Klaus Hnilica
Donnerstag, der 9. Januar 2014

Der Tod des Magiers

Meine Damen und Herren, bevor ich endgültig abtauche, will ich Ihnen schnell noch die grandiose Geschichte meines Todes erzählen – und bitte haben Sie Verständnis, wenn ich mich kurz fasse, denn in wenigen Minuten wird Jasmine erscheinen und ich fände es mehr als unpassend, wenn sie mich bei Ihnen anträfe…  

XEthan Foto Am besten beginne ich mit einer anderen Todesphantasie! Nämlich der, als ich zum ersten Mal meine innig gehasste Ehefrau Abigail Hadley ganz real an die Wand unseres Kaminzimmers klatschen wollte!

   Und ich muss zugeben – selbst wenn das jetzt nicht unbedingt zu den vorzeigbaren Highlights meines Lebens gehört – dass ich mir bei dieser Vorstellung vom ersten Moment an nicht nur das ‚satte Aufklatschen’ ihres konturlosen Körpers herbeisehnte, sondern sehr schnell auch den sündhaft teueren Francis Bacon gegenüber dem Kamin abhängen ließ, weil sich komischer Weise parallel zu diesem ‚Aufklatschen’ in mir die Vision breit machte ,Abigail nicht nur auf der frisch angelegten weißen Wand kleben zu lassen, sondern sie sogar mit ein paar flinken Mumifizierungstricks und einem güldenen Rahmen gekonnt in eines dieser ausladenden Reliefporträts zu verwandeln, die neuerdings selbst von der Tate Gallery gezeigt werden…   

   Für mich und meine schalkhafte Jasmine wäre damit jedenfalls ein oft geträumter Traum in Erfüllung gegangen, wenn Abigail sich auf diese heroische Art –  einvernehmlich schweigend – hinter uns an die Wand drapiert hätte, während wir auf dem hellen Bärenfell vor dem Kamin die Champagnergläser auf ihr stummes Wohl leerten…

   Gott – was für ein herrlicher, kleiner Spaß wäre das für meine lebenslustige Jasmine gewesen! Doch leider kam es ja dann nicht mehr dazu! Denn dieserunbeschwerte Engel Jasmine, der vor Lebensfreude und Vitalität nur so sprühte, fiel am 21. November – ich werde diesen Tag nie vergessen – um zwölf Uhr Mittag völlig unerwartet in ein schweres Koma!

   Und keiner unserer viel gepriesenen Londoner Ärzte hatte auch nur die geringste Ahnung, wie es dazu kommen konnte! Der gesamten versammelten Ärzteschaft des berühmten ‚Royal Brompton Hospital’ fiel zu diesem entsetzlichen Vorgang nichts anderes ein, als verlegen die Köpfe zu schütteln – und sich zu schnäuzen!

   Und können Sie sich vorstellen, was das heißt, wenn diese geballte Hilflosigkeit ausgerechnet über einen wie mich hereinbricht? Über Sir Ethan Hadley, den größten Magier Englands, der auf allen Show-Bühnen der Welt zuhause und monetär so ausgestattet ist , dass er diesen armseligen Ärztehaufen jederzeit aufkaufen und verrotten lassen konnte? Oder noch besser: der während seiner magischen Auftritte, jeden Einzelnen dieser unfähigen Dottores, in beliebig kleine ‚antiseptisch präparierte Häppchen’ zersägen hätte können, ohne dass ihm daraus auch nur die geringsten Schwierigkeiten erwachsen wären?  

   Aber selbst diese, zugegebenermaßen bösen Phantasien, waren letztlich nur  Ausdruck meiner absoluten Hilflosigkeit gegenüber dieser bodenlosen Stümperhaftigkeit der Londoner Ärzteschaft!

   Vielleicht war das auch der Grund gewesen, dass ich damals so übertrieben ausrastete, und den mir am nächsten stehenden Arzt spontan anbrüllte und ihm eine schallende Ohrfeige verpasste! Ohne ein weiteres Wort stürmte ich danach Hals über Kopf aus dieser verdammten Klinik, tobte  mehrere Tage wehklagend durch sämtliche Räumlichkeiten meines riesigen Anwesens in Esher, schwor gnadenlose Rache, kroch in jedes mir zugängliche Mauseloch, fiel völlig entkräftet im Heizungskeller schließlich auf einen Haufen ölgetränkter Putzlappen und wollte nur noch sterben…

   Und wenn Bob, unser caretaker, mich damals nicht zufällig entdeckt hätte, da ich mich in dem Ölgestank der Putzlappen mehrfach übergab, wär ich bestimmt ohne jegliches Aufsehen verreckt. Noch unangenehmer wär es allerdings gewesen, wenn Bradley, unser Butler, mich damals vor Bob gefunden hätte! Der hätte mich da wirklich sehr einfach erledigen und entsorgen können. Für Geld tat der wohl alles! Was ich damals allerdings zugegebener Maßen noch nicht wusste…

   Seltsam war nur, dass von dem Augenblick an, als Jasmine aus unser aller Gesichtsfeld verschwand, meine gesamte hinterhältige Mischpoche plötzlich rührend um mich besorgt war! Selbst meine ewig geifernde Abigail, war nicht  wieder zu erkennen: unerwartet zärtlich umsorgte und verwöhnte sie mich Tag und Nacht. Und ich muss zugeben, mir tat das gut, ich genoss diese lange vermissten Wohltaten mehr als mir lieb war.

   Natürlich tauchte im Gefolge von Abigail auch sofort meine Agentin Florence Bloomfield auf und versuchte durch jede Menge Termine mich abzulenken und zu stabilisieren! Ja ich hatte sogar die allergrößte Mühe, sie davon abzuhalten, sofort eine neue Welttournée mit mir zu starten! Um sie zu beruhigen, gab ich ihr zu verstehen, dass dafür gar keine Zeit war, da ich sie dringendst für eine sehr persönliche Aufgabe benötigte!

   Und ich erwartete von ihr – dies jetzt nur für Sie – dass sie dabei ähnlich verlässlich und verschwiegen war wie Freya, das schwarze Schaf der glorreichen Familie Nelson! Während sich nämlich die vornehmen Nelsons mit großem Stolz von Admiral Nelson herleiteten, definierte sich Abigails jüngeres Schwesterchen Freya eher über ‚Lack und Leder’ und ging in ihrem Atelier – wie sie es nannte – sehr kreativ und erfolgreich auf die abwegigsten Phantasien der Londoner High Society ein! Ja ich gebe zu – mir nötigte sie auch allergrößten Respekt ab! Ich schätzte ihre immense Professionalität, ihre versteckte Zuwendung mir gegenüber sowie das stumme Verstehen, wenn sie mich mit harter Peitsche und  bellenden Befehlen entspannte – Details möchte ich Ihnen ersparen!

   Erwartungsgemäß reagierte Florence ähnlich professionell, als ich sie anwies in meinem Namen die Stiftung ‚Ärzte für Hirne’ ins Leben zu rufen, um auf diese Weise ein Maximum an Einfluss auf Jasmines Genesung nehmen zu können.

   Florence war natürlich bei den ersten Gesprächen mit Professor Gordon, einem ausgewiesenen Experten für Komapatienten, dabei. Er hatte schon die aussichtslosesten Fälle erfolgreich zurückgeholt, mich dann aber in vertraulichem Gespräch mit einer Mitteilung konfrontiert, die einen neuerlichen Schockzustand bei mir hervorrief.

   Ich scheue mich auch nicht zuzugeben, dass ich ohne Freya und ihre ‚despotische Fürsorge’ – so nenne ich das einmal – diesen neuerlichen Nackenschlag des Schicksals niemals verkraftet hätte und schon gar nicht Professor Gordons Diagnose!

   „… wir müssen davon ausgehen“, sagte er, „dass Ihrer Bekannten, Jasmine Moore, Gift injiziert wurde! Auch wenn für Sie das jetzt schwer zu ertragen ist, muss ich Ihnen mitteilen, dass sie allem Anschein nach gezielt getötet werden sollte, aber die Dosierung nicht richtig bemessen wurde“.

   „Oh Gott“, stöhnte ich, „wer sollte das denn gewollt haben, das ist doch völlig absurd?“

   „Ich weiß es nicht, Mister Hadley, aber ich bin mir ganz sicher, dass es sich bei dem injizierten Gift um die gleiche Substanz handelt, die Indios im Amazonas noch heute als Pfeilgift verwenden“!

   „Bitte sagen Sie das nicht, Herr Professor Gordon“, flehte ich, „bitte nicht…“! Denn ich wusste sofort, was das bedeutete: hatte doch Abigails Bruder als Anthropologe, viele Jahre im Amazonas gearbeitet und geforscht.

   Und als ich zu allem Überdruss dann noch entdeckte, dass meine Agentin Florence Bloomfield mich bei der Einrichtung der medizinischen Stiftung ‚Ärzte für Hirne’ wieder um ein paar Milliönchen betrügen wollte, war es natürlich Freya, die mich professionell mit Gesichtsmaske und Peitsche für meine tumbe Vertrauensseligkeit wohltuend bestrafte – das muss ich, da heute wohl der Tag der Offenbarungen ist – ganz ehrlich eingestehen!

   Dies umso mehr als sich die Situation durch den zwar erfreulichen, aber höchst verhängnisvollen Anruf von Professor Gordon zusätzlich verschärft hat! Seit er mir nämlich telefonisch übermittelt hatte, dass meine innig geliebte Jasmine Moore nach drei Jahren endlich aus dem Koma aufgewacht sei, gehörte auch Freya plötzlich zu den Personen, vor denen ich Angst habe musste – selbst heute Abend!

   Im Nachhinein versichere ich Ihnen aber auch, dass ich nie wieder auf mein eigenes Begräbnis gehen werde: denn wie mein Engel Jasmine, damals unmittelbar nach ihrem Aufwachen bei meinem Begräbnis litt – können Sie sich gar nicht vorstellen. Ich konnte es mir übrigens ebenso wenig vorstellen! Und schon gar nicht mit ansehen! Darum verließ ich damals noch während meiner eigenen Einsegnungszeremonie die Trauergemeinde. Natürlich ein unmöglicher Vorgang! Wie übrigens alles bei diesem verlogenen Begräbniszeremoniell, bei dem ich mit perfekter Gesichtsmaske als Butler Bradley, unter den Trauergästen weilte, während Bradley selbst still im eingesegneten Sarg vor sich hindämmerte…

   Gott – was hatte der für ein Theater gemacht, als ich, der tot Geglaubte, mit Bobs Hilfe knapp vor der Einsegnung unversehrt dem Sarg entstieg und den übertölpelten ‚Scheinkiller’ Bradley aufforderte, sich an meiner statt in die Kiste zu legen und ihm zur Erleichterung der kommenden Stunden einen gehaltvollen Spezialtrunk anbot. Gut, ich will das jetzt nicht allzu sehr auswalzen, aber so tapfer, wie seinerzeit dieser Sokrates, leerte  Bradley seinen ‚Schierlingsbecher’ nicht, das können Sie mir glauben! Ja er bettelte sogar ekelhaft weibisch um sein mieses, kleines Leben! Heulte sich die Augen aus dem Kopf und gab ohne Aufforderung meinerseits alle Namen derer Preis, die ihn für ein erkleckliches Sümmchen beauftragt hatten, mich zu eliminieren – und das waren praktisch alle, die ich Ihnen heute Abend genannt habe, außer meiner geliebten Jasmine natürlich, die aber wohl den Verstand verlieren wird, wenn sie erfährt, dass ich noch lebe!

