Hans Bonfigt
Donnerstag, der 26. Mai 2016

Atom

Was war der Grund für den angeblichen „Störfall“ in Hamm-Uentrop?

Jede Politik gebiert Kompromisse.
Ein Kompromiss ist der Tod jeder genialen Idee.

Politik verhindert zuverlässig jedes geniale Konzept.

Erinnern Sie sich noch an die Winkraftanlage „Growian“?

In den Siebzigern wurde uns eingehämmert, „mit Windenergie kann man keine systemrelevante Menge an elektrischer Leistung erzeugen“, „höchstens 2%“. Um dies zu „beweisen“, schickten Politik und Industrie einen Großprototypen ins Rennen, dessen Scheitern unausweichlich war – was nebenher der Sinn eines Prototypen ist.

Der Mißerfolg wurde weidlich ausgeschlachtet:
„Die Glocken sollen läuten, es waren nichts als Lügen, der Mensch ist kein Vogel, es wird nie ein Mensch fliegen.  Sagte der Bischof den Leuten“.
Und heute wissen wir, daß Windkraft so unwirtschaftlich und ineffektiv ist, daß Bayern sie explizit qua Gesetz verbieten mußte.

Ist der Name „Transrapid“ noch geläufig? Ja, genau: Das geniale System, das den Stator eines Asynchronmotors quasi auf einer Eisenbahnstrecke abrollt und eine berührungs-, friktions-, führungs- und verschleißfreie Fortbewegung ermöglicht.

Was ist daraus geworden: Nix. Wir bauen weiterhin Schienensysteme aus dem vorvorletzten Jahrhundert: Technik von gestern mit der Technologie von vorgestern. Erbärmlicher Lachschlager am Rande: Als „Kompromiß“ war einmal angedacht, eine Transrapid-Strecke als S-Bahn-Ersatz zum Flughafen München zu errichten.  Ich war ja immer der Meinung, daß die Wahrheit einer bizarren Geschichte nicht im Wege stehen sollte, aber was die „politische Klasse“ an Exkrementen auf das Volk scheißt, nachdem sie den Lobbyistenfraß lautstark verdaut hat, das kann man sich gar nicht mehr selbst ausdenken. Auch nicht nach 24 Stunden Dauerberieselung durch „RTLII“ oder „Helene Fischer“.

Ist der „Wankelmotor“ noch ein Begriff? Jener hätte das Zeug gehabt, den Viertakt-„Zappelphilipp“ zu verdrängen. Aber die Idee verschwand im Nirwana.

Allen Konzepten ist eines gemein:

kompromiss

Wenn Politik und Industrie, also Dummheit, Macht- und Habgier, zusammenarbeiten, dann kommt meistens ein Begräbnis 1. Klasse dabei heraus.

Und so war es auch beim genialen Thorium-Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop.

Dreißig Jahre sind eine lange Zeit, aber an die Vorgänge im und um den Thorium-Hochtemperaturreaktor kann ich mich gut erinnern. Um Pawloff-Reflexe vorwegzunehmen: Aus guten Gründen war ich vor 30 Jahren Kernkraftgegner, aus guten Gründen bin ich es heute. Nur habe ich es aus Scham stets vermieden, mich mit dem grünen Dummvolk zu solidarisieren.

Und noch eines möchte ich vorwegnehmen: Ganz bewußt habe ich keine der üblichen „Quellen“ wie Wikipedia und Zeitungsartikel verwendet. Das, was ich hier schreibe, habe ich größtenteils selbst erlebt, und ich war „drin“, beispielsweise im Reaktor-„Core“, dem Teil also, der garantiert noch weitere 30 Jahre „sicher eingeschlossen“ sein wird.

Der Thorium-Hochtemperaturreaktor war der einzige Reaktortyp, der sicherheitstechnisch einigermaßen beherrschbar gewesen wäre. Er war systemimmanent sicher wegen seiner thermonuklearen Eigenschaften:

  • Nach Überschreiten einer Temperatur von etwa 1.200°C ist die Reaktivität rückläufig, selbst bei Ausfall aller Wärmetauscher wäre ein „Durchbrennen“ des Reaktors, dessen Wandungen aus meterdickem Graphit sind, unmöglich, denn dieser hält Temperaturen bis 2.500°C stand.
  • Er wird mit Graphit und nicht mit Wasser moderiert.
  • Er vermeidet austenitischen Stahl, der sich über Jahrzehnte hinweg als nicht ausreichend standfest unter extremer Strahlenbelastung erwiesen hat.
  • Die Ableitung der Wärme erfolgt über sechs unabhängige Wärmetauscher mit einem Helium-Primärkreislauf.  Helium hat eine hohe spezifische Wärme und ist insbesondere ein inertes Gas, das völlig stabil bleibt beim Passieren des Reaktors. Außerhalb des Reaktors war also nicht einmal der Primärkreislauf mit nennenswerter Radioaktivität belastet.

