Klaus Hnilica
Samstag, der 8. Juli 2017

Ehe für alle? Nicht für Carl…

Carl und Gerlinde (Folge 51)

Nein – bitte nicht! Alles nur nicht heiraten…“ hörte Carl seine Gerlinde stöhnen, als er auf wunden Knien vor ihr lag und mit treuem Hundeblick zum x-ten mal um ihr schlankes Händchen anhielt.

   Aufrecht, aber leichenblass, murmelte Gerlinde in einem hässlichen pinkfarbenen Kleid aus Brüssler Spitze immer den gleichen Satz: „Nein bitte nicht! Alles nur nicht heiraten! Nein bitte nicht! Alles nur nicht heiraten…!“, während sie nervös mit spitzen Fingern an einem Margaritenkranz in ihren Haaren nestelte. Doch Carl starrte sie mit glasigen Augen an, führte hastig einen weiteren goldenen Ring über ihren rechten Ringfinger, obwohl alle viel zu weit waren und immer wieder von ihrer herabhängenden  verschwitzten Hand herunter glitten –  als er es aber fast geschafft hatte und ihre rechte Hand quasi mit einem herrlich glänzenden, güldenen Finger ausgestattet war, schnellte sie mit einem animalischen Schrei hoch und stürzte durch Carl hindurch ins Freie

Schweißgebadet wachte Carl auf!

Sein Inneres bebte; er benötigte eine gute halbe Stunde bis er sich einigermaßen beruhigt hatte.

Gerlinde, die gerade noch wie eine nordkoreanische Rakete durch ihn hindurch gerast war, schnarchte gemütlich neben ihm. Gelegentlich war es eher ein Bellen, was sich aus ihrer Kehle zwängte! Vereinbarungsgemäß piekste er sie dann so lange in ihren rechten Oberarm, bis sie sich in eine Seitenlage bequemte und nur mehr ein frühlingshaftes Säuseln von sich gab…

Leider verfolgte Carl dieser ‚Hochzeitsalptraum’ in jüngster Zeit immer häufiger!

Das  heißt genau genommen seit dem 30. Juni 2017, als der Bundestag nach Angela Merkels hurtiger ‚Ehewende’ mit deutlicher Mehrheit für die Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts stimmte. Ja –  seither überfiel ihn dieser Alptraum in wechselnden periodischen Zeitintervallen!

Da half auch keine Diskussion mit Gerlinde – oder mit Hannelore und Kurt! Im Gegenteil – die ‚Alptraumfrequenz’ steigerte sich dann sogar, denn Carl sah sich immer deutlicher in ein ‚deprimierendes Abseits geschoben: Tatsache war nämlich, dass ab sofort – außer Verwandte –  alle heiraten konnten und in die überlegene Kategorie der ‚Ehepaare’ aufstiegen, mit all den untrüglichen Merkmalen, wie Eigenheim, Garten, Auto, Kind, Hund – und eben auch einer Ehepartnerin, die man in Gesprächen mit anderen oder bei Geschäftsessen und beim Vorstellen einfach ‚meine Frau nennen konnte!

Angehörige dieser Kategorie wussten, dass sie es geschafft hatten: Sie waren im Leben angekommen, hatten eine der wichtigsten Normen unserer Gesellschaft erfüllt! Ganz egal wie lang diese Norm hielt?

Während Paare wie er, Carl, und seine widerborstige Gerlinde in dieser ‚normierten Gesellschaft’ gerne mit einer Mischung aus Mitleid, Ablehnung und heimlichen Neid konfrontiert waren. Ja  sie  wurden sogar –  für seinen Geschmack viel zu oft – in einen Zustand des ‚Noch – Nicht’ bugsiert! Nämlich, dass sie trotz ihres fortgeschrittenen Alters immer noch nicht die Partnerin, bzw. den Partner fürs Leben gefunden hatten, und ihr Leben wegen ihrer Ungebundenheit letztlich nur ein Leben im Aufschub war: im echten, seriösen Leben waren diese Paare noch lange nicht  angekommen.

Insbesondere Carl nicht ,mit seiner ‚Mätresse’, wie einige seiner Freunde Gerlinde ihm gegenüber immer wieder titulierten, wenn ihr Alkoholpegel jenes Maß erreicht hatte, bei dem Wahrheit nicht nur auf der Zunge lag, sondern sich auch nur allzu leicht aus ihren schmierigen Mäulern schlängelte.

Andererseits, wer war sie denn wirklich, seine Gerlinde?

War sie seine Freundin? Oder seine Lebensgefährtin? Oder seine Partnerin? Seine Putzfrau oder sein Lustobjekt? Oder was eigentlich…

Doch seiner Gerlinde ging das leider alles an ihrem süßen Arsch vorbei! Für sie war Carls Herumgezänke weder nachvollziehbar noch stichhaltig. Vielmehr schrieb sie all seine Schwierigkeiten mit diesem fehlenden gesellschaftlich akzeptierten Begriff für Paare, wie er und sie es waren, immer nur seiner Verklemmtheit zu! Und seinem Alter! Beides hing natürlich eng zusammen, wie sie nachsichtig lächelnd, häufig betonte.

Und wenn sie gar nicht mehr weiter wusste, zitierte sie flugs die eine oder andere amerikanische Studie, in der wissenschaftlich nachgewiesen wurde, dass Männer, sobald sie den Bund der Ehe eingehen, unweigerlich und zwangsläufig an Pfunden zulegen – und dies nicht zu knapp! Und das wollte sie unter allen Umständen vermeiden: denn einen verheirateten Fettsack brauchte sie wirklich nicht. Da war ihr der fast schlanke Carl, im ‚Noch – Nicht’ – Zustand, bei weitem lieber!

Doch obwohl Carl in diesem Punkt in keiner Weise mit Gerlinde konform ging und nach wie vor seine nicht erklärbare singuläre Ehelosigkeit beklagte, musste er zugeben, dass Gerlindes abstruser ‚Fettleibigkeitsvorbehalt’ schon bald seine Alpträume noch grauenvoller gestalteten: denn auf sein Flehen, ihn endlich zu heiraten – antwortete sie plötzlich lachend „ja ich will!“

Doch in dem Moment, als er spürt, wie dieses hin gelächelte „Ja“ seine Seele erwärmte, übermannte ihn auch eine nicht zu bändigende Blähung, die ihn wie einen Heißluftballon immer runder und dicker werden ließ – bis es ihn mit einem lauten Knall  zerriss, und er spürte, wie seine Scham über diese Erlösung selbst die Wut über Gerlindes Lachen übertraf…

KH

 

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 18. Mai 2017

Der Sturz

Ich weiß nicht mehr, wer mir diese Geschichte erzählt hat. Vielleicht der Reiseführer auf der Fahrt ins ‚Manrique Museum’? Oder diese Geologieprofessorin aus Brandenburg? Seit acht Jahren kommt sie im März ins ‚Lanzarote Park Hotel’ in Playa Blanca und liest auch spanische Tageszeitungen, nicht nur dieses dämliche Inselmagazin Lanzarote 37°. Oder hat mir sogar Pedro diese Geschichte als eine seiner nicht zu überbietenden ‚Sprachensalat ’- Variationen an der Pool-Bar serviert?

Ich weiß es nicht mehr…

Aber immer ging’s um diesen zahnlosen Straßenmusikanten!

Ein Schandfleck auf der endlosen meeresnahen Promenade im Südwesten von Lanzarote. So verdreckt und unappetitlich sollte der da nicht sitzen dürfen. Das geht nicht! Nicht auf dieser fantastischen EU–finanzierten Promenade! Auf der bis tief in die Nacht hinein hunderte von Menschen pilgern.

Dieser ‚musizierende Drecksack’ lungert ja nicht nur auf seinem rostigen Klappstuhl vor der letzten Brache an der Promenade herum, wo man ihn kaum wahrnehmen würde, sondern neuerdings fast ausschließlich an der gemauerten Promenadenbrüstung.

Was für ein Auftritt da: ein ‚musizierender Müllhaufen’ vor dem sonnenbestrahlten ewig glitzernden Meer! Mit einem schmierigen Hut am Boden und einem Käppi auf sonnenverbranntem Schädel! Und zwei Triefaugen wie Pfützen…

Meist sabbert er in eine Melodica – eine Art Tastenflöte – aus der immer die gleiche Melodie kriecht. Doch seltsam anrührend! Das muss man ihm lassen. Vielleicht ist es sogar etwas von Mozart? Wenngleich es zu schwermütig sein mag? Leider konnte ich das nie herausfinden.

Als der Konzertsaal in Jameos del Agua in der „Lavablase“ vor sieben Jahren geschlossen worden war, weil Steine aus der Decke fielen, spielte dieser Schandfleck auch schon auf der Promenade in Playa Blanca. Damals soll er sogar ein ziemlich reichhaltiges musikalisches Portfolio gehabt haben.

Und während das Vulkangestein über der Decke mit speziellen Harzen verklebt wurde, saß er auch jeden Tag da. Von den sechs Millionen Euro, die das gekostet haben soll, verlor sich vielleicht sogar der eine oder andere Cent in seinen schäbigen Hut. Wer konnte das schon wissen? Der ‚musizierende Müllhaufen’  sicherlich nicht.

Und dieses Einweihungskonzert anlässlich der festlichen Neueröffnung des renovierten Konzertsaales in Jameos del Agua  ging bestimmt auch vollkommen an ihm vorbei, ebenso die Tatsache, dass der berühmte englische Dirigent John Miguel Smith dirigieren würde und sich sogar Vertreter des spanischen Königshauses angesagt hatten.

Doch dass dieser höchst eitle John Miguel Smith mit seiner viel zu jungen Begleiterin ausgerechnet einen Tag vor diesem pompös angekündigten Eröffnungskonzert vor ihm – dem ‚musizierenden Drecksack’ – ganz blöd gestolpert und im wahrsten Sinn des Wortes in voller Länge hingedonnert war, das hatte er mitbekommen.

Und die spanischen Flüche des feinen Engländers vermutlich auch!

