Klaus Hnilica
Dienstag, der 29. März 2016

Auf verlorener Sohle

Carl und Gerlinde (Folge 48)

„Entweder hast du die Scheißerei, bist besoffen oder hängst vor der Glotze beim Fußball!“ bellte Gerlinde vom Balkon ins abgedunkelte Zimmer ihres heiß geliebten Hotels Barceló Santiago.

ZZZZZZ_173721„Ach Gerlinde! Sei doch nicht so ekelhaft, wenn ich mir einmal tagsüber ein Bierchen gönne und dem Kloppi seinen FC Liverpool anschaue“, motzte Carl zurück und rekelte sich genüsslich in seinem Bett, ohne den Bildschirm an der Wand auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen! Schließlich ging’s doch um etwas bei dieser Europa League! Und die tapferen Augsburger hielten nach dem überraschenden Führungstreffer der Klopp Truppe immer noch wacker dagegen…

„Ja, ja red’ du dir nur alles schön! Ich hab’ mir jedenfalls unseren Frühlingsurlaub auf Teneriffa anders vorgestellt!“ meckerte Gerlinde unbeirrt weiter, obwohl ihr Gemecker kläglich unterging im Getöse des Atlantiks an dem schwarzen Riff – gleich unterhalb des Hotels.

Verärgert warf sie sich schon zum fünften Mal an diesem Nachmittag in ihren Liegestuhl und starrte trübsinnig auf das kitschig blaue Meer mit dem archaischen Dreimaster in voller Takelage, von dem aus wieder unzählige genarrte Touristen vergeblich Ausschau nach Delfinen und Walen hielten.

Genau so vergeblich, wie sie seit Stunden ihren Carl in die Frischluft zu lotsen versuchte: dabei hatte sie drei Jahre ihren hartleibigen Urlaubsmuffel bearbeitet, bis er endlich bereit war mit ihr auf diese ungeliebte Insel Teneriffa zu fliegen – auf der ihr ‚Ex-Mann’ Jürgen immer noch das ehemals gemeinsame Apartment hatte.

Ja – volle drei Jahre nagende Überzeugungsarbeit waren das gewesen, und dann hockt dieser Saukerl im Hotelzimmer vor der Glotze, oder ist bestenfalls dazu zu bewegen seinen Buttermilchkadaver ein Stockwerk höher in die Poollandschaft zu schaffen, um ein paar klägliche Runden  zu drehen: natürlich mit Sonnenbrille und den Dickschädel immer schön über Wasser, damit ja die ‚Dauerwelle’ nicht nass wird, dafür aber der Nacken ausreichend schnell versteift, um nach spätestens fünf Minuten wieder aus dem Becken flüchten zu können…

Wenn es denn überhaupt fünf Minuten waren!

Denn der Poolrand wurde ständig von Bier trinkenden englischen Familien belagert, deren ‚brexit’- bereite Väter gerne balgten und häufig ihre widerspenstigen, kindlichen Monster wie fehlgeleitete nordkoreanische Raketen in Richtung Poolmitte katapultierten. Wer da im Pool durchhielt, hatte Glück und Pech gleichzeitig, denn bei diesen Überlebenden war nicht nur das Haupthaar tropfnass, sondern in den ausgelösten Riesenwellen zappelte unwiederbringlich auch jede Sonnenbrille, flink wie ein Zebrafischchen, dem unergründlichen Beckenboden entgegen…

Und wehe, wenn Carlchen auf seiner panischen Flucht vor diesem ‚britischen Tsunamichaos’ noch von einer verirrten Fallwindböe des im Hintergrund lauernden schneebedeckten Teides durchgeschüttelt wurde, dann war der Rest des Nachmittags auch für Gerlinde gelaufen!

Wortlos pflegte Carl bei solch unsäglichen Widrigkeiten sich in seinen übergroßen Bademantel zu werfen, jede noch so verlockende Sonnenliege zu ignorieren und stattdessen festen Schritts in Richtung Pool–Bar zu schreiten!

Selbstredend wich er von da nicht eher, bis er mannhaft vier doppelte ‚Carlos’ in seinen geschundenen Leib versenkt hatte – und das trotz herumnölender Gerlinde!

Kein Wunder, dass Carl nach soviel zur Schau gestellter Durchsetzungskraft dann schon mal einen Tag später, im Anschluss an das obligatorische Frühstückspiegelei, die vollkommen perplexe Gerlinde mit der Frage überraschte, ob sie spontan Lust auf eine kleine Wanderung hätte?

„Wie –  gleich heute?“

„Ja natürlich, wann denn? In zwei Wochen sind wir doch nicht mehr da?“

„ Ja von mir aus – du weißt ich bin immer für schnelle Entscheidungen zu haben, lieber Carl.“

„Deswegen lieb ich dich ja auch so, mein geliebtes Gerlindchen“, schleimte Carl und schaufelte unauffällig die von Gerlinde für sich bereit gehaltene Orangenmarmelade auf sein letztes Stück Weißbrot.

Da aber bereits um elf Uhr der Bus, zu der schon vor Tagen von ihr geplanten ‚Eingehwanderung’ fuhr, erübrigte sich ausnahmsweise jeder Protest!

Viel wichtiger war ihr, dass knapp vierzig Minuten später ihr ‚wandergeiler’ Carl, in voller Ausrüstung mit Rucksack und Wasserflasche neben ihr im Bus nach Santiago del Teide saß, und das für läppische 3 Euro 30 – für beide!

Kostengünstiger ging’s wirklich nicht!

Carl war auch bestens gelaunt: gleich mehrfach betonte er während der flotten, kurvenreichen Fahrt nach oben, dass es vermutlich nur wenige Paare gab, die so spontan und schnell Entschlüsse fassten und  einvernehmlich umsetzten, wie sie beide. Einmalig sei das – wirklich einmalig diese Harmonie zwischen ihnen beiden. Launig kniff er seine Gerlinde so fest ihn ihren nackten Oberarm, dass sie wie ein Ferkelchen quiekte. Und da Carl in Sachen Harmonie immer ausschweifender wurde und auch noch Kurt und Hannelore ins Spiel brachte, bei denen überhaupt nichts klappte, was sie gemeinsam unternahmen, war er bass erstaunt, als Gerlinde schon nach der dritten Station zum Aussteigen drängte und ihn umsichtig direkt zum Einstieg in den vorgesehenen Wanderweg lotste:

10,3 km bis Tamaimo!

„Das ist doch lachhaft“ jauchzte Carl, „das hüpf ich auf einem Bein runter“! Und schon sprang er ohne Wanderstöcke behänd von Stein zu Stein das erste Steilstück nach unten und wartete lachend auf Gerlinde, die sich lieber vorsichtig einwanderte.

Keine Frage, die Strecke war malerisch, die hatte Gerlinde gut ausgewählt. Links und rechts, die um diese Jahreszeit noch unbearbeiteten Terassenfelder, dazwischen gut gefüllte Teiche und grüne Wiesen bis zu den steil aufragenden Bergen dahinter. Und weit und breit kein Mensch, nur vereinzelte Palmen und ganz hinten ein weißes Haus. Irgendwo bellten ein paar Hunde.

Aber der Weg war nicht einfach!

Fast ununterbrochen ging es steil nach unten und auf den gelegentlichen flachen Teilstücken lag ausschließlich messerscharfes Geröll auf dem man echt nicht zu Fall kommen durfte.

Doch mit den guten ‚Lowa-Schuhen’ und hinreichender Kondition alles kein Problem, dachte Carl auch noch, als er schon spürte wie ihm plötzlich der rechte Schuh fort zu schwimmen drohte. Als er den Fuß forschend anhob, merkte er zu seinem Entsetzen, dass die gesamte Profilsohle weg hing; ein kleiner Riss und sie war gänzlich weg!.

„Und was nun?“, fragte Gerlinde besorgt.

