Komm in meinen Dienst – mach mich reich!

Als vorläufig mal letzten Beitrag in meiner Serie zu Korruption bringe ich ein Erlebnis, dass ich als besonders freches Vorgehen empfand. Es war allerdings auch ein sehr verlockendes Angebot und nicht ganz einfach, nein zu sagen.

Das Geschehen ist nicht ganz so lange her wie die Erfahrungen, die ich in den anderen drei Berichten wieder gegeben habe. In meiner Erinnerung datiere ich es auf Anfang bis Mitte der 90iger.

Wir waren damals ein anerkannter und auch bekannter Lieferant von Support und Service für Produkte erster Hard- und Software-Hersteller und versorgten im Auftrage dieser Unternehmen deren Kunden mit Service- und Support-Leistungen. In Regel lief das in guter Partnerschaft, so gab es schöne „win-win-Situationen“.

Es war die Zeit, in der immer neue Unternehmen – vorzugsweise aus USA aber auch aus anderen Ländern – mit besonderen Software-Lösungen im Service- und Sicherheits-Bereich kometenhaft aufstiegen. Und natürlich war unser Ziel, verschiedene Hersteller zu unterstützen und unterschiedliche Technologien zu unterstützen, um ein breites Angebot am Markt zu haben und unabhängig von einem Hersteller zu bleiben.

Eine Tages erreichte uns wie aus dem Nichts ein Anruf eines renommierten und sehr erfolgreichen Technologie-Anbieters mit der Anfrage, ob wir nicht den exklusiven Service für dessen Produkte in einem größeren Bereich von DACH (Deutschland, Österreich, Schweiz) übernehmen wollten.

Es ist immer schön, wenn das Bargeld in der Kasse klimpert.

Es ist immer schön, wenn das Bargeld in der Kasse klimpert.

Das klang natürlich phantastisch. Heute weiß ich, dass man bei solchen Angeboten eigentlich schon von Haus aus misstrauisch sein muss, denn Wunder passieren in der Unternehmens-Realität eben nie (oder wenn dann nur sehr, sehr selten). Und wenn sie doch passieren, dann haben sie (immer) einen (riesen-großen) Haken. Als Treffpunkt war – wie konnte es anders sein – die Lobby in einem Flughafenhotel vorgeschlagen.

Wir waren neugierig, wollten diese Chance auf jeden Fall prüfen und vereinbarten den Termin. Und es war alles wahr. Der Support-Chef Europa des besagten Unternehmens empfing uns sehr freundlich und entgegenkommend und erklärte uns überzeugend, warum er gerade unser Unternehmen als Kandidaten für die zukünftige Partnerschaft ausgewählt habe. Er bot an, uns für eine sehr attraktive Region den Service für seine Produkte und Kunden komplett und exklusiv an uns zu übergeben. Die notwendige Ausbildung unserer Kollegen an seinen Produkten wurde uns zum Nulltarif angeboten, nur die Arbeitszeit dafür hätten wir aufzubringen. Alles klang nach einer neuen und wunderschönen Partnerschaft.

Aber dann kam der Haken. Unser Gesprächspartner wies uns darauf hin, dass wir in solch einem Modell ja keine Vertriebskosten hätten – und trotzdem exzellente Preise realisieren würden. Alle Aufträge würden ja direkt von seinem Unternehmen kommen und pünktlich bezahlt werden. Also wäre es nur rechtens und für uns keines Falls irgendwie nachteilig, wenn wir eine Vertriebspauschale von 10 Prozent für den mit unserem neuen Auftraggebers getätigten Umsatzes abführen würden. Dazu würden wir regelmäßig Rechnungen von einem in der Schweiz ansässigen Vertriebsunternehmen erhalten, die wir nur pünktlich bezahlen mussten.

Wir haben dann um eine kurze Bedenkzeit gebeten und sind wieder heim gefahren. Und haben schweren Herzens abgelehnt, denn der entgangene Umsatz war für uns durchaus relevant. Die Firma in der Schweiz war übrigens auch eine Art Briefkasten-Firma, wer weiß wo das Geld dann weiter hin ging.

In meiner doch ziemlich langen beruflichen Laufbahn habe ich eine Reihe von ganz konkreten Kick-Back-Geschäften erlebt. Meistens haben dann Personen im Mittelmanagement durch aus sehr renommierter und auch deutscher Unternehmen von ihren Dienstleistern einen „kleinen Rückfluss“ erwartet bzw. verlangt. Das ging dann übrigens auch meistens über Briefkastenfirmen. Aber so ein dreistes Vorgehen wie das von mir hier berichtete habe ich nie erlebt.

RMD

P.S.
Das Bild ist aus Wikipedia.
Von Banknoten: Hermann Eidenbenz für die Deutsche Bundesbank. Münzen: versch. Künstler für die Bundesrepublik Deutschland – Banknoten: Herausgegeben von der Deutschen Bundesbank. Münzen: Herausgegeben von der Bundesrepublik Deutschland, PD-Amtliches Werk.

Roland Dürre
Donnerstag, der 21. April 2016

Briefkasten-Firmen, Korruption und was so dazu gehört … (Serie) #2

Heute: Bestechung & Schwarze Kassen

Wie ich noch in Anwender-Software gemacht habe, war immer Requirement Engineering angesagt. Immerhin hatte der Begriff den Vorteil, dass das Wort Management nicht drin vorkam. Modern würde man ja wahrscheinlich „Requirement Management“ sagen. Ich bevorzuge aber heute den eher agilen Ansatz eines Systementwurfs mit „user stories“ und „use cases“.

Ganz gleich ob so oder so, immer gibt es etwas Ähnliches wie Entity-Relationship-Modelle (ERM). Es werden Objekte oder besser Klassen von Objekten und eine qualifizierte Beziehung beschrieben, die zwischen diesen besteht.

Das für mich schönste Beispiel für ein ER-Modell ist die Liebe. Da gibt es die Liebende (entity E1, die Liebe (relationship L->) und die Geliebte (entity E2), also E1 L-> E2. Das ganze geht natürlich auch männlich.
🙂  Und wenn das Relationship symmetrisch wird (<-L->), dann sprechen wir von einem „Happy End„.

Sogar die sicher sehr schlauen Jesuiten als Vordenker der katholischen Kirche haben genau diese Metapher gewählt, um das unverständliche und oft angezweifelte Dogma der Dreifaltigkeit als menschenfreundliche Metapher abzutun. Sie haben einfach Gottvater als den Liebenden, den heiligen Geist als die Liebe und Jesus als den Geliebten definiert.

