Roland Dürre
Dienstag, der 24. März 2020

Wie der heilige Zorn über mich kam.

 

NUR EIN GEDICHT.

Dieses Bild wurde mir gestern Abend zugeschickt, mit dem kurzen Vermerk:
Des müsste dir doch gefallen!

Der Inhalt des Gedichts von Thomas Gsella (ehemals Redakteur und Chefredakteur der Titanic) gefällt mir aber ganz und gar nicht.

Das Gedicht an sich finde ich großartig. Es trifft den Nagel auf den Kopf. Nur – mich hat es entsetzt und zornig gemacht! Nach dem Lesen dieser Zeilen bin ich endgültig von den aktuellen Ereignissen angefressen, tief entsetzt und total frustriert.

Ich tippe den Text nochmal ab, damit Ihr das Gedicht besser lesen oder von Eurem Bot vorlesen lassen könnt. Und ich bitte Euch, lest es bitte mehrmals, ganz langsam und bewußt, Wort für Wort!


 

DIE CORONA-LEHRE

Quarantänehauser spriessen,
Arzte, Betten überall,
Forscher forschen, Gelder fließen –
Politik mit Überschall.
Also hat sie klar gestellt:
Wenn sie will, dann kann die Welt.

Also will sie nicht benden
Das Krepieren in den Kriegen,
Das Verrecken vor den Stränden
Und dass Kinder schreiend liegen
In den Zelten, zitternd, nass
Also will sie. Alles das.

Thomas Gsella


Woher kommt mein Zorn?

Wir scheren uns um nichts. Die schlimmsten Greuel auf der Welt sind uns scheißegal. Die Zerstörung des Planeten geht uns am Arsch vorbei.

Wenn wir darum bitten, ein Kohlekraftwerk nicht ans Netz zu nehmen, wird uns erklärt wie das nach einer vernünftigen Güterabwägung völlig unmöglich wäre.

Wenn aber unser Leben durch einen kleinen Virus nur ein wenig in Gefahr geraten können, dann ist alles möglich. Es gibt keine Tabus mehr.

Wir werden mit Slogans nieder gemacht, wie:
„Die Gesundheit geht vor?“ (welche Gesundheit?) und „Mitleid mit den Armen und Schwachen“ (das gilt doch sonst auch nicht!)

„Wir befinden uns im Krieg“ und „erleben die schlimmste Herausforderung seit 1945?“. „Es geht um Solidarität und Gesundheit“ und das ist eine „harte Charakterprüfung für unser Volk“. Oder: Wir legen die „Bazooka“ auf den Tisch“ (weiß der Herr Scholz überhaupt was eine Bazooka ist?)

Das alles können wir uns leisten, weil wir so reich sind! Und weil wir so tapfer gespart haben. Wir tapferen, genügsamen und bescheidenen Deutschen.

Wenn ich dies alles höre, würde ich am liebsten zum Kotzen gehen.

Kleine Hosenscheisser wie wir sind, greifen wir zu Maßnahmen, die unsere bürgerliche Welt zerstören können. Wir, die wir nie handeln, sind jetzt bereit notfalls alles kaputt zu machen.

Mein unheiliger Zorn versiegt, nach dem ich dies raus schreiben durfte. Der/das Virus hat ja auch seine guten Seiten. Er/es hat Einiges bewirkt, das mir gefällt. Manches davon werde ich wahrscheinlich schon in wenigen Wochen vermissen.

RMD

Diesen Artikel widme ich meiner Tochter Anna Barbara zum heutigen Geburtstag. Zum Dank, weil sie mir das Gedicht gesendet hat und weil Sie ein gutes Herz hat.

Ich habe jetzt 2.676 Artikel in IF-Blog geschrieben. Ich glaube, dass es erst dass zweite Mal ist, dass ich einen Artikel einem Menschen widme, das erste Mal war es der Barbara (Mutter von Anna).

Roland Dürre
Montag, der 23. März 2020

Fragen zu Korona

Ich denke mal!

Wenn ich nach Fakten zu Corona suche, gehe ich auf die Website des RKI (Robert-Koch-Instituts). Die Zahlen dort sind zwar nicht sehr aussagekräftig, weder inhaltlich, strukturell noch semantisch. Aus Sicht eines Unternehmers eher recht schwach.

Immerhin lese ich gestern dort, dass heute in Deutschland 18.610 Menschen mit dem Coronavirus infiziert sind, der Zuwachs von gestern auf heute waren dabei 1.948 Infizierte. Die Zahl ist wohl ein wenig zu niedrig, wir hatten auch am Sonntag eine ärgerliche Kommunikationspanne beim RKI.

Ich nehme die Dunkelziffer mit 4 mal so groß an, also komme ich auf 100.000 Infizierte. Die Bevölkerung in Deutschland betrug in 2018 an Menschen 82,79 Millionen. Auch hier dürfte es eine Dunkelziffer geben.

Ich habe gehört, dass wir eine Durchseuchung mit dem Coronavirus von 60 % in der Bevölkerung brauchen, damit wir mit ihm genauso gelassen umgehen können wie wir es in den letzten Jahren mit dem Grippevirus gemacht haben. Das wären dann gut 50 Millionen Infizierte in Deutschland.

Jetzt rechne ich mal:
In drei Wochen haben wir es geschafft, 100.000 zu infizieren. Klar sind beide Parameter fragwürdig. Sie sollen aber nur einem Gedankenexperiment dienen. Und dafür taugen sie schon.

Jetzt gehen wir mal davon aus, die Maßnahmen nützen etwas. Vielleicht haben sie schon genützt! Ich muss die Ergebnisse ja immer zeitversetzt betrachen. Die heute gemessenen Neuinfektionen sind ja schon vor Tagen passiert. So betrachtet zeigen die letzten Zahlen zumindest eine Stabilisierung der Fälle.

Dann hätten wir das Ziel einer Verlangsamung erreicht und kriegen in einem Zeitraum von 3 Wochen nur noch 100.000 Neu-Infizierte hin. Oder weniger.

Wie lange brauchen wir dann, bis wir die 50.000.000 geschafft haben? Die Antwort kriege ich einfach durch Division von 50.000.000 durch 100.000. Da kommt raus 500 raus. Das nehem ich mal 3 (der Zeitraum war 3 Wochen), also 1500 Wochen. Das entspricht 30 Jahren!

Das hieße 30 Jahre „Krieg gegen Corona“.

Das geht aber nicht. Wir haben Deutschland schon mal mit einem dreißigjährigen Krieg ziemlich kaputt gemacht. Und machen das jetzt innerhalb weniger Wochen.

Aber keine Sorge, es wird ja eh anders kommen. Meine Prognose ist: Die Neuinfektionen werden bald drastisch zurück gehen. Vielleicht Dank der Maßnahmen, vielleicht weil die Grippe-Saison zu Ende geht., vielleicht wegen beidem. Den Rückgang dürfen wir feiern. Die Ursache kann uns dann gleich sein. Im Sommer ist die Corona-Manie dann vergessen und die Medien treiben neue Säue durchs Dorf treiben.

Aber Vorsicht:
Im Dezember kommt dann die nächste Grippe-Saison. Was machen wir dann? Oder besser: Was plant Ihr Politiker dann? Wieder die selbe Aktion! Kann ich mir nicht vorstellen.

Andererseits – Warum nicht:
Vielleicht sollten wir einfach nur noch im Sommer leben und im Winter das öffentliche Leben still legen und kollektiv in soziale Isolation gehen. Privat will ich 2020/21 versuchen das Winterhalbjahr in La Réunion zu bleiben (gegen den Protest meiner Frau). Wenn ich das nicht schaffe, dann begebe mich ab Dezember 2020 auf jeden Fall in die totale soziale Isolation, so wie ich es gerade lerne. Denn ich will in 2021 auf keinen Fall wieder so eine Scheiß-Erkältung kriegen, wie ich sie mir im Februar 2020 eingefangen habe.

Zurzeit genieße ich die Ruhe. Die Straßen sind deutlich leerer, die Luft deutlich besser. Kaum mehr Kondensstreifen am Himmel. No shopping! So wäre es doch ein innovativer Vorschlag, der auch bei der Rettung des Planeten helfen würde:

Wir schaffen nicht die Sommerzeit ab, sondern versetzen das Land jedes Jahr von Januar bis März in einen Winterschlaf. Mal auf Probe für 10 Jahre. Dann halten wir es auch 30 Jahre mit Corona aus.

Was für eine geniale Idee. Dafür würde ich sogar die CSU und Herrn Söder wählen. Und den Austritt von Bayern aus der BRD akzeptieren. Denn wir haben wirklich andere Probelem als ein neues Seuchengesetz.

Immerhin ist Bayern nie der BRD beigetreten!

Also, was spricht dagegen?

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 22. März 2020

Freiheit in der Korona-Krise.

Großer Empfang – mit Baby-Fläschchen.

Heute morgen in Bayern 2 höre ich um 8:30 die „Evangelischen Perspektiven“.

Es gibt einen Beitrag von
Friederike Weede:

Freiheit – wirklich das einzige, was zählt?
Der Zwang zur Normalität und wie man ihn los wird.

Man findet den Beitrag als Podcast im Bayerischen Rundfunk. Ich kann empfehlen, ihn anzuhören.


Der Titel der Sendung ist schon verdächtig:

Freiheit – wirklich das einzige, was zählt?

