Roland Dürre
Montag, der 23. Januar 2017

Inflation im Nahverkehr

Der letzten Preis-Erhöhung der deutschen Bahn zum Fahrplan-Wechsel Sommer/Winter habe ich keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Als Notiz hatte ich in den Ohren, dass „die Deutsche Bahn die Preise im Fernverkehr um durchschnittlich 1,3 Prozent“ erhöht. So stand es ja auch in der SZ.

Der Shuttle nach München heute bei der Einfahrt in Nürnberg.

Aber denkste!

Am Samstag wollte ich mit drei Mitreisenden nach Augsburg fahren. Also flugs im Netz ein Bayern-Ticket geordert. Und schon reibe ich mir die Augen: Das kostet jetzt 25 €. Das waren doch vor gar nicht langer Zeit noch 23 €. Das sind satte 2 € mehr, also eine Preissteigerung so um die 9 %.

Da kann ich mit leben – denke ich mir, jedoch kommt dann sofort die zweite dicke Überraschung. Die Mitfahrer (bis zu vier sind möglich) haben 5 € je Person gekostet. Jetzt kostet jeder Mitfahrer 6 €. Das sind dann schon satte 20 % mehr.

So kostet der Fahrpreis mit dem Bayern-Ticket für unsere kleine Reisegesellschaft jetzt 25 € Basispreis plus 3 Personen à 6 €, das sind dann 25 € plus 18 € also  zusammen 43 €. Das ist dann so ein Preis, mit dem fahre ich schon mal zu zweit mit dem DB-Fernverkehr nach Sylt (wie das nächste Mal im Februar). Und da ist dann die lange Fahrt nach Hamburg und die zeitlich gar nicht so viel kürzere Weiterfahrt mit dem Regionalzug (vor kurzem noch mit der Nord-Ost-Bahn) nach Westerland im Preis mit drin!

Früher hätte ich 23 € plus 3 Personen mal 5 €, also nur 38 € bezahlt. Der Fahrpreis für uns vier ist so von 38 € auf 43 € gestiegen, das sind dann doch fette 5 € mehr, was um die 13 % Steigerung ausmacht.

Das heißt:
Eine Fahrt nach Augsburg Barbara und mich und in dem Fall zwei Töchter kostet einfach so mal 5 € mehr. Wenn ich dann an das Geschiss um die Autobahn-Maut denke – dass die den Autofahrer auf keinen Fall zusätzlich belasten dürfe – dann wundere ich mich schon.

Ich bewundere auch die „runden Preise“, die da so einfach gemacht werden. Dass Cents nur noch lästige Münzen sind und so immer mehr Geschäfte die Summe beim Einkauf dann einfach eine Stelle hinter dem Komma abrunden, das verstehe ich. Aber dass man bei Preiserhöhungen auch die erste Kommastelle – immer hin 10 Cents, das waren mal 20 Pfennige – ausblendet, das finde ich schon sehr eigenartig.

Es gibt übrigens bei DB und den Privatbahnen auch eine Inflation von Spezial-Tickets für alles Mögliche: Für besondere Regionen, mit und ohne den Nahverkehr in Verkehrsverbünden, spezielle Stadtverbindungen oder eine maximale Entfernung (z.B. max 50 km). So wird das Preissystem komplizierter. Und wenn man die Basis-Mondpreise und die gleichzeitigen Niedrigpreise bei den Sonderangeboten im Fernverkehr in die Betrachtung mit einbezieht, dann wird die Preisgestaltung der Bahn immer unverständlicher.

So schön leer ist’s im Shuttle nachmittags um vier. Das Chromebook ist dabei.

Ich ärgere mich aber nur mal kurz ab und fahre weiter Zug, denn für mich ist die Bahn alternativlos. Und deswegen bin ich auch heute nach Nürnberg und zurück mit dem Bayern-Ticket unterwegs und löhne halt brav meine 25 €. Weil ich im Zug meine E-Mails abarbeiten und meine Artikel schreiben kann. Beim Autofahren kann ich das nicht.

Autofahren kommt für mich eh nicht mehr in Frage. Die Mehrheit unserer Volkes soll laut soziologischer Forschung verbittert sein. Ich wäre es auch, wenn ich jeden Tag eine oder mehrere Stunden am Steuer eines Autos verbringen müsste. Da fahre ich lieber Zug und freue mich, wenn Google vor den Staus auf der A9 wartet. Es ist die morbide Freude über das Scheitern eines unsinnigen Systems.

Die Alternative zur Bahn wäre ja Bus-Fahren. Das ist aber nicht meines. Ich bin von den meistens ziemlich leeren DB-Regio-Zügen ein wenig verwöhnt und mag mich nicht in die engen Busse klemmen, die oft von ihren Fahrern auf selbstmörderische Art und Weise über die Strassen der Republik gejagt werden. Außerdem mussten meinBus und flixBus ihr Netz gewaltig ausmisten und viele Verbindungen streichen, weil deren Venture-Kapitalisten keine Lust mehr hatten, die permanent wachsenden Verluste zu tragen.

Also, weiter Zugfahren und hoffen, dass der dichte Zugtakt mit den meistens so schön leeren Zügen uns möglichst lange erhalten bleibt …

Solche Preissprünge stelle ich übrigens nicht nur bei der Bahn fest. Auch bei öffentlichen Einrichtungen und qualitativen Lebensmitteln wie bei manchen Alltagsartikeln. Oder Immobilien.

Jetzt höre ich aber, dass die Inflation immer noch unter 2 % liegen soll. Ich glaube ja gar nicht, dass man uns absichtlich belügt. Aber die 1,X % glaube ich nicht und vermute mal, dass man uns nicht unbedingt darauf hinweisen will, dass unser Erspartes so immer weniger wird. Was ja auch bedeutet, dass die Schere zwischen arm und reich immer mehr auseinander geht. Mit Folgen, die wir ja schon ein wenig erleben dürfen und uns ja auch schon mal ein wenig ausmalen können.

RMD

Der Shuttle nach München am 23. 01. 17 im Hbf Nürnberg auf Gleis 12.

Computer Vintage
oder:
Wenn Produktions- und Entwicklungsketten zu komplex werden, dann könnten sie ja auch mal (zer-)reißen

Die Gedanken zu diesem Artikel entstanden im Rahmen einer kurzen Diskussion, inwieweit unsere entwickelte Gesellschaft technologisch wieder in das prä-elektrische Zeitalter zurückfallen könnte. Mein Gesprächspartner meinte, das wäre unmöglich. Dieser feste Glaube hat mich zum Nachdenken gebracht.

Ein kleiner Bruder und ein ganz kleines Brüderchen der von mir beschriebenen Flach-Baugruppe. Das Telefon soll die Größe der kleinen Teile klar machen 🙂

Anfang der 70iger Jahre studierte ich an der TUM Mathematik mit Nebenfach Informatik und war schon bald bei Siemens als Werkstudent tätig. Weil es da tolle Rechner (Computer) gab und man als Student für damalige Verhältnisse gut verdient hat.

Ich war damals in den Baracken der „Koppstrasse“ tätig. Getestet haben wir im „Feurich-Bau“ – im Zentralgelände der Siemens AG an der Hofmann-Straße. Das Leben in den Baracken war toll, es war eine richtige F&E-Atmosphäre, so wie man es sich heute bei einem guten Start-up vorstellt.

Mein erstes Projekt habe ich hier in IF-Blog beschrieben. Es ging damals um das Berechnen von möglichst großen Mersenne-Primzahlen. Das war eine Aufgabe eher für einen Einzelkämpfer.

Dann wurde ich immer mehr Teil der Teams und fast berauscht von denn Herausforderungen unserer Aufgabe. Wir arbeiteten gemeinsam mit weiteren Kollegen an der Entwicklung der PALOG-A- und PALOG-B-Systeme.

PALOG stand für „PrüfAutomat für LOGik. Die Aufgabe eines PALOG-A-Gerätes war der Funktionstest von in kleinen Serien gebauten „Maxi-Flachbaugruppen“, die in Groß-Rechnern unterschiedliche Funktionen realisierten. Die Funktionalität und die Richtigkeit der zu realisierenden Logik waren schon getestet.

Es ging „nur noch“ um das Prüfen, ob die Serien-Produktion fehlerfrei erfolgt war und die gefertigten Komponenten zuverlässig die gewünschten Ergebnisse lieferten. Die erweiterte Funktion des PALOG-B erläutere ich im weiteren Teil des Textes.

So eine Maxi-Flachbaugruppe war ein großes Brett (Board), ziemlich breit und tief aber von geringer Höhe. Die auf den Bildern abgebildeten Boards stammen aus späterer Zeit und waren viel kleiner.

Eine Maxi-Flachbaugruppe hatte auf einer Seite eine Steckleiste mit 128 Stiften, die in die Rückwand des Großrechners eingesteckt wurden. Dieser speiste das Board mit digitalen Mustern entsprechend der Anzahl der Stifte, bekam vom Board ein Ergebnis zurück und verarbeitete dieses weiter. (Vielleicht täusche ich mich und es waren nur 64 Stifte, aber ich erinnere mich deutlich an 128.)

