Roland Dürre
Sonntag, der 4. Oktober 2015

Ich bin kein Held.

Nach meiner „Wutrede“ stellt sich die Frage:
Was ist eigentlich mein Beitrag?

Die Krypta des Freisinger Doms

Die Krypta des Freisinger Doms

Für mich ist die Philosophie so etwas wie die Lehre vom Leben. Seneca hat schon vor langer Zeit zu seinen Schülern gesprochen:

Die Philosophie lehrt handeln, nicht reden.

So sollte auch der Wutredner prüfen, ob er nur redet oder schon handelt. Und ich gestehe, ich bin nicht zufrieden mit mir.

Zwar versuche ich die von mir kritisierten gesellschaftlichen Normen und eingefahrenen Muster zu verlassen. Und wenn möglich aktiv Veränderung anzustoßen. Aber reicht das aus?

Merke ich doch nur zu oft, wie ich in meiner Bürgerlichkeit gefangen bin. Meine Dompteure waren unter anderem meine Eltern und Lehrer. Diverse Systemagenten wollten mich nach ihren Vorstellungen  ausrichten und mir sagen, wo es lang geht. Moralismen und eine extrem kapitalistische Konsumgesellschaft wirken sowieso täglich massiv auf mich ein.

Trotzdem hoffe ich, zu denen zu gehören, die unser „dressiertes Leben“ eben nicht für unabwendbar halten. Zumindest habe ich in meinem Leben immer wieder versucht, den Zügeln besagter Dompteure zu entkommen. Und fühle mich schon ein wenig besser. Aber ich mache zu wenig. Gut, ich fahre nicht mehr Auto. Aber das ist eigentlich schon fast egoistisch zu nennen. Bin ich doch plötzlich viel mobiler und freier als je zuvor. Und mein Leben ist durch diese Veränderung und (vermeintlichen) Verzicht schöner geworden. Das hilft schon beim Umdenken.

Wenn ich meine Generation so sehe, dann bin ich entsetzt, wie viele meiner Weggefährten ihr Leben lang in nicht nur emotionalen Gefängnissen eingesperrt waren. Ich kenne Menschen, die in ihrem Leben jeden Quatsch, den man ihnen verzählt hat, brav geglaubt haben. Die aus Bequemlichkeit scheibchenweise ihre Autonomie aufgegeben haben.

Andere sind kein einziges Mal in ihrem Leben an Biforkationspunkten einem Motto wie „love it, change it or leave it“ gefolgt. Sie sind dann folgerichtig immer kleiner gemacht geworden. Trotzdem nehmen sie sich heute wichtig bis zum geht nicht mehr, leben von ihrem Status und ersticken in ihrer Angst. Das Bangen um ihren Besitzstand bestimmt ihr Leben und lässt sie inhuman werden. Dass auch sie nur sterbliche Wesen scheinen sie vergessen zu haben.

Ich habe keine Lust mehr, dem Schwachsinn dieser Gesellschaft zu folgen. Und will die nächsten Jahre mehr handeln. Dabei habe ich mich auf die Suche nach Vorbildern begeben. Eines habe ich gefunden, es ist Carl Amery. Sein Leben und Werk beeindrucken mich. Ich glaube, er war so eine Art Held.

🙂 Leider bin ich noch kein Held. Aber es kann ja noch werden …

RMD

P.S.
Das von mir verwendete Bild ist aus Wikipedia. Mit ihm ist der Artikel zu Carl Amery (bürgerlich Christian Anton Mayer) illustriert. Es ist das Werk von Richard Huber.

Klaus Hnilica
Dienstag, der 22. September 2015

Ist ’soziale Gerechtigkeit‘ nur ein Missverständnis?

Ja – wenn wir weiter an dem festhalten, was wir bisher dafür halten! /1/

Nach diesen Vorstellungen hält sich nämlich seltsamer Weise auch jeder für sozial gerecht, beklagt aber im gleichen Atemzug die wachsende Ungerechtigkeit in der Welt.

Dieses Missverhältnis scheint unüberbrückbar zu sein.

ApfelpflückerWir sind einfach zu verliebt in unsere unklaren Begrifflichkeiten, ja suhlen uns regelrecht in der Vorstellung, dass die ‚soziale Gerechtigkeit’ eine Art ‚moralische eierlegende Wollmilchsau’ zu sein hat, und nicht etwa nur ein Mindeststandard für das Verhalten von Menschen, der lediglich ein paar Regeln umfasst, an die sich selbst die Böswilligsten zu halten haben!

Wenn wir allerdings Letzteres akzeptieren, stellt sich sehr schnell heraus, dass ‚soziale Gerechtigkeit’ eher wenig mit romantisierter ‚Gleichheit’ zu tun hat, aber sehr viel mit der nicht so romantischen ’Freiwilligkeit’. Und dass deswegen die Politik generell ein inhärentes strukturelles Problem hat, ‚soziale Gerechtigkeit’ herbeizuführen, auch wenn sie noch so eifrig ‚Gerechtigkeitslücken’ aufspürt und zu schließen versucht. In drei Schritten lässt sich das auch unschwer zeigen; man muss nur

   A) auf das allgemeine Prinzip der ‚Tauschgerechtigkeit’ eingehen,

   B) auf die ‚Gleichbehandlung und Ergebnisgleichheit’ und

   C) auf die besonders ins Auge springende ‚Verteilungsgerechtigkeit’.