:-) Was waren das noch für Zeiten, wie man diesen Schein als Reserve versteckt in seinem Geldbeutel hatte.

🙂 Was waren das noch für Zeiten, als wir diesen tristen Schein sauber gefaltet und tief versteckt als eiserne Reserve in der Tiefe unseres Geldbeutel hatten.

Bestechung kann auch als Entity-Relationship-Modell definiert werden. Es gibt den Bestecher, die Bestechung und den Bestochenen. Schon vor ein paar Jahrzehnten haben wir im Seminar bei Rupert Lay – damals auch als der Nestor von Ethik in Wirtschaft und Gesellschaft bezeichnet – das Thema Bestechung heiß diskutiert und debattiert.

Die Erkenntnis im Kreis der Manager war damals, dass die Bestechung zumindest eines deutschen Beamten zweifelsfrei ein „Nogo“ wäre, weil sie definitiv vom Gesetzgeber verboten wäre. Eine Bestechung eines Einkäufers einer definitiv korrupten Gesellschaft – um zum Beispiel Arbeitsplätze zu erhalten – könne aber ethisch durchaus zu rechtfertigen sein. Weil es ja sonst ein anderer tun würde. Und das Finanzamt würde ja auch genau deshalb eine Erklärung wie „besondere Aufwendung“ ohne Empfängerangabe in einem vernünftigen Rahmen akzeptieren.

Soweit die Management-Denke der 80iger Jahre. Ich sah und sehe das ein wenig anders. Zum einen, weil diese Logik ja alles recht fertigen würde, auch den Einsatz von weiteren unredlichen Mitteln – wie zum Beispiel Gewalt – und zum anderen, weil auf diese Art und Weise das Rad der Korruption nur noch schneller gedreht werden würde.

Wie sieht Bestechung in der (erlebten) Praxis aus?

In der Regel basiert Bestechung auf einem System von schwarzen Kassen. Denn sie funktioniert nur, wenn Bestecher (E1) und Bestochener (E2) nicht bekannt werden. Also muss das Geld möglichst früh anonym aus dem Unternehmenskreislauf entnommen und ins Schattenreich des Schwarzgeldes gebracht werden.

Dort herrscht Regellosigkeit los, bzw. die Regeln werden von einzelnen Personen festgelegt. Die sind bekanntermaßen schwach und können leicht verführt werden. Besonders wenn sie als sozialem Rahmen ein korruptes System haben, dass es ja mit seinen schwarzen Kassen vormacht.

Menschen mögen sich selber am meisten. Und ihr Gerechtigkeitssinn protestiert, wenn so ein korrupter Mensch einer fremden Welt auch noch soviel Geld kriegen soll. Also zweigen sie – für mich gut nachvollziehbar – einen wesentlichen Betrag aus dem Bestechungsgeld an sich ab. Alles andere wäre ja mehr als dumm.

Ich gehe mal davon aus, dass (mehr als) die Hälfte der Bestechungssummen gar nicht bei den Bestochenen landet sondern bei den Bestechern hängen bleibt. Das macht Bestechung so problematisch. Denn plötzlich wird das ERM symmetrisch, der Bestecher will die Bestechung genauso wie der Bestochene, sie werden zu Komplizen und die Notlüge „man muss ja bestechen, weil es die Regel ist“ steht auf noch schwächeren Beinen.

Das an beide Seiten geflossene Geld muss natürlich irgendwo hin – und wieder wird uns klar, warum es so viele Scheinfirmen gibt. So schließt sich der Kreis zum ersten Artikel meiner kleinen Serie. In den nächsten beiden Artikeln beschreibe ich dann ganz konkret, wie ich bestochen werden sollte.

RMD

P.S.
Der Tausender ist aus Wikipedia.

Gastautor(en)
Dienstag, der 6. Oktober 2015

Mein Freund, der Softwarebetrüger …

Gestern bekam ich Post von Hans Bonfigt. Hans schätze ich als exzellenten SW- und IT-Mann. Er ist ein Provokateur, bekannt für seine Unbeugsamkeit und drastische Sprache. Er hat mir heute Morgen geschrieben:

Lieber Roland, ich hoffe, es geht Ihnen gut!

Ihren Kommentar zur VW-Affäre und Ihre Vermutung, daß es ein Novum sei, daß Software zur Manipulation verwendet wird, habe ich neulich im Forum beantworten wollen. Auf einer längeren Zugreise habe ich, unsortiert, einige Beobachtungen in mein Blackberry gekippt. Was insgesamt dabei herausgekommen ist, hat mich selber entsetzt.

Auch wenn ich mir damit schade und es mit 55 Jahren für eine Lebensbeichte noch zu früh ist: Hier ein Gastbeitrag für IF-Blog.

Ihr Hans Bonfigt

Ich, der Softwarebetrüger.

betrugDer relevante Teil meines ganzen Lebens ist in einem Satz geschildert: Ich habe, oft erfolgreich, grundlegende Erkenntnisse von Wissenschaftlern wie Newton, Gauß, Boltzmann, Steiner, Euler und Shannon kombiniert mit dem Fachwissen meiner Kunden, um daraus Programme zu gestalten, die dem Fachmann helfen sollten, ihre Arbeit effizienter zu erledigen.

So, mit genau diesem Paradigma ganz bewußt im Kopf, habe ich 1980 angefangen, Software zu entwickeln – zum Berechnen von Elektromotoren, Parabelfedern oder Hebebühnen, zum Regeln von Temperatur, Durchlaß, Druck und Lage.

Es hätte gerne ewig so weitergehen können …

Schon in den 70er Jahren amüsierte sich mein alter Herr über das „akademische Proletariat“ und verwies auf eine Karikatur in der FAZ, Verlierertyp mit Doktorhut hält dekadentem Opernpublikum die Türe auf und untendrunter stand, „Dr. rer. pol. Rolf Wüllweber, Doktorarbeit bei Professor Steiner, ‚Die soziokulturelle Bedeutung des Lodenmantels unter besonderer Berücksichtigung der späten Weimarer Republik im Lichte der heutigen Erkenntnisse zur Sozioanisotrophie und Abstraktionsanalyse‘. Er hätte doch besser auf Professor Steiner gehört, als dieser ihm eröffnete, „Wüllweber, mit dieser Doktorarbeit können Sie bestenfalls Türsteher werden“.

