Ich bin gerne auf See und am Meer, weil die Seeluft meinem Hals gut tut. Seit mir als Kind die Mandeln entfernt wurden, leide ich unter mehr oder weniger chronischen Halsschmerzen. Doch nach ein paar Tagen Seeluft sind diese weg.

Das Glück des Meeres (Foto © Luc Bosma, Bonaire)

Wenn Barbara und ich mit dem Schiff fahren, dann versuchen wir eine Kabine mit Balkon zu bekommen. Und durchträumen die Nächte auf See bei offener Balkontür, atmen die frische Luft des Meeres ein und genießen das Rauschen des Wassers. So auch auf der letzten Karibik-Tour.

Das Schiff fährt nachts von einer Insel zur nächsten. Da die Inseln oft nicht weit auseinander liegen, pflügt das Schiff meistens extrem langsam durchs Meer. Trotzdem legt das Schiff am Morgen noch vor dem Sonnenaufgang im Zielhafen an, denn in der Karibik sind im Dezember die Nächte lang.

Jeden Tag in der früh kommt dann Schock. Die Luft beginnt zu stinken, es wird laut und künstliches Licht dringt in die Kabine. Es ist der unerfreuliche Dreiklang der Zivilisation, mit dem diese uns empfängt.

Zuhause in Neubiberg stinkt und lärmt es Tag und Nacht. So richtig dunkel ist es nirgends mehr. Immer leuchtet eine blöde Strassenlampe oder Leuchtreklame ins Haus. Und am Himmel sieht man die Sterne kaum mehr.

Obwohl ich eher privilegiert wohne, gilt das auch für mein Zuhause. Mit offenen Fenstern schlafen ist mir schon allein aufgrund des brummenden Lärms der peripheren Großstadt rund um die Uhr nicht möglich.

Die Einahme von Schlaftabletten lehne ich ab, besonders wenn sie zum Bestandteil des normalen Lebens wird. So sind geschlossene Schallschutzfenster und Verdunkelung angesagt. Ich habe mich daran gewöhnt, finde das trotzdem aber gar nicht gut.

Wenn ich das Haus mit dem Fahrrad oder zu Fuß in Richtung Ottobrunn verlasse, bin ich schnell auf Straßen wie der Putzbrunner oder Rosenheimer Landstrasse. Dort fällt mir das Atmen schwer und das Überqueren wird zum Abenteuer. Und auch an den bayerischen Straßenrändern liegt der Müll – so wie wohl überall auf der Welt.

Beim Zurückkommen in die Heimat stellen sich mir dann schnell wieder Sinnfragen:
Brauchen wir den „Motorisierten Individual Verkehr“ (MIV) wirklich? Macht uns der ganze Konsum-Schnickschnack wahrhaftig glücklich? Wünschen wir uns nicht ein weniger von Effizienz und Profit bestimmtes Leben? Wie können wir uns von der permanenten Manipulation befreien? Wäre es nicht besser, einfach zu leben und das Leben nicht zu einer hektischen Jagd verkommen zu lassen?

Um eventueller Kritik gleich entgegen zu kommen:
Wer wie ich in die Karibik fliegt und dort mit dem Schiff im Kreis fährt, nur um neun Inseln zu besuchen und die Wärme und das Meer zu genießen, der hat natürlich kein Recht sich über den MIV-Fahrer zu beschweren, der am Morgen im vorgeheizten SUV die zwei Kilometer zum Bäcker fährt. Das ist mir sehr wohl bewusst.

So denke ich mir:
Mobilität ist wahrscheinlich ein zentrales Bedürfnis des Wesens Mensch. Da fällt mir der individuelle Verzicht schwer. Aber durch kollektive Massnahmen – wie z.B. die Besteuerung von Kerosin und gerechte Belastung der Verursacher mit den Externalitätskosten – könnte man zumindest das Volumen von Mobilität und deren schreckliche Auswirkungen auf unseren Planeten reduzieren.

Das Argument, dass solche Maßnahmen wieder besonders die Armen treffen würden, zählt meiner Meinung nach nur beschränkt. Schon die Griechen haben erkannt, dass die Forderung nach einer „arithmetischen Gerechtigkeit“ utopisch und wahrscheinlich dumm ist.

Ich vermute mal, dass es diese noch nie gegeben hat und auch nie geben wird. Weil das Leben halt mal so ist wie es ist. Und wäre persönlich durchaus mit einer „geometrischen Gerechtigkeit“ (gemäß der Nikomachischen Ethik von Aristoteles) schon mal ganz zufrieden.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 13. Dezember 2018

Karibik – Inspirationen, Impulse, Gedanken (3) Unsere Welt ist schön.

🙂 Die Welt ist schön – das gilt auch für die Karibik.

In der Karibik wurde unser Auge wieder so richtig mit natürlicher und artifizieller Schönheit gefüttert. Da musste ich an eine Geschichte denken, die jetzt schon ein paar Jahre her ist.

Es war in Guinea. Gemeinsam mit Freunden waren wir auf einem Ausflug zu einem Ziel mit einem besonders schönen Ausblick. Angekommen hat die ganze Gruppe gewetteifert, wie einzigartig schön die Landschaft hier wäre.

Da platzte es aus mir heraus:
„Die Seen in Bayern sind aber auch sehr schön“.

Dabei dachte ich an den Königs-, Ammer- und Starnberger See.

Sonnenuntergang auf Bonaire (Foto © Luc Bosma)

Bis heute werde ich von meinen Freunden wegen dieses Satzes immer wieder ein wenig aufgezogen.

Ich stehe aber zu ihm. Ich kenne keine Reise, auf dem mich die Schönheit dieser Welt nicht begeistert hätte. Das gilt für meine Radltouren in Bayern und Deutschland genauso wie für Reisen in Afrika oder Amerika.

Immer waren die Anblicke toll. So erging es mir auch in der Arktis. Jeder Eisberg war eine großartiger Anblick. Und die Wedell-See  erstrahlte in der Sonne in herausragendem Glanz.

Sogar die Industrie-Ruinen der Wal-Fang-Industrie in Südgeorgien haben sich mir in großer Schönheit präsentiert.

Zwischen Ruinen (eigenes Foto)

So wie sogar der Blick von unserem „Hochhaus-Schiff“ in der „Dominikanischen Republik“ auf die düster aber kräftig rauchenden Schlote im Hafen von La Romana auf bizarre Art und Weise schön war. Und der Blick vom Wolkenkratzer auf die Slums von Mumbai (Bombay) hat auch seinen Reiz.

Es gibt einen Eindruck, den meine Seele auf meinen Reisen aufgenommen hat, der mich besonders beeindruckt hat. Das war auf einer Alpenüberquerung mit dem Rad am Morgen nach einer Übernachtung in der Heidelberger Hütte. Ich würde aber auch hier nicht sagen, dass es die schönste Landschaft meines Lebens war.