   Freya natürlich auch nicht, aber die hasst mich plötzlich; seit ich ihr zu verstehen gegeben habe, dass ich ab sofort nur mehr für Jasmine da sein werde! Und da ich ja weiß, was Freya mit mir anstellen kann und ich mich ihr gegenüber praktisch kaum zu wehren vermag, möchte ich mich auf schnellstem Weg, möglichst noch heute Abend, mit meiner geliebten Jasmine, irgendwo außerhalb Englands verstecken – aber wo? 

   Jedenfalls muss es dort unbedingt immer warm sein und makrobiotisches Essen geben. Außerdem hasst Jasmine jede Art von Getier, insbesondere Kakerlaken und Stechmücken! Und ich will schriftlich verbrieft haben, dass mir dort auf keinen Fall dieser komische Deutsche Boris Becker mit seiner Lilly über den Weg läuft, das ginge nämlich gar nicht!

   Jetzt  muss ich mich aber wirklich schleunigst verdrücken, Jasmine kann jeden Moment  auftauchen, ihr hysterisches Geschrei, möchte ich Ihnen echt nicht zumuten! Ihnen allen noch einen schönen Abend! Den einen oder anderen von Ihnen werde ich bestimmt wieder bei Freya treffen – doch geben Sie sich nicht der Illusion hin, dass Sie mich dort entdecken werden! Meine Gesichtsmasken und Ganzkörpermieder sind inzwischen mehr als perfekt; nicht einmal Freya wird wissen, ob der berühmte Magier Sir Ethan Hadley ihr noch die Ehre erweist…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 29. August 2013

Verdammt – dieser Trolley?

Carl und Gerlinde (XXXIII)

Ja – Dr. Osterkorn verweigerte Carl den bereits genehmigten Urlaub!

Nein – im August gab es für Führungskräfte noch nie Urlaub: Carl wüsste doch selbst nur zu gut, dass TRIGA um diese Zeit immer die neue Frühjahrskollektion verabschiedet! Und dieses Mal sogar die gesamte Wäschekollektion – nicht nur Damenunterwäsche und Dessous, sagte Dr. Osterkorn.

ZEimg085Da Miriam Braun noch immer Karenzurlaub hatte, war er, Carl, natürlich doppelt und dreifach gefragt! Die versehentlich ausgesprochene Urlaubsbewilligung wär’ wirkungslos, sagte Dr. Osterkorn, alias Bernie, die könne Carl sich an den Hut oder sonst wohin stecken!

„Schick doch deine Gerlinde alleine los, oder mit einer Freundin, die auf sie aufpasst“, ergänzte er augenzwinkernd, als er in Carls enttäuschtes Gesicht schaute.

„Du fährst mir jedenfalls jetzt nicht fort, dich brauche ich!“ raunte er Carl noch zu, bevor er ihn mit einem festen, freundschaftlichen Blick in dessen blauen Augen entließ und mit einem Händedruck verabschiedete, bei dem Carl keine Miene verzog, weil er wusste, dass das gleich einsetzende Taubheitsgefühl in der rechten Hand nach zwei Tagen üblicherweise von selbst abklang…

Und Carl hatte sogar Glück! Hannelore war sofort bereit für ihn einzuspringen. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern nahm sie freudig hüpfend das Opfer auf sich, mit Gerlinde nach Mallorca in die gemütliche Finca bei Cala Mayor zu fliegen, die Carl schon vor Wochen heimlich gebucht hatte, um Gerlinde zu überraschen. Das war also überhaupt kein Problem gewesen, da hatte Bernie auf eine vertrackte Weise Recht gehabt!

Und heute Abend kamen beide zurück! Carl erwartete sie am Hauptbahnhof, Gleis 1: Ankunftszeit 20 Uhr 05!

Welch freudige Überraschung – die S-Bahn vom Flughafen hatte nur 22 Minuten Verspätung! Die Bahn befand sich offensichtlich auf dem richtigen Kurs: noch vor einem Jahr hatten er und Gerlinde fast eine Stunde Verspätung als sie aus Mallorca zurückkamen.

Gott – man war ja schon zufrieden, wenn während der Sommermonate überhaupt noch ein paar Züge über den Hauptbahnhof geleitet wurden! Und eine halbe oder dreiviertel Stunde herumzustehen, war wirklich zumutbar. Ob man zwischen den Schlaglöchern auf den Straßen die Zeit vertrödelte oder auf dem zugigen Bahnsteig herumirrte, war letztlich egal, oder?

Wie interessant auch – bei dem gläsernen Unterstand über den Sitzbänken am Bahnsteigende von Gleis 1 hatte das Planungsteam der Bahn sogar mitgedacht – da konnte man tatsächlich von der Videoüberwachung erfasst werden, wenn man abends niedergetreten wurde! Das war wirklich einmal ein positiver Aspekt!

Momentan saß ein Farbiger in dem Glasgehäuse, er las in einem Buch! Sein schwarzer Trolley stand an der Glaswand. Auch gut zu sehen!

Sonst war kaum jemand am Bahnsteig um diese Zeit: ein junger Bursche ächzte mit seinem Fahrrad aus der Unterführung die Stiege hoch, und auf der Bank unweit von Carl verschlang eine hübsche Blondine mit langen knusprig braunen Beinen einen riesigen Hamburger, der bei ihrer zupackenden Art keine Chance hatte.

Carl schlenderte ziellos den Bahnsteig entlang. Als er umdrehte, sah er, wie der Farbige im gläsernen Unterstand lesend aufstand, lesend zur Stiege ging und auch weiter las als er zügig über die Treppe nach unten in die Unterführung eilte. Den schwarzen Trolley ließ er mutterseelenallein zurück!

Na – der hat ein Gottvertrauen, dachte Carl und ging auf den Trolley zu. Dann stoppte er plötzlich! Er schaute sich um – aber von dem farbigen Besitzer, war nichts mehr zu sehen; der war tatsächlich seinem Gepäck abhanden gekommen!

Auch unten in der Unterführung keine Spur von ihm, soweit Carl das von der Treppe aus beobachten konnte. Aber vielleicht war das ja auch gar nicht sein Gepäckstück gewesen, dachte Carl. Vielleicht war der Trolley schon dagestanden als er sich lesend in den gläsernen Unterstand gesetzt hatte. Carl stand jetzt zwei Meter vor dem Trolley.

Komisch war das schon!

Er überlegte, ob er das unbeaufsichtigte Gepäckstück melden sollte? Aber wo? Und wem?

So einfach war das im konkreten Fall gar nicht.

Es gab ja nirgends mehr Bahnpersonal, das man ansprechen konnte: vielleicht hätten die ihn sogar ausgelacht? Die anderen Fahrgäste schien der vereinsamte Trolley ja auch nicht zu beunruhigen. Und der Bahnsteig bevölkerte sich jetzt zusehends: auch etliche Familien mit Kindern kamen die Treppe hoch…

Carl beschloss abzuwarten!

Vorsorglich vergrößerte er nicht nur die Entfernung zu dem schwarzen Trolley, sondern versuchte auch mehr schützende Masse zwischen sich und dem potentiellen Explosivkörper zu bringen. Aber auf dem Bahnsteig waren nur Anzeigetafeln, Sitzbänke und ein paar Träger, die das Dach hielten. Mehr Masse war da nicht!

Der Stiegenabgang, der war massiv, dahinter konnte er sinnvoll Schutz suchen! Aber was war, wenn der Trolley gerade explodierte, wenn die S-Bahn mit Gerlinde und Hannelore einfuhr?

In zehn Minuten war es so weit! Schlimm, wie rasend schnell die Zeit verging! Eine weitere Verspätung war nicht mehr angekündigt worden. Typisch Bahn! Jetzt war sie auf einmal pünktlich! Immer zum falschen Zeitpunkt.

Carl fühlte sich zwar hinter dem Abgangsgebäude sicher, sah aber mit immer größerer Sorge, wie sich der Bahnsteig weiter mit Menschen füllte.

Diese Art von schützender Masse hatte er sich nicht gewünscht!

Warum klaute denn niemand diesen blöden Trolley?

Wo waren die Horden von Gepäckdieben, die sonst alles verunsicherten? Endlich hätten sie sich nützlich machen können.

Was war mit der Videoüberwachung?

Warum reagierte von der Bahnaufsicht niemand?

Das waren echt Defizite in diesen anonymisierten öffentlichen Räumen in der heutigen Zeit, dachte Carl. Und die Zeit lief unerbittlich ab: spätestens in 4 Minuten fuhr die verspätete S- Bahn pünktlich ein – und die Katastrophe war da…

Carl wurde immer zappeliger. Er kaute an seiner Unterlippe und wischte sich mehrmals den Speichel aus den Mundwinkeln. Aus seiner Stirn traten Schweißperlen und seine Hände wurden klebrig.

Sollte er nicht

Aber wie sollte er das begründen, ohne sich zur Lachnummer zu machen? Es gab ja offensichtlich niemand auf dem Bahnsteig, der seine Sorge teilte. War er wirklich der einzige Hellsichtige?

Der Einzige der die Katastrophe kommen sah?

Zwei Minuten noch, dann fuhr die S-Bahn ein!

Carl lief rasch die Treppe hinunter. Da er nichts mehr tun konnte, wollte er wenigstens sich in Sicherheit bringen. Die Unterführung bot optimalen Schutz! Drum war der farbige Dschihadist da auch hinuntergeeilt mit seinem Koran. Klaro!

Carl fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen! In Sekundenschnelle fügte sich alles zusammen und Carl war mitten drin im infernalischen Geschehen: stolperte tatsächlich bereits über unzählige  verstümmelte Tote und Verletzte, registrierte die bis zur Unkenntlichkeit zerfetzten Leiber, die wie Geschoße durch die Luft katapultiert wurden, duckte sich weg vor dieser grauenhaften Anhäufung abgerissener Arme und Beine, die gleich gierigen Fischen in einem Meer von Blut herumzappelten und nach den abgetrennten Köpfen schnappten, die wie Tennisbälle knallend von kollidierenden Betonbrocken abprallten – und dann erst – eine Ewigkeit später – dröhnte der ohrenbetäubende Knall der alles auslösenden Explosion in Carls Ohren, begleitet von einem gewaltigen Beben und orkanartigen Getöse, dem ein unheimlich nachhallendes Geschepper berstender Eisenträger folgte, eingebettet in eine gespenstisch helle Staubwolke, die alles Geschehen zudeckte und in eine wundersam weiße Winterlandschaft verwandelte…

Die letzten Meter zum Bahnhof-Ausgang, legte Carl im Laufschritt zurück – er war ja fit! Von außen her konnte er in dem angerichteten Chaos auch viel sinnvoller bei der Bergung der Leichen und der Verwundeten helfen und seine ganze Kraft bei den gleich einsetzenden Aufräumungsarbeiten einbringen..

Die S-Bahn musste in diesem Augenblick einfahren!Gott, was für eine brüllende Stille!

