Roland Dürre
Donnerstag, der 30. Januar 2020

Otto – der Lehrer.

Hier wieder rein fiktive Gedanken. Durch Otto’s Seele (einem fiktiven Gymnasiallehrer).

Im vorletzten Artikel habe ich von Judy berichtet, einem kleinen Mädchen, das als Erwachsene in die Politik ging. Heute möchte ich Euch den kleinen Otto vorstellen, der auf seinem Lebensweg den Beruf des Lehrers einschlagen wird.

Otto ist eine Fiktion wie Judy. Bei erfundenen Personen ist der Zusatz „Ähnlichkeiten mit lebenden (und verstorbenen) Personen sind rein zufällig“ fast verpflichtend. So wie ich betonen möchte, dass in den Geschichten von Judy und Otto und vielleicht noch weiteren in Zukunft „die Personen und Handlungen frei erfunden sind“.


 

Aus Datenschutzgründen habe ich das Bild von Otto durch eines von mir ersetzt.

Als kleiner Junge war Otto am liebsten im Freien. Schon morgens wollte er raus, an die frische Luft. Besonders gerne trug er seine kurze Lederhose. Im Sommer war er glücklich. Der Winter dagegen war nicht seins.

Die ersten sechs Jahre seines Lebens war Otto ein Einzelkind. Seine Existenz gab dem Leben seiner Eltern neuen Sinn. Er war ihr Augenstern und wurde verwöhnt. Auch bei den Großeltern war er der große Star. Er schien sehr begabt zu sein und konnte gut lesen, dies schon bevor er in die Schule kam. Deswegen wurde er so bald wie möglich eingeschult.

Da war es schlagartig vorbei mit seinem „glücklichen Kindsein“. Zudem bekam er zu diesem Zeitpunkt auch noch ein Schwesterchen, die ganz schnell zum neuen Liebling der Eltern und Großeltern werden sollte. Das Baby wurde verhätschelt. Wenn es schlief, mussten alle ganz leise sein, um die neue Prinzessin ja nicht zu wecken. Er dagegen wurde jeden Morgen unmenschlich früh barsch geweckt und  dann zu Fuß auf den langen Weg zur Schule geschickt. Der Schule nachmittags endlich entkommen, musste er den Rücken krumm machen für die Hausaufgaben.

Auch das ist natürlich nicht der echte Otto – das Elend nimmt seinen Lauf.

Der Winter war besonders grausam. Zur Weckzeit früh um 6:30 ist es noch stockfinster. Die Schuhe, vom Vortag noch nicht ganz trocken, waren im nassen Schnee (den es damals noch gab) schon nach wenigen Schritten durch und durch nass. Der Weg ging entlang einer dunklen und von den Abgasen der Autos verpesteten Straße. Das unfreiwillige Ziel war eine düstere Schule. Da wartete eine Klasse auf ihn, die nach mehr als 40 Schülern stank. Lauter unangenehmen und bösartige Zell- pardon Zeitgenossen.

Dort wartete auf ihn ein missmutiger Lehrer, der Mühe hatte, die große Klasse zu bändigen. Alle mussten immer sitzen, die Regeln waren streng und es hagelte Strafen. Otto war müde vom frühen Aufstehen. In der Pause wurde aus der domestizierten Klasse eine wilde Horde. Die großen und starken Jungen lachten ihn aus und rempelten ihn. Ab und zu gab es auch eine Tracht Prügel oder wurden ihm Sachen weggenommen.

Die Schulstunden brachten die große Langeweile. Er konnte ja schon lesen. Nur, die Schulbücher waren irgendwie überhaupt nicht interessant. Auch auf den hinteren Seiten nicht. Da standen nur komische Geschichten für kleine Kinder drin, die lehren sollten, was gut und was böse ist. Wobei das nie so ganz klar war. Das Rechnen war eher was für Babies. Und Heimatkunde und so ein Kram interessierte ihn schon gar nicht.

So wurde  der kleine Otto ganz schnell ein sehr demotivierter Schüler. Er war froh, wenn es vormittags hell wurde. Da konnte er zum Fenster hinausschauen. Wenn er Glück hatte, sah er ein paar der wenigen Vögel, die im Winter im Lande geblieben waren. Die beneidete er um ihre Freiheit. Der Lehrer mochte das Rausschauen aus dem Fenster aber nicht, so hagelte es Strafen.

So wurde der kleine Otto ein schlechter und unglücklicher Schüler. Daheim war er nicht mehr der bewunderte und verwöhnte Liebling. Er wurde zum bösen Bub, der immer kritisiert und gemaßregelt wurde. Die vier Jahre in der Volksschule waren für Otto die Hölle. Dann schaffte er den Übertritt ins Gymnasium, auch weil seine Eltern ihn jeden Nachmittag zum Lernen zwangen und den Lern-Fortschritt durch tägliches Abfragen am Abend kontrollierten .

Auch das ist natürlich nicht der fiktive Otto!

Auf das Gymnasium gewechselt,  ging es ihm ein wenig besser. Der Stoff war interessanter und die Fremdsprache Englisch ließ ihn von einer besseren Welt träumen. Bei Otto kam so etwas wie eine intrinsische Motivation auf. Es gab sogar Lehrer, die verstanden es, auf die Schüler und Otto einzugehen.

Dann kam die Pubertät, die für Otto wieder ziemlich schlimm werden sollte. Danach, in den höheren Klassen wurde es wieder besser. In einigen – überwiegend naturwissenschaftlichen Fächern – wurde er richtig gut. So baute er sein zerstörtes Selbstbewusstsein mit Fächern wie Biologie und Mathematik wieder ein wenig auf.

Als er merkte, dass er beim weiblichen Geschlecht so halbwegs erfolgreich war, ging es weiter nach oben. Otto nabelte sich Schritt für Schritt von seiner Familie ab, verdiente sich mit Nachhilfeunterricht gutes Geld, dass er mit Pizza-Essen und in Kneipen beim Bier verprasste. Es ging es aufwärts. Er wurde ernst genommen, wirkte bei der Schülerzeitung mit und bestand die Abiturprüfung sogar mit ganz vernünftigen Noten.

Ich kürze jetzt ab. Zu Hause wurde Otto immer eingebläut, dass ein Abiturient studieren müsse. Um es im Leben mal besser zu haben. Otto wählte sich Mathematik und Physik als Fächer aus und studierte fürs Lehrfach. Sein Motiv für die Berufswahl „Lehrer“ war, dass ihm der Nachhilfeunterricht viel Spaß gemacht hatte und er ein besserer Lehrer werden wollte als die, die er selber als Schüler erlebte hatte.

Er bestand die Staatsexamen und wurde Gymnasiallehrer. Er hatte Glück und wurde in den Schuldienst übernommen. Auch das war ja nicht selbstverständlich. Und durfte an ein neues Gymnasium, nicht weit weg von seiner Heimat, das gerade gebaut worden war.

Kurzer Einschub zum Gymnasium:
Früher durften nur wenige Prozent der „Volksschüler“ aufs Gymnasium. Da war das Gymnasium etwas besonderes. Heute geht die große Mehrheit der Kinder „aufs Gymnasium. Für viele Eltern ist es ein MUSS, dass ihre Kinder Abitur machen müssen. Der Übertritt aufs Gymnasium ist zur Selbstverständlichkeit geworden.

Ins Gymnasium kann man schon mit 10 Jahren kommen. Dann verbleibt man dort 8 oder 9, manchmal auch 10 Jahre. Die Schüler sind so zwischen 10 und 20 Jahre alt. Kinder, Pubertierende, halbstarke Jugendlich und Volljährige sind gemeinsam an einer Schule. Und die 20 Jährigen werden zum Vorbild der jungen. Gerade in den Ballungsgebieten, sind die Gymnasien zu Bildungsfabriken geworden, die 1.000 und mehr Schüler mit Bildung und Wissen versorgen sollen.

Zurück zu Otto:
Er kam mit allen gut zurecht, ob Unter-, Mittel- oder Oberstufe. Die Arbeit mit den jungen Menschen machte ihm Freude. Und er hatte allen Grund sich zu freuen, manchmal kam es ihm vor, dass er der einzige Lehrer an der Schule war, den die Schüler respektierten und dem sie zumindest auch ein wenig folgten. Das sorgte für Neid bei manchem Kollegen.

Sogar die Eltern der sogenannten Problem-Schüler freuten sich, wenn er ihre Kinder unterrichteten. Da klappte plötzlich manches besser und sie meldeten ihm das auch zurück. Das freute ihn. Er hatte auch beim Chef (dem Direktor) einen guten Ruf. Der Nachteil war nur, dass er deswegen oft mit Spezialaufgaben versorgt wurde. Das konnte auch ganz schön anstrengend sein.

Man sollte meinen, dass in Ottos Leben alles bestens war. Es gab aber auch Schattenseiten. Er bemerkte, dass viele der Lehrer ihn wegen seines Erfolges bei den Schülern nicht so mochten. Aber das er nicht beliebt war, war er gewöhnt. Hatte er doch schon oft in seinem Leben die Außenseiterrolle inne gehabt. So verkraftete er das Ganze.

Die Schule war nagelneu und sehr modern. Es machte ihm richtig Spaß, in so eine schöne Schule zu gehen. Das Raumkonzept war menschenfreundlich, es gab helle Räume und auch genug Platz für Freistunden. Schade dass man die Fenster nicht öffnen konnte und die Klimaanlage meistens nicht so funktionierte, wie sie sollte. Aber das ist heute ja nicht nur in Schulen so, sondern auch in Büros, Zügen und Hotels.

Es gab andere Dinge, die Otto mehr bedrückten. Der sinnlose Vandalismus der jungen Generation entsetzte Otto. Wie in den meisten Schulen waren eingeschlagene Scheiben, eingetretene Türen, zerstörte Feuerlöscher, demolierte Klos und manches mehr an der Tagesordnung. Manche Schüler legten eine erstaunlich kreative Kriminalität an den Tag.

Otto erinnerte das an die Schule, an die er selber ging. Da war aufgrund von Verwüstungen im Physik-Saal auch kein Unterricht mehr möglich. So dass dieser Raum für Jahre geschlossen wurde und nicht mehr verfügbar. Aber sein Gymnasium war ja schon vor Jahren abgerissen. Und anstelle dessen die gute städtische Lage für den Bau eines Kaufhaus genutzt worden.

Aber heute war es zum Teil schlimmer. Einzelne Schüler bedrohten gelegentlich Lehrer mit Gewalt. Sogar Waffen tauchten einmal in der Schule auf. Das gab es an seiner alten Schule nicht. Mobbing war sowieso an der Tagesordnung. Mal waren Schüler die Opfer, weil deren Gesichter den anderen nicht passten. Oder die Opfer waren Lehrer, die sich nicht durchsetzen konnten oder körperliche Gebrechen hatten.

Vor dem Schulgebäude sah es oft aus wie im Glasscherben-Viertel; angeblich gab es dort auch einen florierenden Drogen-Handel. Das hatte er selber noch nicht erlebt, allerdings war ihm wohl bewußt, dass Wettsaufen bei den Schülern ein beliebter Sport war, bei dem manche es zu wirklichen Spitzenleistungen brachten. Dies im Gegensatz zu ihren schulischen Leistungen. Zumindest hier wurde das Sprichwort „Intelligenz säuft“ Lügen gestraft.

