Roland DürreDienstag, der 30. April 2013
Der NSU-Prozess und die Medien
Von Systemen und ihren Agenten, Epikie und Zivilcourage
Jetzt wird ein Prozess in München wohl wieder verschoben. Das ist sicher für viele Menschen bitter, denn es geht um ein besonders trauriges Kapitel unserer Geschichte. Das sich nach dem Prozess unter Umständen als “noch trauriger” erweisen wird.
Der NSU-Prozess ist aber auch ein gutes Beispiel für eine andere negative Entwicklung in unserer Gesellschaft: Unsere sozialen Systeme verselbstständigen und entpersonalisieren sich. Ihre Mitarbeiter werden zu Systemagenten und entfernen sich immer mehr von der Realität. Sie ignorieren die Erfordernisse der Gesellschaft und unterwerfen sich bei ihren Entscheidungen einer Überregelung, fragwürdigen Verordnungen und ihrer eigenen Paranoia.
So wird von vorne herein aus “Sicherheitsbedenken” bei diesem Prozess ein zu kleiner Gerichtssaal gewählt. Wie weit sind wir aber gekommen, wenn wir im Gericht nicht mehr für eine vernünftige Sicherheit sorgen können? Darf die rechte Szene unsere Entscheidungsfreiheit wirklich in diesem Maße beeinträchtigen?
Da darf natürlich der Seitenhieb auf den Verfassungsschutz nicht fehlen, der vielleicht mehr für die Sicherheit unserer Judikative sorgen sollte als mit wahrscheinlich rechtswidrigen und höchst umstrittenen Aktionen seiner zwielichtigen V-Leuten unserer Demokratie einen Bärendienst nach dem anderen zu erweisen.
Und wegen den Ängsten vor einer fehlenden Revisionssicherheit des Urteils werden dann die Gesetze in einer Art ausgelegt, die mit dem praktischen Bedürfnis der Gesellschaft nichts mehr zu tun hat. Natürlich konnte es nicht angehen, dass zum Beispiel die türkische Presse zur Prozessbeobachtung nicht zugelassen wurde. Genauso wie es nicht sein kann, dass jetzt eine FAZ mit ihren vielen Lesern von der Berichterstattung ausgeschlossen werden soll.
Prozesse und Regeln hatten hier zu oft Vorrang vor gesundem Menschenverstand und vernünftigen Überlegungen. Lieber legte man den Wortlaut des Gesetzes maximal restriktiv aus und ignorierte die Absicht, das Ziel und den Sinn der Gesetze. An Stelle des Suchens nach sinnvollen und belastbaren Lösungen beugte man sich sklavisch vor dem vermeintlich Unabänderlichen.
Die Epikie, eine wichtige wenn auch wenig bekannte Tugend wird in unseren Systemen zu oft vergessen. Epikie heißt knapp formuliert, dass “man die Gesetze des Staates so einhält, wie ein vernünftiger Gesetzgeber es gemeint und gewollt hätte”. Für die Anwendung von Epikie ist oft eine weitere primäre Tugend notwendig, nämlich die Zivilcourage, auch Bürgermut genannt. Diese Tugenden brauchen wir, gepaart mit gesundem Menschenverstand, beides angewandt basierend auf gesellschaftlich anerkannten Werten.
Und ich meine, dass es in unserer Gesellschaft Teile gibt, bei denen diese Tugenden wie auch der gesunde und wertebasierte Menschenverstand immer mehr verloren gehen. Das macht aber nichts, weil es viele Menschen gibt, da ist dies alles vorhanden und kommt immer mehr zum Einsatz und zur Wirkung. Unter dem Strich bin ich so ganz optimistisch.
Meine Leser aber dürfen sich heraussuchen, welche Kreise ich da jeweils meine …
RMD
Roland DürreSonntag, der 24. März 2013
“I like” & Facebook oder “WiTuN”
I like Facebook, Google+, Twitter und manches mehr …
Immer wieder höre ich Sätze wie
“… das ganze Zeug wie Facebook und Twitter wäre schlimm … Persönlich würde man das social media ja absolut boykottieren … Virtuelle Freundschaft wäre doch Quatsch, denn man müsse sich doch auch noch persönlich sehen … Und das allerschlimmste wäre doch dieses I like!”
von ansonsten durchaus ernst zu nehmenden Menschen. Die dann in ihr Auto steigen und davon brausen oder sich wieder hinter den Fernseher zurück ziehen, also durchaus Technik nutzen, die mal modern und relevant war.
Zu ihren Aussagen sage ich dann besser nichts mehr. Weiß ich doch, dass jeder Versuch die Dinge (social media) ein wenig zu erklären, völlig sinnlos ist. Gegen dogmatische Besserwisserei kann man nichts ausrichten, besonders wenn die Besserwisser das Subjekt ihrer Besserwisserei gar nicht kennen und so nicht verstanden haben können. Das gilt ganz allgemein.
Im ifcamp (barcamp der InterFace) am letzten BlueFriday (22. März 2013) habe ich eine Session “Wissensmanagement” gemacht. Es ging darum, wie wir Wissen frei machen und teilen können. Um es dann gemeinsam zu bewerten und das Relevante zu identifizieren. Mit dem Ziel in und aus der “crowd” die richtigen oder vielleicht besseren Entscheidungen für die Zukunft zu finden.
Da kam das Gespräch auch auf das “I like” von Facebook. Und wir waren der Meinung, dass dies wohl ein erstes und allereinfachstes Werkzeug für soziale Rückmeldung ist. Um Menschen zu zeigen, dass man etwas gut findet. Oder sie wertschätzt. Oder um einfach nur Sympathie zu zeigen …
In der Session entstand die gemeinsame Bewertung, dass es für Anwendungen, die die “crowd” nutzen wollen” und “gute” social web-Lösungen eine ausgefeilte und neutrale “Rückmeldungstechnologie” braucht. Für solche Systeme ist das eine zwingend notwendige Funktionalität. Ohne eine solche Technologie werden solche Projekte nicht gelingen.
Spontan sind dann auch gleich Verbesserungsvorschläge für “I like” entstanden. Hier ein paar Beispiele.
- Man gebe jedem Teilnehmer nur eine begrenzte Menge von zu vergebenden “I like”.
