Roland Dürre
Sonntag, der 11. August 2019

Die CLOUD im Theater.

Das ist ein Stück zur Digitalisierung!
Und was für eines!

Das Torturmtheater zu Sommerhausen.

Theater ist ein wichtiges Bestandteil meines Lebens. Ich brauche es förmlich. Es muss nicht pseudo-modern sein. Mich begeistert auch kein pompöses Gesamtkunstwerk mit technisch aufwändigen Audio- und Video-Produktionen.

Mir ist ehrliches Theater am liebsten. Gern bin ich nah dran an Bühne und den Schauspielern. Wenn diese „gute Handwerker“ sind, die ihre Rollen verstehen und mit Leidenschaft spielen, dann ist das für mich etwas Großartiges. Besonders wenn das Stück dann auch noch etwas taugt.

Zurzeit habe ich drei Lieblingsbühnen. In München sind dies das Volkstheater und das Metropol. Ganz besonders liebe ich aber das Torturmtheater in Sommerhausen, unweit von Würzburg.

Im Torturmtheater fängt das Besondere schon bei den Stücken an. Jedes Jahr wählt Angelika Relin, die das Theater leitet und da für irgendwie alles zuständig und verantwortlich ist, vier zeitgenössische Stücke aus. Diese zeichnet aus, dass sie Themen mit herausragender Aktualität behandeln und sich wunderbar ergänzen. Im Jahre 2019 ist das schon mit den ersten drei Stücken wieder hervorragend gelungen.

Zum Frühling gab es:


Bilder einer großen Liebe
von Wolfgang Herrndorf.

Bilder Deiner großen Liebe.

Das war ein großartiges Ein-Personen-Stück. Ich habe in  einem Artikel von meinem Besuch berichtet.

Das Mädchen Isa, gespielt von Isabel Kott, berichtet sein Leben – wie ein aus dem Himmel gestürzter Engel.

Isa ist ein aus dem Erziehungs-Heim ausgerissenes Mädchen, dass ohne Geld und Ziel durchs Leben streicht und wahrscheinlich auch stricht.  Isa weiß, dass sie offizielle geisteskrank ist. Nur, alles was sie erzählt kommt dem Zuschauer vernünftiger vor als das meiste von dem, was er täglich erlebt.

Im Erfolgsroman TSCHICK des Autors des Stückes hat das Mädchen Isa nur eine Nebenrolle, im Stück erzählt sie ihr Leben.

Das war ein großartiget Theaterabend in 2019, den uns das Torturmtheater, Angelika Relin, Eos Schopohl (Regie) und Isabel Kott und das ganze Team uns beschert haben. Das war der aber nur erste Streich!

Weiter ging es im beginnenden Sommer mit


Lieben. feministisch
Von Samantha Ellis

Lieben – feministisch.

Das war wieder der nächste Volltreffer. Ein Knaller, der absolut in unsere #metoo-Zeit passt.

Lieben feministisch berichtet von einem Paar. Die Frau steht eigentlich auf geile Machos. Dummerweise liebt sie einen Mann, der von seiner Mutter zum überzeugten „Feministen“ erzogen wurde.

Dieser liebt sie, will sie respektieren und achten, obwohl das sogar nicht das ihre ist?

Kann das gut gehen? Eigentlich nicht.

Aber das Stück gibt eine schöne Antwort. Von Angelika Relin spitzenhaft gefunden und ausgesucht Stück, das wir dank Amelie Heller und Christian Streit (die Schauspieler) und Ercan Karacayli (Regie) genießen durften.

Und jetzt am 8. August hieß es „Vorhang auf“ für


Die Mitwisser
von Philipp Löhle.

Die Mitwisser.

Ich durfte bei der Premiere dabei sein. In diesem Stück geht es um unser Leben in und mit der CLOUD. Es geht um den gesellschaftlichen Wandel, den die Digitalisierung bewirkt.

Das ist mein Thema – arbeite und wirke ich doch schon seit 50 Jahren intensiv an der Digitalisierung  mit.

So suche ich nach der Metapher, die am besten für das steht, was die Digitalisierung individuell und sozial/gesellschaftlich bewirkt.

Ist es das Internet, das Netz oder das WebIrgendwas mit 2.0, 3.0, 4.0 oder die Cloud? Und habe mich für den Begriff der „CLOUD“ entschieden. Der trifft es am besten. Finde ich.

„Die Mitwisser“ zeigt die Welt in der CLOUD. Die liegt noch in der Zukunft liegt aber ist auch schon da. Und alle – ob Politiker oder Wirtschaftsbosse wollen und fordern Digitalisierung, obwohl sie oft gar nicht wissen, was das ist.

Im Stück zeigt wie unsere Welt in der CLOUD ausschaut, wenn sie den Algorithmen und neuronalen Netzen folgt. Dies mit großer künstlerischer Offenheit und einem klugen Maß an Kritik, aber auch in versöhnlicher Zuversicht.

Regie (Ercan Karacayli) und das Schauspieler-Team (Norbert Ortner, Anna Bomhard, Martin Herse, Malene Becker) haben das Stück von Philipp Löhle herausragend umgesetzt und zeigen, dass sie das Thema verstanden haben. Und nehmen die Zuschauer mit in eine Reise in die „CLOUD“.

Wie viele  Veranstaltungen mit mehr „oder weniger“ hochkarätigen ReferentInnen habe ich besucht! Da ging es um Digitalisierung allgemein, um die Folgen von social Media wie Blockchain und Bitcoin, Allgortithmen KI und neuronale Netze.

Und wie oft bin ich enttäuscht heimgekommen. Was da alles oft erzählt wurde, hatte mit der Realität aber auch gar nichts zu tun. Und ehrlich gesagt, meistens hatten die Referenten keine Ahnung von dem über das sie redeten. Meistens bestätigte sich die These meines Lehrers Rupert Lay, dass wir im Zeitalter des unverantworteten Geschwätzes leben.

Ich garantiere, dass dieses harmlose Theaterstück so viel mehr Substanz enthält als all die schrecklichen Vorträge (von Akademika, Wirtschaft und Politik), die ich gehört habe.

Und es kommt noch besser. Die Zuschauer des Stücks hatten unheimlich viel Spaß und sind alle mit großer Freude und Hochgefühl heimgehen. Aber vorher gab es im edlen Foyer des Torturmtheaters einen intensiven Gedankenaustausch gepaart mit einer gesunden Portion an Nachdenklichkeit.

Wahrscheinlich sollte man unsere ganzen Politiker, die sich täglich zur Digitalisierung bekennen und darüber schwafeln, ganz schnell ins Stücke reinschicken. Das wären dann mal gut angelegte Steuermittel.

Aber wie bekomme ich die bayerische Staatsregierung ins Torturmtheater? Wahrscheinlich schafft man es nicht einmal, die Judith Gerlach vom Bayerischem Staatsministerium für Digitales  ins Theater zu locken, weil sie etwas wichtiges Juristisches für die DSGVO oder das Urheberrecht im Internet lösen muss. Und für sie und ihre Mitarbeiter im Ministerium wäre der Besuch besonders nützlich und wertvoll.

Und am 10. Oktober ist die Premiere des vierten und letzten Stückes in 2019.


ALLES WAS SIE WOLLEN

von Matthieu Delaporte / Alexandre de la Patellèrie.

Ich bin schon gespannt!

Und bis dahin empfehle ich jedem, der an unserer Zukunft und Digitalisierung interessiert ist, den Besuch des aktuellen Stückes, das bis zum 5. Oktober im Torturmtheater gespielt wird.

RMD

P.S.
Hier der Spielplan 2019 des Torturmtheaters Sommerhausen.

Roland Dürre
Dienstag, der 30. Juli 2019

Frankfurt in Nauders

 

Wie ich Opfer von für mich unverständlicher Gewalt wurde.

 

Die Norbertshöhe – Postkartenidylle in den Alpen

Im Juli dieses Jahres war ich in Schlanders im schönen Südtirol, um dort beim Trainingslager der SpVgg Unterhaching ein paar Tage dabei zu sein. Dazu sind wir (Barbara, Maresa und meine Wenigkeit) im EC vom Ostbahnhof in München nach Innsbruck gefahren und von dort den Inn-Radweg nach Martina geradelt. Weiter ging es hoch zur Norbertshöhe.

Der Radweg von Innsbruck zur Norbertshöhe ist wunderschön und gut mit einer Übernachtung (wir haben in Zams geschlafen) zu schaffen. Der zweite Tag wird gekrönt von elf Spitzkehren, die von Martina einige Hundert Höhenmeter hoch zur Norbertshöhe führen. Dort ist ein gleichnamiger Alpengasthof, in dem es sich sehr gut übernachten lässt. Dann hat man nur noch eine gemütliche und schnelle Etappe nach Schlanders.

Der einzige Schönheitsfleck auf dieser Route ist die Tatsache, dass man vor Martina einen Teil der schönen Strecke auf einem Radweg fährt, der zwar abgetrennt von aber doch entlang einer befahrenen Landstraße führt.

Nach einer angenehmen und sehr komfortablen Übernachtung auf der Norbertshöhe ging es am Morgen des 5. Juli 2019 weiter auf dem Radweg in Richtung Nauders.

In Nauders wurde ich an diesem Tage zwischen 9:03 und 9:09 Opfer einer Gewalttat, die mich völlig überraschend getroffen hat. Die Daten weiß ich so genau, weil ich die Funktion „meine Zeitachse“ in Google Maps nutze.

Heute habe ich im Radio viel von der Gewalttat in Frankfurt gehört. So kam mir mein Erlebnis in Nauders wieder in den Sinn. Und ich erzähle mal, was mir da Unglaubliches passiert ist.

Der Radweg führt  durch den doch sehr touristischen Ort Nauders. Da gibt es viele Geschäfte. Der Weg durch Nauders wird von Fußgängern, Radfahrern und Autos gleichermaßen genutzt.  Bei einem Sportgeschäft, vor dem eine größere Freifläche war haben wir angehalten, die Barbara und Maresa haben das Geschäft besucht und ich blieb draußen bei den Fahrrädern.

Laut Google stand ich gut 5 Minuten vor dem Geschäft. Dann kamen meine Damen wieder raus aus dem Geschäft, bestiegen ihre Fahrräder und fuhren weiter.

Ich wollte auch aufsteigen und hinterherradeln. Genau in diesem Moment bekam ich einen sehr heftigen und mich völlig überraschenden Schlag in den Rücken. Mit Glück und Geschick gelang mir, einen Sturz zu vermeiden.

Und sah ich einen großen und kräftigen Mann, der keinen ganz normalen Eindruck machte, sich sehr raschen Schrittes und in auffallend aufrechter Körperhaltung von mir zu entfernen.