Carl stand regungslos vor dem Ausgang! Unfähig auch nur die kleinste Bewegung auszuführen. Leichenblass starrte er in die Bahnhofshalle und fürchtete jeden Moment sich übergeben zu müssen…

Offensichtlich erreichten auch schon die ersten Fahrgäste aus der S-Bahn den Ausgangsbereich! Dann braungebrannt und kichernd Gerlinde und Hannelore mit ihren schwarzen Trolleys…

Carl spürte, wie irgendetwas in seiner Brust explodierte! Völlig losgelöst flog er atemlos auf die beiden zu, umarmte, küsste und drückte sie und entschuldigte sich tausendmal für den entsetzlichen Stau in dem er gesteckt war…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 20. Juni 2013

Verkaufspraxis – oder die Optimierung der Margen

Carl und Gerlinde (XXXII)

Na ja, das war zu erwarten gewesen, dass Carl von Gerlinde durch mehrere Boutiquen getrieben wurde, wenn er schon einmal mit ihr durch die Stadt flanierte. Kam ja selten genug vor!

ZDimg072Der Papierladen, an dem sie zufällig vorüber schritten, war vermutlich nur ein unbedeutendes Schleifchen im verwirrenden Filz ihrer komplex verwebten Schicksalsfäden: doch Gerlinde erinnerte sich plötzlich – einen neuen Schreibblock für Einkaufsnotizen zu benötigen!

Der überraschte Verkäufer, bei dem sich trotz seiner Jugend kein einziges Haar auf seinem weißhäutigen Kopf zeigte, hatte auch schon den Feierabend eingeläutet, als Gerlinde, wegen ihres Schreibblocks, gerade noch in den Laden huschte…

„Soll’s denn ein größerer Notizblock sein?“ fragte er dennoch freundlich, da er offensichtlich eine umfangreiche Auswahl an derartigen Notizblöcken auf Lager hatte.

„Nein“, sagte Gerlinde, selbst für Carl unerwartet kapp und maulfaul.

„Dachten Sie an etwas Wertvolleres – ein Geschenk vielleicht?“

„Nein“!

„Ja dann meinen Sie wohl einen ganz gewöhnlichen Notizblock, wenn ich das richtig verstehe?“ sagte der freundliche Verkäufer, im Bemühen, Gerlindes Kaufwunsch klar einzugrenzen…

„Ja“, sagte Gerlinde, ergänzte dann aber doch, dass es ein Block fürEinkaufsnotizen sein sollte. Nicht zu groß, meinte sie noch und guckte unbestimmt im Laden herum.

„Ah ja“, sagte der Verkäufer und eilte entschlossen nach hinten.

Er kam mit drei verschiedenen Blöcken zurück, die jedoch von Gerlinde blitzschnell durch ein energisches Kopfschütteln als ungeeignet eingestuft wurden.

„Viel zu groß und voluminös“! stellte sie fest.

„Natürlich haben wir auch kleinere Exemplare“, sagte der Verkäufer beflissen und war schon wieder auf dem Weg ins Ladeninnere.

Carl nützte die Gelegenheit und prüfte rasch das Angebot an günstigen Kugelschreibern! Ihm genügte meist ein kurzer Blick, um zu erkennen, ob sich weitere Recherchen lohnten…

„So – da hätten wir vermutlich schon das Richtige“, meinte der Verkäufer mit einem hoffnungsvollem Lächeln auf seinem blassen Gesicht und legte vier verschiedene Blöcke der Größe DIN A5 auf die Verkaufstheke.

Aber Gerlinde schüttelte auch bei diesen Böcken irritiert ihren elegant zurechtgemachten Kopf: „Nein – nein, viel zu groß!“ sagte sie wieder, wobei Carl eine gewisse Ungeduld in ihrer Stimme zu hören glaubte.

„Hm – noch zu groß?“ sagte der immer noch freundliche junge Mann im hellblauen Hemd sowie einer exakt gebügelten dunklen Hose.

„Nun“ murmelte er nachdenklich und rieb mit der rechten Hand sein helles, sorgfältig rasiertes Kinn, „dann kommt eigentlich nur noch einer in Frage…“. Mehr konnte Gerlinde nicht verstehen, da der murmelnde junge Mann neuerlich ihrem Gesichtsfeld entschwand.

Carl befasste sich währenddessen mit einem Sortiment bunter Kugelschreiber, die recht gut in der Hand lagen und fabelhaft schrieben…

„Aber das wird es sein, gnädige Frau“, dröhnte ein paar Augenblicke später, eine aufgeregte Verkäuferstimme wie aus dem Jenseits. In großen Schritten kam der Verkäufer dann herbei und schwenkte zuversichtlich einen winzigen Notizblock der Marke URSUS vor seiner leicht geröteten Nase…

„Ja – ja“, rief Gerlinde wie erlöst, „das ist der Richtige, genau so einen wollte ich wieder!“

„Wie schön, gnädige Frau, jetzt haben wir doch noch das Richtige gefunden“, bemerkte der freundliche Verkäufer sichtlich erleichtert mit einem selbstgerechten Lächeln.

„Ja – Gott sei Dank“, flötete Gerlinde, „ich wusste ja gleich, dass ich bei ihnen richtig bin, gell“. Der Verkäufer nickte ihr bestätigend zu und fragte,

„Möchten sie eine kleine Tüte?“

„Ja das wär nett…“, hauchte Gerlinde.

„Das macht dann 1 Euro 20, gnädige Frau!“

„1 Euro 20“, überlegte Gerlinde kurz, schaute zu Carl, der noch immer bei den Kugelschreibern stand und sagte:

„Ach wissen Sie was – ich nehm gleich zwei dieser Blöckchen, das sind ja keine Kosten, die einen umbringen, oder?“

„Aber gerne, gnädige Frau“, sagte der immer noch freundliche Verkäufer und eilte wieder nach hinten…

Als er voll Zuversicht mit dem zweiten kleinen URSUS ankam, fragte Carl spontan, „sagen Sie was kostetet der billigste Kugelschreiber bei Ihnen?“

„Warten Sie“, sagte der aufmerksame Verkäufer, legte den zweiten Block auf den ersten und eilte zu Carl, „der Billigste ist der, und der kostet 60 Cent!“

„Gut, den nehm’ ich“, antwortete Carl kurz entschlossen. Fast eingeschüchtert von dieser rasanten Kaufentscheidung zog der verblüffte Verkäufer einen neuen silbrig glänzenden Kugelschreiber aus einer Hülle mit vier Stück und eilte triumphierend zur Verkaufstheke zurück.

„Du Carl, wir haben Kugelschreiber – daheim! Ich hab’ erst unlängst welche gekauft“, warf Gerlinde plötzlich ein.

„Bist du sicher?“ fragte Carl zögernd, er legte die Stirn in Falten.

„Ja“, sagte Gerlinde knapp und fixierte ihn mit einem bedeutsamen Blick.

„Aber ich kann ja sicherheitshalber einen mitnehmen“, meinte Carl salopp und blickte frech zurück…

„Carl – ich sag’ doch, wir haben genug Kugelschreiber zuhause!“ wiederholte Gerlinde eine Spur strenger.

„Komisch, dass ich die nie gesehen hab?“ brummelte Carl und schüttelt mehrfach seinen Kopf. „Aber den einen hier können wir ja trotzdem mitnehmen“!

„Ist nicht notwendig, Carl, ich hab’ einen kompletten 5-er-Pack bunter Kugelschreiber besorgt; das ist echt rausgeschmissenes Geld, wenn du jetzt noch einen kaufst…“, intonierte Gerlinde.

„Na gut, gut – wie du meinst“, tönte Carl entnervt.

Er wandte sich zu dem noch immer freundlichen Verkäufer und sagte,

„also dann keinen Kugelschreiber, Sie hören ja, mir ist dieser geplante Monsterkauf verboten worden…“

„Ach du Dummschwätzer “, ächzte Gerlinde mit hochgezogenen Augenbrauen und nahm Kopf schüttelnd ihre zwei kleinen Notizblöcke entgegen.

„Macht 2 Euro 40, gnädige Frau“, sagte der Verkäufer schmunzelnd zu Gerlinde, die ihre Geldbörse zückte.

Und zu Carl sagte er mit einem Bedauern in der Stimme, „tja – schade, mein Herr, das wären vier Kugelschreiber gewesen!“

„Ja, Pech gehabt“, erwiderte Carl. Er grinste und zog den Kopf ein.

„Hm – hm – hm“, brummte Gerlinde gereizt und zeigte ihre teueren verkronten Zähne, wie eine Löwin vor dem finalen Biss…

„Nichts für ungut, gnädige Frau, aber wir Männer müssen in der heutigen Zeit schon ein bisschen zusammenhalten“, sagte der immer noch freundliche Verkäufer grinsend, während er von Gerlinde die 2 Euro 40 entgegennahm. Dann lachte er augenzwinkernd Carl zu, der bestätigend zurück nickte und für einen kurzen Moment das ungemein beruhigende Gefühl hatte, Mitglied eines geheimen Männerbundes geworden zu sein…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 30. Mai 2013

Schlafen oder Wachen – Carls mühsamer Weg zu Friedrich Schiller

Carl und Gerlinde (XXXI)

Ausgerechnet am Freitagabend wurde Carl von Gerlinde und Hannelore zu Schillers ‚Maria Stuart’ – ins Schauspielhaus – geschleppt!

ZBimg071Schlimmer konnte es der bedauernswerten Maria Stuart auch nicht gegangen sein: denn Carl wurde nicht nur exakt zwischen die beiden bildungshungrigen Theaterenthusiastinnen in einen engen Folterstuhl mit beklemmend geringer Beinfreiheit gepresst, sondern zusätzlich noch wie auf einem mittelalterlichen Pranger einer feixender Schülerhorde als abschreckendes Entzugsobjekt vorgeführt, da deren schnelle Gehirne längst mitbekommen hatten, was Gerlinde und Hannelore nur in homöopathischen Dosen Carl mitzuteilen wagten, nämlich, dass die infernalische Aufgipfelung seiner Qualen ein zweieinhalbstündiger ‚Pilsentzug’ sein würde!

Die unfähige Theaterregie hatte nämlich nicht nur Maria Stuart entgegen allen gewerkschaftlichen Bestimmungen jede Art von Pause auf ihrem Leidensweg zum Schafott untersagt, sondern auch dem zahlenden Publikum! Und damit in einem Aufwasch Carls Entzugsschicksal besiegelt…

Und das am Freitagabend! Nach einer aufreibenden Woche gnadenloser Preisverhandlungen seiner Firma TRIGA mit vietnamesischen Unterlieferanten auf dem Sektor Herrenunterwäsche und Damenslips, an deren Ende sich Carl nichts anderes mehr wünschte, als drei Flaschen Bier, sein Sofa und eine stumpfsinnige Fernsehserie, die das vorabendliche Kurzschläfchen sicher stellte…

Kein Wunder, dass Carl, als er die ‚pausenlose’ Unverschämtheit der Theaterregie endlich auch von Gerlinde links und Hannelore rechts zugeflüstert bekam, aus Protest sofort in eine Art ‚Schlafstarre’ fiel, die darin gipfelte, dass er den gesamten ersten Akt des Schiller-Dramas durchschlief, ohne sich auch nur im Geringsten um die verheerende psychologische Wirkung auf die jungen Menschen um ihn zu kümmern…

Ja – er ließ sich nicht einmal durch die grauenhafte musikalische Untermalung zwischen den einzelnen Szenen beeindrucken, die aus einem ins Wahnsinnige gesteigerte, quietschenden Schabegeräusch von ‚Kreide auf trockener Tafel’ bestand, das nicht nur allen Zuschauern vom Rücken abwärts alles zusammenzog, sondern auch sämtliche Hörgerätträger in den Tinitus trieb… Leider zeigte diese geisterbahnartige Geräuschkulisse mit fortschreitender Dauer dann doch auch bei Carl Wirkung: sein Schlaf gestaltete sich zunehmend unruhiger als daheim vorm Fernseher, mit der Folge, dass er einige Male recht rüde vom Bühnengeschehen gestört wurde! Insbesondere von dieser riesigen, knarrenden, hin und her schwenkenden schwarzen Wand! Ein grotesker Regieeinfall!