- Man könnte jeden Monat wieder eine gewisse Anzahl verteilen.
- Die Mitspieler bekommen dynamisch mehr oder weniger ”Rückmeldeeinheiten” entsprechend ihrer sozialen Relevanz, vielleicht wie bei Klout.
- Oder es gibt so etwas wie einen “Page-Rank” für die Mitglieder eines sozialen Systems.
- Man könnte auch die ”Rückmeldeeinheiten” verschiedenen Gewichts einführen …
Kurzum, ich glaube, dass die “Rückmeldungstechnologie” eine ganz wichtige und zentrale Komponente für crowd- und social web-Anwendungen verschiedenster Art ist. Allerdings ist das alles andere als ein triviales Thema; es lohn sich, sich damit zu beschäftigen. Mit Sicherheit gibt es eine Reihe auch von wissenschaftlichen Arbeiten, die hier gute Ideen beinhalten und die wir uns dringend mal anschauen sollten.
Dazu ein Beispiel aus einem anderen Segment, das mich verblüfft hat.
Ich schreibe gerne Stenografie. Mir kam der Gedanke, dass man diese über Hunderte von Jahren ausgereifte Technologie des “schnellen und ergonomischen (nicht verkrampfenden) Schreibens mit der Hand” für die Texteingabe bei Tablets oder durch Gesten gesteuerte Systeme nutzen könnte. Und siehe da, ein Freund aus der Academica hat dann ganz schnell eine wunderbare Bachelorarbeit gefunden, die dieses Thema sehr gut analysiert hat.
Also – tun wirs;
Wissen Teilen – und Nutzen!
(WiTuN)
RMD
Anmerkung:
Dieser Artikel soll keinesfalls suggerieren, dass ich mit dem, was Facebook oder Twitter alles so treiben, einverstanden bin. Wenn ich z.B. bei Facebook gewisse Tendenzen des Eingriffs in die “sozialen Metriken” beobachte, kann es gut sein, dass ich da schneller weg bin als mancher denkt.
Ein Umkippen von FB ändert aber nichts an meiner Annahme, dass soziale Netzwerke und gemeinsame Wissensanwendungen einen gesellschaftlichen Fortschritt bedeuten. Wäre nur wieder ein Anlass mehr, die alte philosophische und ethische Diskussion aufleben zu lassen: Wie kann man es erreichen, dass die Produktion von Gütern und Dienstleistungen auf anständige Art erfolgt. Was letzten Endes zu einer Diskussion führt über Privatisierung bzw. die soziale Verantwortung von Inhabern der Produktionsgüter.
Roland DürreDienstag, der 12. Februar 2013
Altern und Produktivität, Ruhestand und kognitive Leistungsfähigkeit
Den Titel habe ich von Prof. Dr. Axel Börsch-Supan (Direktor des Munich Center for the Economics of Aging MEA) am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik “geklaut”. Er hat einen starken Vortrag mit dieser Überschrift auf der Veranstaltung “Erfahrung für die Zukunft sichern” der TUM zum „Projekt TUM Emeriti of Excellence“ gehalten.
Von diesem Vortrag habe ich unter dem Titel “Wer rastet, der rostet” schon berichtet. Da gab es für mich neue, gut belegte Erkenntnisse. Professor Börsch-Supan hat konstruktiv begründet, wie falsch die Vorruhestandspraktiken unserer Zeit sind und dass diese allen Beteiligten schaden, den betroffenen Menschen, den so agierenden Unternehmen und uns allen.
Vor kurzem treffe ich einen Freund, den ich sehr schätze. So alt wie ich. Seit ein paar Monaten ist er im “Vorruhestand”. Und bestätigt alles, was ich da im Vortrag dazu gelernt habe.
Hier wie ich den Vorruhestand in unserer Branche oftmals erlebe:
IT ist nahezu komplex (enorm kompliziert) und erfüllt kritische Themen. Wer das weiß, weiß auch, wie wichtig gerade hier gutes Know-How ist.
Ein Freund von mir ist ein Spitzenkenner einer sehr relevanten Datenbank-Technologie. Er kennt sich besonders gut mit extremen Volumen- und Lastsituationen aus. Wahrscheinlich gibt es in Europa nur ganz wenig Spezialisten, die ihm das Wasser reichen können.
Mein Freund ist so alt wie ich. Sein Arbeitgeber ist ein erstklassiger Konzern. Vor Jahren hat dieser Konzern quasi “mit der Gießkanne” seinen älteren Mitarbeitern eine großzügige Vorruhestandregelung angeboten. Auch mein Freund hat diese angenommen.
Ein paar Jahre später ist es dann soweit. Mein Freund geht in den Ruhestand. Das, obwohl er nach wie vor ein Spitzenmann ist. Finanziell war es ein guter Deal für ihn. Er hat aber vor seinem Ausscheiden gemerkt, wie sein Wissen dem Unternehmen fehlen wird. Deshalb möchte er vorher proaktiv an seine Kollegen weitergeben. So in freiwilligen Kursen auch außerhalb der Arbeitszeit. Weil es während der Arbeit aufgrund der großen Belastung keine Luft gibt. Das klappt aber nicht, er ist doch ziemlich enttäuscht weil kein so großes Interesse daran besteht und sein Angebot kaum angenommen wird.
Dann kommt der Tag der Ruhestandes. Und jetzt gibt es nur Verlierer.
Der Konzern:
Ein ganz wichtiges Know-How ist weg. Wenn demnächst zum Beispiel wieder mal ein Werk steht, weil die IT nicht so tut, wie sie es soll, könnte es auch daran liegen, dass da weit im Vorfeld kleine Fehler gemacht worden sind. Und ein bisschen etwas nicht mehr so stimmt wie früher. Weil das Know-How nicht mehr so vorhanden ist und ein paar Dinge nicht mehr so präzise laufen, wie vorher. Und plötzlich hat das wesentliche Folgen- die Ursachen liegen aber ganz wo anders als man vermutet.
Mein Freund:
Am Beginn des Vorruhestandes war alles toll. Die neue “Freiheit” war wunderschön. Es gab noch eine Reihe von nachlaufenden Aktivitäten aus der Arbeitszeit. Gute Vorsätze wurden gefasst – und eingehalten. Nach ein paar Monaten schon sieht es anders aus. Weniger Kontakte, die Vorsätze klappen auch nicht mehr so … Und so langsam kommt der Frust. Erlebe ich hautnah mit.
