Roland Dürre
Freitag, der 4. September 2015

In der Fremde

Flag_of_Greece.svgUnseren wunderschönen Urlaub in Griechenland gerade habe ich sehr genossen.

Ein wenig habe ich aber schon gemerkt, dass die Griechen zurzeit von großen Sorgen geplagt werden und doch einige Menschen dort den Umgang der BRD mit dem nicht mehr zu rettenden Schuldner Griechenland nicht verstehen können. Mir ging es trotzdem gut – wie immer im „Ausland“ habe ich mich mit den Menschen gut verstanden.
🙂 Fühle ich mich doch als „halber Grieche“.

Diesen Trick habe ich in 1964 gelernt. Ich war da als Austausch-Schüler den ganzen August in Frankreich. Es war ein Eisenbahner-Austausch, die Vermittlung war eine der zahlreichen Sozial-Leistungen, die die damalige Bundesbahn für ihre vielen Mitarbeitern bereitstellte.

Flag_of_France.svgSo kam ich mit 14 Jahren nach Lyon in eine Eisenbahner-Familie namens Pigneret. Das Ehepaar Pigneret hatte zwei Kinder, Pascal (14 wie ich) und Chantal (vielleicht 9).

Ich war zu Gast bei einer „Raucherfamilie“, so hatte auch Pascal schon seine Pfeife. Und damit ich beim Rauchen nicht zu schauen musste, bekam ich auch eine eigene Pfeife. War das schön, gemeinsam nach den Mahlzeiten ein „Pfeifchen rauchen“. Und ab und zu gab es auch ein kleines Glas Rotwein dazu.

Es war mein erster Auslands-Aufenthalt. Die Urlaube davor hatten uns auf Bauernhöfe in Schladming und Haus im Ennstal (beides Österreich) geführt. Und das war leider für mich – trotz der spannenden fremden Währung (Schilling) und der damals auch schon besseren Nahrungsmittel – kein Ausland.

flagge-europaeische-union-euIn Lyon war ich von vielen Menschen aber gar nicht so gerne gesehen. War ich doch einer der verhassten „les boches“. Der zweite Weltkrieg war ja noch keine 20 Jahre vorbei. Das war auch bei den Jungen in meiner Altersklasse so.

Die Ressentiments gegen die Deutschen habe ich zum Beispiel beim Fußball-Spielen mit vielen gleichaltrigen Franzosen schmerzhaft gespürt. Es waren ja Ferien und auch die französischen Kinder waren damals noch freier als heute und haben in großer Anzahl auf den vielen Hinterhöfen und freien Plätzen gespielt.

Auch die Familie Pigneret musste lernen, dass den nachbarschaftlichen Beziehungen damals die Aufnahme eines „boches“ in der Familie nicht gut tut. So sind wegen mir Beziehungen zu befreundeten Familien zerstört worden.

Ich habe damals zu einem Trick gegriffen und habe den Menschen erklärt, dass ich eigentlich nur ein halber Deutscher und ansonsten halber Franzose wäre und mich als solcher fühlen würde. Das lag nahe, weil mich die Lebensart, das Klima, die Sprache und vieles mehr in Frankreich schnell so begeistert haben, dass es nicht einmal eine Unwahrheit war.

900px-Flag_of_the_Netherlands.svgMit 16 war ich mal wieder im „echten“ Ausland. Es war der einzige Urlaub am Meer, den meine Eltern mit uns gemacht haben. Es ging nach Terschelling, einer wunderschönen Watteninsel, die zu Holland gehört. Und auch da war ich als Deutscher gar nicht so beliebt. Auch da hat meine kleine Notlüge geholfen. Obwohl ich gar kein Holländisch konnte. Aber allein das Bekenntnis war es wohl wert. So habe ich diesen Trick zur Strategie gemacht.

Wenn ich heute in Indien bin, dann fühle ich mich wie ein halber Inder – und versuch auch so aufzutreten. In China bin ich ein halber Chinese. Meine Radtouren haben mich durch viele Länder geführt. Immer war ich ein halber Italiener, Korse, Kroate, Marokkaner, Rumäne, Serbe, Sizilianer, Slowene, Slowake, Tscheche, Tunesier, Ungar oder was auch immer.

Flag_of_SwitzerlandUnd in der Schweiz bin ich ein halber Schweizer, eine Rolle, die mir besonders gut gefällt. Und im schwarzen Afrika bin ich dann ein halber Neger
🙂 Hoffe, dass ich dann ein „wunderbarer Neger“ bin.

Sogar in USA bin ich ein halber Amerikaner, obwohl ich mir diese Rolle nicht immer Spaß macht. Dafür bin ich sehr gerne ein halber Australier, Kanadier oder Neuseeländer. Man sieht, auch ich habe meine Ressentiments …

In Lettland war das übrigens schwierig, ist doch jeder zweite Lette in Wirklichkeit ein Russe, und die Russen mögen die Letten genauso wie auch die Letten die Russen nicht. Da kann man als halber Lette schon mal beim falschen ankommen.

Tatsächlich bin ich übrigens ein halber Preuße, weil mein Vater aus einer Familie kam, die viele Generationen in Berlin gelebt hat. Aber ein halber Preuße mach ich so gar nicht sein, dann doch lieber ein halber Österreicher.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 1. Juli 2015

Keine Grenzkontrollen mehr aber immer mehr Schleierfahndung

Heute morgen habe ich in Bayern 2 ein Interview mit unserem bayerischen Innenminister, Herrn Herrmann gehört. Der Hintergrund war die Entscheidung, mehr Polizeibeamte für die Schleierfahndung abzustellen! Begründet wurde die Maßnahme mit den Fahndungs-Erfolgen der erhöhten Rasterfahndung anlässlich des auch ansonsten angeblich so erfolgreichen G7-Gipfels in Elmau. Zumindest war ja die Zufriedenheit unserer Politiker mit den Ergebnissen der Veranstaltung so hoch.

EuropaSo läuft das. Im Namen einer europäischen Vision werden Grenzkontrollen abgeschafft. Wenn auch nicht ganz! Denn auch während Elmau gab es Grenzkontrollen – die an der Grenze zu Österreich auf der Rückfahrt im DB IC-Bus von Zürich kommend habe ich selbst erlebt. Ich lese aber nirgends, welche Fahndungs-Erfolge diese Maßnahme gebracht hat, oder ob diese Erfolge in der obigen Zählung enthalten sind. Das aber nur so nebenbei.

Und jetzt wird die Schleierfahndung ausgeweitet. Zuerst an den grenznahen Gebieten, dann weil sie erfolgreich ist immer weiter und zuletzt in den Städten, denn da wird sie wahrscheinlich Fahndungs-technisch am sinnvollsten sein. Wenn wir sie da nicht jetzt schon haben.

Ich selbst sehne mich schon fast wieder nach den guten alten und ganz normalen Grenzkontrollen zurück. Irgendwie wusste ich da, auf was ich mich einlasse. Eine überraschende Kontrolle dagegen ist zumindest immer inkommode und lästig. Auch weil die Kontrolleure ja immer mit dem schlimmsten rechnen müssen.

Aber so sieht die „Europäische Einigung“ leider aus. Der EURO wird zur heiligen Kuh gemacht und unmenschliches Handeln mit der Verteidigung einer „Wertegemeinschaft“ begründet. Das Grundgesetz wird durch höhere (europäische Gesetze) geschwächt, die Reduktion von Freiheit findet auf vielen Ebenen statt, eine Erhöhung der sozialen Ungerechtigkeiten wird beschleunigt und wir unterwerfen uns kollektiv einem obskuren Glauben an das ewige Wachstum. Und immer mehr „Bürocrazy“ greift um sich.

Und das alles wird mit der dauernden Beschwörung gerechtfertigt, dass das alles notwendig wäre. Sonst würde man den Europäischen Gedanken, den Wohlstand und vor allem die Arbeitsplätze gefährden. Wobei man Letzteres in vielen „schwachen“ europäischen Ländern mehr als billigend hin nimmt.

Ich bange um mein geliebtes Europa.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 18. Mai 2015

Wenn man seine Infrastruktur nicht pflegt oder …

Amtrak-Zug auf der Cardinal route fährt ein in die Culpeper Station

Amtrak-Zug auf der Cardinal Route fährt ein in die Culpeper Station.

Warum die Amtrak-Züge so marode sind …

Dieses Wochenende stand in der SZ  ein Artikel, der den schlechten Zustand der amerikanischen Staatsbahn Amtrak beschrieben hat.

Anlass war ein weiterer Bericht über ein Zugunglück, bei dem ein Regionalzug zwischen Washington und New York entgleiste. Bei diesem Unglück starben mindestens sieben Menschen, 200 wurden verletzt, zum Teil schwer.

Der Zug war doppelt so schnell unterwegs wie erlaubt. Und der Unfall hätte vermieden werden können, wenn denn …

Die beiden Artikel möchte ich zur Lektüre empfehlen. Trotz steigender Passagierzahlen wird die Infrastruktur der Eisenbahnen in USA vernachlässigt. Für notwendige Sicherheitsvorrichtungen gibt es kein Geld.