Das Board war auf der Oberfläche voll mit Elektronik-Bauteilen, die ein paar Füße oder mehrere Füßchen hatten. Diese wurden in die vorbereiteten Löcher des Brettes gesteckt. Das ganze wurde dann von unten entsprechend verlötet, bei Serienproduktion in einem Lötbad.

Die Bauelemente auf dem Board waren zum Teil von Siemens selber entwickelt und produziert. Einiges musste zugekauft werden. Ich habe da besondere Chips von Motorola in Erinnerung, die im Einkauf auch mal um die 1.000 DM kosteten.

Wenn ich mich hier nicht korrekt ausdrücke habe, dann bitte ich dies zu entschuldigen. Ich habe nie Hardware gemacht, sondern mich schon damals ausschließlich auf die Entwicklung der Software beschränkt.

Der Prozess der Bestückung und Verlötung war alles andere als trivial.  So war es durchaus möglich – und kam auch häufig vor – dass diese Maxi-Flachbaugruppen nach der Fertigung keine oder falsche Ergebnisse lieferten. Manchmal kam es auch vor, dass die zu gelieferten Einzelteile defekt waren.

Aber wie findet man das raus? Wie testet man so eine Maxi-Flachbaugruppe?

Unsere Methode war einfach. In das zu prüfende Objekt wurden Bitmuster gesendet und dann geprüft, ob die Antwort die richtige (erwartete) ist. Einen solchen Test kann man aus Effizienzgründen natürlich nicht mit allen möglichen Eingabe-Mustern durchführen. Die Aufgabe unserer Software war es, relevante Muster zu generieren, mit denen man in möglichst wenigen Testschritten beweisen konnte, dass die Logik der Maxi-Flachbaugruppe richtig funktioniert.

Noch mal die kleineren und jüngeren Brüder der Maxi-Flachbaugruppe.

Dazu wurde diese in den PALOG-A Automaten eingespannt und dort mit den ihrer Funktionalität entsprechenden Binär-Mustern über die 128 Stifte beschickt. Die Antworten wurden mit den Soll-Ergebnissen verglichen. Wenn IST und SOLL bei allen Testmustern übereingestimmt hatte, war validiert, dass die Maxi-Flachbaugruppe einwandfrei funktioniert.

Die Suchen und Finden der relevanten Testmuster war alles andere als einfach und wurde ziemlich „mathematisch“ aus der jeweiligen Funktionalität heraus entwickelt. Die Programmierung erfolgte „cross“ auf BS1000 und dann bald auch auf BS2000.

Die Muster selber und die richtigen Antworten wurden auf Prozessrechnern der Serie 300 generiert. Die hatten übrigens einen 6-Bit-Assembler mit zwei Akkumulatoren und dem schönen Namen PROSA. Die „Dreihunderter“ galten als ungeheuer schnelle Rechner.

Das Spitzenmodell war die 306. Aber auch diese in der damaligen Zeit absolut schnellste Maschine von Siemens brauchte gut und gerne auch mal eine Woche oder mehr für die Berechnung der benötigten Muster.

Ein Rechner lief damals selten eine Woche ohne Ausfall. Meistens stürzte er in so einem langen Zeitraum schon ein paar mal ab. Deswegen hatte die Software neben der algorithmischen Herausforderung noch weitere wie die Wiederaufsetzbarkeit des Programms bei einem Systemabsturz. Dies war damals alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Soweit so gut. Immerhin konnten wir mit PALOG-A zuverlässig validieren, ob eine Maxi-Flachbaugruppe fehlerfrei war oder nicht. Allerdings gab es ziemlich häufig mangelhafte Produkte. Was macht man mit diesen? Allein aufgrund der teuren eingesetzten Bauelemente wollte man die natürlich nicht vernichten oder zurück bauen, denn damit wäre auch nicht viel gewonnen worden. Man wollte also möglichst alle wenn irgendwie möglich reparieren.

Wenn ich einen Fehler in einer komplizierten Logik einer Flachbaugruppe beheben will, muss ich aber zuerst einmal herausfinden, wo er sich auf dem Board befindet. In unserem Fall geht das natürlich nicht durch logisches Überlegen oder „Code Reading“ wie bei einem Programm. Auch einen eingebauten Debugger hatter wir nicht. Die Frage ist ja, welches Bauteil falsch sein könnte, welche Lötstelle nicht funktioniert oder ähnliches …

Da kam unser System PALOG-B ins Spiel. Wenn eine Maxiflachbaugruppe von PALOG-A als fehlerhaft erkannt wurde kam sie ins PALOG-B-System. Dort wurde sie einer (von uns so genannten) PFAD-Methode unterworfen und mit ganz anderen Testmustern bearbeitet. Diese ermöglichten an Hand der zurück kommenden Daten den Fehler auf dem Board einzukreisen. So war es möglich durch mehrfaches Einkreisen die möglichen Fehler zu beheben. Dann wurde das Board wieder mit PALOG-A getestet, und wenn es dann funktioniert hat wurde gejubelt.

Warum das Vorgehen „PFAD-Methode“ hieß, kann man sich gut vorstellen. Man sich nur überlegen, dass verschiedene Eingabemuster verschiedene „Pfade“ auf der Flachbaugruppe durchlaufen. Und wenn man fest stellen kann, welche der vielen möglichen verschiedenen Pfade nicht funktioniert, ist man dem Fehler schon deutlich näher.

Ich habe versucht, das alles möglichst einfach und gut verständlich zu beschreiben. In Wirklichkeit war das Ganze aber sehr kompliziert und wurde von einem über sehr viele Jahre erarbeiteten und weitergegebenen Know-How getragen.

Unsere Software war nur ein kleiner Teil der für die effiziente Entwicklung und Produktion von IT-Systemen notwendigen Design- und Konstruktionssoftware. Da ging es bei Siemens damals mit großen Fortschritten weiter. Ein paar Jahre später hatte die Siemens AG eine umfassende Workbench aus vielen SW-Systemen für die Entwicklung ihrer Chips, die wahrscheinlich allen Konkurrenz-Systemen deutlich überlegen war.

Leider habe ich Abkürzung dafür vergessen, weiß aber noch, dass diese Anwendung als die komplizierteste SW-Lösung der Welt galt und die meisten „Lines of Code“ aller bekannten Programmsysteme gehabt haben soll.

Und dann ging es abwärts mit dem Bereich Datenverarbeitung und all das Know-How verschwand.

😉 Aber was interessiert den Juden und auch uns „die Freud von gestern“?
Vorbei ist vorbei!

Ich kann mir vorstellen, dass das Know-How und die Werkzeugkette, die gebraucht werden um einen Intel-Prozessor oder einen IBM Power zu entwickeln und zu produzieren mittlerweile eine ungleich höhere Herausforderung darstellt als damals die doch noch überschaubaren Flachbaugruppen.

Und es könnte sein, dass nicht nur so ein High-Tech-Prozessor sondern auch der „einfache“ elektrische Motor oder Stromgenerator heute ohne einer ähnlich komplexen „Maschinerie“ so ganz einfach nicht mehr hergestellt werden können. Und wenn die zerbricht – warum auch immer – was dann?

Damit habe ich den Kreis geschlossen und komme zur Eröffnung meines Artikels. Genau wegen der Durchdringung solcher Werkzeug- und Produktionsketten in allen Technologien und Sparten – ob Chemie, Energie, Landwirtschaft, Mechanik, Pharmazie, Physik … könnte ich mir gut vorstellen, dass unser System kippen kann und wir dann wieder bei NULL anfangen müssen. Und das das dann sehr schwierig sein könnte.

RMD

P.S.
Ich schreibe die technischen Erinnerungen aus dem Kopf heraus und völlig ohne Unterlagen auf. Leider ist Wikipedia bei solchen spannenden Themen der Informatik gar nicht so recht hilfreich. Ich finde es schade, dass in Wikipedia ausgerechnet die Technik, die Wikipedia erst ermöglicht hat, kaum und meistens sehr ungenügend  beschrieben ist.

Insofern bitte ich zu entschuldigen, wenn ich die eine oder andere Abkürzung falsch in Erinnerung habe oder ähnliche Fehler mache. Ich konnte nirgends nachschauen und so meinen Erinnerungen auf die Sprünge helfen. Umso mehr bin ich für Korrekturen und Hinweise zur von mir berichteten Technik dankbar.

Roland Dürre
Dienstag, der 10. Januar 2017

FAHRRADkultur – Interview mit Roland Dürre

Franziska Köppe ist mir vor allem bekannt vom EnjoyWorkCamp. Das ist ein sehr schönes Barcamp für ein neues Verständnis von Arbeit, das einmal im Jahr in Stuttgart stattfindet. Franziska hat mich zu meiner Begeisterung fürs Fahrrad interviewt. Da kam ein Ergebnis heraus, dass mir sehr wichtig ist – deshalb habe ich es sprachlich jetzt noch mal leicht überarbeitet und auch bei mir in IF-Blog.de abgespeichert. Ich habe aber versucht, alles was von Franziska kommt, möglichst so original wie möglich zu lassen.


