wirklich „der Sinn des Lebens“ ist? In unserer Jugend haben Werner und ich häufig über solche und ähnliche Fragen diskutiert. Ich hatte immer das Gefühl, dass Werner die Fragen verstanden hätte, an denen ich zu zerbrechen drohte. Seine Hilfe war für mich essentiell.

Eine Freundin hat mir mal geschrieben:
Ich definiere Freundschaft als etwas, was ein Mensch auf diesem Planeten mit seinen biologischen Randbedingungen (Schlafen, Tag-Nacht, Biorhythmus, Winter, Sommer, geistige Kapazität, …) nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung haben kann für zwanzigtausend Menschen (bei von mir gewünschter Intensität). Nicht mal für eintausend. 

Das ist für mich eine schöne Metapher für Freundschaft. Ich meine auch, dass man im Leben nicht beliebig viele Freunde haben kann. Und Freundschaft etwas Seltenes ist. Eine Antwort ist das für mich aber auch nicht. Liebe ist ja wohl etwas anderes als Freundschaft. Vielleicht gehört aber beides eng zusammen?

Metaphern wie „bereit sein für jemanden zu sterben“ oder ähnliches machen mich eher skeptisch. Auch „Seelengleichheit“ oder „große Sympathie mit hoher Übereinstimmung bei Werten, Erwartungen, Interessen und Bedürfnissen“ bringt mich nicht so richtig weiter. „Blindes Verständnis über Zeit und Raum“ erscheint mir auch nur eine schöne Metapher. Von Rupert Lay habe ich wie von Werner vieles mir sehr Wichtiges gelernt. Rupert hat uns mal gesagt:

Toleranz ist, wenn man das „Anders Sein des Andern“ akzeptiert. Liebe jedoch bedeutet, das „Anders Sein des Andern“ zu wollen!

Diese Metapher finde ich großartig. Sie dürfte auch für Freundschaft gelten. Ihr folgend wäre Werner für mich ein absoluter Freund gewesen, weil ich sein „Anders Sein“ nicht nur für ihn sondern auch für mich wollte.

🙂 So bin ich weiter auf der Suche nach der Bedeutung von Freundschaft und Liebe und weiß immer noch nicht was das wirklich ist; die Philosophen helfen mir da auch nicht weiter 🙁

Und bin und bleibe traurig, dass mein Freund Werner von uns gegangen ist.

Hier noch zwei kurze Beiträge zum Leben von Werner aus der Augsburger Allgemeine und ein Bericht von „Pro Augsburg“ anlässlich seines Todes.  Für das Wohl unser beider Heimatstadt hat er sich immer intensiv und erfolgreich engagiert. Und manches bewirkt, über dass sich die Augsburger heute richtig freuen.

RMD

P.S.
Von Werners Krankheit habe ich schon viele Jahre gewusst. Als ich davon erfahren habe, war ich sehr niedergeschlagen und habe in IF-Blog über meinen Schmerz in einem sehr persönlichen Post geschrieben.