„Weiß ich nicht!“

„Was ist mit dem linken Schuh?“

„Da ist sie noch dran – nein! Sie hängt auch schon weg…“

„Oh – Gott, was jetzt?“

„Nichts –  weitergehen“, grunzte Carl wie im Tran.

Und das tat er auch!

Und er tat es noch, als selbst die Restsohle an den Schuhen praktisch schon durchgetreten war. Und auch als die beiden Einlagen in den Schuhen bereits zerfetzt weg hingen! Und die Wandersocken nur mehr aus Löchern bestanden, und das Unterhemd und das T-Shirt um seine Fußsohlen sich in blutige Fransen auflöste…

Aber da hatten sie ja auch schon Tamaimo erreicht! Und eine Bar, von der aus sie, nach Cortado und Wasser – Gott sei’s gedankt – das rettende Taxi ins Hotel ordern konnten…

„Schade“ stöhnte Gerlinde, als sie dem freundlichen, jungen Taxifahrer ihr Ziel genannt hatte, „schade, dass das ausgerechnet am Beginn unseres Wanderprogramms passieren musste“!

Säuerlich stimmte ihr Carl zu, hatte allerdings für sich längst entschieden, dass ‚verlorene Sohlen’ am Ende eines von ‚Gerlinde geplanten Wanderurlaubs’ viel schlimmer waren – trotzdem durfte aus der saftigen Beschwerde an die ‚Firma Lowa’ kein jubelndes Dankesschreiben werden, soweit musste er sich schon, Gerlindes wegen, in der Hand haben…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 10. März 2016

Schloss am Strom – oder Schinkels Hirsch

Eine weitere Deutung des berühmten Gemäldes „Schloß am Strom“(1820)  von

Karl Friedrich Schinkel

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In Schinkels Bild mit Schloss und Baum,
Tritt ein Hirsch, noch stört er kaum:
Gelassen schaut er – gar nicht wirsch –
Was typisch ist für diesen Hirsch!

Trieb er doch dereinst den Förster,
Als dieser schießen wollt’ als Erster,
Auf ihn – den Hirsch – im Morgenrot,
Mit seinem Blick dreist in den Tod!

Der Förster schoss damals vor Wut,
Was beim Schießen gar nicht gut,
Dem frechen Hirsch nicht aufs Geweih
Sondern konsterniert vorbei…

Und traf stattdessen nur das Knie
Vom Schlossherrn, der natürlich schrie:
„Verdammt sei’ st du, du Hundesohn
Der Blattschuss hier das sei dein Lohn!“

Betroffen wurd’ dann erst entwarnt,
Als trotz des Fluches, gut getarnt,
Das Ganze nach dem bösen Knall,
Vom Volk geseh’n als Jagdunfall!

Und allseits man in tiefer Trauer –
Der Schlossherr war noch immer sauer –
Den Oberförster auf der Fähre
Geleitete zur letzten Ehre…

KH

Das Bild ist aus Google

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. November 2015

Die Lawine oder die unschickliche Abkehr von der Hydraulik

Carl und Gerlinde (Folge 46)

Typisch! Immer wenn Carl Zuspruch benötigte, war niemand daheim. Nach einem erwartungsvollen Hallo drückte er daher missmutig die Haustür zu.

ZZZZZimg213Auf der Ablage in der Diele klebte immerhin eine Notiz:
‚Sortiere Winterklamotten in der Bürgerhalle. Komm doch nach! Wird spät. Küsschen Gerlinde’.

Hm-Mist! Statt einem freundlich aufgehellten Gesicht drängte nur die übliche Novemberschwärze vom Garten ins Wohnzimmer. Das letzte Stück Himmel verkrümelte sich schamrot hinter der gelben Tamariske. Mehr Himmel war auch nicht nötig, den brauchte Carl jetzt wirklich nicht. Eher schon das Fegefeuer oder die Hölle…

Noch in der Diele fiel ihm die Tasche aus der Hand. Den Trenchcoat und die Schuhe pfefferte er verdrießlich in Richtung Kleiderablage.

Scheißtag, stöhnte er zum dritten Mal und langte automatisch nach der Brandy-Flasche! ‚Carlos I’! Angewidert fischte er sich ein Glas über der Hausbar und warf sich ächzend auf die Wohnzimmercouch. Teilnahmslos starrte er auf sein Spiegelbild in der nachtschwarzen Scheibe der Terrassentür. Beim ersten ‚Carlos’ prostete er sich noch zu.

Beim zweiten ärgerte er sich bereits wieder, dass sein verdammtes Kleinhirn immer noch um das Gesabber der Konzernleitung in der heutigen Besprechung kreiste und auch nicht von dem Beruhigungsgelaber der ‚regierenden Märchentante’ los kam, die durch ihr beharrliches ‚Wir schaffen das – Wir schaffen das – Wir schaffen das’, unbeirrt den schon seit zehn Jahren andauernden Tiefschlaf in ihrem Reich weiter aufrecht zu erhalten versuchte.

Ja – vermutlich war sie sogar selbst das ‚Dornröschen‘!

Was aber nicht einmal der ehrgeizige Prinz Seehofer im flüchtlingsüberfluteten Bayern wusste: denn sonst wäre der niemals so enttäuscht gewesen, dass sie überhaupt nicht aufwachen wollte und nichts mitbekam, was ringsum in ihrem Reich geschah.

Dabei hatte er sich so bemüht und sie ganze zwanzig Minuten vor dem gesamten bayrischen Hofstaat neben sich stehen lassen, um allen zu zeigen, dass sie sehr gut durchhielt, wenn er das Kommando übernahm und regierte und sie stehend neben ihm  weiterschlafen konnte – wie bisher…

Und wahrscheinlich wäre Carl nach dem vierten ‚Carlos’ auch entschlummert, wenn er nicht versehentlich mit der rechten Hand auf die Fernbedienung seines Fernsehers getappt wäre und mit einem Mal einen aufgeregten Fernsehmoderater vor sich gehabt hätte, der ziemlich böse auf einen abwesenden Schäuble eindrosch, weil dieser völlig unschicklich aus der ‚hydraulischen Kollektivsymbolik’ der Bundespolitik bei der Beschreibung des Flüchtlingsthemas ausgebrochen war.

Und der – ach wie schlimm, auf einer vom Moderator kurz eingeblendeten Veranstaltung, den überbordenden Flüchtlingszuzug nach Deutschland mit einer ‚Lawine’ verglich, die ein unvorsichtiger Schifahrer an einem Steilhang ausgelöst haben könnte, indem er unbedacht etwas Schnee bewegt hatte: eine Lawine, von der im Moment niemand wusste, ob sie bereits im Tal war oder erst im oberen Drittel des Hanges.

Schlimm sei das! Menschenunwürdig und katastrophisch sei dieses missratene Bild, so der auf Mainstream gebürstete Moderator! Und total schief sei dieser Vergleich! Schließlich sei die Kanzlerin – ganz im Gegensatz zu dem ehemaligen Alpinisten Schäuble – noch nie alpin in Erscheinung getreten, sondern ausschließlich als Langläuferin und da nur in Niederungen!

Übel, so der Moderator, sei dieser vollkommen unerwartete lawinöse Ausbruch des Finanzministers, aus der von allen Parteien und Medien akzeptierten ‚hydraulischen Kollektivsymbolik’!

Und was das zu bedeuten habe, fragte er, dass Schäuble dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt inszeniere, wo die Kanzlerin spürbar in der Bevölkerung und Partei an Zustimmung verliere? Rüttle da jemand nachhaltig an ihrer Richtlinienkompetenz? Zeigten sich da nicht nur zwischen CSU und CDU tiefe Risse, sondern selbst schon innerhalb der CDU? Ja sogar in der großen Koalition?