Ich war ratlos, meine Begleiterinnen waren schon losgefahren. Den Mann zu verfolgen und zur Rede zu stellen hatte ich keine Lust. So fuhr ich meinen beiden Damen hinterher und erzählte ihnen von diesem Vorfall.

Die gemeinsame Bewertung war, dass Maßnahmen wie eine Anzeige bei der Polizei nicht sehr zielführend wären und uns nur eine Reihe von Unannehmlichkeiten und Zeitverlust bereiten würden. Wahrscheinlich wäre dann auch ein Arztbesuch notwendig gewesen, wir hätten viel Zeit verloren und wollten lieber weiter fahren.

So haben wir versucht, uns die gute Laune nicht verderben zu lassen und sind weitergeradelt. Und haben die tolle Strecke runter nach Südtirol genossen. Das war auch gut so: die Stelle, wo ich getroffen wurde, hat bei ungeschickten Bewegungen noch ein wenig geschmerzt, aber nach zirka drei Tagen war alles wieder gut.

Beim Weiterfahren habe ich noch gerätselt, was da passiert ist. Die wahrscheinlichste Erklärung der Situation für mich war, dass so eine Art Dorfdepp sich über irgendetwas geärgert hatte und deswegen tätlich wurde. War es mein eBike (es soll ja Leute geben, die sich über Fahrräder und besonders elektrische ärgern)? Habe ich ihn vorher aktiv (als Radler) belästigt? Das glaubte ich nicht, denn ich stand ja schon mehrere Minuten vor dem Geschäft und verhalte mich als Radler in solchen Misch-Verkehrszonen immer sehr rücksichtsvoll vor allem gegenüber Fußgängern. Aber kann ich das ganz ausschließen? Oder war es nur meine Kleidung oder meine Nase, die ihm missfallen hat? Vielleicht war er ja auch nur neidisch, dass ich zwei hübsche Begleiterinnen hatte? Oder hatte mich der Täter  mit einem österreichischen Politiker verwechselt? Wie soll ich wissen, was im Kopf des Angreifers vor sich ging?

Am frühen Mittag bei einer Pause in Glurns  bekam ich dann einen leichten Schock.

Irgendwie hatte sich in meinem Gehirn die Frage fest gefressen:
„Was wäre gewesen, wenn der Angreifer ein Messer als Waffe benutzt hätte“?
Ich sah mich in meiner Phantasie in einer Blutlache liegen, dann im Krankenhaus um mein letztes bisschen Leben kämpfen und dann mit bleibenden Schäden im Rollstuhl meinem Ende entgegen siechen.

Aber wahrscheinlich ist es statistisch ganz normal, dass wenn man 70 Jahre alt wird, man auch mal von anonymer Gewalt getroffen wird. Mir fällt ein, dass einer meiner Söhne mal von Ottobrunner Hauptschülern ohne erkennbares Motiv zusammen geschlagen wurde. Nur weil er dort zum falschen Zeitpunkt über den Bahnhofsplatz lief. Und Gymnasiast war.

Ich darf nur nicht weiterdenken. Denn dann komme ich auf den Gedanken, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein SUV mich vom Fahrrad holt, viel höher ist und die Folgen dann in der Regel viel schlimmer sind, als die meines Abenteuers in Nauders. Nur ist das Überfahren eines Radfahrers (oder auch neuerdings von e-Roller-Fahrern) durch Pkws wie Lkws eine gesellschaftlich tolerierte und alltäglich passierende Gepflogenheit, die häufig stattfindet. Und dann als Unglück bezeichnet und bestenfalls als Ordnungswidrigkeit verfolgt wird.

Passiert jedoch sinnlose Gewalt von warum auch immer geistig gestörten Menschen, dann wird das aber als nationale Katastrophe kommuniziert. Und ganz Deutschland ist betroffen und heult, so dass sogar der Herr Bundesminister des Inneren seinen Urlaub unterbricht.

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 26. Juli 2019

Schafkopf, Schule und Digitalisierung.

 

Geschichten aus der Kartenrunde.

 

Laub(?)-Solo an Position 3 mit 4 Obern, in der Bockrunde mit Kontra verloren.

Gelegentlich verlasse ich die sportlichen Schafkopfrunden und spiele mit den alten Herren. Das ist eine fiktive Kartenrunde. Ähnlichkeiten mit realen Runden sind rein zufällig.

Die „alten Herren“ sind nicht älter als ich. Die Runde nenne ich insgeheim so, weil es eine sehr beschauliche Schafkopf-Runde ist. Mit geringen Einsätzen und ohne Klopfen, aber viel Ratsch und Tratsch.

Die „alten Herren“ sind überwiegend Rentner oder Privatiers. In der Regel haben sie eine Familie gegründet und können auf eine erfolgreiche berufliche Karriere zurück blicken. Sie hatten ein erfülltes Leben, wussten immer, was richtig und falsch ist und haben als brave Bürger einiges erreicht. Sie leben in einer objektiv  sorgenfreien und friedlichen Welt, allerdings begleitet von vielen unsinnigen Ängsten. Heute wirken sie als sie gute Großväter und unterstützen ihre Kinder in besonders vorbildlicher Art und Weise bei der Betreuung der Enkelkinder.

Das Blatt des Gegners an Position 4, der mein Solo „abgeschossen“ hat.

Dafür bringen sie auch richtig viel Zeit auf. Als helfende Engel sind sie ständig für andere Menschen unterwegs. Und wissen auch immer besser, wie man es richtig macht.

Ich meine, dass jeder seine Probleme  selber lösen müsse und unterstütze am liebsten nur mit „Hilfe zur Selbsthilfe. Und jeder sein Leben eigenverantwortlich gestalten solle.

Ich habe versucht, vom moralischen Vorgaben und ähnlichem komplett verabschiedet habe. Auch mein schlechtes Gewissen habe ich abgeschafft. Sonst würde ich mich in solchen Runden als richtig schlechter Familienvater und Mensch fühlen.

Jetzt zur Geschichte. Es geht um die Schule. Auch ich habe eine Tochter, die Lehrerin geworden ist. Meine Tochter erzählt auch oft Geschichten, die mich wundern machen. Es ist erschütternd, wie sehr Schule und Bildung in Deutschland unter die Räder kommen.

So stammt folgende Geschichte aus der Welt der staatlichen Schule. Sie ist aber nicht von meiner Tochter. Sondern von einem Schafkopffreund aus der Runde der „alten Herren“:

Zum Schuljahresende haben Lehrer*innen eine höhere Belastung. Das sind nicht nur die Zeugnisse, die geschrieben werden müssen. Also müssen die Großväter ran und vermehrt auf ihre „Lehrerenkel“ aufpassen. Damit die Lehrereltern den wichtigen Jahresabschlußaufgaben nachkommen können.

Eine wichtige aufwändige Aufgabe ist die Rücknahme der Lehrbücher. Stichwort Lehrmittelfreiheit. Die Lehrer, die  freiwillig oder verpflichtet die Verantwortung für die Lehrbücher übernommen haben, sind da gefragt.  Und da das viel Zeit kostet, muss Opa „babysitten“.

Die Geschichten beim Schafkopf sind wie an allen Stammtischen immer wertend. So wird auch die Erzählung von der Rückgabe des Schulbücher zur moralischen Wertung. Trefflich lässt sich  sich am Beispiel der Schulbücher auch die Erkenntnis des Sokrates bestätigen, dass die Jugend immer schlimmer wird. Und die weisen Häupter werden kräftig geschüttelt, wenn das Unverständnis zu signalisiert wird, wie die Gesellschaft doch runtergekommen wäre, würde man den Zustand der zurück zu nehmenden Bücher sehen. Wie mühsam es wäre, auch zu prüfen, welche Papiere in den Büchern drin wären.  Durchaus auch mal mit vertraulichen Daten. Da lässt sich dann auch über die Machtlosigkeit von Autoritätspersonen in der heuten Zeit und Schule klagen.

Ich schüttle dann auch mein weises Haupt. Weil ich nicht verstehen kann, dass es überhaupt noch Schulbücher gibt! Wir leben doch im 21. Jahruhndert, also  im digitalen Zeitalter! Aber ich sage nichts. Denn ich weiß, dass jeder am Kartentisch ein schulisches Leben ohne genormte Schulbücher zu all diesen Fächern für ein Werk für das Ende unserer abendländischen deutschen Kultur hält.

Meine Gedanken gehen mich an einer Reihe von leidenschaftlichen „Pitches“ beim Business Wettbewerb bei BayStartup, bei denen junge Gründerteams für eine digitale Schule plädiert haben. Und aufgezeigt haben, wie technisch einfach so etwas zu realisieren wäre. Und wie groß die Vorteile mehrdimensional wären. Ich erinnere mich aber auch daran, wie diese tatsächlich sehr jungen Teams von der Mehrheit der Juroren belächelt (und schlecht bewertet) wurden. Das ist auch schon ein paar Jährchen her – und ich hatte gehofft, dass sich da etwas geändert hat.

Aber wir leben in Deutschland. Auch meine Kollegen in den Jurys – überwiegend auch alte weiße Männer wie ich – waren von solchen revolutionären Ideen gar nicht begeistert. Weil sogar die Protagonisten der Veränderung nicht verstanden haben, dass Innovation kreative Zerstörung ist. Und Schulbücher als Mittel zu einer standardisierten Bildung

Und auch technisch einfache Dinge sind politisch eben das Gegenteil von einfach. Besonders nicht wenn es um Veränderung geht. Und das, was ich denke sage ich besser nicht.

Denn in der  Schafkopfrunde will ich ja Karten spielen und keine Plädoyer für Digitalisierung führen. Habe ich doch schon oft erlebt, dass digitales Leben wie auch das Internet als faires „Teilgeber-System“ hierzulande halt von den Kräften an der Macht nicht verstanden wird.

Und ich muss leider dem Sascha recht geben, wenn er schreibt:
„Das größte deutsche Vermögen ist das Beharrungsvermögen, verwaltet wird es von der Gewohnheit.“
(Sascha Lobo in einem Artikel zur Micromobilität)

Und ich kann die alten weißen Männer (und ebenso die schlimmen weiblichen und immer alles besser wissenden Matronen) nur warnen:

Wenn Ihr so weitermacht, dann ist hierzulande bald Schluß mit dem Wohlstand und dem Leben, das Ihr so liebt. Es geschieht Euch recht! Und es ist gut so!

RMD

P.S.
Aber eine gute Nachricht gibt es zumindest aus Bayern. Schafkopfen wird jetzt als Schulfach angeboten. Wahrscheinlich das einzig sinnvolle.

Roland Dürre
Freitag, der 12. Juli 2019

Glück durch Freiheit!