Das klingt wie eine rhetorische Manipulation, die schon dialektisch impliziert, dass Freiheit eben nicht alles ist. Was eh klar ist, denn Singularitäten sind immer einfältig.

Dazu passt der erste Satz:
„Wir erleben zurzeit, wie unsere Freiheit massiv eingeschränkt wird. Aus Solidaridät und für die Gesundheit“.

Wenn ich das höre, bin ich in Sorge, dass die Autorin / Urheberin dieses Satzes den Begriff Freiheit nicht verstanden hat.

Ich kannte mal Männer, die den Begriff der Freiheit auch nicht verstanden hatten. Aber die gleichwohl bereit waren, für die Freiheit  zu sterben. Also für etwas, das sie nicht verstanden haben.

Für mich bedeutet Freiheit,
„willens und fähig sein, mein Leben eigenverantwortlich zu führen“.
Ich meine, dass dieser Definition folgend die Corona-Krise meine Freiheit eigentlich gar nicht einschränkt. Im Gegenteil, fast fühle ich mich „freier“, als zu „normalen“ Zeiten.

Betrachten wir den zweiten Satz der oberen Aussage:
„Aus Solidaridät und für die Gesundheit“.

Was ist Solidaridät?
Mit wem sind wir solidarischMit den alten und dementen Menschen? Nein, das sind wir nicht. Denn wenn die Gesellschaft mit diesen solidarisch wäre, dann würden sie nicht abgeschoben in Heimen dahin vegetieren. Und in Wirklichkeit sind wir froh, das wir sie jetzt aus lauter Solidarität nicht mehr besuchen müssen bzw. dürfen.

Und was ist Gesundheit?
Ich halte mich doch nicht an die Regeln, weil ich Angst habe am Virus zu erkranken! Wir befolgen die Regeln doch überwiegend aus Angst vor der Strafe. Vielleicht auch noch weil wir Angst haben, sonst von einer „moralischen Gesellschaft“ als „soziale Schädlinge“ ausgegrenzt zu werden.

In der evangelischen Sonntagssendung haben sie dann auch das Lied Me and Bobby McGee von Janis Joplin gespielt. Sie singt da:
Freedom is just another word for nothing left to lose!

Akzeptiere ich diese Definition als gültig, dann muss ich sagen, dass wir auch in unserer Krise noch beliebig viel zu verlieren haben, bis wir frei sind.

Ich hatte heute Nacht eine wunderbaren Schlaf in einer leiseren Welt. Das Frühstück war fantastisch. Ich durfte Radio hören und diesen Artikel schreiben. Und jetzt gehe ich dann an die Sonne zu einem einsamen Spaziergang. Den werde ich nutzen, um mit ein paar mir wichtigen Menschen in aller Welt zu telefonieren.

Wenn das, was hier zurzeit haben, Krise ist, dann ist Krise gar nicht so schlecht. Und ich bin mir gar nicht sicher, ob ich diese Art von Krise nicht ganz gut leiden kann.

In IF-Blog habe ich schon oft zur Freiheit geschrieben. Das sind alles Artikel, die ich anlässlich der evangelischen Sendung zur Freiheit wieder gelesen habe. Und auf die ich ein wenig stolz bin.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 21. März 2020

Korona: Was wir alles falsch machen.

Ich hatte 70 Jahre lang ein schönes Leben.

Man soll nie „NIE“ sagen. Im letzten C-Artikel habe ich geschrieben, dass ich nicht mehr zu Corona schreiben werde. Und jetzt schreibe ich doch. Denn ich muss meine kritischen Gedanken einfach „rausschreiben“.

Ich werde aber versuchen, in den folgenden Zeilen äußerst sachlich und keinesfalls polemisch auf die katastrophale Entwicklung und nach meiner Meinung weltweit absolut unteroptimale Umgehen mit dem Virus einzugehen. Denn die Schäden, die wir anrichten, sind zu schlimm um sie polemisch oder zynisch abzutun. Morbide Schadenfreude über das Versagen von Politik und des Kapitalismus ist nach meiner Meinung auch nicht mehr angebracht.

Vor der Kritik eine Analyse.

Weltweit beruht die große Angst, man muss ja von Panik sprechen, auf Prognosen, die auf Modellrechnungen basieren. Diese Modellrechnungen zeigen schreckliche Szenarien an, die offensichtlich durch Entwicklungen in Ländern wie Italien bestätigt werden. Die Entwicklungen in anderen Ländern wie China dagegen überraschen positiv, aber auch dort gibt es Modellrechnungen, die uns in massive Sorge vor einer neuen zweiten Welle.

Mit dem Modell wird versucht, die kausalen Strukturen zu schreiben. Ein gefundenes Modell kann man in einen Algorithmus gießen und diesen in einem Programm(-System) implementieren. So ein Programm-System baut auf Parametern, auf deren Basis es dann die Prognose berechnen kann. Die Parameter sind die Eingabedaten des Algorithmus,  das  können ermittelte Annahmen oder gemessene Daten sein.

Wer sich für solche Algorithmen interessiert, dem empfehle ich die Beschäftigung mit der Mandelbrotmenge, im Volksmund auch Mandel- oder Apfelbäumchen genannt. Dann stellt man fest, dass bei Algorithmen, die sich mit Komplexität beschäftigen,  kleine Veränderungen bei den (Input-)Parametern sofort zu völlig anderen Ergebnissen bzw. Prognosen führen. Ähnlich ist es wohl auch bei den Algorithmen zur Prognose des Wetters.

Das heißt einfach aus gesagt, dass ich mit dem Modell zur Corona-Vorhersage trefflich herumspielen kann, bis ich ein Szenario bekomme, dass ich für glaubhaft halte. Und schon bei kleinen Veränderungen an Parametern komplett abweichende Ergebnisse erhalte.

Das erklärt aber auch, warum die Entwicklungen in verschiedenen Ländern völlig unterschiedlich verlaufen. Wenn die Modelle eine gewisse Richtigkeit haben, muss das in der Praxis so sein, weil diese Länder halt völlig verschiedene Eingangsparameter hatten.

Lothar Wieler, Chef des Robert Koch-Institus (RKI), hat in der Tagesschau gesagt:

„Wir sind alle in einer Krise, die ein Ausmaß hat, das ich mir selber habe nie vorstellen können
(Pressekonferenz zur Corona-Krise am 20. März 2020).

Wenn das das „Head of RKI“ so etwas sagt, dann demonstriert er damit die Inkompetenz seiner Person und wohl auch die Unfähigkeit seiner Institution. Wir sind voll im Anthropozän angekommen, befinden uns wahrscheinlich am Ende dieses relativen kurzen Erdzeitalters, das vielleicht dann nur ein halbes Jahrtausend gedauert haben wird. Die Menschheit lebt auf engem Raum zusammen und ist mobil wie nie zuvor. Die letzten Jahre habe ich mich immer gewundert, wie viele Menschen, Junge Menschen wie Greise, laufend in allen Erdteilen unterwegs waren. Ich selber war in den letzten zwei Jahren in Asien, in Südamerika, in der Antarktis. Ich habe Russland durchquert und war nebenbei in vielen Ländern Europas. In 2020 war ich quasi nebenbei schon in Hamburg und Berlin. Auch mein eigenes Verhalten ist doch nicht normal und wäre in meiner Kindheit unvorstellbar gewesen.

Wenn anlässlich solcher Tatsachen der Spezialist für Seuchen sagt, er hätte ein solches Szenario nicht für möglich gehalten, dann ist da der falsche Mann am falschen Platz. Die richtige Ansage wäre vielleicht gewesen:

„Eine solche Seuche war überfällig, wir (das RKI) haben immer davon gewarnt. Allerdings sieht es so aus, dass wir großes Glück gehabt haben, wiel Korona die Sterblichkeit betreffend kein wirklich schlimmes Virus und nicht die Nachhaltigkeit von Aids hat. Es hätte schlimmer kommen können!“

Mir macht die Inkompetenz Angst – und Hoffnung. Beides, weil die Aussagen und Modelle wahrscheinlich zum großen Teil falsch sind. D.h. es kann sehr gut deutlich besser kommen, als erwartet. Darauf hoffe ich immer noch. Aber es könnte auch schlechter kommen.

Aber das Hauptproblem ist derzeit wohl nicht die (zum jetzigen Zeit nicht bestimmbaren) Schäden durch „das Virus“ sondern die Schäden, die Bekämpfung des Virus verursacht.

Der erste große Fehler:

Es wurde eine Prognose für den Schaden erstellt, den der  Virus verursachen könnte. Aber keine, für den Schaden den die Maßnahmen verursachen.

Das ging ja auch gar nicht. Der Virus war ein Fakt. Mit vorgegebenen Eigenschaften.

Die Bekämpfung des Virus wurde aber laufend wesentlich geändert. Auch weil die Experten verschiedene Meinungen hatte, die auch noch alle drei Tage geändert wurden. Und ich kann schlecht die Folgen von Handlungen abschätzen, die ich noch weiß, dass ich sie machen werden.

Aber es darf nicht sein, dass ich bei einer so schweren Entscheidung eine sittlich verantwortete Güterabwägung unterlasse! Und dadurch mir selber die Chance wegnehme, eine bessere Lösung zu finden.

Der zweite große Fehler:

Komplexe Krisen werden nicht mit Projekt-Techniken von gestern erfolgreich gemeistert.

