Roland Dürre
Donnerstag, der 13. April 2017

IT-Treff – Nostalgie 1999 – Es war der Wahnsinn!

Im IF-Blog in den Dokumenten findet sich ein ganz besonderes Schmankerl. Das war dort lange Zeit ganz unten tief versteckt.

Es ist eine Satire auf die New Economy – ein Theaterstück mit dem Titel

Sind wir noch zu retten?

Norbert Weinberger und ich haben es geschrieben. Die Idee kam uns auf einem gemeinsamen Flug von München via Zürich nach Neu-Dehli mit Swiss Air.

Swiss Air war ein mühsam ausgehandelter Kompromiss: Mein Freund und Partner Norbert flog aus Prinzip immer Business Class mit Lufthansa und ich genauso meinen Prinzipien treu immer in der Economy. Da wir gemeinsam fliegen wollten, haben wir uns dann auf Swiss Air in der Business Class geeinigt, weil das damals preislich so ziemlich in der Mitte lag. Der Grund für den Flug war übrigens die offizielle Eröffnung unseres gemeinsamen indischen Tochterunternehmen „AMPERSAND limited“. Damals wuchsen die Bäume schon wieder in den Himmel.

Die Business Class des Swiss-Fliegers von Zürich nach Neu-Dehli war komplett leer. Swiss Air war damals noch eine unabhängige Airline und machte heftig Verlust – das hat die freundliche Besatzung aber nicht gestört. Der Service war exzellent; wir wurden richtig verwöhnt. Während des ganzen Fluges wurden uns von charmanten Schweizer Stewardessen Champagner serviert. Auch das hat uns beschwingt. So haben wir im Flieger auch gleich das Grob-Konzept des Stückes entwickelt.

Das Stück haben wir Monate später gemeinsam mit Unternehmerfreunden am 29. Juni 1999 vor weit mehr als 500 Zuschauern beim IT-Treff 99 im überfüllten Schlachthof zu München uraufgeführt. Es war eine Riesengaudi, das Publikum hat getobt. Für uns – die Darsteller – war es der Wahnsinn. Und dazu noch wunderschöner Ausblick auf die Ereignisse zur Jahrtausendwende.

Wie kam es zum IT-Treff? Mitte der 90iger Jahre war es nicht immer so ganz einfach für IT-Unternehmen in Deutschland. Die Stimmung war da gar nicht so gut. Deshalb wollten ein paar mutige IT-Unternehmer*Innen etwas tun, um die Stimmung zu verbessern. Das waren wir Muschka Utpadel-Domdey,  Alfred Bauer, Hans Nagel, Dr. Christian Roth, Markus Winkler und eben der Norbert und ich. Unser Idee war sozusagen „Feiern gegen die Krise“. So haben wir den IT-Treff  gegründet. und die ganze Münchner IT-Szene eingeladen. Und siehe da – alle kamen.

Stars wie Gerhard Polt und Django Asül sind bei uns aufgetreten und haben ihr Programm für uns um IT-spezifische Themen erweitert. Die Bayerische Regierung war immer dabei – an die originellen Grußadressen von Staatssekretär Hans Spitzner kann ich immer noch gut erinnern. Es gab immer heiße Musik – mit der George Greene Hotline Band haben wir im Schlachthof sogar eine eigene CD produziert, die man auch heute noch gerne hört.

Und die Branche hat wieder getanzt. Das war 1996, 1997 und 1998. 1999 war der letzte IT-Treff – und da haben wir (die Veranstalter) das Kabarett selber gemacht. Hier ist unsere IT-Treff Satire (1734) „Sind wir noch zu retten?“ – zum Lesen oder Nachspielen.

Weil sie so schön ist und ein so großer Erfolg war, habe ich für kleine und große Theater eine Prämie ausgesetzt, wenn die das Stück spielen. Es gibt sozusagen eine „negative Aufführungsgebühr“ (Tantieme), kostet also keine 10 % der Brutto-Einnahmen oder so sondern es gibt etwas drauf. Das Stück ist kurz aber sehr prägnant Stück – auch als Vorspiel für etwas anderes wie eine Feier geeignet.


 

Hier der Flyer zum IT-Treff 1999 von außen

und von innen

RMD

Hans Bonfigt
Donnerstag, der 16. Februar 2017

Zum Abgrund hin mit Lin und Win …

Es ist jetzt fünfzehn Jahre her, seitdem in der Münchner Stadtverwaltung konzeptlos auf Kosten des Steuerzahlers mit einer Frickelei begonnen wurde, die rein ideologisch motiviert war und im Chaos enden mußte. Eine post-mortem – Analyse.

„Wann ana deppert is, dann is er bei Disco-Musik genauso deppert wie bei Beethoven.“

Dieses Zitat von Friedrich Gulda reicht eigentlich völlig zur Erklärung der Situation in München aus. Schon mein Vater pflegte zu sagen, „Von mir aus könnte unser Computer eine Waschmaschine sein, mich interessiert nur, ob ich mit den Auswertungen etwas anfangen kann oder nicht“.

Einem Anwender ist es wurschtegal, mit welchem Betriebssystem er arbeitet. Er möchte seinen Job erledigt bekommen und nicht gegängelt werden.

Die Fragestellung in München hätte lauten müssen
„Was wollen wir erreichen? Welches Betriebskonzept wählen wir? Mit welchen Mitteln setzen wir das Betriebskonzept um?“
und nicht
„wie ersetzen wir eine unübersichtliche Windows-Müllhalde gegen eine noch unübersichtlichere Linux – Sondermülldeponie“?

Es gibt nur wenige Unternehmen, die beim Thema „Linux“ so erbärmlich versagt haben wie die IBM. Da lag es natürlich nahe, ausgerechnet von dort eine „Systemarchitekt*in“ anzuheuern. Ich arbeite lieber mit einem bestechlichen, korrupten Chauvi zusammen als einer „bemühten“ IT-Beraterin.

Jeder Mensch, der bis fünf zählen kann, weiß: Nach fünf Jahren ist ein Arbeitsplatzrechner veraltet. Selbst, wenn er noch funktioniert, bekommt man keine Ersatzteile mehr dafür. Das wirklich allerdümmste, was man tun kann, ist jetzt, einem solchen Stück geplanter Obsoleszenz eine „Software Suite“ quasi auf den Leib zu schneidern.

Ganz im Gegenteil:
Wenn jemand mit einem Funken Verantwortung im Leib fünfzehntausend (!) Computerarbeitsplätze neu gestalten soll, dann wird er erst einmal dafür sorgen, daß der Hardware-Lebenszyklus vom Software-Lebenszyklus entkoppelt wird.

Das ist kinderleicht zu erreichen mit sogenannten „Thin Clients“, die vor Ort keinerlei Einrichtung oder Wartung benötigen, weil sie sich einfach mit dem Rechenzentrum verbinden und, gleichsam wie ein Fernsehgerät, ihre Programme von dort beziehen. Die Technik gab es seinerzeit und mit Kurt Pfeifle stand ein hoch kompetenter Berater zur Verfügung.

Was machte man stattdessen? Weil das „Team“ so wenig Ahnung hatte, war es nicht einmal in der Lage, die Schwierigkeiten abzuschätzen, die sich bei der „Eigenentwicklung“ einer Microsoft-Alternative ergeben würde, wurde zusammen mit der Firma „Sedativ GmbH“ auf Gedeih und Verderb losgelegt.

Mir treibt diese unbeschreibliche Arroganz die Galle hoch: Natürlich ist eine „Windows-Suite“ hochkomplexer Sondermüll auf der Basis kaputter Protokolle. Aber anzunehmen, die Microsoft-Entwickler wären Vollidioten und dem eigenen Team würden durch das Nachbauen von Microsoft-Strukturen niemals vergleichbare Probleme entstehen, weil es ja zu den alleinig GUTEN (TM) gehört, das ist nicht mehr einfache, sondern kriminelle Dummheit.

Taliban sind immer unerträglich …
… ob es sich nun um die brunz-dummen, verbohrten Originale handelt oder um „durchideologisierte“ Polit-Funktionäre. Neulich erzählte mir ein Bekannter, daß die Schulverwaltung seinen Kindern untersagt habe, mit dem Fahrrad zur Schule zu kommen. Begründung: Die Kinder hätten ja keinen Helm auf. Natürlich nicht, sinnvollerweise. Und natürlich hat sich die Familie nicht an die Anordnung gehalten. In der Konsequenz bekamen die Fahrräder der Kinder „Hausverbot“ auf dem Schulhof.

Ähnlich dumm-dreist ist es, funktionierende Fachverfahren, die einigermaßen unter Windows laufen, einzustampfen und unter Linux neu zu entwickeln. Auch hier hätte es einfache Alternativen gegeben: Rechner mit Fachverfahren ins Rechenzentrum auslagern und von den Endstellen transparent darauf zugreifen. Dazu gibt es als Beispiel ein einfaches Programm, den RDP-Wrapper, welcher jede Windows-Kiste zum (Vorsicht, Microsoft-Dilettantensprech) „Terminalserver“ macht.

Das Tolle dabei: Man spart sich Lizenzkosten, aber man manipuliert nicht an „Windows“. Wir haben Kunden, die ihre Fachverfahren zur Galvanik-Optimierung von den einzelnen Produktionsstandorten ausgegliedert haben und dadurch gehoben fünfstellig pro Jahr an Softwarelizenzen sparen — bei gleichzeitiger Verbesserung der Wartung und Verfügbarkeit!

Die Milchmädchenrechnung von den „gesparten Lizenzen“
fällt zusammen wie ein Kartenhaus, wenn man bedenkt, wie viele Mitarbeiter und Externe notwendig sind, um das Eigengefrickel mehr schlecht als recht am Laufen zu halten.

Anstatt konsequent zu sein und auch Mitgliedern der Führungsriege aus guten Gründen die „Nutzung“ von „iPhones“ zu untersagen, wird panisch eine Extra-Serverfarm aufgesetzt, damit der Mailserver „apple-kompatibel“ wird. Mit solchen Extratouren richtet man maximalen Schaden an: Einmal sind es die Kosten, dann aber kommen die Wartungseinsätze wegen garantierter Fehlfunktionen.