Was sei da los? fragt der Moderator offensichtlich nicht nur sich selbst, sondern auch in Richtung Carl, der aber statt einer Antwort mit einer Gegenfrage konterte: Nämlich mit der Frage, ob er, der superkluge Herr Moderator wisse, wie viel Gläschen Brandy er, Carl, schon intus habe: waren das nun vier, fünf, sechs oder sieben? Denn er selbst wisse das nicht mehr.

Dabei sei die Beantwortung dieser Frage für ihn viel wichtiger, so Carl zum Moderator auf dem Bildschirm, als der ganze Lawinenzauber! Denn diese Antwort entscheide letztlich, ob er, Carl, es wagen konnte, jetzt noch in die Bürgerhalle zu gehen und vor die strengen Augen seiner ‚Winterklamotten sortierenden Gerlinde’ zu treten, um vielleicht endlich auch etwas Konkretes für die Flüchtlinge zutun.

Oder aber, ob er Gesichts wahrend lieber daheim bleiben und nichts Praktisches tun sollte? Dafür aber morgen, wenn er wieder nüchtern war, wie bisher eine Lösung nach der anderen klugscheißerisch in die Welt posaunen sollte – zu diesem schwierigen hydraulischen Flüchtlinsthema, das plötzlich von der Politik auch lawinös angegangen wurde…

Hm – wahrlich eine schwierige Entscheidung, sagte sich Carl, die auf keinen Fall vor dem nächsten ‚Carlos’ entschieden werden sollte. Oder?

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 29. Oktober 2015

Halloween in Wien oder das Hardwareproblem der Vampire…

Ein Gespräch mit drüben…
WienaktuellfotoNatürlich ist Gottlieb Bissinger auch in der Halloween Nacht in Wien unterwegs! Um drei Uhr morgens landet er aber ziemlich verstört auf einem völlig verwahrlosten Vorortebahnhof. Seltsame Gestalten hängen da herum. Ob er um diese Zeit noch einen Zug nach St. Pölten bekommt weiß er noch gar nicht. Bisher konnte er weder die Bahnsteige noch einen Fahrkartenschalter ausfindig machen. In seiner Ratlosigkeit wählt er wie üblich Mamas Telefonnummer – und die Verbindung nach drüben klappt sogar:

• Hallo Mama! Ich bin’s der Gottlieb! Schön, dass ich dich noch erreich’. Aber wo du bist schlaft man ja eh nimmer, oder?

• ……………………………………….

• Na ja – du weißt ja wie’s mit meiner Schlaferei steht? Ich schlaf ja erst um drei in der Früh so richtig weg! Die Elfi ärgert das immer, wenn ich bis drei in der Früh an ihr herumknabbern will…

• ……………………………………….

• Die Elfi? Wer das ist? Das ist meine Neue aus St. Pölten!

• ……………………………………….

• Na – Mama, die Elfi ist keine von uns.

• ……………………………………….

• Der Elfi ihre Eltern sind echte ‚No Vamp People’: stink fade Salatfresser, mit Null Bock auf irgendeine Gaudi – und jeden Abend vor der Glotze. Und um Mitternacht liegen die natürlich im Bett und sind nicht so wie unsereiner noch auf einen Blutlutscher unterwegs…

• ……………………………………….

• Genau Mama – statt ein paar geschmackige Schluckerl Blut, süffelt ihr alter Herr vor der Glotze ununterbrochen Bier – ‚Schwechater’!

• ……………………………………….

• Na Mama, du brauchst dir da drüben wirklich keine Sorgen um mich machen, das sind ganz ordentliche Leute! Genau wie man sie so kennt, die ‚No Vamp People’: freundlich, sauber, phantasielos – und unheimlich fleißig. Du die ‚hackeln’ wirklich von der Früh bis in die Nacht…

• ……………………………………….

• Wie? Na – das kann man so nicht sagen, Mama! Da diese ‚No Vamps’ die ganze Nacht durchschlafen, wissen die tagsüber wirklich nicht wo sie mit ihrer Energie hinsollen! Und dann ‚hackeln’ sie halt wie die Deppen! Nicht so wie unsereiner der tagsüber gern ein bisschen durchhängt! Überhaupt wenn man wieder so einen ‚Blutbatzen’ mit schlechtem Cholesterin erwischt hat.

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• Mama! Dieses LDL Cholesterin ist wirklich schlimm! Du glaubst gar nicht wie dir von so einer ‚LDL – Bombe’ am nächsten Tag die Birne weh tut. Am liebsten möchtest du deinen Schädel abschrauben, in die Ecke legen und fortgehen! Echt! Diese jungen ausgefressenen ‚Madln’ wissen gar nicht, was sie uns armen Vampiren antun mit ihrem blöden ‚Fast Food Fraß’ und ihren wahnsinnigen Cholesterinwerten…

• ……………………………………….

• Ja – du hast vollkommen Recht, Mama! Eigentlich ist das eine Schädigung der Vampirvolksgesundheit, was die bei Mc Donalds mit ihrem Fast Food jeden Tag machen! Denen müsste man echt die Gesundheitsbehörde auf den Hals hetzen!

• ……………………………………….

• Aber komm Mama, das ist doch lächerlich! Du kannst dich ja sicher noch erinnern, was in Österreich mit so einer Anzeige passiert? Die wird doch sofort von ‚oben’ kassiert! Wer kümmert sich denn in Wien schon um ein paar ‚Blutlutscher’? Wahrscheinlich müssten wir auch erst in verrosteten ‚Schinackln’ über den Neusiedlersee schippern und uns ins Wasser schmeißen, dass die da ‚oben’ aufwachen…

• ……………………………………….

• Entschuldige Mama – du hast Recht, das war jetzt echt daneben! Ich geb’s zu und behaupte das Gegenteil! Aber ich bin halt unheimlich aufgeladen…

• ……………………………………….

• Warum geladen? Du – als Vampir hast du doch heute jede Menge Probleme, die noch viel schlimmer sind als dieses blöde Cholesterin! Was glaubst du Mama, was uns zum Beispiel diese beschissenen Kabel zu schaffen machen, die den jungen Leuten praktisch Tag und Nacht aus den ‚Ohrwascheln’ hängen, nur weil die ununterbrochen mit ihren Smartphones in irgendeiner App herumgurken oder sich ihr Hirn mit Popmusik zudröhnen…

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• Naa! Diese Kabel kennst du gar nicht, Mama! Die hat es vor ein paar Jahren überhaupt noch nicht so gegeben…

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• Wieso diese Kabel schlimm sind Mama? Das ist doch klar – du kannst doch praktisch in keinen Hals mehr beißen, ohne dass du diese blöden Kabel zwischen die Zähne kriegst!

• ……………………………………….

• Du sagst es Mama – mit unseren langen Eckzähnen verheddern wir uns doch ständig! Wenn dann diese nervösen Dinger beim Beißen noch dauernd herumwackeln, dann wickelt sich dieser Kabelkram wie ein Lasso um unsere Eckzähne und wir sind praktisch gefangen! Weißt du wie blöd das ist?

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• Na – Mama das nicht, aber wenn man wegrennt, reißt man den angebissenen ‚Madln’ fast jedes mal die Kopfhörerstöpsel aus den ‚Ohrwascheln’ und die Smartphones aus der Hand…

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• Du bist ‚leiwand’ Mama, was glaubst du was da los ist? Diese jungen ‚Gfrieser’ plärren sich doch einen ab, als würden sie abgestochen! Selbst wenn du denen schon ein Liter Blut rausgelutscht hast! Du die werden einfach nicht mehr müd’, Mama! Die sind alle bis oben hin mit ‚Red Bull’ abgefüllt!

• ……………………………………….

• Naaa – das Beißen an sich macht den meisten Madln nicht so viel aus! Außer man versaut ihnen das T-Shirt! Aber schlimm ist halt, wenn sie nicht mehr ‚online’ sind, das ist die eigentliche Katastrophe!

