Hans Bonfigt
Dienstag, der 31. Januar 2017

Heuchler, Lügner und Claqueure:

Die bittere Wahrheit über die Einreiseverbote der Bundesrepublik Deutschland

Die letzte Bahnfahrt meines Lebens führte mich ins schöne Bayern, wo ich mich gestern mit meinem „Spezl“ Peter Kindiger getroffen habe. Der Peter, das ist ein typischer Bayer. Er hat eine beachtliche Karriere hingelegt, ist aber stets mit beiden Füßen auf dem Boden geblieben. Der Peter ist ein sehr sozialer Mensch und hat vielen Menschen uneigennützig und mit großem Engagement geholfen.

Und wenn ihm dabei einer Steine in den Weg gelegt hat, dann waren es stets die Bundesrepublik Deutschland oder der Freistaat Bayern. Die Schwester von Peters Frau, welche in Kiew lebt, hat ein schwerbehindertes Kind. Die Ärzte in Kiew rieten zu einer Operation in Deutschland und Peter hat ein großes Herz: Er will seiner angeheirateten Familie helfen. Er beantragt ein Visum für Eltern und Kind.
Keine Chance. Der Hinweis auf die Verwandtschaft 1. Grades zwischen seiner Frau und der Kindsmutter: Unerheblich …

Selbstverständlich hat sich Peter vorbereitet und bereits eine Reisekrankenversicherung für die Familie abgeschlossen. Selbstverständlich hat er eine persönliche Bürgschaft geleistet, in der Höhe von über 10.000 Euro. Er hat auch Einkommensnachweise der Familie in Kiew mitgebracht, der Vater ist Leibwächter von Julija Tymoschenko und verdient nicht schlecht.

Und dennoch:
Für die Verwandten mit dem behinderten Kind gibt es kein Visum.

Ein enger Freund ist seit zwanzig Jahren mit einer Thailänderin verheiratet, seit zwanzig Jahren leben die beiden in Berlin. Nun wollten die Mutter und die Schwester einmal Urlaub in Deutschland und bei dieser Gelegenheit bei Tochter respektive Schwester in Berlin vorbeischauen.

Das geht nur gegen Vorabeinzahlung von 17.000 (siebzehntausend, kein Tippfehler) Euro als Kaution in bar. Die hatte er gerade nicht in der Tasche und so fiel die Einreise ins Wasser. Halboffizielle Begründung: „Thailänderinnen werden in Deutschland zu Prostituierten und fallen so der Allgemeinheit zur Last“.

Und gestern, bei der Anreise nach Bayern, muß ich lesen, daß der unsäglich peinliche Dampfplauderer „Martin Schulz“, über den Silvio Berlusconi vor zehn Jahren alles gesagt hatte, was zu sagen war, sich im „Süddeutschen Beobachter“ wieder entleert hatte:
„Das Einreiseverbot ist ein Generalangriff auf unsere elementaren Grundwerte“.

Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.

Erstmal:
Die Unterstellung, die das „unsere“ impliziert: Mit diesem Abziehbild eines Mannes, und mit Bedauern in Richtung SPD muß man ja sagen, mit diesem authentischen „Sozialdemokraten“ TEILE ICH KEINE GEMEINSAMEN GRUNDWERTE!

Zweitens:
„Wer hat uns verraten — Sozialdemokraten!“ — Natürlich ist es für einen „Sozialdemokraten“ ein Unding, daß ein Spitzenpolitiker ein Wahlversprechen einlöst — das ist der SPD seit einem halben Jahrhundert nicht mehr passiert.

Drittens:
In den USA gab es keine Machtergreifung. Trump wurde, auch wegen seiner Wahlversprechen, von der Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung gewählt. Was soll das peinliche Gejaule ?

Viertens:
Wie peinlich, wie bigott und wie ekelhaft und widerlich ist es, andere Staaten für ein Verhalten anzupöbeln, wie es im eigenen Lande seit Jahren praktiziert wird?

Schlimmer noch: Während es in den USA für ein Einreiseverbot profunde Gründe gibt, von denen das demokratische Votum nur einer ist, führt Deutschland „Menschen zweiter Klasse“ ein, da bestehen ja genügend Erfahrungen. Der Italiener und der Amerikaner ist o.K., aber die Russen sind Verbrecher und die Thailänderinnen Nutten. Willkommen im 21. Jahrhundert !

Gegenüber Helmut Schmidt habe ich immer hohen Respekt empfunden und nehme mit Erleichterung wahr, daß ihm der peinliche „Willy Brandt“ – Verschnitt zu Lebzeiten erspart blieb.

Und ich erinnere mich an das Lied von Franz Josef Degenhardt „Entschuldigung eines alten Sozialdemokraten“ (1968), dass er „zur Verteidigung eines alten Sozialdemokraten vor dem Fabriktor“ geschrieben hat.

„…
sagt der EWIGE alte Sozialdemokrat

und spricht,
und spricht,
und spricht
bloß ändern, DAS WILL ER NICHT !“

Hier der komplette Text des Liedes.

-hb

(Anmerkung : Nur zu gerne hätte ich das Video oder ein Audio des Liedes in den Artikel eingebunden. Zu solchen Liedern gibt es leider keine Youtube-Videos . Und ein freies Audio zum ein wenig reinhören habe ich auch nicht gefunden. Das finde ich so richtig schade – denn Franz-Josef Degenhardt war ein wichtiger Mensch in unserer Jugend – RMD).

Komm in meinen Dienst – mach mich reich!

Als vorläufig mal letzten Beitrag in meiner Serie zu Korruption bringe ich ein Erlebnis, dass ich als besonders freches Vorgehen empfand. Es war allerdings auch ein sehr verlockendes Angebot und nicht ganz einfach, nein zu sagen.