Small is manageable ….
mit dieser einfachen Prämisse hätte man das Projekt ohne Quotenfrauen und externe Lobbyisten zügig stemmen können. Nach uraltem Vorbild: Anwendungen zentral auf Servern, Zugriff von überall aus. Das ist ein alter Hut, ein funktionierender obendrein, und besonders dumme Trendlemmige nennen ein solches Konzept jetzt „CLOUD“.

Intelligente Menschen lernen aus Fehlern anderer, normale Menschen lernen aus den eigenen …
… aber nur die ganz großen Dummköpfe lernen nicht einmal aus den peinlichsten Momenten ihres eigenen Versagens.

Womit wir beim Ausblick wären:
„Bewährte Partner“ wie „Computacenta“ (das sind die, die als „Compunet“ die Bundestags-Migration epochemachend versiebt hatten und sich daraufhin umbenennen mußten), Bullshit-Produzenten wie Arthur Anderson (mußten sich schon vor längerer Zeit umbenennen wegen der Enron-Pleite) und natürlich der Garant für Desasterprojekte, die T-Systems, stehen ja bereit.

Die werden jetzt aus einer konzeptlosen Linux-Umgebung eine konzeptlose Windows-Umgebung machen. Was kann da schon schief gehen?

-hb

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 13. Oktober 2016

Alte leben kürzer – Junge länger…

Carl und Gerlinde (Folge 49)

ZZZZZZZA180843Also – das war schon ein Schock heute Morgen, als Carl sein sonntägliches Frühstücksei geköpft hatte, das ausnahmsweise einmal wirklich kernweich geraten war und sich daher prima auslöffeln ließ: ausgerechnet da sagte Gerlinde nämlich,

„du Carl, ich hab’ beschlossen ab sofort nicht mehr zu rauchen!“

Dabei strahlte sie übers ganze Gesicht, obwohl sie noch vor wenigen Minuten ungewaschen und ungeschminkt, was sie ja so gar nicht mochte, in der Küche herumgewerkelt hatte. Aber Carl verkroch sich ohnehin derart selbstvergessen in seinem Frühstücksei, dass jede Art von Morgentoilette bei ihr sowieso vergebliche Liebesmühe gewesen wäre.

Erst als Gerlinde ein zweites Mal die Verkündigung ihres Beschlusses versuchte und dies mit einem massiven Pfauchen einleitete und zusätzlich noch ihr bereits ausgelöffeltes Ei Carl auf sein unausgelöffeltes drückte, schien er aufzuwachen und sich ihr zuzuwenden.

„Hey Carlchen! Ich hör’ ab sofort zum Rauchen auf!“

Wortlos starrte er sie an.

„Was sagst du dazu, freust du dich gar nicht darüber?“

„Nö.“

„Wieso nicht? Du meckerst doch seit Jahr und Tag, dass dir der Zigarettengestank auf den Zeiger ginge?“

„Das schon“, sagte Carlchen, nahm irritiert Gerlindes leeres Ei von seinem halbleeren und setzte seine unterbrochene Eilöffelei da fort, wo sie unterbrochen worden war, wenngleich mit deutlich weniger Inbrunst.

„Also was nun?“ fragte Gerlinde ratlos mit einem Anflug von Gereiztheit.

„Na ja, du bringst dadurch meine gerade mühsam zurechtgerückte Altersstatistik durcheinander!“

„Ist das einer deiner hintergründigen Witzchen, die du so liebst und ich hasse – oder wie meinst du das, liebster Carl?“

„Das ist kein Witzchen, liebste Gerlinde, sondern das sind die neuesten wissenschaftlichen Fakten, die ich bei dieser Korrektur verarbeitet habe“.

„Und?“

„Ja nichts und, Gerlinde! Schließlich weißt du ja auch, dass man bei unserem Altersunterschied – du 42 Jahre, ich 58 – schon manchmal ins Grübeln kommt“.

„So? Auf einmal?“

„Ja  – auf einmal! Aber vielleicht hast du ja auch in den letzten Tagen Zeitung gelesen und mitbekommen, dass nach den neuesten Rentenstatistiken ich nur mehr 24 Jahre zu leben habe, während du noch locker 44 Jährchen vor dir hast, liebe Gerlinde!“

„Und wo ist da das Problem?“

„Das Problem besteht darin, dass ich auch noch 44 Jahre leben möchte, genau wie du!“

„Und?“

„Und – mir deswegen nach der neuesten New Yorker Studie einen hübschen Plan ausgearbeitet habe wie ich das erreichen kann…“

„Ist doch schön, Carl…“

„Nein ist nicht schön – denn du hast diesen Plan gerade mit deiner Bemerkung – zugegeben unwissentlich – über den Haufen geworfen, Gerlinde…“

„Oh – Gott wie denn das?“

„Na ja, in der besagten Studie wurde festgestellt, dass ich, wenn ich täglich fünf Walnüsse esse bis zu fünf Jahre länger lebe!

Und wenn ich dich außerdem regelmäßig küsse um weitere fünf Jahre! Ein abendliches Glas Wein bringt 3,8 Jahre und täglich 15 Minuten Bewegung nochmals 3 Jahre.

Esse ich zusätzlich täglich noch fünf Portionen Obst und Gemüse gewinne ich weitere 3 Jahre und wenn ich zukünftig statt Gummibärchen Schokolade nasche noch ein Jahr mehr! Insgesamt käme ich somit ziemlich genau auf die mir fehlenden zwanzig Jährchen, liebste Gerlinde…“

„Wenn da nicht ein Haken wäre in dieser Rechnung…“

„Ja wenn da nicht der Umstand wäre, dass ich dich küssen muss und du durch dieses Küssen auch wieder fünf Jahre länger lebst als ich…“

„Schlimm – wirklich schlimm…“

„Ja schlimm, aber das ließe sich noch regeln, wenn ich zwischendurch immer wieder mal unsere Freundin Hannelore küsste…“

„Prima Idee, dann lebt die auch länger…“

„Ja  –  und so schlecht küsst die gar nicht! Aber die eigentliche Katastrophe beginnt ja erst, wenn du wirklich zu rauchen aufhörst. Dadurch gewinnst du nämlich nach der New Yorker Studie bis zu 10 Jahre und da ich nicht rauche, verbaust du mir absolut jede Chance mit dir zusammen alt zu werden, liebste Gerlinde, das ist einfach Fakt!“

Und Fakt war auch, dass Gerlinde nicht mehr antwortete sondern handelte, und Carl sich plötzlich in einem unsäglichen Gemenge von zerdeppertem Frühstücksgeschirr, Marmelade, Butter, Kaffe und Tee unter einer Tischdecke befand, die Gerlinde ihm übergeworfen hatte…

Lebensverlängernd war diese Aktion sicher nicht, da war sich  Gerlinde sicher, aber nach dem Gewimmer unter der Tischdecke  war eine unmittelbare Lebensverkürzung auch nicht zu befürchten –  trotz  fortgeschrittenen Alters des erbärmlichen Kandidaten…

KH

Klaus Hnilica
Dienstag, der 29. März 2016

Auf verlorener Sohle

Carl und Gerlinde (Folge 48)

„Entweder hast du die Scheißerei, bist besoffen oder hängst vor der Glotze beim Fußball!“ bellte Gerlinde vom Balkon ins abgedunkelte Zimmer ihres heiß geliebten Hotels Barceló Santiago.

ZZZZZZ_173721„Ach Gerlinde! Sei doch nicht so ekelhaft, wenn ich mir einmal tagsüber ein Bierchen gönne und dem Kloppi seinen FC Liverpool anschaue“, motzte Carl zurück und rekelte sich genüsslich in seinem Bett, ohne den Bildschirm an der Wand auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen! Schließlich ging’s doch um etwas bei dieser Europa League! Und die tapferen Augsburger hielten nach dem überraschenden Führungstreffer der Klopp Truppe immer noch wacker dagegen…

„Ja, ja red’ du dir nur alles schön! Ich hab’ mir jedenfalls unseren Frühlingsurlaub auf Teneriffa anders vorgestellt!“ meckerte Gerlinde unbeirrt weiter, obwohl ihr Gemecker kläglich unterging im Getöse des Atlantiks an dem schwarzen Riff – gleich unterhalb des Hotels.

Verärgert warf sie sich schon zum fünften Mal an diesem Nachmittag in ihren Liegestuhl und starrte trübsinnig auf das kitschig blaue Meer mit dem archaischen Dreimaster in voller Takelage, von dem aus wieder unzählige genarrte Touristen vergeblich Ausschau nach Delfinen und Walen hielten.

Genau so vergeblich, wie sie seit Stunden ihren Carl in die Frischluft zu lotsen versuchte: dabei hatte sie drei Jahre ihren hartleibigen Urlaubsmuffel bearbeitet, bis er endlich bereit war mit ihr auf diese ungeliebte Insel Teneriffa zu fliegen – auf der ihr ‚Ex-Mann’ Jürgen immer noch das ehemals gemeinsame Apartment hatte.

Ja – volle drei Jahre nagende Überzeugungsarbeit waren das gewesen, und dann hockt dieser Saukerl im Hotelzimmer vor der Glotze, oder ist bestenfalls dazu zu bewegen seinen Buttermilchkadaver ein Stockwerk höher in die Poollandschaft zu schaffen, um ein paar klägliche Runden  zu drehen: natürlich mit Sonnenbrille und den Dickschädel immer schön über Wasser, damit ja die ‚Dauerwelle’ nicht nass wird, dafür aber der Nacken ausreichend schnell versteift, um nach spätestens fünf Minuten wieder aus dem Becken flüchten zu können…

Wenn es denn überhaupt fünf Minuten waren!

