Roland Dürre
Sonntag, der 19. November 2017

Der Weg als Metapher für unser Leben.

Bei jetzt schon vier Hochzeiten meiner Kinder durfte ich die Hochzeitsrede halten. Bei der Vorbereitung dieser Ansprache gebe ich mir immer (sehr) viel Mühe und versuche wichtige Gedanken zu formulieren.

Da sind gerne Gedanken dabei, von denen ich weiß, dass sie mir selber viel geholfen haben. Die es lohnen könnte, sie auch andere Menschen weiterzugeben. Besonders an das Hochzeits-Paar und an möglichst viele andere Menschen.

Deshalb veröffentliche ich auch hier ein paar zentrale Gedanken aus meiner letzten Hochzeitsrede. Auch weil heute Sonntag ist. 


Der Weg als Metapher für unser Leben. 

Der Weg des Lebens beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Unser wertvollstes Gut auf diesem Wege ist die Zeit, die wir auf diesem Wege verbringen. Die Zeit ist deshalb so wertvoll, weil sie nie zurück kommt. Wenn man Freundschaft oder Geld verliert, kann dieses zurück kommen, nicht so die Zeit.

Am Beginn unseres Weges steht die Geburt.

Wir tauchen in der Welt auf und befinden uns in einer Gemeinschaft. Wir treffen Menschen, die uns auf diesem Wege begleiteten, die wir nicht kennen. Wir haben sie uns nicht heraus gesucht. In der Regel ist das unsere Familie.

Wege finden zusammen und trennen sich.

Wachsen wir heran, treffen wir auf unseren Wege weitere Menschen, die einen Strecke  gemeinsam mit uns zurücklegen: Die Kindergärtnerin, der Lehrer, unsere ersten Freunde ….

So gehen wir unseren Weg, auf manchen Teilstrecken gemeinsam mit mehr und mal mit weniger Menschen. Neue Gesichter kommen hinzu, viele Wege trennen sich für eine längere Zeit oder auch für immer.

Wir sind „Sammler und Jäger“.

Auf diesem Lebensweg sammeln wir „Spielzeuge“ aller Art, an denen wir uns ergötzen und/oder die uns „wehtun“. Diese Spielzeuge kommen oft aus der Vergangenheit. Es können Erinnerungen, Enttäuschungen, Niederlagen, Verletzungen … sein.

Andere weisen in die Zukunft und machen uns das Leben genauso schwer. Da möchte ich Lebensträume, Hoffnungen, Ängste, Erwartungen, Projektionen … benennen.

Wir besitzen nicht sondern werden besessen.

So wird unserer Lebens-Rucksack, den wir auf unserem Wege mit uns schleppen, immer größer und schwerer. Er und sein Inhalt werden zu unserem Lebens-Ballast, an dem wir schwer tragen.

Eines Tages heiraten wir. Wir feiern Hochzeit.

„Hochzeit“ ist für mich die bewusste Entscheidung – ein abgelegtes Kommitment  – den eigenen Lebensweg mit einem Menschen in einer besonderen Art und Weise gemeinsam zu gehen. Ein gegenseitiges „Komm mit mit mir!“

Es beginnt etwas Neues. So ist eine Hochzeit bestimmt kein schlechter Zeitpunkt, gemeinsam die Rucksäcke zu leeren oder noch besser, sie am Wegrande stehen zu lassen.

Legt Eure Rucksäcke ab!

Denn: Das Leben findet im jetzt und heute statt. Wenn aber Vergangenheit und Zukunft unser Denken und Handeln bestimmen, dann leben wir nicht!

Deshalb geht meine Bitte an das Brautpaar, heute auch darüber nachzudenken, ob und wie Ihr den heutigen Tag dazu nutzen wollt (und könnt), Euch vom Gerümpel der Vergangenheit für die Zukunft frei zu machen. Also:

Damit Ihr jeden Tag Eures Lebens immer mehr in wachsender Freude und mit zunehmenden Mut verbringen könnt!


Einen Teil der hier niedergelegten Gedanken verdanke ich unter anderem dem Buch Ein Tag mit der Liebe von Moshen Charifi, das ich zur Lektüre nur empfehlen kann. Charifi berichtet in diesem Buch in einer wunderbaren achtsamen und „gewaltfreien“ Sprache von einem Dialog von LIEBE und VERLIEBTHEIT, der auf einem gemeinsamen Spaziergang stattfindet.

RMD
Für Katherina und Martin entworfen für den 27. Oktober 2017. Und für alle Menschen auf dieser Welt.

 

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 9. November 2017

Hol‘ dir ein Bier…

  Miriam war ein Luder!

Alle wussten das – auch der Hermann.

Als Jüngster musste er aber den Bauernhof übernehmen. Es war der größte Hof in Erleinsbach, nur arg heruntergekommen und verschuldet!

Bei den sonntäglichen Stammtischrunden in den umliegenden Wirtshäusern, zu denen Hermann schon lange nicht mehr ging, wurde der Zustand dieses Hofes, wenn’s gut lief mit einem „ja der Hermann hat’ s nicht leicht!“ bedacht, begleitet von einem schäbigen Grinsen oder peinlichem Schweigen. Der eine oder andere spuckte sogar aus, wenn dieser Hof genannt wurde.

Hermanns Geschwister waren froh, dass er sich nach jahrelangem Zögern endlich durchgerungen hatte, den Hof zu übernehmen. Von ihnen hätte sich das keiner antun wollen. Sein älterer Bruder Korbinian arbeitete lieber als Tischler im benachbarten Kopfing und Annegret heiratete schon in jungen Jahren auf einen ansehnlicheren, ertragreicheren Bauernhof. Für den Leitnerbauer war Annegret ein Glücksfall: zwar nicht besonders fesch und schnuckelig, vielleicht sogar etwas froschäugig, dafür aber emsig wie eine Honigbiene, wie ihre Schwiegermutter höchst zufrieden anmerkte, wenn sie vor den Nachbar Bäuerinnen glänzen wollte: Annegret konnte zupacken wie keine andere! Kein Heuschober war ihr zu schwer, kein Traktor zu groß, kein Güllewagen zu stinkig und selbst mit ihrem dicken Schwangerschaftsbauch melkte sie alle Kühe und mistete sie die Stallungen aus.

Ein richtiges ‚Arbeitsviech’ ist meine Alte, stellte der rotgesichtige Leitnerbauer, des öfteren zufrieden am Stammtisch fest und prostete den andern mit seinem vollen Bierkrug zu.

Miriam aber – war kein ‚Arbeitsviech’!

Der Hermann heiratete sie trotzdem! Und das, obwohl sie schon ziemlich abgegriffen war und einen unehelichen Balg mit sich herumschleppte, der aber bei ihrer Tante in Grieskirchen gut untergebracht war. Kein Wunder, dass es für Miriam unter diesen Umständen nicht einfach war im Umfeld ihres Heimatortes Natternbach, wo jeder jeden kannte, einen heiratsfähigen Mann zu finden. Der Hermann kam ihr da gerade recht!

Ihren Balg Paula sah Miriam – Gott sei’s gedankt – nur bei Begräbnissen und Hochzeiten. Das reichte! Denn wann immer Paula ihr unter die Augen trat, war Miriam enttäuscht und verärgert, dass sie genau so unansehnlich und ausgefressen daherkam, wie ihr unsäglicher Vater, der nach wie vor als Schlachter in Wels arbeitete: warum hatte Paula nicht wenigstens ein bisschen was von ihr geerbt?

Ja, sie wusste, wie man sich sexy rausputzte und mit hohem Busen und steilen Arsch den Männern den Kopf verdrehte. Ihr schaute jeder Bauernlümmel nach! Aber der Paula? Höchstens ein Blinder, wenn sie ihm was Freundliches zurief…

Hermann mochte Miriams Paula!

Er hatte sie ein paar Mal bei Familienfeierlichkeiten gesehen und ihr da auch gelegentlich auf ihren dicken Arsch geklopft! Freundschaftlich, so dass sie gekichert hat. Ihren grobschlächtigen Vater, den Josef, kannte er natürlich auch – und auf ihre Mutter, die Miriam, war der Hermann, im Gegensatz zu allen anderen, richtiggehend stolz!

Ja – stolz wie ein Pfau!

Nie im Leben hatte er für möglich gehalten, dass so eine fesche ‚Dern’, einen wie ihn zum Mann haben wollte: ihn, der sich kaum zu benehmen wusste, abgerissen  daherkam und nie ausreichend Kohle hatte. Was konnte er, einer wie ihr, schon bieten?