 

Aktive Mobilität – Fördern und Fordern

 

03.01.2017 – Sind Autofahrer die Kutscher der Neuzeit? Mobilität ist im Umbruch. Seit den 1950ern wurde die Automobil-Industrie stark – vor allem politisch – gefördert. Die Branche gilt als „system-relevant“. Eng verkettet ist sie mit vielen Zulieferern, Verkehrsplanung und Lobbyarbeit. Doch ist sie das „system-relevant“? An den konventionellen Geschäftsmodellen rütteln Start-ups und die Crowd-Economy wie kulturelle Änderungen im Verhalten nicht nur der jungen Generation. Ich sprach mit Unternehmer und Mobilitäts-Aktivist Roland Dürre über Fahrrad-Kultur und den eigenen Beitrag zu Mobilität mit Zukunft.
(Vorwort zum Interview von Franziska)


 

Das Interview

Franziska: Hallo Roland, bitte stelle Dich unseren Lesern kurz vor. Wer bist Du? Was machst Du?

Roland: Wer ich bin, weiß ich nicht. Ich fühle mich als Mensch, Aktivist, Blogger, Coach, Macher, Unternehmer. Ich liebe das Leben und meine Familie. Ich versuche, mutig zu sein und viel Freude bei meinem Tun zu haben. Meine Aufgabe ist nach meiner Zeit bei der InterFace AG noch mehr als früher, Erfahrungen weiter zu geben und wenn möglich anderen – besonders jüngeren – zu helfen, glücklich und erfolgreich zu werden. Für das Schöne, das ich erlebt habe, bin ich dankbar und freue mich, wenn sich diese Dankbarkeit in den verbleibenden Lebensjahren noch mehrt. 🙂

Franziska: Eine Deiner Leidenschaften ist das Radfahren. Was bedeutet für Dich FAHRRADkultur? Was verbindest Du mit diesem Wort?

FAHRRADkultur versus Auto-Kultur – Die Folgen konventioneller Verkehrspolitik

Roland: Kultur und FAHRRAD-Fahren sind beides etwas schönes. Das passt gut zusammen!

Aber sehen wir uns mal an, was uns die Auto-Kultur gebracht hat. Als Autofahrer bin ich im Fahrzeug sozial isoliert. Meine Mitmenschen werden zu anonymen Objekten in anderen Autos. So kenne ich viele Menschen, die sich am Steuer ihres Autos ihrer zwischenmenschlichen Einsamkeit bewusst Schimpfworte benutzen, die sie im normalen Umfeld nie nutzen würden. Und kann das gut nachvollziehen.

Als Radler habe ich mir angewöhnt, mir entgegen kommende Fahrradfahrer zu grüßen. An der Ampel nehme ich häufig Kontakt mit dem Menschen auf dem Nachbar-Rad auf. Ich versuche, Rücksicht zu üben. Und meine, dass die Fußgänger immer Vorfahrt vor Radfahrern haben sollten. Aber auch die Radler vor Autos.

Als Radler sehe und nehme ich mehr wahr. Das gilt auf Radreisen in fremden Ländern genauso wie in Deutschland. Es entwickeln sich schnell soziale Kontakte. Als Fahrradfahrer sehe ich aber auch, wie viel Tiere wie Kröten, Katzen und Hunde von Autos getötet werden. Dann gibt es mir einen Stich ins Herz.

So korreliert Autofahren für mich mit Rücksichtslosigkeit und Unachtsamkeit. Was sich dem Auto in den Weg stellt, wird niedergewalzt. Kohlendioxid wird ausgestoßen, Feinstaub produziert und das nur für die eigene Bequemlichkeit. 1,400.000 Millionen Verkehrstote weltweit im Jahr sind normal, weil es ohne das Auto nicht geht. Es geht aber ohne Autos. Das habe ich im Selbstversuch erlebt. Und es geht einem besser ohne Autos.

Vielleicht noch eine kulturelle Provokation: Autofahrer sind die Kutscher der Neuzeit. Kutscher waren keine beliebte Berufsgruppe, weil sie in den engen Gassen der Städte mit der Peitsche das gemeine Volk aus dem Wege prügelten. Kutscher galten damals als „Abschaum und Gesindel“?!

FAHRRADkultur – Eine leise und saubere Welt mit glücklicheren und gesünderen Menschen

Franziska: Es ist wohl wahr, dass für die meisten – vor allem die Großstädter von uns – Mobilität hauptsächlich mit dem Automobil verbunden ist. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Fahrradfahren das selbstverständlichste und alltäglichste Verkehrsmittel war, mit dem Menschen Entfernungen von mehr als 5 km zurücklegten. Lass uns also noch einmal zurückkommen auf das Fahrrad. Was wäre das für eine Welt, wenn Du FAHRRADkultur träumen dürftest?

Roland: Eine leise und saubere Welt mit glücklicheren und gesünderen Menschen. In der sich aus veränderter Mobilität heraus viele weitere Fortschritte an Lebensqualität entwickeln. Ich sage immer gerne: Wer seine Mobilität nicht in den Griff bekommt, wie will der sein Leben steuern können? Denn ohne den „Willen und die Fähigkeit sein Leben verantwortlich zu führen“ geht es halt nicht.

Roland Dürre auf dem Weg von Salerno nach Pisciotta

Franziska: So weit so vernünftig. Nun sieht die Realität eines Alltagsradlers nicht ganz so himmelblau und rosig aus. Du sprachst es ja bereits an. Einer der Gründe, weswegen Du Dich für „Aktive Mobilität“ – AktMob, wie Ihr es nennt – einsetzt.

Roland: Stimmt. Ich kenne viele Straßen in München, da macht es keine Freude zu fahren. Und auch auf großen Touren muss man immer wieder auch mal eine Strecke durchleiden, auf der man wirklich um sein Leben fürchtet.

Wobei es bei AktMob nicht nur ums Radeln geht, sondern um jede Form von Fortbewegung jenseits von Pferdekutschen, Benzin- oder Elektroautos – durch eigene Bewegung, aus eigener Kraft. Sei es mit Rollern, Skatebords, zu Fuß, dem Rollator – oder was auch immer. Und ein wenig elektrische Unterstützung darf auch dabei sein.

Franziska: Im Bereich Verkehr wird seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts das Automobil als individuelles Fortbewegungsmittel gefördert. Dahinter stand die politische Vision eines Wirtschaftswunders. Leider hat diese kurze Zeit bereits ausgereicht, unsere Städte zu entmenschlichen. Fußgänger wie Radfahrer gehören seltsamerweise kulturell nicht mehr zum Verkehr. Wie absurd das teilweise ist, zeigt sich ganz besonders allmorgendlich an Kindergärten und Schulen: Da werden Kinder mit dem Auto gebracht, weil es aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens durch PKWs zu gefährlich für sie wäre, zu laufen. Wie schräg ist das denn?

Das Auto als Statussymbol in der Wirtschaftswunderwelt

Roland: Ein gutes Beispiel! In der Tat war das Auto – gerade für die Männerwelt – nicht nur ein Objekt, um von A nach B zu kommen. Wenn man Führerschein und ein Auto hatte, war man endlich erwachsen. Der Spruch vom Auto als „Phallus-Symbol“ ist sicher nicht ganz falsch. Und am Steuer eines starken Kraftwagen überkommt gerade das männliche Geschlecht ein Gefühl der Omnipotenz. Wer mag das nicht?

Noch mehr aber war das Auto das Statussymbol in der Wirtschaftswunderwelt der sich wirtschaftlich erholenden BRD und Welt. Das Auto ist wohl die beste Metapher für gekauftes Glück als Ersatzbefriedigung für unerfüllte Bedürfnisse.

Wie wir noch junge Männer waren und kein Auto hatten, da hatten wir den Eindruck, dass die hübschen jungen Frauen die Männer mit Autos doch klar bevorzugten – und auf uns autolose Wesen eher herab sahen.

Das Auto war aber auch – ähnlich wie die Zigarette – ein Symbol für Freiheit. Und es war auch ein neuer privater Lebensraum – in USA z.B. muss es ein paar Jahre gegeben haben, in denen mehr als die Hälfte aller Kinder auf dem Rücksitz von Autos gezeugt wurden. Das stand wohl schon im Kinsey-Report drin. Und unserer Faulheit ist so ein Kraftfahrzeug doch auch sehr entgegen gekommen. Ja, und dass solch ein götzenhaftes Vehikel – auch noch optimal und emotional vermarktet – alles andere untergebuttert hat, ist doch klar.

Die kritische Masse – Radfahren im Verband

Franziska: Mit Aktionen „Wir sind Verkehr“ finden in Deutschland und auf der ganzen Welt monatlich sogenannte Critical Mass statt. Dabei nutzen Radfahrer §27 der StVO aus, der es ihnen ermöglicht, ab 15 Velofahrern (= kritische Masse) im Verband zu fahren. Ich freue mich sehr, dass diese Bewegung in D-A-CH immer mehr Anhänger findet. Ein friedlich-fröhliches Treiben im vergangenen November in Deutschland beispielsweise mit 3.290 Mitradlern. Im Juli dieses Jahres waren es sogar 13.371 FahrradfahrerInnen [Quelle: Daniel via itstartedwithafight]. Jeder kann sich anschließen – und sei es auch nur für ein kurzes Stück des Weges.