Besonders die Republikaner lässt das kalt. Die können eh nicht verstehen, wozu man eine Eisenbahn braucht: Das wäre doch eine reine Verschwendung in einer Zeit, in der es doch Autos gäbe.

So ist es in „God’s own Country“.

😉 Ach wie gut, dass bei uns alles besser ist.

RMD

P.S.

Das Bild ist aus Wikipedia, der Urheber ist jpmueller99 from Shenandoah Valley of VA, USA.

This image, which was originally posted to Flickr.com, was uploaded to Commons using Flickr upload bot on 22:16, 26 October 2008 (UTC) by TheCatalyst31 . On that date it was licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 12. Februar 2015

Stehpinkeln – oder der emanzipierte Mann

Carl und Gerlinde (XL)

Als Carl jüngst durch die „Frankfurter Allgemeine“ im Morgengrauen ein Gerichtsurteil des Amtsgerichtes Düsseldorf ins Haus geflattert kam, hätte er vor Freude nicht nur laut schreiend die Straße auf und ab rennen, sondern in den anliegenden Häusern auch alle Klomuscheln umarmen können!

ZZZSTimg164Denn endlich war ihm einmal als Mann durch die deutsche Justiz Genugtuung zuteil geworden! Genugtuung, an die er – und unzählige andere seiner Spezies – nie mehr zu glauben gewagt hatten, nach all den Ausgrenzungen und Erniedrigungen in diesem Land, das seit Menschengedenken von einer übermächtigen, freudlosen Frau in eine ungewisse Zukunft gelenkt wurde…

Und dann – dieses unerwartete Geschenk des Himmels am frühen Morgen, von dem Gerlinde völlig unberührt blieb: sie säuselte seelenruhig in ihrem Bettchen vor sich hin, während alle Zeichen auf eine endgültige Emanzipation des Mannes deuteten!

Natürlich fragte sich Carl, wie das auf einmal möglich war? Was passiert war? Gab es in diesem Land doch so etwas wie Gerechtigkeit? Sorgte vielleicht doch eine ausgleichende Wesenheit nach den Gesetzen der Entropieminimierung dafür, dass auch die Ungerechtigkeit minimiert wurde?

Wenn ja, dann könnte die unscheinbare Meldung in der „Frankfurter Allgemeinen“ an diesem Freitagmorgen ein erstes Zeichen gewesen sein! Ein Zeichen dafür, dass es sowohl für die Spezies Mensch als auch die Spezies Mann Hoffnung auf eine bessere Zukunft gab – während Gerlinde genüsslich vor sich hinschnarchte…

Für Carl aber krachte diese Zukunft wie ein Böllerschuss in sein Leben mit der amtlichen Feststellung des Düsseldorfer Richters Stefan Hank,

„….dass das Urinieren im Stehen nicht untersagt werden darf!

Sie sorgte dafür, dass sich Carl schlagartig nicht nur als Mensch neu definierte, sondern insbesondere auch als Mann! Und zwar als Mann, der endlich auch im Stehen daheim sein Wasser abschlagen durfte! Und dem das niemand mehr verbieten konnte! Weder eine Mutter, noch eine Ehefrau, noch eine Lebensabschnittspartnerin, noch die Putzfrau…

Was natürlich klipp und klar und ohne jede weitere Deutungsmöglichkeit hieß, dass auch die immer noch schlafende Gerlinde ab sofort zur Kenntnis nehmen musste, dass er – Carl – genau wie jedes andere männliche Wesen auf der Welt – das Recht hatte, im Badezimmer im Stehen in die Klomuschel zu pinkeln!

Diese völlig neue Rechtslage am Beginn des 21.Jahrhunderts, deren Abklärung Gerlinde ahnungslos verschlief, kam wie so oft bei großen Ereignissen, völlig unscheinbar in Form zweier einfacher Sätze von Richter Hank daher, die da lauteten:

„Trotz der in diesem Zusammenhang (nämlich der Mann – Frau – Beziehung) zunehmenden Domestizierung des Mannes ist das Urinieren im Stehen durchaus noch weit verbreitet. Jemand der diesen früher herrschenden Brauch noch ausübt, muss zwar regelmäßig mit bisweilen erheblichen Auseinandersetzungen mit – insbesondere weiblichen – Mitbewohnern, nicht aber mit einer Verätzung des im Badezimmer oder Gäste-WC verlegten Marmorbodens rechnen“. (Aktenzeichen 42 c 10583/14)

Und klaro! – wenn der Marmorboden nicht verätzt wurde, wurden auch etwaige Keramikfließen auf dem Boden nicht verätzt, und wenn diese nicht verätzt wurden, dann natürlich auch die Klobrille nicht, was eine ganz einfache induktive Schlussfolgerung war, die auch einer Gerlinde, sollte sie jemals wieder aufwachen, einleuchten musste, obwohl ihr natürlich als Frau nicht immer der Zugang zur Logik gegeben war.

Anders bei Carl, der sich seinerseits aber jeden Versuch einer Domestizierung verbat, den der Richter angesprochen hatte, da sich ein Mann wie er niemals domestizieren ließ! Und schon gar nicht von einer Frau!

Das ging ja nun gar nicht!

Im Gegenteil, jetzt wo er endlich gerichtsfest, schwarz auf weiß verbrieft, im Bad und auf der Toilette ganz Mann sein durfte, wollte er diesen Akt der Emanzipation um jeden Preis durchziehen und auskosten und sich durch keinerlei Domestizierung oder sonst etwas, einschränken lassen.

Da konnte seine schlummernde Gerlinde sich noch so sehr auf den Kopf stellen (was sie ja bei einigen Yogaübungen ohnehin schon tat), er, Carl, war jedenfalls nicht mehr bereit von seinem Recht – gänzlich Mann zu sein – abzurücken!

Und Gerlinde würde er noch heute die neue rechtliche Pinkelsituation unter ihr keckes Näschen reiben! Was mit Sicherheit nicht ohne lautstarken Wortwechsel abging! Das war klar wie Rinderbrühe, aber die Sache Wert, sagte sich Carl und war stolz, wie gelassen und nüchtern er die Dinge noch vor der ersten Tasse Kaffee an diesem Morgen sah…

Na ja – und da Gerlinde vermutlich jetzt wirklich bald aufwachen würde, war zur Sicherstellung eines reibungslosen Gesprächablaufes es bestimmt pfiffig und klug, sie nicht schon vor dem Frühstücksei mit richterlichen Fakten zu überfallen, sondern erst eine Weile abzuwarten und ihr dann, je nach Befinden, bei einem Gläschen Sekt und mit der Zeitung in der Hand, die neue gerichtsfeste ‚Pinkelsituation’ zu präsentieren…

Ja das war eindeutig der bessere Weg! Der viel bessere sogar!

Und wenn er es genau überlegte – so Carl – stellte sich ja ohnehin letztlich die Frage, warum Gerlinde überhaupt mit dieser Sache konfrontiert werden musste? Sie stand doch nicht prüfend neben ihm, wenn er pinkelte! Also warum dann soviel Theater darum machen und endlos darüber quasseln?

„Hey – wo sind wir denn?“ sagte er laut zu sich selbst, legte die „Frankfurter Allgemeine“ beiseite und schlüpfte nach dieser spontanen Eingebung schnell noch einmal unter die warme Bettdecke…

Er konnte doch am Klo machen was er wollte: wenn er beschloss beim Pinkeln zu stehen, dann stand er, und wenn er beschloss sich wie bisher zu setzen, dann war das auch gut und er tat sogar noch Gerlindes nagender Forderung genüge!

Wichtig war doch nur, dass er nicht kniff, sondern klar Position bezog! Und das tat er jetzt, wo er im Lichte der neu gewonnenen Freiheit alle Optionen hatte und sich sowohl stehend als auch sitzend der Klobrille nähern konnte!

War das nicht ein irres, männliches Gefühl, nicht ‚alternativlos’ zu sein, wie es die Kanzlerin oft war…

KH
(Translated by EG)

Klaus Hnilica
Dienstag, der 27. Januar 2015

Vorhofflimmern…

Carl und Gerlinde (XXXIX)

Eine Nacht ohne Schlaf, brennende Schmerzen in der Brust, ein herumtorkelndes Herz und Dr. Riffelmanns Diagnose reichten, dass Carl eineinhalb Wochen später doch mit Hannelore und Gerlinde zu diesem blöden ‚Weiberkurs’ trabte…

ZZYVoimg162Aber Gerlinde hatte Recht! Er musste kürzer treten bevor der Zug – nein sein Zug – endgültig ab oder sonst wohin gefahren war!

