Roland Dürre
Samstag, der 15. Februar 2020

Was sind die Ursachen für „Thüringen“?

Personen-Wahlzettel, wahrscheinlich ein Design-Fehler der Demokratie

Hans Bonfigt hat in seinem letzten Artikel vorgeschlagen, dass „die Regierung das Volk auflösen und sich ein anderes wählen solle“. Über diesen Satz habe ich lange nachdenken müssen.

Ich glaube, die Parteien der „großen Koalition“ gemeinsam mit FDP und „Die Grüne“ haben sich ihr „neues“ Volk schon gewählt. Diese Parteien haben sich jetzt zu „den demokratischen Parteien“ ernannt. Und ihr „Volk“ in Thüringen sind die wenigen Wähler, die ihnen noch verblieben sind. Für die große Mehrheit der Nichtwähler und der Wähler von „nicht demokratischen“ Parteien wie auch den paar Protestwählern sind sie nicht mehr zuständig. Die werden einfach „demokratisch“ ignoriert.

Es geht einfach: Die Linken und die AfD werden rhetorisch oder per Grundsatzbeschluss zu „undemokratischen Parteien“ erklärt. Und die kleinen idealistischen Parteien wie „ÖDP“ und „Die Piraten“ oder  „Die Partei“ (gewählt von Wählern, die Politik nur noch ertragen, indem sie sich darüber lustig machen) werden einfach abqualifiziert und diffamiert. Und auch mit gesetzlichen Änderungen bekämpft, die ihnen die Kandidatur erschweren.

Sehr überraschend ist es nicht, dass die „demokratischen Parteien“ jetzt ein Problem haben. Ist die „Die Linke“ trotz ihrer nicht so rühmlichen DDR- und SED-Vergangenheit vielleicht doch keine undemokratische Partei? Müsse man „Die Linke“ und die „AFD“ nicht nicht doch anders behandeln? Weil nämlich der Bodo Ramelow ja gar nicht so schlimm ist? Und man sonst auch nicht weiterkommt?

Aber lass uns zuerst mal über Demokratie ganz allgemein reden. Die Grundidee von Demokratie ist, dass das Kollektiv der Bürger der Souverän im Staat ist und bleibt. Unter einem Souverän (von mittellateinisch superanus ‚darüber befindlich‘, ‚überlegen‘) versteht man den Inhaber der Staatsgewalt. Dieses Prinzip soll den Bürger zum Souverän machen. Die Werkzeuge dazu sind Parlamentarismus, freie Wahlen und Gewaltenteilung. Die Bürger eines solchen demokratischen Staates verzichten auf Gewalt und richten das Monopol auf Gewalt beim Staat ein.

Die Gewalten teilung erfolgt in Legislative, Judikative und Exekutive. Die Legislative wird durch ein gewähltes Parlament realisiert, das die Gesetze macht. Die Judikative wird durch eine unabhängige und nur der Verfassung und den Gesetzen verpflichtete Justiz und die Exekutive durch administrative Einrichtungen wie die Polizei realisiert. Soweit die Theorie.

Der Wahl-o-mat empfiehlt oft die Wahl der AfD oder der Linken.

Jetzt betrachten wir Thüringen. Die Wahlbeteiligung lag am 27. Oktober 2019 bei 64,9 %. Das mag für eine Landtagswahl ganz  gut sein, bedeutet aber immer noch, dass ein gutes Drittel der Menschen (Bürger genannt) nicht wählen geht.

D.h. die Nichtwähler sind in der größten Anzahl. Ich nehme mal an, dass dieses Drittel von Nichtwählern resigniert hat. Sie haben die Nase voll vom Politik-Theater, unter dem ich täglich leide.

Diese Menschen glauben nicht mehr, dass sie durch Wählen zum „Souverän“ werden, als der sie sich nie gefühlt haben. Sie meinen vielmehr, dass sie mit Wählen nichts bewirken oder verändern können. Weil die Damen und Herren in den Parlamenten und Regierungen eh machen was sie wollen. Und sie schlussendlich nur beschimpft werden, wieder die falschen gewählt zu haben.

Betrachten wir die Menschen, die zur Wahl gegangen sind, also die 64,9%. Von denen haben 54,4 % „undemokratische Parteien“ gewählt, nämlich „Die  Linke“ (31,0 %) und die „AfD“ (23,4 %). So dass die Wähler der Linken nach den Nichtwählern die größte Gruppe im Land sind.

Von den verbleibenden 45,6 der Wähler haben 5,4 % „Die Partei“, „Tier!“ oder „Sonstige“ gewählt. Es bleiben also gerade noch zirka 40 % der Wähler, also (26 %) der Wahlberechtigten in Thüringen, die von den „demokratischen“ Parteien erreicht wurden.

Dies trotz riesiger Investitionen in den Wahlkampf in Form von Marketing (inklusive Manipulation und massiver Angstmache) haben die „demokratischen Parteien“ nur noch ein Viertel der Wahlberechtigten dazu bringen können, sie zu wählen. Fassen wir die Nichtwähler (35,1 % aller Wahlberechtigen) mit den Wählern von „nichtdemokratischen Parteien“ (54,4 % der Stimmabgaben) und den „verlorenen Stimmen“ (5,4 % weil an der Sperrklausel / Fünf-Prozent-Hürde in Deutschland gescheitert), zusammen, dann sind dies fast drei Fünftel der abgegebenen Stimmen. Das ist die bittere Realität.

Jetzt werden die Bürger, die durch Nichtwahl protestiert haben, Linke oder Rechte gewählt haben oder ihren Protest anders gezeigt haben, von den „demokratischen Parteien“ diffamiert!

Diese Arroganz stinkt mir. Ich meine, wenn die bürgerlichen Parteien fast 3/4 der Menschen im Land verloren haben, dann sollten sie nicht mehr laut moralische Forderungen stellen und weiter ihr armseliges Politiktheater aufführen, sondern sich in Demut auf die Suche nach den Ursachen machen? Weil sie durch ihre Politik über Jahrzehnte dieses Problem geschaffen haben.

So haben wir in Thüringen zwei Völker. Ein kleines Volk“, das den demokratischen Parteien gehört, weil es diese gewählt hat. Und ein „großes Volk“, das den demokratischen Parteien nicht mehr traut und von diesen folgerichtig ignoriert wird. Und ich wette, dass beim nächsten Wahlgang das kleine Volk noch weiter schrumpfen wird.

Und den von den Bürgern des großen Volkes gewählten Abgeordneten geht es auch nicht gut. 39 Abgeordnete von CDU, Die Grünen, FDP und SPD haben sich selbst zu den guten Demokraten und die 51 von den Linken und der AFD zu den schlechten erklärt.

Und weil das ja nicht so sein kann, streiten die „demokratisch guten“  jetzt, ob man nicht zumindest ein paar der 29 Abgeordneten der Linken zu den „Weniger-schlechten“ oder „Fast-guten“ umdefinieren sollte.

Klar geht es Deutschland immer noch besser als vielen anderen Ländern der EU und auf dieser Welt. Darauf können wir uns aber nicht ausruhen. Die ganze EU zeigt nach unten, weil viele Menschen keine Vorteile in ihr mehr sehen. War doch der einzige Vorteil die Großzügigkeit an den Grenzen. Und die scheint ja auch der Vergangenheit anzugehören. Aber wir sind Teil der EU, wahrscheinlich nach dem Brexit sogar der „Lead-Partner“, der aber sich so richtig gegen die „Süd-Achse“ im EURO-Raum auch nicht durchsetzen kann.

Beim Umweltschutz kreißt der Berg und gebiert eine Maus. Über das Versagen der EU (und BRD) beim Klimaschutz muss man nicht mehr reden. Die Technologie soll den Planeten retten, ganz ohne Veränderung unserer Lebensgewohnheiten. Ohne irgendeinen Verzicht (weniger Verschwendung und Reduktion unserer Bequemlichkeit). Mit Elektro-Boliden, die mit Kohle-Strom fahren, wollen wir den Planeten retten. Und indem wir beim Shopping die Plastiktüte abschaffen. Was für ein Blödsinn.

Es ist ein einziges geschöntes Totalversagen („soft washing“). So wie mich auch das humanitäre Versagen der EU entsetzt. In beiden Fällen höre ich schöne Sprüche, sehe aber NULL Handeln.

Inflation und Verschuldung im „EURO-Raum“ explodieren, die kleinen Vermögen der „kleinen Leute“ – obwohl nicht ausreichend als Schutz vor Altersarmut – schmelzen in großem Stil dahin. Bei der Rente verkündet man Erfolge, aber eine Lösung ist nicht in Sicht.

Die politische Kultur in den Ländern der EU driftet völlig auseinander. In allen wichtigen Fragen herrscht maximale Uneinigkeit. Die nächste Krise in und wahrscheinlich auch der nächste Austritt eines Landes aus der EU sind nur eine Frage der Zeit.

Die Besetzung der Spitzenämter wird von den mächtigen Nationalstaaten ausgemauschelt, demokratische Vorgaben auf EU-Ebene werden genauso ignoriert wie in Thüringen. Fast könnte man sagen, dass die EU für Thüringen Modell stand.

Nur dass es bei der EU gut ausging (für die Spitzbuben), und in Thüringen nicht. Undemokratische Manipulationen in der EU werden nicht groß angeprangert wie in Thüringen. Vielleicht weil die EU einfach niemanden so richtig interessiert und Thüringen den Menschen in Deutschland wichtiger ist. Und in der EU ja die „Guten“ die Spitzbuben waren und in Thüringen die Bösen.

