Gastautor(en) Mittwoch, der 26. Dezember 2012
Weihnachtsgruß an alle Sysadmins!
Hier ein Artikel eines lieben IF-Blog-Freundes, der in IF-Blog mit interessanten Kommentaren nicht sparsam ist. Es ist Hans Bonfigt, der für mich völlig überraschend jetzt einmal in die Rolle des Gastautors geschlüpft ist. Hier ist sein:
Weihnachtsgruß an alle Sysadmins
Auf eine ganz bestimmte Art und Weise wurden “wir” EDV-Leute eigentlich schon immer, ja, in unserer Heimat heißt das “veräppelt”. Nein, es hat nix mit den Plagiaten des Herrn Jobs zu tun, sondern es ist aus einem gewissen Unverständnis heraus geboren:
“Erst wenn die Lichter angehen, fangt Ihr an zu arbeiten”, so wurden wir aufgezogen. Na klar, liebe Anwender (ein schlimmeres Schimpfwort kennen wir nicht), wie sollen wir Eure Systeme, die ihr wieder verderkelt habt, denn auch in Ordnung bringen, solange Ihr davor sitzt? Früher ging das gar nicht, denn da hatte man typischer-weise ein Einplatzsystem, an dem halt auch nur einer arbeiten konnte. Irgendwann waren die Maschinen dann ‘multitaskingfähig’, aber die Anwender waren es nicht. Wir sind da wählerischer – wir wollen die Maschine meistens exklusiv für uns.
Und während Ihr spätestens seit vergangenem Freitag auf der Couch liegt, ist eine kleine Minderheit seit Freitagmittag bis jetzt damit beschäftigt, Euren Mist aufzuräumen. Mit maximal zwei Stunden Schlaf in 24 Stunden. Denn wir wissen, was es am morgigen Donnerstag wieder für ein Geblöke gibt, wenn irgendeine Kleinigkeit nicht klappt: “WIR KÖNNEN NICHT ARBEITEN …” ! – Als ob wir das nicht seit Jahren wüßten.
Ja, jedes Jahr wird der Augiasstall, den Ihr in unseren Systemen anrichtet, fieser und vor allem größer. Und Ihr lernt es einfach nicht. Also, daß Ihr davon ablaßt, Euer Paßwort unter die Mausmatte zu kleben, darauf habe ich eigentlich nie gehofft. Ich weiß ja, was für einen Scheiß Ihr wählt und irgendwo müssen die ganzen facebook-luser ja herkommen. Von Euch so etwas wie ein Minimum an Verantwortungsgefühl zu erwarten – wäre ich so töricht, könnte ich in meinem Job nicht arbeiten.
Aber irgendwie habe ich über die Jahre gehofft, ihr würdet Euch wenigstens die Dinge angewöhnen, die Euch das Leben leichter machen, aber weit gefehlt:
- Keine Leerzeichen und Umlaute in Dateinamen, unsere Rede seit mindestens 20 Jahren. Und vor allen Dingen nicht den ganzen Text Eures Dokuments in den Dateinamen. Gerade Ihr, die ihr nicht einmal den Großbuchstaben ‘O’ von einer Null unterscheiden könnt, solltet doch nicht voraussetzen, daß Umlaute oder auch nur Groß- und Kleinschreibung in Dateinamen plattformübergreifend interoperabel implementiert wären. Schon gar nicht unter Euren geliebten Windows, welches intern nämlich nur die “8.3″-Nomenklatur kennt, die unter DOS schon zum Himmel stank.
- Mindestens genausolange predigen wir Euch, “legt gemeinsam benutzte Dateien zentral ab UND HÖRT AUF, SIE EUCH GEGENSEITIG ZUZUMAILEN”. Und wir sagen Euch auch, “ZITIERT RICHTIG und hängt nicht den ganzen Sarotti von Rede und Gegenrede immer wieder hinten an”. Ja, Jungs und Mädels, und nun sitze ich seit Freitag vor einem 24 TERABYTE großen Mailspool. Den muß ich auf 12 TB zusammenschrumpfen. Und verlaßt Euch drauf, das habe ich getan. Und wo gehobelt wird, da fallen Späne.
- Wie oft haben wir Euch gesagt, ihr sollt Eure Papierkörbe leeren. Aber keine Sorge, auch das habe ich für Euch erledigt. Mit der halstiefen Rasur.
- Bei der Gelegenheit: Ich habe auch alle Eure Browser-Caches gelöscht. Denn ich hatte einfach keine Lust, die riesige Pornosammlung, die Ihr euch da zusammengeklickt habt, auch noch mitzusichern und auf das neue SAN zu migrieren, das angeblich erforderlich war.
