Roland Dürre
Dienstag, der 30. Juli 2019

Frankfurt in Nauders

 

Wie ich Opfer von für mich unverständlicher Gewalt wurde.

 

Die Norbertshöhe – Postkartenidylle in den Alpen

Im Juli dieses Jahres war ich in Schlanders im schönen Südtirol, um dort beim Trainingslager der SpVgg Unterhaching ein paar Tage dabei zu sein. Dazu sind wir (Barbara, Maresa und meine Wenigkeit) im EC vom Ostbahnhof in München nach Innsbruck gefahren und von dort den Inn-Radweg nach Martina geradelt. Weiter ging es hoch zur Norbertshöhe.

Der Radweg von Innsbruck zur Norbertshöhe ist wunderschön und gut mit einer Übernachtung (wir haben in Zams geschlafen) zu schaffen. Der zweite Tag wird gekrönt von elf Spitzkehren, die von Martina einige Hundert Höhenmeter hoch zur Norbertshöhe führen. Dort ist ein gleichnamiger Alpengasthof, in dem es sich sehr gut übernachten lässt. Dann hat man nur noch eine gemütliche und schnelle Etappe nach Schlanders.

Der einzige Schönheitsfleck auf dieser Route ist die Tatsache, dass man vor Martina einen Teil der schönen Strecke auf einem Radweg fährt, der zwar abgetrennt von aber doch entlang einer befahrenen Landstraße führt.

Nach einer angenehmen und sehr komfortablen Übernachtung auf der Norbertshöhe ging es am Morgen des 5. Juli 2019 weiter auf dem Radweg in Richtung Nauders.

In Nauders wurde ich an diesem Tage zwischen 9:03 und 9:09 Opfer einer Gewalttat, die mich völlig überraschend getroffen hat. Die Daten weiß ich so genau, weil ich die Funktion „meine Zeitachse“ in Google Maps nutze.

Heute habe ich im Radio viel von der Gewalttat in Frankfurt gehört. So kam mir mein Erlebnis in Nauders wieder in den Sinn. Und ich erzähle mal, was mir da Unglaubliches passiert ist.

Der Radweg führt  durch den doch sehr touristischen Ort Nauders. Da gibt es viele Geschäfte. Der Weg durch Nauders wird von Fußgängern, Radfahrern und Autos gleichermaßen genutzt.  Bei einem Sportgeschäft, vor dem eine größere Freifläche war haben wir angehalten, die Barbara und Maresa haben das Geschäft besucht und ich blieb draußen bei den Fahrrädern.

Laut Google stand ich gut 5 Minuten vor dem Geschäft. Dann kamen meine Damen wieder raus aus dem Geschäft, bestiegen ihre Fahrräder und fuhren weiter.

Ich wollte auch aufsteigen und hinterherradeln. Genau in diesem Moment bekam ich einen sehr heftigen und mich völlig überraschenden Schlag in den Rücken. Mit Glück und Geschick gelang mir, einen Sturz zu vermeiden.

Und sah ich einen großen und kräftigen Mann, der keinen ganz normalen Eindruck machte, sich sehr raschen Schrittes und in auffallend aufrechter Körperhaltung von mir zu entfernen.

Ich war ratlos, meine Begleiterinnen waren schon losgefahren. Den Mann zu verfolgen und zur Rede zu stellen hatte ich keine Lust. So fuhr ich meinen beiden Damen hinterher und erzählte ihnen von diesem Vorfall.

Die gemeinsame Bewertung war, dass Maßnahmen wie eine Anzeige bei der Polizei nicht sehr zielführend wären und uns nur eine Reihe von Unannehmlichkeiten und Zeitverlust bereiten würden. Wahrscheinlich wäre dann auch ein Arztbesuch notwendig gewesen, wir hätten viel Zeit verloren und wollten lieber weiter fahren.

So haben wir versucht, uns die gute Laune nicht verderben zu lassen und sind weitergeradelt. Und haben die tolle Strecke runter nach Südtirol genossen. Das war auch gut so: die Stelle, wo ich getroffen wurde, hat bei ungeschickten Bewegungen noch ein wenig geschmerzt, aber nach zirka drei Tagen war alles wieder gut.

Beim Weiterfahren habe ich noch gerätselt, was da passiert ist. Die wahrscheinlichste Erklärung der Situation für mich war, dass so eine Art Dorfdepp sich über irgendetwas geärgert hatte und deswegen tätlich wurde. War es mein eBike (es soll ja Leute geben, die sich über Fahrräder und besonders elektrische ärgern)? Habe ich ihn vorher aktiv (als Radler) belästigt? Das glaubte ich nicht, denn ich stand ja schon mehrere Minuten vor dem Geschäft und verhalte mich als Radler in solchen Misch-Verkehrszonen immer sehr rücksichtsvoll vor allem gegenüber Fußgängern. Aber kann ich das ganz ausschließen? Oder war es nur meine Kleidung oder meine Nase, die ihm missfallen hat? Vielleicht war er ja auch nur neidisch, dass ich zwei hübsche Begleiterinnen hatte? Oder hatte mich der Täter  mit einem österreichischen Politiker verwechselt? Wie soll ich wissen, was im Kopf des Angreifers vor sich ging?

Am frühen Mittag bei einer Pause in Glurns  bekam ich dann einen leichten Schock.

Irgendwie hatte sich in meinem Gehirn die Frage fest gefressen:
„Was wäre gewesen, wenn der Angreifer ein Messer als Waffe benutzt hätte“?
Ich sah mich in meiner Phantasie in einer Blutlache liegen, dann im Krankenhaus um mein letztes bisschen Leben kämpfen und dann mit bleibenden Schäden im Rollstuhl meinem Ende entgegen siechen.

Aber wahrscheinlich ist es statistisch ganz normal, dass wenn man 70 Jahre alt wird, man auch mal von anonymer Gewalt getroffen wird. Mir fällt ein, dass einer meiner Söhne mal von Ottobrunner Hauptschülern ohne erkennbares Motiv zusammen geschlagen wurde. Nur weil er dort zum falschen Zeitpunkt über den Bahnhofsplatz lief. Und Gymnasiast war.

Ich darf nur nicht weiterdenken. Denn dann komme ich auf den Gedanken, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein SUV mich vom Fahrrad holt, viel höher ist und die Folgen dann in der Regel viel schlimmer sind, als die meines Abenteuers in Nauders. Nur ist das Überfahren eines Radfahrers (oder auch neuerdings von e-Roller-Fahrern) durch Pkws wie Lkws eine gesellschaftlich tolerierte und alltäglich passierende Gepflogenheit, die häufig stattfindet. Und dann als Unglück bezeichnet und bestenfalls als Ordnungswidrigkeit verfolgt wird.

Passiert jedoch sinnlose Gewalt von warum auch immer geistig gestörten Menschen, dann wird das aber als nationale Katastrophe kommuniziert. Und ganz Deutschland ist betroffen und heult, so dass sogar der Herr Bundesminister des Inneren seinen Urlaub unterbricht.

RMD

Ein Reisebericht der anderen Art (8).