Den Menschen in der EU wird immer klarer, dass eine gemeinsame Währung nicht funktionieren kann, wenn die Länder der Währungsunion fundamentale Unterschiede haben bei Wohlstand und Gehältern, bei ihren sozialen und wirtschaftlichen Strukturen wie auch Gesetzen und Regularien.

Die Schäden durch historische Fehler (wie die Orgie an Suventionen für die Landwirtschaft und andere) werden immer klarer. Die EU leidet unter Lobbyisten, die die Politik im Schwitzkasten haben (oder die Politiker auf der Payroll).

In Europa hält sich kein Land an die gemeinsam erlassenen Regeln, auch Deutschland nicht. Und die neue – ungewählte und konspirativ gekürte – Chefin der EU will den Verstoß gegen Regeln nicht mehr ahnden, um ihre Heimatnation vor Bussgeldern zu bewahren.

Wirtschaftlich war Deutschland in den letzten Jahren trotz seiner Spitzenposition als Nettozahler der große Gewinner der EU. Und hat – wie das in einer radikalen Marktwirtschaft normal ist – kränkliche wie gesunde Strukturen in anderen Ländern (vor allem aber  nicht nur in EU-Ländern) zerstört oder übernommen. Die Regierung der BRD hat dabei die Konzerne gewaltig unterstützt.

Andere Länder ausbeuten ist aber keine gute Politik. Das rächt sich langfristig, weil  (die meisten) Nationen noch ärmer und die anderen (die wenigeren) noch reicher werden. Also müssen wir wieder aufrüsten und uns fit machen für weltweite militärische Einsätze. Während auch in unserem Land sich arm und reich polarisiert.

Die Infrastruktur zerfällt fast überall. Die Lobbyisten des Kapitals und der großen Konzerne beherrschen die Politik. Das geht auf Kosten der Natur, die uns am Leben hält. Die Menschen, gerade die Jungen, machen sich begründet Sorge um die Zukunft. Aber das interessiert keinen Politiker. Deren Sorge ist wie man das neue Grundrecht der BRD -das Recht auf Besitzstandwahrung – umsetzen kann.

Unsere Bildungssystem ist eine Katastrophe, das weiß jeder der Kinder hat. Wohlhabende Eltern vermeiden die Regelschule und senden ihre Kinder auf Privatschulen, möglichst im Ausland. Unsere Verkehrspolitik ist eine einzige Katastrophe, unsere zum Teil überdimensionierte Infrastruktur verschleißt.

Klar haben wir noch viele Reserven, aber es wird immer enger. Die Menschen begreifen immer mehr, dass die Klimaänderung auch uns betreffen wird. Es geht uns an den Geldbeutel und an die Zukunft. Die Politik macht uns weis, dass Wachstum alle Probleme löst und wir eine Inflation von 2 % im Jahr brauchen. Statistisch haben wir nur eine geringe Inflation. Das erfüllt die Politiker mit Sorgen. Gefühlt haben wir eine wesentlich höhere, was die Menschen mit Sorge erfüllt.

Politiker erzählen uns, dass wir auf einer Insel der Seeligen leben und uns nichts passieren wird. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern. Klar muss es bei uns nicht so schlimm werden, wie in den meisten Ländern der Welt, aber absolut sicher vor Trockenheit, Überschwemmungen, Stürmen und Hitze sind wir hier auch nicht. Eine viel genannte Bedrohung ist die Migration. Die könnten wir aber mit höheren Ausgaben fürs Militär in vermeiden

Die Menschen glauben das alles nicht mehr. Man hat ihnen jahrelang erklärt, dass Globalisierung und Wachstum unsere Werte sind. Heute merken sie, dass Wachstum ein Irrweg ist und die Globalisierung ein Wahnsinn ist. Eigentlich wussten sie das schon immer, aber exotische Früchte und billiger Plastikschund aus China hatten ihren Reiz wie das billige T-Shirt.

Jetzt merken sie, wie völlig unverantwortet beliebig viel Unsinn bei uns geschwätzt wird. So werden sie sauer. Weil sie das vordergründige Politiktheater um die Macht begleitet von dümmlichen und vordergründig moralisierendem Prinzipiengelabere einhergehend mit der Diffamierung der Mehrheit des Volkes und dem plumpen Beschimpfen des „politischen Gegners“ nicht mehr leiden wollen. Mag sein, dass sie dabei, den falschen Propheten folgen. Und empfänglich für Dogmatiker werden. Aber das scheint mir eine logische Folge.

Aber wahrscheinlich sind wir wirklich das falsche Volk. Und müssten unserer Politik dankbar sein, dass sie alles ruiniert hat. Denn der dadurch entstehende Druck könnte so groß werden, dass wir förmlich gezwungen werden, unser Verhalten zu ändern. Was vielleicht unsere Welt rettet. Vielleicht eine Rettung durch Kollaps? Wie man sagt – oft sind des Herrn verschlungen.

Mein zynischer Trost:
Ich halte Wärme gut aus, benutze auch in Afrika oder Indien Klimaanlagen nur sehr selten. Der Zerfall der  Infrastruktur stört mich auch nicht so sehr: Wenn keine Autos über die baufälligen Brücken mehr fahren dürfen, kommen wir immer noch zu Fuß oder mit dem Rad gut drüber.

Und der Niedergang der Demokratie verursacht durch die Oligarchie der Parteien und deren Komplizentum mit den Lobbyisten der „Deutschland AG“ ärgert mich auch nicht mehr.

Wir hätten die Demokratie erneuern müssen. Aber das scheint ja eine Unmöglichkeit. Sogar das einfache Problem, dass der Bundestag wegen der Überhangsmandate immer größer wird, kriegen wir nicht hin.

Wie sollen wir dann große Herausforderung wie das Verbieten von Lobbyismus schaffen? Wie soll das „Weg von der Personenwahl zu transparenten Sach- und Werte-Entscheidungen“ gelingen? Oder gar eine Innovation wie geloste an Stelle von gewählten Parlamentarier stattfinden? Da gab es mal die Idee von Liquid Democracy, die man sich vielleicht anschauen könnte. Vielleicht ist die Zeit (Digitalisierung) heute reif für so etwas.

Damit das Volk wieder zum Souverän wird und die aktuelle undemokratische Oligarchie der Parteien und Lobbyisten ablöst!
Siehe auch Karl Jaspers – aus dem Jahr 1966.

RMD

Hans Bonfigt
Donnerstag, der 6. Februar 2020

Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt.

Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?

 

Ob es der ehemaligen „FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda“ Angela Merkel nun paßt oder nicht:   Die demokratisch gewählte zweitstärkste Kraft in Thüringen darf ihre Rechte wahrnehmen.

Schon ärgerlich, wenn eine in Permanenz ausgeübte, grundgesetzwidrige Kungelei (geschlossene Abstimmung) einmal nicht so ausgeht, wie man sich das wünscht.  Die Väter des Grundgesetzes wußten genau, warum sie formulierten, daß ein Abgeordneter ausschließlich seinem Gewissen gegenüber verpflichtet ist.

Es ist nicht viel erhalten geblieben aus der Amtszeit von Kristina Schröder.  Bemerkenswerterweise stellte sie klar, daß sie keine Unterschiede mache zwischen Rechts- und Linksextremismus.   Und ja:  SED und NSDAP waren tragende Säulen und pseudodemokratischer Legitimationsversuch menschverachtender Terrorregimes.  Qualitativ wurde in der DDR genau so gemordet wie im „Deutschen Reich“, auch wenn es einen quantitativen Unterschied gibt.  Sippenhaft ?  Gab es in der DDR genau so wie in Nazideutschland — wie selbstverständlich aktuell bei den Grünen.

Anstatt froh zu sein, keinen weiteren abgehalfterten SED-Genossen als Ministerpräsidenten zu haben, der eine Partei vertritt, die immer noch einem Unrechtsstaat hinterherweint und sich klar gegen das Grundgesetz wendet, möchte Frau Merkel die „unverzeihliche Entscheidung“ der Volksvertreter „korrigieren“.

Wer ist diese „Frau“, die sich anmaßt, eine demokratisch legitimierte Entscheidung „verzeihen“ zu können ?

Zu „korrigieren“ gar ?   Weil die freie Wahl eine „Schande für die Demokratie“ sei ?

 

Wie soll man das einem Zwölfjährigen erklären ?

Vielleicht erklärt man, daß die „Neue Züricher Zeitung“ für uns heute so etwas ist wie seinerzeit das Westfernsehen für die DDR-Bürger.  Denn die Schweizer sind sich nicht zu fein, für ihre deutschen Kollegen nochmal ein paar Selbstverständlichkeiten zusammenzufassen.

 

Was aber, wenn der Zwölfjährige fragt, weshalb man Frau Merkel nicht mit Schimpf und Schande aus dem Amt jagt — darauf könnte ich nur antworten, „weil der Deutsche ein unterwürfiges, dummes, feiges Würstchen ist“.

Helmut Schmidt ausgenommen:  Jedes Volk hat den Kanzler, den es verdient.

 

-hb

Roland Dürre
Donnerstag, der 30. Januar 2020

Otto – der Lehrer.

Hier wieder rein fiktive Gedanken. Durch Otto’s Seele (einem fiktiven Gymnasiallehrer).

Im vorletzten Artikel habe ich von Judy berichtet, einem kleinen Mädchen, das als Erwachsene in die Politik ging. Heute möchte ich Euch den kleinen Otto vorstellen, der auf seinem Lebensweg den Beruf des Lehrers einschlagen wird.

Otto ist eine Fiktion wie Judy. Bei erfundenen Personen ist der Zusatz „Ähnlichkeiten mit lebenden (und verstorbenen) Personen sind rein zufällig“ fast verpflichtend. So wie ich betonen möchte, dass in den Geschichten von Judy und Otto und vielleicht noch weiteren in Zukunft „die Personen und Handlungen frei erfunden sind“.