Diesen Freund gibt es tatsächlich. Es ist aber nicht nur einer. Alles, so wie ich es im Vortrag verstanden hatte, scheint sich in meiner Erfahrung mit mir gut bekannten Menschen zu bestätigen.
Letztendlich passiert in der Praxis dann bei den Menschen genau das, was der Referent berichtet und wovor er gewarnt hat:
Use it – or – lose it.
Man übt sich nicht mehr und verliert seine Skills. Schritt für Schritt. Und dann – aus die Maus.
Schau mer mal, ob ich daraus etwas für mich lernen kann.
RMD
Roland DürreSamstag, der 9. Februar 2013
Der Homo Oeconomicus
Freunde bereiten eine Tagung bzw. einen Workshop vor. Ich bin da auch dabei. Hier ein erster Entwurf zum Thema der Tagung. Marc Borner (mb) hat ihn geschrieben. Titel und Termin sind noch nicht festgelegt.
Da der Inhalt zu meinem vorletzten Artikel (Nicht der Mensch ist für die Arbeit da …) passt, veröffentliche ich diesen Text von Marc mal:
Der Homo Oeconomicus ist das seit dem 19. Jahrhundert dominierende Leitbild unseres Wirtschaftslebens. Es betrachtet den einzelnen Menschen als Teil eines Gesamtgetriebes, welches funktionieren soll, optimiert werden kann und mechanistisch analysierbar ist. Das Individuum wird zu einem “homme machine”, der Einzelne zu einer bloßen Zahl. Der Glaube daran, diese Zahlen in volatilen Arbeitswelten beherrschen zu können geht zurück auf eben dieses verkürzte Bild ökonomischer Akteure.
Es lässt den ursprünglichen Akteur der Arbeit vermissen. Jedes Individuum ist zwar auch Teil eines Betriebes, aber nicht alleine Mittel sondern immer auch Zweck desselben. Geht dieser Gedanke vergessen, führt dies nicht nur zu handfesten ökonomischen Verlusten, sondern ebenso zu einer fortschreitenden Entfremdung der einzelnen Teilnehmer eines Wirtschaftsprozesses und damit zu Einbußen an emotionalem Kapital.
Neuere Forschungsarbeiten insbesondere aus Psychologie und Neurowissenschaften belegen diese zuvor gemachten theoretischen Annahmen und zeigen zudem Auswege hin zu einer nichtreduzierten Arbeitswelt, die gekennzeichnet ist von Teilhabe, Vertrauen und Verantwortung. Es kann so ein angstfreier, transparenter Raum geschaffen werden, in welchem Klarheit vorherrscht und Individuen auf Augenhöhe miteinander und nicht gegeneinander arbeiten.
Eine solche Arbeitswelt zu schaffen, die den emotionalen Bedürfnissen der jeweiligen Individuen deutlicher entspricht erzeugt eine Homöostase von Unternehmen, Unternehmern, Managern, Angestellten und Arbeitern. Sie führt dazu auch Führung neu zu denken und macht Unternehmen nicht nur erfolgreicher, sondern bringt sie wieder dorthin, woher sie ursprünglich entwachsen waren: als Institutionen zum Allgemeinwohl.
Der Workshop widmet sich diesem Thema explizit und versucht sowohl über den aktuellen naturwissenschaftlichen Kenntnisstand aufzuklären als auch die Verbindung zur praktischen Applikation zu schaffen.
Mir gefällt der Text ganz gut. Wir konnten auch schon namhafte Referenten für die Veranstaltung gewinnen. Mich interessiert jetzt, wie Sie den Text finden oder zum Beispiel, ob Sie das Thema interessieren und sie an solch einem Workshop eventuell teilnehmen würde.
RMD
Roland DürreDonnerstag, der 31. Januar 2013
Acht Arbeitstage zu verschenken …
Sitze bei offenem Fenster im Büro in der Frühlingssonne. Eine Motorwelt hat sich auf meinen Schreibtisch verirrt.
Nur zur Erinnerung für irgendwelche Nerds, die es nicht wissen: Der ADAC ist der wichtigste Verein Deutschlands. Er ist der Club der Autofahrer und hat mehr als 18 Millionen Mitglieder. Damit ist er nach dem US-amerikanischen AAA der zweitgrößte Automobilclub der Welt. Die Motorwelt ist das monatlich als Illustrierte erscheinende zentrale Organ des ADAC.
Früher war der ADAC vor allem der Lobbyist der “Autofahrer-Community”. Heute ist der Club zu einer Organisation geworden, die vor allem versucht, an das beste ihrer Mitglieder heran zu kommen – an ihr Geld. Dazu dient unter anderem auch die Motorwelt, die (nicht nur) die ADAC-Mitglieder mit Unmengen von Anzeigen zum Kauf von margen-trächtigen “Sonderangeboten” (oft von hoch profitablen ADAC-Tochterunternehmen) verführen will.
Der Themenschwerpunkt des aktuellen Hefts (Heft 2 Februar 2013) ist “STAU”. Das Heft wirbt für mächtige Investitionen in den Ausbau von Straßen.
Hier ein paar Zitate aus dem Heft:
“Deutschland braucht ein umfassendes Programm zur Straßensanierung.”
Weil uns schon die Titelseite belehrt:
“Nur noch STAU – 595000 km Stillstand – auf deutschen Straßen herrscht Chaos.”
Auf Seite 20 lese ich dann:
“Acht Arbeitstage verbringt jeder deutsche Autofahrer jährlich im Stau.”
Und weiter:
“Bürger und Wirtschaft leiden unter immer schlechteren Straßen, die Politik sieht dem starken Verkehrswachstum tatenlos zu.”
Mir bleibt da wieder mal die Spucke weg. Denn ich glaube, dass wir andere Probleme in Deutschland haben als unsere Straßen (Bildung, Demographie, Energie, Gesellschaft, Klima, …). Dass das Chaos nicht im Stillstand sondern in der Bewegung stattfindet. Dass nicht nur der deutsche Autofahrer sondern auch der “mit den ausländischen Wurzeln” im Stau steht. Bin für eine sanfte aber stetige Verringerung und De-Emotionalisierung des Individualverkehrs.