Die „Abi-Streiche“ waren oft nicht mehr lustig, sondern erinnerten an Terroranschläge. Wie war es möglich, dass Kinder, die in der Schule neun Jahre unterrichtet wurden, zum Abschied so ausrasteten? Auch die Ansprachen der Schülervertretern bei den Abiturfeiern am Jahresabschluss wurden mehr und mehr vom konstruktive Rückblick auf 9 Jahre mit Danksagung zu oft gnadenlosen Abrechnungen mit der Schule und den Lehrern.

In solchen Momenten fühlte Otto sich hilflos und fragte sich ernsthaft, wie lange die Schule noch stehen oder wie sie wohl in 10 Jahren ausschauen würde. Und vor seinem geistigem Auge sah er, wie die Schüler die Schule abfackelten und die Lehrer auf dem Scheiterhaufen verbrannten.

Aber nicht nur der Zustand des Gebäudes machte ihm Angst. Auch das Alltagsleben war nicht so wie es sein sollte. Die Situation im Lehrerkollegium wurde immer stressiger. Es gab eindeutig zu wenig Lehrer. Die Folge waren Engpässe – nicht nur bei den Klassenleitern, auch bei den Fächern sah es schlecht aus. Teilzeitkräfte mussten den „Klassenleiter machen“, obwohl das nicht so gedacht war.

Insgesamt herrschte bei den Lehrkräften schon im „Normalfall“ eine katastrophale Mangelwirtschaft. Abhängig von der Jahreszeit wurde die noch schlimmer. Es gab laufend hohe Ausfälle durch Krankheit. Das Lehrer-Kollegium war überwiegend weiblich. Dagegen war ja nichts einzuwenden. Otto waren die weiblichen Kolleginnen generell lieber als die männlichen.

Nur, Frauen arbeiten gerne in Teilzeit. Es gab also viele Teilzeitkräfte an der Schule. Eine nicht ganz zu vernachlässigende Anzahl der Kolleginnen waren schwanger, es gab viele Ausfälle durch Mutterschutz. Und die schwangeren Kolleginnen mussten aufgrund des Beschäftigungsverbots bei bestimmten Erkrankungen  daheim bleiben. Das bedeutete, wenn ein Schüler mit Masern in die Schule kam, musste die Handvoll schwangere Lehrerinnen daheim bleiben.

Jeder Wandertag wurde zur Belastung. Otto machte gerne Wandertage. Er hatte Freude daran gemeinsam mit den Jugendlichen außerhalb der Schule neue Sachen zu entdecken. Die meisten seiner Kollegen sahen das anders und versuchten, sich vor dem Wandertag zu drücken. Wie auch vor mehrtägigen Veranstaltungen wie den Abitur-Fahrten. Die dann auch Otto zu viel waren.

Die Sabotage-Akte der Kinder verursachten zusätzliche Krisen, die das Lehrerkollegium belasteten. Nicht nur, dass sie immer wieder randalierten und die Schule beschädigten, auch das Internet machte Probleme. Immer wieder wurden Schüler beim Anschauen von die NS-Zeit verherrlichendem oder pornographischen Bildern oder Videos erwischt, die sie gemeinsam auf ihren Handies anschauten. Mal wurden sie mit Rauschgift erwischt. Dann musste die Schulleitung die Polizei rufen. Und die Situation an der Schule eskalierte.

Da war für die Zusammenarbeit der Lehrer nicht förderlich und verstärke die negative Entwicklung. So fielen viele Stunden Unterricht trotz großer Bereitschaft einzelner Lehrer für Überstunden aus. Die Leistungen der Schüler gingen von Jahr zu Jahr zurück. Die Leitung wollte natürlich gute Noten und eine vorzeigbare Abschlussquote. Das passte alles nicht zusammen.

Im Lehrer-Kolleg war klar, dass an den unfassbaren Zuständen in der Lehranstalt die schlecht erzogenen Kinder und deren Eltern schuld waren. Aber Otto war sich da nicht ganz so sicher wie seine Kollegen. Konnte es nicht sein, dass auch das System Schule mit Ursache war für den Hass, den manche Kinder entwickelten? Freilich hütete er sich, solche Gedanken im Lehrkolleg laut oder auch nur leise von sich zu geben. Aus gutem Grunde.

So gab es viele Tage, an denen Otto sein Job auch keinen Spaß machte. Er war zwar Außenseiter, aber er litt genauso wie die anderen Lehrer unter der Situation. Die wiederkehrenden Aggressionen und Depressionen mancher Schulkinder machte es nicht leichter.

So musste er sich wieder bewusst machen, dass es an seiner Schule auch viel Gutes gab. Immer wieder war er erstaunt, wie verantwortet schon die jungen Menschen mit Schwächeren umgingen. Es gab so viele wirklich liebe Kinder. Viele Kinder hatten erstaunlich reife Gedanken, andere waren sehr kreativ. Im Chaos der Schule gab es viele selbst organisierte soziale Inseln, die durchaus der negativen Entwicklung entgegenwirkten.

Solidarische und eigenverantwortlich organisierte Teams lieferten bei Projekttagen tolle Ergebnisse ab. Die Theatergruppe, unter der Leitung seines Freundes und Kollegen Hans, stellte immer wieder herausragende Aufführungen auf die Beine. Da merkte man, zu was  die Schüler in der Lage waren, wenn man sie nur vernünftig behandelte. Es machte Otto aber wieder traurig, dass Hans wohl der einzige Kollege war, der ihn zu verstehen schien.

Es gab Schüler, die klug und emphatisch handelten. Es gab  Schüler, die kleine Genies in Spezialgebieten waren. Die hatten sich aber das Meiste durch selbständiges Lernen beigebracht. Wie machten sie das nur? Alles Leute mit Zukunft und für die Zukunft. Andere oft sehr junge Schüler waren in ihrer Freizeit ehrenamtlich tätig.

Es gab doch auch so viel Positives, dass oft gar nicht wahrgenommen wurde.

Und es gab noch etwas anderes, was ihn wirklich positiv beeindruckte. Das war die fridays4future-Bewegung (F4F). Die war doch ein herausragendes Beispiel, dass an unseren Schulen nicht alles schlecht sein kann. fand er bewundernswert. Aber auch da war ihm bewußt, dass die Mehrheit im Lande seine Bewunderung nicht teilte …

Trotzdem: Waren das nicht alles Kinder, die in der Schule  – so auch bei ihm – wirklich etwas gelernt hatten? Die sich gründlich informierten, autonom nachdachten, eine eigene Meinung hatten, sich nicht von Dummschwätzern beeinflussen ließen, in größeren Zusammenhängen dachten und –  Zivilcourage aufbrachten! Genau die Menschen, die unsere Gesellschaft braucht!

Hoch anzurechnen war es den F4F-Kids auch, dass sie nie zur Gewalt griffen. Sie hatten mit ihrem konstruktiven Ungehorsam viel Aufmerksamkeit erzielt. Obwohl sie faktisch nichts erreicht hatten und von vielen nur runtergemacht und beleidigt wurden, blieben sie konsequent bei friedlichen Demonstrationen. Das imponierte Otto sehr. Er war sich selbst nicht sicher, ob er in seiner Jugend so friedfertig geblieben wäre.

Otto hütete sich, seinen Kollegen sein Herz auszuschütten, weil er  ahnte, dass die meisten Kollegen ihn nicht verstehen würden.

Er fragte sich: Müsste man die Bildungssysteme nicht reformieren? Utopische Gedanken machten sich in seinem immer noch jugendlichen Gehirn breit. Er begann zu träumen: Von agilen und selbst organisierten Schulen. Die nicht dümmlichen Lehrplänen folgen mussten, die man nur mit „kaum zu erfüllen und nicht mehr zeitgemäß“ bewerten kann.

Sondern Schulen, in denen die Jugendlichen selber bestimmen dürfen, was sie lernen wollten und das auch eigenverantwortlich in die Hand nehmen. Und die Lehrkräfte dabei eher die Rolle des unterstützenden Mentors übernehmen und sich aufs Anregen, Impulse geben und Inspirieren konzentrieren!

Wie schön wäre eine Schule, an der das Lernen Spaß macht und Kinder, Jugendliche und Lehrer gerne hingehen. Und sich auch die mit ihrer Schule identifizieren, sie gut behandeln und nicht zerstören? Aber wie sollte das mit und in dem aktuellen System funktionieren?

 


 

Otto hatte mal einen Vortrag gehört, in dem ein Schlauschwätzer seinen Zuhörern empfohlen hatte, im  Berufsleben nach folgendem Motto zu handeln:
„Love it, change it or leave ist!“

„Love it“, das war ihm klar, das würde er nicht schaffen, dazu war die Situation zu schlimm. Die konnte man nicht lieben. Außerdem war er ein leidenschaftlicher Lehrer. Und hatte einen ganz anderen Anspruch. Also:
„Change it!“ ?
Das wäre schön. Nur, der Karren steckte zu tief im Dreck. Allein, oder gemeinsam mit Hans. dem Leiter der Theatergruppe, konnte er ihn da nicht raus ziehen. Da hatten sie keine Chance. Und mächtige Verbündete, die ihm helfen würden, sah er auch nicht. Also blieb nur
„Leave it!“
Das schien unmöglich. Er war verbeamtet. Otto wollte zeitnah heiraten und eine Familie gehören. Mit seinem Gehalt würde das eh nur mehr schlecht als recht funktionieren. Seine Versorgung fürs Alter war ihm auch wichtig. Seine Pension war toll. Da hatte er nur Mitleid mit den Angestellten, von denen manche in der „Industrie“ ein wenig mehr verdienten als er. Dafür mussten die aber auch meistens mehr arbeiten. Und hatten viel weniger Freizeit und -heit als er. Und deren Rente war im Verhältnis zu seiner Pension ärmlich.

„Ich muss es nur bis ins Rentenalter schaffen und darf nicht vorher an einem Burn-Out sterben“ dachte er. Wie könnte er das schaffen? Otto kam eine Idee: Er könnte ja ins Ministerium wechseln? Das wär doch was! Nach so einem Job würde er sich jetzt mal umschauen. Vielleicht könnte er von dort aus das Schulsystem ein wenig verbessern.

Und wenn das nicht klappen würde, blieb ihm zur Not ja noch der Wechsel auf eine Privatschule. Angeblich sollte es da einige geben, die ganz gut funktionierten. Als Beamter war er ja unkündbar, konnte seinen Dienst aber täglich niederlegen. Er war doch in einer komfortablen Situation.

Er könnte auch eine reiche Frau heiraten, mit ihr Kinder kriegen und „home schooling“ machen. Dazu müsste er allerdinges auswandern. Denn die BRD ist wohl so der einzige Staat in dieser Welt, in dem „home schooling“ verboten ist.

Ich bin gespannt, wie es mit Otto (und unserem Schulsystem) weitergeht?
🙂 Und so unternehmerisch wie Otto rüberkommt, würde ich ihm empfehlen, ein Schulunternehmen zu gründen. Am besten ein agiles und sich selbstorganisierendes. Hier eine Variante.