Gehen wir auf die drei Schritte näher ein:

   A) Denn um eine sehr spezielle Form der ‚Tauschgerechtigkeit’ geht es ja letztlich, wenn im Namen der ‚sozialen Gerechtigkeit’ nach gerechten Preisen und Löhnen gerufen wird!

Etwa wenn es heißt: hier die duftende Alpenbutter, da die lächerlichen Ein-Euro-Achtzig; oder hier das Super-Manuskript und dort das schmale Honorar. ‚Wertgleichheit’ fordert eigentlich hierbei das allgemeine ‚Prinzip der Tauschgerechtigkeit’! Aber wie bestimmt man diese ‚Wertgleichheit’ objektiv bei jedem konkreten Tauschvorgang?

Ist in der Sahara beispielsweise eine Unze Gold für einen Eimer Wasser angemessen, wenn’s ums Überleben geht? Und sind 50 Cent für zwei Liter Milch nicht schon zuviel, wenn eine Laktoseunverträglichkeit vorliegt? Oder wie hoch darf die Honorarforderung für ein angebotenes Manuskript sein, das dann doch nur unter das Bein eines wackelnden Tisches geschoben wird?

Heißt das nicht, dass die ‚Bewertung’ eines Tauschobjektes naturgemäß sehr subjektiv ist und dieser Wert nichts mit Gleichwertigkeit zu tun hat? Dies umso mehr, als der Tausch ja nur zustande kommt, weil jeder Beteiligte die Tauschobjekte unterschiedlich bewertet und gerade darin seinen Gewinn sieht.

Natürlich lässt sich dieser ‚Tauschgewinn’ genauso wenig nachweisen wie der ‚Tauschwert’: aber klar ist auch, dass der Gewinn immer dann vorhanden und nachweisbar ist, wenn der Tausch freiwillig erfolgt! Woraus folgt, dass eine Tauschhandlung immer dann ‚sozial gerecht’ ist, wenn niemand zu ihr gezwungen wird!

Natürlich stellt diese Freiwilligkeit beim ‚Tausch’ nicht sicher, dass jeder seine Maximalvorstellung durchsetzt, und sie schützt auch nicht vor Fehlentscheidungen, wie beispielsweise dem unüberlegten Zugriff auf niedrigpreisige Milch trotz Laktoseunverträglichkeit. Aber das muss auch nicht sein. Denn die Bewertung des ‚Tauschgewinnes’ erfolgt ja subjektiv und darf daher dann nicht wieder unter ein falsches Gleichheitsdiktat gestellt werden, nur weil von der irreführenden Intuition ausgegangen wird, diese ‚Gleichheit’ stehe auch beim ‚Tauschgewinn’ in einem engem Zusammenhang mit ‚sozialer Gerechtigkeit’!

Somit lässt sich zusammenfassend sagen, dass Preise und Löhne immer dann sozial gerecht sind, wenn sie ohne Zwang akzeptiert werden können!

   B) Nun zur angeblich sozial gerechten ‚Gleichbehandlung und Ergebnisgleichheit’!

Hier führt die Gleichheitsbesessenheit in eine ähnliche logische Sackgasse, wie sich an einem einfachen Beispiel unschwer zeigen lässt: Stellt man nämlich an eine Rentnerin, einen Sportler und einen sechsjährigen Jungen unter dem Aspekt der Gleichbehandlung die gleiche Forderung, nämlich von einem vier Meter hohen Apfelbaum, an dem eine Leiter lehnt, Äpfel zu pflücken, so wird das Ergebnis sehr unterschiedlich ausfallen: erst nach sehr unterschiedlich gearteten Hilfeleistungen, die in keiner Weise mehr einer Gleichbehandlung entsprechen, werden alle drei Kandidaten zur gleichen Anzahl von Äpfeln gelangen und somit Ergebnisgleichheit erzielen.

Da aber letztlich alle Individuen auf der Erde unterschiedlich sind, wird generell bei Gleichbehandlung nie Ergebnisgleichheit erzielt werden und umgekehrt!

Und obwohl dieser Sachverhalt glasklar ist, fordern wir immer wieder Gleichheit bei sozialer Gerechtigkeit. Aber wäre Gleichheit wirklich sozial gerecht, dann wäre doch auch ein Zustand, in dem es allen Menschen gleich schlecht geht, gerechtigkeitstheoretisch das Großartigste, was man sich nur wünschen kann.

Glücklicherweise glaubt das niemand! Dennoch sträuben wir uns, die logische Konsequenz zu ziehen und Gleichheit nicht mehr als einen Ausdruck sozialer Gerechtigkeit zu betrachten.

   C)  Besonders augenfällig ist die Gleichheitsneigung in Debatten über ‚Verteilungsgerechtigkeit’!