Und selbst bin ich froh, dass ich kein “Deutscher Autofahrer” mehr bin. So habe ich doch acht Arbeitstage gewonnen. Und wenn ich dann noch bedenke, wie viel Stunden “der Deutsche Autofahrer” dann noch an Zeit, die er nicht im Stau steht, am Steuer arbeiten muss, dann bin ich richtig glücklich. Irgendwie spare ich mir wahnsinnig viel Zeit und Arbeit. Und vom Ersparten verwende ich dann ab und zu ein wenig dafür, einen Artikel in IF-Blog zu schreiben.
RMD
Klaus HnilicaDonnerstag, der 24. Januar 2013
Wenn Männer es richtig machen…
Carl und Gerlinde (XXIX)
Carl wurde von Tag zu Tag klarer, dass er dem reinigenden Gewitter, eines Streits mit Gerlinde nicht mehr ausweichen konnte, weil er sonst in Gefahr lief, durch ihre manische Einkaufswut in den totalen Wahnsinn getrieben zu werden…
Seit vier Wochen verging kein Tag, an dem Gerlinde ihm nicht in den Ohren lag, weil wieder irgendein ganz süßes hellblaues Pulloverchen mit entzückend durchbrochenen Raglanansätzchen ohne jedes Zutun von ihrer Seite, so wahnsinnig eingegangen war, dass es wirklich nur mehr weggeschmissen werden konnte: dabei hatte sie dieses Mistding erst drei Mal angehabt und zweimal handwarm durchgewaschen – das müsse man sich einmal vorstellen!
Und was hatte sie nur für einen Ärger mit diesen saublöden apricotfarbenen Cardigans, die in keiner ihrer Boutiquen mehr aufzutreiben waren, außer bei diesem ätzenden C&A! Und da – typisch – nur in Größen für schwangere Walrösser und Sumo–Ringerinnen, aber nicht für normale Menschen, und schon gar nicht für sie, die gerade acht Wochen New York Diät hinter sich hatte, sechs Kilo leichter war und urschnell jede Menge neuer Klamotten brauchte; Unterwäsche eingeschlossen – aus Carls neuester Frühjahrskollektion natürlich!
Oder sie nörgelte, bevor sie noch einen Schluck Kaffe oder Bissen Brot zu sich genommen hatte, bereits beim Frühstück über total beknackte Wedge Sneakers aus der Goethestraße, die sie zu einem überirdischen Schnäppchenpreis erstanden hatte, die aber wegen ihrer blöden neuen Einlagen, so höllisch drückten, dass sie sie bestenfalls den OXFAM – Leuten bringen konnte. Der einzige Trost war, dass diese Folter– Sneakers, eh nicht zu ihrer neuen, abgefahrenen, schwarzen Zoé Lu Handtasche gepasst hätten, die sie nach wochenlanger Suche endlich in einer winzigen Boutique entdeckt hatte.
Aber abgesehen von diesem Ausnahmeglücksfall, lamentierte sie ohne Luft zu holen weiter, sei es bei ihr in letzter Zeit so beschissen gelaufen, dass das wirklich nicht mehr unter der Rubrik ‚übliches Pech’ abgehakt werden konnte! Nein – da konnte Carl noch so beschwichtigen, da war schon mehr dahinter. Schließlich hatte sie ja nicht nur mit ihren unmöglichen Klamotten dieses permanente Pech, ereiferte sie sich mit vollem Mund: Carl bräuchte sich doch nur an diese irren, schwarzen, marokkanischen Oliven unlängst vom Markt erinnern, die preislich derart reduziert waren, dass sie einfach vier Pfund mitnehmen musste, weil alles andere der Supergau an Blödheit gewesen wäre. Aber wie so oft schmeckten sie dem feinen Herrn Carl nicht und wurden unausgepackt in die Biotonne geworfen!
Oder die zwölf Flaschen spanischen Rotwein von Freixenet zum Sonderpreis von vier Euro neunundneunzig, mit denen sie ihn überraschen wollte und die auch ruckzuck in der Kanalisation landeten!
So ging das doch immer in letzter Zeit, wenn sie ihm eine Freude bereiten wollte, klagte Gerlinde schmollend und verzog sich hustend und schniefend in ihr frisch eingelassenes Erkältungsbad, das um ein Haar auch noch übergelaufen wäre…
„Entspann dich“! rief ihr Carl nach, war dann aber froh, dass sie weg war, da er diesen jämmerlichen Schwachsinn einfach nicht mehr ertragen konnte. Dabei war er doch wirklich die Geduld und Langmut in Person. Wie oft hatte er in unendlich langen und zermürbenden Diskussionen versucht, Gerlinde von dieser unsäglichen Jagd nach Schnäppchen und Fummeln abzubringen. Ihr geraten, gezielt, maßvoll und ruhig etwas teurer einzukaufen! Vor allem immer nur nach einem genauen Plan und wirklich nur das, was sie sich vorgenommen hatte! Das war doch eine schlichte Regel, die jeder verstehen und einhalten konnte! Auch sie als Frau, oder?
Doch heute, da Gerlinde von dieser zugegebenermaßen bösen Erkältung niedergestreckt worden war, bestand ja die Chance, dass wenigstens einen Tag lang in seinem Haushalt kein Einkaufschaos herrschte! Auf Grund dieser einmaligen Chance war er sogar bereit, die wenigen Sachen, die Gerlinde aufgeschrieben hatte, selbst schnell – vor Bürobeginn – aus dem Supermarkt zu holen:
1 WEISSBROT – 4 ZITRONEN – 4 DOSEN SARDINEN – 2 Päckchen BUTTER – 1kg LINSEN…
Das war’s schon!
Das Weißbrot kaufte er am Besten beim Rausgehen am Brotstand, das wusste er schon, obwohl er sich sonst wirklich nicht gut in diesem angeblich tollen Supermarkt auskannte und immer endlos herumsuchte.
Aber das war wohl der tiefere Sinn dieser permanenten Produktumschichtung! Außerdem hatte er gelesen, dass in allen Supermärkten der Welt, die Kunden immer linksrum geführt würden, da einschlägige Studien herausgefunden hatten, dass dann mehr gekauft wurde, als beim rechtsrum Gehen.
