Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. November 2015

Die Lawine oder die unschickliche Abkehr von der Hydraulik

Carl und Gerlinde (Folge 46)

Typisch! Immer wenn Carl Zuspruch benötigte, war niemand daheim. Nach einem erwartungsvollen Hallo drückte er daher missmutig die Haustür zu.

ZZZZZimg213Auf der Ablage in der Diele klebte immerhin eine Notiz:
‚Sortiere Winterklamotten in der Bürgerhalle. Komm doch nach! Wird spät. Küsschen Gerlinde’.

Hm-Mist! Statt einem freundlich aufgehellten Gesicht drängte nur die übliche Novemberschwärze vom Garten ins Wohnzimmer. Das letzte Stück Himmel verkrümelte sich schamrot hinter der gelben Tamariske. Mehr Himmel war auch nicht nötig, den brauchte Carl jetzt wirklich nicht. Eher schon das Fegefeuer oder die Hölle…

Noch in der Diele fiel ihm die Tasche aus der Hand. Den Trenchcoat und die Schuhe pfefferte er verdrießlich in Richtung Kleiderablage.

Scheißtag, stöhnte er zum dritten Mal und langte automatisch nach der Brandy-Flasche! ‚Carlos I’! Angewidert fischte er sich ein Glas über der Hausbar und warf sich ächzend auf die Wohnzimmercouch. Teilnahmslos starrte er auf sein Spiegelbild in der nachtschwarzen Scheibe der Terrassentür. Beim ersten ‚Carlos’ prostete er sich noch zu.

Beim zweiten ärgerte er sich bereits wieder, dass sein verdammtes Kleinhirn immer noch um das Gesabber der Konzernleitung in der heutigen Besprechung kreiste und auch nicht von dem Beruhigungsgelaber der ‚regierenden Märchentante’ los kam, die durch ihr beharrliches ‚Wir schaffen das – Wir schaffen das – Wir schaffen das’, unbeirrt den schon seit zehn Jahren andauernden Tiefschlaf in ihrem Reich weiter aufrecht zu erhalten versuchte.

Ja – vermutlich war sie sogar selbst das ‚Dornröschen‘!

Was aber nicht einmal der ehrgeizige Prinz Seehofer im flüchtlingsüberfluteten Bayern wusste: denn sonst wäre der niemals so enttäuscht gewesen, dass sie überhaupt nicht aufwachen wollte und nichts mitbekam, was ringsum in ihrem Reich geschah.

Dabei hatte er sich so bemüht und sie ganze zwanzig Minuten vor dem gesamten bayrischen Hofstaat neben sich stehen lassen, um allen zu zeigen, dass sie sehr gut durchhielt, wenn er das Kommando übernahm und regierte und sie stehend neben ihm  weiterschlafen konnte – wie bisher…

Und wahrscheinlich wäre Carl nach dem vierten ‚Carlos’ auch entschlummert, wenn er nicht versehentlich mit der rechten Hand auf die Fernbedienung seines Fernsehers getappt wäre und mit einem Mal einen aufgeregten Fernsehmoderater vor sich gehabt hätte, der ziemlich böse auf einen abwesenden Schäuble eindrosch, weil dieser völlig unschicklich aus der ‚hydraulischen Kollektivsymbolik’ der Bundespolitik bei der Beschreibung des Flüchtlingsthemas ausgebrochen war.

Und der – ach wie schlimm, auf einer vom Moderator kurz eingeblendeten Veranstaltung, den überbordenden Flüchtlingszuzug nach Deutschland mit einer ‚Lawine’ verglich, die ein unvorsichtiger Schifahrer an einem Steilhang ausgelöst haben könnte, indem er unbedacht etwas Schnee bewegt hatte: eine Lawine, von der im Moment niemand wusste, ob sie bereits im Tal war oder erst im oberen Drittel des Hanges.

Schlimm sei das! Menschenunwürdig und katastrophisch sei dieses missratene Bild, so der auf Mainstream gebürstete Moderator! Und total schief sei dieser Vergleich! Schließlich sei die Kanzlerin – ganz im Gegensatz zu dem ehemaligen Alpinisten Schäuble – noch nie alpin in Erscheinung getreten, sondern ausschließlich als Langläuferin und da nur in Niederungen!

Übel, so der Moderator, sei dieser vollkommen unerwartete lawinöse Ausbruch des Finanzministers, aus der von allen Parteien und Medien akzeptierten ‚hydraulischen Kollektivsymbolik’!

Und was das zu bedeuten habe, fragte er, dass Schäuble dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt inszeniere, wo die Kanzlerin spürbar in der Bevölkerung und Partei an Zustimmung verliere? Rüttle da jemand nachhaltig an ihrer Richtlinienkompetenz? Zeigten sich da nicht nur zwischen CSU und CDU tiefe Risse, sondern selbst schon innerhalb der CDU? Ja sogar in der großen Koalition?

Was sei da los? fragt der Moderator offensichtlich nicht nur sich selbst, sondern auch in Richtung Carl, der aber statt einer Antwort mit einer Gegenfrage konterte: Nämlich mit der Frage, ob er, der superkluge Herr Moderator wisse, wie viel Gläschen Brandy er, Carl, schon intus habe: waren das nun vier, fünf, sechs oder sieben? Denn er selbst wisse das nicht mehr.

Dabei sei die Beantwortung dieser Frage für ihn viel wichtiger, so Carl zum Moderator auf dem Bildschirm, als der ganze Lawinenzauber! Denn diese Antwort entscheide letztlich, ob er, Carl, es wagen konnte, jetzt noch in die Bürgerhalle zu gehen und vor die strengen Augen seiner ‚Winterklamotten sortierenden Gerlinde’ zu treten, um vielleicht endlich auch etwas Konkretes für die Flüchtlinge zutun.

Oder aber, ob er Gesichts wahrend lieber daheim bleiben und nichts Praktisches tun sollte? Dafür aber morgen, wenn er wieder nüchtern war, wie bisher eine Lösung nach der anderen klugscheißerisch in die Welt posaunen sollte – zu diesem schwierigen hydraulischen Flüchtlinsthema, das plötzlich von der Politik auch lawinös angegangen wurde…

Hm – wahrlich eine schwierige Entscheidung, sagte sich Carl, die auf keinen Fall vor dem nächsten ‚Carlos’ entschieden werden sollte. Oder?

KH

Hans Bonfigt
Dienstag, der 3. November 2015

Drei glorreiche Halunken (II)

ISDN, DSL und Robert T. Online:

Die Degeneration entläßt ihre Kinder

Ein Zweiäugiger sucht seinen Blinden

Mein Schwager ist ein „wert-konservativer“ Mensch.

Brahms, Violinkonzert? Ja, gerne! Aber „Deutsche Grammophon“ muß es sein, mit Herbert von Karajan, den Berliner Philharmonikern und Anne Sophie Mutter. Denn etwas „Besseres“ wird es niemals geben! Niemals nicht!

Und auch beim Telephonieren machte er keine Experimente: TELEKOM, das war das Beste und Einzige. Was der 280 SE in der Garage, war der Telekom-Anschluß im Wohnzimmer. Robust, unprätentiös, alternativlos.

Die Liebe zur Telekom wurde durch einige „Innovationen“ erschüttert: Vor allem zu nennen wäre der „Netz-Anrufbeantworter“, der, in seiner Standardeinstellung, ungefragt Anrufe entgegen nimmt und automatisch morgens um 03:30 durch hartnäckiges Klingeln signalisiert. Und morgens um 03:32 hat man genau die Ruhe und Gelassenheit, den nur 72 Stellen langen Deaktivierungscode einzugeben.

Als dann aber „Robert T. Online“, womöglich noch präsenter als „Dieter Bohlen“, im Rahmen des „Börsengangs“ der neuen „Telekom“ von allen freien Werbeflächen prangte, hatte mein Schwager die Nase gestrichen voll und kündigte. Ich kann das sehr gut verstehen. Muß man sich eigentlich jede Entgleisung gefallen lassen? Ich finde: NEIN. Denn sonst wird es schlimmer.

Und es war auch ohne „Robert“ schlimm genug: In Teil I habe ich mit dem grandiosen Scheitern von „EWS“ aufgehört. Die Telephoniesituation in Deutschland war katastrophal, die Fernverbindungen waren so schlecht, daß die DATEV, das seinerzeit mit Abstand größte gewerbliche Rechenzentrum Europas, in vielen größeren Städten „DFV-Konzentratoren“ errichtete, weil die Analogmodems trotz einer Geschwindigkeit von nur 1.200 Baud nicht mehr von Flensburg oder Dortmund nach Nürnberg durchkamen.

Und auch wenn die Leitung sauber war, dann gab es oft das berüchtigte „Gassenbesetzt“ nach der zweiten, dritten Vorwahlnummer. Es war deswegen oft üblich, eine Modemverbindung manuell, also mit Handapparat und Wählscheibe, aufzubauen. Alle beschriebenen Probleme betrafen naturgemäß nicht nur den Daten-, sondern auch den Sprachverkehr.

Ende der Achtziger Jahre setzten sich Nachrichtentechniker durch: Entgegen der damals durchaus gängigen Meinung, daß man eigentlich nur mit Koaxialkabel höhere Frequenzen sicher würde übertragen können, stellte man nämlich fest, daß auch mit der klassischen, verdrillten Kupferader, mit denen so gut wie alle Fernsprechteilnehmer am „HVT“ angeschlossen waren, ein wesentlich höheres Frequenzband übertragen werden konnte als die ursprünglich vorgesehenen 3,5 KHz.

Wenn man die Verspulung der Teilnehmeranschlußleitungen entfernte, konnte man leicht 128 KHz erreichen. Nun mögen Fledermäuse bei diesen Frequenzen kommunizieren, aber Menschen tun es nicht. Man kam daher auf die gleiche pfiffige Idee wie beim Rundfunksender, wo eine sehr hohe Trägerfrequenz im Rhythmus des niederfrequenten Sprachsignals moduliert wird.