Dabei hatte Betty noch, „attention John“, gerufen, da er offensichtlich eine seltsam einschmeichelnde Melodie wieder erkannte und nur noch Augen für den zerlumpten Verursacher dieser Melodie hatte – aber da war es schon zu spät! Er klatschte in voller Länge auf das gediegene braune Pflaster der Promenade hier in Playa Blanca…

Schimpfend sprang er sofort wieder hoch, begutachtete entsetzt seine grässlich aufgeschürften Hände und Ellbogen, bewegte wie ein Wahnsinniger seine malträtierten Finger und strich immer wieder kopfschüttelnd über das am Bauch aufgerissene blutige T-Shirt.

Dass er sich beim Sturz auch das klobige silberne griechische Knotenkreuz vom Hals gerissen hatte, merkte er erst, als Betty es ihm mit Tränen in den Augen entgegenhielt. Wie ein Greifvogel schnappte er zu und warf es dem vor Entsetzten erstarrten Straßenmusikanten in seinen schmierigen Hut.

Hastig zog er Betty mit sich fort, um schnellstens der aufgeschreckten, gaffenden Menschenmenge zu entkommen. Seine einzige Sorge galt wohl nur noch dem morgigen Eröffnungskonzert in der „Lavablase“! In Jameos del Agua! Und seinen zerschundenen Armen, dem aufgeschürften Bauch, den blutenden Händen und seinem aufgeschlagenem Kinn. Und hoffentlich hatte ihn niemand erkannt – ihn, den berühmten John Miguel Smith, als er wie ein hingeknallter Frosch bäuchlings die Promenade küsste…

Welch eine Demütigung!

In mindestens einem Fall schien sich allerdings diese Hoffnung nicht erfüllt zu haben: denn als der ‚musizierende Müllhaufen’ seine Schockstarre überwunden hatte und nach dem Kreuz zwischen den wenigen Münzen in seinem Hut fingerte, ging urplötzlich ein seltsames Leuchten über sein vom Alkohol zerstörtes Gesicht, ein Leuchten, das auch noch anhielt, als sich das zahnlose Maul auftat und ein fragendes „Miguel?“ herausdrang…

Und dann wieder: „Miguel – Miguel,  bist du’s?“

Immer aufgeregter wurde der Straßenmusikant, immer panischer,er ließ die vor Schmutz starrende Melodica fallen und drückte auch mit seiner linken Pranke an dem Silberkreuz herum – und immer wieder krächzte er: „Miguel !…Miguel !!…Miguel…!!!“

Aber John Miguel Smith war längst  außer Sicht- und Hörweite, ja er hetzte  wie ein weidwundes Tier mit seiner vollkommen aufgelösten Begleitung die Promenade entlang, um sich schnellstens in seinem Unterschlupf im Hotel Vulcano zu verkriechen!

Da der berühmte Dirigent Smith bekanntermaßen sich jedes Herumschnüffeln in seiner Vita verbat und erbarmungslos sämtliche noch so geringfügige öffentliche Vermutungen beklagte, verhallten auch diese verzweifelten Rufe des alten Mannes im Geplätscher des an der Lavaküste züngelnden Meeres nahe der Promenadenbrüstung.

Trotzdem hatte ich, wie gesagt, irgendwo aufgeschnappt, dass der Straßenmusikant deshalb, und nur deshalb seit damals, diese eine besagte ‚einschmeichelnde Melodie’, die ich bis heute nicht identifizieren konnte, spielt, da er immer noch hofft, sein Miguel – um den er sich als Kind einen Dreck geschert, ja ihn sogar zur Adoption freigegeben hatte – doch noch eines Tages vorbei kommt, und ihn, seinen angeblichen Vater, auf einen Brandy ‚Carlos III’ einlädt…

Ob es wirklich der ‚Carlos III’ ist, von dem dieser vermüllte ‚Musikus’ träumt, dafür möchte ich mich allerdings nicht verbürgen, aber ich lade jeden, der mir etwas Neues über John Miguel Smith zu erzählen vermag, zu einem ‚Carlos I’ in den vorgewärmten Gläsern des Café ‚Gilbert’ an der Promenade in Playa Blanca ein – denn irgendwie sollte dem alten, ‚musizierenden Drecksack’ geholfen werden, meine ich, und warum nicht mit einem guten Brandy?

PS:
Erwähnt sei noch, dass alle Personen und Handlungen dieser Geschichte erfunden sind, doch an dieser Melodie, die zum Sturz des Dirigenten führte, bleib ich dran, die muss ich unbedingt herausfinden…

KH

Klaus Hnilica
Dienstag, der 29. März 2016

Auf verlorener Sohle

Carl und Gerlinde (Folge 48)

„Entweder hast du die Scheißerei, bist besoffen oder hängst vor der Glotze beim Fußball!“ bellte Gerlinde vom Balkon ins abgedunkelte Zimmer ihres heiß geliebten Hotels Barceló Santiago.

ZZZZZZ_173721„Ach Gerlinde! Sei doch nicht so ekelhaft, wenn ich mir einmal tagsüber ein Bierchen gönne und dem Kloppi seinen FC Liverpool anschaue“, motzte Carl zurück und rekelte sich genüsslich in seinem Bett, ohne den Bildschirm an der Wand auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen! Schließlich ging’s doch um etwas bei dieser Europa League! Und die tapferen Augsburger hielten nach dem überraschenden Führungstreffer der Klopp Truppe immer noch wacker dagegen…

„Ja, ja red’ du dir nur alles schön! Ich hab’ mir jedenfalls unseren Frühlingsurlaub auf Teneriffa anders vorgestellt!“ meckerte Gerlinde unbeirrt weiter, obwohl ihr Gemecker kläglich unterging im Getöse des Atlantiks an dem schwarzen Riff – gleich unterhalb des Hotels.

Verärgert warf sie sich schon zum fünften Mal an diesem Nachmittag in ihren Liegestuhl und starrte trübsinnig auf das kitschig blaue Meer mit dem archaischen Dreimaster in voller Takelage, von dem aus wieder unzählige genarrte Touristen vergeblich Ausschau nach Delfinen und Walen hielten.

Genau so vergeblich, wie sie seit Stunden ihren Carl in die Frischluft zu lotsen versuchte: dabei hatte sie drei Jahre ihren hartleibigen Urlaubsmuffel bearbeitet, bis er endlich bereit war mit ihr auf diese ungeliebte Insel Teneriffa zu fliegen – auf der ihr ‚Ex-Mann’ Jürgen immer noch das ehemals gemeinsame Apartment hatte.

Ja – volle drei Jahre nagende Überzeugungsarbeit waren das gewesen, und dann hockt dieser Saukerl im Hotelzimmer vor der Glotze, oder ist bestenfalls dazu zu bewegen seinen Buttermilchkadaver ein Stockwerk höher in die Poollandschaft zu schaffen, um ein paar klägliche Runden  zu drehen: natürlich mit Sonnenbrille und den Dickschädel immer schön über Wasser, damit ja die ‚Dauerwelle’ nicht nass wird, dafür aber der Nacken ausreichend schnell versteift, um nach spätestens fünf Minuten wieder aus dem Becken flüchten zu können…

Wenn es denn überhaupt fünf Minuten waren!

Denn der Poolrand wurde ständig von Bier trinkenden englischen Familien belagert, deren ‚brexit’- bereite Väter gerne balgten und häufig ihre widerspenstigen, kindlichen Monster wie fehlgeleitete nordkoreanische Raketen in Richtung Poolmitte katapultierten. Wer da im Pool durchhielt, hatte Glück und Pech gleichzeitig, denn bei diesen Überlebenden war nicht nur das Haupthaar tropfnass, sondern in den ausgelösten Riesenwellen zappelte unwiederbringlich auch jede Sonnenbrille, flink wie ein Zebrafischchen, dem unergründlichen Beckenboden entgegen…

Und wehe, wenn Carlchen auf seiner panischen Flucht vor diesem ‚britischen Tsunamichaos’ noch von einer verirrten Fallwindböe des im Hintergrund lauernden schneebedeckten Teides durchgeschüttelt wurde, dann war der Rest des Nachmittags auch für Gerlinde gelaufen!

Wortlos pflegte Carl bei solch unsäglichen Widrigkeiten sich in seinen übergroßen Bademantel zu werfen, jede noch so verlockende Sonnenliege zu ignorieren und stattdessen festen Schritts in Richtung Pool–Bar zu schreiten!

Selbstredend wich er von da nicht eher, bis er mannhaft vier doppelte ‚Carlos’ in seinen geschundenen Leib versenkt hatte – und das trotz herumnölender Gerlinde!

Kein Wunder, dass Carl nach soviel zur Schau gestellter Durchsetzungskraft dann schon mal einen Tag später, im Anschluss an das obligatorische Frühstückspiegelei, die vollkommen perplexe Gerlinde mit der Frage überraschte, ob sie spontan Lust auf eine kleine Wanderung hätte?

„Wie –  gleich heute?“

„Ja natürlich, wann denn? In zwei Wochen sind wir doch nicht mehr da?“

„ Ja von mir aus – du weißt ich bin immer für schnelle Entscheidungen zu haben, lieber Carl.“

„Deswegen lieb ich dich ja auch so, mein geliebtes Gerlindchen“, schleimte Carl und schaufelte unauffällig die von Gerlinde für sich bereit gehaltene Orangenmarmelade auf sein letztes Stück Weißbrot.

Da aber bereits um elf Uhr der Bus, zu der schon vor Tagen von ihr geplanten ‚Eingehwanderung’ fuhr, erübrigte sich ausnahmsweise jeder Protest!

Viel wichtiger war ihr, dass knapp vierzig Minuten später ihr ‚wandergeiler’ Carl, in voller Ausrüstung mit Rucksack und Wasserflasche neben ihr im Bus nach Santiago del Teide saß, und das für läppische 3 Euro 30 – für beide!

Kostengünstiger ging’s wirklich nicht!

Carl war auch bestens gelaunt: gleich mehrfach betonte er während der flotten, kurvenreichen Fahrt nach oben, dass es vermutlich nur wenige Paare gab, die so spontan und schnell Entschlüsse fassten und  einvernehmlich umsetzten, wie sie beide. Einmalig sei das – wirklich einmalig diese Harmonie zwischen ihnen beiden. Launig kniff er seine Gerlinde so fest ihn ihren nackten Oberarm, dass sie wie ein Ferkelchen quiekte. Und da Carl in Sachen Harmonie immer ausschweifender wurde und auch noch Kurt und Hannelore ins Spiel brachte, bei denen überhaupt nichts klappte, was sie gemeinsam unternahmen, war er bass erstaunt, als Gerlinde schon nach der dritten Station zum Aussteigen drängte und ihn umsichtig direkt zum Einstieg in den vorgesehenen Wanderweg lotste:

10,3 km bis Tamaimo!