Verteilen bedeutet ausgeben aus einem Vorrat. Verteilungsgerechtigkeit fordert, dass dies nach gewissen Regeln zu erfolgen hat. Am klarsten sind die Gerechtigkeitsverhältnisse aber letztlich nur dann, wenn die Eigentümerin verteilt, denn dann gilt ausschließlich ihr Wille. Es kann zwar vernünftig sein, sich an den Erwartungen Dritter zu orientieren, aber eine Forderung der sozialen Gerechtigkeit ist das nicht. Sondern der wird durch den Schutz von Eigentumsrechten genüge getan.

Wirklich schwierig wird es aber, wenn keine klaren Eigentumsverhältnisse vorliegen, wie das in jedem politischen System der Fall ist, da sich hier die Einflussbereiche der Verteiler und der Empfänger vielfach überschneiden. Da sind Konflikte vorprogrammiert und deren ‚gerechte Lösung’ nicht nur eine theoretische Herausforderung, sondern in den meisten Fällen nur mehr ein hehres Ziel!

Wie einfach haben es im Vergleich dazu Privatpersonen und Unternehmen: sie brauchen nur – nicht zu betrügen, nicht zu stehlen, nicht gewalttätig zu sein und nicht vertragsbrüchig – und schon handeln sie gerecht. Mehr Regeln brauchen sie nicht einzuhalten!

Letztlich ergibt sich aus dieser Beobachtung nicht nur für die Gerechtigkeitstheorie, sondern vor allem für die Wirtschafts- und Sozialpolitik eine überraschende Lösung, nämlich die, möglichst viele Entscheidungen in den privaten Bereich auszulagern, da hier klare und nach dem oben Gesagtem auch ‚sozial gerechte’ Verhältnisse herrschen.

Sicher nur ein frommer Wunsch, denn von dem unhaltbaren ‚gleichheitsgesättigten’ Gerechtigkeitsbegriff werden sich viele trotzdem nicht trennen wollen! Und von der daraus erwachsenen Machtfülle, die dieses ‚übergriffige Gleichheitsverständnis’ ermöglicht, noch weniger!

KH
/1/ Dagmar Schulze Heuling; „Was Gerechtigkeit nicht ist“; Nomos – Verlag Baden – Baden

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 6. August 2015

Rache gibt Kraft!

img201 (2)-adjust-contrast-cut-swirlAls ich unlängst in dem Kurzessay ‚Nur Verzeihen befreit’ dargestellt habe, warum wir nach Möglichkeit immer verzeihen sollten, wenn wir innerlich oder äußerlich verletzt wurden – ja es um unser selbst Willen sogar erlernen und üben sollten – war mir schon klar, dass von dem Gegenpol des ‚Verzeihens’, nämlich der ‚Rache’ eine ungeheure Anziehung ausgehen muss, wenn er eine derartige Wirkkraft in der menschlichen Gesellschaft entfalten kann.

Die griffige Formulierung für diese Faszination fehlte mir allerdings!

Umso erstaunter war ich, als ich vor wenigen Tagen genau die gesuchte Formulierung fand. Und zwar in Siri Hustvedts jüngstem Roman „Die gleißende Welt“.

Siri Hustvedt legt sie ihrer Protagonistin Harry in den Mund; sie lässt sie sagen:

Rachegedanken entstehen immer aus quälender Hilflosigkeit. Aus „ich leide“ wird „du sollst leiden“! Und machen wir uns nichts vor: Rache gibt Kraft! Sie fokussiert uns und feuert uns an, und sie unterdrückt das Leid, weil sie die Emotion nach außen kehrt. Im Leid geraten wir aus den Fugen. In der Rache verdichten wir uns zu einer einzigen, auf ein Ziel gerichteten spitzen Waffe. Wie destruktiv sie letzten Endes auch sein mag, eine Zeit lang dient sie einem nützlichen Zweck!

Ich meine, dass Siri Hustvedt mit dieser Aussage genau das Verlockende an der Rache trifft, das uns wie ein Sog zu ihr hinzieht. Aber natürlich erkennt sie auch, wie zerstörerisch Rache letztendlich immer ist. Und leider bestätigen die aktuellen Ereignisse in der arabischen Welt ja jeden Tag aufs Neue, dass Kulturen, die auf Rache und Vergeltung basieren, niemals zur Ruhe kommen werden…

KH

Klaus Hnilica
Freitag, der 3. Juli 2015

Nur Verzeihen befreit

Natürlich saldiert in uns der ‚moralische Buchhalter’ das Böse und Gute!

Klaus Grün hat ihn unlängst im ‚IF-Blog’ sehr anschaulich aus der Anonymität geholt und uns nahe gebracht! Und sicher stimmt jeder zu, dass es ihn gibt.

img198 Denn wir alle leiden seit den frühesten Kindheitstagen an ihm: können keine Kränkung, keine Verletzung und Demütigung (siehe Foto) vergessen, die er unablässig in unseren Gehirnen als Schuld unter ‚Soll’ verbucht.