Na ja – immerhin  einen Bauernhof – und jede Menge Drecksarbeit! Und das von morgens bis abends!

Miriam kam aus einer Handwerkerfamilie!

Ihr Vater war Dachdecker gewesen. Ihre Mutter hatte zwar darauf geachtet, dass immer ein kräftiges Essen und zwei Flaschen Bier bereitstanden, wenn er abends abgearbeitet heim kam, konnte aber trotzdem nicht verhindern, dass er eines Vormittags bei Regen von einem der steilen Kirchendächer rutschte und mausetot war. Genickbruch – und mehrfacher Wirbelsäulenbruch!

Fortan musste Miriams Mutter durch Putzen und Kochen für andere, sich und ihre Tochter, die immer deutlicher zu einem hübschen, drallen Ding heranwuchs, alleine durchbringen. Kein Wunder, dass sich diese Miriam schwor, unbedingt einmal einen Mann zu heiraten, der ihr mehr bieten konnte, als ihr tollpatschiger Vater ihrer Mutter, oder dieser fette Josef, der ihr im Vollrausch die Paula angedreht hatte, aber kaum den Unterhalt zahlen konnte.

Und auf gar keinen Fall war sie bereit, hinter anderen Leuten her zu putzen, wie ihre Mutter das nun Jahr und Tag machen musste. Das war nichts für sie, nein, lieber blieb sie alleine und vertrocknete langsam  – wie ihre Mutter prophezeit hatte!

Vielleicht wirkte Miriam ja gerade deshalb auf Hermann so anziehend, weil sie weder wie eine Bäuerin aussah, noch eine werden wollte?

Ein gewisser Hang, sich besser zu fühlen als Andere, war Hermann immer zu Eigen gewesen. Selbst in der Schule schon. Korbinian und Annegret waren ähnlich und wurden von den anderen Bauern auch oft ausgegrenzt.

Hermann bewunderte vor allem Miriams samtene, helle Haut! Ihr Gesicht zeigte nie die für Bauersfrauen üblichen Frostflecken, die beim Tanzen aufglühten. Sie verstand sich zu kleiden und hätte gut und gerne eine Verkäuferin in Linz sein können.

Über seine ständige Verkündigung gegenüber seinen Geschwistern und anderen Dummschwätzern, dass er sich aus dieser ‚Dachdecker – Miriam’ einen Scheißdreck mache, übersah Hermann, trotz etlicher Warnungen, vermutlich den entscheidenden Moment: denn für alle überraschend, stand er eines Tages, ausgerechnet während der Erntezeit, mit Miriam vor dem Traualtar!

Vom ersten Tag an machte sie ihrem nicht wirklich erstaunten Hermann klar, dass sie nicht im Traum daran dachte, für ihn die Bäuerin zu spielen und ihm vielleicht später auch noch den Arsch abzuwischen.

Miriam hatte andere Pläne und sorgte dafür, schleunigst ins Grundbuch von Hermanns Hof eingetragen zu werden, um endlich den Kredit von der Sparkasse in Grieskirchen zu bekommen, den sie für die Erfüllung ihres Lebenstraumes, nämlich die Eröffnung einer Bar in Wels, benötigte!

Ihr Berater aus der Sparkasse, hatte ihr in sehr persönlichen Gesprächen, die Goldgrube, die da auf sie wartete, aufs Eindringlichste ausgemalt, wenn sie die Sache mit ihm und der entsprechenden Power anginge und sich nicht von ihrem ewig müden Hermännchen dreinreden ließe.

Der Bauernhof als Sicherheit mache alles möglich, versicherte der tüchtige Mann aus der Sparkasse und Miriam tat mit ihren feschen Dirndln ihr Bestes, um ihn in der Spur zu halten!

Allerdings nicht lange, dann waren zwar die Dirndln immer noch in einem prima Zustand, da sie häufig doch bloß in Unterwäsche oder noch weniger arbeitete, aber der Bartraum war ausgeträumt und sie hatte sich ein paar unschöne ‚Kratzer’ mehr eingefangen. Dank ihrer Jugend ließen sich diese jedoch immer noch leidlich kaschieren, wenn sie angezogen war und volle Kriegsbemalung angelegt hatte.

Außerdem war Miriam nicht dumm, sie hatte von ihrem Bankberater zwischen allem Geschmuse, schweißtreibendem Gestöhne und der einen oder anderen Ohrfeige schnell gelernt, wie man einen Notgroschen, selbst bei schwierigstem Seegang, in diversen Steuerparadiesen in Sicherheit bringen konnte.

Und Dario, den sie im ‚Rosenstüberl’ in Linz kennen gelernt hatte, zeigte ihr schon bald nach dem komischen Sparkassenhengst, was sie mit diesem Notgroschen in Südspanien anstellen konnte.

Da Hermanns schäbiger Bauernhof nie das von ihm vorgegaukelte Geld abgeworfen hatte, geschah ihm nur Recht, wenn er jetzt auf den aufgelaufenen Schulden sitzen blieb!

Ihr sei jedenfalls ihre Zeit zu kostbar, um mit so einem wie ihn, die besten Jahre ihres Lebens zu verplempern, rief sie Hermann zu, als Dario ihr ein Ultimatum stellte, endlich zur Sache zu kommen und mit ihm abzuhauen.

So wie er, Hermann, wirtschafte und einen Bockmist nach dem anderen baue, würde er in diesem ‚Saustall von Bauernhof’ selbst in hundert Jahren noch kein Bein auf den Boden bringen, fauchte sie ihn in ihrem roten Hosenanzug von der Haustür‘ her an, während Hermann im Hof den frisch ausgefahrenen Stallmist von seinem Schubkarren in immer höheren Bögen auf den Misthaufen donnerte – und wie immer schwieg!

„Warum schmeißt du dich nicht gleich selbst auf den Misthaufen, Hermann? Das ist doch der richtige Platz für so einen Versager wie du einer bist“, kreischte sie hysterisch und dampfte in seinem hoch betagten Mercedes vom Hof, auf dem es nur noch drei Schweine, zwei alte Kühe und ein Schaf gab, sowie einen Rest an Heu und Stroh, der schon zu schimmeln begann; alle anderen Erträge waren bereits unmittelbar nach der Ernte verkauft worden, um wenigstens die dringlichsten Zahlungen an die Sparkasse tätigen zu können.

Im innersten seines Herzens stimmte Hermann Miriams Einschätzung sogar zu, wenngleich ihr Weggehen – auf diese schäbige Art – ihn innerlich zerriss.

Ohne nachzudenken versuchte Hermann nach diesem Desaster mit Miriam einfach weiter zu werkeln wie bisher: tagsüber arbeitete er für Bekannte in Nachbargemeinden im Pfusch als Maurer, und abends krabbelte er lustlos, mit erbärmlicher Laune, aber jeder Menge Bier, auf den schäbigen Resten seines Hofes herum.

Gelegentlich kam wenigstens seine Schwester Annegret vorbei, wusch ihm die Wäsche, putzte die Küche und zweimal im Jahr die Fenster in der Schlafkammer und der großen Stube. Ohne sie wäre er gänzlich in seinem Dreck erstickt.

Als einziger Lichtblick in dieser Trostlosigkeit blieb Hermann nur – Miriams Paula –  die aus irgendeinem unerfindlichen Grund einen Narren an ihm gefressen zu haben schien – oder die einfach bloß ihre blöde Mutter ärgern wollte!

Jedenfalls, kam Paulaschätzchen, wie er sie nannte, nach wie vor, alle paar Monate aus Grieskirchen in ihrem VW Polo unangemeldet angerauscht – und blieb so lange oder kurz, wie es ihr beliebte – und der griesgrämige Hermann lebte jedes Mal schlagartig auf: Er rasierte sich dann sogar, wusch sich, zog ein sauberes Hemd über, schlüpfte in eine seiner zwei Jeans und fuhr mit Paulaschätzchen nach Natternbach einkaufen, da sie für ihn abends immer was Feines kochte und anschließend Bier und Eierlikör mit ihm trank. Sie plapperte auch von ihrer Arbeit als Friseurin munter daher, erkundigte sich ausführlich nach seinen Wehwehchen und schaute jeden Blödsinn im Fernsehen mit ihm an, den er sehen wollte.

Und dreimal im Jahr konnte sie ihn sogar dazu bringen, sich von ihr die Haare schneiden zu lassen, was immer in einem unheimlichen Gewusel und Gelächter endete, insbesondere wenn sie trotz heftigstem Widerstand von seiner Seite, sich genüsslich über die üppigen Haarbüschel in Ohren und Nasenlöchern machte.