Wahrscheinlich gibt es in diesem Kontext nur ein SCHÖN – und kein „schöner“ oder gar „am schönsten“.

Sonnenaufgang auf Bonaire (Foto © Luc Bosma)

RMD

Um mein Fazit gleich mal vorweg zu nehmen:
Unsere Reise durch die Karibik hat mir klar gemacht, dass unser aktuell gelebtes ökonomisch-soziales Lebensprinzip von Konsum und Profit nur in Sonderfällen (wie scheinbar in Deutschland und bei genauer Betrachtung auch dort nicht) funktionieren kann.

Also zuerst mal zu meinem Erleben in der Karibik Erlebten und zu dem, was ich über Land und Menschen dort gelernt habe.

Paradies oder Elend?  (Foto © Luc Bosma, Bonaire)

Wir haben 9 Inseln besucht.

Davon waren zwei französisch: Martinique (vollintegriert) und Gouadeloupe (fast vollständig integrierter Teil des französischen Staates jedoch nicht zur Umsatzsteuer-Union der EU gehörend). Beide sind so Teil der EU. Die drei ABC-Inseln (Aruba, Bonaire, Curaçao) sind Teil des holländischen Königsreiches und die anderen (Barbados, Dominica, Grenada und St. Lucia – alle vier unabhängig und Mitglied des Commonwealth of Nations).

Die Inselstaaten haben unterschiedliche Währungen:

Gerade auf den holländischen und britischen Inseln ist der US-Dollar die akzeptierte Zweitwährung.

Die Pro-Kopf-Einkommen sind unterschiedlich, z.B. in Barbados betrug es in 2016 16.363 US-Dollar. Nominell entspricht das z.B. dem der Slowakei – mein Eindruck war allerdings, dass das Leben in Barbados deutlich teuerer ist. Auf der durchaus gut entwickelten Insel Bonaire war es bei um die 1.200 US-Dollar, in Dominica sicher darunter. Die Arbeitslosen-Quote ist überall zweistellig, zum Teil auch da nicht im unteren Bereich.

Überall fanden wir Schulen und Universitäten, die Alphabetisierungsraten sind dementsprechend überall recht hoch. Viele Menschen sprechen mehre Sprachen, neben den einheimischen kreolischen Dialekten sprechen die meistens Menschen mindestens eine weitere und oft mehrere Sprachen, vor allem Englisch, Französisch oder Niederländisch. Uns sind aber auch häufig des Deutschen mächtige Menschen begegnet.

Politisch sind die Inseln „parlamentarische Demokratien“, und dass auch schon länger. Man findet dort auch das eine oder andere „Weiße Haus“. Es gibt aber auch interessante und nicht immer lustige Geschichten von korrupten Politikern und Diktatoren.

Auf den Inseln war es natürlich immer schön warm – so um die 26 Grad Celsius waren normal (wir waren ja im „Winter“ dort). Abhängig von der Luftfeuchtigkeit kommt es einem dann auch noch eins Stück wärmer vor. Die Karibik ist also kein Gebiet, wo körperliche Arbeit – vielleicht sogar noch im Akkord – zu keiner Jahreszeit so richtig Freude macht.

Es gibt Inseln mit sehr viel Niederschlag – und dementsprechend vielen Flüssen und Wasserfällen im Regenwald, aber auch sehr karge Inseln mit wenig Niederschlägen, die ihr Trinkwasser importieren oder künstlich herstellen. Zum wesentlichen Teil sind die Inseln vulkanischen Ursprungs, man findet aber z.B. Barbados als Ausläufer eines gefalteten Kalksteingebirges.

Die Besiedlungsgeschichte ist bei den meisten Inseln ähnlich. Die voreuropäischen Einwohner waren häufig Arawak und Kariben. Sie wurden meistens von den europäischen Besetzern ausgerottet. Die Menschen, die heute dort leben, stammen von Europäern, oft von Afrikanern und später Indern ab. Der größte Anteil an der Bevölkerung ist überall in der Karibik – wohl als Folge der Sklaverei – afrikanischen Ursprungs.

Wir haben die Karibik ingesamt als enorm bunt und multi-kulturell erlebt. Es gibt Inseln, die sich rühmen, dass in ihrem Staat 40 Nationalitäten friedlich zusammen leben.

Soziale Absicherung gibt es kaum, auch keine staatliche Rente. Die Menschen machen (trotzdem oder deswegen ?) einen sehr fröhlichen und glücklichen Eindruck. Domenika gilt zum Beispiel als Insel der 100-Jährigen.

Die Kriminalität scheint sehr gering zu sein. Die üblichen Warnungen vor dem Landbesuch waren sehr moderat, nur im Bereich der EU wurde schiffseitig davor gewarnt, dass sich ab und zu auch mal ein Taschendieb aus Paris sich dorthin verirren würde.

Die Inseln sind vielfältig – es gibt das Naturparadies (Dominica mit vielen schönen Wanderwegen) genauso wie die Industrieinsel (Aruba – die eine Hälfte dort ist Tourismusindustrie pur – die andere Hälfte besteht aus dem Flughafen und der Öl- und Salzindustrie).

Gemeinsamkeit

Eines aber scheinen die Inseln gemeinsam zu haben. Wirtschaftlich funktionieren sie nicht so richtig gut . Die französischen Departments dürften so genauso Zuschuß-Projekte sein wie die anderen Inseln.

Die Netzabdeckung erschien mir eher besser als in Deutschland, die Straßen sind häufig in einen katastrophalem Zustand.

Die Einkommensquellen sind je nach Insel überwiegend der Anbau von Nahrungsmitteln wie Bananen, immer noch Zuckerrohr und Gewürze. Es gibt ein wenig Erdöl, die Hauptquelle der Einnahmen dürfte aber der Tourismus sein.

So richtig „lebensfähig“ scheinen diese Inseln alle nicht zu sein. Die jungen Leute wandern aus, weil die Inseln ihnen „nichts bieten“. Wenn es gut läuft, dann kommen sie als erfolgreiche Greise wieder und bringen zumindest ein wenig Kapital zurück. Die Auswanderung ist hoch, die Einwanderung niedrig. Viele Einwanderer, die sich auf den Inseln eine neue Existenz – oft als Unternehmer – aufbauen wollen, geben nach wenigen Jahren wieder auf.

Ein richtig lukratives Geschäft gibt es nicht, die Konkurrenzfähigkeit wird durch Kostenoptimierung und niedrige Einkommen erreicht. Und meistens geht das Geschäft massiv zu Lasten der Natur, dem einzigen Reichtum auch dieser Inseln. Wir haben also auch hier hohe Externalitätskosten.

