Klaus Rabba
Mittwoch, der 2. Juli 2014

Eindrücke aus Brasilien

1. Teil: Pirabeiraba in Santa Catarina do Sul – Brasilien

Brasilien nimmt einen Großteil des südamerikanischen Kontinents ein und ist vierundzwanzigmal so groß wie Deutschland oder zweimal so groß wie die EU. Brasilien hat zwar nur vierzig Prozent der Bevölkerung der EU, aber zweieinhalbmal so viel wie Deutschland.

Brasilien ist ein Stiefkind des europäischen und somit auch des deutschen Journalismus. Es wäre übertrieben von Desinformation zu sprechen, aber ist mangelnde Information, die ihre beschränkten Themenkreise gebetsmühlenartig wiederholt nicht auch eine Form der Desinformation? Wird nicht zu häufig nur von Problemen gesprochen wie Regenwaldrodungen, Slums oder Favelas und Gewalt? Positiv kommen eigentlich nur der Karneval und Fußball in Europa an. Ist dieses Land nur auf diese Fakten zu beschränken? Sicher nicht!

So riesig wie das Land, so gewaltig ist die Vielfalt in Gesellschaft und Wirtschaft. Betrachten wir zum Beginn die Südstaaten des Landes: Paraná, Santa Catarina do Sul und Rio Grande do Sul. Diese drei Staaten sind industrialisiert und haben eine gute Infrastruktur. Zwar lassen die Straßen vor allem in Santa Catarina zuweilen zu wünschen übrig, so sind doch die Zentren durch Schnellstraßen und Autobahnen, auf denen Maut erhoben wird, gut verbunden. In Santa Catarina trifft man kaum auf Favelas wie in den großen Zentren und Ballungsräumen von Sao Paulo und Rio de Janeiro. Bescheidener Wohlstand macht sich im Süden in und um die Städte breit.

Brasilien entschied sich in den siebziger Jahren für den Transport auf Straßen und vernachlässigte den Güterverkehr per Eisenbahn. Die Folge ist ein starker Lkw Verkehr hauptsächlich von Sattelschleppern mit zwei Auflegern und sechsundzwanzig bis zweiunddreißig Metern Länge. Das ist sehr eindrucksvoll und läuft reibungslos auf Straßen und Autobahnen, die eher enger als in Deutschland sind.

Santa Catarina ist stark von deutscher Einwanderung im neuzehnten Jahrhundert geprägt, als die ersten Kolonisten ihre Parzellen erwarben. Die brasilianische Regierung warb damals in Deutschland, im Elsass und der Schweiz um Einwanderer zum Investieren in Brasilien. Großgrundbesitz war nicht erwünscht. Das Land war recht dünn besiedelt und so behielt man seine Muttersprache bei. Deutsch wurde überwiegend gesprochen, bis im zweiten Weltkrieg Brasilien ins Lager der Alliierten trat und Deutschsprechen verboten wurde.

Das war ein sprachlicher Wendepunkt. Es entstand eine Lücke bei der Sprachweitergabe, die sich seitdem ständig erweiterte. Heute sprechen nur noch ‚ältere Leute’ ein eigentümliches Deutsch, wie es vielleicht vor 100 Jahren in deutschen Landen gesprochen wurde – schade, denn Sprachvielfalt heißt auch immer Kulturvielfalt. An das Verbot hielten sich die Menschen damals, denn man war ja schließlich Brasilianer. So beschränkte sich das Deutsche fort an auf den Hausgebrauch und wird eines nicht so fernen Tages verschwinden.

Überlebt haben Bezeichnungen wie das ‚Brothaus’ oder ‚Papierhaus’ und vor allem die Biermarken. Eisenbahnbier, Schornsteinbier, Opa Bier und Klaus Bier sind nur einige Beispiele.

Immerhin geben noch ca. eineinhalb Millionen Brasilianer als Muttersprache Deutsch an. Die Zentren verteilen sich vom Süden um Porto Allerge und Joinville und Blumenau über Paraná um Curitiba bis nach Rio de Janeiro und Salvador.

Die äußerliche deutsche Prägung zeigt sich in Fachwerkhäusern, sauberen Gehöften, sogenannten Kolonialhäusern, typische Bauten der Jahrhundertwende, wie sie auch noch heute in Deutschland anzutreffen sind.

Legendär und in ganz Brasilien bekannt ist Blumenau, das eine Nachbildung des Rathauses von Michelstadt ziert.

Hier findet das größte Oktoberfest außerhalb Bayerns statt und traditionell fiebert man bei der Fußballweltmeisterschaft auch mit der deutschen Nationalelf, was auch im Brasilianischen Fernsehen lächelnd dokumentiert wird.

Eine wichtige Tradition Deutschlands und der Schweiz blieb erhalten und zwar die des Handwerks und der sich daraus entwickelten klein mittleren Industrie. Diesem Umstand verdankt Santa Catarina eine geringe Arbeitslosenzahl im Vergleich zum Rest des Landes.