Jeder studierte plötzlich irgendetwas und keiner konnte die affektierten Pseudo-Theoretiker zu irgendetwas gebrauchen. Zu anständiger Arbeit waren die hohlen Nüsse nicht zu gebrauchen, also schlichen sie sich in den Betrieben durch die Instanzen: Dokumentation, „Kommunikationsabteilung“, interne Regularien (Anmerkung des Lektographen: oder Produktplanung) …

Bei Siemens soll diese Spezies sogar eine „Grußordnung“ hervorgebracht haben, wer, in Abhängigkeit von Ort, Tageszeit und „Dienstgrad“ wen zuerst zu grüßen hätte (Noch eine Anmerkung des Lektographen: Mir war zumindest die Regulierung bekannt, welcher Dienstrang einen Anspruch auf Vorhänge im Büro hat …).

Dann aber brach etwas über uns herein, was man „QM“ nannte, „Qualitäts-Management“.

Keiner wollte es und jedes Unternehmen, das ich gut kenne, resümiert freimütig, daß sich die Qualität seiner Produkte mit der Einführung von Qualitäts-Management nachhaltig verschlechtert habe. Nun gibt es mindestens zwei Methoden, mit so etwas umzugehen:

Die Russen und die Italiener beispielsweise pappten einfach ihre DIN/ISO-Plaketten auf ihre Produkte und gut war es – genau wie die UL- und CE-Zeichen. In Deutschland geht so etwas nicht. Da wurden Hunderttausende Flachpfeifen, die nie im Leben gearbeitet hatten, zu ‚Qualitätsbeauftragten‘ „ausgebildet“, die in der Folge die abstrusesten Regularien verfaßten, die mit dem Verwendungszweck des Endproduktes nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun hatten, aber die Produktion weiter verteuerten und so den Standortnachteil Deutschlands weiter verschlechterten.

Kein Unternehmen hält einen phantasielosen Technokraten länger als 5 Jahre aus (VW und Carl H. Hahn lassen wir zunächst einmal außen vor), und so wanderten die Schaumschläger nach dem Prinzip ‚promoveatur ut amoveatur‘ in die Vorstände und, schlimmer noch, als lobby-affine Lakaien in alle möglichen Normungsausschüsse. Und so entstanden Werke wie die „DIN EN 1570“, mit der ich mich beruflich einige Zeit herumschlagen mußte: Viel zu spezifisch in Details, viel zu schwammig bei wichtigen Kriterien.

Und hier begann mein persönlicher Sündenfall:

Weil mich die Norm maßlos ärgerte, begann ich, sie bewußt fehl zu interpretieren und die zahlreichen Lücken auszunutzen. Denn der inner- und außer-europäische Wettbewerb schiß einen dicken Haufen auf die tolle neue Euronorm – die Produkte meines Kunden aber wurden danach geprüft. Früher war ich stolz darauf, daß meine Algorithmen ein Modell der Wirklichkeit waren – jetzt ‚frisierte‘ ich dieses Modell, indem ich Definitionslücken ausnutze.

Und während ich dies schreibe, wird mir auf einmal klar, daß ich schon viel früher angefangen habe, anstatt eines Abbildes der Wirklichkeit ein Wunschbild zu schaffen.

Da war zum Beispiel der Spediteur, den Polizei und Ordnungsbehörden notorisch „auf dem Kieker“ hatten: Regelmäßig schickten sie ihm Prüfer ins Haus, die sich die der Archivierungspflicht unterliegenden Fahrtenschreiber-Scheiben einmal ganz genau anguckten. Bei einem Verstoß kamen sowohl der Fahrer als auch der Spediteur „dran“, und es sprach sich herum, „Bei W. solltest Du nicht arbeiten, wenn Du deinen Führerschein behalten willst“.

Was soll ich sagen, ich pflegte gute Beziehungen zu KIENZLE, besorgte mir einen Tachographen, modifizierte ihn so, daß er eine V.24 – Schnittstelle erhielt und entwarf ein Computerprogramm, welches Datum, Km-Stände, Start- und Zielort erwartete und dann eine StVo-konforme Scheibe „nachkartete“.

Für das gleiche Gewerbe entwickelten wir andere Geräte, die die Verkehrssicherheit signifikant erhöhten: Wer wäre nicht einmal beinahe oder tatsächlich auf seinen Vordermann aufgefahren, weil dieser in Panik beim Anblick einer Radarfalle eine Vollbremsung hingelegt hatte? Mit unserem aktiven RadarJammer konnte man mit unverminderter Geschwindgkeit durch rauschen, denn der störte die damaligen „Multanova 6F“ und „Traffipax“ durch Interferenz.

Als die unsäglichen „Intrastat“ – Meldungen für viele Unternehmen zur Pflicht wurden, waren wir es, die ein Modul für die damalige Auswertungssoftware „CBS/IRIS“ schrieben, welches die Statistiker mit reinen Zufallszahlen bediente. Besonders stolz waren wir darauf, daß wir optional per Laserdrucker auf Formularen drucken konnten, welche von Saarlouis angefordert werden mußten, wenn ich mich recht erinnere. Eigentlich sollte nach Warengruppen verdichtet werden, mußte aber nicht. Und so schickten viele unserer Kunden kistenweise Formblätter an die Statistikbehörde, die allerdings mit unterschiedlichsten Fonts und natürlich dunkelgerastertem Hintergrund von keinem OCR-System der Welt hätten gelesen werden können.

Wir bieten auch Lösungen für den „Elektronischen Gelangensnachweis“ und das „reverse charging“ – Umsatzsteuerverfahren an, aber darüber kann ich aus Aktualitätsgründen nicht berichten. Und so muß ich, im letzten Drittel meiner beruflichen Laufbahn angekommen, zu meinem eigenen Entsetzen feststellen, daß ein Drittel meiner „Werke“ die Umgehung von Bürokratismen zum Ziel hatten – vornehm ausgedrückt.

Natürlich habe ich für die Betrügerei eine Motivation: Wenn zum Beispiel die EU-Finanzminister über „kriminelle Umsatzsteuer-Karusselle“ schwadronieren, dann, bitte sehr – schafft die alberne Umsatzsteuer doch einfach ab, entlastet die Unternehmen erheblich und erhebt die Steuer dort, wo sie faktisch und ausschließlich erhoben wird: Beim berühmten „Mann auf der Straße“. Was passiert stattdessen: Die ohnehin komplizierte und komplexe Umsatzsteuerregelung wird, nebenbei ohne Rechtsgrundlage, um weitere Schikanen ergänzt, die die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen weiter einschränken.

Hier ist ziviler Ungehorsam erste Bürgerpflicht!

Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille, die ich an einem realen Beispiel darstellen möchte: Es ist so gut wie unmöglich, einen bestimmten Federtyp mit einer Toleranz von weniger als 15% zu bauen – die innere Reibung ist zu hoch und schon beim Einbau verändert sich der Durchmesser und damit die Federrate. Ich kann den Typ der Feder nicht nennen, denn damit könnte man Rückschlüsse auf den Abnehmer ziehen. Jeder weiß, daß die Norm idiotisch, die geforderte Genauigkeit unnötig und der Lastfall völlig unrealistisch ist – und so kommt regelmäßig ein Qualitätskontrolleur des Endkunden zur Abnahme, moniert den Teil der Federn, die außerhalb der Toleranz liegen, kassiert sein Schmiergeld und verschwindet.

Das Schlimme ist, finde ich, die lächerliche Höhe des Schmiergeldes, die typischerweise aus einer Kiste billigsten Fusels besteht. Ich habe die Kiste selbst gesehen, mir aber das Probieren geschenkt. Denn: Dieser Abnahmelakai verrät sich und seinen Job auch für wirklich sicherheitsrelevante Fahrwerkskomponenten, deren Eigenschaften tunlichst im Toleranzbereich liegen sollten, um folgenschwere Unfälle zu vermeiden.

Mundus vult decipi, ergo decipiatur — anders ist der VW – „Skandal“ nun wirklich nicht mehr erklärbar. VW hat immer schon betrogen, und zwar auf besonders plumpe Weise. Ich habe meine Hände nie mit Produkten von VW beschmutzt, denn VW beleidigt die Intelligenz eines jeden mündigen Menschen.

Erinnern wir uns an die Mitte der 80er Jahre: Während BMW und Mercedes ordentliche Abgasreingungssysteme in ihre Fahrzeuge einbauten, beispielsweise eine luftmassengesteuerte BOSCH – Motronik mit Lambda-Regelung, welche unter allen Betriebszuständen ein stöchiometrisches Gemisch lieferte, hielt VW an der mechanischen Primitiveinspritzug mit Stauscheibe und Mengenteiler fest. Der Konzern verkündete stolz, „Wir fahren aus Überzeugung ohne Katalysator“ und für die unbeugsame Klientel, die trotzdem einen haben wollte, gab es, für jedermann an der Steuerkulisse der Drosselklappe sichtbar, einen Vollast-Anreicherungsschalter.

Wenn der Führer nun seinem „Kraft-durch-Freude-Wagen“ einmal ordentlich die Hacken gab, dann wurde, per Vollastanreicherung, das Kraftstoff/Luft – Gemisch überfettet, damit die primitiven, an der untersten Schamgrenze kosten-„optimierten“ Proletentreiblinge nicht wegen Überhitzung kollabierten. Nun landete unverbrannter Kraftstoff im Katalysator, welcher die Wirkoberfläche eines Fußballfeldes hat. Ging der VW-Fahrer nun wieder in den Teillastbetrieb zurück, konnte Sauerstoff in den mit Kraftstoff gesättigten Katalysator gelangen. Der Keramikträger war wegen seiner geringen spezifischen Wärme nicht in der Lage, die Energie der stark exothermen Reaktion abzuführen und so verdampfte die Platinschicht.

Nach wenigen tausend Kilometern war ein VW-Katalysator komplett im Eimer – und jeder wußte das! Aber damit nicht genug: Durch gezielte Lobbyarbeit, nicht nur von VW, wurde erreicht, daß es keine Abgasuntersuchung für Katalysator-Fahrzeuge gab – eine unglaubliche Farce, die aber niemand bemerkte.

Mit fassungslosem Erstaunen sah ich 1988 in Kalifornien einen Volkswagen mit einer ordentlichen Einspritzanlage. Auf Rückfrage erfuhr ich von einem VW-Mitarbeiter: „Ja, natürlich wissen wir, daß unsere Einspritzung Schrott ist. Deshalb reduzieren wir bei den amerikanischen Modellen die Leistung und bauen eine Einspritzanlage ein, die auch etwas taugt: Denn in Kalifornien werden die Autos geprüft und wenn der Katalysator kaputtgeht, müssen wir kostenfrei nachrüsten“.

Und nun sage mir keiner, er könnte das nicht wissen, denn fast alles, was ich schrieb, ging durch die Tagespresse. Lutz „Luigi“ Colani ließ sich seinerzeit zu dem Bonmot hinreißen, „VW ist ein Misthaufen, auf dem der [Carl H.] Hahn sitzt“. Jeder intelligente Mensch, der es wissen wollte, wußte: VW ist das automobile Pendant zu Microsoft, für Menschen ohne Kultur, Verstand, Geschmack und eigenes Urteilsvermögen.

Gemessen an dem geschilderten Betrug ist die aktuelle Affäre doch eigentlich lächerlich: Es wird eine praxisfremde Vorschrift erlassen und VW genügt dieser Vorschrift mit einem praxisfremden Verhalten im Test. Der Test ist doch bestanden — so what?

Wie weit wir heruntergekommen sind, mag man daran ersehen, daß „Audi“ mittlerweile „Sounddesign“ – Geräuscherzeuger in Auspuffnähe einbaut, die, außer Platz und Gewicht zu verbrauchen, zu nix anderes gut sind als einen „vollen Sound“ zu produzieren. Weil sich der typische AUDIot mit Attrappen zufrieden gibt.

Solche Idioten zu bescheißen – da hätte ich keinerlei Skrupel — mundus vult decipi. Wobei ich insgeheim hoffe, daß meine Manipulation nicht entdeckt worden wäre.

Im Auftrag von Hans Bonfigt im Wortlaut veröffentlicht. Und Dank an Hans für seinen Beitrag!

Roland Dürre
Mittwoch, der 23. September 2015

Erzähl-Mahl – uralt und ganz modern.

Ganz einfach aber sehr lecker - die Verpflegung beim

Ganz einfach aber sehr lecker – die Verpflegung beim „Erzähl-Mahl“.

Katrin Frische und Sacha Storz hatten zu einem „Erzähl-Mahl“ in die Räume der TechDivision eingeladen. Beide mag ich, da bin ich gerne gekommen.

Dass die TechDivision bekannt ist für regelmäßig schönen Veranstaltungen in ihren Räumen – mal mit mehr technischen und mal mit mehr sozialem Hintergrund – war ein weiterer Grund hinzugehen. Das letzte Mal war ich während einer Veranstaltung im Rahmen der Münchner Webwoche zu einem agilen Thema dort.