Das kommt mir ein wenig vor in Europa. Auch in der ja so reichen EU sind die meisten Länder pleite. Immer mehr Menschen verarmen. Das gilt auch bei den Gewinnern wie Deutschland, Österreich und ein paar nördlichen Ländern.

Das gilt auch für große USA. Auch diese haben ihren Wohlstand auf Schulden aufgebaut und leiden unter dem natürlichen Verfall der aufgebauschten Infrastruktur, dem oft allein schon aus Kostengründen gar nicht mehr begegnet werden kann.

Irgendwie waren für mich der Besuch der karibischen Inseln ein modellhaftes Beispiel, dass Wirtschaft aufbauend auf unseren kapitalistischen und komsum- wie profitorientierten Paradigmen nicht mehr funktioniert. Den notwendigen Umbau zu schaffen, das dürfte die größte Herausforderung sein, die sich der Menschheit stellt, so sie ihr Überleben ein wenig verlängern will.

Schiff mit Vogel. (Foto © Luc Bosma, Bonaire)RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 11. Dezember 2018

Karibik – Inspirationen, Impulse, Gedanken (1) Sklaven & Leibeigene.

Wenn Du nach Curaçao kommst, dann heißt es
Welcome to Kura Hulanda Museum.
Dieses Museum befasst sich mit der Geschichte der Sklaverei in Westindien. Der Reisende darf es auf keinem Fall auslassen.

Hütten für die Sklaven der Salzproduktion auf Bonaire (Foto © Luc Bosma)

Wir sind dem Rat unseres Schiffslektors gefolgt und gingen am Morgen gleich nach der Ankunft in Curaçao zum Kura Hulanda Museum. Es hat sich gelohnt.

Das Museum

In Willemstads Ortsteil Otrabanda findet sich das größte anthropologische Museum der Karibik, das „Kura Hulanda Museum“. Auf einer Grundfläche von mehr als 16.000 Quadratmetern und in 15 verschiedenen Gebäuden wird die Geschichte der Menschen beleuchtet, die vom 17. bis ins 19. Jahrhundert aus ihrer afrikanischen Heimat verschleppt wurden und nach dem Transport über den Atlantik als Sklaven auf Curaçao landeten. Die „West Indian Company“ spielte dabei eine zentrale Rolle und Curaçao entwickelte sich rasch zur größten Drehscheibe im Sklavenhandel auf dem amerikanischen Kontinent.

Zum Formalen:
Der Eintritt ins Museum kostet aktuell 10 US-Dollar und für Menschen, die älter als Sechzig sind, nur 7 US-Dollar. Die drei gesparten Dollar haben wir in einen Führer investiert (Kosten bei einer Gruppe pro Person 3 $). Das lohnt sich auf jeden Fall.

Im Museum:
Wir sind  in die düstere Vergangenheit der Insel aber auch der Menschheit eingetaucht und haben das Museum mit großer Betroffenheit verlassen.

Ich hatte noch nie so drastisch erlebt, wie Sklaverei funktioniert hat. Im Museum geht es um die Sklaven, die in Afrika eingefangen und dann auf Schiffen in die neue Welt transportiert wurden. Aufgrund ihrer geographischen Lage war die Karibik wohl eine wichtige Drehscheibe des Sklavenhandels.

Auf den karibischen Inseln wie Curaçao wurde nicht nur mit Sklaven gehandelt. Die Eroberer aus Europa hatten ja die orignäre Bevölkerung mehr oder weniger ausgerottet. So wurden für die Herstellung begehrter Produkte wie Zuckerrohr, Bananen, Gewürze, Salz (vor allem auf Bonaire) dringend Arbeitskräfte gebraucht. Und die einfachste Quelle für diese waren die lokalen Sklavenmärkte.

Das Museum zeigt, wie grausam die Sklaven behandelt und gehandelt worden sind. In welcher unvorstellbarer Enge sie in niedrigen Zwischendecks von Afrika über den Atlantik gebracht worden sind. Wie sie gejagt und gefesselt wurden und welche Methoden (und Werkzeuge) zur Disziplinierung eingesetzt worden sind. Auch wie der Eigentümer sein Brandzeichen gesetzt hat. Und viele weitere oft grausame Details.

Auch die Abschaffung der Sklaverei wird gezeigt. Im französichen Bereich wurde sie sogar zwei Mal abgeschafft, weil Napoleon sie zwischendurch wieder eingeführt hatte. Die Kolonialherren, die die Sklaverei als letzte abgeschafft haben, waren übrigens die Holländer

Wir haben im Museum auch Urkunden aus Deutsch-Ostafrika gefunden. Das waren so typisch deutsche Dokumente, mit denen noch im Jahr 1913 den Inhabern (ehemaligen Sklaven) bestätigt wurde, dass sie ab dem Ausstellungsdatum den Status der „Eigengehörigkeit“ hatten, also über sich selber verfügen durften. 1913 ist für mich nicht so ganz weit weg, das war kurz vor der Geburt meines Vaters in 1919.

Auch nach der Abschaffung der Sklaverei wurden natürlich weiter Arbeitskräfte in der Karibik benötigt. Die benötigten Arbeiter wurden dann in Indien angeworden. Und schnell haben die Eigentümer der Zuckerrohr-, Bananen- und weiterer Plantagen und Zucker- und Rum-Fabriken gemerkt, dass die neuen Arbeiter billiger waren als die Sklaven davor. Weil diese jetzt für sich selber sorgen mussten. Jetzt könnte der Bösewicht unter uns unken, dass auch die Abschaffung der Sklaverei nicht nur aus „edlen“ Motiven sondern durchaus auch aus „kaufmännischen“ Gründen erfolgt ist. Sie hat sich einfach nicht mehr gerechnet.

Da macht es bei mir „Klick“ – und ich erinnere mich an Erlebnisse in Kenia in den 80iger Jahren. Da habe ich gesehen, wie massenhaft Hafenarbeiter stundenlang vor dem Hafen in Mombasa Schlange standen für einen „1-Tages-Job“, der mit 1 US-Dollar entlohnt wurde. Und nur wenige wurden zum Arbeiten reingelassen. Ähnliches habe ich auf einer Radtour durch Tunesien auch vor einer Kali-Fabrik erlebt. Auch da waren nur wenige in der Masse der Wartenden, die rein durften, die anderen haben dann gegen Mittag unverrichteter Dinge wieder aufgegeben.

Das klingt natürlich billiger, als das Investment in einen Sklaven, für den man dann auch noch sorgen muss und z.B. Wasser herbeischaffen (lassen) muss. Die indischen Arbeiter waren natürlich für ihr überleben selber verantwortlich und mussten es selbst organisieren.

Das Museum hat mich so beeindruckt, dass ich vergessen habe, Fotos zu machen, obwohl das dort ausdrücklich erlaubt ist. Ich musste noch lange darüber intensiv nachdenken und habe einiges recherchiert.