Denn der Poolrand wurde ständig von Bier trinkenden englischen Familien belagert, deren ‚brexit’- bereite Väter gerne balgten und häufig ihre widerspenstigen, kindlichen Monster wie fehlgeleitete nordkoreanische Raketen in Richtung Poolmitte katapultierten. Wer da im Pool durchhielt, hatte Glück und Pech gleichzeitig, denn bei diesen Überlebenden war nicht nur das Haupthaar tropfnass, sondern in den ausgelösten Riesenwellen zappelte unwiederbringlich auch jede Sonnenbrille, flink wie ein Zebrafischchen, dem unergründlichen Beckenboden entgegen…

Und wehe, wenn Carlchen auf seiner panischen Flucht vor diesem ‚britischen Tsunamichaos’ noch von einer verirrten Fallwindböe des im Hintergrund lauernden schneebedeckten Teides durchgeschüttelt wurde, dann war der Rest des Nachmittags auch für Gerlinde gelaufen!

Wortlos pflegte Carl bei solch unsäglichen Widrigkeiten sich in seinen übergroßen Bademantel zu werfen, jede noch so verlockende Sonnenliege zu ignorieren und stattdessen festen Schritts in Richtung Pool–Bar zu schreiten!

Selbstredend wich er von da nicht eher, bis er mannhaft vier doppelte ‚Carlos’ in seinen geschundenen Leib versenkt hatte – und das trotz herumnölender Gerlinde!

Kein Wunder, dass Carl nach soviel zur Schau gestellter Durchsetzungskraft dann schon mal einen Tag später, im Anschluss an das obligatorische Frühstückspiegelei, die vollkommen perplexe Gerlinde mit der Frage überraschte, ob sie spontan Lust auf eine kleine Wanderung hätte?

„Wie –  gleich heute?“

„Ja natürlich, wann denn? In zwei Wochen sind wir doch nicht mehr da?“

„ Ja von mir aus – du weißt ich bin immer für schnelle Entscheidungen zu haben, lieber Carl.“

„Deswegen lieb ich dich ja auch so, mein geliebtes Gerlindchen“, schleimte Carl und schaufelte unauffällig die von Gerlinde für sich bereit gehaltene Orangenmarmelade auf sein letztes Stück Weißbrot.

Da aber bereits um elf Uhr der Bus, zu der schon vor Tagen von ihr geplanten ‚Eingehwanderung’ fuhr, erübrigte sich ausnahmsweise jeder Protest!

Viel wichtiger war ihr, dass knapp vierzig Minuten später ihr ‚wandergeiler’ Carl, in voller Ausrüstung mit Rucksack und Wasserflasche neben ihr im Bus nach Santiago del Teide saß, und das für läppische 3 Euro 30 – für beide!

Kostengünstiger ging’s wirklich nicht!

Carl war auch bestens gelaunt: gleich mehrfach betonte er während der flotten, kurvenreichen Fahrt nach oben, dass es vermutlich nur wenige Paare gab, die so spontan und schnell Entschlüsse fassten und  einvernehmlich umsetzten, wie sie beide. Einmalig sei das – wirklich einmalig diese Harmonie zwischen ihnen beiden. Launig kniff er seine Gerlinde so fest ihn ihren nackten Oberarm, dass sie wie ein Ferkelchen quiekte. Und da Carl in Sachen Harmonie immer ausschweifender wurde und auch noch Kurt und Hannelore ins Spiel brachte, bei denen überhaupt nichts klappte, was sie gemeinsam unternahmen, war er bass erstaunt, als Gerlinde schon nach der dritten Station zum Aussteigen drängte und ihn umsichtig direkt zum Einstieg in den vorgesehenen Wanderweg lotste:

10,3 km bis Tamaimo!

„Das ist doch lachhaft“ jauchzte Carl, „das hüpf ich auf einem Bein runter“! Und schon sprang er ohne Wanderstöcke behänd von Stein zu Stein das erste Steilstück nach unten und wartete lachend auf Gerlinde, die sich lieber vorsichtig einwanderte.

Keine Frage, die Strecke war malerisch, die hatte Gerlinde gut ausgewählt. Links und rechts, die um diese Jahreszeit noch unbearbeiteten Terassenfelder, dazwischen gut gefüllte Teiche und grüne Wiesen bis zu den steil aufragenden Bergen dahinter. Und weit und breit kein Mensch, nur vereinzelte Palmen und ganz hinten ein weißes Haus. Irgendwo bellten ein paar Hunde.

Aber der Weg war nicht einfach!

Fast ununterbrochen ging es steil nach unten und auf den gelegentlichen flachen Teilstücken lag ausschließlich messerscharfes Geröll auf dem man echt nicht zu Fall kommen durfte.

Doch mit den guten ‚Lowa-Schuhen’ und hinreichender Kondition alles kein Problem, dachte Carl auch noch, als er schon spürte wie ihm plötzlich der rechte Schuh fort zu schwimmen drohte. Als er den Fuß forschend anhob, merkte er zu seinem Entsetzen, dass die gesamte Profilsohle weg hing; ein kleiner Riss und sie war gänzlich weg!.

„Und was nun?“, fragte Gerlinde besorgt.

„Weiß ich nicht!“

„Was ist mit dem linken Schuh?“

„Da ist sie noch dran – nein! Sie hängt auch schon weg…“

„Oh – Gott, was jetzt?“

„Nichts –  weitergehen“, grunzte Carl wie im Tran.

Und das tat er auch!

Und er tat es noch, als selbst die Restsohle an den Schuhen praktisch schon durchgetreten war. Und auch als die beiden Einlagen in den Schuhen bereits zerfetzt weg hingen! Und die Wandersocken nur mehr aus Löchern bestanden, und das Unterhemd und das T-Shirt um seine Fußsohlen sich in blutige Fransen auflöste…

Aber da hatten sie ja auch schon Tamaimo erreicht! Und eine Bar, von der aus sie, nach Cortado und Wasser – Gott sei’s gedankt – das rettende Taxi ins Hotel ordern konnten…

„Schade“ stöhnte Gerlinde, als sie dem freundlichen, jungen Taxifahrer ihr Ziel genannt hatte, „schade, dass das ausgerechnet am Beginn unseres Wanderprogramms passieren musste“!

Säuerlich stimmte ihr Carl zu, hatte allerdings für sich längst entschieden, dass ‚verlorene Sohlen’ am Ende eines von ‚Gerlinde geplanten Wanderurlaubs’ viel schlimmer waren – trotzdem durfte aus der saftigen Beschwerde an die ‚Firma Lowa’ kein jubelndes Dankesschreiben werden, soweit musste er sich schon, Gerlindes wegen, in der Hand haben…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 11. Februar 2016

Haarige Kopflosigkeit…

Carl und Gerlinde (Folge 47)
ZZZZZM214Ja – in einigen Dingen war Carl wirklich von eherner Beständigkeit! Und das nicht nur was sein Lieblingsbier betraf, dieses trübe Glaabsbräu, oder sein Haarwasser, oder die heiß geliebte Nivea Creme, die er sich täglich in die Haut rieb – nein, auch seinem Zahnarzt hielt er die Treue und dem französischen Baguette vom Bäcker Briegel – ähnlich wie der TRIGA Unterwäsche, den Davidoff Zigarillos und den Falke Socken – und natürlich seinem Friseur Florian Breitschuh!

Letzteres war am ehesten zu verstehen, da Carl recht zuverlässig alle zwölf Wochen seine üppig sprießende Haarpracht im Frisierstudio ‚Haargenau’ von Herrn Breitschuh zurechtstutzen ließ: und das seit siebenunddreißig Jahren!

Neuerdings verkürzte sogar ein immer dreister werdender Wildwuchs an grauen Haaren in Nasenlöchern und Ohren diese über Jahrzehnte eingeübte ‚Zwölf-Wochen-Periode’, was Carl aber gelassen hinnahm, da er einen Haarschnitt bei Florian Breitschuh nie als Last, sondern immer nur als eine willkommene ‚Entspannungszäsur’ in seinem stressgeplagten Arbeitsalltag empfunden hatte.

Insgeheim war Carl natürlich glücklich, dass dieser haarige Wildwuchs nur in den Nasenlöchern und Ohren tobte und nicht etwa auf seiner Brust oder gar den Schulterblättern: denn Gerlinde schüttelte sich stets mit unnachahmlicher Abscheu, wenn ihr im Schwimmbad oder in der Sauna ein männliches Wesen mit tierisch behaarten Schultern über den Weg lief. Ja, sie hatte in diesen Fällen sogar immer die allergrößte Mühe die unmittelbar einsetzende zwanghafte ‚fäkal sprachliche Eruption’ angemessen zu bändigen und in gesellschaftsfähige Bahnen zu lenken; für Carl natürlich ein überlebensnotwendiger Hinweis, wie er seine Körperbehaarung zu steuern hatte!

Am meisten aber schätzte Carl an Florian Breitschuh dessen Schweigsamkeit!

Außer einer kurzen Begrüßung gab es kein unnötiges Wort zwischen ihm und Carl. Und schon gar nicht dieses zermürbende Gelaber über Urlaub, die heraufziehende Klimakatastrophe, oder die immer bedrohlicher werdende Flüchtlingssituation…

Nein – Carl und Florian Breitschuh schwiegen bei ihrem ‚Haar schneidenden Tun’!

Doch eine Anmerkung ließ sich Carl nie nehmen: sobald er saß und den Frisierumhang um den Hals hatte, grinste er Florian Breitschuh in sein gespiegeltes Antlitz und sagte in sonorem Tonfall:

„2 Zentimeter“!

Nach diesem verbalen Tsunami pflegte Carl seine Augen zu schließen und diese erst wieder zu öffnen, sobald die zärtlich weichen Borsten der Breitschuh’schen Haarbürste das ‚haargenaue’ Ende des Haarschnitts signalisierten und alles wegfächelten, was an Carls Ohren, Nase, Nacken, Hals und Kragen zu kitzeln drohte.

Genau dann, wenn die Breitschuh’sche Haarbürste ihre letzte Fächelbewegung machte, öffnete Carl seine Augen und registrierte im Spiegel, mit von Jahr zu Jahr abnehmender Begeisterung, sein frisch gestyltes, graues ‚2 Zentimeter Haupthaar Gesicht’!

