Ich bin gerne auf See und am Meer, weil die Seeluft meinem Hals gut tut. Seit mir als Kind die Mandeln entfernt wurden, leide ich unter mehr oder weniger chronischen Halsschmerzen. Doch nach ein paar Tagen Seeluft sind diese weg.

Das Glück des Meeres (Foto © Luc Bosma, Bonaire)

Wenn Barbara und ich mit dem Schiff fahren, dann versuchen wir eine Kabine mit Balkon zu bekommen. Und durchträumen die Nächte auf See bei offener Balkontür, atmen die frische Luft des Meeres ein und genießen das Rauschen des Wassers. So auch auf der letzten Karibik-Tour.

Das Schiff fährt nachts von einer Insel zur nächsten. Da die Inseln oft nicht weit auseinander liegen, pflügt das Schiff meistens extrem langsam durchs Meer. Trotzdem legt das Schiff am Morgen noch vor dem Sonnenaufgang im Zielhafen an, denn in der Karibik sind im Dezember die Nächte lang.

Jeden Tag in der früh kommt dann Schock. Die Luft beginnt zu stinken, es wird laut und künstliches Licht dringt in die Kabine. Es ist der unerfreuliche Dreiklang der Zivilisation, mit dem diese uns empfängt.

Zuhause in Neubiberg stinkt und lärmt es Tag und Nacht. So richtig dunkel ist es nirgends mehr. Immer leuchtet eine blöde Strassenlampe oder Leuchtreklame ins Haus. Und am Himmel sieht man die Sterne kaum mehr.

Obwohl ich eher privilegiert wohne, gilt das auch für mein Zuhause. Mit offenen Fenstern schlafen ist mir schon allein aufgrund des brummenden Lärms der peripheren Großstadt rund um die Uhr nicht möglich.

Die Einnahme von Schlaftabletten lehne ich ab, besonders wenn sie zum Bestandteil des normalen Lebens wird. So sind geschlossene Schallschutzfenster und Verdunkelung angesagt. Ich habe mich daran gewöhnt, finde das trotzdem aber gar nicht gut.

Wenn ich das Haus mit dem Fahrrad oder zu Fuß in Richtung Ottobrunn verlasse, bin ich schnell auf Straßen wie der Putzbrunner oder Rosenheimer Landstrasse. Dort fällt mir das Atmen schwer und das Überqueren wird zum Abenteuer. Und auch an den bayerischen Straßenrändern liegt der Müll – so wie wohl überall auf der Welt.

Beim Zurückkommen in die Heimat stellen sich mir dann schnell wieder Sinnfragen:
Brauchen wir den „Motorisierten Individual Verkehr“ (MIV) wirklich? Macht uns der ganze Konsum-Schnickschnack wahrhaftig glücklich? Wünschen wir uns nicht ein weniger von Effizienz und Profit bestimmtes Leben? Wie können wir uns von der permanenten Manipulation befreien? Wäre es nicht besser, einfach zu leben und das Leben nicht zu einer hektischen Jagd nach materiellen Gütern verkommen zu lassen?

Um eventueller Kritik gleich entgegen zu kommen:
Wer wie ich in die Karibik fliegt und dort mit dem Schiff im Kreis fährt, nur um neun Inseln zu besuchen und die Wärme und das Meer zu genießen, der hat natürlich kein Recht sich über den MIV-Fahrer zu beschweren, der am Morgen im vorgeheizten SUV die zwei Kilometer zum Bäcker fährt. Das ist mir sehr wohl bewusst.

So denke ich mir:
Mobilität ist wahrscheinlich ein zentrales Bedürfnis des Wesens Mensch. Da fällt mir der individuelle Verzicht schwer. Aber durch kollektive Massnahmen – wie z.B. die Besteuerung von Kerosin und gerechte Belastung der Verursacher mit den Externalitätskosten – könnte man zumindest das Volumen von Mobilität und deren schreckliche Auswirkungen auf unseren Planeten reduzieren.

Das Argument, dass solche Maßnahmen wieder besonders die Armen treffen würden, zählt meiner Meinung nach nur beschränkt. Schon die Griechen haben erkannt, dass die Forderung nach einer „arithmetischen Gerechtigkeit“ utopisch und wahrscheinlich dumm ist.

Ich vermute mal, dass es diese noch nie gegeben hat und auch nie geben wird. Weil das Leben halt mal so ist wie es ist. Und wäre persönlich durchaus mit einer geometrischen Gerechtigkeit (gemäß der Nikomachischen Ethik von Aristoteles) schon mal ganz zufrieden.

Gerichtigkeit durch Kanonen? (Foto © Luc Bosma, Bonaire)

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 13. Dezember 2018

Karibik – Inspirationen, Impulse, Gedanken (3) Unsere Welt ist schön.

🙂 Die Welt ist schön – das gilt auch für die Karibik.

In der Karibik wurde unser Auge wieder so richtig mit natürlicher und artifizieller Schönheit gefüttert. Da musste ich an eine Geschichte denken, die jetzt schon ein paar Jahre her ist.

Es war in Guinea. Gemeinsam mit Freunden waren wir auf einem Ausflug zu einem Ziel mit einem besonders schönen Ausblick. Angekommen hat die ganze Gruppe gewetteifert, wie einzigartig schön die Landschaft hier wäre.

Da platzte es aus mir heraus:
„Die Seen in Bayern sind aber auch sehr schön“.

Dabei dachte ich an den Königs-, Ammer- und Starnberger See.

Sonnenuntergang auf Bonaire (Foto © Luc Bosma)

Bis heute werde ich von meinen Freunden wegen dieses Satzes immer wieder ein wenig aufgezogen.

Ich stehe aber zu ihm. Ich kenne keine Reise, auf dem mich die Schönheit dieser Welt nicht begeistert hätte. Das gilt für meine Radltouren in Bayern und Deutschland genauso wie für Reisen in Afrika oder Amerika.

Immer waren die Anblicke toll. So erging es mir auch in der Arktis. Jeder Eisberg war eine großartiger Anblick. Und die Wedell-See  erstrahlte in der Sonne in herausragendem Glanz.

Sogar die Industrie-Ruinen der Wal-Fang-Industrie in Südgeorgien haben sich mir in großer Schönheit präsentiert.

Zwischen Ruinen (eigenes Foto)

So wie sogar der Blick von unserem „Hochhaus-Schiff“ in der „Dominikanischen Republik“ auf die düster aber kräftig rauchenden Schlote im Hafen von La Romana auf bizarre Art und Weise schön war. Und der Blick vom Wolkenkratzer auf die Slums von Mumbai (Bombay) hat auch seinen Reiz.

Es gibt einen Eindruck, den meine Seele auf meinen Reisen aufgenommen hat, der mich besonders beeindruckt hat. Das war auf einer Alpenüberquerung mit dem Rad am Morgen nach einer Übernachtung in der Heidelberger Hütte. Ich würde aber auch hier nicht sagen, dass es die schönste Landschaft meines Lebens war.

Wahrscheinlich gibt es in diesem Kontext nur ein SCHÖN – und kein „schöner“ oder gar „am schönsten“.

Sonnenaufgang auf Bonaire (Foto © Luc Bosma)

RMD

Um mein Fazit gleich mal vorweg zu nehmen:
Unsere Reise durch die Karibik hat mir klar gemacht, dass unser aktuell gelebtes ökonomisch-soziales Lebensprinzip von Konsum und Profit nur in Sonderfällen (wie scheinbar in Deutschland und bei genauer Betrachtung auch dort nicht) funktionieren kann.

Also zuerst mal zu meinem Erleben in der Karibik Erlebten und zu dem, was ich über Land und Menschen dort gelernt habe.

Paradies oder Elend?  (Foto © Luc Bosma, Bonaire)

Wir haben 9 Inseln besucht.

Davon waren zwei französisch: Martinique (vollintegriert) und Gouadeloupe (fast vollständig integrierter Teil des französischen Staates jedoch nicht zur Umsatzsteuer-Union der EU gehörend). Beide sind so Teil der EU. Die drei ABC-Inseln (Aruba, Bonaire, Curaçao) sind Teil des holländischen Königsreiches und die anderen (Barbados, Dominica, Grenada und St. Lucia – alle vier unabhängig und Mitglied des Commonwealth of Nations).

Die Inselstaaten haben unterschiedliche Währungen:

Gerade auf den holländischen und britischen Inseln ist der US-Dollar die akzeptierte Zweitwährung.