Ja, die Informationsgesellschaft hat kein schlankes, ebenmäßiges Gesicht mehr, sondern eine aufgedunsene Visage à la Dirk Bach. Wenn ich da so an früher denke:
Das mit den Lochkarten habe ich noch richtig miterlebt, die maximale Sourcefile-Größe lag beim KIENZLE SLM bei 2.780 Zeilen, das paßte in einen handlichen Koffer. Echt lästig, richtig schwer und ‘mal eben eine Kopie ziehen’, das dauerte halt. Mergen war die Hölle. Perfekte Beherrschung der Maschinensprache war Pflicht, denn ein Assemblerlauf mit einer vergleichbaren Anzahl Karten dauerte 2 1/2 Stunden. Wer da nicht manuell patchen konnte, für den war, buchstäblich, “aus die Maus”.
Die ECMA-34 – Kassette war ein Segen. Ja, liebe Anwender, Ihr kennt sie als Musikcassette, aber für Euch war sie eigentlich gar nicht gedacht, sondern für uns. Ein ganzer Lochkartenkoffer paßte nun bequem in die Hemdtasche, 900 Blöcke à 256 Zeichen gingen da drauf und man konnte sie doppelseitig beschreiben. Noch schöner die 8-Zoll-Floppies, da brauchte man die Quelldateien gar nicht mehr zu laden, sondern konnte sie direkt bearbeiten.
Indexsequentielle Dateien auf Disketten, das war erst recht ein Genuß.
Mit den “großen” Festplatten, die nicht mehr alle 14 Tage crashten, gab es eine weitere Revolution: Man brauchte eigentlich gar nicht mehr mit Datenträgern zu hantieren, weil sich ja alles auf dem System befand. Bloß sichern mußte man noch. Die Sicherung mit den Halbzollbändern hatte etwas, die Wartung war durchaus aufwendig, man mußte mit Hilfe eines Oszillographen (ja, so hießen die Dinger früher) die “Katzenaugen” richtig einstellen, die sich aus Schreibkopfsignal und dem um 180° phasenverschobenen Echo des Lesekopfs ergaben. Die Bandmaschinen waren teuflisch schnell und hatten ein schier unendliches Fassungsvermögen.
Mit den Cartridges, ibs. der QIC-Kassette, kamen auch bezahlbare Systeme auf den Markt, unser erstes Schätzchen schaffte 20 MB und brauchte dafür eine halbe Stunde.
Zu dieser Zeit etwa kamen diese unappetitlichen “Commodore” auf den Markt, die aussahen wie ein Brotkasten – wir reden also über die späten 80er Jahre.
Was hat sich eigentlich geändert ?
Ich darf hier über die Feiertage ein komplettes SAN neu aufsetzen, auf dem ALLE, aber auch wirklich alle Daten eines mittelgroßen Unternehmens abgelegt sind. Und ich muß ALLES löschen, natürlich nach vorheriger Sicherheitskopie auf Band und natürlich redundant, und weil es wichtig ist, auch noch dissimilar redundant.
Die Cartridges sind kleiner und schneller geworden. Hier fliegen gerade gut 140 MB pro Sekunde vom Band auf die Platten, pro Sekunde also packt das System also die siebenfache an Daten weg, die man in der 80ern auf eine QIC-20 – Kassette bekam. 3,5 Stunden schrumpfen zu einer Sekunde zusammen.
Eine Produktivitätssteigerung um 1.259 %.
Halt ‘mal, WIRKLICH ?
Das Unternehmen, bei dem ich gerade arbeite, hatte in den 80ern ebenfalls eine QIC-20 – Bandstation, sie hing an einem IBM /38, welches das gesamte Unternehmen mit der notwendigen EDV-Infrastruktur versorgte.
Die neue EDV macht eigentlich nix anderes, sie versorgt genau wie früher 200 Leute mit diversen Programmen. Heute mögen es unwesentlich mehr sein. Eine Migration in den 80ern hat drei Tage gedauert, in der aktuellen Situation komme ich schon jetzt auf fünf. Und vor morgen früh, fünf Uhr, bin ich nicht fertig.
Auf der alten Maschine konnte den Job ein gut ausgebildeter Servicetechniker erledigen, das neue System ist ultrakomplex und vereint so ziemlich alle neueren Technologien in einer Kiste – insbesondere kommt sie nicht mehr ohne Windows und den famosen IBM DRECK-TOR aus – ein in JAVA zusammengestoppelter, atemberaubend stinkender Haufen Sondermüll. Da kommt kein Mensch mehr mit zurecht. Gottseidank bin ich ja auch keiner.
Die alte Maschine war eigentlich nie kaputt, die neue fällt zwar wegen Redundanz auch nicht aus, aber ständig verendet irgendeine Komponente und die dann erforderliche Reparatur treibt einem den Angstschweiß auf die Stirn.