Vermutlich um das Bühnenpersonal vorausschauend ausdünnen zu können, wie Carl im Halbschlaf murmelte, indem gezielt alterschwache Schauspieler zwischen Bühnenrand und ‚Schwenk–Wand’ zu Tode gequetscht wurden – oder zumindest verstümmelt, wie dieser Mortimer, der aber trotz seiner korkenzieherartigen Leibesverkrümmung weiterhin zäh am Leben zu hängen schien und der tödlichen ‚Schwenk–Wand’ unermüdlich auswich…

Die bedauernswerte Maria Stuart hatte wohl nicht soviel Glück gehabt: ihr Oberkörper war bereits bei ihrem ersten Erscheinen arg nach vorne gequetscht! Was schmerzhaft gewesen sein musste…Nur Königin Elisabeth war verschont geblieben, sie stolzierte aufrecht und gelassen über die Bühne; ihrem panzerartigen Reifrock konnte die tödliche ‚Schwenk–Wand’ offensichtlich nichts anhaben!

Besonders ärgerlich empfand Carl, dass bei dieser unseligen Freitagabendinszenierung alle Schauspieler plötzlich vom Publikum gehört und verstanden werden wollten! Denn entgegen der bisherigen Gepflogenheiten sprachen sie nicht mehr mit dem Rücken zum Publikum in den hinteren Bühnenraum hinein, wo kein Mensch war, sondern ratterten ihre Schillertexte wie Maschinengewehrsalven derart laut ins Publikum, dass sie Carl bis in den Schlaf hinein verfolgten…

Nur die böse Königin Elisabeth, hatte Mitleid: sie flüsterte hartnäckig in Richtung Beleuchtung. Natürlich tat sie das nicht aus Respekt vor Carls Schlaf, sondern bestimmt aus Scham wegen ihres giftgrün geschminkten Gesichtes. Vermutlich hoffte sie unentdeckt zu bleiben? Eine folgenschwere Fehleinschätzung: denn Mortimer erspähte sie in ihrem pinkfarbenen Reifrock blitzschnell zwischen der hin und her schwenkenden Wand und machte sich nach ein paar hübsch gereimten Frechheiten auch sofort über sie her. Rücksichtslos griff er ihr trotz Geflüster und Reifrock ohne lang zu Fackeln dreist in den Schritt!

Das war unerhört, wie Carl in einem der wenigen wachen Momente, im Gegensatz zu Gerlinde und Hannelore, fand; eine skandalöse Schweinerei! Schließlich saß viel junges Volk vor ihm, das bei dieser Szene recht irritiert kicherte! Der Bursche schräg vorne grinste sein Nachbarmädchen besonders dreckig an!

Und als sich Elisabeth – immer noch flüsternd – zu allem Überdruss auch selbst zwischen die Beine langte, wurde die Sache echt oberpeinlich! Die zwei blutjungen Mädels links vor ihm schauten verlegen auf den Boden! Carl war richtig froh, dass sich in dieser peinlichen Situation die rechtwinklig hingequetschte Maria Stuart mühsam für einen Augenblick aufrichten konnte und Königin Elisabeth strafend zuschwallte…

Einige Schüler wurden unruhig! Sie brauchten eine Zigarette! Genau wie Carl sein Pils! Aber nein, die geile Elisabeth wich nicht! Selbst die schwarze Wand war plötzlich bedeutungslos: Elisabeth stand unerschrocken in ihrem Reifrock da, total grün im Gesicht, von allen verlassen und hätte in diesem Moment ihr Gesicht bestimmt auch tief rot einfärben lassen, wenn ihr das irgendwie weiter geholfen hätte, oder auch gelb, oder blau, oder pink getupft…

Nur nicht schwarz! Diese Farbe schien ihr abhanden gekommen zu sein; vielleicht auch wegen der bedrohlichen Wand, die eh ausreichend schwarz war, dachte Carl hellwach, da das kühle Pils quasi schon gegen sein Gaumenzäpfchen schwappte… Beim Pils würde ihm bestimmt auch einfallen an welche aktuelle Politikerin ihn diese vereinsamte Elisabeth erinnerte, sagte er halblaut zu Hannelore, als endlich das Licht anging…

Natürlich bedeutete das Pils im ‚Fundus’ nach dieser Kulturtortur nicht nur für Carl eine Erlösung! Das Lokal war brechend voll und alle labten sich bei Wein und Wasser wie nach einer langen Hungerperiode an den teuersten kulinarischen Leckereien des Restaurants. Schiller und seine Verse waren vollkommen vergessen! Auch die tote Maria Stuart und die böse Königin Elisabeth! Selbst Hannelore und Gerlinde kicherten nur noch über die verschrobenen Paare an den Nebentischen – und Carl genoss unbehelligt bereits sein drittes Bierchen, ja er überlegte sogar, ob nicht wenigstens er Friedrich Schiller seine Referenz erweisen – und eine tüchtige Portion dieser köstlichen ‚Schillerlocken’ bestellen sollte?

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 18. April 2013

Gartenlust und Frühlingsfrust

Carl und Gerlinde (XXX)

Was ist denn mit dir los, Carl? So wie du zulegst in den letzten Wochen, muss ich ja fürchten, dass du jeden Moment platzt!“ stänkerte der Spartenleiter Dr. Osterkorn, als er nach dem üblichen ‚montäglichen Strategiegelaber’ mit Carl das Besprechungszimmer verließ.

„Wie meinst du denn das, Bernie?“ fragte Carl irritiert.

Na du gehst ja auseinander wie ein Kräppel im heißen Fett: will dich denn deine Gerlinde meistbietend zum Kilopreis verscherbeln?“ polterte Bernie laut lachend.

„Jetzt fängst du auch noch an! Vor zwei Wochen hat mich schon meine vorlaute Sekretärin gefragt, ob ich ein Problem mit der Schilddrüse hätte“, gab Carl kleinlaut zurück.

„Siehst du Carl – ich täusch mich also nicht! Ich find’s ja prima, wenn’s dir schmeckt und gönn’s dir auch von Herzen, aber als ‚Spartenvertriebsleiter’ bei TRIGA mit seinen vielen sportlich orientierten Produkten solltest du schon auch ein klein wenig auf dein Erscheinungsbild achten, oder?“

„Glaubst du denn wirklich, Bernie, dass ich…“

„Betrachte meine Worte als kleinen Tipp, Carl! Du weißt ja, ich bin manchmal etwas direkt!“ wiegelte Dr. Osterkorn mit einem verschmitzten Augenzwinkern ab, donnerte Carl seine durchtrainierte Pranke auf die Schulter und entschwand in das verwaiste Büro von Miriam Braun, die noch immer in der Babypause war, und bestimmt nicht wusste, dass seit vier Wochen eine äußerst attraktive Praktikantin auf ihrem Bürostuhl herumlungerte und schon etliche neue Wäschemodelle für einen gewissen Herrn Dr. Osterkorn vorprobiert haben soll, wie der Buschfunk so trommelte…

Carl war zwar froh, dass er nach dem freundschaftlichen Schulterklaps von Dr. Osterkorn noch aufrecht gehen konnte, spürte aber schon, wie sich eine kleine Unsicherheit in ihm breit zu machen begann …

Und da seine sonst für alle Wehwehchen zuständige Sekretärin Bettina über seinen Kopf hinweg ohne jede Vorwarnung recht dreist von einem Tag auf den anderen ihren morgendlichen Mohnstrudel zu seinem Frühstückskaffee einfach gestrichen hatte, und dieser Mohnstrudel ehrlich gesagt in letzter Zeit eh oft arg trocken ausgefallen war und mit Kaffee manchmal recht unangenehm am Gaumen pappte – konnte  sie natürlich in dieser heiklen Angelegenheit leider nicht mehr wie sonst üblich als Ratgeberin fungieren!

Und Gerlinde kam schon gar nicht in Frage! Die mäkelte ohnehin stündlich an ihm herum, wegen der paar lächerlichen Pfunde an seinen, wie er meinte, immer noch apollinisch schmalen Hüften…

Angesichts dieser verfahrenen Situation musste Carl wohl in bewährter Manier die Sache selbst in die Hand nehmen! Wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn einmal die superklugen Frauchen wirklich helfen hätten können!

Außerdem war das Männersache!

Schließlich gab es doch wirklich nichts Simpleres, als ein paar ‚unnötige Gramm Speck’ wegzuschaffen: er musste sich doch bloß – eigentlich lächerlich – beim Essen etwas einschränken und – Bingo – mehr Bewegung machen! Und zwar viel mehr Bewegung! Klaro! Da musste man gar nicht mehr lange Herumrätseln und Rumlabern, wie Frauen das in solchen Situationen zu tun pflegen!

Nein, gleich nächste Woche – oder übernächste Woche – oder noch besser ab Mai oder vielmehr Juni, wenn es abends richtig hell war, brauchte er sich doch bloß in einem Fitnessstudio anmelden und einen dieser oft angesprochenen Abendtermine buchen! Und schon war die Sache geritzt! So einfach war das…

Außerdem – und das war wohl ein Wink des Schicksals – stand doch jetzt im Frühjahr ohnehin jede Menge Gartenarbeit an: die war doch nachgerade ideal zum Abzunehmen!

Bestimmt freute sich Gerlinde auch tierisch, wenn sie einmal nicht auf Hannelores komischen ‚gärtnernden Polen’ zurückgreifen musste, der im Frühjahr alle Bäume und Büsche in diese peinlichen Rasierpinsel verwandelte! Nein – ab sofort hatte der ‚Pinselzauber im Frühjahr’ ein Ende – und wie von selbst wurde er, Carl, auch noch gertenschlank dabei! Das war doch mehr als fantastisch, oder?

Ernüchternd war allerdings, dass Gerlinde gar nicht so arg strahlte, als er ihr gleich am nächsten Morgen beim Frühstück seinen neuesten Plan entwickelte. Aber vielleicht war sie auch noch nicht richtig wach, als sie recht nüchtern fragte „und warum auf einmal – dieser Garteneifer?“ und ewig lange in ihrem Kaffee rumrührte, obwohl keinerlei Süßstoff drinnen war, wie er ganz sicher wusste…

„Ja weißt du, Gerlinde, ich brauch’ einfach etwas mehr Entspannung und Bewegung – irgendwie bin ich in letzter Zeit durch den Stress in der Firma viel zu träge geworden!“, sagte Carl mit einschmeichelnder, Verständnis heischender Miene.

„Sieh mal an, welch eine überraschende Selbsterkenntnis – und die schon im Morgengrauen – um acht Uhr dreißig, das ist beachtlich!“ frozzelte Gerlinde.

„Nenne es wie du willst, Gerlinde, ich bin jedenfalls fest entschlossen, mich mehr zu bewegen und mich viel aktiver in unsere heimische Gartenarbeit einzubringen“, sagte Carl lächelnd und tätschelte liebevoll über den Frühstückstisch hinweg Gerlindes linke Hand, die gerade nach dem Brombeermarmeladenglas griff!

Gleich danach schaute Carl aber abrupt auf die Uhr, sprang auf, drückte Gerlinde einen schnellen Kuss auf ihre nach Kaffee schmeckenden Lippen und eilte mit den Worten „heute Abend sprechen wir noch genauer über mein ‚Gartenprogramm’, gell“, davon…

Nur – wie das dann ablief, war typisch – Gerlinde!