„Das ist doch lachhaft“ jauchzte Carl, „das hüpf ich auf einem Bein runter“! Und schon sprang er ohne Wanderstöcke behänd von Stein zu Stein das erste Steilstück nach unten und wartete lachend auf Gerlinde, die sich lieber vorsichtig einwanderte.

Keine Frage, die Strecke war malerisch, die hatte Gerlinde gut ausgewählt. Links und rechts, die um diese Jahreszeit noch unbearbeiteten Terassenfelder, dazwischen gut gefüllte Teiche und grüne Wiesen bis zu den steil aufragenden Bergen dahinter. Und weit und breit kein Mensch, nur vereinzelte Palmen und ganz hinten ein weißes Haus. Irgendwo bellten ein paar Hunde.

Aber der Weg war nicht einfach!

Fast ununterbrochen ging es steil nach unten und auf den gelegentlichen flachen Teilstücken lag ausschließlich messerscharfes Geröll auf dem man echt nicht zu Fall kommen durfte.

Doch mit den guten ‚Lowa-Schuhen’ und hinreichender Kondition alles kein Problem, dachte Carl auch noch, als er schon spürte wie ihm plötzlich der rechte Schuh fort zu schwimmen drohte. Als er den Fuß forschend anhob, merkte er zu seinem Entsetzen, dass die gesamte Profilsohle weg hing; ein kleiner Riss und sie war gänzlich weg!.

„Und was nun?“, fragte Gerlinde besorgt.

„Weiß ich nicht!“

„Was ist mit dem linken Schuh?“

„Da ist sie noch dran – nein! Sie hängt auch schon weg…“

„Oh – Gott, was jetzt?“

„Nichts –  weitergehen“, grunzte Carl wie im Tran.

Und das tat er auch!

Und er tat es noch, als selbst die Restsohle an den Schuhen praktisch schon durchgetreten war. Und auch als die beiden Einlagen in den Schuhen bereits zerfetzt weg hingen! Und die Wandersocken nur mehr aus Löchern bestanden, und das Unterhemd und das T-Shirt um seine Fußsohlen sich in blutige Fransen auflöste…

Aber da hatten sie ja auch schon Tamaimo erreicht! Und eine Bar, von der aus sie, nach Cortado und Wasser – Gott sei’s gedankt – das rettende Taxi ins Hotel ordern konnten…

„Schade“ stöhnte Gerlinde, als sie dem freundlichen, jungen Taxifahrer ihr Ziel genannt hatte, „schade, dass das ausgerechnet am Beginn unseres Wanderprogramms passieren musste“!

Säuerlich stimmte ihr Carl zu, hatte allerdings für sich längst entschieden, dass ‚verlorene Sohlen’ am Ende eines von ‚Gerlinde geplanten Wanderurlaubs’ viel schlimmer waren – trotzdem durfte aus der saftigen Beschwerde an die ‚Firma Lowa’ kein jubelndes Dankesschreiben werden, soweit musste er sich schon, Gerlindes wegen, in der Hand haben…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 11. Februar 2016

Haarige Kopflosigkeit…

Carl und Gerlinde (Folge 47)
ZZZZZM214Ja – in einigen Dingen war Carl wirklich von eherner Beständigkeit! Und das nicht nur was sein Lieblingsbier betraf, dieses trübe Glaabsbräu, oder sein Haarwasser, oder die heiß geliebte Nivea Creme, die er sich täglich in die Haut rieb – nein, auch seinem Zahnarzt hielt er die Treue und dem französischen Baguette vom Bäcker Briegel – ähnlich wie der TRIGA Unterwäsche, den Davidoff Zigarillos und den Falke Socken – und natürlich seinem Friseur Florian Breitschuh!

Letzteres war am ehesten zu verstehen, da Carl recht zuverlässig alle zwölf Wochen seine üppig sprießende Haarpracht im Frisierstudio ‚Haargenau’ von Herrn Breitschuh zurechtstutzen ließ: und das seit siebenunddreißig Jahren!

Neuerdings verkürzte sogar ein immer dreister werdender Wildwuchs an grauen Haaren in Nasenlöchern und Ohren diese über Jahrzehnte eingeübte ‚Zwölf-Wochen-Periode’, was Carl aber gelassen hinnahm, da er einen Haarschnitt bei Florian Breitschuh nie als Last, sondern immer nur als eine willkommene ‚Entspannungszäsur’ in seinem stressgeplagten Arbeitsalltag empfunden hatte.

Insgeheim war Carl natürlich glücklich, dass dieser haarige Wildwuchs nur in den Nasenlöchern und Ohren tobte und nicht etwa auf seiner Brust oder gar den Schulterblättern: denn Gerlinde schüttelte sich stets mit unnachahmlicher Abscheu, wenn ihr im Schwimmbad oder in der Sauna ein männliches Wesen mit tierisch behaarten Schultern über den Weg lief. Ja, sie hatte in diesen Fällen sogar immer die allergrößte Mühe die unmittelbar einsetzende zwanghafte ‚fäkal sprachliche Eruption’ angemessen zu bändigen und in gesellschaftsfähige Bahnen zu lenken; für Carl natürlich ein überlebensnotwendiger Hinweis, wie er seine Körperbehaarung zu steuern hatte!

Am meisten aber schätzte Carl an Florian Breitschuh dessen Schweigsamkeit!

Außer einer kurzen Begrüßung gab es kein unnötiges Wort zwischen ihm und Carl. Und schon gar nicht dieses zermürbende Gelaber über Urlaub, die heraufziehende Klimakatastrophe, oder die immer bedrohlicher werdende Flüchtlingssituation…

Nein – Carl und Florian Breitschuh schwiegen bei ihrem ‚Haar schneidenden Tun’!

Doch eine Anmerkung ließ sich Carl nie nehmen: sobald er saß und den Frisierumhang um den Hals hatte, grinste er Florian Breitschuh in sein gespiegeltes Antlitz und sagte in sonorem Tonfall:

„2 Zentimeter“!

Nach diesem verbalen Tsunami pflegte Carl seine Augen zu schließen und diese erst wieder zu öffnen, sobald die zärtlich weichen Borsten der Breitschuh’schen Haarbürste das ‚haargenaue’ Ende des Haarschnitts signalisierten und alles wegfächelten, was an Carls Ohren, Nase, Nacken, Hals und Kragen zu kitzeln drohte.

Genau dann, wenn die Breitschuh’sche Haarbürste ihre letzte Fächelbewegung machte, öffnete Carl seine Augen und registrierte im Spiegel, mit von Jahr zu Jahr abnehmender Begeisterung, sein frisch gestyltes, graues ‚2 Zentimeter Haupthaar Gesicht’!

Eine kurze Kopfdrehung nach links und rechts genügte anschließend, um durch ein kaum wahrnehmbares Nicken zum hundertachtundvierzigsten Mal Florian Breitschuh die vollste Zufriedenheit anzuzeigen! Was dieser seinerseits mit einem feinem Lächeln und einer nur für Eingeweihte erkennbaren Verbeugung quittierte.

Doch warum dann dieses unfassbare und jeder Sachlichkeit entbehrende Ereignis?

Welches Ungeheuer starrte denn Carl da plötzlich entgegen, als er wie üblich nach vollendetem Haarschnitt vertrauensvoll die Augen öffnete

War dieser Kahlkopf wirklich E.T, der Außerirdische? Oder einer dieser Millionen erbarmenswürdigen Krebskranken, die heutzutage in keiner Fernserie fehlten? Oder war es der Satan persönlich, der ihm da aus diesem Friseurspiegel verlegen zugrinste?

Hm – brummte Carl und schaute verunsichert nach allen Seiten – dann wieder auf das Gesicht vor ihm, das ebenso verunsichert um sich spähte – grad so als befände es sich auf der Flucht…

„Hey“, rief Carl nun etwas lauter, „wer ist das?“

Denn dass er selbst beim Friseur saß, das war Fakt und fiel ihm auch spontan wieder ein; doch nirgends sonst war ein bekanntes Gesicht in Sicht. Nur dieser komische Typ hinter ihm im Spiegel, der selbst völlig entgeistert vor sich hin starrte…

Und als Carl ihn fragte, wer er sei, sagte er, jetzt lachend, „der Friseur Ihrer werten Frau, junger Mann! Sie hat Sie nämlich zu mir geschickt, da sich Ihr Friseur den Arm gebrochen hat!“

„Und?“.

„Ja – nichts und! Ich hatte doch extra noch einmal nachgefragt, als Sie ihm Stuhl saßen und ‚2 Millimeter’, sagten. Auf meine Frage meinten Sie nur unwirsch, dass Sie sich nicht gern wiederholten und schlossen die Augen. Nun da tat ich eben meine Arbeit – mit der Maschine!“

„ Hm“ sagte Carl ein weiteres Mal, und dann, dass er Gott sei Dank nicht eitel sei!

Doch noch auf dem Heimweg verfestigte sich in ihm der Entschluss, dass er sich umgehend für zwei Wochen krankschreiben lassen musste: seine Sekretärin Bettina und auch Miriam Braun würden in Schreikrämpfe ausbrechen, wenn sie seiner ansichtig wurden.

Selbst sein Chef Dr. Osterkorn, würde ihm bestimmt raten, in den nächsten sechs Wochen Kundengespräche zu meiden, und seiner Gerlinde würde er gleich jetzt noch am Telefon einen vierwöchigen Urlaub in Island vorschlagen, den sie sich schon seit Ewigkeiten wünschte und er immer abzuwenden verstanden hatte, da er den ständigen Regen und die Bärenkälte dort, wie nichts auf der Welt hasste.

Aber mit geeigneter Mütze, waren doch solche Wetterkapriolen überhaupt kein Problem mehr! Warum war ihm das nicht schon früher eingefallen? Komisch eigentlich?