Eine kurze Kopfdrehung nach links und rechts genügte anschließend, um durch ein kaum wahrnehmbares Nicken zum hundertachtundvierzigsten Mal Florian Breitschuh die vollste Zufriedenheit anzuzeigen! Was dieser seinerseits mit einem feinem Lächeln und einer nur für Eingeweihte erkennbaren Verbeugung quittierte.

Doch warum dann dieses unfassbare und jeder Sachlichkeit entbehrende Ereignis?

Welches Ungeheuer starrte denn Carl da plötzlich entgegen, als er wie üblich nach vollendetem Haarschnitt vertrauensvoll die Augen öffnete

War dieser Kahlkopf wirklich E.T, der Außerirdische? Oder einer dieser Millionen erbarmenswürdigen Krebskranken, die heutzutage in keiner Fernserie fehlten? Oder war es der Satan persönlich, der ihm da aus diesem Friseurspiegel verlegen zugrinste?

Hm – brummte Carl und schaute verunsichert nach allen Seiten – dann wieder auf das Gesicht vor ihm, das ebenso verunsichert um sich spähte – grad so als befände es sich auf der Flucht…

„Hey“, rief Carl nun etwas lauter, „wer ist das?“

Denn dass er selbst beim Friseur saß, das war Fakt und fiel ihm auch spontan wieder ein; doch nirgends sonst war ein bekanntes Gesicht in Sicht. Nur dieser komische Typ hinter ihm im Spiegel, der selbst völlig entgeistert vor sich hin starrte…

Und als Carl ihn fragte, wer er sei, sagte er, jetzt lachend, „der Friseur Ihrer werten Frau, junger Mann! Sie hat Sie nämlich zu mir geschickt, da sich Ihr Friseur den Arm gebrochen hat!“

„Und?“.

„Ja – nichts und! Ich hatte doch extra noch einmal nachgefragt, als Sie ihm Stuhl saßen und ‚2 Millimeter’, sagten. Auf meine Frage meinten Sie nur unwirsch, dass Sie sich nicht gern wiederholten und schlossen die Augen. Nun da tat ich eben meine Arbeit – mit der Maschine!“

„ Hm“ sagte Carl ein weiteres Mal, und dann, dass er Gott sei Dank nicht eitel sei!

Doch noch auf dem Heimweg verfestigte sich in ihm der Entschluss, dass er sich umgehend für zwei Wochen krankschreiben lassen musste: seine Sekretärin Bettina und auch Miriam Braun würden in Schreikrämpfe ausbrechen, wenn sie seiner ansichtig wurden.

Selbst sein Chef Dr. Osterkorn, würde ihm bestimmt raten, in den nächsten sechs Wochen Kundengespräche zu meiden, und seiner Gerlinde würde er gleich jetzt noch am Telefon einen vierwöchigen Urlaub in Island vorschlagen, den sie sich schon seit Ewigkeiten wünschte und er immer abzuwenden verstanden hatte, da er den ständigen Regen und die Bärenkälte dort, wie nichts auf der Welt hasste.

Aber mit geeigneter Mütze, waren doch solche Wetterkapriolen überhaupt kein Problem mehr! Warum war ihm das nicht schon früher eingefallen? Komisch eigentlich?

Ja – vielleicht sollte er sich gleich noch das passende Käppi kaufen und Gerlinde überraschen? Warum eigentlich nicht? Nicki Lauda trug doch auch eines…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. November 2015

Die Lawine oder die unschickliche Abkehr von der Hydraulik

Carl und Gerlinde (Folge 46)

Typisch! Immer wenn Carl Zuspruch benötigte, war niemand daheim. Nach einem erwartungsvollen Hallo drückte er daher missmutig die Haustür zu.

ZZZZZimg213Auf der Ablage in der Diele klebte immerhin eine Notiz:
‚Sortiere Winterklamotten in der Bürgerhalle. Komm doch nach! Wird spät. Küsschen Gerlinde’.

Hm-Mist! Statt einem freundlich aufgehellten Gesicht drängte nur die übliche Novemberschwärze vom Garten ins Wohnzimmer. Das letzte Stück Himmel verkrümelte sich schamrot hinter der gelben Tamariske. Mehr Himmel war auch nicht nötig, den brauchte Carl jetzt wirklich nicht. Eher schon das Fegefeuer oder die Hölle…

Noch in der Diele fiel ihm die Tasche aus der Hand. Den Trenchcoat und die Schuhe pfefferte er verdrießlich in Richtung Kleiderablage.

Scheißtag, stöhnte er zum dritten Mal und langte automatisch nach der Brandy-Flasche! ‚Carlos I’! Angewidert fischte er sich ein Glas über der Hausbar und warf sich ächzend auf die Wohnzimmercouch. Teilnahmslos starrte er auf sein Spiegelbild in der nachtschwarzen Scheibe der Terrassentür. Beim ersten ‚Carlos’ prostete er sich noch zu.

Beim zweiten ärgerte er sich bereits wieder, dass sein verdammtes Kleinhirn immer noch um das Gesabber der Konzernleitung in der heutigen Besprechung kreiste und auch nicht von dem Beruhigungsgelaber der ‚regierenden Märchentante’ los kam, die durch ihr beharrliches ‚Wir schaffen das – Wir schaffen das – Wir schaffen das’, unbeirrt den schon seit zehn Jahren andauernden Tiefschlaf in ihrem Reich weiter aufrecht zu erhalten versuchte.

Ja – vermutlich war sie sogar selbst das ‚Dornröschen‘!

Was aber nicht einmal der ehrgeizige Prinz Seehofer im flüchtlingsüberfluteten Bayern wusste: denn sonst wäre der niemals so enttäuscht gewesen, dass sie überhaupt nicht aufwachen wollte und nichts mitbekam, was ringsum in ihrem Reich geschah.

Dabei hatte er sich so bemüht und sie ganze zwanzig Minuten vor dem gesamten bayrischen Hofstaat neben sich stehen lassen, um allen zu zeigen, dass sie sehr gut durchhielt, wenn er das Kommando übernahm und regierte und sie stehend neben ihm  weiterschlafen konnte – wie bisher…

Und wahrscheinlich wäre Carl nach dem vierten ‚Carlos’ auch entschlummert, wenn er nicht versehentlich mit der rechten Hand auf die Fernbedienung seines Fernsehers getappt wäre und mit einem Mal einen aufgeregten Fernsehmoderater vor sich gehabt hätte, der ziemlich böse auf einen abwesenden Schäuble eindrosch, weil dieser völlig unschicklich aus der ‚hydraulischen Kollektivsymbolik’ der Bundespolitik bei der Beschreibung des Flüchtlingsthemas ausgebrochen war.

Und der – ach wie schlimm, auf einer vom Moderator kurz eingeblendeten Veranstaltung, den überbordenden Flüchtlingszuzug nach Deutschland mit einer ‚Lawine’ verglich, die ein unvorsichtiger Schifahrer an einem Steilhang ausgelöst haben könnte, indem er unbedacht etwas Schnee bewegt hatte: eine Lawine, von der im Moment niemand wusste, ob sie bereits im Tal war oder erst im oberen Drittel des Hanges.

Schlimm sei das! Menschenunwürdig und katastrophisch sei dieses missratene Bild, so der auf Mainstream gebürstete Moderator! Und total schief sei dieser Vergleich! Schließlich sei die Kanzlerin – ganz im Gegensatz zu dem ehemaligen Alpinisten Schäuble – noch nie alpin in Erscheinung getreten, sondern ausschließlich als Langläuferin und da nur in Niederungen!

Übel, so der Moderator, sei dieser vollkommen unerwartete lawinöse Ausbruch des Finanzministers, aus der von allen Parteien und Medien akzeptierten ‚hydraulischen Kollektivsymbolik’!

Und was das zu bedeuten habe, fragte er, dass Schäuble dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt inszeniere, wo die Kanzlerin spürbar in der Bevölkerung und Partei an Zustimmung verliere? Rüttle da jemand nachhaltig an ihrer Richtlinienkompetenz? Zeigten sich da nicht nur zwischen CSU und CDU tiefe Risse, sondern selbst schon innerhalb der CDU? Ja sogar in der großen Koalition?

Was sei da los? fragt der Moderator offensichtlich nicht nur sich selbst, sondern auch in Richtung Carl, der aber statt einer Antwort mit einer Gegenfrage konterte: Nämlich mit der Frage, ob er, der superkluge Herr Moderator wisse, wie viel Gläschen Brandy er, Carl, schon intus habe: waren das nun vier, fünf, sechs oder sieben? Denn er selbst wisse das nicht mehr.

Dabei sei die Beantwortung dieser Frage für ihn viel wichtiger, so Carl zum Moderator auf dem Bildschirm, als der ganze Lawinenzauber! Denn diese Antwort entscheide letztlich, ob er, Carl, es wagen konnte, jetzt noch in die Bürgerhalle zu gehen und vor die strengen Augen seiner ‚Winterklamotten sortierenden Gerlinde’ zu treten, um vielleicht endlich auch etwas Konkretes für die Flüchtlinge zutun.

Oder aber, ob er Gesichts wahrend lieber daheim bleiben und nichts Praktisches tun sollte? Dafür aber morgen, wenn er wieder nüchtern war, wie bisher eine Lösung nach der anderen klugscheißerisch in die Welt posaunen sollte – zu diesem schwierigen hydraulischen Flüchtlinsthema, das plötzlich von der Politik auch lawinös angegangen wurde…

Hm – wahrlich eine schwierige Entscheidung, sagte sich Carl, die auf keinen Fall vor dem nächsten ‚Carlos’ entschieden werden sollte. Oder?

KH

Hans Bonfigt
Dienstag, der 3. November 2015

Drei glorreiche Halunken (II)

ISDN, DSL und Robert T. Online:

Die Degeneration entläßt ihre Kinder

Ein Zweiäugiger sucht seinen Blinden

Mein Schwager ist ein „wert-konservativer“ Mensch.