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• Genau – aber wenn du halt bei jedem Zubeißen mehr Kabel als Blut in der Goschen hast, dann brauchst du dich nicht wundern, wenn so was passiert.

• ………………………………………..

• Mama! Du hast da drüben wirklich keine Ahnung mehr, was sich bei uns abspielt! Du, wenn ich nicht bei jedem Biss, wie ein Haftlmacher aufpass’, dann filmen mich diese frechen Luder schon beim ersten Anbeißen mit ihren Smartphones und stellen mich schneller auf YOUTUBE als ich ausgelutscht und mir die Gosch abgewischt hab’! Das ist unheimlich, Mama…

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• Ja! Und du kannst dir vielleicht vorstellen wie die Elfi durchdreht, wenn sie mich dann wieder auf YOUTUBE sieht, wie ich bei einer Anderen Blut sauge? Du die holt fast jedes Mal der Herzkasperl und ich bin für den Rest der Woche gestorben…

• …………………………………

• Na – schön ist das nicht Mama, wirklich nicht…

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• Aber bitte fang jetzt nicht wieder damit an, dass ich daheim in Natternbach bleiben und nur an der Annerose herumbeißen hätte sollen…

• ……………………………………….

• Mama! – ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass so eine Bauerndirn’ nichts für mich ist! Ich hab wirklich keine Lust immer nur im Kuhstall in einen stinkenden Schweißhals zu beißen – das mag ich nicht Mama, davor graust mir…

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• Aber Mama, was glaubst du, wie überirdisch im Vergleich dazu diese Ausländerinnen riechen, die da haufenweise in der Nacht auf der Kärntnerstrasse in Wien herumtanzen!

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• Ja – du da duftet’s nach allen Nationen, die du dir nur vorstellen kannst…

• ……………………………………….

• Und wenn dann so eine Japanerin oder Chinesin vor dem frisch runtergeputzten Stephansdom steht, nach oben schaut, photographiert und ihren weißen Hals reckt, dann ist das einfach himmlisch! – wenn du da zuschnappen kannst!

• ………………………………………

• Mama – was heißt ich soll mich nicht versündigen – das ist wirklich himmlisch!

• ………………………………………

• Du hast ja Recht Mama – die Elfi ist natürlich auch himmlisch – aber in einem ganz anderen Sinn!

• ………………………………………

• Wieso? Na ja du die Elfi schleicht in letzter Zeit echt nur mehr wie so ein überirdisches Gespenst herum!

• ………………………………………

• Na ja du weißt, was ich für einen gesunden Appetit auf Blut hab’! Da bin ich ganz der Papa, aber das hält nicht jede längere Zeit durch – war ja bei der Herta, meiner Vorletzten, auch nicht anders gewesen!

• ……………………………………….

• Ja schad! Die Elfi ist wirklich ein super liebes Mädchen: blutarm aber lieb!!

• ………………………………………..

• Du Mama, das kann eh sein, dass du sie heute noch kennen lernst, ich hab nämlich einen wahnsinnigen ‚Hunger’ auf Blut – hoffentlich hält sie das aus!

• ………………………………………..

• Du ich muss jetzt wirklich Schluss machen! Da schauen schon ein paar Leutchen in dieser komischen Wartehalle so seltsam! Ich fürchte, wenn ich noch lang weiterred’, dann wollen die mein Blut, Mama! Aber mach dir keine Sorgen ich pack das schon! Servus, Mama – und sei lieb zu der Elfi – sie verdient’s wirklich – Servus!

KH

PS.
Das Foto ist von Google

Roland Dürre
Freitag, der 4. September 2015

In der Fremde

Flag_of_Greece.svgUnseren wunderschönen Urlaub in Griechenland gerade habe ich sehr genossen.

Ein wenig habe ich aber schon gemerkt, dass die Griechen zurzeit von großen Sorgen geplagt werden und doch einige Menschen dort den Umgang der BRD mit dem nicht mehr zu rettenden Schuldner Griechenland nicht verstehen können. Mir ging es trotzdem gut – wie immer im „Ausland“ habe ich mich mit den Menschen gut verstanden.
🙂 Fühle ich mich doch als „halber Grieche“.

Diesen Trick habe ich in 1964 gelernt. Ich war da als Austausch-Schüler den ganzen August in Frankreich. Es war ein Eisenbahner-Austausch, die Vermittlung war eine der zahlreichen Sozial-Leistungen, die die damalige Bundesbahn für ihre vielen Mitarbeitern bereitstellte.

Flag_of_France.svgSo kam ich mit 14 Jahren nach Lyon in eine Eisenbahner-Familie namens Pigneret. Das Ehepaar Pigneret hatte zwei Kinder, Pascal (14 wie ich) und Chantal (vielleicht 9).

Ich war zu Gast bei einer „Raucherfamilie“, so hatte auch Pascal schon seine Pfeife. Und damit ich beim Rauchen nicht zu schauen musste, bekam ich auch eine eigene Pfeife. War das schön, gemeinsam nach den Mahlzeiten ein „Pfeifchen rauchen“. Und ab und zu gab es auch ein kleines Glas Rotwein dazu.

Es war mein erster Auslands-Aufenthalt. Die Urlaube davor hatten uns auf Bauernhöfe in Schladming und Haus im Ennstal (beides Österreich) geführt. Und das war leider für mich – trotz der spannenden fremden Währung (Schilling) und der damals auch schon besseren Nahrungsmittel – kein Ausland.

flagge-europaeische-union-euIn Lyon war ich von vielen Menschen aber gar nicht so gerne gesehen. War ich doch einer der verhassten „les boches“. Der zweite Weltkrieg war ja noch keine 20 Jahre vorbei. Das war auch bei den Jungen in meiner Altersklasse so.

Die Ressentiments gegen die Deutschen habe ich zum Beispiel beim Fußball-Spielen mit vielen gleichaltrigen Franzosen schmerzhaft gespürt. Es waren ja Ferien und auch die französischen Kinder waren damals noch freier als heute und haben in großer Anzahl auf den vielen Hinterhöfen und freien Plätzen gespielt.

Auch die Familie Pigneret musste lernen, dass den nachbarschaftlichen Beziehungen damals die Aufnahme eines „boches“ in der Familie nicht gut tut. So sind wegen mir Beziehungen zu befreundeten Familien zerstört worden.

Ich habe damals zu einem Trick gegriffen und habe den Menschen erklärt, dass ich eigentlich nur ein halber Deutscher und ansonsten halber Franzose wäre und mich als solcher fühlen würde. Das lag nahe, weil mich die Lebensart, das Klima, die Sprache und vieles mehr in Frankreich schnell so begeistert haben, dass es nicht einmal eine Unwahrheit war.

900px-Flag_of_the_Netherlands.svgMit 16 war ich mal wieder im „echten“ Ausland. Es war der einzige Urlaub am Meer, den meine Eltern mit uns gemacht haben. Es ging nach Terschelling, einer wunderschönen Watteninsel, die zu Holland gehört. Und auch da war ich als Deutscher gar nicht so beliebt. Auch da hat meine kleine Notlüge geholfen. Obwohl ich gar kein Holländisch konnte. Aber allein das Bekenntnis war es wohl wert. So habe ich diesen Trick zur Strategie gemacht.

Wenn ich heute in Indien bin, dann fühle ich mich wie ein halber Inder – und versuch auch so aufzutreten. In China bin ich ein halber Chinese. Meine Radtouren haben mich durch viele Länder geführt. Immer war ich ein halber Italiener, Korse, Kroate, Marokkaner, Rumäne, Serbe, Sizilianer, Slowene, Slowake, Tscheche, Tunesier, Ungar oder was auch immer.

Flag_of_SwitzerlandUnd in der Schweiz bin ich ein halber Schweizer, eine Rolle, die mir besonders gut gefällt. Und im schwarzen Afrika bin ich dann ein halber Neger
🙂 Hoffe, dass ich dann ein „wunderbarer Neger“ bin.