Natürlich wäre auch hier ein „größter anzunehmender Unfall“ möglich gewesen, der ähnlich verheerende Folgen gehabt hätte wie die „Leistungsexkursion“ des RBMK-Reaktors in Tschernobyl: Ein Wassereinbruch im Reaktor. Freilich hatte man alles getan, um einen solchen Fall auszuschließen. Darüber könnte man mehrere Bücher schreiben, so gab es de facto gleich drei Wärmekreisläufe. Unbedingt zu erwähnen wäre auch der Trockenkühlturm – aber all dies sprengt einen Blog-Artikel.

Der THTR war überdies im Betrieb ausgesprochen erfolgreich, er lief insgesamt 1,5 Jahre (es war der erste großtechnische Prototyp). Und natürlich gab es Probleme, insbesondere zwei konzeptionelle:

Brennmaterial und Moderator waren kugelförmig, etwa von der Größe eines Tennisballes. Im hexagonal angelegten Reaktorcore war ein riesiger Kugelhaufen gestapelt. Das Helium wurde im Gegenstrom bei 36 bar Überdruck durch den Kugelhaufen geleitet. Nun ist Helium-4, wie schon erwähnt, nicht nur stabil, sondern verfügt auch über eine hohe spezifische, jedoch über eine sehr geringe molare Wärmekapazität. Heißt für den praktischen Betrieb: Enorme Druckerhöhung bei Temperaturanstieg und geringe Viskosität. Es bildeten sich Heißgassträhnen innerhalb des Reaktors, welche die Heliumleitungen im Reaktor irreparabel (und irreversibel) beschädigten. Gleichzeitig wurden, bedingt durch die Leistungsregelung mit Grahitstäben, welche in den Kugelhaufen eingefahren wurden, weitaus mehr Kugeln beschädigt als vorhergesehen. Der Trümmerbruch und der Staub mußten ausgefiltert werden.

Häufiges Stillsetzen und Wiederanfahren war notwendig, und jedesmal mußte eine nicht ganz unerhebliche Menge an Helium freigesetzt werden, welches allerdings, bedingt durch schlechte Filterung, noch reichlich mit radioaktivem Staub kontaminiert war. Es gab eine gesetzlich untermauerte Regelung, daß ein Kernkraftwerk pro Betriebsjahr nur eine ganz bestimmte Menge Radioaktivität freisetzen durfte. Bei vielfachen In- und Außerbetriebnahmen war diese Menge schnell erreicht.

Es waren bereits effektivere Filter bestellt und m.W. waren diese sogar schon eingetroffen, jedoch noch nicht eingebaut.


Und dann passierte:  Nein, nicht Tschernobyl…

… das sicher auch, aber der Todesstoß für den THTR kam von Jimmy Carter:

Der THTR arbeitete mit hochangereichertem, sprich waffenfähigen Uran. Und zwar in rauhen Mengen, knapp zwei Tonnen waffenfähiges U235 lagerten in Hamm-Uentrop. Möchte mal wissen, wo das Zeug heute herumgammelt, wer weiß, vielleicht in einer Scheune in Südfrankreich, wie damals das Seveso-Gift ?

Nun war den Amerikanern aufgefallen, wie schlampig speziell die BRD mit Nukliden umging (siehe die groteske „Asse“-Situation) und die Allah-Anbeter wurden auch nicht dümmer. Vor dreißig Jahren konnte man sich für ein minimales Bakschisch hochbrisanten Militärsprengstoff aus Bundeswehrbeständen „kaufen“. Der wurde einfach bei einem Manöver irgendwo vergraben und später abgeholt. Mit etlichen tausend Mark wäre man ganz sicher auch an das U235 gekommen.

Und da haben die Amerikaner halt die Notbremse gezogen, zumal sie Kohl und Genscher verständlicherweise abgrundtief verachteten. Strauß wollte das inkarnierte Fähnlein im Wind ja für die ISO vorschlagen, „1 Genscher := Maßeinheit für politische Unzuverlässigkeit“.