Auf der ‚Haben’–Seite suchen wir bei dieser Art doppelter Buchführung den Ausgleich: wir notieren da – bewusst oder unbewusst – akribisch auch die angenehmen Dinge, die uns widerfahren: Anerkennung von anderen, spontane Freundlichkeiten uns gegenüber und auch die Freude, wenn wir helfen konnten, etc…

Aber wir registrieren auf der ‚Haben’–Seite auch das ‚klammheimliche Vergnügen’, wenn wir uns erfolgreich rächen konnten für die eine oder andere Schändlichkeit, der wir ausgesetzt waren. Wenn wir außerdem unsere Objekte der Rache noch leiden sehen, steigert das zusätzlich unser Vergnügen…

Spätestens hier, aber eigentlich schon früher, wenn wir unseren Racheplan aushecken, beginnt das persönliche Verhängnis: plötzlich beschäftigen wir uns nämlich in fataler Weise ausgerechnet mit der Person, die uns seelisch oder körperlich (siehe Foto) verletzt hat und die wir hassen und verabscheuen!

Der Gedanke nach Vergeltung quält uns über Tage und Nächte, eskaliert in uns und lässt keinen Raum mehr, uns mit den Menschen zu befassen, die wir lieben und die unsere Zuneigung verdienen!

Das heißt, ausgerechnet jenes Subjekt, das uns verletzt hat, bekommt durch unseren ‚Drang nach Vergeltung’ zusätzliche Macht über uns und bestimmt unser Handeln in einer Weise, die wir nie und nimmer gewollt hätten.

Genau das aber vermeiden wir, wenn wir verzeihen können!

Denn – wir lösen uns dann nicht nur von der verletzenden Kränkung, sondern auch von dem Menschen, der sie uns zugefügt hat.

Ich sage nicht, dass das leicht ist!

Aber wenn wir diesen Mechanismus durchschauen, können wir ihn üben und finden immer schneller nach jeder Kränkung unsere innere Ruhe und Gelassenheit wieder.

Nebenbei nähern wir uns Schritt für Schritt dem Ziel, ein ‚autonomer Mensch’ zu werden, der sein Handeln möglichst selbst bestimmt!

Wobei wir aber nie vergessen sollten, dass diese Autonomie beschränkt bleibt und letztlich nur von Fall zu Fall geborgt ist, denn das ‚Tier’ in uns ist mächtig und nur schwer zu zähmen…

KH

PS:

Foto Waldtraud Schmalenberg, der Autor als ‚Konrad Flesser‘ in der szenischen Performance ‚Das Schandmahl‘

Roland Dürre
Donnerstag, der 2. Juli 2015

Unternehmertagebuch #110 – Manus Agere.

Vor kurzem hatte ich ein Erlebnis, bei dem ich einmal mehr verstanden habe, warum mir die Begriff „Manager und Managen“ nicht so gefallen. Ganz gleich, ob sie mit 2.0, 3.0 oder 5.0 verknüpft sind. Habe ich doch schon allein deswegen an diesem Begriff gezweifelt, weil es so viele Übersetzungen für „to manage“ aus dem Englischen ins Deutsche gibt, die mich lehren, dass der Begriff für „alles und nichts“ verwendet werden kann.

Im Rahmen der Webwoche war ich bei einer Veranstaltung von Techdivision in München, die von meinem Freund Sacha Storz organisiert wurde (Sacha ist kein Schreibfehler 🙂 ). Das Thema war Management 3.0 – dazu gibt es ja bekanntlich auch viel bekannte, ja sogar berühmte Literatur.

In der Diskussion hat Gerrit Mauch – dessen Beiträge ich sehr geschätzt habe – erwähnt, was er mit dem Begriff „managen“ verbindet. Er meinte, dass die Stammbedeutung des Begriffs möglicher Weise vom lateinischen „manus agere“ (‚an der Hand führen‘) käme und wesentlich für die Tätigkeit des Erziehens und Dressierens von Pferden verwendet wurde.

Aus der Pferdeschule ist also im Lauf der Zeit das moderne „Managen“ geworden.

Wenn ich diesen Gedanken folge, dann war das BGM der Römer die gesundheitliche Fürsorge für die Pferde. Denn das waren wichtige und so wertvolle Nutztiere

Und Menschen so zu sehen, das ist für mich eben die falsche Denke, die irgendwie gar nicht mehr in unsere Zeit passt. Zumindest sollten die entwickelten Gesellschaften sich nicht auf einem solchen Menschenbild basieren. Und wir wollen ja eine entwickelte Gesellschaft sein …

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet man in der Drehscheibe!

Klaus-Jürgen Grün
Dienstag, der 24. März 2015

Der moralische Buchhalter in uns.

filitos1Er ist nicht das Lieblingsbild von uns selbst.

So wie wir uns gerne sehen würden.

Selbstbewusst, humorvoll, tolerant, spontan.

Nein, er ist  fleißig, beharrlich, korrekt.

So, wie wir uns eben Buchhalter wünschen.

Unser moralisches Urteil bedient sich der Charaktereigenschaften des Buchhalters. Gleicht Worte und Taten anderer mit unseren Werten ab und ordnet Konsequenzen zu. Dabei bringen wir wie in einem Soll- und Haben-Konto Vorkommnisse zum Ausgleich, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. In dem Buch „Christie Malrys doppelte Buchführung“ stellt der Autor die Frage, wie man eigentlich mit all den Gemeinheiten umgeht, die einem andere täglich antun.