© Radlhauptstadt München – Radlnacht 2016 [Foto Andreas Schebesta]

Roland: Critical Mass ist gut! Ich schätze sie vor allem, weil es mir eine echte Graswurzel-Bewegung zu sein scheint. Und ich überzeugt bin, dass Veränderung nur noch von „unten“ angestoßen werden kann. Politik und Administration gelähmt von Lobbyisten und eigenen Regeln hat gar keine Chance und auch keinen Willen mehr, mal etwas auszuprobieren. Nur – ohne Ausprobieren geht nichts!

Franziska: Und doch gibt es da die Fahrrad-Enthusiasten auch unter Politikern. Nehmen wir beispielsweise Deine Heimatstadt. Die Stadt München erhebt den Anspruch, Radlhauptstadt sein zu wollen. Dahinter steht auch das persönliche Engagement von Wigand von Sassen, der seit März 2009 Projektverantwortlicher für diese städtische Fahrrad-Kampagne ist. Seit Beginn der intensiven Fahrrad-Förderung hat sich der Radverkehrsanteil am gesamten Modal-Split deutlich erhöht. So gibt es beispielsweise regelmäßig RadlChecks, bei denen kostenfrei kleinere Reparaturen vorgenommen werden. Erst im Oktober fand die Radl-Nacht statt. Im September die RadCouture… Dahinter steckt viel Engagement in Sachen FAHRRADkultur. Das braucht eine gehörige Portion Mut und Ausdauer.

Doch lass uns gern eine Nummer kleiner denken. Was kann jeder tun? Es braucht ja gar nicht immer die großen Gesten.

Autofahren – nichts anders als eine schlechte Gewohnheit?

Roland: Es wird auch Zeit, dass etwas passiert. Ich glaube aber nicht, dass die Erhöhung des Radverkehrsanteils auf eine „intensive Fahrrad“-Förderung zurückzuführen ist. Ich meine viel mehr, dass immer mehr Menschen entdecken, dass es bessere Möglichkeiten gibt und ein Auto doch sehr viel Geld frisst. Ich sehe die vielen Autos sozusagen als Wohlstandsreserve für die Zukunft, in der es zweifelsfrei für viele von uns „enger“ werden wird.

Autofahren ist nichts anders als eine schlechte Gewohnheit. Wir müssen halt auch bereit und fähig sein, unsere Gewohnheiten zu verändern. Rauchen, ist eine schöne Metapher. Es ist nicht einfach und für viele Raucher unvorstellbar, zum Nichtraucher werden will. Und dann klappt es doch – und man fühlt sich schnell viel besser.

Wie schwer es ist, liebe Gewohnheiten zu ändern, erlebe ich zurzeit an mir selber. Auf den regionalen Wegen bis um die 30 km fahre ich nur noch Fahrrad. Aber leider auch auf den ganz kurzen Strecken. Mein neues persönliches Mobilitäts-Programm heißt jetzt aber „runter vom Fahrrad und wieder auf die eigenen Füß“. Ich will wieder mehr zu Fuß gehen. Und es ist für mich wahnsinnig schwer, diese Gewohnheit aufzugeben, auch bei kurzen Strecken quasi automatisch aufs Fahrrad zu steigen.

Franziska: Verhaltensweisen umzulernen ist in der Tat nicht einfach. Als Angestellte fiel es mir leicht, mich morgens aufs Rad zu schwingen und in die Firma zu radeln. Auch heute noch ist es für mich kein Thema, Geschäftstermine mit dem Rad zu erledigen (es sei denn, es ist zu weit, dann nehme ich öffentliche Verkehrsmittel).

Das Leichte daran war für mich, dass ich den Weg in jedem Fall zurück legen musste. Seit ich jedoch im Home-Office arbeite, fällt es mir unsäglich schwer, täglich aufs Rad zu steigen – nur des Radelns und der körperlichen Aktivität wegen. Mir fehlt dafür das A nach B als Bedingung. Da ist es für mich wiederum naturgemäßer, abends (m)eine Runde durch die Weinberge zu drehen und zu Fuß zu gehen. Das entschleunigt und sortiert die Gedanken.

Inzwischen integrierte ich diese Form der Bewegung in meinen Berufsalltag. Zum einen biete ich öffentliche Netzwerktreffen an. Wir nennen es Walk to Talk. Dabei treffen wir uns an einem grünen Ort, schauen, welche Themen die Einzelnen mitgebracht haben. Und laufen dann für zirka 90 bis 120 Minuten zusammen durch urbanes Grün.

Besonders freut mich, dass meine Coachees, Mentees und Supervisions-Partner die Form des „Gehsprächs“ genauso schätzen wie ich. So dass ich doch zumindest 4-6 Mal pro Monat in den Genuss eines spannenden Gehsprächs im Grünen komme. Das darf jedoch sehr gern noch mehr werden. 😉

Ich empfehle diese Formate im übrigen allen – vor allem als willkommene Abwechslung zu Besprechungen, die viel zu häufig in geschlossenen Räumen und noch dazu im Sitzen stattfinden. Wobei wir beim Thema Arbeitswelten = Lebenswelten sind.

Du warst lange Jahre Unternehmer. Was können Chefs tun, um FAHRRADkultur zu fördern? Worauf kommt es dabei an?

FAHRRADkultur im betrieblichen Mobilitäts- und Gesundheitsmanagement – keine einfache Aufgabe für Chefs

Roland (lacht): Das ist gar nicht so einfach. Das Wichtigste ist sicher, keine Geschäftsautos als vermeintlich lohnenden Gehaltsanteil anzubieten. Leider habe ich das ab 1984 gemacht. Die InterFace AG hat viel zu viele sogenannte „Geschäfts-Autos“. Und Besitzstand zu ändern ist alles andere als einfach.

Positiv wirken sich Angebote aus wie überdachte und sichere Fahrrad-Stellplätze und/oder eine Dusche im Keller. Und man muss es vormachen, die Menschen mit der eigenen Begeisterung für Fahrräder und Fahrradfahren anstecken.

Franziska: Fahrrad-Fahren ist in der Tat ansteckend. Das konnte ich daran sehen, als wir in der Firma für die ich zuletzt tätig war eine Alltagsradler-Gruppe bildeten. Das funktionierte wie eine “Bus-Linie”: Die eingefleischten Radler boten Mitfahrgelegenheiten für die Einsteiger. Schnell ergaben sich ad-hoc Radlwerkstatt und Verabredungen zu gemeinsamen (After-Work-)Touren. Durch Mitfahren erfuhr ich Abkürzungen oder sicherere Anfahrtswege und erhaschte allerlei Radel-Tricks.

Nicht ganz ohne Stolz merkte ich dann auch, wie viel ich selbst schon weiß und anderen mitgeben konnte. Das war ein großer Motivationsschub, auch die nass-kalten Nieselregen-Tage um den Gefrierpunkt zu überstehen. Was viele nicht wissen: Es gibt deutlich mehr trockene als verregnete Tage. Und wenn man einmal unterwegs ist und gute Regenkleidung hat – ist das mit dem Regen ohnehin egal. Auch das entdeckte ich erst durch das tägliche Fahrradfahren. Die zahlreichen Naturschauspiele und das intensive Erleben der Jahreszeiten gar nicht mit eingerechnet.

Was erschwert oder verhindert aus Deiner Erfahrung aktive Mobilität im Alltag? Welche – unter Umständen auch kleinen – Hilfestellungen kennst Du, die dafür Abhilfe schaffen?

Roland: Da gibt es vieles. Zum Beispiel der Irrglaube, dass man Kinder und Lasten mit dem Auto transportieren muss. Das stimmt nicht. Kinder sind auf dem Fahrrad glücklicher als im Auto. Einkaufen geht viel besser mit Fahrrad-Anhänger oder Lastenfahrrad als mit dem Auto. Schon mit zwei Fahrrad-Taschen kommt man sehr weit.

Der regelmäßige Blick in den Spiegel und auf die Waage, vielleicht auch auf’s Blutdruck-Messgerät, überzeugt schnell, dass es Sinn macht, sich mehr zu bewegen.

Franziska (lacht): Stimmt! 😉

Noch einmal zurück zum unternehmerischen Denken. Da viele Arbeitgeber durch Zahlen, Daten, Fakten getriggert sind, werde ich immer wieder gebeten, danach zu fragen: Welchen Nutzen siehst Du für Chefs, sich mit dem Thema “aktive Mobilität” zu beschäftigen?

Roland: Na ja – es ist ja belegt, dass Menschen, die regelmäßig Bewegung haben und an der frischen Luft sind, deutlich weniger krank sind. Das ist doch schon etwas. Sie kommen auch besser gelaunt und ausgeglichener zur Arbeit. Und bringen eine ungeheure Kreativität von ihrer Radfahrt mit.