Die alte Maschine war richtig flott, die neue ist es eigentlich auch, aber das JAVA/AJAX/PINGPONG – Neppinterface ist schweinelahm und die Benutzer drehen Däumchen.
Ja, liebe Anwender – KEIN MITLEID ! Ihr wolltet das GUI, Ihr habt es. Minderwertiger Augenzucker für minderwertige Mitarbeiter, jedem das Seine.
Aber wo ist bloß der Fortschritt geblieben? Irgendwo war er doch?
Die Antwort liefert, und ich zitiere das nochmal, Bertrand Russell:
Jeder Zuwachs an Technik bedingt, wenn damit ein Zuwachs des menschlichen Glücks verbunden sein soll, einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit.
Vulgo: Die EDV-Landschaft hat sich vom ‘Tool’ zum ‘Toy’ gewandelt. Mit allen üblen Konsequenzen. Eine Sekretärin der Nordwest AG erzählte mir unlängst, daß sie mit HIT/CLOU, einem Textprogramm der InterFace AG, in etwa zehnmal schneller Briefe erstellen konnte als heute mit einem aktuellen “Word”. Unter Verwendung von etwa einem Tausendstel an Rechnerleistung, Hauptspeicher und Plattenspeicher.
Wir sind träge geworden, fett und degeneriert.
Tja, und es fehlt irgendwie der Spirit. Früher hatte ich Spaß an solchen “Nightflights”, genoß das beruhigende Rauschen der Lüfter und war mir vor allen Dingen sicher, ich würde den Job bis zum Termin hinbekommen.
Dadurch, daß ich überhaupt ein System einigermaßen überschauen kann, bin ich ja erst in der Lage, Verantwortung zu übernehmen.
Heute kann ich mir nicht mehr sicher sein, die Komplexität zu beherrschen. Und wenn ich in den letzten Tagen irgendwas verkackt habe, dann können am Donnerstag 200 Leute nicht arbeiten. Am Freitag auch nicht. Die Woche darauf auch nicht. Denn es sind weder Programme noch Daten da. Löhne und Gehälter funktionieren noch, das wird extern erledigt, aber ob sie auch bezahlt werden können, ist fraglich.
Und ich darf gleich unter die Brücke ziehen.
Und JA, es gibt eine ganze Menge Menschen, die auch jetzt viel wichtigere Dinge tun, beispielsweise eigentlich jeder Lokführer, der nicht, wie ich gerade, nur 200 Menschen “im Rücken” hat, sondern 800. Oder die gestreßten Fahrdienstleiter, denen man kaputte Technik hinstellt, und die trotzdem jeden Tag mit höchster Verantwortung handeln müssen. Gemessen am Grad der Verantwortung relativiert sich übrigens auch die Bezahlung. Was hat denn beispielsweise ein Herr Mehdorn “verantwortet”?
In vielen Dingen sehe ich Roland als Vorbild, ich werde mich in den nächsten Jahren wieder mehr bewegen und den Adminjob, aus dem ein Drittel meines Arbeitsgebietes besteht, langsam aber sicher an den Nagel hängen. Denn der Job ist ermüdend, als Heranwachsender habe ich eine Formulierung von Günter Grass aufgeschnappt, “Ohnmacht erprobt an Gummiwänden”.
Meine Grüße gehen an alle Admins dieser Welt, die, ausgestattet mit Pizza, Cola, Junkfood und Zigaretten, unter hohem Risiko, mit unerbittlicher Deadline und schier unerträglichem Streß es doch immer wieder schaffen, daß ihr Unternehmen am ersten Arbeitstag wieder am Netz ist.
Hans Bonfigt
Über diesen Artikel habe ich mich so richtig gefreut. Lieber Hans, ich darf mich bei Ihnen ganz sehr bedanken.
Roland DürreDienstag, der 2. Oktober 2012
Fußball in Haching – Die Spielvereinigung!
Ich bin ein Fußballer, der sein Hobby mit großer Leidenschaft pflegt, aktiv wie passiv. Der Bolzplatz hat eine zentrale Bedeutung in meinem Leben, genauso wie es das Rosenau-Stadion hatte. Und auch heute freue ich mich sehr, wenn ich ein wenig mitkicken darf.
Als Kind war es mir das Schlimmste, wenn ich bei einem Heimspiel des BCA (Ballspiel Club Augsburg) nicht dabei sein konnte. In 1969 fusionierten der BCA und die Schwaben (TSV 1847 Schwaben Augsburg) zum “Retorten-Verein” FCA.
Zur Erläuterung: Für Augsburg war das damals so, als ob in München 1860 und die Bayern fusionieren würden.