Heute noch eine kleine rätselhafte Textarbeit: Sie ist vielleicht nicht so einfach zu verstehen, auch weil sie zeigen soll, dass unser soziales Denken und Leben auf völlig falschen Annahmen beruht. Und das seit Jahrhunderten. 

Da fing das Nachdenken an. Erste Kontakte mit Rotwein und Jacques Brel.

Zu meinem letzten Artikel habe ich einen in meiner Wahrnehmung gut gemeinten Kommentar vom Klaus bekommen. Dafür bedanke ich mich. Vor allem, weil dieser mich gelehrt hat, dass ich mich offensichtlich völlig falsch ausgedrückt habe.

Denn in meiner Wahrnehmung bin ich in einer höchst positiven Krise. Ich habe nämlich definitiv die Schnauze voll, von dem, was ich hier täglich erlebe, höre und sehe. Das ist eine Befreiung!

Ich muss an Jacques Brels Lied vom Bürger denken. Das durfte ich das erste Mal in Lyon in der ersten Hälfte der 1960iger (im Alter so wie in etwa auf dem Bild) hören. Und habe es mein Leben lang nie vergessen.

Dank der Unterstützung vieler Menschen habe ich die Klarheit gewonnen, dass es nur ganz Weniges an Wichtigem gibt. Und wir uns über jeden Scheiß Gedanken machen – und genau das wenige Wichtige darüber oft komplett vergessen.

Meine Krise:
Meine Krise ist  ein Glücksfall. Und das was mich glücklich macht, will ich hier noch mal kurz zusammenfassen. ALSO:

ALLES, was wir in unserer Sozialisierung in den letzten Jahrhunderten kollektiv „von oben“ gelernt haben, ist Bullenscheiße. Fast hätte ich „bullshit“ geschrieben, aber bei deftigen Ausdrücken bleibe ich lieber im Deutschen. Und da ich diesen schönen Begriff in diesem Artikel öfters nutzen werde, kürze ich ihn zu BS ab. BS passt ja auch für beides, Bullenscheiße und bullshit.

Vorausschicken möchte ich, dass ich an den von mir gerne benutzten Satz wirklich glaube und zwar mehr denn je:
„Einen Scheiß muss ich“!
Und dass wir eine bessere Welt hätten, wenn sich mehr Leute an diese Weisheit halten würden.
Wobei wir auf die „Moralischen“ und „Mächtigen“ aufpassen müssen, denen das gar nicht gefällt und die alle anders denkenden am liebsten an den Strick bringen würden. Besonders mögen die Bürger und Spießer natürlich die anarchistischen Hedonisten oder hedonistischen Anarchisten so gar nicht. Da müssen wir aufpassen, weil genau überall in der Republik an der Macht sind.

Jetzt aber zu erst mal zu meinen Bullenscheiß-Listen:
In den Büchern, die man mir zu lesen gab, in die Schulen und Institutionen die ich gesteckt wurde wie im Strudel der nichtaufhörenden Belehrungen wurde mir beigebracht, dass ich, wenn ich ein ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft werden oder sein will,
„Alpha“ • Boss • König • Imperator • Herrscher • Eroberer • Vorsitzender • Sieger • Held • Entdecker • Erfinder • Forscher • Gründer • Macher • Chef • Gewinner • Vorgesetzter • Präsident • Bester • Staatsbürger  …
sein muss. Das alles ist BS !!!
Mir wurde hundertfach (falsch: millionenfach) erklärt, dass ich
anständig • brav • beliebt • erfolgreich • höflich • moralisch • ordentlich • verantwortungsbewußt • tugendhaft • ehrlich • tapfer • leistungsbereit • vernünftig • rational • mustergültig • vorbildlich • ordentlich angezogen • sauber • adrett • optimistisch
sein muss. Sonst würde ich nichts werden. Das alles ist BS !!!
Immer sollte ich nach
Auszeichnungen • Titeln • Noten • Zertifikaten • Plätze • Positionen • Meisterschaft • Ruhm • Reichtum
streben. Damit ich anerkannt werde. Das alles ist BS !!!
Immer sollte ich großes Planen • Innovation voranbringen • Projekte steuern • anderen Fallen stellen • Neues Schaffen und an die Zukunft denken.
Das alles ist BS !!!
Immer sollte ich an
Wettbewerben • Wettkämpfen • Olympiaden • Turnieren • Ausscheidungen • Qualifikationen
teilnehmen und diese gewinnen. Das alles ist BS !!!
Immer hat man mich
analysiert • benotet • vermessen • metrifiziert • quantifiziert• verglichen • eingeordnet • qualifiziert • „gerankt“.
Das alles ist BS !!! Und gemein!
Und das alles ist vielen, wahrscheinlich fast allen Buben passiert und das alles ist BS! Auch den Mädchen ist schlimmes passiert. Da kenn ich mich nicht so aus, und hoffe, dass der BS nicht ganz so groß war. Bin mir da aber auch nicht so sicher!

In meinem Leben habe ich in einem Meer von BS gesteckt. Das ich hier noch lange nicht komplett beschrieben habe. Und versucht, mit aus der Bullenscheiße frei zu schwimmen. Weg mit der ganzen BS!

Schon früh als Kind hatte ich den Verdacht, dass mich meine ganz  gestörte Umwelt verarscht. Und in eine ganz falsche Richtung manipuliert. Ich konnte es nur nicht belegen. Jetzt kann ich es.

Ich habe ich das große Glück, zu verstehen, dass wir den ganzen Quatsch, den wir uns vormachen, nicht brauchen und damit mehr Schaden als Nutzen verursachen. Mein Gefühl hat mich nicht betrogen. Ich fühle mich befreit. Und pfeife auf Bildung, Moral und Erziehung.

Auch weil ich jetzt weiß, dass wir über keinen freien Willen verfügen, sondern eben nur Geschöpfe sind. Verbunden mit allen anderen Geschöpfen dieser Welt. Und ganz besonders, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, die mit von uns erfundenen Göttern verbündet die Schöpfung untertan macht. Was für eine grauenvolle Logik, mit der uns die Herren mit dem „C“ im Namen und dem Kreuz als Logo über Tausende von Jahren „beglückt“ haben.

Ach, es tut mir so gut, mich von von all dem zu verabschieden. So endgültig wie nur irgendwie möglich. Muss ich nun keine Verantwortung für die Greueltaten meiner Mitmenschen mehr übernehmen und keine sinnlosen Entscheidungen fällen. Das schlechte Gewissen erübrigt sich auch. Weil das alles BS ist – und ich frei bin!!!

So geht es viel besser!
Am besten lebt es sich als Mensch. Der das tut, was er kann und mag. Der Freude am Leben hat. Der seine Gefühle lebt. Der deshalb lieben und respektieren kann und mag.

Ich nutze meine Zeit nur noch für Dinge, die mir Freude machen und verbringe sie nur noch mit Leuten, die ich mag. Ich habe keine Meinung mehr zu dem Unsinn, den andere Politiker oder Menschen erzählen. Ich bin für nichts mehr – und auch gegen nichts mehr. Weil beides nichts bringt. So kämpfe ich nicht mehr, für niemanden und gegen niemanden mehr.

Aber wenn das alle so machen, wo bleibt dann der Fortschritt?
Diese bange Frage höre ich jetzt von Euch.
Meine Antwort:
Fortschritt braucht kein Schwein – und erst recht kein Mensch. Deshalb ist auch Fortschritt nicht so meines. Bei mir heißt der Fortschritt Evolution. Die findet statt. Unvermeidlich. Durch uns alle. Einfach weil wir leben und uns reproduzieren.

Der andere Fortschritt, den wir durchs Dorf treiben, der nennt sich mal AtomisierungAutomobilisierung und dann wieder Digitalisierung. Mal kommt er als Strahlung  und mal als Gift daher. Oder einfach nur als Dummheit.

Dieser Mr. Fortschritt hat keinen Respekt vor dem Leben. Sein Mittelpunkt ist die Innovation – diese eingesetzt ausschließlich für den shareholder value – dem goldene Kalb unserer Tage.

Innovation ist immer kreative Zerstörung. In unserer Gesellschaft folgt sie ausschließlich dem Metrik des Geldes und des Kapitals. Vielleicht zerstört sie deshalb so viel Lebenswertes und vernichtet Leben auf allen Ebenen. Das Verlorene vermisst man oft erst, wenn wenn es – vielleicht unwiderbringlich – futsch ist. Über den Verlust tröstet man sich dann mit Wachstum und Arbeitsplätzen, die es zu erhalten gibt. Was für ein Grusel!

Hier ist wohl wieder mal eine gute Stelle, Bertrand Russell zu zitieren:
» Jeder Zuwachs an Technik bedingt, wenn damit ein Zuwachs und nicht eine Schmälerung des menschlichen Glücks verbunden sein soll, einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit. «

Technik umfasst dabei übrigens auch „social (re)engineering“.

Ich komme wieder zum gleichen Schluß:
Innovation und Fortschritt sind auch BS !!!

Zum Ende der Welt.

Der Klaus hat in seinem Kommentar so nett geschrieben:
„Ein Blick in die Geschichte sollte Dich allerdings lehren, dass alle diese Untergangsphantasien sich nie erfüllt haben.“
Das ist zumindest mathematisch kein valider Beweis. So hat auch der Truthahn aus dem Schwarzem Schwan gedacht – bis dann Weihnachten kam.

Jetzt ist aber die Mathematik das, an das ich noch am ehesten glaube. Die Anzahl der Menschen wie das Leben auf der Erde hat sich rasend schnell entwickelt (exponentiell)! Und immer wenn  es gegen UNENDLICH geht, dann ist die NULL nicht weit. Dabei bitte ich zu bedenken, dass gerade NULL und UNENDLICH etwas beschreiben, was Menschen nicht erfassen können.

So ist für mich der geschlossene Kreis ein schöneres Symbol für das Leben als das Kreuz.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 14. April 2019

Wer glaubt denn noch an VUCA?

Immer wieder wenn ich Veranstaltungen zu #newwork oder #agile besuche, dann höre ich dieselbe Klage:

Unser Leben wird immer „schneller“. Die hohe Geschwindigkeit der Veränderung führt zu einer hohen Komplexität, die uns überrennt. Also müssen wir „agiler“ werden, um damit fertig zu werden.

Ich entgegne dann, dass ich einen Scheiß muss. So muss ich auch nicht mit Komplexität fertig werden. Und überlasse die Komplexität einfach mal sich selber.

Schutz vor vuca in Bonnaire in der Karibik (Foto © Luc Bosma, Bonaire)

Dann kommt die bange Frage:
Und Du, hast Du keine Angst vor VUCA?
Huch, vuca das klingt freilich zum Fürchten. So wie HORG (Hierarchische ORGanisation).