 

Aus Datenschutzgründen habe ich das Bild von Otto durch eines von mir ersetzt.

Als kleiner Junge war Otto am liebsten im Freien. Schon morgens wollte er raus, an die frische Luft. Besonders gerne trug er seine kurze Lederhose. Im Sommer war er glücklich. Der Winter dagegen war nicht seins.

Die ersten sechs Jahre seines Lebens war Otto ein Einzelkind. Seine Existenz gab dem Leben seiner Eltern neuen Sinn. Er war ihr Augenstern und wurde verwöhnt. Auch bei den Großeltern war er der große Star. Er schien sehr begabt zu sein und konnte gut lesen, dies schon bevor er in die Schule kam. Deswegen wurde er so bald wie möglich eingeschult.

Da war es schlagartig vorbei mit seinem „glücklichen Kindsein“. Zudem bekam er zu diesem Zeitpunkt auch noch ein Schwesterchen, die ganz schnell zum neuen Liebling der Eltern und Großeltern werden sollte. Das Baby wurde verhätschelt. Wenn es schlief, mussten alle ganz leise sein, um die neue Prinzessin ja nicht zu wecken. Er dagegen wurde jeden Morgen unmenschlich früh barsch geweckt und  dann zu Fuß auf den langen Weg zur Schule geschickt. Der Schule nachmittags endlich entkommen, musste er den Rücken krumm machen für die Hausaufgaben.

Auch das ist natürlich nicht der echte Otto – das Elend nimmt seinen Lauf.

Der Winter war besonders grausam. Zur Weckzeit früh um 6:30 ist es noch stockfinster. Die Schuhe, vom Vortag noch nicht ganz trocken, waren im nassen Schnee (den es damals noch gab) schon nach wenigen Schritten durch und durch nass. Der Weg ging entlang einer dunklen und von den Abgasen der Autos verpesteten Straße. Das unfreiwillige Ziel war eine düstere Schule. Da wartete eine Klasse auf ihn, die nach mehr als 40 Schülern stank. Lauter unangenehmen und bösartige Zell- pardon Zeitgenossen.

Dort wartete auf ihn ein missmutiger Lehrer, der Mühe hatte, die große Klasse zu bändigen. Alle mussten immer sitzen, die Regeln waren streng und es hagelte Strafen. Otto war müde vom frühen Aufstehen. In der Pause wurde aus der domestizierten Klasse eine wilde Horde. Die großen und starken Jungen lachten ihn aus und rempelten ihn. Ab und zu gab es auch eine Tracht Prügel oder wurden ihm Sachen weggenommen.

Die Schulstunden brachten die große Langeweile. Er konnte ja schon lesen. Nur, die Schulbücher waren irgendwie überhaupt nicht interessant. Auch auf den hinteren Seiten nicht. Da standen nur komische Geschichten für kleine Kinder drin, die lehren sollten, was gut und was böse ist. Wobei das nie so ganz klar war. Das Rechnen war eher was für Babies. Und Heimatkunde und so ein Kram interessierte ihn schon gar nicht.

So wurde  der kleine Otto ganz schnell ein sehr demotivierter Schüler. Er war froh, wenn es vormittags hell wurde. Da konnte er zum Fenster hinausschauen. Wenn er Glück hatte, sah er ein paar der wenigen Vögel, die im Winter im Lande geblieben waren. Die beneidete er um ihre Freiheit. Der Lehrer mochte das Rausschauen aus dem Fenster aber nicht, so hagelte es Strafen.

So wurde der kleine Otto ein schlechter und unglücklicher Schüler. Daheim war er nicht mehr der bewunderte und verwöhnte Liebling. Er wurde zum bösen Bub, der immer kritisiert und gemaßregelt wurde. Die vier Jahre in der Volksschule waren für Otto die Hölle. Dann schaffte er den Übertritt ins Gymnasium, auch weil seine Eltern ihn jeden Nachmittag zum Lernen zwangen und den Lern-Fortschritt durch tägliches Abfragen am Abend kontrollierten .

Auch das ist natürlich nicht der fiktive Otto!

Auf das Gymnasium gewechselt,  ging es ihm ein wenig besser. Der Stoff war interessanter und die Fremdsprache Englisch ließ ihn von einer besseren Welt träumen. Bei Otto kam so etwas wie eine intrinsische Motivation auf. Es gab sogar Lehrer, die verstanden es, auf die Schüler und Otto einzugehen.

Dann kam die Pubertät, die für Otto wieder ziemlich schlimm werden sollte. Danach, in den höheren Klassen wurde es wieder besser. In einigen – überwiegend naturwissenschaftlichen Fächern – wurde er richtig gut. So baute er sein zerstörtes Selbstbewusstsein mit Fächern wie Biologie und Mathematik wieder ein wenig auf.

Als er merkte, dass er beim weiblichen Geschlecht so halbwegs erfolgreich war, ging es weiter nach oben. Otto nabelte sich Schritt für Schritt von seiner Familie ab, verdiente sich mit Nachhilfeunterricht gutes Geld, dass er mit Pizza-Essen und in Kneipen beim Bier verprasste. Es ging es aufwärts. Er wurde ernst genommen, wirkte bei der Schülerzeitung mit und bestand die Abiturprüfung sogar mit ganz vernünftigen Noten.

Ich kürze jetzt ab. Zu Hause wurde Otto immer eingebläut, dass ein Abiturient studieren müsse. Um es im Leben mal besser zu haben. Otto wählte sich Mathematik und Physik als Fächer aus und studierte fürs Lehrfach. Sein Motiv für die Berufswahl „Lehrer“ war, dass ihm der Nachhilfeunterricht viel Spaß gemacht hatte und er ein besserer Lehrer werden wollte als die, die er selber als Schüler erlebte hatte.

Er bestand die Staatsexamen und wurde Gymnasiallehrer. Er hatte Glück und wurde in den Schuldienst übernommen. Auch das war ja nicht selbstverständlich. Und durfte an ein neues Gymnasium, nicht weit weg von seiner Heimat, das gerade gebaut worden war.

Kurzer Einschub zum Gymnasium:
Früher durften nur wenige Prozent der „Volksschüler“ aufs Gymnasium. Da war das Gymnasium etwas besonderes. Heute geht die große Mehrheit der Kinder „aufs Gymnasium. Für viele Eltern ist es ein MUSS, dass ihre Kinder Abitur machen müssen. Der Übertritt aufs Gymnasium ist zur Selbstverständlichkeit geworden.

Ins Gymnasium kann man schon mit 10 Jahren kommen. Dann verbleibt man dort 8 oder 9, manchmal auch 10 Jahre. Die Schüler sind so zwischen 10 und 20 Jahre alt. Kinder, Pubertierende, halbstarke Jugendlich und Volljährige sind gemeinsam an einer Schule. Und die 20 Jährigen werden zum Vorbild der jungen. Gerade in den Ballungsgebieten, sind die Gymnasien zu Bildungsfabriken geworden, die 1.000 und mehr Schüler mit Bildung und Wissen versorgen sollen.

Zurück zu Otto:
Er kam mit allen gut zurecht, ob Unter-, Mittel- oder Oberstufe. Die Arbeit mit den jungen Menschen machte ihm Freude. Und er hatte allen Grund sich zu freuen, manchmal kam es ihm vor, dass er der einzige Lehrer an der Schule war, den die Schüler respektierten und dem sie zumindest auch ein wenig folgten. Das sorgte für Neid bei manchem Kollegen.

Sogar die Eltern der sogenannten Problem-Schüler freuten sich, wenn er ihre Kinder unterrichteten. Da klappte plötzlich manches besser und sie meldeten ihm das auch zurück. Das freute ihn. Er hatte auch beim Chef (dem Direktor) einen guten Ruf. Der Nachteil war nur, dass er deswegen oft mit Spezialaufgaben versorgt wurde. Das konnte auch ganz schön anstrengend sein.

Man sollte meinen, dass in Ottos Leben alles bestens war. Es gab aber auch Schattenseiten. Er bemerkte, dass viele der Lehrer ihn wegen seines Erfolges bei den Schülern nicht so mochten. Aber das er nicht beliebt war, war er gewöhnt. Hatte er doch schon oft in seinem Leben die Außenseiterrolle inne gehabt. So verkraftete er das Ganze.

Die Schule war nagelneu und sehr modern. Es machte ihm richtig Spaß, in so eine schöne Schule zu gehen. Das Raumkonzept war menschenfreundlich, es gab helle Räume und auch genug Platz für Freistunden. Schade dass man die Fenster nicht öffnen konnte und die Klimaanlage meistens nicht so funktionierte, wie sie sollte. Aber das ist heute ja nicht nur in Schulen so, sondern auch in Büros, Zügen und Hotels.

Es gab andere Dinge, die Otto mehr bedrückten. Der sinnlose Vandalismus der jungen Generation entsetzte Otto. Wie in den meisten Schulen waren eingeschlagene Scheiben, eingetretene Türen, zerstörte Feuerlöscher, demolierte Klos und manches mehr an der Tagesordnung. Manche Schüler legten eine erstaunlich kreative Kriminalität an den Tag.

Otto erinnerte das an die Schule, an die er selber ging. Da war aufgrund von Verwüstungen im Physik-Saal auch kein Unterricht mehr möglich. So dass dieser Raum für Jahre geschlossen wurde und nicht mehr verfügbar. Aber sein Gymnasium war ja schon vor Jahren abgerissen. Und anstelle dessen die gute städtische Lage für den Bau eines Kaufhaus genutzt worden.

