Klaus Hnilica
Freitag, der 26. Oktober 2018

Anzug oder Dirndl?

Ich bin oft an dieser Bar vorbeigegangen. Aber nie hinein. Warum auch? Ich bin kein ‚Barhocker‘ und werd‘ auch nie einer werden.

Nach der wochenlangen Hitze zwängte sich allerdings schon gelegentlich die Vorstellung eines kühlen Colas mit Rum oder eines eiskalten Whisky Sodas in mein Kleinhirn, wenn ich auf dem Heimweg vorbei kam. Das muss ich zugeben!

Verlockend kühl schien es da drinnen auch zu sein, wie die ewige Dunkelheit vermuten ließ, wenn die Eingangstür zufällig aufging. Und das war gar nicht so selten! Denn irgendwie war dieser Laden Tag und Nacht geöffnet und das sieben Mal die Woche und zweiundfünfzig Wochen im Jahr! Komisch – oder?

Ja – und dann stand ich letzten Dienstag am späten Nachmittag tatsächlich am Tresen dieser seltsamen Bar und orderte endlich den lang ersehnten Whisky Soda mit jeder Menge Eis!

Vermutlich weil es so unerträglich schwül war an diesem Tag und ich wieder einmal völlig ausgelaugt und deprimiert vom Büro heim schlich. Als dann plötzlich ein eleganter älterer Herr fortgeschrittenen Alters direkt vor meinen Augen die Eingangstür zu dieser besagten Bar öffnete, fasste ich Mut und folgte ihm spontan – bis an den Tresen: das musste ich tun, da ich in der undurchdringlichen Dunkelheit sofort die Orientierung verlor.

Da ich aber in Begleitung dieses zufälligen Türöffners wie gesagt, sofort am Tresen landete, hatte ich dann ausreichend Zeit, um mich an die extreme Dunkelheit zu gewöhnen.

Vermutlich war dieses Gefühl, Zeit zu haben, auch der Grund dafür, dass ich den Barkeeper überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Erst als er fragte, was ich wünsche, nahm ich sein jugendliches dunkelhäutiges Gesicht wahr – und seine weißen Zähne – die totale Glatze und – und – und …

Von seiner Frage überrascht, sagte ich hastig, einen Whisky Soda, bitte!

Welcher Whisky darf es denn sein?

Hm? – stöhnte ich.

Bourbon? Scotch? Blended Malt?

Ist mir egal – aber viel Eis,bitte!

Der junge Mann war zu taktvoll, um mich weiter vorzuführen. Jedenfalls stellte er mir blitzschnell ein Glas Whisky Soda vor die Nase und daneben ein Extragefäß voller Eiswürfeln samt Zange! Ich war begeistert.

Nach zwei kräftigen Schlucken war ich endlich auch bereit mich umzusehen, wo ich hier gelandet war: tatsächlich stand rechts neben mir der ältere Herr, dem ich gefolgt war – vermutlich Stammgast, da er munter mit dem Barkeeper in Englisch parlierte – und links von mir, fast am Ende des mächtigen Tresens, hockte eine Frau im Dirndl, die ihr Getränk mit beiden Händen fest umklammert hielt und vor sich hin starrte.

Aber irgendetwas stimmte an dieser Frau nicht.

Wie die nur auf dem Hocker hing. Ihr Dirndlrock war auch unanständig nach oben gerutscht. Das herausragende Bein wirkte wie eine haarige braun lackierte Prothese und war fest zwischen Barhocker und Tresen eingeklemmt.

Tja und dann viel auch bei mir der Groschen! Das war gar keine Frau, was da in dem Sommerdirndl hockte – nein, das war ein Mann!

Sogar ein recht grobschlächtiges Exemplar, das aus irgend einem Grund, wie eine überdimensionale Fleischwurst in eine viel zu enge Dirndl-Haut gequetscht worden war, so dass jetzt nicht nur zwischen blauem Rockbund und dem roten Oberteil braune Fleischwülste hervorquollen, sondern die kurzen Ärmel der weißen Bluse auch die fleischigen Oberarme abschnürten und aus dem Dekolleté eine üppige schwarze Brustbehaarung quoll!

Also schlimmer ging‘s nimmer! Echt!

Da half auch nicht, dass diese ‚Mann–Frau‘ krampfhaft immer wieder versuchte, wenigstens den hellblauen Rocksaum über das rechte Knie ihres behaarten Beins zu ziehen. Dies umso mehr, als trotz der schummrigen Beleuchtung unschwer zu erkennen war, dass dieses seltsame Zwitterwesen auch bezüglich seines Gesichtes keinerlei Vorkehrung getroffen hatte, wenigstens ansatzweise einer Frau zu ähneln. Im Gegenteil: ein Teil des langen fettigen Haares baumelte strähnig über die Stirne und in dem stark gebräunten, eher derben Gesicht, wucherte sogar ein üppiger schwarzer Dreitagebart.!

Doch als sich unsere Blicke trafen, da ich dieses Zwitterwesen zu lange angestarrt hatte, ging überraschender Weise plötzlich ein schiefes Grinsen über sein Gesicht, das sogar auffordernd wirkte, da es von einem freundlichen Kopfnicken begleitet wurde.

Ich nickte verwirrt zurück und nahm zwei kräftige Schlucke von meinem Whisky Soda, um mein inneres Gleichgewicht wieder zu finden.

Der Dirndl-Zwitter orderte daraufhin mit lautem Zuruf an den Barkeeper am anderen Ende des Tresens ein neues Glas Bourbon, stand auf und kam auf mich zu.

Vorsicht – der Mann war mindestens einen halben Kopf größer als ich und wirkte kräftig! Wortlos setzte er sich mit einigem Gestöhne und Gezupfe an seinem hellblauen Dirndlrock, auf den Barhocker neben mir, während ich ihm verlegen zulächelte und stumpfsinnig mein fast leeres Whiskyglas mit Eis auffüllte.

Sie wundern sich bestimmt über mein Outfit? sagte er dann auf eine überraschend gewinnende Art.

Ehrlich gesagt ja, antwortete ich angestrengt, aber da bin ich bestimmt nicht der Einzige hier.

Stimmt! Sagte er knapp und stürzte das halbe Glas seines frisch georderten Bourbon in einem Zug hinunter.

Aber es geht mich ja letztlich nichts an, fuhr ich fort! Schließlich sind wir in einem freien Land, in dem sich jeder nach eigenem Gusto bewegen kann.

Stimmt! Wiederholte er und süffelte an seinem Bourbon.

Sind wir froh, dass es so ist, warf ich ein.

Natürlich, natürlich, sagte er beflissen.

Ich schwieg, da ich nicht neugierig wirken wollte.

Nach einer kurzen Pause sagte er, wissen Sie, mein seltsames Dirndl–Outfit hat seinen Grund!

Sicher , sicher erwiderte ich, wir haben alle unsere Gründe…

Aber bei mir ist meine Frau der Grund, unterbrach er mich.

Hm – grunzte ich.

Ja – sie denkt ich sei ein Säufer!

Wie das denn?

Sie ist überzeugt, wenn sie heute am späten Nachmittag nebenan im Kongresszentrum das Musical besucht, dass ich mich in der Zwischenzeit hoffnungslos besaufe!

Und hat sie recht?

Natürlich nicht! Im Gegenteil, ich vermute, dass sie gar nicht ins Musical will, sondern ihren Liebhaber trifft und nur Angst hat, dass ich ihr nach spioniere…

Was in ihrem Dirndl–Outfit nicht ganz einfach sein dürfte!

Das stimmt auch, aber das kommt daher, dass sie schamlos den Umstand ausgenützt hat, dass wir dieses Mal schon am Vorabend des Musicals angereist sind und im Hotel des Kongresszentrums übernachtet haben. Als ich dann mittags mein übliches Schläfchen absolvierte, schlüpfte sie vermutlich in ihr ‚Kleines Schwarzes‘, packte meinen Anzug ein – und haute ab!

So dass Sie praktisch im Hotelzimmer gefangen sind, bis sie wieder zurückkommt! Ergänzte ich, scharfsinnig wie ein Meisterdetektiv.

Richtig – ich bin übrigens Hilmar!

Okay Hilmar! sagte ich, nannte auch meinen Namen – den ich aber hier nicht preisgeben möchte – und prostete ihm zu.

Jedenfalls, fuhr ich fort, scheint mir Ihr – Pardon, Dein – Frauchen ein schlaues Luder zu sein, wenn ich das so sagen darf und erinnert mich mächtig an mein ehemaliges Frauchen…

Das heißt wir sind beide gebrannte Kinder, fasste Hilmar zusammen.

Oder gehörnte Deppen, die es nicht anders verdienen, sagte ich, prostete ihm zu und trank wie er, mein Glas leer.

Hilmar nickte nachdenklich und bestellte uns zwei neue Drinks.

Dann sagte er, dass er sich endlich wehren und mir einen Vorschlag machen wolle – und zwar einen Vorschlag unter Freunden!

Und welchen? fragte ich.

Wie wäre es denn, sagte Hilmar zögernd, wenn du mir, quasi auf Honorarbasis, für ein paar läppische Stündchen deinen Anzug borgen und dafür in mein Dirndl schlüpfen würdest?

Damit hatte ich nun nicht gerechnet!

Ich spürte kurz wie schlagartig sowohl mein Blutdruck als auch die Frequenz meines Ruhepulses nach oben ging, und machte, unterstützt von einer Bewegung meiner rechten Hand, die Andeutung, ob er noch sauber im Kopf sei?

Doch Hilmar schien darauf vorbereitet: er blieb ruhig und sagte es würde mein Schaden nicht sein, denn an Geld mangle es ihm wirklich nicht!