Gemeinsam stark – AktMob fördert aktive Mobilität im Alltag

Franziska: Um Akteure rund um „Aktive Mobilität im Alltag“ miteinander zu vernetzen, führtet Ihr in Unterhaching Anfang 2016 das AktMobCmp durch. 2017 werdet Ihr Abendveranstaltungen organisieren und auch das nächste AktMobCmp bereitet Ihr aktuell vor. Mit welchen Fragestellungen beschäftigt(et) Ihr Euch dort? Wer war – wer wird dabei sein?

Roland: Eingeladen sind alle, die an ihre Verantwortung für die Zukunft denken. So wie wir mit unserer Mobilität umgehen – so leben wir. AktMobCmp ist ein BarCamp – das heißt, wir kennen die Themen und Sessions nicht vorher. Diese Offenheit ermöglicht jedoch auf der persönlichen Ebene viele schöne und konkrete Ergebnisse.

AktMobCmp 2016 — BarCamp für aktive Mobilität im Alltag

Franziska: Das heißt, um den Menschen den Raum für Ihre Themen zu öffnen, organisiert und moderiert Ihr das ActMobCmp als BarCamp. Was ist das Besondere an diesem Veranstaltungsformat?

Roland: Beim Barcamp-Format organisieren die Menschen, die kommen, ihr Treffen und ihre Sessions ihren Bedürfnissen folgend. Es gibt keine eingereichten Vorträge, die von einem Gremium ausgewählt worden sind. Jeder darf und soll einen Beitrag leisten. Die Organisatoren konzentrieren sich auf die Rolle des Gastgebers, der so das Zusammenkommen ermöglicht. Die soziale Kontrolle liegt bei den Teilnehmern. Ich habe schon ein paar Mal erlebt, wie sich eine Session, die für „Marketing“ missbraucht wurde, sehr schnell geleert hat.

Franziska: Und dann gibt es Sessions, die Menschen in eine intensive, produktive Arbeit an einem gemeinsamen Anliegen verwickeln. Das mag ich an BarCamps. Vor allem, wenn die Veranstalter an die Selbstorganisation und Selbststeuerung der Teilgeber ihrer Unkonferenz glauben.

Diese Sicherheit hast Du in den vergangenen Jahren durch eigenes Erleben gewonnen. Denn das AktMobCamp ist nicht das erste BarCamp, das Du organisierst. Du gehörst zu den Gründervätern der PM Camp-Bewegung, bei der in ganz Europa Menschen zusammen kommen, die sich zu Projektarbeit austauschen. Was macht für Dich die Faszination eines BarCamps aus?

Roland: Das tolle bei BarCamps ist, dass man viel Neues entdeckt. Denn alle Teilnehmer sind bereit, sich zu öffnen und ihr Wissen zu teilen. In der Regel kommen alle Teilnehmer glücklich und reicher nach Hause. Das Erlebte wirkt weiter. Man hat neue Freunde gewonnen, mit denen man in Verbindung bleibt. So vernetzen sich auf BarCamps Menschen und Bewegungen und gewinnen immer mehr an Kraft.

Franziska: Ich weiß, was Du meinst. Für die BarCamp-Newbies unter meinen Lesern nenne uns dennoch bitte ein paar Beispiele.

Roland: Ganz einfach. Bewegungen wie Augenhöhe, intrinsify.me, EnjoyWork mit EnjoyWorkCamp, Unternehmensdemokraten, Gemeinwohlökonomie und viele mehr habe ich auf Barcamps kennengelernt. Wie auch die Menschen, die diese unterstützen und voranbringen. So habe ich auf BarCamps neue Freunde gewonnen wie Nadja Petranovskaja, Dr. Andreas Zeuch, Dr. Eberhard Huber, Gebhard Borck, Dr. Jens Hoffmann, Maik Pfingsten, Dr. Marcus Rainer, Dr. Niels Pflaeging, Roger Dannenhauer, Dr. Stefan Hagen und viele, viele mehr.

Wir beide haben uns ja auch bei einem BarCamp (EnjoyWorkCamp?) kennengelernt! Von allen den genannten Persönlichkeiten findest Du Posts, Podcasts und Videos im Netz, die ganz von selber erklären, warum man sich vernetzen und die Dinge gemeinsam machen muss.

Franziska: Ich glaube, Dir begegnete ich erstmals beim PM Camp in Dornbirn. Intensiv miteinander sprachen wir dann tatsächlich erst im Rahmen meiner Initiative “EnjoyWork”. Um so schöner, mit diesem Austausch ein paar uns verbindender Themen vertieft zu haben. Vielen Dank, Roland, für den Erfahrungsaustausch.

Ich wünsche Dir Alles Gute und Euch mit AktMob viel Erfolg und allzeit gut Kette.

Roland: Vielen Dank – es hat richtig Spaß gemacht!


Links zum Weiterlesen:

 

Roland Dürre
Montag, der 9. Januar 2017

FRIEDEN

FRIEDEN darf nicht zur Religion werden, weil dann wird es schnell unfriedlich werden.

Aus dem selben Grund darf es auch kein Projekt FRIEDEN geben.

Scheint ein mächtiges Symbol für Frieden zu sein. Vielleicht zu mächtig?

Ich wollte ja ein Projekt FRIEDEN starten. Für FRIEDEN bin ich mehr denn je. Aber nicht mehr als Projekt.

Ich hatte die letzten Monate zahlreiche Dialoge mit klugen und friedvollen Menschen. Die wie ich davon überzeugt sind, dass Frieden das wichtigste Gut der Menschheit ist. Und habe viel von diesen gelernt und darüber nachgedacht, was ich für FRIEDEN tun kann.

Die Zusammenfassung des aktuellen Standes meiner Gedanken könnte so sein:

Ich glaube nicht mehr, dass Frieden mit Organisationen und durch Projekte erreicht werden kann.

Vor kurzem kam eine starke Frau zu mir und sagte:
„Roland, ich bin jetzt in Rente, habe unendlich viel Zeit und möchte Dich beim Projekt FRIEDEN unterstützen!“

Ich musste ihr sagen, dass nach meinem Verständnis von FRIEDEN es kein erfolgreiches Projekt FRIEDEN geben kann:

Das Projekt kann nur sein, selbst für FRIEDEN zu leben.

Zuerst mal ganz allein und nur bei sich selber. So habe ich sie gebeten, ihr ganz eigenes „Projekt“ zu starten und so für ihren eigenen und unser allen FRIEDEN einfach nur zu leben (und arbeiten). So meine ich, dass es viele kleine Projekte Frieden geben muss, die jeder für sich und zuerst mal für sich selbst macht.

Und dass man ganz bewusst auf Koordination und Abstimmung verzichten muss. Dies ist gefährlich, führt schnell zu Manipulation und Ideologie. Und schadet wahrscheinlich mehr als es nützt.

Mein Gedanke ist also, sich eben nicht organisieren, jedoch die Sensoren weit zu öffnen und achtsam und frei – vielleicht im Schwarm mit anderen FRIEDEN-Wollenden – zu handeln. Das klingt religiös. Ich mag keine religiösen Muster.

Aber vielleicht kann FRIEDEN gelingen, wenn friedvolle Menschen ihre Überzeugungen ausschließlich für sich leben und ihre Überzeugung in eigener sittlich verantworteter Prüfung im Einklang steht mit den Werten der Menschheit (wie die Goldene Regel, Biophilie-Prinzip, Würde des Menschen ist untastbar …).

Ich meine, dass auch „friedvolle“ Menschen andere Menschen NICHT aktiv für FRIEDEN überzeugen oder missionieren dürfen. Dass FRIEDEN die Voraussetzung für alles, zu dieser Überzeugung muss jeder ganz allein kommen. Sonst wird es nicht funktionieren.

Und vor allem dürfen sie auch NICHT willens und fähig sein, sich für ihre Überzeugungen auf zu opfern und so zum Märtyrer zu werden! Weil so FRIEDEN NICHT gelingen kann. Deshalb wird keine Organisation und kein Projekt für FRIEDEN Erfolg haben und FRIEDEN bringen. Und so ist vielleicht sogar das von mir gewählte Symbol für FRIEDEN links oben kritisch zu hinterfragen.

Es ist für mich nicht einfach, meine komplexen Gedanken zu formulieren. Wenn ich ein wenig verständlich machen konnte, was mich bewegt, dann freue ich mich!

🙂 Und ich mache weiter mit der Suche nach dem eigenen FRIEDEN.

RMD

P.S.
Vielleicht ist das so ein Prozess, den wir Evolution nennen.

DSC_1659oder:
Wie sich der Herr mit Chauffeur das selbstfahrende Auto vorstellt.

ADFC – das ist der Lobby-Club für uns Radler. Viele Radfahrer empfinden diesen Club als ein wenig altbacken und sehen ihn als Gegenentwurf zum ADAC. Deshalb machen sie lieber bei freien Graswurzelbewegungen wie „Critical Mass“ und ähnlichen mit. Trotzdem bin ich gerne Mitglied des ADFC und unterstütze den Verein in seiner Lobbyarbeit wenn irgendwie möglich. Und empfehle die Mitgliedschaft auch sehr.