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 21. Januar 2020

Entscheidungslehre (Unternehmertagebuch #131)

Ich werde öfters gefragt:

„Du hast doch in deinem Leben viele Entscheidungen fällen müssen. Wie hast Du das nur gemacht?“

So wird das Leben als „Kaptiän“ ganz einfach.

In der Tat habe ich in meinem Leben oftmals „entscheiden“ müssen. Gerade wenn ich ein Problem hatte. Natürlich immer unter Unsicherheit, weil die Unsicherheit die wesentliche Eigenschaft der Entscheidung ist. Eine Entscheidung erfolgt immer unter Unsicherheit, so ist der Begriff definiert.

Teil zwei der Definition ist, dass Entscheidungen eine Relevanz haben müssen. Das heißt, dass die der Entscheidung folgende Handlung wichtig ist und etwas wesentlich verändern soll und wird.

À propos Problem. Diesen Begriff definiere ich so:

„Ein Problem ist ein Zustand, der so nicht bleiben darf“.

Das habe ich immer wieder erlebt. Und ein Problem ist immer eine Aufforderung, Entscheidungen zu fällen.

Soweit der theorethische Teil. Pragmatisch habe ich immer versucht, meiner Intuition und meinem Gefühl zu folgen. Die rationalen Argumente können für die Kontrolle genutzt werden, ansonsten kann man sie vergessen.

Immer wenn ich gegen mein Bauchgefühlt gehandelt habe, waren die Folgen ärgerlich bis vernichtend.

Aber wie gelangt man zu ausreichend „Gefühl und Intuition“, um schnell und halbwegs vernünftig entscheiden zu können. Die Antwort ist einfach. Man muss in dem Umfeld, das die Entscheidung betrifft, möglichst viel „erlebt“ und „erfahren“ haben. Fast möchte ich sagen gelernt haben“ – dazu muss man am Leben teilhaben. Und zwar intensiv!

Im geschäftlichen Bereich bedeutet das, dass man nicht im Elfenbeinturm sitzen bleiben und nur die Reports lesen darf, sondern dass man raus muss! Der Fehler fängt schon an, dass an „jemand reportet wird“. Nicht die Mitarbeiter müssen dem Chef reporten, sondern der Chef muss am Leben der Mitarbeiter teilhaben. Sonst kann man auf ihn verzichten. Das gilt in der digitalen Welt genauso wie davor.

Und das habe ich mein Leben lang so gemacht. Als Geschäftsführer der InterFace Connection war ich immer mit den Kollegen unterwegs und so bei den Kunden und Anwendern unserer Produkte. Bei den großen wie der Bundesagentur für Arbeit genauso wie bei den vielen kleinen Gemeinden, die auch HIT eingesetzt haben.

Auch später war ich immer dabei, nicht nur wenn es gebrannt hat. Das war bei den Premium Kunden so wie der WestLb in Düsseldorf, dem Daimler in Stuttgart oder bei unserem Print-on-Demand Kunden Arvato (Tochter von Bertelsmann in den USA. Aber auch bei allen kleinen und großen Kunden, von Flensburg bis in die Schweiz, ganz gleich ob sie ein Produkt von uns im Einsatz hatten oder ob sie von Mitarbeitern unseres Unternehmens betreut wurden, ich war immer ein paar Mal bei ihnen zu Besuch. Aus dem dabei Erfahrenem und Erlebten habe ich meine Sicherheit beim Entscheiden gewonnen.

Und als Aufsichtsrat mache ich mir auch gerne ein Bild von der Situation, in dem ich mit den betroffenen Menschen rede. Das mag auch nicht immer einfach sein und gelegentlich zu kommunikativen Problemen führe. Ich nehme das aber in Kauf, weil es mir so gelingt zu lernen, was Sache ist.

Deshalb meine Empfehlung:

Macht Euch das Leben und Entscheiden nicht schwer!

Geht raus in Euere Umwelt (für ein Unternehmen sind das die Kunden) und redet viel mit Euren Stakeholdern (Mitarbeiter, Geschäftspartner, Konkurrenten …). Dann erlebt und erfahrt Ihr soviel, dass Euch ganz schnell die richtige Antwort auf die tägliche Frage „Mach ich es so oder so?“ findet.

Und sicher macht es auch Sinn, die getroffene Entscheidung dann auch noch mal rational zu überprüfen. Aber dann hat sich aus und es wird gemacht!

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 18. Januar 2020

Widersprüche bei der Widerspruchslösung

Freiheit gibt es nur auf dem Fahrrad, aber nicht im Bundestag.

Die vergangene Woche am Donnerstag (16. 1. 2020) sind die Hunde mal wieder von der Leine gelassen worden. Im Bundestag wurde der Fraktionszwang aufgehoben! Das Gewissen des einzelnen Abgeordneten sollte seine Entscheidung bestimmen.

Das heißt die Abgeordneten durften „frei“ abstimmen. „Weil das Thema ethisch so relevant wäre“. Es ging nämlich um einen Gesetzesvorschlag für eine Widerspruchslösung beim Thema „Organspende“.

Ich persönlich glaube gar nicht, dass das Thema an sich ethisch so herausragend wichtig ist. Die Menschen empfinden es als wichtig, weil letzten Endes wir alle Angst haben, lebendig ausgeschlachtet zu werden. Das ist auch ein Thema im Video „Die Kunst des Negativen Denkens“ von und mit Klaus-Jürgen Grün (Link).

In einem Kommentar habe ich gehört, dass diese Abstimmung immer wieder eine Sternstunde unserer Demokratie gewesen wäre, die die Menschen wieder mit der Politik versöhnt hätte. Ich habe da meine Zweifel. Abgeordnete sollen ihrem Gewissen folgend abstimmen, das haben doch die Väter unseres Grundgesetzes so festgelegt:

… ist er (der Abgeordnete)  bei der Wahrnehmung seines Amts weder an Aufträge noch an Weisungen gebunden, sondern lediglich seinem Gewissen unterworfen. Dies wird in der Rechtswissenschaft als freies Mandat bezeichnet. …
(Artikel 38 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland)

Was ist also so besonders daran, den „Fraktionszwang“ aufzuheben? Mir fällt als Argument für den „Fraktionszwang“ vor allem ein, dass das die politische Steuerung und Durchsetzung für Interessensgruppen vereinfacht. So können sich die Lobbyisten auf weniger Köpfe konzentrieren, das dürfte die Sache einfacher machen. Gerade bei der inflationären Mehrung der Bundestagsabgeordneten.

Einer Umfrage folgend war die Mehrheit der Deutschen für die Widerspruchslösung (ZDF-Politbarometer).  Allerdings wurde im Bundestag genau andersrum entschieden. 379 Parlamentarier waren dagegen und nur 292 dafür (Tagesschau). Man könnte schließen: Die Aufhebung des Fraktionszwanges ist gefährlich. Weil der Bundestagsabgeordnete ein ganz anderes Gewissen hat als der Bundesbürger.

Aber zurück zur Widerspruchslösung. Ich habe am Mittwoch, dem Tag vor der Abstimmung, das Tagesgespräch am Mittag im 2. Programm des Bayerischen gehört. Da ging es um Anrufe von Bürgern zum Thema Organspende und Pros und Contras zur Widerspruchslösung. Dabei war auch ein „Experte“, der ohne Einschränkung für die Widerspruchslösung war. Natürlich war er Teil der Plantations-Industrie. Aber hatte offensichtlich „Kreide gefressen“ und versuchte menschlich sehr verständnisvoll und ethisch absolut korrekt aufzutreten.

Das Thema war nur insofern ethisch, weil die Frage behandelt wurde:
Darf und soll man Menschen zum Beispiel durch ein Gesetz zu persönlichen Entscheidungen zwingen. Und wenn er sich nicht zwingen lassen will, „per default“ die Entscheidung voreinstellen. Darum ging es, um sonst nichts.

Das ist ein schwieriges Thema. Wissen wir doch aus der Gehirnforschung, dass der Mensch vielleicht gar nicht „frei“ ist. Und die Auffassung, dass Menschen sich bewusst und frei entscheiden könne, wohl ein historischer Irrtum ist.

Dazu habe ich aber nichts gehört.

Dafür wurden einige Thesen kommuniziert, bei denen es mir die Schuhe ausgezogen hat.  Bei den Expertenantworten war es noch schlimmer. Ich berichte ein wenig:

Gleich die erste Anruferin hat einen symmetrischen Entscheidungszwang vorgeschlagen. Ein Formular mit vier Aussagen, von denen man zwei Ankreuzen müsse, wenn man z.B. einen neuen Personalausweis beantrage:

  • Ich bin bereit, nach meinem Tod meine Organe für Transplantationen zur Verfügung zu stellen.
  • Ich bin NICHT bereit, nach meinem Tod meine Organe für Transplantationen zur Verfügung zu stellen.
  • Im Bedarfsfall wünsche ich mir eine Transplantation.
  • Im Bedarfsfall lehne ich eine Transplantation ab.

Zwei davon müsse man ankreuzen.Verweigert man sich, wird angenommen, dass man bereit ist, Organe zu spenden und im Notfall zu erhalten.

Die Motivation dieses Vorschlags ist klar. Man suggeriert, dass es eine „moralische Verpflichtung“ gibt, Organe zu spenden, wenn man im Notfall eines erhalten will.

Organspender haben Vorrang als Empfänger.

Ich weiß nicht, ob man einem Menschen in Not ein Organ verwehren sollte, nur weil er selber meint, dass er keines spenden wolle. Aber die Mehrheit der Anrufer hat diese Regel unterstützt.

Ein anderer Gedanke hat mich überrascht.

Menschen, die ihre Organe selber zerstört haben, sollen kein Recht auf ein fremdes Organ haben.

Damit war gemeint, dass z.B. Alkoholiker oder besser gesagt Alkohol-Kranke kein Recht auf Hilfe haben, wenn sie Ihre Leber kaputt gesoffen haben. Das finde ich nicht richtig. Wie soll ich das Schicksal eines anderen Menschen bewerten können? Besonders wenn er im Unglück gelandet ist.

Der Experte allerdings ging auf die Frage gar nicht ein. Er stufte sie als unwichtig ein, weil dies in der Praxis kaum vorkommen würde. Mehr als 95 % der defekten und zu ersetzenden Organe würden nicht aufgrund von Selbstzerstörung sondern als Folge einer Krankheit oder genetischen Ursachen ausfallen.

Dann ist das mit dem Medikamentenmissbrauch, Rauchen & Saufen, Übergewicht doch gar nicht so schlimm? Wenn die meisten Organe eh kaputt gehen, ohne eigenes Fehlverhalten. Eine eigenartige Antwort. Folge ich dieser Expertenaussage, dann scheint es mir recht unnötig, auf meine Gesundheit zu achten.

Aber das war nicht die einzige fragwürdige Antwort des Experten. Auf den Hinweis eines Anrufers, der sich selber als Arzt (Internist) vorstellte und anmahnte, dass auch die Prognose für den Patienten bei einer Transplantation berücksichtigt werden sollte, kam folgende Aussage: Patienten mit einem Transplantat hätten im Vergleich zu Patienten mit anderen großen Operationen eine viel bessere Prognose. Gerade bei schweren Krebsfällen sei diese sehr gering – und trotzdem würde man operieren. So erlebe ich es auch in meiner Bekanntschaft.