Sklaverei und Leibeigenschaft

Und mir ist eingefallen, dass Sklaverei und Leibeigenschaft wohl zusammen hängen. Und die Sklaverei gar nicht so viel anders ist als das in Europa weit über ein halbes Jahrtausend gelebte und ganz selbstverständliche Prinzip der Leibeigenschaft. Auch hier lohnt sich wieder die Lektüre des entsprechenden Artikels in Wikipedia.

Man entdeckt dann viele überraschende Details, wie z.B. die Einräumung eines gegenseitigen Jagdrechts, um entlaufende Leibeigene (Sklaven?) jenseits der Grenzen zu verfolgen.

Dort versteht man auch, dass es wohl nur einen Unterschied zwischen Leibeigenen und Sklaverei gibt. Das ist wieder ein absolut lesenswerter Artikel in Wikipedia, der mich schockiert hat.

Nach dessen Lektüre empfinde ich den Verweis von Politikern auf unsere „abendländische Wurzeln und christliche Tradition“ nur noch als dümmsten Sarkasmus. Denn das „C“ stand vor gar nicht langer Zeit auch absolut für Sklaverei und Leibeigenschaft. Das war eine sehr trostlose Zeit.

Vielleicht sollten sich die Politiker mal so ein klein wenig mehr geschichtlich informieren, auch wenn in der Schule im Fach Geschichte die  Leibeigenschaft in all seinen Varianten kein Thema war – wie auch bei mir.

Es gibt nur einen Unterschied zwischen der Leibeigenschaft in den deutschsprachigen und weiteren europäischen Ländern und der transatlantischen Sklaverei:

Die versklavten Schwarzen waren schwarz und stammten überwiegend aus Afrika. Früher hat man sie Neger genannt. Nach dem Urteil von Kirche und sogar der zeitgenössischen Philosophie (Kant) waren sie keine Menschen sondern Tiere. Zu Zeiten Darwins war es für eine feine „englische Dame“ unvorstellbar, dass sie im Sinne der Evolutionstheorie von einem Affen abstammen könnte. Tiere waren so weit weg vom dem überhöhten Ideal des „Menschen“, dass man mit ihnen alles machen durfte. Deshalb mochte man am viktorianischen Hof den Ketzer Darwin mit seinen „neuen Ideen“ gar nicht. Und die Schwarzen galten halt als Tiere.

Die „Leibeigenen“ oder „Grundeigenen“, die den Herren gehörten, denen gerade der Grund gehörte, waren zwar eine ziemlich rechtlose Unterschicht. Aber immerhin galten sie noch als Menschen. Sie wurden von der Oberschicht (Feudalismus, und Kirche) auch durch die Religion domestiziert. Sie waren aber das Eigentum anderer Menschen, die komplett über sie verfügenkonnten. Dies direkt oder indirekt als Grundeigene über den Grund, auf dem sie lebten.

In dem Wikipedia-Artikel über Leibeigenschaft finden wir aus heutiger Sicht sehr eigenartige Gesetze und Grausamkeiten, wie Vereinbarungen zwischen Kommunen zum gegenseitige Jagdrecht auf entflohene Leibeigene. Der Satz „Stadtluft macht frei“ erhält eine klare Bedeutung. Denn der Fortschritt – nicht nur der technologische – hat in den Städten stattgefunden.

Ein Eigentumsrecht auch an Menschen war also in unserer Gesellschaft über Jahrhunderte von Jahren genauso selbstverständlich wie heute das Recht auf Eigentum, dinglichen Gegenständen wie an Grund und Boden und kreativ Erzeugtem (Urheberrecht) oder an den eigenen Daten.

Und obwohl wir kräftig dabei sind, das Eigentumsrecht immer mehr zu stärken (besonders zugunsten juristischen Personen wie Konzernen), haben wir das Eigentumsrecht an anderen Menschen abgeschafft. Das ist doch bemerkenswert.

Da könnte doch der Gedanke kommen, dass vielleicht auch andere Eigentumsrechte reduziert oder abgebaut werden müssen. Zum Beispiel, dass Güter der Allmende auch nicht indivuelles Eigentum. Und dass absurd hohes Eigentum auch nicht sein darf. Und vielleicht, dass juristische und natürliche Personen ein unterschiedliches Recht an Eigentum haben sollten.

Noch eine zynische Anmerkung:
Auf den Schiffen, die von Europa nach Afrika gesegelt sind, um dort Sklaven zu kaufen und diese als versicherte Fracht in die Karibik zu bringen, waren in den Kabinen Missionare, die die Heiden in Afrika bekehren sollten. Die auf der anderen Seite offiziell keine Menschen sondern jagdbares Wild waren. Und dann unten im Rumpf in enge Zwischendecks in eisernen Fesseln transportiert wurden. Und wenn einer davon krank wurde, ging er über Bord, um die gesunden nicht anzustecken. Und das war kein großer Schaden, weil er ja als Fracht gut versichert war.

Auch das lernt man im Museum Kura Hulanda. So hat mich der Besuch im Museum Kura Hulanda mich ziemlich nachdenklich gemacht. Auch weil dort dokumentiert wird, dass die Sklaverei in der Gegenwart wieder zunimmt.

Salzproduktion heute auf Bonaire (Foto © Luc Bosma)

RMD

Roland Dürre
Montag, der 10. Dezember 2018

Karibik – Inspirationen, Impulse, Gedanken (0) Übersicht.

Gemeinsam mit Barbara war ich vom 23. November bis 8. Dezember 2018 zwei Wochen mit dem Schiff in der Karibik. Wir haben neun Inseln gesehen. Früher habe ich auf meinen Reisen öfters Tagebuch geschrieben und detailliert berichtet, was ich unterwegs so gemacht und erlebt habe. Diesmal mache ich es anders und notiere die Impulse und Inspirationen, mit der mich die Reise reich beschenkt hat.

Reisen inspiriert und sorgt für Impulse (© Luc Bosma)

Das soll zu einer kleinen Serie von Artikeln zur Reise führen, die ich mit schönen Bildern illustrieren werde. Die Bilder sind zum Teil von mir, zum Teil aber auch von Luc Bosma. So auch das hier zu sehende Flamingo-Bild.

Zur Übersicht:

Folgende neun Inseln haben wir – gestartet in La Romana in der dominikanische Republik – besucht:
Martinique (als französisches Übersee-Gebiet in der EU), Barbados (unabhängig und Mitglied des Commonwealth of Nations), Gouadeloupe (als französisches Übersee-Gebiet in der EU), Dominica, St. Lucia , Grenada (alle drei unabhängig und Mitglied des Commonwealth of Nations), Bonaire (eine Besondere Gemeinde der Niederlande), Curaçao (ein Land des Königreichs der Niederlande) und Aruba (eines der vier gleichberechtigten Länder des Königreiches der Niederlande).