Die Pro-Kopf-Einkommen sind unterschiedlich, z.B. in Barbados betrug es in 2016 16.363 US-Dollar. Nominell entspricht das z.B. dem der Slowakei – mein Eindruck war allerdings, dass das Leben in Barbados deutlich teuerer ist. Auf der durchaus gut entwickelten Insel Bonaire war es bei um die 1.200 US-Dollar, in Dominica sicher darunter. Die Arbeitslosen-Quote ist überall zweistellig, zum Teil auch da nicht im unteren Bereich.

Überall fanden wir Schulen und Universitäten, die Alphabetisierungsraten sind dementsprechend überall recht hoch. Viele Menschen sprechen mehre Sprachen, neben den einheimischen kreolischen Dialekten sprechen die meistens Menschen mindestens eine weitere und oft mehrere Sprachen, vor allem Englisch, Französisch oder Niederländisch. Uns sind aber auch häufig des Deutschen mächtige Menschen begegnet.

Politisch sind die Inseln „parlamentarische Demokratien“, und dass auch schon länger. Man findet dort auch das eine oder andere „Weiße Haus“. Es gibt aber auch interessante und nicht immer lustige Geschichten von korrupten Politikern und Diktatoren.

Auf den Inseln war es natürlich immer schön warm – so um die 26 Grad Celsius waren normal (wir waren ja im „Winter“ dort). Abhängig von der Luftfeuchtigkeit kommt es einem dann auch noch eins Stück wärmer vor. Die Karibik ist also kein Gebiet, wo körperliche Arbeit – vielleicht sogar noch im Akkord – zu keiner Jahreszeit so richtig Freude macht.

Es gibt Inseln mit sehr viel Niederschlag – und dementsprechend vielen Flüssen und Wasserfällen im Regenwald, aber auch sehr karge Inseln mit wenig Niederschlägen, die ihr Trinkwasser importieren oder künstlich herstellen. Zum wesentlichen Teil sind die Inseln vulkanischen Ursprungs, man findet aber z.B. Barbados als Ausläufer eines gefalteten Kalksteingebirges.

Die Besiedlungsgeschichte ist bei den meisten Inseln ähnlich. Die voreuropäischen Einwohner waren häufig Arawak und Kariben. Sie wurden meistens von den europäischen Besetzern ausgerottet. Die Menschen, die heute dort leben, stammen von Europäern, oft von Afrikanern und später Indern ab. Der größte Anteil an der Bevölkerung ist überall in der Karibik – wohl als Folge der Sklaverei – afrikanischen Ursprungs.

Wir haben die Karibik ingesamt als enorm bunt und multi-kulturell erlebt. Es gibt Inseln, die sich rühmen, dass in ihrem Staat 40 Nationalitäten friedlich zusammen leben.

Soziale Absicherung gibt es kaum, auch keine staatliche Rente. Die Menschen machen (trotzdem oder deswegen ?) einen sehr fröhlichen und glücklichen Eindruck. Domenika gilt zum Beispiel als Insel der 100-Jährigen.

Die Kriminalität scheint sehr gering zu sein. Die üblichen Warnungen vor dem Landbesuch waren sehr moderat, nur im Bereich der EU wurde schiffseitig davor gewarnt, dass sich ab und zu auch mal ein Taschendieb aus Paris sich dorthin verirren würde.

Die Inseln sind vielfältig – es gibt das Naturparadies (Dominica mit vielen schönen Wanderwegen) genauso wie die Industrieinsel (Aruba – die eine Hälfte dort ist Tourismusindustrie pur – die andere Hälfte besteht aus dem Flughafen und der Öl- und Salzindustrie).

Gemeinsamkeit

Eines aber scheinen die Inseln gemeinsam zu haben. Wirtschaftlich funktionieren sie nicht so richtig gut . Die französischen Departments dürften so genauso Zuschuß-Projekte sein wie die anderen Inseln.

Die Netzabdeckung erschien mir eher besser als in Deutschland, die Straßen sind häufig in einen katastrophalem Zustand.

Die Einkommensquellen sind je nach Insel überwiegend der Anbau von Nahrungsmitteln wie Bananen, immer noch Zuckerrohr und Gewürze. Es gibt ein wenig Erdöl, die Hauptquelle der Einnahmen dürfte aber der Tourismus sein.

So richtig „lebensfähig“ scheinen diese Inseln alle nicht zu sein. Die jungen Leute wandern aus, weil die Inseln ihnen „nichts bieten“. Wenn es gut läuft, dann kommen sie als erfolgreiche Greise wieder und bringen zumindest ein wenig Kapital zurück. Die Auswanderung ist hoch, die Einwanderung niedrig. Viele Einwanderer, die sich auf den Inseln eine neue Existenz – oft als Unternehmer – aufbauen wollen, geben nach wenigen Jahren wieder auf.

Ein richtig lukratives Geschäft gibt es nicht, die Konkurrenzfähigkeit wird durch Kostenoptimierung und niedrige Einkommen erreicht. Und meistens geht das Geschäft massiv zu Lasten der Natur, dem einzigen Reichtum auch dieser Inseln. Wir haben also auch hier hohe Externalitätskosten.

Das kommt mir ein wenig vor in Europa. Auch in der ja so reichen EU sind die meisten Länder pleite. Immer mehr Menschen verarmen. Das gilt auch bei den Gewinnern wie Deutschland, Österreich und ein paar nördlichen Ländern.

Das gilt auch für große USA. Auch diese haben ihren Wohlstand auf Schulden aufgebaut und leiden unter dem natürlichen Verfall der aufgebauschten Infrastruktur, dem oft allein schon aus Kostengründen gar nicht mehr begegnet werden kann.

Irgendwie waren für mich der Besuch der karibischen Inseln ein modellhaftes Beispiel, dass Wirtschaft aufbauend auf unseren kapitalistischen und komsum- wie profitorientierten Paradigmen nicht mehr funktioniert. Den notwendigen Umbau zu schaffen, das dürfte die größte Herausforderung sein, die sich der Menschheit stellt, so sie ihr Überleben ein wenig verlängern will.

Schiff mit Vogel. (Foto © Luc Bosma, Bonaire)

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 11. Dezember 2018

Karibik – Inspirationen, Impulse, Gedanken (1) Sklaven & Leibeigene.

Wenn Du nach Curaçao kommst, dann heißt es
Welcome to Kura Hulanda Museum.
Dieses Museum befasst sich mit der Geschichte der Sklaverei in Westindien. Der Reisende darf es auf keinem Fall auslassen.

Hütten für die Sklaven der Salzproduktion auf Bonaire (Foto © Luc Bosma)

Wir sind dem Rat unseres Schiffslektors gefolgt und gingen am Morgen gleich nach der Ankunft in Curaçao zum Kura Hulanda Museum. Es hat sich gelohnt.

Das Museum

In Willemstads Ortsteil Otrabanda findet sich das größte anthropologische Museum der Karibik, das „Kura Hulanda Museum“. Auf einer Grundfläche von mehr als 16.000 Quadratmetern und in 15 verschiedenen Gebäuden wird die Geschichte der Menschen beleuchtet, die vom 17. bis ins 19. Jahrhundert aus ihrer afrikanischen Heimat verschleppt wurden und nach dem Transport über den Atlantik als Sklaven auf Curaçao landeten. Die „West Indian Company“ spielte dabei eine zentrale Rolle und Curaçao entwickelte sich rasch zur größten Drehscheibe im Sklavenhandel auf dem amerikanischen Kontinent.

Zum Formalen:
Der Eintritt ins Museum kostet aktuell 10 US-Dollar und für Menschen, die älter als Sechzig sind, nur 7 US-Dollar. Die drei gesparten Dollar haben wir in einen Führer investiert (Kosten bei einer Gruppe pro Person 3 $). Das lohnt sich auf jeden Fall.

Im Museum:
Wir sind  in die düstere Vergangenheit der Insel aber auch der Menschheit eingetaucht und haben das Museum mit großer Betroffenheit verlassen.

Ich hatte noch nie so drastisch erlebt, wie Sklaverei funktioniert hat. Im Museum geht es um die Sklaven, die in Afrika eingefangen und dann auf Schiffen in die neue Welt transportiert wurden. Aufgrund ihrer geographischen Lage war die Karibik wohl eine wichtige Drehscheibe des Sklavenhandels.

Auf den karibischen Inseln wie Curaçao wurde nicht nur mit Sklaven gehandelt. Die Eroberer aus Europa hatten ja die orignäre Bevölkerung mehr oder weniger ausgerottet. So wurden für die Herstellung begehrter Produkte wie Zuckerrohr, Bananen, Gewürze, Salz (vor allem auf Bonaire) dringend Arbeitskräfte gebraucht. Und die einfachste Quelle für diese waren die lokalen Sklavenmärkte.