Die Handelnden müssen akzeptieren, dass Corona ein komplexes Problem ist, dass ich nicht managen darf wie ein kompliziertes Projekt. Das klassische Projektmanagement für schwierige Projekte versagt nämlich bei komplexen Herausforderungen. Mit Komplexität muss man anders umgehen muss als mit einfachen, schwierigen oder komplizierten Herausforderungen.

Ich mag hier kein Handbuch für den Umgang mit komplexen Situationen schreiben. Das würde ich mir partiell  zu trauen, weil ich seit 50 Jahren mit komplexen Situationen sowohl in der fachlichen Arbeit wie als Unternehmer umgehen musste. Das würde dann zu lang wären. Aber ich nenne gerne ein paar Grundprinzipien und Kardinalfehler, die immer wieder und üblicherweise gemacht werden:

  • Wenn es komplex wird, brauche ich Lösungs-Teams, die auf Augenhöhe arbeiten und keine hierarchischen Gruppen. Ich brauche Vielfalt und keine Experten- und Spezialisten-Blasen. Ich brauche die Weisheit der Vielen und nicht das Vordenken von wenigen. „Plan and control“ versagt in komplexen Herausforderungen – vielleicht wäre ein „sense and react“ besser. Klassischen militärischen Strukturen helfen da nicht, wir brauchen eine verantwortete Mitwirkung aus besserer Einsicht der Menschen (und Eliten). Kreativität und Vielfalt sind Trumpf, nicht platte Kommandos.
  • Im komplexen Herausforderungen muss ich achtsam „mehrere Zielfunktionen“ festlegen. Multi-Dimensionalität ist gefragt, eindimensionales Handeln ist schädlich. Taylorismus versagt, Interdisziplin bringt Erfolg.
  • Um komplexe Krisen verstehen zu können, brauche ich exzellente Daten. Da ist die Digitalisierung gefragt. Disziplinen wie „big data“, „data science“, künstliche Intelligenz kommen ins Spiel. Zugegeben, das klingt nach buzzwords. Aber dahinter stehen moderne Technologien, die das Teilen und Mehren und Vernetzen von Wissen auf einmalige Art und Weise ermöglichen. Das ganze nennt man Internet und Digitalisierung, und da sind wir in Deutschland ja nicht führend. Die Frage nach dem digitalen Status des RKI darf ich hier eigentlich nicht formulieren, weil sie als polemisch einzustufen ist.

Zusammenfassend bewerte ich die Situation im aktuellen Corona-Fall so.

Die Experten haben sich ausgetobt.

Mit katastrophalen Ergebnissen ihrer Hochrechnungen und unverantwortetem Geschwätz haben sie Angst erzeugt. Sie haben uns verwirrt, weil sie ihre Mahnung alle drei Tage änderten. Gegenseitig haben sie sich runter gemacht. So haben sie weltweit eine Manie ausgelöst und geschürt, die die Politiker eingeschüchtert hat.

Zum Haupt-Ziel wurde eindimensional die Vermeidung von Ansteckung erklärt, um die Ausbreitung zu verlangsamen. Als Zielfunktion wurde festgelegt, eine ausreichende Anzahl Krankenhausbetten zur Verfügung zu haben. Das mag ja an sich richtig sein, aber ist bei einer Epidemie als einzige Maßnahme zu wenig. Außerdem hatten sie gehofft, durch Verlangsamung Zeit zu gewinnen, bis ein Impfstoff da wäre. Der ist aber nicht in Sinn, weil Impfstoffe gegen virale Infekte nicht so einfach zu Entwickeln zu sein scheinen.

Die Lage wurde schnell so vereinfacht, dass man versäumt hat, kreativ nach weiteren Zielfunktionen wie z.B. die Erhöhung der Widerstandskraft in der Bevölkerung, Vermeiden und Erschweren von Ansteckung und Ähnliches nachzudenken.

Auch in den Details wurde nicht vorurteilsfrei und kreativ in Varianten gedacht. Zielführende Vorschläge, die nicht opportun schienen, wurden einfach weggewischt, bevor man sie untersucht hatte.

So wurde z.B. der Vorschlag von Medizinern, ein temporäres  und wesentliches Tempolimit (100/70/30 km/h auf  Autobahn/außerorts/innerorts) und ein temporäres Verbot für Motorradfahrten einzuführen, um den Druck auf die Intensiv-Stationen zu reduzieren weggewischt, kaum dass er vorgeschlagen wurde. Obwohl so ein Feldversuch auch allgemein eine wertvolle Klarheit gebracht hätte. Angesichts der heutigen Entwicklung wäre so ein Tempolimit auch heute noch leicht zu erlassen und sofort wirksam.

Die Vernunft wurde öfters unterdrückt und durch moralische Metaphern wie „Charaktertest“, „größte Herausforderung für das Volk seit 70 Jahren“ und Kriegs-Metaphern ersetzt. Die brauche ich nicht. Weil für mich eine Krise kein Krieg ist, auch kein Charaktertest fürs Volk und es ist mir völlig wurst ist wann die letzte Herausforderung vergleichbarer Größe war. Es geht darum, im jetzt und für die Zukunft die Schäden der Krise sinnvoll zu minimieren, inklusive der Kollateralschäden.

Der dritte große Fehler:

Kommunikation und Motivation. 

Manipulation durch einen moralischen Appel haben gesellschaftlich ihre Macht verloren. Mitleid muss begründet sein. Solidarität einzufordern für Dinge, die partout nicht verstanden werden können, geht auch nicht mehr. Moral ist aus der Mode, wie ich meine zurecht. Zu oft wurde die Moral als Mittel zum Zweck genutzt, um eigene Ängste zu beruhigen.

Kriegerische Metaphern haben nicht mehr die Kraft wie im letzten Jahrhundert. Da bin ich auch froh darum. Trotzdem scheinen sie heute beliebter als je zuvor.

Die Menschen mögen diese Art der Steuerung aufbauend auf Angst und Moral nicht mehr. So wird sie weniger erfolgreich. Ich finde das gut so.

Deshalb sind das Verordnen fragwürdiger Regeln, die mit Strafen belegt werden und die Durchführung strenger Kontrollen zur Einhaltung derselbigen uneffektiv. Damit erzeugt man nur Kollateralschäden und füllt schlimmstenfalls die Gefängnisse.

Motivation ist gefragt, die auf Transparenz basiert. Menschen wollen mitdenken und mitmachen. So muss man die Mehrheit der Menschen zum agilen Mitmachen bringen. Dies auf freiwilliger Basis. Das geht nur, wenn man auf einfache und klare Ziele fokussiert, die den gesunden Menschenverstand überzeugen. Und diese Ziele vorlebt.

Mag sein, dass man dazuein anderes Menschenbild von sich und seinen Mitmenschen haben muss, als es viele Politiker bei uns haben. Viele Menschen sind nicht mit Zucker und Peitsche, also durch materielle Entlohnung und Strafe steuerbar. Man muss sie in einen Flow bringen, damit sie motiviert mitmachen.

Das Handeln der Politik in  letzten Tagen scheint dem Motto  gefolgt zu sein:
„Wer nicht hören will, der muss fühlen“
und
„Wir müssen halt auch die Dummen schützen“.
Beides halte ich für nicht mehr zeitgemäß und auch absolut unteroptimal. Mich hat der Auftritt der Politik an den Vater erinnert, der seinem Sohn mit Schlägen bestraft und ihm dabei versichert, dass die Schläge ihm selber mehr tun würden als dem Sohn und für den Sohn nur gut wären. Aber dass die Strafe halt alternativlos wäre.

„Alternativlos“ belegt de facto nur die eigene Unfähigkeit. Auf dieser Basis wird der Erfolg nur eingeschränkt sein. Mit besserer Kommunikation kann man mehr Erreichen als mit Gesetzen und Strafen. Dass es ohne Opfer und Schäden nicht gehen wird, ist klar. Aber zumindest könnte man versuchen, Opfer und Schäden zu minimieren.

Das was wir derzeit treiben, nimmt nach meiner Wahrnehmung leichtfertig Schäden gigantischen Ausmaßes in Kauf. Dies bei sehr ungewissem Erfolg. Das hätte nicht sein müssen und dürfen.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 14. März 2020

Korona, die Letzte.

Das ist meine letzte Wortmeldung zu Corona. So plane ich das zumindest.

Meine Situation ist ganz einfach. Ich bin Teil einer Familie. Die besteht aus Barbara, sieben Kindern und zurzeit neun Enkeln.

  1. Nach heutigem Kenntnisstand bedroht Korona unsere Familie kaum. Eigentlich bedroht Korona nur mich, da ich der einzige bin, der bald in der Ü70-Risikogruppe ist.
    Damit kann ich leben.
  2. Die Summe der vom Mensch bewirkten Veränderungen des Antropozän bedrohen die ganze Menschheit. Und das massiv, bei nüchterner Betrachtung ist der Schaden schon jetzt irreversibel.
    Damit kann ich NICHT leben.

 

Barbara und ich mit unseren Kindern. Nur die Maresa fehlt noch. Dafür sind Serena, die damals als Au-pair bei uns war und Rasputin der Hund) auf dem Bild.

 

Es wäre schön, wenn unsere Kinder und deren Kindern und vielleicht auch deren Kindeskinder noch auf unserem wunderbaren Planeten Gaia leben können werden. Gaia kommt von Ge (altgriechisch Γαῖα Gaía oder Γῆ Gḗ, dorisch Γᾶ ), deutsch auch Gäa.