Sein gestern bin ich wieder in München. Und wieder im Alltag angekommen. Aber ich habe noch so viele schöne Erinnerungen von unserer Reise im Zarengold-Express im Kopf, die ich zumindest zum Teil aufschreiben möchte. Anschließend will ich noch von der Fortsetzung unserer Fahrt im chinesischen Zug berichten und von kleinen aber für mich wichtigen Erlebnissen in China.

Nach Ankunft in Peking hatten wir noch zwei Tage im chinesischen Alltag, die ich intensiv genossen habe. Ein echtes Kontrastprogramm zur sibirischen und mongolischen Welt. Und dann – nach drei Nächten in Peking – hat uns unser gastgebender Sohn noch für vier Tage nach Sanya entführt. Da war wieder alles anders, und auch da gibt es einiges aufzuschreiben. Letzten Freitag war Schluß und der A380-Riese hat uns angenehm und wohlbehalten von Peking nach München gebracht.

Aber jetzt geht es erst noch mal nach Sirbirien.

Wieder ein Denkmal mit Guide in Irkutsk.

Irkutsk war einer der Höhepunkte unserer Reise. Dort hatten wir ein besonders ausführliches Programm und haben eine Nacht im Hotel Irkutsk geschlafen. Während dessen der Zug schon mal voraus zum Baikal-See fuhr.

Irkutsk liegt an der Angara, dem einzigen Abfluss des Baikal-See. Dieser See ist ein Superlativ – was Größe und Wasserreichtum angeht. Deswegen wird er von den Einheimischen auch nur als das Meer bezeichnet. Es lohnt sich, den Link zum See nachzulesen.

Neben den obligatorischen Stadtführungen und einer Anfahrt zu einem beliebtem Aussichtspunkt an der Angara hatten wir ein besonderes Erlebnisse. Es war ein Ausflug aufs Land an die Angara, diesmal in Richtung Baikalsee. Dieser wurde mit einem Abendessen bei einer „sibirischen Familie“ verbunden.

Das offizielle Programm für Irkutsk.

Nach einem Wald- und Uferspaziergang wurden wir in eine Art Datscha eingeladen. Die Einladung galt nur für unsere „Gruppe BLAU„, die anderen Gruppen wurden an diesem Abend anders unterhalten.

Zuerst sollten wir ein typisch sibirisches Mahl – von ganz privat gekocht – vorgesetzt bekommen. Anschließend durften wir unseren Gastgebern beliebig Fragen stellen.

Zum Mahl kann ich nicht mehr sagen, als dass es wohlschmeckend war und sehr authentisch geschmeckt hat.  Die Fragestunde wurde dann  spannend. Die Familie hat sehr ehrlich geantwortet. Eigentlich lebt sie in Ikurtsk, wo auch die Kinder zur Schule gingen. Nur im Sommer weichen sie ab und zu in ihre Datscha aus. Und mit solchen Bewirtungsaktionen wie der unseren würden sie halt ein wenig Geld dazu verdienen, um sich die Datscha leisten zu können.

So schön ist es am Baikal-See.

Die Datscha stand übrigens nicht in der ersten Reihe und war eher bescheiden. Die Häuser in der ersten Reihe am breiten Fluß der Angara mit den schönen Blicken sahen so richtig nach (sehr) reich und (sehr) schön aus. Die haben sicher auch keine zahlenden Gäste eingeladen.

Da es am Abend noch früh war, hat uns der Bus vor dem Bierhaus abgesetzt. Das war ein dem Hofbräuhaus nachempfundener Bierkeller – zentral in Irkutsk gelegen. Dort machten wir einen großen Bogen um das bayerische Importbier und tranken natürlich das lokale Hopfengebräu aus Irkutsk, das im übrigen köstlich schmeckte.

Der Bierkeller war wieder eine andere und sehr westliche Welt von Russland. Da wurden pausenlos heiße Musikvideos an die Wände geworfen, die ein Musiker mit Schlapphut mit seinem Altsaxophon musikalisch aufpeppte. Und im Lokal waren viele aufgebrezelte Russinen, die nicht unbedingt nur auf der Suche nach Bier waren.

Gekrönt wurde der Abend von einem romantischem Spaziergang bei zunehmendem Sichelmond an der einzigartigen Uferpromade der Angara in Irkurtsk zurück ins Hotel.

Am nächsten Morgen ging es dann mit dem Bus weiter an den Baikalsee zu einer Besichtigung eines Fischer- und Urlaubsdorfes. Auf dem Weg zum See (zirka 70 km) wurde es immer kälter.

Hatten wir am Abend davor noch in Irkutsk eine traumhaft warme Sommernacht, wurde es am See richtig eisig. Der See ist von Dezember bis Mai zugefroren und kühlt die Gegend im Sommer beträchtlich ab. Wie es jedes Jahr in Irkutsk ein paar Wochen hat, wo die Temperatur sich bei Minus 40 Grand einpendelt. Unser guide hat dazu nur gesagt: Das muss man halt überleben, dann wird es wieder besser. Und im Winter ist es am See wärmer.

Auf dem Fischmarkt dort haben wir uns einen geräucherten Fisch als Proviant für die anstehende Schiffsfahrt auf dem Baikal-See erworben. Dann ging es aufs Schiff, es fuhr über den Ausfluß der Angara auf die andere Seite des Baikalsees. Und der Fisch hat prächtig geschmeckt.

Nach einer kleinen Schiffstour auf dem Baikalsee ging es nach Port Baikal, wo unserer Zug im Bahnhof erwartete, um uns auf einer alten Teilstrecke der  sibirischen Trasse nach Ulan Ude zu bringen.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 20. Juni 2019

Von Moskau nach Peking mit der Bahn! #7 Leben im Zug.

Ein Reisebericht der anderen Art (7).

Unser zu Hause auf Schienen.

In dieser Folge berichte ich von unserem Leben im Schlafwagen. Dass das Leben im Zug nicht ganz einfach ist, war mir vor Reiseantritt bewusst.

Wenn ich auf diese  Art und Weise zu reisen die Nacht auf den Strecken von München nach Amsterdam, Berlin, Budapest, Dortmund, Rom, Stralsund oder Venedig oder irgendwo anders in der Welt verbracht habe, dann war das ein Abenteuer. Mehrere solche Strecken am Stück werden aber durchaus zur Anstrengung.

Schlafen.

Wir haben insgesamt 11 Nächte im Schlafwagen verbracht, unterbrochen von zwei Übernachtungen „auswärts“, eine davon im Hotel in Irkutsk, die andere in einer Jurte in der „mongolischen“ Schweiz in der Nähe von Ulaan Baatar. Das ist dann schon ein Abenteuer und eine heftige Anstrengung.

Die russischen Schienen sind nicht leiser als die deutschen. So machen die Schlafwagen auch hier ganz schön Lärm. Es sind die üblichen Störungen wie unregelmäßiges Schütteln, plötzliche Schläge, laute Durchsagen auf Bahnhöfen und ähnliches, die dem Reisenden einen Teil seines Schlafes rauben.