Aber diesmal hatten die Erfinder weiter gedacht: Auch ein Radiosignal verliert mit Entfernung, Dämpfung und Störungen irreversibel an Qualität. Also tastete man die niederfrequenten Sprachdaten ab, wandelte die in einen Strom von Nullen und Einsen um und modulierte sie auf einen hochfrequenten Träger, um sie nun über eine Zweidrahtleitung verschicken zu können – mit dem Vorteil, daß an beliebigen Stellen im Netz durch De- und Remodulation eine hundertprozentig verlustfreie Auffrischung des Signals erreicht werden konnte. Die digitale Telephonie war geboren. Doch was nützt eine digitale Übertragung zum Hauptverteiler, wenn die Fernstrecken weiterhin analog betrieben werden? Deshalb wurde im Bereich des sog. „Backbones“ massiv digital aufgerüstet.

Vielleicht kommt dem einen oder anderen Leser die Frage in den Sinn, „Warum eine so hohe Bandbreite auf der Teilnehmerleitung belegen?“. Nun, die Architekten von ISDN hatten von vornherein im Auge, daß die Anzahl der Telephonanschlüsse explosiv steigen würde, die Kapazität der in der Erde vergrabenen Hauptkabel aber „hart“ durch die Anzahl der vorhandenen Doppeladern begrenzt war. So kam man auf die Idee, einen sogenannten „Zeitmultiplex“ einzusetzen, um eine einzelne Doppelader zweifach und ein Doppeladerpärchen sogar 32-fach zu nutzen. Das vielen bekannte Konzept mit den beiden B-Kanälen und dem D-Kanal war geboren.

Eine Kupfer-Doppelader wurde also dadurch zweifach genutzt, daß die Gesamtkapazität der Übertragungsstrecke in kleine Zeitscheiben aufgeteilt wurde, die alternierend den Nutzkanälen zugeteilt wurden. Trotz dieser Aufteilung erreichte man eine für Telephonate völlig ausreichende Datenrate von 64 KBit/s pro Kanal.  Bei Telephonieanwendungen wird das Sprachsignal 8.000 mal pro Sekunde abgetastet, und zwar mit einer Quantisierungsrate von 8 Bit, sprich, es existieren 256 mögliche Werte für die Momentanlautstärke des Signals zum Zeitpunkt einer jeden Abtastung. Dies gewährleistet, zusammen mit einer gewissen Pre- und Deemphasis, auch unter heutigen Gesichtspunkten eine gute bis sehr gute Gesprächsqualität.

Gegenüber dem aktuellen „Voice over IP“ bietet ISDN einen unschlagbaren Vorteil: Die Plesiochronizität, vereinfacht: „Fast-Synchronizität“ innerhalb des gesamten Landesnetzes. Sprich:  Eine zu übertragende Zeitscheibe landet mit Lichtgeschwindigkeit beim Empfänger. Echos, wie man sie bei anderen Techniken kennt, sind zwar vorhanden, werden aber wegen der faktisch nicht vorhandenen Zeitverzögerung als solche nicht wahrgenommen!

Zuguterletzt konnte man ISDN erstklassig dazu verwenden, Daten zu übertragen, weil zum einen keine zusätzlichen, aufwendigen Modems mehr benötigt wurden – man konnte die Daten mit 64 oder sogar 128 KBit/s (bei Bündelung zweier B-Kanäle) direkt auf die Strecke schicken. Ohne Verluste, ohne zeitaufwendigen Verbindungsaufbau, mit automatischer Vermittlung.

ISDN war ein großer Entwurf und bis ins Detail von Nachrichtentechnikern durchdacht. Das mag damit zusammenhängen, daß SIEMENS zum erstenmal ernsthafte Konkurrenz hatte, nämlich NIXDORF. Brancheninsider witzelten gerne, „ISDN“ heiße nicht „Integrated Services Digital Network“, sondern in Wahrheit, „In Sachen Digitalisierung: Nixdorf“. Denn in der Tat setzte beispielweise die „Digitale Vermittlungsstelle NIXDORF 8818“ national und international Maßstäbe. Vielerorts ist dieses System noch im Produktiveinsatz.

„ISDN“ – das VW 411 – Protokoll

11 Jahre zu spät und 4.000 Mark zu teuer: Der VW 411

So witzelten Kenner über ISDN. Dennoch sollte festgehalten werden: Auch wenn ISDN eine Dekade zu spät kam, so war sie bereits Technik aus dem aktuellen Jahrhundert, während die bisherige Telephontechnologie auf Erfindungen basierte, die in den 1880er Jahren bereits Serienreife erreicht hatten.

Dann kamen der Börsengang und die „Privatisierung“

Und Robert T. Online schickte sich an, aus einer soliden technischen Basis wieder ein Mickymausprodukt zu machen – passend zur „Stilikone“.

Es fing damit an, daß die neu privatisierte „Telekom“ bei ISDN-Datenübertragungen auf Kompression verzichtete, welche bei „normalen“ Analogmodems gang und gäbe war. So konnte es leicht passieren, daß man mit einem guten Analogmodem die dreifache Datenrate erreichte wie mit ISDN. Es wäre nun ein Leichtes für die Telekom gewesen, die Kompression zu aktivieren – aber der Endkunde wurde mit schwammigen Ausreden an der Nase herumgeführt. Aber es kommt noch knüppeldicke: Was die Telekom, genauer die T-ochter T-online in Weiterstadt, so gar nicht mochte, war Wettbewerb.

Privatisierung ja, speziell beim Herausekeln der Mitarbeiter, das ist ja wohl klar – aber wir wollen doch nicht im Wettbewerb stehen! Also verramschte die Telekom ihre ISDN-Anschlüsse, welche aus Volkseigentum heraus erstellt worden waren, zu einem Spottpreis, den kaum ein Konkurrent halten konnte.  Reihenweise gingen die Anbieter in Konkurs.

Als es dann faktisch nur noch eine Handvoll Internetprovider gab, fiel der Telekom urplötzlich auf, „Hilfe, die Notrufe könnten ja behindert werden!!!“. Na sowas, auf einmal, urplötzlich und nicht vorhersehbar. Selbstredend mußten die ISDN-Gebühren erhöht und der Kunde zu DSL genötigt werden.

DSL setzt nochmals „einen drauf“, indem die Teilnehmeranschlußleitung unterteilt wird: Der Bereich von 0 bis 140 KHz wird für ISDN reserviert und der Bereich ab 140 KHz für DSL, den seinerzeit aktuellen Stand der Datenübertragung über Kupfer-Doppeladern.

Die Erfinder von ISDN wußten damals genau, was sie taten, als sie die obere Grenzfrequenz von ISDN bei der Marke von 140 KHz setzten. Dieser Bereich ist einigermaßen dämpfungsfrei und kann als „Filetstückchen“ der Leitung bezeichnet werden, alles, was darüber hinausgeht, ist eher Schlachtabfall.

Die Inhaber von Analoganschlüssen hatten es da besser: Für ihre Telephonate brauchten sie ja nur den Bereich bis 3,5 KHz, so daß zusätzlich noch ein hochwertiges Frequenzband von mehr als 130 KHz zur Verfügung stand. In einfachen Worten: DSL, kombiniert mit ISDN, weist entweder eine wesentlich geringere Datentransferrate oder aber eine wesentlich geringere Reichweite auf. Das wurmte die Telekom ungemein, und so wurde, zum erheblichen Nachteil aller Analogkunden, das freie Frequenzband ganz bewußt ausgespart, denn „Unsere ISDN-Kunden sollen es nicht schlechter haben als die Analogkunden„. Weil aber die Telekom federführend war bei der „letzten Meile“ und den Hauptverteilern, mußte sich der – gerade noch verbliebene – Wettbewerb auf den unsäglichen nationalen Alleingang „Annex B“ einstellen.

Besonders ärgerlich dabei ist das Geheule diverser Verantwortlicher, man würde ja so gerne entlegene Gebiete anbinden, wenn man denn nur könnte…

Wie schamlos und dreist gelogen und betrogen wurde, kann man daran sehen, wie ein neues „Produkt“ realisiert wurde:  Mit einem ebenfalls unnötigem nationalen Alleingang „Annex J“ wird nun die gesamte Bandbreite der Teilnehmerleitung für Datenübertragung genutzt. Und siehe da: Urplötzlich sind viele entlegene Haushalte per DSL erreichbar, mit akzeptablen Datenraten! Wer hätte das gedacht?

Ja, wer? Eigentlich wußten es alle. Denn die ersten DSL-Splitter, die die Telekom ausgeliefert hatte, verfügten noch über einen Schalter „Analog/ISDN“. Die eine Sache ist, eine riesige Kundengruppe dreist abzukochen. Die andere Sache ist, dies mit Heerscharen von Mitwissern zu tun. Aber es hat sich nie jemand aufgeregt.

In Abwandlung von Karl Krauss:
Der T-Online – Benutzer säuft willig den Kakao aus, durch den man ihn vorher gezogen hat.

Schalten Sie auch demnächst wieder ein, wenn wir hier einen vorsichtigen Blick werfen auf die aktuellen, atemberaubenden Spitzenleistungen des dreistesten Leistungsverweigerers seit der Deutschen Bahn.

hb

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 29. Oktober 2015

Halloween in Wien oder das Hardwareproblem der Vampire…

Ein Gespräch mit drüben…
WienaktuellfotoNatürlich ist Gottlieb Bissinger auch in der Halloween Nacht in Wien unterwegs! Um drei Uhr morgens landet er aber ziemlich verstört auf einem völlig verwahrlosten Vorortebahnhof. Seltsame Gestalten hängen da herum. Ob er um diese Zeit noch einen Zug nach St. Pölten bekommt weiß er noch gar nicht. Bisher konnte er weder die Bahnsteige noch einen Fahrkartenschalter ausfindig machen. In seiner Ratlosigkeit wählt er wie üblich Mamas Telefonnummer – und die Verbindung nach drüben klappt sogar:

• Hallo Mama! Ich bin’s der Gottlieb! Schön, dass ich dich noch erreich’. Aber wo du bist schlaft man ja eh nimmer, oder?