Das Museum zeigt, wie grausam die Sklaven behandelt und gehandelt worden sind. In welcher unvorstellbarer Enge sie in niedrigen Zwischendecks von Afrika über den Atlantik gebracht worden sind. Wie sie gejagt und gefesselt wurden und welche Methoden (und Werkzeuge) zur Disziplinierung eingesetzt worden sind. Auch wie der Eigentümer sein Brandzeichen gesetzt hat. Und viele weitere oft grausame Details.

Auch die Abschaffung der Sklaverei wird gezeigt. Im französichen Bereich wurde sie sogar zwei Mal abgeschafft, weil Napoleon sie zwischendurch wieder eingeführt hatte. Die Kolonialherren, die die Sklaverei als letzte abgeschafft haben, waren übrigens die Holländer

Wir haben im Museum auch Urkunden aus Deutsch-Ostafrika gefunden. Das waren so typisch deutsche Dokumente, mit denen noch im Jahr 1913 den Inhabern (ehemaligen Sklaven) bestätigt wurde, dass sie ab dem Ausstellungsdatum den Status der „Eigengehörigkeit“ hatten, also über sich selber verfügen durften. 1913 ist für mich nicht so ganz weit weg, das war kurz vor der Geburt meines Vaters in 1919.

Auch nach der Abschaffung der Sklaverei wurden natürlich weiter Arbeitskräfte in der Karibik benötigt. Die benötigten Arbeiter wurden dann in Indien angeworden. Und schnell haben die Eigentümer der Zuckerrohr-, Bananen- und weiterer Plantagen und Zucker- und Rum-Fabriken gemerkt, dass die neuen Arbeiter billiger waren als die Sklaven davor. Weil diese jetzt für sich selber sorgen mussten. Jetzt könnte der Bösewicht unter uns unken, dass auch die Abschaffung der Sklaverei nicht nur aus „edlen“ Motiven sondern durchaus auch aus „kaufmännischen“ Gründen erfolgt ist. Sie hat sich einfach nicht mehr gerechnet.

Da macht es bei mir „Klick“ – und ich erinnere mich an Erlebnisse in Kenia in den 80iger Jahren. Da habe ich gesehen, wie massenhaft Hafenarbeiter stundenlang vor dem Hafen in Mombasa Schlange standen für einen „1-Tages-Job“, der mit 1 US-Dollar entlohnt wurde. Und nur wenige wurden zum Arbeiten reingelassen. Ähnliches habe ich auf einer Radtour durch Tunesien auch vor einer Kali-Fabrik erlebt. Auch da waren nur wenige in der Masse der Wartenden, die rein durften, die anderen haben dann gegen Mittag unverrichteter Dinge wieder aufgegeben.

Das klingt natürlich billiger, als das Investment in einen Sklaven, für den man dann auch noch sorgen muss und z.B. Wasser herbeischaffen (lassen) muss. Die indischen Arbeiter waren natürlich für ihr überleben selber verantwortlich und mussten es selbst organisieren.

Das Museum hat mich so beeindruckt, dass ich vergessen habe, Fotos zu machen, obwohl das dort ausdrücklich erlaubt ist. Ich musste noch lange darüber intensiv nachdenken und habe einiges recherchiert.

Sklaverei und Leibeigenschaft

Und mir ist eingefallen, dass Sklaverei und Leibeigenschaft wohl zusammen hängen. Und die Sklaverei gar nicht so viel anders ist als das in Europa weit über ein halbes Jahrtausend gelebte und ganz selbstverständliche Prinzip der Leibeigenschaft. Auch hier lohnt sich wieder die Lektüre des entsprechenden Artikels in Wikipedia.

Man entdeckt dann viele überraschende Details, wie z.B. die Einräumung eines gegenseitigen Jagdrechts, um entlaufende Leibeigene (Sklaven?) jenseits der Grenzen zu verfolgen.

Dort versteht man auch, dass es wohl nur einen Unterschied zwischen Leibeigenen und Sklaverei gibt. Das ist wieder ein absolut lesenswerter Artikel in Wikipedia, der mich schockiert hat.

Nach dessen Lektüre empfinde ich den Verweis von Politikern auf unsere „abendländische Wurzeln und christliche Tradition“ nur noch als dümmsten Sarkasmus. Denn das „C“ stand vor gar nicht langer Zeit auch absolut für Sklaverei und Leibeigenschaft. Das war eine sehr trostlose Zeit.

Vielleicht sollten sich die Politiker mal so ein klein wenig mehr geschichtlich informieren, auch wenn in der Schule im Fach Geschichte die  Leibeigenschaft in all seinen Varianten kein Thema war – wie auch bei mir.

Es gibt nur einen Unterschied zwischen der Leibeigenschaft in den deutschsprachigen und weiteren europäischen Ländern und der transatlantischen Sklaverei:

Die versklavten Schwarzen waren schwarz und stammten überwiegend aus Afrika. Früher hat man sie Neger genannt. Nach dem Urteil von Kirche und sogar der zeitgenössischen Philosophie (Kant) waren sie keine Menschen sondern Tiere. Zu Zeiten Darwins war es für eine feine „englische Dame“ unvorstellbar, dass sie im Sinne der Evolutionstheorie von einem Affen abstammen könnte. Tiere waren so weit weg vom dem überhöhten Ideal des „Menschen“, dass man mit ihnen alles machen durfte. Deshalb mochte man am viktorianischen Hof den Ketzer Darwin mit seinen „neuen Ideen“ gar nicht. Und die Schwarzen galten halt als Tiere.

Die „Leibeigenen“ oder „Grundeigenen“, die den Herren gehörten, denen gerade der Grund gehörte, waren zwar eine ziemlich rechtlose Unterschicht. Aber immerhin galten sie noch als Menschen. Sie wurden von der Oberschicht (Feudalismus, und Kirche) auch durch die Religion domestiziert. Sie waren aber das Eigentum anderer Menschen, die komplett über sie verfügenkonnten. Dies direkt oder indirekt als Grundeigene über den Grund, auf dem sie lebten.

In dem Wikipedia-Artikel über Leibeigenschaft finden wir aus heutiger Sicht sehr eigenartige Gesetze und Grausamkeiten, wie Vereinbarungen zwischen Kommunen zum gegenseitige Jagdrecht auf entflohene Leibeigene. Der Satz „Stadtluft macht frei“ erhält eine klare Bedeutung. Denn der Fortschritt – nicht nur der technologische – hat in den Städten stattgefunden.

Ein Eigentumsrecht auch an Menschen war also in unserer Gesellschaft über Jahrhunderte von Jahren genauso selbstverständlich wie heute das Recht auf Eigentum, dinglichen Gegenständen wie an Grund und Boden und kreativ Erzeugtem (Urheberrecht) oder an den eigenen Daten.

Und obwohl wir kräftig dabei sind, das Eigentumsrecht immer mehr zu stärken (besonders zugunsten juristischen Personen wie Konzernen), haben wir das Eigentumsrecht an anderen Menschen abgeschafft. Das ist doch bemerkenswert.

Da könnte doch der Gedanke kommen, dass vielleicht auch andere Eigentumsrechte reduziert oder abgebaut werden müssen. Zum Beispiel, dass Güter der Allmende auch nicht indivuelles Eigentum. Und dass absurd hohes Eigentum auch nicht sein darf. Und vielleicht, dass juristische und natürliche Personen ein unterschiedliches Recht an Eigentum haben sollten.

Noch eine zynische Anmerkung:
Auf den Schiffen, die von Europa nach Afrika gesegelt sind, um dort Sklaven zu kaufen und diese als versicherte Fracht in die Karibik zu bringen, waren in den Kabinen Missionare, die die Heiden in Afrika bekehren sollten. Die auf der anderen Seite offiziell keine Menschen sondern jagdbares Wild waren. Und dann unten im Rumpf in enge Zwischendecks in eisernen Fesseln transportiert wurden. Und wenn einer davon krank wurde, ging er über Bord, um die gesunden nicht anzustecken. Und das war kein großer Schaden, weil er ja als Fracht gut versichert war.

Auch das lernt man im Museum Kura Hulanda. So hat mich der Besuch im Museum Kura Hulanda mich ziemlich nachdenklich gemacht. Auch weil dort dokumentiert wird, dass die Sklaverei in der Gegenwart wieder zunimmt.

Salzproduktion heute auf Bonaire (Foto © Luc Bosma)

RMD

Roland Dürre
Montag, der 10. Dezember 2018

Karibik – Inspirationen, Impulse, Gedanken (0) Übersicht.