Da auch unsere beiden „Einzelbetten“ im Schlafwagen schmal sind schläft man in der Nacht nicht so richtig gut. Aufgrund des strengen Zeitplan findet man auch tagsüber nie so richtig Zeit zum Relaxen und Chillen. So sammelten wir ein Schlafdefizit auf, welches täglich ein wenig größer wurde und das wir in den beiden Übernachtungen „an Land“ nicht ausgleichen konnten.

Erschwerend kam die Zeitverschiebung dazu. Im Sommer beträgt der Zeitunterschied zwischen München und China 6 Stunden. Das heißt, wenn es in Deutschland Mitternacht schlägt, haben wir hier 6 Uhr am Morgen.

Die erste  Stunde „arbeiteten“ wir schon auf der Anreise nach Moskau ab. So blieben 5 Stunden übrig, für die wir die Uhr im Zug zweimal je 2 Stunden und einmal eine Stunde vorstellen mussten. Dies erhöhte das Schlafdefizit weiter. Ich neige dazu, zu empfehlen die Reise in die andere Richtung zu übernehmen. Dann bekommt man 5 Stunden in die richtige Richtung geschenkt. Oder man muss – wie wir – auf jeden in China einen Erholungsurlaub nach Ankunft planen.

Speisen.

Der Speisewagen sieht schön aus, ist aber ein wenig eng.

Es gab drei Mahlzeiten im Zug, Frühstück, Mittag- und Abendessen. Das Glück war, dass alle drei Mahlzeiten in einer Schicht eingenommen werden konnten. So waren alle Plätze in den vier Speisewagen immer besetzt.

Das Frühstück bestand aus einem reichhaltigen Buffet. Dazu gab es jeden Morgen warmen russischen Haferbrei und jeden Tag ein anderes Extra. Das waren beispielsweise Spiegeleier, Würstchen, Omeletts – jeden Tag etwas anderes. Haferbrei wie das Extra wurden am Tisch serviert.

Mittag- und Abendessen waren sich ähnlich. Es waren immer mindestens 4 Gänge. Ein frischer Salat war immer dabei, oft dazu eine Suppe, ein Hauptgericht mit Fisch oder Fleisch und ein Dessert. Ab und zu gab es auch Extras wie den Kaviar bei der Edelfischplatte oder auch nur Wodka.

Jeder Speisewagen hatte drei Bedienungen. So war der Service im war immer akkurat und zuvorkommend. Zu jeder Mahlzeit gab es Tee, Kaffee und Wasser. Die Preise für die sonstigen Getränke waren zivil. So kostete eine Flasche lokalen Weins 15 €, das große Bier 2,50 € und der Krimsekt sogar nur 12 €.

Unterhaltung.

Alle Kabinen verfügten über ein „Bordradio“. Über dieses kamen interessante und unterhaltsame Vorträge des Gesamt-Reiseleiters, die sich meistens mit den nächsten Reisezielen beschäftigten. Das ganze in den drei Sprachen deutsch, englisch und französisch. Weitere gab es unterhaltsame Treffen im Speisewagen wie die Einladung zur Zarentafel oder zum Wodka-Tasting. Immer mit spannenden Geschichten von Valeri zur russischen Kultur.

Ein besonderes Highlight war ein Abend-Picknick mit Party direkt am Zug – am Ufer des Baikal-Sees.

Zusammenleben.

Der Zarengold-Express ist ein Zug der offenen Türen. Dies, obwohl der ganze Zug für alle Passagiere zugänglich ist. Das heißt, auch die Wagen der teuren Klassen konnten von den Passagieren aus den preiswerten Klassen betreten und besichtigt werden.

Die Abteile konnte man nur von innen verriegeln – um nächtliche Störungen zu vermeiden. Von außen war kein Abteil absperrbar. Mir hat diese Form der Vertrauenskultur gut gefallen. Wenn man zum Essen ging, ließ man das Abteil offen und konnte sicher sein, dass man es beim Zurückkommen im aufgeräumten Zustand vorgefunden hat. Dafür hat dann immer eine der beiden Schaffnerinnen je Wagen gesorgt.

Kommunikation.

Für mich als Bürger der BRD und häufiger Nutzer der Deutschen Bahn (DB) war das eine große Überraschung: Zwar hatten die alten Wagen des Zarengold-Expresses kein WLAN an Board. Die Barbara hatte sich aber noch am Flughafen in Moskau eine SIM-Karte für die russische Föderation (Flatrate für zwei Wochen zu 20 €) gekauft. Ich war zugegebener Weise skeptisch, ob das viel bringen würde. Aber ich sollte eines Besseren belehrt werden.

Wir hatten dann die ganze Strecke auf der transibirischen Route und weiter bis zur Mongolei (fast 5.000 km) eine relativ gute Verbindung ins Internet. Über „thethering“ (WLAN-Hotsspot realisiert durch Barbaras Mobiltelefon) profitierte ich auch davon. Vor lauter Sightseeing, Essen und aus dem Fenster raus schauen, habe ich das aber gar nicht nutzen können.

Die gute Netzversorgung hätte ich nicht erwartet, benutze ich in Deutschland doch häufig die Bahnstrecken von München nach Innsbruck/Rosenheim, Lindau, Nürnberg und Stuttgart. Oder auch nur die S-Bahn zum Flughafen. Allesamt kurze Strecken in bevölkerungsreichen Gebieten. Auf denen Du dann einen wesentlichen Teil der Strecke ohne jede Verbindung bist.

Im dünn besiedelten Sibirien habe ich auf der Transib über Tausende von Kilometern ein relativ gutes Netz. Für mich erstaunlich bis sensationell. Da sehen wir wieder, wie sehr wir in Deutschland technologisch den Anschluss an die Welt verloren haben. Später bei unserer Ankunft in China sollten wir das dann so richtig erleben.

Allgemein

Im Zug zu reisen mag anstrengend sein. Sibirien ist aber am besten mit dem Zug zu entdecken. So wie man die Südsee-Inseln oder die Karibik am besten mit dem Schiff kennen lernen kann.

Alleine schon die vielen meditativen Blicke aus dem Fenster sich ein toller Ausgleich für die Unbequemlichkeiten.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 19. Juni 2019

Von Moskau nach Peking mit der Bahn! #6 Kirchen.

Ein Reisebericht der anderen Art (6).

Bei jeder Führung durch eine russische Stadt war mindestens eine Kirche dabei. Es galt: Keine Führung ohne mindestens eine Kirche. Im ersten Teil der Reise waren das nur orthodoxe Kirchen.

In Moskau ging es los.

Je weiter wir nach nach Osten und dann in Richtung Mongolei kamen, desto mehr hat sich das geändert. Uns wurden neben orthodoxen Kirchen auch Moscheen, Synagogen und hinduistische Tempel gezeigt. Einmal war auch eine katholische Kirche dabei, die aber nur noch für Orgelkonzerte genutzt wurde.

Die Guides betonten dann immer, wie friedlich in ihrer Stadt die verschiedenen Religionsgruppen zusammen leben würden – und dass sogar Forschungsgruppen daran arbeiten würden, herauszukriegen, wie das denn hier möglich wäre.