Eine Frage, die uns alle berührt. Er kommt auf die Idee, eine Lebensbuchführung in Form einer doppelten Buchhaltung anzulegen. Unter Soll (Debit) und Haben (Credit) notiert sich die Hauptfigur Christie Malrys alles, was ihr so widerfährt. Die Kränkungen sind debits (Soll) und müssen ausgeglichen werden durch entsprechende  credits (Haben), (für sie) angenehme Erfahrungen. So überlegt sich Malrys, einem Nachbarn, der ihm den Gruß verweigert, es diesem durch einen Kratzer im Lack seines Autos  zu vergelten. Ein Wohnhaus, das ihm im Weg steht, bekommt einen fetten Strich auf die Fassade.

Übertrieben? Klar. Reine Fiktion? Nein. Unsere doppelte Buchführung möchte Gerechtigkeit und scheut dabei vor keiner Kleinlichkeit und Peinlichkeit zurück. Unsere Werte, die wir unserem Gerechtigkeitsempfinden unterlegen,  sind ja nicht wie Euro oder Dollar im offiziell festgelegten Kurs zu berechnen oder zu tauschen, sondern ausschließlich in unserem, persönlichen Verrechnungsmodus. Die korrekte Verrechnung der Konten liegt in unseren Augen oder vielleicht noch, in dem unserer Bezugsgruppe.

Was ist der richtige, passende, gerechte „credit“ für einen Islamisten, der seinen Gott verhöhnt sieht? Was für uns der Stinkefinger des griechischen Außenministers bei Günter Jauch? Öffentliche „Hinrichtung“ per TV? Höhere Zinsen für Kredite? Aufruf zum Boykott des nächsten Griechenland-Urlaubs? Ohnehin überwiegen im richtigen Leben die Kränkungen, die „debits“,  und eine Bilanz, die für uns ständig in den Miesen steht,  führt uns stark in Versuchung, beim Ausgleichsversuch immer erfinderischer zu werden. Gehässiger und für die anderen ungerechter. Wer ständig denkt, „offene Rechnungen“ begleichen zu müssen,  wird auf der Suche nach den geeigneten Maßnahmen viel Leben verpassen.

Wo die moralische Buchhaltung besonders konservativ ist, sieht sie die Konten nicht ausgeglichen. In ihrer ausgleichenden Gerechtigkeit fordert sie auch einen härteren Strafvollzug. Weicher oder laxer Strafvollzug entwerte bestimmte Handlungen. Ihre Vertreter sind der Meinung, dass üble Taten nicht teuer genug bezahlt werden. Kritiker der konservativen moralischen Buchhaltung sehen in diesen Strategien jedoch eher eine Aufwertung der Straftat zu einem knappen Gut. Nicht jeder soll sie sich leisten können.

Es herrscht Uneinigkeit in der Frage, wie die Wiedergutmachung als ein Ausgleich zwischen Gut und Böse stattzufinden habe. Einig sind sich jedoch alle in der Forderung nach der Wiedergutmachung. Entweder durch Rache oder durch Gnade, aber Gerechtigkeit muss sein. Rückzahlen oder Heimzahlen muss man es jemandem, wenn er sein Konto überzogen hat.

Während wir in der Finanzbuchhaltung Strategien kennen, die doppelte Buchführung einzudämmen, schießt in der moralischen Buchhaltung die Doppelmoral ins Kraut. Ein Moralist wird es weit von sich weisen, dass er berechnend vorgeht. Das würde seine moralische Position schwächen. Er möchte sich noch nicht einmal darauf einlassen, dass menschliches Handeln und moralische Werte messbar seien.

Und statt die Kriterien seiner Messungen und Vergeltungsakte offenzulegen, leugnet er schlichtweg diese Strategie. Hinter dem moralischen Urteil steht ein Denkmuster, das ein bestimmtes Kalkül der Verrechnung von Gut und Böse transportiert, das aber zugleich dieses Hintergrundmuster verschleiert. Moralische Buchhaltung verdunkelt, dass sie eine Buchhaltung ist.

Was Menschen stattdessen behaupten, hat George Lakoff in seinem entlarvenden Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn“ so ausgeführt: „Mein Denken ist mir komplett bewusst. Es obliegt allein meiner Entscheidung, wie ich denke und welche Schlussfolgerungen ich ziehe. Alle Menschen können gleich denken. Und indem ich denke, erfasse ich objektive Wahrheiten, die in der Welt vorhanden sind. Alle Dinge haben einen eigentlichen Sinn und können gedanklich so nachvollzogen werden, wie sie existieren. Deshalb kann ich, wie jeder andere Mensch auch, objektiv denken und sprechen.

Wenn der Mensch nur so wäre.

kjg

Roland Dürre
Sonntag, der 22. Februar 2015

Augenhöhe – der Film über Arbeitswelt im 21. Jahrhundert.

workhard117Ein Team von fünf Menschen hat ein spannendes Projekt gestartet, aus dem ein Film wurde: „Augenhöhe„.

Die Geschichte berichtet folgendes: In einer Session auf dem 12. intrinsify!me Wevent in Berlin über die Werte der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts entstand die Idee, das nicht immer nur in Worten zu beschreiben, sondern zu zeigen. Also einen Film zu machen.