Denn als Carl am Abend hundemüde von der Arbeit heimkam, konfrontierte ihn seine fürsorgliche Gerlinde mit einem ‚gärtnerischen Arbeitsprogramm’ das sich nicht nur gewaschen hatte, sondern in dem – voll unfair – tatsächlich alles drinnen stand, was getan werden musste! Ganz obenauf natürlich die riesige Trauerweide, die jedes Jahr radikal geschnitten werden sollte, was nicht nur viel Arbeit in luftiger Höhe auf der Leiter bedeutete, sondern auch mehrere Tage „Zerkleinerungsarbeit“! Aber wer konnte denn bei dieser vollkommen unerwarteten ‚Zwischeneiszeit’ schon so lange im Garten herummachen – schließlich war er kein Eskimo in Thermounterwäsche, oder?

Und die Trauerbirke musste auch zurück geschnitten werden!

Und die zehn Büsche entlang der Gartengrenze auch, und der Lorbeerbaum, die zwei Weigelien, der Perückenstrauch, der Raketenwacholder auch und im Vorgarten die Korkenzieherhasel, der amerikanische Hartriegel und die Zierkirsche – von den dreißig Erikastauden, den viel zu üppigen Gräsern und sechs Wacholderbüschen ganz zu schweigen…

Weiter kam Carl gar nicht mit dem Studium des ‚Gerlindeschen Gartenprogramms’: denn bereits beim amerikanischen Hartriegel war die erste Bierflasche leer, und als die zweite offen war, hatte er nach dem heutigen mörderischen Unterwäschevertriebstag in der Firma wirklich keinen Bock mehr auf weitere ‚gärtnerische Korinthenkackereien’…

Offensichtlich hatte Gerlinde – typisch Frau – nicht die leiseste Ahnung, was die von ihr aufgeschriebenen Arbeiten eigentlich bedeuteten – und noch dazu bei diesen arktischen Temperaturen! Von Frühling und lauen Lüften war doch weit und breit nichts zu spüren! Das war doch der absolute Horror, was dieses Jahr abging! Man musste sich ja wirklich ernsthaft fragen, wann denn nun endlich diese beknackte Klimaerwärmung einsetzte, mit der ständig in den Medien herumgefuchtelt wurde. Das war doch unfassbar, wie diese ‚Katastrophenaposteln’ daneben lagen?

Die Einzige, die nicht daneben lag, leider auch nicht jetzt neben ihm, war echt wieder einmal Gerlinde! Auf die war in dieser Hinsicht hundert Prozent Verlass, dachte Carl, als er endlich trotz aller Abgeschlafftheit – selbst die dritte Flasche Bier aus dem Keller hochhievte: bei diesem höchst einfühlsamen Persönchen, Gerlinde, brauchte man wirklich nur ein winziges Bisschen Bereitschaft signalisieren, sich an der hauseigenen Gartengestaltung aktiv beteiligen zu wollen – und schon bekam man ein ‚Gartenprogramm’ um die Ohren geknallt, bei dessen Verwirklichung er nicht nur in kürzester Zeit als wandelndes Skelett durch die Gegend trabte – sondern am besten auch sofort Frührente beantragte…

Wollte ihm das Gerlinde wirklinch antun – nur wegen der paar lächerlichen Pfündchen zuviel auf den Rippen? Oder den Hüften? Oder wo auch immer? War es das wirklich wert?

KH

Roland Dürre
Dienstag, der 2. April 2013

Vortragseinreichung zum Thema Wissensmanagement

Die „großen Tagungen“ als Veranstaltungen mit Frontalbeschallung mag ich nicht mehr. Bin mehr für freie Formate, auf denen man Wissen auf Augenhöhe austauscht. Deshalb habe ich gemeinsam mit Freunden auch das PM-Camp ins Leben gerufen, das sich zu einer schönen Erfolgsgeschichte entwickelt hat. Allein im Juni haben wir drei lokale PM-Camps in Stuttgart, Wien und Bad Homburg nahe bei Frankfurt. Werde demnächst auch darüber berichten.

Trotzdem habe ich vor kurzen für eine Old-Style-Veranstaltung einen Vortrag  eingereicht. Und zwar für die 9. Stuttgarter Wissensmanagement-Tage 
“Wissen verbindet”, die am 12. und 13. November 2013 in der Stuttgarter Liederhalle statt finden. Der Veranstalter der Tagung ist „wissensmanagement – Das Magazin für Führungskräfte“. Der Verlag kommt aus dem mir aus meiner Jugend gut bekannten Neusäß (ganz nahe bei Augsburg).

Den Vortrag habe ich entwickelt, weil ich glaube, dass Wissen unbedingt geteilt werden muss und wir Transparenz und Klarheit brauchen. Deshalb darf das Wissen nicht in irgendwelche Systeme eingesperrt werden. Sondern muss raus in die sozialen Räume der Menschen in den Unternehmen und Institutionen wie in der Gesellschaft. Nur so werden wir unser Wissen zur Anwendung und Wirkung bringen können.

Um „gutes“ Wissensmanagement zu machen ist die eingesetzte Technik zweitrangig, vielmehr geht es um die Entwicklung von „guter“ Unternehmenskultur“. In diesem Sinne wollte ich mal einen Vortrag vor „Wissensmanagement Profis“ halten.

Also fahre ich meinen letzten MS-Rechner hoch, gehe auf die Website des „wissensmanagement“ den „Referentenfragebogen“, lade ein grässliches Word-Formular herunter und verbringe einen schönen Samstagnachmittag damit, meine Gedanken für den Vortrag in word (!) zu formulieren.

Zuerst lese ich die einzuhaltenden Termine:

30. April 2013 – Ende der Einreichungsfrist
11. Oktober 2013  – Abgabeschluss für endgültige Dokumentation/Vortragsfolien
12. – 13. November 013 – Kongress

😉 Da fängt das Problem schon an. Woher soll ich heute schon Wissen, was mich zum Thema Wissen bis November noch alles bewegen wird? Hätte heute schon Lust, ein paar Dinge am eingereichten Vortrag zu verändern. Hier der am 23. März von  mir ausgefüllte Referentenbogen im Wortlaut:

Referent/in
Name: Dürre
Vorname: Roland. M.
Akademischer Titel: Dipl. Math. Univ.
Position: Vorsitzender des Vorstands
Unternehmen (inkl. Rechtsform): InterFace AG
Postanschrift des Unternehmens: Leipziger Str. 16, 82008 Unterhaching (www.interface-ag.de)
Telefon: 089 – 61049-0
Fax: 089 – 61049-85
Mobil: 0171 48 50 115
E-Mail: roland.duerre@interface-ag.de

Biografie
Kurzlebenslauf, der Ihre berufliche Laufbahn im Überblick darstellt. Veröffentlichung im Internet. (max. 500 Zeichen)

Pionier der 3. Generation Informations- und Kommunikationstechnologie
1969 Studium Mathematik /Informatik bei F.L. Bauer (TUM). Bis 1979 bei Siemens UB D als Student (Entwicklung von IT-Basistechnologien) und in Festanstellung (Betriebssysteme für große „Sonderprojekte“.
Nach 2 Jahren bei Softlab gemeinsam mit Wolf Geldmacher 1983 Gründer der InterFace Connection GmbH, jetzt InterFace AG.
Als Mehrheitsaktionär zuständig für die Zukunft des Unternehmens. Nebenher Blogger und Netzaktivist 
(if-blog.de, duerre.de, pm-camp.org …)

Vortragstitel
„Neues Wissen braucht das Unternehmen“
Untertitel
Wie Werte und Kultur helfen, den Wandel anzunehmen und zu nutzen.

Schwerpunkte
4-6 Unterpunkte, die die Schwerpunkte Ihres Vortrags skizzieren

Menschen sind erfolgreich, wenn sie über Ausbildung & Wissen und Mut & Freude an der Arbeit verfügen.
Der Erfolg eines Unternehmens beruht auf Werten und Vertrauen.
Im Unternehmen sind strategische Klarheit und Kommunikation auf Augenhöhe die Herausforderung!
Das Wissen des Unternehmens darf nicht einsperrt sondern muss befreit werden!
„Social Media“ hilft nicht nur bei Wandel & Veränderung.

Abstract
(max. 500 Zeichen)

Die Welt ändert sich. Innovation wird zur „kreativen Zerstörung“.  Transparenz und Beteiligung werden eingefordert.
Wie wird Führung im Unternehmen 3.0 dieser Herausforderung gerecht?
Wie sieht eine belastbare Unternehmenskultur im „Heute“ aus?
Wie fällt man öfters die „richtige“ an Stelle der „falschen“ Entscheidung?
Wie erkennt man, was „gut“ und was „schlecht“ ist?
Welche Rolle spielt „Social Media“?

Inhalt
Eine ausführliche Inhaltsbeschreibung 
(250 bis 500 Wörter)

„Veränderung und Wandel sind evolutionär bedingt und werden im Unternehmen gemeinsam gelebt und unterstützt. Der immer notwendige kontinuierliche Verbesserungsprozess wird gemeinsam erarbeitet. …
… Die Menschen im Unternehmen wirken in enger Kollaboration zusammen. Die Veränderung wird gespeist aus Ideen, zu denen alle beitragen. Empowering of people ist die Basis für die Zukunft“.
(Zitat aus unseren Unternehmens-Prinzipien):

Problem oder Chance?

Mehr Wissen schafft Veränderung, Veränderung neues Wissen. Diese Entwicklung scheint sich zu beschleunigen. Die Anforderungen der „Welt“ verändern sich rasant. Das Wissen des Unternehmens muss dynamisch bleiben, es darf nicht zum Dogma werden.

Immer mehr Unternehmen werden mit “individueller Hierarchie” scheitern. Am Markt können sie nur mit „neuem Denken“ bestehen,  entwickelt sich aus den Erkenntnissen des Unternehmengesamt. Beliebte und  wichtige Stichworte sind Crowd und Schwarm. Ein „Mergen&Morphen“ des individuellen zu gemeinsamen Wissen findet statt.

Warum ist das so?

Menschen leben in “Sozialen Systemen“. Soziale Systeme können NGOs, Verbände, Vereine, Kirchen oder eben Unternehmen sein.

Unternehmen verfolgen explizit ein ökonomisches Ziel. Dieses besteht darin, den Markt mit Gütern und Dienstleistungen zu versorgen und so seine Mitarbeiter zu ernähren. Sie sind dem permanenten Wandel ihres Umfeldes ausgesetzt und müssen flexibel reagieren.

Mängel sind zu finden, um sie abzustellen. Stärken müssen identifiziert werden, um sie zu nutzen. Risiken und Chancen müssen im Blickfeld bleiben. Ereignisse, die neutral oder nicht  bewertbar sind, können schnell relevant werden.

Erst wenn die wichtigen (richtigen) Fragen gefunden werden macht es Sinn, über Lösungen nachzudenken.“Zukunfts-Management” muss Teil der täglichen Routine werden.

Wie ist das zu erreichen?

Basis ist das gemeinsame Erleben und Erlernen der „Welt  in und außerhalb des Unternehmens“. Informationen müssen von allen gesammelt werden und allen Beteiligten zugänglich sein. Alle dürfen kommentieren, ergänzen, bewerten, und gewichten … Die „Unternehmens-Crowd” bewertet die Relevanz, entwickelt Strategie und entscheidet letzten Endes operative Maßnahmen.

