Roland Dürre
Sonntag, der 13. August 2017

Mein erstes „Coming Out“

Heute als „Wort zum Sonntag“!

Es wird wirklich Zeit, Muster und Tabus zu brechen. So beginne ich jetzt damit. Auch im IF-Blog. Zuerst Mal im Kleinen und ganz sanft … Aber es kann ja noch werden.

Zu meiner Vorstellung: Ich bin ein männliches Säugetier. Von der Art „Mensch“. Menschen sind Nachkommen der Menschenartigen, die sich mal aus irgendwelchen Affen entwickelt haben. Die man – für mich unverständlicher Weise – im Gegensatz zu den so klugen und schönen Elefanten, Rindern oder Schweinen auch als „Primaten“ bezeichnet.

Männliche Säugetiere haben ein Geschlechtsteil. So auch ich. Ein männliches Geschlechtsteil hat viele Nachteile. Einer der vielleicht sogar harmloseren ist das Ewige „Wohin damit?“.

Selfie unter schwierigen Bedingungen – aber garantiert ohne Unterhose!

So hat „homo sapiens“ die Unterhose erfunden. Und die Unterwäsche-Industrie gegründet, die jetzt mit Unterhosen richtig gut Kohle verdient. Bekleidung wurde zu einer moralischen Sache („das gehört sich so“ oder „so geht das nicht“). So entstand unter anderem die Moral, die besagt, dass man (besonders Mann) ohne Unterhose nicht herum laufen darf.

Nur – Unterhosen engen ein. Allerdings engen Hosen noch mehr ein. Und dann kann es ohne Unterhose auch mal weh tun. Man denke nur an die Lederhose. Mit Unterhose kann es übrigens auch ab und zu weh tun.

Für die männlichen Menschen entstand eine besondere Unterhosen-Tragepflicht. Frauen trugen Röcke. Bei den Damen war „ohne Unterhose“ schon eher möglich. Bei ihnen ging das als erotische Frechheit durch, was bei den Herren undenkbar war.

So habe ich mindestens 50 Jahre brav meine Unterhose getragen und wenn möglich täglich gewechselt.

Vor vielleicht zehn Jahren habe ich in Indien das Ganzkörperkleid für Männer entdeckt. Könnte sein, dass man es Kaftan nennt. Davon habe ich mir zwei erworben (einen grünen und einen blauen) und diese gerne besonders im Sommer an Stelle des Bademantels genutzt. Und schnell verstanden, dass man unter so einem Kaftan keine Unterhose tragen muss. Und habe plötzlich ein völlig neues Wohlgefühl erlebt. Jetzt ist alles so frei – und zentriert.

Hans Söllner beim Sinnflut-Festival in Erding, 2004, hier noch mit Hose.
(dkeppner@freenet.de)
GNU Free Documentation License, aus Wikipedia

Da ich feige bin, gehe ich mit meinem Kaftan nur ganz selten ohne Unterhose in die Öffentlichkeit. Auch weil ich naiver Weise dachte, dass ich der einzige Mann bin, der gerne ohne Unterhose rumläuft.

So wie wir Männer halt sind. Weil wir immer denken, wir wären der Mittelpunkt dieser Welt und kämen nur als einzigster auf die guten Ideen. Aber dem ist nicht so.

Denn dann kam das Bayern-Sound-Festival, bei dem ich dabei sein durfte. Und da spielte der Söllner Hans. Er trat im Rock auf. Und betonte, dass er „garantiert unterhosenfrei“ sei.

Der Hans hatte noch weitere gute Argumente für den Rock ohne Unterhose. Er meinte, dass er es denen einfacher machen möchte, die ihn nur noch „am Arsch lecken“ könnten. Und dass diese rapide immer mehr werden würden.

Mir geht es ähnlich: Auch bei mir werden die, die „mich am Arsch lecken können“ immer mehr. Besonders dann, wenn sie vergessen, dass sie auch nur Säugetiere und nicht als Systemagenten geboren worden sind. Und sich dann auch noch so richtig „aufmanteln“ und selber als ganz tolle Helden empfinden. Dann können sie mich wirklich …

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 13. April 2017

IT-Treff – Nostalgie 1999 – Es war der Wahnsinn!

Im IF-Blog in den Dokumenten findet sich ein ganz besonderes Schmankerl. Das war dort lange Zeit ganz unten tief versteckt.

Es ist eine Satire auf die New Economy – ein Theaterstück mit dem Titel

Sind wir noch zu retten?

Norbert Weinberger und ich haben es geschrieben. Die Idee kam uns auf einem gemeinsamen Flug von München via Zürich nach Neu-Dehli mit Swiss Air.

Swiss Air war ein mühsam ausgehandelter Kompromiss: Mein Freund und Partner Norbert flog aus Prinzip immer Business Class mit Lufthansa und ich genauso meinen Prinzipien treu immer in der Economy. Da wir gemeinsam fliegen wollten, haben wir uns dann auf Swiss Air in der Business Class geeinigt, weil das damals preislich so ziemlich in der Mitte lag. Der Grund für den Flug war übrigens die offizielle Eröffnung unseres gemeinsamen indischen Tochterunternehmen „AMPERSAND limited“. Damals wuchsen die Bäume schon wieder in den Himmel.

Die Business Class des Swiss-Fliegers von Zürich nach Neu-Dehli war komplett leer. Swiss Air war damals noch eine unabhängige Airline und machte heftig Verlust – das hat die freundliche Besatzung aber nicht gestört. Der Service war exzellent; wir wurden richtig verwöhnt. Während des ganzen Fluges wurden uns von charmanten Schweizer Stewardessen Champagner serviert. Auch das hat uns beschwingt. So haben wir im Flieger auch gleich das Grob-Konzept des Stückes entwickelt.

Das Stück haben wir Monate später gemeinsam mit Unternehmerfreunden am 29. Juni 1999 vor weit mehr als 500 Zuschauern beim IT-Treff 99 im überfüllten Schlachthof zu München uraufgeführt. Es war eine Riesengaudi, das Publikum hat getobt. Für uns – die Darsteller – war es der Wahnsinn. Und dazu noch wunderschöner Ausblick auf die Ereignisse zur Jahrtausendwende.

Wie kam es zum IT-Treff? Mitte der 90iger Jahre war es nicht immer so ganz einfach für IT-Unternehmen in Deutschland. Die Stimmung war da gar nicht so gut. Deshalb wollten ein paar mutige IT-Unternehmer*Innen etwas tun, um die Stimmung zu verbessern. Das waren wir Muschka Utpadel-Domdey,  Alfred Bauer, Hans Nagel, Dr. Christian Roth, Markus Winkler und eben der Norbert und ich. Unser Idee war sozusagen „Feiern gegen die Krise“. So haben wir den IT-Treff  gegründet. und die ganze Münchner IT-Szene eingeladen. Und siehe da – alle kamen.

Stars wie Gerhard Polt und Django Asül sind bei uns aufgetreten und haben ihr Programm für uns um IT-spezifische Themen erweitert. Die Bayerische Regierung war immer dabei – an die originellen Grußadressen von Staatssekretär Hans Spitzner kann ich immer noch gut erinnern. Es gab immer heiße Musik – mit der George Greene Hotline Band haben wir im Schlachthof sogar eine eigene CD produziert, die man auch heute noch gerne hört.

Und die Branche hat wieder getanzt. Das war 1996, 1997 und 1998. 1999 war der letzte IT-Treff – und da haben wir (die Veranstalter) das Kabarett selber gemacht. Hier ist unsere IT-Treff Satire (1734) „Sind wir noch zu retten?“ – zum Lesen oder Nachspielen.

Weil sie so schön ist und ein so großer Erfolg war, habe ich für kleine und große Theater eine Prämie ausgesetzt, wenn die das Stück spielen. Es gibt sozusagen eine „negative Aufführungsgebühr“ (Tantieme), kostet also keine 10 % der Brutto-Einnahmen oder so sondern es gibt etwas drauf. Das Stück ist kurz aber sehr prägnant Stück – auch als Vorspiel für etwas anderes wie eine Feier geeignet.


 

Hier der Flyer zum IT-Treff 1999 von außen

und von innen

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 6. Dezember 2016

Bald darf ich den Bundeskanzler wählen …

Falsch, eigentlich wähle ich ja eine Partei, …

Hier mit Klaus Hofeditz bei der Strategie Klausur 2016 von PM-Camp.org in Berlin.

Hier mit Klaus Hofeditz bei der Strategie Klausur 2016 von PM-Camp.org in Berlin.

… die dann gemeinsam mit anderen den Kanzler aus mauschelt. Und vielleicht wird dann der Spitzenkandidat der Partei, die die meisten Stimmen bekommen hat, auch Kanzler. Muss aber nicht so sein.

Für die Bundestagswahl im nächsten Jahr tut sich ein Hoffnungsschimmer für mein Über-Ich „Dumusstwählen“ auf. Mein Über-Ich sagt mir nämlich, dass ich als Demokrat zur Wahl gehen muss. Mein Gewissen untersagt mir aber, die „normalen“ Parteien zu wählen. So habe ich ein Dilemma.

Aber es gibt Hoffnung: Serdar Somuncu wird für „Die PARTEI“ als Bundeskanzler kandidieren. So habe ich mal geprüft, ob er eine valide Alternative ist. Und kam dabei auf den Gedanken, ob ich mich nicht einfach selber zur Wahl stellen und so um das Amt des Kanzlers bewerben soll.