„Diese Vorhofflimmer-Episode sei ein Alarmsignal gewesen, das sehr ernst genommen werden müsse“, sagte Dr. Riffelmann und verkniff sich sein sonst übliches Lächeln. Ein Glück, dass Carl erst Mitte Fünfzig war und nur leicht erhöhte Blutdruckwerte hatte: da reichte ein schlichter Betablocker, um das ‚herzliche Gezappel’ wieder in geregelte Bahnen zu bringen und von Blutverdünnern konnte abgesehen werden…

„Doch Vorsicht, das ändere sich schneller, als Carl es wahrhaben wolle“, sagte Dr. Riffelmann mit einem eher angedeuteten Lächeln. Damit das nicht passiere, müsse Carl ab sofort sich zu regelmäßiger Bewegung durchringen, wenig Alkohol trinken und deutlich seinen täglichen Stress reduzieren!

Bei den Worten ‚Stress reduzieren’ lächelte Carl mit Dr. Riffelmann plötzlich um die Wette! Wie sollte das denn gehen, bei dieser Lawine an Schwierigkeiten im internationalen Trikotagengeschäft?

Aber gut, vielleicht konnte er ja in der Firma dem rotgesichtigen Fritz Kuhlmann den Arbeitsplatz an der Pforte abspenstig machen und als Gegenleistung ihm seinen Unterwäschevertrieb samt Vorhofflimmern andrehen? Und vielleicht half ja sein Chef, ‚Osterkörnchen’, ausnahmsweise einmal konstruktiv mit, statt nur zu labern? Und der Betriebsrat auch?

„Nun, man müsse ja nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten“, meinte Dr. Dauerlächler, „wichtig wäre doch vor allem zu lernen, wie mit Stress besser umgegangen werden konnte? Und wie er sich abbauen ließ? Eben nicht nur durch noch mehr abendliche Bierchen und Whiskys, sondern gezielt durch täglichen Sport oder spezielle Entspannungsübungen!“

„Entspannungsübungen?“

„Ja – es gibt ganz hervorragende Kurse auf diesem Gebiet in denen man das lernen kann“, stellte Dr. Riffelmann begeistert fest.

„Sie denken aber bei diesen Entspannungsaktivitäten jetzt hoffentlich nicht an das wunderbare Reich der Chakren und Klangschalen in dem energiegeladene Gummidrachen für 125.- € alle Spannungen in mir auflösen, Herr Doktor?“ stöhnte Carl laut auf, grad so als wär ein Nerv angebohrt worden.

„Nein – ich rate Ihnen natürlich nicht zu Yoga Vidja, so gut kenn ich Sie schon. Aber wie wär’s denn zum Beispiel mit einem stink normalen Autogenen Training?“

Carl verdrehte die Augen und brummelte unverständliches Zeug vor sich hin.

„Ja! Warum wollen Sie nicht einmal versuchen ganz unvoreingenommen mit ‚AT’ ihren aufgestauten Stress abzubauen?“

„Deswegen nicht, Herr Doktor Riffelmann, weil ich dann nicht mehr mit einem simplen Vorhofflimmern bei Ihnen ankomme, sondern mit tödlicher Sicherheit als Amokläufer: denn wenn mir der rechte Arm schwer werden muss! und das linke Bein warm! dann brennen bei mir alle Sicherungen durch!“ grunzte Carl mit hochrotem Kopf und einer neuerlichen Flimmerepisode…

„Und wär’ das so schlimm? Ich mein’ jetzt nicht den Amoklauf, sondern den schweren rechten Arm und das warme linke Bein! Sie glauben ja gar nicht wie entspannend das sein kann und wie stabilisierend sich das auch auf ihren Herzrhythmus auswirkt…“

„Tut mir leid, Herr Dr. Riffelmann, bei mir gibt es bei diesem ‚AT’, wie Sie es nennen, nur zwei sich gegenseitig ausschließende Reaktionen: entweder werde ich aggressiv wie ein ausgehungerter Varan! Oder ich falle auf der Stelle in einen komatösen Schlaf…“

„Na ja – letzteres wäre ja gar nicht so schlecht? Abgesehen von dem etwas beschwerlichen Transport nach Hause, aber vielleicht haben Sie ja eine gute Seele die das bewerkstelligt“, meinte Dr. Riffelmann mit einem genussvollen Grinsen.

Da war das sonnenbraune Lächeln vorhin angenehmer gewesen, dachte Carl, als er missmutig das Rezept für seinen Betablocker bei der Arzthelferin entgegennahm.

Umso erstaunlicher war dann die Kehrtwende!

Oder war es gar keine? Sondern vielmehr wieder nur eine dieser üblichen Gerlindeschen Manipulationen, die natürlich wusste, wie stark sie bei dem abgetakelten Sprungstier Carl am Nasenring ziehen musste, damit er genau auf dem von ihr gewünschten Trampelpfad landete…

Nun – es dauerte genau zwei – mehr schlecht als recht durchschlafene Nächte – bis Carl beim Frühstück nach einem zweiminütigen Hustenanfall, ausgelöst durch ein Stück Französisches Baguette, auf das er wie üblich Finger dick die Aprikosenmarmelade aufgetürmt hatte, Gerlinde darüber informierte, dass diesem komischen Dr. Riffelmann, den sie ihm doch seinerzeit empfohlen hatte, sozusagen als begleitende präventive Maßnahme zu den Betablockern gegen sein Vorhofflimmern nichts Besseres einfiel, als ausgerechnet ihm – obwohl er doch wissen musste, wie sehr er jede Art von esoterischen Kram hasste – einen AT–Kurs zur Stressbewältigung vorzuschlagen.

„Na ja dann komm’ doch mit Hannelore und mir mit“, sagte Gerlinde grad so als hätte Carl nach einem zweiten Frühstücksei gefragt.

„Was? – Wie? – Wo? Ich soll bei euerem Weiberkram mitmachen“?

„Warum nicht?“

„Ja ist denn da überhaupt irgendein Mann dabei?“

„Schon.“

„Ich mein der nicht schwul ist?“

„Gottchen das weiß ich nicht genau“!

„Hm!“

„Ja…“

„Und wer leitet den Kurs?“

„Na ja der Severin?“

„Was, ein Mann?“

„Ein Sportstudent!“

„Und ist der schwul?“

„Mit Sicherheit nicht“, flüsterte Gerlinde mit einem schmutzigen Lächeln.

„Wieso weißt du denn das so genau?“

„Weil ich’s halt weiß – und Hannelore hat’s auch bestätigt…“

„Was soll das denn nun heißen?“

„Na ja, dass sie es auch sicher weiß…“

„Puh – ich glaub ich bin im falschen Film!“

„Wieso das denn?“

„Na ja wenn ich deine glänzenden Augen sehe beim Sportstudent Severin…“

„Kannst ja mitkommen und dir den Severin anschauen…“

„Ja geht das denn?“

„Wenn ich mit ihm red’ geht alles…“

„Das wird ja immer schöner“, stöhnte Carl und verdrückte sich ohne ein weiteres Wort ins Büro, da er irgendwie das Gefühl hatte, gleich wieder ins Vorhofflimmern zu fallen, wenn er nicht schnellsten für ausreichenden Abstand zwischen sich und seiner Gerlinde sorgte.

Und Samstagvormittag klinkte Carl sich dann tatsächlich ein, als Gerlinde zu diesem komischen AT – Kurs aufbrach!

„Na ja schaden wird’s schon nicht – aber helfen sicher auch nicht“, zischelte er mit einem verlegenen Smiley und drückte sich spontan mit ins Auto.

Tja – und Gerlinde überlegte, ob sie ihm noch auf dem Weg zum Kurs oder erst später sagen soll, dass der Severin momentan und eigentlich schon immer von der Uschi Müller vertreten wird…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 11. Dezember 2014

Was ist los mit Deutschland – schläft es wirklich?

Carl und Gerlinde (XXXVIII)

Als Carl morgens im Badezimmerspiegel seine zerknautschte Visage anstarrte überlegte er kurz, ob er sich gleich eine reinhauen sollte, oder erst nach dem Frühstück! Aber mit leerem Magen ging das ohnehin nicht: diese versifften Mundwinkel und die Schimmelzunge waren viel zu ekelhaft! Außerdem fürchtete er, sich jeden Moment übergeben zu müssen. Kam’s vom Magen? Oder dieser Halloween–Fratze?

ZZWerIII Die heiße Dusche brachte die Erlösung!

Der Wasserstrom über Kopf, Rücken und Gesäß wirkte wie ein belebender Stromstoß. Als dann die Brust, der Bauch und das leblose Würmchen berieselt wurden, kam auch Carls schwabbelndes Großhirn in Schwung. Ja es schlängelte sich sogar die eine oder andere Erinnerung wieder durch seine Alkohol getränkten Synapsen. Auch die stechenden Kopfschmerzen waren fortgewischt. Nur die eineinhalb Liter Pinot Grigio in Blut und Leber mussten noch ausgeschwitzt werden und die gestrigen Gesprächstiraden von Dr. Osterkorn alias Bernie und Miriam auch…

Vollkommen überraschend war dieser ‚weinselige Gedankenaustausch’ gestern Abend bei Bernies Lieblingsitaliener für Carl nicht dahergekommen: Nach dem desaströsen Einbruch der Auftragszahlen im Unterwäschebereich durch die ‚Russlandklatsche’ war natürlich sonnenklar, dass die wichtigsten Spartenleiter bei TRIGA weithin hörbare Schnellschüsse abfeuern mussten.