Auch den Wildwuchs über den Augen zähmte sie! Und bei seinem mehr als schütteren Haupthaar, gab es buchstäblich bei jedem Haar heftigste Diskussions- und Kicherrunden bezüglich der angemessenen Schnittlänge. Und wenn ihm danach erschöpft die Augen zufielen, lotste sie ihn auch noch in seine stickige Schlafkammer neben der großen Stube, bevor sie sich in ihr Auto schwang und wieder abdampfte…

Von ihrer Mutter sprachen beide nie – das war eine unausgesprochene, stille Vereinbarung, die strikt eingehalten wurde, egal wie stark sie sich zugedröhnt hatten.

 

Doch dann stand Miriam nach gefühlten Hundert Jahren – an einem Abend im November – trotzdem in der großen Stube! Windschief wie ein verzogener Kleiderschrank und ausgetrocknet wie ihre bereits tote Mutter…

Scheu sagte sie,

„Grüß dich Hermann!“

Der aufgedunsene Hermann – mit maroder Hüfte und wehem Knie –  lag seltsam verrenkt auf dem Sofa vor dem Fernseher, schaute kurz zu ihr hin, nahm einen langen Schluck aus einer der Bierflaschen, die griffbereit am Boden neben dem Sofa standen und fixierte ausschließlich den Bildschirm…

„Kennst’ mich nimmer, Hermann?“

„Schon!“

„Und sagst nichts?“

„Naa…“!

„Darf ich mich setzen…?“

„Nimm dir den Hocker beim Ofen.“

„Danke, Hermann.“

„Und hol dir ein Bier!“

„Ich mag kein Bier mehr, Hermann!“

„Auf einmal?“

„Fragst nicht warum?“

„Wirst mir’s schon sagen!“

„Ich! – ich – ich – hab Krebs…!“

„Bin ich daran auch Schuld?“

„Naa – deswegen komm ich auch nicht…“

„Warum denn?“

„Weil ich nicht weiß wo ich hin soll?“

„Wieso?“

„Weil ich mich schäm’ – für alles!“

„Schau, schau…“!

„Ja ich schäm’ mich wirklich, Hermann.“

„Vor wem?“

„Vor deinen Geschwistern – und der Paula – und den Anderen.“

„Und vor mir nicht?“

„Nein, Hermann, vor dir nicht!“

„Aha.“

„Ist aber so…“

„Na ja – wenn’ st – meinst?

„Ja, mein’ ich…“

„Schaust nicht gut aus!

„Weiß ich, Hermann!“

„Hast einen Hunger…?“

„Nein – ich kann nichts Normales mehr essen.“

„Wo fehlt’s denn?“

„In die Därm…!“

„Hm – versteh…“

„Ich hab keine Kraft mehr…“

„Ich auch nicht!“

„Du Depp – bei mir ist es wirklich so…“

„Bei mir auch…“

„Schickst mich weg?“

„Naa – mach dir’s Bett in unserer Kammer, wenn’st magst!“

„Danke, Hermann“..

„Du weißt ja wo alles ist?“

„Ja – Hermann…“

„Wenn’st willst helf’ ich dir …?“

„Geht schon, trink nur dein Bier aus…“

„Okay“…

Als Miriam ihr Teil im vereinsamten Ehebett überzogen und fertig gemacht hatte, legte sie sich hinein, zog sich die Bettdecke über den Kopf und stand von dem Tag an nicht mehr auf.

Und als sie selbst am Heiligen Abend vor Schmerzen immer wieder aufstöhnte und kurze Schreie ausstieß, streichelte Hermann sie mit seinen schwieligen Händen  – bis sie ganz still wurde…

KH

Roland Dürre
Sonntag, der 13. August 2017

Mein erstes „Coming Out“

Heute als „Wort zum Sonntag“!

Es wird wirklich Zeit, Muster und Tabus zu brechen. So beginne ich jetzt damit. Auch im IF-Blog. Zuerst Mal im Kleinen und ganz sanft … Aber es kann ja noch werden.

Zu meiner Vorstellung: Ich bin ein männliches Säugetier. Von der Art „Mensch“. Menschen sind Nachkommen der Menschenartigen, die sich mal aus irgendwelchen Affen entwickelt haben. Die man – für mich unverständlicher Weise – im Gegensatz zu den so klugen und schönen Elefanten, Rindern oder Schweinen auch als „Primaten“ bezeichnet.

Männliche Säugetiere haben ein Geschlechtsteil. So auch ich. Ein männliches Geschlechtsteil hat viele Nachteile. Einer der vielleicht sogar harmloseren ist das Ewige „Wohin damit?“.

Selfie unter schwierigen Bedingungen – aber garantiert ohne Unterhose!

So hat „homo sapiens“ die Unterhose erfunden. Und die Unterwäsche-Industrie gegründet, die jetzt mit Unterhosen richtig gut Kohle verdient. Bekleidung wurde zu einer moralischen Sache („das gehört sich so“ oder „so geht das nicht“). So entstand unter anderem die Moral, die besagt, dass man (besonders Mann) ohne Unterhose nicht herum laufen darf.

Nur – Unterhosen engen ein. Allerdings engen Hosen noch mehr ein. Und dann kann es ohne Unterhose auch mal weh tun. Man denke nur an die Lederhose. Mit Unterhose kann es übrigens auch ab und zu weh tun.

Für die männlichen Menschen entstand eine besondere Unterhosen-Tragepflicht. Frauen trugen Röcke. Bei den Damen war „ohne Unterhose“ schon eher möglich. Bei ihnen ging das als erotische Frechheit durch, was bei den Herren undenkbar war.

So habe ich mindestens 50 Jahre brav meine Unterhose getragen und wenn möglich täglich gewechselt.

Vor vielleicht zehn Jahren habe ich in Indien das Ganzkörperkleid für Männer entdeckt. Könnte sein, dass man es Kaftan nennt. Davon habe ich mir zwei erworben (einen grünen und einen blauen) und diese gerne besonders im Sommer an Stelle des Bademantels genutzt. Und schnell verstanden, dass man unter so einem Kaftan keine Unterhose tragen muss. Und habe plötzlich ein völlig neues Wohlgefühl erlebt. Jetzt ist alles so frei – und zentriert.

Hans Söllner beim Sinnflut-Festival in Erding, 2004, hier noch mit Hose.
(dkeppner@freenet.de)
GNU Free Documentation License, aus Wikipedia

Da ich feige bin, gehe ich mit meinem Kaftan nur ganz selten ohne Unterhose in die Öffentlichkeit. Auch weil ich naiver Weise dachte, dass ich der einzige Mann bin, der gerne ohne Unterhose rumläuft.

So wie wir Männer halt sind. Weil wir immer denken, wir wären der Mittelpunkt dieser Welt und kämen nur als einzigster auf die guten Ideen. Aber dem ist nicht so.

Denn dann kam das Bayern-Sound-Festival, bei dem ich dabei sein durfte. Und da spielte der Söllner Hans. Er trat im Rock auf. Und betonte, dass er „garantiert unterhosenfrei“ sei.

Der Hans hatte noch weitere gute Argumente für den Rock ohne Unterhose. Er meinte, dass er es denen einfacher machen möchte, die ihn nur noch „am Arsch lecken“ könnten. Und dass diese rapide immer mehr werden würden.

Mir geht es ähnlich: Auch bei mir werden die, die „mich am Arsch lecken können“ immer mehr. Besonders dann, wenn sie vergessen, dass sie auch nur Säugetiere und nicht als Systemagenten geboren worden sind. Und sich dann auch noch so richtig „aufmanteln“ und selber als ganz tolle Helden empfinden. Dann können sie mich wirklich …

RMD

Hans Bonfigt
Freitag, der 21. Juli 2017

The Power and the Glory

Als kleiner Junge fand ich Mädchenspielsachen doof – mit einer Ausnahme: Das „Ministeck“ – Spiel meiner Schwester Susanne.

Die Rasterung fand ich so sensationell: Man konnte in eine große äquidistante Lochrasterplatte verschieden farbige Steckknöpfe drücken und so beliebige Geometrieen erzeugen.

Der Clou: War der Betrachtungsabstand groß genug, dann sah man das Raster nicht, die Kanten, auch wenn sie winklig waren, sahen geradlinig aus. Kreise, obwohl im Raster angenähert, wirkten rund.

Natürlich (also: natürlich für die 60er Jahre) erklärte mir mein Vater auch, wie ein Fernsehbild aufgebaut war: Nämlich als Raster.