Aber genau das zeigt doch die Schwachstelle unserer „Gesundheits-Systems“. Anstelle in die Vorsorge zu investieren und Menschen human im Notfall zu helfen soweit sinnvoll möglich, bekommen wir gerade eine privatwirtschaftliche Gesundheitsindustrie, die natürlich als oberstes Ziel den „sharehoder value“ hat. Und mit aufwändigen Spitzenprodukten verdient man leichter viel Geld als mit verantworteter Fürsorge.

Das ganze Gesundheitssystem müsste neu gedacht werden. Und wahrscheinlich wäre die teuer Extrem-Medizin nicht das primäre Thema. Es geht um Menschlichkeit und grundsätzliche Qualitäten, die zuerst mal gesichert werden müssen. Und es gilt viele Probleme zu lösen wie die vielen Todesfälle durch Krankenhaus-Keime.

In der privatisierten Praxis und Klinik ist das oberste Ziel, die teuren Maschinen auszulasten, die Umsätze mit teuern Medikamenten zu maximieren und die logistischen Systeme auszulasten. Es fällt auf, dass die medizinischen Kosten in den letzten Monaten eines Lebens oft explodieren. Da wird der Patient nochmal richtig ausgenommen. Wie insgesamt das medizinisch Sinnvolle und Angemessene nur noch zur unwichtigen Randbedingung verkommen ist.

Die Privatisierung wird gefeiert und durchgezogen. Die Kliniken werden streng kaufmännisch geführt, die Akzeptanz durch Design und eine schöne Fassade und gutes Marketing angestrebt. Die medizinischen Prozesse werden optimiert. Mit Spezialisierung und hoher Industrialisierung wird die Qualität der Eingriffe gesichert und die Kosten minimalisiert. Die Behandlung wird zu einem standardisierten Prozess, der auf die individuelle Situation des kranken Menschen gar nicht mehr eingehen kann. Und der Patient? Er wird zur Ressource, mit der man viel Geld verdienen muss. Und die private Gesundheitsindustrie wird in Niedrig- bzw. Minuszins-Zeiten zur Renditen-Oase.

Und da kommt mir eine Idee. Nehmen wir an, ich bin ein junger Mann, dessen Reichtum sein gesunder Körper, eine liebe Frau und eine nette Tochter sind, der aber über keinerlei Vermögen verfügt. Dann könnte ich mir vorstellen, dass ich folgende Verfügung für meinen Tod erstellen würde:

Hiermit verfüge ich, dass meine Organe nach meinem Tod entnommen und für Transplantationen genutzt werden sollen. Als Gegenleistung erwarte ich, dass die Erlöse für die Organe gemäß der beiliegenden Preisliste in voller Höhe an meine Frau gehen.

Das wäre dann keine „Organ-Spenderausweis“ sondern ein „Organ-Verkaufsausweis“. Ethisch glaube ich, wäre so etwas nicht zu beanstanden. Und ist in unserer kommerziellen Welt vielleicht sogar ehrlicher wie das „spenden“. Warum soll ich nicht das Letzte, was von mir bleibt, meinen Lieben hinterlassen? Und warum soll die Transplatations-Industrie nicht auch für ihren Rohstoff bezahlen – so wie jedes andere Gewerbe? Der Metzger muss ja auch seine Schweine und Kühe kaufen und kriegt sie nicht vom Bauern gespendet.

Ich hätte auch noch eine Frage an den Experten. Wie viel Prozent von den in Deutschland gewonnenen Organen sind von Motorrad- und Radfahrern? Oder allgemein von Verkehrsopfern? Auf die Antwort wäre ich gespannt. Vielleicht haben die im Bundestag dann ein gewichtiges Argument mehr gegen Tempo-Limits und die Vision Zero. Aber wahrscheinlich wird der Experte da sagen, so viele sind das gar nicht.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 5. Januar 2020

Digitalisierung auf Deutsch: Der BON.

Zum Jahreswechsel hat die neue „Bon-Pflicht“ im Einzelhandel ein wenig Furore gemacht. Denn ein vor drei Jahren (noch von der letzten Bundesregierung) beschlossenes und ziemlich veraltetes Gesetz dazu wurde am 1. Januar 2020 wirksam.

Deshalb ist der agile Altmeier am Jahresende erschrocken. Und wollte da noch schnell etwas ändern. Das Gesetz aussetzen oder zumindest verschieben. Aber die SPD hat ihn abblitzen lassen, indem sie auf den Koalitionsvertrag verwiesen hat.

Wahrscheinlich war das Ganze nur ein kluges Manöver vom schlitz-ohrigen Altmeier, um die SPD jetzt endlich unter die 5 % – Grenze zu bringen. Und bei aller Liebe, eine Partei die Papier-Bons vorschreibt, kann man wirklich nicht mehr wählen. Es sei denn, sie wäre eine Satire-Partei.

Mit dem Gesetz hofft man, einen Steuerbetrug von 50 Milliarden EURO im Jahr einzudämmen. Vorgestern war das Bon-Gesetz Thema des Tagesgesprächs im Bayerischen Rundfunk, das ich immer gerne höre. Die Reaktionen der Anrufer in der Sendung  waren überwiegend nicht begeistert.

Irgendwie ist es ja auch geisteskrank, wenn wir jetzt meinen, mit dem Drucken und Vernichten von kleinen Papier-Bons eine größere Steuergerechigkeit zu erzielen. Besonders, wenn der Käufer den Beleg gar nicht an und mit nehmen muß, um dann bei einer Brezel-Kontrolle durch die Finanz-Polizei belegen zu können, dass er seine Brezel eben nicht schwarz gekauft hat. So wie bei das in den Vorbild-Ländern Italien und Griechenland ist bzw. war.

Wenn man das Gesetz wohlwollend interpretiert, ist es ein gut gemeinter aber schlecht gemachter Versuch, Steuergerechtigkeit auch bei kleinen Unternehmen wie Bäckereien, Metzgereien oder Gaststätten durchzusetzen. Denn der Schaden durch Steuervermeidung bei kleinen Mittelständler soll sich in ähnlicher Höhe bewegen wie bei den Gross-Betrügereien wie Cum-Ex, nämlich jeweils im zweistelligen Milliardenbereich pro Jahr.

😉 Und der Staat darf ja nicht nur die Großen fangen wollen. Das ist schwierig und klappt vielleicht nicht. Vielleicht kriegt man die Kleinen leichter? Und immer nur die Großen verfolgen und die Kleinen laufen lassen, ist ja auch nicht richtig.

Denn wenn wir dann in der Summe aufgrund von mehr Steuergerechtigkeit bei den kleinen – die eben auch Mist machen – und den großen Systembetrügern (cum ex etc.) und dann auch noch den internationalen Konzernen, die ihre Gewinne ja auch ziemlich steuerunschädlich verschieben plötzlich dreistufige Milliarden-Mehreinnahmen hätten, dann wär ja genug Kohle für die Transformation da, die die Klima-Veränderung und der strukturelle Wandel erfordern. Das wäre doch toll. Wir könnten uns volle Kraft voraus auf die Rettung der Umwelt stürzen!

Wobei ich einschieben möchte, dass man vielleicht einen Handwerksbetrieb, der im Rahmen seiner Wertschöpfung ein paar Brezen nicht versteuert, „moralisch“ anders bewerten kann als Unternehmen, die als Geschäftsmodell systematisch kreative Betrugsinnovation entwickelt und im großen Stil betreibt. Und auf irgendeine Art von Wertschöpfung dabei völlig verzichtet.

Aber diese Hoffnung (Klima- und Umweltschutz finanzierbar durchs Bongesetz) wird sich nicht erfüllen, denn moderne Gesetze haben keine Kraft mehr. Zuerst Mal machen sie alles immer kompizierter. So entstehen traumhafte neue Umgehungsmöglichkeiten. Durch eine Unmenge von Ausnahmeregelungen werden die Gesetze schon zum Start bis zur Wirkungslosigkeit abgeschwächt. Beispiele finden sich da beliebig weitere: Werbeeinschränkung für Tabak-Produkte, Lebensmittelgesetz, das Bon-Gesetz, Spekulationssteuer, die Gesetze zum Klima-Schutz usw. Und letztendlich werden die Gesetze nicht ausreichend kontrolliert; zum Teil können sie das auch nicht weil die Kontrolle unrealistisch oder zu teuer ist.

So erfüllen die meisten Gesetze ihren eigentlichen Zweck in der Regel überhaupt nicht. Man muss froh sein, wenn sie den Schaden nicht vergrößern, den sie vermeiden sollen.

Und wenn ein Gesetz einfach wäre, garantiert einen Erfolg hätte und auch noch leicht einzuführen wäre, dann wird es erst gar nicht gemacht. Das beste Beispiel ist das Tempolimit auf Autobahnen, Landstraßen und in Kommunen, mit dem man so einfach Leben. retten, Kohlendioxid einsparen und die Lebensqualität erhöhen könnte.

Aber gehen wir mal davon aus, Gerechtigkeit an sich ist wünschenswert und dies auch bei der Steuer. Betrachten wir das „Bon-Gesetz“ mal positiv. Das Ziel des Gesetzes war ja nicht, dass wir jetzt völlig sinnlos Papier drucken und dann auch gleich zu vernichten. Das ist zweifelsfrei sinnfrei, dürfte aber der einzige Effekt sein.

Das Ziel war, dass „elektronische Kassensysteme“ transaktionssicher werden. Wenn eine Transaktion rechtsmäßig abgeschlossen ist, dann muss ein deutliches Zeichen gesetzt werden. Soweit die Theorie.

Und deshalb wird, wenn die Breze verkauft und bezahlt ist, ein Papier gedruckt. Das ist der Bon, auf dem die eindeutige Idendität der Transktion (Transaktionsnummer), gerne als QR-Code gedruckt wird. Der Ausdruck ist das Zeichen, dass die Transaktion, der Eigentums- und Besitzübergang und auch die Bezahlung abgeschlossen sind.

Dass eine Transakation für alle Vertragspartner wahrnehmbar abgeschlossen und rückverfolgbar gespeichert wird, ist sicher nichts Unsinniges. Beim Bon-Gesetz verlangt der Gesetzgeber auch nur eine geeignete Maßnahme, zum Beispiel den Ausdruck eines Papiers, um den Abschluß der Transaktion zu offizialisieren.

Was wären die Alternativen?

Hätten wir eine vernünftige bargeldlose Bezahlkultur wäre das Einfachste. Dann würde ich beim Bäcker mein Mobiltelefon hinhalten, quittieren und hätte dann einen Beleg auf dem Handy. Und könnte in Ruhe nachschauen, wann ich mir wieviel Brezeln gekauft habe und was ich bezahlt habe.

Bei Verwendung von Bargeld ist das nicht ganz so einfach. Wenn ich die Bons mitnehme, was mache ich damit. Hefte ich sie ab? Wie könnte man das Ausdrucken des Bons ersetzen? Wahrscheinlich geht es nur mit Papier.

Ich könnte mir beim Bäcker einen Bildschirm vorstellen, auf dem ich den Einkauf sehe. Und wenn ich bezahlt habe, erklingt ein Jingle, und dokumentiert, dass die Transaktion im System des Bäckers abgeschlossen wurde und das Geld in dessen Kasse ist. Aber das würde dann vielleicht mit dem Datenschutz kollidieren.