Die letzten drei Inseln werden auch die ABC-Inseln genannt und gehören geographisch zu Südamerika; sie liegen nicht weit weg von Venezuela. Die anderen Inseln gehören geographisch zu den Kleinen Antillen. Folgt man den Links findet man viel Interessantes, es lohnt sich.

Alles diese Inseln sind kleine Länder. Für mich bemerkenswert, dass da auch Länder ohne Armee dabei sind, in der Tat haben manche dieser Staaten auch ganz konkrete Sorgen, die die Angst vor äußeren Feinden stark relativieren.

In der nächsten Zeit werde ich berichten, was ich auf dieser Reise für mich Neues erfahren habe, das mich besonders beeindruckt hat.

Das Schiff:
Wir sind auf der Mein Schiff 5 gefahren. Das Schiff ist Teil der Mein Schiff Flotte der TUI. Es ist ein gut durch-organisiertes und -gestyltes Tourismus-Produkt für gut 2.500 Reisende und bietet – ermöglicht aufgrund seiner Größe – für doch sehr besondere Reisen wie durch die  Karibik ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. Laut Aussagen von Mitreisenden waren nur um die 1.800 Gäste an Bord. Unsere Reise war also nicht ausgebucht, was auch daran liegen kann, dass wir ja in der „Nebensaison“ gereist sind.

Und hier auch ein Gedanke als erste kleine Erkenntnis der Reise:

Wenn man in der Karibik in einem Teil der EU ankommt und plötzlich die Flatrate auf dem Smart Phone wieder genutzt werden kann, dann fühlt man sich schon wieder sehr wie zu Hause.

So behaupte ich mal, dass für viele Menschen Heimat dort ist, wo man sein Smart Phone beliebig – ohne Einschränkung und Kostenfesseln – nutzen kann.

Eine wie ich meine durchaus Ernst zu nehmende moderne Definition von Heimat!

Jetzt arbeite ich am ersten konkreten Artikel  als Folge 1- da wird es um Sklaverei und Leibeigenschaft gehen.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 6. September 2018

Urlaub. Vorbei. Kurzbericht & Gedanken.

Jetzt sind wir wieder zurück, der Urlaub ist vorbei.

Am ersten Sonntag im September ging es zurück in Richtung Herbst. Nach gut zwei Wochen einfachen Lebens unter griechischer Sonne. Es war kein Luxusurlaub – es war sehr warm, wir waren intensiv in der Natur mit wenig Zivilisation und ganz einfachen sanitären Anlagen. Aber mit viel Schwimmen und Radeln – und täglich gab es viel zum Genießen.

Und wieder Mal ist die Luft draußen.

Beim Radeln haben uns die Dornen geärgert, die immer wieder unsere Reifen durchstochen haben. Mücken haben uns aufgelauert und im Wasser kleine Fische an unseren Mückenstichen geknabbert. Es war es richtig heiß und auch nachts im Zelt gut warm. Der frische Wind vom Meer hat gut getan.

Es war kein Luxus-Urlaub, aber eine wunderbare Zeit, mit vielen Erlebnissen. Mit den Fahrrädern haben wir im wahrsten Sinne des Wortes viel „erfahren“. Bis zu fünf Enkel waren dabei und haben die Tage genauso genossen wie die Erwachsenen. Was natürlich uns besonders gefreut hat.

Es gab auch einmal Regen.

An einem Tag hat es geregnet, anschließend waren die Tage nur ein wenig kühler. Nachts waren die Lichter aus und wir konnten den Sternenhimmel – in der Mitte unseres Aufenthaltes sogar mit Vollmond erleben. Die in der Kindheit gelernten und fast vergessenen Sternenbilder tauchten wieder auf.

Und mir kam in tiefer Nacht der Gedanke, wie es wäre, wenn die Sonne am Morgen nicht mehr aufgehen würde. Wohl wissend, dass dies zurzeit ja noch eher unwahrscheinlich ist. Aber weiß man es wirklich? Zumindest habe ich mich über die Morgensonne jeden Tag so richtig gefreut!

In dieser einfachen Welt habe ich verstanden, wie wichtig für uns Menschen die Sonne ist – und wieso die Menschen über Jahrhunderte sich die Sonne als unsere Göttin ausgekuckt haben.

Die Schönheit der Natur hat uns immer beeindruckt.

Blick von der Fahrradtour.

Nur ein wenig in die Höhe radeln und schon wird die Welt unter uns kleiner. Leider täuscht oft der Anblick – es befindet sich hinter der Schönheit oft (zu) viel Müll. Auch unser Paradies hat Mängel.

Ein zweiter Gedanke hat mich betroffen gemacht. Denn jeden Morgen bin ich in unserer Buch den Strand entlang geschwommen und dann die Strecke auf dem Strand gemütlich zurück gegangen. Mit großer Vorfreude auf den Frühstückscafé. Und dabei bin ich doch über einigen Kleinmüll gestiegen.

Kein Strand frei von Müll.

Und ich dachte mir: „Warum nehme ich eigentlich auf meine Schwimm-/Geh-Tour keine Plastiktüte mit und sammle die vielen Strohhalme ein? Dabei würde ich mir doch wirklich keinen abbrechen. Und dass mich dann andere Menschen mit Sicherheit komisch anschauen würden, auch das sollte ich doch abkönnen.“

🙂 Und vielleicht würde Göttin Sonne sich darüber freuen?

Doch am nächsten Morgen habe ich die kleine Tüte wieder vergessen und auf dem Rückweg den Plastikmüll liegen gelassen.

Auf dem Friedhof von Mavrouni haben die Toten Seeblick.

Auch über Leben und Tod denkt man nach, wenn man so weit weg vom Lärm unserer Städte ist. Und dass Zelten vielleicht auch ein Thema ist, dass im Alter ein bisschen schwieriger werden könnte. Trotzdem würde ich es gerne wieder probieren. Und wenn es mir im nächsten Jahr noch mal gelingt, dann nehme ich  jeden Morgen auf meine Schwimmtour einen kleinen Plastikbeutel in der Badehose mit – und sammel auf dem Rückweg ein wenig vom Müll ein. Und denk mir nichts, wenn ich komisch angeschaut werde!

Versprochen!

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 15. März 2018

Landgang Antarktis (mit Reisebericht).

Roland beim Landgang in der Antarktis.

Alle Teilnehmer an einer Antarktis-Expedition müssen vor dem Landgang verpflichtend an einer Informations-Veranstaltung teilnehmen. Da wird gezeigt, wie ernst es der Weltgemeinschaft mit dem Schutz der unberührten Natur des antarktischen Kontinents ist.