Das Geschehen ist nicht ganz so lange her wie die Erfahrungen, die ich in den anderen drei Berichten wieder gegeben habe. In meiner Erinnerung datiere ich es auf Anfang bis Mitte der 90iger.

Wir waren damals ein anerkannter und auch bekannter Lieferant von Support und Service für Produkte erster Hard- und Software-Hersteller und versorgten im Auftrage dieser Unternehmen deren Kunden mit Service- und Support-Leistungen. In Regel lief das in guter Partnerschaft, so gab es schöne „win-win-Situationen“.

Es war die Zeit, in der immer neue Unternehmen – vorzugsweise aus USA aber auch aus anderen Ländern – mit besonderen Software-Lösungen im Service- und Sicherheits-Bereich kometenhaft aufstiegen. Und natürlich war unser Ziel, verschiedene Hersteller zu unterstützen und unterschiedliche Technologien zu unterstützen, um ein breites Angebot am Markt zu haben und unabhängig von einem Hersteller zu bleiben.

Eine Tages erreichte uns wie aus dem Nichts ein Anruf eines renommierten und sehr erfolgreichen Technologie-Anbieters mit der Anfrage, ob wir nicht den exklusiven Service für dessen Produkte in einem größeren Bereich von DACH (Deutschland, Österreich, Schweiz) übernehmen wollten.

Es ist immer schön, wenn das Bargeld in der Kasse klimpert.

Es ist immer schön, wenn das Bargeld in der Kasse klimpert.

Das klang natürlich phantastisch. Heute weiß ich, dass man bei solchen Angeboten eigentlich schon von Haus aus misstrauisch sein muss, denn Wunder passieren in der Unternehmens-Realität eben nie (oder wenn dann nur sehr, sehr selten). Und wenn sie doch passieren, dann haben sie (immer) einen (riesen-großen) Haken. Als Treffpunkt war – wie konnte es anders sein – die Lobby in einem Flughafenhotel vorgeschlagen.

Wir waren neugierig, wollten diese Chance auf jeden Fall prüfen und vereinbarten den Termin. Und es war alles wahr. Der Support-Chef Europa des besagten Unternehmens empfing uns sehr freundlich und entgegenkommend und erklärte uns überzeugend, warum er gerade unser Unternehmen als Kandidaten für die zukünftige Partnerschaft ausgewählt habe. Er bot an, uns für eine sehr attraktive Region den Service für seine Produkte und Kunden komplett und exklusiv an uns zu übergeben. Die notwendige Ausbildung unserer Kollegen an seinen Produkten wurde uns zum Nulltarif angeboten, nur die Arbeitszeit dafür hätten wir aufzubringen. Alles klang nach einer neuen und wunderschönen Partnerschaft.

Aber dann kam der Haken. Unser Gesprächspartner wies uns darauf hin, dass wir in solch einem Modell ja keine Vertriebskosten hätten – und trotzdem exzellente Preise realisieren würden. Alle Aufträge würden ja direkt von seinem Unternehmen kommen und pünktlich bezahlt werden. Also wäre es nur rechtens und für uns keines Falls irgendwie nachteilig, wenn wir eine Vertriebspauschale von 10 Prozent für den mit unserem neuen Auftraggebers getätigten Umsatzes abführen würden. Dazu würden wir regelmäßig Rechnungen von einem in der Schweiz ansässigen Vertriebsunternehmen erhalten, die wir nur pünktlich bezahlen mussten.

Wir haben dann um eine kurze Bedenkzeit gebeten und sind wieder heim gefahren. Und haben schweren Herzens abgelehnt, denn der entgangene Umsatz war für uns durchaus relevant. Die Firma in der Schweiz war übrigens auch eine Art Briefkasten-Firma, wer weiß wo das Geld dann weiter hin ging.

In meiner doch ziemlich langen beruflichen Laufbahn habe ich eine Reihe von ganz konkreten Kick-Back-Geschäften erlebt. Meistens haben dann Personen im Mittelmanagement durch aus sehr renommierter und auch deutscher Unternehmen von ihren Dienstleistern einen „kleinen Rückfluss“ erwartet bzw. verlangt. Das ging dann übrigens auch meistens über Briefkastenfirmen. Aber so ein dreistes Vorgehen wie das von mir hier berichtete habe ich nie erlebt.

RMD

P.S.
Das Bild ist aus Wikipedia.
Von Banknoten: Hermann Eidenbenz für die Deutsche Bundesbank. Münzen: versch. Künstler für die Bundesrepublik Deutschland – Banknoten: Herausgegeben von der Deutschen Bundesbank. Münzen: Herausgegeben von der Bundesrepublik Deutschland, PD-Amtliches Werk.

Roland Dürre
Donnerstag, der 7. Januar 2016

Böses tun – Böses bestrafen?

#WAFFENTERRORISMUS

Barack Obama hat es vor kurzem selber gesagt: In den USA sterben im Jahr mehr als 30.000 Menschen durch Schusswaffen (genau sollen es über 31.000 sein). Das sind mehr als zehnmal so viel Tote wie es zurzeit Verkehrsopfer in Deutschland im Jahr gibt. Obama hat auch verstanden, dass Waffen in privater Hand und in der Öffentlichkeit eine große Gefährdung für Alle darstellen.

Am Ende seiner Amtszeit will er jetzt noch etwas Gutes tun und die amerikanischen Waffengesetze ein wenig verbessern. Obwohl die amerikanische Verfassung da eine klare Vorgabe gibt. Und jeder, der in den USA Waffen „verbieten“ will, schnell zum „Verfassungsfeind“ wird.