Nach einer längeren Pause, in der wir uns beide schweigend anstarrten, sagte ich: Vergiss dein Geld, Hilmar! Weißt du dein Vorschlag ist derart abwegig, dass er fast schon wieder gut ist. Darum – und weil meine ehemalige Frau ein ähnliches Luder war, helfe ich dir – und mache es!

Hilmar umarmte mich gerührt und verkrümelte sich mit mir auf die Toilette!

Natürlich öffneten sich nun neuerlich die diversen Mäuler in den erstaunten Gesichtern des Barpublikums, als ‚ich‘ plötzlich als ‚Dirndl-Monster‘ daherkam und Hilmar in meinem dunkelblauen Sommeranzug als Gentleman posierte! Da er kräftiger war als ich, kniffen Sakko und Hose bei ihm ähnlich wie zuvor das Dirndl, während mir die Klamotten seiner Frau prima passten. Aber Hilmar war hoch zufrieden mit seinem neuen Outfit!

Sichtlich beglückt schluckte er den neu bestellten Whisky weg, starrte auf seine Uhr, blickte mir fest in die Augen und sagte gepresst, dass er spätestens in zwei Stunden zurück sei.

Noch ehe ich antworten konnte – war er weg, und ich stand alleine auf der Bühne: so fühlte ich mich jedenfalls, da mich alle Gäste im Lokal plötzlich anstarrten.

Vermutlich errötete ich auch und wendete mich spontan mit einem Gefühl der inneren Leere dem Tresen zu, suchte reflexartig mein Glas und schüttete den Rest des Whisky Soda, ziemlich verzweifelt, in mich hinein.

Dem Barkeeper gab ich zwar zu verstehen, dass ich noch einen möchte, spielte aber gleichzeitig schon mit dem Gedanken, heim zu gehen und mich in meiner nahegelegenen Wohnung zu verkriechen.

Aber bevor ich diesen Gedanken noch zu Ende denken konnte, schlüpfte plötzlich eine ansehnliche Dame reiferen Alters durch die Eingangstür der Bar.

Auffallend war nicht nur ihr perfekt geschminktes Gesicht, sondern vielmehr die Tatsache, dass sie in einem viel zu großen Herrenanzug steckte. Was aber ihrer Eleganz keinerlei Abbruch tat!

Sie hatte etwa meine Größe, kurze schwarze Haare, vielleicht eine Spur zu lange Nase, dafür aber ein hinreißendes Lächeln. Auf ihren Pfennigabsätzen stakste sie, ohne zu zögern, direkt auf den Tresen zu.

Noch bevor der Barkeeper Gelegenheit hatte sie nach ihrem Getränkewunsch zu fragen, zwitscherte sie selbstbewusst: ich möchte das Gleiche wie die Dame in meinem Dirndl!

Also einen Whisky Soda, stellte der Barkeeper nüchtern fest.

Okay – Sie müssen es wissen!

Natürlich spürte ich, wandelndes Dirndl-Monster, wie mit einem Mal meine Knie weich wurden – aber noch stärker beeindruckte mich die Schnelligkeit und Präzision, mit der dieser Neuzugang die Lage in der schummrigen Bar gecheckt hatte.

Außer einem kurzen, guten Abend, brachte ich nichts aus mir heraus, denn das Gefühl, nun schon wieder vor einem aufsässigen Publikum auf der Bühne schauspielern zu müssen, raubte mir jegliche Kraft.

Anders schien es wohl der ‚Anzug–Dame‘ zu gehen, denn mit einem kecken Blick sagte sie: oder sind das etwa nicht meine Klamotten, die Sie anhaben?

Das weiß ich nicht, gnädige Frau, stammelte ich.

Aber ich weiß es!

Und warum stecken Sie dann in diesem viel zu großen Herrenanzug, wenn Sie ohnehin dieses Dirndl ihr eigen nennen, stellte ich mit scharfer Männerlogik fest?

Weil Sie es anhaben – werter Herr! Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass man zu zweit in einem Dirndl steckt?

Nein – das nicht! sagte ich kleinlaut und trank verzweifelt mein Glas in einem Zug aus.

Da der Barkeeper auch schon ihren Drink bereitgestellt hatte, nahm sie ihn und prostete mir zu: auf Ihre Gesundheit, werter Herr, sagte sie so laut, dass es niemand an den nahegelegenen Tischen überhören konnte.

Und mir flüsterte sie zu, dass sie Elsa sei!

Hilmars Elsa? fragte ich, ohne echtes Erstaunen.

Nein – deine Elsa, wenn du willst!

Oh Gott – jetzt war ich dann doch erstaunt. Was heißt erstaunt? Ich wurde vielmehr von einem Tsunami undefinierbarer Emotionen derartig überrollt und mitgerissen, dass ich sekundenlang schwieg.

Da Elsa wohl merkte wie es um mich stand und mir vermutlich jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen war, sagte sie: aber das gilt natürlich nur, wenn du mir mein Dirndl zurück gibst!

Gerne – aber was wird dein Hilmar dazu sagen?

Vergiss Hilmar – und komm mit mir auf die Toilette – aber schnell – sonst überleg‘ ich‘s mir wieder.

Als wir dann nach einem kurzen Bescheid an den Barkeeper verschwanden und bald darauf mit getauschten Kleidern wieder am Tresen hockten, waren wir natürlich noch immer auf der Bühne, aber bei weitem nicht mehr so interessant. Schließlich waren eine Dame im Dirndl und ein Herr im Anzug keine Besonderheit, die einen stundenlang zu fesseln vermochte.

Und als wir endlich bei mir zu Hause splitternackt nebeneinander lagen, gestand Elsa, dass Hilmar gar nicht wüsste welchen Dussel er heute hatte: ausgerechnet heute hätte nämlich ihr Chef, dieser Dreckskerl, sie schmählich versetzt und seine Sekretärin als Ersatz ins Musical geschickt. Vermutlich sitze Hilmar jetzt sogar neben ihr – seit der Pause!

Ja und wegen dieser angetanen Schmach wollte sie sich, aufgeladen wie sie war, schadlos halten und Hilmar in seiner ‚Säufer Bar‘, von der sie schon lange wusste, in seinem Anzug überraschen. Denn Hilmar in ihrem Dirndl zu erleben, sei genau das gewesen, was ihre verletzte Seele nach dieser Demütigung benötigt hätte! Aber leider sei es ja dazu durch mein unbedachtes Rettungsmanöver nicht gekommen, sagte sie mit einem bösen Lächeln und verbiss sich schmerzhaft in meine linke Brustwarze, die gar zu keck weg stand, wie sie fand.

Da sich Elsa nach einer Stunde lustvollem Gestöhne und der Rückkehr auf die Erde, wohl einigermaßen von ihrem angetanen Leid erholt hatte, aber nicht entscheiden konnte, was sie anziehen sollte – Anzug oder Dirndl? – schlüpfte ich schnell ins Dirndl und schickte sie in Hilmars Anzug in ihr Hotel zurück!

Hilmar stand schon am Tresen, als ich in der Bar ankam!

Freundschaftlich umarmte er mich und für die Barbesucher ging die Show weiter…

Aber nur kurz, denn Hilmar war überglücklich, dass alles nur ein fürchterliches Missverständnis zwischen ihm und seiner geliebten Elsa gewesen sei. Er müsse jetzt umgehend zu ihr ins Hotel ,sagte er, um sie mit einem festlichen Essen in einem ‚Sterne Restaurant‘, für sein schäbiges Misstrauen, zu entschädigen!

Hoffentlich klappe das auch, denn ihre Freundin im Musical, hätte ihm erzählt, dass Elsa wegen Kreislaufproblemen in der Pause diese wunderbare Aufführung leider hätte verlassen müssen.

Gott sei Dank dachte wenigstens ich an den notwendigen Kleidertausch, als Hilmar mit brennendem Herzen zu seiner Elsa drängte, und der Barkeeper an die sechs noch nicht bezahlten Whiskys, die natürlich Hilmar in seinem Freudentaumel liebend gerne samt einem mehr als großzügigen Trinkgeld übernahm.

Und ich war froh endlich wieder in meinen eigenen Klamotten heim traben zu dürfen und in der Brusttasche meines Anzugs das Knistern des von Hilmar versteckten 500 Euro Scheins zu spüren, das mir bestätigte, dass die letzten Stunden kein Traum waren, sondern Elsa mich wirklich nächsten Dienstag – vielleicht?– schon wieder beißen könnte…

KH

Warum sind Sie als Teilnehmer dabei, was ist Ihr Ziel?

Das ist die Frage, die fast immer kommt, wenn man das erste Mal auf ein „die Persönlichkeit förderndes Seminar“ geht.

Und einmal habe ich als Antwort gehört

„Macht, Kohle und Frauen“.

Die erschien mir als ehrlich. Das scheint mir zumindest bei Männern im Normalfall zu zu treffen. Wen wundert es – auf solchen Seminaren habe ich fast immer nur Männer angetroffen. Das passt ja auch in unsere #metoo-Welt. Letzten Ende läuft es halt so wie es läuft.

Viele andere Antworten habe ich gehört. Die klangen auch schön. Meistens erschienen sie mir aber erstunken und erlogen. Dazu erzähle ich folgende Geschichte aus meinem Leben.


Man muss wissen, dass ich wie viele Manager und Berater im Laufe meines Lebens des öfteren auf Seminaren und Trainings war zur „Förderung/Bildung der Persönlichkeit für Führungskräfte und Manager“. Zu Beginn meines Berufsleben bei Siemens habe ich als ingenieurs-mäßiger Typ so etwas völlig abgelehnt und mich davor gedrückt.