Fünf aus der Session blieben zusammen und taten dann auch was. Sie drehten den Film Augenhöhe. Ich habe von diesem Projekt das erste Mal auf dem PM-Camp 2014 in Berlin durch einen tollen Impuls-Vortrag von Ulf Brandes erfahren und dann Ausschnitte aus dem Film auf dem PM-Camp in München 2014 gesehen. Zwei der Protagonisten von „Augenhöhe“ habe ich persönlich auf PM-Camps kennen gelernt.

Dank enorm guter „social media“-Arbeit machte das Projekt schnell nicht nur im Internet „Furore“. Wie auch das erfolgreiche Crowdfunding zur Finanzierung sehr viel öffentliches Aufsehen hatte und dementsprechend erfolgreich war. Auch die Premiere am 30. Januar in Hamburg war richtig gut besucht. Über 400 (!) Menschen kamen ins Hamburger Museum der Arbeit zur Uraufführung des Filmes.

Der Film behandelt gute Themen. Mit Dokumentarfilmen mit verwandter Thematik wie von Geyrhalter, Wagenhofer (unter anderem die Trilogie We Feed the World, Let’s Make Money und Alphabet) oder Carmen Losmann (Work Hard – Play Hard) kann er von der filmischen Qualität vielleicht nicht mithalten. Das muss er auch nicht – er ist eher eine erfrischende Produktion auf dem Niveau von TV-Reports in ARD oder ZDF z.B. über die Verschiffung von Elektro-Schrott nach Afrika.

Der Film handelt von Menschen in verschiedenen Rollen der Arbeitswelt. Von Unternehmern, Managern und Gründern. Aber vor allem zeigt er Mitarbeiter, die  sich freuen, dass sie bei „guten“ Arbeitgebern arbeiten. Weil sie z.B. dank innovativer Arbeitszeit-Modelle über eine nicht selbstverständliche Freiheit verfügen und ihr eigenes Leben so realisieren wie sie es wollen.

Leider ist auch beim hochgelobten Projekt „Augenhöhe“ nicht alles Gold was glänzt. Kurz vor Vollendung rutschten in den Film noch zwei Beiträge über Adidas und Unilever.

Adidas

Plötzlich erscheint Christian Kuhna im Film, den ich auf dem open-up Camp in Nürnberg kennen gelernt habe. Er ist beim Sport-Giganten für Social Media, Moocs und was sonst noch dazugehört zuständig und steht dort einem kleinen aber feinen Team vor.

Sicher herrscht im Team vom Christian eine gute und moderne Arbeitsstimmung. So wie ich immer wieder von den kompetenten und gut gelaunten jungen Verkäufern in den Adidas-Shops angetan bin. Aber für die überwiegende Mehrheit der für den Konzern produzierenden Menschen gilt das sicher nicht.

So wurde die Aufnahme von Adidas in den Film auch im Kreise der „crowd funder“ sehr unterschiedlich diskutiert.

Unilever

Ganz am Ende der Dreharbeiten kam auch noch Unilever dazu. Schon in München war ich überrascht, dass auch der Food-Gigant als positives Beispiel dabei war. Sven Franke – einer der Protagonisten – hat dort berichtet, dass Unilever wegen des Filmes „WORK HARD PLAY HARD“ von Carmen Losmann auf „Augenhöhe“ zugekommen sei. In diesem Film hatten sie keinen guten Eindruck abgegeben, den sie jetzt wieder wettmachen wollten. Ganz gleich, ob dem so gewesen ist, Unilever passt auch nicht in so einen Film.

Sven erklärte die Entscheidung so: Man hätte zeigen wollen, dass es auch in großen Unternehmen zumindest in Nischen die Arbeitswelt auf Augenhöhe erfolgen könnte.

Ist vielleicht Geschmackssache. Klar gibt es in jedem großen Unternehmen auch „Inseln der Seligkeit“. Und wenn es das Vorstandsteam ist.

Es könnte aber auch sein, dass Adidas und Unilever aufgenommen würde, weil sie doch „big names“ sind. Und so die Zugkräftigkeit des Filmes erhöhen sollten. Ist sicher auch eine akzeptable Entscheidung, dann sollte man sie aber auch so kommunizieren.

Wenn wir bei „big names“ und solchen Gedanken sind, dann fällt mir auch Tomas Sattelberger ein. Auch der taucht – wie zurzeit überhaupt sehr häufig in der Öffentlichkeit – im Film auf. Die Geschichte vom Saulus zum Paulus soll sich ja immer wieder mal wiederholen. Ich kenne Thomas Sattelberger nicht persönlich sondern nur aus der Presse – und habe deshalb keine valide Einschätzung. Aber in seinen Vorstandsrollen bei namhaften DAX-Konzernen schien er mir kein Vertreter von „Augenhöhe“ gewesen zu sein.

Soweit die kleinen Flecken auf der an sonst weißen Weste.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Das Thema „Augenhöhe“, so wie es von Sven Franke oder Ulf Brandes formuliert wird, finde ich sehr gut, wie auch die Aktion an sich und das Ergebnis. Ich gönne auch den beteiligten Unternehmen den Image-Gewinn und würde mich freuen, wenn die Initiatoren auch „materiell“ ordentlich für ihr großes Engagement entlohnt werden würden.