Colt Model 1873 Single Action, Werksgravur 1893 von Cuno Helfricht

Colt Model 1873 Single Action, Werksgravur 1893 von Cuno Helfricht

Obama hat so viele Gegner, die jede Einschränkung des Rechts „Waffen zu besitzen und zu tragen“ auf das Schärfste ablehnen. Diese sammeln sich nicht nur in den Reihen der Republikaner, die immer noch dem eigenartigen Freiheitsbegriff ihrer langjährigen Chef-Philosophin und -Vordenkerin Ayn Rand folgen. Wenn man Mrs. Rand liest, dann merkt man schnell, dass diese Frau nie eine Philosophin von Format sondern eher „eine Polemophin“ war. Zumindest strotzen ihre Texte nur so von flacher Polemik und sind leicht zu widerlegen.

Ein anderer Vordenker der amerikanischen Rechte und konservativen Kräfte ist Wayne LaPierre. Er lebt noch, vor kurzem habe ich Auszüge aus einer Rede von ihm im bayerischen Radio gehört. Er sagte:

„Einen bösen Mann mit einer Waffe kann nur ein guter Mann mit einer Waffe stoppen“ (auf englisch)

Zu diesem Satz ein Zitat aus einem Artikel in der Zeit:
Knapp eine Woche (nach dem Massaker von Newtown) trat Wayne LaPierre, seit 1991 die Stimme der NRA, vor die Presse.Wayne LaPierre, seit 1991 die Stimme der NRA, vor die Presse. Er warf den Medien, Hollywood und Videospieleherstellern vor, für Taten, wie die von Adam Lanza, verantwortlich zu sein. Seine Rede gipfelte in der Aussage, weil Schulen waffenfreie Zonen seien, würden sie solche Überfälle geradezu einladen. „Das einzige, was einen Bösen mit einer Waffe stoppen kann, ist ein Guter mit einer Waffe“, erklärte LaPierre. Er bot an, Freiwillige der NRA in Schulen patrouillieren zu lassen – voll bewaffnet, versteht sich.

(Anmerkung: Bei einer Attacke in Newtown im Bundesstaat Connecticut im Dezember 2012 erschoss der 20-jährige Adam Lanza 26 Menschen in der örtlichen Grundschule, darunter 20 Kinder. Damals erschienen schärfere Waffengesetze als durchsetzbar, die NRA (National Rifle Association in Wikipedia) zeigte aber sofort ihre Macht und gilt seitdem als unüberwindbar.)

Und so geht die Diskussion weiter. Und immer dabei ist
Das #BÖSE und die #BÖSEN

Die sind an allem Schuld und müssen entfernt und bestraft werden. Nur so kann man eine heile Welt bauen. So klingt es, aber so einfach ist es aber wirklich nicht. Sicher gibt es Menschen, die Böses tun. Und sicher kann man die bestrafen. Aber was ist das wirklich, das Böse und das Gute? Gibt es sie wirklich, die guten und die bösen Menschen? Die Bösen, die kommen und mit den Waffen die Anderen bedrohen? Und die Guten, die mit den Waffen die Anderen beschützen.

Und ist die Welt besser, wenn die Anderen sich mit Waffen gegen die Bösen schützen können? Wie viel Menschen sterben denn in den USA durch Schusswaffen von Bösen, die als Böse das Böse tun wollten?

Jesus hat wohl mal gesagt: „Wer frei von Schuld, werfe den ersten Stein!“ Gibt es diese Guten tatsächlich. Wollen nicht vielmehr die wenigsten Menschen Böses tun? Und wer war in seinem Leben war nicht schon mal nicht mehr er selbst und hat großes Glück gehabt, dass er keine Waffe zur Hand hatte.

Die Opfer von Gewalttaten verdienen unser Mitleid und unsere Hilfe. Die Verursacher betreffend geht es aber nicht darum, die Bösen zu bestraft. Sondern es wird versucht, die Tat und ihre Folgen besser zu verkraften in dem man sich an den Tätern rächt. Man fordert für sie den Galgen, um so das einem zugefügte Unglück zu kompensieren. Oft übt die Gesellschaft die Rache als Stellvertreter aus und begeht aus der Gier nach Rache heraus einen kollektiven Mord aus Rachgier.

In den USA gibt es nicht nur das Recht des Waffenbesitzes – in einer Reihe von Bundesstaaten gibt es auch noch die Todesstrafe. Und das erscheint mir eine ganz besonders unheilvolle Kombination. Denn die Todesstrafe ist doch genau der Mord aus Rache. Denn Abschrecken tut sie nicht, wie sie auch keine erzieherische Wirkung hat.

Man kann die Bösen auch ins Arbeitslager stecken. Dummerweise bin ich nicht nur gegen Todesstrafe sondern auch gegen Zwangsarbeit oder -dienst. Habe ich doch selber 18 Monate darunter gelitten …

Aber was kann man tun um? Wahrscheinlich sollten wir die „Schuldhaftigkeit des Menschen“ differenziert betrachten, so wie die Gehirnforschung uns das lehrt. Denn der Mensch ist viel komplexer, als wie er uns bisher erklärt wurde. Und ganz so einfach ist es eben nicht mit der Verantwortlichkeit und Schuldhaftigkeit für unsere Taten.

Und ich träume mal weiter von einer Utopie einer „Gesellschaft frei von Strafe“. Und schau mir jetzt erst Mal den Kampf des US-Präsidenten gegen den amerikanischen (Waffen-)Terrorismus an (BARACK – NRA). Wird aber kein spannendes Match, ich weiß schon jetzt, wie es ausgehen wird.