Roland auf dem Wege aus dem Akademie-Hotel in Jena zum Stadion (Carl-Zeiss).

Wie ich dann zur Softlab GmbH gewechselt bin hat sich das geändert. So kam ich so mit 30 zu einem Seminar bei TPM (Training Psychologische Management. Das Seminar war Pflicht. Wenn man „etwas werden“ wollte, musste man dran teilnehmen.

Ich ging sehr skeptisch hin – und kam  begeistert zurück. Ab da habe ich mich vorgedrängt, wenn es die Chance gab einen Kurs „jenseits der Fachlichkeit“ zu bekommen. So kam ich auch zu Rupert Lay, der für mich sehr wichtig werden sollte. Wie auch zu weiteren Mentoren in meinem Leben.

Nicht nur als „newbie“ habe ich immer wieder erlebt, wie die „Trainer“ in der ersten Runde die Teilnehmer nach ihrer Erwartungshaltung gefragt haben. „Warum sind Sie denn hier bei mir“, so oder ähnlich war die typische Frage zum Einstieg ins Seminar.

Heute wende ich diese Frage selber an, weil ich meine, dass sie Sinn macht. Man lernt so die Teilnehmer ein wenig  kennen und kann ihre Interessen und Bedürfnisse erfahren. Dem „Trainer“ ermöglicht sie, eine zu hohe Erwartungshaltung zu korrigieren. Zumindest regt die Frage zum Nachdenken an und kann gut als Übergang zu den wesentlichen Themen genutzt werden, die uns bewegen und in die sich die Teilnehmer einbringen sollen.

In einem meiner ersten Seminare bei einem prominenten Trainer habe ich folgende Antworten auf diese zentrale Frage gehört:

… ich habe Fehler und möchte einige davon abstellen …

… ich habe eine Reihe von Talenten, die ich ausbauen will …

… ich möchte endlich einen entscheidenden Karriere-Schritt machen, den ich schon lange anstrebe …

… ich möchte Klarheit über mein Leben gewinnen und Struktur in dasselbige bringen …

… ich strebe eine selbstständige und eigenverantwortliche Aufgabe an, weil mich mein aktuelles abhängiges Dienstverhältnis in dem systemischen Konzern, dem ich angehöre unglücklich macht …

Manche der Teilnehmer haben dann auf Nachfrage durch den Trainer länglich beschrieben, wie toll ihre Person und Position sei, und dass sie weiter „nach oben“ wollten. Und dass sie jetzt eben lernen möchten, wie sie noch besser und noch wichtiger werden können.

Das hat mich da schon ein wenig geärgert. Es war alles so unwirklich, künstlich, synthetisch. Vor mir war ein Mann (natürlich männlich) an der Reihe, der schon äußerlich den Erfolg zu verkörpern schien und der auch mir durchaus als „charismatisch“ vorkam. Er hat es ganz kurz gemacht:

Ich möchte mehr Erfolg haben!

Auf die Frage des Trainers, was er denn unter Erfolg verstehen würde, kam seine Antwort, wie aus der Pistole geschossen:

Erfolg? Das wäre für ihn mehr Macht, mehr Kohle (Geld), mehr Frauen – wobei ihm die Reihenfolge gleich wäre.

Wow! Das war es. Ich empfand diese Aussage irgendwie ehrlich als die der Vorredner, die mir jetzt als Heuchler erschienen. Vielleicht hat ihn diese Heuchelei genauso genervt wie mich.

Als letzter in der Runde ich dran. Weise entschloss ich mich zu sagen, dass

… ich mir da keine Gedanken gemacht hätte und das Seminar erst mal einfach so auf mich zukommen lassen möchte …

Diese auch nicht ganz ehrliche sondern sorgfältig abgewogene Aussage hat mir eine ganze Reihe von ziemlich auf mich herab schauende Blicke eingebracht. Ich konnte Unverständnis herauslesen. Wie kann man nur auf so ein teueres Seminar gehen, ohne jedes Ziel!?

Besonders von den „Heuchlern“ kamen diese Blicke.  War auch kein Wunder, ich war damals der mit Abstand jüngste Teilnehmer und der Einzige in Jeans und Rolli. Ohne den feinen Zwirn, den die edle Runde trug. Aber ich hatte gelernt: Es geht um Macht, Geld, Sex. Das ist mir damals bewusst geworden. Und darüber lohnt es sich schon, ein wenig nachzudenken. Nicht nur wegen #MeToo.

Denn was ist Macht? Ich meine, Macht entsteht, wenn man besondere Persönliche Eigenschaften hat oder aufgrund von Position und von Besitz. Am besten ist es in unserer Gesellschaft, man verfügt über alles:

  • Persönliche Eigenschaften
    Positiv könnten dazugehören gutes Aussehen, eine angenehme Stimme, eine gewisse Körpergröße, elegante aber passende Kleidung, eine Anmutung von Authentizität, gute Bildung und Ausbildung, eine angenehmen Persönlichkeit, gute Manieren und natürlicher Autorität. Solche Menschen kommen schon sicher mal eher in gute Positionen als andere.
  • Position
    Wichtige Positionen im Staat oder in wichtigen Institutionen „verleihen“ Macht. Die Macht des Amtes überträgt sich auf die Person. Systemagenten tun so, als ob die Macht des Systems, das sie vertreten zu ihrer eigenen geworden ist.
  • Besitz
    Besitz macht mächtig. Andere wollen am Besitz teilhaben und unterwerfen sich deshalb dem Besitzenden. Ich habe übrigens mit Absicht Besitz und nicht Eigentum geschrieben. Denn es interessiert niemanden, ob das Imperium wackelt, wichtig ist, dass es leuchtet.

Unser Protagonist wollte also mehr Macht (also Persönlichkeit, Position und Besitz). Aber er wollte auch Kohle. Kohle als kumpelhaft genutztes Synonym für Geld. Wobei wir wieder bei der Macht sind.

Unserer Gesellschaft ist nur ein Grundrecht wichtig, das die Wahrung von Besitzstand. Wir haben auch einen Glaubenssatz: „Mit Geld kann man sich alles kaufen“. Auch die Macht. Man braucht nur genug davon. So werden Geld und Macht zum Synonym.

Unser Protagonist wollte aber auch noch Sex. Einfach weil er in seiner (oder in allgemeiner) Denke davon ausgeht, das man mit genug Macht und Geld alles bekommt. Auch alle Frauen.

Vielleicht wollte unser Erfolgs-Protagonist nur einen Witz machen. So wie bei Immobilien. Da gibt es drei zentrale Kriterien: Lage, Lage und Lage. Und vielleicht wollte er nur sagen, dass Macht, Geld und Sex in unserer #MeToo-Welt eh nur drei Synonyme sind (das selbe bedeuten) ? Oder vereinfacht Geld, Geld, Geld.

Ich fürchte, das kennzeichnet unsere Gesellschaft. Sie polarisiert. Geld macht Macht – und – Macht macht Geld. Und wer beides hat, hat alles. So läuft unsere Gesellschaft und der Planet gegen die Wand.

Und was machen wir? Wir regen uns über Sexismus auf. Dies wahrscheinlich sogar zu recht. Aber wir sollten wegen dem bisschen Sexismus die restliche Katastrophe nicht vergessen, die unsere Welt ruiniert (das mit dem Geld und der Macht …).

Als Mentor ist die genannte Frage übrigens auch gut zum Einstieg geeignet. So frage ich neue Mentées gerne, was sie von unser Mentoring als Ergebnis für  die Zukunft  sein soll. Da höre ich oft schönere Aussagen.

Auf die zentrale Frage hat mir ein junger Mann mal geanwortet, dass es sein Ziel ist, im Leben etwas gegen Verschwendung zu tun. Weil er „waste“ verabscheuen würde. Und dass man mich deswegen als Mentor für ihn ausgesucht hätte! Weil bekannt sie, dass ich auch keinen „waste“ mag!

Das stimmt und hat mich begeistert. Wir haben uns an die Arbeit gemacht. Und es wurde gut!

RMD

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 9. November 2017

Hol‘ dir ein Bier…

Miriam war ein Luder!

Alle wussten das – auch der Hermann.

Als Jüngster musste er aber den Bauernhof übernehmen. Es war der größte Hof in Erleinsbach, nur arg heruntergekommen und verschuldet!

Bei den sonntäglichen Stammtischrunden in den umliegenden Wirtshäusern, zu denen Hermann schon lange nicht mehr ging, wurde der Zustand dieses Hofes, wenn’s gut lief mit einem „ja der Hermann hat’ s nicht leicht!“ bedacht, begleitet von einem schäbigen Grinsen oder peinlichem Schweigen. Der eine oder andere spuckte sogar aus, wenn dieser Hof genannt wurde.

Hermanns Geschwister waren froh, dass er sich nach jahrelangem Zögern endlich durchgerungen hatte, den Hof zu übernehmen. Von ihnen hätte sich das keiner antun wollen. Sein älterer Bruder Korbinian arbeitete lieber als Tischler im benachbarten Kopfing und Annegret heiratete schon in jungen Jahren auf einen ansehnlicheren, ertragreicheren Bauernhof. Für den Leitnerbauer war Annegret ein Glücksfall: zwar nicht besonders fesch und schnuckelig, vielleicht sogar etwas froschäugig, dafür aber emsig wie eine Honigbiene, wie ihre Schwiegermutter höchst zufrieden anmerkte, wenn sie vor den Nachbar Bäuerinnen glänzen wollte: Annegret konnte zupacken wie keine andere! Kein Heuschober war ihr zu schwer, kein Traktor zu groß, kein Güllewagen zu stinkig und selbst mit ihrem dicken Schwangerschaftsbauch melkte sie alle Kühe und mistete sie die Stallungen aus.