Ja – vielleicht sollte er sich gleich noch das passende Käppi kaufen und Gerlinde überraschen? Warum eigentlich nicht? Nicki Lauda trug doch auch eines…

KH

Klaus Hnilica
Mittwoch, der 15. Juli 2015

Gefangen in Balkonien

Carl und Gerlinde (XLIV)

Oh Gott – diese Hitze! Unerträglich! Und ausgerechnet heute Abend wollen Hannelore und Kurt noch einen ausgeben, da sie endlich ihre Hausrenovierung geschafft haben. Nach zwei endlosen Jahren, in denen niemand mehr mit einem positiven Ende gerechnet hatte!

ZZZZGAls Carl nämlich in der ‚Frankfurter Allgemeinen’ von den sechzig dokumentierten Fassadenbränden in der Stadt Frankfurt gelesen hatte, bei denen die Wärmedämmung als höchst effektiver Brandbeschleuniger fungierte, und diesen Befund genüsslich Kurt unter die Nase hielt, war dem jegliche Lust auf weitere Minimierung der Heizkosten vergangen. Aber seine beharrliche ‚Klimaretterin Hannelore’ hatte die Wärmedämmung dann doch bei ihm durchgequengelt! Und da sie schon am Quengeln war, auch noch gleich die Rollladensanierung: alle fünfzehn Rollläden an Fenstern und Türen ihres einstöckigen Zweifamilienhauses gingen seit letztem Dienstag mucksmäuschenstill, sonnensensorgesteuert, vollautomatisch auf und zu…

Und darauf möchten er und Hannelore heute mit ihren Freunden anstoßen, stammelte Kurt. Allerdings hätten die Renners und Gutmanns leider in letzter Minute abgesagt, weil Kerstin einen Hitzeausschlag hat, Anne gestern von einer Biene gestochen worden war mit entsprechender allergischer Reaktion und ihr Mann immer noch im Büro herumturnte, ohne sagen zu können, wann er heim käme.

Aber hier am nordseitig gelegenen Balkon im ersten Stock, fuhr Kurt fort, nachdem er das gesamte Renovierungsabenteuer noch einmal Revue passieren hatte lassen und seinen Aperol Spritz, nun schon ohne Eis, immer noch fest umklammert hielt, könne man es auch bei 32 Grad wunderbar aushalten! Dieses herrlich erfrischende Lüftchen, von allen Seiten herangefächelt, hätte Hannelore letztlich auch dazu bewogen, ihr kleines leckeres Buffet doch hier auf dem Balkon aufzubauen…

„Kurt, wenn du noch lange mit deinem vollen Glas in der Hand weiterlaberst“, ging Hannelore plötzlich energisch dazwischen, „sind, unsere einzigen verbliebenen Gäste längst verdurstet und skelettiert, bevor sie an unseren Leckereien auch nur gerochen haben. Bitte lass uns doch endlich den warm gewordenen Aperol Spritz durch unsere ausgedörrten Kehlen jagen und zu den kühlen Bierchen im Eiskübel übergehen! Und meinen Häppchen täte es auch gut, wenn sie schnellstens in unsere leeren Mägen versenkt würden, bevor das Basilikum gänzlich verdorrt ist und die Wespen deinen pikanten Sardinenaufstrich aufgefressen haben…“!

„Gott sei Dank!“ stöhnte Carl und tätschelte erleichtert Hannelores nacktes Ärmchen, während Gerlinde den so harsch unterbrochenen Kurt mit ein paar zugeflüsterten Nettigkeiten zu trösten versuchte.

Carl war auch der Erste, der nach der kurzen, peinlichen Pause, sich eines der Bierfläschchen aus dem Eiskübel angelte und damit, ohne abzusetzen, den lauwarmen Aperol Spritz aus seiner Gurgel spülte!

Alle anderen folgten nach und nach, und da sie tatsächlich das frische Lüftchen auf dem Balkon genossen, begannen ihre kauenden Mäuler auch bald wieder munter zu schnattern.

Erst dieses Mark erschütternde „Nein! Verdammt!“ sorgte für eine neuerliche Gesprächsunterbrechung: alle drei starrten auf Kurt, der hochgradig erregt, mit dem Eiskübel voll leerer Bierflachen, vor dem geschlossenen Rollladen der Balkontür stand: niemand hatte etwas gemerkt, da alles so lautlos passiert war.

Und jetzt war er zu! Der Rollladen!

Und das Steuergerät natürlich drinnen und keiner hatte sein Handy dabei. Wo hätte man es in der leichten Sommerkleidung auch unterbringen sollen; selbst Carl hatte in seiner Pumpkin Short kein passendes Täschchen!

„Und was nun, mein goldiges Programmiergenie?“ giftete Hannelore ihren völlig konsternierten Kurt an. „Wenn ich mich recht entsinne, hast du mir noch letzte Woche mindestens zwanzigmal versichert, dass das nie passieren könnte, da du die Rollläden bei allen Balkontüren so programmiert hättest, dass sie immer auf halber Höhe stehen bleiben, oder irre ich mich da, mein superkluges Kurtchen?“
„Du irrst dich nicht, liebe Hannelore, ich steh ja selbst vor einem Rätsel…“

„Nicht nur vor einem Rätsel, lieber Kurt, sondern auch vor einer total verschlossenen Balkontür“, ergänzte Carl grinsend.

„Und – und was nun, ihr lieben Leutchen“? motzte Gerlinde säuerlich.

„Weiß ich nicht – weiß ich wirklich nicht…!“ stotterte Kurt.

„Vielleicht schreien!“ rief Hannelore plötzlich, „ ja wir schreien alle zusammen so laut, als läuteten die Kirchenglocken; irgendwer muss uns dann hören…“

„ Haha – wer denn?“ stöhnte Kurt. „Rechts die Nachbarin ist schwerhörig und sitzt vor der Glotze und links die Nachbarn sind im Urlaub…“

„Und die da hinten machen Party im Garten und hören auch nichts vor lauter Krach“, ergänzte Gerlinde genervt.

„Aber bei der Hilde gegenüber ist doch Licht! Im Obergeschoß!

Und die Fenster stehen auch alle offen“, rief Kurt auf einmal triumphierend…

Und sofort fing er an, laut nach seinem Liebling zu rufen, der allerdings mit seinen 82 Jahren auch nur über ein sehr begrenztes Hörvermögen verfügte. Kurt ließ sich nicht entmutigen: er brüllte solange „Hilde“ – bis – ja bis ihm die Puste ausging!

Natürlich fuhren auch einzelne Autos unten vorbei! Aber die nahmen von den ‚Eingeschlossen Vieren auf dem Balkon’ keinerlei Notiz. Und selbst, wenn sie etwas bemerkt hätten, wären sie bestimmt der Meinung gewesen, dass die da oben bestens versorgt wären, da sie so schreiend komisch herumjubelten und andauernd winkten…

Und Blanka die polnische Betreuung von Hilde war natürlich auch nicht greifbar – aber die hätte ohnehin nichts verstanden, denn die ‚Deitsche Sprache’ war nicht unbedingt ihre Stärke!

Als Carl sein mächtiges Organ schließlich auch auf Kurts ‚Hilderufe’ eingetaktet hatte, tauchte die sehnlichst Gerufene tatsächlich in einem der beleuchteten Fenster auf und winkte der fröhlichen Balkonrunde gegenüber begeistert zu…

Sie stellte auch fest, dass es sehr heiß bei ihr sei und sie unter ihrem leichten Hemdchen völlig nackich sei!

Auf Kurts verzweifelten Zuruf, er bräuchte dringend den bei ihr deponierten Haustorschlüssel, antwortete sie aber wieder nur mit,

„ich bin nackich …“!

Und auf die Frage, wo Blanka stecke, natürlich auch „ich bin nackich…“!

Da es aber trotz der erfreulichen Nacktheit von Hilde unausweichlich auf Mitternacht zuging und nicht nur die Flasche Aperol, sondern auch die drei Flaschen Sekt leer waren, ergriff Carl endlich mannhaft die Initiative: angetrieben von etlichen Promillen, schwang er sich ohne jede Vorwarnung plötzlich vor aller Augen wie Tarzan übers Balkongeländer, langte ungeschickt zu der nach unten führenden Dachrinne, und – noch ehe Gerlinde besorgt aufschreien konnte – war er, begleitet von einer Art Urschrei, unten angekommen!

Jedenfalls nach dem dumpfen Aufprall zu schließen und diesem tierischen „Aua – Scheiße!“.

Und nach ängstlichen Fragen von oben und angespannter Stille unten, dann endlich ein erlösendes Gestöhne und die gespenstige Feststellung:

„Jetzt bin ich auch nackich…!“

Worauf alle befreit losgrölten und merkten, dass Carls schöne neue Sommerbekleidung zerfetzt an der Dachrinne hing und er, Tarzan selbst, in der heil gebliebenen TRIGA – Unterhose offensichtlich alles ohne Knochenbrüche überstanden hatte…

Da über den Bewegungsmelder auch die Terrassenbeleuchtung angegangen war, stand er sogar höchst spektakulär und blutverschmiert, voll im Rampenlicht!
Kein Wunder, dass Hilde lautstark mitapplaudierte und immer wieder feststellte, dass der Kurt ja auch nackich sei…

Da es zwar nicht der Kurt sondern der Carl war, den sie für den Kurt hielt, hielt dieser aber dank dieser Verwechslung, schon wenige Minuten später, endlich den ersehnten Reserve–Haustorschlüssel in Händen…

Was für ein Triumph der strapazfähigen TRIGA – Unterhosen! Denn ohne sie hätte Carl nie so ungebremst zu Hilde stürmen können…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 16. April 2015

Paulas Kiosk oder Kein Leben aus dem Bilderbuch

Paula sagt was sie denkt. Manchmal wenigstens.

Meistens redet sie ohne zu denken. Wie es ihr in den Sinn kommt. Und was sie spürt – im Bauch!

Alle zwei Monate ist sie stumm. Da kommt kein Wort über ihre Lippen.

Die Kunden kennen das. Sie deuten dann auf die Zeitung. Die Zigaretten. Den Liebesroman. Und die ‚Super – Wurstsemmel’!

ZZwurstsemmelDoch wenn sie redet, muss sie sich hundert Lebensgeschichten anhören!