Damals zerbrach für mich eine große Tradition, zudem verließ ich meine Heimatstadt und wurde “fußballerisch” heimatlos. Erst Jahre später entdeckte ich die SpVgg Unterhaching unweit des Headquarters der InterFace AG. Da entstand eine neue Fußball-Liebe und seither pilgere ich regelmäßig mit meinen kleinen und großen Kindern in die Grünau und später in den Sportpark.
Hier ein aktuelles Bild vom Spiel am letzten Sonntag “SpVgg Unterhaching – Kickers Offenbach”. Leider haben wir 0:3 verloren, das Pech hat nur so an den Hachinger Kickstiefeln geklebt. Natürlich war ich dabei und habe mit gelitten.
Im Sportpark haben wir aber schon viele tolle Spiele erlebt und zahlreiche Aufstiege gefeiert. 1999/2000 waren wir plötzlich in der Bundesliga. Und ich und viele meiner Freunde erinnern sich noch ganz genau an das legendäre Eigentor in der 21. Spielminute am 20. Mai 2000. Der damalige “Noch-Leverkuser” Ballack hat es mit der Hacke erzielt und verhalf damit Haching zum Siege und den Bayern zur Deutschen Meisterschaft.

Da ist die Tribüne, auf der ich, wenn irgendwie möglich, bei jedem Heimspiel sitze. Und natürlich meistens jubeln darf, weil die SpVgg zu Hause eine Macht ist und fast immer gewinnt!
Viel ist seit dem Jahr 2000 passiert. Es gab Höhen und Tiefen. Zwischendurch haben wir Hachinger Fans ganz schön gelitten. Seit einem Jahr geht es aber richtig aufwärts. Das alte Präsidium hat vor der Saison 2011/2012 einen radikalen Umbruch eingeleitet. Der wurde vom neuen Team um Manfred (Manni) Schwabl konsequent fortgesetzt und weiter verbessert.
Gemeinsam mit seinen Geschäftsführern Markus Sieger und Florian Rensch hat der neue Präsident den Verein komplett verwandelt. Hut ab! Es wurde eine junge Mannschaft aufgebaut, ausschließlich mit Spielern aus der Region. Das Trainer-Team bestehend aus Claus Schromm und Manuel Baum, unterstützt von Florian Ernst hat diese Mannschaft zu einem Team geformt, das jungen und frischen Zauberfußball spielt. So wie Borussia Dortmund in der Bundesliga.
Ein wichtiges Auswahlkriterium beim Aufbau der neuen Mannschaft war neben dem fußballerischem Können der Charakter der Spieler. Und schon geht es wieder aufwärts. So spielt die SpVgg Unterhaching mit dem mit Abstand niedrigstem Budget der 3. Liga plötzlich wieder vorne mit. Wir bleiben aber demütig und wissen, dass es in diesem Jahr vor allem darum geht, den Platz in der dritten Liga zu festigen.
Aber wir freuen uns auf die Zukunft. Mit den drei “Erfolgs-K“, wie sie der mir gut bekannte Sport-Professor und -Berater Dr. Alfons Madeja formuliert hat, sind wir auf einem guten Weg: Dank der hohen Kompetenz des handelnden und verantwortlichen Teams um Manni Schwabl und eines klaren, bescheidenen aber wohlüberlegtem Konzeptes wird auch das benötigte Kapital bald wieder kommen.
Meine kleine Isetta geht übrigens auch gerne in den Sportpark, um dort Fußball zu schauen. Und so möchte Euch alle bitten, es genau so zu machen und möglichst oft zu unseren Heimspielen im Sportpark zu kommen! Es gibt Traumfußball. Und Mannschaft und Management haben wirklich noch mehr Zuschauer verdient!
RMD
P.S.
Die beiden Fußballphotos sind von Stefan Kukral (Eventfotografie Kukral, Ringstrasse 163, 82041 Oberhaching). Die Isetta vor dem Sportpark wurde von Johannes Naumann, InterFace AG, aufgenommen.
P.S.1
Und zum nächsten Heimspiel gegen Rot-Weiß Erfurt am Samstag, den 20. Oktober, sind wir dann alle wieder im Sportpark!
Roland DürreMittwoch, der 18. Juli 2012
Unternehmertagebuch #82 – Was ist das eigentlich, Strategie?
Jetzt bin ich doch schon viele Jahre “Unternehmer”. Und stand die ganze Zeit mit dem Begriff der “Strategie” und der von einem Unternehmer erwarteten “Strategischem Denke” irgendwie “auf Kriegsfuß”.