Gleichzeitig ist die ganze Antarktis und vor allem auch Südgeorgien ein einzig großes Museum, dass viele Geschichten von Expeditionen und Wissenschaft erzählt, aber auch den Geologen wesentliche Aufschlüsse über die Geschichte unserer Welt liefert.

Es gibt zehn Regeln für den Landgang in der Antarktis und Südgeorgien, die beim Betreten des Antarktischen Festlandes wie seiner Inseln unbedingt beachtet werden müssen.

  • Ruhe bitte!
  • Distanz bitte (Pinguine 5 Meter, Robben und Seevögel 15 Meter)!
  • Nichts zertreten!
  • Bringen Sie keine Pflanzen und Tiere mit!
  • Respektieren Sie Schutzgebiete!
  • Erhalten Sie historische Stätten und Denkmäler!
  • Verzichten Sie auf „Souvenirs“!
  • Respektieren Sie die wissenschaftliche Forschung!
  • Denken Sie an Ihre Sicherheit!
  • Erhalten Sie die Unberührtheit der Antarktis!

Das beinhaltet auch dass man nicht ausspuckt, schnäuzt oder gar pieselt (bieselt).

Roland bei der Rückfahrt zum Schiff.

Diese Regeln dienen auch dem Schutz der Tiere. Ich war positiv überrascht, wie ernst alle Teilnehmer diese genommen haben und sich konsequent an die Vorgaben gehalten haben.

Auch ich habe mich daran gewöhnt, keinen grünen Fleck zu betreten. Das ungeschützte „Nießen“ haben wir alle vermieden. Der fahrlässige Verlust eines Papier-Taschentuchs war ausgeschlossen.

So war jeder Landausflug ein beeindruckendes Erlebnis. Das Licht, die reine Luft und die wunderschöne Natur haben uns tief beeindruckt. Historische Gebäude als Zeugnisse von einer grausamen Industrie (Walfang), die mit dem Versprechen eines guten Verdienstes Menschen in einen grauenhaften Job unter schwersten Bedingungen weit weg von der Heimat und Überbleibsel aller Art von Offenbarung.

Zurück in Deutschland war ich entsetzt, wie achtlos wir im Großen wie im Kleinen in unserer Heimat mit unserer Natur umgehen. Mich hat noch vielmehr als vor der Reise die Vermüllung unsere Radwege, Straßen und Städte entsetzt wie auch die gigantische Versiegelung unserer schönen Landschaft. Und wie viel Lärm und schlechter wir uns auch in den schönen Wohngegenden unserer Städte ganz freiwillig aussetzen.

An dieser Stelle auch für meine Freunde ein Bericht zur Reise, verfasst und illustriert von unserer großartigen Lektorin Dr. Katrin Knickmeier. Wir haben (nicht nur) bei ihr soviel gelernt und ich kann den Besuch dieses besonderen Kontinents nur empfehlen.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 31. Mai 2017

Kleftiko – und am Abend dann im Hospital von Plaka …

Vor zwei Tagen hatte ich meinen Artikel „Nomaden in den Kykladen“ veröffentlicht. Es ging um ein von mir in Milos gefundenem Buch mit dem Titel:
DER ARZT HANS LÖBER
Briefe aus Milos, 1943-1944

Dieser hatte in den Kriegsjahren ein Hospital auch für die einheimische Bevölkerung auf Milos in Plaka begründet. Seine Briefe hatten mich sehr beeindruckt.

Und schon vorgestern war ich dann als „Opfer“ im Hospital zu Plaka. So schnell geht es – und es ging so:

Bist Du in Milos, so ist der Ausflug nach Kleftiko immer ein lohneswertes Ziel.

Am Morgen nach meinem Post ging es per kleinem Schiff zum Ausflug nach Kleftiko. Wir hatten nach unserem Erleben von Griechenland diesmal ziemlich schlechtes Wetter – und sehr starken Wind. So war die Fahrt heftig – wahrscheinlich die heftigste Seefahrt meines Lebens. Auf der Hinfahrt nach Kleftiko ging alles gut. Nach einem schönen und längeren Aufenthalt in der stillen Bucht dort ging es am Nachmittag zurück nach Adamas, dem Haupthafen in Milos.

Die See schien auf dem Rückweg ein klein wenig ruhiger. Dafür fuhr das kleine Schiff jetzt gegen den von der Seite kommenden Wind. Da wir mittags doch einiges getrunken hatte, riskierte ich den Weg zur Toilette im Bug des Bootes. Die Bewegung des Schiffes hatte ich völlig unterschätzt – und so kam es wie es kommen musste, der Seegang liess mich ziemlich heftig im Boot stürzen. Wie man sagt: „Leichtsinn kommt vor dem Fall.“

Dabei verletzte ich mich an der linken Hand, die Kapsel des Ringfingers war wohl ziemlich beschädigt und schwoll heftig an. Eigentlich ist das kein großes Problem – desgleichen ist mir schon öfters passiert und meistens mit nur wenig bleibenden Schäden dann wieder geheilt.

Allerdings trage oder besser trug ich an diesem Finger meinen Ehering. Der ist mir im Laufe der Jahre eh ein wenig eng geworden, so dass er auch bei gesundem Finger nicht mehr abging. Am Abend wurde der Finger dann immer dicker und trotz eines köstlichen Abendessens bekam ich es dann doch mit der Angst zu tun, weil der Ring tief einschnitt.

Jetzt war nicht weit weg von unserem Restaurant ein Goldschmied, bei dem ich Hilfe suchte. Die Chefin dort bemühte sich redlich, mit einer Zange meinen Ring auf zu knipsen, hatte aber keine Chance. Gleich kamen dann noch mehr Griechen dazu und wollten mir helfen. Weil der Finger ein wenig übel aus sah, mussten die meisten Damen ihren Blick mehr oder weniger entsetzt abwenden.

Da die Runde nicht so erfolgreich war, wurde ich dringend ermahnt ins Hospital zu gehen! Ich war skeptisch, war es doch schon deutlich nach 22:00 Uhr. Die fürsorglichen Griechen beruhigten mich aber. Mit dem Taxi wären es nur 5 Minuten nach Plaka, der Arzt dort wäre sehr nett und würde mein Problem ganz schnell lösen.

Da ich irgendwie keinen anderen Ausweg sah, handelte ich wie mir empfohlen und fast befohlen. Ein Taxifahrer brachte mich mit viel Anteilnahme zum Hospital und wartete dort auf mich. Ich wurde von einer freundlichen Krankenschwester empfangen und in zwei Minuten war der Arzt da.

Er war mir schon auf dem ersten Blick hoch sympathisch. Sein fachmännisches Urteil war, dass man den Ring unbedingt öffnen sollte, er machte sich an die Arbeit und nach zwei weiteren Minuten war das Problem gelöst. Dann wurde der Finger noch untersucht und „getaped“ und ich wurde wieder entlassen.