Nur VUCA ist halt auch nur eine der heute so beliebten Abkürzungen, die zu „buzzwords“ geworden sind. Wobei ein „buzzword“ für mich so etwas wie eine „leere  Phrase“ ist. Also so etwas wie Digitalisierung oder Nachhaltigkeit.

Bezeichnender Weise wurde die Verwendung von Abkürzungen im 3. Reich in Deutschland von der Bürokratie der NSDAP erfunden und massenhaft genutzt. Dann sind die abkürzenden Buchstaben-Folgen zum Exportschlager wurden. Frei nach dem Motto „Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen“.


VUCA
Laut Wikipedia ist VUCA ein Akronym für die englischen Begriffe volatility (Volatilität / Unbeständigkeit), uncertainty (Unsicherheit), complexity (Komplexität) und ambiguity (Mehrdeutigkeit).


Die VUCA-Prediger nutzen die harmlosen vier Buchstaben als Eselsbrücke für ihre Horrorbotschaft.

Aber war die Welt aus Sicht eines Menschen nicht immer schon vuca?

In der Steinzeit und im Mittelalter fing das für die Menschen wohl schon bei der Ernährung an. Gibt es heute etwas zu essen?

Auch aus der Sicht von Organisationen war die Welt immer vuca. Man denke nur an die Städte im Mittelalter, in denen sich eigengehörige Menschen mit ihren Mauern sehr aufwändig gegen vuca zu schützen versuchten.

Oder mein Lieblingsbeispiel: Die Weimarer Republik hat gerade 9 Jahre gehalten – und das 1000-jährige Reich hat in gerade 12 Jahren alles verändert (und dabei so viel zerstört). Was für ein Tempo! Echtes vuca! Sogar die DDR hat 41 Jahre (von 1949 bis 1990) existiert. Und die BRD (von 1949 bis heute) hat es aktuell schon auf 70 Jahre gebracht. So wenig vuca ist doch eigentlich unglaubbar.

So finde ich, dass die Welt schon immer vuca war. Eher mehr als heute. Denn die  „Betriebssysteme“ unserer sozialen Systeme haben sich stabilisiert und sind auch aufgrund ihrer „digitalen Zwangsjacken“ stabiler als früher. Wie will man ein großes Unternehmen, dass seine Prozesse in Office365 und SAP gegossen hat, denn noch verändern?

Nach meiner Bewertung ist unsere Welt vielleicht stressiger geworden. Oder hat zumindest uns eine neue Form von Stress gebracht. Nur Stress – klingt halt nicht so toll wie vuca. Als Leseempfehlung nenne ich hier das Buch
Phänomen Stress:
Wo liegt sein Ursprung, warum ist er lebenswichtig, wodurch ist er entartet?

von Frederic Vester.
Das enthält mehr lesenswerte Substanz als wir in der ganzen vuca-Literatur zusammen finden. Und kostet gebraucht weniger als einen EURO. Und noch meine 10 Cent zum Stress

Der Wechsel von Natur- zu Kulturwelt hat uns eine neue Form von Stress gebracht.

Wir haben eine Welt geschaffen, in der wir permanent mit Lärm vollgedröhnt werden. Die Luft ist verpestet von Abgasen. Unser Körper inklusive seines vegetativem (Nerven-)Systems ist vielen idiotischen Belastungen (wie Steuern von Autos ohne körperlichen Ausgleich …) und Einschränkungen (der Tag wird sitzend verbracht …) unterworfen.

Das können wir ändern. Wir müssen es nur wollen!

Weil wir genau die Dinge eh nicht brauchen, die uns fertig machen. Wir müssten viel weniger arbeiten und könnten mehr für uns tun, wenn wir uns besser organisieren würden oder nur einfach auf viel Unsinn verzichten würden.

Heute schuften wir im Hamsterrad meistens für nichts. Insofern halte ich es richtig, dass wir unsere Welt ein wenig einfacher gestalten sollten – im Sinne von Vermeiden von Abfall. Aber nicht über eine „vucasierung“ unseres Lebens klagen sollten. Denn das macht auch Stress. Also:

🙂 VUCA –> FGI (forget it)

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 3. April 2019

Des Ketzers zynischer Reigen durch Gesellschaft und Politik.

Zurzeit radel ich mit Barbara durch den Piemont. Es ist der reine Genuss. Frühling, Bewegung, eine wunderbare Landschaft, großartiges Essen, alles wie im Traum. So kann ich mit Abstand und in Ruhe nachdenken, was mich in letzter Zeit so unter anderem betrübt hat. Dabei ist der folgende Reigen entstanden.

Vor dem Lesen bitte ich zu bedenken, dass Gedanken frei sind. So auch Gedankenexperimente.


Fangen wir mit einem hässlichen Spruch aus der Nazizeit an. Damals haben die Herren des dritten Reiches den Spruch „Arbeit macht frei“ über die Eingangstore mancher KZ’s gemeißelt. Gegen Menschen und Gruppen, die aus nicht beliebt waren, wurde systematisch der Hass geschürt. Diese Menschen wurden von der Obrigkeit – einvernehmlich mit den Untergebenen – misshandelt und industriell gemordet. Wir haben das Geschehene zu Recht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gebrandmarkt. Arbeit macht frei – das war damals schlimmster Zynismus.

Heute gilt „Geld macht frei“. Da für die meisten Menschen der Arbeitsplatz die Voraussetzung für ein Einkommen ist, gilt – und das meine ich keinesfalls zynisch – „Arbeitsplatz macht frei“. Denn nur wenn Du einen ordentlich bezahlten Arbeitsplatz hast bist Du ein anerkannter Teil der bürgerlichen Gesellschaft. Daran hängt alles.

Wenn Dein Arbeitsplatz nicht so gut bezahlt ist, dann macht das nichts – dann musst Du Dir halt mehrere davon besorgen. Das geht auch. Du bleibst Teil der Gesellschaft. Wenn Du über zu wenig Einkommen aus Arbeit verfügst, dann wirst Du auch ausgestoßen. Es sei denn, Du verfügst über genug anderes Einkommen, weil Du z.B. ein reicher Erbe bist. Mit genug Geld bist Du auch ohne Arbeitsplatz ein angesehener Bürger. Weil gut bezahlte Arbeitsplätze weniger werden dürften, fordern manche Soziologen ein BGE (Bedingungsloses Grundeinkommen). Damit sollen Menschen ein wenig „freier“, vor allem aber die Konsum-Gesellschaft abgesichert werden.

Die bestbezahlten Arbeitsplätze gibt es in den HORG (Hierarchische ORGanisation). Besonders wenn tariflich stabilisiert und geschützt kann man da in einem goldenen Käfig leben. Wenn Du da nicht in einer HORG arbeiten willst (so wie ich), dann hast Du zwei Möglichkeiten. Du kannst Taglöhner (Tagelöhner) werden oder Unternehmer.

Taglöhner können abhängig, von dem was sie verkaufen können, sehr gut oder auch sehr schlecht verdienen. Wohlklingender werden sie „Freiberufler“ genannt (obwohl sie alles andere als frei sind) und häufig als „Scheinselbstständige“ verfolgt.

Unternehmer zu werden, ist riskant, das kann schiefgehen (wie alles im Leben). Nur dass dann oft nicht nur das Einkommen sondern auch „Omas Häuschen“ weg ist.

Das hat auch der VW-Vorstand Herbert Diess erkannt, obwohl er gar kein Unternehmer sondern eher so eine Art Systemagent der Oberklasse ist. Treffend hat er festgestellt „EBIT macht frei“ – und sich dann gewundert, dass er ob dieses Spruchs heftig kritisiert wurde (wegen des geschichtlichen Zusammenhanges, immerhin hatte VW im dritten Reich ziemlich viel Zwangsarbeiter). Als braver in München geborener Österreicher hat er sich  später wegen seiner „unglücklichen  Wortwahl“ entschuldigt.

Dabei hatte er absolut Recht, denn dem Unternehmer geht es gleich viel besser, wenn  „sein Unternehmen“  jedes Jahr zuverlässig einen schönen EBIT schafft. Leute, glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede.

Das wissen übrigens nicht nur ich und die Vorstände der Autoindustrie – auch in den Pharma-Industrie hat sich das herumgesprochen. Jetzt hat man in der Pharmabranche nicht jedes Jahr ein Produkt wie „Tamiflu“, dass den EBIT allein schon sichert. Auch die Zeit der Blockbuster ist vorbei und ganz allgemein wird das Geschäft der chemischen Gesundheits-Industrie immer schwieriger.

Deswegen tut es gut, wenn Google- und Facebook z.B die Impfgegner von ihren Seiten verbannen. Denn gerade Zwangsimpfungen sind natürlich gute Heilmittel für den EBIT der Hersteller. Und auch die Bundesregierung sich ein Gesetz überlegt, dass die Möglichkeit schafft, Impfungen als allgemeinen Zwang vorzusehen. Wegen den Masern.

Wenn wir schon beim Zwang sind:
Gesellschaftlich sinnvoll bräuchte man gerade im medizinischen Sektor viel mehr Zwangsmaßnahmen. Mir fällt da sofort der Aids-Test ein. Warum muss eigentlich nicht jeder Mensch regelmäßig einen solchen Test machen. Damit er es weiß, wenn er Aids hat und sich verantwortliche verhält. Eine Transparenz im Kampf gegen die Seuche wäre doch auf jeden Fall sinnvoll. Und dem EBIT des Herstellers des Tests täte so ein Gesetz auch gut?

Oder genauso wichtig:
Jeder weiß, dass unser Planet ein großes Problem hat. Er leitet unter zu viel Menschen. Müsste man nicht der Überbevölkerung dringend begegnen? Böte sich da nicht eine Zwangsverhütung an?

So könnten die Regeln aussehen:
Jede Frau hat dafür zu sorgen, dass sie keine (unerlaubten) Kinder bekommen kann. Sei es mit einem der bekannten Verhütungsmittel oder durch Nachweis, dass sie in einer monogamen Beziehung mit einem sterilisierten Mann lebt. Bei Verdacht einer Schwangerschaft ist die Pille danach zu nehmen. Ist die Schwangerschaft bestätigt muss sofort abgetrieben werden. Ein medizinisch ganz einfacher und harmloser Eingriff, den in Deutschland geschätzt jede vierte Frau ein- oder mehrmals durchgeführt hat.

Ausnahmen wären „beantragte und genehmigte“ Kinder. Die Genehmigung muss schon vor der Zeugung eingeholt werden. Sie wird nur erteilt, wenn das Paar (gleich ob hetero- oder homosexuell) belegen kann, dass es dem Kind eine gute soziale Prognose bieten kann? Brave new world lässt grüssen.