Brahms, Violinkonzert? Ja, gerne! Aber „Deutsche Grammophon“ muß es sein, mit Herbert von Karajan, den Berliner Philharmonikern und Anne Sophie Mutter. Denn etwas „Besseres“ wird es niemals geben! Niemals nicht!

Und auch beim Telephonieren machte er keine Experimente: TELEKOM, das war das Beste und Einzige. Was der 280 SE in der Garage, war der Telekom-Anschluß im Wohnzimmer. Robust, unprätentiös, alternativlos.

Die Liebe zur Telekom wurde durch einige „Innovationen“ erschüttert: Vor allem zu nennen wäre der „Netz-Anrufbeantworter“, der, in seiner Standardeinstellung, ungefragt Anrufe entgegen nimmt und automatisch morgens um 03:30 durch hartnäckiges Klingeln signalisiert. Und morgens um 03:32 hat man genau die Ruhe und Gelassenheit, den nur 72 Stellen langen Deaktivierungscode einzugeben.

Als dann aber „Robert T. Online“, womöglich noch präsenter als „Dieter Bohlen“, im Rahmen des „Börsengangs“ der neuen „Telekom“ von allen freien Werbeflächen prangte, hatte mein Schwager die Nase gestrichen voll und kündigte. Ich kann das sehr gut verstehen. Muß man sich eigentlich jede Entgleisung gefallen lassen? Ich finde: NEIN. Denn sonst wird es schlimmer.

Und es war auch ohne „Robert“ schlimm genug: In Teil I habe ich mit dem grandiosen Scheitern von „EWS“ aufgehört. Die Telephoniesituation in Deutschland war katastrophal, die Fernverbindungen waren so schlecht, daß die DATEV, das seinerzeit mit Abstand größte gewerbliche Rechenzentrum Europas, in vielen größeren Städten „DFV-Konzentratoren“ errichtete, weil die Analogmodems trotz einer Geschwindigkeit von nur 1.200 Baud nicht mehr von Flensburg oder Dortmund nach Nürnberg durchkamen.

Und auch wenn die Leitung sauber war, dann gab es oft das berüchtigte „Gassenbesetzt“ nach der zweiten, dritten Vorwahlnummer. Es war deswegen oft üblich, eine Modemverbindung manuell, also mit Handapparat und Wählscheibe, aufzubauen. Alle beschriebenen Probleme betrafen naturgemäß nicht nur den Daten-, sondern auch den Sprachverkehr.

Ende der Achtziger Jahre setzten sich Nachrichtentechniker durch: Entgegen der damals durchaus gängigen Meinung, daß man eigentlich nur mit Koaxialkabel höhere Frequenzen sicher würde übertragen können, stellte man nämlich fest, daß auch mit der klassischen, verdrillten Kupferader, mit denen so gut wie alle Fernsprechteilnehmer am „HVT“ angeschlossen waren, ein wesentlich höheres Frequenzband übertragen werden konnte als die ursprünglich vorgesehenen 3,5 KHz.

Wenn man die Verspulung der Teilnehmeranschlußleitungen entfernte, konnte man leicht 128 KHz erreichen. Nun mögen Fledermäuse bei diesen Frequenzen kommunizieren, aber Menschen tun es nicht. Man kam daher auf die gleiche pfiffige Idee wie beim Rundfunksender, wo eine sehr hohe Trägerfrequenz im Rhythmus des niederfrequenten Sprachsignals moduliert wird.

Aber diesmal hatten die Erfinder weiter gedacht: Auch ein Radiosignal verliert mit Entfernung, Dämpfung und Störungen irreversibel an Qualität. Also tastete man die niederfrequenten Sprachdaten ab, wandelte die in einen Strom von Nullen und Einsen um und modulierte sie auf einen hochfrequenten Träger, um sie nun über eine Zweidrahtleitung verschicken zu können – mit dem Vorteil, daß an beliebigen Stellen im Netz durch De- und Remodulation eine hundertprozentig verlustfreie Auffrischung des Signals erreicht werden konnte. Die digitale Telephonie war geboren. Doch was nützt eine digitale Übertragung zum Hauptverteiler, wenn die Fernstrecken weiterhin analog betrieben werden? Deshalb wurde im Bereich des sog. „Backbones“ massiv digital aufgerüstet.

Vielleicht kommt dem einen oder anderen Leser die Frage in den Sinn, „Warum eine so hohe Bandbreite auf der Teilnehmerleitung belegen?“. Nun, die Architekten von ISDN hatten von vornherein im Auge, daß die Anzahl der Telephonanschlüsse explosiv steigen würde, die Kapazität der in der Erde vergrabenen Hauptkabel aber „hart“ durch die Anzahl der vorhandenen Doppeladern begrenzt war. So kam man auf die Idee, einen sogenannten „Zeitmultiplex“ einzusetzen, um eine einzelne Doppelader zweifach und ein Doppeladerpärchen sogar 32-fach zu nutzen. Das vielen bekannte Konzept mit den beiden B-Kanälen und dem D-Kanal war geboren.

Eine Kupfer-Doppelader wurde also dadurch zweifach genutzt, daß die Gesamtkapazität der Übertragungsstrecke in kleine Zeitscheiben aufgeteilt wurde, die alternierend den Nutzkanälen zugeteilt wurden. Trotz dieser Aufteilung erreichte man eine für Telephonate völlig ausreichende Datenrate von 64 KBit/s pro Kanal.  Bei Telephonieanwendungen wird das Sprachsignal 8.000 mal pro Sekunde abgetastet, und zwar mit einer Quantisierungsrate von 8 Bit, sprich, es existieren 256 mögliche Werte für die Momentanlautstärke des Signals zum Zeitpunkt einer jeden Abtastung. Dies gewährleistet, zusammen mit einer gewissen Pre- und Deemphasis, auch unter heutigen Gesichtspunkten eine gute bis sehr gute Gesprächsqualität.

Gegenüber dem aktuellen „Voice over IP“ bietet ISDN einen unschlagbaren Vorteil: Die Plesiochronizität, vereinfacht: „Fast-Synchronizität“ innerhalb des gesamten Landesnetzes. Sprich:  Eine zu übertragende Zeitscheibe landet mit Lichtgeschwindigkeit beim Empfänger. Echos, wie man sie bei anderen Techniken kennt, sind zwar vorhanden, werden aber wegen der faktisch nicht vorhandenen Zeitverzögerung als solche nicht wahrgenommen!

Zuguterletzt konnte man ISDN erstklassig dazu verwenden, Daten zu übertragen, weil zum einen keine zusätzlichen, aufwendigen Modems mehr benötigt wurden – man konnte die Daten mit 64 oder sogar 128 KBit/s (bei Bündelung zweier B-Kanäle) direkt auf die Strecke schicken. Ohne Verluste, ohne zeitaufwendigen Verbindungsaufbau, mit automatischer Vermittlung.

ISDN war ein großer Entwurf und bis ins Detail von Nachrichtentechnikern durchdacht. Das mag damit zusammenhängen, daß SIEMENS zum erstenmal ernsthafte Konkurrenz hatte, nämlich NIXDORF. Brancheninsider witzelten gerne, „ISDN“ heiße nicht „Integrated Services Digital Network“, sondern in Wahrheit, „In Sachen Digitalisierung: Nixdorf“. Denn in der Tat setzte beispielweise die „Digitale Vermittlungsstelle NIXDORF 8818“ national und international Maßstäbe. Vielerorts ist dieses System noch im Produktiveinsatz.

„ISDN“ – das VW 411 – Protokoll

11 Jahre zu spät und 4.000 Mark zu teuer: Der VW 411

So witzelten Kenner über ISDN. Dennoch sollte festgehalten werden: Auch wenn ISDN eine Dekade zu spät kam, so war sie bereits Technik aus dem aktuellen Jahrhundert, während die bisherige Telephontechnologie auf Erfindungen basierte, die in den 1880er Jahren bereits Serienreife erreicht hatten.

Dann kamen der Börsengang und die „Privatisierung“

Und Robert T. Online schickte sich an, aus einer soliden technischen Basis wieder ein Mickymausprodukt zu machen – passend zur „Stilikone“.

Es fing damit an, daß die neu privatisierte „Telekom“ bei ISDN-Datenübertragungen auf Kompression verzichtete, welche bei „normalen“ Analogmodems gang und gäbe war. So konnte es leicht passieren, daß man mit einem guten Analogmodem die dreifache Datenrate erreichte wie mit ISDN. Es wäre nun ein Leichtes für die Telekom gewesen, die Kompression zu aktivieren – aber der Endkunde wurde mit schwammigen Ausreden an der Nase herumgeführt. Aber es kommt noch knüppeldicke: Was die Telekom, genauer die T-ochter T-online in Weiterstadt, so gar nicht mochte, war Wettbewerb.

Privatisierung ja, speziell beim Herausekeln der Mitarbeiter, das ist ja wohl klar – aber wir wollen doch nicht im Wettbewerb stehen! Also verramschte die Telekom ihre ISDN-Anschlüsse, welche aus Volkseigentum heraus erstellt worden waren, zu einem Spottpreis, den kaum ein Konkurrent halten konnte.  Reihenweise gingen die Anbieter in Konkurs.

Als es dann faktisch nur noch eine Handvoll Internetprovider gab, fiel der Telekom urplötzlich auf, „Hilfe, die Notrufe könnten ja behindert werden!!!“. Na sowas, auf einmal, urplötzlich und nicht vorhersehbar. Selbstredend mußten die ISDN-Gebühren erhöht und der Kunde zu DSL genötigt werden.

DSL setzt nochmals „einen drauf“, indem die Teilnehmeranschlußleitung unterteilt wird: Der Bereich von 0 bis 140 KHz wird für ISDN reserviert und der Bereich ab 140 KHz für DSL, den seinerzeit aktuellen Stand der Datenübertragung über Kupfer-Doppeladern.