Gemeinsam mit Barbara war ich vom 23. November bis 8. Dezember 2018 zwei Wochen mit dem Schiff in der Karibik. Wir haben neun Inseln gesehen. Früher habe ich auf meinen Reisen öfters Tagebuch geschrieben und detailliert berichtet, was ich unterwegs so gemacht und erlebt habe. Diesmal mache ich es anders und notiere die Impulse und Inspirationen, mit der mich die Reise reich beschenkt hat.

Reisen inspiriert und sorgt für Impulse (© Luc Bosma)

Das soll zu einer kleinen Serie von Artikeln zur Reise führen, die ich mit schönen Bildern illustrieren werde. Die Bilder sind zum Teil von mir, zum Teil aber auch von Luc Bosma. So auch das hier zu sehende Flamingo-Bild.

Zur Übersicht:

Folgende neun Inseln haben wir – gestartet in La Romana in der dominikanische Republik – besucht:
Martinique (als französisches Übersee-Gebiet in der EU), Barbados (unabhängig und Mitglied des Commonwealth of Nations), Gouadeloupe (als französisches Übersee-Gebiet in der EU), Dominica, St. Lucia , Grenada (alle drei unabhängig und Mitglied des Commonwealth of Nations), Bonaire (eine Besondere Gemeinde der Niederlande), Curaçao (ein Land des Königreichs der Niederlande) und Aruba (eines der vier gleichberechtigten Länder des Königreiches der Niederlande).

Die letzten drei Inseln werden auch die ABC-Inseln genannt und gehören geographisch zu Südamerika; sie liegen nicht weit weg von Venezuela. Die anderen Inseln gehören geographisch zu den Kleinen Antillen. Folgt man den Links findet man viel Interessantes, es lohnt sich.

Alles diese Inseln sind kleine Länder. Für mich bemerkenswert, dass da auch Länder ohne Armee dabei sind, in der Tat haben manche dieser Staaten auch ganz konkrete Sorgen, die die Angst vor äußeren Feinden stark relativieren.

In der nächsten Zeit werde ich berichten, was ich auf dieser Reise für mich Neues erfahren habe, das mich besonders beeindruckt hat.

Das Schiff:
Wir sind auf der Mein Schiff 5 gefahren. Das Schiff ist Teil der Mein Schiff Flotte der TUI. Es ist ein gut durch-organisiertes und -gestyltes Tourismus-Produkt für gut 2.500 Reisende und bietet – ermöglicht aufgrund seiner Größe – für doch sehr besondere Reisen wie durch die  Karibik ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. Laut Aussagen von Mitreisenden waren nur um die 1.800 Gäste an Bord. Unsere Reise war also nicht ausgebucht, was auch daran liegen kann, dass wir ja in der „Nebensaison“ gereist sind.

Und hier auch ein Gedanke als erste kleine Erkenntnis der Reise:

Wenn man in der Karibik in einem Teil der EU ankommt und plötzlich die Flatrate auf dem Smart Phone wieder genutzt werden kann, dann fühlt man sich schon wieder sehr wie zu Hause.

So behaupte ich mal, dass für viele Menschen Heimat dort ist, wo man sein Smart Phone beliebig – ohne Einschränkung und Kostenfesseln – nutzen kann.

Da ist jemand zu Hause. (Foto © Luc Bosma, Bonaire)

Eine wie ich meine durchaus Ernst zu nehmende moderne Definition von Heimat!

Jetzt arbeite ich am ersten konkreten Artikel  als Folge 1- da wird es um Sklaverei und Leibeigenschaft gehen.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 15. November 2018

Mythen von Mangement und Führung (Unternehmertagebuch #127)

Freude und Mut als Basis fürs Geschäft. Wichtig ist, das Leben zu genießen! Gerade als Vorbild.

Soweit ich mich richtig erinnere, hatten die griechischen Philosophen eine ganz einfache Theorie der Tugenden. Ich beschreibe das mal so, wie ich es im Kopf habe.

Als gesellschaftliches Ziel forderten die Griechen Gerechtigkeit und Gleichheit. Hier unterschieden sie zwischen „arithmetischer“ und „geometrischer“ Gerechtigkeit. „Arithmetisch“ steht für eine absolut lineare Gerechtigkeit. Ganz stringent gilt „Jedem das Gleiche“. Dagegen meint „Geometrisch“, dass es gerechter ist, wenn Maß anlegt wird. So gilt nicht „Jedem das Gleiche“ sondern „Jedem das ihm Angemessene“. Wo bei dies fürs „bekommen“ genauso gilt wie fürs „tun„.

In der griechischen Philosophie war die „geometrische“ Gerechtigkeit die „bessere“.

Für soziale Systeme wie z.B. dem Staatswesen galt in der griechischen Philosophie:

Die Mächtigen in der Regierung zeichnen sich über die Tugend der Weisheit aus.

Die Krieger stehen für die Tugend des Muts.

Der Mittelstand verfügt über die Tugenden der Besonnenheit und der Sparsamkeit.

Bleiben nur noch die Sklaven. Für diese bleibt die Tugend des Gehorsams.

🙂 Soweit meine Erinnerung an die Schulzeit.


Wird dieses einfache Tugendmodell auf Unternehmen projeziert, dann könnte man das so sehen:

In der Geschäftsführung bzw. im Vorstand sitzen die „Weisen“.

Die Vertriebsleute sind die Krieger, die mutig am Markt für die Akzeptanz der Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens kämpfen und das Geld hereinholen.

Bleiben die Mitarbeiter – die sollen besonnen und sparsam sein. Wobei sparsam hier heißt, achtsam mit den Ressourcen umzugehen und so Nachhaltigkeit zu schaffen.

Sklaven wollen wir in modernen Unternehmen ja nicht mehr haben (auch wenn sich mancher Mitarbeiter des öfteren als Sklave fühlt und sein Gehalt als Schmerzensgeld empfindet).

So denke ich mir das. Eigentlich ganz einfach.

😉 Heute sind wir weiter. Viele Menschen wie auch die meisten Vorstände und „Führungskräfte“ glauben an Unternehmer-Mythen wie:

  • Man muss Handeln und Entscheidungen fällen!
  • Man muss agil sein!
  • Man muss eine konkrete Strategie entwickeln und diese umsetzen!
  • Man braucht eine konsequente Organisation und ein strenges Berichtswesen!
  • Ohne Hierarchie geht es nicht!
  • Rational geht vor emotional!
  • Man muss das Geschäft systematisch entwickeln!
  • Erfolg ist das Ergebnis harter Arbeit!
  • Man braucht strategische Stabsabteilungen!
  • Das Geschäft ist planbar wie die Entwicklung des Unternehmens!
  • Man braucht Menschen mit Charisma um die Mitarbeiter “mitzunehmen “!
  • Mit genug Geld und den richtigen Mitarbeitern kann man allen Herausforderungen erfolgreich begegnen!
  • Man muss ALLES im Unternehmen wissen und kontrollieren können!
  • Um gerecht zu sein, braucht es klare Regeln, die man in kollektive Verträge (Mitarbeitervereinbarungen) gießen kann!
  • Die Macht kann und muss durch eine stringente Organisation gewährleistet werden (Linie, Matrix)!
  • Verbesserung geht mit Prozessen, Methoden und Zertifikaten möglich!
  • Unternehmenskultur und Werte können mit “culture engineering verändert bzw. generiert werden!
  • Motivation kann durch Belohnungssysteme befördert werden.
  • Alle Probleme können mit Vernunft gelöst werden!
  • Gleichheit und Gerechtigkeit ist möglich!

Und manche mehr dieser Art.

Verwenden sie die Regeln einfach mal für das soziale System „Familie“ – und sie werden sofort merken, was da faul ist.

Für mich sind das alles nur Mythen, die man in Frage stellen kann und muss. Sie mögen gut klingen, sind aber falsch und kontraproduktiv. Unter anderem, weil sie dem Glauben an eine generelle Determiniertheit des Lebens entspringen. So kann ich jeden Punkt in der obigen mit guten Begründungen widerlegen und so argumentieren, warum all diese Mythen falsch sind.

Aber bleiben wir positiv: Ich stelle mir ein gutes und mehrdimensional erfolgreiches Unternehmen ganz anders vor! Für mich ist ein Unternehmer bzw. die Führungriege vor allem ein Gastgeber. Er ladet Menschen ein, gemeinsam etwas besonderes voranzubringen und schafft die für den Start des Unternehmens notwendigen Voraussetzungen.

Besondere Eigenschaften braucht so ein Unternehmer eher nicht. Ich meine, dass er eigentlich „nur“ gut kommunizieren können muss. Das ist schwer genug und darf nicht unterschätzt werden – viele Menschen tun sich damit nicht leicht, besonders nicht mit dem Zuhören. Wenn ein Unternehmer auch noch inspirieren und Impulse geben kann, dann ist das schon großartig.
🙂 Vielleicht wäre ein Schuss der guten alten griechischen Weisheit in der Führung auch noch hilfreich. Das wäre dann Spitze!