Bei Korona bin ich optimistisch und glaube, dass in ein paar Wochen die Ansteckungsfälle stark abnehmen, und keiner mehr von der großen Bedrohung durch eine Pandemie mehr sprechen wird. Und spätestens im Mai wird der Korona-Mythos schon wieder kollektiv vergessen sein. Der DAX wird dann ganz schnell auf 15.000 hochgehen und am Markt werden die Korona-Gewinnler mir Champus öffnen.

Bei Gaia möchte ich auch optimistisch sein, schaffe es aber nicht. Denn ich habe zuviel gelernt und erfahren. Das Antropozän habe ich mir weltweit angeschaut. Und weiß, dass wir handeln müssen. Aber wir tun nichts. Eine physikalische Zerstörung von Lebensgrundlagen ist eine ganz andere Dimension als wenn die Biologie mal über die Stränge schlägt.

So ich wundere ich mich, wie tatkräftig unsere Politiker bei Korona sind. Und wie sie für Gaia total versagen.

Gestern im Fernsehen habe ich Politiker gesehen, die ihre eigene Handlungsstärke gerühmt haben. Besonders aufgefallen ist mir das Duo Finanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier bei einer gemeinsamen Pressekonferenz. Mit seltener staatsmännischer Größe und großartigen Metaphern haben sie sich selbst und ihre Handlungsstärke gefeiert.

Ich zitiere:

„Es gibt keine Grenze nach oben bei der Kreditsumme, die die KfW vergeben kann“, sagte Scholz. „Wir haben gesagt, das soll unbegrenzt sein.“ Die Bundesregierung taste sich nicht langsam heran, sondern sage von vornherein jede Hilfe zu. „Wir legen alle Waffen auf den Tisch.“

Das ist an sich schon Wahnsinn. Jetzt kommt mein Problem. Selbst wenn – was ich für unwahrscheinlich halte – wir eine richtig große Pandemie kriegen, ist das doch nur ein biologisches Problem, das die Menschheit relativ begrenzt treffen wird. Statistisch könnte sich das als kleiner Rückgang bei der Lebenserwartung sich ausdrücken. WirIm worst case könnten es ein paar 10.000 Menschenopfer sein – überwiegend ältere Menschen wie ich, die ein großartiges Leben hatten und für die es jetzt halt ein wenig früher zu Ende geht.

Die physische Zerstörung des Planeten durch Klimaveränderung, Vermüllung durch Plastik etc., Ressourcenvernichtung usw. hat ganz andere Folgen. Da reden wir wahrscheinlich von Milliarden (1.000.000.000) Menschen. Das ist eine ganz andere Dimension als das bisschen Korona.

Die Folgen von der Zerstörung des Atmosphäre, der Meere, der Böden und von den Quellen des Lebens wie dem Wasser sind wissenschaftlich klarer untermauert als die oft spekulativen Abschätzungen zum Virus. Ich hoffe ja, dass die nächsten Wochen dies schon bald belegen werden.

Jetzt komme ich zum Punkt. Welche beeindruckende Schau von Handlungsfähigkeit hat unser Politiktheater anläßlich eines singulären und eher harmlosen Störfalles in unserer biologischen Menschenwelt aufgeführt. Und viele Sachen verordnet, die vorher nicht vorstellbar gewesen wären.

Gegen die Zerstörung unserer Welt machen sie nichts. Seit bald 50 Jahren wissen wir, wo uns unsere spätkapitalistische Wachstums-Theorie hinbringt. Und irgendwie erscheinen mir Maßnahmen, um das Verbrennen von Kohle zum Zwecke der Stromerzeugung zu beenden und durch vorhandene nachhaltige Technologien zu ersetzen, weniger massiv als das was wir zurzeit erleben.

Dieses zweierlei Maß stört mich: Die schleichende und sich massiv beschleunigende Totalzerstörung des Planeten Erde als Ergebnis des Antropozän interessiert keinen. Wenn aber ein Virus der Gattung „homo sapiens“ ein wenig gefährlich werden könnte und ihr droht, ihre Lebenserwartung vorübergehend ein wenig zu verkürzen, dann wir solidarisch Panik erzeugt.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 9. März 2020

Corona

Erinnerungen an die Karibik.

Irgendwie kommt man an dem Thema nicht vorbei. Ich muss bei Corona immer daran denken, wie ich auf einem Touri-Dampfer ganz proletarisch durch die Sonne der Karibik geschaukelt bin und mir „ballermannmäßig“ das Anschauen von Bundesligafußballspielen in der großen Arena an Deck mit zahlreichen Flaschen leckeren Biers aus Mexiko verschönt habe, im Flaschenhals immer den frischen Limonenspalt. Das waren sorgenfreie Zeiten.

Heute dagegen waten wir knöcheltief durch Corona-Viren und -Chaos. Die großen Fußballspiele fallen aus – oder finden in leeren Stadien statt. Der DAX fällt. Die Messen – gleich ob Wein, IT oder Handwerk – werden abgesagt. Als Unternehmer und Mittelständler bekommst Du so richtig Angst. Du bist da aber nicht alleine, die tüchtigen Hausfrauen sehen das genauso und gehen hamstern.

Besonders die Gruppe der Ü80 ist gefährdet, nicht nur in Italien. Gut, dass ich jetzt erst in die Ü70 komme. Der Iran scheint nicht nur bei Trump auf der schwarzen Liste zu stehen, sondern auch beim Virus. Aber nein, wie in Italien werden im Iran überdurchschnittlich viele chinesische Billigarbeiter ausgebeutet. Die leben in beiden Ländern in ziemlich unwürdigen Verhältnissen; so kommen die Dinge wieder zusammen.

In Deutschland sind heute auch zwei Menschen aus der Ü80 am Corona-Virus gestorben. Glücklicherweise haben die Kinder bei uns nur harmlose Symptome, wenn sie an Corona erkranken. Es wird vermutet, dass die Kleinen in ihren ersten Lebensjahren sozusagen von Haus aus ein paar mit Corona verwandte Virusstämme in sich tragen und so ein wenig gegen das Virus immun sind. Auch sonst scheint der deutsche Mensch relativ gut mit dem Virus fertig zu werden. Vielleicht liegt es ja am guten Bier und unserer Saufkultur?

Auf der Suche nach Corona?

Die medizinische Wissenschaft „kann das aber alles nur vermuten“ und glänzt mal wieder mit Nichtwissen. Sie rätselt sich corona-mäßig durch die Gegend. Aber das sind wir ja gewöhnt.

Denn die Götter und Göttinnen in Weiß haben ihre Gehirne auf die Maximierung der kaufmännischen Ergebnisse spezialisiert, da ist für Logik und Fachwissen kein Platz. Und sie haben es ja auch schwer, denn alles was mit Leben und Biologie zu tun hat, ist ziemlich komplex. Und transparente und belastbare Daten haben sie ja auch nicht, das geht ja schon aus Datenschutzgründen gar nicht.

Ich mag ja auch nicht mit dem gelben Corona-Band am Kragen herumlaufen. Wobei ich die zahlreichen Virusstämme, die in meinem Körper ihr Dasein fristen, hier auflisten würde. So wie ich die Medizin verstehe, wäre das aber eine ganz schön lange und langweilige Liste, die keinen interessieren würde. Wie auch die meiner Bakterien, mit denen ich mal mehr und mal weniger symbiotisch zusammen lebe.

Die Hochrechnungen der Epidemiologen klingen ähnlich unsinnig wie die Umsatzannahmen in den Businessplänen von Startups. Messen werden abgesagt wie Großveranstaltungen. Das mit den Messen verstehe ich gut, kam ich nach einer Woche CeBit eigentlich immer mit einer Mordsgrippe heim.

Ich will hier aber nicht jammern, sondern eine Lebenshilfe geben: Was kann ein jeder von uns für sich selber tun?

Meine Empfehlung:
Man darf sich keinesfalls outen! Husten und nießen Sie ab sofort nicht mehr in der Öffentlichkeit! Und hoffen Sie, dass keine Melde- und Testpflicht kommen. Jetzt wo die Impfpflicht ja gerade Gesetz geworden ist, ist das leicht möglich.

Gehen Sie Ärzten aus dem Wege. Fahren Sie in der S-Bahn schwarz und üben Sie, die Kontrolleure frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden. So können Sie sich auf die Gesundheitspolizei vorbereiten. Denn die könnte bald kommen.

Ein Freund von mir, der gerade für eine NGO in Malaysia unterwegs war, hat von dort getwittert, wie erleichtert er war, von den lokalen Behörden nach zweimaligen Fieber messen den gelben Unbedenklichkeitssticker für den Rückflug bekommen zu haben.

Denken Sie daran, wenn Sie als Corona-positiv erkannt oder verdächtigt werden, bedroht das nicht Ihre Gesundheit. Aber das könnte Ihre Karriere (und alles andere wie Ihr Einkommen, Ihre Partnerschaft, Ihre bürgerliche Position …) ruinieren.

Kritisieren Sie auch nicht die Einführung Ihnen unsinnig erscheinender Maßnahmen. Das könnte Ihnen nicht gut bekommen. Hysterie kennt keine Meinungsfreiheit. Schnell werden sie stigmatisiert. Und wenn sie sinnlosen Anordnungen nicht folgen wollen, dann lassen Sie sich nicht erwischen. Das könnte Ihnen gefährlich werden, gefährlicher als das Virus!