Obwohl ich mich in Kirchen immer ein wenig beklommen fühle, bin ich brav in alle Kirchen rein gegangen. In den russischen Kirchen musste ich mein Haching-Käppi abnehmen und die Barbara ihr Haupt verhüllen. Ist ja auch komisch: Die eine Sorte Mensch, muss sich verhüllen, um Ehrerbietung zu zeigen und die andere Sorte darf den Kopf nicht bedecken, auch um Ehrerbietung zu zeigen. Welcher Sinn steckt da wieder dahinter?

Und natürlich besuchen wir auch in Irkurtsk und Ulan Ude eine Kirche?

In den russischen orthodoxen Kirchen  bekam ein noch  komischeres Gefühl als sonst beim Betreten eines „Gotteshauses“:
Es erschien mir alles so unwirklich und unecht, nichts war irgendwie authentisch.

Die Ursache dafür wurde mir dann auch gleich erklärt. Alle diese Kirchen waren neu gebaut und künstlich auf alt gemacht. Sie waren nur moderne Kopien der ursprünglichen Gebäude. So kam ich mir vor wie in einer religiösen Walt-Disney-Welt. Das macht dann auch den letzten Rest von Ehrfurcht kaputt.

Die Erklärung ist einfach: In der Stalin-Zeit – so um 1920 – wurden fast alle Kirchen in Russland von den damaligen Machthabern gesprengt und dem Boden gleich gemacht. In den Jahren nach der Perestroika wurden sie wieder aufgebaut. Und dafür vieles andere zerstört. Das alles haben wir so „en passant“ auf unserer Russlandreise aufgenommen.

So sahen wir lauter neu gebaute aber auf alt gemachte Kirchen. Sozusagen ein gigantischer und russland-weiter „fake“. Nebenher erfuhren wir auch, dass selbst heute noch in Russland pro Tag drei neue Kirchen fertiggestellt und eingeweiht werden würden.

Unser „local guide“ mit blauen Fähnchen vor einem Zar.

Auf jeder Stadtführung sahen wir auch Statuen alles Größe. Für geschichtliche Ereignisse, an die Erinnerung „großer Personen“, geographische Marken oder auch nur für Werte. Hier gab es sowohl alte wie moderne. Merke: Russland ist das Land der Kirchen und Denkmäler.

So richtig begründen konnte keiner der Guides den Wiederaufbau wie auch nicht die russische Liebhaberei für Statuen. Es ist nicht so, dass die Russen wieder zu alter Gläubigkeit  gefunden hätten. Nur einmal habe ich in einer der besuchten Kirchen Gläubige beim Gebet sehen. Das war ein kleiner Chor bestehend aus alten Frauen und sah mir mehr als Brauchtum-Pflege denn als Gottesdienst aus.

Vielleicht ist die Welle des Wiederaufbaus als ein ganz normaler historischer „rebound“ auf die Zerstörungen Stalins zu sehen. Und wie die vielen Denkmäler ein (sinnloser?) Versuch, eine alte Tradition wieder auf erstehen lassen. So scheinen in Russland auch die Zaren wieder hoch im Kurs zu stehen. Und der eine oder andere hat auch vom „Zar Putin“ gesprochen.

Bei uns weiß ja auch keiner, warum das Berliner Schloss wieder aufgebaut und der Palast der Republik abgerissen werden musste.  Aber zumindest gibt es keine neue Verehrung von Fritz dem Großen und den anderen deutschen Kaisern.

Löst der russische Doppeladler den roten Stern wieder ab?

Pendel schlägt halt immer hin her, vielleicht sind das die russischen Kirchen wie das alte Preußen-Schloss nur typisch europäische Versuche, rückwärtsgewandt zerstörte Identitäten zu rekonstruieren um sich so vor den Herausforderungen der Zukunft drücken zu können. Da würden auch die Denkmäler gut passen. Nach dem Motto: Lasst uns Denkmäler und Kirchen bauen, um die Zukunft zu ignorieren,

In Jekaterinburg – die Stadt haben wir „kurz“ hinter Moskau auch besucht – gibt es Probleme mit dem geplanten Wiederaufbau einer großen Kirche, die auch um 1920 von Stalin zerstört wurde. Das Problem ist, dass auf dem Gelände der gesprengten Kirche jetzt ein viel benutzter öffentlicher Park entstanden ist, der dem geplanten Neubau der protzigen und voluminösen Kirche geopfert werden müsste.

An der Grenze zwischen Europa und Asien (Nähe Jekatrinenburg).

Für den Bau sind angeblich die Regierung und russische Oligarchen, die den Bau finanziell unterstützen und sich damit ein Denkmal setzen wollen. Und dagegen ist die Bevölkerung, die den Park nutzt und massiv gegen den Neubau protestiert. Ich bin mal gespannt, wie das ausgehen wird.

Mich beeindruckt hat, dass mir diese Entwicklung in Russland gar nicht so bekannt war. Ich wusste nichts vom gigantischen russischen Wiederaufbauprogramm von Kirchen und auch nicht, dass es in Russland ein neues Gesetz gibt, das Menschen in relevanten Ämtern untersagt, die Existenz Gottes zu leugnen. Mit der Begründung, dass sie dann religiöse Gefühle verletzen würden.

Meine ich doch, dass es zumindest nicht schadet, wenn man religiösen Wahnvorstellungen auch öffentlich entgegentritt.  Ganz gleich ob sie sich um die „klassischen“ mono-theologischen Religionen Judentum, Christentum oder Islam, Formen von Schamanismus (die auch in Russland wieder stark im Kommen sind)  oder „moderne Strömungen“ wie die Kirche der Vernunft oder des Atheismus handelt. Wegen mir soll gerne ein jeder glauben was er will. Nur spätestens wenn der Glaube zur Bedrohung wird, sollte man ihn mal kritisch prüfen.

Glaube ich persönlich bei der Gottesfrage doch schon lange an die Religion des „ich weiß es nicht„. Für diesen meinen Glauben bin ich keinesfalls bereit zu sterben. Und will auch niemanden dazu bekehren. Nur: Für mich persönlich ist das Universum und was es sonst noch so geben mag halt ein paar Nummern zu groß, um es zu verstehen. Warum soll ich mir irgendetwas anderes einreden oder einreden lassen?

RMD

P.S.
Wenn ich zurück in Deutschland bin, werde ich ein Video vom SRF (Schweizer Rundfunk) nachreichen. Man findet es, wenn man „filosofix“ und „Teekanne“ sucht („googelt“). Noch bin ich in China und komme da mit den mir zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln nicht ran. Aber das Video macht in wenigen Minuten ziemlich klar, was es mit dem Glauben so auf sich hat. Und das auch noch äußerst unterhaltsam.

Roland Dürre
Dienstag, der 18. Juni 2019

Von Moskau nach Peking mit der Bahn #5 Lektüre.

Ein Reisebericht der anderen Art (5).

Die lange Zugfahrt ist vorbei. In Sanya habe ich Zeit fürs Lesen und Schreiben.

Für die lange Zugreise von Moskau nach Peking hatte ich meinen ollen Kindle wieder ausgemottet. Ich hatte ihn in den letzten Jahren nur noch selten genutzt.