Der ADFC macht auch sehr gute Veranstaltungen. Eine davon ist das Mittagsgespräch in München. Da habe ich schon viele interessante Beiträge erlebt von Menschen wie Herrn Ude (als Bürgermeister), Herrn Ramsauer (als Bundesverkehrsminister), Toni Hofreiter (als Experte der Grünen für Mobilität) aber auch von in der Öffentlichkeit weniger bekannten Menschen wie z.B. dem Vorstand der DB-Regio. Dies immer mit interessanten und wichtigen Diskussionen.

Gestern war wieder ADFC-Mittagsgespräch in München. Als Redner war Peter Driessen geladen, der Haupt-Geschäftsführer der IHK München und Oberbayern. Für Leute, die diese Abkürzung nicht kennen: IHK steht für Industrie- und Handelskammer. Das ist eine Organisation, in der man als Unternehmen zwangsweise Mitglied sein muss und genauso zwangsweise „Kohle“ abdrücken muss.

Als Unternehmer weiß man nicht für was – bekommt dafür aber alle paar Wochen eine inhaltlich schwaches und uninteressantes Hochglanz-Magazin, das in der Regel sofort beim Altpapier landet. Die IHK ist in der Öffentlichkeit auch bekannt, da ihre „IHKs vor Ort“ oft ziemlich viele Geschäftsführende haben (in Chemnitz und Dresden z.B. 10, in Erfurt gar 11, in Hannover, Koblenz , Saarbrücken und Würzburg sogar 16), die meistens ganz ordentliche Gehälter beziehen, weil sie ja für so viele Unternehmen verantwortlich (?) sind (Zahlen siehe Offizielle Liste der IHK zur Einkünfte der GF-Teams ohne weitere Vorteile wie Geschäftsauto mit Fahrer etc.).

Und Peter D. hat uns an einem (wie er sagte unfreiwillig) selbst erlebten Beispiel die zukünftige Integration der verschiedenen Verkehrssysteme erklärt und dabei auch seine Vision zum „Fahrerlosen Auto“ preis gegeben:

„Auf der Donnersberger Brücke sei er mit seinem Chauffeur auf dem Wege zu einem Vortrag im Stau gestanden. Und da es keine Chance mehr gab, mit dem PKW pünktlich am Ziel zu sein, hat er fluchs das Auto verlassen und ist mit der S-Bahn weiter gefahren. Und wäre so auch pünktlich angekommen. Was ja ohne Chauffeur gar nicht gegangen wäre, denn er hätte das Auto ja nicht einfach auf der Donnersberger Brücke stehen lassen können“.

Dieses Beispiel hat er dann mit seiner Vision zum selbst fahrenden Auto ergänzt:

„So könne man doch in solchen Situationen mit dem Öffentlichen Nahverkehr ans Ziel fahren und das fahrerlose Auto würde im Stau hinterherzuckeln und dann seinen Eigentümer wieder abholen.“

Das klang ziemlich ernst. Vielleicht war es auch lustig gemeint. Nur ist so ein Bild von mobiler Zukunft alles anders als lustig. Besonders wenn es von einem wichtigen Repräsentanten eines Wirtschaftsverbandes kommt, der zumindest sich selbst für unheimlich wichtig hält.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 10. August 2016

Bayerische Verfassung, Gemeinwohl-Ökonomie …

… Augenhöhe, Intrinsify.me, Demokratisches Unternehmen, Holokratie – und Buddhismus im Management … all das mag ich –
aber bitte kein CSR!

Vajrasattva (Tibet)

Vajrasattva (Tibet)

Die meisten von uns wollen das selbe, nämlich eine Wirtschaft, die für die Menschen da ist. Und in der die Menschen eben nicht für die Wirtschaft da sind.

So liebe ich die Bayerische Verfassung, die in einem Artikel präzise darauf hinweist, welches großartige Recht es ist, in einem Gemeinwesen ein Gewerbe ausüben zu dürfen – und wie dieses Recht die Unternehmer bzw. Gewerbetreibenden verpflichtet und ihnen so vorschreibt, dass die angebotenen und bereit gestellten Güter und Dienstleistungen zuerst mal den Menschen Nutzen bringen müssen.

Und in einem zweiten Artikel in dieser wunderbaren Verfassung wird dann das ganze noch mal explizit für die Finanzwirtschaft unterstrichen! Die das aber nicht interessiert und mehrheitlich Dinge anstellt, die zumindest in Bayern verfassungswidrig wären,
;-( wenn denn die Bayerische Verfassung für diese Themen noch von Belang wäre.

Ich spreche von Artikel 151 Bindung wirtschaftlicher Tätigkeit an das Gemeinwohl; Grundsatz der Vertragsfreiheit und 157 Kapitalbildung; Geld- und Kreditwesen. Es sind aber bei weitem nicht die einzigen wirklich lesenswerten Artikel, in der Bayerischen Verfassung gibt es da noch einige mehr

Genauso schätze ich die Bewegung der Gemeinwohlökonomie um ihren Protagonisten Christian Felber. Die haben eine Gemeinwohl-Matrix erarbeitet, an derer man prüfen kann, welchen Beitrag das Unternehmen, in dem man arbeitet oder das man vielleicht sogar „führt“ zum sozialen und gesellschaftlichen Leben leistet. Auch darüber lohnt es, sich zu informieren.

Das Projekt Augenhöhe mit dem gleichnamigen Film habe ich bewundert, weil da belegt wurde, dass es durchaus erfolgreiche Unternehmen gibt, die auf Augenhöhe funktionieren.

Wie mir auch die kühnen Gedanken der Menschen von intrinsify.me sehr nahe stehen, genauso wie auch die klaren Überlegungen der von Andreas Zeuch inspirierten Unternehmens-Demokraten, die glaubhaft machen, dass „demokratische Unternehmen“ besser funktionieren. Und die den wunderbaren Slogan geprägt haben:

ALLE MACHT FÜR NIEMAND!

Sogar die Freunde der Holokratie (holocracy) imponieren mir, auch wenn ich da die Gefahr einer Ermüdungsdemokratie sehe, die leicht zu „holocrazy“ führen kann.

Vor kurzem aber habe ich einen jungen Unternehmer kennen gelernt. Er heißt Julian Sametinger und hat eine Bachelor-Arbeit (zum Lesen draufklicken, sehr lesenswert!) mit dem Thema „Buddhismus im Management“ geschrieben. Es ist eine wunderbare Arbeit, die sich spannender wie mancher Krimi liest. Und da steht auch eigentlich wieder alles drin. Diese Arbeit ist auch der Anlass gewesen, warum ich den Post hier schreibe.

Vor all diesen Gedanken habe ich großen Respekt, allein ihre Existenz erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.

Aber bitte kommt mir nicht mit CSA (Corporate Social Responsity). Das ist geheuchelt, produziert von universitären Ethik-Dampfplauderern, abgestimmt in staatlich eingesetzten Ethik-Kommissionen. Ich finde ich da überwiegend schwülstiges Geschwafel, wie wir es von Politikern und Lobbyisten kennen. Jedoch mit stattlicher staatlicher Kohle graphisch schön aufbereitet auf aufgeblähten Hochglanz-Folien und Plakaten der einschlägigen Verbände.

Gerne nenne ich hier auf Anfrage schlimme und auch nicht so schlimme Professoren wie deren oft absurde Machwerke und andere eher lächerliche Aktivitäten. Da ich in diesem Blog dem Positiven jedoch mehr Raum als dem Negativen geben möchte, mache ich hier Schluss.

Ich bedanke mich fürs Lesen und wünsche eine gute Nacht!

RMD

Alle Reden von Digitalisierung. Auch ich 😉

DOAG22016-K-A-Banner-180x180_speakerIch halte sogar Vorträge darüber. Weil ich den Eindruck habe, dass die Verwirrung da sehr groß und das Thema eigentlich nichts Neues ist.

Unter anderem werde ich Thomas Kofler vom Zentrum-Digitalisierung.Bayern auf der DOAG-Konferenz in Nürnberg ergänzen und dort sprechen.

Ich bin aber auch unterwegs für große und kleine Unternehmen, soziale Clubs wie Lions oder vor kurzem für Gut Hohenfried in Berchtesgaden ….

Für mich ist schon der Begriff der Digitalisierung unglücklich. Begriffe, die ich im gemeinten Kontext für relevant halte, sind „Kommunikation“, „Vernetzung“ und „Information“.

Informationsaustausch heißt durch Denken Information zu erzeugen und diese durch Aussprechen des Gedachten weiterzugeben oder auszutauschen. Also ganz analog mit Sprache. Sprache kann man verschriften – dann wird es „digital“. Das ist trivial. Relevant ist, wie schnell und intensiv die Verbreitung und der Austausch von Information statt finden. Und schon sind wir bei Technologie und ihrer Entwicklung.