🙂 Denn wenn ich kandidiere, dann weiß ich ja, wenn ich wählen muss! Jetzt bin ich mal zynisch: So schwierig ist es gar nicht Bundeskanzler zu werden. Wahrscheinlich ist es einfacher als jemals zuvor. Der Trump hat’s ja auch zum Präsidenten geschafft. Und Populismus kann ich auch. Besser als mancher denkt. 🙂

Allerdings: Ich habe überhaupt keine Lust in meinem Alter von 66 Jahren mich noch mal in solch eine Tretmühle zu begeben. Und die fast schon greisen Kandidaten, die alle auf jung machen (nicht nur im US-Wahlkampf), sind mir eh ein Graus.

Also:

Kein Bundeskanzler Roland Dürre. Aber vielleicht doch Serdar Somuncu? Immerhin mag er Woody Allen und Bert Brecht. So unrecht kann er dann doch gar nicht sein. Dass er Türke ist, stört mich auch nicht. Ich mag Menschen aus anderen Kulturkreisen.

Wahrscheinlich kann er den Kanzler auch besser als ich. Habe ich doch viel zu viel „morbide Freude am Untergang pervertierter Systeme“.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 27. Juli 2016

Projekt FRIEDEN. Treffen in Ulm.

Direkt zu Füßen des ehrwürdigen Ulmer Münsters haben wir uns getroffen. Sechs gestandene Männer an einem frühen und sonnigen Nachmittag, um für Frieden zu wirken. Leider war keine Frau dabei, aber was noch nicht ist wird sicher noch werden.

Versuch eines Protokolls des ersten Treffens

Das Ulmer Münster 1887

Das Ulmer Münster 1887

19. Juli, an einem schönen Sommertag am Nachmittag vor dem Cafe unter dem Ulmer Münster. Mit dabei:
Daniel, Eberhard, Guido, Jolly, Roland, Wolf.

Nach einer Einstiegsrunde in der jeder von seiner persönlichen Motivation erzählte, haben wir in mehreren Diskussionsrunden eine erste Idee entwickelt was wir konkret angehen wollen und könnten.

Handlungsidee

Wir wollen viele Menschen erreichen und diese ermutigen sich zum Frieden zu bekennen. Das ist uns wichtiger als mit missionarischem Eifer Unfriedliche zu überzeugen.

Wir möchten die netzbasierten Medien nutzen.

In Anlehnung an die Arbeiten von Wolf möchten wir eine gewisse Interaktion ermöglichen. Die Beiträge der Einzelnen sollen zum Ganzen zusammenwirken und dennoch einen eigenen individuellen Wert behalten. Die Teilnahme ist offen und soll eine niedrige Einstiegsschwelle haben. Die Teilnahme soll aber über ein einfaches „Like“ o.Ä. hinausgehen.

Wir wollen nach dem Schneeballprinzip SEHR viele Menschen erreichen um vielleicht irgendwann eine kritische Masse zu schaffen, die eine Veränderung der Gesellschaft erwirkt.

Weiße Taube auf blauem Grund, eine Variante der Friedenstaube: Seit den 1980er Jahren verbreitetes Symbol der westeuropäischen, vor allem der deutschen Friedensbewegung, entworfen im Kontext des Widerstands gegen den NATO-Doppelbeschluss.

Getragen wird diese Idee von unseren Ansichten und Überzeugungen, die zum Schluss nochmals jeder für sich in kurze Worte gefasst hat:

Ich möchte Frieden durch Neutralität und Respekt für alle Lebewesen.
Hass und Feindbilder sollen verschwinden.

Ich habe keine Feinde, Menschen haben keine Feinde. Wir schaffen uns unsere Feindbilder selbst.

Wertschätzung, Friede hat einen Wert.

Friede ist wertvoll, keine Feindbilder mehr!

Mehr Empathie!
Die offene Gesellschaft ist Voraussetzung für Friede.

Friedlich wachen, Friede wachsen lassen.

Nächste Schritte:

Weitere Mitstreiter*innen finden -> bereits begonnen
Handlungsidee konkretisieren
Logo entwerfen
Manifest erarbeiten -> siehe unten ein paar Formulierungsfragmente

Manifest-Fragmente

Friede ist wertvoll und bedarf keiner Rechtfertigung.

Friede gründet auf Wertschätzung und Respekt
Nur wer sich selbst wertschätzt kann andere wertschätzen.

Die friedlichere Lösung eines Konfliktes ist immer die bessere.

Menschen haben keine Feinde sondern Feindbilder.
Feindbilder können überwunden werden.

einfach so - #lass_deine_waffen_fallen WNH 2016 - Wolf Nkole Helzle Social Media Art

einfach so – #lass_deine_waffen_fallen WNH 2016 – Wolf Nkole Helzle Social Media Art

Mitmachen! Und das „Muster des Krieges“ brechen!

RMD

P.S.
Da wir das „Projekt FRIEDEN“ absolut transparent gestalten wollen, veröffentliche ich einfach das Protokoll von Ulm. Danke an Eberhard für die schöne Zusammenfassung.

Die Wertschätzung für die Mächtigen unserer Gesellschaft nimmt stetig ab. Die Menschen verstehen nicht mehr, wie diese agieren und vor allem reagieren. Weil sie ja mehr reagieren zu scheinen als zu agieren. Und wie sie regieren und uns beherrschen.

Woher kommt die wachsende Unzufriedenheit und das immer stärker werdende Unverständnis für das, was unsere Politiker, Vorstände und Vertreter der großen Verbände so machen und wie sie es machen? Und dies, obwohl wir eigentlich gutmütig sind und gerne bereit sind, die Schwächen und die Unfähigkeit unseren Mitmenschen nachzusehen?

Ein Versuch einer Erklärung.

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Betrachten wir ein paar Dinge, die Menschen auszeichnen.

Es gibt Menschen, die beeindrucken mich. Sie sind erfolgreich und trotzdem bescheiden und menschlich. Sie schaffen Dinge, strahlen Freude und Mut aus, wirken und bewirken täglich etwas.

Hier meine Überlegungen dazu – das Ganze mal wieder modellhaft und wohl wissend, dass es kein Schwarzweiß gibt. Es gibt Eigenschaften, die machen Menschen glücklich und erfolgreich.

  • Lebenserfahrung
    Da gehört für mich so Vieles dazu:
    Erfahrungen aus Leben in Partnerschaft. Das Erleben von Kindern. Den Willen, die eigene Feindseligkeit gegen sich und andere gegen Freude zu tauschen. Die Bereitschaft, sich auch in extreme Situationen zu begeben wie für persönliche Anstrengungen bis hin in den Grenzbereich. Die Erfahrung von guter und schlechter Zusammenarbeit in Teams. Das sich Üben in authentischer Kommunikation. Das Erwerben und Erarbeiten von Lebensprinzipien wie die Fähigkeit zum glücklich sein und die Bereitschaft zur Liebe. Zu verstehen, dass man immer zuerst mehr geben sollte als man nimmt. Innere Zufriedenheit, die man nur gewinnen kann, wenn ein notwendiges Mass an körperlicher Bewegung erreicht wird. Die Verbindung zur Natur.
    Ich nenne das immer scherzhaft aber ernst gemeint die „artengerechte Haltung“ des Menschen. Dies scheint aber bei den Spitzen unserer Gesellschaft so gar nicht zu klappen.
  • Bildung
    Heute verstehe ich unter Bildung vor allem das sich bewußte Auseinandersetzen mit den Fragen der Menschheit und der Gesellschaft, denn alles andere findet sich direkt oder indirekt im Internet. Für eine „gute“ Bildung  muss man das große Glück haben, den richtigen Lehrern zu begegnen. Das können Einzelpersonen aber auch Teams sein. Man muss bei Meistern in die Schule gehen, die einem helfen, die richtigen Fragen zu stellen und die eigenen Vorurteile zu entlarven. Die Fähigkeit des kritischen Zuhören ist zu erlernen und man muss in die Lage kommen, Rhetorik rasch zu entlarven. Und dies alles immer wieder zu üben, zu üben und zu üben. Das ganze Leben lang.
    Das alles vermisse ich bei den Spitzen unserer Gesellschaft.
  • Autonomie
    Autonomie bedeutet zuerst Mal die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben.
    Wenn ich mir das Leben (nicht nur) unserer „Mächtigen“ so anschaue, so führen gerade diese oft scheinbar so erfolgreichen Menschen überwiegend „ein Leben aus zweiter Hand“. Externe Manipulation erzeugt ihre Bedürfnisse. Was sie haben wollen, was gut oder schlecht sein könnte, wird von außen gesteuert. Künstliche Emotionen gehen vor Trauer und Freude über die Geschehnisse im realen Leben. So weint es sich leichter im Kino bei „Love Story“ denn bei der Beerdigung eines Freundes. Sie verstehen nicht mehr, dass Konsum nicht der Weg zum „glücklich sein“ ist. Empathie wird abgelöst durch eine intellektuelle ethisch-rationale Vorgabe, wann und wie Betroffenheit zu zeigen ist. Und glauben an Wachstum …
  • Freiheit
    Sie haben ihre Freiheit gegen Ruhm und Karriere eingetauscht. Sie sind nicht mehr, Herr oder Frau ihres eigenen Lebens. Sie können nicht mehr das machen, was sie wirklich wollen und könnten nicht mehr ihren ureigenen Bedürfnissen folgen.
    Gerade die mächtigen Funktionäre, Politiker und Wirtschaftsmanager unterliegen einer enormen Fremdsteuerung. Sie sind in der Regel zu Sklaven ihres Systems geworden. Ihr Leben wird von einem exzessiven Terminkalender und Menschenstab dahinter gesteuert, der ihnen auf Monate im voraus lückenlos vorschreibt, was sie zu tun haben.