Ein richtiges ‚Arbeitsviech’ ist meine Alte, stellte der rotgesichtige Leitnerbauer, des öfteren zufrieden am Stammtisch fest und prostete den andern mit seinem vollen Bierkrug zu.

Miriam aber – war kein ‚Arbeitsviech’!

Der Hermann heiratete sie trotzdem! Und das, obwohl sie schon ziemlich abgegriffen war und einen unehelichen Balg mit sich herumschleppte, der aber bei ihrer Tante in Grieskirchen gut untergebracht war. Kein Wunder, dass es für Miriam unter diesen Umständen nicht einfach war im Umfeld ihres Heimatortes Natternbach, wo jeder jeden kannte, einen heiratsfähigen Mann zu finden. Der Hermann kam ihr da gerade recht!

Ihren Balg Paula sah Miriam – Gott sei’s gedankt – nur bei Begräbnissen und Hochzeiten. Das reichte! Denn wann immer Paula ihr unter die Augen trat, war Miriam enttäuscht und verärgert, dass sie genau so unansehnlich und ausgefressen daherkam, wie ihr unsäglicher Vater, der nach wie vor als Schlachter in Wels arbeitete: warum hatte Paula nicht wenigstens ein bisschen was von ihr geerbt?

Ja, sie wusste, wie man sich sexy rausputzte und mit hohem Busen und steilen Arsch den Männern den Kopf verdrehte. Ihr schaute jeder Bauernlümmel nach! Aber der Paula? Höchstens ein Blinder, wenn sie ihm was Freundliches zurief…

Hermann mochte Miriams Paula!

Er hatte sie ein paar Mal bei Familienfeierlichkeiten gesehen und ihr da auch gelegentlich auf ihren dicken Arsch geklopft! Freundschaftlich, so dass sie gekichert hat. Ihren grobschlächtigen Vater, den Josef, kannte er natürlich auch – und auf ihre Mutter, die Miriam, war der Hermann, im Gegensatz zu allen anderen, richtiggehend stolz!

Ja – stolz wie ein Pfau!

Nie im Leben hatte er für möglich gehalten, dass so eine fesche ‚Dern’, einen wie ihn zum Mann haben wollte: ihn, der sich kaum zu benehmen wusste, abgerissen  daherkam und nie ausreichend Kohle hatte. Was konnte er, einer wie ihr, schon bieten?

Na ja – immerhin  einen Bauernhof – und jede Menge Drecksarbeit! Und das von morgens bis abends!

Miriam kam aus einer Handwerkerfamilie!

Ihr Vater war Dachdecker gewesen. Ihre Mutter hatte zwar darauf geachtet, dass immer ein kräftiges Essen und zwei Flaschen Bier bereitstanden, wenn er abends abgearbeitet heim kam, konnte aber trotzdem nicht verhindern, dass er eines Vormittags bei Regen von einem der steilen Kirchendächer rutschte und mausetot war. Genickbruch – und mehrfacher Wirbelsäulenbruch!

Fortan musste Miriams Mutter durch Putzen und Kochen für andere, sich und ihre Tochter, die immer deutlicher zu einem hübschen, drallen Ding heranwuchs, alleine durchbringen. Kein Wunder, dass sich diese Miriam schwor, unbedingt einmal einen Mann zu heiraten, der ihr mehr bieten konnte, als ihr tollpatschiger Vater ihrer Mutter, oder dieser fette Josef, der ihr im Vollrausch die Paula angedreht hatte, aber kaum den Unterhalt zahlen konnte.

Und auf gar keinen Fall war sie bereit, hinter anderen Leuten her zu putzen, wie ihre Mutter das nun Jahr und Tag machen musste. Das war nichts für sie, nein, lieber blieb sie alleine und vertrocknete langsam  – wie ihre Mutter prophezeit hatte!

Vielleicht wirkte Miriam ja gerade deshalb auf Hermann so anziehend, weil sie weder wie eine Bäuerin aussah, noch eine werden wollte?

Ein gewisser Hang, sich besser zu fühlen als Andere, war Hermann immer zu Eigen gewesen. Selbst in der Schule schon. Korbinian und Annegret waren ähnlich und wurden von den anderen Bauern auch oft ausgegrenzt.

Hermann bewunderte vor allem Miriams samtene, helle Haut! Ihr Gesicht zeigte nie die für Bauersfrauen üblichen Frostflecken, die beim Tanzen aufglühten. Sie verstand sich zu kleiden und hätte gut und gerne eine Verkäuferin in Linz sein können.

Über seine ständige Verkündigung gegenüber seinen Geschwistern und anderen Dummschwätzern, dass er sich aus dieser ‚Dachdecker – Miriam’ einen Scheißdreck mache, übersah Hermann, trotz etlicher Warnungen, vermutlich den entscheidenden Moment: denn für alle überraschend, stand er eines Tages, ausgerechnet während der Erntezeit, mit Miriam vor dem Traualtar!

Vom ersten Tag an machte sie ihrem nicht wirklich erstaunten Hermann klar, dass sie nicht im Traum daran dachte, für ihn die Bäuerin zu spielen und ihm vielleicht später auch noch den Arsch abzuwischen.

Miriam hatte andere Pläne und sorgte dafür, schleunigst ins Grundbuch von Hermanns Hof eingetragen zu werden, um endlich den Kredit von der Sparkasse in Grieskirchen zu bekommen, den sie für die Erfüllung ihres Lebenstraumes, nämlich die Eröffnung einer Bar in Wels, benötigte!

Ihr Berater aus der Sparkasse, hatte ihr in sehr persönlichen Gesprächen, die Goldgrube, die da auf sie wartete, aufs Eindringlichste ausgemalt, wenn sie die Sache mit ihm und der entsprechenden Power anginge und sich nicht von ihrem ewig müden Hermännchen dreinreden ließe.

Der Bauernhof als Sicherheit mache alles möglich, versicherte der tüchtige Mann aus der Sparkasse und Miriam tat mit ihren feschen Dirndln ihr Bestes, um ihn in der Spur zu halten!

Allerdings nicht lange, dann waren zwar die Dirndln immer noch in einem prima Zustand, da sie häufig doch bloß in Unterwäsche oder noch weniger arbeitete, aber der Bartraum war ausgeträumt und sie hatte sich ein paar unschöne ‚Kratzer’ mehr eingefangen. Dank ihrer Jugend ließen sich diese jedoch immer noch leidlich kaschieren, wenn sie angezogen war und volle Kriegsbemalung angelegt hatte.

Außerdem war Miriam nicht dumm, sie hatte von ihrem Bankberater zwischen allem Geschmuse, schweißtreibendem Gestöhne und der einen oder anderen Ohrfeige schnell gelernt, wie man einen Notgroschen, selbst bei schwierigstem Seegang, in diversen Steuerparadiesen in Sicherheit bringen konnte.

Und Dario, den sie im ‚Rosenstüberl’ in Linz kennen gelernt hatte, zeigte ihr schon bald nach dem komischen Sparkassenhengst, was sie mit diesem Notgroschen in Südspanien anstellen konnte.

Da Hermanns schäbiger Bauernhof nie das von ihm vorgegaukelte Geld abgeworfen hatte, geschah ihm nur Recht, wenn er jetzt auf den aufgelaufenen Schulden sitzen blieb!

Ihr sei jedenfalls ihre Zeit zu kostbar, um mit so einem wie ihn, die besten Jahre ihres Lebens zu verplempern, rief sie Hermann zu, als Dario ihr ein Ultimatum stellte, endlich zur Sache zu kommen und mit ihm abzuhauen.

So wie er, Hermann, wirtschafte und einen Bockmist nach dem anderen baue, würde er in diesem ‚Saustall von Bauernhof’ selbst in hundert Jahren noch kein Bein auf den Boden bringen, fauchte sie ihn in ihrem roten Hosenanzug von der Haustür‘ her an, während Hermann im Hof den frisch ausgefahrenen Stallmist von seinem Schubkarren in immer höheren Bögen auf den Misthaufen donnerte – und wie immer schwieg!

„Warum schmeißt du dich nicht gleich selbst auf den Misthaufen, Hermann? Das ist doch der richtige Platz für so einen Versager wie du einer bist“, kreischte sie hysterisch und dampfte in seinem hoch betagten Mercedes vom Hof, auf dem es nur noch drei Schweine, zwei alte Kühe und ein Schaf gab, sowie einen Rest an Heu und Stroh, der schon zu schimmeln begann; alle anderen Erträge waren bereits unmittelbar nach der Ernte verkauft worden, um wenigstens die dringlichsten Zahlungen an die Sparkasse tätigen zu können.

Im innersten seines Herzens stimmte Hermann Miriams Einschätzung sogar zu, wenngleich ihr Weggehen – auf diese schäbige Art – ihn innerlich zerriss.

Ohne nachzudenken versuchte Hermann nach diesem Desaster mit Miriam einfach weiter zu werkeln wie bisher: tagsüber arbeitete er für Bekannte in Nachbargemeinden im Pfusch als Maurer, und abends krabbelte er lustlos, mit erbärmlicher Laune, aber jeder Menge Bier, auf den schäbigen Resten seines Hofes herum.

Gelegentlich kam wenigstens seine Schwester Annegret vorbei, wusch ihm die Wäsche, putzte die Küche und zweimal im Jahr die Fenster in der Schlafkammer und der großen Stube. Ohne sie wäre er gänzlich in seinem Dreck erstickt.

Als einziger Lichtblick in dieser Trostlosigkeit blieb Hermann nur – Miriams Paula –  die aus irgendeinem unerfindlichen Grund einen Narren an ihm gefressen zu haben schien – oder die einfach bloß ihre blöde Mutter ärgern wollte!