Scheibchenweise: Zwischen Einszwanzig und Zwei Euro! Bei einer Flasche Bier schon mal fünf Minuten und länger!

Und die Susi heult bei der Paula. Hinten im Kiosk. Weil ihr Herbert sie wieder abgewatscht hat. Im Suff.

Und die Conny hat jeden Tag ein Wurstbrot frei und einen heißen Tee. Vom Kiffen kommt sie trotzdem nicht runter. Die arme Sau!

Bei dem ‚feinen FAZ-Fuzzy’ greift die Paula alle zwei Wochen nach unten.

Zum Schmuddelkram. Er kauft das Zeug für einen Freund! Nicht für sich. Klaro! Und der ‚Becks-Bier-Schlucker’ will das Playboy unters PM-Magazin gelegt. Der mit der ‚Süddeutschen’ nimmt noch auto-motor-sport und ‚Mein Pferd’. Und der ‚Hanauer Anzeiger’ den ‚Kicker’.

Die ‚BRIGITTE’s’ kennt Paula alle mit Namen. Die Gauloise Ladies auch!

Sind eigentlich ganz in Ordnung! Ihre Kunden!

Ab und zu gibt’s Stinker. Aber die faltet sich Paula zurecht.

Wenn’s sein muss auch laut! Damit’s alle hören. Selbst die schwerhörigen Alten.
Bei ihr muss alles raus! Egal ob’ s passt. Oder nicht passt.

Auch was ihr an Sandra nicht passt. Ihrer störrischen Tochter.

Oder in der Strasse nicht passt, in der sie wohnt. Oder in der Stadt nicht passt. Oder an Deutschland nicht passt. Oder an der unmöglichen EU nicht passt. Oder sonst in der Welt nicht passt.

Doch letztlich ist ihr die Welt egal. Sie hat genug eigenen Mist um die Ohren. Aber der Dreck in der Welt stinkt noch mehr zum Himmel! Auf den Titelseiten ihrer Zeitungen wird ja nur mehr abgeschlachtet!

Früher gab’s wenigstens Titten und Ärsche. Die die Leute aufregten. Sie auch! Aber nur wenn die größer waren als ihre eigenen Kostbarkeiten: Sie hatte echt Mega–Holz vor der Hütte! Und einen Arsch wie eine hitzige Stute. Hatte der Jürgen immer gesagt. Dieser Drecksack. Der abgehauen ist. Als sie die Sandra im Bauch hatte. Okay – ist vorbei…

Aber sonst war schon mehr Ordnung beim ‚Honni’! Damals in Erfurt. Alles war nicht schlecht gewesen – in der DDR.

Und das Geschäft geht ja hier auch nicht so toll! Was kein Wunder ist! Es raucht ja fast niemand mehr: alle machen einen auf gesund. Wollen mit hundert noch vor der Glotze schnarchen. Und möglichst ohne aufzuwachen in die Grube fallen.

Gott sei Dank gibt’s die Weibsleute! Die paffen wenigstens noch. Alt und Jung. Sie selbst ja auch! Die bringen die Kasse noch zum Klingeln.

Doch wer trinkt denn heute noch tagsüber ein Bier? Die kannste mit der Lupe suchen. Die Jungen haben keine Zeit. Und die Rentner schnapseln lieber!

Ja – sie spendiert schon mal eine Runde. Aber Vorsicht! Die werden gleich unverschämt…

Dafür bleiben ihre ‚Super-Wurstsemmeln’ öfter mal liegen! Das kränkt sie dann schon. Aber die jungen Weiber stopfen sich nur noch grünen Salat in den Rachen. Und rohe Gurken mit der Schale. Vor allem diese bemalten Skelette!

Wie ein Schweinsbraten schmeckt, wissen die gar nicht mehr. Oder eine Schweinshaxe mit Sauerkraut. Machen einen auf Vagina! Oder Veganisch! Was immer das ist? Da kennt sich keine Sau mehr aus.

Ihre Sandra fängt auch schon so blöd an!

Nix schmeckt mehr daheim! Alles ist Scheiße! Und wie die herum rennt! Man muss sich wirklich schämen für das Mädel: Eisenringe ohne Ende in der Larve. Und überall diese scheiß Tätowierungen. Ihr Kevin schaut noch schlimmer aus. Und diese Gott verdammte Glatze! Echt zum Kotzen! Eigentlich möcht’ Paula gar nicht mehr heimgehen. Muss sich eh nur ärgern mit den beiden ‚Tätos’!

Mensch – was für ein Segen ist da ihr Helmut! Ist neben dem Kiosk echt die einzige Freude in ihrem ‚bescheidenen’ Leben. Der kümmert sich wirklich um sie. Besser geht’s nicht! Und das schon seit Jahren!

Ohne ihn und den Kiosk würd’ sie sich echt die Kugel geben! Oder Tabletten einwerfen…

Am Montag – war Paulas Kiosk überraschend zu!

Das gab’s noch nie. Die Kunden murrten und schüttelten die Köpfe.

Susi erzählte später, sie hätte Kiosk mäßig sowieso kürzer treten wollen, die Paula! Und den Helmut heiraten. Alles war bestellt! Letzte Woche dann die Diagnose: Verdacht auf Lungenkrebs!

Genau – das war auch die Paula im ‚Hanauer Anzeiger’: Frau wirft sich vor S-Bahn – einstündige Unterbrechung des Frühverkehrs!

Sie hat der Polizei den Hinweis auf die Conny gegeben. Die war ja nur mehr Hackfleisch. Hatte in letzter Zeit aber auch ständig von ihrem Abgang geträumt! Aber einen der kracht! Einen den alle spüren! Das sei ihre kleine Rache an dem da oben, hat sie gefaselt. Die Paula hat nur gelacht und gesagt, das sei ein Schmarren!

Dem Helmut hat sie den Lungenkrebs auch nicht abgenommen! Nie im Leben, hat sie gesagt, nie im Leben hat der Helmut Krebs…

Am Donnerstag – war er wieder offen. Der Kiosk!

Gott sei Dank! Die Leut’ waren echt happy! Soviel ausgesprochene Freude hätt’ sich die Paula nie träumen lassen. Und dass die Susi hinten nicht plärrt, sondern kichert, auch nicht. Endlich hatte sie ihren versoffenen Herbert rausgeschmissen!
Paula hat Sekt spendiert und auf Susis Courage angestoßen!

Und auf die ‚Hackfleisch Conny’ in der Hölle auch!

Beide haben so gelacht, dass der mit der ‚Süddeutschen’ sich auf die Stirn getippt hat. Und ohne Zeitung gegangen ist. Und der ‚FAZ-Fuzzy’ ohne Schmuddelkram, weil die Paula nicht zum Lachen aufgehört hat. Und die Susi auch nicht!

Da soll einer die Weiber verstehen, hat der ‚Hanauer Anzeiger’ gesagt.

Und hat selber zu lachen begonnen. Und der Helmut hinter ihm auch. Er schien beschwingt…

Hat die Paula am Ende doch richtig gelegen mit ihrer Diagnose, dass alles nicht wahr ist, nix stimmt und sowieso beschissen ist?

Vermutlich schon, sonst hätten alle nicht so gelacht, gell!

KH

PS: Das Foto ist von Google

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. Februar 2015

Verhängnisvolle Mittagsruhe

Carl und Gerlinde (XLI)

ZZZVimg171Ausgerechnet als Carl seine Gerlinde endlich einmal zu der glanzvollen Lingerie– und Wäschemesse „ 5 Elements“ mitnahm, musste das passieren! Ausgerechnet da! Und dass Gerlinde danach nicht nur verwirrt, sondern enttäuscht und zornig war, war wirklich kein Wunder!

Mein Gott wie oft hatte sie auf Carl eingeredet, sie doch einmal zu dieser berühmten Dessous–Messe mitzunehmen, bei der er jedes Jahr für TRIGA die irrsten Auftritte mit den verrücktesten Einfällen und allem sonstigen Drum und Dran organisierte. Und praktisch auf Knopfdruck, immer lächelnd, zwischen den hysterischen, frierenden, hochbeinigen Wäschegören wie ein Hefekrapfen im heißen Bratfett aufging.

Andererseits war es aber auch so, dass dieses wirklich empörende Vorkommnis ohne Gerlindes Beisein gar nicht passiert wäre. Denn ohne sie hätte er niemals dieses Mittagsschläfchen gemacht und wär’ nie mit dieser mehr als seltsamen Situation konfrontiert worden, die gut und gern auch von der Konkurrenz eingerührt worden sein konnte. Oder von der NSA? Oder dem KGB? Wer wusste das schon.

Aber gut, all diese ‚Wenn’ und ‚Aber’ nützten jetzt, da das ‚Kind in den Brunnen gefallen’ war, auch nicht viel! Wobei das in den ‚Brunnen gefallene Kind’ natürlich metaphorisch zu verstehen war, da es kein Kind gab, das in irgendeiner Form Gravitationskräften ausgesetzt gewesen wäre.

Im Gegenteil, um die Ausspähung und eventuelle Verhinderung der ‚möglichen Entstehung eines Kindes’ ging es ja gerade, bei diesem beispiellosen Eklat in dem bekannten Berliner Viersterne Hotel anlässlich der 11. Fashion Week.

Wobei diese ‚mögliche Kindeszeugung’ selbstredend auch nur virtueller Natur war, da Gerlinde – Gott sei’s gedankt – weit über das Alter hinaus war, in dem ein derartiger Aspekt zur unangenehmen realen Überraschung mutieren konnte.

Doch für die üblicherweise einem derartigen Zeugungssprozedere vorausgehenden Verrenkungen und Durchspeichelungen gab es an diesem späten Vormittag schon jede Menge Bedarf von beiden Seiten. Das schon! Und man sah es auch als ideale Einstimmung zu der von Gerlinde dringend gewünschten Mittagsruhe, an diesem zweiten Tag der Lingerie– und Wäschemesse, da sich der abendliche Empfang der internationalen und nationalen Kunden am Vortag bis in den frühen Morgen hineingezogen hatte und viele Köstlichkeiten des üppigen Buffets überreichlich in sehr kostspieligem Alkohol versenkt worden waren. Durchaus auch vom quirligen Organisator Carl und seiner reizenden Begleiterin Gerlinde…

Da erschienen ein paar ruhige Minuten oder Viertelstündchen um die Mittagszeit für beide wirklich als eine äußerst lockende Versuchung.