RMD

P.S.
Das Bild ist aus Wikipedia (Revolver) und stammt von HmaagEigenes Werk, 2007.

Roland Dürre
Dienstag, der 13. Oktober 2015

Weicht die Gesetzes- und Urteilsflut den Rechtsstaat auf?

Laufend rollen neue Gesetze auf uns zu. Von der EU, vom Bund, vom Land. Sie sind zur Flut geworden. Viele davon erscheinen unsinnig. Oft kann man nicht erkennen, was sie eigentlich bewirken sollen oder wieso man sie gemacht hat. Und auch nicht, warum man sie befolgen sollte.

Gleichzeitig fällen Gerichtshöfe Urteile. Wie vor einer Wocher zu safe harbor. Das tat zwar irgendwie gut, bringt aber nichts. Denn es ist einfach nicht praktikabel.

Und auch schon wieder fast vergessen, obwohl der große Sturm dazu eben gar nicht lang her ist. So bin ich sicher, dass schon bald kein Hahn mehr nach dem „Safe Harbor-Urteil“ krähen wird. Wozu auch? Wetten dass?

So könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Menschen hierzulande Gesetze immer weniger ernst nehmen werden und es so mit dem Rechtsstaat zu Ende gehen könnte. Und dass das eine große Gefahr für unsere Demokratie wäre.

Diese Sorge teile ich nicht. Meine Wahrnehmung ist schon, dass Recht und Gesetze nicht mehr so ernst genommen werden, wie früher. Aber ich habe den Eindruck, dass gilt nur für die von den vielen Administrationen geregelte.

Ich nenne das mal die „extrinsische Moral“, die von außen vorgegeben wird. Und die wird immer absurder, so dass man sie gar nicht mehr ernst nehmen kann.

Dafür scheint mir, dass sich eine Form von „intrinsische Moral“ entwickelt. Immer mehr entdecke ich einen mehrheitlichen Konsens, was man tut und was man nicht tut, der mir sympathisch ist.

Und die kommt aus den Menschen heraus, unabhängig von dem Unsinn, den die legislativen und judikativen Fließbänder der EU, ihrer Staaten und Länder über uns aus schütten.

Den warnenden Hinweis, dass der Rückzug von „extrinsischer Moral“ den Rechtsstaat aushöhlen könnte, teile ich nicht. Könnte doch die „intrinsische Moral“ fürs Überleben nützlicher sein als die „extrinsische“.

Denn wie oft sind Rechtsstaaten umgekippt und zu Unrechtsstaaten geworden, die aber sehr wohl auf „Recht“ aufgebaut waren. So wie auch das dritte Reich Gesetze erließ und Gerichte installierte, die diese brutal durchgesetzt haben. Und dieses unheilvolle System insofern eigentlich ja ein Rechtsstaat war, der freilich auf Prämissen aufgebaut war, die mich schauern lassen.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 4. Oktober 2015

Ich bin kein Held.

Nach meiner „Wutrede“ stellt sich die Frage:
Was ist eigentlich mein Beitrag?

Die Krypta des Freisinger Doms

Die Krypta des Freisinger Doms

Für mich ist die Philosophie so etwas wie die Lehre vom Leben. Seneca hat schon vor langer Zeit zu seinen Schülern gesprochen:

Die Philosophie lehrt handeln, nicht reden.

So sollte auch der Wutredner prüfen, ob er nur redet oder schon handelt. Und ich gestehe, ich bin nicht zufrieden mit mir.

Zwar versuche ich die von mir kritisierten gesellschaftlichen Normen und eingefahrenen Muster zu verlassen. Und wenn möglich aktiv Veränderung anzustoßen. Aber reicht das aus?

Merke ich doch nur zu oft, wie ich in meiner Bürgerlichkeit gefangen bin. Meine Dompteure waren unter anderem meine Eltern und Lehrer. Diverse Systemagenten wollten mich nach ihren Vorstellungen  ausrichten und mir sagen, wo es lang geht. Moralismen und eine extrem kapitalistische Konsumgesellschaft wirken sowieso täglich massiv auf mich ein.

Trotzdem hoffe ich, zu denen zu gehören, die unser „dressiertes Leben“ eben nicht für unabwendbar halten. Zumindest habe ich in meinem Leben immer wieder versucht, den Zügeln besagter Dompteure zu entkommen. Und fühle mich schon ein wenig besser. Aber ich mache zu wenig. Gut, ich fahre nicht mehr Auto. Aber das ist eigentlich schon fast egoistisch zu nennen. Bin ich doch plötzlich viel mobiler und freier als je zuvor. Und mein Leben ist durch diese Veränderung und (vermeintlichen) Verzicht schöner geworden. Das hilft schon beim Umdenken.

Wenn ich meine Generation so sehe, dann bin ich entsetzt, wie viele meiner Weggefährten ihr Leben lang in nicht nur emotionalen Gefängnissen eingesperrt waren. Ich kenne Menschen, die in ihrem Leben jeden Quatsch, den man ihnen verzählt hat, brav geglaubt haben. Die aus Bequemlichkeit scheibchenweise ihre Autonomie aufgegeben haben.

Andere sind kein einziges Mal in ihrem Leben an Biforkationspunkten einem Motto wie „love it, change it or leave it“ gefolgt. Sie sind dann folgerichtig immer kleiner gemacht geworden. Trotzdem nehmen sie sich heute wichtig bis zum geht nicht mehr, leben von ihrem Status und ersticken in ihrer Angst. Das Bangen um ihren Besitzstand bestimmt ihr Leben und lässt sie inhuman werden. Dass auch sie nur sterbliche Wesen scheinen sie vergessen zu haben.