Jedenfalls, kam Paulaschätzchen, wie er sie nannte, nach wie vor, alle paar Monate aus Grieskirchen in ihrem VW Polo unangemeldet angerauscht – und blieb so lange oder kurz, wie es ihr beliebte – und der griesgrämige Hermann lebte jedes Mal schlagartig auf: Er rasierte sich dann sogar, wusch sich, zog ein sauberes Hemd über, schlüpfte in eine seiner zwei Jeans und fuhr mit Paulaschätzchen nach Natternbach einkaufen, da sie für ihn abends immer was Feines kochte und anschließend Bier und Eierlikör mit ihm trank. Sie plapperte auch von ihrer Arbeit als Friseurin munter daher, erkundigte sich ausführlich nach seinen Wehwehchen und schaute jeden Blödsinn im Fernsehen mit ihm an, den er sehen wollte.

Und dreimal im Jahr konnte sie ihn sogar dazu bringen, sich von ihr die Haare schneiden zu lassen, was immer in einem unheimlichen Gewusel und Gelächter endete, insbesondere wenn sie trotz heftigstem Widerstand von seiner Seite, sich genüsslich über die üppigen Haarbüschel in Ohren und Nasenlöchern machte.

Auch den Wildwuchs über den Augen zähmte sie! Und bei seinem mehr als schütteren Haupthaar, gab es buchstäblich bei jedem Haar heftigste Diskussions- und Kicherrunden bezüglich der angemessenen Schnittlänge. Und wenn ihm danach erschöpft die Augen zufielen, lotste sie ihn auch noch in seine stickige Schlafkammer neben der großen Stube, bevor sie sich in ihr Auto schwang und wieder abdampfte…

Von ihrer Mutter sprachen beide nie – das war eine unausgesprochene, stille Vereinbarung, die strikt eingehalten wurde, egal wie stark sie sich zugedröhnt hatten.

 

Doch dann stand Miriam nach gefühlten Hundert Jahren – an einem Abend im November – trotzdem in der großen Stube! Windschief wie ein verzogener Kleiderschrank und ausgetrocknet wie ihre bereits tote Mutter…

Scheu sagte sie,

„Grüß dich Hermann!“

Der aufgedunsene Hermann – mit maroder Hüfte und wehem Knie –  lag seltsam verrenkt auf dem Sofa vor dem Fernseher, schaute kurz zu ihr hin, nahm einen langen Schluck aus einer der Bierflaschen, die griffbereit am Boden neben dem Sofa standen und fixierte ausschließlich den Bildschirm…

„Kennst’ mich nimmer, Hermann?“

„Schon!“

„Und sagst nichts?“

„Naa…“!

„Darf ich mich setzen…?“

„Nimm dir den Hocker beim Ofen.“

„Danke, Hermann.“

„Und hol dir ein Bier!“

„Ich mag kein Bier mehr, Hermann!“

„Auf einmal?“

„Fragst nicht warum?“

„Wirst mir’s schon sagen!“

„Ich! – ich – ich – hab Krebs…!“

„Bin ich daran auch Schuld?“

„Naa – deswegen komm ich auch nicht…“

„Warum denn?“

„Weil ich nicht weiß wo ich hin soll?“

„Wieso?“

„Weil ich mich schäm’ – für alles!“

„Schau, schau…“!

„Ja ich schäm’ mich wirklich, Hermann.“

„Vor wem?“

„Vor deinen Geschwistern – und der Paula – und den Anderen.“

„Und vor mir nicht?“

„Nein, Hermann, vor dir nicht!“

„Aha.“

„Ist aber so…“

„Na ja – wenn’ st – meinst?

„Ja, mein’ ich…“

„Schaust nicht gut aus!

„Weiß ich, Hermann!“

„Hast einen Hunger…?“

„Nein – ich kann nichts Normales mehr essen.“

„Wo fehlt’s denn?“

„In die Därm…!“

„Hm – versteh…“

„Ich hab keine Kraft mehr…“

„Ich auch nicht!“

„Du Depp – bei mir ist es wirklich so…“

„Bei mir auch…“

„Schickst mich weg?“

„Naa – mach dir’s Bett in unserer Kammer, wenn’st magst!“

„Danke, Hermann“..

„Du weißt ja wo alles ist?“

„Ja – Hermann…“

„Wenn’st willst helf’ ich dir …?“

„Geht schon, trink nur dein Bier aus…“

„Okay“…

Als Miriam ihr Teil im vereinsamten Ehebett überzogen und fertig gemacht hatte, legte sie sich hinein, zog sich die Bettdecke über den Kopf und stand von dem Tag an nicht mehr auf.

Und als sie selbst am Heiligen Abend vor Schmerzen immer wieder aufstöhnte und kurze Schreie ausstieß, streichelte Hermann sie mit seinen schwieligen Händen  – bis sie ganz still wurde…

KH

Hans Bonfigt
Dienstag, der 31. Januar 2017

Heuchler, Lügner und Claqueure:

Die bittere Wahrheit über die Einreiseverbote der Bundesrepublik Deutschland

Die letzte Bahnfahrt meines Lebens führte mich ins schöne Bayern, wo ich mich gestern mit meinem „Spezl“ Peter Kindiger getroffen habe. Der Peter, das ist ein typischer Bayer. Er hat eine beachtliche Karriere hingelegt, ist aber stets mit beiden Füßen auf dem Boden geblieben. Der Peter ist ein sehr sozialer Mensch und hat vielen Menschen uneigennützig und mit großem Engagement geholfen.

Und wenn ihm dabei einer Steine in den Weg gelegt hat, dann waren es stets die Bundesrepublik Deutschland oder der Freistaat Bayern. Die Schwester von Peters Frau, welche in Kiew lebt, hat ein schwerbehindertes Kind. Die Ärzte in Kiew rieten zu einer Operation in Deutschland und Peter hat ein großes Herz: Er will seiner angeheirateten Familie helfen. Er beantragt ein Visum für Eltern und Kind.
Keine Chance. Der Hinweis auf die Verwandtschaft 1. Grades zwischen seiner Frau und der Kindsmutter: Unerheblich …

Selbstverständlich hat sich Peter vorbereitet und bereits eine Reisekrankenversicherung für die Familie abgeschlossen. Selbstverständlich hat er eine persönliche Bürgschaft geleistet, in der Höhe von über 10.000 Euro. Er hat auch Einkommensnachweise der Familie in Kiew mitgebracht, der Vater ist Leibwächter von Julija Tymoschenko und verdient nicht schlecht.

Und dennoch:
Für die Verwandten mit dem behinderten Kind gibt es kein Visum.

Ein enger Freund ist seit zwanzig Jahren mit einer Thailänderin verheiratet, seit zwanzig Jahren leben die beiden in Berlin. Nun wollten die Mutter und die Schwester einmal Urlaub in Deutschland und bei dieser Gelegenheit bei Tochter respektive Schwester in Berlin vorbeischauen.

Das geht nur gegen Vorabeinzahlung von 17.000 (siebzehntausend, kein Tippfehler) Euro als Kaution in bar. Die hatte er gerade nicht in der Tasche und so fiel die Einreise ins Wasser. Halboffizielle Begründung: „Thailänderinnen werden in Deutschland zu Prostituierten und fallen so der Allgemeinheit zur Last“.

Und gestern, bei der Anreise nach Bayern, muß ich lesen, daß der unsäglich peinliche Dampfplauderer „Martin Schulz“, über den Silvio Berlusconi vor zehn Jahren alles gesagt hatte, was zu sagen war, sich im „Süddeutschen Beobachter“ wieder entleert hatte:
„Das Einreiseverbot ist ein Generalangriff auf unsere elementaren Grundwerte“.

Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.

Erstmal:
Die Unterstellung, die das „unsere“ impliziert: Mit diesem Abziehbild eines Mannes, und mit Bedauern in Richtung SPD muß man ja sagen, mit diesem authentischen „Sozialdemokraten“ TEILE ICH KEINE GEMEINSAMEN GRUNDWERTE!

Zweitens:
„Wer hat uns verraten — Sozialdemokraten!“ — Natürlich ist es für einen „Sozialdemokraten“ ein Unding, daß ein Spitzenpolitiker ein Wahlversprechen einlöst — das ist der SPD seit einem halben Jahrhundert nicht mehr passiert.

Drittens:
In den USA gab es keine Machtergreifung. Trump wurde, auch wegen seiner Wahlversprechen, von der Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung gewählt. Was soll das peinliche Gejaule ?

Viertens:
Wie peinlich, wie bigott und wie ekelhaft und widerlich ist es, andere Staaten für ein Verhalten anzupöbeln, wie es im eigenen Lande seit Jahren praktiziert wird?

Schlimmer noch: Während es in den USA für ein Einreiseverbot profunde Gründe gibt, von denen das demokratische Votum nur einer ist, führt Deutschland „Menschen zweiter Klasse“ ein, da bestehen ja genügend Erfahrungen. Der Italiener und der Amerikaner ist o.K., aber die Russen sind Verbrecher und die Thailänderinnen Nutten. Willkommen im 21. Jahrhundert !

Gegenüber Helmut Schmidt habe ich immer hohen Respekt empfunden und nehme mit Erleichterung wahr, daß ihm der peinliche „Willy Brandt“ – Verschnitt zu Lebzeiten erspart blieb.

Und ich erinnere mich an das Lied von Franz Josef Degenhardt „Entschuldigung eines alten Sozialdemokraten“ (1968), dass er „zur Verteidigung eines alten Sozialdemokraten vor dem Fabriktor“ geschrieben hat.