Und so könnte Führung in „neuen Unternehmen“ aussehen.

  • Werte und Kultur gehen vor Rahmenvereinbarungen und Regeln.
  • Wirkung ist wichtiger als Plan und Ziel.
  • Denken und Verstehen bereiten das Machen vor.
  • Alle Macht für niemand (Zitat Dr. Andreas Zeuch).
  • Selbstorganisation und Eigenverantwortung werden ermöglicht und bei Bedarf begleitet und unterstützt.
  • Freude und Begeisterung sind essentiell wichtig und werden gefördert.
  • Teams werden so unterstützz, dass sie in einen “Flow” kommen.
  • Es gibt Menschen im Unternehmen, die in der Lage sind die Teams bei Bedarf zu unterstützen oder auch zu coachen.

Da ich kein Träumer bin, ist mir klar, dass das ganze ein wenig utopisch klingt. Es gibt auch eine Einschränkung. Da wir in einer „kapitalistischen Welt“ leben, ist es – einfach um gut zu überleben – zwingend notwendig, dass es eine klare kaufmännische und immer aktuelle Berichterstattung für alle Teams und das Gesamtunternehmen gibt. Denn viele Menschen müssen ja arbeiten, um ihre Existenz zu sichern. Und wollen so zurecht ein gutes Gehalt bekommen. Und das geht nur, wenn auch das Unternehmen, bei dem sie wirken, gut verdient und kaufmännisch gesund ist und bleibt.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet Ihr in der Drehscheibe!

Roland Dürre
Freitag, der 5. Oktober 2018

Ist die Demokratie in Gefahr?

 

Heute mein Beitrag zur bayerischen Landtagswahl in gut einer Woche.

 

Zwischen Ruinen (Südgeorgien – Walfang).

Demokratie in Gefahr?
Immer öfters höre ich diese Frage.
Und meine Antwort ist
JA – aber schon länger!

Der demokratische Gedanke beinhaltet, dass die Menschen, die in einem Staat leben (und die dieses soziale System sind), ihre Abgeordneten wählen, die dann im Parlament einen gesellschaftlichen Konsens finden und diesen durch eine kluge Gesetzgebung realisieren sollen. Das funktioniert so aber schon lange nicht mehr.

Mein Freund Detlev Six schreibt:

Die liberale Demokratie ist das empfindlichste Wesen der Welt. Pflegt das Baby!

So meine ich auch, dass die Demokratie eine zarte Pflanze ist, die gut gepflegt werden will. Das wird sie aber nicht. Vielmehr wird sie seit Jahrzehnten von verschiedenen Schädlingen bedroht und geschädigt.

Folgende Ursachen für den Niedergang der Demokratie in Bayern und vielen anderen Ländern habe ich identifiziert:

  • Eine allgemeine Bildungsschwäche.
    Schule und Hochschulen „produzieren“ immer mehr an die Bedürfnisse des Systems angepasste Konsumenten und Arbeitskräfte, aber keine autonomen Menschen mit einem sittlich verantwortet übernommenen Werte-Bewusstsein.
  • Die Oligarchie der Parteien.
    Die Parteien arbeiten nicht mehr am „sozialen Konsens“. Es geht ihnen nicht um die Menschen, sondern um den Erhalt der Macht. Für diesen braucht man Wählerstimmen. Die will man um jeden Preis.
  • Interessenverbände und Lobbyismus.
    Die Bürger nehmen wahr, dass die Regierung, das Parlament und die Parteien von fremden Mächten dominiert werden, die ihre eigenen Interessen über die der Menschen stellen.
  • Marketing macht Wahlen lächerlich.
    Die Art, wie Wahlkampf geführt wird, irritiert die Menschen und entwertet die Wahl. Man sieht das jetzt wieder in Bayern. Welch plumper Unsinn steht auf den Wahlplakaten, die entlang der Straßen so intensiv verbreitet sind? Auch die „Wahl-Programme“ der Parteien überzeugen nicht. Man gewinnt den Eindruck, dass die Partei die Wahl gewinnen wird, die das meiste Geld in Marketing investieren und am besten Menschen manipulieren kann.
  • Die Selektion der Spitzenkandidaten und der Filz in den Parteien.
    So kommen immer wieder Parteibonzen zu Spitzen-Ämtern in Regierungen und Ministerien, für die sie nie demokratisch gewählt worden sind.
  • Gefühl der Ohnmacht.
    Weite Kreise in der Bevölkerung stellen fest, dass sie ohnmächtig sind (vermeintlich oder tatsächlich?).

Die „Demokratie in Gefahr“-Frage wird aber gestellt aufgrund der Erfolge von Populisten in Europa und der gefühlten und wohl auch realen Bedrohung von rechten Bewegungen und nationalistischen Tendenzen auch in Deutschland.

Ich meine aber, dass diese Probleme nur die Folge der von mir aufgelisteten und weiteren Ursachen ähnlicher Art sind. Das heißt für mich, dass wir uns die Misere selber eingebrockt haben. Durch demokratisches Versagen. Sowohl aktiv wie passiv.

Und wie so oft sind die, die über die Missstände besonders laut klagen, selbst die Verursacher des Missstandes. Wir müssen uns wohl oder übel an die eigene Nase fassen.

Und wie soll ich jetzt wählen?

Ich weiß es noch nicht. Die Grünen mag ich nicht, weil sie gemeinsam mit der SPD Einsätze der Bundeswehr im Ausland salonfähig gemacht haben. CSU und SPD erscheinen mir nicht wählbar. Bei der CSU liegt das nicht nur an den aktuellen Protagonisten, die SPD hat überhaupt nichts von #newwork verstanden, obwohl das ihr Thema sein könnte (müsste?). Die FDP, die mit ihrer plumpen „Bildungsoffensive“ ihre Klienten-Politik übertüncht, sind von „liberal“ Lichtjahre entfernt, so sind sie auch nicht meines. Die Linken haben zwar viele nach meiner Meinung richtiges im Programm aber auch viel Abenteuerliches, beim Thema „Arbeit“ sind sie mindestens genauso daneben wie die SPD. Die AFD ist so gar nicht meine Welt. Dann bleibt eigentlich nur die ÖDP, die mir sehr redlich erscheint oder „Die Partei“, die zumindest kein Spaß-Programm hat wie die seriösen Parteien. Ja, und die Piraten mag ich auch nicht mehr, seitdem sie versucht haben ein allgemeines politisches Programm zu schreiben (siehe IF-Blog vor 5 Jahren).

Aber das wichtigste:
Vielen von uns geht es wahnsinnig gut. Lasst uns das Leben genießen und einen Teil unserer Kraft für die Pflege (und Genesung) unseres Pflänzchens „liberale Demokratie“ einsetzen! Und das beginnt wahrscheinlich damit, zur Wahl zu gehen.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 3. Oktober 2018

BUSINESS Visualisierung

DAS Buch von
Botta/Reinold/Schloss

Unter diesem harmlosen Titel verbirgt sich ein wirklich aufregendes Sachbuch. Ich würde sagen für Menschen im Alter von 6 bis 90 Jahre, die im Leben mehr Freude und Erfolg haben wollen.

Der Untertitel
Ein Reiseführer für Neugierige und Visionäre
weist dann schon ein wenig darauf hin, dass es ein besonderes Buch ist.

Besonders? Ich habe es gelesen und würde es als revolutionär bezeichnen. Es handelt von einer Reise in eine neue Welt, die ich sehr liebe und schätze. Das ist eine Welt der kreativen und wertschätzenden Kommunikation und des „Zusammens“! Und führt in eine Welt, die sich auch weiter immer noch verändert und erweitert.

Das Buch liest man eigentlich nicht sondern man erfühlt es sich. Spannend und humorvoll wird die Reise einer jungen Dame namens Barbara (Babs) ins agile Abenteuer beschrieben. Diese führt sie durch die Welt moderner Kommunikation, die beim Zuhören und Verstehen anfängt und den Kreis über das Kreative bis hin zum Dokumentieren der Ergebnisse schließt.

Für mich ist ganz klar – die Kommunikation ist die Basis von „sozialen Systems“ jeder Art. Und Kommunikation gelingt besser, wenn wir neue Formate nutzen (die zum Teil ja uralt sind). Dazu gehören auch die Nutzung von Bildern und Haptik – als Teil einer neuen, mir sehr sympathischen Geisteshaltung.