So erlebe ich die Mächtigen unserer Welt, wenn ich ihnen ab und zu im Lande begegne oder sie medial beobachte. Gehetzt, gestresst, aufgesetzt, gekünstelt, mit vielen schönen Worten aber ohne jedes Kommitments. Ich empfinde sie wie Atavare aus einer anderen Welt oder noch schlimmer als Zombies eines mittlerweilen perversen Systems..

Wo sind sie geblieben, die authentischen, in sich zentrierten und ruhenden Persönlichkeiten in Spitzenpositionen? Die sich eben nicht dauernd profilieren müssen, indem sie letzten Endes allen nach dem Mund reden und in permanenter Anbiederung verharren?

Die Selektionskriterien auf dem Wege zur Macht 

Die Auflösung ist, dass den von mir geforderten Eigenschaften die Selektionskriterien auf dem Wege zur Macht diametral entgegenstehen. Wenn Du nämlich reich und mächtig werden willst, zählt alles das nicht, was ich oben beschrieben habe. Sondern ist im Gegenteil hinderlich und verurteilt Dich in dieser Welt zum Scheitern. Schon in der Schule ist Wohlverhalten angesagt. Beim Heranwachsen musst Du Dich einer großen Indoktrination unterwerfen, die unsere Sozialisierung dominiert. Zweifel und eigene Gedanken werden sanktioniert. Besseres Wissens muss sich dem Vorankommen unterordnen. Wer  nicht bereit ist, sich den Schablonen des Glaubens an die großen Lügen des Spätkapitalismus zu unterwerfen geht im Poker um die Macht unter. Und die Ampeln der Deutschland AG stehen für ihn auf ROT.

Nur mit konsequenter Übernahme der Dogmen und Drogen der „amerikanisch-europäischen Werte“ und konsequentes Handeln im dadurch vorgegebenen Rahmen wird man mächtig und reich (was im Prinzip das selbe ist). Man muss die Fähigkeit erwerben und erlernen, wie man die ziemlich absurden Spielregeln des „shareholder value“ zum eigenen Vorteil nutzt. Und sich den perversen Metriken von Wirtschaft und Politik völlig unterwerfen.

Wenn man dann noch dir richtigen Leute kennt oder gar in die Deutschland AG oder Parteien-Oligarchie hinein geboren wurde, dann geht es rasch aufwärts mit Karriere und Kohle.

Wie kann man diese Welt ändern?

Ich glaube aktiv, geplant und mit rationalem Vorsatz geht da gar nichts. Die Evolution ist gefordert und wird das lösen. Sie funktioniert vor allem deshalb, weil die Alten aussterben. Und gerade bei den jungen Menschen bemerke ich, dass die anders ticken. Immer mehr davon glauben glücklicherweise den Quatsch nicht mehr, den wir erzählen. Sondern erfinden sich selber.

So wird die Evolution bald wieder für große Überraschungen sorgen. Die „digitale Transformation“ könnte da ein Treiber sein.  Auf jeden Fall ist sie „ein Teil davon“. Aber auch dies wird die Evolution letzten Endes nicht interessieren.

RMD
Folégandros, 3. Juni 2016, Gedanken vor dem Frühstück.
😉 Nach einer langen Wanderung am Vortag durch die griechische Sonne

 

 

CLOU/HIT in der InterFace Connection

Oder:

Wie Wolf und ich es dann selber machten.

Beim PM-Camp Berlin habe ich von vier Projekten aus der Vintage Zeit berichtet, die für mich sehr wichtig waren. Und hier angekündigt, dass ich alle vier auch in IF-Blog beschreiben werde.

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Jetzt kommt die Geschichte zum vierten Projekt:

Schon vor 1983 hatte ich keine Lust mehr, für andere zu arbeiten. Ich war damals noch bei Softlab. Dort konnte ich mein einseitiges Wissen – es bestand bis auf ein wenig SNA (IBM) überwiegend aus Siemens-Technologie – erweitern und lernte weitere IBM-Technologien aber vor allem auch die Technik von verschiedenen Systemen der „Mittleren Datentechnik“ kennen.

Das waren Maschinen, die je nach Speicherausbau aus zwei bis drei Teilen groß wie Bosch-Kühlschränke bestanden. Also viel kleiner und auch einfacher als Mainframe. Die waren damals groß in Mode und so gab es zuhauf europäische und nicht-europäische Wettbewerber mit mit unterschiedlicher und oft sehr proprietärer Technik. Kienzle und Nixdorf waren bei diesen aufstrebenden MDT-Unternehmen auch dabei und damals wurde allein in einer Stadt wie München ein und dieselbe Branchen-Software von verschiedenen Unternehmen parallel für verschiedene Technologien entwickelt.

Softlab war mit Sicherheit damals eines der innovativsten deutschen „Software-Häuser“. Sie hatten auch ein proprietäres System, das berühmte PET-Maestro. Für mich war das das erste System ohne den Frust des permanenten Datenverlusts, den das Pet-Maestro arbeitete auch schon zeichenweise – und jedes Zeichen wurde sofort auf die Platte geschrieben. Bei Reset erfolgte so immer ein aktueller Warmstart – und nichts war futsch! Es war eine Erlösung, das Zittern vor Datenverlust beim Arbeiten zum Beispiel mit EDT oder EDOR war vorbei.

Auch sonst lernte ich bei Softlab viel Neues. Aber auch im kaufmännischen Bereich: Wie man Angebote möglichst risikofrei formuliert, wie man mit den VB’s der großen Unternehmen (Bull, ICL, IBM, Nixdorf, Siemens) klüngelt (ohne die großen ging es damals schon nicht) oder – und wie man Studien schreibt. So wurde ich zum Papiertiger (das hat nichts mit paper tiger, der namhaften freien chinesischen Theaterbewegung zu tun). Und damals war es schon so, dass man als Papiertiger (noch) bessere Stundensätze bekam denn als Programmierer. So weiter gestärkt, wollte ich es selber machen. Alleine traute ich mich nicht. Also ging ich auf Partnersuche. In meinen Kreisen suchte und identifizierte ich Menschen, die mir sympathisch und fähig vorkamen. Und die vielleicht auch gründen wollten. Da gab es einige. Aber immer wieder klappte es nicht.

Bis der Wolf (Geldmacher) kam. Wolf war deutlich jünger als ich. Er war fachlich Spitze. Und wir sahen die Dinge ähnlich. Das soll heißen, dass sich unsere Werte, Erwartung, Interessen und Bedürfnisse gegenseitig sehr gut ergänzt haben. Ich war so mehr der Old-Style-Programmierer – und der Wolf hatte die Ahnung, von allem was in der IT modern und neu war. Und Wolf war absolut der Qualität verpflichtet. Und wenn einer Menschenverstand hatte, dann war es der Wolf. Und das sind wohl die wichtigsten Dinge: Fachliche Ahnung, Menschenverstand und Qualitätsbewusstsein. Dann muss man nur noch ein netter Kerl sein …

So gründeten wir in Kurzform die InterFace Connection. Die InterFace hat Peter Schnupp auf uns vererbt, die „Connection“ war unser Begriff. Das wollten wir gemeinsam mit unseren zukünftigen Mitarbeitern sein, eine „Connection“, die zusammen hält und gemeinsam erfolgreich wird. So gründeten wir 1983 das Unternehmen und starteten am 1. April 1984 das Geschäft.

Das Projekt von dem ich berichte, ist aber nicht das Unternehmen, sondern die Entwicklung unseres Produkts. Und ein Produkt wollten Wolf und ich aus zwei Gründen haben: Zum einen waren wir überzeugt, dass ein Produkt etwas ist, auf das man stolz sein kann. Dass ein Produkt eine Identität schafft. Und dass ein Produkt besser skalierbar ist, als Dienstleistung.

Außerdem gaben wir dem damals sehr gut funktionierenden „Body Leasing“ keine Zukunft. Wir glaubten nämlich noch an die Gesetze, und uns war als Gründer ziemlich klar, dass die übliche Form von Body Leasing genau das schon damals war, das dem AÜG folgend ganz einfach ungesetzlich war.

Schnell war uns klar, dass damals Unix die richtige Basis für zukünftige Produkte wäre. Wir waren uns auch rasch einig, dass ein auf Unix so ziemlich alles fehlte, was man für die Nutzung von Rechnern bei Unternehmen bräuchte. Und dass da ganz besonders ein Textsystem fehlen würde. Und dass man auf Unix mit seinen neuen Datensichtgeräten (im raw oder cooked mode) und gerade mit der Sprache c zuerst mal eine komfortable Schreibmaschine relativ zügig entwickeln können müsse.