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• Na ja – du weißt ja wie’s mit meiner Schlaferei steht? Ich schlaf ja erst um drei in der Früh so richtig weg! Die Elfi ärgert das immer, wenn ich bis drei in der Früh an ihr herumknabbern will…

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• Die Elfi? Wer das ist? Das ist meine Neue aus St. Pölten!

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• Na – Mama, die Elfi ist keine von uns.

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• Der Elfi ihre Eltern sind echte ‚No Vamp People’: stink fade Salatfresser, mit Null Bock auf irgendeine Gaudi – und jeden Abend vor der Glotze. Und um Mitternacht liegen die natürlich im Bett und sind nicht so wie unsereiner noch auf einen Blutlutscher unterwegs…

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• Genau Mama – statt ein paar geschmackige Schluckerl Blut, süffelt ihr alter Herr vor der Glotze ununterbrochen Bier – ‚Schwechater’!

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• Na Mama, du brauchst dir da drüben wirklich keine Sorgen um mich machen, das sind ganz ordentliche Leute! Genau wie man sie so kennt, die ‚No Vamp People’: freundlich, sauber, phantasielos – und unheimlich fleißig. Du die ‚hackeln’ wirklich von der Früh bis in die Nacht…

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• Wie? Na – das kann man so nicht sagen, Mama! Da diese ‚No Vamps’ die ganze Nacht durchschlafen, wissen die tagsüber wirklich nicht wo sie mit ihrer Energie hinsollen! Und dann ‚hackeln’ sie halt wie die Deppen! Nicht so wie unsereiner der tagsüber gern ein bisschen durchhängt! Überhaupt wenn man wieder so einen ‚Blutbatzen’ mit schlechtem Cholesterin erwischt hat.

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• Mama! Dieses LDL Cholesterin ist wirklich schlimm! Du glaubst gar nicht wie dir von so einer ‚LDL – Bombe’ am nächsten Tag die Birne weh tut. Am liebsten möchtest du deinen Schädel abschrauben, in die Ecke legen und fortgehen! Echt! Diese jungen ausgefressenen ‚Madln’ wissen gar nicht, was sie uns armen Vampiren antun mit ihrem blöden ‚Fast Food Fraß’ und ihren wahnsinnigen Cholesterinwerten…

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• Ja – du hast vollkommen Recht, Mama! Eigentlich ist das eine Schädigung der Vampirvolksgesundheit, was die bei Mc Donalds mit ihrem Fast Food jeden Tag machen! Denen müsste man echt die Gesundheitsbehörde auf den Hals hetzen!

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• Aber komm Mama, das ist doch lächerlich! Du kannst dich ja sicher noch erinnern, was in Österreich mit so einer Anzeige passiert? Die wird doch sofort von ‚oben’ kassiert! Wer kümmert sich denn in Wien schon um ein paar ‚Blutlutscher’? Wahrscheinlich müssten wir auch erst in verrosteten ‚Schinackln’ über den Neusiedlersee schippern und uns ins Wasser schmeißen, dass die da ‚oben’ aufwachen…

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• Entschuldige Mama – du hast Recht, das war jetzt echt daneben! Ich geb’s zu und behaupte das Gegenteil! Aber ich bin halt unheimlich aufgeladen…

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• Warum geladen? Du – als Vampir hast du doch heute jede Menge Probleme, die noch viel schlimmer sind als dieses blöde Cholesterin! Was glaubst du Mama, was uns zum Beispiel diese beschissenen Kabel zu schaffen machen, die den jungen Leuten praktisch Tag und Nacht aus den ‚Ohrwascheln’ hängen, nur weil die ununterbrochen mit ihren Smartphones in irgendeiner App herumgurken oder sich ihr Hirn mit Popmusik zudröhnen…

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• Naa! Diese Kabel kennst du gar nicht, Mama! Die hat es vor ein paar Jahren überhaupt noch nicht so gegeben…

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• Wieso diese Kabel schlimm sind Mama? Das ist doch klar – du kannst doch praktisch in keinen Hals mehr beißen, ohne dass du diese blöden Kabel zwischen die Zähne kriegst!

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• Du sagst es Mama – mit unseren langen Eckzähnen verheddern wir uns doch ständig! Wenn dann diese nervösen Dinger beim Beißen noch dauernd herumwackeln, dann wickelt sich dieser Kabelkram wie ein Lasso um unsere Eckzähne und wir sind praktisch gefangen! Weißt du wie blöd das ist?

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• Na – Mama das nicht, aber wenn man wegrennt, reißt man den angebissenen ‚Madln’ fast jedes mal die Kopfhörerstöpsel aus den ‚Ohrwascheln’ und die Smartphones aus der Hand…

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• Du bist ‚leiwand’ Mama, was glaubst du was da los ist? Diese jungen ‚Gfrieser’ plärren sich doch einen ab, als würden sie abgestochen! Selbst wenn du denen schon ein Liter Blut rausgelutscht hast! Du die werden einfach nicht mehr müd’, Mama! Die sind alle bis oben hin mit ‚Red Bull’ abgefüllt!

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• Naaa – das Beißen an sich macht den meisten Madln nicht so viel aus! Außer man versaut ihnen das T-Shirt! Aber schlimm ist halt, wenn sie nicht mehr ‚online’ sind, das ist die eigentliche Katastrophe!

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• Genau – aber wenn du halt bei jedem Zubeißen mehr Kabel als Blut in der Goschen hast, dann brauchst du dich nicht wundern, wenn so was passiert.

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• Mama! Du hast da drüben wirklich keine Ahnung mehr, was sich bei uns abspielt! Du, wenn ich nicht bei jedem Biss, wie ein Haftlmacher aufpass’, dann filmen mich diese frechen Luder schon beim ersten Anbeißen mit ihren Smartphones und stellen mich schneller auf YOUTUBE als ich ausgelutscht und mir die Gosch abgewischt hab’! Das ist unheimlich, Mama…

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• Ja! Und du kannst dir vielleicht vorstellen wie die Elfi durchdreht, wenn sie mich dann wieder auf YOUTUBE sieht, wie ich bei einer Anderen Blut sauge? Du die holt fast jedes Mal der Herzkasperl und ich bin für den Rest der Woche gestorben…

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• Na – schön ist das nicht Mama, wirklich nicht…

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• Aber bitte fang jetzt nicht wieder damit an, dass ich daheim in Natternbach bleiben und nur an der Annerose herumbeißen hätte sollen…

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• Mama! – ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass so eine Bauerndirn’ nichts für mich ist! Ich hab wirklich keine Lust immer nur im Kuhstall in einen stinkenden Schweißhals zu beißen – das mag ich nicht Mama, davor graust mir…

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• Aber Mama, was glaubst du, wie überirdisch im Vergleich dazu diese Ausländerinnen riechen, die da haufenweise in der Nacht auf der Kärntnerstrasse in Wien herumtanzen!

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• Ja – du da duftet’s nach allen Nationen, die du dir nur vorstellen kannst…

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• Und wenn dann so eine Japanerin oder Chinesin vor dem frisch runtergeputzten Stephansdom steht, nach oben schaut, photographiert und ihren weißen Hals reckt, dann ist das einfach himmlisch! – wenn du da zuschnappen kannst!

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• Mama – was heißt ich soll mich nicht versündigen – das ist wirklich himmlisch!

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• Du hast ja Recht Mama – die Elfi ist natürlich auch himmlisch – aber in einem ganz anderen Sinn!

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• Wieso? Na ja du die Elfi schleicht in letzter Zeit echt nur mehr wie so ein überirdisches Gespenst herum!

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• Na ja du weißt, was ich für einen gesunden Appetit auf Blut hab’! Da bin ich ganz der Papa, aber das hält nicht jede längere Zeit durch – war ja bei der Herta, meiner Vorletzten, auch nicht anders gewesen!

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• Ja schad! Die Elfi ist wirklich ein super liebes Mädchen: blutarm aber lieb!!

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• Du Mama, das kann eh sein, dass du sie heute noch kennen lernst, ich hab nämlich einen wahnsinnigen ‚Hunger’ auf Blut – hoffentlich hält sie das aus!

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• Du ich muss jetzt wirklich Schluss machen! Da schauen schon ein paar Leutchen in dieser komischen Wartehalle so seltsam! Ich fürchte, wenn ich noch lang weiterred’, dann wollen die mein Blut, Mama! Aber mach dir keine Sorgen ich pack das schon! Servus, Mama – und sei lieb zu der Elfi – sie verdient’s wirklich – Servus!

KH

PS.
Das Foto ist von Google

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 8. Oktober 2015

Wir schaffen das! Oder die Gnade der Ahnungslosigkeit

Carl und Gerlinde (XLV)

Es gab Tage, da ahnte Carl bereits während des Aufwachens, bei dem Gerlindes elfenhaftes Gesäusel zwar schon an seine Basilarmembranen plätscherte, aber seine Augenlider noch nicht hochgeklappt waren, dass ihm Unangenehmes widerfahren würde.

ZZZZSimg211Entsprechend verkniffen fielen dann natürlich auch seine Gesichtszüge aus, die er während des Verzehrs seines Frühstückseies Gerlinde darbot und die sich eins zu eins in ihrer Miene widerspiegelten, so weit dies neuerdings zwischen den extrem aufdringlichen Illustrationen der ‚Frankfurter Allgemeinen’ überhaupt noch wahrnehmbar war.

Wie wenig ihn sein Gefühl auch diesmal trog, registrierte Carl, als ihm seine Sekretärin Bettina im Büro endlich den üblichen morgendlichen Kaffee servierte. Denn ihre bedeutungsvoll gekräuselten Lippen, weit geöffneten Augen und mehrfachen Versuche, die Kaffeetasse näher an ihn heran zuschieben, verhießen nichts Gutes.