Carl erinnerte sich dunkel, dass Bernie so etwas Ähnliches von sich gegeben hatte und schäumte sorgfältig seine muffelnden Achselhöhlen ein – puh! das war höchste Zeit…

Letztlich war Bernie auch nur ein Getriebener! Genau wie die Geschäftsführung und der Konzernvorstand: alle mussten die geplanten Renditeziele erreichen. Ohne Rendite – keine Boni! Weder für die Geschäftsführung noch für Bernie und seinen Spartenvertriebsleiter Carl. Und für Miriam, die Verantwortliche im Bereich Unterwäsche, schon gar nicht.

Wisst ihr – wir bräuchten ein komplett neues Narrativ für unsere Unterwäsche, hatte Bernie dann spontan losgeblafft und Miriam mit brunftigen Jungstierblick zugeprostet, die skeptisch ihre Augenbrauen hochzog. Ja – wir benötigen unbedingt eine richtig umstürzlerische Idee, um die Geschichte unserer Slips, Tops und BHs neu erzählen zu können und an unsere Kunden narrativ rüberzubringen! Ja und vielleicht sollten die Tops in den nächsten Jahren doch mal wieder bis zum Nabel reichen und die Damenhöschen wieder Höschen sein, die nicht nur das Schamhaar abdecken und hinten als Pobackenteiler fungieren?

Da Carl sich gerade den Po einschäumte, als dieser Erinnerungsfetzen durch sein Großhirn wehte und mit Entsetzen an Tangahöschen für Männer dachte, ging ein derartiges Beben durch seinen lädierten Körper, dass das herabrieselnde Duschwasser – oh Schreck – krachend gegen die Duschkabine platschte…

Vielleicht hat Putin ja wirklich Recht, hatte Bernie laut vor sich hin monologisiert, wenn er seit Sommer solche ‚Höschenfragmente’ von der russischen Frau fernhält und sie zukunftsweisend wieder in Richtung einer Unterhose dirigiert, die diesen Namen auch verdient. Dass er dabei in einem Aufwasch gleich die Werteskala für das ‚Neue Russland’ nachjustiert, kann ihm eigentlich niemand verübeln! Schließlich durfte das große, stolze Russland niemals auf das jämmerliche Niveau des dekadenten Westens absinken und Idealen huldigen deren aufgegipfelte Verkörperung eine ‚Conchita Wurst’ ist! Ist doch nachvollziehbar, oder?

Und wie stellst du dir das vor, lieber Bernie? Giftete Miriam plötzlich los: sollen wir dann zukünftig auch in Unterhosen bis zum Hals herumrennen und uns unterm Kaschmirkaftan verstecken? Na dann Prost-Mahlzeit, du Putinversteher! Du willst uns doch nur ins neunzehnte Jahrhundert zurückprügeln, damit du wieder ins Russlandgeschäft kommst, oder? Wenn dem so ist, lass es mich beizeiten wissen, ich bin dann schneller weg als du ‚Indianer Jones’ aussprechen kannst!

Carl, der sich endlich bis zu den Zehen durchgeschäumt hatte, war ziemlich erstaunt gewesen, dass Miriam so temperamentvoll ihren Bernie angeraunzt hatte. Das war echt super gewesen und verdiente einen extrakräftigen Massagestrahl auf Rücken und Lenden! Herrlich – wirklich ein Genuss…

Welch eine glückliche Fügung, dass dann das Essen gekommen war, sonst hätten sich Miriam und Bernie richtiggehend ineinander verbissen, aber so konnte Bernie ersatzweise in seinen Lammbraten beißen, Miriam an der überbackenen Goldbrasse knabbern und er sein Lammgulasch in Zitronensauce so hastig reinschaufeln, dass er von daher schon gezwungen war den Mund zu halten.

Da Bernie derlei Artigkeit offensichtlich fremd war und er mit vollem Mund weiterlaberte, ließ er Carl und Miriam voll an seinem zarten Lammbraten teilhaben, indem er ihn auch kleinteilig vor sich auf dem Tischtuch ausbreitete. Andererseits gelang ihm dadurch der nahtlose Übergang von Putin zu Merkel, von der er mehrfach energisch ein ähnliches Narrativ für Deutschland forderte, wie es Putin für das ‚Neue Russland’ geliefert hatte!

Aber du gehst jetzt nicht so weit, Bernie, dass du von ‚Mama Merkel’ nach der ‚Energiewende’ nun auch noch eine vorbildhafte radikale ‚Unterhosenwende’ einforderst, ätzte Miriam ebenfalls nahtlos weiter, während sie ihre Goldbrasse fachfraulich zerlegte.

Nein natürlich nicht, mampfte Bernie, aber ‚unsere Angela’ könnte das Deutsche Volk doch einmal mit einem hübschen, brauchbaren ‚Narrativ für Deutschland’ überraschen, statt es permanent mit sinnentleerten Worthülsen einzulullen! Es täte uns gut endlich aufzuwachen und uns mehr um den Rest der Welt zukümmern, statt ihn ständig mit unseren Ängsten zu quälen! Nur ‚German Angst’ ist ein bisschen wenig, oder Carl?

Ja dem konnte Carl unter der Dusche nur zustimmen und endlich den tierisch guten Massagestrahl abdrehen: Denn nach der Wassermassage war ‚Kaltduschen’ angesagt! Und das erforderte mindestens die gleiche Überwindung wie die Entwicklung eines Narrativs für Deutschland…

Aber siehe da, Osterkörnchen war nicht zu bremsen gewesen, ihn verlangte nach Miriams Rüffel und dem Lammbraten, nicht nur sofort nach einem Tiramisu, sondern er kam praktisch zeitgleich selber mit narrativen Ideen daher. Oder war’s Miriam gewesen? Die meinte wir sollten in einem neuen Narrativ für Deutschland nicht mehr nur den zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau und den Holocaust gebetsmühlenartig repetieren und auch nicht nur über die Überwindung der Ost – West – Spaltung und Europa reden, sondern vielmehr die Tatsache hervorheben, dass Deutschland neuerdings ein höchst begehrtes Einwanderungsland ist und zum Beispiel während der letzten beiden Fußballweltmeisterschaften sogar plötzlich als hip, multikulti, fröhlich und bunt galt!

Da hatte Carl dann auch schon genug von der ‚Kaltdusche’! Bibbernd sprang er aus der Duschkabine, rubbelte sich laut stöhnend mit dem Badehandtuch ab und wollte partout nicht mehr daran erinnert werden, dass er nach Miriams klugen Einwurf – vielleicht schon etwas angesäuselt – unbedingt auch die ‚Energiewende’ in das neue Deutschlandnarrativ einbinden wollte und mit schwerer Zunge darauf bestand, dass sich dadurch quasi von selbst ein gravierender Paradigmenwechsel im Unterwäschegeschäft ergäbe: denn warme Unterwäsche führe zwangsläufig zu einer Reduktion der Heizleistung und damit auch des CO2 Ausstoßes in die Umwelt! Das sei doch klar wie Kloßbrühe!

Und gestützt auf diese Fakten könnte Frau Merkel in ihrer wenig präzisen Art vermutlich dann wirklich allen Skeptikern seelenruhig entgegensäuseln, dass das Land der ‚Dichter und Dämmer’ in den von der Regierung massiv geförderten warmen Unterhosen sehr wohl seine ehrgeizigen Klimaziele in der Europäischen Gemeinschaft erreichen wird! Ja diese sogar noch überbieten werde, wenn in der großen Koalition, konform mit Herrn Sigmar Gabriel, noch vor Jahreswechsel – abweichend vom Koalitionsvertrag – beschlossen würde, dass neuerdings auch ‚Thermounterwäsche’ ähnlich umfangreich gefördert würde wie die Wärmedämmung der Gebäude, ohne dass dadurch natürlich die schwarze Null von Herrn Schäuble in Gefahr geraten dürfte, was zwar nicht dem Weltklima aber doch der CDU immens schaden würde – und allein das zählte! Letzteres sagte Frau Merkel zwar nicht in Carls Gedankenwelt, dachte sie aber.

Kurz danach musste bei ihm der Film gerissen sein, denn an den Jubelschrei von Bernie hatte er keine Erinnerung mehr – und wie er nach Hause gekommen war wusste nur Gerlinde, die ihn aber heute Morgen nicht sehen wollte, was schon ein bisschen komisch war, oder?