Also: Verhalten Sie sich unverdächtig. Fallen Sie nicht mit exzessiven Händewaschen und Ähnlichem auf. Denken Sie immer daran: Nicht Sie, sondern die Anderen sind vom Corona-Virus befallen. Verzichten Sie also auf eine Atemschutzmaske und Handschuhe, Sie müssen niemanden vor sich schützen!

So können Sie einen Händedruck ohne Bedenken ablehnen. Bedenken Sie aber, dass der auch nützlich sein könnte. Denn Sie und wir müssen schnell zu einem „Herdenschutz“ kommen. Die Kunst ist es, möglichst schnell immun zu werden. Sie müssen sich also möglichst früh anstecken, ohne dabei schwer krank zu werden oder gar zu sterben. Eine ganz einfache Regel.

Für uns Männer ist das nicht leicht! Wie oft in meinen Leben habe ich mich schon (vermeintlich?) schwer, ja sogar todkrank zur Arbeit geschleppt. Die Barbara hat das immer als „Männergrippe“ bezeichnet. Dann habe ich massiv gelitten – aber trotzdem ganz ordentlich programmiert.

Da fällt mir ein, dass ich meine besten Schachpartien im zarten Alter von 17 in tief erkältetem Zustand gespielt habe. Wo ich bis heute nicht weiß, ob ich damals an der Grippe oder einer massiven Erkältung und Schnupfen erkrankt war?

Vielleicht kann mir ja ein kompetenter Mediziner bei Gelegenheit den Unterschied zwischen normaler Erkältung und Grippe erklären? Wäre ich echt dankbar. Aber die Mediziner erklären mir nichts. Sie hoffen, dass das Virus mit der Frühlingserwärmung verschwindet. Schau mer mal. Im italienischen Frühling scheint es ihm ja noch bestens zu gefallen.

Ich kann mich auch freuen: Haben jetzt sogar die Herren von CSU und CDU erkannt, dass Globalisierung nicht unbedingt immer gut ist. Die fordern jetzt, dass man der Wirtschaft Quoten vorgibt, wieviel sie in Deutschland produzieren müssen. Christliche Autarkie und Planwirtschaft!

Auch bei der Digitalisierung sind wir auf groteske Art und Weise von Indien und China abhängig. Infosys (Anmerkung des Autors: ein indisches IT-Haus) hat schon eine Reihe von Dax-Konzernen in eine radikale digitale Abhängigkeit gebracht und mit chinesischer Technologie ist es ähnlich. Das muss ich mal der CSU berichten. Vielleicht gibt es dann ein Gesetz, das vorschreibt, dass SW in Deutschland geschrieben werden muss!

Vielleicht noch ein Vorschlag zur Bekämpfung des Corona-Virus. Lieber Krisenstab des Robert-Koch-Instituts, holt Euch einfach ein paar gestandene CIOs, die erklären Euch gerne, wie man das in der IT mit den Viren macht. Da könnt Ihr viel für Euer Corona-Virus lernen.

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 3. März 2020

Für Oeconomia auf der Berlinale!

Jetzt bin ich auf der Rückfahrt von Berlin nach München. Es ist angenehm leer in den Zügen – ein Lob auf Corona.

Zwei Nächte war ich in Berlin. Am Samstag Vormittag hingefahren. Am Sonntag Oeconomia angeschaut, und heute am Montag um 10:05 wieder zurück nach München.

Da stehe ich sozusagen vor der Zukunft.

Es war ein schönes Wochenende. Wir haben im Ibis direkt am Berliner Hauptbahnhof geschlafen. Nach der Ankunft am Samstag gingen wir auf Stadtspaziergang. Ein Highlight war das Futurium, das unseren Weg kreuzte und in das wir dann logischerweise rein mussten.

Das Futurium ist ein Haus der Zukünfte, ein wenig größenwahnsinnig dimensioniert, wie die Stadt in der es sich befindet. Erstaunlich, wie viel Geld man für Botschaften ausgeben kann, die eigentlich nur ein wenig Bescheidenheit und Vernunft anmahnen sollen. Ja, in Berlin spielt Geld keine Rolle , weil die Bayern das alles zahlen.

Trotzdem – das Futurium sendet schöne Botschaften aus. Es appelliert an einen verantwortungsvollen Umfang mit den Ressourcen unseres Planeten. Und zeigt auf, dass wir es wirklich besser machen könnten. Und man nicht notwendigerweise alles kaputt machen muss.

Das alles vielleicht mit ein wenig zu viel Design und Arroganz. Monumental wie die ganz Hauptstadt. Aber wenn es etwas hilft, dann soll es mir recht sein.

Nach dem Futurium hatten wir Hunger – und fanden auch gleich einen Inder, bei dem wir lecker und preiswert speisen konnten. So wurde auch die Regel bestätigt, dass man in Berlin besonders gut exotisch speisen kann.

Am Samstag Abend kam das erste große Highlight unserer Reise – der Besuch bei den Stachelschweinen im Europa-Center. Zum 70-jährigen Jubiläum des Kabaretts „Die  Stachelschweine“ wurde das Jubiläumsprogramm „Viel Tunnel am Ende des Lichts“ von Frank Lüdecke gezeigt. Das war herausragendes Kabarett in der Tradition des Hauses.

Es war ein gelungener Abschluss der ersten Abends in Berlin, gleichsam lustig und nachdenklich. Nach einer angenehmen Nachtruhe folgte der Sonntag. Da stand am Nachmittag im Kino Arsenal im Sony-Center am Potsdamer Platz das Highlight an, die Aufführung von Oecomia im Rahmen der Berlinale.

Bis zur Aufführung um 16:30 hatten wir noch Zeit, die wir für einen Rundfahrt vom Hafen Potsdam zu den Schlössern an der Havel nutzten. So verbrachten wir 90 Minuten in einem elektrisch angetriebenen Touristendampfer und lernten mal diesmal kennen, wie der preußische Feudalismus im kreativen Überfluss lebte. Schon irgendwie schön, wenn man als König als einzige Sorge hat, wie man sich auf originellste Art und Weise selbst verwirklichen und Denkmäler setzen kann.

Nach der Schifffahrt ging es zum Potsdamer Platz – als Belohnung gab es vor dem Kino noch „eine echte Berliner Curry-Wurst“. Und dann war der es soweit. Vor Jahren hatte ich Carmen Losmann kennengelernt. Sie hat damals eine Vorführung ihres bekannten Filmes „Work hard, play hard“ begleitet.  Ich kam mit ihr ins Gespräch. Seitdem habe ich bei der Erstellung von „Oeconomia“ mitgefiebert und Carmens Projekt homöopathisch unterstützt. Mit homöopathisch meine ich „mit kleinen Dosen aber hoher Wirkung“.

Es war ein langer Weg zum Film – aber er hat sich gelohnt. Um die Quintessenz des Filmes hier vorwegzunehmen: Es geht eigentlich nur um die Frage, ob zuerst unsere ökologische oder unsere ökonomische Welt zusammenbrechen wird.

Der Film lief auf der Berlinale insgesamt vier mal und war ebenso vier mal ausverkauft und das Echo außerordentlich gut. So trafen wir eine glücklichen Carmen – und waren auch begeistert. Ich hoffe, dass diesen Film viele Menschen sehen werden – und sich von ihm Anregen lassen, ihr Denken und Handeln zu verändern.

Das war gestern. Jetzt bin ich wieder im Zug nach München. Und denke schon jetzt mit ein bisschen Wehmut an die 2 Nächte in Berlin zurück.

RMD

Geschrieben am Montag, den 1. März im Zug nach München, veröffentlicht am Dienstag, den 2. März.

Roland Dürre
Donnerstag, der 30. Januar 2020

Otto – der Lehrer.

Hier wieder rein fiktive Gedanken. Durch Otto’s Seele (einem fiktiven Gymnasiallehrer).

Im vorletzten Artikel habe ich von Judy berichtet, einem kleinen Mädchen, das als Erwachsene in die Politik ging. Heute möchte ich Euch den kleinen Otto vorstellen, der auf seinem Lebensweg den Beruf des Lehrers einschlagen wird.

Otto ist eine Fiktion wie Judy. Bei erfundenen Personen ist der Zusatz „Ähnlichkeiten mit lebenden (und verstorbenen) Personen sind rein zufällig“ fast verpflichtend. So wie ich betonen möchte, dass in den Geschichten von Judy und Otto und vielleicht noch weiteren in Zukunft „die Personen und Handlungen frei erfunden sind“.


 

Aus Datenschutzgründen habe ich das Bild von Otto durch eines von mir ersetzt.

Als kleiner Junge war Otto am liebsten im Freien. Schon morgens wollte er raus, an die frische Luft. Besonders gerne trug er seine kurze Lederhose. Im Sommer war er glücklich. Der Winter dagegen war nicht seins.

Die ersten sechs Jahre seines Lebens war Otto ein Einzelkind. Seine Existenz gab dem Leben seiner Eltern neuen Sinn. Er war ihr Augenstern und wurde verwöhnt. Auch bei den Großeltern war er der große Star. Er schien sehr begabt zu sein und konnte gut lesen, dies schon bevor er in die Schule kam. Deswegen wurde er so bald wie möglich eingeschult.