Im Bildbeispiel sieht man ein vermittels einer Nipkow-Scheibe erzeugtes „Fernsehbild“.

Der Gedanke, man könne alle Dinge dieser Welt in einen (dreidimensionalen) Raster beschreiben, sofern man nur die Rasterdistanz klein genug machte, faszinierte mich.

Vielleicht etwas zu früh las ich zu jener Zeit Karl-Alois Schenzingers „Atom“, und ja, es fängt damit an, daß Griechen in der Antike darüber diskutieren, ob es ein ‚atomos‘, ein „Unteilbares“ gebe, eine Art gemeinsames Grundmaß. Und die Bewegung eines Pfeils, so wurde nahegelegt, könne man auch betrachten als die Summe fortgesetzter einzelner Status, verschoben um eine oder mehrere dieser „Elementarmaße“.

In der Schule hatten wir erst Brüche, die meiner „Rastertheorie“ nicht widersprachen, dann gab es auf einmal Pi, aber man legte uns zunächst nahe, die Zahl als 22/7 anzunähern. Auch die Sache mit den Quadratwurzeln fand ich spannend, schon allein wegen des praktischen Nutzwertes. Daß diese meine kleine heile Welt ins Wanken bringen würden, kam mir nicht in den Sinn.

Meine kleine Welt war einfach und berechenbar.
Bis zu jener Mathematikstunde.

Mathematiklehrer Günter Skwirblies wollte von uns wissen, wie man denn eine Rechenvorschrift formulieren könnte, um die Quadratwurzel einer beliebigen Zahl zu berechnen.

Eigentlich fing es ganz ruhig und „rasterhaft“ an, einer der beiden Cracks im Kurs schlug vor:
„Legen wir doch einfach ein sinnvolles Intervall fest, innerhalb dessen sich das Ergebnis befinden muß, die initiale Annahme für das Ergebnis sei dann der Mittelwert der Intervallgrenzen.
Um das Ergebnis für die Wurzel aus 16 zu ermitteln, nehmen wir also Null als linke und die 16 als rechte Grenze und bilden den Mittelwert 8. Den quadrieren wir zur Probe – hui, 64 ist größer als 16, also halbieren wir das Intervall und nehmen die 8 als rechte Grenze:
Mittelwert rechts – links ist 4, 4 x 4 = 16 —> Heureka, paßt schon beim 2. Versuch!
Jetzt mit 100:
x1 = 50, 50×50 > 100, neues Intervall [0 50].
x2 = 25, 25×25 > 100, neues Intervall [0 25].
x3 = 12,5, 12,5×12,5 > 100, neues Intervall [0 12.5].
x4 = 6,25, 6,25×6,25 < 100, neues Intervall [6,25 12,5].
x5 = 9,375, 9,375×9,375 < 100, neues Intervall [9,375 12,5].
x6 = 10,9375, 10,9375×10,9375 > 100, neues Intervall [9,375 10,9375]
x7 = 10,15625, 10,15625×10,15625 > 100, neues Intervall [9,375 10,15625]
x8 = 9,76525, …

Wir nähern uns also mit der Genauigkeit I/2, I/4, I/8, I/16, I/32 … denn wir halbieren mit jedem Schritt unsere „Streuung“.

Und für mich war klar: Jeder der bislang ermittelten Quotienten war ein ganzes Vielfaches meines bisher als „irgendwie“ existent geglaubten „Rastermaßes“. Als Lerngruppe fanden wir die Leistung unseres Mitschülers Oliver Hierlein auch beträchtlich!
Eine schöne Rechenvorschrift, und ich konnte mir vorstellen, daß diese ganz modernen, soeben herausgekommen Tischrechner mit Wurzelfunktion genau so arbeiten würden.

The Kick Inside

Im Gegensatz zu uns war der Lehrer aber nicht zufrieden.
„Ihr müßt das Sichtbare umdenken, um ins Mögliche vorzustoßen“.

Und er malte an die Tafel,

gesucht:       sqrt(a) = x

äquivalent:   a = x²

wenn            a = x² ,

dann             a / x   =   x .

Und da spürte ich den Dammbruch. Es durchfuhr mich wie eine Art Schock, wie wenn man man eine Sekunde zu spät bemerkt, daß man ein wertvolles Gepäckstück im gerade anfahrenden Zug liegen gelassen hat:
Wäre x das genaue Ergebnis, würde die Gleichung stimmen.
Wäre das x auf der linken Seite zu klein, wäre es auf der rechten zu groß.
Wäre x auf der linken Seite viel zu klein, wäre es auf der rechten Seite viel zu groß.

Man würde also mit einem beliebigen Wert beginnen können und schon durch die Division auf der linken Seite einen „Komplementär“-Wert erhalten. Der eine zu klein, der andere zu groß, das schreit nach einem arithmetischen Mittel!

Also, once again, with feeling:

Start mit x=50 (viel zu groß),
100/50 = 2; Mittelwert 26
100/26= 3,846, Mittelwert 14,923
100/14,923 = 6,71, Mittelwert 10,812
Die vierte Näherung lag schon bei 10,03 !
Das war aber nicht alles.
Dieses schnelle, „zweierpotenz-unabhängige“ Konvergieren der Iteration ließ mich spüren, „es gibt da wohl noch etwas außerhalb einen auch noch so feinen Rasters“.

Die Kraft und die Herrlichkeit

Die Etappen der vergangenen 90 Minuten wurden dann noch einmal von einer Mitschülerin wiederholt, „Intervallschachtelung versus schnell konvergierenden Algorithmus“ und, pragmatisch wie Frauen nun einmal sind, fand sie die Intervallschachtelung viel nützlicher, weil universeller. Das brachte mich in Rage und ich sagte, „Das eine ist das Schleppnetz der Phantasielosen — aber das andere ist die Kraft und die Herrlichkeit“. Das tat ich auch in Anspielung auf das Buch von Graham Greene, welches wir im Deutschunterricht unlängst gelesen hatten.
„Die Kraft und die Herrlichkeit“ – vor der Klasse gab das ein fürchterliches Gelächter und mir war der emotionale Ausbruch sehr peinlich.
Aber geschämt habe ich mich nicht dafür. Denn ich habe damals instinktiv gespürt, was für eine unglaubliche Macht hinter einem einzigen Algorithmus stecken kann.

Um die Sache zu einem Ende zu bringen:
Meinem Vater trotzte ich einen programmierbaren Taschenrechner ab. Und ich wollte keinen Müll von Texas Instruments. Und tatsächlich kaufte mir mein Vater, dem es zu dieser Zeit wirtschaftlich wirklich nicht gut ging, einen HP19C.

Jugendliebe mit 14:  Hewlett-Packard 19C von 1974

Erst heute kann ich ermessen, was das heißt, Mitte der siebziger Jahre für eines von zwei Kindern 948 Mark auszugeben — das wären heute 4.000,– Euro. Ich bin ihm dafür sehr dankbar, er spürte, daß er mir in Mathematik nicht mehr, wie bisher, weiterhelfen konnte und ließ mich meiner Wege ziehen – aber nicht, ohne mir Rüstzeug und viel Liebe mit auf den Weg zu geben.

Diesen Taschenrechner besitze ich noch heute und selbstverständlich funktioniert er auch noch. Und die ‚ENTER‘ – Taste hat immer noch die charakteristische, präzise Haptik wie 1974.

Das Finden von Algorithmen ist mein Beruf geworden. Es tut mir leid, dem (von mir außerordentlich geschätzten) Chris Wood sagen zu müssen, daß, im Gegensatz zu seiner kürzlich geäußerten Ansicht, ich gar keine Lust habe, irgendwelchen Mist hergelaufener ‚Game&Graphics‘ – Hanseln zu optimieren.
„Arbeiten“ an Videospielen oder gar an „Tabellenkalkulationen“ halte ich eines Mannes für unwürdig.

Eben weil der programmierbare Taschenrechner so langsam und so begrenzt war, war ich auf Algorithmen angewiesen, die möglichst effizient waren. Und deren Entwurf kann man lernen.

Sparsamkeit ist keine Dagobertianische Neurose.
Sparsamkeit ist die Mutter der Effizienz.

Und der Vater der Effizienz ist die Strategie. Mann kann nicht mit „Power“ oder Geschwindigkeit das wettmachen, was man bei der Bestimmung der Richtung versaut hat.

Und aus diesem Grunde brauchen wir genau kein Internet an Schulen, kein „WLAN“ und keine Superrechner. Wir brauchen etwas anderes: Neulich sah ich eine Dame namens „Gesche Jost“, „Internetbotschafterin“ der Bundesregierung. „Oh Gott, noch so eine Yoga-Bewußtseinstante“, denke ich mir und will den Fernseher abschalten — aber weit gefehlt: Die Dame stellte einen universellen Einplatinenrechner vor, den „Calliope“.