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 13. November 2014

Glücklich die Unglücklichen…

Carl und Gerlinde (XXXVII)

Oh Gott – warum ausgerechnet nach diesem himmlischen Steak mit Champignons und Broccoli? Sogar der Riesling hatte die richtige Temperatur. Was nicht selbstverständlich war bei Gerlinde. Doch heute war sie perfekt – die Temperatur! Und dann das… ZZDimg130

Aber irgendwie hatte alles schon so blöd angefangen, als Carl vom Büro heimgekommen war: Gerlinde spitzte völlig unerwartet schmollend ihr knallrotes Mäulchen nach dem flüchtigen Begrüßungskuss und blieb schweigend vor ihm stehen. Ihr fordernder Blick während dieser stummen Geste war irgendwie peinlich. Unter dem Vorwand aufs Klo zu müssen, beendete Carl schließlich diesen grotesken Prolog! Ihm war aber klar, dass der Höhepunkt des Trauerspiels noch ausstand…

Und dies ausgerechnet an einem Tag, an dem in der Firma wieder einmal der Katastrophenknüppel ausgepackt worden war! Zwar hatte der umtriebige Spartenleiter Dr. Osterkorn die siebzehn Power Point Folien mit permanent sinkenden Auftragseingängen in allen Bereichen der Wäschesparte bei TRIGA anfangs kommentarlos vorbeihuschen lassen, dann aber doch ohne jede Vorwarnung auf die brutalst mögliche Art das volle Ausmaß der ‚russischen Unterwäschekatastrophe’ an die Projektionswand geklatscht!

Denn seit Putin Mitte des Jahres in der gesamten Eurasischen Wirtschaftszone ein Einfuhrverbot und Produktions- und Verkaufsverbot für Spitzenunterwäsche erlassen hatte, gab es praktisch keine Aufträge mehr von den beiden russischen Unterwäschegroßhändlern ‚ARMED’ und ‚Suwen’! Der gesamte Geschäftsverkehr mit Russland war von einem Tag auf den anderen zusammengebrochen. Und das nur, weil Väterchen Putin meinte, neben der Ukraine sich auch um die Gesundheit seiner Landsleute kümmern zu müssen! Schließlich setzten diese nicht saugenden Spitzenhöschen und satanischen High Heels seinem ohnehin schon durch Wodkaüberflutungen arg geplagten Völkchen in ungeahntem Ausmaß zu: denn die dadurch eingeschleusten faschistischen Geißeln, ‚Blasenkatarr’ und ‚Fußfehlstellung’, drohten nun auch noch die russischen Frauen zu dezimieren…

Carl zögerte!

Sollte er wirklich diesen kompletten Firmen-Schmarren vor Gerlinde ausbreiten und ihr die Laune verderben? Wo sie doch nach der arg wirren Begrüßungsstarre jetzt wieder richtig quicklebendig vor ihm herumzappelte und mit traumhaften Leckereien lockte. Und das alles bestimmt in einem ihrer bezaubernden roten Spitzenhöschen, wie sie Putin gar nicht mochte, da war er sich ganz sicher…

Nein – das tat er nicht!

Dazu war er auch viel zu müde und abgespannt!

Am Liebsten hätte er ohne ein weiteres Wort und ohne Gerlinde – aber mit dem schönen Riesling – nur das superbe Essen in sich hineingeschaufelt und Country Music gehört… Doch das rote Spitzenhöschen war nicht zu bremsen: denn kaum hatte Carl das zarte Steak zwischen seinen Zähnen zermalmt, durchgespeichelt, in den Magen versenkt und mit drei Gläsern Riesling abgelöscht, als Gerlinde ihn schon mit der Frage überfiel – ob er glücklich sei?

Carl prostete ihr abwiegelnd zu und versuchte lachend die Frage zu übergehen! Ja er entblödete sich nicht einmal – obwohl er unfähig war, auch nur noch einen Bissen in sich hineinzuwürgen – sie zu fragen, ob sie nicht doch noch eine klitzekleine ‚Nachspeiseüberraschung’ für ihn bereit hielte?

„Natürlich“ sagte Gerlinde verschmitzt, „ich möchte wissen, ob du glücklich bist, Carl“? „Heißt das, meine Nachspeise ist was zum Knabbern? Nämlich die Frage ‚bin ich glücklich’?“ fragte Carl neugierig.

„Ja!“

„Was bringt dich denn dazu?“, sagte Carl irritiert.

„Na ja, ich möchte es halt wissen? Hannelore ist nämlich nicht glücklich!“

„Was bei dieser überspannten Kuh, wirklich kein Wunder ist“! polterte Carl.

„Warum denn gleich so heftig“?

„Weil ich plötzlich das Gefühl habe, dass da schon wieder irgendjemand Unruhe stiften will! Wäre ja nicht das erste Mal?“ geiferte er.

„Sei doch nicht gleich so empfindlich, Carl! Man wird doch noch eine schlichte Frage stellen dürfen?“

„Ja gut, Gerlinde, frag! Befrage mich soviel und so lang du willst über das ‚Glück’! Aber erwarte bitte nicht, dass ich darob auch noch vor ‚Glück’ zerfließe! Ehrlich gesagt, wär’s nicht nur schade um das wunderbare Steak in mir, sondern ich weiß tatsächlich nicht, was dieses von dir nachgefragte ‚Glück’ ist, oder nicht ist?“ sagte Carl gereizt.

„Geht’s vielleicht weniger theatralisch?“

„Natürlich! Ich weiß aber wirklich nicht, was du mit ‚glücklich sein’ meinst?“ entrüstete sich Carl und suchte vergeblich Trost bei seinem längst raumtemperierten Riesling.

„Weiß ich auch nicht! Aber in der Werbung sind ja auch immer alle glücklich!“

„Denkst du da etwa an dieses himmlische ‚Abführmittelglück’ der verblühten Blonden, der in jedem ihrer Spots die Gedärme ‚glücks-bringend’ entknotet werden?“ frotzelte Carl.

„Ja, zum Beispiel!“

„Oder meinst du die strahlende Omi, die dank Voltaren plötzlich ihre Enkelchen wieder entdeckt, da sie sich zu ihnen hinunterbücken kann?“ ätzte Carl.

„Auch die…!“

„Du siehst aber schon“, giftete Carl weiter, „dass es immer Frauen sind, die spontan glücklich werden – nie Männer?“

„Wie immer neigst du zur Vereinfachung, lieber Carl! Es gibt nämlich schon ein ‚Glück’ außerhalb der Werbung, das sehr wohl euch Männer auch angeht?“

„Ich höre…?“ Carl spitz.

„Zum Beispiel das oft beschworene Glück in der Liebe?“

„Hm“ brummte er.

„Oder anders gesagt: bist du nun glücklich mit mir – oder bist du es nicht?“

„Gott – was soll das denn jetzt, Gerlinde! Ich dachte mit diesem Thema wären wir endgültig durch?“ stöhnte Carl.

„Na dann sag doch einfach ‚Gerlinde ich bin glücklich mit dir’!“

„Aber natürlich, das weißt du doch“, säuselte Carl gelangweilt.

„Dann weißt du also doch, was ‚glücklich sein’ heißt?“

„Ich ahne es vielleicht, Gerlinde! Und es hat sicher eine Menge mit Sicherheit und Zufriedenheit zu tun, wenn du so willst“, sagte Carl fast feierlich.

„Heißt das im Klartext, dass du zumindest zufrieden bist mit mir?“

„Ja – wenn du so willst! Aber ich bin mit allem hier zufrieden, liebe Gerlinde“, warf Carl sentimental ein, „auch wie du alles sauber hältst, auch mit dieser halbvollen Flasche Riesling, die gleich leer sein wird und natürlich auch, wenn wir danach ins Bettchen hüpfen…“

„Ist eigentlich diese Reihenfolge – Sauberkeit – Riesling – Bett – zufällig hingesagt oder ganz bewusst von dir so gewählt worden?“

„Wenn ich ehrlich sein soll, mag ich diese Reihenfolge“, sagte Carl erstaunlich selbstbewusst, „irgendwie ist sie für mich richtig und wichtig, wenn ich etwas wie ‚Glück’ empfinden soll!“

„Und meinst du deine Reihung würde eine kleine Variation aushalten?“

„Welche Variation denn…?“ fragte Carl zögernd.

„Ich mein die leicht abgewandelte Reihenfolge: Sauberkeit – Bettchen und dann erst Riesling! Bei der Reihenfolge könnte ich nämlich auch wieder manchmal glücklich sein!“

„A-h-a“, seufzte Carl und bedauerte spätestens da, dass die Besprechung über die verkorkste Auftragslage bei TRIGA nicht noch andauerte…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 23. Oktober 2014

Halloween in Hanau oder ‚Wiener Blut‘

Ein vampirischer Telefonsketch
spanish-riding-school

Elias Hupka-Hürlimann wohnt seit geraumer Zeit in Hanau.

Zu Halloween verwirklicht er einen lang gehegten Wunsch: er organisiert in seiner weitläufigen Wohnung in einer Hanauer Altstadtvilla erstmals eine aufwendige Vampir-Party, bei der es an Nichts fehlen soll! Vor allem nicht an Blut bester Qualität! Seine Freundin Susanne rät ihm zu dem berühmten ‚Wiener Blut’ einer bekannten Wiener Agentur in der Blutgasse im 1.Bezirk! An einem Dienstag ruft Elias dort an; nach zweimaligem Läuten meldet sich eine jugendliche Stimme:

• Internationaler Vampir Party Service ‚Blutdurst’ – Gottlieb Bissinger am Apparat – Grüß Gott!