Da war es schlagartig vorbei mit seinem „glücklichen Kindsein“. Zudem bekam er zu diesem Zeitpunkt auch noch ein Schwesterchen, die ganz schnell zum neuen Liebling der Eltern und Großeltern werden sollte. Das Baby wurde verhätschelt. Wenn es schlief, mussten alle ganz leise sein, um die neue Prinzessin ja nicht zu wecken. Er dagegen wurde jeden Morgen unmenschlich früh barsch geweckt und  dann zu Fuß auf den langen Weg zur Schule geschickt. Der Schule nachmittags endlich entkommen, musste er den Rücken krumm machen für die Hausaufgaben.

Auch das ist natürlich nicht der echte Otto – das Elend nimmt seinen Lauf.

Der Winter war besonders grausam. Zur Weckzeit früh um 6:30 ist es noch stockfinster. Die Schuhe, vom Vortag noch nicht ganz trocken, waren im nassen Schnee (den es damals noch gab) schon nach wenigen Schritten durch und durch nass. Der Weg ging entlang einer dunklen und von den Abgasen der Autos verpesteten Straße. Das unfreiwillige Ziel war eine düstere Schule. Da wartete eine Klasse auf ihn, die nach mehr als 40 Schülern stank. Lauter unangenehmen und bösartige Zell- pardon Zeitgenossen.

Dort wartete auf ihn ein missmutiger Lehrer, der Mühe hatte, die große Klasse zu bändigen. Alle mussten immer sitzen, die Regeln waren streng und es hagelte Strafen. Otto war müde vom frühen Aufstehen. In der Pause wurde aus der domestizierten Klasse eine wilde Horde. Die großen und starken Jungen lachten ihn aus und rempelten ihn. Ab und zu gab es auch eine Tracht Prügel oder wurden ihm Sachen weggenommen.

Die Schulstunden brachten die große Langeweile. Er konnte ja schon lesen. Nur, die Schulbücher waren irgendwie überhaupt nicht interessant. Auch auf den hinteren Seiten nicht. Da standen nur komische Geschichten für kleine Kinder drin, die lehren sollten, was gut und was böse ist. Wobei das nie so ganz klar war. Das Rechnen war eher was für Babies. Und Heimatkunde und so ein Kram interessierte ihn schon gar nicht.

So wurde  der kleine Otto ganz schnell ein sehr demotivierter Schüler. Er war froh, wenn es vormittags hell wurde. Da konnte er zum Fenster hinausschauen. Wenn er Glück hatte, sah er ein paar der wenigen Vögel, die im Winter im Lande geblieben waren. Die beneidete er um ihre Freiheit. Der Lehrer mochte das Rausschauen aus dem Fenster aber nicht, so hagelte es Strafen.

So wurde der kleine Otto ein schlechter und unglücklicher Schüler. Daheim war er nicht mehr der bewunderte und verwöhnte Liebling. Er wurde zum bösen Bub, der immer kritisiert und gemaßregelt wurde. Die vier Jahre in der Volksschule waren für Otto die Hölle. Dann schaffte er den Übertritt ins Gymnasium, auch weil seine Eltern ihn jeden Nachmittag zum Lernen zwangen und den Lern-Fortschritt durch tägliches Abfragen am Abend kontrollierten .

Auch das ist natürlich nicht der fiktive Otto!

Auf das Gymnasium gewechselt,  ging es ihm ein wenig besser. Der Stoff war interessanter und die Fremdsprache Englisch ließ ihn von einer besseren Welt träumen. Bei Otto kam so etwas wie eine intrinsische Motivation auf. Es gab sogar Lehrer, die verstanden es, auf die Schüler und Otto einzugehen.

Dann kam die Pubertät, die für Otto wieder ziemlich schlimm werden sollte. Danach, in den höheren Klassen wurde es wieder besser. In einigen – überwiegend naturwissenschaftlichen Fächern – wurde er richtig gut. So baute er sein zerstörtes Selbstbewusstsein mit Fächern wie Biologie und Mathematik wieder ein wenig auf.

Als er merkte, dass er beim weiblichen Geschlecht so halbwegs erfolgreich war, ging es weiter nach oben. Otto nabelte sich Schritt für Schritt von seiner Familie ab, verdiente sich mit Nachhilfeunterricht gutes Geld, dass er mit Pizza-Essen und in Kneipen beim Bier verprasste. Es ging es aufwärts. Er wurde ernst genommen, wirkte bei der Schülerzeitung mit und bestand die Abiturprüfung sogar mit ganz vernünftigen Noten.

Ich kürze jetzt ab. Zu Hause wurde Otto immer eingebläut, dass ein Abiturient studieren müsse. Um es im Leben mal besser zu haben. Otto wählte sich Mathematik und Physik als Fächer aus und studierte fürs Lehrfach. Sein Motiv für die Berufswahl „Lehrer“ war, dass ihm der Nachhilfeunterricht viel Spaß gemacht hatte und er ein besserer Lehrer werden wollte als die, die er selber als Schüler erlebte hatte.

Er bestand die Staatsexamen und wurde Gymnasiallehrer. Er hatte Glück und wurde in den Schuldienst übernommen. Auch das war ja nicht selbstverständlich. Und durfte an ein neues Gymnasium, nicht weit weg von seiner Heimat, das gerade gebaut worden war.

Kurzer Einschub zum Gymnasium:
Früher durften nur wenige Prozent der „Volksschüler“ aufs Gymnasium. Da war das Gymnasium etwas besonderes. Heute geht die große Mehrheit der Kinder „aufs Gymnasium. Für viele Eltern ist es ein MUSS, dass ihre Kinder Abitur machen müssen. Der Übertritt aufs Gymnasium ist zur Selbstverständlichkeit geworden.

Ins Gymnasium kann man schon mit 10 Jahren kommen. Dann verbleibt man dort 8 oder 9, manchmal auch 10 Jahre. Die Schüler sind so zwischen 10 und 20 Jahre alt. Kinder, Pubertierende, halbstarke Jugendlich und Volljährige sind gemeinsam an einer Schule. Und die 20 Jährigen werden zum Vorbild der jungen. Gerade in den Ballungsgebieten, sind die Gymnasien zu Bildungsfabriken geworden, die 1.000 und mehr Schüler mit Bildung und Wissen versorgen sollen.

Zurück zu Otto:
Er kam mit allen gut zurecht, ob Unter-, Mittel- oder Oberstufe. Die Arbeit mit den jungen Menschen machte ihm Freude. Und er hatte allen Grund sich zu freuen, manchmal kam es ihm vor, dass er der einzige Lehrer an der Schule war, den die Schüler respektierten und dem sie zumindest auch ein wenig folgten. Das sorgte für Neid bei manchem Kollegen.

Sogar die Eltern der sogenannten Problem-Schüler freuten sich, wenn er ihre Kinder unterrichteten. Da klappte plötzlich manches besser und sie meldeten ihm das auch zurück. Das freute ihn. Er hatte auch beim Chef (dem Direktor) einen guten Ruf. Der Nachteil war nur, dass er deswegen oft mit Spezialaufgaben versorgt wurde. Das konnte auch ganz schön anstrengend sein.

Man sollte meinen, dass in Ottos Leben alles bestens war. Es gab aber auch Schattenseiten. Er bemerkte, dass viele der Lehrer ihn wegen seines Erfolges bei den Schülern nicht so mochten. Aber das er nicht beliebt war, war er gewöhnt. Hatte er doch schon oft in seinem Leben die Außenseiterrolle inne gehabt. So verkraftete er das Ganze.

Die Schule war nagelneu und sehr modern. Es machte ihm richtig Spaß, in so eine schöne Schule zu gehen. Das Raumkonzept war menschenfreundlich, es gab helle Räume und auch genug Platz für Freistunden. Schade dass man die Fenster nicht öffnen konnte und die Klimaanlage meistens nicht so funktionierte, wie sie sollte. Aber das ist heute ja nicht nur in Schulen so, sondern auch in Büros, Zügen und Hotels.

Es gab andere Dinge, die Otto mehr bedrückten. Der sinnlose Vandalismus der jungen Generation entsetzte Otto. Wie in den meisten Schulen waren eingeschlagene Scheiben, eingetretene Türen, zerstörte Feuerlöscher, demolierte Klos und manches mehr an der Tagesordnung. Manche Schüler legten eine erstaunlich kreative Kriminalität an den Tag.

Otto erinnerte das an die Schule, an die er selber ging. Da war aufgrund von Verwüstungen im Physik-Saal auch kein Unterricht mehr möglich. So dass dieser Raum für Jahre geschlossen wurde und nicht mehr verfügbar. Aber sein Gymnasium war ja schon vor Jahren abgerissen. Und anstelle dessen die gute städtische Lage für den Bau eines Kaufhaus genutzt worden.

Aber heute war es zum Teil schlimmer. Einzelne Schüler bedrohten gelegentlich Lehrer mit Gewalt. Sogar Waffen tauchten einmal in der Schule auf. Das gab es an seiner alten Schule nicht. Mobbing war sowieso an der Tagesordnung. Mal waren Schüler die Opfer, weil deren Gesichter den anderen nicht passten. Oder die Opfer waren Lehrer, die sich nicht durchsetzen konnten oder körperliche Gebrechen hatten.