Es macht wirklich Spaß, die Filmszenen auch „unternehmerisch“ zu diskutieren. Gerade die gezeigten Gründerunternehmen könnten suggerieren, dass eine ordentliche Firma nur möglich ist, wenn es den „guten Tyrannen“ gibt. Die Frage, die mich bewegt ist, wie man die propagierte Unternehmenskultur auch strukturell in einem sozialen System verankern kann – im Sinne zum Beispiel eines „demokratischen Unternehmens“.

RMD

P.S.
Das Bild ist nicht aus dem Film Augenhöhe sondern aus „WORK HARD PLAY HARD“ von Carmen Losmann.

Detlev Six
Samstag, der 31. Januar 2015

Wir Käse-Glocken-Helden der Freiheit.

In den Nachrichten kam die Meldung, dass der Kölner Satire-Wagen zum Hebdo-Attentat aus sicherheitstechnischen Gründen nicht zum Karnevalsumzug zugelassen werde.

Gleich danach lief die neue Sitcom „Dritter Stock links“. Sitcom ist die Abkürzung von Situation Comedy und sollte (wie von den Machern in der Vorschau verkündet), aktuelle Ereignisse spontan umsetzen.

So weit, so blöd.

Denn nicht die von mir freudig erwartete „Cologne Angst“ (eine Unterabteilung der „German Angst“) war das Thema der ersten 20 Minuten, sondern, ja, es stimmt wirklich, Frau Merkel. Der Käse stänkerte in den Grenzen, die ihm von den Islamisten gesetzt wurde.

Dabei tat er so, als hätte er sich selbst die Käseglocke aufgesetzt, denn innerhalb dieser Sicherheitszone ging es ordentlich zur Sache. Frau Merkel als harmloses Ersatz-Opfer für die gefährlichen Mörder von Paris, da hatte der Kabarett-Käse ein starkes Aroma.

Rebellierten die Zuschauer der Sitcom wegen dieses durchsichtigen Manövers? Keineswegs, sie lachten pflichtschuldigst. Sie wussten, mehr Mumm hat der westliche Freiheitswille nicht.

Und ich auch nicht, darum steht oben in der Schlagzeile „wir“. Ich bin heute noch froh, dass ich nicht im 3. Reich meine Courage nachweisen musste. Der Gedanke, dass ich ein geschmeidiger Mitläufer gewesen wäre, ist mir einfach zu nah.

Nach 20 Minuten habe ich die Sitcom ausgeschaltet und mir geschworen, im Zusammenhang mit Freiheit und freier Meinungsäußerung jederzeit die Lippen schmal und nicht dick zu halten.

SIX

Roland Dürre
Sonntag, der 23. November 2014

Das Ende von offener Kollaboration

Heute eine fiktive Geschichte, wie sie tatsächlich passiert hätte sein können.

220px-Jekyll-mansfieldDie Geschichte handelt von zwei wichtigen und bekannten Protagonisten, die in derselben Branche tätig sind. Beide arbeiten am selben Thema. Es ist ein neues Thema, mit dem man Geld verdienen kann. Nennen wir die beiden mal Mr. Je und Mr. Hy.

Beide berichten in ihren Blogs ihre Überlegungen und entwickeln dazu allein und gemeinsam mit Anderen neue Ideen im Sinne von „Wissen teilen“ und „gemeinsam Erkenntnis gewinnen“.

Mr. Je findet Gedanken in einem Post im Blog von Mr. Hy spannend. So beginnt ein Dialog zwischen den beiden. Der Dialog findet in Form von Kommentaren zu diesem Post im Blog von Mr. Hy statt.

Es entsteht ein wesentlicher Erkenntnisgewinn, der eine werthaltige Basis für ein Geschäftsmodell umfasst. Großen Anteil daran haben die konstruktiven, kritischen und ergänzenden Kommentare von Mr. Je.

Mr. Hy nutzt die so gewonnenen Erkenntnisse für sein Geschäft und bringt sein Geschäftsmodell erfolgreich voran. Mr. Je erzählt er aber davon nichts, löscht aber ganz schnell den Dialog zwischen ihm und Mr. Je aus seinem Blog.

Mr. Je hat kein Problem damit, dass Mr. Hy aus dem gemeinsamen Dialog ein Geschäft entwickelt. Das ist in Ordnung und der Sinn von „Wissen teilen“ und „offener Kollaboration“. Er hätte sich jedoch gefreut, von Mr. Hy zu hören und vielleicht ein Kooperationsangebot zu bekommen.

Aber dass der Dialog gelöscht wurde, das ärgert ihn!

Die Geschichte ist natürlich von mir frei erfunden. Ähnlichkeiten mit – falls vorhandenen – Gegebenheiten oder lebenden wie schon verstorbenen Personen sind rein zufällig.

RMD

Das Bild ist aus Wikipedia:
en:Henry Van der Weyde (1838-1924; London, England) – http://www.photography-museum.com/jekyll.html / Originally from en.wikipedia;

Roland Dürre
Sonntag, der 2. November 2014

Wie war das doch alles verrückt im letzten Jahrtausend.

Im letzten Jahrhundert, vor der Jahrtausendwende, da war alles anders.