Und Gerlinde wär’ nicht Gerlinde gewesen, wenn sie dieser Versuchung nicht nur sofort bedingungslos erlegen wäre, sondern sie im Handumdrehen nicht auch noch gleich um ein paar äußerst aufreizende Fantasien, die jeder Kunstreiterin zur Ehre gereicht hätten, bereichert hätte.

Vermutlich erforderten die gezeigten Dressureinlagen dann auch allerhöchste Konzentration von Ross und Reiterin, denn anders wär’ wohl schwer zu verstehen gewesen, warum beide nicht gemerkt hatten, dass urplötzlich unweit des ‚doppelbettigen Vorführparcours’ ein junger unscheinbarer Hotelangestellter – wie es schien – mit vorgebeugtem Oberkörper und gerötetem Gesicht, nicht nur fasziniert die diversen Dressurkunststücke beobachtete, sondern eifrigst auch sein iPhone betätigte…

Irgendwie musste Carl dann wohl doch einen Schatten im rechten Augenwinkel bemerkt haben, denn er drehte unwillkürlich seinen Kopf leicht nach rechts, aber nur so gering, dass die höchst konzentriert agierende Kunstreiterin in keiner Weise abgelenkt wurde, und blickte plötzlich in zwei neugierige Augen über einem gutmütig lächelnden Mund. Ja – der kräftige blonde Haarschopf des jungen Mannes, der wie ein Krönchen über einem in keiner Weise Angst machenden jugendlichen Gesicht saß, verlieh der gesamten Szene sogar noch einen weiteren Anstrich an Normalität.

Auch wie der junge Mann völlig unerschrocken den rechten Zeigfinger an seine Lippen führte und Carl damit bedeutete – bitte – bitte – ruhig zu bleiben, um diese wunderschöne Szene ja nicht durch irgendeine unüberlegte Geste zu zerstören, fügte sich großartig in dieses Bild…

Im Nachhinein schämte sich Carl fast dafür, dass er sich so absolut widerstandslos den Anweisungen dieses seltsamen jungen Mannes gefügt hatte, und Gerlinde auch noch die letzten Schrittchen ihres überirdischen Dressuraktes zu Ende bringen ließ!

Aber für ihn gab es in diesem atemberaubenden Moment schlicht keine Alternative: alles war so ungemein selbstverständlich in diesem harmonischen Ablauf, dass ihm nicht nur jegliche Vorstellung sondern einfach auch die Kraft fehlte, diesen Ablauf abzubrechen!

Und Gerlindes erlösender Jubelschrei, gab ihm ja kurz darauf auch Recht! Einen derartigen Freudenschrei über mehrere Terzen, begleitet von einer nicht enden wollende Kaskade gurgelnder Zwischentöne, hatte er eine Ewigkeit nicht mehr gehört! Ja vielleicht so noch nie?

Der unbekannte junge Mann offensichtlich auch nicht, da er mit funkelnden Augen und einem Gesicht höchster Verzückung alles in sich hineinzusaugen schien und unmittelbar danach genau so lautlos verschwand, wie er gekommen war…

Gerlinde registrierte – noch atemlos – zwar mit einem kleinen Anflug an Befremden, dass Carl sich plötzlich aus dem ‚gemeinsamen Parcours’ hochstemmte zur Zimmertür eilte und diese mit der Bemerkung: sie sei nicht gesichert, verriegelte! Fiel aber kurz danach, schnurrend wie eine Katze, in Carls Armen in einen tiefen, erholsamen Schlaf…

Die unscheinbare Warnung auf dem gelben DIN A5 Blatt entdeckte sie – leider vor Carl – erst danach auf dem Tisch:

Falls Sie auf die widersinnige Idee kommen sollten, bei der Hotelleitung Meldung zu erstatten, steht diese kleine Reiterepisode wenige Minuten später auf You Tube im Netz

Spätestens da musste Carl zu seinem allergrößten Bedauern Gerlinde mit der unschönen Wahrheit konfrontieren – und ihr so die „5 Elements“–Messe ein für allemal vermiesen.

Schade eigentlich, denn auch der Rest der Woche war äußerst glanzvoll gewesen, da der Wäschesektor bei TRIGA nach der vorausgegangenen Flaute, wieder richtig Tritt gefasst zu haben schien…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 12. Februar 2015

Stehpinkeln – oder der emanzipierte Mann

Carl und Gerlinde (XL)

Als Carl jüngst durch die „Frankfurter Allgemeine“ im Morgengrauen ein Gerichtsurteil des Amtsgerichtes Düsseldorf ins Haus geflattert kam, hätte er vor Freude nicht nur laut schreiend die Straße auf und ab rennen, sondern in den anliegenden Häusern auch alle Klomuscheln umarmen können!

ZZZSTimg164Denn endlich war ihm einmal als Mann durch die deutsche Justiz Genugtuung zuteil geworden! Genugtuung, an die er – und unzählige andere seiner Spezies – nie mehr zu glauben gewagt hatten, nach all den Ausgrenzungen und Erniedrigungen in diesem Land, das seit Menschengedenken von einer übermächtigen, freudlosen Frau in eine ungewisse Zukunft gelenkt wurde…

Und dann – dieses unerwartete Geschenk des Himmels am frühen Morgen, von dem Gerlinde völlig unberührt blieb: sie säuselte seelenruhig in ihrem Bettchen vor sich hin, während alle Zeichen auf eine endgültige Emanzipation des Mannes deuteten!

Natürlich fragte sich Carl, wie das auf einmal möglich war? Was passiert war? Gab es in diesem Land doch so etwas wie Gerechtigkeit? Sorgte vielleicht doch eine ausgleichende Wesenheit nach den Gesetzen der Entropieminimierung dafür, dass auch die Ungerechtigkeit minimiert wurde?

Wenn ja, dann könnte die unscheinbare Meldung in der „Frankfurter Allgemeinen“ an diesem Freitagmorgen ein erstes Zeichen gewesen sein! Ein Zeichen dafür, dass es sowohl für die Spezies Mensch als auch die Spezies Mann Hoffnung auf eine bessere Zukunft gab – während Gerlinde genüsslich vor sich hinschnarchte…

Für Carl aber krachte diese Zukunft wie ein Böllerschuss in sein Leben mit der amtlichen Feststellung des Düsseldorfer Richters Stefan Hank,

„….dass das Urinieren im Stehen nicht untersagt werden darf!

Sie sorgte dafür, dass sich Carl schlagartig nicht nur als Mensch neu definierte, sondern insbesondere auch als Mann! Und zwar als Mann, der endlich auch im Stehen daheim sein Wasser abschlagen durfte! Und dem das niemand mehr verbieten konnte! Weder eine Mutter, noch eine Ehefrau, noch eine Lebensabschnittspartnerin, noch die Putzfrau…

Was natürlich klipp und klar und ohne jede weitere Deutungsmöglichkeit hieß, dass auch die immer noch schlafende Gerlinde ab sofort zur Kenntnis nehmen musste, dass er – Carl – genau wie jedes andere männliche Wesen auf der Welt – das Recht hatte, im Badezimmer im Stehen in die Klomuschel zu pinkeln!

Diese völlig neue Rechtslage am Beginn des 21.Jahrhunderts, deren Abklärung Gerlinde ahnungslos verschlief, kam wie so oft bei großen Ereignissen, völlig unscheinbar in Form zweier einfacher Sätze von Richter Hank daher, die da lauteten:

„Trotz der in diesem Zusammenhang (nämlich der Mann – Frau – Beziehung) zunehmenden Domestizierung des Mannes ist das Urinieren im Stehen durchaus noch weit verbreitet. Jemand der diesen früher herrschenden Brauch noch ausübt, muss zwar regelmäßig mit bisweilen erheblichen Auseinandersetzungen mit – insbesondere weiblichen – Mitbewohnern, nicht aber mit einer Verätzung des im Badezimmer oder Gäste-WC verlegten Marmorbodens rechnen“. (Aktenzeichen 42 c 10583/14)

Und klaro! – wenn der Marmorboden nicht verätzt wurde, wurden auch etwaige Keramikfließen auf dem Boden nicht verätzt, und wenn diese nicht verätzt wurden, dann natürlich auch die Klobrille nicht, was eine ganz einfache induktive Schlussfolgerung war, die auch einer Gerlinde, sollte sie jemals wieder aufwachen, einleuchten musste, obwohl ihr natürlich als Frau nicht immer der Zugang zur Logik gegeben war.

Anders bei Carl, der sich seinerseits aber jeden Versuch einer Domestizierung verbat, den der Richter angesprochen hatte, da sich ein Mann wie er niemals domestizieren ließ! Und schon gar nicht von einer Frau!

Das ging ja nun gar nicht!

Im Gegenteil, jetzt wo er endlich gerichtsfest, schwarz auf weiß verbrieft, im Bad und auf der Toilette ganz Mann sein durfte, wollte er diesen Akt der Emanzipation um jeden Preis durchziehen und auskosten und sich durch keinerlei Domestizierung oder sonst etwas, einschränken lassen.

Da konnte seine schlummernde Gerlinde sich noch so sehr auf den Kopf stellen (was sie ja bei einigen Yogaübungen ohnehin schon tat), er, Carl, war jedenfalls nicht mehr bereit von seinem Recht – gänzlich Mann zu sein – abzurücken!

Und Gerlinde würde er noch heute die neue rechtliche Pinkelsituation unter ihr keckes Näschen reiben! Was mit Sicherheit nicht ohne lautstarken Wortwechsel abging! Das war klar wie Rinderbrühe, aber die Sache Wert, sagte sich Carl und war stolz, wie gelassen und nüchtern er die Dinge noch vor der ersten Tasse Kaffee an diesem Morgen sah…

Na ja – und da Gerlinde vermutlich jetzt wirklich bald aufwachen würde, war zur Sicherstellung eines reibungslosen Gesprächablaufes es bestimmt pfiffig und klug, sie nicht schon vor dem Frühstücksei mit richterlichen Fakten zu überfallen, sondern erst eine Weile abzuwarten und ihr dann, je nach Befinden, bei einem Gläschen Sekt und mit der Zeitung in der Hand, die neue gerichtsfeste ‚Pinkelsituation’ zu präsentieren…

Ja das war eindeutig der bessere Weg! Der viel bessere sogar!