Weil wir vor der Herstellung und dem erfolgreichen Vermarkten eines Produktes großen Respekt hatten, begannen wir die Entwicklung des Produktes in Kooporation mit InterFace Computer. Wir hatten sehr schnell einen kleinen Erfolg im Umfeld von SINIX (dem Unix von Siemens) und so verlagerte sich die Entwicklung zu uns und InterFace Computer übernahm die Portierungen wie auch den Vertrieb im „Restmarkt“.

Und wir hatten ganz schnell ein zweistelliges Team von ganz jungen Leuten. Das waren in der Regel Studenten. Sie mussten programmieren können und sympathisch sein. Und trotz der Doppelbelastung Arbeit und Studium zweiteres durchziehen. Alles andere war uns egal.

Da Wolf und ich (gemeinsam mit ein paar jungen fest angestellten Informatikern mit akademischen Abschluss durch besagtes Bodyleasing (mit Stundensätzen zwischen 150 – 120 DM) die Entwicklung finanzierten, waren die jungen Menschen ziemlich frei. Gesteuert wurden sie von unserer „Assistentin“ Heidi (Kaindl). Die Heidi hatte die Jungs gut im Griff und passte gut auf, dass die auch arbeiteten. Wolf und ich waren nur in kurzen Meetings mit den Jungens zusammen (bald nach der Gründung kamen dann auch Frauen dazu).

Der Wolf hatte damals die Rolle eines SCRUM-Masters und mehr (obwohl es damals SCRUN noch lange nicht gab. Er erklärte dem Team, was Qualität wäre. Und dass sie die Qualität eben nicht für unsere Endkunden, nicht für unsere Vertriebspartner für Siemens und auch nicht für die InterFace Connection machen würden, sondern zuerst mal als ehrliche Programmierer für sich. Und Wolf hatte hohe Ansprüche und war streng. Wenn jemand nicht fähig oder willens war, die Qualität zu bringen, gab es keine Zukunft bei der „Connection“. Wolf beschützte aber auch das Team, wenn z.B. ich auf Ressourcen spechtete. Und setzte auch die notwendigen Investitionen durch.

Meine Aufgabe war vielleicht die des Product Owners. Zumindest am Anfang. Ich musste als Jugendlicher Stenographie und Schreibmaschine schreiben lernen. Stenographie habe ich geliebt, es ist eine wunderschöne Art zu schreiben. Weil es nicht gegen die Hand geht, wie die normale Schreibschrift. Aber die Schreibmaschine haßte ich. Und ich wusste genau, wie eine gute Editier-Maschine aussehen musste. Das hatte ich dann auch in Gründerzeiten aufgeschrieben.

Wie es komplizierter wurde und z.B. CLOU mit seiner „embedded sql“ dazu kam, gab ich die Rolle des Product-Owners an unsere Kunden ab. Und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Denn die Kunden konnten uns tatsächlich sagen, wie sic sich eine automatisierte Bausteinverarbeitung vorstellten. Und haben uns den weiteren Weg gewiesen.

Eine Regel war, dass alle Mitarbeiter – bis auf Heidi – programmieren konnten. Die Heidi war unsere erste und wichtigste Kundin. Sobald die erste Version von HIT verfügbar waren, haben wir ihr den „vi“ und die für Bürobetrieb geschriebenen „nroff-makros“ weggenommen, und sie musste mit HIT arbeiten – sehr übrigens zu ihrem Unwillen. Den so schlecht war die vi-Lösung nicht. Später hat sie dann aber trotzdem ihren HIT lieben gelernt. Wen wundert es, sie hat ihn ja auch mit gebaut!

Alle anderen Kollegen im HIT-Team mussten „hands-on“ legen können. D.h. jeder musste programmieren, Fehler suchen und vor allem „co-working“ (Team-Arbeit) können.

Wir benutzen ganz früh Werkzeuge, lange bevor diese in den breiten Einsatz kamen. Aber nur sinnvolle wie „lint“ zur Kontrolle der Qualtitiät unseres Codes oder „sccs“ für die Source-Code-Verwaltung. Ich bin mir sicher, das wir immer wieder die ersten in München waren. Auch einen „tracker“ und automatischen „built“ hatten wir früher als fast alle anderen. Aber nie gab es eine Planungssoftware. Wie wir auch „bürocrazy“ nach Kräften mieden.

So waren alle im Projekt Programmierer. Die tatsächlich unter sich absprachen, wer was entwickelte. Es waren sehr verschiedene Typen dabei. Es gab auch den Wunderprogrammierer, nicht nur scherzhaft „Gott“ genannt. Die erste Regel war aber, dass es ein Team ist. Dass jeder für jeden da ist. Es galt immer, „einer für alle, alle für einen“. Nie wurde jemand im Stich gelassen. Und wenn man nicht mehr weiter wusste, hat man sich an seinen Kollegen gewendet. Es gab so kein explizites pair-programming, weil dies selbstverständlich war und quasi automatisch funktionierte. So gab es immer mehrere, die sich auch in den Sourcen der Kollegen aus kannten. Das war wie ein überlappendes System, das irgendwie ganz von selbst ohne viel Worte funktionierte.

Natürlich hatten wir ein komplizierte System in Entwicklung mit unheimlich vielen Modulen, Schnittstellen, Werkzeugen, APIs …. In der Summe entstand eine riesige Anzahl von lines of code. Es gab Module wie für die Virtualisierung von Keyboards, Teminals oder Drucker. Wir hatten den ersten National Language Support entwickelt, der dann in die UNIX-Implementierung von X-Open einging. Wir hatten komplizierte und gefürchtete Module und langweilige. Ab und zu mussten wir Fehler den von uns genutzten Compilern finden.

Das Team hat immer unter sich ausgemacht, wer welche Aufgabe anpackt. Unsere Werkbank – meistens aufgebaut auf OpenSource-Komponenten zur Source-Code-Verwaltung, für den Built und den teilweise automatisierten Test, für die Portierung auf die vielen Zielsysteme, die die Unix-Welt damals anbot, alles war Teil des Projekts. Das ging hin zur Produktion der im Quartals-Rhytmus erscheinenden Kundenzeitung, HITNews, von Fachliteratur, der Konzeption der Kurse. Alles wurde im Team gemacht, jeder brachte sein bestes ein.

Natürlich gab es auch gelegentlich mal Situationen, wo vielleicht der eine oder andere überfordert war. Weil er noch nicht die Erfahrung hatte oder er die Aufgabe einfach unterschätzt hatte. Aber dann hat ihm ein Kollege ihm geholfen. Immer gab es den richtigen. Und wenn es notwendig war, dann kam eben „Gott“.

Natürlich hatten wir verschiedene Rollen in den Teams. Jeder war ein Projekt Manager und für die zugesagten Termine verantwortlich. Der eine mehr, der andere weniger. Jeder war Quality Manager, der eine mehr, der andere weniger. Natürlich gab es so etwas, wie einen ersten Ansprechpartner für unsere Kunden und unsere Partner. Der wurde gemeinsam bestimmt („wer kann es am besten machen“), er ist aber als Programmierer im Team geblieben. Aber im Prinzip hat jeder Entwickler die Fragen der Kunden beantwortet. Da die einfach bei uns ins Büro rein kamen. Die zentrale Klingel erklang, Und wer zuerst ans Telefon ging, hatte den Kunden in der Leitung.

Natürlich gab es Kollegen, die sich mehr um die Integration, die Planung, die Konfiguration und Built-Thematik, das Manual … gekümmert haben. Aber alle waren immer voll fachlich im Team drin.

Aber alle haben immer weiter programmiert. Und immer für Qualität gesorgt. Zum Beispiel weil sie automatische Testumgebungen einfach als Teil des Projektes gebaut haben. Es war eine total geteilte Verantwortung.

Mit dem Erfolg haben wir Lehrer für unser Produkt HIT/CLOU gebraucht. Die ersten Jahre haben alle Entwickler unsere sämtlichen Schulungen gehalten. Sie haben genauso die Kurse für Endnutzer wie Fachanwender, Systemleute und Programmierer. Selbst die zentralen Leute wie Friedrich Lehn, der „Vater“ des CLOU, hat Kurse gehalten und Anfängern das Programmieren mit CLOU beigebracht.

Gelegentlich hat das den Entwicklern nicht gefallen. Das Entwickeln wäre doch viel wichtiger. Aber die Kurse liefen gut (weil die Kollegen eben wussten, von was sie redeten und das manche „didaktische“ Schwäche mehr als ausgeglichen hat). Das tolle war aber, dass unsere Kollegen so immer erlebt haben, was der Kunde eigentlich will und braucht! So wurde der Kunde im Gesamt zum „Product Owner“.

Die Kollegen sind aufgrund dieser interdisziplinären Aufgaben fachlich und menschlich in einem enormen Tempo gewachsen – menschlich wie fachlich aber auch vertrieblich. Es war oft unglaublich, wie junge Studenten schon innerhalb wenigen Monaten zu selbstbewussten Experten wurden.