Aber jetzt musste er bei allem Linksrumgerenne erst einmal die Zitronen finden – bestimmt beim Obst!
Gerlinde klagte oft, dass es viel zu wenig frisches Obst gab – und wenn, dann war es meist weggekauft, bis sie ankam!
Heute lagen aber jede Menge prächtiger Mangos auf den Tischen, auch zwei Sorten duftender Melonen, schöne Papayas – nicht gerade billig aber riesig – prima Ananas – zum Aktionspreis – und herrliche, gelbe Kiwis, die sie eh so gerne aß. Was sollte falsch sein, wenn er die einmalige Gelegenheit nutzte und von allem ordentlich mitnahm? Gerlinde war bestimmt begeistert…
Aber wo waren denn nun die verdammten Sardinen? Das war doch der nächste Posten, soweit er sich erinnerte. Oder wo war jemand, den man fragen konnte? Solche Leute gab es gar nicht mehr in Supermärkten! Die versteckten sich, weil sie sich selbst nicht mehr auskannten; die Waren wurden ja nur mehr durch billiges Fremdpersonal einsortiert.
In seiner Not fragte Carl einfach die kleine korpulente Verkäuferin an der Fischtheke nach den Sardinen! Und da die so freundlich Auskunft gab, kaufte er gleich noch eine tüchtige Portion Meeresfrüchtesalat bei ihr und zwei köstliche Räucherforellen, die ganz frisch rein gekommen waren, wie die nette Verkäuferin mehrmals versicherte.
Bevor er dann aber wirklich in die vermutete Nähe der ersehnten Sardinen gelangte, musste er erst noch wie im Märchen etliche Prüfungen bestehen und unzählige lange und hohe Regalreihen mit eingelegten Heringen in hundert verschiedenen Gläsern und Dosen, überwinden – die es bestimmt in zwanzig verschiedenen Marinaden gab! Auch in Tomatensoße, um die er Gerlinde schon hunderte Male gebeten hatte, und von denen er sich keck gleich fünf Dosen in den Einkaufswagen lud und noch acht verschiedene Gläschen Muscheln darüber schichtete, bevor er endlich nach der Butter Ausschau halten konnte…
Aber stand vor dem Butterregal nicht sein unmöglicher, verbohrter Solar–Nachbar Konrad und seine eingetrocknete Luise? Und wühlten die nicht auch gerade in den zweihundert verschiedenen Buttersorten herum? Wie er es vor hatte?
Nichts wie weg!
Die Konrads musste er sich im Morgengrauen nicht antun, das konnte nicht einmal Gerlinde von ihm verlangen! Blitzschnell bog Carl nach links zu den Rotweinen ab und griff instinktiv nach einer Flasche Amarone für 36.- Euro.
Leider zu spät!
„Ach der Herr Nachbar füllt nach den Feiertagen sein Weinlager auf?“ hörte er hinter sich sagen. Carl drehte sich um, tat überrascht und sagte, „ Gott – die Konrads! Sind Sie auch beim Einkaufen?“
„Nach was sieht’s denn aus, Herr Nachbar?“ lachte der solare Konrad brüllend über fünf Regale hinweg.
„So gut schon aufgelegt am frühen Morgen?“ witzelte Carl gequält und fragte Herrn Konrad, ob er auch gerne Amarone trinke.
„Mein Mann trinkt nur deutsche Weine“, schaltete sich die faltige Luise ein, „da weiß man wenigstens, was man hat“.
„Das stimmt“, sagte Carl, bedächtig nickend, „ aber wenn man hier zu den höherpreisigen Weinen greift, ist man auch ganz gut bedient…“
„Na ja, eine Flasche Wein für vierzig Euro können wir uns nicht leisten“, warf Herr Konrad sauertöpfisch ein.
„Ja was trinken Sie denn dann?“
„Ach, in der Pfalz kriegt man beim Winzer für fast kein Geld auch recht ordentliche ‚Tröpfle’?
„So, so“ sagte Carl und stellte sich mit einem selten gespürten Wonnegefühl, acht Flaschen Amarone in den Einkaufswagen, während die Konrads kopfschüttelnd weitergingen.
Aber so richtig voll hatte Carl die Nase erst, als Gerlinde ihn daheim wie in einem Kreuzverhör fünf mal hintereinander nach den blöden Zitronen und Sardinen befragte und acht Mal nach der beschissenen Butter und den Linsen, als gäbe es keine anderen Probleme auf der Welt!
Typisch Weiber, nur nicht über den Tellerrand hinausgucken, es könnte ja auch noch etwas anderes geben, als diesen kleinkarierten Haushaltskram.
Sein tolles Obst wurde nicht einmal ignoriert!
Und als er sich erlaubte dezent darauf hinzuweisen, sagte Gerlinde nur spitz, dass sie gar nicht wüsste, wohin mit diesen Mengen? Ja sollte er denn um Herrgottswillen jetzt auf der Stelle auch noch einen größeren Kühlschrank anschaffen? Unfassbar was diese Frauen sich vorstellten…
Wenn das der Dank dafür war, dass er freiwillig Gerlindes Haushaltskram erledigt hatte, konnte er wirklich gerne darauf verzichten!
Und auf Klugscheißereien, wie „der Amarone stand aber nicht auf dem Einkaufzettel!“ auch. Folglich durfte Gerlinde nie etwas von diesen acht schönen Fläschchen Amarone in seinem Auto erfahren: es sei denn sie war bereit alle acht Fläschchen – mit ihm auszuschlürfen…
KH
Klaus HnilicaDonnerstag, der 10. Januar 2013
Pauline weint…
Nein, es war kein richtiges Weinen, eher ein dünnes stimmloses Wimmern. Aus ihren verquollenen Augen sickerten auch nur deshalb noch Tränen, weil ihr kleiner, dicklicher Körper in dem blutrot verschmierten, weißen Küchenkittel permanent von einer unsichtbaren Kraft durchgeschüttelt wurde, die ihr jede noch so kleine Träne sofort aus den Augen trieb.
Und obwohl Pauline die ganze Zeit über vor ihrem grauen Metallspind in der fensterlosen Umkleidekammer des Küchenpersonals kauerte, war sie nicht in der Lage diesen ekelhaft verdreckten Küchenkittel abzulegen oder ihr mit Tomatenmark verklebtes Gesicht zu waschen.