Wie immer in Griechenland war die Gesundheitsvorsorge frei. Da ich gerade das Buch „Der Arzt Hans Löber“ gelesen hatte, das ja in Plaka geschrieben wurde, wollte ich eine kleine Spende machen. Ich erwähnte das Buch meinem Arzt – und er war so erfreut, dass ich dieses Buch kenne, dass er mir gleich ein weiteres schenken wollte. Nur mit großer Mühe gelangt es mir meine Spende los zu werden.

Ich bekam dann das Buch mit einer persönlichen Widmung meines behandelnden Arztes.

Genau so habe ich es Griechenland oft erlebt. Die Menschen sind immer außergewöhnlich freundlich und hilfsbereit. Es gibt Krankenhäuser, die zumindest für die Grundbedürfnisse freie Heilvorsorge anbieten und sich explizit keine Bezahlung erwünschen, weil Helfen sozusagen Ehrensache ist. So war das vor 20 Jahren und ist es Gott sei Dank auch noch heute.

Wie ich aus dem Hospital von Plaka wieder unten in Adamas zurück war, habe ich mich bei allen Menschen, die versucht hatten mir zu helfen, noch mal ganz sehr bedankt. Und alle haben sich so herzhaft und ehrlich mit mir gefreut, dass alles so gut geendet ist. Das habe ich sehr genossen,

Griechenland ist ein besonderes Land. Leider habe das viele Menschen in der EU und in der Administration der BRD nicht begriffen.

Am Tag nach meinem Unfall in Milos wieder gut gelaunt am Strand von Paliochori; am Abend ging es dann weiter mit dem Schiff nach Paros.

Wenn ich daran denke, mir wäre Ähnliches in München passiert. Zum Beispiel im Krankenhaus in Neuperlach hätte das bedeutet: Einen unfreundlichen Empfang, eine längere Wartezeit, eine ausführliche Diagnose (wahrscheinlich inklusive Röntgen und ähnlichem Schnickschnack) und eine Behandlung, die keiner braucht. Und natürlich eine beachtliche Rechnung für unser Gesundheitswesen.

RMD

Roland Dürre
Dienstag, der 2. Mai 2017

Bericht vom Wandern im Peloponnes

Vorsicht – Bericht ist noch nicht fertig.
(Habe ihn aus Versehen veröffentlicht. Setze ihn asap fort und verlinke dann hier).

Fotos
Bilder sind wichtig. Deswegen kommen sie zuerst. Man findet sie in Facebook bei Barbaras Album E4 Peloponnes.

Um es kurz zu machen – das Laufen war auch dringend mal wieder vonnöten. Ich bin die letzten Jahre viel zu viel Rad gefahren. Das habe ich gemerkt. Also: Runter vom Fahrrad – wieder auf die Füße!

Von 20. Apri bis zum 2. Mai sind wir auf dem Peloponnes gewandert. Mit wenig Gepäck im Rucksack. Da Ziel war der Fernwanderweg von Diakopto nach Gythio.

Es waren großartige Tage. Wir haben auch ein schönes Teilstück geschafft. Und wir wollen bald wiederkommen und weiter laufen.

Ich musste das Laufen erst wieder lernen. Und habe die hohen Berge des Peloponnes schon ein wenig unterschätzt. Nach ein paar Tagen fühlte ich mich schon wieder deutlich besser. Aber es fing grausam an. Die erste Etappe von Kalavryta nach Planitero hatte 18 km, viele Höhenmeter und schlimmer, noch mehr Meter bergab. Wir waren ja auf einer Höhe von 725 Meter in Kavralita gestartet – dem Endpunkt der Zahnradbahn von Diakopta gestartet.

Die haben wir mit Gepäck gemacht. Und das hat mir dann doch sehr zu schaffen gemacht. Am Abend hatten wir Glück. 4 Schweizerinnen im Pick-up kommen von unserem Hotel. So finden wir das Hotel ganz schnell und werden auch hinten auf dem Pick Up zum Restaurant mitgenommen. Trotzdem war ich an diesemm Abend und am nächsten Tag völlig hinüber.

Dann haben wir dazu gelernt, das Gepäck befördern lassen bzw. von einem zentralen Punkt (Kleitoria) drei Tagesrouten mit Taxi-Transfers gemacht.

Am Tag darauf haben wir Rolf Boost kennen gelernt. Er ist Schweizer und ist Autor des Buches E4 Peloponnes. Er kümmert sich um die E4 – und auch um die Wanderer.

Lehren:
Plane nicht, zumindest nicht aus der Ferne.
Die Geh-Zeiten auf den Schildern sind sehr optimistisch.

Jahreszeit:
April/Mai sehr gut – vielleicht die beste Jahreszeit, besonders wenn man sich am griechischen Frühling erfreuen will. Nachts ist es kühl – tagsüber Sommer. Für die Kälte gibt es Öfen – als ob aus einem halben Ölfass gemacht. Von oben mit Holz befeuert. In allen Kafenion und Tavernen findet man diese Öfen, die dann auch Abends schön warm machen.

Einsamkeit:
Wir sind bis auf die erwähnte Schweizer Gruppe an allen Wandertagen keinen einzigen Wanderer getroffen.

Orientierung:
Nicht immer einfach.
Gute Vorbereitung mit Karte macht Sinn – alternativ Track auf mobiles Telefon laden.

Wege:
Sehr abwechslungsreich, wenig geteerte Straßen, ab und zu durch (einfaches) Gelände.
Der Schwierigkeitsgrad ungefährlich (Keine ausgesetzten Stellen, kein Klettern  …), aber oft ganz schön anstrengend.

Landschaft & Wetter:
Einfach wunderschön, sehr abwechslungsreich, tolle Grüntöne und bunte Farben, oft Natur pur, Pflanzenwelt. Auch das Wetter war ein Traum. Regen gab es nur am zweiten Wandertag am Nachmittag. Zu Beginn der Tour war es abends kühl. Es wurde aber jeden Tag wärmer- war aber nie heiß.

Risiken:
3 Schlangen, ein paar Hunde, die laut gebellt haben, aber mehr Angst vor uns zu haben schienen als wir vor ihnen. Erfreulich war, dass wir keine Blasen bekommen haben, also das Blasenpflaster ganz umsonst dabei hatten.