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• Das freut mich aber, Herr Hupka-Hürlimann, dass Sie durch eine Empfehlung auf uns gestoßen sind. Das zeigt, dass wir Vieles richtig machen und unsere Kunden zufrieden sind! Oder?

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• Darf ich fragen wo dieses Hanau in Deutschland liegt, von wo Sie anrufen?

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• Ah – bei Frankfurt am Main – ja das kennt man natürlich! Hanau ist mir allerdings vollkommen unbekannt. Aber macht ja nix – ist doch schön wenn’s sogar in Ortschaften wie Hanau Vampire gibt, das lässt hoffen?

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• Ja – Sie sehen, in Wien gibt es eben nicht nur Heurige und Kaffeehäuser, Herr Hupka-Hürlimann, sondern auch einen sehr gediegenen ‚Blutservice für Vampire’!

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• Aber bitte, Herr Hupka-Hürlimann, Sie sollten nicht vergessen, dass wir in Österreich eine Jahrhundert alte Vampirtradition haben.

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• Na, na, na, nix England – der erste dokumentierte Vampir kommt aus Istrien in Kroatien, das schon vor über 200 Jahren zur Österreichisch Ungarischen Monarchie gekommen ist – das ist Tatsache!

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• Ja lachen Sie nur – Spaß muss sein, Herr Hupka-Hürlimann! Ist ja leiwand, wenn man sich gleich so gut versteht, dass man lachen kann, das macht alles viel leichter, gell!

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• Natürlich ist Wien ein ausgezeichnetes Pflaster für Vampire! Wissen Sie, bei uns weiß man nicht nur ein gutes Schluckerl Wein zu schätzen, sondern immer öfter auch einen gschmackigen Lutscher Blut! Überhaupt wenn er vom richtigen Halserl kommt und den entsprechenden Abgang hat!

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• Nein, nein – da ist kein Mangel bei uns! Schauen Sie, wir haben jede Menge Rentner in Wien, ausreichend Sängerknaben und wirklich einen Haufen Lipizzaner! Und Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber die ganz jungen Lutscher, sozusagen die ‚blutjungen Zuzler’, üben sehr gern erst an einem letscherten Renterhals, bevor sie ihre richtige Gaudi mit den weißen Halserln der Sängerknaben und Sängermadln haben! Ja und für alle Tag schnappen sie sich schon einmal einen Lipizzaner – das ist einfach Fakt!!

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• Natürlich nicht während der Aufführungen der ‚Spanischen Hofreitschule’, Herr Hupka-Hürlimann, das ist doch klar! Aber danach in den Stallungen, wenn die Lipizzaner müde sind und sich kaum noch rühren können…

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• Nein, in unserm Servicedienst arbeiten nicht nur Vampire! Das tät’ die Gewerbeaufsicht gar nicht zulassen! Das ist doch bei uns alles streng geregelt, auch die Vampirquote! Vermutlich stammt diese Regelung sogar noch aus der Monarchie?

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• Sicher Herr Hupka-Hürlimann, Ordnung muss sein! Das geht gar nicht anders bei unserem heiklen Blutgeschäft. Was glauben Sie, wie viele so genannte ‚Gutmenschen’ ständig hinter uns her sind und uns ein Hackl ins Kreuz hauen wollen! Da können wir gar nicht genug aufpassen…

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• Genau! Und weil es halt diese Auflagen beim Personal gibt, Herr Hupka- Hürlimann, beschäftigen wir in unserem Partyservice nur in ganz begrenztem Umfang echte Vampire – alles andere wär’ auch viel zu teuer!

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• Auf keinen Fall – wo denken Sie hin! Bei unserem Partyservice ‚Blutdurst’ ist das so organisiert, dass 70% der Mitarbeiter so genannte N V P sind, also ‚Non Vampire People’ wie das amtlich heißt! Und von den restlichen 30% sind 20% H V P also ‚Hetero Vampire People’ das heißt, die sind mal so mal so, und nur 10%, Herr Hupka-Hürlimann, sind wirkliche P V P also ‚Pure Vampire People’! Sie sehen, die Quote ist wirklich gering!

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• Sie sagen es! Das wird in der Presse viel zu viel aufgebauscht! Ehrlich gesagt gibt’s keinen Vampirüberschuss bei uns und in der EU, sondern einen bedauernswerten Mangel! Ein paar mehr würden dem ganzen ‚Dradiwaberl’ mehr als gut tun, das können Sie mir glauben…

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• Richtig – Sie sehen das ja an uns! In unserem optimierten Service-Team ‚Blutdurst’ sind wir gerade einmal 6 Mitarbeiter!

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• Wie? Sie fragen, ob dann nur 6 Zehntel eines Mitarbeiters bei uns ein reiner Vampir ist?

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• Ja das ist vollkommen richtig, Herr Hupka-Hürlimann! Das haben Sie super schnell ausgerechnet! Gratulation!

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• Wie das geht, mit dem 6-Zehntel Mitarbeiter?

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. Das ist ganz einfach, das heißt, dass der Hubert, unser einziger Vampir, nur ab Mitternacht im Einsatz ist und akquiriert – so einfach ist das!

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• Ja gell, manchmal sind die Dinge einfacher als man denkt? Aber jetzt zu Ihrer Bestellung, Herr Hupka-Hürlimann! Was können wir für Sie tun?

• …………………………………

• Leiwand – das macht natürlich alles viel einfacher, wenn Sie sich schon auf unserer Homepage über sämtliche Produkte und Dienstleistungen informiert haben.

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• Selbstverständlich können Sie bei uns alles sofort telefonisch bestellen! Da machen wir überhaupt keine ‚Würschtl’!

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• Geben Sie mir doch durch was Sie benötigen, Herr Hupka-Hürlimann und ich tipp’ alles sofort in unseren Zentralrechner:

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• Ich versteh – Sie wollen 50 Liter Bio-Blut von der Blutgruppe A und 30 Liter Bio-Blut der Blutgruppe AB, aber keines mit der Blutgruppe B! Das wollen Ihre deutschen Gäste nicht! Interessant das zu hören, Herr Hupka-Hürlimann!

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• Ja da haben Sie Recht! Die Blutgruppe B schmeckt ein bisserl sperrig! Pelzig würden ihre Kenner in Hanau sagen! Und sagen Sie, legen Sie Wert auf einen bestimmten Rhesusfaktor?

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• Ist Ihnen egal! Das kann ich gut verstehen! Ja da haben Sie vollkommen Recht, vom Gschmackn her spielt der Rhesusfaktor wirklich eine untergeordnete Rolle; überhaupt wenn man einen Blut-Spritz serviert mit viel Eis! Da schmeckt man praktisch keinen Unterschied zwischen den Rhesusfaktoren: weder vom Bukett her noch beim Abgang!

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• Darf es noch etwas sein, Herr Hupka-Hürlimann?

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• Wie Sie wollen wissen, was das ‚Bio’ bei unseren Blutprodukten bedeutet?

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• Natürlich! Blut ist irgendwie immer Bio! Aber bei uns heißt das, dass es wirklich von reinster Qualität ist und eben noch diesen unverfälschten Blutgschmackn hat! Schließlich ist ja unser Haus zertifiziert, wenn Sie wissen was ich meine.

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• Nun – wie Sie ja aus unserem Lieferprospekt sicher gesehen haben, liefern wir auch Blutprodukte in ganz anderen Geschmacksrichtungen!

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• Jawohl! Das ist dann Blut, das wir uns vorwiegend von passionierten Heurigengängern holen und das ganz fein nach ‚Blauem Zweigelt’ oder ‚Grünem Veltliner’ schmeckt! Oder auch nach Riesling! Aber wirklich nur ganz zart! Ist halt was für echte Feinschmecker! Da muss man schon mit einem sehr feinen Züngerl gesegnet sein, Herr Hupka-Hürlimann! Übrigens momentan haben wir auch für die nicht ganz so ‚feine Zunge’ jede Menge Blut mit einem prima Wodka-Gschmackl! Sehr zu empfehlen, wenn man was Wuchtiges möcht’ – nicht so was Fusseliges!

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• Genau, Herr Hupka-Hürlimann, dieses Blut kommt täglich frisch aus der Ukraine, und ist von ganz exzellenter Qualität, da es direkt aus den aktuellen Kampfzonen eingeflogen wird!

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• Ja – probieren Sie es doch einmal – ist wirklich was ganz Leckeres und Extravagantes, ich bin sicher, ihre Partygäste werden jedes Schluckerl goutieren…

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• Also ich ergänze Ihre Bestellung somit um weitere 10 Liter AB mit an Wodka Gschmackl und 5 Liter AB mit an ‚Blauen Zweigelt – Körper’ Prima Herr Hupka-Hürlimann! Zu dieser ausgewogenen Bestellung kann ich Ihnen im Namen unseres Hauses nur herzlichst gratulieren! Wirklich!