Dabei war die Großküche der Niederösterreichischen Landesregierung schon lange aufgeräumt und für morgen vorbereitet, alle Kolleginnen seit Stunden weg und außer den Wachleuten bestimmt niemand mehr im Gebäude.
Aber sie – saß nur da, wimmerte, wischte sich über die Augen und starrte vor sich hin…
Ihr graute vor dem Heimweg! Andererseits lehnte sie jede Hilfe ab: sie schaffe das, hatte sie gestöhnt, obwohl sie genau wusste, dass sie zu Fuß heim zockeln musste. Selbst in diesem fürchterlichen Zustand, in dem sie sich heute befand. Etwas Anderes war gar nicht möglich.
In den letzten Monaten dieses elenden Jahres 1945 gab es ja in der russisch besetzten Zone Wiens kaum Strom. Mit Straßenbahn war da nichts. Und wenn, dann ging es in dem Trümmerhaufen des 4. Bezirks, den sie durchqueren musste, auch nur im Schritttempo voran. Vom 1. Bezirk, wo sie arbeitete, war selbst sie mit ihrem kleinschrittigen Dackelgang schneller daheim im 5. Bezirk, der britisch war, als mit der Trambahn.
Und trotz Fußmarsch schleppte sie immer noch übrig gebliebenes Essen mit heim – das schon – und verteilte es an die ganz armen Schlucker im Haus. Aber heute reichten ihre Kräfte mit Sicherheit nicht mehr, um noch irgendetwas mitzunehmen, ja sie musste froh sein, wenn sie sich selbst nach Hause schaffen konnte.
Und wenn nicht gerade Oktoberbeginn gewesen wäre, an dem die Russen turnusgemäß die monatliche Verwaltung des 1. Bezirks übernommen hatten, hätte sich bestimmt auch nicht dieser betrunkene russische Soldat, nach der Arbeit in die völlig verwaiste Küche schleichen können.
Wie aus dem Nichts stand er plötzlich vor ihr: riesengroß, in schlampiger verschmierter Uniform, die Kappe nach hinten geschoben, darunter zwei schiefe, böse Augen und ein breites, Angst einflößendes Grinsen mit hässlich abgebrochenen Vorderzähnen.
Pauline erschrak – und schrie! Da war er schon bei ihr, packte sie wie einen Hasen am Genick, drückte sie auf den einzigen Stuhl in der Küche und hielt ihr mit seiner anderen stinkenden Pranke den Mund zu.
„Nix schreien – Mamuschka“ zischte er und stieß ihr einen ekelhaft nach Schnaps stinkenden Schwall ins Gesicht, der sie kaum atmen ließ. Verängstigt, zitternd und stöhnend wand sich Pauline wie eine Schlange im Todeskampf und versuchte krampfhaft ihren Mund freizubekommen. Aber ihr hilfloses Gezerre an seiner tierischen Pranke schien diesen schrecklichen Russen nur zu belustigen: amüsiert drückte er abwechselnd ihren Nacken zusammen und dann den Mund und die Nase, und je mehr ihr Gesicht blau anlief, umso vergnügter wurde er.
Plötzlich schien er abgelenkt und ließ los! Pauline schnappte nach Luft. Sie wagte kaum, den schmerzenden Nacken und wehen Mund mit ihren krampfstarren Fingern abzutasten.
Irgendwie schien sich der Russe anders besonnen zu haben!
Er schaute Pauline auf einmal ohne Arg an, nuschelte etwas von Hunger und ‚nix essen’ und torkelte suchend durch die aufgeräumte Küche.
Aber da war nichts – alles Essen war in der Kühlkammer.
Da er weder sie, noch sie ihn verstand, schüttelte Pauline nur heftig ihren Kopf, während er in den Geschirrschränken herumwühlte und deutete auf die verriegelte Tür der Kühlkammer. Pauline war nicht in der Lage etwas zu sagen oder einen Ton von sich zu geben.
Leider stolperte der Russe dann über den unsäglichen Fünflitereimer Tomatenmark, den die schusselige Maria nicht weggeräumt hatte. Der Eimer fiel um, und der Russe stutzte. Lässig stellte er ihn auf die Spüle, öffnete ihn, griff mit seinen Fingern hinein, kostete und schaute grinsend zu Pauline, die kreidebleich auf ihrem Stuhl hin und her pendelte.
Als ob sie es geahnt hätte, trat er plötzlich mit dem Eimer an sie heran, brummte „Tomaten – Wangen rot – Mamuschka“ und setzte Pauline den ganzen Eimer Tomatenmark einfach an den Mund.
„Du trinken – Mamuschka- viel trinken…“
Pauline wehrte sich. Sie wich mit ihrem Kopf so gut es ging aus und biss die Zähne zusammen; aber dieses Monster presste ihr den Eimer so grob an die Lippen, dass diese aufsprangen und höllisch zu brennen anfingen. Ihr blieb nichts anderes übrig als wenigstens ein bisschen zu schlucken. Und dann noch ein bisschen, und noch ein bisschen, und noch ein bisschen …
Immer wieder versuchte sie verzweifelt den Eimer wegzudrücken, um Luft zu holen, wobei ihr jedes Mal die rote Tomatenbrühe über Kinn und Hals in die Bluse und den Küchenkittel lief. Grölend riss ihr das Monster die Bluse auf und setze den Eimer ab. Aber kaum hatte Pauline sich erholt, war der Russe wieder zur Stelle und drückte ihr noch rücksichtsloser den Eimer zwischen die Zähne, und Pauline schluckte und keuchte und schluckte und spürte wie sie immer tiefer in der saueren Tomatenbrühe versank…
Plötzlich hielt der Russe inne!
Blitzschnell presste er Pauline den Eimer zwischen die Füße, flitzte quietschend zu einer der Spülen, warf sich auf den Boden und kam teuflisch grinsend auf Pauline zu, mit einer ängstlich zappelnden Maus, die er stolz an ihrem langen Schwanz hin und her schwenkte.