In dieser Umgebung gibt es genügend qualifizierte Leute, auf die im verstärkten Maße auch die Großindustrie zurückgreift.

Whirlpool betreibt in Joinville sein größtes Werk für Geschirrspüler und BMW hat sich entschieden, bei Joinville auf achtunddreißig Hektar ab September zweitausendvierzehn fünf Autotypen vom Band rollen zu lassen.

Die Wirtschaft in Santa Catarina läuft also bestens und der Tourismus ebenfalls. Brasilien verfügt über eine schöne Küste, die vor allem in Norden Bilder von atemberaubender Schönheit liefert. Santa Catarina hat ebenfalls Strände zu bieten. Die Landeshauptstadt Florianópolis ist ein Zentrum für Surfer und zieht Touristen aus Argentinien, Uruguay, Chile und Paraguay an. Viele kommen mit dem Auto über die weiten Strecken angereist, um das Strandleben zu genießen.

Mondän ist es nicht, eher mit dem europäischen Badeurlaubsplätzen der siebziger Jahre vergleichbar. Wer es schicker möchte, kauft oder mietet ein Apartment in einem Hochhaus am Strand von Camburiũ. An der gesamten Küste Santa Catarinas und Paranás zieht sich der Atlantische Regenwald entlang. Der viele Regen beschert dem Land ein tropisches Klima mit Bananenplantagen, Reisfeldern, Papaya und Zuckerrohr.

In Punkto Sicherheit in Santa Catarina wäre es müßig Statistiken zu zitieren. Besser trifft die Aussage, dass es generell nicht unsicherer ist, als in europäischen Großstädten, also nicht gefährlicher als Paris, Amsterdam oder Hamburg, aber nicht so sicher wie Monaco. Keinesfalls herrschen Zustände wie im Staate Sao Paulo, Rio de Janeiro oder weitere nördlichere Metropolen. Leider entschieden sich die Brasilianer in einem Volksentscheid für den privaten Waffenbesitz, was ja bekanntlich zu Gewalt führt, wie hinlänglich in den USA bewiesen.

Um den Bericht nicht in einem Idyll zu beenden, sollen die Grundübel Brasiliens nicht unerwähnt bleiben: Korruption und Drogen, die auch hier die Gesellschaft strapazieren. Korruption ist konterproduktiv, weil durch sie falsche Entscheidungen getroffen werden, was sich in Zersiedlung, privaten Küstenstreifen und Fehlplanung bei der Bebauung oder Vernachlässigung ausdrückt. Eigentlich ist das kein rein brasilianisches Problem. Drogen zersetzen die Gesellschaft wie allerorten.

Die katholische Kirche hat hier keine wirksamen Alternativen oder ausreichend Sozialkitt zu bieten. Deshalb treten auch im Süden Brasiliens die evangikalen Kirchen immer weiter in den Vordergrund. Kein Dorf oder Flecken ohne eine ‚Assemble Deus’. Eine ständige Missionierung überzieht von den USA ausgehend Brasilien.

Es gibt Meinungen, die von einer Separation des Südens schwadronieren, um nicht den erfolglosen Norden des Landes endlos weite finanzieren zu müssen. Einige Einwohner von Rio Grande do Sul fühlen sich den Gaũchos Uruguays und Argentiniens mehr verbunden als dem Rest Brasiliens. Die Separation des Cisplantine ist noch nicht ganz vergessen, die zur Gründung Uruguays führte.

Das erinnert stark an die Gemütslage in Deutschland, wo die zur Zeit wirtschaftlich erfolgreichen ‚Südstaaten‘ den Länderfinanzausgleich auch nicht weiter hinnehmen möchten und die faulen Nordlichter lieber in einem anderen Staatsgefüge sähen.

Frankreich hat emotionale Beziehungen zu Quebec,den frankophonen Teil Kanadas. Die Medien in beiden Ländern nehmen gegenseitigen Anteil am jeweiligen Geschehen. In Deutschland ist die brasilianische deutsche Abstammungsgemeinde jedoch wenig bekannt – schade, für beide Seiten.

Als Abschluss sei über eine Liebenswürdigkeit Brasiliens zu berichten, was den Respekt gegenüber älteren Menschen betrifft. Als älterer Mensch gilt man dort ab sechzig (!). Das liegt daran, dass der Bevölkerungsdurchschnitt ein Alter von unter dreißig Jahren aufzeigt. Neben Parkplätzen für Behinderte gibt es Stellplätze für Senioren. In Banken und Supermärkten, sowie wie in Behörden haben Senioren zusammen mit Schwangeren und Müttern mit Kleinkindern immer Vortritt. An der Passkontrolle auf dem Flughafen von Sao Paulo wurde ich als Grauhaariger freundlich aus der Menge ankommender Passagiere heraus gewinkt und durchlief die Passkontrolle im Eilverfahren.

Danke schön, sympathisches Brasilien!

kr

P.S. Ein paar Bilder werden noch nachgereicht.

Anmerkung: Ich begrüße Klaus Rabba als neuen Autor bei IF-BLog“