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• Wie? Wer uns beliefert? Nun des wickeln wir alles über das sehr professionelle Drohnen-Service von Amazone ab! Das funktioniert eins A! Die liefern zuverlässig und pünktlich! Da gibt’s überhaupt keine Probleme!

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• Sie sagen es! Amazone kooperiert auch auf diesem Sektor ganz eng mit der NSA und weiß daher praktisch in Echtzeit wo und wann die neuesten Blutquellen sprudeln…

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• Ja das ist wirklich eine feine Sache! Anders kann man das nicht bezeichnen! Endlich einmal ein sinnvoller Einsatz moderner Technik! Sonst machen die doch eh nur lauter Blödsinn mit der Technik, oder?

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• Ja – also dann nochmals schönen Dank für ihren Auftrag, Herr Hupka-Hürlimann! Ich hoffe Sie beehren uns bald wieder! Und wie gesagt wir werden Sie diskret und prompt beliefern! Wie das dem Stil unseres Hauses entspricht!

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• Und Servus auch von Kolleg’ zu Kolleg’! Gell’ Du bist auch so ein richtiger Blutlutscher, wie ich?

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• Irgendwie hört man das gleich raus! Macht Dich sympathisch, auch wenn Du ein Piefke bist! Nix für ungut! Und Servus noch einmal…

KH

Klaus Hnilica
Freitag, der 20. Juni 2014

Don Giovanni oder die Ausdehnung der Kampfzone

Carl und Gerlinde (XXXVI)

„Diese Musik ist überirdisch – einfach zum Niederknien!“ stammelte Gerlinde musikalisch durchglüht, während sie vorsichtig hinter Carl durch die Bankreihe zum Ausgang stakste, da ‚Don Giovanni’ Pause machte! Carl registrierte von allen Seiten nur Zustimmung zu Mozarts Musik und den hervorragenden gesanglichen Leistungen der Interpreten. Großartig! Fantastisch! Überwältigend!

Aufgelöst vor Begeisterung schwebte auch Hannelore im Foyer auf Gerlinde zu, umarmte sie überschwänglich und schmiegte sich an Carl, wie Don Giovanni an die zappelnde Zerlina!
Zdon giovanni img115Selbst der strohtrockene Kurt nickte zustimmend, wenngleich diese Inszenierung von Christof Loy natürlich nicht im Entferntesten an die wunderbar ausgestattete Aufführung bei den Salzburger Festspielen herankam: damals wurde auch dem Auge was geboten, sagte er bedeutungsvoll. Carl nickte zustimmend, verkniff sich aber das Eingeständnis, bei dem fürchterlichen Kuddelmuddel rund um die drei Frauen von Don Giovanni zwei Mal kurz eingenickt zu sein.

Doch jetzt strömte das Mozart begeisterte Opernvolk bestens gelaunt ins großzügige Pausenfoyer: zielgerichtet steuerte es die vorbestellten Tische an, auf denen sich reichlich Lachshäppchen, Quiche Lorraines und Salzbrezeln zwischen noch mehr Wein, Wasser, Bier und Sekt herumdrückten.

Carl wäre einiger Maßen zufrieden gewesen im Kreis seiner Freunde, wenn da nicht plötzlich an ‚Tisch Zwölf’ diese unbekannte Rothaarige gesessen wäre, die aufmüpfig der achtköpfigen Runde entgegenblickte. Ja, die nicht unattraktive stramme Mittvierzigerin hielt sogar noch ihren rechten Arm schützend über einen weiteren Stuhl, den sie sicherheitshalber schon einmal eng an sich herangezogen hatte.

„Entschuldigen Sie bitte, könnte es sein, dass Sie sich bezüglich dieses Tisches geirrt haben?“ fragte Carl mit gebremstem Charme, nachdem er und die Dame sich eine ganze Weile schweigend begutachtet hatten.

„Wie kommen Sie denn darauf?“ erwiderte die Unbekannte robust.

„Nun, weil unsere Runde diesen Tisch hier für die Pause reservieren ließ!“

„Was heißt hier ‚reservieren ließ’, von wo kommen Sie denn, wollen Sie mich etwa fortscheuchen wie ein ungezogenes Kind?“

„Na ja, Sie sehen doch, dass auf dem Tisch unsere Bestellungen liegen und er für uns eingedeckt ist?“

„Also Sie sind mir einer: ich sitze hier friedlich an einem freien Tisch, halte auch noch einen Stuhl für meinen Partner von der Presse frei und da kommen Sie und pöbeln mich an!“

„Ich pöble Sie nicht an, sondern verweise nur darauf, dass dieser Tisch für uns reserviert wurde und wir jetzt nicht alle sitzen können, da Sie zwei Plätze belegen. Und wie es scheint unberechtigt, da ich von Ihnen keinerlei Bestellung auf dem Tisch sehe!“

„Wer sind Sie denn, glauben Sie, nur weil ich eine Frau bin, können Sie mich derart angehen? Von wo kommen Sie denn?“ rief die Dame ein zweite Mal lauthals in die erstaunte Schar um Carl.

„Wenn Sie den Stuhl neben sich freigeben und mich hinsetzen lassen, erzähle ich Ihnen gern woher ich komme! Ist das ein faires Angebot?“

„Das ist doch unerhört! Sie werden ja immer unverschämter!“ Carl nickte zustimmend und sagte, „ja – drum setzte ich mich jetzt auch einfach auf den freien Stuhl neben Ihnen, da der eigentlich meiner ist…“

„Von wo kommen Sie denn? Das können sie nicht machen, dieser Stuhl hier muss für die Presse frei bleiben!“ „Aber da ist doch niemand von der Presse, oder bin ich blind?“Belustigt versuchte Carl sich auf den unbesetzten Stuhl fallen zu lassen…

„Nein! Nein! Nein – das können sie nicht machen – gehen Sie weg!“ rief die Dame nun schon in einer Tonlage, die jeder Sopranistin zur Ehre gereicht hätte.

„Natürlich kann ich das und Sie werden staunen wie flott das geht…“, erwiderte Carl grinsend und machte neuerlich Anstalten sich zu setzen.

„Das kommt gar nicht in Frage, dass Sie mir den Stuhl wegnehmen, der ist für meinen Partner von der Presse“ schrie die Frau gellend ins Foyer und lenkte so auch die Aufmerksamkeit der Nachbartische auf sich. Dabei zog sie den freien Stuhl ruckartig an sich und umarmte derart entschieden die Lehne, dass Carl ernsthaft befürchtete, sie würde ihren geheimnisvollen Pressepartner – falls er doch noch auftauchte – selbst noch während des verbleibenden kurzen Pausenrests auf dem Stuhl zu Tode quetschen!

Inzwischen hatte Hannelore den für die Reservierungen zuständigen Verantwortlichen geholt, der auch versuchte, der hartleibigen Dame klar zu machen, dass sie kein Anrecht auf die beiden Sitzplätze habe, da sie weder eine Reservierung vorzeigen könne, noch irgendetwas konsumiere. Nein – sie sitze richtig, behauptete die wackere Rothaarige aber dennoch unbeeindruckt weiter! Eine Dame an der Bar hätte sie ganz klar an diesen Tisch verwiesen. Außerdem sehe sie überhaupt nicht ein, warum sie von allen Seiten angefeindet werde, wenn sie in der Pause dieser wunderbaren Oper nur einen Augenblick sitzen und entspannen wolle! Für sie sei das ein unbeschreiblicher Vorgang, der ihr noch nie in ihrem Leben passiert sei…

Völlig unvermittelt tauchte plötzlich ein unscheinbarer Mann, mittleren Alters auf und gab der heftig argumentierenden Rothaarigen mit zornrotem Kopf, ein Zeichen:

„Ilse, was streitest Du denn schon wieder herum! Wir haben doch ‚Tisch acht’! Immer dasselbe, Du bist wirklich eine unmögliche Kuh!“ zischte der Mann. Leider ertönte in diesem Moment auch ein erstes Läuten, mit dem das nahe Ende der Pause signalisiert wurde! Carl bedauerte das, denn die überaus passende Charakterisierung der Dame kam dadurch nicht mehr richtig zur Geltung.