Schreckensstarr bekam Pauline noch mit, dass er die piepsende Maus lachend über sein offenes Maul hielt und so tat als würde er sie schlucken, dann aber in das Tomatenmark vor ihren Füßen tunkte bis sie zu zappeln aufhörte. Er holte die Maus sichtlich zufrieden hoch, torkelte neben Pauline, zog ihr langsam und genüsslich mit der anderen Hand an den Haaren den Kopf zurück, und führte die tropfende und zuckende Maus immer näher an ihren Mund…
Dann – ein donnernder russischer Befehl und eine Kanonade von Flüchen! Vier Hände packten das Monster und schleppten es samt der zuckenden Maus weg. Pauline stöhnte auf und rang mit weit aufgerissenen Augen nach Luft. Der zurückbleibende russische Soldat, in tadelloser Uniform, salutierte und fragte, ob er helfen könne…
Pauline, die über und über mit Tomatenmark bekleckert war, schüttelte mechanisch den Kopf.
Der Russe, entschuldigte sich in gebrochenem Deutsch und sagte Schweine gebe es überall – leider auch in der Roten Armee – aber er habe selbst eine Mamuschka in Moskau und wisse wie es ihr gehe, er werde Hilfe holen.
Er salutierte wieder und eilte zu den anderen, die bereits im Flur verschwunden waren, während Pauline spuckte und spuckte und keuchte und in immer schnellerer Folge sich übergab.
Und dann konnte sie endlich weinen…
KH
Zum Bild: Martina Roth, Mystisch, Acryl auf Leinwand, 64 x 45 cm
Roland DürreDonnerstag, der 20. Dezember 2012
Kinder sind Männersache
Die Diskussion “über zu niedrige Geburtenraten in Deutschland und was der Staat dagegen machen soll” nervt mich.
Deshalb mache ich mit.
Zuerst mal meine ich, dass der Staat es im Normalfall zuerst mal den Menschen überlassen sollte, wie viele Kinder sie kriegen. Auch eine – vielleicht aus strategischen Gründen – rational oder sinnvoll erscheinende Bevölkerungspolitik wie die Chinas hat zwei Seiten. Ich sehe mich nicht in der Lage, dies “ethisch” zu bewerten.
Besonders aber nerven mich die Forderungen und hierzulande stattfindenden Diskussionen zu Kindertagesstätten (man beachte die Abkürzung Kita!) und zum Betreuungsgeld. So steuere ich auch hierzu meine zwei Cents bei.
Erste Aussage:
Ein Kind sollte man nicht zu früh und zu lang von seiner Mutter trennen. Es könnte sein, dass das Kind so frühe Verlustängste erlebt. Dies könnte zur Folge haben, dass das im Leben so notwendige Urvertrauen nicht ausreichend aufgebaut wird. Wie lange nach der Geburt der notwendige Zeitraum für eine enge Mutter-Kind-Beziehung zu sein hat, weiß ich als Laie nicht. Ich meine aber, dass man versuchen sollte, in solch wirklich wichtigen Dingen immer auf der “sicheren Seite” zu sein. Und da könnte in diesem Fall tatsächlich einmal ein “wenig mehr” besser sein zu wenig.
Also ist es wichtig, dass Mütter die Möglichkeit haben, viel Zeit mit ihren Kleinkindern zu verbringen. Das sollte in einer reichen, modernen und humanen Zivilisation sicher möglich, Gesellschaft, Unternehmen und Staat müssen es nur wollen.
Die angenommene Korrelation von Anzahl von Kita-Plätzen zur Anzahl von Geburten halte ich für möglich und vielleicht erklärbar, aber nicht für kausal. So könnte es sein, dass in einer “Kinder-freundlichen” Gesellschaft es einfach eine größere Bereitschaft gibt, auch in so etwas wie Kitas zu investieren. Dass ein Paar die Entscheidung, ob es ein Kind bekommt, von der Verfügbarkeit eines Kita-Platzes abhängig macht, leuchtet mir jedoch nicht so recht ein.
Zweite Aussage:
Etwas anderes und vielleicht Relevantes fällt mir aber immer mehr auf. Es sind nicht die Frauen, die die Anzahl der Kinder bestimmen! In meiner Umwelt kenne ich zahlreiche Paare, bei der die Frau ganz gerne ein Kind (oder mehr davon) hätte oder gehabt hätte. Und in den meisten Fällen ist/war der Mann die treibende Kraft bei der Entscheidung gegen Kinder oder nur für ein Kind.
Die Frauen – ausgleichend und partnerschaftlich – akzeptieren das. Sie lieben (und fürchten) ihre Männer und wollen diese nicht mit “unangemessenen und irrationalen Forderungen” in emotionale Schwierigkeiten bringen. Wahrscheinlich fällt es den Frauen auch ein wenig leichter, die männliche Vorgabe zu akzeptieren und “vernünftiger Weise” auf Kinder zu verzichten, weil Kinderlosigkeit ja auch ganz bequem ist, den Lebensweg zumindest vermeintlich weniger kompliziert macht (siehe Karriere und Selbstverwirklichung) und so durchaus seine Vorteile zu haben scheint.
Also:
Die Annahme, dass die Frauen über die Anzahl der Kinder entscheiden und das von staatlicher Infrastruktur oder Karrieremöglichkeiten abhängig machen, erscheint mir in unserem Kulturkreis mittlerweile als ziemlich falsch. Nein – die Männer bestimmen überwiegend die Anzahl der Kinder in einer Partnerschaft. Fragen Sie einfach mal mit Ihnen befreundete Paare, wie viel Prozent der Anteil des Mannes bei der “gemeinschaftlichen” Entscheidung war!
RMD
P.S.
Future is female!
Roland DürreSamstag, der 24. November 2012
brand eins im Dezember
Am Freitag war es schon da. Und sah auf dem ersten Blick aus wie ein Mappe mit Spiralbindung. Bei InterFace haben wir so ein paar Broschüren dieser Art. Eine heißt flatland.
Da steht drin, wie wir uns unsere Unternehmenskultur wünschen würden. So ein klein wenig Utopie. Aber ich glaube dran. Hochspannend. An flatland hat das brand eins mich erinnert. Aber über flatland schreibe ich ein anderes mal.
Wie immer lasse ich das neue brand eins erst mal von außen auf mich wirken, bevor ich dann rein schaue. Ein freundlicher Herr schaut mich an. Er ist wohl älter als ich es bin. Da freue ich mich, habe ich ja so auch noch eine Chance, mal auf den Titel eines Blatts zu kommen. Der Herr strahlt Ruhe und Würde aus. Passt schon mal.