Ich habe keine Lust mehr, dem Schwachsinn dieser Gesellschaft zu folgen. Und will die nächsten Jahre mehr handeln. Dabei habe ich mich auf die Suche nach Vorbildern begeben. Eines habe ich gefunden, es ist Carl Amery. Sein Leben und Werk beeindrucken mich. Ich glaube, er war so eine Art Held.

🙂 Leider bin ich noch kein Held. Aber es kann ja noch werden …

RMD

P.S.
Das von mir verwendete Bild ist aus Wikipedia. Mit ihm ist der Artikel zu Carl Amery (bürgerlich Christian Anton Mayer) illustriert. Es ist das Werk von Richard Huber.

Klaus Hnilica
Dienstag, der 22. September 2015

Ist ’soziale Gerechtigkeit‘ nur ein Missverständnis?

Ja – wenn wir weiter an dem festhalten, was wir bisher dafür halten! /1/

Nach diesen Vorstellungen hält sich nämlich seltsamer Weise auch jeder für sozial gerecht, beklagt aber im gleichen Atemzug die wachsende Ungerechtigkeit in der Welt.

Dieses Missverhältnis scheint unüberbrückbar zu sein.

ApfelpflückerWir sind einfach zu verliebt in unsere unklaren Begrifflichkeiten, ja suhlen uns regelrecht in der Vorstellung, dass die ‚soziale Gerechtigkeit’ eine Art ‚moralische eierlegende Wollmilchsau’ zu sein hat, und nicht etwa nur ein Mindeststandard für das Verhalten von Menschen, der lediglich ein paar Regeln umfasst, an die sich selbst die Böswilligsten zu halten haben!

Wenn wir allerdings Letzteres akzeptieren, stellt sich sehr schnell heraus, dass ‚soziale Gerechtigkeit’ eher wenig mit romantisierter ‚Gleichheit’ zu tun hat, aber sehr viel mit der nicht so romantischen ’Freiwilligkeit’. Und dass deswegen die Politik generell ein inhärentes strukturelles Problem hat, ‚soziale Gerechtigkeit’ herbeizuführen, auch wenn sie noch so eifrig ‚Gerechtigkeitslücken’ aufspürt und zu schließen versucht. In drei Schritten lässt sich das auch unschwer zeigen; man muss nur

   A) auf das allgemeine Prinzip der ‚Tauschgerechtigkeit’ eingehen,

   B) auf die ‚Gleichbehandlung und Ergebnisgleichheit’ und

   C) auf die besonders ins Auge springende ‚Verteilungsgerechtigkeit’.

Gehen wir auf die drei Schritte näher ein:

   A) Denn um eine sehr spezielle Form der ‚Tauschgerechtigkeit’ geht es ja letztlich, wenn im Namen der ‚sozialen Gerechtigkeit’ nach gerechten Preisen und Löhnen gerufen wird!

Etwa wenn es heißt: hier die duftende Alpenbutter, da die lächerlichen Ein-Euro-Achtzig; oder hier das Super-Manuskript und dort das schmale Honorar. ‚Wertgleichheit’ fordert eigentlich hierbei das allgemeine ‚Prinzip der Tauschgerechtigkeit’! Aber wie bestimmt man diese ‚Wertgleichheit’ objektiv bei jedem konkreten Tauschvorgang?

Ist in der Sahara beispielsweise eine Unze Gold für einen Eimer Wasser angemessen, wenn’s ums Überleben geht? Und sind 50 Cent für zwei Liter Milch nicht schon zuviel, wenn eine Laktoseunverträglichkeit vorliegt? Oder wie hoch darf die Honorarforderung für ein angebotenes Manuskript sein, das dann doch nur unter das Bein eines wackelnden Tisches geschoben wird?

Heißt das nicht, dass die ‚Bewertung’ eines Tauschobjektes naturgemäß sehr subjektiv ist und dieser Wert nichts mit Gleichwertigkeit zu tun hat? Dies umso mehr, als der Tausch ja nur zustande kommt, weil jeder Beteiligte die Tauschobjekte unterschiedlich bewertet und gerade darin seinen Gewinn sieht.

Natürlich lässt sich dieser ‚Tauschgewinn’ genauso wenig nachweisen wie der ‚Tauschwert’: aber klar ist auch, dass der Gewinn immer dann vorhanden und nachweisbar ist, wenn der Tausch freiwillig erfolgt! Woraus folgt, dass eine Tauschhandlung immer dann ‚sozial gerecht’ ist, wenn niemand zu ihr gezwungen wird!

Natürlich stellt diese Freiwilligkeit beim ‚Tausch’ nicht sicher, dass jeder seine Maximalvorstellung durchsetzt, und sie schützt auch nicht vor Fehlentscheidungen, wie beispielsweise dem unüberlegten Zugriff auf niedrigpreisige Milch trotz Laktoseunverträglichkeit. Aber das muss auch nicht sein. Denn die Bewertung des ‚Tauschgewinnes’ erfolgt ja subjektiv und darf daher dann nicht wieder unter ein falsches Gleichheitsdiktat gestellt werden, nur weil von der irreführenden Intuition ausgegangen wird, diese ‚Gleichheit’ stehe auch beim ‚Tauschgewinn’ in einem engem Zusammenhang mit ‚sozialer Gerechtigkeit’!

Somit lässt sich zusammenfassend sagen, dass Preise und Löhne immer dann sozial gerecht sind, wenn sie ohne Zwang akzeptiert werden können!

   B) Nun zur angeblich sozial gerechten ‚Gleichbehandlung und Ergebnisgleichheit’!