Zum einen, weil ich noch viele Papierbücher habe (und immer wieder neue geschenkt bekomme) die ich nicht gelesen habe.

Zum anderen weil ich in meinem aktuellen Leben die meiste meiner Zeit des Lesens im Internet verbringe. So lange es möglich ist, möchte ich das noch halbwegs freie Netz nutzen.

Da gibt es so viel tolle Blogs und Artikel (und Podcasts und Videos), die mir z.B. über Twitter zugespielt werden. Die sind kürzer, spannender und effizienter zu lesen (oder zu hören oder anzuschauen) als so mancher Schinken von Buch, in dem ein Professor meint, er müsse wissenschaftlich ein und das selbe Thema auf Hunderten von Seiten durchwalzen. Oder „Bestseller-Autoren“ kiloseitenweise die Welt mit belanglosem Gelabere vollschlammen.

Auf meinen Kindle habe ich das Gesamtwerk von Isaac Asimov auf Englisch. Da wollte ich schon lange drin herum lesen. Und wann habe ich eine bessere Gelegenheit zum Lesen als auf einer dreiwöchigen Reise, davon die Hälfte mit 8.000 km im Zug und anschließend beim Faulenzen mit meinen „chinesischen Enkeln“? So dachte ich mir?

Und weil es mich schon lange interessierte, wollte ich mich endlich mal zum Thema „Gewaltfreie Kommunikation“ ganz konkret schlau machen. Und habe deshalb auch noch ein möglichst „dünnes“ Büchlein zu diesem Thema im Kindle eingepackt.

Hätte ich doch besser die „Gebrauchsanweisung“ der Reise gelesen! Da stand drin, dass man das Gepäck auf keinen Fall mit zuviel Bücher beschweren solle. Denn zum Lesen würde man eh nicht kommen!

So war es auch. Noch sind wir ja unterwegs. Die Zugreise liegt aber schon ein paar Tage hinter uns. Und wie vorhergesagt, da war mit Lesen nicht viel drin.

Immerhin ist es mir gelungen, das Buch zur gewaltfreien Kommunikation fast ganz zu lesen. Und die Chancen stehen gut, dass ich es auf dem Rückflug dann fertig schaffe.

Kurz zu diesem absolut lesenswerten Buch:
Ich war begeistert, auch weil für mich nur wenig Neues drin stand. Das hat mir gut getan. Vieles mir als selbstverständlich Erscheinendes wurde mir wieder bewusst und aufgefrischt. Die empfohlenen Übungen im Buch sind auch nicht schlecht. Und bringen viel. Man muss sie halt nur angehen.

Schade, dass ich mir  diesen Stoff so richtig erst jetzt im 69. Lebensjahr angeschaut habe. Ich bin mir sicher, dass wir eine bessere Welt hätten, wenn „gewaltfreie Kommunikation“ allgemeines Schulfach wäre – als Einstieg in eine dialektische Basisausbildung schon in den unteren Klassen. Das wäre wichtiger, als vieles, was unsere Kinder heute lernen. Mannomann, wie viel Quatsch ist da dabei.

RMD

Nachtrag:
Das von mir gelesene und hier erwähnte Buch ist die „Gewaltfreie Kommunikation“ von Robert Leiser.

 

Roland Dürre
Montag, der 17. Juni 2019

Von Moskau nach Peking mit der Bahn #4 WICHTIG!

Ein Reisebericht der anderen Art (4).

Die folgende Episode mit der in dieser entstandenen Botschaft ziehe ich im Bericht ein wenig vor, weil sie mir persönlich sehr wichtig ist. Die Reise war schon fortgeschritten. Wir waren mitten drin in Sibirien und bald sollte es in Richtung Mongolei gehen.

Ich stand unter dem Eindruck der Erlebnisse der ersten Woche. Mit der Stalinzeit wird in Russland nach unseren Reiseerlebnissen bewusster umgegangen als wir dies mit der Hitlerzeit tun. Denn wir beschränken und beschäftigen uns doch vor allem mit dem Holocaust. Dabei vergessen wir nur zu gerne den restlichen Irrsinn der deutschen Geschichte. Und wiederholen vielleicht auch deshalb wieder die alten Fehler.

Auch der religiöse „rebound“ in Russland hat mich bestürzt. Dieser ist in meiner Wahrnehmung nicht real, sondern ein „Fake der Mächtigen“. Aber dazu im übernächsten Artikel.

Wir waren in Ulan Ude und sind unserer lokalen Führerin auf ihrem unterhaltsamen bis nachdenklichen Spaziergang durch die Stadt gefolgt. Wie alle unsere lokalen Führer war sie total von ihrer Stadt und der Toleranz ihrer Heimat begeistert. Ich befand mich am Ende unserer mittlerweile „schönen Gruppe BLAU“ und philosophierte ein wenig mit Valeri, der die Rolle des „Lumpensammler“ übernahm und sich zurück hielt, auch um den „lokalen Guides“  die Schau nicht zu stehlen.

Mit „local guide“ in Ulan Ude, wie immer mit blauer Fahne.

Und dann ist es passiert. Ein Gedanke folgte dem anderen – und heraus kamen drei Gebote.

Bleibe
im Kopf kühl,
im Herzen heiß und
an den Händen sauber!
Dann bleibt (wird) alles gut 🙂 !!!

Über diese einfache Regeln musste ich auf der restlichen Reise viel nach denken. Irgendwie ist das die Formulierung, die mein Lebensmotto beschreibt. Das war mir bisher nicht so klar.


Lasst uns kurz diese drei „Gebots-Metaphern“ diskutieren.

Der kühle Kopf schützt uns. Das heiße Herz erhält uns am Leben. Und die sauberen Hände sind wichtig für unsere soziale Situation. Ganz einfach.

Für mich ist das eine gute Handreichung, wie man langfristig glücklich und erfolgreich (im Sinne von zufrieden) werden kann.

Diese drei Regeln machen mehr Sinn als die bekannten „Zehn Gebote“ des Moses.

🙂 Und sie sind auch praktischer. Allein schon weil es nur drei sind. So kann man sich diese sich ein Leben lang problemlos merken. Unterstützt von der Eselsbrücke:
Kopf, Herz, Hände.

Erst vor kurzem wieder einmal erlebt, dass kaum mehr ein Mensch die „Zehn Gebote“ auswendig vortragen kann – wie ich auch niemanden mehr kenne, der das „Vaterunser“ fehlerfrei vorbeten kann. Beides können in der Regel nur noch die Systemagenten.

So unsinnige Vorgaben wie das Gebot „Du sollst nicht lügen“ und  ähnliche weitere enthalten sie auch nicht. Weiß doch ein jeder, dass eine Lüge sehr oft das kleinere Übel ist und durch sie großer Schaden und Unglück vermieden werden kann.

Obwohl (oder weil?) ich sehr stark katholisch indoktriniert wurde, haben mich alle Arten von Religionen und Begriffe wie Schuld und Sühne und Moral immer ziemlich „kirre“ gemacht. Auch die heute sehr aktuelle Form der „Kirche der Vernunft“, auf die viele meiner Zeitgenossen zu schwören scheinen, konnte mich nur beim ersten Kennen lernen begeistert – dann bin ich auch vor ihr geflohen.