In meinem Wirken werde ich immer wieder überrascht, wie viele Menschen von den stattfindenden „agilem Wandel“ einfach ignorieren oder von ihm fast überrollt werden. Das Buch als gemeinsames Werk Botta, Reinold und Schloß könnte für Nichtkenner oder Verweigerer dieses „Neulands“ ein solider Einstieg sein. Aber auch der „erfahrene Agilist“ findet einiges an Neuem darin.

Ich kann Euch versichern, dass dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite spannend bleibt. Es gehört nicht zu den Schinken, bei denen nach den ersten 50 Seiten die Botschaft klar ist und diese dann noch auf ein paar 100 Seiten verkünstelt und langweilig wiederholt begründet wird. Nein – hier kommt auf jeder Seite etwas Neues. Es bleibt immer humorvoll, der Lesespaß hört nicht auf.

Von den Autoren würde ich mir nur wünschen, dass sie weitere Büchern zu weiteren Reise schreiben, denn die wundervolle Welt moderner Kommunikation ist groß. Im Buch ist wirklich sehr viel davon drin – aber natürlich nicht alles. So könnte die Barbara (Heldin im Buch und im Leben Inspiratorin der Autoren) uns noch auf weitere tolle Reisen mitnehmen.

Das wäre schön. Aber die erste Reise empfehle ich schon mal ganz sehr! Für Unternehmer und (Projekt) Manager ist das Buch eine Pflichtlektüre.

RMD

Klaus Hnilica
Montag, der 13. August 2018

Der Klimawandel und die vertrackte Eiszeit

Carl und Gerlinde (Folge 59)

Übrigens, Gerlinde, unser Freund Kurt hat mir letzten Dienstag, als ich ihn zufällig im REWE traf, unter dem Siegel der Verschwiegenheit zugeflüstert, dass er sich trotz seines fortgeschrittenen Alters von Hannelore zu trennen beabsichtige, falls sie dieses Jahr mit der gleichen Sturheit wie in den vergangenen Jahren darauf bestünde, den nächsten Sommerurlaub wieder gemeinsam zu buchen, sagte Carl bei 28 Grad um Zweiundzwanzig Uhr abends – unmittelbar vor der Eisdiele – und wischte sich wohl zum achtzehnten Mal mit dem selben Papiertaschentuch über die Stirn.

Wobei, ergänzte er, während er Gelinde ins Innere des Salons dirigierte, der Alptraum vor allem von dem Wort ‚gemeinsam‘ ausginge, hätte der Kurt gesagt und dabei gleichzeitig mit seinem üblichen sorgenvollen Kopfgewackel 10 Packungen ‚Philadelphia‘ Quark in seinen Einkaufswagen geschichtet.

Was er nämlich letztes Jahr von Oktober bis zum Jahresende für den diesjährigen Sommerurlaub mitgemacht hätte, gehe auf keine Kuhhaut, selbst wenn diese Haut von einer voll ausgewachsenen trächtigen Milchkuh stammte, so der Kurt im gut gekühlten Lebensmittelbereich bei REWE!

Da sich aber weder Gerlinde noch Carl spontan für einen der zahlreichen leeren Tische im neongelben Licht der subtropisch aufgewärmten Eisdiele – mit weit geöffneter Front zur Straße hin – entscheiden konnten, unterbrach Carl kurz seinen Bericht über Kurts vertrauliche Trennungsoffenbarung und irrte so lange von einem Tisch zum anderen, bis sich Gerlinde im hintersten Winkel des Lokals erschöpft auf einen Stuhl fallen ließ und stöhnend kund tat: entweder hier! Oder ich breche auf der Stelle zusammen!

Carl zog zwar enttäuscht die Augenbrauen hoch, sagte dann aber, als er auch schweißtriefend Platz genommen hatte und dabei fast noch den Nachbartisch gekillt hätte, dass Kurt von 34 Reiseprospekten aus 5 verschiedenen Reisebüros gesprochen hätte, die er mit seiner Hannelore akribisch durcharbeiten hätte müssen, sowie von 18 Vorträgen in unterschiedlichen Volkshochschulen und Bibliotheken über Reisen durch Patagonien und diverse Polregionen, durch Australien und Neuseeland, über die Teilnahme an einer Wüstensafari und 3 verschiedenen Weltreisemöglichkeiten sowie über 4 Meditationsurlaube in österreichischen und griechischen Klöstern – und dies alles nur weil sich Hannelore nicht entscheiden konnte, welche Art von Urlaub sie in welcher Region der Welt wolle…

Gerlinde sagte – vor aufgeschlagener Eiskarte mit ihrem rechten, fast schon steifen Zeigefinger, auf einem Fruchtbecher mit Vanilleeis und reichlich Sahne – dass sie diese Klage von Kurt gar nicht so sehr überrasche und dass sich diese Unentschlossenheit von Hannelore mit zunehmendem Alter wohl immer markanter auspräge; irgendwie sei ihr das auch schon aufgefallen!

Da der Kellner bereits zum dritten Mal nach der Bestellung fragte, orderte Gerlinde schließlich mit drohendem Blick in Richtung Carl ihren Fruchtbecher, während Carl vor der aufgeschlagenen mehrseitigen Eiskarte wenigstens ein Mineralwasser mit Sprudel nannte, ansonsten aber noch um etwas Geduld für seine Eisbestellung bat und zu Gerlinde sagte, dass sich der Kurt im REWE ja bei diesem ‚monströsen gemeinsamen Urlaub-Auswahlverfahren‘ vor allem auch deswegen so über Hannelore ärgere, da sie als Ergebnis all dieser Quälerei nun kommenden Samstag eine 2-wöchige Urlaubsreise nach Portugal anträten, und zwar in ein Wellnesshotel an der Algarve, wo es derzeit 42 Grad im Schatten hätte und in 20 Kilometer bereits nicht enden wollende Buschbrände wüteten…

Super – stellte Gerlinde lakonisch fest und orderte bei dem verzweifelnden Kellner wenigstens einen CARLOS I, während Carl sich nunmehr wirklich ernsthaft mit der ‚eisigen Vielfalt‘ auf seiner Karte zu beschäftigten begann und, ohne einen Blick auf den wartenden Kellner zu richten, zu Gerlinde sagte, dass seine Bestellung im Grunde sehr einfach sei, da er nur drei Bällchen Eis ohne alles möchte und sich daher bloß zwischen Dunkler oder Heller Schokolade entscheiden müsse, oder zwischen Vanille, Haselnuss, Stracciatella, Erdbeere, Jogurt, Latte Macchiatto, Sahne–Kirsch, Mango, Maracuja, Zitrone, Banane, Granatapfel, Himbeere, Drachenfrucht, Bounty, Sahnegriess, Zimt, Raffaello und Sanddorn- Hollunder! Nichts leichter als das, grinste er vergnügt.

Doch da der Kellner immer noch wie eine rächende Gottheit vor ihm stand, sagte er, für alle unerwartet, dass er einen Espresso wünsche!

Doppel – oder einfach? fragte der Kellner.

Nein – oder doch eher zwei Kugeln Vanilleeis, sagte Carl.

Also Vanilleeis! tippte der Kellner in sein Gerät.

Nein – bringen Sie mir einfach genau so einen CARLOS I wie ihn Gerlinde hat.

Und als der unfähige Kellner endlich weg war, stellte Carl mit säuerlicher Miene fest, dass er Kurt erstmals wirklich bedauere: denn mit einer so unentschlossenen Partnerin wie Hannelore, würde er vermutlich jeden Tag mehrfach ausrasten, sagte er und schob zufrieden seine Eiskarte zu Gerlinde, die wortlos aufstand und ging.

Hoffentlich nur, um sich die Hände zu waschen?

KH

Hans Bonfigt
Samstag, der 26. Mai 2018

Moderne Zeiten

Bekenntnisse eines ewiggestrigen Rassisten

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht. Aber mir gehen schale Witzchen über den BER auf die Nerven.
Ein schwuler Bürgermeister, eine peinliche Truppe SED-Aktivisten und ein heruntergekommener Restbestand „Sozialdemokraten“ haben sich an einem Flughafenrojekt versucht.  Das MUSSTE schiefgehen.

Nun könnte man sagen, „Berlin ist halt nun einmal Berlin, hier haben kriminelle Veruntreuung von Steuergeldern und schwachsinnige Verordnugen, die stets das Gegenteil dessen bewirken, was beabsichtigt ist, eine jahrzehntealte Tradition“.

Doch aus der Sicht eines Experten für Datenverarbeitung muß ich leider immer wieder feststellen:

BER ist überall. Sogar im schönen Bayern.