Da hat die Bundesregierung noch viel zu tun. China hat das schon hinter sich, denn China musste mit einer bedrohlichen Bevölkerungsexplosion fertig werden. In Indien war das auch ein Thema, da gab es Radioempfänger als Belohnung für eine Sterilisation. Das hat aber nicht so gut funktioniert.

Die Chinesen sind allgemein schon wieder einen Schritt weiter.
China vergibt jetzt social credits an seine Bürger. Negative wie positive, die dann saldiert werden. Der Traum von einem System der „angemessenen Gerechtigkeit“ soll umgesetzt werden, in dem soziales Wohlverhalten belohnt und Fehlverhalten bestraft wird.

Dank „Digitalisierung“ wird ganz einfach.
Fährt einer z.B. öfters mit der U-Bahn schwarz, dann gibt es Strafpunkte. Genauso wie wenn er bei rot über die Ampel geht, sein Auto falsch parkt oder er damit zu schnell fährt. Wenn er einen gewissen negativen Punkte-Stand erreicht, dann wird er aus der gesellschaftlichen Gemeinschaft differenziert ausgeschlossen.

Ist das nicht besser als bei uns?
Hierzulande ist das Schwarzfahren eine Straftat, so landet der Schwarzfahrer früher oder später im Gefängnis. Da das Schwarzparken nur eine Ordnungswidrigkeit ist, kann der Autofahrer das für sein Kavaliersdelikt erhaltene Ticket bedenkenlos auf dem Trottoir entsorgen, ohne ins Gefängnis zu müssen? Angemessene Gerechtigkeit?

In China gibt es ganz viele Reiche und Superreiche – und viele Arme. Bei uns ist die Polarisierung von arm und reich noch nicht ganz so krass.

Das könnte sich bald ändern.
Denn nicht nur in Deutschland heißt gefühlt der 1. Artikel im  Grundgesetz: „Die Wahrung des Besitzstandes ist oberste Priorität!“  Das ist der leitende Wert der Mehrheit der Menschen im Denken und Handeln.

Besitzstandswahrung ist in der BRD das neue gefühlte Grundrecht.
Folgerichtig wird der Schutz von Eigentum ausgebaut. Jeder Art. Ist ja auch logisch, wenn 50% des Kapitals weltweit weniger als 50 Menschen gehören, dann wollen die ja ihre Situation stabilisieren. Und die Macht ist bei denen, die die „Kohle“ haben.

So wird der Urheberschutz aus den letzten Jahrhunderten auch im Internet geregelt. Daten werden zum persönlichen Eigentum erklärt und durch Gesetze geschützt. Mit riesigem Aufwand, den hätte man sich sparen können, wenn man einfach missbräuchliches Verhalten bestrafen würde. 

Ich habe das mit dem Datenschutz nie verstanden. Wie kann ein Mensch überhaupt Daten besitzen? Und wieso gehören die ihm, ganz persönlich? Ich dachte immer, Daten (wie das Wissen) gehören uns allen. Zumindest jedem, der sie weiß.

Was ist das für eine Gesellschaft, in dem das Geburtsdatum ein Geheimnis ist. Klar freue ich mich nicht über mein Alter. Gerne wäre ich jünger. Aber warum darf man nicht wissen, wie alt ich bin? Warum soll meine sexuelle und religiöse Orientierung nicht öffentlich bekannt sein? Wieso hat jeder etwas zu verstecken?

Ich träume von einer transparenten und toleranten Gesellschaft. Gewaltlos. Dann bräuchten wir keine DSVGO, wie wir sie jetzt haben. Und auch keine Update-Filter, die jetzt auch offiziell kommen (inoffiziell haben wir die schon länger).

Das geistige Eigentum muss geschützt werden, weil man damit viel Geld verdienen kann. Ich fühle mich reicher, wenn ich meine Gedanken mit anderen Menschen teilen kann. Urheberrecht-Anspruch stelle ich keinen, allein schon weil meine Gedanken von anderen Menschen inspiriert oder ausgelöst worden sind.

Bei dem, was unsere Regierung treibt, um Eigentum zu manifestieren, gibt es eine Ausnahme. Es geht nicht um die Fremdbestimmung des Bauchs, der den Frauen gehören sollte. Die Regierung will jetzt ein Gesetz machen, dass man einem toten Menschen default-mäßig alle Organe entnehmen kann. D.h. wenn ein Mensch à priori (vor seinem Tod) nicht eine Widerspruchserklärung dazu abgegeben hat oder à posterio ein engster Verwandter der Entnahme begründet widerspricht. So wird das Eigentum an den eigenen Organen geschwächt. Weil Eigentum mit dem Tod eines Menschen erlischt?  Was wäre, wenn ich diese Begründung auf sein sonstiges Eigentum an wende?

Das klingt doch sehr human, wenn man von armen Menschen erzählt, die verzweifelt auf ein Spenderorgan warten. Wie immer geht es vorrangig aber nicht um diese. Es geht ums Geschäft. Das immer mit dem Hinweis auf die Arbeitsplätze gerechtfertigt wird.

Plantationen sind sehr teure medizinische Geschäftsfälle. Und so manche Klinik und deren Aktionäre könnten deutlich mehr verdienen, wenn sie mehr „Spender-Organe“ hätten. Auch für die Pharmazeutische Industrie wäre das gut. Denn Menschen, die erfolgreich transplantiert worden sind, brauchen anschließend ziemlich viel Medikamente, um mit dem fremden Organ weiter leben zu können.

Andere Menschen darf man auch (offiziell) nicht mehr als Eigentum besitzen. Aber auch die Sklaverei wurde nicht aus humanen und ideellen Gründen abgeschafft, sondern vor allem, weil sie sich im Sinne des Erwirtschaften von Profit nicht mehr gelohnt hat.

Jetzt warte ich noch auf eine Verordnung, die das Eigentum an den „eigenen“ Gefühlen schützt. Die ja durch Dritte beschädigt oder verletzt werden können. Ansätze dazu gibt es ja heute schon, ich denke da an die Verletzung von religiösen oder deutsch-nationalen Gefühlen (z.B. durch Missachtung der Fahne). Könnte auch ein Thema für eine Regulierung im Internet sein. Upload-Filter sind hier auch sehr nahe liegend.

Ich bin ich ja richtig froh, dass ich religiöse und nationale Gefühle nicht habe. Dann kann sie keiner verletzen. Andererseits, wenn die Spielvereinigung Unterhaching verliert und mich ein 60iger oder Bayern-Fan damit aufzieht, dann werden schon meine Gefühle verletzt. Und der sollte dann auch dafür bestraft werden.

Das ist eines der Probleme unserer Gesellschaft:
Wie werden die Verstöße gegen Regeln, die jetzt auf uns zu kommen, geahndet? Immer mehr wird verboten und geregelt – es geht ja nicht nur ums Impfen und Kinder kriegen. Der Planet und die Bienen wie auch Europa müssen doch gerettet werden. Und das alles wird ohne schwere Einschränkungen und Solidarität nicht möglich sein. Und freiwillige Solidarität kostet und gibt es deshalb bestimmt nicht umsonst.

Da geht es nicht an, wenn man politisch die falsche Meinung vertritt und zum Beispiel gegen ein Europa ist, dass von Nationalstaaten dominiert wird und das von einer mächtigen eigenen Armee mit Flugzeugträgern träumt. Genauso müssen Verstösse  gegen die Umwelt sanktioniert werden, um die Klimakatastrophe zu stoppen.

So schließt sich der Kreis. Man sollte schon einen guten Job oder viel Kohle haben, um die ganzen fälligen Bussgelder und Geldstrafen bezahlen zu können.

RMD

P.S.
Gerade habe ich gelesen, dass die Bayerische Landesausstellung in „Stadtluft befreit“ umbenannt wird. Die Veranstalter zogen den Titel „Stadtluft macht frei“ für die Landesausstellung 2020 in Aichach und Friedberg zurück. Charlotte Knobloch hatte kritisiert, der Titel tue weh und „vergifte Menschen“.

Grund dafür war, dass dieser Slogan  Gefühle verletzt hat. Wenn Gefühle ein schützenwertes Eigentum sind (weil verletzbar), dann brauchen wir in aktueller Politdenke dringend eine GSGVO (Gefühlschutzgrundverordnung) natürlich auch im Internet. Und wenn wir eh schon Upload-Filter haben, dann könnten die ja auch gleich mal alles, was Gefühle verletzen könnte, aussperren. Also Stadtluft macht frei. Oder „Haching ist ein Scheissverein“.

„Stadtluft macht frei“ empfinde ich als eine ganz wichtige Metapher. Denn der soziale, politische, kulturelle wie auch sonstige Fortschritt in Europa hat in den Städten und durch ihre Vernetzung stattgefunden.

Roland Dürre
Dienstag, der 5. März 2019

Auf den Faschings-Dienstag folgt der Aschermittwoch.

 

Eigentum, Gewalt, Gerechtigkeit, Sicherheit und Verzicht …

 

Ob man rennt, radelt, Schi oder Auto fährt. Wenn man jemanden über den Haufen rennt oder fährt, dann ist das ausgeübte Gewalt. Tempo ist Gewalt.

 

Steinmaske aus der vorkera­mischen Jung­steinzeit um 7000 v. Chr., eine der ältesten Masken der Welt (Musée Bible et Terre Sainte, Paris)

Heute ist Faschingsdienstag. Man darf Masken tragen. Sich verkleiden. Narrenfreiheit heißt, das man in eine andere Rolle schlüpfen darf. Und nicht alle Gesetze einhalten und sich bedingungslos an die Moral halten muss.

Das tut gut. Seit Wochen werden Gesetze gemacht, die mir willkürlich erscheinen und die ich nicht nachvollziehen kann. Weil die „große Koalition“ vom Streit- in den Arbeitsmodus gewechselt ist. Da die Gesetze meist nicht viel taugen, war mir der Streitmodus lieber.

Nach dem Entzug der Deutschen Staatsbürgerschaft für IS-Kämpfer kommt EU-weit ein Angriff aufs Internet. Es wird aber auch über die große Freiheit der Deutschen Autofahrer, das Tempolimit, diskutiert. Ein schwedischer (?) Hersteller riegelt seine Autos freiwillig bei 180 km/h ab. Irgendwie für Deutschland unvorstellbar. Und ich verstehe eh nicht, warum Autos die schneller als 130 km/h fahren überhaupt noch auf die Straßen dürfen.

Denn ich persönlich bin gegen Schnelligkeit. Im Leben wie beim Autofahren. So würde ich mich wohler fühlen, wenn die Autos in der Stadt 30 km/h als Regelgeschwindigkeit hätten und auf den Landstraßen maximal 70 km/h wie auf den Autobahnen 120 km/h gefahren würden.