Ein „Erzähl-Mahl“ ist ein wenig dem Symposium der alten Griechen ähnlich, einem „gemeinsamem, geselligen Trinken“.  Schon die alten Griechen haben sich während und nach dem Mahl dem geistigen Genuss bei Diskurs und Debatte und vielleicht noch ein wenig mehr dem guten Wein hingegeben. Man hat im Symposium also gut gegessen und getrunken und das Leben genossen. Und dabei der Philosophie gefrönt und nach Weisheit gestrebt.

Sacha - unser Gastgeber im schönen Gebäude an der Balan-Straße von TechDivision.

Sacha – unser Gastgeber im schönen Gebäude an der Balan-Straße von TechDivision.

Das „Erzähl-Mahl“ ist viel ruhiger als so ein Symposium und knüpft an eine alte Kultur der Kommunikation schon aus der Zeit des Jagen und Sammelns an. Wie in grauen Vorzeiten am Lagerfeuer erzählt man sich dabei reihum Geschichten. Und laut unserer Moderatorin Katrin soll und darf da eben nicht debattiert und diskutiert sondern nur gelauscht und erzählt werden.

Bei unserem „Erzähl-Mahl“ gab es auch nur Gutes. Die leckeren Speisen von Katrin wurden durch eine große Auswahl von höherwertigen alkoholfreien Getränken und eine Reihe ausgewählter Biersorten aus dem Kühlschrank der TechDivision ergänzt. Es war wie im Paradies.

Die Runde war nur zur siebt, denn drei schon angemeldete Gäste konnten dem Alltagsstress kurzfristig nicht entkommen und hatten abgesagt. Wenn die wüssten, was sie versäumt haben. Um so schöner und spannender wurde es für die Teilnehmer.

Katrin, die Veranstalterin hört moderiert und macht mit.

Rechts sehen wir die Katrin, wie sie zuhört, moderiert und mit macht.

Katrin hatte auf drei Blatt sechs kluge Fragen vorbereitet, man könnte fast sagen komponiert. Jeweils zwei Fragen waren auf einem Blatt und bildeten ein Pärchen, die so etwas wie ein Themen-Dreieck bildeten.  Zu jeder Frage gab es in Spiegelstrichen 3 – 6 Stichworte, die zum Nachdenken anregten.

Eines der Fragepärchen – die Fragen 3 und 4 mit der zugehörigen Aufforderung zum Nachdenken verrate ich:

Frage 3:
WELCHE WICHTIGE ENTSCHEIDUNG – BERUFLICH ODER PRIVAT – HAST DU IN DEN LETZTEN 12 MONATEN GETROFFEN?
Think about:
DIESER ZUGRUNDE LIEGENDEN WERTE – KONSEQUENZEN – EINFLUSS AUF ANDERE
oder
Frage 4
WAS MÖCHTEST DU IN DEINEM LEBEN NOCH VERWIRKLICHEN
Think about:
DEINE WERTE – DEIN ROTER FADEN – IMPACT – WELLDOING – BERUFUNG – SINN DES LEBENS

Den Rest verrate ich aber nicht. Damit noch ein wenig Spannung bleibt. Aber als Fazit sage ich mal:

Auch mein Nachbar hört mir aufmerksam zu.

Auch Carsten, mein Nachbar hört mir aufmerksam zu, so wie ich ihm.

Es war ein sehr gelungener Abend. Er hat bei mir viel bewirkt. Ich bedanke mich bei allen Teilnehmern, die mir an diesem Abend mit ihren Geschichten soviel gegeben haben.

Für mich wurde das „Erzähl-Mahl“ zu einem „Denk-Mahl“. Denn die vielen ansprechenden Berichte aus anderer Perspektive haben mich doch ziemlich nachdenklich gemacht. Ich habe dann auch viel von mir preisgegeben – und auch da wieder ein wenig mehr verstanden.

Es war ein sehr persönlicher Abend. Getragen von großer Sympathie und ich möchte fast sagen einer besonderen Entwicklung von Empathie.

Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht das letzte Mal gewesen ist, dass ich bei einem Erzähl-Mahl von Katrin dabei war.

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 31. März 2015

BGB und Zahlungsziele für Dienstleistungen

EuroIm März 2012 habe ich hier meinen Ärger über die langen Zahlungsziele artikuliert, die große Konzerne ihren Dienstleistungs-Lieferanten auferlegen. Immerhin steht im BGB, dass Dienstleistungen sofort nach ihrer Erbringung zu bezahlen sind.

Dies aus gutem Grunde:
Wenn ein Lieferant ein Produkt ausgeliefert hat, kann er sich zumindest eingeschränkt durch einen Eigentumsvorbehalt vor Verlust seiner Forderung schützen. Bei Zahlungsausfall kann er dann das gelieferte Produkt wieder zu sich zurück holen, denn er bleibt ja der rechtmäßige Eigentümer solange das Produkt nicht bezahlt ist.

Dies kann der Dienstleister natürlich nicht, denn ist seine Leistung erst mal erbracht, gibt es nichts zurück zu holen. So habe ich es schon am wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium Jakob Fugger in Augsburg im Fach BWL gelernt.

Aber Gesetze werden eben nur noch ernst genommen, wenn Verstöße hart geahndet werden. Und ansonsten auch mal breitflächig ignoriert, wie habe ich im letzten Artikel beschrieben habe.

Ach, was waren das für „gute alte Zeiten“ bei der Gründung vom InterFace. 1984 war Siemens unser erster Kunde. Und natürlich habe ich als frisch gebackener Unternehmer und Geschäftsführer mein „Schulwissen“ bei dem sehr sympathischen Siemens-Kaufmann angebracht. Damals war das Zahlungsziel für Dienstleistung bei Siemens noch 4 Wochen (!) und der Kaufmann konnte mir glaubhaft erklären, dass er diese vier Wochen für die Abwicklung bräuchte und Siemens zum anderen der zuverlässigste Zahler Deutschlands sei.

Vor kurzem haben wir die von großen Kunden oft durchgesetzten langen Zahlungsziele mal wieder im AR besprochen. Unser Wirtschaftsprüfer hat uns dann von der Regelung in Polen erzählt. Wenn dort eine erbrachte und abgenommene Dienstleistung nicht zeitnah bezahlt wird, dann geht die steuerliche Absetzbarkeit verloren. Und diese einfache Maßnahme soll dort Wunder bewirken was die Zahlungsmoral angeht.

Wenn der Konkurrent aus Polen aber nach Deutschland liefert, dann wird ihm dies aber auch nichts helfen und er wird auch auf sein Geld warten müssen. Zumindest gehe ich davon aus.