Die Erfinder von ISDN wußten damals genau, was sie taten, als sie die obere Grenzfrequenz von ISDN bei der Marke von 140 KHz setzten. Dieser Bereich ist einigermaßen dämpfungsfrei und kann als „Filetstückchen“ der Leitung bezeichnet werden, alles, was darüber hinausgeht, ist eher Schlachtabfall.

Die Inhaber von Analoganschlüssen hatten es da besser: Für ihre Telephonate brauchten sie ja nur den Bereich bis 3,5 KHz, so daß zusätzlich noch ein hochwertiges Frequenzband von mehr als 130 KHz zur Verfügung stand. In einfachen Worten: DSL, kombiniert mit ISDN, weist entweder eine wesentlich geringere Datentransferrate oder aber eine wesentlich geringere Reichweite auf. Das wurmte die Telekom ungemein, und so wurde, zum erheblichen Nachteil aller Analogkunden, das freie Frequenzband ganz bewußt ausgespart, denn „Unsere ISDN-Kunden sollen es nicht schlechter haben als die Analogkunden„. Weil aber die Telekom federführend war bei der „letzten Meile“ und den Hauptverteilern, mußte sich der – gerade noch verbliebene – Wettbewerb auf den unsäglichen nationalen Alleingang „Annex B“ einstellen.

Besonders ärgerlich dabei ist das Geheule diverser Verantwortlicher, man würde ja so gerne entlegene Gebiete anbinden, wenn man denn nur könnte…

Wie schamlos und dreist gelogen und betrogen wurde, kann man daran sehen, wie ein neues „Produkt“ realisiert wurde:  Mit einem ebenfalls unnötigem nationalen Alleingang „Annex J“ wird nun die gesamte Bandbreite der Teilnehmerleitung für Datenübertragung genutzt. Und siehe da: Urplötzlich sind viele entlegene Haushalte per DSL erreichbar, mit akzeptablen Datenraten! Wer hätte das gedacht?

Ja, wer? Eigentlich wußten es alle. Denn die ersten DSL-Splitter, die die Telekom ausgeliefert hatte, verfügten noch über einen Schalter „Analog/ISDN“. Die eine Sache ist, eine riesige Kundengruppe dreist abzukochen. Die andere Sache ist, dies mit Heerscharen von Mitwissern zu tun. Aber es hat sich nie jemand aufgeregt.

In Abwandlung von Karl Krauss:
Der T-Online – Benutzer säuft willig den Kakao aus, durch den man ihn vorher gezogen hat.

Schalten Sie auch demnächst wieder ein, wenn wir hier einen vorsichtigen Blick werfen auf die aktuellen, atemberaubenden Spitzenleistungen des dreistesten Leistungsverweigerers seit der Deutschen Bahn.

hb

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 29. Oktober 2015

Halloween in Wien oder das Hardwareproblem der Vampire…

Ein Gespräch mit drüben…
WienaktuellfotoNatürlich ist Gottlieb Bissinger auch in der Halloween Nacht in Wien unterwegs! Um drei Uhr morgens landet er aber ziemlich verstört auf einem völlig verwahrlosten Vorortebahnhof. Seltsame Gestalten hängen da herum. Ob er um diese Zeit noch einen Zug nach St. Pölten bekommt weiß er noch gar nicht. Bisher konnte er weder die Bahnsteige noch einen Fahrkartenschalter ausfindig machen. In seiner Ratlosigkeit wählt er wie üblich Mamas Telefonnummer – und die Verbindung nach drüben klappt sogar:

• Hallo Mama! Ich bin’s der Gottlieb! Schön, dass ich dich noch erreich’. Aber wo du bist schlaft man ja eh nimmer, oder?

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• Na ja – du weißt ja wie’s mit meiner Schlaferei steht? Ich schlaf ja erst um drei in der Früh so richtig weg! Die Elfi ärgert das immer, wenn ich bis drei in der Früh an ihr herumknabbern will…

• ……………………………………….

• Die Elfi? Wer das ist? Das ist meine Neue aus St. Pölten!

• ……………………………………….

• Na – Mama, die Elfi ist keine von uns.

• ……………………………………….

• Der Elfi ihre Eltern sind echte ‚No Vamp People’: stink fade Salatfresser, mit Null Bock auf irgendeine Gaudi – und jeden Abend vor der Glotze. Und um Mitternacht liegen die natürlich im Bett und sind nicht so wie unsereiner noch auf einen Blutlutscher unterwegs…

• ……………………………………….

• Genau Mama – statt ein paar geschmackige Schluckerl Blut, süffelt ihr alter Herr vor der Glotze ununterbrochen Bier – ‚Schwechater’!

• ……………………………………….

• Na Mama, du brauchst dir da drüben wirklich keine Sorgen um mich machen, das sind ganz ordentliche Leute! Genau wie man sie so kennt, die ‚No Vamp People’: freundlich, sauber, phantasielos – und unheimlich fleißig. Du die ‚hackeln’ wirklich von der Früh bis in die Nacht…

• ……………………………………….

• Wie? Na – das kann man so nicht sagen, Mama! Da diese ‚No Vamps’ die ganze Nacht durchschlafen, wissen die tagsüber wirklich nicht wo sie mit ihrer Energie hinsollen! Und dann ‚hackeln’ sie halt wie die Deppen! Nicht so wie unsereiner der tagsüber gern ein bisschen durchhängt! Überhaupt wenn man wieder so einen ‚Blutbatzen’ mit schlechtem Cholesterin erwischt hat.

• ……………………………………….

• Mama! Dieses LDL Cholesterin ist wirklich schlimm! Du glaubst gar nicht wie dir von so einer ‚LDL – Bombe’ am nächsten Tag die Birne weh tut. Am liebsten möchtest du deinen Schädel abschrauben, in die Ecke legen und fortgehen! Echt! Diese jungen ausgefressenen ‚Madln’ wissen gar nicht, was sie uns armen Vampiren antun mit ihrem blöden ‚Fast Food Fraß’ und ihren wahnsinnigen Cholesterinwerten…

• ……………………………………….

• Ja – du hast vollkommen Recht, Mama! Eigentlich ist das eine Schädigung der Vampirvolksgesundheit, was die bei Mc Donalds mit ihrem Fast Food jeden Tag machen! Denen müsste man echt die Gesundheitsbehörde auf den Hals hetzen!

• ……………………………………….

• Aber komm Mama, das ist doch lächerlich! Du kannst dich ja sicher noch erinnern, was in Österreich mit so einer Anzeige passiert? Die wird doch sofort von ‚oben’ kassiert! Wer kümmert sich denn in Wien schon um ein paar ‚Blutlutscher’? Wahrscheinlich müssten wir auch erst in verrosteten ‚Schinackln’ über den Neusiedlersee schippern und uns ins Wasser schmeißen, dass die da ‚oben’ aufwachen…

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• Entschuldige Mama – du hast Recht, das war jetzt echt daneben! Ich geb’s zu und behaupte das Gegenteil! Aber ich bin halt unheimlich aufgeladen…

• ……………………………………….

• Warum geladen? Du – als Vampir hast du doch heute jede Menge Probleme, die noch viel schlimmer sind als dieses blöde Cholesterin! Was glaubst du Mama, was uns zum Beispiel diese beschissenen Kabel zu schaffen machen, die den jungen Leuten praktisch Tag und Nacht aus den ‚Ohrwascheln’ hängen, nur weil die ununterbrochen mit ihren Smartphones in irgendeiner App herumgurken oder sich ihr Hirn mit Popmusik zudröhnen…

• ……………………………………….

• Naa! Diese Kabel kennst du gar nicht, Mama! Die hat es vor ein paar Jahren überhaupt noch nicht so gegeben…

• ……………………………………….

• Wieso diese Kabel schlimm sind Mama? Das ist doch klar – du kannst doch praktisch in keinen Hals mehr beißen, ohne dass du diese blöden Kabel zwischen die Zähne kriegst!

• ……………………………………….

• Du sagst es Mama – mit unseren langen Eckzähnen verheddern wir uns doch ständig! Wenn dann diese nervösen Dinger beim Beißen noch dauernd herumwackeln, dann wickelt sich dieser Kabelkram wie ein Lasso um unsere Eckzähne und wir sind praktisch gefangen! Weißt du wie blöd das ist?

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• Na – Mama das nicht, aber wenn man wegrennt, reißt man den angebissenen ‚Madln’ fast jedes mal die Kopfhörerstöpsel aus den ‚Ohrwascheln’ und die Smartphones aus der Hand…

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• Du bist ‚leiwand’ Mama, was glaubst du was da los ist? Diese jungen ‚Gfrieser’ plärren sich doch einen ab, als würden sie abgestochen! Selbst wenn du denen schon ein Liter Blut rausgelutscht hast! Du die werden einfach nicht mehr müd’, Mama! Die sind alle bis oben hin mit ‚Red Bull’ abgefüllt!

• ……………………………………….

• Naaa – das Beißen an sich macht den meisten Madln nicht so viel aus! Außer man versaut ihnen das T-Shirt! Aber schlimm ist halt, wenn sie nicht mehr ‚online’ sind, das ist die eigentliche Katastrophe!

• ………………………………………..

• Genau – aber wenn du halt bei jedem Zubeißen mehr Kabel als Blut in der Goschen hast, dann brauchst du dich nicht wundern, wenn so was passiert.

• ………………………………………..

• Mama! Du hast da drüben wirklich keine Ahnung mehr, was sich bei uns abspielt! Du, wenn ich nicht bei jedem Biss, wie ein Haftlmacher aufpass’, dann filmen mich diese frechen Luder schon beim ersten Anbeißen mit ihren Smartphones und stellen mich schneller auf YOUTUBE als ich ausgelutscht und mir die Gosch abgewischt hab’! Das ist unheimlich, Mama…

• ………………………………………..

• Ja! Und du kannst dir vielleicht vorstellen wie die Elfi durchdreht, wenn sie mich dann wieder auf YOUTUBE sieht, wie ich bei einer Anderen Blut sauge? Du die holt fast jedes Mal der Herzkasperl und ich bin für den Rest der Woche gestorben…

• …………………………………

• Na – schön ist das nicht Mama, wirklich nicht…

• ……………………………………….