Übernachtungen:
Diakopta, Hotel Chris Paul (1 Nacht, 40 €)
Planitero, Hotel Achais (1 Nacht, 40 €)
Kleitoria, Mont Helmos Hotel (3 Nächte), 100 €)
Dara, Arhontiko Kordopati Traditional Guesthous (1 Nacht, 70 €)
Vytina, Archontiko Nikonlopoulou (2 Nächte, 130 €),
Gythio, Hotel Aktaion (3 Nächte3, 135 €)
Athen, Urban Rooms (1 Nacht, 40 €)
(Alle Preisangaben immer für zwei Personen. Alle waren inkl. Frühstück außer Urban Rooms in Athen).
Sämtliche Hoteis waren zu empfehlen. Nur in das Urban News in Athen würde ich nichr mehr gehen.

Tipp:
Die Wanderung von Elati nach Vytina war ein besonderes schönes Erlebnis außerhalb der E4-Routen. In Gythio haben wir eine weitere Rundwanderung (zirka 20 km) gemacht, die man auf der Website des Camping Gythio findet.

Mobilitätskosten:
(zu zweit und immer die einfache Strecke –
nur der Flugpreis enthält Hin- und Rückflug)

Anreise
Neubiberg – München (Franz-Josef-Srauß), S-Bahn 23,50 €
Flug München-Athen (hin zurück für zwei), Lufthansa 236 €
Athen (Flughafen) – Kiato, Eisenbahn 24,50 €
Kiato – Diakopta, Bus 9,50 €
Diakopta – Kalavryta, Zahnradbahn 19,00 €

Transfer von Vatyna bis Gythio
Divese Kosten für Taxi und Gepäcktransport zirka 130 €
Vatyna – Gythio (Bus)
Vatyna – Tripolis 9,40 €
Tripolis – Gythio 21,20 €

Rückreise
Gythio – Athen (Bus) 52,20
Athen – Flughafen (U-Bahn) 15 € (10 normal, 5 für Senior)
Flieger (siehe Anreise)
S-Bahn vom Flughafen nach Neubiberg 23,50 €

Roland Dürre
Mittwoch, der 19. April 2017

Auszeit.

Auch vom Fahrrad. Auch vom Internet. Aber nicht nur.

Keine Angst – es ist noch nicht „ZEIT AUS“. Ab Morgen (Donnerstag, den 20. April) bin ich weg. Aber nicht auf der Insel. Sondern nur auf der Halbinsel.

Ich probiere etwas Neues, das ich noch nie gemacht habe und mir früher eher nicht so hätte vorstellen können: Wir wollen den Peloponnes zu Fuß durchqueren. Nur mit einem Rucksack auf dem Rücken. Der gar nicht so schwer ist und der trotzdem alles enthält, was wir brauchen. So wollen wir mehr als 250 km auf einfachen Wegen vom Norden nach Süden durch die Berglandschaft wandern. Und jeden Abend in einer schönen Taverne das Leben genießen. Ihr wisst schon – mit Tzatziki und Retsina.

Hier einer der Gründe für den Sinneswandel. Autofahren war auch für mich mal eine selbstverständliche Art der Fortbewegung. Das habe ich mir komplett abgewöhnt. Jetzt bin ich mit dem Fahrrad so verwachsen, dass ich sogar für kürzeste Strecken das Rad nehme. Es ist halt die Macht der Gewohnheit. Das finde ich gar nicht so gut.

Ich vermisse das Gehen und Laufen, dies besonders seitdem ich nicht mehr Fußball spiele. Also „Runter vom Fahrrad und wieder mehr auf die Füße!“ (Folge 2). Sozusagen als Fortsetzung meines alten Mobilitäts-Programm „Raus aus dem Auto und rauf auf’s Fahrrad!“ (Folge 1). Das möchte ich im Alltag wie auch auf unseren Reisen in Angriff nehmen.

So machen wir diesmal nicht Rad- sondern Wanderurlaub. Als Premiere wollen wir als Rucksack-Nomaden das Teilstück des Fernwanderweg E4 von Diakopto nach Gythio bezwingen. Vom 21. April bis zum 1. Mai haben wir uns dafür Zeit genommen. Am Dienstag, den 2. Mai geht es wieder von Athen nach München.

Anreise und Abreise planen wir mit Lufthansa. Vom Flughafen in Athen geht es dann gleich weiter im Zug nach Korinth und mit dem Bus weiter nach Diakopto. Dort wartet ein uns schon bekanntes Hotel auf uns und am Morgen des 21. Aprils soll es dann los gehen. Vom Ziel Gythio geht es dann am 1. Mai mit griechischen Linienbussen zurück nach Athen.

Die Talstation in Diakofto

Wahrscheinlich werden wir mit dem Wandern erst in Kalavryta starten. Auf der ersten Etappe von Diakopto nach Kalavryta (auf griechisch Οδοντωτός σιδηρόδρομος Διακοπτού – Καλαβρύτων) gibt es nämlich eine 22 km lange Schmalspurbahnstrecke, die zum Teil mit Zahnradbetrieb fährt. So sparen wir uns den Anstieg und lassen uns von der Bahn schon mal von Null auf 740 m Höhe bringen.

Kalavryta ist übrigens ein legendärer Ort. Er wird mit dem Beginn der Griechischen Revolution (1821) verbunden. Der Ort hat eine für mich sehr traurige Berühmtheit erlangt. Die 117. Jäger-Division der deutschen Wehrmacht hat dort im Dezember 1943 schnell mal Kalavryta und 25 Dörfer dem Boden gleich gemacht und mehr als 700 Menschen massakriert – einem Befehl zur „schärfsten Form der Sühnemaßnahmen“ folgend. Diesen Ort werden wir kurz besuchen, der Geschichte gedenken und uns dann auf den Weg durch den Peloponnes machen.

Damit der Rucksack leicht bleibt habe ich das Gepäck total optimiert oder besser gesagt minimiert. So werde ich im Gegensatz zu meinen Fahrradreisen auch ohne Laptop unterwegs sein. Dies erstmals seit vielen Jahren. So wird es viel Internet-Abstinenz (EU-Roaming gibt es ja auch noch nicht) und in den nächsten zwei Wochen zumindest aus meiner Feder keine neuen IF-Blog-Artikel geben.

Ich freue mich natürlich trotzdem, wenn Ihr in den IF-Blog.de reinschaut. Meine Empfehlung: Einfach mal IF-Blog zufällig lesen. Zum Beispiel im Suchfeld einen „Begriff“ eingeben und schauen, was da so alles an Artikeln raus kommt.

🙂 Immerhin enthält IF-Blog.de bis heute 3.118 Artikel, davon mehr als 2.400 von mir. Dies zu allen möglichen und unmöglichen Themen. Da sollte für jeden etwas dabei sein.

Und wenn Euch ein Artikel gefällt, dann dürft Ihr diesen gerne teilen – auf Twitter, Facebook, Google+ oder wo auch immer. Das wäre schön und freut den Wanderer ganz sehr. Und als Dankeschön denkt er auf dem Peloponnes ganz oft an Euch. Und vielleicht gibt es dann auch wieder einen Bericht.

RMD