Abgeguckt hat man dieses Gerät vom BBC Micro:BIT, aber hey, besser gut abgeschaut als grün selbst erfunden.
Es handelt sich in beiden Fällen um ein System, mit dessen Prozessor man direkt kommunizieren kann und der gnadenlos genau das ausführt, was man ihm eingibt. Man kann mit solchen Geräten spielerisch begreifen, wie so ein Computer „gestrickt“ ist und gleichzeitig viele Probleme lösen. Das ganze zu einem phantastisch günstigen Preis!
DAS ist Lehrmaterial zum Anfassen, das regt die Phantasie an – ganz im Gegensatz zum verschwulten „Ipad“, bei dem alles darauf abgestellt ist, einen dummen, unmündigen, charakterlosen Opportunisten zu sedieren.  Wenn ich mir die „Produkte“ von Apple ansehe, dann muß ich immer an „The Wall“ von Pink Floyd denken, „I have become comfortably numb“.

Wir brauchen mehr von diesen einfachen, effizienten Werkzeugen, anhand derer Pädagogen nachvollziehbar zeigen können, wie schwachsinnig „JAVA“ ist. Und es gibt dieses Gerätchen nicht nicht nur in Blau, für Jungs, sondern auch in Rosa, für Mädchen!

Als die Formeln laufen lernten

Doch so ein kleines von-Neumann – Maschinchen ist nie Selbstzweck. Es macht eine Summenformel lebendig, es läßt Iterationen konvergieren – oder eben nicht. Man kann alle Zwischenergebnisse ansehen und das Maschinchen auch anweisen, unter ganz bestimmten Bedingungen zu stoppen.
Sicher:
Viele Aspekte der Computertechnik kann man in der „Wikiblödia“ nachschlagen, aber das ersetzt NIEMALS eigene Erfahrungen!
Wenn ich, um Zeit zu sparen, irgendetwas aus der „Wikipedia“ verwende, dann ist der Pfusch schon vorprogrammiert, weil ich etwas umsetze, das ich nicht verstanden habe.

Die Freude und das Glücksgefühl, wenn ein selbsterstelltes Programm funktioniert, wenn eine selbstentwickelte Schaltung zum Leben erwacht, sind einzigartig. Was tun mir die ganzen „Geisteswissenschaftler“ leid, da arbeiten sie teilweise jahrelang an einer Dissertation und nachher werden sie niemals, niemals wissen, ob sie mit ihren Vermutungen richtig lagen.   Gut, bei vielen kann man das ja auch als Gnade betrachten.

Was von den Vätern Du ererbt,  erwirb‘ es, um es zu besitzen

Wenn wir einmal junge Musikerinnen betrachten, nehmen wir jetzt einmal Alice Sara Ott, Julia Fischer oder Sophie Pacini: Das sind drei junge Frauen, die als kleine Kinder von intelligenten, liebevollen Eltern individuell gefördert wurden. Es sind aber auch Menschen, die eigene Wege gegangen sind, Frau Fischer ist legendär für ihre Dispute mit diversen Dirigenten und Sophie Pacinis Chopin – Interpretationen sind, ähmmm, außergewöhnlich.
Aber die Waldsteinsonate spielt sie bereits jetzt, in jugendlichem Alter, authentischer als ihre berühmte Mentorin Marta Argerich. Das bestimmt auch deswegen, weil sie Barockmusik im allgemeinen und Beethoven im speziellen umfassend studiert hat.

Aber bei all ihrer Virtuosität sind alle drei jungen Frauen fröhliche, aufgeschlossene und humorvolle Menschen geblieben.

Wenn man sich freut, solche Menschen zu seinen Zeitgenossen zu zählen, dann sollte der Dank auch ein kleines bißchen an die Eltern gehen. Denn die Erziehung der Kinder wird vor allen Dingen von diesen wahrgenommen. Und ein Kind kostet viel, viel Geld.

Wenn man sich dagegen ansieht, wie in anderen „Kulturräumen“ Kinder quasi am Fließband produziert und dann weitestgehend sich selbst überlassen werden, dann ahnt man, woher das unmöglich dreiste, intolerante und fremdbestimmte Handeln der „unbehandelten Rohdiamanten“ herrührt.

Und das macht mich richtig traurig: „Kinder kommen nicht auf andere Leute“, pflegten in meiner Kindheit viele Älteren zu sagen und meinten damit: „Asoziale Eltern, asoziale Kinder“. Dagegen habe ich vierzig Jahre opponiert. Vehement opponiert. Und warum opponiert man besonders vehement? Weil man sich vor allem selbst von der Unwahrheit überzeugen will. Die Unwahrheit ist laut, die Wahrheit ist leise.  Die Traurigkeit auch.

Die Geschichte mit dem Algorithmus will ich noch weitererzählen und um einige historische Informationen ergänzen. Der beschriebene, schnell konvergierende Algorithmus entstammt aus einem Lehrbuch des bekannten Heron von Alexandria, war aber wohl schon weitaus früher bekannt.

Isaac Newton fand später einen allgemeinen Algorithmus zur Lösung von beliebigen Gleichungen von der Form f(x) = 0 .
Das Verfahren ist ebeno genial wie einleuchtend:
Auch hier wird ein initialer Wert bestimmt. Die nächste Näherung ist der Schnittpunkt der Tangente an die Funktion durch den Punkt (x|f(x)) mit der x-Achse. Diese „geometrisch“ hergeleitete Näherung wäre rechnerisch x – f(x) / f'(x).
Im Falle von f(x) = x² – a , also unserer ursprünglichen Aufgabenstellung, erhalten wir für x(neu):

x – (x²-a) / 2x =
x – x/2 + a/2x =
1/2x + 1/2 a/x =

1/2 (x + a/x) .

Und damit erhalten wir exakt die gleiche Rechenvorschrift, wie sie Heron vor etwa 2.000 Jahren formuliert hat!

Die Angelegenheit mit der ersten Ableitung, dem Differenzenquotienten und dem cleveren Trick, dessen Nenner gegen Null konvergieren zu lassen, überzeugte mich als Heranwachsenden schließlich doch, daß es eine Welt geben mußte jenseits des idealisierten „Ministeck“ meiner Schwester.

Und wieder war es der Taschenrechner, der mich bei meinen Erkundungen in diese Welt begleitete. Ich habe von dem kleinen Gerät sofort profitiert und tue es noch heute.

Aber so nobel dieses Geschenk auch war, so viele Algorithmen ich in der Folge auf dem Gerät implementierte:

Am Anfang war Mathematiklehrer Günter Skwirblies mit seinem Satz, „Ihr müßt das Sichtbare umdenken, um ins Mögliche vorzustoßen“.

-hb,
in Dankbarkeit.

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 18. Mai 2017

Der Sturz

Ich weiß nicht mehr, wer mir diese Geschichte erzählt hat. Vielleicht der Reiseführer auf der Fahrt ins ‚Manrique Museum’? Oder diese Geologieprofessorin aus Brandenburg? Seit acht Jahren kommt sie im März ins ‚Lanzarote Park Hotel’ in Playa Blanca und liest auch spanische Tageszeitungen, nicht nur dieses dämliche Inselmagazin Lanzarote 37°. Oder hat mir sogar Pedro diese Geschichte als eine seiner nicht zu überbietenden ‚Sprachensalat ’- Variationen an der Pool-Bar serviert?

Ich weiß es nicht mehr…

Aber immer ging’s um diesen zahnlosen Straßenmusikanten!

Ein Schandfleck auf der endlosen meeresnahen Promenade im Südwesten von Lanzarote. So verdreckt und unappetitlich sollte der da nicht sitzen dürfen. Das geht nicht! Nicht auf dieser fantastischen EU–finanzierten Promenade! Auf der bis tief in die Nacht hinein hunderte von Menschen pilgern.

Dieser ‚musizierende Drecksack’ lungert ja nicht nur auf seinem rostigen Klappstuhl vor der letzten Brache an der Promenade herum, wo man ihn kaum wahrnehmen würde, sondern neuerdings fast ausschließlich an der gemauerten Promenadenbrüstung.