Ich bin aber generell gegen Verbote. Wie löse ich das Dilemma und rechtfertige die Limitierung der Fahrzeug-Geschwindigkeiten? Über das Thema Gewalt! Denn die Ausübung von Gewalt ist ja mittlerweile ein Monopol des Staates. So auch das Besitzen von Waffen (die vielen Ausnahmen auch bei uns vergesse ich jetzt mal). Das heißt, dass Menschen auf das Ausüben von Gewalt bewusst verzichtet haben und dies nur noch dem Staat in klar geregelten Situationen erlaubt ist.

Jetzt ist das Überfahren eines Fußgängers oder Radfahrers wie das Rammen eines anderen Autos zweifelsfrei ein Akt der Gewalt. Und genau darauf haben die Menschen in zivilisierten Staaten verzichtet. Ist doch ganz einfach mit dem Tempolimit bzw. mit Beschränkungen für die Objekte des den MIV (Motorisierter Individual Verkehr) zu dem auch elektrische Fahrzeuge wie e-Bikes gehören.

Was bewegt die Menschen bei uns noch? Ich finde da vor allem Eigentum, Gerechtigkeit, Sicherheit und Verzicht.

Eigentum.
Macht es Sinn, dass juristische Personen die gleichen Eigentums Rechte haben wie private? Dass Gedanken – die ja frei sein sollten – zum privaten Eigentum werden? Oder sogar die Daten als privates Eigentum betrachtet werden?
Was ist mit den Gütern der Allmende? Was ist Teil der Allmende und wie wird damit umgegangen? Was ist mit der Eigengehörigkeit von Menschen. Oder kommt jetzt wieder eine neue Form von Fremdgehörigkeit?

Gerechtigkeit.
Arithmetisch geht nicht, scheint zumindest seit Aristoteles so zu sein. Aber was ist angemessen? Soll die Gesellschaft soziale „credits“ vergeben, um das zu regeln? Oder enteignen?

Sicherheit.
Was ist Sicherheit. Vielleicht nur Schutz vor Gewalt? Dann würde sich der Kreis schließen. Wir wollen nicht, dass gegen uns Gewalt ausgeübt wird. Als Fussgänger möchte ich von keinem Fahrradfahrer oder Auto nieder gemacht werden. Undsoweiter.

Verzicht.
Jeder weiß, dass wir um den Planeten zu retten nicht nur viele Gewohnheiten ändern sondern auch Verzicht üben müssen. Und was machen wir? Wir fliegen mehr, fahren immer größere SUVs und verzehren immer größere Fleisch-Portionen.

Neben Eigentum, Gerechtigkeit, Gewalt, Sicherheit, Macht und Verzicht gibt es unendlich viele weitere Themen, die irgendwie zusammenhängen. Und die eine Komplexität bilden, die wir nur beherschen können, wenn wir für wir wieder einen gesellschaftlichen Konsens schaffen.

Morgen ist wieder Aschermittwoch. Dann ist Schluß mit lustig. Vor den politischen Versammlungen mit ihren Rednern graut mir schon. Da wird dann wieder gebellt und gekeift. Von Männern (CSU) wie Frauen (Grüne, SPD). Weil es um die „Lufthoheit über den Stammtischen“ geht. Und eben nicht um das Finden von sozialem Konsens.

Es ist wirklich traurig – also Maske runter und Asche aufs Haupt.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 4. Februar 2019

Wert, Moral, Prinzip – was bedeutet was?

 Freiheit? Moral? Wert? Prinzip? Wahrheit? Gewissheit?

Mit schön klingenden Begriffen und durch die Nutzung von „buzzwords“ versuchen Politiker und das Marketing der großen Konzerne die Menschen zu beeindrucken (und zum Kaufen zu bringen). Die einen, weil sie unsere Stimme wollen, die anderen, weil sie unser Bestes – unser Geld – wollen.

Der vorsätzlich schlampige Umgang mit Sprache ist Teil der „neuen Unredlichkeit“.

Sprache soll manipulieren. Es gibt soviele Begriffe, die gut geeignet sind, Menschen zu verführen. Die werden in den großen Aussagen benutzt. Dies besonders gern von Leuten, die sich selbst im Besitz einer wie auch immer gearteten Wahrheit meinen (korrekt wäre das als Gewissheit zu bezeichnen). Sie nutzen Begriffe, die sie zwar selber nicht verstehen, von denen sie jedoch erhoffen, dass sie helfen ihre Gewissheiten zu verkaufen.

Sie beschäftigen sich nicht damit, was diese Worte eigentlich bedeuten, sondern plappern sie einfach nach. Wir sollten wir die Aussagen, die auf uns prallen, genauso wie die verwendeten Worte gründlich auf den Prüfstand stellen. Den wir leben im Zeitalter des unverantworteten Geschwätzes.

1983 hatte ich das Glück an einem sehr hochwertigen Management Seminar zum Thema Dialektik in Frankfurt bei Rupert Lay Teil haben zu dürfen. Rupert Lay galt damals als der Nestor in Deutschland für das Themas „Ethik im Management“, das damals sehr modern, ja fast „hype“ war. Da habe ich viel gelernt und mein Leben lang versucht weiter zu lernen.

Als ich Sprache lernte, was Sprechen heißt, da war ich 33 Jahre alt. Ziemlich spät, hätte auch früher sein dürfen. Meine sechs Seminar-Kollegen waren Spitzen-Manager aus der Industrie, Präsidenten mächtiger Verbände und Politiker in herausragenden Ämtern. Sie  alle waren um die 30 Jahre älter als ich. Die waren mit dem Lernen also noch später dran.

Nach einem kurzen Diskurs zum Aufwärmen waren alle sechs der inbrünstigen Meinung, dass die Freiheit ihr wichtigste Gut wäre und sie sofort bereit wären, für dieses Gut zu sterben. Als ich mich von beiden Aussagen distanzierte, wurde ich wie ein Aussätziger behandelt. Gut, ich war der Jüngste, hatte die längsten Haare auf dem Kopf und keine Krawatte an. So konnten mich die älteren Silberschläfen ja gar nicht ernst nehmen.

Dummerweise war das ganze symmetrisch. Denn mir kamen die Sechs ziemlich fremdgesteuert vor, also als genau das Gegenteil von frei. Wenn ich ehrlich bin, empfand ich meine sechs Seminar-Kollegen als Prototypen von unfreien Menschen. Typische Systemagenten, die in ihrem faschistischem Gefängnis gefangen waren.

Das war keine gute Voraussetzung für das Gelingen des Seminars. Trotzdem habe ich in diesem Seminar begonnen, Philosophie und Rethorik als für mich wichtig zu sehen und Wert zu schätzen. So habe ich gelernt, genau hinzuhören, Sprache zu analysieren und mit schwierigen Begriffen nicht unachtsam sondern kritisch umzugehen. Und versuche das seit dem aktiv zu leben.

Wegen dem Bild unten:

Keine Angst, ich mache in diesem Blog keine CDU-Reklame. Eine Partei, deren Vertreter kurz nach dem 2. Weltkrieg konspirativ und in Geheimverhandlungen die Wiederbewaffnung vorbereitet und dann gegen die Proteste der Menschen durchgesetzt hat (und damit auch die Wiederauferstehung der deutschen Rüstungsindustrie ermöglicht hat), wähle und unterstütze ich nicht. Weil ich glaube, dass damals in Deutschland eine historisch einmalige Chance für uns Menschen aus Angst für immer kaputt gemacht wurde.

Nein, es geht mir um dem Text im Plakat, bzw. den Text im dazu gehörigen Tweet.

Das Bild illustriert einen Tweet, den der  verifizierte Account der CDU Deutschlands‏ (bitte ohne Bayern) geteilt hat.

Frau Annegret Kramp-Karrenbauer hat diesen Tweet unter Ihrem Account @akk  weitergeleitet. So kam er zu mir.

Hier der Text des von @akk  weitergeleiteten – Tweets mit diesem Bild:


Im Interview mit mahnte : „Ich erwarte von Menschen, die zu uns kommen, dass sie unsere Werte akzeptieren – und vor allem erwarte ich von uns selbst, dass wir dafür eintreten!“


Der Satz scheint mir vom Marketing zu kommen. Irgendwie ist er in seiner Bipolarität genial. Enthält der Satz doch eine scheinbar einfache Forderung an die Menschen.

Die „zu uns kommen“ sollen „unsere Werte“ akzeptieren. Wir, die wir „uns selbst“ sind, weil wir schon hier sind sollen für diese „unsere Werte“ eintreten!.

Die Schwachstelle in diesem Satz ist natürlich der Begriff „Werte“. Was sind denn überhaupt“Werte“? Und noch schwieriger: Was sind den „unsere Werte“.

Wie sollen die, die zu uns kommen, unsere Werte kennen, wenn wir selber sie nicht wissen?

Ich meine, dass es eine sehr große gesellschaftliche Aufgabe wäre, einen Konsens zu erarbeiten, was denn unsere Werte sind? Auch wenn diese Aufgabe nicht lösbar zu sein scheint.

Hierzu ein paar Gedanken.

Wenn ich den Begriff „Wert“ verstehen will, dann suche ich zuerst Mal nach verwandten Begriffen, wie Moral oder Prinzip. Ich suche einen Oberbegriff (weil ich mich beim Verstehen und auch Beschreiben eines Begriffes leichter tue, wenn es einen Oberbegriff gibt, den ich nutzen kann und die Unterbegriffe voneinander abgrenze. Das ist erstes Semester in Philosophie).

In Wikipedia gibt es eine Übersichtsseite zu den vier Buchstaben „WERT“. Der erste Block dort enthält eine Aufzählung allgemeiner Begriffsnutzungen des Wortes „WERT“, die für unser Thema nicht hilfreich sind. Auch dieser Block ist übrigens nicht vollständig, z.B. fehlt der Begriff, der den „Wert“ (Inhalt) einer Variablen im Sprachspiel des Programmierens beschreibt.

In unserem Kontext ist der zweite Block des Artikels wichtig, den ich hier kopiert habe.


(Wikipedia – Wert – Stand 3. Februar 2019, zweiter Textblock)

Werte steht für:


Jetzt weiss ich nicht, wass die christlichen Werte in dieser Aufzählung sollen. Richtiger wäre hier „religiöse“ Werte. Man könnte die „christlichen“ als Beispiel nehmen. Und müsste die „Werte“ anderer Religionen aufnehmen. Vielleicht kann man die Werte auch irgendwie mit Mentalität (neudeutsch mindset) beschreiben. Unsere Werte wären dann unser gemeinsamer „mind set“. Aber haben wir den?