Aber heute war es zum Teil schlimmer. Einzelne Schüler bedrohten gelegentlich Lehrer mit Gewalt. Sogar Waffen tauchten einmal in der Schule auf. Das gab es an seiner alten Schule nicht. Mobbing war sowieso an der Tagesordnung. Mal waren Schüler die Opfer, weil deren Gesichter den anderen nicht passten. Oder die Opfer waren Lehrer, die sich nicht durchsetzen konnten oder körperliche Gebrechen hatten.

Vor dem Schulgebäude sah es oft aus wie im Glasscherben-Viertel; angeblich gab es dort auch einen florierenden Drogen-Handel. Das hatte er selber noch nicht erlebt, allerdings war ihm wohl bewußt, dass Wettsaufen bei den Schülern ein beliebter Sport war, bei dem manche es zu wirklichen Spitzenleistungen brachten. Dies im Gegensatz zu ihren schulischen Leistungen. Zumindest hier wurde das Sprichwort „Intelligenz säuft“ Lügen gestraft.

Die „Abi-Streiche“ waren oft nicht mehr lustig, sondern erinnerten an Terroranschläge. Wie war es möglich, dass Kinder, die in der Schule neun Jahre unterrichtet wurden, zum Abschied so ausrasteten? Auch die Ansprachen der Schülervertretern bei den Abiturfeiern am Jahresabschluss wurden mehr und mehr vom konstruktive Rückblick auf 9 Jahre mit Danksagung zu oft gnadenlosen Abrechnungen mit der Schule und den Lehrern.

In solchen Momenten fühlte Otto sich hilflos und fragte sich ernsthaft, wie lange die Schule noch stehen oder wie sie wohl in 10 Jahren ausschauen würde. Und vor seinem geistigem Auge sah er, wie die Schüler die Schule abfackelten und die Lehrer auf dem Scheiterhaufen verbrannten.

Aber nicht nur der Zustand des Gebäudes machte ihm Angst. Auch das Alltagsleben war nicht so wie es sein sollte. Die Situation im Lehrerkollegium wurde immer stressiger. Es gab eindeutig zu wenig Lehrer. Die Folge waren Engpässe – nicht nur bei den Klassenleitern, auch bei den Fächern sah es schlecht aus. Teilzeitkräfte mussten den „Klassenleiter machen“, obwohl das nicht so gedacht war.

Insgesamt herrschte bei den Lehrkräften schon im „Normalfall“ eine katastrophale Mangelwirtschaft. Abhängig von der Jahreszeit wurde die noch schlimmer. Es gab laufend hohe Ausfälle durch Krankheit. Das Lehrer-Kollegium war überwiegend weiblich. Dagegen war ja nichts einzuwenden. Otto waren die weiblichen Kolleginnen generell lieber als die männlichen.

Nur, Frauen arbeiten gerne in Teilzeit. Es gab also viele Teilzeitkräfte an der Schule. Eine nicht ganz zu vernachlässigende Anzahl der Kolleginnen waren schwanger, es gab viele Ausfälle durch Mutterschutz. Und die schwangeren Kolleginnen mussten aufgrund des Beschäftigungsverbots bei bestimmten Erkrankungen  daheim bleiben. Das bedeutete, wenn ein Schüler mit Masern in die Schule kam, musste die Handvoll schwangere Lehrerinnen daheim bleiben.

Jeder Wandertag wurde zur Belastung. Otto machte gerne Wandertage. Er hatte Freude daran gemeinsam mit den Jugendlichen außerhalb der Schule neue Sachen zu entdecken. Die meisten seiner Kollegen sahen das anders und versuchten, sich vor dem Wandertag zu drücken. Wie auch vor mehrtägigen Veranstaltungen wie den Abitur-Fahrten. Die dann auch Otto zu viel waren.

Die Sabotage-Akte der Kinder verursachten zusätzliche Krisen, die das Lehrerkollegium belasteten. Nicht nur, dass sie immer wieder randalierten und die Schule beschädigten, auch das Internet machte Probleme. Immer wieder wurden Schüler beim Anschauen von die NS-Zeit verherrlichendem oder pornographischen Bildern oder Videos erwischt, die sie gemeinsam auf ihren Handies anschauten. Mal wurden sie mit Rauschgift erwischt. Dann musste die Schulleitung die Polizei rufen. Und die Situation an der Schule eskalierte.

Da war für die Zusammenarbeit der Lehrer nicht förderlich und verstärke die negative Entwicklung. So fielen viele Stunden Unterricht trotz großer Bereitschaft einzelner Lehrer für Überstunden aus. Die Leistungen der Schüler gingen von Jahr zu Jahr zurück. Die Leitung wollte natürlich gute Noten und eine vorzeigbare Abschlussquote. Das passte alles nicht zusammen.

Im Lehrer-Kolleg war klar, dass an den unfassbaren Zuständen in der Lehranstalt die schlecht erzogenen Kinder und deren Eltern schuld waren. Aber Otto war sich da nicht ganz so sicher wie seine Kollegen. Konnte es nicht sein, dass auch das System Schule mit Ursache war für den Hass, den manche Kinder entwickelten? Freilich hütete er sich, solche Gedanken im Lehrkolleg laut oder auch nur leise von sich zu geben. Aus gutem Grunde.

So gab es viele Tage, an denen Otto sein Job auch keinen Spaß machte. Er war zwar Außenseiter, aber er litt genauso wie die anderen Lehrer unter der Situation. Die wiederkehrenden Aggressionen und Depressionen mancher Schulkinder machte es nicht leichter.

So musste er sich wieder bewusst machen, dass es an seiner Schule auch viel Gutes gab. Immer wieder war er erstaunt, wie verantwortet schon die jungen Menschen mit Schwächeren umgingen. Es gab so viele wirklich liebe Kinder. Viele Kinder hatten erstaunlich reife Gedanken, andere waren sehr kreativ. Im Chaos der Schule gab es viele selbst organisierte soziale Inseln, die durchaus der negativen Entwicklung entgegenwirkten.

Solidarische und eigenverantwortlich organisierte Teams lieferten bei Projekttagen tolle Ergebnisse ab. Die Theatergruppe, unter der Leitung seines Freundes und Kollegen Hans, stellte immer wieder herausragende Aufführungen auf die Beine. Da merkte man, zu was  die Schüler in der Lage waren, wenn man sie nur vernünftig behandelte. Es machte Otto aber wieder traurig, dass Hans wohl der einzige Kollege war, der ihn zu verstehen schien.

Es gab Schüler, die klug und emphatisch handelten. Es gab  Schüler, die kleine Genies in Spezialgebieten waren. Die hatten sich aber das Meiste durch selbständiges Lernen beigebracht. Wie machten sie das nur? Alles Leute mit Zukunft und für die Zukunft. Andere oft sehr junge Schüler waren in ihrer Freizeit ehrenamtlich tätig.

Es gab doch auch so viel Positives, dass oft gar nicht wahrgenommen wurde.

Und es gab noch etwas anderes, was ihn wirklich positiv beeindruckte. Das war die fridays4future-Bewegung (F4F). Die war doch ein herausragendes Beispiel, dass an unseren Schulen nicht alles schlecht sein kann. fand er bewundernswert. Aber auch da war ihm bewußt, dass die Mehrheit im Lande seine Bewunderung nicht teilte …

Trotzdem: Waren das nicht alles Kinder, die in der Schule  – so auch bei ihm – wirklich etwas gelernt hatten? Die sich gründlich informierten, autonom nachdachten, eine eigene Meinung hatten, sich nicht von Dummschwätzern beeinflussen ließen, in größeren Zusammenhängen dachten und –  Zivilcourage aufbrachten! Genau die Menschen, die unsere Gesellschaft braucht!

Hoch anzurechnen war es den F4F-Kids auch, dass sie nie zur Gewalt griffen. Sie hatten mit ihrem konstruktiven Ungehorsam viel Aufmerksamkeit erzielt. Obwohl sie faktisch nichts erreicht hatten und von vielen nur runtergemacht und beleidigt wurden, blieben sie konsequent bei friedlichen Demonstrationen. Das imponierte Otto sehr. Er war sich selbst nicht sicher, ob er in seiner Jugend so friedfertig geblieben wäre.

Otto hütete sich, seinen Kollegen sein Herz auszuschütten, weil er  ahnte, dass die meisten Kollegen ihn nicht verstehen würden.

Er fragte sich: Müsste man die Bildungssysteme nicht reformieren? Utopische Gedanken machten sich in seinem immer noch jugendlichen Gehirn breit. Er begann zu träumen: Von agilen und selbst organisierten Schulen. Die nicht dümmlichen Lehrplänen folgen mussten, die man nur mit „kaum zu erfüllen und nicht mehr zeitgemäß“ bewerten kann.

Sondern Schulen, in denen die Jugendlichen selber bestimmen dürfen, was sie lernen wollten und das auch eigenverantwortlich in die Hand nehmen. Und die Lehrkräfte dabei eher die Rolle des unterstützenden Mentors übernehmen und sich aufs Anregen, Impulse geben und Inspirieren konzentrieren!

Wie schön wäre eine Schule, an der das Lernen Spaß macht und Kinder, Jugendliche und Lehrer gerne hingehen. Und sich auch die mit ihrer Schule identifizieren, sie gut behandeln und nicht zerstören? Aber wie sollte das mit und in dem aktuellen System funktionieren?