Was für ein Auftritt da: ein ‚musizierender Müllhaufen’ vor dem sonnenbestrahlten ewig glitzernden Meer! Mit einem schmierigen Hut am Boden und einem Käppi auf sonnenverbranntem Schädel! Und zwei Triefaugen wie Pfützen…

Meist sabbert er in eine Melodica – eine Art Tastenflöte – aus der immer die gleiche Melodie kriecht. Doch seltsam anrührend! Das muss man ihm lassen. Vielleicht ist es sogar etwas von Mozart? Wenngleich es zu schwermütig sein mag? Leider konnte ich das nie herausfinden.

Als der Konzertsaal in Jameos del Agua in der „Lavablase“ vor sieben Jahren geschlossen worden war, weil Steine aus der Decke fielen, spielte dieser Schandfleck auch schon auf der Promenade in Playa Blanca. Damals soll er sogar ein ziemlich reichhaltiges musikalisches Portfolio gehabt haben.

Und während das Vulkangestein über der Decke mit speziellen Harzen verklebt wurde, saß er auch jeden Tag da. Von den sechs Millionen Euro, die das gekostet haben soll, verlor sich vielleicht sogar der eine oder andere Cent in seinen schäbigen Hut. Wer konnte das schon wissen? Der ‚musizierende Müllhaufen’  sicherlich nicht.

Und dieses Einweihungskonzert anlässlich der festlichen Neueröffnung des renovierten Konzertsaales in Jameos del Agua  ging bestimmt auch vollkommen an ihm vorbei, ebenso die Tatsache, dass der berühmte englische Dirigent John Miguel Smith dirigieren würde und sich sogar Vertreter des spanischen Königshauses angesagt hatten.

Doch dass dieser höchst eitle John Miguel Smith mit seiner viel zu jungen Begleiterin ausgerechnet einen Tag vor diesem pompös angekündigten Eröffnungskonzert vor ihm – dem ‚musizierenden Drecksack’ – ganz blöd gestolpert und im wahrsten Sinn des Wortes in voller Länge hingedonnert war, das hatte er mitbekommen.

Und die spanischen Flüche des feinen Engländers vermutlich auch!

Dabei hatte Betty noch, „attention John“, gerufen, da er offensichtlich eine seltsam einschmeichelnde Melodie wieder erkannte und nur noch Augen für den zerlumpten Verursacher dieser Melodie hatte – aber da war es schon zu spät! Er klatschte in voller Länge auf das gediegene braune Pflaster der Promenade hier in Playa Blanca…

Schimpfend sprang er sofort wieder hoch, begutachtete entsetzt seine grässlich aufgeschürften Hände und Ellbogen, bewegte wie ein Wahnsinniger seine malträtierten Finger und strich immer wieder kopfschüttelnd über das am Bauch aufgerissene blutige T-Shirt.

Dass er sich beim Sturz auch das klobige silberne griechische Knotenkreuz vom Hals gerissen hatte, merkte er erst, als Betty es ihm mit Tränen in den Augen entgegenhielt. Wie ein Greifvogel schnappte er zu und warf es dem vor Entsetzten erstarrten Straßenmusikanten in seinen schmierigen Hut.

Hastig zog er Betty mit sich fort, um schnellstens der aufgeschreckten, gaffenden Menschenmenge zu entkommen. Seine einzige Sorge galt wohl nur noch dem morgigen Eröffnungskonzert in der „Lavablase“! In Jameos del Agua! Und seinen zerschundenen Armen, dem aufgeschürften Bauch, den blutenden Händen und seinem aufgeschlagenem Kinn. Und hoffentlich hatte ihn niemand erkannt – ihn, den berühmten John Miguel Smith, als er wie ein hingeknallter Frosch bäuchlings die Promenade küsste…

Welch eine Demütigung!

In mindestens einem Fall schien sich allerdings diese Hoffnung nicht erfüllt zu haben: denn als der ‚musizierende Müllhaufen’ seine Schockstarre überwunden hatte und nach dem Kreuz zwischen den wenigen Münzen in seinem Hut fingerte, ging urplötzlich ein seltsames Leuchten über sein vom Alkohol zerstörtes Gesicht, ein Leuchten, das auch noch anhielt, als sich das zahnlose Maul auftat und ein fragendes „Miguel?“ herausdrang…

Und dann wieder: „Miguel – Miguel,  bist du’s?“

Immer aufgeregter wurde der Straßenmusikant, immer panischer,er ließ die vor Schmutz starrende Melodica fallen und drückte auch mit seiner linken Pranke an dem Silberkreuz herum – und immer wieder krächzte er: „Miguel !…Miguel !!…Miguel…!!!“

Aber John Miguel Smith war längst  außer Sicht- und Hörweite, ja er hetzte  wie ein weidwundes Tier mit seiner vollkommen aufgelösten Begleitung die Promenade entlang, um sich schnellstens in seinem Unterschlupf im Hotel Vulcano zu verkriechen!

Da der berühmte Dirigent Smith bekanntermaßen sich jedes Herumschnüffeln in seiner Vita verbat und erbarmungslos sämtliche noch so geringfügige öffentliche Vermutungen beklagte, verhallten auch diese verzweifelten Rufe des alten Mannes im Geplätscher des an der Lavaküste züngelnden Meeres nahe der Promenadenbrüstung.

Trotzdem hatte ich, wie gesagt, irgendwo aufgeschnappt, dass der Straßenmusikant deshalb, und nur deshalb seit damals, diese eine besagte ‚einschmeichelnde Melodie’, die ich bis heute nicht identifizieren konnte, spielt, da er immer noch hofft, sein Miguel – um den er sich als Kind einen Dreck geschert, ja ihn sogar zur Adoption freigegeben hatte – doch noch eines Tages vorbei kommt, und ihn, seinen angeblichen Vater, auf einen Brandy ‚Carlos III’ einlädt…

Ob es wirklich der ‚Carlos III’ ist, von dem dieser vermüllte ‚Musikus’ träumt, dafür möchte ich mich allerdings nicht verbürgen, aber ich lade jeden, der mir etwas Neues über John Miguel Smith zu erzählen vermag, zu einem ‚Carlos I’ in den vorgewärmten Gläsern des Café ‚Gilbert’ an der Promenade in Playa Blanca ein – denn irgendwie sollte dem alten, ‚musizierenden Drecksack’ geholfen werden, meine ich, und warum nicht mit einem guten Brandy?

PS:
Erwähnt sei noch, dass alle Personen und Handlungen dieser Geschichte erfunden sind, doch an dieser Melodie, die zum Sturz des Dirigenten führte, bleib ich dran, die muss ich unbedingt herausfinden…

KH

Roland Dürre
Samstag, der 11. März 2017

Kässpatzen, Allgäu, Gründerszene und Digitalisierung.

Es wird Nacht (Gründervilla in Kempten).

Gestern hat mich das Leben mal wieder ins Allgäu verschlagen. Dank Alexa durfte ich die „Gründer-Villa Kempten“ kennen lernen und traf dort junge Aktivisten jeden Geschlechts und Alters. Ich lernte Gründer, Unternehmer, Menschen auf der Suche nach ihrem eigenen Weg und mir sehr sympathische „Weltverbesserer“ kennen. Das Gefühl war so ein wenig „act local, think global“:

Es war ein schönes Erlebnis, das mich Zukunfts-froh gestimmt hat.

Denn am 10. März war in der Gründervilla wieder das monatliche Meetup. Da ist in der Gründer Villa explizit „Netzwerken“ angesagt. Dies bei hausgemachten Käsespatzen (Kässpatzn) – eingeladen von den beiden Initiatoren und Gründern der Gründervilla Simon Schnetzer (Jugendforscher) und Thomas Herzhoff (Agentur-Boss). Die Kässpatzen wurden folgerichtig von den „Chefs“ Simon und Thomas persönlich in der gemütlichen Küche der Gründervilla zubereitet.

Simon Schnetzer (rechts) und Thomas Herzhoff (Gründer der Gründervilla).

🙂 Und ich kann nur bestätigen: Es waren ausgezeichnete Kässpatzen. Genauso schmackhaft wie in „der oberen Mühle“ ein Stück weiter im Allgäu in Bad Oberdorf (Teil von Bad Hindelang). Und das will etwas heißen!

Und genauso gut wie das leckere Essen waren die vielen schönen Gespräche. Es waren echt gute Typ*innen dabei. Mit sehr vielseitigen Interessen und spannenden Lebensträumen.

Ein Gast war wie ich das erste Mal da. Er hat sich in seiner neuen Rolle vorgestellt und berichtet, dass er jetzt in Kempten das „Digitalisierungs-Zentrum“ Allgäu gründen solle. Dies sei eine Aktivität der Regierung von Schwaben aus Augsburg, unterstützt vom Freistaat Bayern. Die Öffnung des „digitalen Büros“ oder was immer da entstehen würde, solle am 19. Juni stattfinden. Ob er den Termin halten könne, wisse er aber nicht. Zu viel Dinge wären noch unklar.