In den zahlreichen Strategie-Meetings, an denen ich teilgenommen (und die ich zum Teil selbst angeordnet hatte) wollten und sollten wir die Zukunft in den Griff bekommen. Vorausschauend wollten wir herausfinden, was der Markt in Zukunft haben will. Welche Technologien sich durchsetzen würden. Wie zum Beispiel das Internet, das mich völlig überrascht hat. Und das übrigens von niemanden vorher gesagt wurde.
Und immer waren wir auf der Suche nach neuen Ideen, ja gar nach Visionen. Damit das Unternehmen auch in Zukunft erfolgreich wäre. Wohl wissend, dass Visionen nicht weit weg von Illusionen oder Halluzinationen sind.
Mein Unternehmer-Über-Ich hat immer wieder von mir erwartet, dass ich eine “gute Strategie” mache. Und ich fühlte mich verpflichtet, etwas zu machen, das ich nicht konnte:
Nämlich Annahmen über die Zukunft zu treffen und dann aus diesen Annahmen die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Aber die Zukunft liegt halt in der Zukunft, und es ist schwierig (unmöglich?), sich ergebende Entwicklungen vorherzusagen, besonders wenn diese in der Zukunft liegen. Da braucht es gar keine disruptiven Ereignisse.
Annahmen über die Zukunft sind eher falsch als richtig. Jetzt weiß ich zwar aus der Logik, dass man auch aus falschen Annahmen durchaus auf richtige Ergebnisse kommen kann. Besonders wenn Aussage und Schluss falsch sind, kann etwas richtiges raus kommen. Mit Glück gewinnt man so auch eine Wette auf die Zukunft. Nur ist das halt keines falls zwingend und mir erschien dieses Vorgehen immer als unseriös.
Und so war mein Unwohl sein in den Strategie-Meetings immer groß. Trotzdem kam oft Vernünftiges heraus, aber nicht, weil wir unser Ziel erreicht und eine Vision entwickelt, sondern weil wir in intensiver Diskussion Probleme entdeckt hatten. Die zu lösen, das hat uns tatsächlich geholfen.
Beim letzten RISE-Treffen in Zürich habe ich dann eine für mich neue Definition und Interpretation von Strategie durch Dr. Simon Grand erfahren, die mich aufhören ließ. Strategie ist:
“How an organization moves forward”.
Das würde ich so übersetzen:
“Wie sich eine Organisation vorwärts bewegt”.
Sie ist wohl von Richard Rumelt und auch schon ein paar Jahrzehnte alt.
Mir gefällt diese Definition, weil sie drei wesentliche Elemente enthält:
- Organisation (organization)
Organisation ist etwas “Kollektives”. - Bewegen (moves)
Bewegung impliziert Prozesse, die stattfinden und geändert werden können oder sogar müssen. - Vorwärts
Vorwärts zeigt, dass es Unsicherheit gibt, denn es geht um die Zukunft.
Folge ich dieser Definition, erschließt sich mir eine völlig neue Bedeutung von Strategie. Es geht um die Routinen, Rituale, Symbole und um die Verhaltensmuster im Unternehmen. Die gilt es zu überprüfen. Passen Sie noch? Oder sind sie überholt? Wie kann man sie verändern, ohne das Unternehmen zu beschädigen? Wie muss man sie verändern, um das Unternehmen zu stärken?
Es geht jetzt um die Veränderung der “Unternehmenswelt” und der dort eingesetzten Werkzeuge und Methoden. Um Verhaltensmuster, wie man die Dinge im Unternehmen tut. Um die Erfolgsrezepte, die die Mitarbeiter intern wie extern anwenden.
Und schon finde ich eine Methode, wie ich “Strategie machen” kann!
Ich suche die Probleme, die in der Organisation des “sozialen Systems Unternehmen” vorhanden sein könnten. Das ist schon ganz für sich alleine eine sehr kreative Herausforderung. Und wenn ich die wirklichen Probleme erst Mal gefunden habe, dann kann bin ich schon mal auf einem guten Wege und kann eine “Konkrete Strategie” entwickeln, was ich in der Unternehmenswelt zu verändern versuchen sollte.
Die Definition impliziert aber auch, dass “Führung kollektiv abgestützt” werden muss. Jetzt verstehe ich junge und freche Unternehmer, die “stolz darauf sind, keine Strategie zu haben”. Und deren Unternehmen trotzdem von Innovation nur so strotzen. Innovation könnte ja Invention plus Durchsetzung sein – und braucht es dafür eigentlich eine Strategie?
Strategie ist kein Hexenwerk, das einsame Helden im stillen Kämmerchen erfinden, beschließen und dann verkünden müssen. Strategie ist die kollektive Veränderung eines Unternehmens, um die (Über-)Lebensfähigkeit des Unternehmens zu bewahren und erhöhen.