„…
sagt der EWIGE alte Sozialdemokrat

und spricht,
und spricht,
und spricht
bloß ändern, DAS WILL ER NICHT !“

Hier der komplette Text des Liedes.

-hb

(Anmerkung : Nur zu gerne hätte ich das Video oder ein Audio des Liedes in den Artikel eingebunden. Zu solchen Liedern gibt es leider keine Youtube-Videos . Und ein freies Audio zum ein wenig reinhören habe ich auch nicht gefunden. Das finde ich so richtig schade – denn Franz-Josef Degenhardt war ein wichtiger Mensch in unserer Jugend – RMD).

Komm in meinen Dienst – mach mich reich!

Als vorläufig mal letzten Beitrag in meiner Serie zu Korruption bringe ich ein Erlebnis, dass ich als besonders freches Vorgehen empfand. Es war allerdings auch ein sehr verlockendes Angebot und nicht ganz einfach, nein zu sagen.

Das Geschehen ist nicht ganz so lange her wie die Erfahrungen, die ich in den anderen drei Berichten wieder gegeben habe. In meiner Erinnerung datiere ich es auf Anfang bis Mitte der 90iger.

Wir waren damals ein anerkannter und auch bekannter Lieferant von Support und Service für Produkte erster Hard- und Software-Hersteller und versorgten im Auftrage dieser Unternehmen deren Kunden mit Service- und Support-Leistungen. In Regel lief das in guter Partnerschaft, so gab es schöne „win-win-Situationen“.

Es war die Zeit, in der immer neue Unternehmen – vorzugsweise aus USA aber auch aus anderen Ländern – mit besonderen Software-Lösungen im Service- und Sicherheits-Bereich kometenhaft aufstiegen. Und natürlich war unser Ziel, verschiedene Hersteller zu unterstützen und unterschiedliche Technologien zu unterstützen, um ein breites Angebot am Markt zu haben und unabhängig von einem Hersteller zu bleiben.

Eine Tages erreichte uns wie aus dem Nichts ein Anruf eines renommierten und sehr erfolgreichen Technologie-Anbieters mit der Anfrage, ob wir nicht den exklusiven Service für dessen Produkte in einem größeren Bereich von DACH (Deutschland, Österreich, Schweiz) übernehmen wollten.

Es ist immer schön, wenn das Bargeld in der Kasse klimpert.

Es ist immer schön, wenn das Bargeld in der Kasse klimpert.

Das klang natürlich phantastisch. Heute weiß ich, dass man bei solchen Angeboten eigentlich schon von Haus aus misstrauisch sein muss, denn Wunder passieren in der Unternehmens-Realität eben nie (oder wenn dann nur sehr, sehr selten). Und wenn sie doch passieren, dann haben sie (immer) einen (riesen-großen) Haken. Als Treffpunkt war – wie konnte es anders sein – die Lobby in einem Flughafenhotel vorgeschlagen.

Wir waren neugierig, wollten diese Chance auf jeden Fall prüfen und vereinbarten den Termin. Und es war alles wahr. Der Support-Chef Europa des besagten Unternehmens empfing uns sehr freundlich und entgegenkommend und erklärte uns überzeugend, warum er gerade unser Unternehmen als Kandidaten für die zukünftige Partnerschaft ausgewählt habe. Er bot an, uns für eine sehr attraktive Region den Service für seine Produkte und Kunden komplett und exklusiv an uns zu übergeben. Die notwendige Ausbildung unserer Kollegen an seinen Produkten wurde uns zum Nulltarif angeboten, nur die Arbeitszeit dafür hätten wir aufzubringen. Alles klang nach einer neuen und wunderschönen Partnerschaft.

Aber dann kam der Haken. Unser Gesprächspartner wies uns darauf hin, dass wir in solch einem Modell ja keine Vertriebskosten hätten – und trotzdem exzellente Preise realisieren würden. Alle Aufträge würden ja direkt von seinem Unternehmen kommen und pünktlich bezahlt werden. Also wäre es nur rechtens und für uns keines Falls irgendwie nachteilig, wenn wir eine Vertriebspauschale von 10 Prozent für den mit unserem neuen Auftraggebers getätigten Umsatzes abführen würden. Dazu würden wir regelmäßig Rechnungen von einem in der Schweiz ansässigen Vertriebsunternehmen erhalten, die wir nur pünktlich bezahlen mussten.

Wir haben dann um eine kurze Bedenkzeit gebeten und sind wieder heim gefahren. Und haben schweren Herzens abgelehnt, denn der entgangene Umsatz war für uns durchaus relevant. Die Firma in der Schweiz war übrigens auch eine Art Briefkasten-Firma, wer weiß wo das Geld dann weiter hin ging.

In meiner doch ziemlich langen beruflichen Laufbahn habe ich eine Reihe von ganz konkreten Kick-Back-Geschäften erlebt. Meistens haben dann Personen im Mittelmanagement durch aus sehr renommierter und auch deutscher Unternehmen von ihren Dienstleistern einen „kleinen Rückfluss“ erwartet bzw. verlangt. Das ging dann übrigens auch meistens über Briefkastenfirmen. Aber so ein dreistes Vorgehen wie das von mir hier berichtete habe ich nie erlebt.

RMD

P.S.
Das Bild ist aus Wikipedia.
Von Banknoten: Hermann Eidenbenz für die Deutsche Bundesbank. Münzen: versch. Künstler für die Bundesrepublik Deutschland – Banknoten: Herausgegeben von der Deutschen Bundesbank. Münzen: Herausgegeben von der Bundesrepublik Deutschland, PD-Amtliches Werk.

Roland Dürre
Donnerstag, der 7. Januar 2016

Böses tun – Böses bestrafen?

#WAFFENTERRORISMUS

Barack Obama hat es vor kurzem selber gesagt: In den USA sterben im Jahr mehr als 30.000 Menschen durch Schusswaffen (genau sollen es über 31.000 sein). Das sind mehr als zehnmal so viel Tote wie es zurzeit Verkehrsopfer in Deutschland im Jahr gibt. Obama hat auch verstanden, dass Waffen in privater Hand und in der Öffentlichkeit eine große Gefährdung für Alle darstellen.

Am Ende seiner Amtszeit will er jetzt noch etwas Gutes tun und die amerikanischen Waffengesetze ein wenig verbessern. Obwohl die amerikanische Verfassung da eine klare Vorgabe gibt. Und jeder, der in den USA Waffen „verbieten“ will, schnell zum „Verfassungsfeind“ wird.

Colt Model 1873 Single Action, Werksgravur 1893 von Cuno Helfricht

Colt Model 1873 Single Action, Werksgravur 1893 von Cuno Helfricht

Obama hat so viele Gegner, die jede Einschränkung des Rechts „Waffen zu besitzen und zu tragen“ auf das Schärfste ablehnen. Diese sammeln sich nicht nur in den Reihen der Republikaner, die immer noch dem eigenartigen Freiheitsbegriff ihrer langjährigen Chef-Philosophin und -Vordenkerin Ayn Rand folgen. Wenn man Mrs. Rand liest, dann merkt man schnell, dass diese Frau nie eine Philosophin von Format sondern eher „eine Polemophin“ war. Zumindest strotzen ihre Texte nur so von flacher Polemik und sind leicht zu widerlegen.

Ein anderer Vordenker der amerikanischen Rechte und konservativen Kräfte ist Wayne LaPierre. Er lebt noch, vor kurzem habe ich Auszüge aus einer Rede von ihm im bayerischen Radio gehört. Er sagte:

„Einen bösen Mann mit einer Waffe kann nur ein guter Mann mit einer Waffe stoppen“ (auf englisch)

Zu diesem Satz ein Zitat aus einem Artikel in der Zeit:
Knapp eine Woche (nach dem Massaker von Newtown) trat Wayne LaPierre, seit 1991 die Stimme der NRA, vor die Presse.Wayne LaPierre, seit 1991 die Stimme der NRA, vor die Presse. Er warf den Medien, Hollywood und Videospieleherstellern vor, für Taten, wie die von Adam Lanza, verantwortlich zu sein. Seine Rede gipfelte in der Aussage, weil Schulen waffenfreie Zonen seien, würden sie solche Überfälle geradezu einladen. „Das einzige, was einen Bösen mit einer Waffe stoppen kann, ist ein Guter mit einer Waffe“, erklärte LaPierre. Er bot an, Freiwillige der NRA in Schulen patrouillieren zu lassen – voll bewaffnet, versteht sich.

(Anmerkung: Bei einer Attacke in Newtown im Bundesstaat Connecticut im Dezember 2012 erschoss der 20-jährige Adam Lanza 26 Menschen in der örtlichen Grundschule, darunter 20 Kinder. Damals erschienen schärfere Waffengesetze als durchsetzbar, die NRA (National Rifle Association in Wikipedia) zeigte aber sofort ihre Macht und gilt seitdem als unüberwindbar.)

Und so geht die Diskussion weiter. Und immer dabei ist
Das #BÖSE und die #BÖSEN

Die sind an allem Schuld und müssen entfernt und bestraft werden. Nur so kann man eine heile Welt bauen. So klingt es, aber so einfach ist es aber wirklich nicht. Sicher gibt es Menschen, die Böses tun. Und sicher kann man die bestrafen. Aber was ist das wirklich, das Böse und das Gute? Gibt es sie wirklich, die guten und die bösen Menschen? Die Bösen, die kommen und mit den Waffen die Anderen bedrohen? Und die Guten, die mit den Waffen die Anderen beschützen.

Und ist die Welt besser, wenn die Anderen sich mit Waffen gegen die Bösen schützen können? Wie viel Menschen sterben denn in den USA durch Schusswaffen von Bösen, die als Böse das Böse tun wollten?