Betrachten wir mal die Entwicklung des Menschen in seiner jüngeren Vergangenheit:

Nach langem Anlauf haben die „Menschenartigen“ vor zirka 2 Millionen Jahren den aufrechten Gang geschafft. Dies war die Voraussetzung für die Wandlung der „Menschenartigen“ zum „Homo Sapiens“ bis vor ungefähr 200 000 Jahre. Damals noch als Jäger und Sammler hatten die Menschen ihre kreativste Phase und begannen vor zirka 125.000 Jahren, Afrika zu verlassen. Vor 60.000 Jahren nahm Homo Sapiens dann so richtig Fahrt auf und entwickelte bis vor 10.000 Jahren Sprache.

Das gesprochene Wort ist flüchtig. Man konnte das von einem Menschen Gesagte nur einmal hören. So wurden Geschichten ausgebildet und mündlich weitergegeben. Redundanzen wurden eingebaut, um Verfälschungen bei der Weitergabe soweit möglich zu reduzieren. Es gab Versuche, die Botschaften in Zeichnungen zusammen fassen, dies aber nur mit eingeschränktem Erfolg. So war es nur logisch dass ein paar Jahrtausende nach der Erfindung der Sprache auch schon die „Verschriftung“ kam. Und so entstanden vor ungefähr 7.000 Jahren Schriften.

Im alten Ägypten wurden die Geschichten in Tempeln in Sandstein gemeißelt und zusätzlich eingefärbt. Mit Hilfe einer Symbolsprache, die aus Bildzeichen besteht. Dann kamen leichtere Materialien auf wie Papyros und Papier. Und Technologien wie die Druckerpresse und den Drucksatz. Und später wurde – wie alle Technologien – auch die Informationstechnik elektrifiziert. Zuerst mit Kupfer (Kabel) und drahtlos (Funk).

Auch die Codierung wurde verbessert, wie z.B. hin zu einfachen Alphabeten mit wenig Buchstaben und Zahlen. Auch „Algorithmen“ und „Technologien“ zur Abbildung von Sprache und Information aller Art ins „Digitale“ entwickelten sich immer weiter. Dass alle Zeichen binär (nur durch Einsen und Nullen) dargestellt werden können, ist einfach aufzuzeigen. Diese Erkenntnis hat Konrad Zuse als wohl erster gehabt; es war eine wichtige Voraussetzung für die Entwickler des Computers, denn Computer arbeiten halt am einfachsten nur mit Nullen und Einsen. Auch das war eine ganz normale technische Entwicklung.

Schriftzeichen und so Verschriftlichung von Information wurden übrigens zuerst für „kaufmännische Zwecke“ genutzt. So scheint mir die „Wirtschaft die Mutter aller Dinge und Erfindungen“ zu sein und nicht der „Vater  Krieg“. Der ist nur eine besondere Art von „Wirtschaft“ – und zwar eine besonders zu verabscheuende.

Verschriftung macht Wissen über Zeit und Raum verfügbar und erzeugt Vernetzung. Die raren Bücher eines Galileo Galilei gingen durch Europa und brachten die Gedanken eines Keplers mit denen Galileos zusammen. Fortschritt und Technologie entstanden in Städten. Denn da trafen sich die verschiedenen Disziplinen. Später begannen die Städte sich zu vernetzen und die Dinge beschleunigten sich. Und dann vernetzte sich die ganze Welt. Zuerst durch Briefe, Bücher und Zeitschriften. Später durch „elektrische“ Unterstützung werden Zeitungen und Bücher werden von der „IT-Technologie“ abgelöst wie Petroleumlampen und das Talglicht durch Strom und Glühbirne.

Die Vernetzung von Informationen brachte uns die sogenannte „industrielle Revolution“. Und die „Digitalisierung“ ist nur die Fortsetzung dieser Entwicklung. Beides, die Geschwindigkeit der Vernetzung und die Menge an Wissen sind angestiegen und steigen weiter an, so beschleunigt sich dieser Prozess immer mehr. Das ganze ist Teil des Anthrozopän (das Zeitalter des Menschen), von dem man auch nicht so recht weiß, wann man eigentlich seinen Beginn festlegen soll und natürlich erst recht nicht, wo es uns hinführen wird und was anschließend kommen wird.

Eine Satellitenaufnahme der Erde gibt anhand der sichtbar gemachten Lichtverschmutzung einen Eindruck der Größenordnung menschlichen Einflusses auf die Umwelt

Satellitenaufnahme der Erde mit sichtbar gemachter Lichtverschmutzung.
So groß ist der menschliche Einflusses auf unseren Planeten (Bild aus Wikipedia).

Mir wäre es lieber, wenn wir die aktuelle Phase der Menschheit mit den Begriffen von Vernetzung und Information verbinden würden. Digitalisierung ist eine schwache Metapher für das, was sich gerade entwickelt. Aber Digitalisierung ist „in“ und Begriffe wie „Informationszeitalter“ sind „out“. Und jeder will vorne dabei sein, damit er nicht „abgehängt“ wird. In Bayern gibt es so ein Zentrum-Digitalisierung.Bayern (ZD.B), andere Bundesländer kopieren das schon.

Und man kann beliebig viele Pamphlete zur Digitalisierung lesen (in denen meist nur Unsinn drinsteht) und viele Veranstaltungen besuchen. Beides ist in der Regel umsonst. Vor kurzem war ich auf den TechDays in der Tonhalle in München- Es war ein richtiges Festival der Spekulationen und dürfte die vorhandene Verwirrung eher noch vergrößert haben.

In der deutschen Wikipedia kann ich zum Thema Digitalisierung den Artikel Digitale Transformation empfehlen. Er fasst den Stand sachlich zusammen Es finden sich dort auch noch eine Reihe von Beiträgen wie Computerisierung, Informationszeitalter oder gar Digitale Revolution, die alle „nice to have“ sind aber eigentlich keiner braucht. Ein denglisches „digital business transformation“ gibt es da auch – hoffentlich wird da bald ein vernünftiges „Digitalisierung in Behörden und Wirtschaft“ oder ähnlich daraus.

Lasst uns die „Digitalisierung“ einfach als Weiterentwicklung der „Industrialisierung“ und Teil der Evolution des Lebens auf unserem Planeten im Anthrozopän betrachten. Zu dem es übrigens im deutschen Museum zurzeit eine Sonderausstellung mit ein paar durchaus sehenswerten Exponaten gibt. Da sollte man aber darauf achten, einen Führer zu kriegen, der seine Gruppe nicht nur mit Halbwissen und persönlichen Meinungen drangsaliert.

RMD

P.S.
Dann noch ein wenig Reklame auch für die DOAG-Konferenz! Ist wohl eine der besseren IT-Veranstaltungen in Deutschland veranstaltet von der wohl größten und wichtigsten IT-Anwender-Gruppe in Deutschland. Und auch ein Hinweis auf meinen Vortrag auf der DOAG2015.
DOAG12016-K-A-Banner-468x180_engl

Digitale Transformation und Neue Mobilität – Paradies oder Hölle?

Oder:
Die schöne neue Welt aus Sicht eines Unternehmers, IT-Pioniers, Bloggers, Familienvaters und Radfahrers Roland Dürre

Wie er noch bei der GLS-Bank war, hat mich Carsten Schmitz öfters zu schönen Veranstaltungen eingeladen. Da durfte ich urgewald kennen lernen, die Katrin Frische beim „Story Telling“ und einiges mehr erleben. Jetzt sorgt Carsten im Vorstandsstab des HOHENFRIED e.V. unter anderem fürs Netzwerken, Fundraising und die Finanzierung.

Unter anderem hat er in Berchtesgaden eine zwanglose Vortragsrunde ins Leben gerufen:
„Zivilgesellschaftliche Themenabende in der Lederstubn“
Und da auch bei mir angefragt, ob ich sein Projekt mit einem Vortrag unterstützen würde. Das mache ich doch sehr gerne. Es ist ja eine schöne Gelegenheit, mich für seine häufige Gastfreundschaft zu bedanken und für etwas Gutes zu wirken.

Plakat13Juli-Lederstubn

Da ich mal davon ausgehe, dass der Kreis der Besucher sehr gemischt sein wird, werde ich zu Beginn die Interessen meiner Zuhörer abfragen und sortieren. Und dann diese der Reihe nach abarbeiten, sozusagen einen OpenSpeech halten. So wird es auf jeden Fall ein sehr offene und interaktive Veranstaltung werden, die auch bestimmt allen Teilnehmer viel Spaß macht – und aber auch zum Nach-Denken anregen wird.

Anreisen werde ich im Zug mit dem Bayern-Ticket. Zurzeit plane ich die Verbindung zu nehmen, die in Neubiberg am 13. Juli um 14:31 mit der S-Bahn S7 startet und mit Umsteigen am Ostbahnhof und in Freilassing dann in Berchtesgaden Hbf um 17:30 ankommt. Die Rückfahrt plane ich am selben Tag von Berchtesgaden Hbf um 20:31, so dass ich wieder vor Mitternacht in meinem Bett liegen kann.

Natürlich freue ich mich auf Zuhörer aus meinem Bekanntenkreis und nehme sie gerne auf meinem Bayern-Ticket mit.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 28. April 2016

Briefkasten-Firmen, Korruption und was so dazu gehört … (Serie) #3

Im Land der Roß-Händler …

Nach mehr allgemein gültigen Überlegungen in den beiden letzten Beiträgen (1 und 2) setze ich meine kleine Serie zur Korruption fort und berichte über zwei konkrete eigene Erfahrungen. Hier der erste Fall.