Als sie ihm dabei noch zuflüsterte, dass Dr. Osterkorn um zehn Uhr dreißig zu einem Gespräch im großen Besprechungszimmer bittet – Unterlagen wären nicht nötig – war klar, dass sich seine düstere Ahnung auch dieses Mal erfüllen würde…

Überraschend war dann nur, dass neben Bernie alias Dr. Osterkorn sowie einer Reihe neuer unbekannter Gesichter, nicht nur die drei anderen Spartenleiter anwesend waren, sondern auch beide Geschäftsführer seiner Firma TRIGA.

Dr. Schäufele, dem kaufmännischen Geschäftsführer, oblag offensichtlich die Gesprächsführung, da er sich mit arg zerknautschtem Gesicht und ständigem Getuschel mit seinem Kollegen Dr. Tuchweber, an die Stirnseite des großen Besprechungstisches platziert hatte.

Carl schob sich, seiner gedämpften Stimmung entsprechend, unauffällig neben Miriam Braun, auf den einzigen noch freien Stuhl.

Dr. Schäufele kam sofort zur Sache! Nach dem sehr prononciert verlesenen Grußwort der Konzernleitung aus Düsseldorf verwies er, ohne von seinem Text hochzublicken, auf die gigantische nationale Aufgabe, die durch die dramatische Veränderung der politischen Großwetterlage auf Deutschland zukäme und der sich die Konzernleitung mit großem Respekt und Verantwortungsbewusstsein stellen werde.

Natürlich werde im Rahmen dieser noch nie da gewesenen Herausforderung – hier blickte Dr. Schäufele erstmals von seinem Manuskript hoch – auch die Firma TRIGA ihren angemessenen Beitrag leisten!

Dies umso mehr, fuhr Dr. Schäufele fort, als die Kanzlerin mit ihrem “Wir schaffen das“, ein klares Signal gesetzt habe! In ihrer unverwechselbaren Art, ohne sich in Details zu verlieren, habe sie damit nicht nur jedes Bundesland in Deutschland, jede Kommunen und jede Stadt zu einer Teilhabe an der Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien eingeladen, sondern auch jeden Staatsbürger und jede Staatsbürgerin. Alle seien aufgerufen, sich an dieser großen gesamteuropäischen Aufgabe zu beteiligen und hinsichtlich ihrer menschlichen und monetären Ressourcen bis an die Grenze des Möglichen zu gehen. Und da die Asylverfahren beschleunigt würden, sei trotz steigender Flüchtlingszahlen dies alles ohne nennenswerte Aufstockung von Bundesmitteln zu bewältigen, so die Kanzlerin!

Es sei kein Wunder, sagte Dr. Schäufele, mit schmalen Lippen, dass die Kanzlerin angesichts dieser vorbildhaften Einstellung von weiten Teilen der Presse gefeiert und vereinzelt sogar mit dem Friedensnobelpreis in Zusammenhang gebracht wurde!

Angespornt von diesen aufrüttelnden Worten der Kanzlerin, appelliere daher auch die Konzernleitung an alle Konzernfirmen, ebenfalls ihren Beitrag zu diesem großen nationalen Programm zu leisten und unbedingt über die Einbindung junger, geschulter und ungeschulter Kriegsflüchtlinge nachzudenken! Wie das im Einzelnen zu geschehen habe, würde, so Dr. Schäufele, eine speziell Arbeitsgruppe zum gegebenen Zeitpunkt konzerneinheitlich erarbeiten und an alle Sparten und Abteilungen der einzelnen Konzernfirmen durchstellen; natürlich mit der Maßgabe, dass sämtliches ungeplante Fremdpersonal innerhalb von drei Jahren derart in die laufenden Arbeitsprozesse eingebunden werden müsse, dass sowohl die aktuellen als auch mittelfristigen Umsatz- und Ergebnisziele nicht negativ beeinflusst werden und es somit zu keinerlei Beeinträchtigung der festgelegten Konzernkennzahlen komme: denn niemand – meine Damen und Herren – mahnte Dr. Schäufele mit sorgenvoller Miene, begleitet von einem heftigen Kopfnicken des Technischen Geschäftsführers Dr. Tuchweber, könne und wolle selbst während dieser schwierigen Wochen und Monate eine Gewinnwarnung des Konzerns riskieren! Niemand könne das wollen! Niemand!

Und um dem vorzubeugen, fiel Dr. Tuchweber seinem kaufmännischen Kollegen, Dr. Schäufele, ins Wort, erwarte er von der gesamten Führungscrew der Firma TRIGA, dass sie so motivierend auf ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einwirke, dass jeder Einzelne den Ernst der Lage erkenne und zukünftig nicht nur hundert Prozent, sondern die eben schon implizit geforderten hundertzwanzig Prozent seines persönliches Leistungsvermögen abrufe! Denn nur so, mahnte Dr. Tuchweber mit festem Blick in die Runde, werde Deutschland diese gigantische Aufgabe der geordneten Kanalisierung der Flüchtlingsströme bewältigen können.

Angesichts der sich nach diesem eindringlichen Appell der Geschäftsführung ausbreitenden Hochstimmung im Besprechungsraum wagte Carl die Frage, ob auch die Konzernleitung ihrerseits einen eigenen Beitrag erwäge und außerplanmäßig zusätzliche Gelder für diese große nationale Aufgabe bereitzustellen gedenke, nicht mehr laut auszusprechen, sondern nur noch seiner für den Vertrieb von Unterwäsche zuständigen Sitznachbarin Miriam Braun zuzuflüstern.

Doch noch während Miriam Braun, hilflos lächelnd, mehrmals ihre Schultern hochzog, verfestigte sich bei Carl schon die Gewissheit, dass sowohl diese Konzernleitung, als auch seine Geschäftsführung, ähnlich wie die Mitglieder der Bundesregierung, weniger um ihre gut ausgestattete monetäre Versorgung zu beneiden waren, sondern viel mehr noch um die ‚beispiellose Gnade der Ahnungslosigkeit’, mit der sie allesamt gesegnet waren. Hervorgerufen und sichergestellt durch eine alle Bereiche durchdringende hierarchische Ordnungs- und Befehlsstruktur, die wie ein präzis arbeitendes Filtersystem alles aussortierte, was ‚oben’ weder gehört noch gesehen werden wollte!
Ja selbst die Herstellung von läppischen Unterhosen geschah nach diesem Muster.

Da aber Carl dieser Gnade nie ausgesetzt sein wollte, ja plötzlich sogar von einer unerwarteten Übelkeit beschlichen wurde, die durchaus auch auf alle anderen im Raum und im Lande übergreifen konnte, sprang er zum Erstaunen der übrigen Gesprächsteilnehmer spontan auf und verließ kopfschüttelnd die Besprechung…

KH

Klaus Hnilica
Mittwoch, der 15. Juli 2015

Gefangen in Balkonien

Carl und Gerlinde (XLIV)

Oh Gott – diese Hitze! Unerträglich! Und ausgerechnet heute Abend wollen Hannelore und Kurt noch einen ausgeben, da sie endlich ihre Hausrenovierung geschafft haben. Nach zwei endlosen Jahren, in denen niemand mehr mit einem positiven Ende gerechnet hatte!

ZZZZGAls Carl nämlich in der ‚Frankfurter Allgemeinen’ von den sechzig dokumentierten Fassadenbränden in der Stadt Frankfurt gelesen hatte, bei denen die Wärmedämmung als höchst effektiver Brandbeschleuniger fungierte, und diesen Befund genüsslich Kurt unter die Nase hielt, war dem jegliche Lust auf weitere Minimierung der Heizkosten vergangen. Aber seine beharrliche ‚Klimaretterin Hannelore’ hatte die Wärmedämmung dann doch bei ihm durchgequengelt! Und da sie schon am Quengeln war, auch noch gleich die Rollladensanierung: alle fünfzehn Rollläden an Fenstern und Türen ihres einstöckigen Zweifamilienhauses gingen seit letztem Dienstag mucksmäuschenstill, sonnensensorgesteuert, vollautomatisch auf und zu…

Und darauf möchten er und Hannelore heute mit ihren Freunden anstoßen, stammelte Kurt. Allerdings hätten die Renners und Gutmanns leider in letzter Minute abgesagt, weil Kerstin einen Hitzeausschlag hat, Anne gestern von einer Biene gestochen worden war mit entsprechender allergischer Reaktion und ihr Mann immer noch im Büro herumturnte, ohne sagen zu können, wann er heim käme.

Aber hier am nordseitig gelegenen Balkon im ersten Stock, fuhr Kurt fort, nachdem er das gesamte Renovierungsabenteuer noch einmal Revue passieren hatte lassen und seinen Aperol Spritz, nun schon ohne Eis, immer noch fest umklammert hielt, könne man es auch bei 32 Grad wunderbar aushalten! Dieses herrlich erfrischende Lüftchen, von allen Seiten herangefächelt, hätte Hannelore letztlich auch dazu bewogen, ihr kleines leckeres Buffet doch hier auf dem Balkon aufzubauen…

„Kurt, wenn du noch lange mit deinem vollen Glas in der Hand weiterlaberst“, ging Hannelore plötzlich energisch dazwischen, „sind, unsere einzigen verbliebenen Gäste längst verdurstet und skelettiert, bevor sie an unseren Leckereien auch nur gerochen haben. Bitte lass uns doch endlich den warm gewordenen Aperol Spritz durch unsere ausgedörrten Kehlen jagen und zu den kühlen Bierchen im Eiskübel übergehen! Und meinen Häppchen täte es auch gut, wenn sie schnellstens in unsere leeren Mägen versenkt würden, bevor das Basilikum gänzlich verdorrt ist und die Wespen deinen pikanten Sardinenaufstrich aufgefressen haben…“!