Jesus hat wohl mal gesagt: „Wer frei von Schuld, werfe den ersten Stein!“ Gibt es diese Guten tatsächlich. Wollen nicht vielmehr die wenigsten Menschen Böses tun? Und wer war in seinem Leben war nicht schon mal nicht mehr er selbst und hat großes Glück gehabt, dass er keine Waffe zur Hand hatte.

Die Opfer von Gewalttaten verdienen unser Mitleid und unsere Hilfe. Die Verursacher betreffend geht es aber nicht darum, die Bösen zu bestraft. Sondern es wird versucht, die Tat und ihre Folgen besser zu verkraften in dem man sich an den Tätern rächt. Man fordert für sie den Galgen, um so das einem zugefügte Unglück zu kompensieren. Oft übt die Gesellschaft die Rache als Stellvertreter aus und begeht aus der Gier nach Rache heraus einen kollektiven Mord aus Rachgier.

In den USA gibt es nicht nur das Recht des Waffenbesitzes – in einer Reihe von Bundesstaaten gibt es auch noch die Todesstrafe. Und das erscheint mir eine ganz besonders unheilvolle Kombination. Denn die Todesstrafe ist doch genau der Mord aus Rache. Denn Abschrecken tut sie nicht, wie sie auch keine erzieherische Wirkung hat.

Man kann die Bösen auch ins Arbeitslager stecken. Dummerweise bin ich nicht nur gegen Todesstrafe sondern auch gegen Zwangsarbeit oder -dienst. Habe ich doch selber 18 Monate darunter gelitten …

Aber was kann man tun um? Wahrscheinlich sollten wir die „Schuldhaftigkeit des Menschen“ differenziert betrachten, so wie die Gehirnforschung uns das lehrt. Denn der Mensch ist viel komplexer, als wie er uns bisher erklärt wurde. Und ganz so einfach ist es eben nicht mit der Verantwortlichkeit und Schuldhaftigkeit für unsere Taten.

Und ich träume mal weiter von einer Utopie einer „Gesellschaft frei von Strafe“. Und schau mir jetzt erst Mal den Kampf des US-Präsidenten gegen den amerikanischen (Waffen-)Terrorismus an (BARACK – NRA). Wird aber kein spannendes Match, ich weiß schon jetzt, wie es ausgehen wird.

RMD

P.S.
Das Bild ist aus Wikipedia (Revolver) und stammt von HmaagEigenes Werk, 2007.

Roland Dürre
Dienstag, der 13. Oktober 2015

Weicht die Gesetzes- und Urteilsflut den Rechtsstaat auf?

Laufend rollen neue Gesetze auf uns zu. Von der EU, vom Bund, vom Land. Sie sind zur Flut geworden. Viele davon erscheinen unsinnig. Oft kann man nicht erkennen, was sie eigentlich bewirken sollen oder wieso man sie gemacht hat. Und auch nicht, warum man sie befolgen sollte.

Gleichzeitig fällen Gerichtshöfe Urteile. Wie vor einer Wocher zu safe harbor. Das tat zwar irgendwie gut, bringt aber nichts. Denn es ist einfach nicht praktikabel.

Und auch schon wieder fast vergessen, obwohl der große Sturm dazu eben gar nicht lang her ist. So bin ich sicher, dass schon bald kein Hahn mehr nach dem „Safe Harbor-Urteil“ krähen wird. Wozu auch? Wetten dass?

So könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Menschen hierzulande Gesetze immer weniger ernst nehmen werden und es so mit dem Rechtsstaat zu Ende gehen könnte. Und dass das eine große Gefahr für unsere Demokratie wäre.

Diese Sorge teile ich nicht. Meine Wahrnehmung ist schon, dass Recht und Gesetze nicht mehr so ernst genommen werden, wie früher. Aber ich habe den Eindruck, dass gilt nur für die von den vielen Administrationen geregelte.

Ich nenne das mal die „extrinsische Moral“, die von außen vorgegeben wird. Und die wird immer absurder, so dass man sie gar nicht mehr ernst nehmen kann.

Dafür scheint mir, dass sich eine Form von „intrinsische Moral“ entwickelt. Immer mehr entdecke ich einen mehrheitlichen Konsens, was man tut und was man nicht tut, der mir sympathisch ist.

Und die kommt aus den Menschen heraus, unabhängig von dem Unsinn, den die legislativen und judikativen Fließbänder der EU, ihrer Staaten und Länder über uns aus schütten.

Den warnenden Hinweis, dass der Rückzug von „extrinsischer Moral“ den Rechtsstaat aushöhlen könnte, teile ich nicht. Könnte doch die „intrinsische Moral“ fürs Überleben nützlicher sein als die „extrinsische“.

Denn wie oft sind Rechtsstaaten umgekippt und zu Unrechtsstaaten geworden, die aber sehr wohl auf „Recht“ aufgebaut waren. So wie auch das dritte Reich Gesetze erließ und Gerichte installierte, die diese brutal durchgesetzt haben. Und dieses unheilvolle System insofern eigentlich ja ein Rechtsstaat war, der freilich auf Prämissen aufgebaut war, die mich schauern lassen.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 4. Oktober 2015

Ich bin kein Held.

Nach meiner „Wutrede“ stellt sich die Frage:
Was ist eigentlich mein Beitrag?

Die Krypta des Freisinger Doms

Die Krypta des Freisinger Doms

Für mich ist die Philosophie so etwas wie die Lehre vom Leben. Seneca hat schon vor langer Zeit zu seinen Schülern gesprochen:

Die Philosophie lehrt handeln, nicht reden.

So sollte auch der Wutredner prüfen, ob er nur redet oder schon handelt. Und ich gestehe, ich bin nicht zufrieden mit mir.

Zwar versuche ich die von mir kritisierten gesellschaftlichen Normen und eingefahrenen Muster zu verlassen. Und wenn möglich aktiv Veränderung anzustoßen. Aber reicht das aus?

Merke ich doch nur zu oft, wie ich in meiner Bürgerlichkeit gefangen bin. Meine Dompteure waren unter anderem meine Eltern und Lehrer. Diverse Systemagenten wollten mich nach ihren Vorstellungen  ausrichten und mir sagen, wo es lang geht. Moralismen und eine extrem kapitalistische Konsumgesellschaft wirken sowieso täglich massiv auf mich ein.

Trotzdem hoffe ich, zu denen zu gehören, die unser „dressiertes Leben“ eben nicht für unabwendbar halten. Zumindest habe ich in meinem Leben immer wieder versucht, den Zügeln besagter Dompteure zu entkommen. Und fühle mich schon ein wenig besser. Aber ich mache zu wenig. Gut, ich fahre nicht mehr Auto. Aber das ist eigentlich schon fast egoistisch zu nennen. Bin ich doch plötzlich viel mobiler und freier als je zuvor. Und mein Leben ist durch diese Veränderung und (vermeintlichen) Verzicht schöner geworden. Das hilft schon beim Umdenken.

Wenn ich meine Generation so sehe, dann bin ich entsetzt, wie viele meiner Weggefährten ihr Leben lang in nicht nur emotionalen Gefängnissen eingesperrt waren. Ich kenne Menschen, die in ihrem Leben jeden Quatsch, den man ihnen verzählt hat, brav geglaubt haben. Die aus Bequemlichkeit scheibchenweise ihre Autonomie aufgegeben haben.

Andere sind kein einziges Mal in ihrem Leben an Biforkationspunkten einem Motto wie „love it, change it or leave it“ gefolgt. Sie sind dann folgerichtig immer kleiner gemacht geworden. Trotzdem nehmen sie sich heute wichtig bis zum geht nicht mehr, leben von ihrem Status und ersticken in ihrer Angst. Das Bangen um ihren Besitzstand bestimmt ihr Leben und lässt sie inhuman werden. Dass auch sie nur sterbliche Wesen scheinen sie vergessen zu haben.

Ich habe keine Lust mehr, dem Schwachsinn dieser Gesellschaft zu folgen. Und will die nächsten Jahre mehr handeln. Dabei habe ich mich auf die Suche nach Vorbildern begeben. Eines habe ich gefunden, es ist Carl Amery. Sein Leben und Werk beeindrucken mich. Ich glaube, er war so eine Art Held.

🙂 Leider bin ich noch kein Held. Aber es kann ja noch werden …

RMD

P.S.
Das von mir verwendete Bild ist aus Wikipedia. Mit ihm ist der Artikel zu Carl Amery (bürgerlich Christian Anton Mayer) illustriert. Es ist das Werk von Richard Huber.

Klaus Hnilica
Dienstag, der 22. September 2015

Ist ’soziale Gerechtigkeit‘ nur ein Missverständnis?

Ja – wenn wir weiter an dem festhalten, was wir bisher dafür halten! /1/

Nach diesen Vorstellungen hält sich nämlich seltsamer Weise auch jeder für sozial gerecht, beklagt aber im gleichen Atemzug die wachsende Ungerechtigkeit in der Welt.

Dieses Missverhältnis scheint unüberbrückbar zu sein.

ApfelpflückerWir sind einfach zu verliebt in unsere unklaren Begrifflichkeiten, ja suhlen uns regelrecht in der Vorstellung, dass die ‚soziale Gerechtigkeit’ eine Art ‚moralische eierlegende Wollmilchsau’ zu sein hat, und nicht etwa nur ein Mindeststandard für das Verhalten von Menschen, der lediglich ein paar Regeln umfasst, an die sich selbst die Böswilligsten zu halten haben!