RMD
P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!
Roland DürreSamstag, der 17. März 2012
Unternehmertagebuch #77 – Eine eigene unvernünftige Entscheidung …
Zurück zu den “unvernünftigen Entscheidungen”!
Fortsetzung von Unternehmertagebuch #71:
“Notwendigkeit von unvernünftigen Entscheidungen“.
Auch die InterFace hat ihren Anfangserfolg einer höchst unvernünftigen Entscheidung zu verdanken. Wehe, wenn wir damals einen seriösen Aufpasser gehabt hätten. Der hätte uns für “wahnsinnig” gehalten. Wie man nur einer solchen Utopie nachjagen könne! Mit NULL Erfolgsaussichten.
Im Nachhinein wundere ich mich selbst, dass so etwas Verrücktes funktioniert hat. Sicher waren alle vernünftigen und rationalen Argumente gegen das, was wir vor hatten. Wahrscheinlich würde auch ich heute von dem abraten, was wir damals gemacht haben.
Unsere größte unvernünftige Entscheidung war, als “Newcomer” und “Nobody” ein Textsystem für UNIX entwickeln zu wollen. Zu zweit, mit ein paar Studenten. Und nebenher noch zu versuchen, genug Kohle zu verdienen, dass wir und die Studenten ganz gut davon leben konnten. So dass aus dem vorherigen Satz das “zu zweit” eigentlich gestrichen werden muss und nur die Studenten bleiben.
Daraus wurde dann die Erfolgsstory HIT/CLOU. Und es gab ein paar Jahre später einen Zeitraum von 10 Jahren, in dem die Siemens AG mehr Umsatz mit HIT/CLOU machte als mit ihrem zweiten (auch in Lizenz genommenen) Produkt auf SINIX, der Datenbank Informix von RDS (so hieß die Firma Informix am Anfang noch eine Zeit lang).
Damals haben wir angefangen mit einem bunten Haufen junger Menschen HIT und CLOU zu entwickeln. Dies gegen jeden kaufmännischen Sachverstand, einfach dem Wunsch folgend, ein eigenes Software-Produkt zu besitzen.
Da Datenbanken zu komplex und die Kommunikationstechnologie gerade total im Umbruch war, haben wir uns entschieden, eine “elektronische Schreibmaschine” zu entwickeln … Das schien uns einfacher. Und haben uns unsere alte “Brother” und Textautomaten wie die von Triumph-Adler angeschaut und das ganze halt einfach ein wenig besser auf Unix neu implementiert. So einfach kann die Welt sein.
Und wir wurden wenige Jahre später zum Marktführer in Europa – nicht nur auf SINIX sondern auf ganz vielen Unix-Systemen vieler Hersteller!
Zeitgleich hat die Siemens AG eine ganze Reihe von Editoren zu entwickeln versucht. Dort war schon das Produktplanungsteam größer als bei uns die gesamte Entwicklungs-, Projekt- und Vertriebsmannschaft. Alles “vernünftig” geplant, klassisch entwickelt und mit größten Budgets ausgestattet. Mit teuren Entwicklern und Spitzenconsultants.
Und trotzdem sind sie immer wieder gescheitert!
Mit HIT/CLOU hat die Siemens AG in den erwähnten 10 Jahren übrigens 500 Millionen DM Umsatz gemacht. Kann gut sein, dass sie im gleichen Zeitraum für ihre technisch oder am Markt gescheiterten Neuentwicklungen mehr Geld ausgegeben haben.
Gescheitert sind diese Produkte aufgrund von mangelnden Sachkenntnissen wie zum Beispiel der Forderung nach einer gemeinsamen (!) Oberfläche für BS2000, UNIX und DOS. Kann mich da gut an Diskussionen über die Unsinnigkeit eines solchen Vorhabens erinneren, an denen ich beteiligt war.
Und wenn es mal technisch geklappt hat, sind sie im Markt gescheitert, wie mit ComfoText gegen Microsoft.
Und alle haben sich gefragt, wie es möglich sei, dass die kleine InterFace Connection GmbH mit einem überschaubaren Budget Dinge schafft, die von der großen Siemens AG mit ihren Investitions-Millionen und so vielen Planern, Ingenieuren, Entwicklern, Testern nicht erreicht werden konnten.
Die Gründe waren ganz einfach. Eine unvernünftige Entscheidung, die Begeisterung von tollen Menschen in einem Super-Team, ein agiles Vorgehen, viele Partner und natürlich ein wenig Glück – und schon funktionierts.
Deshalb hier der zweite Teil meines Appells für “unvernünftige Entscheidungen”. Auch wenn diese Geld kosten und Ergebnisse verschlechtern. Wir brauchen sie aber, um wirklich Großes zu vollbringen. Und ein Unternehmen ist eigentlich immer etwas Großes.