Die Gründervilla Kempten lebt.

Ich musste da ein wenig schmunzeln. Im Allgäu passiert so viel. Da gibt es innovative Unternehmen so wie tolle Firmen mit Weltruf. Eine Gründungsszene beginnt zu leben.

Die Menschen sind kreativ, suchen und finden Alternativen und verändern die Welt. Sie probieren aus und tun etwas. Und dann soll aus Augsburg, der Hauptstadt von Schwaben, ein „Digitalisierungs-Zentrum“ kommen und den Einheimischen die Digitalisierung beibringen. Wahrscheinlich „Digitalisierung fürs Allgäu“ als Geschenk der Bayerischen Staatsregierung.

Allein schon der Begriff „Digitalisierung“. Das war damals, als die Uhren und Tachometer digital wurden. Jahre später kam ISDN. Das ist aber auch schon lange her und die Technologie jetzt schon länger im Deutschen Museum eingemottet worden. Digitalisierung ist ein alter Hut. Die jungen Menschen sind ein paar Schritte weiter.

Und im Allgäu ist die „Gründervilla zu Kempten“ eine schönere Metapher für Zukunftsgestaltung als ein Zentrum, dass jetzt beginnen will, das Allgäu zu digitalisieren.

So möchte ich mich noch mal bei allen und besonders bei Simon und Thomas für die Gastfreundschaft in der Gründervilla zu Kempten bedanken.

RMD

P.S.
Die Bilder sind vom der Website der Gründer-Villa Kempten.

P.S.1
In diesem Artikel habe ich mal versucht auch ein wenig zu beschreiben, wie Aktivitäten der zentralen Administration in der „Provinz“ so ankommen könnten.

Hans Bonfigt
Dienstag, der 31. Januar 2017

Heuchler, Lügner und Claqueure:

Die bittere Wahrheit über die Einreiseverbote der Bundesrepublik Deutschland

Die letzte Bahnfahrt meines Lebens führte mich ins schöne Bayern, wo ich mich gestern mit meinem „Spezl“ Peter Kindiger getroffen habe. Der Peter, das ist ein typischer Bayer. Er hat eine beachtliche Karriere hingelegt, ist aber stets mit beiden Füßen auf dem Boden geblieben. Der Peter ist ein sehr sozialer Mensch und hat vielen Menschen uneigennützig und mit großem Engagement geholfen.

Und wenn ihm dabei einer Steine in den Weg gelegt hat, dann waren es stets die Bundesrepublik Deutschland oder der Freistaat Bayern. Die Schwester von Peters Frau, welche in Kiew lebt, hat ein schwerbehindertes Kind. Die Ärzte in Kiew rieten zu einer Operation in Deutschland und Peter hat ein großes Herz: Er will seiner angeheirateten Familie helfen. Er beantragt ein Visum für Eltern und Kind.
Keine Chance. Der Hinweis auf die Verwandtschaft 1. Grades zwischen seiner Frau und der Kindsmutter: Unerheblich …

Selbstverständlich hat sich Peter vorbereitet und bereits eine Reisekrankenversicherung für die Familie abgeschlossen. Selbstverständlich hat er eine persönliche Bürgschaft geleistet, in der Höhe von über 10.000 Euro. Er hat auch Einkommensnachweise der Familie in Kiew mitgebracht, der Vater ist Leibwächter von Julija Tymoschenko und verdient nicht schlecht.

Und dennoch:
Für die Verwandten mit dem behinderten Kind gibt es kein Visum.

Ein enger Freund ist seit zwanzig Jahren mit einer Thailänderin verheiratet, seit zwanzig Jahren leben die beiden in Berlin. Nun wollten die Mutter und die Schwester einmal Urlaub in Deutschland und bei dieser Gelegenheit bei Tochter respektive Schwester in Berlin vorbeischauen.

Das geht nur gegen Vorabeinzahlung von 17.000 (siebzehntausend, kein Tippfehler) Euro als Kaution in bar. Die hatte er gerade nicht in der Tasche und so fiel die Einreise ins Wasser. Halboffizielle Begründung: „Thailänderinnen werden in Deutschland zu Prostituierten und fallen so der Allgemeinheit zur Last“.

Und gestern, bei der Anreise nach Bayern, muß ich lesen, daß der unsäglich peinliche Dampfplauderer „Martin Schulz“, über den Silvio Berlusconi vor zehn Jahren alles gesagt hatte, was zu sagen war, sich im „Süddeutschen Beobachter“ wieder entleert hatte:
„Das Einreiseverbot ist ein Generalangriff auf unsere elementaren Grundwerte“.

Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.

Erstmal:
Die Unterstellung, die das „unsere“ impliziert: Mit diesem Abziehbild eines Mannes, und mit Bedauern in Richtung SPD muß man ja sagen, mit diesem authentischen „Sozialdemokraten“ TEILE ICH KEINE GEMEINSAMEN GRUNDWERTE!

Zweitens:
„Wer hat uns verraten — Sozialdemokraten!“ — Natürlich ist es für einen „Sozialdemokraten“ ein Unding, daß ein Spitzenpolitiker ein Wahlversprechen einlöst — das ist der SPD seit einem halben Jahrhundert nicht mehr passiert.

Drittens:
In den USA gab es keine Machtergreifung. Trump wurde, auch wegen seiner Wahlversprechen, von der Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung gewählt. Was soll das peinliche Gejaule ?

Viertens:
Wie peinlich, wie bigott und wie ekelhaft und widerlich ist es, andere Staaten für ein Verhalten anzupöbeln, wie es im eigenen Lande seit Jahren praktiziert wird?

Schlimmer noch: Während es in den USA für ein Einreiseverbot profunde Gründe gibt, von denen das demokratische Votum nur einer ist, führt Deutschland „Menschen zweiter Klasse“ ein, da bestehen ja genügend Erfahrungen. Der Italiener und der Amerikaner ist o.K., aber die Russen sind Verbrecher und die Thailänderinnen Nutten. Willkommen im 21. Jahrhundert !

Gegenüber Helmut Schmidt habe ich immer hohen Respekt empfunden und nehme mit Erleichterung wahr, daß ihm der peinliche „Willy Brandt“ – Verschnitt zu Lebzeiten erspart blieb.

Und ich erinnere mich an das Lied von Franz Josef Degenhardt „Entschuldigung eines alten Sozialdemokraten“ (1968), dass er „zur Verteidigung eines alten Sozialdemokraten vor dem Fabriktor“ geschrieben hat.

„…
sagt der EWIGE alte Sozialdemokrat

und spricht,
und spricht,
und spricht
bloß ändern, DAS WILL ER NICHT !“

Hier der komplette Text des Liedes.

-hb

(Anmerkung : Nur zu gerne hätte ich das Video oder ein Audio des Liedes in den Artikel eingebunden. Zu solchen Liedern gibt es leider keine Youtube-Videos . Und ein freies Audio zum ein wenig reinhören habe ich auch nicht gefunden. Das finde ich so richtig schade – denn Franz-Josef Degenhardt war ein wichtiger Mensch in unserer Jugend – RMD).

Roland Dürre
Montag, der 26. Dezember 2016

Unterwegs in Mittelamerika

Als „Alien“ unterwegs auf einem großen Schiff.

Seit Heilig Abend sind wir wieder zurück von unserer Seereise und haben schon wieder zwei wundervolle Tage in der „Heimat“ verbracht. Die Reise schwingt noch nach – jetzt reflektiere ich die vielen Erlebnisse von vierzehn sehr intensiven Tagen.

In den vergangenen zwei Wochen haben wir acht Länder besucht. Von La Romana in der Dominikanischen Republik ging es nach Jamaika, dann nach Mexico, Belize, Honduras, Costa Rica, Panama, Kolumbien und wieder zurück über Santo Domingo nach La Romana.

Es war wie erhofft und erwartet angenehm warm in der Karibik. Öfters hatten wir willkommene Wolken, so gab es keinen Sonnenbrand, obwohl wir eigentlich immer an der frischen Luft waren. In der restlichen Zeit haben sich Sonne und Regen haben sich mit Vorteil für Sonne abgewechselt.  Ab und zu war es recht windig.

Die Nacht war fast dreizehn Stunden lang und recht dunkel, so dass es immer genug Zeit gab, sich aus zu schlafen. Bei offener Balkontour haben wir über die Nacht das Rauschen des Wassers genossen. Gut elf Stunden am Tag war es dann so richtig hell – genug Zeit zum intensiven Leben.