Sogar in USA bin ich ein halber Amerikaner, obwohl ich mir diese Rolle nicht immer Spaß macht. Dafür bin ich sehr gerne ein halber Australier, Kanadier oder Neuseeländer. Man sieht, auch ich habe meine Ressentiments …

In Lettland war das übrigens schwierig, ist doch jeder zweite Lette in Wirklichkeit ein Russe, und die Russen mögen die Letten genauso wie auch die Letten die Russen nicht. Da kann man als halber Lette schon mal beim falschen ankommen.

Tatsächlich bin ich übrigens ein halber Preuße, weil mein Vater aus einer Familie kam, die viele Generationen in Berlin gelebt hat. Aber ein halber Preuße mach ich so gar nicht sein, dann doch lieber ein halber Österreicher.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 1. Juli 2015

Keine Grenzkontrollen mehr aber immer mehr Schleierfahndung

Heute morgen habe ich in Bayern 2 ein Interview mit unserem bayerischen Innenminister, Herrn Herrmann gehört. Der Hintergrund war die Entscheidung, mehr Polizeibeamte für die Schleierfahndung abzustellen! Begründet wurde die Maßnahme mit den Fahndungs-Erfolgen der erhöhten Rasterfahndung anlässlich des auch ansonsten angeblich so erfolgreichen G7-Gipfels in Elmau. Zumindest war ja die Zufriedenheit unserer Politiker mit den Ergebnissen der Veranstaltung so hoch.

EuropaSo läuft das. Im Namen einer europäischen Vision werden Grenzkontrollen abgeschafft. Wenn auch nicht ganz! Denn auch während Elmau gab es Grenzkontrollen – die an der Grenze zu Österreich auf der Rückfahrt im DB IC-Bus von Zürich kommend habe ich selbst erlebt. Ich lese aber nirgends, welche Fahndungs-Erfolge diese Maßnahme gebracht hat, oder ob diese Erfolge in der obigen Zählung enthalten sind. Das aber nur so nebenbei.

Und jetzt wird die Schleierfahndung ausgeweitet. Zuerst an den grenznahen Gebieten, dann weil sie erfolgreich ist immer weiter und zuletzt in den Städten, denn da wird sie wahrscheinlich Fahndungs-technisch am sinnvollsten sein. Wenn wir sie da nicht jetzt schon haben.

Ich selbst sehne mich schon fast wieder nach den guten alten und ganz normalen Grenzkontrollen zurück. Irgendwie wusste ich da, auf was ich mich einlasse. Eine überraschende Kontrolle dagegen ist zumindest immer inkommode und lästig. Auch weil die Kontrolleure ja immer mit dem schlimmsten rechnen müssen.

Aber so sieht die „Europäische Einigung“ leider aus. Der EURO wird zur heiligen Kuh gemacht und unmenschliches Handeln mit der Verteidigung einer „Wertegemeinschaft“ begründet. Das Grundgesetz wird durch höhere (europäische Gesetze) geschwächt, die Reduktion von Freiheit findet auf vielen Ebenen statt, eine Erhöhung der sozialen Ungerechtigkeiten wird beschleunigt und wir unterwerfen uns kollektiv einem obskuren Glauben an das ewige Wachstum. Und immer mehr „Bürocrazy“ greift um sich.

Und das alles wird mit der dauernden Beschwörung gerechtfertigt, dass das alles notwendig wäre. Sonst würde man den Europäischen Gedanken, den Wohlstand und vor allem die Arbeitsplätze gefährden. Wobei man Letzteres in vielen „schwachen“ europäischen Ländern mehr als billigend hin nimmt.

Ich bange um mein geliebtes Europa.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 18. Mai 2015

Wenn man seine Infrastruktur nicht pflegt oder …

Amtrak-Zug auf der Cardinal route fährt ein in die Culpeper Station

Amtrak-Zug auf der Cardinal Route fährt ein in die Culpeper Station.

Warum die Amtrak-Züge so marode sind …

Dieses Wochenende stand in der SZ  ein Artikel, der den schlechten Zustand der amerikanischen Staatsbahn Amtrak beschrieben hat.

Anlass war ein weiterer Bericht über ein Zugunglück, bei dem ein Regionalzug zwischen Washington und New York entgleiste. Bei diesem Unglück starben mindestens sieben Menschen, 200 wurden verletzt, zum Teil schwer.

Der Zug war doppelt so schnell unterwegs wie erlaubt. Und der Unfall hätte vermieden werden können, wenn denn …

Die beiden Artikel möchte ich zur Lektüre empfehlen. Trotz steigender Passagierzahlen wird die Infrastruktur der Eisenbahnen in USA vernachlässigt. Für notwendige Sicherheitsvorrichtungen gibt es kein Geld.

Besonders die Republikaner lässt das kalt. Die können eh nicht verstehen, wozu man eine Eisenbahn braucht: Das wäre doch eine reine Verschwendung in einer Zeit, in der es doch Autos gäbe.

So ist es in „God’s own Country“.

😉 Ach wie gut, dass bei uns alles besser ist.

RMD

P.S.

Das Bild ist aus Wikipedia, der Urheber ist jpmueller99 from Shenandoah Valley of VA, USA.

This image, which was originally posted to Flickr.com, was uploaded to Commons using Flickr upload bot on 22:16, 26 October 2008 (UTC) by TheCatalyst31 . On that date it was licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 12. Februar 2015

Stehpinkeln – oder der emanzipierte Mann

Carl und Gerlinde (XL)

Als Carl jüngst durch die „Frankfurter Allgemeine“ im Morgengrauen ein Gerichtsurteil des Amtsgerichtes Düsseldorf ins Haus geflattert kam, hätte er vor Freude nicht nur laut schreiend die Straße auf und ab rennen, sondern in den anliegenden Häusern auch alle Klomuscheln umarmen können!

ZZZSTimg164Denn endlich war ihm einmal als Mann durch die deutsche Justiz Genugtuung zuteil geworden! Genugtuung, an die er – und unzählige andere seiner Spezies – nie mehr zu glauben gewagt hatten, nach all den Ausgrenzungen und Erniedrigungen in diesem Land, das seit Menschengedenken von einer übermächtigen, freudlosen Frau in eine ungewisse Zukunft gelenkt wurde…

Und dann – dieses unerwartete Geschenk des Himmels am frühen Morgen, von dem Gerlinde völlig unberührt blieb: sie säuselte seelenruhig in ihrem Bettchen vor sich hin, während alle Zeichen auf eine endgültige Emanzipation des Mannes deuteten!

Natürlich fragte sich Carl, wie das auf einmal möglich war? Was passiert war? Gab es in diesem Land doch so etwas wie Gerechtigkeit? Sorgte vielleicht doch eine ausgleichende Wesenheit nach den Gesetzen der Entropieminimierung dafür, dass auch die Ungerechtigkeit minimiert wurde?

Wenn ja, dann könnte die unscheinbare Meldung in der „Frankfurter Allgemeinen“ an diesem Freitagmorgen ein erstes Zeichen gewesen sein! Ein Zeichen dafür, dass es sowohl für die Spezies Mensch als auch die Spezies Mann Hoffnung auf eine bessere Zukunft gab – während Gerlinde genüsslich vor sich hinschnarchte…

Für Carl aber krachte diese Zukunft wie ein Böllerschuss in sein Leben mit der amtlichen Feststellung des Düsseldorfer Richters Stefan Hank,

„….dass das Urinieren im Stehen nicht untersagt werden darf!