Wie ja den meisten Lesern bekannt ist, habe ich vor über 30 Jahren ein Unternehmen gegründet und war dort als Geschäftsführer und Vorstand tätig.

Schon in den frühen 80iger Jahren wurden Autos als Geschäftswagen in der BRD genauso wie heute subventioniert. Da es damals noch selbstverständlich war, ein Auto zu fahren, haben wir ganz früh unseren Mitarbeitern wahlweise als Teil des Gehalts ein sogenanntes Geschäftsauto angeboten. Bei einem „Geschäftsauto“ spart man die gesamte Mehrwertsteuer, denn man kann alle (!) Ausgaben wie Anschaffung des Fahrzeuges, Ersatzteile, Reifen, Zubehör, Versicherungen, Wartung und Instandsetzung, dazugehörende Dienstleistung und auch die Ausgaben für den gesamten Kraftstoff als normale Geschäfts-Kosten absetzen und spart so die gesamte Mehrwertsteuer und weitere Unternehmenssteuern (Einkommen, Gewerbe).

Über die Laufzeit eines Kraftfahrzeuges macht das schon bei Fahrzeugen der Mittelklasse einen enormen Betrag an Steuerersparnis aus, der die vom Mitarbeiter abzuführende Steuer für den „Geld werten“ Vorteil wesentlich übersteigt. Besonders dann, wenn der Mitarbeiter einen kurzen Arbeitsweg hat. Und „kluge“ Mitarbeiter haben in der Regel einen kurzen Arbeitsweg, wenn auch manchmal nur steuerlich.

Den Subventions-Gewinn (Differenz zwischen ersparter Mehrwertsteuer und der vom Mitarbeiter bezahlten Steuer für „Geld werten Vorteil“) kann man sich trefflich zwischen Mitarbeiter und Unternehmen teilen, so dass beide Seiten von der Subvention für die Automobil-Industrie profitieren. Und da ich damals beim Thema Autofahren noch ziemlich naiv war, habe ich das Argument „Du bekommst einen Geschäftswagen“ kräftig auch bei der Anwerbung von Mitarbeitern eingesetzt.

So wuchs mit der Anzahl der Mitarbeiter auch die Anzahl der Geschäftswagen kräftig. Wir konnten nach kurzer Zeit von einer kleinen Flotte von IF-Autos sprechen, die immer größer wurde (10, 20, 30 …). Wenn man eine Flotte hat, kommt der Autovertreter für die Geschäftskunden und überredet einen mit dem Hinweis auf „die vielen Vorteile“ zu einem Flottenvertrag. Den habe ich dann auch irgendwann mal abgeschlossen.

Auch die Rückseite dieses Scheines hat manches Herz erfreut :-)

Auch die Rückseite dieses Scheines hat manches Herz erfreut 🙂

Jetzt dachte ich, dass wir über so einen Flottenvertrag die Autos günstiger kriegen würden denn als Privatkäufer. Das war aber ein Irrtum, immer wieder erfuhr ich, dass Freunde beim „Privatkauf“ – zwar nach zähem Handeln aber immerhin – einen höheren Einzelrabatt bekamen als ich für die Flotte. Das hat mich geärgert.

Dazu kam, dass die Versprechungen der Flottenvertrags-Händler zwar sehr groß aber der Service unterirdisch schlecht war. So habe ich die Anbieter gelegentlich gewechselt, einmal sogar die Marke. Die Verhandlungen waren immer grauenhaft, denn die Vertriebsleute der Autofirmen haben ihr ganzes, mir sehr unangenehmes vertriebliches Repertoire in penetranter Art und Weise eingesetzt.

Und wie ich partout nicht mehr wollte, kam der Oberverkäufer zu mir. Er beschwor mich eindringlich, dass ich unbedingt bei seinem Hause und seiner Marke bleiben müsse. Alles würde besser werden. Und er könne mir auch ein ganz besonderes Extra anbieten, dass er nur seinen allerbesten Kunden geben würde:

Er würde mir für jedes Fahrzeug, dass das Unternehmen im Rahmen des Flottenvertrages bei ihm kaufen würde, 5 % des Bestellwertes auf ein Konto meiner Wahl überweisen!

Ich war perplex und habe ihm geantwortet, dass ich gar kein Konto für so etwas hätte. Da hat er gesagt, dass er mir bei dem Einrichten eines solchen – gerne auch im Ausland – durchaus behilflich sein könnte. Hat er da eine Briefkastenfirma gemeint?

Zu der Zeit ist die InterFace gut gewachsen. Unsere Autos haben wir immer früh erneuert und so in diesem Jahr gut 10 Autos bestellt. Es war in diesem Jahr sicher ein Einkaufswert von über 250.000 DM. So hätten diese 5 % einen gesamten Zahlungseingang auf das Konto meiner Wahl in Höhe von 12.500 DM bedeutet. Das waren immerhin 12 1/2 Exemplare des abgebildeten Scheines, für den man damals noch sehr viel bekam. Und das Ganze steuerfrei und jedes Jahr mit steigender Tendenz …

Ich habe damals abgelehnt, weil ich ein solches Vorgehen nicht nur als Bestechung sondern vor allem als Betrug an meinen Partnern und Mitarbeitern gesehen habe. Heute bin ich froh darüber, dass ich dieses sehr ernst gemeinte Angebot abgelehnt habe. Marke und Vertriebsunternehmen verrate ich nicht, weil ich davon ausgehe, dass das keine gängige Geschäftspraxis war sondern nur die Machenschaften von Einzelnen. Aber wer weiß?

RMD

P.S.
Der Tausender ist aus Wikipedia.

Roland Dürre
Sonntag, der 24. April 2016

Projekt FRIEDEN – Donnerstag, 28. April 2016 – IF-Forum

Am Donnerstag (28. April) um 18:00 starte ich gemeinsam mit Jolly Kunjappu unser Projekt FRIEDEN. Wir freuen uns auf unsere Gäste.

»Jolly Kunjappu – »Jumbo‘s first birthday. Celebrate your life.« Acryl und Wachskreide auf Leinwand

»Jolly Kunjappu – »Jumbo‘s first birthday. Celebrate your life.«
Acryl und Wachskreide auf Leinwand

An diesem Tage werden wir “die Gedanken befreien”, Impulse geben und versuchen, „die freundlichen Menschen“, die wir so mögen, zu inspirieren. Wir wollen die Lust wecken, all die Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.

Wir wollen die Bereitschaft fördern, an der notwendigen großen Transformation unserer Gesellschaft und Lebensart konstruktiv mitzuwirken und so die Voraussetzungen ein wenig zu verbessern, dass wir Zukunft aktiv gestalten können. Denn:
Handeln ist wichtiger denn Reden!

An diesem Abend wollen Jolly und ich in die Vorlage gehen und dann gemeinsam mit Euch Ideen entwickeln und überlegen, was man denn alles machen könnte.
🙂  (Vielleicht ein Schneeballsystem für Frieden und Transformation aufsetzen?)

So wollen wir von unseren Freunden so lernen. Gemeinsam Erkenntnis gewinnen und  an unserer eigenen Aufklärung 2.0 arbeiten.
🙂 Indoktrination und Religionisierung mögen und machen wir nicht, denn wir sind keine Missionare!

FRIEDEN ist für uns ganz einfach die zentrale Metapher für die erforderliche Veränderung, denn Frieden betrifft uns dreifach: Jeden einzelnen ganz persönlich in sich; in unseren Beziehungen zu der Welt, in der wir leben und so auch zu unserer Umwelt; und natürlich auch im Verhältnis individuell zwischen Menschen wie kollektiv zwischen Völkern und Gemeinschaften aller Art unserer wunderbaren Welt.

Und ohne FRIEDEN ist glückliches Leben in Zufriedenheit nicht vorstellbar.

Das Projekt FRIEDEN ist mir persönlich sehr wichtig und hat für mich ab sofort Priorität. Es soll das letzte große Projekt meines Lebens werden, so will ich es in den nächsten Jahren zu meinem zentralen Thema machen. Damit mir dies gelingt ist mir Eure, die Teilnahme meiner Freunde, sehr wichtig.

Trotzdem soll der Donnerstag Abend zuerst mal ein Treffen von eben „den freundlichen Menschen“ unserer Welt in großer FREUDE werden und uns allen viel Mut und Vertrauen geben! Jolly und ich sind uns sicher, dass dies gemeinsam mit Euch exzellent gelingen wird. Und ein paar Überraschungen wird es auch geben …

Hier noch ein Link zu 3 Artikeln in IF-Blog.de zum Thema inklusive der Einladung zur Veranstaltung. Eine kleine Bitte habe ich nur – das Kommen kurz anmelden wegen Futter&Getränke. Dies könnt Ihr als Kommentar im Blog machen oder ganz einfach per E-Mail an die InterFace AG oder gerne direkt an mich.

RMD