Vor dem Schulgebäude sah es oft aus wie im Glasscherben-Viertel; angeblich gab es dort auch einen florierenden Drogen-Handel. Das hatte er selber noch nicht erlebt, allerdings war ihm wohl bewußt, dass Wettsaufen bei den Schülern ein beliebter Sport war, bei dem manche es zu wirklichen Spitzenleistungen brachten. Dies im Gegensatz zu ihren schulischen Leistungen. Zumindest hier wurde das Sprichwort „Intelligenz säuft“ Lügen gestraft.

Die „Abi-Streiche“ waren oft nicht mehr lustig, sondern erinnerten an Terroranschläge. Wie war es möglich, dass Kinder, die in der Schule neun Jahre unterrichtet wurden, zum Abschied so ausrasteten? Auch die Ansprachen der Schülervertretern bei den Abiturfeiern am Jahresabschluss wurden mehr und mehr vom konstruktive Rückblick auf 9 Jahre mit Danksagung zu oft gnadenlosen Abrechnungen mit der Schule und den Lehrern.

In solchen Momenten fühlte Otto sich hilflos und fragte sich ernsthaft, wie lange die Schule noch stehen oder wie sie wohl in 10 Jahren ausschauen würde. Und vor seinem geistigem Auge sah er, wie die Schüler die Schule abfackelten und die Lehrer auf dem Scheiterhaufen verbrannten.

Aber nicht nur der Zustand des Gebäudes machte ihm Angst. Auch das Alltagsleben war nicht so wie es sein sollte. Die Situation im Lehrerkollegium wurde immer stressiger. Es gab eindeutig zu wenig Lehrer. Die Folge waren Engpässe – nicht nur bei den Klassenleitern, auch bei den Fächern sah es schlecht aus. Teilzeitkräfte mussten den „Klassenleiter machen“, obwohl das nicht so gedacht war.

Insgesamt herrschte bei den Lehrkräften schon im „Normalfall“ eine katastrophale Mangelwirtschaft. Abhängig von der Jahreszeit wurde die noch schlimmer. Es gab laufend hohe Ausfälle durch Krankheit. Das Lehrer-Kollegium war überwiegend weiblich. Dagegen war ja nichts einzuwenden. Otto waren die weiblichen Kolleginnen generell lieber als die männlichen.

Nur, Frauen arbeiten gerne in Teilzeit. Es gab also viele Teilzeitkräfte an der Schule. Eine nicht ganz zu vernachlässigende Anzahl der Kolleginnen waren schwanger, es gab viele Ausfälle durch Mutterschutz. Und die schwangeren Kolleginnen mussten aufgrund des Beschäftigungsverbots bei bestimmten Erkrankungen  daheim bleiben. Das bedeutete, wenn ein Schüler mit Masern in die Schule kam, musste die Handvoll schwangere Lehrerinnen daheim bleiben.

Jeder Wandertag wurde zur Belastung. Otto machte gerne Wandertage. Er hatte Freude daran gemeinsam mit den Jugendlichen außerhalb der Schule neue Sachen zu entdecken. Die meisten seiner Kollegen sahen das anders und versuchten, sich vor dem Wandertag zu drücken. Wie auch vor mehrtägigen Veranstaltungen wie den Abitur-Fahrten. Die dann auch Otto zu viel waren.

Die Sabotage-Akte der Kinder verursachten zusätzliche Krisen, die das Lehrerkollegium belasteten. Nicht nur, dass sie immer wieder randalierten und die Schule beschädigten, auch das Internet machte Probleme. Immer wieder wurden Schüler beim Anschauen von die NS-Zeit verherrlichendem oder pornographischen Bildern oder Videos erwischt, die sie gemeinsam auf ihren Handies anschauten. Mal wurden sie mit Rauschgift erwischt. Dann musste die Schulleitung die Polizei rufen. Und die Situation an der Schule eskalierte.

Da war für die Zusammenarbeit der Lehrer nicht förderlich und verstärke die negative Entwicklung. So fielen viele Stunden Unterricht trotz großer Bereitschaft einzelner Lehrer für Überstunden aus. Die Leistungen der Schüler gingen von Jahr zu Jahr zurück. Die Leitung wollte natürlich gute Noten und eine vorzeigbare Abschlussquote. Das passte alles nicht zusammen.

Im Lehrer-Kolleg war klar, dass an den unfassbaren Zuständen in der Lehranstalt die schlecht erzogenen Kinder und deren Eltern schuld waren. Aber Otto war sich da nicht ganz so sicher wie seine Kollegen. Konnte es nicht sein, dass auch das System Schule mit Ursache war für den Hass, den manche Kinder entwickelten? Freilich hütete er sich, solche Gedanken im Lehrkolleg laut oder auch nur leise von sich zu geben. Aus gutem Grunde.

So gab es viele Tage, an denen Otto sein Job auch keinen Spaß machte. Er war zwar Außenseiter, aber er litt genauso wie die anderen Lehrer unter der Situation. Die wiederkehrenden Aggressionen und Depressionen mancher Schulkinder machte es nicht leichter.

So musste er sich wieder bewusst machen, dass es an seiner Schule auch viel Gutes gab. Immer wieder war er erstaunt, wie verantwortet schon die jungen Menschen mit Schwächeren umgingen. Es gab so viele wirklich liebe Kinder. Viele Kinder hatten erstaunlich reife Gedanken, andere waren sehr kreativ. Im Chaos der Schule gab es viele selbst organisierte soziale Inseln, die durchaus der negativen Entwicklung entgegenwirkten.

Solidarische und eigenverantwortlich organisierte Teams lieferten bei Projekttagen tolle Ergebnisse ab. Die Theatergruppe, unter der Leitung seines Freundes und Kollegen Hans, stellte immer wieder herausragende Aufführungen auf die Beine. Da merkte man, zu was  die Schüler in der Lage waren, wenn man sie nur vernünftig behandelte. Es machte Otto aber wieder traurig, dass Hans wohl der einzige Kollege war, der ihn zu verstehen schien.

Es gab Schüler, die klug und emphatisch handelten. Es gab  Schüler, die kleine Genies in Spezialgebieten waren. Die hatten sich aber das Meiste durch selbständiges Lernen beigebracht. Wie machten sie das nur? Alles Leute mit Zukunft und für die Zukunft. Andere oft sehr junge Schüler waren in ihrer Freizeit ehrenamtlich tätig.

Es gab doch auch so viel Positives, dass oft gar nicht wahrgenommen wurde.

Und es gab noch etwas anderes, was ihn wirklich positiv beeindruckte. Das war die fridays4future-Bewegung (F4F). Die war doch ein herausragendes Beispiel, dass an unseren Schulen nicht alles schlecht sein kann. fand er bewundernswert. Aber auch da war ihm bewußt, dass die Mehrheit im Lande seine Bewunderung nicht teilte …

Trotzdem: Waren das nicht alles Kinder, die in der Schule  – so auch bei ihm – wirklich etwas gelernt hatten? Die sich gründlich informierten, autonom nachdachten, eine eigene Meinung hatten, sich nicht von Dummschwätzern beeinflussen ließen, in größeren Zusammenhängen dachten und –  Zivilcourage aufbrachten! Genau die Menschen, die unsere Gesellschaft braucht!

Hoch anzurechnen war es den F4F-Kids auch, dass sie nie zur Gewalt griffen. Sie hatten mit ihrem konstruktiven Ungehorsam viel Aufmerksamkeit erzielt. Obwohl sie faktisch nichts erreicht hatten und von vielen nur runtergemacht und beleidigt wurden, blieben sie konsequent bei friedlichen Demonstrationen. Das imponierte Otto sehr. Er war sich selbst nicht sicher, ob er in seiner Jugend so friedfertig geblieben wäre.

Otto hütete sich, seinen Kollegen sein Herz auszuschütten, weil er  ahnte, dass die meisten Kollegen ihn nicht verstehen würden.

Er fragte sich: Müsste man die Bildungssysteme nicht reformieren? Utopische Gedanken machten sich in seinem immer noch jugendlichen Gehirn breit. Er begann zu träumen: Von agilen und selbst organisierten Schulen. Die nicht dümmlichen Lehrplänen folgen mussten, die man nur mit „kaum zu erfüllen und nicht mehr zeitgemäß“ bewerten kann.

Sondern Schulen, in denen die Jugendlichen selber bestimmen dürfen, was sie lernen wollten und das auch eigenverantwortlich in die Hand nehmen. Und die Lehrkräfte dabei eher die Rolle des unterstützenden Mentors übernehmen und sich aufs Anregen, Impulse geben und Inspirieren konzentrieren!

Wie schön wäre eine Schule, an der das Lernen Spaß macht und Kinder, Jugendliche und Lehrer gerne hingehen. Und sich auch die mit ihrer Schule identifizieren, sie gut behandeln und nicht zerstören? Aber wie sollte das mit und in dem aktuellen System funktionieren?