Sie sorgte dafür, dass sich Carl schlagartig nicht nur als Mensch neu definierte, sondern insbesondere auch als Mann! Und zwar als Mann, der endlich auch im Stehen daheim sein Wasser abschlagen durfte! Und dem das niemand mehr verbieten konnte! Weder eine Mutter, noch eine Ehefrau, noch eine Lebensabschnittspartnerin, noch die Putzfrau…

Was natürlich klipp und klar und ohne jede weitere Deutungsmöglichkeit hieß, dass auch die immer noch schlafende Gerlinde ab sofort zur Kenntnis nehmen musste, dass er – Carl – genau wie jedes andere männliche Wesen auf der Welt – das Recht hatte, im Badezimmer im Stehen in die Klomuschel zu pinkeln!

Diese völlig neue Rechtslage am Beginn des 21.Jahrhunderts, deren Abklärung Gerlinde ahnungslos verschlief, kam wie so oft bei großen Ereignissen, völlig unscheinbar in Form zweier einfacher Sätze von Richter Hank daher, die da lauteten:

„Trotz der in diesem Zusammenhang (nämlich der Mann – Frau – Beziehung) zunehmenden Domestizierung des Mannes ist das Urinieren im Stehen durchaus noch weit verbreitet. Jemand der diesen früher herrschenden Brauch noch ausübt, muss zwar regelmäßig mit bisweilen erheblichen Auseinandersetzungen mit – insbesondere weiblichen – Mitbewohnern, nicht aber mit einer Verätzung des im Badezimmer oder Gäste-WC verlegten Marmorbodens rechnen“. (Aktenzeichen 42 c 10583/14)

Und klaro! – wenn der Marmorboden nicht verätzt wurde, wurden auch etwaige Keramikfließen auf dem Boden nicht verätzt, und wenn diese nicht verätzt wurden, dann natürlich auch die Klobrille nicht, was eine ganz einfache induktive Schlussfolgerung war, die auch einer Gerlinde, sollte sie jemals wieder aufwachen, einleuchten musste, obwohl ihr natürlich als Frau nicht immer der Zugang zur Logik gegeben war.

Anders bei Carl, der sich seinerseits aber jeden Versuch einer Domestizierung verbat, den der Richter angesprochen hatte, da sich ein Mann wie er niemals domestizieren ließ! Und schon gar nicht von einer Frau!

Das ging ja nun gar nicht!

Im Gegenteil, jetzt wo er endlich gerichtsfest, schwarz auf weiß verbrieft, im Bad und auf der Toilette ganz Mann sein durfte, wollte er diesen Akt der Emanzipation um jeden Preis durchziehen und auskosten und sich durch keinerlei Domestizierung oder sonst etwas, einschränken lassen.

Da konnte seine schlummernde Gerlinde sich noch so sehr auf den Kopf stellen (was sie ja bei einigen Yogaübungen ohnehin schon tat), er, Carl, war jedenfalls nicht mehr bereit von seinem Recht – gänzlich Mann zu sein – abzurücken!

Und Gerlinde würde er noch heute die neue rechtliche Pinkelsituation unter ihr keckes Näschen reiben! Was mit Sicherheit nicht ohne lautstarken Wortwechsel abging! Das war klar wie Rinderbrühe, aber die Sache Wert, sagte sich Carl und war stolz, wie gelassen und nüchtern er die Dinge noch vor der ersten Tasse Kaffee an diesem Morgen sah…

Na ja – und da Gerlinde vermutlich jetzt wirklich bald aufwachen würde, war zur Sicherstellung eines reibungslosen Gesprächablaufes es bestimmt pfiffig und klug, sie nicht schon vor dem Frühstücksei mit richterlichen Fakten zu überfallen, sondern erst eine Weile abzuwarten und ihr dann, je nach Befinden, bei einem Gläschen Sekt und mit der Zeitung in der Hand, die neue gerichtsfeste ‚Pinkelsituation’ zu präsentieren…

Ja das war eindeutig der bessere Weg! Der viel bessere sogar!

Und wenn er es genau überlegte – so Carl – stellte sich ja ohnehin letztlich die Frage, warum Gerlinde überhaupt mit dieser Sache konfrontiert werden musste? Sie stand doch nicht prüfend neben ihm, wenn er pinkelte! Also warum dann soviel Theater darum machen und endlos darüber quasseln?

„Hey – wo sind wir denn?“ sagte er laut zu sich selbst, legte die „Frankfurter Allgemeine“ beiseite und schlüpfte nach dieser spontanen Eingebung schnell noch einmal unter die warme Bettdecke…

Er konnte doch am Klo machen was er wollte: wenn er beschloss beim Pinkeln zu stehen, dann stand er, und wenn er beschloss sich wie bisher zu setzen, dann war das auch gut und er tat sogar noch Gerlindes nagender Forderung genüge!

Wichtig war doch nur, dass er nicht kniff, sondern klar Position bezog! Und das tat er jetzt, wo er im Lichte der neu gewonnenen Freiheit alle Optionen hatte und sich sowohl stehend als auch sitzend der Klobrille nähern konnte!

War das nicht ein irres, männliches Gefühl, nicht ‚alternativlos’ zu sein, wie es die Kanzlerin oft war…

KH
(Translated by EG)

Klaus Hnilica
Dienstag, der 27. Januar 2015

Vorhofflimmern…

Carl und Gerlinde (XXXIX)

Eine Nacht ohne Schlaf, brennende Schmerzen in der Brust, ein herumtorkelndes Herz und Dr. Riffelmanns Diagnose reichten, dass Carl eineinhalb Wochen später doch mit Hannelore und Gerlinde zu diesem blöden ‚Weiberkurs’ trabte…

ZZYVoimg162Aber Gerlinde hatte Recht! Er musste kürzer treten bevor der Zug – nein sein Zug – endgültig ab oder sonst wohin gefahren war!

„Diese Vorhofflimmer-Episode sei ein Alarmsignal gewesen, das sehr ernst genommen werden müsse“, sagte Dr. Riffelmann und verkniff sich sein sonst übliches Lächeln. Ein Glück, dass Carl erst Mitte Fünfzig war und nur leicht erhöhte Blutdruckwerte hatte: da reichte ein schlichter Betablocker, um das ‚herzliche Gezappel’ wieder in geregelte Bahnen zu bringen und von Blutverdünnern konnte abgesehen werden…

„Doch Vorsicht, das ändere sich schneller, als Carl es wahrhaben wolle“, sagte Dr. Riffelmann mit einem eher angedeuteten Lächeln. Damit das nicht passiere, müsse Carl ab sofort sich zu regelmäßiger Bewegung durchringen, wenig Alkohol trinken und deutlich seinen täglichen Stress reduzieren!

Bei den Worten ‚Stress reduzieren’ lächelte Carl mit Dr. Riffelmann plötzlich um die Wette! Wie sollte das denn gehen, bei dieser Lawine an Schwierigkeiten im internationalen Trikotagengeschäft?

Aber gut, vielleicht konnte er ja in der Firma dem rotgesichtigen Fritz Kuhlmann den Arbeitsplatz an der Pforte abspenstig machen und als Gegenleistung ihm seinen Unterwäschevertrieb samt Vorhofflimmern andrehen? Und vielleicht half ja sein Chef, ‚Osterkörnchen’, ausnahmsweise einmal konstruktiv mit, statt nur zu labern? Und der Betriebsrat auch?

„Nun, man müsse ja nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten“, meinte Dr. Dauerlächler, „wichtig wäre doch vor allem zu lernen, wie mit Stress besser umgegangen werden konnte? Und wie er sich abbauen ließ? Eben nicht nur durch noch mehr abendliche Bierchen und Whiskys, sondern gezielt durch täglichen Sport oder spezielle Entspannungsübungen!“

„Entspannungsübungen?“

„Ja – es gibt ganz hervorragende Kurse auf diesem Gebiet in denen man das lernen kann“, stellte Dr. Riffelmann begeistert fest.