RMD
P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!
Roland DürreDonnerstag, der 16. Februar 2012
Unternehmertagebuch #71 – Über die Notwendigkeit von unvernünftigen Entscheidungen
Große Konzerne wie z.B. die Siemens AG verfügten in den letzten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts (Jahrtausends) über alle nur denkbaren Ressourcen. Im Unternehmen gab es beliebig viel Kapital und die besten Ingenieure der Welt waren hier zu Hause. Das Image war exzellent, die Marktzugänge optimal und die weltweite Vernetzung in Politik und Wirtschaft perfekt.
Trotzdem sind diese alten und ehemals so mächtigen Unternehmen in vielen Segmenten, die sie früher dominiert hatten, nicht mehr existent. In den wenigen Bereichen, die ihnen noch geblieben sind, werden sie arg bedrängt. um Teil droht ihnen auch dort mittelfristig die Bedeutungslosigkeit.
Gleichzeitig sind junge Firmen entstanden, von denen manche gerade mal ein paar Jahrzehnte weniger alt sind. Und die haben mit hohem Tempo den alten und ehemals so mächtigen Unternehmen den Rang abgelaufen. Eine wie ich finde faszinierende Entwicklung. Was ist da bloß passiert?
Mir fällt auf, dass diese Unternehmen mit großer Stringenz versucht haben, nur “vernünftige Entscheidungen” und “vernünftige Handlungen” zuzulassen. Mit hoher Systematik wurden die Organisationen förmlich darauf ausgerichtet, “unvernünftige Entscheidungen” soweit wie irgendwie möglich unmöglich zu machen.
Die neuen Firmen wie Amazon, Apple, Cisco, Ebay, Facebook, Google, Microsoft, Oracle und viele mehr, ja sogar SAP haben dagegen wesentlich von ihren “unvernünftigen Entscheidungen” profitiert.
Roland DürreSamstag, der 22. Oktober 2011
Und immer wieder – Banken retten!
Der Frust des Mittelständlers
Jetzt ist es wieder so weit. “Man” (sprich der Steuerzahler) muss wohl wieder Banken retten. Es soll einen neuen Stresstest für sie geben. Mit der witzigen Begründung, dass der alte Stresstest nichts genutzt hat. Auch sollen sie höher kapitalisiert werden. Das notwendige Kapital muss dann der Staat (Steuerzahler – wer sonst) erbringen. Und “man” überlegt das konventionelle Geschäft vom “Investitions-Banking” zu trennen, das heißt Banken zerschlagen. Und alles unter Staatskontrolle. Es droht ein europäisches Comecon der Banken. Das ist für mich eine grauenhafte Vorstellung. Viele Banken mit Unmengen von gut bezahlten Mitarbeitern in einem einzigen großen Staatskonglomerat.
Glücklicherweise hört man neuerdings sogar wieder Überlegungen (bis hin zu Drohungen!) aus der Politik, dass man auch mal eine Großbank insolvent gehen lassen könne. Diese Gedanken weisen in eine gute Richtung. Nur hätte man das früher viel billiger haben und auch kontrollierter durchführen können. Zumindest stimmt froh, dass die Banken in den aktuellen Überlegungen doch nicht mehr ganz so “systemrelevant” zu sein scheinen, wie immer behauptet wurde.
Roland DürreFreitag, der 9. September 2011
Der Sinn des Lebens …
Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens!
Auf diskreten Wegen habe ich erfahren, dass es im brand eins des Monat Oktobers um “Sinn” als Schwerpunktthema gehen wird.
Habe also doch recht:
brand eins wird immer mehr ein Wirtschafts-Philosophie-Magazin.
Beim Stichwort “Sinn” ist mir folgende Anekdote aus meinem Leben eingefallen:
In den 80igern fuhr ich mit ein paar Freunden alle ein bis zwei Jahre zu einem Wochenseminar bei Rupert Lay nach Afrika.
Als es mal wieder so weit war, habe ich ganz intensiv mit George Brooke am Projekt “Collage” – einem Window Manager für SINIX und spezielle “thin clients” zusammen gearbeitet. Oder auch wie man damals gesagt hat: Fenstertechnik auf Grafikbildschirmen unter Nutzung einfacher Endgeräte.
Mit George war ich damals regelmäßig in der Siemens-Kantine beim Mittagessen. Ein paar Tage vor dem Abflug sprachen wir über meinen Ausflug nach Afrika. Er wollte wissen, was ich da eine ganze Woche in Kenia machen würde.