Und wenn er es genau überlegte – so Carl – stellte sich ja ohnehin letztlich die Frage, warum Gerlinde überhaupt mit dieser Sache konfrontiert werden musste? Sie stand doch nicht prüfend neben ihm, wenn er pinkelte! Also warum dann soviel Theater darum machen und endlos darüber quasseln?

„Hey – wo sind wir denn?“ sagte er laut zu sich selbst, legte die „Frankfurter Allgemeine“ beiseite und schlüpfte nach dieser spontanen Eingebung schnell noch einmal unter die warme Bettdecke…

Er konnte doch am Klo machen was er wollte: wenn er beschloss beim Pinkeln zu stehen, dann stand er, und wenn er beschloss sich wie bisher zu setzen, dann war das auch gut und er tat sogar noch Gerlindes nagender Forderung genüge!

Wichtig war doch nur, dass er nicht kniff, sondern klar Position bezog! Und das tat er jetzt, wo er im Lichte der neu gewonnenen Freiheit alle Optionen hatte und sich sowohl stehend als auch sitzend der Klobrille nähern konnte!

War das nicht ein irres, männliches Gefühl, nicht ‚alternativlos’ zu sein, wie es die Kanzlerin oft war…

KH
(Translated by EG)

Klaus Hnilica
Dienstag, der 27. Januar 2015

Vorhofflimmern…

Carl und Gerlinde (XXXIX)

Eine Nacht ohne Schlaf, brennende Schmerzen in der Brust, ein herumtorkelndes Herz und Dr. Riffelmanns Diagnose reichten, dass Carl eineinhalb Wochen später doch mit Hannelore und Gerlinde zu diesem blöden ‚Weiberkurs’ trabte…

ZZYVoimg162Aber Gerlinde hatte Recht! Er musste kürzer treten bevor der Zug – nein sein Zug – endgültig ab oder sonst wohin gefahren war!

„Diese Vorhofflimmer-Episode sei ein Alarmsignal gewesen, das sehr ernst genommen werden müsse“, sagte Dr. Riffelmann und verkniff sich sein sonst übliches Lächeln. Ein Glück, dass Carl erst Mitte Fünfzig war und nur leicht erhöhte Blutdruckwerte hatte: da reichte ein schlichter Betablocker, um das ‚herzliche Gezappel’ wieder in geregelte Bahnen zu bringen und von Blutverdünnern konnte abgesehen werden…

„Doch Vorsicht, das ändere sich schneller, als Carl es wahrhaben wolle“, sagte Dr. Riffelmann mit einem eher angedeuteten Lächeln. Damit das nicht passiere, müsse Carl ab sofort sich zu regelmäßiger Bewegung durchringen, wenig Alkohol trinken und deutlich seinen täglichen Stress reduzieren!

Bei den Worten ‚Stress reduzieren’ lächelte Carl mit Dr. Riffelmann plötzlich um die Wette! Wie sollte das denn gehen, bei dieser Lawine an Schwierigkeiten im internationalen Trikotagengeschäft?

Aber gut, vielleicht konnte er ja in der Firma dem rotgesichtigen Fritz Kuhlmann den Arbeitsplatz an der Pforte abspenstig machen und als Gegenleistung ihm seinen Unterwäschevertrieb samt Vorhofflimmern andrehen? Und vielleicht half ja sein Chef, ‚Osterkörnchen’, ausnahmsweise einmal konstruktiv mit, statt nur zu labern? Und der Betriebsrat auch?

„Nun, man müsse ja nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten“, meinte Dr. Dauerlächler, „wichtig wäre doch vor allem zu lernen, wie mit Stress besser umgegangen werden konnte? Und wie er sich abbauen ließ? Eben nicht nur durch noch mehr abendliche Bierchen und Whiskys, sondern gezielt durch täglichen Sport oder spezielle Entspannungsübungen!“

„Entspannungsübungen?“

„Ja – es gibt ganz hervorragende Kurse auf diesem Gebiet in denen man das lernen kann“, stellte Dr. Riffelmann begeistert fest.

„Sie denken aber bei diesen Entspannungsaktivitäten jetzt hoffentlich nicht an das wunderbare Reich der Chakren und Klangschalen in dem energiegeladene Gummidrachen für 125.- € alle Spannungen in mir auflösen, Herr Doktor?“ stöhnte Carl laut auf, grad so als wär ein Nerv angebohrt worden.

„Nein – ich rate Ihnen natürlich nicht zu Yoga Vidja, so gut kenn ich Sie schon. Aber wie wär’s denn zum Beispiel mit einem stink normalen Autogenen Training?“

Carl verdrehte die Augen und brummelte unverständliches Zeug vor sich hin.

„Ja! Warum wollen Sie nicht einmal versuchen ganz unvoreingenommen mit ‚AT’ ihren aufgestauten Stress abzubauen?“

„Deswegen nicht, Herr Doktor Riffelmann, weil ich dann nicht mehr mit einem simplen Vorhofflimmern bei Ihnen ankomme, sondern mit tödlicher Sicherheit als Amokläufer: denn wenn mir der rechte Arm schwer werden muss! und das linke Bein warm! dann brennen bei mir alle Sicherungen durch!“ grunzte Carl mit hochrotem Kopf und einer neuerlichen Flimmerepisode…

„Und wär’ das so schlimm? Ich mein’ jetzt nicht den Amoklauf, sondern den schweren rechten Arm und das warme linke Bein! Sie glauben ja gar nicht wie entspannend das sein kann und wie stabilisierend sich das auch auf ihren Herzrhythmus auswirkt…“

„Tut mir leid, Herr Dr. Riffelmann, bei mir gibt es bei diesem ‚AT’, wie Sie es nennen, nur zwei sich gegenseitig ausschließende Reaktionen: entweder werde ich aggressiv wie ein ausgehungerter Varan! Oder ich falle auf der Stelle in einen komatösen Schlaf…“

„Na ja – letzteres wäre ja gar nicht so schlecht? Abgesehen von dem etwas beschwerlichen Transport nach Hause, aber vielleicht haben Sie ja eine gute Seele die das bewerkstelligt“, meinte Dr. Riffelmann mit einem genussvollen Grinsen.

Da war das sonnenbraune Lächeln vorhin angenehmer gewesen, dachte Carl, als er missmutig das Rezept für seinen Betablocker bei der Arzthelferin entgegennahm.

Umso erstaunlicher war dann die Kehrtwende!

Oder war es gar keine? Sondern vielmehr wieder nur eine dieser üblichen Gerlindeschen Manipulationen, die natürlich wusste, wie stark sie bei dem abgetakelten Sprungstier Carl am Nasenring ziehen musste, damit er genau auf dem von ihr gewünschten Trampelpfad landete…

Nun – es dauerte genau zwei – mehr schlecht als recht durchschlafene Nächte – bis Carl beim Frühstück nach einem zweiminütigen Hustenanfall, ausgelöst durch ein Stück Französisches Baguette, auf das er wie üblich Finger dick die Aprikosenmarmelade aufgetürmt hatte, Gerlinde darüber informierte, dass diesem komischen Dr. Riffelmann, den sie ihm doch seinerzeit empfohlen hatte, sozusagen als begleitende präventive Maßnahme zu den Betablockern gegen sein Vorhofflimmern nichts Besseres einfiel, als ausgerechnet ihm – obwohl er doch wissen musste, wie sehr er jede Art von esoterischen Kram hasste – einen AT–Kurs zur Stressbewältigung vorzuschlagen.

„Na ja dann komm’ doch mit Hannelore und mir mit“, sagte Gerlinde grad so als hätte Carl nach einem zweiten Frühstücksei gefragt.

„Was? – Wie? – Wo? Ich soll bei euerem Weiberkram mitmachen“?

„Warum nicht?“

„Ja ist denn da überhaupt irgendein Mann dabei?“

„Schon.“

„Ich mein der nicht schwul ist?“

„Gottchen das weiß ich nicht genau“!

„Hm!“

„Ja…“

„Und wer leitet den Kurs?“

„Na ja der Severin?“

„Was, ein Mann?“

„Ein Sportstudent!“

„Und ist der schwul?“

„Mit Sicherheit nicht“, flüsterte Gerlinde mit einem schmutzigen Lächeln.

„Wieso weißt du denn das so genau?“

„Weil ich’s halt weiß – und Hannelore hat’s auch bestätigt…“

„Was soll das denn nun heißen?“

„Na ja, dass sie es auch sicher weiß…“

„Puh – ich glaub ich bin im falschen Film!“

„Wieso das denn?“

„Na ja wenn ich deine glänzenden Augen sehe beim Sportstudent Severin…“

„Kannst ja mitkommen und dir den Severin anschauen…“

„Ja geht das denn?“

„Wenn ich mit ihm red’ geht alles…“

„Das wird ja immer schöner“, stöhnte Carl und verdrückte sich ohne ein weiteres Wort ins Büro, da er irgendwie das Gefühl hatte, gleich wieder ins Vorhofflimmern zu fallen, wenn er nicht schnellsten für ausreichenden Abstand zwischen sich und seiner Gerlinde sorgte.

Und Samstagvormittag klinkte Carl sich dann tatsächlich ein, als Gerlinde zu diesem komischen AT – Kurs aufbrach!

„Na ja schaden wird’s schon nicht – aber helfen sicher auch nicht“, zischelte er mit einem verlegenen Smiley und drückte sich spontan mit ins Auto.

Tja – und Gerlinde überlegte, ob sie ihm noch auf dem Weg zum Kurs oder erst später sagen soll, dass der Severin momentan und eigentlich schon immer von der Uschi Müller vertreten wird…

KH

Klaus Hnilica
Dienstag, der 20. Mai 2014

Fast allein im Bett…

Carl und Gerlinde (XXXV)

Fantastisch – endlich hatte Carl ein ganzes Wochenende für sich!Er konnte tun und lassen was er wollte – und musste mit keiner Gerlinde noch zum Einkaufen hetzen und zum Samstagnachmittagkaffee, bevor es abends nach Frankfurt ins Kino ging! Oder ins Theater, die Oper – oder gar ins Konzert! Trost brachten eigentlich nur die Schoppen danach. Doch auch den dicken Kopf, wenn er gleich am nächsten Tag im Morgengrauen mit Gerlinde um die Wette strampeln musste, da Bewegung ja so gesund war! Selbst bei Regen wurde erst vom Rad gestiegen, wenn die aufgeweichte Haut am Po erste Wellen schlug. Gott sei Dank stieg er wenigstens vom Elektrofahrrad!