Denn junge, unerfahrene Menschen basteln sich Umgebungen zusammen, die immer komplexer werden und selbst von guten Administratoren nicht mehr beherrscht werden können. Gleichzeitig wird der verspielte Klapperatismus immer schwerfälliger und undeterministischer in seiner Antwortszeit — gleichzeitig erhöht sich die Anfälligkeit gegen Angriffe erheblich.
Was ist da eigentlich passiert ?

1. Was der Bauer nicht kennt…

Von Larry Ellison stammt das schöne Bonmot, „Ich würde meinen Kindern eher Drogen geben als DOS“.
Wohl wahr. Aber auch an unseren höheren Schulen werden unsere Kinder ausschließlich mit der kranken, kaputten PC-Architektur konfrontiert – privat sowieso.
Die Folge: Später, im Beruf, setzen unsere „alternativlosen“ Jungspunde das einzige System ein, was sie kennen. Und das ist ein Kretin aus kaputter Hardware und vermurkster Software.
– Das führt zwangsweise zu einer „Monokultur“ mit allen damit verbundenen Nachteilen,
– insbesondere einer fatalen Störanfälligkeit.
– Sinnvolle Alternativen verschwinden vom Markt,
– fatale Abhängigleiten entstehen.
Spätestens seit „Spectre“ und „Meltdown“ muß eigentlich jedermann klar sein: INTEL-basierte Systeme sind außer für Daddelspiele zu nichts zu gebrauchen. Ihr Einsatz ist grob fahrlässig.
„Windows“ und „Office“ telephonieren etwa 20 Mal „nach Hause“, wenn man nur ein einziges „Word“-Dokument öffnet. Über die fatalen Lücken in „Microsoft Outlook“ zu berichten, wäre müßig.
Solche Systeme professionell zur Verarbeitung personenbezogener Daten zu nutzen, ist schlichtweg illegal – das weiß auch die Bundesregierung.  Doch wo kein Kläger, da kein Richter.
Im Transportwesen haben wir die unterschiedlichsten Systeme zur Wahl, aus gutem Grund: Denn ob Kreuzfahrtschiff, Motorrad, A380, Traktor, Schnellzug oder Tieflader: Sie haben alle ihre spezielle Eignung. Bloß in der „IT“ – da arbeitet alles mit den über die Jahre immer wieder marginal aufgerüsteten DOS-Kisten. Ja, selbst die modernsten „Server“, in Wirklichkeit aufgebohrte PCs, booten noch mit „DOS“ – Bordmitteln.
Das war füher anders: Man hatte die „Mainframes“ für hochverfügbare, hochsichere und hochzuverlässige Massendatenverarbeitung, typischerweise im Verbund mit einer Datenbank. Programmiert wurden diese in Sprachen, die einen Programmierer nicht überfordern und es vor allen Dingen ermöglichen, daß mehrere Programmierer konfliktfrei an einem Programm oder Projekt arbeiten können.
Die Bedienung und Dateneingabe erfolgt ergonomisch OHNE Maus, man benötigt unterdessen eine gewisse Einarbeitungszeit. Allerdings ist man nach dieser um Größenordnungen schneller als ein Mausschubser.

Es gab integrierte „Mini-Computer“ für kleinere bis mittelgroße Unternehmen.

Es gab leistungsfähige technische Rechner für Prozeßsimulation, Konstruktion, Bild- und Tonbearbeitung. Diese Systeme verfügten, weitaus früher als beispielsweise Apple oder Microsoft, über eine professionelle Graphik, die bis heute unerreicht ist: Denn das X-Window – System unter UNIX verteilt Programmhaltung, Programmausführung und graphische Benutzerschnittstellen auf unterschiedliche Systeme. So können hunderte Anwender einen Hochleistungsrechner gemeinsam und gleichzeitig nutzen!
Nur zum Vergleich: Unter „Windows“ gibt es so etwas nicht und deshalb will die Münchner Stadtverwaltung wieder einen Intensiv-Oatienten „nach gängigen Standards“ unter jeden Sachbearbeiterschreibtisch stellen.

Es gab spezielle Rechner zum Steuern von Maschinen und Anlagen, die neben erweiterten physikalischen Bedingungen nuch dem Umstand Rechnung trugen, daß spezielle Hardwarefunktionen benötigt wurden, beispielsweise hochauflösende Timer, Pulsweitenmodulatoren, D/A – Wandler etc..

Tja, und es gibt den „PC“ zur Bespaßung „moderner“ Konsumenten: Papi guckt sich Pornos an, der Sohnemann erfreut sich mit dem neuesten „EGO-Shooter“ und knallt Feinde ab, die Tochter postet kompromittierende Bilder ihrer aktuellen Todfeindin auf „Facebook“ und Mami kann jetzt endlich im „Wiki“ nachgucken, was ein „Narrativ“ ist, man will ja schließlich mitreden können.
Der PC bietet also für jeden etwas — und ist damit genau so effektiv und hilfreich wie ein „Schweizer Taschenmesser“: Kann alles, aber nix ansatzweise richtig.
Der PC aber hat uns dominiert. Das blanke Mittelmaß hat uns dominiert.

2. Nicht der Bösewicht ist der Schurke, sondern das Mittelmaß

Der Manager Hans-Jürgen Esser, für mich über Jahrzehnte ein väterlicher Ratgeber, fuhr einmal vor etwa 25 Jahren mit mir als Beifahrer zufällig hinter seinem Chef her.  Hier trafen zwei Fahrstile aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, und so entspann sich folgender Monolog:
„Ah, sehen Sie: Das ist unser Hansi. Also, un-glaublich! Sehen Sie bloß, wie er um die Kurve schlabbert … und hier: Er ordnet sich gar nicht ein, fährt einfach in der Mitte, und so entscheidungsschwach wie auf der Straße ist er auch in seinem Job: Bloß niemendem wehtun, immer schön die goldene Mitte … Hansi ist kein Unternehmer, er ist ein UNTERLASSER !
Der könnte nie mein Freund sein. Und das sage ich Ihnen, mit schlechten Menschen kann ich gut umgehen, verdammtnochmal, ich bin ja selber schlecht, mit guten Menschen ja sowieso, ABER JENEN, DIE GANZ LEISE SCHLEICHEN, DEN MUSST DU AUS DEM WEGE WEICHEN.
Warten Sie, [fährt auf gefühlt 25 cm auf], GLEICH SCHIEBE ICH IHN AN !“
Ich muß dazu sagen, der Chef war immer frendlich zu mir, fand nie ein böses oder ein gutes Wort für mich oder irgendeinen anderen, war stets indifferent. Man muß ihm allerdings zugutehalten, daß er seinem schärfsten Kritiker die operative Leitung seines Unternehmens überließ. Und das gelang jenem mit Glanzbravour. Denn H.J. Esser war das Gegenteil der Mittelmäßigkeit.

Damit der Roland nicht der einzige hier bleibt, der Rupert Lay zitiert:

 Nicht der Bösewacht ist der Schurke, sondern das Mittelmaß, wenn 
 man die politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Dramen
 unserer Zeit betrachtet oder gar aufzuzeichnen versucht. Schon 
 Platons Vermutung, daß die Demokratie die Herrschaft des Mittelmaßes
 bedeute, hätte uns nach der Einführung demokratischer Systeme 
 in Europa nach 1948 etwas vorsichtiger mit dieser Herrschaftsform 
 umgehen lassen müssen. Nun, das haben wir verabsäumt - und so 
 beherrschen uns in Politik und Wirtschaft, im Sozialen (etwa den
 Gewerkschaften) und im Kulturellen (etwa den Kirchen) das Mittelmaß.
 Wie aber mag es dazu kommen, daß in demokratisch organisierten Sy-
 stemen die Herrschaft des Mittelmaßes tendenziell wenigstens unaus-
 weichlich ist ? Es handelt sich hier wieder einmal um die normative
 Kraft des Faktischen. Und das Faktische demokratischer Systeme ist
 der Kompromiß. Kompromißbildungen sind aber nun einmal die Konflikt-
 lösungsstrategien des Mittelmaßes. 

Quelle: Rupert Lay, Weisheit für Unweise (Hervorhebung von mir)

Lay indes ist ganz und gar kein Antidemokrat, aber Lay verachtet Demokratismus.

Warum ?

Demokratie – Demokratismus – Demokratur – Diktatur.

Die Diktatur des Mittelmaßes nennt sich übrigens heute „Shitstorm“.

Im Rahmen eines Fernsehinterviews wurde der geniale österreichische Verbrecher Udo Proksch einmal gefragt, „Herr Proksch, wenn Sie einen Herzenswunsch frei hätten – was würden Sie bei einer Fee bestellen ?“ — und jener antwortete, ohne auch nur eine halbe Sekunde nachzudenken:
Allen mittelmäßigen Österreichern die Krätze an den Hals !