RMD

P.S.
Die Geldscheine sind aus Wikipedia (Gemeinfrei; Hochgeladen von Blackfish)

Roland Dürre
Montag, der 30. März 2015

Gesetze. Sport. Sinn.

„Der FC Bayern ist einer erfolgreichsten Fußballvereine der Welt.“

Was für ein wunderschöner Superlativ!

Doch wenn man es genau nimmt, dann ist diese Aussage ziemlich unpräzise. Der FC Bayern München ist ein eingetragener Verein mit vielen Mitgliedern. Zusätzlich gibt es ein Unternehmen der Unterhaltungsindustrie, das unter dem großen Namen als FC Bayern München AG  firmiert. Die FC Bayern München AG ist als Aktiengesellschaft eine Tochtergesellschaft des Fußballvereins.

Weitere Aktionäre sind die Konzerne Audi, Adidas und Allianz SE. Die FC Bayern München AG ist also zuerst mal ein ganz normales Wirtschaftsunternehmen mit Umsatz und Gewinn und muss jedes Jahr eine ganz schnöde Bilanz machen. Und für dieses Unternehmen gelten dieselben gesetzlichen Regeln wie für alle anderen.

Andreas Voglsammer im Spiel gegen Chemnitz 2012

Andreas Voglsammer im Spiel gegen Chemnitz 2012

Und wie jedes Unternehmen braucht und hat die FC Bayern AG Mitarbeiter mit unterschiedlichen Aufgaben und in verschiedenen Rollen. Unter anderem braucht der FCB auch Menschen, die gegen den Ball treten – die Fußballer.

Wenn ein Unternehmen Arbeitskräfte sucht, dann gibt es nach deutschem Recht nur wenig Möglichkeiten der Vertragsgestaltung. Entweder werden die Mitarbeiter angestellt, dann sind sie Angestellte (fest oder befristet) oder sie werden entlohnt wie quasi ein Dienstleister. Dann wären sie Freiberufler.

Das mit den Freiberuflern scheitert absolut an der Gesetzeslage. Auch bei großzügiger Auslegung des betreffenden Gesetzes muss man davon ausgehen, dass Fußballer in freiberuflicher Beschäftigung eindeutig Scheinselbstständige sind (Weisungsbefugnis, Abhängigkeit usw.).

So bleibt nur, den Fußballern wie den anderen Mitarbeitern über einen Anstellungsvertrag zu verpflichten, für das Unternehmen zu arbeiten. Das macht der FC Bayern genauso wie alle anderen Vereine, die Profi-Fußballer sind also angestellt wie die anderen Mitarbeiter auch. Dazu schließen schon seit Jahrzehnten die Fußballvereine Zeitverträge mit ihren angestellten Fußballern ab, die nach Bedarf und Situation auch ein oder mehr mal verlängert werden.

Blick auf die Hauptribüne - da bin ich bei jedem Heimspiel.

Blick auf die Hauptribüne – da bin ich bei jedem Heimspiel.

Und da liegt der Haken. Denn Zeitverträge sind befristete Angestelltenverträge! Und befristete Arbeitsverhältnisse sind gesetzlich streng geregelt durch das „Teilzeit- und Befristungsgesetz“. Dieses bezieht sich auf alle Arbeitnehmer, seien sie Handwerker, Ingenieure, Programmierer oder eben Fußballer.

Die Höhe des Einkommens oder die Art der Tätigkeit sind dem Gesetz folgend nebensächlich. Für befristete Verträge gelten strenge Regeln und die müssen eingehalten werden. BASTA! Diese Regelungen waren früher noch viel eingeschränkter als heute, so dass die Regelverstöße in der Vergangenheit eher noch schwerwiegender waren!

Tatsächlich ist mir diese Ungesetzlichkeit (und Ungerechtigkeit) bei Sportverträgen schon 1983 bei der Gründung der InterFace Connection GmbH aufgefallen. Ich habe nicht verstanden, dass im Profisport erlaubt ist was für ein normales Unternehmen verboten ist. So wie Wolf und ich bei der Gründung 1984 auch deshalb ein Produkt entwickelt haben, weil wir nicht sicher waren, wie lange in unserer Branche die dem Gesetz zur AÜG (Scheinselbstständigkeit) ja ziemlich eindeutig widersprechende Praxis des „body leasing“ noch gut gehen würde.

Und noch mal der Andreas, der jetzt beim FC Heidenheim spielt.

Und noch mal der Andreas, der jetzt beim FC Heidenheim spielt.

Wir sind jetzt gut 30 Jahre weiter – und auf dem Gebiet der „Scheinselbstständigkeit“ tut sich plötzlich etwas. Denn jetzt haben auch die Legal Service Abteilungen der großen DAX-Unternehmen (von denen ja ein paar bei der FC Bayern Fußball AG beteiligt sind) erkannt, dass die über Jahrzehnte ausgeübte Praxis nicht immer dem Gesetz zur Überlassung von Arbeitskräften folgt. Und suchen deshalb nach Möglichkeiten sich zu schützen.

Und jetzt hat ein Fußballer gemerkt, dass die Vertragsverhältnisse angestellter Fußballer häufig gegen das „Teilzeit- und Befristungsgesetz“ verstoßen. In der Tat wird dieses Gesetz im Profi-Sport weitläufig ignoriert. Der frühere Bundesliga-Torwart Heinz Müller – und seine schlitzohrigen Berater kamen auf die Idee, beim Arbeitsgericht Mainz auf Weiterbeschäftigung zu klagen. Das Arbeitsgericht Mainz hat – ganz einfach dem klar formulierten Gesetzestext folgend – der Klage stattgegeben und ein Urteil zu seinen Gunsten gefällt. Dieses Urteil bewertet die gängige Praxis befristeter Verträge im Profifußball als eindeutigen Gesetzesverstoß.

Denn der Torwart hatte bei Mainz einen Dreijahresvertrag von 2009 bis 2012. Dieser wurde vom Fußball-Bundesligisten im Sommer 2012 um zwei Jahre verlängert. Und das ist eindeutig gegen das Gesetz. Nach dem Ablauf dieses Vertrags klagte Heinz Müller auf „Feststellung des Fortbestandes als unbefristetes Arbeitsverhältnis“ und bekam natürlich recht.

Kampf um den Ball im Sportpark

Kampf um den Ball im Sportpark

Mir geht es in diesem Artikel aber nicht darum, dem Profifußball oder gar den großen FC Bayern München zu ärgern. Das kann ein kleiner Roland Dürre eh nicht. Aber ich möchte zeigen, wie unsinnig so manche Gesetze sind. Weil sie einfach den gesellschaftlichen Realitäten nicht mehr genügen.