Mich hat das Bon-Gesetz an von mir erlebte Computer-Kriminalität Ende der 70iger Jahre erinnert hat. Da ging es um den Druck von Fahrkahrten als Ergebnis und Beleg einer Transaktion vom Typ „Fahrkartenkauf“ am Reisebüroschalter. Es wurde kriminell, weil kluge Mitarbeiter einen Trick gefunden hatten, wie das System dazu gebracht wurde, die Fahrkarte zweimal zu drucken und der doppelte Ausdruck schwarz verkauft wurde. Da ging es nicht um Steuervermeidung sondern um private Bereicherung.

Wie wir das dann letztendlich mit einfacher Technologie unterbunden haben, habe ich am 17. August 2008 berichtet:
Computer Vintage #3 – Wie die Fahrkarten sich verdoppelten (1979/80)
🙂 Das ganze ist echtes Computer Vintage.

Zum Bon-Gesetz meine ich:
Das ganze ist wieder mal (k)ein Glanzstück unserer Regierung.  Es wird nichts bringen, außer Bürokratie und Müll. Den öffentlichen Raum in der Nähe von Bäckereien wird man daran erkennen, dass auf den Gehwegen neben dem üblichen Müll viele kleine Bons herumliegen.

Es zeigt aber wieder, dass die Damen und Herren in unserer Regierung nicht begriffen haben, was „Digitalisierung“ ist. Denn wenn es um Steuervermeidung geht, dann sollte man zuerst mal den digitalen Zahlungsverkehr ermöglichen. Und vielleicht daran denken, dass Steuerkontrolle und Datenschutz einfach ein Widerspruch sind.

Bei uns entstehen immer mehr Gesetze, die den Aufwand und die Bürokratie erhöhen und alles komplizierter machen. In Extremfällen sind die Anforderungen in Gesetzen unerfüllbar, weil sie sich elementar versprechen. Dem „edlen Ziel“, für das sie gemacht worden sind,  dienen sie aber nicht sondern bewirken oft das Gegenteil.

Die Bürger verstehen die Flut der Gesetze nicht mehr. Sie befolgen die Gesetze nicht, weil sie diese für sinnvoll halten. Nein, Gesetze werden nur noch eingehalten, wenn der Schaden durch die Strafe deutlich höher als der Nutzen der Gesetzesübertretung ist. So verkommt anständiges Verhalten zu einer schlichten Güterabwägung, man optimiert danach ob Nutzen oder Schaden des Gesetzesbruch überwiegen.  Soziale Kultur wird zerstört und auch der so wertvolle Rechtsstaat wird dadurch beschädigt.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 1. Januar 2020

Jetzt ernsthaft …

2020 in der Heimat!

Mitternacht am 31. 12. 2019. Draußen böllerts. Ich bin zu Haus. Diesmal keine Party und kein Angestoße.

Ein paar persönliche Wünsche für ein gutes neues Jahr hätte ich schon! Aber welche?

Da kommen mir zuerst so die üblichen Gedanken.

Dass alles noch ein wenig weiter so schön bleibe, wie es ist. Dass es den Freunden weiter gut gehen und dass es in 2020 keine schlimmen Unglücke und Abschiede geben möge. Das wäre schön.

Aufgrund unserer Endlichkeit muss ich immer damit rechnen, dass etwas passiert. Tod und Krankheit kann man nicht verbannen. Also muss ich damit umgehen und hoffen, dass es nicht zu schlimm wird.

Ich wünsche mir auch noch viele schöne Erlebnisse in meinem Leben. Aber die muss ich selber machen. Da müssen nur die Voraussetzungen erhalten bleiben. Dass uns ausreichende Kohle bleibt für ein sorgenfreies Leben und vor allem Gesundheit. Ohne die nichts geht. Und das kann man halt nicht immer selber steuern.

Aber andere Sachen könnte man ändern. Vielleicht ein paar Kleinigkeiten. Also Augen zu gemacht und ein wenig geträumt. Was könnte oder sollte konkret im Jahre MMXX im Süden Münchens im täglichen Alltag ein wenig besser werden?

Ich lasse mein Alltagsleben an meinem geistigen Auge vorbeigleiten. Eigentlich passt alles. Alles ist bestens. Ich finde nichts zum Mäkeln. Aber dann entdecke ich doch den einen oder anderen kleinen Makel.

  • Ich gehe regelmäßig zu Fuß von mir zu Hause (in der Kufsteiner Straße in Neubiberg) ins Ortszentrum Ottobrunns. Dazu muss ich  die Putzbrunner Straße überqueren. Da fahren aber so viele Autos, dass ich nicht so leicht drüber komme. Unfassbare viele Autos für so ein kleines Dorf. Und so stehe ich ganz schön lange da und warte auf die Lücke. Und bräuchte einen Atemschutz.
  • Wenn ich nach Putzbrunn zum Bäcker radele, ist es für die Lunge noch schlimmer. Sogar am Sonntag in der Früh wundere ich mich über die Autokarawane, die sich über die Putzbrunner Strasse (und zum Teil auf die Parkpätze beim Bäcker) schiebt. Und die Fahrer finde ich komisch, weil sie sich auch bei minus 5 Grad im kurzen T-Shirt beim Bäcker in der Warteverschlange versammeln und hoffen, dass ihr SUV dann bei der Rückkunft von der Standheizung weiter aufgeheizt wurde.
  • Fasziniert bin ich auch von den MVV-Bussen, die sich im täglichen Autocorso mitbewegen. Da sieht es drin zwar warm aus, aber gerade am Wochenende sitzt selten mehr als ein Mensch drin. Ich wünschte mir, dass die Busse voll Menschen wären und nicht die Straßen voll von so vielen SUVs. Allerdings weiß ich, dass SUV-Fahrer gegen Busse allergisch sind und deshalb nicht im Bus fahren können.
  • Aber nicht nur die Autos vermüllen die Luft. Gerade wenn ich im Winter auf den Gehwegen unterwegs bin schätze ich es nicht, wenn mir der ewige Raucher entgegenkommt. Und dieser, kurz bevor sich unsere Weg kreuzen, eine große Wolke Tabakrauch ausstößt. Und ich plötzlich in meine Rauchervergangenheit zurückversetzt werde und ich vergeblich nach frischer Luft schnappe.
  • Aber die Vermüllung findet nicht nur im Bereich der Luft statt. Auch der Boden ist verdreckt. Nicht nur mit Zigarettenkippen, -schachteln oder Kaugummi. Sondern mit Müll aller Art. Auch Sondermüll. Gerade nach Auslandsreisen, wie vor kurzem durch ein paar südamerikanische Städte in Chile und Peru, fällt es mir auf, wie dreckig es in Neubiberg und Ottobrunn. Überraschenderweise im Gegensatz zu Orten in der weiten Welt, die wir mit unseren Vorurteilen als schmutziger einschätzen. Und die sich als fast peinlich sauber anfühlen. Gut, Neubiberg und Ottobrunn sind ja auch nicht die besten Wohnorte im Südosten von München. Trotzdem, bei den Mieten, die man hier zahlt, hätte man vielleicht eine saubere Gemeinde verdient.
  • Dabei haben wir sogar Kinos in Ottobrunn! Das ist toll. Und in den Kinos laufen sogar oft ganz gute Filme. Die letzten beiden, die ich in Ottobrunn gesehen habe, waren der neueste Woody Allen und ein herausragender deutscher Dokumentationsfilm mit dem einprägsamen Titel „Systemspringer“. Nur, das Kino ist immer leer. So leer, dass man sich nicht freut, dass man soviel Platz hat, sondern eher einsam ist. Vielleicht sollten die Ottobrunner das Angebot mehr nutzen. Ein bisschen kommunikatives Kino-Leben auch in der Provinz wäre doch schön.
  • Aber zurück zum Verkehr. Was da noch ein wenig besser werden könnte, wäre auch die Münchner S-Bahn. Auch bei meiner letzten Heimreise kurz vor Weihnachten von Argentinien war es wieder da, das Phänomen. Alles war pünktlich. Sogar die S-Bahn vom Flughafen ist pünktlich losgefahren. Auf dem Weg zum Ostbahnhof – und wir hatten die reelle Chance, den direkten Anschluss dort nach Ottobrunn zu schaffen. Das macht nach einem langen Flug durchaus Freude. Dann machte die Flughafen S-Bahn aber wieder ihre außerplanmäßige Pause  am Leuchtenberg-Ring von gut 10 Minuten. Und es war mir klar, dass es mit dem schnellen Umstieg am Ostbahnhof mal wieder nichts mehr werden würde.
  • Heute ist ja Silvester. Mir persönlich immer ein Graus. Ich friere an Mitternacht ungern im Stehen bei Minus-Temperaturen; Champagner im Freien macht das dilettantische Geböllere auch nicht besser. Das alles in einer Luft zum Schneiden. Und morgen früh (eigentlich schon heute) entdecken wir dann wieder, wie es der Homo Sapiens geschafft hat, die Welt so richtig richtig zu verdrecken. Mit seinem „Sch…-Feuerwerk schafft er Müll-Spuren, die wieder bis in den Frühling sichtbar bleiben werden.

Da hilft es auch nicht, dass ich die Feuerwerks-Industrie seit Jahrzehnten an Silvester boykottiere. Ist aber alles nicht so schlimm. Oder vielleicht doch? Ich wundere mich nur, wie die Gesellschaft so tickt.

Die einen fühlen sich als Autofahrer. Für sie gilt: „Ist der Weg länger als der Karren, dann wird gefahren!“ Die Autofahrer verstehen mich nicht, weil ich es unvorstellbar finde, zum Bäcker mit dem Auto zu fahren. Sie stört der Gestank auch nicht.

Das mit dem Müll ist komplex. Der hat viele Quellen – der geplatzte gelbe Sack kommt häufig vor aber auch die schnelle Entsorgung der Hosentasche oder der Autoablage. Über den Müll kann man sich zwar gemeinsam erregen, ansonsten stört er keinen so richtig.

Bus fahren mag hier keiner, weder die Autofahrer noch die Radfahrer. Eine pünktliche S-Bahn hätte dagegen jeder gerne. Und das mit dem Silvester-Feuerwerk verstehe ich eh nicht. Und fürs Kino haben die Menschen hier vielleicht keine Zeit mehr.

So ist es ganz schön im bürgerlichen Südosten Münchens. Ich ärgere mich auch nicht. Sondern beobachte und wundere mich nur. Aber wenn heute am Neujahrstag die Sonne scheint, dann mache ich einen schönen Spaziergang. Es soll ein herrlicher Tag werden und vielleicht fotografiere die Vermüllung, von der die Straßen Ottobrunns und Neubibergs in der Silvester-Nacht heimgesucht wurdem. Und wenn die Bilder gut sind, dann veröffentliche ein paar davon hier.

Also, noch a guads Neues und gut Nacht – der Neujahrslärm lässt jetzt so langsam nach, es geht auf 1:00 zu.

RMD

Hier die Bilder – vom 1. Januar tagsüber.

 

 

 

🙂 Und ich muss sagen – mein Rundgang hat gezeigt, dass es doch deutlich weniger Vandalismus gab als im Vorjahr.

Roland Dürre
Donnerstag, der 28. November 2019

Klassentreffen.