Zwar war es eine typische „all inclusive“ Reise auf einem Riesenschiff mit über 2.000 Reisenden. Es gab viel Animation in diversen großen und kleinen Bühnen. Wie oft bei Kreuzfahrten wurde versucht, den Passagieren eine mondäne Welt des Luxus zu suggerieren.

Wir haben die  Schiffsreise für uns ein wenig anders definiert und sie nicht so organisiert wie die große Mehrheit unserer Mitreisenden. So waren wir immer im Freien, haben nicht ein einziges Mal in den großen und kleinen Restaurants unten im Schiff gespeist sondern immer in zwei kleinen Biergarten-ähnlichen Freiluft-Restaurants.

Und fast schon wie selbstverständlich waren wir auch bei keiner der vielen Shows dabei, die viele unserer Mitreisenden tatsächlich begeistert haben. So war es tatsächlich ein einfacher Urlaub ganz allein für Barbara und mich.

Als privater „Kreuzfahrer“ unterwegs in Roatán (Honduras).

Tagsüber waren wir in sechs Ländern jeweils einen Tag, in Jamaika und der Dominikanischen Republik waren es zwei Tage in verschiedenen Orten. Abhängig von der Situation waren wir an sechs von zehn Tagen ganz individuell und privat zu Fuß und einmal mit gemieteten Fahrrädern unterwegs, viermal haben wir das Angebot von Ausflügen genutzt. Nachts waren wir immer auf dem Meer unterwegs wie auch an den vier Seetagen, an denen wir die Seele baumeln lassen und das Erlebte verdauen konnten.

Zwei Schiffs-Giganten treffen sich in Cozumel (Mexiko).

In den nächsten Tagen werde ich in lockerer Reihenfolge berichten, was mir so durch den Kopf ging. Zum Beispiel, dass wir tatsächlich in drei Ländern waren, die keine Armee haben und wie froh und stolz die Menschen dort mehrheitlich über diese Tatsache waren.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 8. Dezember 2016

Auf Wiedersehen bis nach Weihnachten!

Und eine Frohe Weihnacht!

Das war vor zwei Jahren auf Floßfahrt in China. Ab morgen heißt es dann Karibik.

Zwar fühle ich mich nicht
„Reif für die Insel“!!!

Trotzdem bin ich jetzt erst mal weg. Heilig Abend komme ich zurück und treffe unsere Kinder und Enkel – soweit sie in München sind.

So wie es ausschaut, werde ich bis dahin keine E-Mails lesen. Meine vielen Chat-Dialoge werden ruhen und auch sonst werde ich wohl nur ganz selten im Internet sein.

In den nächsten gut zwei Wochen werde ich versuchen, nur für die Barbara und mich da zu sein. Viele Tausend Meilen weg vom „Sweet Home“ werde ich alle Nachrichten, die aus der Welt kommen einfach mal ignorieren. Und werde in dieser Zeit auch nichts im IF-Blog veröffentlichen (wenn dann höchstens einer meiner Freunde oder vielleicht mein Bot.

Das normale Leben beginnt dann für mich wieder am Abend des 1. Weihnachtsfeiertag. Da bin ich wie seit langem jedes jahr im Lustspielhaus zu München beim Willy Michl (Es lohnt sich, auf den Link zu klicken). Da werde ich dann auch „Stille Nacht, heilige Nacht“ grölen, dem ewigen ISARFLIMMERN lauschen und mich freuen, dass die Tage wieder länger werden.

Eine große Freude für mich wäre, wenn ich am 25. Dezember am Abend ein paar Freunde im Lustspielhaus beim Willy treffen könnten und wir vor dem Konzert und in der Pause ein wenig „Ratsch und Tratsch“ machen könnten!

RMD

pmcamp-logo-dornbirnIch war ja schon bei vielen PM-Camps. Und irgendwie war es immer anders und auch immer großartig. Vorgestern und gestern war das 6. PM-Camp in Dornbirn. Mein Gefühl war, dass es – zumindest für mich – noch „besser“ war als alle PM-Camps davor. Und ich habe eine große Klarheit gewonnen betreffend des Modells und der Ziele von PM-Camp.

Klarheit ist in meiner Bewertung für soziale Systeme eines der wichtigsten Themen, vielleicht das zentrale fürs Gelingen notwendige Gut. Das gilt für Familien, Vereine, Unternehmen, Gemeinden, Regionen, politischen Einheiten – sprich für soziale Systeme aller Art. Wenn eine große Klarheit vorhanden ist, was das System so ist und welche Aufgaben sich stellen, dann ist das schon mal ganz gut.

Auf dem Wege zur Klarheit kann Theorie – insbesondere Systemtheorie – helfen. So wurden wir „systemtheorethisch“ in Dornbirn bestens von Gerhard Wohland (@GerhardWohland) begleitet. Er hat zwei für mich sehr wertvolle Impuls-Beiträge eingebracht. In einem davon kam der Begriff des Widerstandsnest vor.

So habe ich für mich verstanden, dass das Leben in Urgesellschaften wie auch in entwickelten Gesellschaften ein großes Widerstandsnest ist und immer wahr. Man könnte so ein menschliches Leben auch als eine Akkumulation vieler Widerstandsnester bezeichnen, wie sie von uns allen parallel wie seriell durchlebt werden.

Der Begriff Widerstandsnest besteht aus Widerstand und Nest!

„Widerstand“ im Wort Widerstandsnest will sagen, dass es dort viel „Widerstand“ gibt. Das tut weh und kostet Kraft. Widerstände lassen uns gelegentlich verzweifeln und können uns in tiefe Krisen stürzen, die erst mal überwunden werden müssen. Das kann ganz schön schwer werden. Andererseits entstehen Ideen immer nur in Krisen. Ohne Krise kommt man vielleicht auf Gedanken.

In der Krise kann man so leicht stürzen, vielleicht so, dass man aus eigener Kraft nicht das Aufstehen nicht mehr schafft. Der Begriff Nest steht jetzt genau dafür, dass uns nach einem tiefen Sturz unsere Mitmenschen helfen wieder aufzustehen. Der Begriff „Nest“ steht auch für Erholung und Muße!

In einer „Session“ mit Gerhard genau zu diesem Thema, kam die Frage von Stefan, 0b man PM-Camp zu einem Widerstandsnest machen solle und wie das ginge.

So sehen mich Christian und Daniel (© Visual-Braindump)

So sehen mich Christian und Daniel  (©Visual-Braindump)!

Da kam bei mir ein Moment der Klarheit. PM-Camp ist und soll kein Widerstandsnest sein. Nein! PM-Camp ist und soll ein Nest sein, in dem sich alle wohl füllen. Da die Teilnehmer sich sämtlich wert schätzen und respektieren (und sich auch so benehmen) und alle bereit sind sich zu öffnen und ihre Erfahrungen zu teilen, haben wir hier ein wunderbares Nest der Muße. Wegen mir darf man da auch gerne von „Kuschelzoo“ und ähnlich ein wenig abwerteten Begriffen reden. Ich mag Kuschelzoo!

Denn im „realen“ Leben habe ich genug Widerstandsnester. Manchmal mit mehr Widerstand als Netz. So komme ich gerne zur Muße ins PM-Camp. Dort will ich sozusagen „geistiges und emotionales Spa“ machen. Ich mag mich da nicht profilieren oder gar kämpfen müssen. Ich frei von Zielen hin und will dort mich mit niemanden messen und keinen Wettbewerb gewinnen müssen. Sondern nur genießen und auf sanfte Art Neues wie Anderes erleben und verstehen.

So kamen bei #PMCampDOR auch die „Emotionen“ nicht zu kurz. Die Stunde mit fünf Mal pecha kucha am Morgen des zweiten Tag brachte uns „Pure Feelings“ und war der ideale Übergang von der wie immer intensiven Party zum Abschluss des ersten Tages. Und es gab so manche Session, die „das Herz öffnete“.

Es war toll! Danke an alle, die dabei waren und unterstützt haben.

RMD

P.S.
Hier das Ergebnis meiner Sessions „Glück“.
🙂 Ich gehe mal davon aus, dass ich mein Bericht dazu hier in IF-Blog.de ziemlich bald kommen wird.

Vielen Dank an Christian und Daniel, die bei unserer Glückssession auf #pmcampdor 2016 so toll mitgemacht haben. (©Visual-Braindump)

Vielen Dank an Christian und Daniel, die bei unserer Glückssession auf #pmcampdor 2016 so toll mitgemacht haben (©Visual-Braindump).