„Sie denken aber bei diesen Entspannungsaktivitäten jetzt hoffentlich nicht an das wunderbare Reich der Chakren und Klangschalen in dem energiegeladene Gummidrachen für 125.- € alle Spannungen in mir auflösen, Herr Doktor?“ stöhnte Carl laut auf, grad so als wär ein Nerv angebohrt worden.

„Nein – ich rate Ihnen natürlich nicht zu Yoga Vidja, so gut kenn ich Sie schon. Aber wie wär’s denn zum Beispiel mit einem stink normalen Autogenen Training?“

Carl verdrehte die Augen und brummelte unverständliches Zeug vor sich hin.

„Ja! Warum wollen Sie nicht einmal versuchen ganz unvoreingenommen mit ‚AT’ ihren aufgestauten Stress abzubauen?“

„Deswegen nicht, Herr Doktor Riffelmann, weil ich dann nicht mehr mit einem simplen Vorhofflimmern bei Ihnen ankomme, sondern mit tödlicher Sicherheit als Amokläufer: denn wenn mir der rechte Arm schwer werden muss! und das linke Bein warm! dann brennen bei mir alle Sicherungen durch!“ grunzte Carl mit hochrotem Kopf und einer neuerlichen Flimmerepisode…

„Und wär’ das so schlimm? Ich mein’ jetzt nicht den Amoklauf, sondern den schweren rechten Arm und das warme linke Bein! Sie glauben ja gar nicht wie entspannend das sein kann und wie stabilisierend sich das auch auf ihren Herzrhythmus auswirkt…“

„Tut mir leid, Herr Dr. Riffelmann, bei mir gibt es bei diesem ‚AT’, wie Sie es nennen, nur zwei sich gegenseitig ausschließende Reaktionen: entweder werde ich aggressiv wie ein ausgehungerter Varan! Oder ich falle auf der Stelle in einen komatösen Schlaf…“

„Na ja – letzteres wäre ja gar nicht so schlecht? Abgesehen von dem etwas beschwerlichen Transport nach Hause, aber vielleicht haben Sie ja eine gute Seele die das bewerkstelligt“, meinte Dr. Riffelmann mit einem genussvollen Grinsen.

Da war das sonnenbraune Lächeln vorhin angenehmer gewesen, dachte Carl, als er missmutig das Rezept für seinen Betablocker bei der Arzthelferin entgegennahm.

Umso erstaunlicher war dann die Kehrtwende!

Oder war es gar keine? Sondern vielmehr wieder nur eine dieser üblichen Gerlindeschen Manipulationen, die natürlich wusste, wie stark sie bei dem abgetakelten Sprungstier Carl am Nasenring ziehen musste, damit er genau auf dem von ihr gewünschten Trampelpfad landete…

Nun – es dauerte genau zwei – mehr schlecht als recht durchschlafene Nächte – bis Carl beim Frühstück nach einem zweiminütigen Hustenanfall, ausgelöst durch ein Stück Französisches Baguette, auf das er wie üblich Finger dick die Aprikosenmarmelade aufgetürmt hatte, Gerlinde darüber informierte, dass diesem komischen Dr. Riffelmann, den sie ihm doch seinerzeit empfohlen hatte, sozusagen als begleitende präventive Maßnahme zu den Betablockern gegen sein Vorhofflimmern nichts Besseres einfiel, als ausgerechnet ihm – obwohl er doch wissen musste, wie sehr er jede Art von esoterischen Kram hasste – einen AT–Kurs zur Stressbewältigung vorzuschlagen.

„Na ja dann komm’ doch mit Hannelore und mir mit“, sagte Gerlinde grad so als hätte Carl nach einem zweiten Frühstücksei gefragt.

„Was? – Wie? – Wo? Ich soll bei euerem Weiberkram mitmachen“?

„Warum nicht?“

„Ja ist denn da überhaupt irgendein Mann dabei?“

„Schon.“

„Ich mein der nicht schwul ist?“

„Gottchen das weiß ich nicht genau“!

„Hm!“

„Ja…“

„Und wer leitet den Kurs?“

„Na ja der Severin?“

„Was, ein Mann?“

„Ein Sportstudent!“

„Und ist der schwul?“

„Mit Sicherheit nicht“, flüsterte Gerlinde mit einem schmutzigen Lächeln.

„Wieso weißt du denn das so genau?“

„Weil ich’s halt weiß – und Hannelore hat’s auch bestätigt…“

„Was soll das denn nun heißen?“

„Na ja, dass sie es auch sicher weiß…“

„Puh – ich glaub ich bin im falschen Film!“

„Wieso das denn?“

„Na ja wenn ich deine glänzenden Augen sehe beim Sportstudent Severin…“

„Kannst ja mitkommen und dir den Severin anschauen…“

„Ja geht das denn?“

„Wenn ich mit ihm red’ geht alles…“

„Das wird ja immer schöner“, stöhnte Carl und verdrückte sich ohne ein weiteres Wort ins Büro, da er irgendwie das Gefühl hatte, gleich wieder ins Vorhofflimmern zu fallen, wenn er nicht schnellsten für ausreichenden Abstand zwischen sich und seiner Gerlinde sorgte.

Und Samstagvormittag klinkte Carl sich dann tatsächlich ein, als Gerlinde zu diesem komischen AT – Kurs aufbrach!

„Na ja schaden wird’s schon nicht – aber helfen sicher auch nicht“, zischelte er mit einem verlegenen Smiley und drückte sich spontan mit ins Auto.

Tja – und Gerlinde überlegte, ob sie ihm noch auf dem Weg zum Kurs oder erst später sagen soll, dass der Severin momentan und eigentlich schon immer von der Uschi Müller vertreten wird…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 11. Dezember 2014

Was ist los mit Deutschland – schläft es wirklich?

Carl und Gerlinde (XXXVIII)

Als Carl morgens im Badezimmerspiegel seine zerknautschte Visage anstarrte überlegte er kurz, ob er sich gleich eine reinhauen sollte, oder erst nach dem Frühstück! Aber mit leerem Magen ging das ohnehin nicht: diese versifften Mundwinkel und die Schimmelzunge waren viel zu ekelhaft! Außerdem fürchtete er, sich jeden Moment übergeben zu müssen. Kam’s vom Magen? Oder dieser Halloween–Fratze?

ZZWerIII Die heiße Dusche brachte die Erlösung!

Der Wasserstrom über Kopf, Rücken und Gesäß wirkte wie ein belebender Stromstoß. Als dann die Brust, der Bauch und das leblose Würmchen berieselt wurden, kam auch Carls schwabbelndes Großhirn in Schwung. Ja es schlängelte sich sogar die eine oder andere Erinnerung wieder durch seine Alkohol getränkten Synapsen. Auch die stechenden Kopfschmerzen waren fortgewischt. Nur die eineinhalb Liter Pinot Grigio in Blut und Leber mussten noch ausgeschwitzt werden und die gestrigen Gesprächstiraden von Dr. Osterkorn alias Bernie und Miriam auch…

Vollkommen überraschend war dieser ‚weinselige Gedankenaustausch’ gestern Abend bei Bernies Lieblingsitaliener für Carl nicht dahergekommen: Nach dem desaströsen Einbruch der Auftragszahlen im Unterwäschebereich durch die ‚Russlandklatsche’ war natürlich sonnenklar, dass die wichtigsten Spartenleiter bei TRIGA weithin hörbare Schnellschüsse abfeuern mussten.

Carl erinnerte sich dunkel, dass Bernie so etwas Ähnliches von sich gegeben hatte und schäumte sorgfältig seine muffelnden Achselhöhlen ein – puh! das war höchste Zeit…

Letztlich war Bernie auch nur ein Getriebener! Genau wie die Geschäftsführung und der Konzernvorstand: alle mussten die geplanten Renditeziele erreichen. Ohne Rendite – keine Boni! Weder für die Geschäftsführung noch für Bernie und seinen Spartenvertriebsleiter Carl. Und für Miriam, die Verantwortliche im Bereich Unterwäsche, schon gar nicht.