„Gott sei Dank!“ stöhnte Carl und tätschelte erleichtert Hannelores nacktes Ärmchen, während Gerlinde den so harsch unterbrochenen Kurt mit ein paar zugeflüsterten Nettigkeiten zu trösten versuchte.

Carl war auch der Erste, der nach der kurzen, peinlichen Pause, sich eines der Bierfläschchen aus dem Eiskübel angelte und damit, ohne abzusetzen, den lauwarmen Aperol Spritz aus seiner Gurgel spülte!

Alle anderen folgten nach und nach, und da sie tatsächlich das frische Lüftchen auf dem Balkon genossen, begannen ihre kauenden Mäuler auch bald wieder munter zu schnattern.

Erst dieses Mark erschütternde „Nein! Verdammt!“ sorgte für eine neuerliche Gesprächsunterbrechung: alle drei starrten auf Kurt, der hochgradig erregt, mit dem Eiskübel voll leerer Bierflachen, vor dem geschlossenen Rollladen der Balkontür stand: niemand hatte etwas gemerkt, da alles so lautlos passiert war.

Und jetzt war er zu! Der Rollladen!

Und das Steuergerät natürlich drinnen und keiner hatte sein Handy dabei. Wo hätte man es in der leichten Sommerkleidung auch unterbringen sollen; selbst Carl hatte in seiner Pumpkin Short kein passendes Täschchen!

„Und was nun, mein goldiges Programmiergenie?“ giftete Hannelore ihren völlig konsternierten Kurt an. „Wenn ich mich recht entsinne, hast du mir noch letzte Woche mindestens zwanzigmal versichert, dass das nie passieren könnte, da du die Rollläden bei allen Balkontüren so programmiert hättest, dass sie immer auf halber Höhe stehen bleiben, oder irre ich mich da, mein superkluges Kurtchen?“
„Du irrst dich nicht, liebe Hannelore, ich steh ja selbst vor einem Rätsel…“

„Nicht nur vor einem Rätsel, lieber Kurt, sondern auch vor einer total verschlossenen Balkontür“, ergänzte Carl grinsend.

„Und – und was nun, ihr lieben Leutchen“? motzte Gerlinde säuerlich.

„Weiß ich nicht – weiß ich wirklich nicht…!“ stotterte Kurt.

„Vielleicht schreien!“ rief Hannelore plötzlich, „ ja wir schreien alle zusammen so laut, als läuteten die Kirchenglocken; irgendwer muss uns dann hören…“

„ Haha – wer denn?“ stöhnte Kurt. „Rechts die Nachbarin ist schwerhörig und sitzt vor der Glotze und links die Nachbarn sind im Urlaub…“

„Und die da hinten machen Party im Garten und hören auch nichts vor lauter Krach“, ergänzte Gerlinde genervt.

„Aber bei der Hilde gegenüber ist doch Licht! Im Obergeschoß!

Und die Fenster stehen auch alle offen“, rief Kurt auf einmal triumphierend…

Und sofort fing er an, laut nach seinem Liebling zu rufen, der allerdings mit seinen 82 Jahren auch nur über ein sehr begrenztes Hörvermögen verfügte. Kurt ließ sich nicht entmutigen: er brüllte solange „Hilde“ – bis – ja bis ihm die Puste ausging!

Natürlich fuhren auch einzelne Autos unten vorbei! Aber die nahmen von den ‚Eingeschlossen Vieren auf dem Balkon’ keinerlei Notiz. Und selbst, wenn sie etwas bemerkt hätten, wären sie bestimmt der Meinung gewesen, dass die da oben bestens versorgt wären, da sie so schreiend komisch herumjubelten und andauernd winkten…

Und Blanka die polnische Betreuung von Hilde war natürlich auch nicht greifbar – aber die hätte ohnehin nichts verstanden, denn die ‚Deitsche Sprache’ war nicht unbedingt ihre Stärke!

Als Carl sein mächtiges Organ schließlich auch auf Kurts ‚Hilderufe’ eingetaktet hatte, tauchte die sehnlichst Gerufene tatsächlich in einem der beleuchteten Fenster auf und winkte der fröhlichen Balkonrunde gegenüber begeistert zu…

Sie stellte auch fest, dass es sehr heiß bei ihr sei und sie unter ihrem leichten Hemdchen völlig nackich sei!

Auf Kurts verzweifelten Zuruf, er bräuchte dringend den bei ihr deponierten Haustorschlüssel, antwortete sie aber wieder nur mit,

„ich bin nackich …“!

Und auf die Frage, wo Blanka stecke, natürlich auch „ich bin nackich…“!

Da es aber trotz der erfreulichen Nacktheit von Hilde unausweichlich auf Mitternacht zuging und nicht nur die Flasche Aperol, sondern auch die drei Flaschen Sekt leer waren, ergriff Carl endlich mannhaft die Initiative: angetrieben von etlichen Promillen, schwang er sich ohne jede Vorwarnung plötzlich vor aller Augen wie Tarzan übers Balkongeländer, langte ungeschickt zu der nach unten führenden Dachrinne, und – noch ehe Gerlinde besorgt aufschreien konnte – war er, begleitet von einer Art Urschrei, unten angekommen!

Jedenfalls nach dem dumpfen Aufprall zu schließen und diesem tierischen „Aua – Scheiße!“.

Und nach ängstlichen Fragen von oben und angespannter Stille unten, dann endlich ein erlösendes Gestöhne und die gespenstige Feststellung:

„Jetzt bin ich auch nackich…!“

Worauf alle befreit losgrölten und merkten, dass Carls schöne neue Sommerbekleidung zerfetzt an der Dachrinne hing und er, Tarzan selbst, in der heil gebliebenen TRIGA – Unterhose offensichtlich alles ohne Knochenbrüche überstanden hatte…

Da über den Bewegungsmelder auch die Terrassenbeleuchtung angegangen war, stand er sogar höchst spektakulär und blutverschmiert, voll im Rampenlicht!
Kein Wunder, dass Hilde lautstark mitapplaudierte und immer wieder feststellte, dass der Kurt ja auch nackich sei…

Da es zwar nicht der Kurt sondern der Carl war, den sie für den Kurt hielt, hielt dieser aber dank dieser Verwechslung, schon wenige Minuten später, endlich den ersehnten Reserve–Haustorschlüssel in Händen…

Was für ein Triumph der strapazfähigen TRIGA – Unterhosen! Denn ohne sie hätte Carl nie so ungebremst zu Hilde stürmen können…

KH

Klaus Hnilica
Montag, der 4. Mai 2015

Supermodel

Carl und Gerlinde (XLIII)

„Da habt ihr ja in euerer ‚Superfirma TRIGA’ echt wieder einmal alles verschlafen, was man nur verschlafen kann“, feixte Gerlinde.

ZZZYimg180Sie grinste spöttisch und nippte kräftig an ihrem abendlichen Schoppen Riesling.

„Was denn….“? fragte Carl gedankenverloren, während er sorgfältig immer weitere Schichten seiner heiß geliebten Zungenblutwurst auf eine Baguettescheibe türmte, obwohl der Wurstberg bereits bedrohlich schwankte… Endlich biss er zu! Heulte kurz auf! Und fiel von einer Sekunde auf die andere in eine Art vorgezogene Totenstarre…

„Mist“, stöhnte er, fasste sich mit der rechten Hand ans Kinn und stierte mit aufgerissenen Augen Gerlinde an.

„Was ist?“ fragte Gerlinde erschrocken, ihr Glas immer noch an den Lippen.

„Gerade hat sich wieder eine meiner tausendjährigen Amalgamfüllungen verabschiedet“!

„Oh je – das passt ja! Wo du doch morgen schon in aller Herrgottsfrüh nach München musst?“ sagte Gerlinde und schlürfte hastig den letzten Tropfen ihres Rieslings weg.
„Jedenfalls hab ich jetzt einen Krater wie nach einem Meteoriteneinschlag in meinem Mund…“

„Wo denn?“

„Hinten!“

„Wo hinten?“

„Unten!“
„Wo unten?“

„Rechts!“

„Tut’s weh?“

„Nein – da ist längst alles tot“, grunzte Carl und ließ seine Zungenspitze wie eine Erkundungsdrohne um die frisch aufgeworfene Kraterregion kreisen.
„Die Plombe hab ich offensichtlich zerbissen und geschluckt!“

„Na bravo – Amalgam im Magen!“

„Vermutlich! Aber sicher nicht lange“, fügte Carl nach einer kurzen Pause überraschend munter hinzu und machte sich genüsslich über den erschrockenen Rest seiner Zungenblutwurst her! Anschließend flutete er mit Riesling und zwei Obstlern die neue Kraterhöhle und fragte Gerlinde noch einmal, was nach ihrer Meinung bei TRIGA verschlafen worden war?

„Ja hast du denn echt nicht diese verlockende Marktnische bemerkt, die sich vor zwei Tagen ähnlich plötzlich wie jetzt deine Zahnlücke für alle Unterwäschefirmen aufgetan hat?“

„Welche Marktnische?“ fragte Carl zögerlich und ließ schnell noch einen dritten Obstler im Krater verschwinden.

„Mensch – das riesige Loch in Peps hautengem Anzugshöschen“!

„Meinst du Guardiolas Missgeschick beim letzten Bayernspiel gegen den FC Porto?“

„Also wenn das ein Missgeschick war, dann will ich ab sofort Trinchen heißen und mich hier rein stechen lassen“, höhnte Gerlinde und deutete auf ihr appetitliches Hälschen.

„Und wo verbirgt sich deiner Meinung nach die Marktnische bei diesem Armani–Anzugshosenriss?“ fragte Carl gurgelnd, da wohl ein Rest des Obstbrandes aus der Riesenzahnhöhle tsunamiartig zurück in seinen Rachen geschwappt war…

„Nun – stell dir doch einmal vor“, dozierte Gerlinde, „dieses freudlose Stück schwarze Unterhose, das der gute Pep Guardiola damals einem völlig überraschten Millionen Publikum feil geboten hat, wäre ein nicht ganz so freudloses Unterhöschen euerer Firma TRIGA gewesen?“

„Und?“ fragte Carl, immer noch etwas neben der Kappe.