Hier führt die Gleichheitsbesessenheit in eine ähnliche logische Sackgasse, wie sich an einem einfachen Beispiel unschwer zeigen lässt: Stellt man nämlich an eine Rentnerin, einen Sportler und einen sechsjährigen Jungen unter dem Aspekt der Gleichbehandlung die gleiche Forderung, nämlich von einem vier Meter hohen Apfelbaum, an dem eine Leiter lehnt, Äpfel zu pflücken, so wird das Ergebnis sehr unterschiedlich ausfallen: erst nach sehr unterschiedlich gearteten Hilfeleistungen, die in keiner Weise mehr einer Gleichbehandlung entsprechen, werden alle drei Kandidaten zur gleichen Anzahl von Äpfeln gelangen und somit Ergebnisgleichheit erzielen.

Da aber letztlich alle Individuen auf der Erde unterschiedlich sind, wird generell bei Gleichbehandlung nie Ergebnisgleichheit erzielt werden und umgekehrt!

Und obwohl dieser Sachverhalt glasklar ist, fordern wir immer wieder Gleichheit bei sozialer Gerechtigkeit. Aber wäre Gleichheit wirklich sozial gerecht, dann wäre doch auch ein Zustand, in dem es allen Menschen gleich schlecht geht, gerechtigkeitstheoretisch das Großartigste, was man sich nur wünschen kann.

Glücklicherweise glaubt das niemand! Dennoch sträuben wir uns, die logische Konsequenz zu ziehen und Gleichheit nicht mehr als einen Ausdruck sozialer Gerechtigkeit zu betrachten.

   C)  Besonders augenfällig ist die Gleichheitsneigung in Debatten über ‚Verteilungsgerechtigkeit’!

Verteilen bedeutet ausgeben aus einem Vorrat. Verteilungsgerechtigkeit fordert, dass dies nach gewissen Regeln zu erfolgen hat. Am klarsten sind die Gerechtigkeitsverhältnisse aber letztlich nur dann, wenn die Eigentümerin verteilt, denn dann gilt ausschließlich ihr Wille. Es kann zwar vernünftig sein, sich an den Erwartungen Dritter zu orientieren, aber eine Forderung der sozialen Gerechtigkeit ist das nicht. Sondern der wird durch den Schutz von Eigentumsrechten genüge getan.

Wirklich schwierig wird es aber, wenn keine klaren Eigentumsverhältnisse vorliegen, wie das in jedem politischen System der Fall ist, da sich hier die Einflussbereiche der Verteiler und der Empfänger vielfach überschneiden. Da sind Konflikte vorprogrammiert und deren ‚gerechte Lösung’ nicht nur eine theoretische Herausforderung, sondern in den meisten Fällen nur mehr ein hehres Ziel!

Wie einfach haben es im Vergleich dazu Privatpersonen und Unternehmen: sie brauchen nur – nicht zu betrügen, nicht zu stehlen, nicht gewalttätig zu sein und nicht vertragsbrüchig – und schon handeln sie gerecht. Mehr Regeln brauchen sie nicht einzuhalten!

Letztlich ergibt sich aus dieser Beobachtung nicht nur für die Gerechtigkeitstheorie, sondern vor allem für die Wirtschafts- und Sozialpolitik eine überraschende Lösung, nämlich die, möglichst viele Entscheidungen in den privaten Bereich auszulagern, da hier klare und nach dem oben Gesagtem auch ‚sozial gerechte’ Verhältnisse herrschen.

Sicher nur ein frommer Wunsch, denn von dem unhaltbaren ‚gleichheitsgesättigten’ Gerechtigkeitsbegriff werden sich viele trotzdem nicht trennen wollen! Und von der daraus erwachsenen Machtfülle, die dieses ‚übergriffige Gleichheitsverständnis’ ermöglicht, noch weniger!

KH
/1/ Dagmar Schulze Heuling; „Was Gerechtigkeit nicht ist“; Nomos – Verlag Baden – Baden

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 6. August 2015

Rache gibt Kraft!

img201 (2)-adjust-contrast-cut-swirlAls ich unlängst in dem Kurzessay ‚Nur Verzeihen befreit’ dargestellt habe, warum wir nach Möglichkeit immer verzeihen sollten, wenn wir innerlich oder äußerlich verletzt wurden – ja es um unser selbst Willen sogar erlernen und üben sollten – war mir schon klar, dass von dem Gegenpol des ‚Verzeihens’, nämlich der ‚Rache’ eine ungeheure Anziehung ausgehen muss, wenn er eine derartige Wirkkraft in der menschlichen Gesellschaft entfalten kann.

Die griffige Formulierung für diese Faszination fehlte mir allerdings!

Umso erstaunter war ich, als ich vor wenigen Tagen genau die gesuchte Formulierung fand. Und zwar in Siri Hustvedts jüngstem Roman „Die gleißende Welt“.

Siri Hustvedt legt sie ihrer Protagonistin Harry in den Mund; sie lässt sie sagen:

Rachegedanken entstehen immer aus quälender Hilflosigkeit. Aus „ich leide“ wird „du sollst leiden“! Und machen wir uns nichts vor: Rache gibt Kraft! Sie fokussiert uns und feuert uns an, und sie unterdrückt das Leid, weil sie die Emotion nach außen kehrt. Im Leid geraten wir aus den Fugen. In der Rache verdichten wir uns zu einer einzigen, auf ein Ziel gerichteten spitzen Waffe. Wie destruktiv sie letzten Endes auch sein mag, eine Zeit lang dient sie einem nützlichen Zweck!