So möchte ich Euch ganz herzlich grüßen! Euer hedonistischer Anarchist oder anarchischer Hedonist (ganz wie Ihr wollt).

Morgen geht es dann weiter mit meiner Urlaubslektüre im Zug.

RMD

Nachsatz: 
Dass ich gefühlt ein Anarchist und Hedonist bin (oder sein möchte), war ich mir lange nicht bewusst. Auch nicht, dass ich das Paar Anarchismus und Hedonismus auch ganz rational als ein allgemein gültiges vernünftiges Lebensprinzip sehe. Und mit meinem Hedonismus gerne andere Mensche anstecke.

Das ist für mich so formuliert neu. So wie die drei Regeln oben neu sind. Aber beides haben ich und wir nicht erfunden, auch wenn es uns neu erscheint. Wahrscheinlich ist das alles schon mehrfach gesagt oder geschrieben worden. So wie es für alles schon irgendwo ein Urheberrecht geben dürfte !? Was bedeutet, dass es keines geben darf. So fordere ich:

„Alle Macht für niemand!“

Wenn die Menschheit jedoch alles Wissenswerte und Kluge schon mal gedacht, gesagt oder geschrieben haben sollte, dann sehe ich keinen Sinn und keine Rechtfertigung mehr, dass sie noch länger überleben sollte. Ihr baldiges Ende, das sie selber mit der Zerstörung des Planeten eingeleitet hat, erscheint mir absolut stimmig und logisch. Genug ist genug.

Vielen Dank fürs Lesen!

Roland Dürre
Sonntag, der 16. Juni 2019

Von Moskau nach Peking mit der Bahn! #3 Die Guides.

Ein Reisebericht der anderen Art (3).

Ich habe ja schon berichtet, dass die Fahrt mit dem Zarengold-Express von Moskau nach Peking unsere erste Bildungsreise war. Eigentlich auch unser erster „organisierter Urlaub“.

Wir wussten nicht, was uns erwarten würde. So waren wir richtig neugierig, als wir uns am Samstag Abend des 2. Juni 2019 zum Treffpunkt unserer Reise in unserem Hotel in Moskau zum Abendessen einfanden.

Am Tage funkeln sie in der Sonne genauso schön wie in der Nacht!

Den Nachmittag nach unserer Anreise hatten wir privat für einen ausgedehnten Spaziergang durch Moskau genutzt. Dabei hatten es uns die in der Sonne glitzernden Straßen der Fußgängerzone besonders angetan.

Am Abend sollten wir sie beleuchtet wiedersehen und lernen, dass diese für Fußball-WM in 2018 so besonders dekoriert wurden. Und weil es so schön war, hat man die Dekoration nach der WM einfach gelassen.

Aber vorher stand das Treffen mit unserer Reisegruppe an. Im unseren Hotel hatten sich mehrere Gruppen der Zarengold-Reisenden eingefunden. Wir waren ja als BLAU eingeteilt und fanden uns mit zirka 20 Menschen dort zusammen. In unserem Raum auch die Gruppe GELB (ähnlich groß) dabei. Ein paar Gruppen waren in anderen Speiseräumen desselben Hotels, weitere in einem anderen Hotel. Waren es doch insgesamt fast 200 Fahrgäste im Zarengold-Express.

Das Essen hat gepasst – und dann kam unser Führer Valeri und stellte sich vor. Er sprach ein wunderbares Deutsch und erklärte uns, dass er uns die ganze Tour bis an die chinesische Grenze begleiten würde. Und versprach uns, dass das ganze Team deutsche Organisations-Kompetenz mit russischer Improvisations-Kunst verbinden würde, um uns ein wunderbares Reiseerlebnis zu ermöglichen.

Er sei unser Ansprechpartner für alle Sorgen und Fragen und immer für uns da. Auch der Gesamtreiseleiter stellte sich vor – und alles machte einen guten Eindruck.

Nach dem Abendessen ging es auch gleich los mit dem Programm. Es hieß „Moskau bei Nacht“ – und Valeri führte uns gemeinsam mit einer lokalen Führerin durch die einzigartige Moskauer Unterwelt (damit ist jetzt die U-Bahn gemeint) und brachte uns dann über die Glitzerstraßen, die wir bei Tag ja schon in der Sonne bejubelt hatten, wieder zur Übernachtung in unser Hotel.

Die erste Führung in Moskau. Der rote Platz ist dran. Valeri mit blauer Fahne zeigt den Eingang.

So war das dann in  allen russischen Städten, die wir besuchten. Neben Valeri immer noch ein lokaler Führer  dabei.

So sahen wir auch am Sonntag Morgen in Moskau unsere Führerin vom Abend davor wieder. Diesmal ging es mit dem Bus los zu einer großen Runde durch und rund um Moskau. Mit zwei blauen Fahnen wurden wir geführt. Da blieb dann die ganze Fahrt über so – immer liefen wir durch russische Städte, eine Fahne hinter und eine vor uns. Und nie war es uns langweilig.

Am Nachmittag nach dem Mittagessen hatten wir ein wenig Zeit für uns. Am Samstag Nachmittag ging es dann los. Ein Bus brachte unsere blaue Gruppe über ein paar kleinen Zwischen-Stopps zu einem der Moskauer Bahnhöfe, wo der Zug schon auf uns wartete. Wie uns auch das Hauptgepäck in unseren Abteilen schon erwartete, da es direkt vom Flughafen in die Abteile gebracht wurde.

Dann fuhr der Zug los – und wir gingen in den Speisewagen. Beim Speisen rauschten die schier endlosen grünen russischen Wälder mit ihren vielen Birken am Fenster vorbei. Und ein russisches Bier gab es auch.

Insgesamt hatten wir auf der Fahrt dann durch die Weiten Russlands und in der Mongolei geschätzt um die zehn lokale „Guides“.

Die waren sämtlich weiblich und hatten einen akademischen Hintergrund. Die meisten davon waren inhaltlich wie vom Vortrag ausgezeichnet und konnten die meisten Fragen kompetent beantworten. Nur wenige fielen ein wenig ab. So konnte nur eine Führerin kaum Deutsch, dies wurde aber von Valeri als Übersetzer ausgezeichnet kompensiert.

All diese Menschen habe ich sehr bewundert. Sie haben uns in den besuchten Städten auf langen Spaziergängen mit überzeugender Begeisterung und großem Stolz ihre Heimatstadt präsentiert haben. Das kenn ich aus Deutschland so gar nicht. So habe ich mich im Stillen ermahnt, in Zukunft und auch von meinem Zuhause mehr begeistert zu sein. Und weniger an den Zuständen in und um München herum zu nörgeln.

Auch kritische Anmerkungen zur Entwicklung in Russland waren immer wieder zu hören. Da konnte ich die Guides insofern beruhigen, dass auch bei uns die Freiheitsrechte aktuell kräftig beschnitten werden würden. Und dies auch uns beunruhigen sollte.