Als Playboy auf MS EUROPA (20**)

1950 Geburt in Augsburg-Göggingen.

1956 Einschulung in eine Volksschule in Augsburg bei St. Anton.

1960 Wechsel ins Gymnasium Jakob-Fugger

1969 Abitur und Start Studium Mathematik / Informatik an TH München.

1970 Einberufung zur Wehrpflicht.

1976 Wechsel vom Studenten und Taglöhner zum Angestellten.

1980 Vater geworden.

1982 Im Management-Training gelernt, dass Kommunikation vor allem Zuhören heißt.

1984 Gründung eines IT-Unternehmen.

...

2018 Endlich das Buch zur „gewaltfreien Kommunikation“ gelesen.

2019 Kulturschock beim Klassentreffen.

Der Leser, der mich kennt, hat es wohl schon gemerkt. Die tabellarischen Daten sind wichtige Meilensteine meines Lebens. So ist es richtig, dass ich in diesem Jahr zwei 50-jährige Jubiläen hatte:

  • Ich habe offiziell 50 Jahre intensiv in Informatik oder besser Digitalisierung gewirkt.
  • Und ich hatte vor 50 Jahren in Augsburg im Jakob Fugger Abitur abgelegt.

Und heute liege ich nach meinem erstem und sehr schönem Tag in Lima ein wenig müde im Hotelbett. Und denke nach, weil es noch zu früh zum Einschlafen ist.

Ich reflektiere die letzten Wochen vor dem Abflug nach Lima. Die waren ziemlich stressig – und da ging einiges unter. Wie das Klassentreffen Ende Oktober. Meine Abiturklasse hatte 50-jähriges Jubiläum gefeiert. Es war das erste Wiedersehen nach mehr als fünf Jahren.

Wir waren 24 Schüler in der Klasse, als wir 1969 Abitur machten. Im Laufe der Jahre sind zwei der Kameraden gestorben, so leben heute noch 22. Und von diesen war immerhin ein Dutzend da. Zwei hatten trotz Zusage kurzfristig abgesagt, alle anderen bis auf einen langfristig. Eine gute Ausbeute.

Das Treffen war in Neusäß nahe Augsburg in einer unerfreulichen Kneipe.

Wir waren 12 weiße alte Männer und die Barbara (die kommt immer mit) an einem langen Tisch. Im lauten Saal waren fünf lange Tische, alle ähnlich besetzt. Das Durchschnittsalter bei uns und im Saal war um die 70, die wenigen Frauen die dabei waren, machten das Bild nicht besser.

Der Service war wie in vielen deutschen Gasthäusern nicht aufmunternd, das Essen recht „convenient“. Auf der Rückfahrt wurde ich sehr nachdenklich. Und musste lange nachdenken, bis ich wusste warum.

Wahrscheinlich waren wir von der Ausbildung her der beste der fünf Tische. Meine Klassenkameraden waren alle schlaue Bürschchen, die ihr Studium bestanden haben und im Leben doch recht erfolgreich agiert hatten. Sie hatten alle tolle Positionen, füllten Ämter wie Richter aus, hatten es zum Wirtschaftsprüfer oder Apotheker gebracht.

Wir hatten eine Reihe Lehrer in der Runde (in Augsburg gab es 1969 nur eine Pädagogische Hochschule, die anderen Fakultäten kamen erst später und der Augsburger ist vom Typ her eher des Sesshafte). Und die sein auch alle mindestens stellvertretende Rektoren geworden.

Auch sonst waren meine Klassenkameraden eher vernünftige Menschen. gewesen Eher pazifistisch gesonnen und sozial eingestellt.

Aber zum Klassentreffen war ich in der konservativsten Runde gelandet, die ich seit langem erlebt hatte. Und mir wurde klar, warum Deutschland Zukunft nicht mehr kann.

Wir hatten an diesem Abend die üblichen Themen: Neben Schwanks aus der Vergangenheit ging es um das Auto, die Digitalisierung und den Klimaschutz.

Mit meiner Bewertung diese Themen bin ich auf den Bauch gefallen. Ich glaube nämlich folgendes.

  • zum Auto:
    Ich fahre keines mehr, auch weil ich keine Zeit mehr zum Auto fahren habe und ich ohne Auto glücklicher lebe als mit.
  • zur Digitalisierung:
    Ich gehe davon aus, dass das Internet die wichtigste Maschine der Menschheit ist und wir ohne diese unseren Planeten nicht mehr retten werden können und
  • zum Klimaschutz:
    Ich glaube dass es schon zu spät für die Rettung des Planeten sein dürfte, und wenn die Welt nicht an der Erwärmung verursacht durch Kohlendioxyd krepieren wird, dass sie es dann an der vielfältigen Zerstörung des Ökosystems etwa durch Plastik, Radioaktivät und Zubetonierung tun wird.

Und ich habe kapiert:
Jeder meiner Klassenkameraden kann mir erklären, wie ein Verbrennungsmotor beim Auto funktioniert. Egal, ob es ein Benziner oder Diesel ist. Oder ein Zwei-Takter. Wahrscheinlich geht auch das Prinzip vom Wankel-Motor.

Aber keiner von ihnen wird sein Lebtag lang verstehen, wie eine Programmiersprache funktioniert. Was der Unterschied zwischen einem Compiler und einen Interpreter ist. Wie eine relationale Datenbank aufgebaut ist und was eine blockchain als funktionalen Wert bringt. Sogar die Genialität eines Hyperlinks werden sie nicht begreifen.

So lassen sie sich auch nicht von KI beeindrucken und empfinden die ganze moderne Zauberei der elektronischen Geräte als ein Strohfeuer, dass bald wieder erlöschen wird. Weil man die ganzen Spielzeuge wie das Internet ja eh nicht brauchen würde.

Sie stellen sich vor, dass sich das die ganze Digitalisierung wieder verschwinden wird, genauso wie die Klimaveränderung, die Vermüllung der Welt durch Plastik oder das Verschwinden der biologischen Artenvielfalt.

Sie glauben auch, dass unser gut bürgerlicher Wohlstand nicht für unser restliches Leben sondern auch für Generationen nach uns gesichert sein wird.Dafür würde die EU schon sorgen.

Weil in ihre Köpfe einfach nicht rein geht, dass auch Dinge passieren können, die nicht passieren dürfen.

So war der Klassentreffen-Konsens am Ende der Runde:

Der Planet könne ja gar nicht am Ende sein, weil das einfach nicht gehen würde.

So nach dem Motto:
„Was nicht sein darf, das kann doch gar nicht sein. Gut, es gäbe ein paar Spinner, die solche Ängste schüren würden. Davon dürfe man sich aber nicht verrückt machen lassen. Und ich wäre ja auch immer schon ein Spinner gewesen. Hätte ich doch nur Science Fiction Bücher gelesen. Und wer in der Computerei arbeite, der müsse ja eh verrückt sein.“

Vielleicht ist es aber auch ganz einfach so,  dass Menschen, die nicht programmieren auch die Welt und ihre Zusammenhänge nicht verstehen können.

Vielleicht haben sie ja Recht?

Das wäre mir fast lieber!

RMD

 

Roland Dürre
Mittwoch, der 20. November 2019

Die CLOUD braucht keine Gesetze sondern Kultur.

Meine Aussage KULTUR GEHT VOR GESETZE gilt nicht nur für das „Leben in der Cloud“ sondern für jedes soziale System.

Laut Wikipedia ist ein Soziales System ein zentraler Begriff der soziologischen Systemtheorie, der eine Grenze zieht zum Ökosystem, zum biologischen Organismus, zum psychischen System sowie zum technischen System. Sie alle bilden die Umwelt sozialer Systeme. Mindestvoraussetzung für ein soziales System ist die Interaktion mindestens zweier personaler Systeme oder Rollenhandelnder (Akteure). 

Auch 2019: Ich war mal wieder Referent.

Pragmatisch sind Soziale Systeme „Menschenhaufen“ mit einer Anzahl von größer-gleich zwei Akteuren, die miteinander zielgerichtet interagieren und dabei Strukturen und Organisationen entwickeln. Unternehmen zum Beispiel sind soziale Systeme, die einem ökonomischen Zweck dienen und deren Strukturen und Organisation diesen dient.

Die Interaktion im sozialen System kann im realen Raum stattfinden – oder auch in einem vielleicht virtuellen, den wir mit der Metapher Cloud beschreiben. Wichtig ist nur die Möglichkeit der Interaktion und Kommunikation im sozialen System. Ansonsten ist es weder notwendig dass die (potentielle) Akteure sich kennen oder etwas gemeinsam haben, wie z.B. die gleiche Sprache oder Hautfarbe.

CLOUD steht für mich als Metapher für die digitale Welt, also für alles was mit Digitalisierung und Internet zu tun hat und auch gern als smart  bezeichnet wird.

Gerade in Deutschland wünschen sich viele (besonders die politischen Freunde mit dem dem „C“ im Logo) REGELN fürs Internet. So wie bei uns eh gerne nach mehr Gesetzen gerufen wird woe auch nach mehr Polizei, die auf die Einhaltung achtet. Und konsequenter Bestrafung der Täter.

Die große Koalition hat sich im November ein Zwischenzeugnis ausgestellt. Sie lobte sich selber, weil sie viele ihrer Vorhaben realisiert hat, in dem sie neue Gesetze gemacht hat. Sie ist zufrieden, einfach der Tatsache geschuldet, dass sie das Thema „abgehaken kann“. Weil es jetzt ein Gesetz gibt. Ohne den Inhalt bzw. die Wirkung desselbigen zu bewerten.

Was würde passieren, wenn ein Vorstand einer AG die Anzahl  neuer Betriebsvereinbarungen als Maß des Erfolges seiner Amtszeit nehmen würde? Würde das den Aktionären genügen?

Sorry, weder in der Regierung noch im Unternehmen besteht die Wertschöpfung aus dem Schreiben von immer mehr Gesetzen.

Ich glaube, dass wir in den meisten sozialen Systemen, die ich kenne, ein Zuviel an Regeln und Gesetzen haben. Die Welt wird dadurch immer komplexer, wir müssen sie aber einfacher gestalten. Außerdem zerstören Gesetze Vertrauen! Und sind nicht mehr umsetzbar, wenn sie überhand nehmen.

So braucht auch die CLOUD kein mehr an Gesetzen. Sondern Kultur!

Die CLOUD ist so wichtig für uns, weil sie die Maschine ist, die die Wissens- und Informationsgesellschaft betreibt. Sie ist das mächtigste Werkzeug der Menschheit. Und an keinem sozialen System der Welt nehmen so viele Menschen teil wie am Internet.

Wir dürfen es nicht „kaputt machen“. Das Internet muss eine Basis bleiben, die uns dient – und darf keine werden, dem wir dienen.

Wie war das nach der Industrialisierung?

Da gab es Henry Ford, der Autos in Serie bauen wollte. Es gab aber keine Arbeiterschaft, bei der er seinen Bedarf hätte decken können.  Dafür waren  viele „dumme“ Bauern in der Landwirtschaft durch den Einsatz von Maschinen arbeitslos geworden. Nur – diese dummen Bauern hatten nicht gelernt, Werkzeuge zu bedienen. Nicht einmal die Uhr und den Takt der Zeit hatten sie verstanden. Aber sie waren da.