ZFast img114 „Endlich hast du einmal Ruhe von mir“, zwitscherte Gerlinde neckisch, als sie Samstagmorgen am Bahnhof aus seinem Auto sprang. Für einen flüchtigen Kuss reichte es grad noch, dann verschwand sie auch schon in ihrer schnatternden ‚Girly Group’: man fuhr nach Köln, um sich weiß Gott was für einen Kram anzuschauen…

Unglaublich! Er saß jetzt tatsächlich ganz alleine zu Hause auf seiner Terrasse! Nur er und sein Bier! Beide linsten zufrieden in einen Garten, der ihnen fast jubelnd entgegenblühte. Welch wunderbare Ruhe. Niemand laberte ihm die Ohren ab. Und niemand beschimpfte sein Bierchen. Er hörte sogar die Vögel singen: die waren ihm noch nie aufgefallen, außer sie lagen ohne Kopf beim Rhododendron, weil Nachbars Angorakatze Stuppsi wieder auf Kriegspfad gewesen war. Aber mit Kopf tirilierten sie jedenfalls beeindruckend, selbst wenn Carl keines dieser emsigen Klangwunder benennen konnte. Schade eigentlich, über Vögel hätte er gerne mehr gewusst; vermutlich gab es da eine ähnliche Vielfalt wie bei den Bieren, die auch beachtlich war.

Eigentlich war es etwas schwül heute Vormittag! Umso mehr genoss Carl die angenehme Kühle auf der Terrasse. Vollkommen entspannt ließ er Schlückchen für Schlückchen in sich hineingurgeln, musste dann allerdings schnell feststellen, dass auch dieses Fläschchen schon wieder leer war. Donnerwetter – das ging ja ratzfatz! Vermutlich war es gar nicht richtig voll gewesen: heutzutage musste man ja mit allem rechnen…

„So und was tun wir jetzt?“ fragte Carl dann laut den Hibiskusstrauch vor ihm, während er in sich hineinhörte, um auch die nächsten Schritte optimal gestalten zu können. Auf keinen Fall wurde auch nur ein Handschlag im Garten gemacht! Das stand fest! Dazu war die ‚Gerlindelose Zeit’ viel zu kostbar. Heute wollte er wirklich einmal so richtig ‚die Seele baumeln lassen’, wie sein Freund Kurt zu sagen pflegte.

Immerhin war es jetzt zehn Uhr und der Vormittag noch blütenweiß und unverbraucht! Gott – die Zeitung! Auf die hätte er beinahe vergessen. Das war’s doch! Dazu einen wunderschönen Espresso – und da ihn heute keine strafenden Gerlindeblicke in die Hölle schickten, durfte er sich auch die eine oder andere seiner feinen ‚Davidoff–Zigarillos’ genehmigen!

Die blöde Espressomaschine war unerwartet sperrig! Doch nach drei ‚Herzinfarkt nahen Anläufen’ und einer nicht unerheblichen Überschwemmung in der Küche hatte er’s geschafft. Danach lauerte allerdings schon die nächste Nobelpreis verdächtige Aufgabe: es musste ihm gelingen, aus Gerlindes tausendfacher bunter ‚Nespressokapselvielfalt’ genau jene Kapsel herauszufischen, die ihn in die von ihr kultivierte Espressoglückseligkeit gleiten ließ! Doch diese Anforderung bewältigte Carl überraschend pragmatisch! Er trank zwei Schnäpse, schloss die Augen, griff sich irgendeine Kapsel und stand dreißig Minuten später schon mit einem herrlich duftenden Etwas auf der Terrasse! Tja wenn es sein musste, konnte er eben alles!

Leider war starker Wind aufgekommen. Es begann auch zu regnen und Carl meinte sogar ein leichtes Grollen aus der Ferne zu hören. Die Zigarillo lockte bei diesem Wetter natürlich nicht mehr so stark. Aber Carl ließ sich die Laune nicht verderben. Er kroch mit seinem Espresso ins Haus zurück, schloss die Terrassentür und machte es sich auf dem ausladenden, weichen Ledersessel bequem. War auch nicht schlecht! Und statt der Zigarillo genehmigte er sich einen prickelnden Aperol Sprizz. Und weil der gar so schmeckte, gleich noch einen hintennach. Ja und dann war da noch die Zeitung gewesen! Doch als er unschlüssig nach ihr zu suchen begann, spürte er plötzlich irgendwie ein leichtes Hungergefühl in sich hochsteigen. Die kleine Portion Heringssalat, die Gerlinde um diese Zeit gelegentlich mit einem Stück Schwarzbrot als Brunch servierte, wär’ jetzt nicht schlecht gewesen. Zugegeben. Aber es ging auch ohne! Ja sogar sehr, sehr gut ohne! Außerdem hinderte ihn niemand daran, das von Gerlinde vorbereitete Spargelrisotto zu wärmen – mit Lachs, den er nur aus dem Keller holen musste. Aber sollte er sich wirklich jetzt in die Küche stellen und herumpatzen? Das wär ja noch schöner gewesen: er schickte doch nicht seine ‚Haushaltsgeliebte’ für ein komplettes Wochenende nach Köln, um selbst in der Küche herumzuturnen? Aber hallo, wo waren wir denn? Er musste sich doch nicht vollständig zum Affen machen. Als Mann war man heutzutage ohnehin von morgens bis abends der Depp, oder?

Draußen krachte es richtig! Tatsächlich war ein Gewitter aufgezogen. Von wegen ‚schnell mal zum Italiener gehen’, war nicht mehr! Die hereingebrochene Sintflut war schlimmer als alles was er je auf Gerlindes Regenmarathonradtouren erlebt hatte! Selbst Stuppsi wurde vom letzten erreichbaren Vogelnest weggespült und suchte verängstig zwischen den Mülltonnen Schutz. Gerlinde hätte hämisch gegrinst, sie hasste diese Vogelmörderin! Besorgt pilgerte Carl von Fenster zu Fenster, um den Weltuntergang aus allen nur möglichen Blickwinkeln miterleben zu können: auch wie sich seine prächtige Trauerbirke bei jeder neuen Böe in einen ängstlichen Bodendecker verwandelte und Nachbars Riesenfichte frech zu seiner Terrasse herüberfasste – noch ein, zwei Windstärken mehr und sie fingerte mit ihrem Wipfel prompt in seinem vierten Aperol Sprizz herum…

Gegen 15.00 Uhr überfiel Carl ein derartiger Heißhunger, dass er sich kurz entschlossen doch über Gerlindes Spargelrisotto machte. Ohne Lachs, denn das blöde Vieh hatte natürlich vergessen sich rechtzeitig aufzutauen! Na ja – von Fischen konnte man nicht mehr erwarten. Und das Risotto war offensichtlich ähnlich tumb und brannte an – aber es half ihm nichts, Carls Hunger trieb es trotzdem durch seine Speiseröhre und wie es mit den nachgeschütteten Schnäpsen zurecht kam, war dann wirklich nicht mehr sein Problem. Und das Geschirr auf dem Tisch konnte ihm auch gestohlen bleiben. Für ihn gab es jetzt nur noch sein weiches Bettchen im abgedunkelten Schlafzimmer…

Als Carl aus dem Mittagsschlaf hoch schreckte, war es Punkt 18.00 Uhr! Das war knapp – noch ein Viertelstündchen länger und er hätte den Beginn der Sportschau verpasst! Hurtig schlüpfte er in seinen Morgenmantel, schnappte sich ein Bierchen und ein paar Chips und schon saß er vor dem Fernsehapparat! Das heißt er lag mehr als er saß – denn heute konnte er ja genüsslich seine nackten muskulösen Beine in voller Länge auf die kühle Glasplatte des Beistelltisches platzieren. Wenn er sie kurz anhob, was bauchmuskeltechnisch gar nicht ohne war, waren da echt prächtige dunkle Flecken auf der frisch polierten Glasplatte. Carl verzichtete auch freiwillig auf die bequemen Kissen, die er sonst unterlegte. Denn das wär nur der halbe Spaß für Gerlinde gewesen: die richtigen satten Abdrücke brachten nur kräftige, schwitzende Männerbeine! Das war Tatsache!

Tatsache war aber auch, dass Dortmund gegen Leverkusen nicht mehr gewinnen konnte, sondern schon wieder Unentschieden spielte und dass er schon wieder Hunger hatte! Musste er jetzt wirklich den ganzen Fresskram selbst herbeischaffen? Und auch noch Aufdecken und danach wieder alles wegräumen? Nee, das konnte Gerlinde an seinem freien Tag wirklich nicht von ihm wollen – so boshaft konnte selbst sie nicht sein. Energisch zog Carl seine nackten Beine von der Glasplatte, langte im Kühlschrank nach der aufgeschnittenen Zungenblutwurst und trabte dumpf wie ein angezählter Elch auf die Terrasse. Der Abend war überraschend mild nach dem fürchterlichen Unwetter! Carl konnte es gar nicht fassen. Mit ungeahnter neuer Beweglichkeit schaffte er binnen weniger Minuten Weißbrot, Käse, Butter, zwei Flaschen eiskalten Jechtinger Rivaner und die volle Packung Zigarillos auf den Terrassentisch. Und als sich dann auch noch die völlig durchnässte Stuppsi aus der Nacht schälte und ihn verängstigt beäugte, warf er ihr gutgelaunt eine köstliche Zungenblutwurstscheibe nach der anderen hin… Nur – warum dann auch noch Gerlinde aufgetaucht war, konnte sich Carl beim besten Willen nicht erklären, als er in der Nacht kurz aus seinem Tran hoch dämmerte. Sie war es doch, oder? Wenn auch auf der falschen Bettseite? Er hatte ihr doch gerade mehrfach durch ihr flauschig feuchtes Wuschelhaar gekrault? Gerlinde liebte das, sie konnte dann schnurren – wie die Stuppsi… KH