Ohne es zu formulieren, hatten wir schon damals im Team verstanden, dass es darum geht, alle Menschen im Team und im Unternehmen größer und nicht kleiner zu machen. Und an allen Dingen zu beteiligen und partizipieren. Wir haben gewusst, dass wir uns sehr hohe Ziele, oft kühne Ziele setzen mussten, sonst hätten wir das Produkt nie gestemmt. Aber uns war auch klar, wie wichtig es gerade dann ist, eine starke Fehlertoleranz zu leben. Dass nie der Kollege im Team oder der Kunde der Feind oder Gegner sein darf, sondern nur die zu lösende Herausforderung oder die Widrigkeit der Umstände.

Wolf und ich waren das „Management“. Wir waren aber mehr wie Besucher in unserem Unternehmen. Nach 8 – 10 Stunden am Tag Beratungszeit beim Kunden haben wir uns bei unseren „Mitarbeitern“ zu Hause im Büro ausgeruht. Die waren alle unsere Freunde, da haben wir uns wohl gefühlt. Und die Kollegen haben uns gezeigt, was sie wieder alles tolles geschaffen hatten. Wir haben unsere Rückmeldungen gegeben und sind dann wieder in den nächsten Beratungstag verschwunden.

Und immer wenn wieder ein schönes Ergebnis erreicht wurde, haben wir alle gemeinsam gefeiert. Es war die schönste Zeit meines Lebens. Wir haben damals soviel gelernt. Auch wie oft das normale und konservative Denken Blödsinn ist. Zum Beispiel wollte ich unseren Kunden immer Termintreue bieten. Und musste Lernen, dass das Unsinn war.

Denn wenn Du wirklich Innovatives schaffen willst, lernst Du immer wieder, dass Termine keinen Sinn machen. Es funktioniert einfach nicht. Wenn der Termin einfach nicht gehalten werden kann, dann geht es nur darum, dass die Kommunikation klappt und man Lösungen findet, wie man den Bedürfnissen der Kunden gerecht wird. Denn wenn alle an einem Strick ziehen und gemeinsam erfolgreich sein wollen, gibt es immer eine Lösung – und siehe da, es geht immer.

Ich höre schon die Einrede:
Na ja das mag ja bei einem kleinen Projekt gehen? Aber bei einem großen?

Klar waren wir eher weniger als 50 Menschen. Aber genau die gleichen Projekt sind nicht nur bei einem Großkonzern gescheitert. Dort wurden dann oft fünf mal so viele oder noch mehr Menschen eingesetzt. Teure, erfahrene, hochqualifizierte. Und es hat nicht funktioniert.

Ich meine, es geht so auch in großen und sehr großen Projekten, wenn viele solche tollen Teams vernetzt und im good will vereint zusammenarbeiten.

RMD

Roland Dürre
Montag, der 26. Oktober 2015

„Change Management“

Zeitgenössische Ganesha-Statue

Zeitgenössische Ganesha-Statue

Das ist auch so ein modernes Unwort. In Kurzform bezeichnet es den Kampf gegen die Denke

„Das haben wir schon immer so gemacht!“

Weil man vermutet, das man etwas verändern muss, damit es „besser“ wird. Die Veränderung will man aber nicht der Evolution oder den „möglichst Vielen“ überlassen. Weil das Vertrauen fehlt, dass die Mitarbeiter oder Bürger „Veränderung“ können (Bürger und Mitarbeiter werden ja immer für dümmer gehalten, als sie sind), unterdrückt man „Graswurzel-Bewegungen“. Man will viel mehr eine Veränderung „von oben“, die durch Manager erzwungen, gesteuert oder irgendwie herbei manipuliert werden soll.

Ich zucke da. Weil in meinem Verständnis der Begriff Manager immer mehr für einen zumindest leicht geisteskranken Priester steht, der meint, er hätte überirdische Kräfte und könne durch Zauberei Wunder schaffen.

Das von „Change Management“ erwartete Wunder ist die „Innovation“. Keiner weiß zwar, was Innovation so wirklich ist und wie man sie macht. Der Zauberer und sein Zauber funktionieren natürlich auch nicht. Wenn durch Zufall (oder andere Einflüsse) dann doch mal etwas passiert, beansprucht der Zauberer das Lob und die „Kohle“ gerne für sich.

Das „immer schon so gemacht“ hat mir öfters Frust bereitet. Trotzdem habe ich es nicht komplett negativ gesehen. Er enthält ja eine Art konservative Warnung, die daran erinnert, dass Innovation zwingend eine zwar kreative aber immer auch zumindest gefühlt negative Zerstörung zur Folge hat. So mahnt uns der kritisierte Satz, dass wir trotz des Wunsches nach notwendiger Veränderung auch die Folgen sehen und verantworten müssen. Positiv gesehen enthält er einen Aufruf zur ganzheitlichen Betrachtung einer Herausforderung.

Vor kurzem sind mir dazu noch weitere Sätze eingefallen, die ich auch öfters hören musste wie

„Wo kämen wir denn da hin, wenn das ein jeder so machen würde?“
oder
Was meint denn der, wo er ist …?“

Diese Sätze werden oft sehr unreflektiert ausgesprochen. Da fehlt mir jeder positive Nebenklang. Ich erkenne hier eine noch stärkere „moralische“ Wertung als beim „immer schon so gemacht“. Auch im eigenen Unternehmen habe ich diese Sätze öfters gehört, wenn zum Beispiele junge Mitarbeiter sich ganz spontan durchaus hinterfragbare Regeln wiedersetzt haben. Das war dann die erste Reaktion der Administration, die – natürlich zu aller erst – auf die Einhaltung der Regeln und Gesetze bedacht war.  Meistens ohne eine ausreichende Antwort auf die wichtige Frage „WARUM das Ganze?

Keiner weiß, warum in den von Menschen gebildeten „sozialen Systemen“ sich Regeln und Gesetze ganz selbstverständlich immer und überall exponentionell vermehren. Aber so läuft das immer wieder. Bis die Regelwut das System fest im Griff hat und sich verselbstständigt. Ich nenne das ganze dann gerne „bürocrazy“.

Und spätestens, wenn „bürocrazy“ uns fest im Griff hat, dann  hilft wirklich nur noch das radikale „Brechen von Mustern“. Auch wenn es mutig ist und einen selber erschrecken kann. Wichtig scheint mir aber, dass wir uns beim #musterbrechen die „WARUM-Frage gut beantworten können!

Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog soll mal in der Zeit nach seiner Amtsführung gesagt haben, dass man zuerst die Gesetze mit den ungeraden Nummern abschaffen sollte. Und dann schauen, welche Gesetze man dann vermissen würde. Die könne man dann ja wieder einführen. Und dass man dann dasselbe mit den Gesetzen der geraden Nummern machen sollte.

Irgendwie auch eine gute Metapher fürs #musterbrechen.

RMD

Hinweis zum Bild:
Das Bild ist aus dem Wikipedia-Artikel zu Ganesha. Es ist ein eigenes Werk von onoikobangali.

Das war erst viel später und da war es schon vorbei. Das erste Projekt war noch in Koppstr. (Nahe Hofmannstr.)

Das gab es erst viel später – da war es schon aus und vorbei. Mein erstes Projekt war in der Koppstr. (Hofmannstr.)

Beim PM-Camp Berlin habe ich von vier Projekten aus der Vintage Zeit berichtet, die für mich sehr wichtig waren. Und hier angekündigt, dass ich alle vier auch in IF-Blog beschreiben werde.

Jetzt beginne ich mal mit dem ersten kleinen Projekt:

Projekt 1

Das erste Projekt meines Lebens war nur ein ganz kleines. Es sollte 6 Wochen dauern, es war mein erster beruflicher Einsatz in der Datenverarbeitung.

Ich war damals Student der Informatik im zweiten Anlauf. Das erste Mal bin ich 1969 an der Technischen Hochschule München (THM) gestartet mit Mathematik und Informatik als Nebenfach. Die einzigen Alternativen fürs Nebenfach waren Physik – das mochte ich nicht und BWL. Da war ich allerdings skeptisch, hatte ich doch am „Wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium“ Jacob Fugger zu Augsburg Abitur gemacht.

Buchführung war da Abiturfach, und das konnte ich sehr gut. Während mir das Wissen, das mir in BWL/VWL vermittelt wurde, doch sehr hinterfragbar vorkam – wie übrigens heute noch mehr. Also blieb nur Informatik – und das klang ja 1969 richtig spannend. Professor F.L. Bauer gelang es dann im Herbst 1969 mir noch mehr Appetit darauf zu machen.

Aber dann zwangen mich am 1. April 1970 finstere Schicksalsmächte und eine Mischung von Pech und Ungeschick zur Bundeswehr. Das war kein Aprilscherz und so musste ich 18 Monate als Wehrpflichtiger auch in sehr hinterfragbaren Umgebungen verbringen.

Und wie ich dann Ende September 1971 wieder frei war, fing ich halt wieder von vorne an, wieder im ersten Semester, wieder mit derselben Fachkombination und wieder an selben Hochschule, die aber plötzlich TUM (Technische Universität München) hieß.