Henry Ford hatte seine klugen Ingenieure. Diese zerlegten die Arbeits-Vorgänge am Fließband in viele kleine Schritte. Die dummen Bauern waren in der Lage, diese zu erlernen  und dann auszuführen. Der Taylorismus war erfunden. Aus der Kaste der Ingenieure sollten sich später die Manager entwickeln.

Das funktioniert in einer Wissensgesellschaft nicht mehr!

Auf dem Wege zur Informationsgesellschaft hat sich das geändert. Schon 1984 waren meine jungen Mitarbeiter technisch besser als ich. Sie waren jung und kamen direkt von der Uni. Zum Teil hatten sie schon in ihrer Kindheit und Jugend programmiert. Mit meiner sperrigen aber hochbezahlten Industrie-Informatik-Erfahrung kam ich mir schon damals ganz schön alt vor.

Mein Vorteil war, dass ich 34 Jahre alt war, ein wenig Lebenserfahrung wie zwei Kinder hatte und ich bei meinem Freund Rupert Lay schon ein wenig „Kommunikation“ gelernt hatte. Zum Beispiel ein Mindestmaß an Zuhören. Und ich hatte schnell kapiert, dass ich meinen jungen Kollegen nicht vorschreiben durfte, wie und wann sie arbeiten müssen. Das wussten sie selber besser. So durften sie auch nachts programmieren, wenn sie das so wollten.

Aber aus meinen Impulse machten sie wunderbare Dinge. Sinnvolle Gebote, die die Arbeit erleichterten, wie das Nutzen von Werkzeugen wie lint, sccs, make … (wir entwickelten Software mit der Programmiersprache C auf Unix) nahmen sie gerne an. Und es gelang uns, eine Qualitätskultur zu leben:
“Wir schaffen Qualität nicht für den Endkunden, der unser Produkt einsetzt, nicht für die Distributoren wie Siemens, IBM und Nixdorf …,nicht für unser Unternehmen, die InterFace Connection, sondern in erster Linie für uns selber, für das ICH!“

So hatten wir auch keine Arbeitszeitregelung. Die gab es nicht. Nur zwei Bitten:
Schreibt Eure Zeiten wahrhaftig auf!
und
“Stimmt Euch bitte ab, damit Ihr Euch ausreichend seht!”.
Heute haben wir ein dickes Gesetzbuch an Arbeitszeitordnung.

So waren wir schlank und wurden unheimlich schnell. Alle Mitarbeiter konnten programmieren, sogar die Heidi im Back Office bekam es beigebracht. Betriebsvereinbarungen, die eigentlich immer das Gegenteil bewirken von dem was sie sollen, gab es bei uns nicht. Wir hatten auch keine dezentralen Dienste und ausufernde Administration.

So blieben „Parkinsons Effekte“ aus und die Menschen waren glücklich, weil sie selbstbestimmt und selbstorganisiert arbeiten konnten. Bei uns gab es auch keine Menschen zum Erlassen von Gesetzen und keine für die Überwachung deren Einhaltung. So sparten die Zeit und die Kraft für die Gestaltung unserer Zukunft und unserer Produkts, auf dessen Entwicklung wir uns voll konzentrierten. Mit selbstorganisierten und gut vernetzten und so gut abgestimmten Teams.

Eine schöne Zeit, die über ein Jahrzehnt halten sollte. Bis uns dann die Realtität eingeholt hat. Und wir mit dem älterwerden verkrusteten. Jetzt entkrusten wir wieder, um jung zu bleiben.

À propos ZUKUNFT – Vor kurzem war ich auf dem
„Barcamp Oberland Servus Zukunft“?
Wie ich finde, ein wichtiges Thema, die wir uns durchaus mal stellen sollten. Ich habe eine Session mit dem Thema vorgeschlagen:
„Kann Deutschland Zukunft?“
Die Menschen in meiner Session hat das nicht interessiert. Deutschland war ihnen egal. Ihnen ging es ums Oberland. Sie haben die Frage als umformuliert:
Kann das Oberland Zukunft?“

Das fande ich gut. All business is local. Und das Oberland ist  abgehängt von München. Die schöne Landschaft versinkt unter Blechlawinen, die Zuganbindung ist durch ein kleines Wunder noch vorhanden, aber indiskutabel. Und die lokalen Unternehmer müssen sich ganz schön anstreben, damit es schön bleibt im Oberland.

Die Oberländer sind pragmatische Menschen. Deutschland interessiert sie nicht, sie wollen das Oberland nach vorne bringen. Sie hatten auch gleich eine Lösung:
„Die Menschen im Oberland müssen politischer werden!“
Zukunft heißt für sie, „sich beteiligen und sich einmischen in die Politik“. Und die Entscheidungsmacht wieder dem Volk als Souverän zurückzugeben. Wie es in einer Demokratie sein sollte.

Dies funktioniere aber nicht nicht mehr über Personen, Parteien und ihre Programme. Nein! Die Bürger wollen zum Enscheider werden. Als Crowd wollen sie über Sach-Entscheidungen entscheiden. Der Gedanke ist, dass man alle möglichen Maßnahmen sammelt und differenziert bewertet. Mithilfe von Cloud und Crowd wollen sie EMERGENZ schaffen im Oberland.

Emergenz ist ein schwieriges Wort. Ich meine zu wissen, was gemeint sein könnte. Und nenne als Beispiele für emergente Ergebnisse gerne das „agile manifesto“ und andere „open source“-Geschichten.

Was aber ist notwendig für EMERGENZ?
Eine größtmögliche TRANSPARENZ.
Denn TRANSPARENZ ist notwendig für VERTRAUEN.
Und VERTRAUEN ist die Basis von Kultur.

Gesetze, Methoden, Regeln, „best practices“, Prozesse, Technologie (wie das Internet) sind alles nur Werkzeuge. Und Werkzeuge müssen den Menschen dienen. Und nicht die Menschen den Werkzeugen. Da müssen wir aufpassen.

Die Crowd (Digitalisierung, Internet …) ist das mächtigste Werkzeug, das wir haben. Es könnte sein, dass die Menschheit es bald als gemeinsame Aufgabe betrachten wird, den Planeten zu bewahren. Noch tut sie es ja nur sehr halbherzig.

Wenn wir das wirklich schaffen wollen, dann müssen wir den Rohstoff teilen, der durch Teilen mehr wird. Das ist das WISSEN. „WISSEN TEILEN“ kollidiert dann schnell mal mit dem URHEBERRECHT und dem “EIGENTUM an DATEN”. Um die obige Aufgabe „Planet bewahren“ zu schaffen, brauchen wir die nur in einem freien Internet mögliche EMERGENZ. Deshalb müssen wir das freie Internet bewahren und vor Überregulierung verschonen.

Wir haben ein Artensterben. Das bedroht auch das freie Internet . Und die HUMANITÄT. Da finden wir ein Kanzlerinnen-Wort (vom digitalem Gipfel 2019):
„Die HUMANITÄT unserer Gesellschaft muss auch in der digitalen Welt selbstverständlich bleiben“.
Vorsicht! Da impliziert sie etwas, was bei weitem nicht so klar ist:
Die Humanität muss in der realen Welt selbstverständlich bleiben.
Den ich sehe sie auch im normalen Leben gefährdet.

Früher hatte der Kapitalismus ein “Humanes Antlitz”.
Es gab eine soziale Marktwirtschaft, Renten- und Arbeitslosenversicherung. Und allerorts viel Verantwortung. In der Bayerischen Verfassung war die „Gemeinwohl-Ökonomie“, einfach mal genau nach lesen.
Heute trägt der digitale Kapitalismus eine “SMARTE Maske”.
Das scheint anders und wirkt erfrischend neu. Das System ist aber effizienter und brutaler. Der gierigste Konzern vermarket sich mit einem ”don’t be evil”.

Und alles wird zum Spiel. „gamification“ als Strukurierung von Arbeit wird schick. Der Begriff ist gut bekannt von Apps. Mit spielerischen Anreizen wird der Nutzer und jetzt der Arbeiter motiviert. Die Arbeit auch zum Spiel, und fordert leicht noch mehr.

Die Arbeiter, die an den PCs sitzen, sollen sich wie „gamer“ fühlen und Spaß haben. Wir machen jetzt #newwork – das wird die Arbeit zum Spiel und findet in einer der großen Spaß-Welt. Wir haben das erlebt, wie wir jung waren. Wir waren stolze Programmier, die sich mit dem schönsten Spiel der Welt vergnügen durften – und dafür auch richtig viel Geld bekamen.

Und die Büros werden zu Spaß-Welten und Wohlfühloasen. Man kann von zu Hause oder aus einem dezentralen „coworking space“ arbeiten. Ab und zu geht man auch mal ins Büro, trifft Kollegen und lässt sich verwöhnen. Wie es einem gerade passt. Du darfst nur nicht verlieren, dann kann schnell schnell Schluss sein mit dem Spaß,

Den Spaß gibt’s natürlich nicht für alle. So entsteht ein “neuer Feudalismus in der Arbeit”, eine Zweiklassengesellschaft wie auch im Internet ist (mindestens) die Hälfte der Menschen nicht dabei in.

Die anderen Arbeitsplätze werden völlig vergessen. Die sind doch eh bald weg! Weil das ja später die Roboter (bots) machen werden? Brave new world. Nur glaube ich es nicht. Aber das ist ein anderes Thema

Vielleicht hätte die Kanzlerinnen auf dem IT-Gipfelbesser sagen sollen;
Die HUMANITÄT darf in der digitalen (und realen) Gesellschaft nicht durch SMARTHEIT ersetzt werden!

JETZT kommt die wichtige Frage:
Wie können wir die Kultur in der echten Welt und in der Cloud wieder verbessern?

Ehrlich gesagt, ich bin auch ratlos. Aber eine Hoffnung habe ich. Die Schule! Dort habe ich – wie auch meine Kinder – eigentlich nur Unsinn gelernt. Nützliches habe ich – oft für gutes Geld gelernt –  erst sehr viel später z.B. in „Persönlichkeits fördernden“ oder „Führungs-Trainings“ gelernt.

Kommunikation zum Beispiel. Mit gut 30 habe ich für einen größeren Scheck „Zuhören“ und „offene Fragen stellen“ gelernt. Und mit gut 60 dann im Selbststudium Gewaltfreie Kommunikation..

Damit könnte man schon im Kindergarten anfangen. und das in de Grundschule mit Rethorik und Dialektik fortsetzen. Dann wäre auf den weiterführenden Schulen ein wenig Platz für Geisteswissenschaften wie Philosophie.

Zu Schluss noch ein Beleg für meine These:
“Regeln, Gesetze und Strafen fordern heißt nichts verstanden zu haben“.

Die letzte große Innovationen vor dem Internet dürfte das Automobil gewesen sein. Das wurde bestens geordnet und geregelt durch die Straßenverkehrsordnung. Was hat die bewirkt?

Der Blutzoll nur in Deutschland war 780‘000 Tote und  31‘000‘000 Verletzte. Das war nicht im 2. Weltkrieg? Nein. Seit dem 2. Weltkrieg. Im Verkehr. Weltweit derzeit 1,4 Mio Tote im Jahr.

Ich meine, dass eine Kultur der Achtsamkeit und Rücksichtnahme mehr gebracht hätte.