Ich erzählte ihm von meinen Seminaren bei Rupert Lay. Dass es um Management und Führung ginge. Aber auch um persönliche Weiterentwicklung. Und dass ich bei diesem Seminar immer ein wenig bei der Sinnfindung für mein Leben weiter käme.
Das konnte er nicht so ganz verstehen, denn er war (und ist) ein sehr funktionaler Technokrat und kopfgesteuerter Engländer. Er fragte danach, was diesmal das Thema des Seminars sei.
Darauf sagte ich ihm:
Hi George, it’s about the “meaning of life”
Meine Worte führten zu einer sehr verhängnisvollen Reaktion. George hatte gerade eine größere Gabel mit Spaghetti in seinen Mund geschoben. Und bekam einen ganz schlimmen Lachanfall, mit entsprechenden Folgen …
mehr »
Roland DürreDienstag, der 30. August 2011
Kinder&Geld und SoftResearch
Bei meiner Urlaubslektüre fällt mir auf, dass die Koalition in Berlin wieder mal uneins ist. Diesmal geht es darum, ob man weiter Kindergeld zahlen soll. Wo es doch offensichtlich nichts bewirkt hätte, denn Deutschland läge bei der Geburtenrate immer noch in Europa ziemlich am Ende.
Als Vater von sieben Kindern kann ich da vielleicht ein wenig mitreden. Unsere Kinder sind jetzt zwischen 31 und 15 Jahre alt. Wie das Kindergeld kam, waren die meisten unserer Kinder schon auf der Welt.
So hat das Kindergeld bei uns keinen Einfluss auf die “Familienplanung” gehabt. Der kleine Zuschuss war aber nicht schlecht. Obwohl die Barbara es geschafft hat, sehr viel bei den Kindern zu sein, haben wir uns immer eine Unterstützung geleistet. Zuerst war es eine Kinderfrau, später hatten wir dann über mehr als ein Jahrzehnt Au-Pairs.
Wie wir die Kinderfrau hatten, gab es noch kein Kindergeld. Dafür hat die Kinderfrau (brutto, mit Sozialversicherung) das Netto-Gehalt der Barbara (Diplom-Mathematikerin univ., halbtags arbeitend) aufgefressen.
Dann hatten wir Au-Pairs aus Frankreich, diversen Ländern Osteuropas aber auch aus Südafrika. Au-Pairs sind nicht billig. Wenn ich in einem Haus in Riemerling ein zusätzliches Zimmer für ein Au-Pair brauche, kostet das Haus schnell 100.000 € mehr. Dazu kommt das Taschengeld, Zuschüsse für Kultur und Anschaffungen und mal eine Heimreise zwischendurch. Da gelangt auch ein großzügiges Kindergeld schnell an die Grenzen.
Roland DürreSamstag, der 30. Juli 2011
Was ich nicht mag … #6 Texte mit Word schreiben
Bei InterFace haben wir selbst mal ein Textsystem geschrieben. Das war der HIT, bestens angetrieben vom CLOU. Eine klasse Software, die ein großer Erfolg wurde. Der HIT wurde zum Hit, denn er war einfach und leicht zu nutzen. Und es gab die CLOU-Bausteine, die den Menschen bei der Arbeit unheimlich geholfen haben.
Der HIT war aber nicht wysiwyg (What you see is what you get). Microsoft kam und dominierte die Bürowelt. Mit Windows setzten sich die grafischen Oberflächen auch in der Breite durch. Die Anwender meinten, sie müssten jetzt einen Desktop Publisher zum Briefe schreiben haben. So musste der HIT weichen. Und die Welt hat Word bekommen.
Früher habe ich viel programmiert. Am liebsten mit “vi”. Heute schreibe ich keine Programme mehr aber um so mehr Texte. Word oder OpenOffice verwende ich aber kaum mehr. Denn es gibt so viele einfache Editoren. Auf Linux, dem Mac oder integriert in Web-Anwendungen. Google gibt es auch noch. Dort kann man eh alles machen!
Roland DürreMontag, der 6. Juni 2011
Rückblick auf Mensch&Management
Genau acht Wochen ist es her, unser fachliches IF-Forum Mensch&Management. Und weil es so schön war und alle Teilnehmer so zufrieden waren, hier noch mal zur Erinnerung alle Vorträge.
Wir haben sie aufgenommen und auf Youtube verfügbar gemacht. Zur Erinnerung: wir haben diese Veranstaltung gemeinsam mit esc Solutions durchgeführt und dürfen ganz unbescheiden sagen, dass Mensch&Management ein großer Erfolg war.
Hier können Sie sich die Videos in der Reihenfolge ansehen, in der sie gehalten worden sind:
Block 1: Menschen im Unternehmen
14:30 – 15:15
Thomas Vallon: Das Unternehmen als Stätte der Entfaltung?