 


 

Otto hatte mal einen Vortrag gehört, in dem ein Schlauschwätzer seinen Zuhörern empfohlen hatte, im  Berufsleben nach folgendem Motto zu handeln:
„Love it, change it or leave ist!“

„Love it“, das war ihm klar, das würde er nicht schaffen, dazu war die Situation zu schlimm. Die konnte man nicht lieben. Außerdem war er ein leidenschaftlicher Lehrer. Und hatte einen ganz anderen Anspruch. Also:
„Change it!“ ?
Das wäre schön. Nur, der Karren steckte zu tief im Dreck. Allein, oder gemeinsam mit Hans. dem Leiter der Theatergruppe, konnte er ihn da nicht raus ziehen. Da hatten sie keine Chance. Und mächtige Verbündete, die ihm helfen würden, sah er auch nicht. Also blieb nur
„Leave it!“
Das schien unmöglich. Er war verbeamtet. Otto wollte zeitnah heiraten und eine Familie gehören. Mit seinem Gehalt würde das eh nur mehr schlecht als recht funktionieren. Seine Versorgung fürs Alter war ihm auch wichtig. Seine Pension war toll. Da hatte er nur Mitleid mit den Angestellten, von denen manche in der „Industrie“ ein wenig mehr verdienten als er. Dafür mussten die aber auch meistens mehr arbeiten. Und hatten viel weniger Freizeit und -heit als er. Und deren Rente war im Verhältnis zu seiner Pension ärmlich.

„Ich muss es nur bis ins Rentenalter schaffen und darf nicht vorher an einem Burn-Out sterben“ dachte er. Wie könnte er das schaffen? Otto kam eine Idee: Er könnte ja ins Ministerium wechseln? Das wär doch was! Nach so einem Job würde er sich jetzt mal umschauen. Vielleicht könnte er von dort aus das Schulsystem ein wenig verbessern.

Und wenn das nicht klappen würde, blieb ihm zur Not ja noch der Wechsel auf eine Privatschule. Angeblich sollte es da einige geben, die ganz gut funktionierten. Als Beamter war er ja unkündbar, konnte seinen Dienst aber täglich niederlegen. Er war doch in einer komfortablen Situation.

Er könnte auch eine reiche Frau heiraten, mit ihr Kinder kriegen und „home schooling“ machen. Dazu müsste er allerdinges auswandern. Denn die BRD ist wohl so der einzige Staat in dieser Welt, in dem „home schooling“ verboten ist.

Ich bin gespannt, wie es mit Otto (und unserem Schulsystem) weitergeht?
🙂 Und so unternehmerisch wie Otto rüberkommt, würde ich ihm empfehlen, ein Schulunternehmen zu gründen. Am besten ein agiles und sich selbstorganisierendes. Hier eine Variante.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 29. Januar 2020

Brexit

Um den Brexit ist es still geworden. Gestern kam mal wieder etwas zum Brexit in den Nachrichten. Da wurde berichtet, dass Bayern mehr unter dem Brexit leiden würden als die anderen Bundesländer. Weil sie aktuell mehr als diese nach GB exportieren würden. Nämlich vor allem Autos.

Eigentlich eine simple Logik, also keine „breaking news“. Ist möglich. Oder auch nicht. Das weiß kein Mensch.

Ich glaube ja persönlich, dass sich nach dem Brexit nicht viel ändern wird. Wie heißt es: Der Berg kreißt – und gebar eine Maus.

Also liebe Brexit-Gegner: Lasst Euch von den Panikmachern nicht  beeinflussen. So schlimm wird es nicht werden. Und Ihr werdet sicherlich auch ein paar Vorteile von Euerer neuen Freiheit haben.

Ich kann die Brexit-Befürworter gut verstehen. Ich finde die EU „boring“. Noch mehr unwürdiges Politiktheater mit schillernden Schauspielerin. Die Europa-Wahl war eine Unverfrorenheit. Das menschenunwürdige Gerangel um wichtigste Themen stört mich genauso wie die Selbstdarstellung (und -bereicherung) der Protagonisten, das Postengeschacher und die Entscheidungs- und Handlungsunfähigkeit der Gremien. Dass bekannte Missstände wie die Landwirtschaftpolitik aufgrund von Interessensverklemmungen ignoriert werden, darf nicht sein. Und wenn mal ein vernünftiger Vorschlag kommt, dann weiß man schon vorher, dass das nichts wird.

Meine Sympathie für die Menschen und Kulturen in Europa hat nichts mit der EU zu tun. Aber Bürokratie und Überregulierung, die Wettkämpfe nationaler Ego-Staaten stören mich. Und wenn ich an DSGVO und Urheberschutz denke, dann bekomme ich Angst vor der Zukunft.

Dabei habe ich so etwas wie einen europäischen Traum. Ich wünsche mir ein Europa der Regionen, bestehend aus kleinen Staaten, die eine Chance haben, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Kein Vetorecht, ein gemeinsames Bewusstsein, dass Kultur und Geisteshaltung wichtiger sind als Gesetze, eine hohe Solidarität. Mit einer starken Basisdemokratie und einem Parlament, das die Entscheidungswege streng kontrolliert. In dem Lobbyismus und Wahlkampfmarketing nichts verloren hat. Und das dem Politiktheater keine Bühne gibt.

Wie kommt man dahin? Ganz einfach, man löst die Nationalstaaten und ihre Parlamente auf. In Deutschland sind die natürlichen EU-Elemente die Länder. Also, Bundestag und Bundesregierung ersatzlos streichen, Auflösung der Bundesrepublik und Beitritt der Länder in eine reformierte europäische Gemeinschaft, die diesen Namen auch verfügt.

Aber jetzt habe ich mich verplappert. Ich wollte doch nur diese beiden brexit songs meinen Lesern präsentieren. Weil sie einfach sehens- und hörenswert sind.

RND

 

Roland Dürre
Sonntag, der 5. Januar 2020

Digitalisierung auf Deutsch: Der BON.

Zum Jahreswechsel hat die neue „Bon-Pflicht“ im Einzelhandel ein wenig Furore gemacht. Denn ein vor drei Jahren (noch von der letzten Bundesregierung) beschlossenes und ziemlich veraltetes Gesetz dazu wurde am 1. Januar 2020 wirksam.

Deshalb ist der agile Altmeier am Jahresende erschrocken. Und wollte da noch schnell etwas ändern. Das Gesetz aussetzen oder zumindest verschieben. Aber die SPD hat ihn abblitzen lassen, indem sie auf den Koalitionsvertrag verwiesen hat.

Wahrscheinlich war das Ganze nur ein kluges Manöver vom schlitz-ohrigen Altmeier, um die SPD jetzt endlich unter die 5 % – Grenze zu bringen. Und bei aller Liebe, eine Partei die Papier-Bons vorschreibt, kann man wirklich nicht mehr wählen. Es sei denn, sie wäre eine Satire-Partei.

Mit dem Gesetz hofft man, einen Steuerbetrug von 50 Milliarden EURO im Jahr einzudämmen. Vorgestern war das Bon-Gesetz Thema des Tagesgesprächs im Bayerischen Rundfunk, das ich immer gerne höre. Die Reaktionen der Anrufer in der Sendung  waren überwiegend nicht begeistert.

Irgendwie ist es ja auch geisteskrank, wenn wir jetzt meinen, mit dem Drucken und Vernichten von kleinen Papier-Bons eine größere Steuergerechigkeit zu erzielen. Besonders, wenn der Käufer den Beleg gar nicht an und mit nehmen muß, um dann bei einer Brezel-Kontrolle durch die Finanz-Polizei belegen zu können, dass er seine Brezel eben nicht schwarz gekauft hat. So wie bei das in den Vorbild-Ländern Italien und Griechenland ist bzw. war.

Wenn man das Gesetz wohlwollend interpretiert, ist es ein gut gemeinter aber schlecht gemachter Versuch, Steuergerechtigkeit auch bei kleinen Unternehmen wie Bäckereien, Metzgereien oder Gaststätten durchzusetzen. Denn der Schaden durch Steuervermeidung bei kleinen Mittelständler soll sich in ähnlicher Höhe bewegen wie bei den Gross-Betrügereien wie Cum-Ex, nämlich jeweils im zweistelligen Milliardenbereich pro Jahr.

😉 Und der Staat darf ja nicht nur die Großen fangen wollen. Das ist schwierig und klappt vielleicht nicht. Vielleicht kriegt man die Kleinen leichter? Und immer nur die Großen verfolgen und die Kleinen laufen lassen, ist ja auch nicht richtig.

Denn wenn wir dann in der Summe aufgrund von mehr Steuergerechtigkeit bei den kleinen – die eben auch Mist machen – und den großen Systembetrügern (cum ex etc.) und dann auch noch den internationalen Konzernen, die ihre Gewinne ja auch ziemlich steuerunschädlich verschieben plötzlich dreistufige Milliarden-Mehreinnahmen hätten, dann wär ja genug Kohle für die Transformation da, die die Klima-Veränderung und der strukturelle Wandel erfordern. Das wäre doch toll. Wir könnten uns volle Kraft voraus auf die Rettung der Umwelt stürzen!

Wobei ich einschieben möchte, dass man vielleicht einen Handwerksbetrieb, der im Rahmen seiner Wertschöpfung ein paar Brezen nicht versteuert, „moralisch“ anders bewerten kann als Unternehmen, die als Geschäftsmodell systematisch kreative Betrugsinnovation entwickelt und im großen Stil betreibt. Und auf irgendeine Art von Wertschöpfung dabei völlig verzichtet.