Aber außer dem Namen war nichts anders. Und ich wusste schon fast alles, weil ich 1969 noch ein fleißiger Student gewesen war und alles schon mal gehört und brav gelernt hatte. So ging es mir gut und die Olympiade 1972 kam ins Land. Da hatte ich neben dem Studium einen tollen Job mit guter Bezahlung bei der Eisenbahn (damals noch der Deutschen Bundesbahn) als Kundenberater für die Gäste aus der ganzen Welt. Und irgendwie gehörte mir die ganze Welt …

1974 schaffte ich das Vordiplom und brauchte wieder ein wenig mehr Geld als ich als Tutor an der TUM (Lineare Algebra I und II und ein Programmier-Praktikum waren meine Themen) verdienen konnte (fürs Bafög hat es bei mir ganz knapp nicht gelangt und meine Eltern – auch bei der Eisenbahn – waren der Meinung, ich könnte ja auch in Augsburg bei der Familie in meinem Zimmer wohnen bleiben und so wie mein Vater nach München pendeln). Das wollte ich aber nicht. Also suchte ich einen Ferien-Job – und natürlich war das Ziel bei einem führenden High-Tech- und Computer-Unternehmen.

Das war Siemens damals! Es ist aus heutiger Sicht kaum fassbar, welches wahnsinnige Know-How auf unheimlich vielen Feldern in diesem Unternehmen vorhanden war. Und sie nahmen mich bei Siemens und so war ich ab Sommer 1974 dann zuerst für 6 Wochen und dann für das restliche Studium mitten drin in der echten High-Tech-Welt. Mit Rechnern, Betriebssystemen und Programmiersprachen aller Art in direktem Zugriff – und das in vollem Überfluss, ganz anders als z.B. in der sogenannten TUM.

Und schon am ersten Tag bei Siemens bekam ich mein erstes Projekt! Mein (Ober-)Chef, unser Abteilungsleiter hieß Bieck. Er war ein Hardware-Mann und wurde ein paar Jahre später der Entwicklungs-Chef bei einem der damals aufstrebenden deutschen Computer-Hersteller, der Firma Kienzle.

Kienzle war nur einer der kleinen Konkurrenten von Siemens – aber es war schon sehr bemerkenswert, was solche Unternehmen – wie auch das viel größere Nixdorf oder viele kleinere damals so alles auf die Beine stellten.

Ich hatte in meiner 6 Wochen Werkstudentenzeit die totale Freiheit – versehen aber mit einen konkreten Auftrag. Und mir wurde signalisiert, dass meine Aufgabe wahrscheinlich gar nicht lösbar sein werde. Aber dass es schon schön wäre, wenn ich es irgendwie schaffen würde. Das war durchaus so, wie es in den letzten Jahren mir von Google berichtet wurde: Man stellt sich unerreichbare Ziele, es gibt aber eine schöne Toleranz fürs Scheitern und so freut man sich so richtig, wenn man das unmöglich scheinende dann doch schafft.

Die Aufgabe war ganz einfach zu formulieren:
Die Abteilung wollte möglichst große Mersenne-Primzahlen haben. Für einen Hardware-Prototypen.

Für Nicht-Mathematiker:
Eine Zahl heißt dann Mersenne-Primzahl, wenn sie eine Primzahl ist, die sich als eine Zweierpotenz minus 1 ergibt. Also wenn (2 power n) – 1 oder (2 power m) – 1, eine Primzahl ist. So würde ich es mal aus der freien Hand definieren.

Ja – und da wollte mein Chef möglichst hohe „n“s und „m“s haben. Wie ich das machen würde, war ihm gleich.

Zum Hintergrund:
Bei Siemens war damals viele Menschen so richtig in „Forschung und Entwicklung“ Das war wirklich toll. Aber das war kein losgelöstes akademisches F&E. Nein, die Anstrengungen dienten fast immer ganz konkreten Anwendungen und Projekten. Es war einfach geil.

Praktische F&E braucht theoretisches Wissen. Das holte sich die Wirtschaft von den Universitäten (früher gab es da noch etwas zu holen). Und da hat die Siemens AG natürlich auch über die Grenzen geschaut – besonders gerne über die innerdeutsche. Denn die DDR-Unis waren so schlecht nicht.

So lag auf meinem Schreibtisch eine wissenschaftliche Arbeit – ich meine sie war aus Leipzig – in der theoretisch bewiesen wurde, dass es möglich wäre, einen Zufallsgenerator aus einer Ringschaltung mit n binären Schaltern zu bauen. Und wenn man den  Aufbau an der richtigen Stelle „kurzschließen“ würde, dann würde das System eine maximale Perioden von Zufallszahlen liefern. Und zwar genau dann, wenn die Anzahl der verwendeten Schalter n eine Mersenne-Primzahl wäre. Und wenn der „Kurzschluss“ mach dem m-ten Schalter geschaltet würde – und dies m eine Mersenne-Primzahl wäre.

(ich bitte meine laienhafte Beschreibung zu entschuldigen, aber in der Hardware war ich nie sehr kundig).

Diese Arbeit habe ich nie verstanden, auch wären die 6 Wochen wären wohl viel zu kurz gewesen, um sie zu verstehen. Aber das war ja für meinen Job auch völlig unwichtig. Man wollte ja nur möglich große Primzahlen der Art 2 power n -1 von mir. Sogar die Primzahlen waren unwichtig, wichtig war nur das m und n.

Für meine Freunde aus der Software:
Anfangs der 70iger Jahre war es völlig utopisch, so etwas wie einen Zufalls-Generator in Software zu bauen. Die Teile sollten ja ziemlich schnell die Bitmuster erzeugen, immerhin waren sie für den Test von Maxi-Flachbaugruppen für Großrechner vorgesehen, und das waren für die damalige Zeit ganz schön schnelle Teile.

Herrn Bieck war es auch völlig gleichgültig, wie ich die Aufgabe lösen würde – sprich ob ich etwas zur Berechnung programmieren würde oder ob ich irgendwo auf der Welt die gesuchten großen Mersenne-Primzahlen finden würde. Ich hatte alle Möglichkeiten.

So trieb ich mich gleich an den nächsten Tagen nach Auftragserteilung in diversen Bibliotheken (Siemens, StaBi, Unis) herum (man erinnere sich, dass es damals noch kein Internet gab). Und ich habe schnell gemerkt, dass die Suche nach großen Mersenne-Primzahlen auf diesem Wege aussichtslos war, selber wenn irgend jemand auf der Welt diese schon berechnet hätte.

Also habe ich mich zu einer schnellen Entscheidung gezwungen. Ich vergesse die Welt um mich herum und versuche es allein – und programmiere mal los. Ich hatte ja nur noch ein bisschen mehr als 5 Wochen.

Das war das erste, was ich in meinem Leben zu „Projekt Management“ gelernt habe:
Fälle rasch eine Entscheidung, besonders wenn es wirklich schwer ist und Du eigentlich nicht weiter weißt.

Dann habe ich versucht, konventionell zu programmieren. Im Dezimal-System gedacht, mit integer und in arithmetischen Rechensystemen gewühlt. Und nach zwei Wochen gemerkt, dass ich so niemals ans Ziel kommen würde.

Und das war das zweite, was ich für Projekte und fürs Leben gelernt habe:
Du musst neue Wege gehen, wenn Du nicht weiter weißt! Verabschiede Dich dann von den alten Gedankenwelten und Mustern, aber das ganz schnell!

Ich beschloss also mich ab sofort nicht mehr um die großen Zahlen zu kümmern, sondern eine Zahl nur noch als Feld von Bits zu sehen. Und plötzlich schrumpften die ganz großen Zahlen ganz klein – zum Beispiel wurde aus 2hoch256 nur noch ein 32 Byte langes binäres Feld. Und mit 32 langen Bit-Feldern (oder auch größeren) kann man ganz elegant „rechnen“, denn man muss nur noch „shiften“. Und schon hatten die großen Zahlen ihren Schrecken verloren …

Die Geschichte erzähle ich aus zwei Gründen.

Zum ersten, weil ich da ganz bewusst plötzlich verstanden habe, dass neben dem schnellen und mutigen Entscheiden das Verlassen alter Denkmuster notwendig ist, wenn man etwas besonderes voll bringen will. Und habe dann oft darunter und dem typischen „Aber das war doch immer schon so ..:“ gelitten, das so oft im Wege stand.

Und weil ich als Zeitzeuge bestätigen kann, dass Siemens vor gut 40 Jahren oft so gearbeitet hat, wie man es heute Google unterstellt. Und dass in dieser Zeit wirklich großartiges geleistet wurde und es so weltweit eigentlich nur wenig Konkurrenz gab, wie vielleicht IBM und Xerox oder Hitachi. Alles andere war erst am entstehen.

Demnächst wird meine nächste Geschichte aus Berlin vom #PMCampBER zum Vintage Projekt Management hier erscheinen. Da war ich dann schon fest angestellt – bei Siemens im Labor. Das war Ende der Siebziger. Ich werde dann schildern, wie Siemens alles, aber wirklich alles getan hat, um seine damalige Stärke zu zerstören.

Dies durch ein Abschwören von seinen alten Tugenden und durch Einführung von Arbeitsteilung (Taylorismus) im kreativen Bereich wie Produktplanung (Requirement Management), Qualitätsmanagement, spezialisierte DV/IT-Lehrer in seinen D-Schulen, Manual-Redakteure und manchen mehr solcher Rollen.

Und vor allem immer vor Entscheidungen nur noch Fragen wie „Was bringt uns das?“ und „Wo ist dabei unser Vorteil“ gestellt wurden und nicht mehr die zentrale Frage „Warum machen wir das überhaupt?“ wie früher.