• Aber bitte fang jetzt nicht wieder damit an, dass ich daheim in Natternbach bleiben und nur an der Annerose herumbeißen hätte sollen…

• ……………………………………….

• Mama! – ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass so eine Bauerndirn’ nichts für mich ist! Ich hab wirklich keine Lust immer nur im Kuhstall in einen stinkenden Schweißhals zu beißen – das mag ich nicht Mama, davor graust mir…

• ……………………………………….

• Aber Mama, was glaubst du, wie überirdisch im Vergleich dazu diese Ausländerinnen riechen, die da haufenweise in der Nacht auf der Kärntnerstrasse in Wien herumtanzen!

• ……………………………………….

• Ja – du da duftet’s nach allen Nationen, die du dir nur vorstellen kannst…

• ……………………………………….

• Und wenn dann so eine Japanerin oder Chinesin vor dem frisch runtergeputzten Stephansdom steht, nach oben schaut, photographiert und ihren weißen Hals reckt, dann ist das einfach himmlisch! – wenn du da zuschnappen kannst!

• ………………………………………

• Mama – was heißt ich soll mich nicht versündigen – das ist wirklich himmlisch!

• ………………………………………

• Du hast ja Recht Mama – die Elfi ist natürlich auch himmlisch – aber in einem ganz anderen Sinn!

• ………………………………………

• Wieso? Na ja du die Elfi schleicht in letzter Zeit echt nur mehr wie so ein überirdisches Gespenst herum!

• ………………………………………

• Na ja du weißt, was ich für einen gesunden Appetit auf Blut hab’! Da bin ich ganz der Papa, aber das hält nicht jede längere Zeit durch – war ja bei der Herta, meiner Vorletzten, auch nicht anders gewesen!

• ……………………………………….

• Ja schad! Die Elfi ist wirklich ein super liebes Mädchen: blutarm aber lieb!!

• ………………………………………..

• Du Mama, das kann eh sein, dass du sie heute noch kennen lernst, ich hab nämlich einen wahnsinnigen ‚Hunger’ auf Blut – hoffentlich hält sie das aus!

• ………………………………………..

• Du ich muss jetzt wirklich Schluss machen! Da schauen schon ein paar Leutchen in dieser komischen Wartehalle so seltsam! Ich fürchte, wenn ich noch lang weiterred’, dann wollen die mein Blut, Mama! Aber mach dir keine Sorgen ich pack das schon! Servus, Mama – und sei lieb zu der Elfi – sie verdient’s wirklich – Servus!

KH

PS.
Das Foto ist von Google

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 8. Oktober 2015

Wir schaffen das! Oder die Gnade der Ahnungslosigkeit

Carl und Gerlinde (XLV)

Es gab Tage, da ahnte Carl bereits während des Aufwachens, bei dem Gerlindes elfenhaftes Gesäusel zwar schon an seine Basilarmembranen plätscherte, aber seine Augenlider noch nicht hochgeklappt waren, dass ihm Unangenehmes widerfahren würde.

ZZZZSimg211Entsprechend verkniffen fielen dann natürlich auch seine Gesichtszüge aus, die er während des Verzehrs seines Frühstückseies Gerlinde darbot und die sich eins zu eins in ihrer Miene widerspiegelten, so weit dies neuerdings zwischen den extrem aufdringlichen Illustrationen der ‚Frankfurter Allgemeinen’ überhaupt noch wahrnehmbar war.

Wie wenig ihn sein Gefühl auch diesmal trog, registrierte Carl, als ihm seine Sekretärin Bettina im Büro endlich den üblichen morgendlichen Kaffee servierte. Denn ihre bedeutungsvoll gekräuselten Lippen, weit geöffneten Augen und mehrfachen Versuche, die Kaffeetasse näher an ihn heran zuschieben, verhießen nichts Gutes.

Als sie ihm dabei noch zuflüsterte, dass Dr. Osterkorn um zehn Uhr dreißig zu einem Gespräch im großen Besprechungszimmer bittet – Unterlagen wären nicht nötig – war klar, dass sich seine düstere Ahnung auch dieses Mal erfüllen würde…

Überraschend war dann nur, dass neben Bernie alias Dr. Osterkorn sowie einer Reihe neuer unbekannter Gesichter, nicht nur die drei anderen Spartenleiter anwesend waren, sondern auch beide Geschäftsführer seiner Firma TRIGA.

Dr. Schäufele, dem kaufmännischen Geschäftsführer, oblag offensichtlich die Gesprächsführung, da er sich mit arg zerknautschtem Gesicht und ständigem Getuschel mit seinem Kollegen Dr. Tuchweber, an die Stirnseite des großen Besprechungstisches platziert hatte.

Carl schob sich, seiner gedämpften Stimmung entsprechend, unauffällig neben Miriam Braun, auf den einzigen noch freien Stuhl.

Dr. Schäufele kam sofort zur Sache! Nach dem sehr prononciert verlesenen Grußwort der Konzernleitung aus Düsseldorf verwies er, ohne von seinem Text hochzublicken, auf die gigantische nationale Aufgabe, die durch die dramatische Veränderung der politischen Großwetterlage auf Deutschland zukäme und der sich die Konzernleitung mit großem Respekt und Verantwortungsbewusstsein stellen werde.

Natürlich werde im Rahmen dieser noch nie da gewesenen Herausforderung – hier blickte Dr. Schäufele erstmals von seinem Manuskript hoch – auch die Firma TRIGA ihren angemessenen Beitrag leisten!

Dies umso mehr, fuhr Dr. Schäufele fort, als die Kanzlerin mit ihrem “Wir schaffen das“, ein klares Signal gesetzt habe! In ihrer unverwechselbaren Art, ohne sich in Details zu verlieren, habe sie damit nicht nur jedes Bundesland in Deutschland, jede Kommunen und jede Stadt zu einer Teilhabe an der Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien eingeladen, sondern auch jeden Staatsbürger und jede Staatsbürgerin. Alle seien aufgerufen, sich an dieser großen gesamteuropäischen Aufgabe zu beteiligen und hinsichtlich ihrer menschlichen und monetären Ressourcen bis an die Grenze des Möglichen zu gehen. Und da die Asylverfahren beschleunigt würden, sei trotz steigender Flüchtlingszahlen dies alles ohne nennenswerte Aufstockung von Bundesmitteln zu bewältigen, so die Kanzlerin!

Es sei kein Wunder, sagte Dr. Schäufele, mit schmalen Lippen, dass die Kanzlerin angesichts dieser vorbildhaften Einstellung von weiten Teilen der Presse gefeiert und vereinzelt sogar mit dem Friedensnobelpreis in Zusammenhang gebracht wurde!

Angespornt von diesen aufrüttelnden Worten der Kanzlerin, appelliere daher auch die Konzernleitung an alle Konzernfirmen, ebenfalls ihren Beitrag zu diesem großen nationalen Programm zu leisten und unbedingt über die Einbindung junger, geschulter und ungeschulter Kriegsflüchtlinge nachzudenken! Wie das im Einzelnen zu geschehen habe, würde, so Dr. Schäufele, eine speziell Arbeitsgruppe zum gegebenen Zeitpunkt konzerneinheitlich erarbeiten und an alle Sparten und Abteilungen der einzelnen Konzernfirmen durchstellen; natürlich mit der Maßgabe, dass sämtliches ungeplante Fremdpersonal innerhalb von drei Jahren derart in die laufenden Arbeitsprozesse eingebunden werden müsse, dass sowohl die aktuellen als auch mittelfristigen Umsatz- und Ergebnisziele nicht negativ beeinflusst werden und es somit zu keinerlei Beeinträchtigung der festgelegten Konzernkennzahlen komme: denn niemand – meine Damen und Herren – mahnte Dr. Schäufele mit sorgenvoller Miene, begleitet von einem heftigen Kopfnicken des Technischen Geschäftsführers Dr. Tuchweber, könne und wolle selbst während dieser schwierigen Wochen und Monate eine Gewinnwarnung des Konzerns riskieren! Niemand könne das wollen! Niemand!

Und um dem vorzubeugen, fiel Dr. Tuchweber seinem kaufmännischen Kollegen, Dr. Schäufele, ins Wort, erwarte er von der gesamten Führungscrew der Firma TRIGA, dass sie so motivierend auf ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einwirke, dass jeder Einzelne den Ernst der Lage erkenne und zukünftig nicht nur hundert Prozent, sondern die eben schon implizit geforderten hundertzwanzig Prozent seines persönliches Leistungsvermögen abrufe! Denn nur so, mahnte Dr. Tuchweber mit festem Blick in die Runde, werde Deutschland diese gigantische Aufgabe der geordneten Kanalisierung der Flüchtlingsströme bewältigen können.

Angesichts der sich nach diesem eindringlichen Appell der Geschäftsführung ausbreitenden Hochstimmung im Besprechungsraum wagte Carl die Frage, ob auch die Konzernleitung ihrerseits einen eigenen Beitrag erwäge und außerplanmäßig zusätzliche Gelder für diese große nationale Aufgabe bereitzustellen gedenke, nicht mehr laut auszusprechen, sondern nur noch seiner für den Vertrieb von Unterwäsche zuständigen Sitznachbarin Miriam Braun zuzuflüstern.

Doch noch während Miriam Braun, hilflos lächelnd, mehrmals ihre Schultern hochzog, verfestigte sich bei Carl schon die Gewissheit, dass sowohl diese Konzernleitung, als auch seine Geschäftsführung, ähnlich wie die Mitglieder der Bundesregierung, weniger um ihre gut ausgestattete monetäre Versorgung zu beneiden waren, sondern viel mehr noch um die ‚beispiellose Gnade der Ahnungslosigkeit’, mit der sie allesamt gesegnet waren. Hervorgerufen und sichergestellt durch eine alle Bereiche durchdringende hierarchische Ordnungs- und Befehlsstruktur, die wie ein präzis arbeitendes Filtersystem alles aussortierte, was ‚oben’ weder gehört noch gesehen werden wollte!
Ja selbst die Herstellung von läppischen Unterhosen geschah nach diesem Muster.