Dann sehe ich die Überschrift:
Nichts für Feiglinge
Oha! Was hat das zu bedeuten? Ich weiß immer noch nicht, ob ich ein Feigling bin. Oder ein (was)? Verflixt, was ist denn jetzt noch mal das Gegenteil von Feigling? Mutige? Angstfreie? Bin jetzt zu faul, es zu recherchieren. Mache ich heute Abend. Faulheit ist übrigens auch eine wichtige Tugend und bringt großes Glück. Man muss sich halt nur trauen. Faulheit ist sozusagen nichts für Feiglinge.
Ich gehe weiter zum Schwerpunkt Das gute Leben. Da kommt mir schon wieder eine Assoziation. Habe ich ein gutes Leben? Die spontane Antwort – zweifelsfrei! Aber da fällt mir noch das Kleingedruckte auf der ersten Seite auf:
“Ich habe heute das gute Gefühl, dass ich die richtigen Prioritäten gesetzt habe” Gerd Knop, 70
Ja, ab und zu lohnt es sich, das Kleingedruckte zu lesen. Das Rätsel ist gelöst. Der Mann, der mich da so souverän anschaut ist wohl Herr Knop und siebzig Jahre alt.
Also rein ins Heft – und wie immer zuerst zum Editorial von Frau Fischer. “Keine Glückssache” steht da geschrieben und ich denke mir “wahrscheinlich ist es keine Glückssache, die richtigen Prioritäten zu setzen“? Hmm, schwierig. Oder einfach? Ich weiß es nicht. Aber spannend.
Das Heft erscheint mir dick. Es hat diesmal 170 Seiten. Ist schon viel. Muss auch wieder zuerst mal fleißig Werbung raus schütteln. Darüber habe ich ja schon beim letzten Heft geschrieben. Papierkorb holen, Heft drüber halten und fleißig schütteln. Komme mir dann immer vor wie bei Frau Holle. Wird gleich wieder kräftig schneien auf der Erde. Und schon ist das Heft deutlich schlanker.
Bin ich jetzt aber die Pech-Marie oder die Gold-Marie? Eigentlich ist mir klar: Ich bin die Gold-Marie. Habe ja fleißig geschüttelt. Und habe das gute Gefühl, auch die richtigen Prioritäten gesetzt zu haben. Und erfreue mich am Leben solange ich noch Neues erlernen und erleben darf.
Und schon nach wenigen Seiten merke ich, dass ich auch aus diesem Heft wieder vieles für mich Wertvolles holen werde. Was mir bei den anderen Hochglanzmagazinen nie passiert. Nicht mal beim “Playboy”. Auch nicht bei Wirtschaftswochen oder Manager Magazinen und den Periodikas, die ebensolche Worte im Titel tragen (so selbstverständlich leer wie es Parteien gibt, die das Wort “christlich” oder “sozial” im Namen haben). Und wenn ich sie noch so gut schüttele, kommt da für mich nichts gescheites raus.
Also ganz kurz: Es ist wieder ein schönes Heft mit einem tollen Titel. Ich werde es ein paar mal verleihen und auf meinen Reisen mitnehmen. Und ich sag mal: Wer brand eins liest – der wird nicht zur Pech-Marie.
Es grüßt Euch zum Wochenende Eure Gold-Marie.
RMD
Roland DürreSamstag, der 17. November 2012
Rückblick – Wilfried Bommert im IF-Forum
Am letzten Dienstag war Wilfried Bommert vom WDR bei uns in Unterhaching zu Gast. Wildfried Bommert ist ein namhafter Experte für “Welternährung”. Zu diesem Thema hat er auch einige Bücher veröffentlicht. Zurzeit gründet er mit Partnern das “Institut für Welternährung” in Berlin.
Der letzte Vortrag unserer Reihe “Nach(haltig) überleben” im IF-Forum des Jahres 2012 war wieder ein weiterer Höhepunkt. Herr Bommert hat seinen Vortrag bewusst sehr kurz und bündig gehalten. Das haben wir so geplant, denn wir wollten ja quasi als zusätzlichen Wert des Tages ein attraktives Video für Youtube produzieren.
Das dürfte uns gelungen sein. Jeder Satz von Herrn Bommert hat gesessen. Verbindlich, ohne unnötige Emotionalität und fragwürdige Wertung, hat er ganz sachlich Fakten berichtet und einfache, sehr nachvollziehbare Schlüsse gezogen.
So hatten wir im Anschluss an den Vortrag eine lange Diskussion. Sehr konstruktiv und leidenschaftlich. Und waren uns einig: Die Botschaften des Herrn Bommert sind wichtig. Er hat ganz schlicht und sachlich demonstriert, an welch dünnem Faden die Ernährung der Welt hängt. Und wie leicht das kippen kann und wohl auch wird.
Herr Bommert hat uns aber auch Wege aufgezeigt, wie man die Dinge ändern kann. Und dass man sich durchaus für die Zeit nach dem Kollabieren unserer dummen und langfristig schädlichen Art von Wirtschaft vorbereiten kann. So kam es trotz vieler sehr nachdenklich machender Fakten und Bewertungen zu einem schönen und optimistischen Abschluss.
Bei Wienern und Leberkäs (natürlich vom Metzger Schlammerl aus Ottobrunn) wurde so noch kräftig in vielen kleinen Runden weiter diskutiert. Und spätestens beim Glühwein mit köstlichen Lebkuchen – auch aus der Region vom Bäcker Götz in Taufkirchen – war die Stimmung getragen vom Mut zum Aufbruch und die Freude über den lehrreichen und nahrhaften Abend bei allen groß.
Ich freue mich schon auf das Video vom Vortrag, das Friedrich Lehn aufgenommen hat. Sobald es fertiggestellt ist, werden wir es auf unsern diversen Kanälen in Youtube zum Anschauen bereit stellen.
RMD
Hier noch ein paar Bilder als Erinnerung und zum Appetit machen aufs Video.
Wilfried Bommert im Gespräch mit Familie Gerlach. Thomas Gerlach ist Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk und hat den Kontakt zu Herrn Bommert hergestellt.
Die Hinführung zum Vortrag, gleich geht es los …
Alle Photos sind wie so oft von unserem Rolo Zollner.