Heiko Mittelmaaß diene als Warnung, wie fatal sich Mittelmäßigkeit in der Politik auswirken kann – bei der Konzeption technischer Systeme unterdessen sind faule Kompromisse, und nichts anderes ist das Ergebnis des Mittelmaßes, fatal und führen schnurstracks zu BER.

3. „Best Practice“

Früher hat man sich Gedanken gemacht, „optimiere ich hinsichlich Leistung, Stabilität, Ressourcenverbrauch, Modularität, Salierbarkeit“, um wichtige Entwicklugsziele zu benennen.  Und in der Tat ergaben sich höchst unterschiedliche Entwürfe. Die Kunst war, mögliche Zielkonflikte zu vermeiden oder — na, wie heißt das heute im Idiotensprech? „mitigieren“.

Heute interessiert das niemanden mehr. Es wird das gemacht, was alle anderen Idioten auch machen.  Statt „Best Effort“ ist heute die „Best Practice“ das Gebot der Stunde.

4. Wirrtualisierung

Die Entwicklung eines Kindes im Mutterleib dauert bekanntlich neun Monate. Wenn man diese Zeit verkürzen will, ist es evident sinnlos, gleich 9 Frauen zu schwängern. Man erhält zwar „statistisch“ pro Monat ein Kind, aber jedes Kind benötigt minimal neun Monate.

Um einen schwachbrüstigen „PC“ im Servergewand also zu beschleunigen, ist das „Clustering“ vieler Einzelserver womöglich nicht dazu geeignet, einen Prozeß zu verbessern. Klar, wird man entgegnen können, „viele Teilprozesse können heutzutage parallelisiert werden“, aber dummerweise gibt es immer wieder Punkte, an denen Teilprozesse aufeinander warten müssen – allerspätstens dann, wenn auf eine gemeinsam genutzte Ressource schreibend zugegriffen wird.

Die Wirklichkeit unterdessen ist grausamer und schlimmer:

„Clustering“ geht aus administrativen Gründen fast immer einher mit „Virtualisierung“.

Heutzutage entfällt der Hauptteil der Ein- und Ausgabelast eines Servers so gut wie immer auf die Netzwerkschnittstellen. Eine „virtuelle“ Netzwerkschnittstelle kann man jedoch nicht in einen „echten“ Switch stecken. Es muß also mindestens ein „virtueller Switch“her. Der „virtuelle Switch“ simuliert einen „echten“ Switch unter Zuhilfenahme einer Wald- und Wiesen – Universal-CPU. Und so kommt es, daß die „virtuellen Switches“ in Superclustern eines Servicerechenzentrums deutlich langsamer sind als absolut billige Amateurgeräte aus dem Aldi !  Denn schon die billigsten Konsumentengeräte verfügen über Hardwareunterstützung und können alle Ports simultan bedienen !

Apropos Hardwareunterstützung: „Virtuelle“ Netzwerkkarten entlasten den TCP/IP – Stack nicht von zeitaufwendigen Operationen.
Jedes Datenpaket muß, wieder von einer Wald- und Wiesen-CPU, aufwendig mehrfach ineinander verschachtelt, verpackt werden. Nun werden Sie sagen, „dann opfere ich halt zwei CPUs dafür“. Die CPUs aber arbeiten im Hauptspeicher und invalidieren („trashen“) den Cache, wodurch ALLE anderen Prozesse ausgebremst werden. Hinzu kommen, für den Profi, pro Paket in jede Richtung DREI Kernel/Userspace – Übergänge. Und jeder kostet nicht nur CPU-Zeit, sodern verlangsamt ein System durch (bei Taskwechsel notwendige) Locking-Mechanismen.
Aus technischen Gründen mußte ich am letzten Wochenende einen „virtuellen“ Server mit viel Netzlast durch einen „realen“ Server ersetzen. Es war ein Notfall; wir mußten das nehmen, was wir kriegen konnten — und das war ein schedderiger, alter „Windows 95“- PC mit Originalhardware. Eine zweite Netzwerkkarte mit stolzen 100 MBit/s war auch schnell gefunden und der Transfer auf eine gammelige IDE-Platte klappte ebenfalls prima.
Ich hatte die größte Befürchtung, eine erbärmliche Performance abzuliefern, aber am Montagmorgen kam eine Dame zu mir: „Was haben Sie gemacht ? SO SCHNELL lief unser Frontoffice-System noch nie !
Der zuvor eingesetzte Server war ein HP DL380 Gen.6, mithin also ein veritables Schwergewicht in der PC-Welt, mit allem, was die „Entwicklung“ zu bieten hatte.  Die Virtualisierung aber degradierte das System zu einer peinlich-lahmen Ente, die von einem „Pentium 5“ mit 512 MB Hauptspeicher gnadenlos deklassiert wurde.   Wohlgemerkt: Mit der gleichen Software, dem gleichen Betriebssystem und den gleichen Einsatzbedingungen.
Eigentlich wußte ich immer schon, daß Wirrtualisierung im allgemeinen und „VMWare“, die Küchenschabe unter den Virtualisierungs-lösungen im speziellen, ausgemachte Performancebremsen sind — daß es aber so schlimm steht, das hätte ich nicht geahnt.
Aber auch ich habe mich in Sachen Performance zusehr an Mittelmäßigkeit gewöhnt.

5. Besen, Besen, sei’s gewesen …

Miese Leistung ist ja heutzutage „Standard“. Aber mit der „Virtualisierung“ kauft man sich einen Verwaltungsaufwand ein, der einem buchstäblich den Atem raubt:

Jeder normal denkende Mensch würde ja erwarten, daß man ein System von außen direkt administrieren kann — aber weit gefehlt bei Platzhirschen wie „VMWare“ und IBM.

Ich gehe einmal auf die abstruseste, hirnverbrannteste Variante ein, die IBM sich nicht schämt, seinen Benutzern zuzumuten:

– Zur Steuerung eines aktuellen IBM POWER – Servers ist jetzt eine alberne „Hardware Management Console“ notwendig, ein unzuverlässiger Havarist auf der Basis von „Nürnberger Windows“ („SuSE“). Diese besticht vor allem dadurch, daß sie gerne einmal ungefragt und unerwartet die NUMA-Konfiguration des verwalteten Rechners durcheinanderwürfelt, was allerdings nicht weiter schlimm ist, denn die Idioten, die eine „HMC“ benutzen, sind generell merkbefreit.

– Aber: Neuerdings braucht man ZWEI DAVON, und, dreimal dürfen Sie raten, die installiert man dann: RICHTIG, auf einer „VMWare“ – Wirrtualisierungsumgebung.

– Nur: Auf diese Verwaltungsumgebung kann man nicht zugreifen, es braucht noch ein „Windows 10“ mit „Flash“ und allen Multimedia – Uappetitlichkeiten an Bord, um via „Vschmier“ – Konsole auf den Server zuzugreifen, der wiederum das Verwaltungsprogramm beherbergt, das den eigentlichen Serer verwalten soll, der die einzelnen Serverinstanzen verwaltet.

Wir reden also von einer Verwaltung der Verwaltungsinstanz der Verwaltung einer Verwaltung. Ein größerer Schwachsinn ist für mich bislang nicht denkbar gewesen.
Es sind mindestens fünf(!) unterschiedliche Betriebssysteme beteiligt, mindestens zwei unterschiedliche Rechnerarchitekturen und unzählige Netzwerkschnittstellen.

Wer so etwas bei einem Kunden produktiv installiert, ist für mich ein krimineller Idiot.

6. Des Kaisers neue Kleider …

Der typische „IT-Admin“ ist in seiner Mittelmäßigkeit gefangen wie ein Insekt im Bernstein. Er läßt sich jeden, aber auch wirklich JEDEN Schwachsinn als „innovatives Feature“ andrehen. Und traut sich nicht, STOP! zu sagen, um nicht vor seinen Kollegen als unwissend dazustehen. So kommt es, daß alle mit ihrer primären Arbeitsumgebung hoffnungslos überfordert sind und die Kernaufgabe der Abteilung darin besteht, sich Begründungen für das jeweils aktuelle Versagen im eigenen Projekt auszudenken – zugegebenermaßen keine leichte Aufgabe, das.

Man soll ja eine Betrachtung immer mit einem positiven Aspekt abschließen — kein Problem für mich, bitteseher:  Die modernen IT-Lakaien, durch faule Kompromisse kompromittiert,  durch „soziale Medien“ in Watte gepackt, ohne Ziel, ohne Verantwortung, ohne Achtung vor den Leistungen anderer und schon gar nicht vor der eigenen —

erst im Formulieren ihres eigenen Unvermögens sind sie dann ganz große Klasse !

-hb