Da aber Carl dieser Gnade nie ausgesetzt sein wollte, ja plötzlich sogar von einer unerwarteten Übelkeit beschlichen wurde, die durchaus auch auf alle anderen im Raum und im Lande übergreifen konnte, sprang er zum Erstaunen der übrigen Gesprächsteilnehmer spontan auf und verließ kopfschüttelnd die Besprechung…

KH

Klaus Hnilica
Mittwoch, der 15. Juli 2015

Gefangen in Balkonien

Carl und Gerlinde (XLIV)

Oh Gott – diese Hitze! Unerträglich! Und ausgerechnet heute Abend wollen Hannelore und Kurt noch einen ausgeben, da sie endlich ihre Hausrenovierung geschafft haben. Nach zwei endlosen Jahren, in denen niemand mehr mit einem positiven Ende gerechnet hatte!

ZZZZGAls Carl nämlich in der ‚Frankfurter Allgemeinen’ von den sechzig dokumentierten Fassadenbränden in der Stadt Frankfurt gelesen hatte, bei denen die Wärmedämmung als höchst effektiver Brandbeschleuniger fungierte, und diesen Befund genüsslich Kurt unter die Nase hielt, war dem jegliche Lust auf weitere Minimierung der Heizkosten vergangen. Aber seine beharrliche ‚Klimaretterin Hannelore’ hatte die Wärmedämmung dann doch bei ihm durchgequengelt! Und da sie schon am Quengeln war, auch noch gleich die Rollladensanierung: alle fünfzehn Rollläden an Fenstern und Türen ihres einstöckigen Zweifamilienhauses gingen seit letztem Dienstag mucksmäuschenstill, sonnensensorgesteuert, vollautomatisch auf und zu…

Und darauf möchten er und Hannelore heute mit ihren Freunden anstoßen, stammelte Kurt. Allerdings hätten die Renners und Gutmanns leider in letzter Minute abgesagt, weil Kerstin einen Hitzeausschlag hat, Anne gestern von einer Biene gestochen worden war mit entsprechender allergischer Reaktion und ihr Mann immer noch im Büro herumturnte, ohne sagen zu können, wann er heim käme.

Aber hier am nordseitig gelegenen Balkon im ersten Stock, fuhr Kurt fort, nachdem er das gesamte Renovierungsabenteuer noch einmal Revue passieren hatte lassen und seinen Aperol Spritz, nun schon ohne Eis, immer noch fest umklammert hielt, könne man es auch bei 32 Grad wunderbar aushalten! Dieses herrlich erfrischende Lüftchen, von allen Seiten herangefächelt, hätte Hannelore letztlich auch dazu bewogen, ihr kleines leckeres Buffet doch hier auf dem Balkon aufzubauen…

„Kurt, wenn du noch lange mit deinem vollen Glas in der Hand weiterlaberst“, ging Hannelore plötzlich energisch dazwischen, „sind, unsere einzigen verbliebenen Gäste längst verdurstet und skelettiert, bevor sie an unseren Leckereien auch nur gerochen haben. Bitte lass uns doch endlich den warm gewordenen Aperol Spritz durch unsere ausgedörrten Kehlen jagen und zu den kühlen Bierchen im Eiskübel übergehen! Und meinen Häppchen täte es auch gut, wenn sie schnellstens in unsere leeren Mägen versenkt würden, bevor das Basilikum gänzlich verdorrt ist und die Wespen deinen pikanten Sardinenaufstrich aufgefressen haben…“!

„Gott sei Dank!“ stöhnte Carl und tätschelte erleichtert Hannelores nacktes Ärmchen, während Gerlinde den so harsch unterbrochenen Kurt mit ein paar zugeflüsterten Nettigkeiten zu trösten versuchte.

Carl war auch der Erste, der nach der kurzen, peinlichen Pause, sich eines der Bierfläschchen aus dem Eiskübel angelte und damit, ohne abzusetzen, den lauwarmen Aperol Spritz aus seiner Gurgel spülte!

Alle anderen folgten nach und nach, und da sie tatsächlich das frische Lüftchen auf dem Balkon genossen, begannen ihre kauenden Mäuler auch bald wieder munter zu schnattern.

Erst dieses Mark erschütternde „Nein! Verdammt!“ sorgte für eine neuerliche Gesprächsunterbrechung: alle drei starrten auf Kurt, der hochgradig erregt, mit dem Eiskübel voll leerer Bierflachen, vor dem geschlossenen Rollladen der Balkontür stand: niemand hatte etwas gemerkt, da alles so lautlos passiert war.

Und jetzt war er zu! Der Rollladen!

Und das Steuergerät natürlich drinnen und keiner hatte sein Handy dabei. Wo hätte man es in der leichten Sommerkleidung auch unterbringen sollen; selbst Carl hatte in seiner Pumpkin Short kein passendes Täschchen!

„Und was nun, mein goldiges Programmiergenie?“ giftete Hannelore ihren völlig konsternierten Kurt an. „Wenn ich mich recht entsinne, hast du mir noch letzte Woche mindestens zwanzigmal versichert, dass das nie passieren könnte, da du die Rollläden bei allen Balkontüren so programmiert hättest, dass sie immer auf halber Höhe stehen bleiben, oder irre ich mich da, mein superkluges Kurtchen?“
„Du irrst dich nicht, liebe Hannelore, ich steh ja selbst vor einem Rätsel…“

„Nicht nur vor einem Rätsel, lieber Kurt, sondern auch vor einer total verschlossenen Balkontür“, ergänzte Carl grinsend.

„Und – und was nun, ihr lieben Leutchen“? motzte Gerlinde säuerlich.

„Weiß ich nicht – weiß ich wirklich nicht…!“ stotterte Kurt.

„Vielleicht schreien!“ rief Hannelore plötzlich, „ ja wir schreien alle zusammen so laut, als läuteten die Kirchenglocken; irgendwer muss uns dann hören…“

„ Haha – wer denn?“ stöhnte Kurt. „Rechts die Nachbarin ist schwerhörig und sitzt vor der Glotze und links die Nachbarn sind im Urlaub…“

„Und die da hinten machen Party im Garten und hören auch nichts vor lauter Krach“, ergänzte Gerlinde genervt.

„Aber bei der Hilde gegenüber ist doch Licht! Im Obergeschoß!

Und die Fenster stehen auch alle offen“, rief Kurt auf einmal triumphierend…

Und sofort fing er an, laut nach seinem Liebling zu rufen, der allerdings mit seinen 82 Jahren auch nur über ein sehr begrenztes Hörvermögen verfügte. Kurt ließ sich nicht entmutigen: er brüllte solange „Hilde“ – bis – ja bis ihm die Puste ausging!

Natürlich fuhren auch einzelne Autos unten vorbei! Aber die nahmen von den ‚Eingeschlossen Vieren auf dem Balkon’ keinerlei Notiz. Und selbst, wenn sie etwas bemerkt hätten, wären sie bestimmt der Meinung gewesen, dass die da oben bestens versorgt wären, da sie so schreiend komisch herumjubelten und andauernd winkten…

Und Blanka die polnische Betreuung von Hilde war natürlich auch nicht greifbar – aber die hätte ohnehin nichts verstanden, denn die ‚Deitsche Sprache’ war nicht unbedingt ihre Stärke!

Als Carl sein mächtiges Organ schließlich auch auf Kurts ‚Hilderufe’ eingetaktet hatte, tauchte die sehnlichst Gerufene tatsächlich in einem der beleuchteten Fenster auf und winkte der fröhlichen Balkonrunde gegenüber begeistert zu…

Sie stellte auch fest, dass es sehr heiß bei ihr sei und sie unter ihrem leichten Hemdchen völlig nackich sei!

Auf Kurts verzweifelten Zuruf, er bräuchte dringend den bei ihr deponierten Haustorschlüssel, antwortete sie aber wieder nur mit,

„ich bin nackich …“!

Und auf die Frage, wo Blanka stecke, natürlich auch „ich bin nackich…“!

Da es aber trotz der erfreulichen Nacktheit von Hilde unausweichlich auf Mitternacht zuging und nicht nur die Flasche Aperol, sondern auch die drei Flaschen Sekt leer waren, ergriff Carl endlich mannhaft die Initiative: angetrieben von etlichen Promillen, schwang er sich ohne jede Vorwarnung plötzlich vor aller Augen wie Tarzan übers Balkongeländer, langte ungeschickt zu der nach unten führenden Dachrinne, und – noch ehe Gerlinde besorgt aufschreien konnte – war er, begleitet von einer Art Urschrei, unten angekommen!

Jedenfalls nach dem dumpfen Aufprall zu schließen und diesem tierischen „Aua – Scheiße!“.

Und nach ängstlichen Fragen von oben und angespannter Stille unten, dann endlich ein erlösendes Gestöhne und die gespenstige Feststellung:

„Jetzt bin ich auch nackich…!“

Worauf alle befreit losgrölten und merkten, dass Carls schöne neue Sommerbekleidung zerfetzt an der Dachrinne hing und er, Tarzan selbst, in der heil gebliebenen TRIGA – Unterhose offensichtlich alles ohne Knochenbrüche überstanden hatte…

Da über den Bewegungsmelder auch die Terrassenbeleuchtung angegangen war, stand er sogar höchst spektakulär und blutverschmiert, voll im Rampenlicht!
Kein Wunder, dass Hilde lautstark mitapplaudierte und immer wieder feststellte, dass der Kurt ja auch nackich sei…

Da es zwar nicht der Kurt sondern der Carl war, den sie für den Kurt hielt, hielt dieser aber dank dieser Verwechslung, schon wenige Minuten später, endlich den ersehnten Reserve–Haustorschlüssel in Händen…

Was für ein Triumph der strapazfähigen TRIGA – Unterhosen! Denn ohne sie hätte Carl nie so ungebremst zu Hilde stürmen können…

KH