🙂 Projekt Manager gab es zurzeit meines ersten Projektes noch keine – der erste Projekt Manager taucht so erst in der von mir erlebten Welt dann erst in meiner dritten Projekt Management – Vintage – Geschichte auf. Das war dann Anfang der Achtziger Jahre.

RMD

Gastautor(en)
Dienstag, der 6. Oktober 2015

Mein Freund, der Softwarebetrüger …

Gestern bekam ich Post von Hans Bonfigt. Hans schätze ich als exzellenten SW- und IT-Mann. Er ist ein Provokateur, bekannt für seine Unbeugsamkeit und drastische Sprache. Er hat mir heute Morgen geschrieben:

Lieber Roland, ich hoffe, es geht Ihnen gut!

Ihren Kommentar zur VW-Affäre und Ihre Vermutung, daß es ein Novum sei, daß Software zur Manipulation verwendet wird, habe ich neulich im Forum beantworten wollen. Auf einer längeren Zugreise habe ich, unsortiert, einige Beobachtungen in mein Blackberry gekippt. Was insgesamt dabei herausgekommen ist, hat mich selber entsetzt.

Auch wenn ich mir damit schade und es mit 55 Jahren für eine Lebensbeichte noch zu früh ist: Hier ein Gastbeitrag für IF-Blog.

Ihr Hans Bonfigt

Ich, der Softwarebetrüger.

betrugDer relevante Teil meines ganzen Lebens ist in einem Satz geschildert: Ich habe, oft erfolgreich, grundlegende Erkenntnisse von Wissenschaftlern wie Newton, Gauß, Boltzmann, Steiner, Euler und Shannon kombiniert mit dem Fachwissen meiner Kunden, um daraus Programme zu gestalten, die dem Fachmann helfen sollten, ihre Arbeit effizienter zu erledigen.

So, mit genau diesem Paradigma ganz bewußt im Kopf, habe ich 1980 angefangen, Software zu entwickeln – zum Berechnen von Elektromotoren, Parabelfedern oder Hebebühnen, zum Regeln von Temperatur, Durchlaß, Druck und Lage.

Es hätte gerne ewig so weitergehen können …

Schon in den 70er Jahren amüsierte sich mein alter Herr über das „akademische Proletariat“ und verwies auf eine Karikatur in der FAZ, Verlierertyp mit Doktorhut hält dekadentem Opernpublikum die Türe auf und untendrunter stand, „Dr. rer. pol. Rolf Wüllweber, Doktorarbeit bei Professor Steiner, ‚Die soziokulturelle Bedeutung des Lodenmantels unter besonderer Berücksichtigung der späten Weimarer Republik im Lichte der heutigen Erkenntnisse zur Sozioanisotrophie und Abstraktionsanalyse‘. Er hätte doch besser auf Professor Steiner gehört, als dieser ihm eröffnete, „Wüllweber, mit dieser Doktorarbeit können Sie bestenfalls Türsteher werden“.

Jeder studierte plötzlich irgendetwas und keiner konnte die affektierten Pseudo-Theoretiker zu irgendetwas gebrauchen. Zu anständiger Arbeit waren die hohlen Nüsse nicht zu gebrauchen, also schlichen sie sich in den Betrieben durch die Instanzen: Dokumentation, „Kommunikationsabteilung“, interne Regularien (Anmerkung des Lektographen: oder Produktplanung) …

Bei Siemens soll diese Spezies sogar eine „Grußordnung“ hervorgebracht haben, wer, in Abhängigkeit von Ort, Tageszeit und „Dienstgrad“ wen zuerst zu grüßen hätte (Noch eine Anmerkung des Lektographen: Mir war zumindest die Regulierung bekannt, welcher Dienstrang einen Anspruch auf Vorhänge im Büro hat …).

Dann aber brach etwas über uns herein, was man „QM“ nannte, „Qualitäts-Management“.

Keiner wollte es und jedes Unternehmen, das ich gut kenne, resümiert freimütig, daß sich die Qualität seiner Produkte mit der Einführung von Qualitäts-Management nachhaltig verschlechtert habe. Nun gibt es mindestens zwei Methoden, mit so etwas umzugehen:

Die Russen und die Italiener beispielsweise pappten einfach ihre DIN/ISO-Plaketten auf ihre Produkte und gut war es – genau wie die UL- und CE-Zeichen. In Deutschland geht so etwas nicht. Da wurden Hunderttausende Flachpfeifen, die nie im Leben gearbeitet hatten, zu ‚Qualitätsbeauftragten‘ „ausgebildet“, die in der Folge die abstrusesten Regularien verfaßten, die mit dem Verwendungszweck des Endproduktes nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun hatten, aber die Produktion weiter verteuerten und so den Standortnachteil Deutschlands weiter verschlechterten.

Kein Unternehmen hält einen phantasielosen Technokraten länger als 5 Jahre aus (VW und Carl H. Hahn lassen wir zunächst einmal außen vor), und so wanderten die Schaumschläger nach dem Prinzip ‚promoveatur ut amoveatur‘ in die Vorstände und, schlimmer noch, als lobby-affine Lakaien in alle möglichen Normungsausschüsse. Und so entstanden Werke wie die „DIN EN 1570“, mit der ich mich beruflich einige Zeit herumschlagen mußte: Viel zu spezifisch in Details, viel zu schwammig bei wichtigen Kriterien.

Und hier begann mein persönlicher Sündenfall:

Weil mich die Norm maßlos ärgerte, begann ich, sie bewußt fehl zu interpretieren und die zahlreichen Lücken auszunutzen. Denn der inner- und außer-europäische Wettbewerb schiß einen dicken Haufen auf die tolle neue Euronorm – die Produkte meines Kunden aber wurden danach geprüft. Früher war ich stolz darauf, daß meine Algorithmen ein Modell der Wirklichkeit waren – jetzt ‚frisierte‘ ich dieses Modell, indem ich Definitionslücken ausnutze.

Und während ich dies schreibe, wird mir auf einmal klar, daß ich schon viel früher angefangen habe, anstatt eines Abbildes der Wirklichkeit ein Wunschbild zu schaffen.

Da war zum Beispiel der Spediteur, den Polizei und Ordnungsbehörden notorisch „auf dem Kieker“ hatten: Regelmäßig schickten sie ihm Prüfer ins Haus, die sich die der Archivierungspflicht unterliegenden Fahrtenschreiber-Scheiben einmal ganz genau anguckten. Bei einem Verstoß kamen sowohl der Fahrer als auch der Spediteur „dran“, und es sprach sich herum, „Bei W. solltest Du nicht arbeiten, wenn Du deinen Führerschein behalten willst“.

Was soll ich sagen, ich pflegte gute Beziehungen zu KIENZLE, besorgte mir einen Tachographen, modifizierte ihn so, daß er eine V.24 – Schnittstelle erhielt und entwarf ein Computerprogramm, welches Datum, Km-Stände, Start- und Zielort erwartete und dann eine StVo-konforme Scheibe „nachkartete“.

Für das gleiche Gewerbe entwickelten wir andere Geräte, die die Verkehrssicherheit signifikant erhöhten: Wer wäre nicht einmal beinahe oder tatsächlich auf seinen Vordermann aufgefahren, weil dieser in Panik beim Anblick einer Radarfalle eine Vollbremsung hingelegt hatte? Mit unserem aktiven RadarJammer konnte man mit unverminderter Geschwindgkeit durch rauschen, denn der störte die damaligen „Multanova 6F“ und „Traffipax“ durch Interferenz.

Als die unsäglichen „Intrastat“ – Meldungen für viele Unternehmen zur Pflicht wurden, waren wir es, die ein Modul für die damalige Auswertungssoftware „CBS/IRIS“ schrieben, welches die Statistiker mit reinen Zufallszahlen bediente. Besonders stolz waren wir darauf, daß wir optional per Laserdrucker auf Formularen drucken konnten, welche von Saarlouis angefordert werden mußten, wenn ich mich recht erinnere. Eigentlich sollte nach Warengruppen verdichtet werden, mußte aber nicht. Und so schickten viele unserer Kunden kistenweise Formblätter an die Statistikbehörde, die allerdings mit unterschiedlichsten Fonts und natürlich dunkelgerastertem Hintergrund von keinem OCR-System der Welt hätten gelesen werden können.

Wir bieten auch Lösungen für den „Elektronischen Gelangensnachweis“ und das „reverse charging“ – Umsatzsteuerverfahren an, aber darüber kann ich aus Aktualitätsgründen nicht berichten. Und so muß ich, im letzten Drittel meiner beruflichen Laufbahn angekommen, zu meinem eigenen Entsetzen feststellen, daß ein Drittel meiner „Werke“ die Umgehung von Bürokratismen zum Ziel hatten – vornehm ausgedrückt.

Natürlich habe ich für die Betrügerei eine Motivation: Wenn zum Beispiel die EU-Finanzminister über „kriminelle Umsatzsteuer-Karusselle“ schwadronieren, dann, bitte sehr – schafft die alberne Umsatzsteuer doch einfach ab, entlastet die Unternehmen erheblich und erhebt die Steuer dort, wo sie faktisch und ausschließlich erhoben wird: Beim berühmten „Mann auf der Straße“. Was passiert stattdessen: Die ohnehin komplizierte und komplexe Umsatzsteuerregelung wird, nebenbei ohne Rechtsgrundlage, um weitere Schikanen ergänzt, die die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen weiter einschränken.