Die Manager glaubten damals noch, dass Zukunft vorhersagbar ist. Noch mehr – sie waren überzeugt, dass Wachstum ewig statt finden könnte.

Die Menschen damals hatten das Gefühl, dass alles machbar ist und dass man dank der Technologie und des Fortschritts alle Probleme lösen kann. Denn der Mensch als Krone der Schöpfung fühlte sich als das omnipotente Wesen – den Tieren weit überlegen. Und er meinte, er könne alles unter Kontrolle bekommen.

Das Motto war schneller, höher, größer, weiter und komfortabler. Die Ingenieure und Technokraten hatten das Sagen. Ein Leben ohne Autos war nicht vorstellbar. Der Individualverkehr mit schweren Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor auch für einzelne Personen war das selbstverständliche Grundrecht eines jeden Menschen – genauso wie der Kurzurlaub in der „DomRep“ oder in Thailand. Eine Gesellschaft galt als „entwickelt“, wenn sich auch die Armen ein Auto leisten konnten!

Der Wochenendausflug nach London oder Madrid wie der Kurztrip nach New York oder Abu Dhabi half den Menschen, ihre Langeweile auf mondäne Art zu vertreiben. Durch Konsum wollte man sich selbst bestätigen und das Glück sich kaufen. Trotzdem war Geiz geil und Geld die neue Religion. Mit dieser Einstellung gelang es trefflich, die Welt zu zerstören.

Die Professoren an den Hochschulen lehrten uns, dass gute Manager nie reagieren müssen, sondern immer agieren können. Denn die Guten sind in der Lage, im voraus zu sehen, was kommen wird. So wie mir 1968 der kettenrauchende und entsprechend hustende Fahrlehrer beibrachte, der aufgrund seines Aussehens den Spitznamen „Old Death“ hatte, dass ein guter (deutscher) Autofahrer immer vorhersehen müsse, was in der nächsten Sekunde passieren könnte.

Die Hochschulen brachten uns auch bei, dass ein Manager immer frei von Emotionen und persönlichen Gefühlen sein müsse. Die Wissenschaft der Entscheidung hat uns empfohlen, als erstes Informationen in ausreichender Menge zu sammeln. Dann müsse man diese ganz objektiv bewerten und analysieren. Erst dann könne man und müsse man frei von Gefühlen, ganz rational und logisch entscheiden. Und dabei müsse man Intuition wie Heuristik als trügerische Störfaktoren ignorieren.

Das war damals auch die Begründung, warum die „normale Frau“ nichts im Management verloren hätte. Weil die Frau – bis auf ganz wenige – einfach zu sehr von ihren Gefühlen gesteuert werden würde. Klar – die Frauen in „hohen“ Positionen im Management waren eher die Ausnahme. Und diese sahen dann auch aus wie Männer.

Die Lehrbücher lehrten auch, dass eine Organisation genau dann gut wäre, wenn der Ober-Manager in der Lage ist, durch das „Drehen an wenigen Schrauben“ das System nach seiner Vorgabe zu steuern.

Die Firmen orientierten sich deshalb mit ihrer Aufbau-Organisation an militärischen Vorbildern. So war Hierarchie angesagt, nur ganz wenige ultra-moderne Unternehmen erlaubten sich eine Matrixkooperation und hatten gar den Mut zur „kooperativen Führung“. Begriffe wie Selbst- und Netzwerkorganisation waren verpönt ebenso wie Transparenz und Agilität gefürchtet wurden. Es galt „Einfalt statt Vielfalt“ und nicht die „Weisheit der Masse“.

Taylorismus, moralisierende Prozesse und Globalisierung galten als das Erfolgsrezept für die Wirtschaft und die Garanten für den Wohlstand der ganzen Welt. Das Ziel der großen Unternehmen war immer die Weltmarktführerschaft. Die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen aller Art wuchs parallel geometrisch.

Die Masse dagegen galt als primitiver Mob. Der Bürger wurde für dumm gehalten und für dumm verkauft. Mit Marketing wurden die Massen manipuliert, mit Lobbyismus ihre Interessen ausgeschaltet. Der Wähler in der Demokratie galt als Stimmvieh, sein Verlangen nach Frieden wurde mit erfundenen und groß propagierten Ängsten „overruled“.

Die Regierenden und Regierungen wussten damals viel besser, was für alle gut ist. Sie machten sogar Gesetze, die geltendes Recht außer Kraft setzten und im Grundgesetz festgelegte Rechte igoriert haben. So wurden die Bürger massenhaft belauscht und vergaukelt. Oft um den Interessen und Forderungen fremder Mächte oder mächtiger Konzerne zu genügen.

Sogar Gerichte wurden in extremen Fällen für nicht mehr zuständig erklärt und an ihrer Stelle obskure Schiedsgerichte eingesetzt. Bürger, die gegen Steuergesetze verstossen hatten, wurden streng verfolgt. Gleichzeitig haben dieselben Staaten für die Konzerne „Steuer-Oasen“ geschaffen.

Und das schlimmste: Die Regierungen haben geglaubt, mit Kriegen die Ordnung der Welt gestalten und mit Waffen Frieden schaffen zu können.

Wie bin ich doch froh, dass diese Zeit vorbei ist.

RMD
(20. Juni 2030)