Aber diese Hoffnung (Klima- und Umweltschutz finanzierbar durchs Bongesetz) wird sich nicht erfüllen, denn moderne Gesetze haben keine Kraft mehr. Zuerst Mal machen sie alles immer kompizierter. So entstehen traumhafte neue Umgehungsmöglichkeiten. Durch eine Unmenge von Ausnahmeregelungen werden die Gesetze schon zum Start bis zur Wirkungslosigkeit abgeschwächt. Beispiele finden sich da beliebig weitere: Werbeeinschränkung für Tabak-Produkte, Lebensmittelgesetz, das Bon-Gesetz, Spekulationssteuer, die Gesetze zum Klima-Schutz usw. Und letztendlich werden die Gesetze nicht ausreichend kontrolliert; zum Teil können sie das auch nicht weil die Kontrolle unrealistisch oder zu teuer ist.

So erfüllen die meisten Gesetze ihren eigentlichen Zweck in der Regel überhaupt nicht. Man muss froh sein, wenn sie den Schaden nicht vergrößern, den sie vermeiden sollen.

Und wenn ein Gesetz einfach wäre, garantiert einen Erfolg hätte und auch noch leicht einzuführen wäre, dann wird es erst gar nicht gemacht. Das beste Beispiel ist das Tempolimit auf Autobahnen, Landstraßen und in Kommunen, mit dem man so einfach Leben. retten, Kohlendioxid einsparen und die Lebensqualität erhöhen könnte.

Aber gehen wir mal davon aus, Gerechtigkeit an sich ist wünschenswert und dies auch bei der Steuer. Betrachten wir das „Bon-Gesetz“ mal positiv. Das Ziel des Gesetzes war ja nicht, dass wir jetzt völlig sinnlos Papier drucken und dann auch gleich zu vernichten. Das ist zweifelsfrei sinnfrei, dürfte aber der einzige Effekt sein.

Das Ziel war, dass „elektronische Kassensysteme“ transaktionssicher werden. Wenn eine Transaktion rechtsmäßig abgeschlossen ist, dann muss ein deutliches Zeichen gesetzt werden. Soweit die Theorie.

Und deshalb wird, wenn die Breze verkauft und bezahlt ist, ein Papier gedruckt. Das ist der Bon, auf dem die eindeutige Idendität der Transktion (Transaktionsnummer), gerne als QR-Code gedruckt wird. Der Ausdruck ist das Zeichen, dass die Transaktion, der Eigentums- und Besitzübergang und auch die Bezahlung abgeschlossen sind.

Dass eine Transakation für alle Vertragspartner wahrnehmbar abgeschlossen und rückverfolgbar gespeichert wird, ist sicher nichts Unsinniges. Beim Bon-Gesetz verlangt der Gesetzgeber auch nur eine geeignete Maßnahme, zum Beispiel den Ausdruck eines Papiers, um den Abschluß der Transaktion zu offizialisieren.

Was wären die Alternativen?

Hätten wir eine vernünftige bargeldlose Bezahlkultur wäre das Einfachste. Dann würde ich beim Bäcker mein Mobiltelefon hinhalten, quittieren und hätte dann einen Beleg auf dem Handy. Und könnte in Ruhe nachschauen, wann ich mir wieviel Brezeln gekauft habe und was ich bezahlt habe.

Bei Verwendung von Bargeld ist das nicht ganz so einfach. Wenn ich die Bons mitnehme, was mache ich damit. Hefte ich sie ab? Wie könnte man das Ausdrucken des Bons ersetzen? Wahrscheinlich geht es nur mit Papier.

Ich könnte mir beim Bäcker einen Bildschirm vorstellen, auf dem ich den Einkauf sehe. Und wenn ich bezahlt habe, erklingt ein Jingle, und dokumentiert, dass die Transaktion im System des Bäckers abgeschlossen wurde und das Geld in dessen Kasse ist. Aber das würde dann vielleicht mit dem Datenschutz kollidieren.

Mich hat das Bon-Gesetz an von mir erlebte Computer-Kriminalität Ende der 70iger Jahre erinnert hat. Da ging es um den Druck von Fahrkahrten als Ergebnis und Beleg einer Transaktion vom Typ „Fahrkartenkauf“ am Reisebüroschalter. Es wurde kriminell, weil kluge Mitarbeiter einen Trick gefunden hatten, wie das System dazu gebracht wurde, die Fahrkarte zweimal zu drucken und der doppelte Ausdruck schwarz verkauft wurde. Da ging es nicht um Steuervermeidung sondern um private Bereicherung.

Wie wir das dann letztendlich mit einfacher Technologie unterbunden haben, habe ich am 17. August 2008 berichtet:
Computer Vintage #3 – Wie die Fahrkarten sich verdoppelten (1979/80)
🙂 Das ganze ist echtes Computer Vintage.

Zum Bon-Gesetz meine ich:
Das ganze ist wieder mal (k)ein Glanzstück unserer Regierung.  Es wird nichts bringen, außer Bürokratie und Müll. Den öffentlichen Raum in der Nähe von Bäckereien wird man daran erkennen, dass auf den Gehwegen neben dem üblichen Müll viele kleine Bons herumliegen.

Es zeigt aber wieder, dass die Damen und Herren in unserer Regierung nicht begriffen haben, was „Digitalisierung“ ist. Denn wenn es um Steuervermeidung geht, dann sollte man zuerst mal den digitalen Zahlungsverkehr ermöglichen. Und vielleicht daran denken, dass Steuerkontrolle und Datenschutz einfach ein Widerspruch sind.

Bei uns entstehen immer mehr Gesetze, die den Aufwand und die Bürokratie erhöhen und alles komplizierter machen. In Extremfällen sind die Anforderungen in Gesetzen unerfüllbar, weil sie sich elementar versprechen. Dem „edlen Ziel“, für das sie gemacht worden sind,  dienen sie aber nicht sondern bewirken oft das Gegenteil.

Die Bürger verstehen die Flut der Gesetze nicht mehr. Sie befolgen die Gesetze nicht, weil sie diese für sinnvoll halten. Nein, Gesetze werden nur noch eingehalten, wenn der Schaden durch die Strafe deutlich höher als der Nutzen der Gesetzesübertretung ist. So verkommt anständiges Verhalten zu einer schlichten Güterabwägung, man optimiert danach ob Nutzen oder Schaden des Gesetzesbruch überwiegen.  Soziale Kultur wird zerstört und auch der so wertvolle Rechtsstaat wird dadurch beschädigt.

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 3. November 2019

Datengipfel.

Unterwegs in dieser Welt.

Wir schreiben den 3. November. Ich gehe raus. Muss mal an die frische Luft. Eine düstere Welt. Die Tage sind kurz, die Nächte lang. Das Wetter fühlt sich nass an und eine klamme Kälte umarmt mich. Schlimm genug! Aber dann passiert mir der GAU. Zurück in der warmen Stube verirre ich mich auf die Website der Bundeskanzlerin.

Als moderne Digitalisiererin legt sie ihren Kalender offen. Gestern und vorgestern war sie auf Einladung des indischen Premierministers Narendra Modi in Neu-Delhi. Da hat sie in Deutsch-Indischen Regierungskonsultationen die strategische Partnerschaft sowie die bilaterale Zusammenarbeit in den Bereichen Digitalisierung, Wirtschafts- und Handelsfragen sowie Entwicklung und Nachhaltigkeit vertieft.

Da freuen wir uns doch alle!

Zurück von Indien war sie auch heute fleißig. Kanzlerin Merkel hat gleich mal ein paar warme Worte an den langjährigen Präsidenten der Europäischen Zentralbank Draghi zur Verabschiedung aus seinem Amt gerichtet: „Die Europäische Zentralbank (EZB) hat während deiner Präsidentschaft einen entscheidenden Beitrag zur Stabilität dieses Euroraums geleistet.“

Draghi – wir danken dir!

Dann war Kanzlerin Merkel beim Festakt zum Jubiläum des DGB. Der feiert nämlich 70-jähiges Bestehen. „Seit jeher setzt sich der Deutsche Gewerkschaftsbund für soziale Gerechtigkeit und bessere Arbeits- und Lebensbedingungen ein“.

Und sie hat sich wahrscheinlich klammheimlich gefreut, dass dieser Bund so einen schönen Nagel am Sarg der SPD abgibt. Wahrscheinlich aber auch für Themen wie #newwork und kreative Arbeitsformen.

Da fällt mir ein, dass vor ein paar Tagen der Digitalgipfel war (da wo der Dicke von der Bühne gestürzt ist und dann nicht mit nach Indien fahren konnte). Früher war ich da öfters eingeladen (beim Digitalgipfel) und habe mich immer gewundert, was da die Damen und Herren zur Digitalisierung sagen. Und gelangweilt.

Da werde ich neugierig. Wo ist die Seite Kanzlerin bei Digitalgipfel? Und werde auch schnell fündig: Hier ist sie!

Schon die Überschrift erfreut mich:

Datensouveränität ist höchstes Gebot!

Endlich wissen wir, was die BRD am dringendsten braucht!

Dann lese ich:
„Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte beim diesjährigen Digitalgipfel, dass all unsere Werte auch in der digitalen Welt Gültigkeit haben müssen. Sie betonte vor allem die Arbeitswelt, Gesundheit und Ethik. „Die Humanität unserer Gesellschaft muss auch in der digitalen Welt selbstverständlich bleiben“, sagte die Kanzlerin in Dortmund.“

Da wird es mir doch gleich warm ums Herz. Oft habe ich den Eindruck, dass die Humanität in der realen Gesellschaft stört und dort vom Aussterben bedroht ist. Na vielleicht überlebt sie ja in der digitalen Welt. Dann könnten wir uns auch in diese zurückziehen, wenn es in der realen zu schlimm wird. Nur was ist das, die digitale Welt? So etwas wie der christliche Himmel? Gibt es neben dem C-Himmel auch noch einen e-Himmel? Was machen wir mit der Humanität, wenn es die beide nicht gibt.