Was brauchen wir?

Gerade in verteilten Welten sind solche Prozesse nur mit unterstützenden IT-Systemen möglich. Diese müssen wie ein “Spiel“ gestaltet sein („Gamification“). Das Spiel muss den Gewinn des Unternehmens und des Einzelnen garantieren. Im Spiel erworbene Credits müssen als echte “EUROs” Teil des Bonus werden. Der Erfolg steigert das Ansehen im Unternehmen und wird zum positiven Beitrag für Laufbahn und “Karriere”.

Natürlich gelingt so etwas nur in einer offenen, transparenten und freien Unternehmenskultur. Das Unternehmen muss angstfreie Räume realisieren. „Teilen von Wissen“ muss für alle Beteiligten sichtbar von Vorteil sein.

Bitte senden Sie uns außerdem ein Photo (Portrait) in digitaler Form (JPEG/GIF, 300 dpi)!
Vielen Dank.

Soweit das ausgefüllte Formular. Ich habe es dann gleich per E-Mail mit Foto an die vorgegebene Adresse gesendet.

Die Antwort kam zeitnah. In Form eines Angebotes, die Stuttgarter Wissensmanagement-Tage zu sponsern.

Das bringt mich ja fast in Versuchung. Denn wenn ich sponsere, könnte es ja sein, dass dies meine Einreichung stützen würde. Man kann ja schlecht einem Sponsor seinen Vortrag absagen.

Jetzt wundert es mich nicht, dass die Vorträge bei solchen Veranstaltungen so oft nach Werbung und Selbstdarstellung klingen. Und deshalb viele Menschen lieber auf barcamps gehen.

Ich werde auf jeden Fall nicht sponsern. Fast tut es mir leid, dass ich eingereicht habe. Wenn der Vortrag trotzdem genommen wird, dann halte ich ihn. Und werde mein bestes geben. Dabei nicht zu sehr frontal zu beschallen, sondern soweit in diesem Rahmen möglich die Zuhörer zum mitmachen einladen.

Und wenn er nicht angenommen wird, dann halte ich ihn halt woanders. Und habe eine gute Story für die Einleitung.

Bei dieser Aktivität habe ich auch die Deutsche Gesellschaft für Wissensmanagement (GfWM) entdeckt. Diese kooperiert mit dem Verlag von „wissensmanagement“. Die Verbands- und Lobbyisten-Strukturen des Wissensmanagement kenne ich noch nicht. Gehe aber mal davon aus, dass es dort ähnlich sein wird wie bei anderen solchen Verbänden im Umfeld Projekt- oder Qualitäts-Management. Da geht es vor allem um Macht und Kohle.

So kommt mir der Gedanke, ein Barcamp für „Wissenteilen!“ (WI-Camp) zu gründen. Damit man sich zu Wissensmanagement genauso schön treffen und Wissen austauschen kann wie beim PM-Camp zu Themen rund um Projekt Management. Mitstreiter melden sich einfach bei mir.

RMD

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 24. Januar 2013

Wenn Männer es richtig machen…

Carl und Gerlinde (XXIX)

Carl wurde von Tag zu Tag klarer, dass er dem reinigenden Gewitter, eines Streits mit Gerlinde nicht mehr ausweichen konnte, weil er sonst in Gefahr lief, durch ihre manische Einkaufswut in den totalen Wahnsinn getrieben zu werden…

Seit vier Wochen verging kein Tag, an dem Gerlinde ihm nicht in den Ohren lag, weil wieder irgendein ganz süßes hellblaues Pulloverchen mit entzückend durchbrochenen Raglanansätzchen ohne jedes Zutun von ihrer Seite, so wahnsinnig eingegangen war, dass es wirklich nur mehr weggeschmissen werden konnte: dabei hatte sie dieses Mistding erst drei Mal angehabt und zweimal handwarm durchgewaschen – das müsse man sich einmal vorstellen!

Und was hatte sie nur für einen Ärger mit diesen saublöden apricotfarbenen Cardigans, die in keiner ihrer Boutiquen mehr aufzutreiben waren, außer bei diesem ätzenden C&A! Und da –  typisch – nur in Größen für schwangere Walrösser und Sumo–Ringerinnen, aber nicht für normale Menschen, und schon gar nicht für sie, die gerade acht Wochen New York Diät hinter sich hatte, sechs Kilo leichter war und urschnell jede Menge neuer Klamotten brauchte; Unterwäsche eingeschlossen – aus Carls neuester Frühjahrskollektion natürlich!

Oder sie nörgelte, bevor sie noch einen Schluck Kaffe oder Bissen Brot zu sich genommen hatte, bereits beim Frühstück  über total beknackte Wedge Sneakers aus der Goethestraße, die sie zu einem überirdischen Schnäppchenpreis erstanden hatte, die aber wegen ihrer blöden neuen Einlagen, so höllisch drückten, dass sie sie bestenfalls den OXFAM – Leuten bringen konnte. Der einzige Trost war, dass diese Folter– Sneakers, eh nicht zu ihrer neuen, abgefahrenen, schwarzen Zoé Lu Handtasche gepasst hätten, die sie nach wochenlanger Suche endlich in einer winzigen Boutique entdeckt hatte.

Aber abgesehen von diesem Ausnahmeglücksfall, lamentierte sie ohne Luft zu holen weiter, sei es bei ihr in letzter Zeit so beschissen gelaufen, dass das wirklich nicht mehr unter der Rubrik ‚übliches Pech’ abgehakt werden konnte! Nein – da konnte Carl noch so beschwichtigen, da war schon mehr dahinter. Schließlich hatte sie ja nicht nur mit ihren unmöglichen Klamotten dieses permanente Pech, ereiferte sie sich mit vollem Mund: Carl bräuchte sich doch nur an diese irren, schwarzen, marokkanischen Oliven unlängst vom Markt erinnern, die preislich derart reduziert waren, dass sie einfach vier Pfund mitnehmen musste, weil alles andere der Supergau an Blödheit gewesen wäre. Aber wie so oft schmeckten sie dem feinen Herrn Carl nicht und wurden unausgepackt in die Biotonne geworfen!

Oder die zwölf Flaschen spanischen Rotwein von Freixenet zum Sonderpreis von vier Euro neunundneunzig, mit denen sie ihn überraschen wollte und die auch ruckzuck in der Kanalisation landeten!

So ging das doch immer in letzter Zeit, wenn sie ihm eine Freude bereiten wollte, klagte Gerlinde schmollend und verzog sich hustend und schniefend in ihr frisch eingelassenes Erkältungsbad, das um ein Haar auch noch übergelaufen wäre…

„Entspann dich“! rief ihr Carl nach, war dann aber froh, dass sie weg war, da er diesen jämmerlichen Schwachsinn einfach nicht mehr ertragen konnte. Dabei war er doch wirklich die Geduld und Langmut in Person. Wie oft hatte er in unendlich langen und zermürbenden Diskussionen versucht, Gerlinde von dieser unsäglichen Jagd nach Schnäppchen und Fummeln abzubringen. Ihr geraten, gezielt, maßvoll und ruhig etwas teurer einzukaufen! Vor allem immer nur nach einem genauen Plan und wirklich nur das, was sie sich vorgenommen hatte! Das war doch eine schlichte Regel, die jeder verstehen und einhalten konnte! Auch sie als Frau, oder?

Doch heute, da Gerlinde von dieser zugegebenermaßen bösen Erkältung niedergestreckt worden war, bestand ja die Chance, dass wenigstens einen Tag lang in seinem Haushalt kein Einkaufschaos herrschte! Auf Grund dieser einmaligen Chance war er sogar bereit, die wenigen Sachen, die Gerlinde aufgeschrieben hatte, selbst schnell – vor Bürobeginn – aus dem Supermarkt zu holen:

1 WEISSBROT – 4 ZITRONEN – 4 DOSEN SARDINEN – 2 Päckchen BUTTER – 1kg LINSEN…

Das war’s schon!

Das Weißbrot kaufte er am Besten beim Rausgehen am Brotstand, das wusste er schon, obwohl er sich sonst wirklich nicht gut in diesem angeblich tollen Supermarkt auskannte und immer endlos herumsuchte.

Aber das war wohl der tiefere Sinn dieser permanenten Produktumschichtung! Außerdem hatte er gelesen, dass in allen Supermärkten der Welt, die Kunden immer linksrum geführt würden, da einschlägige Studien herausgefunden hatten, dass dann mehr gekauft wurde, als beim rechtsrum Gehen.

Aber jetzt musste er bei allem Linksrumgerenne erst einmal die Zitronen finden – bestimmt beim Obst!

Gerlinde klagte oft, dass es viel zu wenig frisches Obst gab – und wenn, dann war es meist weggekauft, bis sie ankam!

Heute lagen aber  jede Menge prächtiger Mangos auf den Tischen, auch zwei Sorten duftender Melonen, schöne Papayas – nicht gerade billig aber riesig – prima Ananas – zum Aktionspreis – und herrliche, gelbe Kiwis, die sie eh so gerne aß. Was sollte falsch sein, wenn er die einmalige Gelegenheit nutzte und von allem ordentlich mitnahm? Gerlinde war bestimmt begeistert…

Aber wo waren denn nun die verdammten Sardinen? Das war doch der nächste Posten, soweit er sich erinnerte. Oder wo war jemand, den man fragen konnte? Solche Leute gab es gar nicht mehr in Supermärkten!  Die versteckten sich, weil sie sich selbst nicht mehr auskannten; die Waren wurden ja nur mehr durch billiges Fremdpersonal einsortiert.

In seiner Not fragte Carl einfach die kleine korpulente Verkäuferin an der Fischtheke nach den Sardinen! Und da die so freundlich Auskunft gab, kaufte er gleich noch eine tüchtige Portion Meeresfrüchtesalat bei ihr und zwei köstliche Räucherforellen, die ganz frisch rein gekommen waren, wie die nette Verkäuferin mehrmals versicherte.

Bevor er dann aber wirklich in die vermutete Nähe der ersehnten Sardinen gelangte, musste er erst noch wie im Märchen etliche Prüfungen bestehen und unzählige lange und hohe Regalreihen mit eingelegten Heringen in hundert verschiedenen Gläsern und Dosen, überwinden – die es bestimmt in zwanzig verschiedenen Marinaden gab! Auch in Tomatensoße, um die er Gerlinde schon hunderte Male gebeten hatte, und von denen er sich keck gleich fünf Dosen in den Einkaufswagen lud und noch acht verschiedene Gläschen Muscheln darüber schichtete, bevor er endlich nach der Butter Ausschau halten konnte…

Aber stand vor dem Butterregal nicht sein unmöglicher, verbohrter Solar–Nachbar Konrad und seine eingetrocknete Luise? Und wühlten die nicht auch gerade in den zweihundert verschiedenen Buttersorten herum? Wie er es vor hatte?

Nichts wie weg!

Die Konrads musste er sich im Morgengrauen nicht antun, das konnte  nicht einmal Gerlinde von ihm verlangen! Blitzschnell bog Carl nach links zu den Rotweinen ab und griff instinktiv nach einer Flasche Amarone für 36.- Euro.

Leider zu spät!

„Ach der Herr Nachbar füllt nach den Feiertagen sein Weinlager auf?“ hörte er hinter sich sagen. Carl drehte sich um, tat überrascht und sagte, „ Gott – die Konrads! Sind Sie auch beim Einkaufen?“

„Nach was sieht’s denn aus, Herr Nachbar?“ lachte der solare Konrad brüllend über fünf Regale hinweg.