Ilse, hatte aber die klare Ansage verstanden, sie sprang auf und warf Carl einen tödlichen Blick zu: „Na, sind Sie jetzt zufrieden, dass Sie und ihre feine Bekanntschaft mich die gesamte Pause über mit ihren Pöbeleien an diesem unsäglichen Tisch festgenagelt haben? Unfassbar, sagen Sie von wo kommen Sie denn? Soviel Rücksichtslosigkeit gegenüber einer Frau hab ich noch nie erlebt! Entsetzlich welch ein Pöbel sich heutzutage selbst schon in der Oper herumtreibt!“ Mit den letzten Worten schubste sie die etwas außer sich geratene Gerlinde zur Seite und eilte zu ihrem zornigen Pressepartner, der sie gleich weiter beschimpfte…

Carl blieb dagegen kaum noch Zeit sein Bier auszutrinken! Doch gut gelaunt schaufelte er auch noch Gerlindes Lachshäppchen in sich hinein: denn dieser rabiate, rothaarige Alptraum gestaltete plötzlich auch für ihn den Opernabend zu einem höchst erquickenden Spektakel! Besser und deutlicher als sie, konnte selbst Mozart mit seiner liebestollen Donna Elvira und verstörten Donna Anna nicht zeigen, wie weitab von jeder Logik sich Frauen immer noch in der Welt herumtummelten! Eine Tatsache, die er, Carl, schon seit Jahr und Tag predigte, Gerlinde aber nie zugeben wollte! Auch jetzt schüttelte sie nur wortlos ihren Kopf und raste rundum verärgert mit Hannelore zu ihrem Sitzplatz. Hoffentlich war der noch frei und nicht auch schon von dem rothaarigen Monster okkupiert? Wenn ja – wär’ Carl mit Sicherheit im zweiten Akt nicht mehr eingenickt…

KH

Roland Dürre
Mittwoch, der 14. Mai 2014

Das sinnvollste elektrische Gerät in meinem Haushalt ?

Oft habe ich schon komische Ideen.

So fange ich eines Abends an, darüber nachzudenken, welches unserer vielen elektrischen Geräte im und um den Haushalt herum eigentlich das nützlichste ist. Und überlege mir, was ich davon eigentlich so wirklich brauche.

Das Bügeleisen erscheint mir eingeschränkt sinnvoll. Ich könnte die Hemden ja zur Reinigung bringen. Die Schuhputzmaschine, den elektrischen Dosenöffner, die elektrische Kaffeemühle und die große Bierdosen kühlende Heimzapfanlage können es nicht sein, habe ich doch diese Geräte und noch ein paar mehr gemeinsam mit den elektrischen Weihnachtskerzen beim Umzug abgeschafft.

Da macht der Kühlschrank zum Bier kühlen schon mehr Sinn. Allerdings könnte ich Bier auch in den zahlreichen Kneipen rings um unser Haus trinken – und hätte dann immer Gesellschaft.

Eine kleine Kühltruhe dagegen gibt es noch. Die ist aber nicht mehr so voll, esse ich doch die Nahrungsmittel lieber frisch. Und versuche ich doch auch generell eher weniger zu essen. Die Kinder sind ja auch fast alle außer Haus. So finde ich Lebensmittel zu horten nicht richtig, weil ich dann immer unter dem Zwang stehe, die Haltbarkeit des Lagers zu prüfen und die Sachen aufessen zu müssen.

Da fällt mir unser in die Wasserleitung integrierter Wassersprudler und -kühler ein. Eine tolle Sache, er war lange Zeit der Stolz der Familie. Aber jetzt ist er schon seit über zwei Wochen kaputt – weil die Firma Grohe auch nicht mehr so fix wie früher ist – und siehe da, es geht auch ohne. Weil man Wasser auch so vom Wasserhahn trinken kann.

Bleiben wir in der Küche. Da gibt es die Herdplatte (Induktion mit virtuellem Kochfeld) und den Herd, den Dampfgarer mit Wasseranschluss, die Spülmaschine und die Brotschneidemaschine, den ESGE-Zauberstab, den Eierkocher, die Küchenmaschine(n), die elektrische Zitronen- und Apfelsinenpresse, die Getreidemühle, das Gerät zum Sahne schlagen, das Gerät zum ein Folie einschweißen – alles elektrisch. Und im Keller steht auch noch eine Micro-Welle.

Zurück zum Trinken. Die elektrische Kaffeemaschine wird viel benutzt. Und Kaffee trinke ich wirklich sehr gerne und (wahrscheinlich) zu viel. Notwendig brauchen tu ich diese Maschine aber auch nicht, kann ich doch lecker arabischen Kaffee im Topf kochen. Habe ja auch noch einen Filter für die Kaffeekanne, einen Kaffeestempel und die kleine italienische Espressomaschine, die alle wie meine beiden guten alten Kaffeemühlen ganz ohne Elektrik funktionieren.

Der Joghurt-Zubereiter steht beim Flohmarktzeug, ihn brauche ich wirklich nicht. Den Staubsauger nutze ich nicht so gerne, weil er Lärm macht. Lieber beseitige ich die Reste am Boden mit dem Besen und der Kehrschaufel. Teppichboden ist bei uns ein „nogo“ und Teppiche gehören an der frischen Luft ausgeklopft und nicht besaugt. Den elektrischen Rasierer nutze ich nur im Notfall, weil ich mich lieber nass rasiere. Dafür schätze ich die elektrische Zahnbürste sehr – aber brauche ich sie wirklich?

Da fällt mir etwas ganz wichtiges ein – meine Laptops, Tablets, der Router und der Drucker! Und nicht zu vergessen, das kleine elektrische Gerät, das die „Tans“ zum Überweisen produziert. Das scheint ja alles lebensnotwendig zu sein, obwohl es früher ja auch ohne ging. Da gab es ja noch Telefone, Radios und Fernseher – aber die haben wir ja immer noch und dies auch noch in mehreren Räumen. Obwohl die Fernseher mehr so große Tablets sind, mit denen man halt auch Fernsehschauen kann. Und so richtig viel Fernsehen schaue ich wirklich nicht mehr, da höre ich lieber Radio. Oder nutze den Plattenspieler, der so richtig Freude macht.

Einen anderen schönen Exoten haben wir auch noch, die sich mit elektrischem Antrieb drehende Kompressor-Eismaschine. Mit der macht die Barbara ab und zu ein besonders leckeres Eis (Zimt oder Mango, weil unser Sohn diese Früchte immer aus Indien mitbringt). Aber das auch nur (zu) selten. Fast so selten wie ich die elektrische Eisenbahn im Keller aufbaue und fahren lasse (nie). Aber die hebe ich ja auch für die Enkel auf (obwohl die heutigen Kinder Null Bock auf Eisenbahn spielen haben, weil es ja Computer gibt).

Im Keller gibt es noch eine Bohrmaschine. Die wurde sogar beim Umzug benutzt. Obwohl ich mal gelernt habe, dass die durchschnittliche Nutzung einer Bohrmaschine im Deutschen Haushalt im ganz unteren Minutenbereich liegt. Diverse elektrische Sägen, Klebepistole und mehr so elektrischer Heimwerker-Blödsinn findet sich da auch noch. Da muss ich an „shared economy“ denken. Und sofort an die Haustechnik (Heizung, Solar für Brauchwasser und Photovoltaik), die natürlich auch ziemlich elektrisch ist. Wobei „solar“ übrigens sehr sinnvoll ist.

Aber was ist das wichtigste elektrische Gerät im Haushalt? Die elektrischen Uhren können es doch auch nicht sein, könnte man ja alles mechanisch lösen. Eher der Rasenmäher, der spart Schweiß. Aber das hat man früher auch anders gelöst – Stichwort „Sense“, ein fast nicht mehr gebräuchliches Wort. Und ist Schweiß sparen nicht „out“?

Auch das elektrische Tor würde per Handbetrieb seinen Dienst genauso gut leisten. Elektrische Fahrräder – sogenannte e-bikes – habe ich glücklicherweise noch nicht, sonst hätte ich den ganzen Lade- und Wartungsstress. Dafür habe ich mehrere Fahrrad-Computer (Pro Rad einen) und zwei GPS-Systeme – sind ja auch elektrische Geräte. Und eine Video-gestützte Überwachungsanlage, damit die Fahrräder nicht gestohlen werden. Bezuweilen der böse Dieb beim Stehlen gefilmt wird.

Lampen sind ja eigentlich auch elektrische und sehr wichtige Geräte. Licht ist ja besonders am Abend ganz praktisch.

🙂 Plötzlich fällt mir der Schuhlöffel ein, ein geiles Gerät, das mir jeden Morgen gute Dienste leistet – aber der ist ja nicht elektrisch. Vielleicht wäre das eine Idee für einen Start-Up?

Ist das nicht ein Wahnsinn? Wie viel Elektromotoren sich bei uns im Hause so drehen oder besser nicht drehen! Wenn ich so nachdenke meine ich, dass wir bei meiner Geburt im Jahre 1950 „NULL“ Elektromotoren in unserem Haushalt hatten. Und an Elektrik fallen mir nur Lampen und das Radio ein …

🙂 Aber ich bin ja auch noch aus dem letzten Jahrtausend.

Jetzt aber die Quintessenz: Brauchen wir das alles wirklich? Demnächst werde ich mal überprüfen, wie viel Schuhe ich für wie viele Zwecke so habe. Oder noch einfacher, was ich alles so einkaufe, was ich gar nicht brauche …

RMD

P.S.
Die Barbara schaut mir über die Schulter und meint ganz spontan: Die Waschmaschine ist es! Gern genommen.