Wenn die geschichtliche Tradition unser christlich-abenländische Werte beschworen wird, muss ich immer daran denken, dass bei uns bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Tradition der auch vom Christentum unterstützten und genutzten Leibeigenschaft gepflegt wurde, die man auch als Sklaverei bezeichnen kann. Das macht zumindest für mich die Tradition nicht besser. Nur zur Erinnerung: Meist waren Leibeigene auch Grundhörige, oft war der Grundherr zugleich der Leibherr des Bauern. Und wem gehörte der Grund?

Der erste Eintrag im oberen Block Wertvorstellungen trifft es schon besser. Wir lernen, dass es um Vorstellungen von Werten geht. Was sind eigentlich Vorstellungen? Visionen oder Halluzinationen? Der Eintrag zeigt uns auch, wie schnell wir mit Werten in die Nähe von wertender Moral kommen. Die meint, wir verfügen über die Wahrheit, was gut und was schlecht ist. Aber was ist schon gut oder schlecht?

Wenn wir bei Wikipedia weiterlesen, dann finden wir zu Moral:


Moral bezeichnet zumeist die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen. Der Verstoß gegen Moralvorstellungen wird als Unmoral bezeichnet, Amoral benennt das Fehlen bzw. die bewusste Zurückweisung von Moralvorstellungen, bis hin zur Abwesenheit von moralischer Empfindung.


Wow, schon sind wir bei Mustern, Konventionen, Regeln und Prinzipien! Also treiben wir das Spiel weiter und lesen den Artikel zum Prinzip. Jetzt wird es wirklich kompliziert. Deshalb beschränken wir uns auf einen Satz:


Allgemeinsprachlich handelt es sich bei einem Prinzip um einen Grundsatz, eine feste Regel, an die man sich hält.


Jetzt stellt sich die Frage:
Hat der Autor (AKK hat diesen Satz ja bestimmt nicht selber geschrieben) von dem schönen Werbesatz wirklich Werte gemeint? Oder Moral? Oder Prinzipien?

Oder soll das heißen, dass die, die zu uns kommen, gefälligst an die bei uns gültigen Regeln und Grundsätze halten müssen und wir die Aufgabe haben, dafür zu sorgen, dass sie eingehalten werden?
Und schon klingt das alles ganz anders.

Ich vermute mal, dass die Person, die diesen Satz formuliert hat, selbst nicht weiß, was sie da sagen wollte.

Weil sie an so etwas gar nicht gedacht hat (und wahrscheinlich überhaupt nicht in der Lage dazu war). Es sollte halt nur ein schöner Marketing-Satz werden, der gut klingt und ankommt. Treu der „neuen Unredlichkeit“ unserer Kommunikation verhaftet.

Wenn Ihr Euch interessiert, wie Frau Annegret Kramp-Karrenbauer den Satz auf diesem Plakat interpretiert, könnt Ihr sie ja unter @akk dazu mal befragen.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 5. Januar 2019

RADIKAL.

Aufs Wohl der radikalen Ketzer!

In der Diskussion in den Kommentaren zum Artikel von Hans Bonfigt hat der Begriff „radikal“ eine wichtige Rolle gespielt. Das hat mich dazu gebracht, mal über das Wort RADIKAL nachzudenken. Weil mir das „radikal sein“ irgendwie als sehr wichtig erscheint.

Laut de.Wiktionary.org/wiki/ sind sinnverwandte Wörter entweder
[1] hart, rücksichtslos, unerbittlich, unnachgiebig
oder
[2] deutlich, gründlich, merkbar, merklich, umfassend

In Wikipedia selber habe ich keine nutzbare Definition von „radikal“ gefunden. Politikwissenschaftlich gibt es dort den Verweis auf Radikalismus, soziologisch wird auf Radikalität als Eigenschaft des Wandels verwiesen, siehe Sozialer Wandel.

Es gibt also zumindest in der deutschen Wikipedia aktuell keine Definition des so oft genutzten Wortes „radikal“. Das zeigt schon, wie schwer die Diskussion dieses Begriffs ist. Das erscheint mir fast logisch, weil wir Menschen uns ja besonders gern über Dinge streiten, von denen wir gar nicht wissen was sie bedeuten. Einfach, weil wir dazu neigen, gerade Begriffe, die wir nicht verstehen oder definieren können, besonders stark emotional besetzen.

Jetzt spekuliere ich mal, was radikal so heißen könnte. Oder wie ich es verstehe. Dazu habe ich ein paar Tage des Nachdenkens gebraucht. Dann kam ich darauf, dass mir „radikal“ besonders im Bezug aufs „Denken“wichtig ist. Also das „radikale Denken“, was der Hans Bonfigt nach meinem Verständnis immer wieder mal macht.

Ich meine, das „radikal denken“ bedeutet, dass die Gedanken sich ohne Rücksicht und Ablenkung von „moralischen“ Feldern geradeaus entwickeln dürfen, also nicht beeinflußt werden vom „das denkt man aber nicht“.

Und ich denke mir, dass „radikales Denken“ schnell zu Ketzertum fühlt. Mir sind Ketzer sympathisch, wenn sie in der Lage sind auch ihre eigenen Gewissheiten in Frage zu stellen.

Jetzt versuch ich mal ein paar Gedanken-Ergebnisse zu beschreiben, die durch radikales Denken so entstehen können.

  • Religionen und Gott wurden von Menschen erfunden. Wie können Menschen etwas, das sie selber erfunden haben, zur absoluten Wahrheit machen wollen?
  • Wem nützt der Krieg am meisten? Der Rüstungsindustrie. Also braucht die Rüstungsindustrie den Krieg. Und wenn es keinen gibt, wird sie dafür sorgen, dass es einen gibt.
  • Ich muss zuerst an mich selber denken. Denn nur wenn ich mich selbst liebe, kann ich andere Menschen lieben. Märtyrertum ist sozial also schädlich und sollte unterlassen  – und auf keinen Fall verehrt – werden.
  • Menschen sind nicht böse. Wenn dann sind es ihre Handlungen. So sollte man nicht die Menschen sondern ihre Handlungen verurteilen.
    (So hat Rupert Lay mal formuliert, dass Hitler an sich kein schlechter Mensch war, weil er wahrscheinlich meistens seinem Gewissen gefolgt ist. Das sien Gewissen sicherlich ein uns sehr fremdes, vielleicht für uns alle pathalogisches Gewissen war.  Allerdings hat er diese Aussage auf einem Festvortrag für prominente Gäste einer großen Bank in Deutschland gemacht. Und er ist dann der Legende nach vom Vorstandsvorsitzenden persönlich unterbrochen und aus dem Raum geführt worden. Weil er ein Tabu gebrochen hat – man darf so etwas nicht denken geschweige denn sagen).

Aber bevor ich mich völlig unbeliebt mache und von der Schreibe-Bühne geführt werde, höre ich hier und jetzt besser auf.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 16. Dezember 2018

Warum ist Deutschland bei der Digitalisierung so weit hinten?

Vor kurzem bin ich nach einem Vortrag gefragt worden, was denn die zentrale Ursache für unsere (die deutsche) Schwäche bei der Digitalisierung wäre? Wo wir doch schon immer das Land der Ingenieure gewesen wären?


Da schau ich gar nicht glücklich aus der Uniform. Hätte lieber mit Rechnern gespielt.

Da musste ich erst Mal nachdenken. Denn immerhin gab es eine Zeit, da waren deutsche Unternehmen wie Siemens technologisch auch in der IT an der Weltspitze.

Ich versuche, die IT-Szene ganzheitlich über die Zeit zu betrachten. Dabei fällt mir auf, dass Innovationen schon seit längerem nur noch selten aus den Technologie-Labors der Mega-Konzerne oder Großforschungs-Einrichtungen kommen.

Vielmehr wird Innovation von Bewegungen geschaffen, die meistens von jungen Menschen mit Leidenschaft getragen werden. Das gilt besonders für Informatik, also die IT und damit verwandte Technologien.

Ich selber habe bei Siemens in der zweiten Hälfte der siebziger und später in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts an dem mitgewirkt, was ich Industrie-Informatik nenne. Da wurden – absolut ingenieurs-mässig – teure und schwere Großrechner mit ebensolcher Peripherie entwickelt.

Zeitlich parallel dazu kamen einfache Rechner „für zu Hause“ auf die Märkte. Als Beispiele nenne ich den Atari (1979) oder den  Commodore (1982). Die „Kinder“ in den USA (und auch bei uns) haben mit diesen und ähnlichen Rechnern „gespielt“.

Wir „Industrie-Informatiker“ haben uns die Heimrechner auch angeschaut.  Für uns waren das aber nur Spielzeuge, die wir nicht ernst genommen haben. Wir haben nicht erkannt, welches faszinierende Potential diese Systeme eröffneten.

Mich persönlich zum Beispiel hat die mangelnde technische Perfektion dieser Systeme irritiert. Da wurde z.B. als Bildschirm (bei uns hieß der Datensichtgerät) ein flackernder Billig-Fernseher eingesetzt. Die Speicherung erfolgte mit Hilfe von Kassettenrekordern auf unzuverlässigen Tonkassetten. Und auch die Eingabetastaturen waren alles andere als Vertrauen erweckend. Und last not least entsprachen die Programmiersprachen auch nicht dem Stand der Kunst.

Später habe ich es bereut, dass ich dieser neuen Technologie zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. So wurde ich von der PC-Welle und später vom Erfolg vom technisch so schwachen Windows mit seiner graphischen Oberfläche und vor allem Spielen wie Solitär überrascht.

Die graphische Oberfläche kannte ich schon von Geräten wie dem Xerox Star, der von Siemens als „Büro Computer“ vertrieben wurde. Das war zwar ein professionelles Gerät, aber sein Nutzen-/Kosten-Verhältnis unterirdisch schlecht. So haben ihn auch nur ganz wenige Unternehmen eingesetzt, mir ist in Deutschland eigentlich nur die Lufthansa bekannt, die sich diesen teuren Luxus leistete. So habe ich auch diese Technologie nicht ernst genommen.

Die jungen Leute kannten oft nur die Welt der neuen Computer  – und sie haben diese vorwärts gebracht. Das hat in den USA stattgefunden – und was da passiert ist, kann man gut nach lesen. Z.B. in der Biographie über Steve Jobs – einem absolut lesenswerten Buch.


Zurück zur Eingangsfrage:

Was ist die zentrale Ursache, dass Deutschland bei IT so abgehängt wurde?

Ich glaube nicht, dass es eine zentrale Ursache für die deutsche digitale Schwäche gibt. Da gibt es sicher mehrere.