Ich meine, dass Siri Hustvedt mit dieser Aussage genau das Verlockende an der Rache trifft, das uns wie ein Sog zu ihr hinzieht. Aber natürlich erkennt sie auch, wie zerstörerisch Rache letztendlich immer ist. Und leider bestätigen die aktuellen Ereignisse in der arabischen Welt ja jeden Tag aufs Neue, dass Kulturen, die auf Rache und Vergeltung basieren, niemals zur Ruhe kommen werden…

KH

Klaus Hnilica
Freitag, der 3. Juli 2015

Nur Verzeihen befreit

Natürlich saldiert in uns der ‚moralische Buchhalter’ das Böse und Gute!

Klaus Grün hat ihn unlängst im ‚IF-Blog’ sehr anschaulich aus der Anonymität geholt und uns nahe gebracht! Und sicher stimmt jeder zu, dass es ihn gibt.

img198 Denn wir alle leiden seit den frühesten Kindheitstagen an ihm: können keine Kränkung, keine Verletzung und Demütigung (siehe Foto) vergessen, die er unablässig in unseren Gehirnen als Schuld unter ‚Soll’ verbucht.

Auf der ‚Haben’–Seite suchen wir bei dieser Art doppelter Buchführung den Ausgleich: wir notieren da – bewusst oder unbewusst – akribisch auch die angenehmen Dinge, die uns widerfahren: Anerkennung von anderen, spontane Freundlichkeiten uns gegenüber und auch die Freude, wenn wir helfen konnten, etc…

Aber wir registrieren auf der ‚Haben’–Seite auch das ‚klammheimliche Vergnügen’, wenn wir uns erfolgreich rächen konnten für die eine oder andere Schändlichkeit, der wir ausgesetzt waren. Wenn wir außerdem unsere Objekte der Rache noch leiden sehen, steigert das zusätzlich unser Vergnügen…

Spätestens hier, aber eigentlich schon früher, wenn wir unseren Racheplan aushecken, beginnt das persönliche Verhängnis: plötzlich beschäftigen wir uns nämlich in fataler Weise ausgerechnet mit der Person, die uns seelisch oder körperlich (siehe Foto) verletzt hat und die wir hassen und verabscheuen!

Der Gedanke nach Vergeltung quält uns über Tage und Nächte, eskaliert in uns und lässt keinen Raum mehr, uns mit den Menschen zu befassen, die wir lieben und die unsere Zuneigung verdienen!

Das heißt, ausgerechnet jenes Subjekt, das uns verletzt hat, bekommt durch unseren ‚Drang nach Vergeltung’ zusätzliche Macht über uns und bestimmt unser Handeln in einer Weise, die wir nie und nimmer gewollt hätten.

Genau das aber vermeiden wir, wenn wir verzeihen können!

Denn – wir lösen uns dann nicht nur von der verletzenden Kränkung, sondern auch von dem Menschen, der sie uns zugefügt hat.

Ich sage nicht, dass das leicht ist!

Aber wenn wir diesen Mechanismus durchschauen, können wir ihn üben und finden immer schneller nach jeder Kränkung unsere innere Ruhe und Gelassenheit wieder.

Nebenbei nähern wir uns Schritt für Schritt dem Ziel, ein ‚autonomer Mensch’ zu werden, der sein Handeln möglichst selbst bestimmt!

Wobei wir aber nie vergessen sollten, dass diese Autonomie beschränkt bleibt und letztlich nur von Fall zu Fall geborgt ist, denn das ‚Tier’ in uns ist mächtig und nur schwer zu zähmen…

KH

PS:

Foto Waldtraud Schmalenberg, der Autor als ‚Konrad Flesser‘ in der szenischen Performance ‚Das Schandmahl‘

Roland Dürre
Donnerstag, der 2. Juli 2015

Unternehmertagebuch #110 – Manus Agere.

Vor kurzem hatte ich ein Erlebnis, bei dem ich einmal mehr verstanden habe, warum mir die Begriff „Manager und Managen“ nicht so gefallen. Ganz gleich, ob sie mit 2.0, 3.0 oder 5.0 verknüpft sind. Habe ich doch schon allein deswegen an diesem Begriff gezweifelt, weil es so viele Übersetzungen für „to manage“ aus dem Englischen ins Deutsche gibt, die mich lehren, dass der Begriff für „alles und nichts“ verwendet werden kann.

Im Rahmen der Webwoche war ich bei einer Veranstaltung von Techdivision in München, die von meinem Freund Sacha Storz organisiert wurde (Sacha ist kein Schreibfehler 🙂 ). Das Thema war Management 3.0 – dazu gibt es ja bekanntlich auch viel bekannte, ja sogar berühmte Literatur.

In der Diskussion hat Gerrit Mauch – dessen Beiträge ich sehr geschätzt habe – erwähnt, was er mit dem Begriff „managen“ verbindet. Er meinte, dass die Stammbedeutung des Begriffs möglicher Weise vom lateinischen „manus agere“ (‚an der Hand führen‘) käme und wesentlich für die Tätigkeit des Erziehens und Dressierens von Pferden verwendet wurde.

Aus der Pferdeschule ist also im Lauf der Zeit das moderne „Managen“ geworden.

Wenn ich diesen Gedanken folge, dann war das BGM der Römer die gesundheitliche Fürsorge für die Pferde. Denn das waren wichtige und so wertvolle Nutztiere

Und Menschen so zu sehen, das ist für mich eben die falsche Denke, die irgendwie gar nicht mehr in unsere Zeit passt. Zumindest sollten die entwickelten Gesellschaften sich nicht auf einem solchen Menschenbild basieren. Und wir wollen ja eine entwickelte Gesellschaft sein …

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!