„Oh Gott – erkennst du denn tatsächlich nicht, dass diese unscheinbare dunkle Unterhose des ‚heißen Herrn Guardiola’ genau so gut ein schickes ‚Net-Höschen’ von TRIGA in grellem ‚Bayernrot’ hätte sein können?“

„Du meinst, der gute Pep hätte in diesem einmaligen Glücksmoment für die Unterwäscheindustrie auch in einem unserer sportlich roten ‚Männer Net-Bodies’ von TRIGA stecken können?“

„Ja das mein ich! Schön das du endlich aufwachst!“

„Weiberphantasien…“, meckerte Carl.

„Möglich, aber ich schwör dir“, eiferte Gerlinde, „dass der im ‚Bayernroten Net-Höschen steckende Pep’ nach diesem Supersieg über Porto nicht mehr von der Titelseite der „Bild“ zu verdrängen gewesen wäre – und zwar über mehrere Tage!“

„Er war ja so auch auf der Titelseite“! sagte Carl.

„Aber nur einen Tag und nicht in TRIGA-Wäsche sondern in irgendeiner namenlosen schwarzen Jersey Unterhose…“ ätzte Gerlinde.

„Die aber trotzdem in aller Munde war…“grinste Carl und versenkte selbstbewusst den vierten Obstler in seinem rechten unteren Meteoritenkrater!

„Das schon, aber diese Münder erwähnten kein einziges Mal den Namen TRIGA, gell?“ stichelte Gerlinde weiter und bugsierte vorsorglich die Flasche Obstbrand schon mal in Richtung Hausbar…

Carl musterte sie verdrießlich und fragte, ob dieses plötzliche prohibitive Vorgehen gegen seine Schnäpschen vielleicht etwas mit gekränkter Weiblichkeit zu tun habe?

„Ich weiß zwar nicht, was du meinst, lieber Carl, aber mir scheint nur, dass der Obstbrand in deinem Fall doch schon dein logisches Denkvermögen – das ihr Männer ja angeblich haben sollt – stark angegriffen hat?“

„Das mag ja sein, liebste Gerlinde, aber immerhin steht fest, dass einem winzigen Unterhosenabschnitt von Guardiola fast die gleiche Medienaufmerksamkeit zugekommen ist, wie sonst den üblichen halbnackten Schönheiten auf den Titelseiten? Das müsste doch der Damenwelt zu denken geben und bös an ihrem weiblichen Selbstverständnis kratzen? Oder liege ich da gänzlich daneben?“ fuhr Carl mit nagender Anteilnahme fort.

„Ach Gottchen, Carl“, so Gerlinde spitz, „ versuch dich doch bitte nicht in tiefgründigen Gedanken über die Weiblichkeit, sondern denk lieber nach, wie du dir diesen Pep als neues ‚Supermodel’ für TRIGA angeln kannst, bevor ihn dir der Bayernvorstand aus Gründen der Sittlichkeit auf ewig in Lederhosen versenkt …“

„Ja das mach ich, Gerlindchen, aber nur wenn du bei Armani erreichst, dass die ‚aufplatzenden Anzughosen für Trainer’ ins reguläre Konfektionsprogramm aufgenommen werden…“ höhnte Carl mit stolpernder Zunge und dankte Gott, dass er im Moment nur mit seinem angeknacksten Gebiss zurecht kommen musste und nicht auch noch mit einer vor ‚gerlindescher Ideen strotzenden Frauenpower’ bei TRIGA…

KH

Roland Dürre
Donnerstag, der 19. März 2015

Nicht Unsichere Zeiten sondern Blödsinnige Zeiten

Sicherheit und Vorratsdatenspeicherung

Jetzt bin ich ein paar Tage aus Kuba zurück und habe auch mal wieder „Audio“ gehört. Da ist mir ein Mann mit dem Nachnamen eines Erzengels begegnet. Einer von den Politikern/Funktionären, die noch nie außerhalb von Bildung,  Gewerkschaft, Partei und Politik, Schule und Uni tätig waren – wenn man von dessen Zeit als SaZ 2 in einer Luftwaffenradareinheit der Bundeswehr und einem Nebenjob als als Nachtportier in einem Göttinger Hotel während des Studiums absieht.

Den habe ich sagen gehört:

„Und ich meine, wir erleben doch gerade, dass die Welt ziemlich gefährlich geworden ist und dass die Gefahren aus anderen Teilen der Welt zu uns importiert werden.“

StopDas hat mich geärgert, ist es doch hanebüchener Blödsinn. Man muss dazu nur ein Geschichtsbuch wie Die Verwandlung der Zeit von Osterhammel nehmen und darin ein wenig lesen. Und erfährt dann, wie gefährlich es früher war zu leben.

Oder noch einfacher – ein wenig nachdenken. Die gefährlichste Bedrohung in Deutschland und auf der Welt dürfte (vielleicht neben den Unfällen im Haushalt und bei der Arbeit) die Teilnahme am Individualverkehr sein. So geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von jährlich etwa 1,2 Millionen Verkehrstoten rund um den Erdball aus. In Deutschland sind die tödlichen Unfälle in den letzten Jahrzehnten wesentlich gesunken, wir haben „nur noch“ so knapp 10 am Tag.

Bei den Krankheiten ist es in Deutschland und auf der Welt auch nicht unbedingt gefährlicher geworden, trotz Vogelgrippe, Ebola und jetzt gerade wieder Masern.

😉 Ich sehe auch nicht, welche Gefahren importiert werden sondern eher, dass wir (die BRD) viel Gefährliches exportieren.

vorratsdatenspeicherungEs könnte aber auch sein, dass dieser Satz nur so dahin geplappert wurde. Dann ist es noch ärgerlicher, denn mit diesem Geplappere begründet der Politiker seine Forderung nach der Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung!

Dies obwohl die mir bekannten Experten sagen, dass die Vorratsdatenspeicherung uns der totalen Überwachung wieder ein Stück näher bringen würde. Wie auch zum Beispiel Sascha Lobo im Spiegel schreibt, den ich immerhin auf dem IT-Gipfel unserer Kanzlerin hören durfte.

Der Mann, von dem ich hier berichte, heißt übrigens Sigmar Gabriel. Er ist Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Stellvertreter der Bundeskanzlerin und SPD-Parteichef (!).

Kurz nach seiner Forderung nach Vorratsdatenspeicherung hat er dann eine Reise ins gefährliche Moskau angetreten, um alte Freunde zu besuchen. Und was für Freunde.

Wer wundert sich dann noch, wenn die klugen deutschen Wähler die SPD so gar nicht mehr wählen wollen und die genauso klugen jungen deutschen Wähler zum Wählen so partout keinen Bock mehr haben?

Und ich denke mir, wär ich doch in Kuba geblieben.

RMD

P.S.
Das Bild ist von „Stoppt die Vorratsdatenspeicherung!“ mit freundlicher Genehmigung des Arbeitskreises.

Carl und Gerlinde (XLII)

Oh Gott der Wecker – 6 Uhr 15!

Höllisch! Teuflisch! Unmenschlich! Alles Begriffe die sich nur quälend langsam durch Carls warmlaufende Gehirnwindungen zwängten, während der Horrorwecker sein nagendes Gewinsel gnadenlos fortsetzte…

ZZZXMimg175Kein Wunder, dachte Carl, dass wir von diesem ‚morgendlichen Grauen’ nicht wegkommen, wenn wir uns jeden Tag aufs Neue so grauenhaft früh aus dem seligen Zustand des Schlaffriedens in das dröhnende Tageschaos schleudern lassen.

Selbst wenn wir uns angesichts dieses Grauens ab und an wieder unter unsere Kuscheldecken ducken, um uns aller Verantwortung zu entziehen, der morgendliche Alptraum der tagtäglich abrupt abgebrochenen Nachtruhe hinterlässt trotzdem seine Spuren in uns.

Und dazu noch diese höllische Finsternis draußen, murmelte Carl. Und diese Kälte, wie im ‚katholischen Himmel’, dem aber Gerlindes frostiges Schlafgemach in Nichts nachstand, da die Raumtemperatur nie über sechzehneinhalb Grad steigen durfte! Sie könnte sonst nicht durchschlafen, versicherte sie gebetsmühlenartig. Und Carl hatte es längst aufgegeben, dagegen zu argumentieren, da für ihn feststand, dass Gerlinde in ihrem früheren Leben mindestens ein Schneehuhn oder ein Pinguin gewesen sein musste: anders war dieser nächtliche Kältewahn nicht zu erklären! Jedenfalls nicht für ihn, den Unterwäschevertriebsmann und passionierten Thermowäscheträger!

Kein Wunder also, dass er unter Gerlindes polarem Schlafdiktat permanent mit roter Triefnase aufwachte, wenn er nächtens mit seinen Ohrenschützern ums Überleben kämpfte, da diese Dinger im Schlaf wieder nach unten gewandert waren, sich um seinen Hals gelegt hatten und ihn zu strangulieren drohten. Was nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen war, dass er sich im Schlaf konstant um die eigene Achse drehte, wie die rotierende Erde, die in der tödlichen Kälte des Kosmos nach der Leben spendenden Wärme der Sonne gierte.

Leider fand Carl in dem von Gerlinde beherrschten Schlafgemach keine Wärmequelle: denn links von ihm dämmerte bloß ein Energiesparlämpchen, das er nie vom Bett aus an- oder abzustellen wagte, da er keine Lust auf vor Unterkühlung absterbende Arme verspürte und rechts von ihm gab es bloß eine warme Vermutung! Nämlich die mollige warme Gerlinde, die er allerdings in jüngster Zeit nächtens weder zu Gesicht bekommen noch gespürt hatte, da sie gleich einer Füchsin im Bau komplett unter ihrer Bettdecke versteckt blieb und nur zur Frühstückszeit stöhnend hervorschnellte, um blitzschnell in der warmen Küche zu verschwinden.