 


 

Otto hatte mal einen Vortrag gehört, in dem ein Schlauschwätzer seinen Zuhörern empfohlen hatte, im  Berufsleben nach folgendem Motto zu handeln:
„Love it, change it or leave ist!“

„Love it“, das war ihm klar, das würde er nicht schaffen, dazu war die Situation zu schlimm. Die konnte man nicht lieben. Außerdem war er ein leidenschaftlicher Lehrer. Und hatte einen ganz anderen Anspruch. Also:
„Change it!“ ?
Das wäre schön. Nur, der Karren steckte zu tief im Dreck. Allein, oder gemeinsam mit Hans. dem Leiter der Theatergruppe, konnte er ihn da nicht raus ziehen. Da hatten sie keine Chance. Und mächtige Verbündete, die ihm helfen würden, sah er auch nicht. Also blieb nur
„Leave it!“
Das schien unmöglich. Er war verbeamtet. Otto wollte zeitnah heiraten und eine Familie gehören. Mit seinem Gehalt würde das eh nur mehr schlecht als recht funktionieren. Seine Versorgung fürs Alter war ihm auch wichtig. Seine Pension war toll. Da hatte er nur Mitleid mit den Angestellten, von denen manche in der „Industrie“ ein wenig mehr verdienten als er. Dafür mussten die aber auch meistens mehr arbeiten. Und hatten viel weniger Freizeit und -heit als er. Und deren Rente war im Verhältnis zu seiner Pension ärmlich.

„Ich muss es nur bis ins Rentenalter schaffen und darf nicht vorher an einem Burn-Out sterben“ dachte er. Wie könnte er das schaffen? Otto kam eine Idee: Er könnte ja ins Ministerium wechseln? Das wär doch was! Nach so einem Job würde er sich jetzt mal umschauen. Vielleicht könnte er von dort aus das Schulsystem ein wenig verbessern.

Und wenn das nicht klappen würde, blieb ihm zur Not ja noch der Wechsel auf eine Privatschule. Angeblich sollte es da einige geben, die ganz gut funktionierten. Als Beamter war er ja unkündbar, konnte seinen Dienst aber täglich niederlegen. Er war doch in einer komfortablen Situation.

Er könnte auch eine reiche Frau heiraten, mit ihr Kinder kriegen und „home schooling“ machen. Dazu müsste er allerdinges auswandern. Denn die BRD ist wohl so der einzige Staat in dieser Welt, in dem „home schooling“ verboten ist.

Ich bin gespannt, wie es mit Otto (und unserem Schulsystem) weitergeht?
🙂 Und so unternehmerisch wie Otto rüberkommt, würde ich ihm empfehlen, ein Schulunternehmen zu gründen. Am besten ein agiles und sich selbstorganisierendes. Hier eine Variante.

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 18. Oktober 2019

Leseproben.

Vor kurzem habe ich vom Buch „Was dem Leben dient“ (RUPERT LAY LESEBUCH) berichtet.

Eigenes Bild.

Hier zitiere ich vier Texte aus dem Rupert Lay Lesebuch. Das Buch ist eine lockere Zusammenfassung,   von Definitionen, Stellungnahmen und Aussagen zu Themen, die Rupert Lay sein Leben lang bewegt haben.

Dies sind Ethik und Verantwortung, Führung und Autorität, Sprache und Kommunikation, Menschenbild und Personalität, Religion und Christentum, Wirklichkeit und Realität, die großen Systeme und Traditionen (Gesellschaft | Unternehmen | Gewerkschaften | Verbände |Kirchen | Politik), Wirtschaft und Technik.

Zu all diesem hat er konstruktiv und kritisch, oft auch revolutionär und provokativ in vielen Büchern Stellung genommen.

Im Lesebuch findet sich eine Sammlung  „best of“ zu all diesen Themen; daraus habe ich ein paar ganz kurze und längere zum Probelesen ausgesucht. Vielleicht regt das zum Weiterlesen in den Büchern an?

Redaktionelle Anmerkung:
Die zitierten Texte habe ich invers gesetzt. Alle Begriffe in den Zitaten, die mit einem Schrägstrich markiert sind wie /Begriff werden im Buch definiert


VERSCHLEIERN  (Gesellschaft)

Laut Joseph Schumpeter eine Lieblingsbeschäftigung von Politikern, seit es diesen merkwürdigen, schmarotzerischen und eigentlich völlig unnötigen Berufsstand gibt. Sie behaupten, ihr /Handeln sei uneigennützig am /Gemeinwohl orientiert, obwohl sie am Gemeinwohl nur insofern interessiert sind, sofern es ihrem Eigenwohl nicht widerspricht.

Da kann man trefflich diskutieren, aber ich fürchte, da steckt ein kräftiges Maß an Richtigkeit drin.


VF VERZÖGERUNGSFAKTOR  (Unternehmen)

Gibt an, ob die Anpassung der Unternehmensstruktur an veränderte /WEIB eher schneller oder langsamer erfolgt.

Anmerkung von mir: WEIB steht als Eselsbrücke für Werte, Erwartungen, Interessen und Bedürfnisse der Menschen. Und wie schnell Unternehmen stehen bleiben können, wissen wir alle.


WENN MENSCHEN ZU AGENTEN WERDEN (Führung und Autorität)

In nicht wenigen Institutionen haben nur diejenigen Menschen eine realistische Chance, im Namen und im Auftrag der Institution zu handeln – also Führungspositionen innerhalb der Institution zu übernehmen – die nahezu kritiklos bereit sind, dem endogenen Zwecke der Institutionen zu dienen.

Ich habe in Kirche, Staat und Unternehmen nicht wenige solche uneigenützigen Diener kennen gelernt. Für den Bestand ihrer Organisation sind sie bereit, nicht nur ihr Bestes – nämlich ihr Leben, ihre  Arbeitskraft, ihr Privatleben und ihre moralischen Wertvorstellungen – zu geben, sondern auch gegen Recht und Gesetz zu verstoßen.

Quelle: Wie man sich Feinde schafft, 1994, Seite 197


DAS MITTELMAß ALS FEIND DER WEISHEIT  (Ethik und Verantwortung)

Nicht der Bösewicht ist der Schurke, sondern das Mittelmaß, wenn man die politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Dramen unserer Zeit zu betrachten oder gar aufzuzeichnen  versucht.  Schon Platons Vermutung, dass die Demokratie die Herrschaft des Mittelmaß bedeutet, hätte uns nach der Einführung demokratischer Systeme nach 1848 etwas vorsichtiger mit dieser Herrschaftsform umgehen lassen müssen. Nun, das haben wir versäumt – und so beherrschen uns in  Politik und Wirtschaft, im sozialen (etwa auch in den Gewerkschaften) und im Kulturellen (etwa in den Kirchen) das Mittelmaß.

Quelle: Weisheit für Unweise, 1998, Seite 200

 

Ich finde, dass jeder Absatz in Ruperts Lesebuch ein klares Statement ist, das inspiriert, Impulse gibt. Und zum Nachdenken anregt.

RMD

 

Roland Dürre
Donnerstag, der 3. Oktober 2019

RUPERT LAY LESEBUCH

 

Was dem Leben dient.

 

Da steht alles drin.

Ein ganz wichtiges Buch. Das mich tief berührt. Denn es hat eine besondere Geschichte:

Zur Jahrtausendwende hat sich eine kleine Gruppe meiner Freunde im gemeinützigen Ronneburger Kreis e.V. (der mittlerweile aufgelöst wurde) zusammen getan und die vielen Definitionen von Begriffen aus dem alltäglichen Leben wie aus Wirtschaft und Gesellschaft in den Büchern wie aus dem Wirken Rupert Lays gesammelt. Das entstandene kleine Werk haben wir das  „Wörterbuch zur Ethik des Rupert Lay“ genannt und im Ronneburgerkreis veröffentlicht (siehe Bild unten).

Das war eine schöne Sammlung von wichtigen Texten. Es hat mir Spaß gemacht, es immer wieder aufzuschlagen und mich an dem einen oder anderen Artikel zu erfreuen oder sich mit diesem auseinander zu setzen.


In diesem Sommer feierte Rupert seinen 90. Geburtstag. Norbert Copray hatte die Idee, das Wirken von Rupert Lay aus diesem Anlaß mit einer besonderen Veröffentlichung zu würdigen. Es sollte ein großer Überblick der Gedanken Rupert Lays werden, in dem das freie Rumschmökern in anspruchsvollen Texten Spaß macht. Ein schweres Unterfangen, das mehr als gelungen ist.

Die Quelle für das Lesebuch (2002)

Als geeigneten Grundbaustein fand er unser „Wörterbuch“. Aber das „Wörterbuch“ hatte er nur in Papierform vorliegen. So machte es sich auf die Suche nach der digitalen Quelle. Und so fand er mich.

Die digitale Quelle war verschwunden. Aber in der digitalen Welt ist das ja kein großes Problem mehr. Mein Freund Wolfgang Groß übernahm die Aufgabe und stellte kurzer Hand ein hochwertiges digitales Exemplar vom Wörterbuch her. Und Norbert Copray und Erich Ruhl-Bady konnten loslegen.

Und sie haben etwas ganz Großartiges geschaffen. Aus dem Wörterbuch ist ein Lesebuch geworden, dass viel Klugheit, Klarheit und auch Frechheit enthält. Auf fast vierhundert Seiten finden wir ein Feuerwerk von Gedanken, mit denen sich auseinandersetzen lohnt und das richtig Spaß macht. Diese Gedanken findem wir thematisch schön geordnet. Zum Teil sind sie nur eine Zeile lang und selten länger als eine Seite. Richtig schön zum lesen.

So lohnt es sich immer, zwischendurchs ins Buch reinzuschauen. Aber Vorsicht: Man wird förmlich süchtig und bleibt dann schnell eine oder mehr Stunden hängen, und wundert sich dann um diese Jahreszeit, dass es so schnell dunkel geworden ist.

Großen Dank an Norbert Copray und seine Mitstreiter!

RMD

P.S.
Wer sich dieses Buch nicht besorgt versäumt etwas.