„So gut schon aufgelegt am frühen Morgen?“ witzelte Carl gequält und fragte Herrn Konrad, ob er auch gerne Amarone trinke.

„Mein Mann trinkt nur deutsche Weine“, schaltete sich die faltige Luise ein, „da weiß man wenigstens, was man hat“.

„Das stimmt“, sagte Carl, bedächtig nickend, „ aber wenn man hier zu den höherpreisigen Weinen greift, ist man auch ganz gut bedient…“

„Na ja, eine Flasche Wein für vierzig Euro können wir uns nicht leisten“, warf Herr Konrad sauertöpfisch ein.

„Ja was trinken Sie denn dann?“

„Ach, in der Pfalz kriegt man beim Winzer für fast kein Geld auch recht ordentliche ‚Tröpfle’?

„So, so“ sagte Carl und stellte sich mit einem selten gespürten Wonnegefühl, acht Flaschen Amarone in den Einkaufswagen, während die Konrads kopfschüttelnd weitergingen.

Aber so richtig voll hatte Carl die Nase erst, als Gerlinde ihn daheim wie in einem Kreuzverhör fünf mal hintereinander nach den blöden Zitronen und Sardinen befragte und acht Mal nach der beschissenen Butter und den Linsen, als gäbe es keine anderen Probleme auf der Welt!

Typisch Weiber, nur nicht über den Tellerrand hinausgucken, es könnte ja auch noch etwas anderes geben, als diesen kleinkarierten Haushaltskram.

Sein tolles Obst wurde nicht einmal ignoriert!

Und als er sich erlaubte dezent darauf hinzuweisen, sagte Gerlinde nur spitz, dass sie gar nicht wüsste, wohin mit diesen Mengen? Ja sollte er denn um Herrgottswillen jetzt auf der Stelle auch noch einen größeren Kühlschrank anschaffen? Unfassbar was diese Frauen sich vorstellten…

Wenn das der Dank dafür war, dass er freiwillig Gerlindes Haushaltskram erledigt hatte, konnte er wirklich gerne darauf verzichten!

Und auf Klugscheißereien, wie „der Amarone stand aber nicht auf dem Einkaufzettel!“ auch. Folglich durfte Gerlinde nie etwas von diesen acht schönen Fläschchen Amarone in seinem Auto erfahren: es sei denn  sie war bereit alle acht Fläschchen – mit ihm auszuschlürfen…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 10. Januar 2013

Pauline weint…

Nein, es war kein richtiges Weinen, eher ein dünnes stimmloses Wimmern. Aus ihren verquollenen Augen sickerten auch nur deshalb noch Tränen, weil ihr kleiner, dicklicher Körper in dem blutrot verschmierten, weißen Küchenkittel permanent von einer unsichtbaren Kraft durchgeschüttelt wurde, die ihr jede noch so kleine Träne sofort aus den Augen trieb.

Und obwohl Pauline die ganze Zeit über vor ihrem grauen Metallspind in der fensterlosen Umkleidekammer des Küchenpersonals kauerte, war sie nicht in der Lage diesen ekelhaft verdreckten Küchenkittel abzulegen oder ihr mit Tomatenmark verklebtes Gesicht zu waschen.

Dabei war die Großküche der Niederösterreichischen Landesregierung schon lange aufgeräumt und für morgen vorbereitet, alle Kolleginnen seit Stunden weg und außer den Wachleuten bestimmt niemand mehr im Gebäude.

Aber sie – saß nur da, wimmerte, wischte sich über die Augen und starrte vor sich hin…

Ihr graute vor dem Heimweg! Andererseits lehnte sie jede Hilfe ab: sie schaffe das, hatte sie gestöhnt, obwohl sie genau wusste, dass sie zu Fuß heim zockeln musste. Selbst in diesem fürchterlichen Zustand, in dem sie sich heute befand. Etwas Anderes war gar nicht möglich.

In den letzten Monaten dieses elenden Jahres 1945 gab es ja in der russisch besetzten Zone Wiens kaum Strom. Mit Straßenbahn war da nichts. Und wenn, dann ging es in dem Trümmerhaufen des 4. Bezirks, den sie durchqueren musste, auch nur im Schritttempo voran. Vom 1. Bezirk, wo sie arbeitete, war selbst sie mit ihrem kleinschrittigen Dackelgang schneller daheim im 5. Bezirk, der britisch war, als mit der Trambahn.

Und trotz Fußmarsch schleppte sie immer noch übrig gebliebenes Essen mit heim – das schon – und verteilte es an die ganz armen Schlucker im Haus. Aber heute reichten ihre Kräfte mit Sicherheit nicht mehr, um noch irgendetwas mitzunehmen, ja sie musste froh sein, wenn sie sich selbst nach Hause schaffen konnte.

Und wenn nicht gerade Oktoberbeginn gewesen wäre, an dem die Russen turnusgemäß die monatliche Verwaltung des 1. Bezirks übernommen hatten, hätte sich bestimmt auch nicht dieser betrunkene russische Soldat, nach der Arbeit in die völlig verwaiste Küche schleichen können.

Wie aus dem Nichts stand er plötzlich vor ihr: riesengroß, in schlampiger verschmierter Uniform, die Kappe nach hinten geschoben, darunter zwei schiefe, böse  Augen und ein breites, Angst einflößendes Grinsen mit hässlich abgebrochenen Vorderzähnen.

Pauline erschrak – und schrie! Da war er schon bei ihr, packte sie wie einen Hasen am Genick, drückte sie auf den einzigen Stuhl in der Küche und hielt ihr mit seiner anderen stinkenden Pranke den Mund zu.

„Nix schreien – Mamuschka“ zischte er und stieß ihr einen ekelhaft nach Schnaps stinkenden Schwall ins Gesicht, der sie kaum atmen ließ. Verängstigt, zitternd und stöhnend wand sich Pauline wie eine Schlange im Todeskampf und versuchte krampfhaft ihren Mund freizubekommen. Aber ihr hilfloses Gezerre an seiner tierischen Pranke schien diesen schrecklichen Russen nur zu belustigen: amüsiert drückte er abwechselnd ihren Nacken zusammen und dann den Mund und die Nase, und je mehr ihr Gesicht blau anlief, umso vergnügter wurde er.

Plötzlich schien er abgelenkt und ließ los! Pauline schnappte nach Luft. Sie wagte kaum, den schmerzenden Nacken und wehen Mund mit ihren krampfstarren Fingern abzutasten.

Irgendwie schien sich der Russe anders besonnen zu haben!

Er schaute Pauline auf einmal ohne Arg an, nuschelte etwas von Hunger und ‚nix essen’ und torkelte suchend durch die aufgeräumte Küche.

Aber da war nichts – alles Essen war in der Kühlkammer.

Da er weder sie, noch sie ihn verstand, schüttelte Pauline nur heftig ihren Kopf, während er in den Geschirrschränken herumwühlte und deutete auf die verriegelte Tür der Kühlkammer. Pauline war nicht in der Lage etwas zu sagen oder einen Ton von sich zu geben.

Leider stolperte der Russe dann über den unsäglichen Fünflitereimer Tomatenmark, den die schusselige  Maria nicht weggeräumt hatte. Der Eimer fiel um, und der Russe stutzte. Lässig stellte er ihn auf die Spüle, öffnete ihn, griff mit seinen Fingern hinein, kostete und schaute  grinsend zu Pauline, die kreidebleich auf ihrem Stuhl hin und her pendelte.

Als ob sie es geahnt hätte, trat er plötzlich mit dem Eimer an sie heran, brummte „Tomaten –  Wangen rot – Mamuschka“ und setzte Pauline den ganzen Eimer Tomatenmark einfach an den Mund.

„Du trinken – Mamuschka- viel trinken…“

Pauline wehrte sich. Sie wich mit ihrem Kopf so gut es ging aus und biss die Zähne zusammen; aber dieses Monster presste ihr den Eimer so grob an die Lippen, dass diese aufsprangen und höllisch zu brennen anfingen. Ihr blieb nichts anderes übrig als wenigstens ein bisschen zu schlucken. Und dann noch ein bisschen, und noch ein bisschen, und noch ein bisschen …

Immer wieder versuchte sie verzweifelt den Eimer wegzudrücken, um Luft zu holen, wobei ihr jedes Mal die rote Tomatenbrühe über Kinn und Hals in die  Bluse und den Küchenkittel lief. Grölend riss ihr das Monster die Bluse auf und setze den Eimer ab. Aber kaum hatte Pauline sich erholt, war der Russe wieder zur Stelle und drückte ihr noch rücksichtsloser den Eimer zwischen die Zähne, und Pauline schluckte und keuchte und schluckte und spürte wie sie immer tiefer in der saueren Tomatenbrühe versank…

Plötzlich hielt der Russe inne!

Blitzschnell presste er Pauline den Eimer zwischen die Füße, flitzte quietschend zu einer der Spülen, warf sich auf den Boden und kam teuflisch grinsend auf Pauline zu, mit einer ängstlich zappelnden Maus, die er stolz an ihrem langen Schwanz hin und her schwenkte.

Schreckensstarr bekam Pauline noch mit, dass er die piepsende Maus lachend über sein offenes Maul hielt und so tat als würde er sie schlucken, dann aber in das Tomatenmark vor ihren Füßen tunkte bis sie zu zappeln aufhörte. Er holte die Maus sichtlich zufrieden hoch, torkelte neben Pauline, zog ihr langsam und genüsslich mit der anderen Hand an den Haaren den Kopf zurück, und führte die tropfende und zuckende Maus immer näher an ihren Mund…

Dann – ein donnernder russischer Befehl und eine Kanonade von Flüchen! Vier Hände packten das Monster und schleppten es samt der zuckenden Maus weg. Pauline stöhnte auf und rang mit weit aufgerissenen Augen nach Luft. Der zurückbleibende russische Soldat, in tadelloser Uniform, salutierte und fragte, ob er helfen könne…

Pauline, die über und über mit Tomatenmark bekleckert war, schüttelte mechanisch den Kopf.

Der Russe, entschuldigte sich in gebrochenem Deutsch und sagte Schweine gebe es überall – leider auch in der Roten Armee – aber er habe selbst eine Mamuschka in Moskau und wisse wie es ihr gehe, er werde Hilfe holen.

Er salutierte wieder und eilte zu den anderen, die bereits im Flur verschwunden waren, während Pauline spuckte und spuckte und keuchte und in immer schnellerer Folge sich übergab.

Und dann konnte sie endlich weinen…

KH

Zum Bild: Martina Roth, Mystisch, Acryl auf Leinwand, 64 x 45 cm

 

Roland Dürre
Dienstag, der 8. Januar 2013

Drei Paar Handschuhe …

Letzte Woche fahren wir nach dem Besuch der letzten Vorführung vom „Unendlichen Spaß“ im Volkstheater am Stiglmaier-Platz nach Hause. Wir waren beeindruckt und ergriffen, irgendwie blieb uns die Sprache weg.

Am Hauptbahnhof steigen wir von der U-Bahn um in die S-Bahn. Auf den beiden Sitzbänken auf der anderen Seite des Ganges sitzt eine Familie. Offensichtlich mit Migrationshintergrund und augenscheinlich auch nicht so sehr wohlhabend. Es ist ein Paar mittleren Alter mit einem Sohn, der so mitten im Erwachsen werden ist.