Noch schlimmer waren aber die übergriffigen Gedankenblasen aus dem zu erwartenden Arbeitsalltag in dieser Aufwachphase, die sich stets bedrohlich in ihm aufblähten, obwohl er wohlweislich seine Augen selbst nach dem ‚Weckschock’ noch krampfhaft geschlossen hielt: dennoch trommelten bereits tausend Fragen zu Geschäftsergebnissen auf ihn ein – und zu dem windigen Dr. Osterkorn bei der anstehenden Wochenbesprechung – und zur Ukraine und dem Krieg dort – und zum ‚Islamischen Staat’ und seinen aktuellen Köpfabsichten – und zu Griechenland und Europa samt eventueller Auftragseinbußen dort – und zu seiner Sekretärin Bettina und ihrer Grippe – und zu seinem Vorhofflimmern vorgestern und so weiter und so weiter…

Gott – warum musste er nur all diesen Mist bereits an sich heranlassen, bevor er noch die Augen auftat?

Warum konnte er nicht einfach unter seiner warmen Bettdecke ohne peinigende Gedankenkaskaden genüsslich vor sich hindösen, bis Gerlinde ihn am späten Vormittag mit vorgewärmtem Morgenmantel und einem Gläschen Sekt aus dem Bettchen lockte und zum frisch gedeckten Frühstückstisch geleitete?

Ja – warum ging das nicht so?

Sondern nur mit diesem alptraumartigen ‚Weckschock’ im Morgengrauen – der mit Sicherheit bei Millionen tüchtigen männlichen und weiblichen Arbeitstieren posttraumatische Störungen hinterließ und ins Verderben führte!

Warum musste das sein?
Warum?

Wo doch erst unlängst der französische Visionär Michel Houellebecq in seiner „Unterwerfung“ diesen äußerst viel versprechenden Plan B – in Form einer Islamisierung der westlichen Gesellschaft – aufgezeigt hatte, dachte Carl und stellte endlich mit einem präzisen Karateschlag den blöden Radiowecker ein für alle Mal ab, um doch noch einige Minuten unter der warmen Bettdecke die aufgezeigten Vorteile einer Konversion zum Islam überdenken zu können…

Allerdings mussten ihm noch eine erkleckliche Anzahl konversionsbereiter Landsleute folgen, wenn das Ganze Sinn machen und sich das Patriarchat wieder zur vollen Blüte entfalten sollte: die Familie stünde endlich wieder im Mittelpunkt; ausschließlich der Mann brächte das Geld nach Hause und zwei oder drei nicht berufstätige Ehefrauen kümmerten sich sowohl um den tüchtigen Familienversorger, als auch um das halbe Dutzend Kinder, die er mit ihnen gezeugt hätte.

Arbeit gäbe es genug in dieser konvertierten Gesellschaft, da die Frauen ein viel geringeres Bildungsbudget abgriffen, daheim blieben, keine Arbeitplätze wegnähmen, und dank Saudi-Arabischer Geldgeber die berufstätigen Männer auch mit auskömmlichen Gehältern versorgt würden, so dass sie nach Arbeitsschluss mit aller Muße ihre ausgeruhten Ehefrauen verwöhnen und genießen konnten. Und nicht befürchten mussten, am nächsten Tag im Morgengrauen schon wieder von westlich-dekadenten Radioweckern aus ihren kuscheligen Schlafstätten gedrängt zu werden.

„Klaro“, murmelte Carl und beschloss spontan nicht aufzustehen, sondern Urlaub zu nehmen und weiter zu schlummern, um so wenigstens einen klitzekleinen Vorgeschmack auf das in Kürze über ihn – sein Land – und die EU – hereinbrechende neue islamische Patriarchat zu bekommen…

Allerdings war ihm noch nicht ganz klar, ob seine Gerlinde das Wohl der Frau in dieser transformierten Gesellschaft so ohne weiteres voll mitbekäme, oder ob er ihr da nicht doch noch mit gesellschaftstheoretischen Überlegungen unter ihre ach so herrlich anzufassenden Ärmchen greifen musste. Und die Schleierfrage war auch ungelöst! Hoffentlich bestand sie nicht darauf, dass er auch mit einer Gesichtsmaske herumrennen musste – ähnlich wie Batman!

Bei Allah – und wenn sie dann möglicherweise aus falsch verstandenem Gleichberechtigungswahn für sich auch noch drei Männer beanspruchte, dann war die paradiesische Patriarchatsvision schneller dahin als er gucken konnte! Mensch – wie sollte denn all dieses ‚köpernah agierende Personal’ in seinem bescheidenen Häuschen Platz finden? Die traten sich doch gegenseitig mindestens auf die Zehen, wenn nicht sonst wo hin?

Schlimm war das mit diesen aufmüpfigen Frauen! Wirklich schlimm! Die konnten einem das Paradies richtig vergällen. Der Prophet hatte bestimmt auch seine liebe Not mit denen…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 26. Februar 2015

Verhängnisvolle Mittagsruhe

Carl und Gerlinde (XLI)

ZZZVimg171Ausgerechnet als Carl seine Gerlinde endlich einmal zu der glanzvollen Lingerie– und Wäschemesse „ 5 Elements“ mitnahm, musste das passieren! Ausgerechnet da! Und dass Gerlinde danach nicht nur verwirrt, sondern enttäuscht und zornig war, war wirklich kein Wunder!

Mein Gott wie oft hatte sie auf Carl eingeredet, sie doch einmal zu dieser berühmten Dessous–Messe mitzunehmen, bei der er jedes Jahr für TRIGA die irrsten Auftritte mit den verrücktesten Einfällen und allem sonstigen Drum und Dran organisierte. Und praktisch auf Knopfdruck, immer lächelnd, zwischen den hysterischen, frierenden, hochbeinigen Wäschegören wie ein Hefekrapfen im heißen Bratfett aufging.

Andererseits war es aber auch so, dass dieses wirklich empörende Vorkommnis ohne Gerlindes Beisein gar nicht passiert wäre. Denn ohne sie hätte er niemals dieses Mittagsschläfchen gemacht und wär’ nie mit dieser mehr als seltsamen Situation konfrontiert worden, die gut und gern auch von der Konkurrenz eingerührt worden sein konnte. Oder von der NSA? Oder dem KGB? Wer wusste das schon.

Aber gut, all diese ‚Wenn’ und ‚Aber’ nützten jetzt, da das ‚Kind in den Brunnen gefallen’ war, auch nicht viel! Wobei das in den ‚Brunnen gefallene Kind’ natürlich metaphorisch zu verstehen war, da es kein Kind gab, das in irgendeiner Form Gravitationskräften ausgesetzt gewesen wäre.

Im Gegenteil, um die Ausspähung und eventuelle Verhinderung der ‚möglichen Entstehung eines Kindes’ ging es ja gerade, bei diesem beispiellosen Eklat in dem bekannten Berliner Viersterne Hotel anlässlich der 11. Fashion Week.

Wobei diese ‚mögliche Kindeszeugung’ selbstredend auch nur virtueller Natur war, da Gerlinde – Gott sei’s gedankt – weit über das Alter hinaus war, in dem ein derartiger Aspekt zur unangenehmen realen Überraschung mutieren konnte.

Doch für die üblicherweise einem derartigen Zeugungssprozedere vorausgehenden Verrenkungen und Durchspeichelungen gab es an diesem späten Vormittag schon jede Menge Bedarf von beiden Seiten. Das schon! Und man sah es auch als ideale Einstimmung zu der von Gerlinde dringend gewünschten Mittagsruhe, an diesem zweiten Tag der Lingerie– und Wäschemesse, da sich der abendliche Empfang der internationalen und nationalen Kunden am Vortag bis in den frühen Morgen hineingezogen hatte und viele Köstlichkeiten des üppigen Buffets überreichlich in sehr kostspieligem Alkohol versenkt worden waren. Durchaus auch vom quirligen Organisator Carl und seiner reizenden Begleiterin Gerlinde…

Da erschienen ein paar ruhige Minuten oder Viertelstündchen um die Mittagszeit für beide wirklich als eine äußerst lockende Versuchung.

Und Gerlinde wär’ nicht Gerlinde gewesen, wenn sie dieser Versuchung nicht nur sofort bedingungslos erlegen wäre, sondern sie im Handumdrehen nicht auch noch gleich um ein paar äußerst aufreizende Fantasien, die jeder Kunstreiterin zur Ehre gereicht hätten, bereichert hätte.

Vermutlich erforderten die gezeigten Dressureinlagen dann auch allerhöchste Konzentration von Ross und Reiterin, denn anders wär’ wohl schwer zu verstehen gewesen, warum beide nicht gemerkt hatten, dass urplötzlich unweit des ‚doppelbettigen Vorführparcours’ ein junger unscheinbarer Hotelangestellter – wie es schien – mit vorgebeugtem Oberkörper und gerötetem Gesicht, nicht nur fasziniert die diversen Dressurkunststücke beobachtete, sondern eifrigst auch sein iPhone betätigte…

Irgendwie musste Carl dann wohl doch einen Schatten im rechten Augenwinkel bemerkt haben, denn er drehte unwillkürlich seinen Kopf leicht nach rechts, aber nur so gering, dass die höchst konzentriert agierende Kunstreiterin in keiner Weise abgelenkt wurde, und blickte plötzlich in zwei neugierige Augen über einem gutmütig lächelnden Mund. Ja – der kräftige blonde Haarschopf des jungen Mannes, der wie ein Krönchen über einem in keiner Weise Angst machenden jugendlichen Gesicht saß, verlieh der gesamten Szene sogar noch einen weiteren Anstrich an Normalität.