Besonders Valeri habe ich auf dieser Reise sehr viel zu verdanken. Im nächsten Artikel werde ich darüber berichten.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 15. Juni 2019

Von Moskau nach Peking mit der Bahn #2 Der Zug.

Ein Reisebericht der anderen Art (2).

Ich habe ja schon berichtet, dass es unsere erste Bildungsreise war. Und auch die erste Reise mit einem „Schlafwagenzug“ über eine längere Entfernung. Immerhin sollten es ja fast 8.000 km werden.

Das Unternehmen „Lernidee“ hat dazu eine ganze Reihe von Angeboten. Sowohl Teilzüge, die ähnlich Kurswagen mit Regelzügen befördert werden und komplette Sonderzüge. Solche Angebote gibt es nicht nur für Europa und Asien sondern auch Afrika und Amerika.

Wir waren mit einem Sonderzug mit dem Namen „Zarengold“ unterwegs, der auf der ganzen Strecke bis an die chinesische Grenze dieselbe Zugnummer hatte. Dort mussten wir in einen chinesischen Sonderzug umsteigen, der unserem entgegen kam und Gäste aus Peking für die Rückreise nach Moskau brachte.

„Zarengold“ ist nur ein Label, der Zug wird für jede Reise eigens konfiguriert. Unser Zug hatte mit 20 Wagons die maximal mögliche Länge. Dabei waren ein Organisationswagen, ein Gepäckwagen und vier Speisewagen. Die restlichen Wagen waren Schlafwagen mit unterschiedlichen Abteilen (vier oder zwei Betten) und Klassen.

Je nach Belegung der Betten kann der Zug in dieser Konfiguration bis um die 200 Leute mitnehmen. Also soviel wie ein kleines Kreuzfahrtschiff. Bei uns waren es ein paar weniger, so dass in den Speisewagen im „Einschichtbetrieb“ gegessen werden konnte. Das war sehr angenehm, weil man so in Ruhe speisen und am Ende der Mahlzeit genug Zeit für ein Pläuschchen mit Mitreisenden da war.

Wir schliefen in einem  Zweibett-Abteil im Wagen mit der Nummer 10, der sich ziemlich in der Mitte des Zuges befand. Das war in der mittleren Klasse. Wir konnten das aber nicht beeinflussen. Diese Reisen scheinen sehr begehrt, wenn man nicht sehr frühzeitig bucht, dann muss man nehmen, was es noch gibt.

Unser robuster Schlafwagen wurde noch in der DDR hergestellt und in vielen Details renoviert. Der Wagen hatte zwei „europäische“ (und geschlossene) WC’s mit Wasserspülung, ein geräumiges Duschabteil, zwei kleine Schaffnerabteile und dann noch 10 Schlafkabinen, all derselben Kategorie mit jeweils zwei Einzelbetten. Es gab genug Platz für das Verstauen des Gepäcks, war aber trotzdem ein wenig eng. Duschen war nur während der Fahrt des Zuges möglich, dazu musste man sich in eine Liste eintragen und so das Duschabteil reservieren.

Die Kabinen waren üppig mit Samt dekoriert. Jeder Schlafwagen hat zwei Schaffnerinnen, die sich um das Wohl der Passagiere kümmerten. Zusätzlich wurde der Zug von ungefähr 35 Menschen betrieben, allein jeder der vier Speisewagen hatte drei Bedienungen und ein wohl genauso großes Küchenteam.

Die Speisekarte im Zarengold-Express vom 2. Juni 2019.

Das Essen mittags und abends war gut, besonders wenn man bedenkt, wie klein die Küchen in den Speisewagen sind. Es gab immer einen sehr frischen Salat, der schon am Platz stand, wenn man kam.  Dann folgten in der Regel zwei Gänge, oft bestehend aus einer Suppe und einem Hauptgang mit Fleisch oder Fisch. Beides immer frisch gekocht. Abgeschlossen wurde das Essen mit einem Nachtisch. Das Essen war nie „convenient“, damit meine ich vorgefertigt aus dem Plastikbeutel und nur aufgewärmt. Auch übers Frühstück konnte man sich nicht beklagen. Nur der Kaffee schmeckte mir überhaupt nicht, so dass ich komplett auf Tee umstieg. Die Preise für Getränke waren im übrigen kommod.

Zu Beginn der Reise wurden die Reisende in Gruppen eingeteilt. Die Gruppen wurden nach Farben benannt, wir hatten die Farbe BLAU. Im uns zugeordneten Speisewagen gab es einen für BLAU reservierten Bereich, BLAU sollte auch unsere Leitfarbe für alle Aktivitäten werden.

Dazu aber später mehr. Vom Zug kann man noch berichten, dass er mit zwei Ausnahmen abgesehen jede Nacht durchfuhr. Das war ziemlich laut und unruhig.  So haben wir nicht so richtig gut geschlafen, was zu einer gewissen Müdigkeit führte, die durch dreifaches Vorstellen der Uhr – zweimal um zwei und einmal um eine Stunde – noch mehr gefördert wurde.

Und immer wenn der Zug am Morgen ein Ziel erreicht hatte, dann ging es raus und rein in das Programm. So richtig Zeit zum Ausruhen gab es eigentlich nie. Und wenn der Zug mal doch tagsüber auf der Strecke war, gab es interessante Vorträge über das „Zugradio“.

Auch hierzu berichte ich dann mehr in den folgenden Artikeln.

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 14. Juni 2019

Von Moskau nach Peking mit der Bahn #1 Einleitung.

Ein Reisebericht der anderen Art (1).

Wir haben es geschafft. Gestern sind wir in Peking angekommen! Nach fast 8.000 Kilometern im Zug!

Um es gleich zu sagen – ich bin sehr froh, dass wir diese Reise gemacht haben. Sie war anstrengend schön oder schön anstrengend, ganz wie Ihr wollt. Wir hatten ein großartiges Erlebnis mit vielen tollen Eindrücken und Anregungen.

Ich werde hier davon berichten. Aber nicht in Form eines traditionellen Reiseberichts mit einer chronologischen Aufzählung und Beschreibung von Fahrten und Orten. Hans-Peter Kühn hat schon 2009 hier in IF-Blog von der gleichen Reise – nur noch weiter über Peking nach Tibet mit Rückflug von Shanghai – berichtet. Seine Artikel-Serie ist immer noch aktuell, soviel hat sich in den letzten zehn Jahren nicht geändert.

In meinen nächsten Artikeln zu unseren Reisen werde ich meine persönlichen Erfahrungen und Gedanken wieder geben. Es wird nicht um Wissen und Fakten gehen, die findet man besser in Wikipedia oder anderen Seiten im Internet. Sondern um von mir Erlebtes und Gefühltes.

Der Zarengold-Express beim Stop am Baikal-See.

Zur Reise selber:
Schon lange hatten wir die Absicht, Sibirien mal mit der Eisenbahn zu durchqueren. Einer unserer Söhne Maximilian lebt seit mehreren Jahren in Asien, die letzten Jahre in Peking. Wir besuchen ihn und seine Familie immer wieder gerne. Da er bald nach Europa zurückzukommen zurück kommen wird, haben wir die Gelegenheit genutzt, ihn noch mal mit der Eisenbahn zu besuchen.