Wir kriegen auch ein großes Versprechen:
Keine Angst Bürger – jetzt kommt das Projekt Gaia-X! Das ist eine vernetzte Dateninfrastruktur, also eine sogenannte Daten-Cloud, auf europäischer Ebene. Als Basis für Smart-City-Datenplattformen als Infrastrukturen für vernetzte Städte und Regionen.

Da atme ich auf, jetzt wird doch alles gut. Wir kriegen smarte Citys und vernetzte Regionen. Zwar stehe ich mit dem Begriff „smart“ auf Kriegsfuß. Und die schöne Metapha GAIA für eine simple Cloud zu missbrauchen, finde ich auch nicht angemessen. Aber man darf halt nicht zu kritisch sein.

Aber folgender guter Rat für uns digitale Konsumenten hilft uns auch in der smarter City in vernetzter Region:

Merkel warnte davor, sich bei der Speicherung und dem Austausch solch sensibler Informationen in die Abhängigkeit der großen Konzerne zu begeben!

Was für ein toller Satz. Da lerne ich dazu und warne Euch alle:
Begebt Euch beim Besorgen Eurer Lebensmittel nicht in die Abhängigkeit der großen Konzerne! Also kein Nestlé oder Mars, kein Aldi oder Rewe mehr!

Nach der Lektüre der Website unserer Kanzlerin bin ich richtig froh, dass die meisten Inder und Chinesen kein Deutsch können. Wenn die das lesen würden. Dann würden sie vom digitalen Deutschen nichts mehr halten. Haben sie doch schon vor einem Jahrzehnt bei meinen Aufenthalten in Neudehli und Mumbai mir in typisch indischer Arroganz erklärt, aus was für einem rückständigen Land ich kommen würde.

RMD

P.S.
Für Nichtwissende:
Der Digitalgipfel der Bundesregierung ist die zentrale Plattform für die Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft bei der Gestaltung des digitalen Wandels. 2019 steht er unter dem Motto „PlattFORM DIE Zukunft“ und will Impulse bei der Entwicklung und Anwendung digitaler Plattformen setzen. Dabei sind ausdrücklich auch noch kleine Projekte und Start-ups gemeint.

Roland Dürre
Samstag, der 2. November 2019

POLITIK.

So sehen mich Christian und Daniel (©
Visual-Braindump) – zumindest 2016 auf dem letzten PM_Camp in Dornbirn.

In meinem Artikel Wachstum habe ich mich beklagt, dass „die Politik“ so wenig macht, um den Planeten als unsere Lebensgrundlage zu bewahren. Und das „wir“ jetzt alles machen sollen.

Das ärgert mich. Denn ich verliere die Lust, mich für den Klimaschutz einzuschränken, wenn ich faktisch nur relativ wenig beitragen kann, aber die Solidarität derjenigen vermisse, die mit einfachen Maßnahmen viel mehr bewirken könnten als ich und die ja auch den gesellschaftlichen Auftrag dazu hätten.

Zu diesem Artikel habe ich in einem anderen Forum folgenden Kommentar bekommen:


Nun, ich frag´ mal nach:

WER ist „die Politik“?

WER ist „wir“?


Das hat mich getroffen! Denn versuche ich immer, pauschale Formulierungen zu vermeiden und die Dinge möglichst präzise beim Namen zu nennen.

Und dann schwafle ich von Allgemeinplätzen wie Politik und wir. Ärgerlich! Deshalb hier ein kritischer Versuch zu erklären, was ich unter „Politik“ und „uns“ verstehe.


WER ist „die Politik“?

Politik bezeichnet eine feudale Kaste, die man wohl in allen Staaten antrifft. Deren Mitglieder nennt man Politiker. Bis auf ein paar reiche populistische Ausnahmen, leben Politiker in der Regel von der Allgemeinheit.

Sie haben die Oligarchie der Parteien (Jaspers) als Herrschaftssystem kreiert und manifestiert. Ihre Herrschaft rechtfertigen sie, weil sie durch Wahlen demokratisch legitimatiert wären. Wobei Wahlen in der Regel die gewinnen, die sich die besten (und teuersten Berater) leisten können.

De fakto sind sie aber gar nicht an der Macht, sondern setzen nur die Interessen von Wirtschaft und Kapital um, die ihnen von den Lobbyisten detailliert vorgegeben werden (und den Politikern auch den Wahlkampf finanzieren).

WER ist „wir“?

Wir sind Gemeinsamkeit der Menschen, die einem oder mehreren sozialen Systemen konkret  angehören, die von der Politik administriert werden.


Ich glaube, dass erklärt die Misere. Meine These, dass gutes Marketing nicht nur Umsatz bringt sondern auch Wahlen gewinnt, war ja wohl bei der Brexit-Abstimmung richtig.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 23. Oktober 2019

Wasser predigen, Wein trinken.

In Bayern24 findet sich ein interessanter Artikel mit der Überschrift

E-Scooter in Bayern: Von Verkehrswende keine Spur

Zusammengefasst ist die Aussage des Artikels, dass ein mit dem E-Scooter gefahrener Kilometer grob gerechnet genauso viel Kohlendioxid und Umweltschaden verursacht wie ein mit dem Auto zurück gelegter.

Zwei K2-Scooter, nach der Jahr- tausendwende gekauft und bald 20 Jahre gerne von allen Familien- mitgliedern genutzt. Jetzt beginnen sie, den Enkeln Freude zu machen.

Ich zitiere auszugsweise Aussagen aus dem Artikel, der eine Einschätzung der Situation mit den E-Scootern nach vier Monaten widergibt:


… Ein Baustein für die Verkehrswende wird der E-Scooter nicht. Dafür fällt die Klimabilanz viel zu schlecht aus
… laut einer Studie des Mobilitätsberaters „civity“ werden die Roller vor allem für Fahrten von unter zwei Kilometern benutzt – eine Strecke, die die Befragten sonst zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt hätten
… Die Hochzeiten der Nutzung sind abends und am Wochenende – ein Hinweis, dass die Roller eher für Touristentrips und Spaßfahrten
… Eine Alternative zum Auto? Eher nicht …

… Klimasünder E-Scooter? Eher schon …
„Zum einen kann man sagen, was verbraucht die Fahrt eines E-Scooters? Das ist im Vergleich zum Auto geringer. Wenn man aber das nächtliche Einsammeln und die Produktion miteinrechnet, kann man sagen: 100 Kilometer mit dem E-Scooter verbrauchen ungefähr so viel wie mit einem benzinbetriebenen Durchschnittsauto.“ (Quelle Green City) …
Der Leihscooter hat laut Hersteller eine Lebensdauer von rund einem Jahr, auch der Akku, der – anders als beim E-Bike – fest im Roller verbaut ist. Danach muss der Akku recycled werden, die Alu-Teile des Rollers werden Ersatzteile für Reparaturen …

Fast zynisch empfinde ich die Stellungnahme der Landeshauptstadt:

Die Stadt München ist nach vier Monaten trotzdem zufrieden. Sie bekommt Nutzungsdaten von den E-Scooter-Verleihern: Gefahrene Kilometer, durchschnittliche Fahrtdauer, besonders frequentierte Gebiete. Und solche Daten sorgen vielleicht am Ende dafür, dass Fahrradwege breiter und Straßen enger werden. Dann hätte der E-Scooter seinen Beitrag zur Verkehrswende doch noch geleistet.


Und ich zweifel mal wieder an unserer Politik. Diese aktuellen E-Scooter sind doch für uns in der BRD so etwas wie ein neues Produkt. Und da hätte man doch (siehe den rot markierten Text) Zulassung des Produkts eine Vorschrift erlassen können, dass die Reperarturfreundlichkeit sicher stellt.

So wie Ralf Klagges (der Gründer meiner Lieblingsradfahr-Manufaktur Utopia) dafür sorgt, dass bei den Akkus an seinen E-Fahrräderne auch die Zellen, die Steuerung und der GMS/GPS-Teil im Akku relativ einfach getrennt ausgetauscht und repariert werden können. Das sind übrigens Akkus, die das holländische Unternehmen Van Raam herstellt aber gemeinsam mit Utopia entwickelt hat.

Aber solche simplen Gedankengänge sind für die Herren Minister und Ministerialdirigenten im Bundesverkehrs- und sonstigen Ministerien dann doch wohl zu komplex.

Und dann wird halt beteuert, dass man den Planeten schützen will. Aber wenn neue Mobilität zugelassen wird spielt das keine Rolle mehr.

So wie man angekündigt, dass die Bahn preiswerter werden und ihr Angebot erhöht werden soll aber in der Realität die Preise steigen und die Verbindungen reduziert und schlechter werden.

Und weiter Wachstum über ALLES stellt. Eine große Idiotie, die glücklicherweise immer mehr Menschen nicht mehr mitmachen wollen.

RMD

Und wieder schwappt eine gewaltige Welle des gefühlten Antisemitismus über das Land.

Natürlich war es wieder der „rechtsradikale Terrorismus“, der die „Allianz der Anständigen“ in ihren Grundfesten erschüttert.

Ist das so ?

Der „aktuelle“, durchgeknallte Vollidiot von Halle ist kein Terrorist, sondern ein Psychopath.   Bei der Bundeswehr ausgebildet, konnte er nicht einmal eine Synagogentür öffnen, zerschoß dafür seine eigenen Reifen und expedierte schlußendlich zwei „Volksgenossen“ zur Hölle.  Solche Idioten sind, zumal im Osten der Republik, unvermeidlich.   Interessanter wäre es da schon, zu wissen, woher der Spinner die Maschinenwaffen hat.   Sowohl der hirnlose Möchtegern-Nazi als auch der schwedische Massenmörder Anders Breivik waren begeisterte PC-Daddelspieler.   Ich bin ja gegen Verbote aller Art, aber vielleicht sollte unsere Regierung aufhören, dieses primitive Pseudogeballere auch noch als „E-Sport“ zu fördern.