Auf der Bank mir schräg gegenüber sitzt die Mutter am Fenster, der Sohn neben mir auf dem Gang. Der Vater sitzt dem Sohn gegenüber, auch auf dem Gangplatz. Auf dem freien Fensterplatz gegenüber der Mutter haben sie ihre Handschuhe abgelegt. Alle strahlen ein besonderes Maß von Glück und Harmonie aus.

Die drei müssen einen schönen Abend gehabt haben, denke ich mir. Die gute Stimmung  steckt an, ein in der S-Bahn eher seltenes Erlebnis. Es ist einfach wunderschön.

Die Barbara  sitzt neben mir. Sie liest. Durch Zufall habe ich meinen Kindle dabei. Eigentlich lese ich nie in der S-Bahn. Weil es da soviel zu Sehen und zu Erleben gibt. Aber dann mache ich halt doch meinen Kindle auf. Und lese auch. Einen zwar dämlichen aber doch irgendwie spannenden Kriminalroman. Aurora heißt er und handelt von Morden als Ausläufer des kalten Krieges.

Ab und zu wandert mein Blick auf die andere Seite zu unseren Nachbarn. Nasche ein wenig von deren Glück. Tut gut nach dem aufwühlenden Theaterstück. Und lese dann wieder weiter.

In Neubiberg steigen die drei aus. Wie sie aussteigen, will ich nochmal rüberschauen. Aber zu spät, sie sind schon draußen.

Und da sehe ich ihre Handschuhe liegen. In diesem Moment fährt die S-Bahn schon wieder los – zur nächsten Station und unserem Ziel, Ottobrunn. Da werden wir aussteigen. Und plötzlich bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Weil ich gelesen habe. Denn sonst wäre es mir garantiert aufgefallen, dass die drei ihre Handschuhe liegen gelassen haben. Und hätte sie garantiert vor dem Verlust bewahrt.

Und es tut mir richtig richtig leid. Weil ich davon ausgehen muss, dass das große Glück der kleinen Familie sicher schon kurz später durch den Verlust von drei Paar Handschuhen schwer gedämpft wurde. Das ist dann wieder ein trauriges Ende eines schönen Abends. Und ich hätte dies so leicht vermeiden können – hätte ich nur nicht den blödsinnigen Krimi lesen müssen.

Die Geschichte ging mir dann noch ein paar Mal durch den Kopf. Deshalb schreibe ich sie auch auf. Das Leben ist schon komisch.

RMD

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 25. Oktober 2012

Pilzgerichte

Carl und Gerlinde (XXVIII)

Es war wie der Einschlag eines Meteoriten!

Zumindest was die Häufigkeit betraf. Nicht hinsichtlich des angerichteten Schadens. Der war zunächst gering!

Doch die Häufigkeit war echt meteoritenartig selten, was bei einem Pilzgericht an sich nicht weiter verwunderlich war, da Pilze ohnehin eher selten sind – und Steinpilze natürlich noch seltener!

Wenn man allerdings den Schleimpilz ‚Physarum polycevalum’ mit einbezog, dann waren Pilze plötzlich gar nicht mehr so selten; ganz abgesehen von den vielen Ekelpilzen, die sich bei den Menschen mit ihren Mycelien an den peinlichsten Stellen festhakten, und von denen wirklich niemand sagen konnte, dass sie nicht jucken würden!

Trotzdem ist und bleibt der schleimige Einzeller ‚Physarum polycevalum’ um Vieles unangenehmer als jeder andere Pilz, denn der kann, und das ohne jegliche Hirnaktivität, sich praktisch überall auf kürzestem Weg durch die Welt schleimen, insbesondere da wo Haferflocken herumliegen. Und die liegen ja wirklich überall und nicht nur in Speisekammern, Küchen, Schubladen und auf Fliesenböden.

Aber natürlich niemals auf Gerlindes Küchenboden!

Und schon gar nicht in ihren Schubladen, denn gegenüber Gerlindes Sauberkeit und Ordnung hatte dieser hirnlose  ‚Schleimer’ natürlich‚ ‚nicht die Haferflocke einer Chance’, was ja nicht nur ihr, sondern auch Carl vollkommen klar war.

Aber – das hieß noch lange nicht, wenigstens aus der Sicht von Carl, dass es gerechtfertigt war, dass auch andere Pilze, wie etwa der von ihm heiß geliebte Steinpilz  Boletus edulis aus der Gruppe der Ständerpilze, auch nur mit dieser meteoriteneinschlagartigen Seltenheit in der gemeinsamen Küche auftauchen musste. Der hätte sich da schon ein paar Mal mehr im Jahr in dieser blitzsauberen Küche einnisten und brutzelnd und schmurgelnd  breit machen können. Da hätte Carl wirklich nichts dagegen gehabt!

Im Gegenteil!

Was ja dann letztlich, als logische Konsequenz der Wahrscheinlichkeitsrechnung, eines Mittwochs auch geschah, da Gerlinde, wie sie sagte, an den sich fast obszön anbietenden Steinpilzen bei Emmis Obst – und Gemüsestand auf dem Markt in H. einfach nicht mehr vorbeigehen konnte.

Dies umso mehr, als Emmi bereits Gerlindes begehrlichen Steinpilzblick registriert hatte, während sie mit der üblichen Sorgfalt das gewünschte Obstsortiment aus Mango, Melone, Papaya und Kiwis für sie zusammenstellte und fast beiläufig darauf hinwies, dass doch Carl so schrecklich gerne Steinpilze esse, wie er ihr unlängst gebeichtet hätte, so dass Gerlinde gar keine andere Wahl mehr hatte, als sich von der fürsorglichen Emmi für den offensichtlich von allen Frauen geliebten Carl auch noch eine tüchtige Portion dieser obszönen Steinpilze einwiegen zu lassen. Sechshundert Gramm sollten es schon sein, meinte Emmi spitzbübisch lachend!

Die breiten Bandnudeln konnte Gerlinde dann auch gleich vom Nachbarstand mitnehmen und trotzdem noch mit Hannelore und Kurt genüsslich den vereinbarten Cappuccino bei ihrem Lieblingsitaliener trinken, bevor sie sich daheim auf Carls Pilzfestival vorbereitete…

Carl bemerkte am späten Nachmittag, als er überraschend früh heim kam und die Haustür aufschloss, bereits an seiner Nase –  die sich komischer Weise wie eine Magnetnadel zum Nordpol ganz von selbst in Richtung Küche stellte – dass heute tatsächlich so etwas Fundamentales wie ein Meteoriteneinschlag stattgefunden haben musste: seine nicht gerade kochwütige Gerlinde bereitete ihm sein Lieblingsgericht zu!

Es gab tatsächlich – und das war keine Fata Morgana – ‚Gebratene Steinpilze in Sahne und Wein’!

Grad so als hätte Gerlinde geahnt, dass er heute besonders dringend einer aufbauenden Labung bedurfte, da dieser Tag wieder einmal zu jenen gehörte, die er blitzschnell verdrängen musste, da er sonst morgen in der Firma nicht nur diesen neuen Unmögling Fritz Kogler kaltblütig ermordet hätte, sondern gleich auch noch das ‚goldige Bernielein’, das diesen ‚Schleimpilz Kogler’ in die Sparte ‚Oberbekleidung’ für den Vertrieb geschleust hatte.

Dabei wär’ gegen diesen Fritz Kogler prinzipiell nichts einzuwenden gewesen, außer dass er für einen Mann viel zu schön war, das auch wusste, und seinem schleimigem Charme die jungen Arbeiterinnen genau so hilflos ausgeliefert waren, wie verstreute Haferflocken dem ‚Physarum polycevalum’!

Und das schon seit drei Wochen, da dieser schleimige Fritz auf Wunsch von Dr. Bernhard Osterkorn unbedingt die gesamte Firma TRIGA kennen lernend durchdringen sollte; natürlich auch die Sparte ‚Wirk– und Strickwaren’ für die er, Carl, den Gesamtvertrieb zu verantworten hatte.

Und dass nun ausgerechnet diese dumme, hoch schwangere Kuh, Miriam Braun, die eh schon einmal vom ‚lieben Bernie’ abgebürstet worden war, nicht bemerkte, wie dieser Fritz Kogler sie pausenlos aushorchte und in ihrem Umfeld gegen sie intrigierte, war wirklich zum Heulen!

Für Carl jedenfalls war schon nach zwei Tagen klar gewesen, dass dieser schleimige Fritz, abteilungsmäßig massiv in die ‚Unterwäsche’ der Miriam Braun drängte und sich förmlich verzehrte nach ihrer Stelle, sobald sie in Karenz war. Aber die angeblich so kluge und weltgewandte Miriam Braun, merkte das alles nicht, sondern war trotz, oder vielleicht gerade wegen ihrer Schwangerschaft total hingerissen von diesem Ekel–Fritz.

Und genau das spielte dem immer wieder genial schäbig agierenden ‚Bernie’ in die Karten: denn da Miriam Braun ihn enttäuscht hatte, war für ihn klar, dass dieses Biest Stück für Stück so klein gemacht werden musste, bis sie selbst merkte, dass sie bei TRIGA ein riesiger Irrtum gewesen war und nicht mehr benötigt wurde – der Strahlemann Kogler kam Dr. Osterkorn da gerade recht.

Aber jetzt – daheim – war wenigstens für einen winzigen Moment für Carl die Welt in Ordnung, da seine geliebte Gerlinde sein Lieblingsgericht zubereitet hatte!

Gott wie das alles duftete…

Auch Gerlinde duftete, als sie ihm mit fröhlich gerötetem Gesicht plappernd entgegenkam; der süffige Riesling für die Soße hatte wohl schon seine Wirkung getan…

Richtig überdreht erzählte sie Carl nach einem köstlich feuchten Begrüßungsküsschen in launigem Durcheinander, wie das heute mit den komischen Pilzen zugegangen war, und wie sie nach deren obszöner Anbiederung einfach zugreifen hatte müssen und sich jetzt  richtig auf diese Pilzherrlichkeit freute, an die sie sich schon ewig nicht mehr herangetraut hatte, während Carl sich immer zwanghafter der ihn umgebenden geruchlichen Vielfalt ausgeliefert sah, lustvoll schnuppernd Gerlinde mehr und mehr in ihren eigenen heiligen Küchenbereich abdrängte, und sein unersättliches Näschen nicht nur ausschließlich in Richtung Bratpfanne streckte, in der die erste Charge der goldbraunen Köstlichkeit bereits gemächlich vor sich hinbrutzelte, sondern auch ihre fleischigen, nackten Arme und ihren Hals bis zu dem leicht aufgehellten, flaumig zarten Haaransatz in seine Schnüffelakrobatik einbezog und eine zapplige Gerlinde mit ihrer Küchengerätschaft, von Mal zu Mal unkonzentrierter, die angebräunten Pilzscheiben zu wenden versuchte…

Mit einem letzten Rest an verbliebenem hausfraulichen Instinkt, versuchte Gerlinde auch noch, den wie eine Python um sie geschlungenen Carl zu dem bereits vorbereiteten Mörser mit frischem Kümmel zu dirigieren, bevor unter spitzen Schreien und einigem anderen Getöse, auch diese notdürftig aufrecht erhaltene Verteidigungsfassade einstürzte und die zunehmend steinerne Pilzpracht – gnadenlos in der Pfanne verkohlte…

Die begleitenden Rauchschwaden ließen kurz darauf nicht nur den Rauchmelder aufheulen, sondern geisterten auch noch tagelang mahnend durchs gesamte Haus.

KH