Hier ist ziviler Ungehorsam erste Bürgerpflicht!

Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille, die ich an einem realen Beispiel darstellen möchte: Es ist so gut wie unmöglich, einen bestimmten Federtyp mit einer Toleranz von weniger als 15% zu bauen – die innere Reibung ist zu hoch und schon beim Einbau verändert sich der Durchmesser und damit die Federrate. Ich kann den Typ der Feder nicht nennen, denn damit könnte man Rückschlüsse auf den Abnehmer ziehen. Jeder weiß, daß die Norm idiotisch, die geforderte Genauigkeit unnötig und der Lastfall völlig unrealistisch ist – und so kommt regelmäßig ein Qualitätskontrolleur des Endkunden zur Abnahme, moniert den Teil der Federn, die außerhalb der Toleranz liegen, kassiert sein Schmiergeld und verschwindet.

Das Schlimme ist, finde ich, die lächerliche Höhe des Schmiergeldes, die typischerweise aus einer Kiste billigsten Fusels besteht. Ich habe die Kiste selbst gesehen, mir aber das Probieren geschenkt. Denn: Dieser Abnahmelakai verrät sich und seinen Job auch für wirklich sicherheitsrelevante Fahrwerkskomponenten, deren Eigenschaften tunlichst im Toleranzbereich liegen sollten, um folgenschwere Unfälle zu vermeiden.

Mundus vult decipi, ergo decipiatur — anders ist der VW – „Skandal“ nun wirklich nicht mehr erklärbar. VW hat immer schon betrogen, und zwar auf besonders plumpe Weise. Ich habe meine Hände nie mit Produkten von VW beschmutzt, denn VW beleidigt die Intelligenz eines jeden mündigen Menschen.

Erinnern wir uns an die Mitte der 80er Jahre: Während BMW und Mercedes ordentliche Abgasreingungssysteme in ihre Fahrzeuge einbauten, beispielsweise eine luftmassengesteuerte BOSCH – Motronik mit Lambda-Regelung, welche unter allen Betriebszuständen ein stöchiometrisches Gemisch lieferte, hielt VW an der mechanischen Primitiveinspritzug mit Stauscheibe und Mengenteiler fest. Der Konzern verkündete stolz, „Wir fahren aus Überzeugung ohne Katalysator“ und für die unbeugsame Klientel, die trotzdem einen haben wollte, gab es, für jedermann an der Steuerkulisse der Drosselklappe sichtbar, einen Vollast-Anreicherungsschalter.

Wenn der Führer nun seinem „Kraft-durch-Freude-Wagen“ einmal ordentlich die Hacken gab, dann wurde, per Vollastanreicherung, das Kraftstoff/Luft – Gemisch überfettet, damit die primitiven, an der untersten Schamgrenze kosten-„optimierten“ Proletentreiblinge nicht wegen Überhitzung kollabierten. Nun landete unverbrannter Kraftstoff im Katalysator, welcher die Wirkoberfläche eines Fußballfeldes hat. Ging der VW-Fahrer nun wieder in den Teillastbetrieb zurück, konnte Sauerstoff in den mit Kraftstoff gesättigten Katalysator gelangen. Der Keramikträger war wegen seiner geringen spezifischen Wärme nicht in der Lage, die Energie der stark exothermen Reaktion abzuführen und so verdampfte die Platinschicht.

Nach wenigen tausend Kilometern war ein VW-Katalysator komplett im Eimer – und jeder wußte das! Aber damit nicht genug: Durch gezielte Lobbyarbeit, nicht nur von VW, wurde erreicht, daß es keine Abgasuntersuchung für Katalysator-Fahrzeuge gab – eine unglaubliche Farce, die aber niemand bemerkte.

Mit fassungslosem Erstaunen sah ich 1988 in Kalifornien einen Volkswagen mit einer ordentlichen Einspritzanlage. Auf Rückfrage erfuhr ich von einem VW-Mitarbeiter: „Ja, natürlich wissen wir, daß unsere Einspritzung Schrott ist. Deshalb reduzieren wir bei den amerikanischen Modellen die Leistung und bauen eine Einspritzanlage ein, die auch etwas taugt: Denn in Kalifornien werden die Autos geprüft und wenn der Katalysator kaputtgeht, müssen wir kostenfrei nachrüsten“.

Und nun sage mir keiner, er könnte das nicht wissen, denn fast alles, was ich schrieb, ging durch die Tagespresse. Lutz „Luigi“ Colani ließ sich seinerzeit zu dem Bonmot hinreißen, „VW ist ein Misthaufen, auf dem der [Carl H.] Hahn sitzt“. Jeder intelligente Mensch, der es wissen wollte, wußte: VW ist das automobile Pendant zu Microsoft, für Menschen ohne Kultur, Verstand, Geschmack und eigenes Urteilsvermögen.

Gemessen an dem geschilderten Betrug ist die aktuelle Affäre doch eigentlich lächerlich: Es wird eine praxisfremde Vorschrift erlassen und VW genügt dieser Vorschrift mit einem praxisfremden Verhalten im Test. Der Test ist doch bestanden — so what?

Wie weit wir heruntergekommen sind, mag man daran ersehen, daß „Audi“ mittlerweile „Sounddesign“ – Geräuscherzeuger in Auspuffnähe einbaut, die, außer Platz und Gewicht zu verbrauchen, zu nix anderes gut sind als einen „vollen Sound“ zu produzieren. Weil sich der typische AUDIot mit Attrappen zufrieden gibt.

Solche Idioten zu bescheißen – da hätte ich keinerlei Skrupel — mundus vult decipi. Wobei ich insgeheim hoffe, daß meine Manipulation nicht entdeckt worden wäre.

Im Auftrag von Hans Bonfigt im Wortlaut veröffentlicht. Und Dank an Hans für seinen Beitrag!

Roland Dürre
Sonntag, der 4. Oktober 2015

Ich bin kein Held.

Nach meiner „Wutrede“ stellt sich die Frage:
Was ist eigentlich mein Beitrag?

Die Krypta des Freisinger Doms

Die Krypta des Freisinger Doms

Für mich ist die Philosophie so etwas wie die Lehre vom Leben. Seneca hat schon vor langer Zeit zu seinen Schülern gesprochen:

Die Philosophie lehrt handeln, nicht reden.

So sollte auch der Wutredner prüfen, ob er nur redet oder schon handelt. Und ich gestehe, ich bin nicht zufrieden mit mir.

Zwar versuche ich die von mir kritisierten gesellschaftlichen Normen und eingefahrenen Muster zu verlassen. Und wenn möglich aktiv Veränderung anzustoßen. Aber reicht das aus?

Merke ich doch nur zu oft, wie ich in meiner Bürgerlichkeit gefangen bin. Meine Dompteure waren unter anderem meine Eltern und Lehrer. Diverse Systemagenten wollten mich nach ihren Vorstellungen  ausrichten und mir sagen, wo es lang geht. Moralismen und eine extrem kapitalistische Konsumgesellschaft wirken sowieso täglich massiv auf mich ein.

Trotzdem hoffe ich, zu denen zu gehören, die unser „dressiertes Leben“ eben nicht für unabwendbar halten. Zumindest habe ich in meinem Leben immer wieder versucht, den Zügeln besagter Dompteure zu entkommen. Und fühle mich schon ein wenig besser. Aber ich mache zu wenig. Gut, ich fahre nicht mehr Auto. Aber das ist eigentlich schon fast egoistisch zu nennen. Bin ich doch plötzlich viel mobiler und freier als je zuvor. Und mein Leben ist durch diese Veränderung und (vermeintlichen) Verzicht schöner geworden. Das hilft schon beim Umdenken.

Wenn ich meine Generation so sehe, dann bin ich entsetzt, wie viele meiner Weggefährten ihr Leben lang in nicht nur emotionalen Gefängnissen eingesperrt waren. Ich kenne Menschen, die in ihrem Leben jeden Quatsch, den man ihnen verzählt hat, brav geglaubt haben. Die aus Bequemlichkeit scheibchenweise ihre Autonomie aufgegeben haben.

Andere sind kein einziges Mal in ihrem Leben an Biforkationspunkten einem Motto wie „love it, change it or leave it“ gefolgt. Sie sind dann folgerichtig immer kleiner gemacht geworden. Trotzdem nehmen sie sich heute wichtig bis zum geht nicht mehr, leben von ihrem Status und ersticken in ihrer Angst. Das Bangen um ihren Besitzstand bestimmt ihr Leben und lässt sie inhuman werden. Dass auch sie nur sterbliche Wesen scheinen sie vergessen zu haben.

Ich habe keine Lust mehr, dem Schwachsinn dieser Gesellschaft zu folgen. Und will die nächsten Jahre mehr handeln. Dabei habe ich mich auf die Suche nach Vorbildern begeben. Eines habe ich gefunden, es ist Carl Amery. Sein Leben und Werk beeindrucken mich. Ich glaube, er war so eine Art Held.

🙂 Leider bin ich noch kein Held. Aber es kann ja noch werden …

RMD

P.S.
Das von mir verwendete Bild ist aus Wikipedia. Mit ihm ist der Artikel zu Carl Amery (bürgerlich Christian Anton Mayer) illustriert. Es ist das Werk von Richard Huber.