Aber eine – vielleicht ein wenig rethorische – Antwort habe ich:

Ich meine, dass eine wesentliche Ursache die Wehrpflicht gewesen sein könnte.

Wir hatten in dem für die Entwicklung von IT kritischen Zeitraum 500.000 junge Männer unter Waffen. Das war ein wesentlicher Teil der männlichen Bevölkerung – im besten Alter. Die „Bundeswehr“ bestand überwiegend aus Wehrpflichtigen, die für 18 und später 15 Monate aus dem „normalen Leben“ entfernt waren. Das waren überwiegend junge Menschen

Auch heute finden sich in den MINT-Berufen (MINT für Mathematik, Ingenieurswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik) überwiegend die Männer. Das war damals noch ausgeprägter. Und die Wehrpflicht betraf nur die jungen Männer und behinderte so ihre Entwicklung.

IT war – und ist – eine Hochleistungs-Disziplin. Man muss sich über Jahrzehnte mit Leidenschaft damit beschäftigen und dabei eine gnadenlos schnelle Entwicklung aushalten und verstehen. Eine Schaffenspause von über einem Jahr wirft gewaltig zurück. Das ist etwa so, wie wenn ein Spitzen-Jugend-Fussballer für 18 Monate mit dem Fußballspielen pausieren muss. Mein Verdacht ist groß, dass das im Normalfall das Ende seiner Fußballer-Karriere bedeuten würde.

Für die Richtigkeit meiner These gibt es eine Reihe guter Gründe.

Meine eigene Erfahrung

Ich begann im Herbst 1969  an der TUM Mathematik und „Informatik“ im 1. Semester zu studieren. Am 1. April 1970 wurde ich eingezogen und habe bis zum 30. September 1971 als Wehrpflichtiger „gedient“. In diesen 18 Monaten habe ich „Saufen“ und „Chillen“ gelernt. Positives Lernergebnis war eigentlich nur, wie man solche perverse Systemen überlebt.

Dann bin ich im Herbst 1971 wieder an der TUM gestartet, wieder im ersten Semester. So blieb ich im „Chill-Modus“. Diesen habe ich mir erst wieder im vierten Semester (Frühjahr 1973) abgewöhnt, weil da das Vordiplom vor der Tür stand und ich so ein wenig unsanft aufgeweckt wurde. Da hatte ich Stress und habemein „berufsbegleitendes Studium“ (mehr bei Siemens als an der TUM mit schnellem Lernen aus Büchern) wieder recht intensiv aufgenommen. Und sogar das Vordiplom auf Anhieb geschafft.

Nach meinem Hauptdiplom hatte ich noch ein paar „Lehrjahre“ bei Siemens und Softlab. Gegründet habe ich so erst 1984, da war ich schon deutlich über dreissig. Ohne Bundeswehr wäre das wahrscheinlich schon ein paar Jahre früher passiert …

Erfahrungen bei InterFace

In den frühen Jahren der InterFace AG hatten wir viele Studenten an Bord. Sogar junge Gymnasiasten waren dabei. Sie waren  fasziniert von der neuen Technologie und wollten da auch mal professionell rein schnuppern. Oft kamen sie auf Empfehlung (z.B. als Kinder von Kunden) zu uns.

Die Jungen waren gut und wurden schnell zu wichtigen Mitarbeitern. Wenn es aufs Abitur zu ging, kam das große Zittern. Mussten sie zur Bundeswehr? Das wäre für uns ein großer Ausfall gewesen.

Oft haben wir mitgeholfen, dass sie nicht „eingezogen“ werden konnten und bei uns das Studium begleitend weiter arbeiten konnten. Ohne diese jungen Talente hätten wir unser Produkt CLOU & HIT und viele dazu gehörende Innovationen nicht geschafft.

Die amerikanischen Gründer

Wenn wir die Helden des Silicon Valley betrachten wie Bill Gates, Steve Jobs und weitere, dann wurde da keiner von Wehrpflicht oder ähnlichen Zwangsdiensten behindert. Viel mehr haben sie ihr Studium abgebrochen, um sich komplett auf ihr Unternehmen und die neue Technologie konzentrieren zu können.

Deutsche Gründer

Hasso Plattner und Dietmar Hopp  (beide SAP) dürften ihren veröffentlichten Lebensläufen folgend wohl auch nicht bei der Bundeswehr gewesen sein. Von einem sehr kreativen Gründer wie Peter Schnupp, dem Mitbegründer von Softlab (1934 geboren – also befreit vom Wehrdienst) weiß ich das aufgrund unserer persönlicher Freundschaft.

Start-Up-Szene …

Seit mehr als 10 Jahren bin ich Mitglied in der Jury von BayStartup, dem wohl in Bayern führenden Unternehmen für Themen wie Businessplan Wettbewerb, Finanzierung, Business Angels …

Je nach Verfügbarkeit bewerte ich im Jahr dann um die 100 Geschäftspläne. So lerne ich viel über die aktuellen technischen Trends und vor allem zahlreiche  junge Menschen kennen, die Firmen gründen wollen. Und stelle fest, dass es kein neues Thema gibt, dass seine Besonderheit nicht wesentlich mit der dazu entwickelten Software erklärt.

So trifft es sich gut, dass bei allen Startups immer Software-Leute dabei sind. Die berichten mir stolz, dass sie schon seit ihrem 10. Lebensjahr programmieren würden und dann mit 12 oder 14 Jahren auf „vernünftige“ Computersprachen und moderne Technologie umgesattelt hätten. Eine 15 oder gar 18 Monate währende Zwangspause würde für sie einen großen Rückschritt wenn nicht das „Aus“ bedeuten.

Soweit ein paar Argumente, die meine Theorie vielleicht ein wenig belegen.


Jetzt hoffe ich,dass Ihr mich gut genug kennt, dass ich so eine originelle Theorie nicht zur Wahrheit erkläre.

Ich bin aber überzeugt, dass mit der Wiederbewaffnung der BRD nach dem 2. Weltkrieg und dem damit verbundenen Wiederaufbau der Rüstungsindustrie zumindest eine einzigartige Chance für ein großartiges friedliches Deutschland zerstört wurde. Und dass Wehrpflicht und Militarisierung in Deutschland einen immensen volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schaden bewirkt haben.

„Schuld“ an dieser Entwicklung waren damals wie heute die Vorurteilswelt und der Zynismus alter weißer Männer wie Adenauer. Von Angst getrieben hat dieser schon seit 1950 mit kriminell-subversiven Methoden im Geheimen auf die Wiederaufrüstung hingearbeitet.

Die Wikipedia-Artikel zur Bundeswehr und zur Wehrpflicht sind sehr lesenswert und helfen sehr gut, die Frage „Wie war das eigentlich?“ zu beantworten.

Jetzt bin ich aber erst Mal froh, dass die Wehrpflicht ausgesetzt wurde und hoffe, dass dieser Zwangsdienst nie mehr wieder eingesetzt wird.

RMD

P.S.
Geschichte der Bilder
Am 1. April 1970 (nach einem Semester des Studiums der Mathematik und Informatik an der TUM) bin ich eingezogen worden. Aus dem Roland Dürre wurde der „Flieger Dürre“. Das war leider kein schlechter Aprilscherz. Nach einer Nacht in Lagerlechfeld (dort gab es eine gemischte Grundausbildung für Abiturienten mit einem technischen Ausbildungsanteil von 6 Wochen) und ein paar Nächten in Landsberg kam ich nach Ulm. Wegen Renitenz.

In Ulm wurde ich in ein Ausbildungs-Bataillon gesteckt, das aus dem  „Rekruten-Ausschuss“ der Luftwaffe ordentliche Wachsoldaten machen sollte. Weil ich in meiner Kompanie der einzige Rekrut mit Abitur war, wurde ich als Ausbilder behalten und habe dann fünf Quartale im Stamm der Ausbilder verbracht. Ich hatte jedes Quartal eine Gruppe zu führen und übernahm nebenher weitere Aufgaben wie Kompanie-Unterricht zu halten. So habe ich zum Beispiel Rekruten ohne Schulabschluss erklärt, wie die Demokratie und Grundgesetz der BRD funktionieren und was Begriffe wie Legislative, Judikative und Exekutive bedeuten. Oder die Menschen an der Waffe (G3, P1, wie das Maschinengewehr hieß weiß ich nicht mehr …) geschult.

Aus dieser Zeit eine Anekdote:
Während der Grundausbildungszeit (die ersten drei Monate) war den Rekruten Ausgang nur  in Uniform gestattet. Das galt auch für Heimfahrten am Wochenende. Immerhin durften die nach ein paar Wochen Kasernierung fast jedes zweite Wochenende heimfahren, allerdings musste auch dieser „Ausgang“ in Uniform erfolgen. Die meisten waren gar nicht  begeistert, sich in Uniform in der Öffentlichkeit bewegen und dann in der Heimat so aufzutauchen zu müssen. Auch wenn das unseren Eltern gefallen hat und wir in Uniform ein begehrtes Foto-Motiv waren. So sind auch die beiden Bilder im Artikel entstanden.

Manche der Rekruten waren besonders schlau. Am Ulmer Hauptbahnhof gingen sie in Uniform auf die Toilette – und kamen dann in Zivil heraus. Sie wussten nur nicht, dass die Bundeswehr da Aufpasser (auch in Zivil !) positioniert hatte. Die haben dann die umgezogenen (ungezogenen) Jungsoldaten gleich wieder eingesammelt und in die Kaserne gebracht. Der Wochenend Ausgang war damit weg und fürs Wochenende eins drauf gab es dann auch gleich noch eine Ausgangssperre.

Der „Dienst am Bahnhof“ war überwiegend nicht beliebt. Wahrscheinlich war das ein wenig ähnlich, wie wenn man im Kriegszustand an einem Erschießungskommando teilnehmen musste. Ich konnte mich die restlichen 15 Monate als Ausbilder dann davon drücken.

Beim ersten Ausgang im elterlichen Wohnzimmer.

P.S.1
Impuls zum Artikel
Die Idee für diesen Artikel kam mir anlässlich der aktuellen Diskussion um den Paragrafen 219b und die damit verbundenen Versuche, die Reform des Paragrafen 218 (die den Tatbestand einer immer noch verbotenen Abtreibung unter gewissen Voraussetzungen unter Straffreiheit stellt) in Frage zu stellen. Da habe ich von rechter Seite aus der „bürgerlichen Mitte“ eine Aussage gehört, die sinngemäß ausdrückte, dass „wir ohne Abtreibungen keine ausländischen Gastarbeiter gebraucht hätten“. Diese „Theorie“ hat mich entsetzt und inspiriert, mal zu behaupten, dass „wir ohne Wehrpflicht keinen digitalen Rückstand in Deutschland hätten“.