Ich war selber noch nie im „neuen Russland“ und wollte das Land und seine Menschen erleben. Deshalb haben wir eine „Bildungsreise“ bei „Lernidee“ gebucht und sind am Sonntag, den 2. Juni am Abend in Moskau in den Sonderzug nach Peking eingestiegen. Gestern (Donnerstag, den 13. Juni) um 14:30 war Ankunft in Peking.

Von den 11 Nächten auf dieser Reise haben wir acht Nächte im „russischen“ Sonderzug verbracht, eine Nacht in Irkurts in einem Hotel, eine Nacht in der „sibirischen Schweiz“ in der Nähe von Ulaan Baatar in einer Jurte und eine Nacht im chinesischen Sonderzug, der uns an der mongolisch-chinesischen Grenze „aufgepickt“ und nach Peking gebracht hat.

Für uns als am liebsten individuell Reisende war das etwas Neues: Jeder Tag war voll gepackt mit Ausflügen, die zusammen so eine Art von Bildungsprogramm dar stellten. Wir wurden in Gruppen eingeteilt und waren andauernd beschäftigt.

Die Mühe hat sich gelohnt, Land und Menschen wurden uns sehr nahe gebracht. Das lag besonders am Valeri, unserem ausgezeichneten „Guide“, der uns fast die ganze Reise begleitete. Mit jedem Tag erfuhren wir mehr und mehr, was für ein großartiger Mensch, kluger Philosoph wie auch glänzender Organisator er ist.

Mein Kopf und mein Herz sind voller Erinnerungen. Ein paar der wichtigsten Eindrücke werde ich jetzt in IF-Blog in loser Reihenfolge veröffentlichen – wie alle meine Artikel vor allem als persönliche Notizen für mich.

Hier habe ich den Zug bei unserem Stop am Baikal-See von hinten aus einem Tunnel fotografiert.

Die Fahrt ist jetzt vorbei, mein Kopf wie mein Herz sind voll. Der Gedanken-Topf quillt schier über. Jetzt sammel und verarbeite ich erst Mal die vielen Eindrücke.

Zwei Nächte bleiben wir noch in Peking. Dann gibt es ein paar Tage Urlaub, am 22. Juni bin ich wieder im deutschen Alltag

Sobald ich die nächsten Tage Zeit und Muße finde, werde ich ein paar Gedanken und Erfahrungen aus den letzten zwei Wochen hier ablegen.

Mit besten Grüßen aus Peking!

RMD

Ich bin gerne auf See und am Meer, weil die Seeluft meinem Hals gut tut. Seit mir als Kind die Mandeln entfernt wurden, leide ich unter mehr oder weniger chronischen Halsschmerzen. Doch nach ein paar Tagen Seeluft sind diese weg.

Das Glück des Meeres (Foto © Luc Bosma, Bonaire)

Wenn Barbara und ich mit dem Schiff fahren, dann versuchen wir eine Kabine mit Balkon zu bekommen. Und durchträumen die Nächte auf See bei offener Balkontür, atmen die frische Luft des Meeres ein und genießen das Rauschen des Wassers. So auch auf der letzten Karibik-Tour.

Das Schiff fährt nachts von einer Insel zur nächsten. Da die Inseln oft nicht weit auseinander liegen, pflügt das Schiff meistens extrem langsam durchs Meer. Trotzdem legt das Schiff am Morgen noch vor dem Sonnenaufgang im Zielhafen an, denn in der Karibik sind im Dezember die Nächte lang.

Jeden Tag in der früh kommt dann Schock. Die Luft beginnt zu stinken, es wird laut und künstliches Licht dringt in die Kabine. Es ist der unerfreuliche Dreiklang der Zivilisation, mit dem diese uns empfängt.

Zuhause in Neubiberg stinkt und lärmt es Tag und Nacht. So richtig dunkel ist es nirgends mehr. Immer leuchtet eine blöde Strassenlampe oder Leuchtreklame ins Haus. Und am Himmel sieht man die Sterne kaum mehr.

Obwohl ich eher privilegiert wohne, gilt das auch für mein Zuhause. Mit offenen Fenstern schlafen ist mir schon allein aufgrund des brummenden Lärms der peripheren Großstadt rund um die Uhr nicht möglich.

Die Einnahme von Schlaftabletten lehne ich ab, besonders wenn sie zum Bestandteil des normalen Lebens wird. So sind geschlossene Schallschutzfenster und Verdunkelung angesagt. Ich habe mich daran gewöhnt, finde das trotzdem aber gar nicht gut.

Wenn ich das Haus mit dem Fahrrad oder zu Fuß in Richtung Ottobrunn verlasse, bin ich schnell auf Straßen wie der Putzbrunner oder Rosenheimer Landstrasse. Dort fällt mir das Atmen schwer und das Überqueren wird zum Abenteuer. Und auch an den bayerischen Straßenrändern liegt der Müll – so wie wohl überall auf der Welt.

Beim Zurückkommen in die Heimat stellen sich mir dann schnell wieder Sinnfragen:
Brauchen wir den „Motorisierten Individual Verkehr“ (MIV) wirklich? Macht uns der ganze Konsum-Schnickschnack wahrhaftig glücklich? Wünschen wir uns nicht ein weniger von Effizienz und Profit bestimmtes Leben? Wie können wir uns von der permanenten Manipulation befreien? Wäre es nicht besser, einfach zu leben und das Leben nicht zu einer hektischen Jagd nach materiellen Gütern verkommen zu lassen?

Um eventueller Kritik gleich entgegen zu kommen:
Wer wie ich in die Karibik fliegt und dort mit dem Schiff im Kreis fährt, nur um neun Inseln zu besuchen und die Wärme und das Meer zu genießen, der hat natürlich kein Recht sich über den MIV-Fahrer zu beschweren, der am Morgen im vorgeheizten SUV die zwei Kilometer zum Bäcker fährt. Das ist mir sehr wohl bewusst.

So denke ich mir:
Mobilität ist wahrscheinlich ein zentrales Bedürfnis des Wesens Mensch. Da fällt mir der individuelle Verzicht schwer. Aber durch kollektive Massnahmen – wie z.B. die Besteuerung von Kerosin und gerechte Belastung der Verursacher mit den Externalitätskosten – könnte man zumindest das Volumen von Mobilität und deren schreckliche Auswirkungen auf unseren Planeten reduzieren.

Das Argument, dass solche Maßnahmen wieder besonders die Armen treffen würden, zählt meiner Meinung nach nur beschränkt. Schon die Griechen haben erkannt, dass die Forderung nach einer „arithmetischen Gerechtigkeit“ utopisch und wahrscheinlich dumm ist.

Ich vermute mal, dass es diese noch nie gegeben hat und auch nie geben wird. Weil das Leben halt mal so ist wie es ist. Und wäre persönlich durchaus mit einer geometrischen Gerechtigkeit (gemäß der Nikomachischen Ethik von Aristoteles) schon mal ganz zufrieden.

Gerechtigkeit durch Kanonen? (Foto © Luc Bosma, Bonaire)

RMD