Klaus-Jürgen Grün
Dienstag, der 24. März 2015

Der moralische Buchhalter in uns.

filitos1Er ist nicht das Lieblingsbild von uns selbst.

So wie wir uns gerne sehen würden.

Selbstbewusst, humorvoll, tolerant, spontan.

Nein, er ist  fleißig, beharrlich, korrekt.

So, wie wir uns eben Buchhalter wünschen.

Unser moralisches Urteil bedient sich der Charaktereigenschaften des Buchhalters. Gleicht Worte und Taten anderer mit unseren Werten ab und ordnet Konsequenzen zu. Dabei bringen wir wie in einem Soll- und Haben-Konto Vorkommnisse zum Ausgleich, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. In dem Buch „Christie Malrys doppelte Buchführung“ stellt der Autor die Frage, wie man eigentlich mit all den Gemeinheiten umgeht, die einem andere täglich antun.

Eine Frage, die uns alle berührt. Er kommt auf die Idee, eine Lebensbuchführung in Form einer doppelten Buchhaltung anzulegen. Unter Soll (Debit) und Haben (Credit) notiert sich die Hauptfigur Christie Malrys alles, was ihr so widerfährt. Die Kränkungen sind debits (Soll) und müssen ausgeglichen werden durch entsprechende  credits (Haben), (für sie) angenehme Erfahrungen. So überlegt sich Malrys, einem Nachbarn, der ihm den Gruß verweigert, es diesem durch einen Kratzer im Lack seines Autos  zu vergelten. Ein Wohnhaus, das ihm im Weg steht, bekommt einen fetten Strich auf die Fassade.

Übertrieben? Klar. Reine Fiktion? Nein. Unsere doppelte Buchführung möchte Gerechtigkeit und scheut dabei vor keiner Kleinlichkeit und Peinlichkeit zurück. Unsere Werte, die wir unserem Gerechtigkeitsempfinden unterlegen,  sind ja nicht wie Euro oder Dollar im offiziell festgelegten Kurs zu berechnen oder zu tauschen, sondern ausschließlich in unserem, persönlichen Verrechnungsmodus. Die korrekte Verrechnung der Konten liegt in unseren Augen oder vielleicht noch, in dem unserer Bezugsgruppe.

Was ist der richtige, passende, gerechte „credit“ für einen Islamisten, der seinen Gott verhöhnt sieht? Was für uns der Stinkefinger des griechischen Außenministers bei Günter Jauch? Öffentliche „Hinrichtung“ per TV? Höhere Zinsen für Kredite? Aufruf zum Boykott des nächsten Griechenland-Urlaubs? Ohnehin überwiegen im richtigen Leben die Kränkungen, die „debits“,  und eine Bilanz, die für uns ständig in den Miesen steht,  führt uns stark in Versuchung, beim Ausgleichsversuch immer erfinderischer zu werden. Gehässiger und für die anderen ungerechter. Wer ständig denkt, „offene Rechnungen“ begleichen zu müssen,  wird auf der Suche nach den geeigneten Maßnahmen viel Leben verpassen.

Wo die moralische Buchhaltung besonders konservativ ist, sieht sie die Konten nicht ausgeglichen. In ihrer ausgleichenden Gerechtigkeit fordert sie auch einen härteren Strafvollzug. Weicher oder laxer Strafvollzug entwerte bestimmte Handlungen. Ihre Vertreter sind der Meinung, dass üble Taten nicht teuer genug bezahlt werden. Kritiker der konservativen moralischen Buchhaltung sehen in diesen Strategien jedoch eher eine Aufwertung der Straftat zu einem knappen Gut. Nicht jeder soll sie sich leisten können.

Es herrscht Uneinigkeit in der Frage, wie die Wiedergutmachung als ein Ausgleich zwischen Gut und Böse stattzufinden habe. Einig sind sich jedoch alle in der Forderung nach der Wiedergutmachung. Entweder durch Rache oder durch Gnade, aber Gerechtigkeit muss sein. Rückzahlen oder Heimzahlen muss man es jemandem, wenn er sein Konto überzogen hat.

Während wir in der Finanzbuchhaltung Strategien kennen, die doppelte Buchführung einzudämmen, schießt in der moralischen Buchhaltung die Doppelmoral ins Kraut. Ein Moralist wird es weit von sich weisen, dass er berechnend vorgeht. Das würde seine moralische Position schwächen. Er möchte sich noch nicht einmal darauf einlassen, dass menschliches Handeln und moralische Werte messbar seien.

Und statt die Kriterien seiner Messungen und Vergeltungsakte offenzulegen, leugnet er schlichtweg diese Strategie. Hinter dem moralischen Urteil steht ein Denkmuster, das ein bestimmtes Kalkül der Verrechnung von Gut und Böse transportiert, das aber zugleich dieses Hintergrundmuster verschleiert. Moralische Buchhaltung verdunkelt, dass sie eine Buchhaltung ist.

Was Menschen stattdessen behaupten, hat George Lakoff in seinem entlarvenden Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn“ so ausgeführt: „Mein Denken ist mir komplett bewusst. Es obliegt allein meiner Entscheidung, wie ich denke und welche Schlussfolgerungen ich ziehe. Alle Menschen können gleich denken. Und indem ich denke, erfasse ich objektive Wahrheiten, die in der Welt vorhanden sind. Alle Dinge haben einen eigentlichen Sinn und können gedanklich so nachvollzogen werden, wie sie existieren. Deshalb kann ich, wie jeder andere Mensch auch, objektiv denken und sprechen.

Wenn der Mensch nur so wäre.

kjg