Neuen Brennstoff gab es nicht.

Der THTR hatte noch Brennstoff für zwei Jahre, und dann hätte man ihn mit einem komplett anderen Material betreiben müssen, was den thermischen Wirkungsgrad unterirdisch verschlechtert hätte.

Naja, und unerfreulicherweise gab die äußere Betonhülle Wasser an das Graphit des Reaktorcores ab, welches prächtig reagierte.

Sic stanitbus rebus: Operation geglückt, Patient wirtschaftlich tot.


Und dann, zur Freude der Betreiber …

geschah das Unglück von Tschernobyl und die Stimmung im Land kippte schlagartig. Der RBMK wurde ja mit Graphit moderiert, genau wie der THTR!!!1! Oh mein Gott!!! Apropos: Das ganze dumme „Christen-“ und „Grünen“-Stimmvieh zog in die Schlacht. Mann, mann, mann, war das peinlich. Mich deucht, das Einzige, was uns die sogenannten „Flüchtlinge“ an „Bereicherungen“ beschert haben, sind die Christenverfolgungen. Sollte man ausbauen. Nachhaltig. Ein- oder zweimal habe ich auf einem evangelischen Kirchentag versucht, mit „Anti-AKW-Aktivisten“ zu diskutieren – das ist von vornherein sinnlos, wenn „Glaube“ im Spiel ist. In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf einen brillanten if-blog – Artikel von Klaus-Jürgen Grün verweisen, Kirchen tagen. Und wenn die Nachkriegs-SPD ja insgesamt widerlich opportunistisch war, in Nordrhein-Westfalen kultivierte sie über Jahrzehnte diesen Opportunismus zur abstrakten Kunstform. „Atom“, das ging jetzt gar nicht mehr.

Und endlich hatte man eine Möglichkeit gefunden, aus dem schwierigen und längst unrentablen Projekt auszusteigen, es fehlte nur noch ein „Paukenschlag“.

Nun wird in der „Lügenpresse“ behauptet, sinngemäß, „Die Techniker wollten ihren radioaktiven Müll dezent loswerden“. Ja, natürlich wollten die das. Aber die waren nicht dämlich, gingen nicht in die Kirchen und wußten stattdessen:

  • man würde 233Pa finden, ein THTR-spezifisches Spaltprodukt und
  • zudem ein Tritiumnuklid, welches entsteht, wenn der verschwindend kleine Restanteil Helium-3 im Kühlkreislauf unter Neutronenbeschuß reagiert.

Kein Einbrecher hinterläßt seine Visitenkarte auf dem Wohnzimmertisch.

Es sei denn, er möchte, daß sie gefunden wird.
Ja, und so wurde es dann auch gehandhabt, man entließ kubikmeterweise kontaminierten Reaktorstaub und Aerosole in die Atmosphäre. Und alle waren zufrieden:

Die Presse hatte ihren geliebten Skandal, der Schuldige war schnell gefunden, nämlich das böse THTR – Prinzip, der Steuerzahler durfte für den Abbruch aufkommen (und darf das auch weiterhin bis 2050)  —  und die „Grünen“ hatten ihren „Sieg“. Last but not least: Die VEW konnte wieder „sichere“ Leichtwasserreaktoren bauen.  Denn das Tschenobyl-Odium klebte jetzt am bösen THTR, nicht aber an den bekannt unsicheren Leichtwasser-Zeitbomben.

Zusammenfassend:

Opportunismus und wirtschaftliche Erwägungen stellen eine erhebliche Gefährdung sinnvoller Projekte dar. Kommt jetzt noch „Zeitgeist“ oder „Volkswille“ hinzu, dann kann man jedes Projekt gleich einäschern.

Wenn ich heute an so mancher Ruine vorbeifahre, sei es die Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg oder der THTR in Schmehausen, dann werde ich ganz traurig und mir kommen die letzten Zeilen von Brechts anachronistischem Zug in den Sinn,

Und der Wind in den Ruinen/singt die Totenmesse ihnen,/die dereinst gesessen hatten/hier in Häusern/Große Ratten/schlüpfen aus gestürzten Gassen/folgen diesem Zug in Massen/“Hoch die Freiheit“ piepsen sie,/“Freiheit und Democracy“.

hb