Aber:   Ein solches Attentat wie das in Halle hat mit Antisemitismus nichts zu tun.  Genausowenig, wie der abendliche Besuch bei Herrn Lübcke duch einen übereifrigen Fan mit Püster einen „rechtsradikalen“ Hintergrund hat  —  jeder kann es sich heute noch auf „Youtube“ angucken:   Wenn ein Politiker einem Auditorium entgegenschleudert, „Wer nicht unser Wertesystem vertritt, der kann gehen“, der bettelt förmlich um seine Entsorgung nach Artikel 20 Grundgesetz.

 

Das große Halali auf die bösen rechten Neonazis hat einen ganz anderen Zweck:  Den Blick auf das Offensichtliche zu verstellen.

Denn der neue deutsche Antisemitismus kommt von links !

Erinnern wir uns an den Dummschmus, den Martin Walser anläßlich einer albernen Benefizveranstaltung für den deutschen Buchhandel erbrach, noch vor der Jahrtausendwende:

Die ständige Vorhaltung der Schande, die das deutsche Volk durch den Genozid auf sich geladen hat, diene nämlich nicht dazu, das Vergessen zu verhindern, sondern werde ganz bewußt instrumentalisiert, um politische Ziele zu erreichen.

Ganz großes Kino.   Und Walser bekam das erstemal seit 20 Jahren wieder einen hoch:   MARTIN WALSER AUF SEITE 1 IN BILD.   Endlich: Das gemeine Volk liest Martin Walser.   Das ist Herrn Handke trotz des Nobelpreises nicht gelungen.  Oder Thomas Bernhard.  Mit gutem Grund auch.

Schon klar, daß jeder, aber auch wirklich jeder, diesen unglaublich gefährlichen Blödsinn nachsabbelte.   ENDLICH sprach jemand laut und deutlich aus, was wohl seit Jahrzehnten in den kleingeistigen Spatzenhirnen der dummdeutschen Mehrheit gefangen war.   Der unterwürfige, feige Bundesmichel hätte sich auch nie getraut, seinen „Gefühlen“ freien Lauf zu lassen.   Weg mit der „Schande!“.

Henryk M. Broder faßte in seiner konzisen Art zusammen:

„Die Deutschen haben den Juden Auschwitz nie verziehen“.

Walsers Ausfluß bewirkte einen Dammbruch wie seinerzeit die geniale „bouncing bomb“ am Möhnesee.   Seither ist meine Scham, dem deutschen Volk anzugehören, womöglich noch größer geworden:   Der industrielle Massenmord, begangen nicht nur von einer kleinen Gruppe ideologisch verblendeter Krimineller, sondern, regelrecht freudig, von einem ganzen Volk, ist ein so bedeutendes Phänomen, daß die Narben für alle Ewigkeit offengehalten werden müssen.

Wie wichtig dies ist, zeigt die Verwandlung der „Grünen“ und „Linken“ in waschechte „Neo-Nazis“, die elementare Grundrechte anderer beschneiden, Bücher verbrennen, Mensche öffentlich denunzieren, nicht genehme Demonstationen blockieren und die Freiheit der Lehre zur Farce werden lassen.

Und keiner erkennt:  Extremismus führt nicht nach Auschwitz.   Konformismus führt dort hin.

 

Ganz kurz vor seinem Tode ist Karl Lagerfeld tatsächlich ein Satz herausgerutscht, in dem es nicht um Karl Lagerfeld ging:

„Die Deutschen haben Millionen von Juden umgebracht, und da schämen wir uns doch heute noch für. Und jetzt lässt Angela Merkel eine Million ihrer Erzfeinde ins Land.  Und damit hat Frau Merkel die AfD stark gemacht.  Das ist erbärmlich“.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

-hb

Roland Dürre
Samstag, der 17. August 2019

Wachstum.

Nicht nur beim Schach sollte man ab und zu mal denken.

Es erscheint klar, dass die Menschheit, also wir alle, WENIGER produzieren muss. Das meint,

– weniger Autos

– weniger Flugzeuge

– weniger Panzer

– weniger Maschinen

– weniger Straßen

– weniger Elektrogeräte

– weniger Gebäude

– weniger Beton und Teer

– weniger Kriege

– weniger Plastik

– weniger Müll

– weniger Fleisch

– weniger CO2 …

– und so weiter.

Natürlich müssen wir auch weniger Öl, Kohle und Gas und weniger Boden und Natur verbrauchen oder besser „nicht zerstören“. Wahrscheinlich sollten wir auch aufhören, Stauseen anzulegen, ist deren Schaden doch meistens groß und der Nutzen langfristig oft sehr fraglich. Und allgemein die großen Eingriffe in die Natur komplett einstellen.

Für diese Liste, was wir alles WENIGER tun sollten, sehe ich viel WACHSTUM. Ganz allgemein, weniger Unsinn machen!

Das heißt, uns ist klar dass es mit dem Wachstum als Allheilmittel vorbei ist. Jede Nachricht, dass die Wirtschaft wächst ist so eine schlechte Nachricht, und die Kunde vom „negativem Wachstum“ tut gut.

Nach wie vor ist das ganz große politische und wirtschaftliche Ziel WACHSTUM! Und was machen die Institutionen der Menschheit, wie die Regierungen und Notenbanken? Weltweit wird durch Geldmarktpolitik versucht, das Wachstum zu stützen, ja zu erzwingen. Da wird sogar zu eigenartigen Werkzeugen wie „negativen Zinsen“ gegriffen. Um das große Feuer der Wirtschaft um jeden Preis an zu blasen.

Der Brexit ist ein gutes Beispiel. Wenn ich die Brexit-Kritiker höre, dann ist ihr Hauptargument gegen den Brexit, dass der Brexit nicht nur den Wohlstand und das Wachstum der Briten sondern das von uns allen reduzieren würde. Aber das wäre doch dann gut für die Welt? Dann könnte man zum Schluss kommen, dass wir ganz viele „Brexits“ und eine ganz andere und sehr alternative Form von Globalisierung bräuchten.

Dem Wachstum zu Liebe haben wir Negativzinsen. Die bewirken aber keine „soziale Gerechtigkeit, im Gegenteil sie schaffen eine noch stärkere Polarisierung von Arm und Reich. Ich habe sie ich noch nie verstanden.

Wenn ich Geld herleihe, besteht doch die reale Möglichkeit, dass ich es nicht mehr zurück bekomme. Warum soll ich also Geld verleihen, wenn ich schon von vorne vereinbart ist, dass ich zusätzlich zum Verlustrisiko weniger zurück bekomme?

Evolutionär gezwungen beginnt sich unsere Gesellschaft, sich individuell wie auch kollektiv immer mehr gegen Wachstum zu wehren. So entstehen mittlerweile sogar Gesetze, die das WENIGER einfordern. Und da die Politik nicht handeln will, appelliert sie moralisch an das die Individuen. Fliegt weniger, esst weniger Fleisch und Ähnliches prasselt es auf uns ein. Da die Politik nicht in der Lage ist, ihre Aufgaben zu erledigen, wird das Problem zurück an die Bürger gegeben.

So entsteht ein schizophrenes System. Unser perverses Wirtschaftssystem kommt mir metapherhaft wie eine Dampfmaschine vor. Die Zentralbanken und die Politik heizen an und erhöhen den Druck im Kessel. Die Menschen versuchen die von der Dampfmaschine angetriebenen Maschinen mit Widerständen zu versehen um den Wahnsinn zu bremsen.

Normalerweise zerreißt es dann die Anlage und alles fliegt in die Luft. Als Folge eines ganz normalen Systemversagens.

Ob es innerhalb des Kapitalismus allerdings überhaupt die Möglichkeit gibt, aus der wachstumsfixierten Umweltzerstörung auszubrechen und eine Abkehr vom fossilen Raubbau hin und zu einer nachhaltigen zirkulären Ökonomie zu erreichen, ohne die Grundprinzipien des Kapitalismus selbst infrage zu stellen, ist mehr als fraglich.

Aber warum ist das mit dem WENIGER nur so schwierig? Meine persönliche Erfahrung mit dem WENIGER ist sehr positiv. So denke ich mir: Wie schön wäre ein freiwilliges, kreatives und kollektives WENIGER.

Weniger Lärm, weniger Müll, weniger Zerstörung. Das wäre dann eine große Transformation mit viel Veränderung, auch der regierenden kapitalistischen Metrik. Bei so einem innovativen Prozess würde viel zerstört werden. Denn Innovation ist kreative Zerstörung.

Allerdings muss irgendjemand die Transformation steuern und versuchen die Folgen zu lindern. Wer könnte das nur sein?

Die Politik? Dort wird gerade über den Soli diskutiert. Vielleicht wäre es eine gut Idee, diesen nicht abzuschaffen sondern umzuwidmen. Vergessen wir die Wiedervereinigung. Und nutzen den Soli, um den Absturz der absehbaren Opfer der zur Rettung des Planeten notwendigen Transformation ein wenig abzufangen. Die und ihre Folgen dürften nämlich heftiger werden als das bisschen Wiedervereinigung.

Die Transformation kommt sowieso! Und wenn wir uns nicht endlich mal selber daran machen und sie weiter aufschieben, dann kommt sie ganz von selbst, wahrscheinlich dann ziemlich disruptiv und wird uns noch härter treffen.

Das permanente Verschieben von Aufgaben, die man dringend angehen sollte, nennt man übrigens Prokrastination. Unsere Politiker sind also Prokrastinatoren.

RMD