Auch wie der junge Mann völlig unerschrocken den rechten Zeigfinger an seine Lippen führte und Carl damit bedeutete – bitte – bitte – ruhig zu bleiben, um diese wunderschöne Szene ja nicht durch irgendeine unüberlegte Geste zu zerstören, fügte sich großartig in dieses Bild…

Im Nachhinein schämte sich Carl fast dafür, dass er sich so absolut widerstandslos den Anweisungen dieses seltsamen jungen Mannes gefügt hatte, und Gerlinde auch noch die letzten Schrittchen ihres überirdischen Dressuraktes zu Ende bringen ließ!

Aber für ihn gab es in diesem atemberaubenden Moment schlicht keine Alternative: alles war so ungemein selbstverständlich in diesem harmonischen Ablauf, dass ihm nicht nur jegliche Vorstellung sondern einfach auch die Kraft fehlte, diesen Ablauf abzubrechen!

Und Gerlindes erlösender Jubelschrei, gab ihm ja kurz darauf auch Recht! Einen derartigen Freudenschrei über mehrere Terzen, begleitet von einer nicht enden wollende Kaskade gurgelnder Zwischentöne, hatte er eine Ewigkeit nicht mehr gehört! Ja vielleicht so noch nie?

Der unbekannte junge Mann offensichtlich auch nicht, da er mit funkelnden Augen und einem Gesicht höchster Verzückung alles in sich hineinzusaugen schien und unmittelbar danach genau so lautlos verschwand, wie er gekommen war…

Gerlinde registrierte – noch atemlos – zwar mit einem kleinen Anflug an Befremden, dass Carl sich plötzlich aus dem ‚gemeinsamen Parcours’ hochstemmte zur Zimmertür eilte und diese mit der Bemerkung: sie sei nicht gesichert, verriegelte! Fiel aber kurz danach, schnurrend wie eine Katze, in Carls Armen in einen tiefen, erholsamen Schlaf…

Die unscheinbare Warnung auf dem gelben DIN A5 Blatt entdeckte sie – leider vor Carl – erst danach auf dem Tisch:

Falls Sie auf die widersinnige Idee kommen sollten, bei der Hotelleitung Meldung zu erstatten, steht diese kleine Reiterepisode wenige Minuten später auf You Tube im Netz

Spätestens da musste Carl zu seinem allergrößten Bedauern Gerlinde mit der unschönen Wahrheit konfrontieren – und ihr so die „5 Elements“–Messe ein für allemal vermiesen.

Schade eigentlich, denn auch der Rest der Woche war äußerst glanzvoll gewesen, da der Wäschesektor bei TRIGA nach der vorausgegangenen Flaute, wieder richtig Tritt gefasst zu haben schien…

KH

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 12. Februar 2015

Stehpinkeln – oder der emanzipierte Mann

Carl und Gerlinde (XL)

Als Carl jüngst durch die „Frankfurter Allgemeine“ im Morgengrauen ein Gerichtsurteil des Amtsgerichtes Düsseldorf ins Haus geflattert kam, hätte er vor Freude nicht nur laut schreiend die Straße auf und ab rennen, sondern in den anliegenden Häusern auch alle Klomuscheln umarmen können!

ZZZSTimg164Denn endlich war ihm einmal als Mann durch die deutsche Justiz Genugtuung zuteil geworden! Genugtuung, an die er – und unzählige andere seiner Spezies – nie mehr zu glauben gewagt hatten, nach all den Ausgrenzungen und Erniedrigungen in diesem Land, das seit Menschengedenken von einer übermächtigen, freudlosen Frau in eine ungewisse Zukunft gelenkt wurde…

Und dann – dieses unerwartete Geschenk des Himmels am frühen Morgen, von dem Gerlinde völlig unberührt blieb: sie säuselte seelenruhig in ihrem Bettchen vor sich hin, während alle Zeichen auf eine endgültige Emanzipation des Mannes deuteten!

Natürlich fragte sich Carl, wie das auf einmal möglich war? Was passiert war? Gab es in diesem Land doch so etwas wie Gerechtigkeit? Sorgte vielleicht doch eine ausgleichende Wesenheit nach den Gesetzen der Entropieminimierung dafür, dass auch die Ungerechtigkeit minimiert wurde?

Wenn ja, dann könnte die unscheinbare Meldung in der „Frankfurter Allgemeinen“ an diesem Freitagmorgen ein erstes Zeichen gewesen sein! Ein Zeichen dafür, dass es sowohl für die Spezies Mensch als auch die Spezies Mann Hoffnung auf eine bessere Zukunft gab – während Gerlinde genüsslich vor sich hinschnarchte…

Für Carl aber krachte diese Zukunft wie ein Böllerschuss in sein Leben mit der amtlichen Feststellung des Düsseldorfer Richters Stefan Hank,

„….dass das Urinieren im Stehen nicht untersagt werden darf!

Sie sorgte dafür, dass sich Carl schlagartig nicht nur als Mensch neu definierte, sondern insbesondere auch als Mann! Und zwar als Mann, der endlich auch im Stehen daheim sein Wasser abschlagen durfte! Und dem das niemand mehr verbieten konnte! Weder eine Mutter, noch eine Ehefrau, noch eine Lebensabschnittspartnerin, noch die Putzfrau…

Was natürlich klipp und klar und ohne jede weitere Deutungsmöglichkeit hieß, dass auch die immer noch schlafende Gerlinde ab sofort zur Kenntnis nehmen musste, dass er – Carl – genau wie jedes andere männliche Wesen auf der Welt – das Recht hatte, im Badezimmer im Stehen in die Klomuschel zu pinkeln!

Diese völlig neue Rechtslage am Beginn des 21.Jahrhunderts, deren Abklärung Gerlinde ahnungslos verschlief, kam wie so oft bei großen Ereignissen, völlig unscheinbar in Form zweier einfacher Sätze von Richter Hank daher, die da lauteten:

„Trotz der in diesem Zusammenhang (nämlich der Mann – Frau – Beziehung) zunehmenden Domestizierung des Mannes ist das Urinieren im Stehen durchaus noch weit verbreitet. Jemand der diesen früher herrschenden Brauch noch ausübt, muss zwar regelmäßig mit bisweilen erheblichen Auseinandersetzungen mit – insbesondere weiblichen – Mitbewohnern, nicht aber mit einer Verätzung des im Badezimmer oder Gäste-WC verlegten Marmorbodens rechnen“. (Aktenzeichen 42 c 10583/14)

Und klaro! – wenn der Marmorboden nicht verätzt wurde, wurden auch etwaige Keramikfließen auf dem Boden nicht verätzt, und wenn diese nicht verätzt wurden, dann natürlich auch die Klobrille nicht, was eine ganz einfache induktive Schlussfolgerung war, die auch einer Gerlinde, sollte sie jemals wieder aufwachen, einleuchten musste, obwohl ihr natürlich als Frau nicht immer der Zugang zur Logik gegeben war.

Anders bei Carl, der sich seinerseits aber jeden Versuch einer Domestizierung verbat, den der Richter angesprochen hatte, da sich ein Mann wie er niemals domestizieren ließ! Und schon gar nicht von einer Frau!

Das ging ja nun gar nicht!

Im Gegenteil, jetzt wo er endlich gerichtsfest, schwarz auf weiß verbrieft, im Bad und auf der Toilette ganz Mann sein durfte, wollte er diesen Akt der Emanzipation um jeden Preis durchziehen und auskosten und sich durch keinerlei Domestizierung oder sonst etwas, einschränken lassen.

Da konnte seine schlummernde Gerlinde sich noch so sehr auf den Kopf stellen (was sie ja bei einigen Yogaübungen ohnehin schon tat), er, Carl, war jedenfalls nicht mehr bereit von seinem Recht – gänzlich Mann zu sein – abzurücken!

Und Gerlinde würde er noch heute die neue rechtliche Pinkelsituation unter ihr keckes Näschen reiben! Was mit Sicherheit nicht ohne lautstarken Wortwechsel abging! Das war klar wie Rinderbrühe, aber die Sache Wert, sagte sich Carl und war stolz, wie gelassen und nüchtern er die Dinge noch vor der ersten Tasse Kaffee an diesem Morgen sah…

Na ja – und da Gerlinde vermutlich jetzt wirklich bald aufwachen würde, war zur Sicherstellung eines reibungslosen Gesprächablaufes es bestimmt pfiffig und klug, sie nicht schon vor dem Frühstücksei mit richterlichen Fakten zu überfallen, sondern erst eine Weile abzuwarten und ihr dann, je nach Befinden, bei einem Gläschen Sekt und mit der Zeitung in der Hand, die neue gerichtsfeste ‚Pinkelsituation’ zu präsentieren…

Ja das war eindeutig der bessere Weg! Der viel bessere sogar!

Und wenn er es genau überlegte – so Carl – stellte sich ja ohnehin letztlich die Frage, warum Gerlinde überhaupt mit dieser Sache konfrontiert werden musste? Sie stand doch nicht prüfend neben ihm, wenn er pinkelte! Also warum dann soviel Theater darum machen und endlos darüber quasseln?

„Hey – wo sind wir denn?“ sagte er laut zu sich selbst, legte die „Frankfurter Allgemeine“ beiseite und schlüpfte nach dieser spontanen Eingebung schnell noch einmal unter die warme Bettdecke…

Er konnte doch am Klo machen was er wollte: wenn er beschloss beim Pinkeln zu stehen, dann stand er, und wenn er beschloss sich wie bisher zu setzen, dann war das auch gut und er tat sogar noch Gerlindes nagender Forderung genüge!

Wichtig war doch nur, dass er nicht kniff, sondern klar Position bezog! Und das tat er jetzt, wo er im Lichte der neu gewonnenen Freiheit alle Optionen hatte und sich sowohl stehend als auch sitzend der Klobrille nähern konnte!

War das nicht ein irres, männliches Gefühl, nicht ‚alternativlos’ zu sein, wie es die Kanzlerin oft war…

KH
(Translated by EG)