Wisst ihr – wir bräuchten ein komplett neues Narrativ für unsere Unterwäsche, hatte Bernie dann spontan losgeblafft und Miriam mit brunftigen Jungstierblick zugeprostet, die skeptisch ihre Augenbrauen hochzog. Ja – wir benötigen unbedingt eine richtig umstürzlerische Idee, um die Geschichte unserer Slips, Tops und BHs neu erzählen zu können und an unsere Kunden narrativ rüberzubringen! Ja und vielleicht sollten die Tops in den nächsten Jahren doch mal wieder bis zum Nabel reichen und die Damenhöschen wieder Höschen sein, die nicht nur das Schamhaar abdecken und hinten als Pobackenteiler fungieren?

Da Carl sich gerade den Po einschäumte, als dieser Erinnerungsfetzen durch sein Großhirn wehte und mit Entsetzen an Tangahöschen für Männer dachte, ging ein derartiges Beben durch seinen lädierten Körper, dass das herabrieselnde Duschwasser – oh Schreck – krachend gegen die Duschkabine platschte…

Vielleicht hat Putin ja wirklich Recht, hatte Bernie laut vor sich hin monologisiert, wenn er seit Sommer solche ‚Höschenfragmente’ von der russischen Frau fernhält und sie zukunftsweisend wieder in Richtung einer Unterhose dirigiert, die diesen Namen auch verdient. Dass er dabei in einem Aufwasch gleich die Werteskala für das ‚Neue Russland’ nachjustiert, kann ihm eigentlich niemand verübeln! Schließlich durfte das große, stolze Russland niemals auf das jämmerliche Niveau des dekadenten Westens absinken und Idealen huldigen deren aufgegipfelte Verkörperung eine ‚Conchita Wurst’ ist! Ist doch nachvollziehbar, oder?

Und wie stellst du dir das vor, lieber Bernie? Giftete Miriam plötzlich los: sollen wir dann zukünftig auch in Unterhosen bis zum Hals herumrennen und uns unterm Kaschmirkaftan verstecken? Na dann Prost-Mahlzeit, du Putinversteher! Du willst uns doch nur ins neunzehnte Jahrhundert zurückprügeln, damit du wieder ins Russlandgeschäft kommst, oder? Wenn dem so ist, lass es mich beizeiten wissen, ich bin dann schneller weg als du ‚Indianer Jones’ aussprechen kannst!

Carl, der sich endlich bis zu den Zehen durchgeschäumt hatte, war ziemlich erstaunt gewesen, dass Miriam so temperamentvoll ihren Bernie angeraunzt hatte. Das war echt super gewesen und verdiente einen extrakräftigen Massagestrahl auf Rücken und Lenden! Herrlich – wirklich ein Genuss…

Welch eine glückliche Fügung, dass dann das Essen gekommen war, sonst hätten sich Miriam und Bernie richtiggehend ineinander verbissen, aber so konnte Bernie ersatzweise in seinen Lammbraten beißen, Miriam an der überbackenen Goldbrasse knabbern und er sein Lammgulasch in Zitronensauce so hastig reinschaufeln, dass er von daher schon gezwungen war den Mund zu halten.

Da Bernie derlei Artigkeit offensichtlich fremd war und er mit vollem Mund weiterlaberte, ließ er Carl und Miriam voll an seinem zarten Lammbraten teilhaben, indem er ihn auch kleinteilig vor sich auf dem Tischtuch ausbreitete. Andererseits gelang ihm dadurch der nahtlose Übergang von Putin zu Merkel, von der er mehrfach energisch ein ähnliches Narrativ für Deutschland forderte, wie es Putin für das ‚Neue Russland’ geliefert hatte!

Aber du gehst jetzt nicht so weit, Bernie, dass du von ‚Mama Merkel’ nach der ‚Energiewende’ nun auch noch eine vorbildhafte radikale ‚Unterhosenwende’ einforderst, ätzte Miriam ebenfalls nahtlos weiter, während sie ihre Goldbrasse fachfraulich zerlegte.

Nein natürlich nicht, mampfte Bernie, aber ‚unsere Angela’ könnte das Deutsche Volk doch einmal mit einem hübschen, brauchbaren ‚Narrativ für Deutschland’ überraschen, statt es permanent mit sinnentleerten Worthülsen einzulullen! Es täte uns gut endlich aufzuwachen und uns mehr um den Rest der Welt zukümmern, statt ihn ständig mit unseren Ängsten zu quälen! Nur ‚German Angst’ ist ein bisschen wenig, oder Carl?

Ja dem konnte Carl unter der Dusche nur zustimmen und endlich den tierisch guten Massagestrahl abdrehen: Denn nach der Wassermassage war ‚Kaltduschen’ angesagt! Und das erforderte mindestens die gleiche Überwindung wie die Entwicklung eines Narrativs für Deutschland…

Aber siehe da, Osterkörnchen war nicht zu bremsen gewesen, ihn verlangte nach Miriams Rüffel und dem Lammbraten, nicht nur sofort nach einem Tiramisu, sondern er kam praktisch zeitgleich selber mit narrativen Ideen daher. Oder war’s Miriam gewesen? Die meinte wir sollten in einem neuen Narrativ für Deutschland nicht mehr nur den zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau und den Holocaust gebetsmühlenartig repetieren und auch nicht nur über die Überwindung der Ost – West – Spaltung und Europa reden, sondern vielmehr die Tatsache hervorheben, dass Deutschland neuerdings ein höchst begehrtes Einwanderungsland ist und zum Beispiel während der letzten beiden Fußballweltmeisterschaften sogar plötzlich als hip, multikulti, fröhlich und bunt galt!

Da hatte Carl dann auch schon genug von der ‚Kaltdusche’! Bibbernd sprang er aus der Duschkabine, rubbelte sich laut stöhnend mit dem Badehandtuch ab und wollte partout nicht mehr daran erinnert werden, dass er nach Miriams klugen Einwurf – vielleicht schon etwas angesäuselt – unbedingt auch die ‚Energiewende’ in das neue Deutschlandnarrativ einbinden wollte und mit schwerer Zunge darauf bestand, dass sich dadurch quasi von selbst ein gravierender Paradigmenwechsel im Unterwäschegeschäft ergäbe: denn warme Unterwäsche führe zwangsläufig zu einer Reduktion der Heizleistung und damit auch des CO2 Ausstoßes in die Umwelt! Das sei doch klar wie Kloßbrühe!

Und gestützt auf diese Fakten könnte Frau Merkel in ihrer wenig präzisen Art vermutlich dann wirklich allen Skeptikern seelenruhig entgegensäuseln, dass das Land der ‚Dichter und Dämmer’ in den von der Regierung massiv geförderten warmen Unterhosen sehr wohl seine ehrgeizigen Klimaziele in der Europäischen Gemeinschaft erreichen wird! Ja diese sogar noch überbieten werde, wenn in der großen Koalition, konform mit Herrn Sigmar Gabriel, noch vor Jahreswechsel – abweichend vom Koalitionsvertrag – beschlossen würde, dass neuerdings auch ‚Thermounterwäsche’ ähnlich umfangreich gefördert würde wie die Wärmedämmung der Gebäude, ohne dass dadurch natürlich die schwarze Null von Herrn Schäuble in Gefahr geraten dürfte, was zwar nicht dem Weltklima aber doch der CDU immens schaden würde – und allein das zählte! Letzteres sagte Frau Merkel zwar nicht in Carls Gedankenwelt, dachte sie aber.

Kurz danach musste bei ihm der Film gerissen sein, denn an den Jubelschrei von Bernie hatte er keine Erinnerung mehr – und wie er nach Hause gekommen war wusste nur Gerlinde, die ihn aber heute Morgen nicht sehen wollte, was schon ein bisschen komisch war, oder?

KH