Solche Gesetze werden dann von „vernünftigen Vertragspartnern (wie hier Profi-Vereine und Profi-Fußballern) ignoriert und unterlaufen. Bis dann halt mal einer wie der Herr Müller sich nicht an die insgeheim geltenden Spielregeln hält und das gesetzlich Mögliche einklagt. Und solche Situationen gibt es natürlich nicht nur im Berufssport, sondern in vielen Branchen.

🙂 Als findiger Unternehmer habe ich natürlich sofort drei Lösungsvorschläge, mit denen man der aktuellen Rechtslage genügen oder sie umgehen könnte.

Leiharbeit:
Um deutschem Gesetz zu genügen, könnte man das Problem mit Leiharbeit lösen. Die Fußballer müssten dann bei einem Unternehmen, wie z.B. beim DFB, der deutschen Fußball-Liga oder den Landesverbänden (z. B. in Bayern der BFV) als Angestellte beschäftigt werden und dann nach den Regeln der Arbeitnehmer-Überlassung von den Vereinen ausgeliehen werden.
Juristisch wäre das ganz einfach – allerdings würde der Kündigungsschutz dann dem DFB ein Zukunftsproblem bewirken 🙂

Ein spezieller Tarifvertrag:
So wie in der normalen Wirtschaft könnte man für die Branche „Profi-Sport“ oder „Profi-Fußball“ einen ganz besonderen Tarifvertrag bilden zwischen einer zu gründenden Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisation.
Ob so etwas sinnvoll in einem von FIFA, UEFA und DFB regiertem System regierten durchsetzbar wäre ist die andere Frage.

Fußballer werden Vorstände:

🙂 Wenn der Arbeitgeber wie die FC Bayern AG ein Aktiengesellschaft ist, kann man das Problem elegant umgehen. Man müsste die Spieler dann nur zu Vorständen machen. Da sind befristete Verträge bis zu einer Laufdauer von 5 Jahren erlaubt. Und man würde sich auch noch die Sozialversicherung für die Spieler sparen. Das würde zwar nicht dem Geist des Gesetzes entsprechen, aber wäre völlig legal.
🙂 Und ein Thomas Müller hat doch das Zeug zum Vorstand.

Die letzten drei Vorschläge sind zwar korrekt aber nicht ganz ernst gemeint. Aber man sieht, auf welche absurde Gedanken uns eine unter optimale Gesetzeslage bringen kann.

Den Profisport wird noch weiteres neues Gesetz treffen  – der Mindestlohn. Bei korrekter Arbeitszeitmessung wird so mancher Jung-Profi auf mehr als 50 Stunden die Woche kommen (Training, Spiele, Reisezeiten, ergänzende Ausbildung, Lehrgänge, Hausaufgaben).
Ich kenne übrigens auch Schüler und Studenten, die weit mehr als 50 Stunden in der Woche für ihre Ausbildung und Zukunft aufwenden. Die fallen aber nicht unters Mindestlohn- und Arbeitszeitgesetz.

Aber nur 50 Stunden die Woche sind dann gut 200 im Monat. Das würde ein Gehalt von 200 mal 8,50 € bedeuten sprich von mindestens 1.700 €. Und manch ein Verein dürfte sich das nicht leisten können und wollen. Aber wahrscheinlich ist die Ausbildung von jungen Fußballern oder anderen Sportlern heute eh schon ein regelmäßiger Verstoß gegen verschiedene Gesetze.

RMD

P.S.
Das erste Bild ist anlässlich eines Heimspiels der SpVgg Unterhaching gegen Chemnitz am 23. November 2013 aufgenommen worden. Im Sportpark fotografiert hat es Stefan Kukral. Auch die anderen Bilder sind vom Stefan, die SpVgg hat sie für IF-Blog freigegeben.

Mit den Bildern will ich daran erinnern, dass die SpVgg mein Verein ist und möglichst viele Freunde und Leser bitten, zu den letzten drei Heimspielen dieser Drittliga-Saison in den Sportpark zu kommen um die Mannschaft beim Kampf gegen den Abstieg zu unterstützen.

Sicherheit mal ganz schlicht gedacht.

Mein Vater war Eisenbahner. Das hat mich irgendwie der Eisenbahn nahe gebracht. Irgendwann habe ich so auch die Bahnpolizei entdeckt. Die war in meinem Verständnis zuständig für die Bahnhöfe und Anlagen der Deutschen Bundesbahn. Ich habe aber nicht verstanden, warum es sie braucht.

Nach meinem Abitur musste ich zur Bundeswehr. Da gab es die Feldjäger als Militärpolizei. Deren Existenz habe ich dann eher verstanden. Müssen Soldaten doch rauhe Gesellen sein, wenn man mit ihnen Kriege gewinnen will. Und die kann man halt nicht mit Samthandschuhen anfassen wie den normalen Bürger.

Bei Siemens gab es den Werkschutz. Die haben unter anderem die Standorte gesichert und sind entlang der Werkszäune patroulliert. So wie die Wachbataillone bei der Bundeswehr die Kasernen und militärisches Gelände „bewacht“ haben. Für mich war der Werkschutz so etwas wie die Bahnpolizei der Siemens AG.

Heute hört man, dass zum Beispiel Gasprom für diesen und sonstige Zwecke über eine kleine Privat-Armee verfügen soll. Ganz eingesehen habe ich die Notwendigkeit des Werkschutzes aber nicht so ganz, so wie ich auch die Legitimation der Gasprom-Armee nicht verstehe.

Wie man die Bahn privatisiert hat, ist die Bahnpolizei nicht zum Werksschutz der Deutschen Bahn AG geworden, sondern dem Grenzschutz zugeschlagen worden. Züge sind ja mobil und so immer auf irgendeine Art „Grenze“.

Der Grenzschutz war für mich immer eine besondere Polizei. Deren Aufgabe war mir auch vom Begriff her klar. Sie sollte unsere Grenzen zu Friedenszeiten schützen und verteidigen, so wie dies mal als Aufgabe der Bundeswehr in Kriegszeiten gedacht war.

Heute übernimmt der Grenzschutz weitere Aufgaben wie Fahndung nach Schwarzarbeit. Demnächst sollen Sie ja auch noch den „Mindestlohn“ kontrollieren.

Die Finanzämter haben auch ihre eigene Polizei – die Steuerfahndung.