RMD

Gehalten am 20. November auf der DOAG-Jahreskonferenz in München, aufgeschrieben im Zug nach München.

 

Roland Dürre
Mittwoch, der 30. Oktober 2019

Sei anders, sei Du selbst!

Ein Bild, das man sich lange anschauen kann.

Heute möchte ich ein besonderes Buch besprechen.

Der Autor ist mein Freund Jolly Kunjappu, den ich als meinen Bruder im Geiste kennen gelernt habe. Wir sind beide für Frieden und lehnen Feindseligkeit und Gewalt ab. Wir leben beide sehr gerne und achten die Schöpfung. Uns graut beiden vor Ideologien und dogmatischem Handeln. Wir wünschen uns Respekt. Wir wollen immer konstruktiv handeln und dabei kritsch bleiben. Es könnte sein dass wir beide Rebellen sind. …

Das Buch habe ich schon in einer frühen Fassung lesen dürfen. Ich habe schon damals keine einzige Aussage gefunden, der ich innerlich widerspreche. Jetzt ist es erschienen und ich habe es noch mal gelesen. Wow, es hat sich gemausert.

Das Buch ist eigentlich mehrer Bücher. Je nachdem wie man es liest, ist es eine Biographie. Oder ein Buch, das hilft, das eigene Leben zu gestalten. Es ist aber auch ein Buch für Führungskräfte. Oder ein Buch für Eltern. Oder Partner (z.B. in einer Beziehung). Oder für Heranwachsende, die vielleicht in der Pubertät die Welt und ihr Leben in dieser Welt nicht mehr verstehen. Oder als Vorlesebuch für Kinder, denen noch nicht die Weisheit geraubt wurde.

Zum Inhalt:
Jolly ermuntert und zeigt uns den Weg, wie wir zu uns selbst finden und unser Leben autonomer führen können. Das aber auf sehr unaufdringliche und respektvolle Art und Weise. Am eigenen Erleben schildert er, wie der Weg zum eigenverantworteten Leben gelingen kann. Dass es ein Weg ist, der oft uns nicht als leicht erscheint, für den wir jedoch reichhaltig belohnt werden.

Er erzählt von dem alten englischen Verkehrsschild
STOP – LOOK – GO!
und sieht das als Metapher für ein Leben des
ANHALTEN – BETRACHTEN – LOSGEHEN!

Er begründet, warum es Sinn macht, willens und fähig zu sein, die Entfaltung von eigenem und fremden Leben zu mehren. Und es ist das einzige mir bekannte Buch, dass nicht nur die Lösung aufzeigt, sondern auch klar macht, wie wir Menschen ganz selbstverständlich in Unfreiheit gelangen.

Und weil gerade Weihnachten ist:
Das Buch ist ein wunderbares Weihnachtsgeschenk. Auch von außen hochwertig und es kostet nur 15 €! Es liest sich spannend und macht glücklich. Es braucht nicht viel Platz und ist nicht schwer zu tragen. Und wird den meisten Menschen gefallen und nutzen.

Es gibt aber auch eine Warnung:
Es könnte sein, dass es bei sehr „konservativen“ Menschen nicht gut ankommt. Wenn sie also einen Mr. Hyde kennen, dann schenken Sie es ihm nur, wenn sie feindselige Gefühle hegen und diesen ärgern wollen.

RMD

P.S.
Wer Jolly erleben will, dem empfehle ich unser Video
FRIEDEN.

 

 

 

Und wieder schwappt eine gewaltige Welle des gefühlten Antisemitismus über das Land.

Natürlich war es wieder der „rechtsradikale Terrorismus“, der die „Allianz der Anständigen“ in ihren Grundfesten erschüttert.

Ist das so ?

Der „aktuelle“, durchgeknallte Vollidiot von Halle ist kein Terrorist, sondern ein Psychopath.   Bei der Bundeswehr ausgebildet, konnte er nicht einmal eine Synagogentür öffnen, zerschoß dafür seine eigenen Reifen und expedierte schlußendlich zwei „Volksgenossen“ zur Hölle.  Solche Idioten sind, zumal im Osten der Republik, unvermeidlich.   Interessanter wäre es da schon, zu wissen, woher der Spinner die Maschinenwaffen hat.   Sowohl der hirnlose Möchtegern-Nazi als auch der schwedische Massenmörder Anders Breivik waren begeisterte PC-Daddelspieler.   Ich bin ja gegen Verbote aller Art, aber vielleicht sollte unsere Regierung aufhören, dieses primitive Pseudogeballere auch noch als „E-Sport“ zu fördern.

Aber:   Ein solches Attentat wie das in Halle hat mit Antisemitismus nichts zu tun.  Genausowenig, wie der abendliche Besuch bei Herrn Lübcke duch einen übereifrigen Fan mit Püster einen „rechtsradikalen“ Hintergrund hat  —  jeder kann es sich heute noch auf „Youtube“ angucken:   Wenn ein Politiker einem Auditorium entgegenschleudert, „Wer nicht unser Wertesystem vertritt, der kann gehen“, der bettelt förmlich um seine Entsorgung nach Artikel 20 Grundgesetz.

 

Das große Halali auf die bösen rechten Neonazis hat einen ganz anderen Zweck:  Den Blick auf das Offensichtliche zu verstellen.

Denn der neue deutsche Antisemitismus kommt von links !

Erinnern wir uns an den Dummschmus, den Martin Walser anläßlich einer albernen Benefizveranstaltung für den deutschen Buchhandel erbrach, noch vor der Jahrtausendwende:

Die ständige Vorhaltung der Schande, die das deutsche Volk durch den Genozid auf sich geladen hat, diene nämlich nicht dazu, das Vergessen zu verhindern, sondern werde ganz bewußt instrumentalisiert, um politische Ziele zu erreichen.

Ganz großes Kino.   Und Walser bekam das erstemal seit 20 Jahren wieder einen hoch:   MARTIN WALSER AUF SEITE 1 IN BILD.   Endlich: Das gemeine Volk liest Martin Walser.   Das ist Herrn Handke trotz des Nobelpreises nicht gelungen.  Oder Thomas Bernhard.  Mit gutem Grund auch.

Schon klar, daß jeder, aber auch wirklich jeder, diesen unglaublich gefährlichen Blödsinn nachsabbelte.   ENDLICH sprach jemand laut und deutlich aus, was wohl seit Jahrzehnten in den kleingeistigen Spatzenhirnen der dummdeutschen Mehrheit gefangen war.   Der unterwürfige, feige Bundesmichel hätte sich auch nie getraut, seinen „Gefühlen“ freien Lauf zu lassen.   Weg mit der „Schande!“.

Henryk M. Broder faßte in seiner konzisen Art zusammen:

„Die Deutschen haben den Juden Auschwitz nie verziehen“.

Walsers Ausfluß bewirkte einen Dammbruch wie seinerzeit die geniale „bouncing bomb“ am Möhnesee.   Seither ist meine Scham, dem deutschen Volk anzugehören, womöglich noch größer geworden:   Der industrielle Massenmord, begangen nicht nur von einer kleinen Gruppe ideologisch verblendeter Krimineller, sondern, regelrecht freudig, von einem ganzen Volk, ist ein so bedeutendes Phänomen, daß die Narben für alle Ewigkeit offengehalten werden müssen.

Wie wichtig dies ist, zeigt die Verwandlung der „Grünen“ und „Linken“ in waschechte „Neo-Nazis“, die elementare Grundrechte anderer beschneiden, Bücher verbrennen, Mensche öffentlich denunzieren, nicht genehme Demonstationen blockieren und die Freiheit der Lehre zur Farce werden lassen.

Und keiner erkennt:  Extremismus führt nicht nach Auschwitz.   Konformismus führt dort hin.

 

Ganz kurz vor seinem Tode ist Karl Lagerfeld tatsächlich ein Satz herausgerutscht, in dem es nicht um Karl Lagerfeld ging:

„Die Deutschen haben Millionen von Juden umgebracht, und da schämen wir uns doch heute noch für. Und jetzt lässt Angela Merkel eine Million ihrer Erzfeinde ins Land.  Und damit hat Frau Merkel die AfD stark gemacht.  Das ist erbärmlich“.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

-hb

Roland Dürre
Donnerstag, der 3. Oktober 2019

RUPERT LAY LESEBUCH

 

Was dem Leben dient.

 

Da steht alles drin.

Ein ganz wichtiges Buch. Das mich tief berührt. Denn es hat eine besondere Geschichte:

Zur Jahrtausendwende hat sich eine kleine Gruppe meiner Freunde im gemeinützigen Ronneburger Kreis e.V. (der mittlerweile aufgelöst wurde) zusammen getan und die vielen Definitionen von Begriffen aus dem alltäglichen Leben wie aus Wirtschaft und Gesellschaft in den Büchern wie aus dem Wirken Rupert Lays gesammelt. Das entstandene kleine Werk haben wir das  „Wörterbuch zur Ethik des Rupert Lay“ genannt und im Ronneburgerkreis veröffentlicht (siehe Bild unten).

Das war eine schöne Sammlung von wichtigen Texten. Es hat mir Spaß gemacht, es immer wieder aufzuschlagen und mich an dem einen oder anderen Artikel zu erfreuen oder sich mit diesem auseinander zu setzen.


In diesem Sommer feierte Rupert seinen 90. Geburtstag. Norbert Copray hatte die Idee, das Wirken von Rupert Lay aus diesem Anlaß mit einer besonderen Veröffentlichung zu würdigen. Es sollte ein großer Überblick der Gedanken Rupert Lays werden, in dem das freie Rumschmökern in anspruchsvollen Texten Spaß macht. Ein schweres Unterfangen, das mehr als gelungen ist.

Die Quelle für das Lesebuch (2002)

Als geeigneten Grundbaustein fand er unser „Wörterbuch“. Aber das „Wörterbuch“ hatte er nur in Papierform vorliegen. So machte es sich auf die Suche nach der digitalen Quelle. Und so fand er mich.

Die digitale Quelle war verschwunden. Aber in der digitalen Welt ist das ja kein großes Problem mehr. Mein Freund Wolfgang Groß übernahm die Aufgabe und stellte kurzer Hand ein hochwertiges digitales Exemplar vom Wörterbuch her. Und Norbert Copray und Erich Ruhl-Bady konnten loslegen.

Und sie haben etwas ganz Großartiges geschaffen. Aus dem Wörterbuch ist ein Lesebuch geworden, dass viel Klugheit, Klarheit und auch Frechheit enthält. Auf fast vierhundert Seiten finden wir ein Feuerwerk von Gedanken, mit denen sich auseinandersetzen lohnt und das richtig Spaß macht. Diese Gedanken findem wir thematisch schön geordnet. Zum Teil sind sie nur eine Zeile lang und selten länger als eine Seite. Richtig schön zum lesen.

So lohnt es sich immer, zwischendurchs ins Buch reinzuschauen. Aber Vorsicht: Man wird förmlich süchtig und bleibt dann schnell eine oder mehr Stunden hängen, und wundert sich dann um diese Jahreszeit, dass es so schnell dunkel geworden ist.

Großen Dank an Norbert Copray und seine Mitstreiter!

RMD

P.S.
Wer sich dieses Buch nicht besorgt versäumt etwas.