Wenn wir allerdings Letzteres akzeptieren, stellt sich sehr schnell heraus, dass ‚soziale Gerechtigkeit’ eher wenig mit romantisierter ‚Gleichheit’ zu tun hat, aber sehr viel mit der nicht so romantischen ’Freiwilligkeit’. Und dass deswegen die Politik generell ein inhärentes strukturelles Problem hat, ‚soziale Gerechtigkeit’ herbeizuführen, auch wenn sie noch so eifrig ‚Gerechtigkeitslücken’ aufspürt und zu schließen versucht. In drei Schritten lässt sich das auch unschwer zeigen; man muss nur

   A) auf das allgemeine Prinzip der ‚Tauschgerechtigkeit’ eingehen,

   B) auf die ‚Gleichbehandlung und Ergebnisgleichheit’ und

   C) auf die besonders ins Auge springende ‚Verteilungsgerechtigkeit’.

Gehen wir auf die drei Schritte näher ein:

   A) Denn um eine sehr spezielle Form der ‚Tauschgerechtigkeit’ geht es ja letztlich, wenn im Namen der ‚sozialen Gerechtigkeit’ nach gerechten Preisen und Löhnen gerufen wird!

Etwa wenn es heißt: hier die duftende Alpenbutter, da die lächerlichen Ein-Euro-Achtzig; oder hier das Super-Manuskript und dort das schmale Honorar. ‚Wertgleichheit’ fordert eigentlich hierbei das allgemeine ‚Prinzip der Tauschgerechtigkeit’! Aber wie bestimmt man diese ‚Wertgleichheit’ objektiv bei jedem konkreten Tauschvorgang?

Ist in der Sahara beispielsweise eine Unze Gold für einen Eimer Wasser angemessen, wenn’s ums Überleben geht? Und sind 50 Cent für zwei Liter Milch nicht schon zuviel, wenn eine Laktoseunverträglichkeit vorliegt? Oder wie hoch darf die Honorarforderung für ein angebotenes Manuskript sein, das dann doch nur unter das Bein eines wackelnden Tisches geschoben wird?

Heißt das nicht, dass die ‚Bewertung’ eines Tauschobjektes naturgemäß sehr subjektiv ist und dieser Wert nichts mit Gleichwertigkeit zu tun hat? Dies umso mehr, als der Tausch ja nur zustande kommt, weil jeder Beteiligte die Tauschobjekte unterschiedlich bewertet und gerade darin seinen Gewinn sieht.

Natürlich lässt sich dieser ‚Tauschgewinn’ genauso wenig nachweisen wie der ‚Tauschwert’: aber klar ist auch, dass der Gewinn immer dann vorhanden und nachweisbar ist, wenn der Tausch freiwillig erfolgt! Woraus folgt, dass eine Tauschhandlung immer dann ‚sozial gerecht’ ist, wenn niemand zu ihr gezwungen wird!

Natürlich stellt diese Freiwilligkeit beim ‚Tausch’ nicht sicher, dass jeder seine Maximalvorstellung durchsetzt, und sie schützt auch nicht vor Fehlentscheidungen, wie beispielsweise dem unüberlegten Zugriff auf niedrigpreisige Milch trotz Laktoseunverträglichkeit. Aber das muss auch nicht sein. Denn die Bewertung des ‚Tauschgewinnes’ erfolgt ja subjektiv und darf daher dann nicht wieder unter ein falsches Gleichheitsdiktat gestellt werden, nur weil von der irreführenden Intuition ausgegangen wird, diese ‚Gleichheit’ stehe auch beim ‚Tauschgewinn’ in einem engem Zusammenhang mit ‚sozialer Gerechtigkeit’!

Somit lässt sich zusammenfassend sagen, dass Preise und Löhne immer dann sozial gerecht sind, wenn sie ohne Zwang akzeptiert werden können!

   B) Nun zur angeblich sozial gerechten ‚Gleichbehandlung und Ergebnisgleichheit’!

Hier führt die Gleichheitsbesessenheit in eine ähnliche logische Sackgasse, wie sich an einem einfachen Beispiel unschwer zeigen lässt: Stellt man nämlich an eine Rentnerin, einen Sportler und einen sechsjährigen Jungen unter dem Aspekt der Gleichbehandlung die gleiche Forderung, nämlich von einem vier Meter hohen Apfelbaum, an dem eine Leiter lehnt, Äpfel zu pflücken, so wird das Ergebnis sehr unterschiedlich ausfallen: erst nach sehr unterschiedlich gearteten Hilfeleistungen, die in keiner Weise mehr einer Gleichbehandlung entsprechen, werden alle drei Kandidaten zur gleichen Anzahl von Äpfeln gelangen und somit Ergebnisgleichheit erzielen.

Da aber letztlich alle Individuen auf der Erde unterschiedlich sind, wird generell bei Gleichbehandlung nie Ergebnisgleichheit erzielt werden und umgekehrt!

Und obwohl dieser Sachverhalt glasklar ist, fordern wir immer wieder Gleichheit bei sozialer Gerechtigkeit. Aber wäre Gleichheit wirklich sozial gerecht, dann wäre doch auch ein Zustand, in dem es allen Menschen gleich schlecht geht, gerechtigkeitstheoretisch das Großartigste, was man sich nur wünschen kann.

Glücklicherweise glaubt das niemand! Dennoch sträuben wir uns, die logische Konsequenz zu ziehen und Gleichheit nicht mehr als einen Ausdruck sozialer Gerechtigkeit zu betrachten.

   C)  Besonders augenfällig ist die Gleichheitsneigung in Debatten über ‚Verteilungsgerechtigkeit’!

Verteilen bedeutet ausgeben aus einem Vorrat. Verteilungsgerechtigkeit fordert, dass dies nach gewissen Regeln zu erfolgen hat. Am klarsten sind die Gerechtigkeitsverhältnisse aber letztlich nur dann, wenn die Eigentümerin verteilt, denn dann gilt ausschließlich ihr Wille. Es kann zwar vernünftig sein, sich an den Erwartungen Dritter zu orientieren, aber eine Forderung der sozialen Gerechtigkeit ist das nicht. Sondern der wird durch den Schutz von Eigentumsrechten genüge getan.

Wirklich schwierig wird es aber, wenn keine klaren Eigentumsverhältnisse vorliegen, wie das in jedem politischen System der Fall ist, da sich hier die Einflussbereiche der Verteiler und der Empfänger vielfach überschneiden. Da sind Konflikte vorprogrammiert und deren ‚gerechte Lösung’ nicht nur eine theoretische Herausforderung, sondern in den meisten Fällen nur mehr ein hehres Ziel!

Wie einfach haben es im Vergleich dazu Privatpersonen und Unternehmen: sie brauchen nur – nicht zu betrügen, nicht zu stehlen, nicht gewalttätig zu sein und nicht vertragsbrüchig – und schon handeln sie gerecht. Mehr Regeln brauchen sie nicht einzuhalten!

Letztlich ergibt sich aus dieser Beobachtung nicht nur für die Gerechtigkeitstheorie, sondern vor allem für die Wirtschafts- und Sozialpolitik eine überraschende Lösung, nämlich die, möglichst viele Entscheidungen in den privaten Bereich auszulagern, da hier klare und nach dem oben Gesagtem auch ‚sozial gerechte’ Verhältnisse herrschen.

Sicher nur ein frommer Wunsch, denn von dem unhaltbaren ‚gleichheitsgesättigten’ Gerechtigkeitsbegriff werden sich viele trotzdem nicht trennen wollen! Und von der daraus erwachsenen Machtfülle, die dieses ‚übergriffige Gleichheitsverständnis’ ermöglicht, noch weniger!

KH
/1/ Dagmar Schulze Heuling; „Was Gerechtigkeit nicht ist“; Nomos – Verlag Baden – Baden

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 6. August 2015

Rache gibt Kraft!

img201 (2)-adjust-contrast-cut-swirlAls ich unlängst in dem Kurzessay ‚Nur Verzeihen befreit’ dargestellt habe, warum wir nach Möglichkeit immer verzeihen sollten, wenn wir innerlich oder äußerlich verletzt wurden – ja es um unser selbst Willen sogar erlernen und üben sollten – war mir schon klar, dass von dem Gegenpol des ‚Verzeihens’, nämlich der ‚Rache’ eine ungeheure Anziehung ausgehen muss, wenn er eine derartige Wirkkraft in der menschlichen Gesellschaft entfalten kann.

Die griffige Formulierung für diese Faszination fehlte mir allerdings!

Umso erstaunter war ich, als ich vor wenigen Tagen genau die gesuchte Formulierung fand. Und zwar in Siri Hustvedts jüngstem Roman „Die gleißende Welt“.

Siri Hustvedt legt sie ihrer Protagonistin Harry in den Mund; sie lässt sie sagen:

Rachegedanken entstehen immer aus quälender Hilflosigkeit. Aus „ich leide“ wird „du sollst leiden“! Und machen wir uns nichts vor: Rache gibt Kraft! Sie fokussiert uns und feuert uns an, und sie unterdrückt das Leid, weil sie die Emotion nach außen kehrt. Im Leid geraten wir aus den Fugen. In der Rache verdichten wir uns zu einer einzigen, auf ein Ziel gerichteten spitzen Waffe. Wie destruktiv sie letzten Endes auch sein mag, eine Zeit lang dient sie einem nützlichen Zweck!

Ich meine, dass Siri Hustvedt mit dieser Aussage genau das Verlockende an der Rache trifft, das uns wie ein Sog zu ihr hinzieht. Aber natürlich erkennt sie auch, wie zerstörerisch Rache letztendlich immer ist. Und leider bestätigen die aktuellen Ereignisse in der arabischen Welt ja jeden Tag aufs Neue, dass Kulturen, die auf Rache und Vergeltung basieren, niemals zur Ruhe kommen werden…

KH