Mittlerweile gibt es auch noch ganz viele private Polizeien. Und auch sie haben eines gemein – sie tragen Uniform und fahren mit Autos durch die Gegend, die polizeiliche Fahrzeuge imitieren.

Ganz verstehe ich das alles nicht. Eigentlich haben wir doch nur ein Gesetz. Warum reicht dann nicht eine Polizei, die gegliedert nach Aufgaben und regionaler Verantwortung ihren Job macht, darauf achtet dass Gesetze eingehalten werden und die Bürger vor Übergriffen schützt?

😉 Oder soll es mal für jedes Gesetz eine eigene Polizei geben?

Von polizei-ähnlichen Systemen wie Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz will ich gar nicht reden. Die dann natürlich keine Uniform tragen. Auch über die Pläne, die Bundeswehr zum „Einsatz im Inneren“ zu ermächtigen, denke ich lieber gar nicht nach.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 9. November 2013

Mein Vortrag „Wandel im Management“ jetzt als Video verfügbar

Am 24. Oktober habe ich einen Vortrag mit obigem Thema an der Universität der Bundeswehr gehalten. Da die Dinge, über die ich dort berichtet habe, mir sehr wichtig sind, habe ich den Vortrag aufgenommen und ihn in Youtube veröffentlicht. Hier ist er:

Viel Spaß beim Anschauen!

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 20. Oktober 2013

Moral als Lehre oder die Leere der Moral

Zur Vorbereitung meiner nächsten Vorträge beschäftige ich mich zurzeit immer wieder mit Moral, theoretisch wie praktisch.

Interessante Arten der Gattung Moral sind für mich die Verkehrs-Moral oder auch die Sexual-Moral. Oder andere, zurzeit sehr hoch im Kurs stehende moderne Varianten von Moral wie die Steuer-Moral oder die Moral des Compliance-getreuen Verhaltens.

Heute betrachte ich die Verkehrs-Moral. Für den Straßenverkehr wurden viele Gesetze erlassen. Die einzuhalten würde sogar  Sinn machen. Hat doch erst vor kurzem eine Untersuchung gezeigt, dass Menschen locker mal 40 % weniger Unfälle haben, wenn sie die Verkehrsregeln einhalten. Der Versuchskreis hat das aber nur gemacht, weil er von seiner Versicherung einen kleinen Tracker bekommen hat, der alle Fahrtdaten komplett aufzeichnet. Und dafür einen wesentlichen Rabatt bei der Versicherung anbietet.

40 % weniger Unfälle! Das würde einfach mal in Deutschland 2.000 Verkehrstote weniger im Jahre bedeuten! Und entsprechend noch mehr weniger Verletzte. Hier würde eine starke Moral soviel Tod und Leid verhindern. Endlich mal hätten wir ein sehr sinnvolles „Man macht das nicht!“. Bei den meisten anderen Gesetzen kann man doch oft so einen richtig wertvollen Nutzen nicht entdecken.

Nur interessiert das niemanden. Auf unseren Straßen findet der „permanente Rechtsbruch“ statt. Unaufhörlich und andauernd, im Sekundentakt. Das kann daran liegen, dass sich eine Art Overlay-Moral über die „normale“ Verkehrsmoral gelegt hat. Die suggeriert uns, dass die Verkehrsregeln nur für „die anderen“ aber nicht für uns selber gelten, denn wir wähnen uns ja auf einzig artige und ganz besonderer Art und Weise unverletzlich.

Dieser „Overlay-Moral“ lässt die heimliche Geschwindigkeit als unmoralisch erscheinen. Denn die ist „heimtückisch“ oder unfair. Nicht mehr das zu schnell fahren gefährlich.

So hat man vor kurzem einen bundesweiter „Radar-Marathon“ durchgeführt, mit dem das Einhalten der Regeln intensiver als normal überprüft werden sollte. Aber: Paradoxer Weise wurden Ort und Zeit der konkreten Radarkontrollen gleichzeitig auf allen möglichen Kommunikations-Kanälen angekündigt. Sogar der von Zwangsabgaben finanzierte öffentliche Rundfunk hat da gerne mitgemacht.

Das ist doch so, wie wenn die Polizei ihre Kontrollen für was und wen auch immer vorher öffentlich bekannt machen würde. Und das darf doch eigentlich nicht wahr sein.

So muss man richtig Pech haben, um als Temposünder erwischt zu werden. Oder zu den dümmsten gehören. Aber die Verhältnisse im Strassenverkehr ändern sich nicht.

Soweit meine Gedanken zur Absurdität unserer Verkehrsmoral.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 5. Oktober 2013

(M?)ein Lebensbild

🙂 Immer, wenn ich auf dem philosophischen Kolloquium mit Klaus-Jürgen auf dem Grashof bin, werde ich wohl sentimental. So hier meine „philosophischen Erkenntnisse“ im einfachen Modell.

Das Leben

Wir fahren auf dem Fluss.
Reisen mit der Strömung.
Mal schneller, mal langsamer.

Der Fluss mündet ins Meer.
Dort ist das Ziel.
Die Reise geht zu Ende.

Keiner weiß, wieweit es zur Mündung ist.
Und ob es dann im Meer weiter geht.
So wird der Weg zum Ziel.

Der Fluss hat zwei Ufer.
Am linken lebt das Individuelle.
Am rechten herrscht das Kollektive.

Mal ist der Fluss ganz schmal.
Dann wieder breit wie ein See.
Zwischendurch wird er zum Kanal.

Kommen wir einem Ufer zu nahe, zerschellen wir.
Mal geht es zum linken, dann wieder zum rechten.
In der Mitte zu bleiben fällt schwer.

Alleine im Boot sind wir nur selten.
Wegbegleiter kommen und gehen.
Manche mögen wir mehr, andere weniger.

Auf der Reise begleitet uns der Dämon.
Angst macht uns das Leben schwer.
Die Kopfgeburt, die uns quält.

So opfern wir Mut und Demut.
Unsere Freude und unseren Schmerz.
Erfinden Religionen und Moral.

Das aber ist uns zu wider.
Also entwickeln wir Ethik.
Bekämpfen so die bösen Geister.

Vergessen nur zu leben.
Denken viel zu viel.
Machen es uns unnötig schwer.

Dabei sollten wir uns jede Stunde ausschließlich am Fluss erfreuen. Denn für alles andere ist die Zeit einfach zu schade!

Früher hätte ich gesagt: Macht kaputt, was Euch kaputt macht. Heute tue ich es (oder versuche es zumindest).

RMD